Novalis
Fragmente II
Novalis

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Noten zum täglichen Leben

Über das Schlafengehn, das Müßiggehn, Essen. Abend, Morgen, das Jahr. Die Wäsche. Tägliche Beschäftigungen und Gesellschaften. Umgebung, Meublement, Gegend und Kleidung usw. 2182

Alles, was uns umgibt, die täglichen Vorfälle, die gewöhnlichen Verhältnisse, die Gewohnheiten unserer Lebensart, haben einen ununterbrochnen, eben darum unbemerkbaren, aber höchst wichtigen Einfluß auf uns. So heilsam und zweckdienlich dieser Kreislauf uns ist, insofern wir Genossen einer bestimmten Zeit, Glieder einer spezifischen Korporation sind, so hindert uns doch derselbe an einer höhern Entwicklung unsrer Natur. Divinatorische, magische, echt poetische Menschen können unter Verhältnissen, wie die unsrigen sind, nicht entstehn. (2183)

Über Übung. (2184)

Schlaf, Nahrung, Anzug und Reinigung, mündliche, schriftliche und handgreifliche Geschäfte (für mich, für den Staat, für meine Privatzirkel, für Menschen, für Welt). Gesellschaft, Bewegung, Amüsement, Kunsttätigkeit. 2185

Ein Premierminister, ein Fürst, ein Direktor überhaupt hat nur Menschen- und Künstler-, Charakter- und Talent kenntnis nötig. 2186

Der eigentliche Geschäftsmann hat weniger Kenntnisse und Fertigkeiten als historischen Geist und Bildung nötig. 2187

Verzeichnis aller Utensilien in einem Hause. 2188

Unnütze und gemeine Ansicht des Nutzens. 2189

Das Nützliche kann nur so dem Angenehmen entgegengesetzt werden als der Buchstabe dem Geiste oder das Mittel dem Zwecke. Unmittelbarer Besitz und Erwerb des Gemütlichen ist freilich unser ursprünglicher Wunsch, aber in der gegen wärtigcn Welt ist alles durchaus bedingt, und alles kann nur unter gewissen fremdartigen Voraussetzungen erlangt werden. 2190

Verdanken die Menschen dem Adel nichts? Sind sie reif genug, den Adel zu entbehren? 2191

Solange es noch Tapfre und Feige gibt – wird auch Adel sein. (Apologie des Erbadels, relativ) 2192

Der Vornehme vermehrt die Zentripetalkraft im Geringeren. 2193

Je höher etwas ist, desto weniger stößt es um – sondern bestärkt und verbessert vielmehr. 2194

Jeder Engländer ist eine Insel. 2195

Meinung ist individuell und wirkliche Meinung nur unter Meinungen. – Welche also nicht alle übrigen nezessitiert, ist noch keine wirkliche Meinung. So mit den Religionen, so den Naturwesen und allem. 2196

Wir wissen nur insoweit wir machen. 2197

An Gedanken interessiert uns entwedcr der Inhalt – die neue, frappante, richtige Funktion, oder ihre Entstehung – ihre Geschichte, ihre Verhältnisse – ihre mannigfaltige Stellung – ihre mannigfaltige Anwendung – ihr Nutzen – ihre verschiednen Formationen – . So läßt sich ein sehr trivialer Gedanke sehr interessant bearbeiten. Ein sehr weitläuftiges Unternehmen der Art kann sehr interessant sein, – ohnerachtet das Resultat eine Armseligkeit ist – hier ist die Methode – der Gang – der Prozcß das Intcressante und Angenehme. Jc rcifer man ist – desto mehr wird man Interessc an Produktionen der letztern Art haben. Das Neue interessiert weniger, weil man sieht, daß sich aus dem Alten so viel machen läßt. Kurz, man verliert die Lust am Mannigfaltigen, je mehr man Sinn für die Unendlichkeit des Einzelnen bekömmt – Man lernt das mit einem Instrument machen, wozu andre hunderte nötig haben – und interessiert sich überhaupt mehr für das Ausführen als für das Erfinden. 2198

Jedes echte Mittel ist das wesentliche Glied eines Zwecks, daher unvergänglich und bleibend wie dieser. Umgekehrter Prozeß, wo das Mittel Elauptsache und das Resultat Nebensache wird: schöner Prozeß. 2199

Jedes Ding hat seine Zeit. Übereilung. 2200

Sich nach den Dingen oder die Dinge nach sich richten – ist eins. 2201

Das Genießen und Machenlassen scheint in der Tat edler als das Verfertigen, als das Hervorbringen – das Zusehn als das Tun – das Denken als das Realisieren oder das Sein!!! 2202

Philosophie des Lebens enthält die Wissenschaft vom unabhängigen, selbstgemachten, in meiner Gewalt stehenden Leben – und gehört zur Lebenskunstlehre, oder dem System der Vorschriften, sich ein solches Leben zu bereiten. Alles Historische bezieht sich auf ein Gegebnes, so wie gegenteils alles Philosophische sich auf ein Gemachtes bezieht. – Aber auch die Historie hat einen philosophischen Teil. 2203

Unsere Meinung, Glaube, Überzeugung von der Schwierigkeit, Leichtigkeit, Erlaubtheit undNichterlaubtheit, Möglichkeit und Unmöglichkeit, Erfolg und Nichterfolg usw. eines Unternehmens, einer Elandlung bestimmt in der Tat dieselben. Z. B., es ist etwas mühselig und schädlich, wenn ich glaube, daß es so ist, und so fort. Selbst der Erfolg des Wissens beruht auf der Macht des Glaubens. In allem Wissen ist Glauben. 2204

Nichts bewahrt gewiß so sicher vor Unsinn – als Tätigkeit – technische Wirksamkeit. 2205

Nur das Bleibende ist unsl er ganzen Aufmerksamkeit wert – das fortwährend Nützliche. 2206

Über das Talent zu lernen, zuzuhören, zu betrachten, kurz nachzubilden, ohne eigne Mitwirkung. 2207

Wer nicht vorsätzlich, nach Plan und mit Aufmerksamkeit tätig sein kann, verrät Schwäche. Die Seele wird durch die Zersetzung zu schwach. Ohne Aufmerksamkcit auf das, was sie tut, gelingt ihr vieles. Sobald sie sich teilen muß, wird bei aller Anstrengung nichts. Hier muß sie sich überhaupt zu stärken suchen. Oft ist Verwöhnung daran schuld. Das Organ der Aufmerksamkeit ist auf Kosten des tätigen Organs geübt – voraus gebildet, zu reizbar gemacht worden. Nun zieht es alle Kraft an sich, und so entsteht diese Disproportion. 2208

Was muß ich lernen? Was kann nur gelernt werden? Aus Lernen und Hervorbringen entsteht die wissenschaftliche Bildung. 2209

Die sogenannten falschen Tendenzen sind die besten Mittel vielseitige Bildung zu bekommen. 2210

Es ist doch keine größere Freude, als alles zu verstehn – überall zu Hause zu sein – von allem Bescheid zu wissen – überall sich helfen zu können. Will man dann auch überall das Rechte, sucht man überall guten, lebendigen Willen zu erregen, zu erhalten – und alles zu einer schönen Absicht zu erheben, so kann man sich getrost für einen musterhaften Menschen halten und sich herzlich lieb haben und verehren. 2211

Etwas zu lernen ist ein sehr schöner Genuß – und etwas wirklich zu können ist die Quelle der Wohlbehägligkeit. 2212

Es ist nicht das Wissen allein, was uns glücklich macht, es ist die Qualität des Wissens, die subjektive Beschaffenheit des Wissens. Vollkommnes Wissen ist Überzeugung; und sie ist's, die uns glücklich macht und befriedigt. Totes – lebendiges Wissen. 2213

Wenn man einen Riesen sieht, so untersuche man erst den Stand der Sonne – und gebe acht, ob es nicht der Schatten eines Pygmäen ist.
(Über die ungeheuren Wirkungen des Kleinen – sind sie nicht alle wie der Riesenschatten des Pygmäen erklärbar?) 2214

Auch der Zufall ist nicht unergründlich – er hat seine Regelmäßigkeit. 2215

Aller Zufall ist wunderbar – Berührung eines höhern Wesens – ein Problem, Datum des tätig religiösen Sinns.
(Verwandlung in Zufall.)
Wunderbare Worte – und Formeln. (Synthesis des Willkürlichen und Unwillkürlichen.)
(Flamme zwischen Nichts und Etwas.) 2216

Spielen ist Experimentieren mit dem Zufall. 2217

Es giht gar kein eigentliches Unglück in der Welt – Glück und Unglück stehn in beständiger Waage. Jedes Unglück ist gleichsam das Hindernis eines Stroms, der nach überwundner Hinderung nur desto mächtiger durchbricht. Ni}gends auffallender als beim Mißwachs in der Ökonomie. 2218

Wer rechten Sinn für den Zufall hat, der kann alles Zufällige zur Bestimmung eines unbekannten Zufalls benutzen – er kann das Schicksal mit gleichem Glück in den Stellungen der Gestirne als in Sandkörnern, Vogelflug und Figuren suchen. 2219

Je abhängiger vom Zufall und von Umständen, desto weniger bestimmten, ausgebildeten, angewandten Willen – je mehr dies, je unabhängiger dort. 2220

Annihilation der niedern Bedürfnisse. Nur durch Bedürfnisse bin ich eingeschränkt – oder einschränkbar. Man muß ein niedres Bedürfnis und alles das, dem man keinen Einfluß auf sich gestatten will, absolut, als nicht für mich vorhanden, als non existent setzen – dadurch heb' ich alle Gemeinschaft mit ihm auf. 2221

Die Herrnhuter annihilieren ihre Vernunft – die Empfindsamen ihren Vestand – die Leute von Verstand ihr Herz. Kein Akt ist gewöhnlicher in uns – als der Annihilisationsakt. Eben so gewöhnlich ist der Positionsakt. Wir setzen und nehmen etwas willkürlich so an, weil wir es wollen. – Nicht aus bewußtem Eigensinn, denn hier wird wirklich mit Hinsicht auf unsern Willen etwas festgesetzt, sondern aus instinktartigem Eigensinn, der ebenfalls in der Trägheit, so sonderbar es auch scheint, seinen Grund hat. Es ist ein äußerst bequemes Vcrfahren, sich aller Mühe des Forschens zu überheben und allem innern und äußern Streit und Zwiespalt ein Ende zu machen. Es ist eine Art von Zauberei, durch die wir die Welt umher nach unsrer Bequemlichkeit und Laune bestellen.
Beide Handlungen sind verwandt und werden meistens zusammen angetroffcn. Es entsteht aber dadurch lauter Mißklang, und der Mcnsch, der auf diese Weise zu verfahren pflegt, befindet sich im Zustand der mehr oder minder ausgebildeten Wildheit .
Es gibt mancherlei Arten, von der vereinigten Sinnenwelt unabhängig zu werden.
1. durch Abstumpfung der Sinne (Gewöhnung, Erschöpfung, Abhärtung usw.),
2. durch zweckdienliche Anwendung, Mäßigung und Abwechselung der Sinnenreize (Heilkunst),
3. durch Maximen a) der Verachtung und b) der Feindlichkeit gegen alle Empfindungen. Die Maxime der Verachtung äußrer Empfindungen war den Stoikern und ist zum Teil den Wilden von Amerika eigen;
die der innern Empfindungen den sogenannten Leuten von Verstand in der großen Welt und sonst.
Die Maxime der Feindlichkeit gegen äußre und innre Empfindungen haben die strengen Anachoreten, Fakirs, Mönche, Büßer und Peiniger aller Zeit aufgestellt und oft und zum Teil befolgt. Manche sogenannte Bösewichter mögen diese Maxime wenigstens dunkel gehabt haben. Beide Maximen gehen leicht ineinander über und vermischen sich
4. teilweise durch Aushebung gewisser Sinne oder gewisser Reize, die durch Übung und Maxime einen beständigen, überwiegenden Einfluß erhalten.
So hat man sich mittelst des Körpers von der Seele, und umgekehrt mittelst dieses oder jenes äußern oder innern Gegenstandes von der Einwirkung aller übrigen Gegenstände losgemacht. Dahin gehört Leidenschaft aller Art, Glauben und Zuversicht zu uns selbst, zu andern Personen und Dingen, zu Geistern usw. Vorurteile und Meinungen befördern ebenfalls eine solche Teilfreiheit. So kann auch eine Unabhängigkeit von der wirklichen Sinnenwelt entstehn, indem man sich an die Zeichenwelt oder auch die vorgestellte Welt entweder gewöhnt, oder sie statt jener, als allein reizend, für sich festsetzt. Das erste pflegt bei Gelehrten und sonst noch sehr häufig der Fall zu sein – und beruht, nach dem, was oben gesagt wurde, auf dem gewöhnlich trägen Behagen des Menschen am Willkürlichen und Selbstgemachten und Festgesetztcn. Umgekehrt findet man Leute, die von der Vorstellungs- und Zeichenwelt nichts wissen wollen; das sind die rohsinnlichen Menschen, die alle Unabhängigkeit der Art für sich vernichten, und deren träge, plumpe, knechtische Gesinnung man in neuern Zeiten auch teilweise zum System erhoben hat – (Rousseau, Helvetius, auch Locke usw.) ein System, dessen Grundsatz zum Teil ziemlich allgemein Mode geworden ist. 2222

 


 


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