Gottlieb Conrad Pfeffel
Prosaische Versuche / 9. Theil
Gottlieb Conrad Pfeffel

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Die Harfnerin.

Eine Anekdote der Vorzeit.

Hast recht, mein Kind, sagt der Ritter Wolfram zu seiner Tochter, indem er den Brief seines Sohnes zurüknahm, den Helene ihm vorgelesen hatte; dahinter stekt was; sonst ließ er uns immer durch deine Brüder grüßen, oder legte ein Briefchen für dich bei; nun gedenkt Reinold seiner mit keinem Worte. Helene seufzte, und wischte sich eine Thräne aus dem schwarzen blitzenden Auge. – Vielleicht ist er krank und Reinold will es uns verhehlen. – Möglich, mein Kind, indessen . . . . Was wolltet ihr sagen, guter Vater? – Nichts, Helene. – O, redet, diese Zurükhaltung martert mich. – Nun, ich wollte sagen: indessen hätte er uns doch können grüßen lassen, oder dein Bruder hätte den Gruß auf seinen eigenen Kopf beisetzen können; vielleicht sind sie mit einander zerfallen. – Da sey Gott vor! sagte Helene; wenn das wäre, so müßte Albert oder mein Bruder schuldig seyn. Nur ein Vergehen gegen Tugend und Ehre konnte ein Band trennen, das Tugend und Ehre geknüpft haben. – Du mußt nicht gleich das Schlimmste fürchten, liebes Kind; eine Kleinigkeit, ein bloßer Schein kann oft ein 119 Paar junge Feuerköpfe entzweien; man schmollt einige Wochen mit einander, dann schämt man sich, und giebt sich die Hand. So gieng es mir vor dreissig Jahren mit Alberts Vater; wir waren Waffenbrüder, wie es keine mehr giebt; ein Zug im Schachspiel brachte uns in Harnisch, und wir hätten uns die Hälse gebrochen, wenn nicht deine selige Mutter (es war kurz nach unserer Heirath) sich ins Mittel geschlagen, und uns sonnenklar bewiesen hätte, daß wir ein Paar dumme Jungen seyen. – Ich muß die Wahrheit wissen, erwiederte Helene; ich will an meinen Bruder schreiben und ihn beschwören, mir nichts zu verhehlen. Der Mönch, der euch den Brief brachte, kehrt nach Rom zurük; in acht Tagen, sagte er, wolle er wieder hier einsprechen.

Helenens Brief war schon am folgenden Tage fertig, sie zählte jede Stunde bis der geistliche Bote, der einen Auftrag vom heiligen Vater an den Bischof von Strasburg zu bestellen hatte, auf die Burg LandskronIm Sundgau. zurükkam. Sie ließ sich mit ihm in ein Gespräch ein: ihr kennet also meinen Bruder, ehrwürdiger Vater? – Sehr wohl, edles Fräulein; ich machte seine Bekanntschaft bei meinem Landsmanne, dem Ritter Albert von Lützelburg, mit dem er in Einer Herberge wohnte. – Bei dem Ritter Albert? unterbrach ihn Helene mit flammender 120 Stirne; ist Ritter Albert auch noch in Rom? – Als ich verreiste, war er in Neapel. – Und mein Bruder hat ihn nicht begleitet? – Ritter Albert machte die Reise mit der Gräfin von Popoli. – Wer ist diese Gräfin? fragte Helene mit erlöschender Stimme. – Eine sehr schöne und reiche junge Wittwe . . . . Was fehlt euch edles Fräulein? ihr werdet auf einmal so blaß. – Vergebt mir, guter Vater, ich muß euch verlassen, es war mir den ganzen Morgen nicht recht; lebt wohl, grüßt mir meinen Bruder.

Helene wankte in ihr Klosset; ein heisser Schauer zukte durch alle ihre Glieder! Albert! Albert! rief sie schluchzend; wäre es möglich, heiliger Gott! laß meine Ahnung mich trügen. Stumm und unbeweglich lag sie auf ihrem Ruhebette, und verbarg ihr Gesicht in ihr Tuch, das sie mit glühenden Thränen durchnezte. Erst als ihre Zofe sie zur Mahlzeit rief, erschien sie vor ihrem Vater. Der gute Alte erschrak, als er sie erblikte; sie war einer Leiche ähnlich. Unter dem Vorwande einer Unpäßlichkeit verbarg sie ihm die Ursache ihres Kummers; sie fürchtete seinen strafenden Tadel, denn sie sah voraus, daß ihr Vater ihre Entdeckung nicht für so wichtig halten würde, als sie ihr vorkam. Wolfram war ein biederer Degen, er hatte zur Ehre der Damen manchen Speer gebrochen, und sein trefliches Weib mit aller Treue geliebt, allein er war blos auf der Heerstraße der Liebe gewandelt, er kannte jene 121 zärtern Gefühle nicht, die im Busen seiner Tochter die Leidenschaft veredelten und zur Tugend erhoben. Albert, an der Seite einer schönen, jungen Wittwe, schien ihr schon halb verloren, aber keine Eifersucht gegen ihre Nebenbuhlerin, sondern blos die heilige Trauer der Unschuld über die Untreue des Geliebten nagte an ihrem Herzen.

Sechs Wochen brütete sie in stillem Harme dahin: die Laube, in der Albert ihr vor zwei Jahren an ihrem sechszehnten Geburtstage eine ewige Treue gelobte, war ihr liebster Aufenthalt; hier las sie seine Briefe und benezte sie mit Thränen und träumte sich in jene Rosentage zurük, da sie die Welt an seiner Seite vergaß, und mit ihm durch das Paradies der Zukunft lustwandelte. Endlich lief eine Antwort von ihrem Bruder ein. Gern hätte er sie an den Vater gerichtet, allein dieser war, wie viele seiner ritterlichen Zeitgenossen, des Lesens unkundig, und aus guten Gründen hatte der Burgpfaffe nur ungern seine Kinder in dieser Kunst unterrichtet. Albert, so schrieb ihr der biedre Bruder, ist deiner Liebe nicht mehr werth, eine verschmitzte Zauberin hat ihn in ihr Netz gelokt; und als ich ihn wiederholt vor der Verführerin warnte, hat er unsere gemeinsame Herberge und endlich gar Rom mit ihr verlassen. Seitdem habe ich nichts von ihm gehört, und will nichts von einem Treulosen wissen, der meine tugendhafte Schwester einer welschen Sirene aufopfern konnte.

122 So sehr auch Helene das Schlimmste gefürchtet hatte, so schlug diese Nachricht sie dennoch zu Boden und der wohlgemeinte, aber freilich etwas barsche, Trost ihres Vaters glitt an ihrem Herzen ab, an dem der Kummer um so heftiger nagte, da sie ihn vor dem strafenden Auge des Alten zu verbergen suchte. Endlich erlag sie unter der drückenden Bürde; ein brennendes Fieber warf sie auf das Krankenbett, und der Arzt war noch unschlüssig, was er ihm für einen lateinischen Namen geben sollte, als die damals noch seltenen Blattern sich zeigten. Nun brachte der Aeskulap auf einmal ein halbes Duzend Arzneigläser herbei, um den fremden Feind zu bekriegen; allein Helene weigerte sich hartnäckig, seine Mixturen und Tisanen einzunehmen; sie wollte sterben, und blieb wahrscheinlich eben deswegen am Leben. Die Mutter Natur vertrat bei ihr die Stelle des Arztes, und nach einem langen, zweideutigen Kampfe behielt sie den Sieg.

Helene genas, und ihre reizende Physionomie wurde zwar merklich umgewandelt, aber nicht entstellt; es war gleichsam die zweites Kopie eines schönen Ideals, von der Hand eines andern Künstlers verfertigt. Helene wollte sich zwar nicht mehr erkennen, allein der vermeintliche Verlust ihrer Schönheit machte ihr wenig Kummer, seitdem Albert für sie verloren war. Nur ihm wollte sie gefallen, und nun glaubte sie für ein Kloster noch immer schön 123 genug zu seyn, denn von der ersten Stunde ihrer Genesung an hatte sie den Entschluß gefaßt, der Welt zu entsagen; doch war sie eine zu gute Tochter, um an die Ausführung desselben bei Lebzeiten ihres Vaters zu denken; allein sie ward nur allzubald ihrer Kindespflicht überhoben. Ihr Vater starb schon im folgenden Winter, wenig Wochen nach der Zurükkunft seines Sohnes, der nun in seinem vier und zwanzigsten Jahr der Erbe einer ansehnlichen Herrschaft wurde.

Reinold war ein treflicher Jüngling von ernstem, festem Sinne, der, weil er sich selbst keinen Fehler vergab, auch seinen Waffenbruder Albert mit unerbittlicher Strenge beurtheilte. Um sich nicht gezwungen zu sehen, die Schmach seiner Schwester an ihm zu rächen, hatte er die Stadt Neapel vermieden, und Italien verlassen, ohne sich weiter nach ihm zu erkundigen. Helene war mit dieser Gleichgültigkeit nicht zufrieden; sie hatte den liebenswürdigen Verräther noch nicht vergessen; allein dieses Andenken glich dem Andenken an einen lieben Verstorbenen, und konnte sie in ihrem gefaßten Entschlusse nicht irre machen. Sie entdekte ihn ihrem Bruder, er bestritt ihn aus allen Kräften, und endlich vermochte er doch so viel über sie, daß sie, statt eines gewöhnlichen Nonnenklosters, das adliche Stift AndeloNachher Andlau im Elsaß. wählte, dessen Aebtissin, Bertrade, 124 eine Schwester ihres Vaters war. Die Conventualinnen dieses Stifts waren schon damals, wie in den folgenden Jahrhunderten, durch kein ewiges Gelübde gefesselt, und eben darum hatte Reinold seiner Schwester diesen Aufenthalt vorgeschlagen. Er hoffte noch immer, daß sie endlich ihren unwürdigen Liebhaber vergessen und ihr Herz einer zweiten Liebe öffnen würde. Helene errieth seine Absicht, und hielt es für unnöthig, sie zu bestreiten, da es in ihrer Macht stund, sie zu vereiteln.

Reinold ritt selbst nach Andelo; er machte Bertraden mit dem Entschlusse seiner Schwester und mit ihrem kranken Herzen bekannt, und bedurfte nur eines Wortes, um sie zu bewegen, die holde Traurende unter die Zahl ihrer geistlichen Töchter aufzunehmen. Helene betrat ihre neue Freistätte mit eben den Gefühlen, womit sie nach einem ausgestandenen Seesturme das feste Land würde betreten haben, und es währte nicht lange, so war sie das Busenkind der Aebtissin, und, was in einem Kloster weit mehr sagen will, von allen ihren Gespielinnen geliebt. Vornemlich hieng die Schwester Cäcilia, die einige Jahre älter als sie, und eine treffliche Harfenspielerin war, mit ganzer Seele an ihr. Helenens stille Schwermuth hatte sie gerührt; ihr Herz, das eine ähnliche kaum vernarbte Wunde an sich trug, errieth ihr Geheimniß und flog ihr entgegen. Durch tausend zarte Gefälligkeiten 125 gewann sie ihre Gegenliebe und durch ihren edlen Charakter gar bald ihr unbegränztes Vertrauen. Ihr bezauberndes Spiel erheiterte ihre melancholischen Stunden, und als sie sich ihr zur Lehrmeisterin anbot, nahm sie den Antrag mit Freuden an. Einer Seele, deren Empfindungen lauter Harmonie sind, muß die Musik als eine willkommne Blutsverwandte erscheinen. So erschien sie Helenen, und in weniger als einem Jahre machte sie, von ihrer Lehrerin geleitet, so glänzende Fortschritte, daß man das Spiel der beiden Freundinnen kaum mehr unterscheiden konnte.

Helene hatte eine angenehme Stimme, sie übte sich, ihr Instrument mit ihrem Gesange zu begleiten, und oft entzükte sie selbst Cäcilien, wenn sie durch ihre melodischen Accente die Beredsamkeit ihrer Saiten verdoppelte. So kürzte sie sich die Nebenstunden, welche die Uebungen der Andacht ihr übrig liessen. Die Blüthe des Lenzes kehrte auf ihre Wangen und die heitere Ruhe auf ihre Stirne zurük; es war aber die Ruhe der Getrösteten, der man die Spuren überstandener Leiden noch ansieht. Albert war nicht vergessen; ein Herz, wie das ihrige, kann den nicht vergessen, den es einmal, und zum erstenmal, liebte; allein es blutete nicht mehr, wenn sein Bild ihm vorschwebte, aber lauter klopfte es noch immer, und oft entquoll ihm ein Seufzer, dessen Deutung sie zu erforschen sich fürchtete.

126 Um diese Zeit erhielt die Aebtissin einen Boten von ihrem Neffen Reinold, der ihr ein Schreiben mit wunderbaren Nachrichten überbrachte. Albert, der selbst von seinem Vater als todt betrauert wurde, war ganz unvermuthet auf der Burg Landskron erschienen.

»Er fiel mir, so lautete der Brief, um den Hals, und benezte mich mit heissen, bittern Thränen der Freundschaft und Reue. Nach einer unseligen Verblendung, die aber doch nur einige Wochen dauerte, fiel die Decke von seinen Augen, und zerriß das Nez, worin die listige Italiänerin ihn verstrikt hatte, er flüchtete sich heimlich, um ihrer Rache zu entgehen, auf ein venetianisches Schiff, das nach einem blutigen Gefechte von einem afrikanischen Seeräuber weggenommen wurde. Albert war schwer verwundet, der Tod oder eine schmähliche Dienstbarkeit erwartete ihn, und er hatte bereits versucht seine Marter durch einen freiwilligen Hunger abzukürzen, als ein Rhodiser Schiff dem Afrikaner seine Beute abjagte. Albert wurde mit seinen Unglüksgefährten nach Rhodus gebracht, und in dem Lazareth des Ordens verpfleget. Seine Heilung war langsam, und erst nach sieben Monden konnte er wieder zu Schiffe gehen. Von den gastfreien Rittern mit allen Nothwendigkeiten versehen, erreichte er endlich Venedig nach einem heftigen Sturm, der seine Fahrt um das zwiefache verlängerte. Hier fand er einen deutschen 127 Kaufmann, mit dem er seinen Weg zu Pferde fortsezte, allein in der Gegend von Trient wurden sie von Banditen überfallen, und rein ausgeplündert. Der Kaufmann blieb in Trient zurük und Albert, unbekannt und von Allem entblößt, wanderte langsam durch Tyrol und Rhätien nach seinem Vaterlande. Er hätte auf mancher Burg einkehren und Unterstützung erwarten können, allein er that es nicht. Er betrachtete seine mühsame Wallfahrt als eine Buße für seine Verirrung und wahrlich! er hat schwer gebüßt. Nun will er, so schloß Reinold, meine Schwester, wo nicht um die Rükkehr ihrer Liebe, doch wenigstens um Vergebung anflehn; da ich aber ihre Gesinnungen nicht weiß, so überlasse ich es Euch, ehrwürdige Mutter, sie zu erforschen, und mir zu melden, was ich thun soll; ich habe ihm Helenens Aufenthalt sorgfältig verborgen, und er will bei mir die Entscheidung seines Schiksals abwarten.

Ohne Vorwissen seines Freundes schrieb Reinold zu gleicher Zeit an dessen Vater, den alten Ritter Oswald, den er von der Rükkunft seines Sohnes benachrichtigte. Diesen Brief empfahl er der Aebtissin, mit der dringenden Bitte, ihn durch einen getreuen Boten auf die Lützelburg zu senden. Bertrade ward über diese Botschaft hoch erfreut, sie hatte mehr als einmal in dem Herzen ihrer Nichte gelesen, und hielt es fürs Beste, ihr den Brief ihres Bruders ohne weitere Vorbereitung 128 mitzutheilen. Da lies, mein Kind, sagte sie zu ihr, und sage mir, was ich antworten soll. Helene las, und bei jeder Zeile wechselten glühende Röthe und Leichenblässe auf ihrem Gesichte. Ihre Augen füllten sich mit Thränen, indeß das holdeste Lächeln auf ihren Lippen schwebte. Bertrade beobachtete sie schweigend, und als sie ihr mit zitternder Hand den Brief zurük gab, sagte sie zu ihr: nun, deine Antwort. – Helene warf sich in ihre Arme: was rathet ihr mir, beste Mutter? – Frage dein Herz und deinen Verstand, mein liebes Kind, und wenn sie sich widersprechen, so suche sie vor allen Dingen mit einander zu vergleichen. Ich lasse dir bis morgen Bedenkzeit, der Bote wird ohnedem hier übernachten.

Helene küßte die Hand der Edlen und verschloß sich in ihre Zelle; sie durchwachte die ganze Nacht, sie weinte, sie betete, sie stritt mit sich selbst, nicht aus Unschlüssigkeit, sondern weil sie fürchtete, den Ausspruch ihres Herzens vor ihrer Vernunft nicht verantworten zu können. Endlich gerieth sie auf einen Einfall, den ihre schwärmerische Phantasie ihr eingab und den sie, als eine herrliche Entdeckung, festhielt. Gleich nach der Frühmette schlich sie zu Cäcilien, um ihr die erhaltene Botschaft und ihren Anschlag mitzutheilen, zu dessen Ausführung sie ohnedem ihrer Hülfe bedurfte. Cäcilie, mit den Leiden und Freuden der Liebe vertraut, drükte 129 sie an ihren schwesterlichen Busen; sie war weit entfernt, der Stimme ihres Herzens zu widersprechen, selbst ihren Plan billigte sie. Romantische Träumereien sind das Element der traurenden Liebe. Cäciliens Geliebter war im heiligen Lande gefallen: sie dachte sich an Helenens Stelle, wie wäre es ihr möglich gewesen, nicht wie Helene zu denken! Durch den Beifall der Freundin gestärkt, eilte nun die holde Schwärmerin zu Bertraden. – Es ist mir unmöglich, beste Mutter, einen Entschluß zu fassen, ehe ich mich von Alberts Gesinnungen selber überzeugt habe; allein, ich wünschte diese Ueberzeugung ohne sein Vorwissen zu erhalten. Mein Bruder hat euch einen Brief an seinen Vater zugeschikt; erlaubt mir, ihn in Eurem Namen, als eine fremde Harfnerin verkleidet, auf Lützelburg zu tragen, wo Albert bald eintreffen muß. Ein Wort der Empfehlung von Eurer Hand wird mir beim Ritter Oswald eine gute Aufnahme, und die Botschaft, die ich mitbringe, wird mir leicht einen Aufenthalt von einigen Tagen auf seiner Burg auswirken. – Bertrade lächelte und schüttelte den Kopf. – Ihr glaubt vielleicht, daß man mich erkennen werde? fuhr Helene fort: Seit acht Jahren, da Ritter Oswald mit seinen Kindern meine Eltern besuchte, hat weder er noch seine Tochter mich gesehen; Albert selbst wird mich nicht erkennen; die Blattern haben mein Gesicht verändert, und seit unserer 130 Trennung bin ich noch stark gewachsen. Ueber das weiß er nicht, daß ich die Harfe spiele, dieser Umstand, und meine Verkleidung würden allein hinreichen, mich ihm unkenntlich zu machen. –

Bertrade hätte gegen diesen Anschlag Manches einwenden können, allein sie wollte der liebenswürdigen Träumerin ihren Willen lassen, und nahm sich blos vor, ihren Bruder von dem ganzen Plane zu benachrichtigen, um ihn zu bewegen, Alberten nach Lützelburg zu begleiten und seine Reise so viel möglich zu beschleunigen. Sie fertigte den folgenden Morgen den Boten mit ihrer Antwort ab, und überließ es ihrem Neffen, seinen Freund zur Befolgung ihrer Maßregeln zu bewegen. Dieses war ihm leicht: Bruder, sagte er, meine Schwester verlangt Bedenkzeit; unterdessen will ich dich zu deinem Vater begleiten, der schon so lange um dich trauert; dann verspreche ich dir, dich selber zu Helenen zu führen, und wenn du eines Fürsprechers bedarfst, dein Fürsprecher zu seyn.

Albert nahm diesen Vorschlag mit Freuden an, und drang nun selber auf die Beschleunigung seiner Abreise. Indessen war Helene mit den Zubereitungen zu ihrer Wallfarth emsig beschäftigt; sie verschaffte sich ein graues Pilgerkleid, und einen Beginenschleier, der ihr Gesicht selbst der Aebtissinn unkenntlich machte; und Cäcilie, der bei ihrer Geburt die Muse der Minne gelächelt hatte, mußte 131 ihr zu ihrer Rolle ein Paar schikliche Lieder verfertigen. Drei Tage verstrichen ihr unter diesen Zurüstungen und am vierten Morgen machte sie sich auf den Weg. Bertrade gab ihr einen treuen Diener mit, der ihr die Harfe nachtragen, und sie bis in den Forst begleiten mußte, aus dessen Schoße die Burg empor stieg. Hier verließ er sie, und Helene, von der Liebe beflügelt, schwebte, leicht wie eine Gemse, die Höhe hinan. Das Burgthor ward ihr geöfnet; sie verlangte den Ritter Oswald zu sprechen, um ihm eine Botschaft von der Aebtissin von Andelo zu überreichen. Der gute Ritter lag an der reissenden Gicht darnieder, und sie wurde von seiner Tochter Ottilia vor sein Bette geführt. Sie übergab ihm das Schreiben ihrer Muhme, es lautete also:

»Meinen Gruß zuvor

»Edler Ritter!

»Ueberbringerin dieses ist eine ehrsame Jungfrau und gar kunstreiche Harfenspielerin; sie hat sich eine zeitlang in unserm Gotteshaus aufgehalten, und sich jedermanns Liebe erworben. Da sie nun weiter gen Strasburg ziehen will, so habe ich ihr die Inlage an Euch mitgegeben, die ihr gewiß einen günstigen Empfang verschaffen wird. Gehabt Euch wohl.

Bertrade, Aebtissin zu Andelo.«

Ottilia hatte diese Zeilen ihrem Vater vorgelesen; ungeduldig erbrach sie nun die Inlage, die 132 dem Ritter das Leben und die Rükkunft seines einzigen Sohnes ankündigte. Mit Freudengeschrei und mit Freudenthränen wurde Reinolds Brief gelesen. Oswald hob schluchzend seine Hände gen Himmel. Ottilia fiel Helenen um den Hals und nannte sie wohl zehenmal einen Engel des Trostes und der Freude. Oswald reichte ihr seine Rechte; seyd mir willkommen, liebe Jungfrau, Eure Botschaft gibt mir ein neues Leben; verharret bei mir, so lang es Euch gefällt; seit vielen Jahren ist kein Gast mir so willkommen gewesen. Ottilia erquikte sie mit Speise und Trank, und wies ihr eine Kammer neben der ihrigen an, dann eilte sie zu ihrem Vater zurük. Reinolds Brief wurde zum zweiten und dritten Mal gelesen, und sein Inhalt dem Burgvogt und dem ganzen Hausgesinde mit Frohlocken angekündigt. Alles theilte die Freude des Vaters und der Schwester, denn der Vater war ein Menschenfreund und die Schwester hieß überall nur das gute Fräulein; auch Alberts Andenken war den Burgbewohnern theuer, und Alles harrte dem Augenblicke seiner Rükkunft mit wallender Ungeduld entgegen.

 

Reinold hatte seinem Freunde nichts von seinem Briefe an dessen Vater gesagt. Da Albert sich vor allen Dingen mit Helenen aussöhnen und sodann Vater und Schwester überraschen wollte: so 133 lag ihm daran, ihnen seine Rükkunft zu verbergen. Reinold hingegen, der von Oswalds schwacher Gesundheit unterrichtet war, hielt es für Pflicht, das Geheimniß zu verrathen. Freilich hatte diese Gewissenhaftigkeit noch einen andern Grund; seitdem er seinen Freund wieder gefunden hatte, sproßte in seiner Seele ein Gedanke wieder auf, der ohne diese Aussöhnung wahrscheinlich in seinem ersten Keim erstikt wäre. Als er seinen Waffenbruder auf der väterlichen Burg abholte, um mit ihm seine Fahrt durch Deutschland und Italien anzutreten, sah er Ottilien und wurde von ihren aufblühenden Reizen bezaubert. Sie war damals erst in ihrem dreizehnten Jahre. Reinolds Gefühle konnten also bloße Wünsche für die Zukunft seyn; er verschloß sie in seinem Herzen, und als Albert seiner Schwester untreu ward, verbannte er diesen Wunsch, weil zwischen ihm und dem Treulosen keine Verbindung mehr statt haben konnte. Nun hatten die Umstände sich geändert, und Reinold ergriff begierig eine Gelegenheit, sich bei Ottilien und ihrem Vater ein Verdienst zu erwerben. Aus gleichem Grunde bot er sich seinem Freunde zum Fürsprecher bei seiner Schwester an; er durfte dann im erforderlichen Falle auf einen ähnlichen Dienst rechnen. Einem jungen Ritter aus dem dreizehnten Jahrhundert wird man diesen Eudämonismus verzeihen, der auch wohl noch in unsern Tagen die reine 134 Vernunft manches adelichen und nicht adelichen Junggesellen überlisten würde.

Helene hatte bereits einen Tag auf Lützelburg zugebracht, und durch ihren angenehmen Umgang sowohl, als durch ihr Saitenspiel, sich bei Ottilien und ihrem Vater in Gunst gesezt, als das Horn des Thorwarts die Ankunft einiger Reiter verkündigte. Er ist es! er ist es! rief Ottilia, und lief ihnen bis auf den Burgplaz entgegen, indeß Helene mit klopfendem Herzen in ihre Kammer wankte. Hier sah sie durchs Fenster den einst so blühenden Albert mit blassen, abgezehrten Wangen in die Arme seiner Schwester stürzen; sie sah seine Thränen fließen, sie hörte seine Stimme, es war die Stimme des Traurenden, der die Accente der Freude nicht mehr geläufig sind. Allein wie erschrak sie, als sie ihren Bruder hinter seinem Freunde hervortreten und mit edlem Anstand Ottilien bewillkommen sah. Nun bin ich verrathen, dachte sie, und jezt erst begann sie über ihren abentheuerlichen Schritt zu erröthen; es blieb ihr nichts übrig, als sich ihrem Bruder zu entdecken und ihn zu ihrem Vertrauten zu machen. Die Schwierigkeit war, sich eine geheime Unterredung mit ihm zu verschaffen. Nach langem Hin- und Hersinnen schnitt sie ein Pergamentblatt aus ihrer Schreibtafel, und schrieb folgende Worte darauf:

»Ich hin hier, um unerkannt Alberten zu 135 beobachten: verrathe mich nicht, guter Bruder, wenn das Glük deiner Schwester dir lieb ist.«

Sie rollte das Blatt zusammen, und klebte es mit einem Klümpchen Wachs von der Kerze zu, die noch vom vorigen Abend auf ihrem Tische stand. Es verstrich wol eine halbe Stunde, während welcher Vater und Schwester sich der Wonne des Wiedersehens überließen, und der Reisende seine Abentheuer erzählte, bis Ottilia sich ihrer Gastfreundin erinnerte. Helene hatte alle Zeit gehabt, sich zu sammeln, und ihren Plan den veränderten Umständen anzupassen. Nun war ihr Bruder ihr eine angenehme Erscheinung, der ihr im Nothfalle die Hand reichen konnte, um sie aus dem Labyrinthe zu leiten, in das sie sich geworfen hatte. Sie folgte also Ottilien mit entschlossenem Schritte, als sie auf ihr Zimmer kam, um sie zur Gesellschaft abzuholen. Sie führte sie ihrem Bruder mit den Worten zu: Hier ist die holde Pilgerin, welche die ehrwürdige Mutter von Andelo mit der freudigen Botschaft von deiner Rükkunft uns zusandte. Helene neigte sich schweigend und Albert hieß sie freundlich willkommen. Ihr kommt von Andelo, sprach er, und wandte sich mit drohendem Finger zu Reinold: du hast also deiner Muhme meine Ankunft verrathen? Dieser Augenblik schien Helenen günstig, sie nahm das Wort, und sagte mit schüchterner Stimme: gewiß ist dies Ritter Reinold, dem ich 136 dieses Blatt zustellen soll; sie übergab ihm die kleine Rolle. Reinold, der bisher, um sie nicht zu schrecken, wenig auf sie zu achten schien, nahm sie ihr ab, und nach ihrer Durchlesung sagte er mit freundlicher Miene: ganz wohl, ich werde ihren Inhalt befolgen.

Helene hatte nur halblaut gesprochen, dennoch erschütterte ihre Stimme Alberts Innerstes; sie war ihm bekannt, allein er glaubte sie wie im Traume zu hören. Er sah sie starr an; auch dieses offene seelenvolle Auge erweckte in ihm eine dunkle Ahnung, deren Spur sich aber auf ihrem Gesichte verlor, das der Beginenschleier noch unkenntlicher machte; es war ihm ein fremdes Portrait, in dem er gleichwol ein bekanntes Original, aber umsonst, aufsuchte. Helenens Lage war drückend; sie hatte alle Hülfsmittel des Witzes und des Zwanges aufgeboten, um unerkannt zu seyn, und dennoch kränkte es sie, daß Albert sie nicht erkannte. Die rührende Schwermuth, die aus seinen Blicken, die aus jedem seiner Züge sprach, hatte ihm bereits Vergebung erworben, und nun fieng sie an zu fürchten, daß er sie in ihrer veränderten Gestalt, zwar immer noch seiner Reue, aber nicht mehr seiner Liebe werth finden möchte. – Reinold, der ihre Verlegenheit bemerkte, ohne die wahre Ursache zu errathen, wollte ihr zurecht helfen, und wußte kein besseres Mittel, als wenn er sie in ihre angenommene Rolle zurük führte: Ihr 137 gedenkt nach Straßburg zu reisen, ehrsame Jungfrau? Vermuthlich habt ihr da Freunde? – Ich hoffe dort Freunde zu finden, die mir die Aufnahme in ein Kloster auswirken werden, antwortete sie in einem Tone, der die traurige Stimmung ihres Herzens verrieth. – Die werdet Ihr gewiß finden, versezte Ottilia: Eure Geschicklichkeit wäre schon allein hinreichend, sie Euch zu verschaffen. – Das ist wahr, rief der alte Vater Oswald aus seinem Bette; so hörte ich noch nie die Harfe spielen.

Die Idee einer Harfnerin machte Helenen dem lauschenden Albert nun wieder fremder. Die dunkle Traumgestalt verschwand gänzlich aus seiner Phantasie, ohne jedoch in seiner Seele den mächtigen Eindruk zu schwächen, den die rührende Unbekannte auf ihn machte. Er bat sie um eine Probe ihrer Kunst, und die ganze Gesellschaft unterstüzte seine Bitte. Helene, welche dadurch einen Anlaß, sich zu entfernen, und Zeit fand, Kräfte zu sammeln, machte keine Umstände, und eilte auf ihre Kammer, um ihre Harfe zu holen. – Wahrlich, ein liebes Geschöpf, sagte Ottilia, als sie weg war; ich wollte, ich könnte sie bereden hier zu verharren, um mich im Harfenspiel zu unterrichten. – Ich müßte mich sehr betrügen, antwortete Reinold, wenn sie, wenn irgend Jemand in der Welt Euch eine Bitte versagen könnte. Ottilia schlug erröthend die Augen nieder; wir wollen hören, sagte 138 sie, ob ihr Euch nicht irret. – Helene erschien; sie spielte einige Chorstücke voll hoher Einfalt. Der laute Beifall der Gesellschaft stärkte ihren Muth; ihre Töne verloren sich in die weichen Accente des Minnelieds, und sie sang:

Ein Kirschbaum trug auf unserm Bühl
Ein seltnes Zwillingspaar;
Zwei Kirschen bot der gleiche Stiel
Vereint dem Auge dar.

Mein Liebchen sah's und küßte mich,
Und sprach: o sieh, mein Freund,
Sieh unser Bild! Auch mich und dich
Hat Minne so vereint.

Wir sahn den Baum am dritten Tag;
Ein Zweig war abgesprengt;
Das Paar zermalmt vom Hagelschlag;
Doch blieb sein Staub vermengt.

In Rosenblätter hüllten wir
Die Trümmer seufzend ein;
Und jedes sprach: o möchte mir
Dies Loos beschieden seyn.

So lange sie sang, staunte Albert sie tieferschüttert an; die Thränen traten ihm in die Augen, und als sie geendigt hatte, stieß er einen tiefen Seufzer aus. – Helene vernahm ihn; die Harfe wankte in ihrem Arme. – Die verdoppelten 139 Lobsprüche der entzükten Zuhörer brachten sie wieder zu sich, und sie wußte es Alberten Dank, daß seine Stimme die leiseste war. Er fühlte sich durch das Bild der unzertrennlich treuen Liebe zu peinlich beschämt, um den Enthusiasmus der Andern zu theilen. Nun fand Ottilia einen ganz natürlichen Anlaß, Helenen um ihren Unterricht zu bitten. So willkommen ihr diese Bitte war, so war sie dennoch nicht darauf vorbereitet. Die Zeugen, in deren Gegenwart sie vorgebracht wurde, sezten sie in Verlegenheit; sie schwieg einige Momente. Oswald unterstüzte die Bitte seiner Tochter. Helene wollte antworten; ein Blick auf Alberten, der, wie die Bildsäule der Buße, am Fenster stand, schloß ihr den Mund. – Reinold, der in ihrer Seele las, trat ihr näher: was besinnt ihr Euch, liebe Jungfrau, sagte er scherzend; Ihr habt noch immer Zeit in ein Kloster zu gehen, wenn Ihr mit der Welt unzufrieden seyd; allein ich dächte, Ihr solltet Euch hier mit ihr aussöhnen lernen. Eine feurige Röthe ergoß sich über ihr Gesicht, sie wandte sich zu Ottilien: Nicht die Unentschlossenheit, edles Fräulein, sondern ein Gefühl, zu dem die Sprache mir fehlt, verzögert meine Antwort. – Ihr bleibt also bei mir, sagte Ottilia, indem sie freundlich ihre Hand ergriff. – So lang es mir möglich seyn wird, erwiederte sie, und drückte die liebkosende Hand an ihre Lippen. Sie stand auf, um ihre Harfe in ihre 140 Kammer zurük zu tragen. Albert sah ihr mit starren Blicken nach. Es wäre mir leid gewesen, sagte Ottilia, wenn sie uns so bald wieder verlassen hätte. Kaum zwei Tage ist sie hier, und schon liebe ich sie wie eine alte Freundin. – Sie muß unglüklich seyn; man merkt es ihr an, daß sie einen geheimen Gram im Herzen trägt; sie sucht die Einsamkeit, und bis wir ihr Vertrauen gewinnen, müssen wir ihr ganz ihren Willen lassen. – Gewiß, versetzte Reinold, kennt meine Muhme sie näher, sonst hätte sie sich ihrer nicht so liebreich angenommen. – Das denke ich auch, antwortete Oswald, und eben darum soll es mir lieb seyn, wenn sie bei uns verweilet.

Mir wird es Mühe kosten, ihre Gegenwart zu ertragen, rief Albert, indem er, wie aus einem schweren Traum erwachend, aus seinem Winkel hervortrat; jeder Laut ihrer Stimme erinnert mich an einen Verlust, der mich elend macht. Vater, ich habe Euch noch nicht Alles erzählt; ich habe in Italien durch eine leichtsinnige Buhlschaft die Liebe meiner Helene verscherzt, diese so selige von Euch gebilligte Liebe, die nichts auf der Welt mir ersetzen kann. Findest du nicht, Reinold, daß ihre Stimme viel ähnliches mit der Stimme deiner Schwester hat? – Es ist so, allein was kann die arme Dirne dafür? und über dieses habe ich dir ja schon tausendmal wiederholt, daß Helene nicht für dich 141 verloren ist; ich habe noch Hoffnung, daß sie dir verzeihen werde. – Es war unritterlich von dir, Albert, sagte sein Vater in einem ernsten Tone, daß du die Treue gegen deine Verlobte gebrochen hast, und Helene hat Recht, wenn sie dich dafür straft. Aber vergeben muß sie dir, und du hörst ja, daß du es hoffen darfst. Ihr Vater und ich hatten eure Heirath beschlossen; leider kann er dein Fürsprecher nicht mehr seyn; dieses Amt will ich übernehmen. Deine Rükkunft war der erste Wunsch meines Herzens; allein es würde nicht ganz glüklich seyn, wenn sein zweiter Wunsch – deine Verbindung mit der Tochter meines Freundes – unerfüllt bliebe.

Ueber diesem Gespräche rükte die Stunde der Abendmahlzeit heran. Helene hatte sich wieder gesammelt, sie war bei Tische still, aber ungezwungen; und da ihr Alberts quälende Lage nicht entgangen war, so nahm sie an der Unterredung keinen Antheil, als wenn man das Wort an sie richtete. Albert war etwas ruhiger, er hatte sogar den Muth sie einige Mal anzusehen; unwillkührlich verglich er dann ihr blitzendes Auge mit dem Auge seiner Geliebten, in dem er so gerne sich spiegelte, so gerne die Weissagungen seines künftigen Glückes las. So sorgfältig Helene seinem forschenden Blick auswich, so ließ sie dennoch sich einmal von ihm überraschen. Sie fühlte die Flamme, die sich über ihr 142 Gesicht ergoß, und hätte in diesem Momente Albert sie angeredet, so wäre ihr Geheimniß verrathen gewesen. Umsonst sehnte sie sich nach einer Unterredung mit ihrem Bruder; Albert wollte sein Zimmer mit ihm theilen, und Reinold suchte eben so vergebens, sie allein zu sprechen.

Helene schlief wenig; ihr Kopf und ihr Herz waren zu geschäftig, um ihr Ruhe zu gestatten. Am folgenden Morgen lokte der Gesang der Vögel sie ans Fenster; die Natur schien einen Festtag anzukündigen; Helene wollte ihn mitfeyern und ihr siedendes Blut in der Morgenluft erfrischen. In der Burg war noch Alles stille; sie nahm ihre Harfe und schlich sich leise in den Garten. Ein schattiger Ulmengang führte sie in eine Grotte, an der die Kunst der Natur blos nachgeholfen hatte, die Wände waren mit Moos bewachsen, dessen verschiedene Schattierungen eine natürliche Tapete bildeten. Helene sezte sich auf eine Rasenbank, die im Hintergrunde angelegt war, und sang in ihre Harfe eine von den Morgen-Hymnen, die sie von den frommen Schwestern in Andelo gelernt hatte. Der Schall ihrer Saiten erhielt in dem hohen Gewölbe der Grotte einen verstärkten, hochfeierlichen Schwung, der sie im eigentlichsten Verstande begeisterte, und ihre Finger mit orphischem Zauber beseelte. Sie spielte eine zweite und dann eine dritte Hymne; endlich fiel es ihr ein, auch das Lied zu versuchen, womit sie 143 Alberten auf die lezte Probe setzen wollte. Sie fühlte wohl, daß sie ihre Rolle nicht lange mehr würde fortspielen können, und wollte daher bei der ersten günstigen Gelegenheit hinter dem Vorhange hervortreten. Kaum die Saiten berührend sang sie im sanftesten Klageton der Philomele folgende Worte:

Ich hatt' in meinem Schlage
Ein Täubchen gut und hold;
Ein schmucker Tauber schwirrte
Stets um sein Nest und girrte
Und bat um Minnesold.

Es gab ihn; mit dem Kusse
Der Unschuld gab es ihn.
Und Minne reichte Beiden
Den Becher ihrer Freuden
Mit holdem Lächeln hin.

Einst flog zur bösen Stunde
Der Tauber in den Hain;
Ach! und kam nicht zurücke,
Ihn zog durch schlaue Tücke
Ein fremdes Täubchen ein.

Vergebens hart sein Liebchen,
Und klagt und suchet ihn.
Indeß es girrt und stöhnet,
Schwimmt er in Lust und fröhnet
Der schönern Buhlerin. 144

Jezt bebt er auf; ein Schatten
Wogt ächzend um ihn her,
Er flieht, und sucht vor Reue
Die traurende Getreue,
Und findet sie nicht mehr.

Kaum entströmte das lezte Wort ihren Lippen, als Albert, blaß wie ein Gespenst, hinter der Hohlunder-Hecke hervor sprang, die den Eingang der Höhle verbrämte. Wer du auch seyst, du Engel des Gerichts, rief er mit dumpfer Stimme, so sage dem, der dich sendet, daß ich dich verstanden, und die Thränen der beleidigten Liebe mit Blut gerächt habe. Er wollte als ein Wahnsinniger davon eilen, allein Reinold, der ihm nachgeschlichen war, als der Schall der Musik ihn in den Garten lokte, faßte ihn beim Arme. Laß mich, unterbrach ihn Albert, indem er sich loszureissen suchte, wozu dient es, daß du mir, wie einem schwachen Knaben, ihren Tod verhehltest? – Du träumst, armer Freund, sie lebt, und dein Engel des Gerichts ist ein Engel des Friedens, der dir Vergebung ankündigt.

Bei diesen Worten riß er ihn mit sich in die Grotte, wo Helene, vor Schrecken halb ohnmächtig, sich umsonst bemühte, von der Rasenbank aufzustehen. Erkenne deine Helene, rief er, vielleicht findest du ihre Züge verändert, aber ihr Herz ist es nicht. Nun zog er seiner Schwester den Schleyer von der Stirne, und Albert sank verstummt zu 145 ihren Füßen nieder. Lange hieng sein Blick an ihrem Antlitz, das die holdeste Schaamröthe verklärte, indeß eine heilige Thräne ihrem Auge entrollte. Endlich stammelte er die Worte hervor: ja, sie ists, heiliger Gott! es ist Helene. – Deine Helene, flüsterte sie, indem sie seine Hand ergriff, und ihm die jungfräuliche Wange hinbot.

Hier macht der Lützelburger Annalist einen langen Gedankenstrich; und fährt in einem neuen Capitel also fort: wie aus einer Entzückung erwachend wand Helene sich langsam aus Alberts Armen. Laßt uns, sagte sie, zu Ottilien eilen; sie, welche der fremden Pilgerin ihre Liebe schenkte, wird sie der Geliebten ihres Bruders nicht versagen. Alle begaben sich auf Ottiliens Zimmer: Hier bring ich dir meines Reinolds und deine Schwester, sagte Albert zu ihr, indem er Helenen in ihre Arme führte. Mit dem freudigsten Erstaunen drükte sie Helenen an ihren Busen. – O, mein Herz betrog mich nicht, rief sie, als es sich so schnell der räthselhaften Unbekannten öffnete, und ihr leise den Namen gab, den es jezt ihr laut geben kann. Lange hielten die beiden liebenswürdigen Geschöpfe sich umschlungen, und ihre Seelen schwuren sich ohne Worte das Gelübde einer ewigen Liebe. Aber dein Vater! sagte jezt Helene in einem ängstlichen Tone. – Du hast recht, erwiederte Albert, jeder Augenblik, da ich ihm seinen Antheil an meinem Glücke 146 vorenthalte, ist ein Raub, den ich an seinem Herzen begehe. Komm, laß uns ihn um seinen Segen bitten. Ottilia hielt sie auf: Nicht so, sagte sie, Helene ist keine Pilgerin mehr; als deine Geliebte muß sie vor unserm Vater erscheinen. Laß mich für ihren Anzug sorgen, und ihr geht unterdessen zu ihm, um ihm ihre Verwandlung anzukündigen. Es wird nicht unnöthig seyn, ihn auf diese neue Freude vorzubereiten; ihr sollt uns nicht lange erwarten.

Der gute Alte schlummerte noch, als sie in sein Gemach traten; sie wichen leise zurük, um sein Erwachen abzulauschen. Doch nach einem Viertelstündchen war Alberts Geduld erschöpft; er hustete, und Oswald schlug die Augen auf. Die beiden Freunde näherten sich dem Bette, und boten ihm einen guten Morgen. Der Greis lächelte seinen Sohn an: so gefällst du mir, Albert, heute siehst du frisch und munter aus, gestern warst du so niedergeschlagen, so düster, daß es mir ins Herz schnitt, so oft ich dich anblikte.

Reinold. Wißt Ihr, edler Ritter, warum er so fröhlich aussieht? die Pilgerin, die ihn traurig machte, ist verschwunden.

Oswald. Verschwunden? dachte ich doch, daß es ihr nicht wohl bei uns war; die arme Dirne hatte etwas, das ihr schwer auf dem Herzen lag, aber ehrlich und fromm ist sie, dafür wollte ich bürgen.

Albert. Ich auch, Vater, mit Ehre und Leben. 147

Oswald. Es ist mir leid, daß sie uns verlassen hat; Ottilia hätte eine traute Gespielin an ihr gefunden, und Du, mein Sohn, würdest dich endlich auch an sie gewöhnt. haben.

Albert. O gewiß, lieber Vater, so gewiß, daß ich Euch um die Erlaubniß bitten will, sie einzuholen und zu meinem Weibe zu nehmen.

Oswald verstummte, und sah seinen Sohn mit großen Augen an, als wollte er in seinem Gesichte Spuren des Wahnwitzes aufsuchen. Endlich sagte er: bist du trunken oder? –

Albert. Ja, wohl trunken, Vater, freudetrunken, wie kein Engel im Himmel es seyn kann.

Reinold. Er faselt nicht, edler Ritter. die Pilgerin war meine Schwester Helene; sie kam verkleidet hieher, um sich mit eigenen Augen von seiner Reue und von seiner rükkehrenden Liebe zu überzeugen. Er hat die Probe bestanden, und sie hat ihm vergeben.

Albert. Ja, Vater, vergeben hat sie mir; vor wenig Augenblicken floß das Wort Vergebung von ihren Lippen, und ihre Lippen versiegelten es mit dem Kusse der Liebe.

Oswald. Die lose Trude! als ich vor acht Jahren zu Landskron das fromme schüchterne Mädchen sah, hätte ich mir nicht träumen lassen, daß sie mich einst zum besten haben würde. Wo ist sie?

Reinold. Bei dem Fräulein Ottilia, wo sie 148 Erlaubniß erwartet, Euch um Vergebung zu bitten. Doch auch ich, edler Herr, muß Euch um Vergebung bitten: so bald ich sie gestern erblikte, erkannte ich sie; allein in dem Briefchen, das sie mir in eurer Gegenwart zustellte, beschwor sie mich, sie nicht zu verrathen.

Oswald. Ihr bedürft keiner Vergebung: einem Weibe darf ein Ritter keinen Dienst versagen, der die Ehre nicht beleidigt. Ihr habt mir eine angenehme Ueberraschung zubereitet.

Indeß Reinold sich mit dem Greise unterhielt, hatte Albert sich davon geschlichen; nun trat er, mit Helenen an der Hand, und von Ottilien begleitet, in die Stube.

Hold und rührend, wie die Unschuld, war sie in ihre Farbe gekleidet, ihre langen hochbraunen Haare zitterten in dicken Locken um ihre Schultern: eine halbgeöfnete Rose glühte über ihrer Stirne, und ihr Angesicht glühte wie sie. Sie nahte sich dem Bette des süß erstaunten Greises, und neigte ihr Gesicht auf seine Hand, die sie vergebens zu küssen suchte: vergebt mir, edler Ritter, meine Verstellung! Ihr habt gesehen, was sie mich kostete; allein ohne diesen Schritt hätte ich nie glüklich seyn können. Oswald küßte das reizende Geschöpf auf die Stirne. Vergeben will ich dir wohl, sagte er lächelnd, aber bestraft mußt du seyn. Von nun an bist du meine Gefangene, ich übergebe dich der Hut meines Alberts, und er muß mir für dich haften.

149 Das will ich, rief Albert, indem er um die Wette mit Helenen die Freudenthränen von des edlen Greises Wangen küßte. Jezt nahte sich auch Ottilia, und schloß die neue Schwester und den glüklichen Bruder in ihre Arme.

Reinold war ein stummer Zuschauer dieser Wonnescene. Seine Blicke waren auf Ottilien geheftet. Oswald bemerkte ihn, er fand in dem Sohne das Bild des Vaters wieder. Lieber Gott, rief er, wenn mein Bruder Wolfram das sehen könnte! – Wenn er das sehen könnte, sagte Reinold, indem er näher an das Bette trat, so würde er seinen Freund an sein zwiefaches Gelübde erinnern und ihn bitten, noch einen Glüklichen zu machen. – Ich verstehe dich, Reinold, erwiederte der Greis; mein Gelübde habe ich nicht vergessen, allein wegen der Erfüllung mußt du dich mit meiner Ottilia verstehen. Ottilia war wie vom Blitze getroffen. Der süße Schrecken der Ueberraschung ließ ihr blos die Kraft, das flammende Gesicht mit beiden Händen zu bedecken, und in das Nebengemach zu entschlüpfen. Als aber nach vierzehn Tagen Helene gen Andelo ritt, um ihren Gemahl der Aebtissin und ihrer Freundin Cäcilie vorzustellen, begleitete sie Ottilia an Reinolds Seite, um als Bertradens künftige Nichte den Segen der ehrwürdigen Mutter zu empfangen.

 


 


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