Alfons Petzold
Sevarinde
Alfons Petzold

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Der kühne und unternehmungslustige Maurizius wurde der Held des Lagers. Seine Erlebnisse wurden, gehörig ausgeschmückt, wiedergegeben. Überall sang man sein Lob und trieb ihn dadurch zu neuen Abenteuern an. Zum Glück für sich und die anderen war er aber nicht nur ein tollkühner Mann, der vor nichts zurückschreckte, sondern er war auch so ehrlich, fleißig und verständig, wie er beherzt, ehrgeizig und rasch vom Entschluß war.

Eines Tages machte er mich darauf aufmerksam, daß sich der Golf sehr weit gegen Süd-Osten erstreckte und er dort die Mündung eines großen Flußes vermute. Er halte es für angebracht, nachzuforschen, ob diese seine Vermutung auf Wahrheit beruhe. Ich pflichtete ihm bei und ermächtigte ihn, diese Expedition zu unternehmen. Schon anderen Tages war er reisefertig und segelte von unseren guten Wünschen begleitet die Küste gegen Süd-Ost hinunter. Während seiner Abwesenheit hielten wir große Ernte unter den Hülsenfrüchten, die prächtig gediehen waren. Den größten Teil davon dörrten wir und hoben ihn in Kisten für die rauhe Jahreszeit auf, der wir nun, mit Früchten, getrocknetem Fleisch, eingepöckelten Fischen und Brennholz reichlich versehen, ruhig entgegensehen konnten.

Nachdem schon zehn Tage seit der Abreise unseres kühnen Genossen verstrichen waren, ohne daß wir von ihm und seinen Leuten irgend eine Kunde bekommen hätten, fingen wir uns um die Tapferen zu sorgen an.. Auch hätte uns der Verlust der zwar kleinen aber seetüchtigen Schaluppe in eine üble Lage gebracht. So harrten wir voller Angst und von bösen Ahnungen geplagt auf die Rückkehr oder wenigstens ein Lebenszeichen der Vermißten. Doch Tag um Tag verging, ohne daß sie selbst oder eine Nachricht von ihnen uns von der Unruhe über ihr Verschwinden, das uns immer mehr Sorge einflößte, befreit hätten.

Nach vierzehn Tagen ihrer Abwesenheit betrauerten wir unsere armen, tapferen Gefährten als die Opfer eines Unfalles. Vielleicht war die kleine Schaluppe der Tücke der See zum Opfer gefallen und ihre Besatzung elend ertrunken. Oder waren die kühnen Leute zu weit vorgedrungen und umherstreifenden Wilden in die Hände gefallen. Auf alle Fälle wollte ich über ihr Schicksal Gewißheit haben und rüstete eine Schar Männer aus, die unter der Leitung de Haes auf dem Landwege den Vermißten nachforschen sollten. Ich war eben im Begriff, die kleine Schar zu mustern, als vom Strande her Jubelrufe und laute Freudenschreie ertönten. Mich umdrehend, bemerkte ich zu meiner unaussprechlichen Freude über den Hüttendächern die Wimpel der Schaluppe wehen. Gleich darauf führte man mir im Triumph Maurizius entgegen. Nachdem wir uns auf das herzlichste die Hände geschüttelt und umarmt hatten, bat er mich, ihm an den Strand zu folgen. Dort angekommen sah ich zu meiner großen Verwunderung neben der Schaluppe zwei etwas größere Schiffe liegen, während im Golfe draußen eine größere Anzahl kleiner Segler mit schneeweißen Segeltüchern wie stolze Schwäne sich langsam dem Hafen nahten. Maurizius weidete sich an meinem und des übrigen Volkes großen Erstaunen. Mittlerweile war von dem einen der Schiffe ein Boot abgestoßen, dem, als es am Ufer angelangt war, ein großer, schön gewachsener Mann entstieg. Er war mit einem sackähnlichen schwarzen Rock bekleidet, trug einen kegelförmigen Hut von gleicher Farbe auf dem Kopf und schwenkte zum Zeichen des Friedens eine weiße Fahne. Hochaufgerichtet kam er würdigen Schrittes auf mich zu, der ich mir das plötzliche Erscheinen der vielen Schiffe und des seltsamen Mannes nicht zu deuten wußte. Nun beeilte sich Maurizius. mir das Notwendigste zu erklären, und teilte mir eiligst mit, daß der auf uns zukommende Mann der Vize-Gouverneur einer großen Stadt sei, die ungefähr 40 englische Meilen von hier liege. Er wäre dort mit großer Freundlichkeit aufgenommen worden, hätte eine Unmenge der interessantesten Dinge gesehen und sei der festen Meinung, daß ein gutes Einvernehmen mit den Bewohnern der fernen Stadt für uns von allergrößtem Nutzen sein würde. Deshalb bäte er mich, diese Gesandtschaft freundlichst und mit Ehren aufnehmen zu wollen.

Mittlerweile war der Vize-Gouverneur bis auf wenige Schritte in meine Nähe gekommen. Da blieb er stehen, hob seine rechte Hand zum Himmel und sprach in fließendem Holländisch:

»Der ewige und unfaßbare Gott segne Dich und Dein Volk. Die Sonne, Gottes größter Diener und unser glorreicher König scheinen lieblich und voll Gnade über Euch und dies Land, unsere Heimat sei Euch wohl gesinnt mit seinem Wasser, seiner Erde und allem, was darauf wächst, läuft und darüber hinfliegt!«

Daraufhin reichte er mir die Hand, die ich herzhaft drückte, dann umarmten wir uns und küßten uns gegenseitig auf die Stirne. Nach dieser Begrüßung bat ich ihn, das Lager besichtigen zu wollen, bei welcher Gelegenheit ich ihm meine Unteranführer vorstellte. Nachdem er sich alles eingehendst angesehen und mir manches Lob gespendet hatte, sagte er:

»Ich habe von Deinem tapferen Gefährten von Euerem Unglück vernommen, und da ich den Eindruck erhielt, daß Ihr nicht nur mutige, sondern auch redliche Menschen seid, habe ich den Entschluß, Euch zu besuchen und mich Euerer Freundschaft zu empfehlen. Ich glaube und hoffe sehr, daß Ihr mir sie nicht verweigern werdet. Da ich aber von der Reise etwas müde bin, bitte ich Euch, mich der Ruhe zu überlassen. Indes wird Euch Herr Maurizius Bericht über seine Reise erstatten und von dem erzählen, was er bei uns gesehen hat!«

Ich bekräftige mit einigen Worten die Freundschaft, die ich für ihn und sein Volk fühlte, dankte ihm für die seine von ganzem Herzen und begleitete ihn bis zum Strande, wo ihn sein Boot erwartete. Dann begab ich mich, voll Ungeduld Maurizius' Geschichte seiner Abenteuer zu hören, in meine Hütte, wo er und meine Offiziere sich schon versammelt hatten.

Nachdem wir uns gesetzt und unsere Pfeifen angezündet hatten, nahm Maurizius das Wort.

 

Es sind nun beinahe drei Wochen her, seit ich mit meiner Mannschaft Sidenburg verließ mit dem festen Vorsatz, so weit es die Verhältnisse und unsere Kräfte zuließen, das Land im Südosten des Golfes zu erforschen. Den ersten Tag legten wir ungefähr 4 Seemeilen zurück, als wir am Ufer große Wälder auftauchen sahen, aus deren dunklem Grün ein ziemlich breiter Fluß silbern dem Meere zuströmte. Kurz entschlossen fuhren wir in ihm ein und warfen, da es Abend wurde, ungefähr eine Meile von seiner Mündung stromaufwärts Anker. Des anderen Tages fuhren wir mit Hilfe der Ruder den immer enger werdenden Fluß hinauf, der sich auf einmal nach stundenlanger anstrengender Fahrt zu einem mächtigen See erweiterte, dessen gegenüber liegende Ufer nicht zu erblicken waren. Wir kamen an einem halben Dutzend kleiner Inseln vorbei, die alle einen dichten und hohen Waldbestand zeigten. Der Wind hatte sich völlig gelegt und das bleichgrüne Wasser des Sees bewegte sich kaum in winzigen Wellen. Still war es um uns und wir hatten den Eindruck, als wären wir Gestorbene und führen über den Totensee. Gegen Abend erhob sich ein schwacher Wind, der die müden Ruderleute unterstützte und uns nach Süd-Osten trieb. Erst als es schon stark dunkelte, warfen wir im Schutze zweier Inseln, die wir am nächsten Morgen besichtigen wollten, Anker. Dem geringen Umfang der Inseln nach zu schließen, glaubten wir sie unbewohnt und verbrachten die Nacht in aller Ruhe und ohne Furcht vor einem Überfall durch Eingeborene, von denen wir bisher trotz aller Aufmerksamkeit nicht die geringste Spur entdeckt hatten. Wir hatten uns aber gewaltig getäuscht, denn kaum, daß der Morgen graute, wurde ich von den Schreckensrufen einiger meiner Gefährten geweckt. Hastig sprang ich vom Lager auf und sah unser Schiff von 10 oder 12 größeren Fahrzeugen, auf denen ich viele bewaffnete Männer ausnehmen konnte, umringt. Zu meiner unaussprechlichen Bestürzung sah ich, daß hier ein Kampf vergeblich war und wir uns auf Gnade oder Ungnade den fremden Männern ergeben mußten. Doch meine tapferen Leute wollten davon nichts wissen und begehrten stürmisch, sich bis auf den letzten Mann verteidigen zu dürfen. Denn, so sagten sie, ein ehrlicher Tod durch einen Pfeil oder Schwerthieb ist uns lieber, als vielleicht langsam zu Tode gemartert zu werden oder als Sklave wilden, grausamen Menschen zu dienen. Ich mußte ihnen als Mann recht geben und so machten wir das Deck klar zum Gefecht. Indes waren die feindlichen Schiffe bis auf die Entfernung eines Musketenschusses herangekommen. Nun blieben sie plötzlich still liegen, ausgenommen ein kleines Boot, darin wir nur einen Menschen gewahrten, der, zum Zeichen, daß er mit uns reden wolle, einen Baumzweig schwang. Wenige Ruderschläge von uns entfernt machte er eine tiefe Verbeugung und sprach zu unserer nicht geringen Überraschung auf spanisch, daß wir uns nicht zu fürchten brauchten, uns würde keinerlei Leid geschehen. Sie wären ein hochgesittetes Volk, das die Gastfreundschaft gegen friedliche Fremde als hohe Tugend pflege. Dann wollte er wissen, welcher Nation wir angehörten und als ich ihm sagte, daß die meisten von uns Holländer wären und wir auch unter der Flagge dieses Reiches segelten, zeigte er sich sehr erfreut und bat, unser Schiff betreten zu dürfen, um mit uns des näheren bekannt zu werden. Sein offenes, würdevolles Wesen flößte uns solches Zutrauen ein, daß wir gegen seinen Besuch nichts einzuwenden hatten.

An Bord unseres Schiffes konnte ich nun sein Äußeres näher betrachten. Er war ein wohlgebauter Mann in den fünfziger Jahren mit einem klugen europäischen Gesicht. Bekleidet war er mit einem grellroten Kaftan, der ihm bis an die Kniee reichte, einer gleichfarbigen Tütenmütze und um den Leib trug er eine gelbe, reichgestickte Schärpe. Als ich mich ihm als Befehlshaber der Schaluppe vorstellte, umarmte er mich, indem er sagte: Er freue sich ungemein, uns in seinem Lande willkommen heißen zu dürfen. Darauf drückte er sein Erstaunen aus, daß wir mit einem so kleinem Schiff, wie es unsere Schaluppe war, die Fahrt hierher hatten unternehmen können. Er glaubte nämlich, daß wir von hoher See aus gekommen wären. Um ihn aufzuklären, erzählte ich ihm von dem Untergang des »goldenen Drachen« und unseren bisherigen Abenteuern. Er hörte mir mit großer Teilnahme zu, äußerte seine Freude über die Rettung sämtlicher Matrosen und Passagiere und versicherte mich aufs neue seiner und seines Volkes Freundschaft. Darauf zeigte er sich sehr begierig, etwas über die europäischen Verhältnisse, wie sie zur Zeit unserer Abfahrt bestanden hatten, zu erfahren. Bereitwilligst teilte ich ihm mit, was ich von den Einrichtungen der einzelnen Staaten und ihren politischen Verhältnissen zueinander wußte. Er dankte mir für meine Mitteilungen und sagte mir mit einem feinen Lächeln, daß wir in ein Reich gekommen wären, das sich einbilde, bessere Gesetze und Einrichtungen, die seinen Einwohnern zugute kämen, zu besitzen, als alle europäischen Staaten zusammengenommen. An der Hilfe, die er uns im größten Ausmaße anbiete, und an den Dingen, die unsere Augen zu sehen bekämen, würden wir uns bald von der Wahrheit seiner Worte überzeugen können. Auf meine Bitte, mir den Namen dieses glücklichen Reiches nennen zu wollen, sagte er, daß dieses in ihrer Sprache Sporonde heiße und seine Einwohner sich Sporonen nennen. Sporonde sei aber nur der Teilstaat eines mächtigen Reiches, das Sarambi genannt werde und dessen gewaltige Hauptstadt den Namen Sevarinde führe. Die viel kleinere Hauptstadt Sporondes hieße aber gleich dieser Provinz. In diese Stadt wolle er uns nun bringen und wir sollten uns bereit machen, ihm zu folgen. Seine letzten Worte erweckten mein schlummerndes Mißtrauen, ich dachte an einen Hinterhalt, den man uns stellte, und mochte wohl deshalb ein etwas ängstliches und unentschlossenes Gesicht gemacht haben, denn mein Gast richtete sich plötzlich auf und sprach in edler Würde:

»Ich habe Euch bereits gesagt, daß ihr von uns nicht das Geringste zu befürchten habt. Ich wiederhole dies noch einmal und versichere Euch bei dem Andenken meiner in das Sonnenreich eingegangenen Eltern, daß Euch kein Leid geschehen soll, wenn Ihr Euch nicht aus Unklugheit zu einer feindseligen Tat gegen uns hinreißen laßt. Ich hoffe aber sehr, daß Ihr in uns etwas anderes seht, als wilde Barbaren und unserer Versicherung, nur Euer Gutes zu wollen, Glauben schenkt!«

Ich sah auf diese seine Rede hin ein; daß es das Beste sei, ihm zu vertrauen und teilte ihm mit, daß ich und meine Schar kein Bedenken mehr trügen, unser weiteres Schicksal in seine Hände zu geben. »Wir sind arme, unglückliche Leute,« sagte ich ihm, »die ein wideriges Schicksal an eine fremde Küste warf. Wir bitten Euch um Eure großmütige Hilfe, für die wir schon jetzt unseren heißesten Dank abstatten wollen.«

»Ihr sollt Euch in uns nicht täuschen,« antwortete er, »unsere ganzen Hilfsmittel sollen Euch für die Rückkehr in die Heimat zur Verfügung stehen. Vorher aber sollt ihr erst unser Land kennenlernen. Das wird Euch, wie ich glaube, viel Nutzen bringen, denn Ihr werdet Dinge und Einrichtungen sehen, von denen Ihr bisher keine Ahnung hattet.«

Auf ein Zeichen, das er nun mit einer kleinen Hornpfeife gab, näherte sich uns ein zweites Boot. Es legte bei der Schaluppe an und ihm entstiegen zwei ähnlich dem Unterhändler gekleidete Sporonen, die Wein, herrliche Trauben, Datteln und schneeweißes Brot nebst einer Art Kokosnüsse in großen Körben mitbrachten. Karchis – mit diesem Namen hatte sich mir der würdige Sporone vorgestellt – ich und meine Leute setzten uns nun zusammen und hielten eine friedliche Mahlzeit ab, wobei mir Karchis in reinstem Holländisch viele merkwürdige Dinge über das Reich Sarambi erzählte.

Nachdem wir nach dem Essen ein wenig geruht hatten, gab Karchis den zwei größten Schiffen seiner Flotte den Befehl, uns in Schlepptau zu nehmen. Erst am späten Nachmittag bemerkten wir, wie der See wieder enger wurde, bis wir schließlich wieder einen breiten Flußlauf vor uns hatten, den wir bei günstigem Wind schnell hinauffuhren. Was wir an Land erblickten, zeigte uns Wald und Feld in reicher Folge und in üppigem Baum- und Graswuchs. Am frühen Abend noch kamen wir in bewohnte Gegenden. Häuser und Menschen wurden an den beiden Ufern sichtbar, die plötzlich in hohe, steinerne Dämme übergingen und von mächtigen Türmen gekrönt waren. Wir waren in Sporonde, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, angekommen.

Ein schnelles Ruderboot war uns vorausgeeilt und hatte die Einwohner von unserem Kommen benachrichtigt, so daß wir, als die Schiffe in die mächtige Hafenanlage einfuhren, eine gewaltige Menge Volkes erblickten, die uns erwartete.

Karchides trat zuerst ans Land und begab sich zu einer kleinen Schar schwarzgekleideter Männer, mit denen er eine Weile redete. Dann winkte er uns zum Zeichen, daß wir ihm folgen sollten, was wir auch taten. Da ich in der Gruppe Schwarzgekleideter hohe Würdenträger des Staates oder der Stadt vermutete, verbeugten wir uns, bei ihnen angekommen, dreimal vor ihnen. Sie grüßten gleichfalls mit einem würdigen Senken des Hauptes und der Vornehmste von ihnen – er trug eine Kette schwarzer Edelsteine um den Hals – trat auf mich zu, umarmte mich, küßte mich auf die Stirne und sagte mit weithin hörbarer Stimme:

»Seid auf das herzlichste willkommen zu Sporonde. Der ewig goldene Gott da oben segne Euren Eintritt in diese seine Stadt!« Hierauf bat er uns, ihnen zu folgen und wir schritten mit ihnen an dicht gedrängten Reihen tausender Neugieriger vorbei durch ein mit wunderbaren Bildwerken geschmücktes Riesentor in die Stadt. Eine schöne breite Straße tat sich vor uns auf, die von vielen beinahe ebenso breiten Straßen durchschnitten wurde. Auf unserem Wege konnten wir die herrlichsten Gebäude bewundern. Eines der schönsten mit einem kunstvollen Portal tat seine Pforten vor uns auf. Auch innen war es auf das prächtigste ausgestattet. Breite, mit Skulpturen geschmückte Gänge führten an vielen Zimmern vorbei, deren Türen reiche Schnitzerei zeigten. Hohe Fenster, mit durchsichtigen Glasbildern eingelassen, ließen in einen reichblühenden Garten blicken. Zuerst führte man uns in einen kleineren Saal, wo wir in Gesellschaft der schwarzgekleideten Herren, die uns mit Fragen und Anworten unterhielten, eine Weile zubrachten. Darauf ließ man uns in einen großen Raum treten, der auf das herrlichste ausgeschmückt war und in dem eine Tafel die wohlschmeckendsten europäischen Gerichte und feinsten Getränke trug. Wir setzten uns auf die uns angewiesenen Plätze und ließen uns die so lange schon vermißten Speisen wohl schmecken. Da wir nach den aufregenden Ereignissen des Tages große Müdigkeit zeigten, wurde die Tafel bald aufgehoben. Man wies mir eine mit einem schönen sammtartigen Stoff ausgeschlagene Stube zum Schlafgemach an, während meine Leute in einem an diese anstoßenden Saale ihre Schlafstellen fanden. Beim Abschied sagte mir Karchidas, ich möge mich für den nächsten Tag bereit halten, Albikor, dem Gouverneur der Provinz, vorgestellt zu werden.

Am anderen Morgen weckte mich und meine Gefährten ein gewaltiges Glockengeläute. Eine Stunde später trat Karchidas bei mir ein und fragte mich, wie ich geruht hätte. Ihm folgten einige Diener mit Waschgegenständen und Kleidern, die anzulegen mich Karchidas bat. Darauf verließ er mich mit dem Bemerken, er käme in eine Stunde wieder, um mich und meine Leute dem Statthalter vorzuführen. Das Kleid, welches man mir gebracht hatte, bestand vornehmlich in einem buntseidenen Kaftan, den eine breite feuerrote Schärpe schmückte. Ich gefiel mir ausnehmend gut darin.

 

Von Karchidas und einer Ehrenwache abgeholt, begab ich mich mit meiner Mannschaft zu Albikor, dem Gouverneur. Auf dem Weg dahin konnten wir wieder eine große Anzahl der schönsten Häuser bewundern und nicht genug die großartige Anlage der Stadt bestaunen. Endlich gelangten wir auf einen prächtigen Platz, in dessen Mitte sich ein herrlicher Palast mit vier gewaltigen Fronten erhob. Schwarzer Marmor wechselte auf das wohlgefälligste mit weißem ab und die mächtigsten Tore waren gar kunstvoll mit gravierten Metallplatten ausgelegt. Karchidas folgend traten wir durch ein hohes Gewölbe, das einen Himmel mit einer strahlenden Sonne getreu darstellte, in einen Vorhof, wo Hellebardenträger in grellroten Talaren und kupfernen Helmen Wache standen. Bei unserem Erscheinen dröhnte Posaunenklang auf, der in eine erhaben tönende Musik vieler Instrumente überging. Nach Durchquerung dieses Hofes nahm uns ein anderer auf, dessen Wände aus großen schwarzen Marmorquadern bestanden, von denen sich die ringsum aufgestellten Marmorstatuen blendend weiß wirkungsvoll abhoben. Mitten in diesem Hofe standen mehr als hundert Männer, alle dem Greisenalter nahe oder schon von diesem mit silbergrauen Haaren gezeichnet. In ihren schwarzen Kaftanen und Tütenmützen sahen sie alle wie mächtige Magier aus. Ich konnte ihre Gesichter nicht ausnehmen, denn sie hatten goldgelbe Schleier vor, hinter denen bei den meisten eisgraue Bärte hervorquollen. Im übrigen standen sie stumm und unbeweglich wie die Steinbilder da, was einen unheimlichen Eindruck auf uns machte. Wir eilten so schnell es anging an ihnen vorbei, einige Marmortreppen empor, die in einen großen Saal mündeten, dessen goldene Wände uns blendeten. Als unsere Augen sich an diese strahlende Pracht gewöhnt hatten, wurden unsere Blicke sofort von einem an der Längswand des Saales errichteten überaus prunkvollen Thron angezogen, der von zwei viel kleineren Thronsesseln flankiert war. Auf ihm saß ein Mann von kaiserlichem Ansehen, ganz in Purpur gehüllt. Dies war Albikor, der Statthalter von Sporonde. Die zwei Sessel links und rechts von ihm waren dagegen von seinen zwei vornehmsten Räten eingenommen, wie uns Karchidas zuflüsterte.

Wir schritten bis zur Mitte des Saales, blieben dann stehen und machten eine tiefe Verbeugung. Die zwei Ratsherren erwiderten unsere Grüße damit, daß sie gleichfalls eine Verbeugung machten, indem der Gouverneur zum Gruß die flache Hand aufhob und uns durch einen Wink bedeutete, bis an das Geländer zu treten, das den Thron von dem übrigen Saal trennte. Hier verbeugten wir uns abermals, worauf Karchidas zu reden anfing und dem Statthalter die Geschichte unserer Leiden und Abenteuer auf das eindringlichste erzählte, wie ich aus der Lebendigkeit seiner Bewegungen, mit denen er seinen Bericht unterstützte, entnehmen konnte. Die Sprache, die ich natürlich nicht verstand, war dem Griechischen ähnlich und klang mir sehr melodisch in die Ohren.

Sobald Karchidas seine Erzählung beendigt hatte, stand Albikor auf und begrüßte uns auf das freundlichste, hieß uns in seiner Provinz willkommen und bat uns, so lange seine Gastfreundschaft annehmen zu wollen, bis er dem Vertreter der heiligen Sonne auf Erden, seinem Herrn und Gebieter dem König Sevarus in der Hauptstadt des ganzen Reiches Bericht erstattet und von diesem weitere Befehle in Bezug auf unsere Zukunft erhalten hätte. Auch er versicherte uns, daß uns keinerlei Leid geschehen werde und wir nur das Beste zu erwarten hätten. Karchidas übersetzte uns diese Ansprache, die uns sehr beruhigte, ins Holländische, worauf ich ihn bat, dem Statthalter in unser aller Namen zu danken und ihm unsere Ergebenheit bekanntzugeben.

Von Albikor gnädigst entlassen, kehrten wir um vieles beruhigter, als wir es verlassen, in das uns angewiesene Haus zurück, wo unser eine reichliche Mahlzeit wartete. Nach einer längeren Mittagsruhe erschien wieder unser unermüdlicher Karchidas, um uns in der Stadt herumzuführen und deren Sehenswürdigkeiten zu zeigen. Da ich und meine Gefährten die landesübliche Tracht angelegt hatten, erregten wir nicht mehr das Aufsehen wie bei unserer Ankunft und konnten in Ruhe die schönen, mächtigen Gebäude, die prächtigen Parkanlagen und viele andere staunenswerte Dinge besichtigen.

Auf diese angenehme Weise brachten wir in Sporonde sechs Tage zu, bis der von dem Statthalter an den König geschickte Bote zurückkam, mit dem Befehl, wir sollten uns sogleich auf den Weg nach Sevarinde, der Hauptstadt des Reiches machen, da der König uns sehen wolle. Wir waren schon im Begriff das Schiff zu besteigen, als ein zweiter Bote des Königs eintraf, der den ersten Befehl widerrief und uns erklärte, des Königs endgültiger Wunsch sei, uns alle kennen zu lernen. Wir möchten deshalb in Begleitung einer Gesandtschaft in unser Lager zurückkehren, Euch, Kapitän Siden, und den übrigen Leidensgefährten von dem, was wir hier gesehen und erlebt haben, getreulich Mitteilung machen und die Einladung überbringen, uns in seinen und seines Reiches Schutz zu begeben.

Maurizius schloß hier mit seiner Erzählung, die uns mit Freude und Staunen erfüllte. Nach allem, was ich gehört hatte, waren wir auf ein hochkultiviertes Volk mit edlen Sitten gestoßen, das in steter Verbindung mit Europa war und uns gewiß behilflich sein würde, unsere Heimat wieder zu sehen.

 

In der Zeit, da uns Maurizius seinen Bericht abstattete, waren einige der fremden Schiffe in den Hafen eingelaufen, hatten Mannschaft gelandet, die sich mit unserem Volk vermischte und dieses durch Zeichen und mit Hilfe einiger sprachkundiger Leute unter sich von ihrem Land und den Zweck der Gesandtschaft unterrichtete, so daß Maurizius' Abenteuer und dessen Folgen schon im ganzen Lager bekannt waren und wir es nicht mehr notwendig hatten, die Besatzung des Lagers von dem Geschehenen zu benachrichtigen.

Als wir unsere Leute frugen, ob sie geneigt wären, der Einladung des mächtigen Fürsten zu folgen, gaben sie alle freudig ihre Zustimmung. Es wurde nun beschlossen, daß ich mit dem größeren Teil meiner Gefährten die Reise in das merkwürdige Reich schon des anderen Tages unternehmen sollte, während der Rest dablieb, um die in den Wäldern jagenden und holzschaffenden Kameraden zu erwarten und mit diesen mir nachzufolgen. Auch der sporonische Vize-Gouverneur namens Sermodas war damit einverstanden. Nachdem ich den Befehl über das Lager Maurizius übergeben hatte, begab ich mich mit meinen Offizieren an Bord des Gouverneurschiffes, während die übrigen meiner Leute, die mich schon jetzt begleiteten, auf die anderen Schiffe verteilt wurden, von denen einige im Hafen blieben, um die Zurückgelassenen in einigen Tagen nachzubringen.

Wir kamen in Sporonde am dritten Tage unserer Abfahrt von Sidenburg an. Ich begab mich sofort zu dem Statthalter, der mich auf das liebevollste empfing und sich mit mir viel über europäische Verhältnisse unterhielt. Dabei mußte ich seinen Reichtum an Kenntnissen und seinen scharfen Verstand bewundern.

Des anderen Tages brachten zwei Schiffe der Sporonen die meisten unserer Sidenburger Habseligkeiten und die Frauen.

Im zeitigen Morgenlicht des nächsten Tages bestieg ich mit vieren meiner Offiziere ein gedecktes Schiff, das reiche Bildschnitzereien und eine königliche Ausstattung aufwies, während meine Leute in drei anderen Fahrzeugen Platz fanden. Wir fuhren dem Strom hinauf, der hier eine sanfte Strömung hatte. Die Fahrt ging sehr schnell vonstatten, denn die muskulösen Ruderknechte, die jede Stunde abgelöst wurden, verstanden auf das Beste ihr schweres Geschäft. Die Ufer, an denen sich anfangs gewaltige Bauten erhoben, flogen nur so an unseren Augen vorbei. Wir fuhren so den ganzen Tag, ohne ein einzigesmal still zu halten. Am Abend kamen wir an eine Stadt, in deren Hafen wir einfuhren und schon von einer Menge Menschen erwartet wurden.

Ich ging mit Sermodas und Karchidas ans Land, wo uns der Bürgermeister der Stadt mit großer Höflichkeit empfing. Er konnte ausgezeichnet spanisch sprechen und zeigte große Freude, sich mit mir in dieser Sprache unterhalten zu können.

Die Stadt war so wie Sporonde gebaut, nur um ein Bedeutendes kleiner und lag in einer fruchtbaren Ebene.

Nach einem großen Gastmahl, das uns zu Ehren gegeben wurde, verabschiedeten wir uns von dem freundlichen Bürgermeister der Stadt, die Sporinde hieß, bestiegen die Staatsgaleeren und setzten unsere Reise fort. Gleich oberhalb der Stadt wurde die Strömung plötzlich so reißend, daß sie von den Ruderern nicht mehr bewältigt werden konnte. Es mußten Pferde vorgespannt werden, die an Seilen die Schiffe langsam hinter sich nachzogen. Nun hatten wir Muße, die Gegend zu betrachten, die immer mehr gebirgig wurde. Wir kamen an mehreren Städtchen vorbei, wo wir uns nicht aufhielten, sondern nur eiligst die Pferde wechselten.

Erst am Abend legten wir an einem dieser Städtchen an, blieben aber an Bord, da nichts Außergewöhnliches zu sehen war. Am nächsten Morgen verließen wir die Schiffe und bestiegen eine Reihe vielsitziger Wagen, mit diesen die Reise zu Lande fortsetzend. An mehreren Städten und vielen Dörfern vorbei, kamen wir des Abends in einer größeren Stadt an, die am Rande eines mächtigen Gebirgsstockes lag. Sie hieß Sporage und war die Grenzstadt der Provinz Sporone.

Wir besichtigten hier großartige Bewässerungsanlagen, die gewaltige Flächen früheren Wüstenbodens in ein Paradies der Fruchtbarkeit umgewandelt hatten, wie es mir in solcher Ausdehnung und Fülle noch nicht untergekommen war. Wir blieben drei Tage in Sporage, um für die beschwerliche Reise über das Gebirge Kräfte zu sammeln. Der Bürgermeister der Stadt namens Astorbas umgab uns mit allen erdenklichen Annehmlichkeiten und lud mich und meine Offiziere zu einer Jagd ein.

Kleine Wagen brachten uns und die übrige Jagdgesellschaft in weniger als einer Stunde in einen dichten Cypressenwald, der eine Menge Tiere beherbergen sollte, unserem Dachs ähnlich, nur etwas größer und kräftiger. Die Einwohner nennen dieses Tier Abrusta.

Wir stiegen aus und drangen zwischen den mächtigen Baumstämmen, die im Umfange kleiner Türme in den Himmel zu reichen schienen, bis zu einer Lichtung vor, die von einer Strauchhecke in Hufeisenform eingezäumt war. Hinter dieser Hecke stellten wir uns auf und erwarteten das Hervorbrechen des Wildes, das von Hunden uns zugetrieben wurde. Wir hatten uns kaum zum Schusse gerüstet, als wir schon mehrere Abrustas, die in ihrer Wohlbeleibtheit einen komischen Eindruck machten, von zierlichen Hunden gehetzt, auf uns zu rasen sahen. Auf einen Zuruf des Jagdleiters schossen wir und drei der Tiere wälzten sich heulend im Grase. Der Kampf zwischen ihnen und den auf sie stürzenden Hunden war gräßlich anzuschauen. Er wurde mit einer Wildheit sondersgleichen geführt und hörte erst auf, als keines der angeschossenen Tiere mehr ein Lebenszeichen gab.

Am Nachmittage des anderen Tages lud man uns zum Fischen in einem umfangreichen Weiher ein, der eine Art großer Lachse beherbergte, die mit Lanzen gejagt wurden und in der Abwehr eine erstaunliche Kraft bewiesen. Die erlegten Fische hatten ein Gewicht von acht bis zehn Pfund und zeigten auf der Rückseite herrlich blauschillernde Schuppen. Nach dieser Art der Fischerei zeigte man uns eine, die mit einem dressierten Tiere, das größer als unsere Hauskatze war, einen Fuchskopf und lange graue Haare hatte, ausgeführt wurde. Es stürzte sich auf Befehl des Oberfischers in die Flut und brachte nach kurzer Zeit mit den Zähnen einen Fisch ans Ufer. Auf diese Weise, erzählte man uns, fange er auch die flügellosen Wasservögel, die im Schilf der Bewässerungskanäle hausten.

Von Sporage ging die Reise zu Fuß weiter. Gleich hinter der Stadt betraten wir ein enges Tal, das sich zwischen jäh abfallenden Felsen in die Höhe schraubte. Es war beinahe dämmerig darin und schauernde Kühle griff uns ans Herz. Sermones sagte, er wolle uns auf diesem Weg der Hölle in das Paradies führen. Nach einer Stunde harter Wanderung durch diese schauerliche Einöde gelangten wir an eine Stelle, von der ab der Weg noch halsbrecherischer und furchteinflößender wurde; die Felsen hatten sich bis zu einem schmalen Hals zusammengedrängt. Stufen in das vom Regen noch feuchte Gestein, über das riesenhafte Kröten huschten, gehauen, boten unseren Füßen den einzigen Halt. In furchtbarer Tiefe unter uns brodelte es wie in einem Hexenkessel und Modergeruch verlegte uns den Atem. Ganz ermattet, besonders unsere Frauen, erreichten wir endlich ein Plateau, das, wie es schien, in eine gewaltig große Höhle ausging. Vor diesem Gewölbe stand eine feste Steinhütte, aus der bei unserem Nahen ein paar Menschen mit brennenden Fackeln heraustraten. Sie reichten einem jeden von uns eine grüne Tuchkappe zum Schutz für das Haupt und einen Mantel, der mit Pelz gefüttert war und den umzulegen uns Sermones gebot.

Die bisherigen Anstrengungen, die schauerliche Umgebung und die geheimnisvollen Vorbereitungen hatten aber unsere Frauen so erregt, daß sie plötzlich zu weinen und zu schreien anfingen, weil sie des Glaubens waren, daß nun ihr Ende gekommen sei und sie nimmermehr das Licht des Tages erblicken würden. Nur mit großer Mühe konnten wir sie beruhigen, wir, denen die Geschichte selbst unheimlich vorkam und die sich hundert Meilen weg von diesem schauerlichen Orte wünschten.

Gar manchen von uns hat gewiß das Herz geklopft, als wir, an der Spitze die Fackelträger, in das fette Schwarz der Höhle eindrangen. Schauerlich widerhallten unsere Schritte auf dem eisglatten Boden, auf dem jeden Augenblick einer von uns ausglitt. Wie Donner rollte es dann vor uns entlang. Der Fackelschein riß gespenstische Schatten in das Dunkel, das uns in unermeßlicher Dichte zu umgeben schien. Hie und da sahen wir beim Aufleuchten der Fackeln links und rechts schmale Gänge wie Schlangen in der steinernen Nacht verschwinden.

Um die Frauen und die Allzuängstlichen unter uns zu beruhigen, erzählte Karchida mit lauter Stimme, daß dieses mächtige Gewölbe ein Werk der Natur sei, das Menschenhände gangbar gemacht hätten. Er leuchtete zur Decke empor und wir erblickten ein Wunderwerk: hunderte von riesigen Kristallzapfen in allen Formen und Größen, wie von einem inneren Licht erglühend. Ich hatte dreitausend Schritte gezählt, als wir plötzlich Sonnenschein in das Dunkel fluten sahen und unsere entzückten Augen in ein weites Tal fielen. Dies empfing uns wie eine riesige Schale voll Blumen. In der Mitte dieser lichten Herrlichkeit erhob eine Stadt ihre ornamentalen Glockentürme. Es war dies Sevara, die Grenzstadt der Provinz Sevarambe.

 

Vor dem Tore, durch das wir in die Stadt Sevara einzogen, empfing uns Komus, der Statthalter dieser Provinz. Er war ein etwa vierzigjähriger Mann mit mächtigem Körperbau, dessen Hautfarbe ein dunkelgetöntes Braun war. An vielen neugierigen Menschen vorbei, die sich aber sehr wohlgesittet betrugen, führte er uns unter höflichen und freundlichen Reden in seinen weitläufigen Palast, in dem große Säle meine Leute aufnahmen, während ich und meine Offiziere reich ausgeschmückte Zimmer angewiesen erhielten.

Nachdem wir uns von dem Reisestaub gereinigt und etwas erholt hatten, nahmen wir eine reichliche Mahlzeit in Gegenwart von Komus ein, der uns wie fremde Fürstlichkeiten behandelte und uns jede Aufmerksamkeit erwies.

So lud er uns nach dem Essen zu einer Jagd ein. Zu diesem Zweck begaben wir uns mit großem Gefolge mit Hilfe zweiräderiger Wagen in ein Wäldchen gleich unterhalb der Stadt, das ein munteres Flüßchen einsäumte. Wir bestiegen einen Hügel, von dem aus wir das Tal gegen Westen ganz mit herrlichen Wäldern bedeckt fanden, deren großblätterige, grellgrün schimmernde Bäume ich nicht kannte. Komus sagte, wenn wir Zeit hätten, wolle er uns gerne das aufregende Vergnügen einer Bärenjagd verschaffen, von welchen Tieren es in diesen Wäldern nicht wenig gebe. Auch lebe dort ein weißes Tier, groß wie ein Tiger, aber nicht mit dessen furchtbarem Gebiß versehen, dagegen von einer Gewandtheit und Schnelligkeit, die seine Jagd zu einer der beschwerlichsten mache. Karchidas mußte für uns das freundliche Anerbieten abweisen, da wir nach dem Reiseplan nur einen Tag bleiben konnten. Da bat er uns, wenigstens einem Fischzug beizuwohnen, wozu Karchidas seine Einwilligung gab.

Wir kehrten nun an den schmalen Flußlauf zurück, in dem es sehr tiefe, von Felsen eingesäumte Stellen gab, In diesen Wassermulden hielt sich ein zierlicher Fisch von der Größe unserer Forellen auf, der alle Farben spielte. Nun wurden falkenähnliche Vögel herbeigebracht, die, kaum von Kappe und Riemen befreit, auf die Fische herunterstießen und deren eine Menge in kurzer Zeit ans Ufer brachten.

In die Stadt zurückgekehrt, begaben wir uns nach der Abendmahlzeit sofort zur Küche, da wir in aller Frühe des nächsten Tages die Reise fortsetzen mußten.

Das Land, durch das wir kamen, zeigte reichen Feldbau. Aber noch mehr staunten wir über die großen Herden von Kühen, Ochsen und Pferden, die auf riesigen Weiden zu sehen waren. Die Dörfer, an denen wir vorbeisausten, bestanden alle nur aus vier bis sechs mächtigen Gebäuden, die, aus festestem Material gebaut, mehrere Stockwerke hoch waren.

An diesem Tage endigte unsere Reise in einer kleinen Stadt, die am Fuße einer gewaltigen, steilabfallenden Gebirgswand lag, die sich quer durch das ganze Land zog und dieses wie ein steinerner Vorhang in zwei Hälften teilte.

Auf Saumpfaden, die von unten ein menschliches Auge nicht entdecken konnte, ging es am anderen Morgen das Gebirge hinauf. Gegen Mittag zu hatten wir es bewältigt und standen auf einem Hochplateau, auf dem eine gar herrliche Luft wehte. Wir überblickten ungeheure Grasweiden, Futterplätze für eine Unmenge Vieh, das hier für 8 Monate aufgetrieben wird, während es die übrige Zeit des Jahres, vor Kälte und Schnee geschützt, in den Tälern verbringt. Nur wenige feste Häuser für die Hirten hoben sich von dem tiefblauen Himmel ab. Nach Durchwanderung dieser vielleicht eine Meile breiten Hochebene, stiegen wir wieder ab und gelangten gerade vor Einbruch der Dunkelheit in eine größere Stadt, namens Ambe. Hier fiel uns der herrliche Wuchs der Einwohner auf, auch war ihre Hautfarbe viel heller, besonders bei den Frauen, denen die zarte Bleiche ihres Gesichtes, hinter dessen Haut das Blut wie ein Licht brannte, große Schönheit verlieh.

Im Morgengrauen kehrten wir der Stadt Ambe den Rücken. Wir saßen zu sechs Personen in Körben, die auf den Rücken mächtiger Kamele geschnallt waren. In gemächlichem Trab ging es durch ein breites Tal, durch das ein Fluß mit starkem Gefälle strömte. Manchmal war das Tosen der stürzenden Wasser so stark, daß das lauteste Wort nicht vernehmbar war.

Im Mittagsbrand wurden bei einem großen Dorfe die Kamele wieder gegen Wagen umgewechselt, mit denen wir bis zur Stadt Arkose kamen, von wo aus am nächsten Tage der letzte Rest des Weges mit Schiffen zurückgelegt werden sollte. Arkose lag in dem Knie, das durch Zusammenströmen zweier Flüsse gebildet wurde. Im rechten Umkreis von hohen, dichtbewaldeten Bergen umgeben, ließ sie den Blick über den Hauptstrom hin in eine mächtige Ebene wandern, die sich in den Horizont verlor und viele Städte und Dörfer trug.

Der Bürgermeister von Arkose, ein ehrwürdiger Greis, kam uns mit mehreren seiner Räte an dem Stadttor entgegen und geleitete uns in ein prächtiges Gebäude, das uns gänzlich zur Verfügung gestellt wurde.

In der Nacht setzte ein gewaltiger Regen ein, der am Morgen wohl aufgehört, aber die Fahrt mit so viel Schiffen auf dem Strom gefährlich gemacht hätte. Karchidas beschloß deshalb, zwei Tage in Arkose zu verbringen, worüber nicht nur der Bürgermeister, sondern auch wir uns sehr freuten. Während meine Gefährten von verschiedenen Würdenträgern in der schönen Stadt herumgeführt wurden, begab ich mich mit Karchidas und dem Bürgermeister in den mehrere Morgen großen Garten des Regierungsgebäudes. Ich konnte hier die unerhörtesten Gartenkünste bewundern, die mit Blumen, Blattgewächsen und Bäumen ausgeführt waren, von deren Blütenpracht, Duft und bizarren Formen ein Europäer sich keine Vorstellung machen kann. Und Springbrunnen führten auf ihren Wasserproben meine Blicke in schwindelnde Höhe hinauf, wo ein Himmel strahlte, der eine einzige mächtige Sonne schien. Von einem Aussichtsturme aus konnte ich dann die Herrlichkeit des Landes vor mir bewundern. Schönes schmiegte sich an Herrisches, Liebliches an Bilder voll düsterer und gewaltiger Pracht. Alles wie durchleuchtet von dieser unerhört wundervollen Sonne.

In meine wortlose Bewunderung hinein hörte ich leise den Karchidas fragen:

»Nun, Kapitän Sieden, wie findet Ihr dieses Land, dessen Einwohner Ihr zuerst als blut- und rachedürstige Barbaren angesehen habt? Findet Ihr, daß man in ihm leben kann?«

Ich antwortete ihm beschämt, daß ich vor Verwunderung über seine Schönheit und Kultur, die den Ländern unserer Zone weit überlegen sei, kaum ein Wort sagen könne.

Er lächelte und sagte:

»Ich freue mich, daß es Euch bei uns so wohl gefällt. Aber Ihr sollt noch nicht am Ende Eueres Staunens sein. Was Ihr bisher gesehen, ist nur ein Vorgeschmack dessen, was Euch noch erwartet. Wenn Ihr die Wunder von Sevarinde schauen werdet, wird es Euch vorkommen, als wären die Provinzen, durch die Ihr bisher gekommen, Vorhöfe zu diesem Paradiese, das in jeder Beziehung seinesgleichen auf der Erde sucht. Der ewig feurige Gott da oben« – und erblickte schwärmenden Auges zur Sonne empor – »hat uns, seine treuesten Kinder, so begnadet, daß wir die größten Werke des Leibes und der Seele beginnen und vollenden konnten. Ehre sei seinem goldenen Angesicht!«

 

Da in der Frühe des dritten Tages unserer Anwesenheit in Arkose sich das Hochwasser so ziemlich verlaufen hatte, wurde zur Weiterreise gerüstet. Gleich nach dem Mittagessen bestiegen wir flachgebaute Schiffe und fuhren durch ein reichangebautes Gebiet. Auf ein paar Städte und viele Dörfer konnten unsere neugierigen Blicke fallen. Gemächlich in Lehnstühlen von feinstem Strohgeflecht zurückgelehnt, kam es mir und meinen Gefährten vor, als wären wir schon gestorben und bei freigebigen Göttern zu Gast. Als die Dämmerung ihren feinen Schleier über alle Dinge zu weben begann und wir gerade aus einer Wirrnis vieler kleiner Inseln herausfuhren, sahen wir plötzlich eine gewaltige Stadt vor uns, die zu beiden Seiten des Stromes ihre Mauern weit in das Land hinaussandte.

Als wir an der marmornen, von steinernen Türen in Riesengröße flankierten Hafentreppe anlegten, sahen wir entlang den Quaiquadern und den Häusern des Hafenplatzes tausende und abertausende von Menschen stehen, die unserer gemeldeten Ankunft harrten.

Wir waren in Sevarinde, der Hauptstadt des seltsamen Reiches und der Residenz des Vertreters der Sonne angekommen.

Wir wurden nur ganz kurze Zeit der Neugier der Einwohner ausgesetzt, denn das Gebäude, wohin uns die zu unserem ersten Empfange erschienenen Würdenträger geleiteten, lag nur wenige Schritte vom Hafen entfernt am Beginne eines mächtigen Straßenzuges, der, langsam ansteigend, in der Unendlichkeit des Himmels zu enden schien. Im Hause selbst erwarteten uns eine Menge Sklaven, von denen jeder von uns je nach dem Rang, den er in unserer Gemeinschaft einnahm, einen bis drei zugewiesen erhielt. Auch sonst umgab uns jede erdenkbare Annehmlichkeit und Karchidas wurde nicht müde, uns immer und immer wieder nach unseren Wünschen zu fragen. Zu unserem Hause gehörte ein großer Garten mit herrlichen Laubgängen, in denen wir oft lustwandelten und viele Besuche hervorragender Mitglieder und Bürger der Stadt empfingen.

So vergingen acht Tage in Lust und Freude. Jede Besorgnis über die Gesinnung des Königs uns gegenüber war vor den Zeichen seiner Güte, die er uns angedeihen ließ, verschwunden und so vernahm ich eines Tages ohne besonderes Herzklopfen den Befehl, mich und meine Leute für die Audienz vor dem Herrscher bereit zu machen. Nach einem Bade im duftenden Wasser erhielten wir alle faltige Kleider aus feinstem, mit Blumen durchwirktem Leinen. Das meine war noch dazu auf das köstlichste mit Seide umwebt und mit Silberbrokat eingesäumt. Dann gab man uns jedem einen grünen Zweig in die Hand und nun ging es im feierlichen Zuge durch festlich geschmückte Straßen zum Palast der Sonne. Karchidas sagte mir, daß uns zu Ehren dieser Tag als Feiertag ausgerufen worden sei. Dies erklärte mir die Ansammlung großer Volksmassen zu beiden Seiten des Weges, den wir kamen.

Nach einer Stunde langsamen Dahinschreitens gelangten wir auf einen mächtigen Platz, in dessen Mitte ein Bauwunder von einem Palast stand. Ganz aus rötlich schimmerndem, weißem Marmor errichtet, bedeckte er mit seinen 48 mächtigen Toren und tausenden Fenstern die Fläche einer kleinen Stadt. Unter den Klängen einer unsichtbaren Musik zogen wir durch das größte Portal in das Kaiserliche Haus ein. Wir durchschritten nun mehrere Höfe, die eine verwirrende Pracht zur Schau stellten. Gewaltige Säulen, aus einem Stück Achat geformt, stützten phantastisch geschnitzte Ballustraden von tiefschwarzem Stein, aus denen blendendweiße Tier- und Menschenfiguren hervorsprangen. Die Kanten und Ecken waren mit Gold beschlagen und in den Wänden eingelegte Bilder aus flach und matt geschliffenen, vielfarbigen Edelsteinen zu sehen. Riesige Schalen aus Kristall fingen wohlriechende Wasserstrahlen auf und allenthalben lagen zahme pantherähnliche Tiere herum, aus deren seidenem Fell die Sonne Funken sog.

Über eine breite Treppe mit Goldfliesen gelangten wir in eine Halle von großem Umfange. Hier war die Pracht schier noch blendender und wir mußten eine Weile vor dem schimmernden Wunder der riesigen Wände und der kühngewölbten Decke die Augen schließen. In herrlich ziselierten Pfannen aus einem grünen Metall brannte wohlriechendes Räucherwerk mit durchsichtigem, rosafarbenem Rauch empor. Liebliche traumhafte Musik ertönte. Plötzlich setzte diese aus, ein Vorhang, aus den Perlen des Meeres zusammengetzt, floß wie eine rosa Frühlingswolke auf die Seite. Eine Art niederer Kirchenchor ganz aus Gold getrieben, wurde sichtbar, in dessen Mitte auf elfenbeinernem Thron in einsamer Kaiserlichkeit ein Mann in einfacher schneeweißer Toga, aber mit einem breiten Stirnreif aus unerhört großen Diamanten saß . . .

Sevaris, der Stellvertreter der Sonne und Herrscher dieses seltsamen Reiches.

Im weiten Abstand von ihm, an der Wand des Chores, standen in zwei Reihen seine Großwürdenträger in flutenden Purpur gehüllt und mit mehr oder weniger breiten Stirnreifen aus Gold bedeckt. Lautlose Stille herrschte, als einer der purpurnen Männer dem Kachira ein Zeichen gab, worauf uns dieser mit Hilfe einiger Palastwachen verständigte, zum Zeichen der Begrüßung und Ergebenheit drei tiefe Verbeugungen zu machen. Dann nahm er mich bei der Hand und führte mich an das Geländer des Chores. Hier streckte mir Sevaris seine jedes Schmuckes bare Hand entgegen, die ich ehrerbietig küßte und sprach im reinsten Spanisch:

»Sei mir willkommen, Fremdling, mit deiner Schar im Staat der Sonne. Ein böses Schicksal hat Euch gar Übles zugefügt, doch nun hat Euch die Allgüte meiner ewigen Mutter meinem und meines Volkes Schutze zugeführt und Ihr sollt es nicht zu bereuen haben, die Grenzen meines Reiches überschritten zu haben. Lebet nach meinen Gesetzen, soweit Eure fremde Natur es zuläßt und mein Auge wird in steter Sorge über Euch wachen!«

Wieder reichte er mir freundlich die Hand, wehrte aber diesmal meinen Kuß ab und winkte meinen Leuten freundlichst zu. Wir verließen in derselben Ordnung, wie wir gekommen waren, die Halle und den unvergleichlichen Palast, um uns, noch ganz betäubt von dem Gesehenen, in unsere Behausung zurückzubegeben.

Nun vergingen zehn Tage, die wir im herrlichen Nichtstun verbrachten, außer daß wir viel in Begleitung von Abgesandten des Herrschers spazieren gingen und die Sehenswürdigkeiten der Stadt und ihrer näheren Umgebung besichtigten, bis Karchides mir und meinen Offizieren folgendes sagte:

»Meine Herren, ich glaube es ist jetzt an der Zeit, Eueren Leuten Beschäftigung zu geben. Müßiggang macht die Seelen, besonders die der einfachen Menschen, gebrechlich und wenig widerstandsfähig gegen die Sünden. Ich schlage deshalb vor, jeden Einzelnen Eurer Schar auf seine Fähigkeiten hin zu prüfen und ihnen eine angemessene Beschäftigung anzuweisen. Ich rate Euch, dies zu Euerem Vorteil zu tun!«

Wir pflichteten dem klugen Manne vollständig bei und baten ihn, uns bei der Verteilung der Arbeit an unsere Gefährten mit Rat und Tat beistehen zu wollen, insbesondere möge er uns bei der Organisierung unserer Schar in diesem fremden Land, dessen Gesetze, Sitten und Arbeitsmöglichkeiteu wir ja kaum noch kannten, behülflich sein. Darauf antwortete er:

»Wohlan, wir können jede fleißige und willige Hand brauchen und der Mühe verlangen wir wenig. Vor allem sollt Ihr Euch ohne eigenen Willen von einander nicht trennen müssen, sondern solange es Euch beliebt nahezu in der gleichen Ordnung, wie es Ihr bisher gewohnt gewesen, Euer Leben unter uns fortführen dürfen. Ihr, Kapitän« – damit wandte er sich an mich – »habt unter den schwierigsten Verhältnissen so viel Zeichen von Tatkraft, Tapferkeit und Klugheit gegeben, daß es dem Wunsch meines höchsten Herrn entspricht, wenn Ihr auch weiter mit Eueren gewählten Offizieren die Führung Euerer Leute behaltet. Ich will Euch gerne in den Gesetzen und Gebräuchen meines Volkes unterrichten. Vor allem rate ich Euch aber, unsere nicht sehr schwere Sprache zu erlernen. Zu diesem Zweck werde ich Euch einige Lehrer in das Haus senden, die Euch täglich einige Stunden geben sollen. Die tägliche Arbeitszeit beträgt für jeden Einwohner unseres Reiches 8 Stunden, da Ihr aber das Klima noch nicht gewöhnt seid, so sollt Ihr nur 6 Stunden des Tages arbeiten dürfen. An unseren Festen, deren wir viele im Jahre haben, bitte ich Euch, mit aller Fröhlichkeit, deren Ihr fähig seid, teilzunehmen!«

Nach diesen seinen Worten ließen wir unsere Leute, so Männer wie Frauen, antreten und fragten einen jeden, zu welchem Berufe er sich tauglich fühle und besondere Lust hätte Da meldeten sich viele, die einmal ein Handwerk gelernt hatten, und dieses wieder nach bestem Können ausüben wollten. Die Seeleute wieder wollten am Hafen oder auf Schiffen, die den großen Strom befuhren, eine ihnen genehme Arbeit aufnehmen, während der Rest meiner Gefährten den Wunsch äußerte, sich irgend einer Kunst oder der Landwirtschaft zu widmen. Karchidas nahm alle Wünsche freundlichst entgegen, lobte die Leute wegen ihres guten Willens und benachrichtigte uns, daß für uns, unten am Flusse in einem herrlichen Garten, ein Haus, viel größer als das, worin wir vorläufig wohnten, erbaut werden würde. Gleichzeitig stellte er uns einen Mann vor, der, solange wir der Sprache des Landes nicht mächtig waren, unsere Geschäfte führen wollte. Dieser hieß Farista und hatte ein gutmütiges und kluges Aussehen. Dann bat er uns, am Bau unseres Gemeinschaftshauses mitzuhelfen und den Baumeister auf unsere besonderen Wünsche aufmerksam zu machen.

Ich kam seiner Bitte sofort entgegen und schickte unter Befehl des de Haes den größeren Teil meiner Gefährten auf den Bauplatz, wo sie nun mit Befriedigung alle möglichen Arbeiten verrichteten.

Ich selbst fing sofort mit allem Fleiße an, die fremde Sprache zu erlernen und hatte nach drei Monaten solche Fortschritte darin gemacht, daß ich mich mit jedermann verständigen konnte. Und noch war kein Jahr seit unserer Ankunft in Sevarinde vergangen, als ich sie vollkommen beherrschte und mit ihr alle meine Gedanken geläufig ausdrücken konnte. Und auch die meisten meiner Gefährten lernten die schönklingende Sprache leicht.

Im Lauf der Zeit hatten viele eingeborene Mädchen mit den noch frauenlosen Männern unserer Schar mit Einverständnis der Regierung Ehen geschlossen, die reich mit Kinder gesegnet wurden.

Nach drei Jahren war ich schon ganz mit meinen Lebensgewohnheiten in die der Sevarambis aufgegangen, beherrschte wie ein Eingeborener die Sprache, so daß ich mich, ohne mehr aufzufallen, in ihre Gesellschaft begeben konnte, was ich nun bei jeder Gelegenheit tat, um ihre Sitten und Gebräuche tiefer zu studieren.

Sie haben viel besser und schöner gedruckte Bücher als wir und ihre öffentlichen Bibliotheken sind bis in die Nacht hinein von lese- und bildungshungrigen Leuten gefüllt. Kaum der Sprache halbwegs mächtig, lieh ich mir eine Menge Bücher über ihre Philosophie, Mathematik, Schauspielkunst und Historie aus, die ich eifrigst studierte. Besonderes Interesse schenkte ich ihrer Geschichte, die verhältnismäßig jung, aber voll der aufregendsten Bilder war. Nicht minder bemühte ich mich mit Fleiß, in den Sinn ihrer Gesetze einzudringen und die mystischen Formen ihrer Religion zu ergründen.

In größtes Staunen versetzte mich aber die Entdeckung, daß die Kultur der Sevarambis, die ich nach allem, was ich bisher von ihr gesehen, der unsrigen in Europa weit voranstellen müßte, eigentlich kaum zwei Menschenalter alt und das Werk eines einzelnen Mannes, des Vaters des jetzigen Herrschers namens Sevaro, war. Je mehr ich von diesem Fürsten und seinen Taten las, desto größer wurde mein Staunen über ihn, der die Tugenden eines großen Staatsmannes mit denen eines mächtigen Kriegshelden verband und als gütiger und geduldiger Lehrer sein Volk aus dem Dunkel rohester Barbarei in das Licht des edlen und gebildeten Menschentumes führte. Ich habe viele Bücher über das Leben dieses seltenen Mannes gelesen und den Entschluß gefaßt, das Hauptsächlichste daraus in die Sprache meiner Heimat zu übertragen, damit auch in Europa, vor allem in dem Lande meiner Herkunft, die Menschen an dem Dasein dieses wahrhaften Helden sich erbauen können.

Aus seiner Heimat verwiesen, aus grauestem Unglück schreitend, war er den feurigen Weg bis zur Höhe der Menschheit gegangen, als einer, der unentwegt an das Gute im Menschen und seine Abkommenschaft von einem höchsten Wesen glaubte und dem keine noch so große Widerwärtigkeit in die Wälder des Zweifels und die Sümpfe der Verzweiflung abirren ließ. Bevor ich an diese meine vornehmste Aufgabe trete, will ich noch einiges über die Hauptstadt des Reiches, das achte Weltwunder, Sevarinde, sagen.

Der größere Teil dieser wohl schönsten Stadt der Welt breitet sich auf einer Halbinsel aus, die mehrere Meilen Umfang hat und in einen der mächtigsten Ströme der Erde wie eine Terrasse hinausspringt. Auf der Flußseite wird sie von einer gewaltigen Marmorquadermauer gegen die Gefahr einer Überschwemmung geschützt. Auffallend ist die große Zahl herrlichster Gärten, in denen Blumen von unerhörter Schönheit blühen und Früchte gedeihen, von deren Größe und Wohlgeschmack wir in Europa keine Ahnung haben. Ebenso umgibt 20 Meilen im Umkreis gepflegtestes Parkland, in dem jeder Bewohner ein Lusthaus mit Fischwasser und Geflügelhof von der Regierung zugewiesen erhält, diese einzigartige Residenz, die auch ihrer geographischen Lage nach genau den. Mittelpunkt des Reiches bildet.

Jede Familie bewohnt mit ihrer ganzen Sippe ein Gemeinschaftshaus, das stets im Viereck gebaut und vier Stockwerke hoch ist. Solche Gemeinschaftshäuser, von denen ich über 600 zählte, fassen oft an 1000 Personen. Die Straßen sind alle gerade, sehr breit und haben links und rechts überwölbte, von Schlingpflanzen geschmückte Gänge, damit das rege Straßenleben auch bei starkem Regen nicht zu ruhen braucht. Beinahe an jeder Straßenecke sind monumentale Brunnen, die oft die reizendsten Wasserkünste zeigen. Auch sonst spielt die Bildhauerkunst eine große Rolle.

Allenthalben sieht das entzückte Auge die herrlichsten Bildwerke, zumeist aus blendend weißem Marmor.. Die vornehmsten Bauten sind der Königspalast, der Haupttempel der Sonne, das Schauspielhaus und sie bieten selbst am Tage einen märchenhaften Anblick. Da der weiße Marmor der vorherrschende Baustein ist, so hat es, wenn man die Stadt von der Höhe eines der fernen Berge betrachtet, den Anschein, als läge ein silbrig strahlendes Gestirn auf der Erde. Und des Nachts strömt der weiße Stein solche Helle aus, daß man vermeint, auf dem Mond zu wandeln.

Dies ist die Stadt, wo ich manches Jahr meiner Heimat fern zubrachte, viel an Wissen gewann und von deren Schöpfer und seinem Volke ich nun erzählen will.


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