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Vorwort.

Wir alle hören und sprechen fast jeden Tag Worte, die wir nicht in der Schule gelernt haben und die wir in keinem schöngeistigen Werk und auch nicht in den Zeitungen und Zeitschriften oder den üblichen Lexika finden. Fast jeder Beruf hat seinen eigenen kleinen Wortschatz. Fast jede Bevölkerung hat ihre eigene, mehr oder weniger amüsante oder ernste Ausdrucksweise. Und von Landschaft zu Landschaft wechselt der Klang und der Rhythmus der Sprache. Jede Provinz, ja fast jede Stadt hat ihren Dialekt.

Während aber viele Berufe nur wenig bestimmte technische Ausdrücke haben – wie die Buchhändler die »Krebse« und die Goldschmiede das »Gekrätz« – haben wir Menschen neben uns, die fast eine vollkommen andere Sprache sprechen: die Gauner, die Verbrecher, die Landstreicher, Kunden oder Tippelbrüder, wie sie sich selbst nennen, und die Dirnen, die ja in ziemlich enge Fühlung mit dem Verbrechertum stehen.

Als ich noch in der Goldschmiedewerkstatt saß, hörte ich von den Gesellen, die auf der Wanderschaft gewesen, schon so manches sonderbare Wort. Als ich aber nun selbst als reisender Handwerksbursche die Landstraßen maß, in Herbergen nächtigte und in Pennen einkehrte, als mich der Spitzkopp flebbte und ich durch manches Kaff tippelte, manche Winde stieß, die Leute ärgerte und mir Zinsen holte, als meine Trittchen link wurden und mein Wallmusch in Bruch kam, als ich bei Mutter Grün pennte und ein dufter Kunde wurde, da lernte ich auch die Sprache der Chausseegrabentapezierer und Himmelsfechter, der Schneeschipper im Sommer und Kirschenpflücker im Winter.

Später lernte ich in Kaschemmen und allerlei Schlupfwinkeln auch die Sprache der Gauner und die der Prostituierten und ihres Anhangs kennen. Und ein gründliches Studium vieler Werke, die bisher über Gaunertum und Gaunersprache erschienen sind, vervollständigte mein Lexikon, das ich in den Zeiten meiner Wanderschaft angefangen hatte und das eigentlich schon vor Jahren erscheinen sollte – als Ergänzung zu den »Liedern aus dem Rinnstein«.

Nicht wenige Werke sind erschienen. Das Vollständigste boten Prof. Kluge und Prof. L. Günther. Aber sie belasteten ihre Werke mit zu großer Wissenschaftlichkeit, als daß sie für das Leben und den täglichen Gebrauch von größerer Bedeutung sein könnten. Mich aber reizte das lebendige Wort. Nur das will ich fassen, was gesprochen wird. Jede philologische Untersuchung liegt mir fern. Die käme mir hier vor wie ein unnützer Ballast. Jedes an seiner Stelle! Ich glaube dadurch, daß ich mich auf das beschränke, was von den Verkommenen und Ausgestoßenen gesprochen wird, vollständiger sein zu können. Habe ich mich doch selbst in den Schlupfwinkeln umgehorcht und so manches Wort gehört, was bisher in keinem Lexikon abgedruckt war. Auf die allerletzte Vollkommenheit wird man allerdings nie kommen können. Die Sprache der Menschen der Tiefe ist ebenso in fortwährendem Fluß, wie die Sprache überhaupt. Jeden Tag entstehen neue Worte, jeden Tag entstehen Neubildungen. Und jeder Winkel des Deutschen Reiches hat seine besonderen, oft historisch begründeten Ausdrücke. So sprechen die Schmuggler an der belgisch-holländisch-deutschen Grenze ein anderes Gemisch als die in Oberschlesien. Hier ist das Feld für den Philologen. Ich aber konnte mich nur an jene Worte und Benennungen halten, die allen möglichen Gruppen des Gaunertums so ziemlich gemeinsam sind. Nur die Kundenausdrücke und die Dirnensprache habe ich, soweit sie irgend erreichbar waren, alle mitgeteilt, wenn viele von ihnen auch nur im Norden oder im Süden verwendet werden.

Sie gerade sind fast alle deutschen Ursprungs. Die eigentliche Verbrechersprache aber wimmelt von verballhornisierten Worten hebräischer Herkunft – ein Zeugnis, daß die Juden vielfach die intellektuellen Leiter der rheinischen und anderer Räuberbanden waren und daß noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts manche ostdeutschen Ortschaften nur von jüdischen Verbrechern bewohnt wurden. Die Jahrhunderte, in denen der Jude von allem, was nicht Geldverkehr hieß, ausgeschlossen wurde, brachten ihn eben in nahe Berührung mit dem Verbrecher, machten die Beherzteren von ihnen wohl gar selbst zum Verbrecher. Das Bedürfnis nach Geheimhaltung der beabsichtigten lichtscheuen Tat, das Bedürfnis sich untereinander verständigen zu können, ohne von Dritten belauscht werden zu können, nötigte die stets mit allen in Feindschaft lebenden, sich eine eigene Geheimsprache anzueignen. War nun gar ein Verbrechen entdeckt, war ein Angehöriger der Zunft ins Gefängnis geworfen und drohte ihm schwere Strafe, so war es noch nötiger für die geheimen Briefe und für die Zurufe Worte zu haben, die allen anderen Ohren fremd klangen. Und da die Landstreicher und die Dirnen ebenso verfolgt wurden, da sie sich an den gleichen Orten aufhielten und verkrochen, da Landstreicher und Dirne auch zugleich manchmal Verbrecher waren und noch sind, so benutzten sie dieselbe Sprache. Viele der im Wörterverzeichnis benutzten Worte sind eben allen eigen, die in die Rinnsteine hinabgeglitten, die gestrauchelt oder untergegangen sind. Solchen Ausdrücken habe ich kein besonderes Zeichen beigefügt. Nur die Worte, die bestimmten Kreisen fast allein eigen sind, habe ich als solche kenntlich gemacht – und ebenso fast alle, die von den Kunden gebraucht werden; von diesen Ausdrücken sind aber auch zugleich dem Sprachschatz der anderen Gruppen manche angehörig.

Während in der Verbrechersprache fast alle Worte mit einer unheimlichen Sachlichkeit gebildet sind und sie oft sogar das ganze Erschreckende und Grauenerrregende dieses entsetzlichsten aller Berufe an sich haben, drückt sich in den Dirnenausdrücken die ganze Schmach und Gemeinheit des horizontalen Gewerbes aus. In der Kundensprache aber kommt ein erheiternder, saftiger, oft wehmütig verklärter Humor vor, dem auch manchmal eine gewisse satyrische Spitze nicht fehlt. So wenn der Gendarm: August mit der Latte, Blankhut, Spitzkopp, Blitzableiter, Fußlatscher oder Deckel genannt wird. Welche Fülle von humorvollen Bezeichnungen hat die Kundensprache für den wirklich arbeitsscheuen duften Kunden! Chausseegrabentapezierer – Kirschenpflücker im Winter – Schneeschipper im Sommer – Wolkenschieber – Schlangengreifer – Luft- und Dichtmacher usw. Und das Betteln hat die duften Tippelbrüder geradezu gereizt, ihren Witz auszutoben. Sie »steigen auf die Fahrt«, sie »holen Zinsen«, »ärgern die Leute« und gehen »Klinkenputzen« und mehr solcher launigen Ausdrücke, die oft von großer Bildhaftigkeit sind. Ueberhaupt ist die Bildhaftigkeit eine Eigenheit der deutschen Kundensprache. Das Auge heißt Scheinling, der Hering Schwimmling, Hut Obermännchen, Mohrrüben Polizeifinger, Ei Weißling, Kartoffel Feldhuhn, Weißkohl Fußlappen, das Essen künstlicher Dünger (im besonderen: Anstaltsnahrung). Ja, die Bildhaftigkeit steigert sich oft zur Poesie, wie in den Ausdrücken Mutter Grün: Wiese, Feld, Busch – Vater Weiß: Winter.

So ist die Sprache der abseits vom bürgerlichen Leben sich durch die Welt Bringenden wohl geeignet, uns alle zu interessieren. Giebt sie doch Kunde von dem Leben und Treiben, Denken und Empfinden der Gefallenen, Verfolgten, Verlorenen und Unglücklichen und derer, die in unausgesetztem Kampf mit der Gesellschaft, mit Polizei und Richter liegen. Ist ihre Kenntnis doch geeignet, die Gefährlichkeit oder Harmlosigkeit unsrer Brüder und Schwestern da unten zu ergründen und ihnen näher zu kommen und inne zu werden, daß auch sie Menschen sind.

An dieser Stelle möchte ich noch den Vielen, die mir Worte und Ausdrücke zugeschickt und ihr freudiges Interesse gezeigt oder sonst geholfen haben meinen Dank sagen und sie und alle Leser bitten, ein wenig herumzuhorchen und mir neue unbekannte Worte und Ausdrücke, Sprüche, Lieder und Redensarten aus dem »Rinnstein« zuzuschickcn. Nur die Mitarbeit und das rastlose Interesse Vieler kann auch hier, wie bei den »Liedern aus dem Rinnstein« zur Vollständigkeit führen.

Großlichterfelde West im Sommer 1906.

Hans Ostwald.


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