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Die fehlende Hand.

An anderer Stelle habe ich schon einmal Hewitts beliebten Ausspruch verzeichnet: es gebe nichts in der Welt, was nicht in London passiert ist, oder dort passieren könnte. Es gibt aber sonderbare Dinge, die in diesem nüchternen Lande und in diesen nüchternen Zeiten auch weit ab von London geschehen. Phantastische Verbrechen, wüste Rachsucht, mittelalterlicher Aberglaube, scheußliche Grausamkeit sind, wenn sie auch nicht gerade in die Augen fallen, doch nicht weniger ausgestorben als die alten Stämme, die dies alles in dem dunklen Zeitalter ausübten. Einige der Stämme sind zivilisiert worden, und von einigen der Grausamkeiten hört man nichts mehr. Aber Ueberbleibsel gibt es von beiden. Ich erwähne diese Sache, weil ich einen besonderen Fall im Auge habe, den Hewitt und ich zusammen erlebten – eine Sache, die einen zweifeln ließ, daß man im neunzehnten Jahrhundert lebte.

Mein guter Onkel, der Oberst, pflegte keine große Gastfreundschaft auf seinem Besitz Ravenhorst auszuüben, teils weil das Haus nicht groß war und teils weil seine Gicht ihn recht plagte. Aber er hatte eine kleine vorzügliche Jagd für zwei bis drei Schützen, und wenn er selbst auch nicht das Haus verlassen konnte, so freute er sich doch, wenn seine Freunde auf seinem Gebiet dem Sport nachgingen. Auf mich war der alte Herr freilich etwas ärgerlich, weil ich ihn so selten besuchte, und doch brachte ich, wenn es mit meinen Ferien stimmte, immer gern ein paar Tage bei ihm zu. Mehr als einmal habe ich meinen Onkel mit Berichten über meinen Freund Martin Hewitt erheitert, und mehr als einmal hatte er den Wunsch ausgesprochen, Hewitt kennen zu lernen. Schließlich beauftragte er mich, Hewitt bei nächster Gelegenheit nach Ravenhorst mitzubringen.

Endlich hatte ich meinen Freund so weit, daß er einmal vierzehn Tage ausspannen wollte, und da ich gerade Ferien hatte, so reisten wir selbander in den ersten Tagen des September nach Ravenhorst, noch ehe die Jagd eröffnet war.

Der Oberst war an sein Schmerzenslager gefesselt. Wir waren die einzigen Gäste, unterhielten uns aber vortrefflich. Während dieser kurzen Ferienzeit passierte die Geschichte, die ich anfangs erwähnte.

Schon früher habe ich einiges über Hewitts Tätigkeit und Erfolge berichtet, meist ganz objektiv. Den vorliegenden Fall erlebte ich aber mit ihm zusammen und wurde Zeuge seines Scharfsinnes und seiner Geschicklichkeit.

Ich will nun etwas zurückgreifen und die sonderbaren Verhältnisse darlegen, die zu dem tragischen Ausgang führten, wenn wir sie selbst auch erst später erfuhren.

Die Fosters waren eine ziemlich alte Familie in Ravenhorst. Herr Hans Foster war im vierzigsten Lebensjahre plötzlich gestorben und hinterließ eine zwölf Jahre jüngere Frau nebst drei Kindern: zwei Söhne und eine Tochter. Die Jungen wuchsen gesund und kräftig heran, trieben sich den ganzen Tag im Freien herum und hatten einen ausgesprochenen Sinn für jeglichen Sport.

Sie besaßen alle die guten und schlechten Eigenschaften, die ziemlich gut veranlagten Knaben eigen sind, die von Anfang an zu viel ihren eigenen Willen hatten.

Der einzige wirklich schlechte Charakterzug war eine unglückliche Vorliebe, alles nachzutragen, und eine brutale Rachsucht gegen die Leute, die sie für ihre Feinde hielten. Mit den Dorflümmeln standen sie beständig auf dem Kriegsfuß. Einmal wurden sie in eine recht unangenehme Geschichte verwickelt, als sie dem Sohn des Fleischers, der allerdings ein Tunichtgut war, eine Ladung Schrot aufpfefferten.

Zur bestimmten Zeit kamen sie nach Oxford, wo sie die ersten Semester verbummelten. Nach kurzer Zeit wurden sie von der Universität ausgewiesen. Warum, war nie bekannt geworden; aber man munkelte von Gewalttätigkeiten. Es war ungefähr sechzehn Jahre nach dem Tode ihres Vaters, als Heinrich und Robert Foster Herrn Jonas Schmittchen kennen lernten und sofort eine heftige Abneigung gegen ihn faßten. Schmittchen nannte sich Direktor einer Sparkasse und kleinen Versicherungsgesellschaft.

Er kam viel öfter nach Ramdorf – dem Wohnsitz der Fosters – als die beiden Söhne für nötig hielten, und es lag sicherlich nicht an ihnen, daß es geschah. Herr Schmittchen schien ihre Grobheit und Ungastlichkeit nicht zu bemerken.

Aber ihre Mutter hieß ihn willkommen, und schließlich erfuhr man, daß Frau Foster sich mit Herrn Schmittchen verheiraten würde.

Dadurch entstanden die heftigsten Szenen in Ramdorf. Heinrich und Robert nannten ihren zukünftigen Stiefvater einen Glücksjäger, Heuchler und Schnüffler. Sie ließen auch deutlich durchblicken, daß sie ihn in seiner Stellung als Direktor für unehrenhaft hielten. Kurz, das Haus wurde zum Kampfplatz. Die Hochzeit fand statt, aber es dauerte nicht lange, da zeigte Herr Schmittchen seinen wahren Charakter. Einige Monate lang war er das Muster eines allerdings etwas scheinheiligen Ehemannes, denn seine Frau stand vollständig unter seiner Macht. Dann machte er die unliebsame Entdeckung, daß das Geld seiner Frau von ihrem ersten Mann sichergestellt war, und daß es außerhalb ihrer Macht stand, Geld zu erheben oder ihm durch Schenkungsakt oder Testament ihr Vermögen zu hinterlassen. Nun entpuppte sich der Mann zu seiner wahren Gestalt. Frau Schmittchen war eine törichte und sehr zärtliche, ja verblendete Frau, aber Schmittchen zahlte ihr mit Hohn und Undank alles zurück und erklärte brutal, daß er sie nur des Geldes wegen genommen habe und empörend hintergangen worden sei. Ja, es kam sogar zu Mißhandlungen, was anfangs geheim blieb. Schließlich verkrachte die Sparkasse und die Versicherungsgesellschaft, und jedermann wunderte sich, daß Schmittchen dem Zuchthaus entgangen war. Er war aber schlau genug gewesen, dem Buchstaben des Gesetzes nicht zuwider zu handeln, und konnte also nicht gefaßt werden. Doch war er gänzlich verarmt und lebte sozusagen als Pensionär seiner Frau. Seine Brutalitäten steigerten sich, und die arme Frau lebte in beständiger Todesangst, während Fräulein Foster ein trübseliges Dasein fristete. Allen Bitten ihrer Freunde zum Trotz, weigerte sich Frau Schmittchen dennoch, eine Scheidung zu beantragen. Sie klammerte sich an ihn mit der Ausrede, – denn weiter war es nichts – daß sie überzeugt sei, ihren Mann zur Güte zu zwingen durch vollständigen Gehorsam und größte Nachgiebigkeit. Ihre Verblendung nahm zu, je mehr ihre Kräfte abnahmen.

Heinrich und Robert schwiegen natürlich nicht bei allen diesen Geschehnissen. Es gab entsetzliche Szenen, und mehrfach entging ihr Stiefvater nur mit knapper Not einer empfindlichen Züchtigung. Namentlich einmal, als Schmittchen ohne jede Veranlassung die Hand gegen seine Frau erhob, gab es eine furchtbare Szene. Die beiden sprangen wie wilde Tiere auf ihn los, warfen ihn zu Boden und schleiften ihn zum Fenster. Sie hätten ihn unfehlbar hinausgeworfen, wenn die in Tränen aufgelöste Mutter sie nicht daran gehindert hätte.

Wenn Sie die Hand gegen meine Mutter erheben, schrie Heinrich, Schmittchen am Halse packend, bis er blau im Gesicht war – wenn Sie noch einmal die Hand gegen meine Mutter erheben, so schlage ich selbe ab, verlassen Sie sich darauf. Ich schlage sie ab und jage sie Ihnen in die Kehle, daß Sie daran ersticken.

Nein, sagte Robert, weiß und außer sich vor Wut, nein, wir machen es noch besser! Wir werden Sie aufknüpfen, an der Tür aufknüpfen! Sie sind ein überführter Lügner und Dieb und schlimmer als ein gewöhnlicher Mörder. Ich würde Sie für einen Groschen aufhängen!

Einige Tage lang war Schmittchen ziemlich ruhig, eingeschüchtert durch die Wut der Söhne. Nur rächte er sich doppelt an seiner unglücklichen Frau, immer während der Abwesenheit ihrer Söhne, da er genau wußte, daß sie nichts sagen würde. Ihrerseits hielten die Brüder ihn in heilsamem Schrecken und kamen niemals mit ihm zusammen, ohne mit teuflischer Freude ihre Drohungen zu wiederholen, so daß er sich nie sicher fühlte.

Hüten Sie Ihre Hände, Herr, pflegten sie zu sagen. Behalten Sie sie bei sich, oder, beim Teufel, wir schlagen sie Ihnen mit einer Axt ab.

Seine Rache aber nahm Schmittchen im stillen weiter an seiner Frau. Es war ein trostloser Haushalt.

Bald darauf gingen die Brüder nach London, um einen Beruf zu ergreifen. Heinrich fing ein etwas verspätetes Studium der Medizin an, und Robert studierte Jura. Ihre Schwester hatte sie bewogen, fortzugehen, da, wie sie sagte, die Anwesenheit der Söhne für die Mutter alles schlimmer mache. So gingen sie also, aber in Ramdorf wurde es nicht besser. Es drang nicht viel in die Oeffentlichkeit, aber es wurde überall gemunkelt, daß Schmittchens Betragen alles Erlaubte überschreite. Dienstboten gingen schneller, als sie gekommen waren, und erklärten, daß ihr Brotherr einfach verrückt sei. Einmal hatte Schmittchen auf offener Straße einen harmlosen Handwerker, der ihn unabsichtlich gestoßen, mit dem Stock bearbeitet, so daß er zu einem schweren Schmerzensgeld verurteilt wurde. Und nun erhielten Heinrich und Robert Foster einen eiligen Brief von ihrer Schwester mit der dringenden Bitte, sofort nach Hause zu kommen. Sie reisten schleunigst ab – das weitere erzählten die Dienstboten so: Als die Brüder ankamen, hatte Herr Schmittchen gerade das Haus verlassen. Die Brüder waren ungefähr eine Viertelstunde mit Mutter und Schwester eingeschlossen, dann verließen sie sie und gingen zusammen in den Stall. Der Kutscher, der erst am vorhergegangenen Tage neu eingetreten war, hörte einiges von ihrem Gespräch. Herr Heinrich sagte: »Es muß geschehen, und zwar sofort. Wir sind zwei gegen einen, also müßte es leicht genug sein.« Und dann sagte Herr Robert: »Du als Arzt mußt am besten wissen, wie es zu machen ist.« Dann fragte Heinrich den Kutscher, nach welcher Richtung Herr Schmittchen gegangen sei. Der Kutscher antwortete, er wäre auf dem schmalen Fußweg in der Richtung nach dem Ravenhorstwald gegangen. Während er so sprach, sah er deutlich mit einem Seitenblick, daß der andere Bruder einen Halfter vom Haken nahm und in die Rocktasche steckte.

Alle diese früheren Ereignisse habe ich natürlich erst später und nach und nach erfahren. Es war kaum zwei Stunden nach Ankunft der Brüder, als Nachricht über Schmittchen an meinen Onkel kam, bei dem Hewitt und ich gerade ein Plauderstündchen hielten. Die Nachricht lautete: Herr Schmittchen habe sich das Leben genommen – er ward im Ravenhorstwald an einem Baum erhängt aufgefunden, gerade neben dem Fußweg.

Hewitt und ich wußten damals noch nichts über Schmittchen, und der Oberst erzählte uns das wenige, das er selbst wußte. Er habe niemals mit dem Mann gesprochen, sagte er, wie überhaupt keiner außerhalb Ramdorfs etwas mit ihm zu tun haben wollte. »Sicherlich hat er wie ein Schuft gehandelt bei der Sparkassengeschichte, und wenn es wahr ist, was die Leute sagen, so hat er auch seine Frau mißhandelt. Ihm selbst muß es auch nicht behaglich zumute gewesen sein; er hatte alles verloren, jede Möglichkeit, etwas zu erreichen, war ihm abgeschnitten, und jedermann verachtete ihn. Einige seiner letzten Handlungen kamen, wie ich höre, denen eines Wahnsinnigen gleich. So wundert mich diese Sache nicht. Selbstmord ist wohl das einzige Verbrechen, das er bis dato noch nicht begangen hatte, und ich meine, er hat der Welt einen Dienst damit geleistet.«

Der Oberst schickte einen Diener aus, um Näheres zu erfahren. Der Mann kam mit der Nachricht zurück, daß jetzt das Gerücht gehe, Herr Schmittchen habe nicht Selbstmord begangen, sondern sei ermordet worden. Dem Mann auf den Fersen folgte Herr Hartwig, ein Nachbar meines Onkels, der gleichzeitig Richter war. Die Sache war ihm gemeldet worden, sobald die Leiche gefunden war, und er war sofort hingegangen. Er hatte den Leichnam am Baume hängend gefunden – mit abgeschnittener rechter Hand!!

Es ist ein Mord, Brett, sagte er, ohne Zweifel ein gräßlicher Mord mit Verstümmelung. Die Hand ist abgeschnitten und mit fortgenommen worden, ob aber diese Abscheulichkeit vor oder nach dem Verbrechen geschehen ist, weiß ich natürlich nicht. Aber die fehlende Hand beweist, daß es ein Mord war und kein Selbstmord. Ich wollte mit Ihnen über den Verhaftsbefehl sprechen, da ja kein Zweifel darüber besteht, wer die Mörder sind.

Das ist gut, sagte der Oberst, denn sonst hätte es wahrscheinlich Arbeit für Herrn Martin Hewitt gegeben, was nicht in der Ordnung gewesen wäre, da er zum Ausruhen hier ist. Wen wollen Sie denn verhaften lassen?

Die beiden jungen Fosters. Es ist alles ganz klar, und es ist ein ganz infames Verbrechen, so schlecht Schmittchen immerhin gewesen sein mag. Sie sind heute von London gekommen und haben die Tat mit Ueberlegung begangen. Man hat sie darüber reden hören, sie haben gefragt, nach welcher Richtung Schmittchen gegangen sei, sind ihm nachgefolgt und – haben einen Strick mitgenommen.

Ist das nicht eigentlich ein ungewöhnlicher Mord – erhängen? fragte Hewitt.

Vielleicht ja, antwortete Hartwig. Aber die Sache ist vollständig erwiesen. Es scheint, sie haben ihm schon lange mit »Aufknüpfen« gedroht und daß sie seine Hand abschneiden würden, wenn er sie gegen ihre Mutter erhöbe. Nun haben sie also in brutaler Weise ausgeführt, was wie müßige Drohung klang. Möglich, daß sie Schmittchen erst aufgehängt und dann durch Verstümmelung ihre Wut weiter an ihm gekühlt haben. Aber daß sie die Täter sind, ist mir klar. Ich habe ein bis zwei Stunden darüber nachgedacht, und ich denke, ich habe das Recht, den Verhaftsbefehl zu geben. Sie sind ja mit ihm zusammengewesen, wie ich an den Fußspuren auf dem Waldwege gesehen habe.

Der Oberst drehte sich zu Martin Hewitt herum: Herr Hartwig ist nämlich Dilettant in Ihrem Fache, und ein recht guter Dilettant, wie ich aus einigen Fällen ersehen habe.

Hewitt verbeugte sich und erklärte lachend, er hoffe, Herr Hartwig würde ihn in London nicht ausstechen. Dann fügte er hinzu: Es scheint ein sonderbarer Fall zu sein. Wenn es Ihnen recht ist, möchte ich mir die Fußabdrücke und was sonst noch an Spuren da ist, ansehen, um nicht aus der Uebung zu kommen.

Gewiß, sagte Herr Hartwig erfreut. Ich möchte vor allem Herrn Hewitts Ansicht über meine Beobachtungen hören – nur zu meiner eigenen Genugtuung.

Mit dem Versprechen, nicht zu spät zum Essen kommen zu wollen, gingen wir mit Hartwig in der Richtung nach dem Wald. Es sei ein wenig besuchter Ort, sagte er uns, und er hoffe, durch Vorsichtsmaßregeln es verhindert zu haben, daß die Kunde schon durchgedrungen sei, so daß wir darauf rechnen könnten, die Spuren unverwischt vorzufinden. Einer seiner Untergebenen hatte einen kurzen Gang durch den Wald unternommen, hatte den Erhängten gesehen und habe ihm sofort die Meldung überbracht. Mit diesem Mann war er hingegangen, hatte die Leiche abgeschnitten und seine Beobachtungen gemacht. Er sei Schmittchens Spur nachgegangen bis zurück nach Ramdorf, wo er den neuen Kutscher, der früher in seinen Diensten gestanden, getroffen habe. Von ihm habe er erfahren, was die Fosters gesagt und getan hätten, ehe sie fortgegangen, und auch, daß sie noch nicht zurückgekommen seien. Er habe seinen Beamten bei der Leiche zurückgelassen und sei sofort zu meinem Onkel gegangen.

Nach einer Weile kamen wir auf den Fußweg, der von Ramdorf über das Feld in den Ravenhorster Wald führte. Auf dem schmalen Pfad, der auf beiden Seiten mit Gras bewachsen war, sahen wir, daß hier verschiedene Schritte sich kreuzten. Da es feucht war, erkannten wir deutlich die Fußspuren. Sie führten alle nach einer Richtung – dem entfernt liegenden Walde zu. Glücklicherweise ist es ein wenig benützter Weg, sagte Hartwig. Sehen Sie hier die Spuren von drei Personen, zuerst die von Schmittchen, und dann kamen die Brüder auf diesem Wege nach, die Spuren müssen die ihrigen sein. Welche die von Schmittchen sind, ist klar – es sind diese großen, flachen. Sie werden bemerken, daß sie deutlich in der Mitte der Fährte zu erkennen sind, und sie bezeichnen dadurch den Mann, der allein ging, Schmittchen. Die anderen Abdrücke, nicht durchweg deutlich zu erkennen, sind die Spuren zweier Männer, die neben einander gingen und öfters mit dem einen Fuß – der links mit dem linken, der rechts mit dem rechten – auf das Gras zu gehen kamen. Und wo sie zufällig auf die Mitte traten, da bedecken ihre Fußabdrücke die anderen! Deutlich sind es die Spuren von Heinrich und Robert Foster, wie sie Schmittchen folgten. Stimmen Sie mit mir überein, Herr Hewitt?

Ja, das ist alles ganz deutlich. Sie haben schärfere Augen als manch anderer und verstehen sie auch zu gebrauchen. Nun lassen Sie uns in den Wald gehen. Ich kann übrigens auch die anderen Spuren auf dem Grase deutlich erkennen, aber das ist Sache der Uebung.

Wir gingen nun auf dem Grase den Fußweg entlang, um die Fährte nicht zu verwischen. Eine kurze Strecke durch den Wald setzten sich die Spuren weiter so fort wie zu Anfang, die der Brüder über die von Schmittchen hinweggehend. Dann änderte es sich. Der Weg wurde breiter und durch die Nähe der Bäume weicher. Die seitlichen Spuren traten mehr auseinander, sie gingen nicht mehr über die der Mitte hinweg, sondern blieben in gleicher Entfernung auf beiden Seiten der mittleren.

Sehen Sie her, rief Herr Hartwig triumphierend; hier haben die Foster ihn eingeholt und sind neben ihm hergegangen. Die Leiche ist ganz in der Nähe gefunden worden – Sie könnten die Stelle jetzt schon sehen, wenn der Weg sich nicht so krümmte.

Hewitt sagte nichts, aber er bückte sich und untersuchte die Spuren an den Seiten mit großer Sorgfalt und tiefem Nachdenken. Die Entfernungen spannte er mit den Armen ab. Dann richtete er sich auf und ging leichtfüßig von einem Fußabdruck zum anderen, sorgfältig vermeidend, die Spuren selbst zu berühren. Sehr gut, sagte er, seine Untersuchung beendend; nun weiter. Wir gingen weiter und kamen bald an die Stelle, wo die Leiche lag. Hier senkte sich der Boden von links nach rechts ein wenig, und ein winziges Bächlein, nicht mehr als ein bis zwei Fuß breit, schlängelte sich über den Weg. In Regenzeiten war es wahrscheinlich breiter, denn Erde und Lehm waren einige Fuß breit fortgerissen auf jeder Seite, und grober, reiner Kies lag da, auf dem die Fährte sich verloren hatte.

Unterhalb dieses Baches, auf der linken Seite, lag die Leiche auf einem Grashügel unter den Zweigen eines Baumes, von dem noch ein Stück Strick herunterhing. Es war kein angenehmer Anblick. Der Mann war dick und wabbelig gewesen, mehr unter als über Durchschnittsgröße, und er lag da mit ausgerecktem Halse und heraushängender Zunge, ein scheußliches Bild. Sein rechter Arm hing an der Seite und der Stumpf des Handgelenkes war mit schwarzen Blutklumpen bedeckt.

Herrn Hartwigs Untergebener bewachte ihn, wie es schien wenig erfreut über seinen Posten, und einige Meter entfernt standen ein paar Landleute und glotzten uns an. Hewitt fragte, aus welcher Richtung die Leute gekommen seien, und nachdem er ihre Fußspuren herausgefunden und sich eingeprägt hatte, befahl er ihnen, zu bleiben, wo sie waren, um andere Spuren nicht zu kreuzen. Dann begann er seine Untersuchung aufs neue.

Erstlich, sagte er, den Zweig betrachtend, der kaum einen Meter hoch über seinem Kopfe hing, dieser Strick hängt schon seit einiger Zeit.

Jawohl, bestätigte Herr Hartwig, es ist ein alter Schaukelstrick. Die Kinder benützten ihn im Sommer, aber er wurde halb abgeschnitten und das Ende ist seitdem hängen geblieben.

Ah, sagte Hewitt, wenn also die Fosters die Mörder sind, so wurden sie durch Zufall einer Mühe enthoben und konnten ihren Halfter wieder mit zurücknehmen, dadurch einer Möglichkeit der Entdeckung vorbeugend. Er musterte sehr genau die obere Fläche eines Baumstumpfes, der Rest eines Baumes, der wahrscheinlich schon lange abgehauen war, und näherte sich der Leiche.

Als Sie ihn abschnitten, fragte er, fiel er da zusammen?

Nein, mein Beamter ließ ihn langsam herunterfallen.

Nicht auf sein Gesicht?

O nein! Auf den Rücken, so wie er jetzt liegt. Herr Hartwig bemerkte, wie Hewitt schmutzige Flecken auf jedem Knie des Opfers musterte. An einem klebte ein kleines Blatt und am Anzug waren noch einige Flecke derselben Art. Dies scheint ein deutlicher Beweis, sagte er, daß Schmittchen sich gegen die beiden gewehrt hat und vornüber geworfen wurde, nicht wahr?

Hewitt antwortete nicht, aber er hob den rechten Arm am Aermel auf. Ist einer der beiden Brüder linkshändig? fragte er.

Nein, ich glaube nicht. Bennet, Sie haben sie ja oft gesehen, beim Kricket und auf der Jagd. Können Sie sich erinnern, ob einer linkshändig war?

Keiner, antwortete Bennet, Hartwigs Untergebener, beide sind rechts.

Hewitt nahm den Rock in die Hand und untersuchte einen Riß in demselben. Der Hut des toten Mannes lag in der Nähe, und nach kurzer Prüfung warf Hewitt ihn weg und betrachtete das Haar des Ermordeten. Es war grob und lang, glatt zurückgekämmt ohne Scheitel.

Dies sieht nicht sehr symmetrisch aus, bemerkte Hewitt und zeigte auf das Haar über dem rechten Ohr. Es war dort kürzer als an der anderen Seite und entschieden sehr ungeschickt abgeschnitten worden, während sonst überall das Haar recht gut gepflegt und gleichmäßig geschnitten war. Hartwig erwiderte nichts, wurde aber etwas unruhig, als ob wertvolle Zeit über nichtssagende Kleinigkeiten vergeudet würde. Dann sagte er plötzlich: An der Leiche ist nicht viel herauszufinden, nicht wahr? Ich denke, ich bin vollauf berechtigt, den Verhaftsbefehl auszufertigen, ich fürchte, ich habe schon zu viele Zeit verschwendet.

Hewitt kroch inzwischen in dem Gebüsch herum, das hinter dem Baum stand, an dem der Mann gehangen hatte, und antwortete nach einer Weile: Ich meine, Sie sollten das nicht tun, Herr Hartwig, denn offen gestanden, ich vermute – und er betonte dieses Wort –, daß die Gebrüder Foster diesen Mann, Schmittchen, heute gar nicht gesehen haben.

Ihn nicht gesehen? Aber, mein Herr, darüber ist doch kein Zweifel. Es ist sicher, ganz sicher. Der Beweis ist erbracht. Die Tatsache der ausgesprochenen Drohungen und daß der Körper so verstümmelt gefunden ist, genügt doch, denke ich. Und dann noch die Fußspuren. Die Foster sind neben ihm hergegangen, darüber läßt sich nicht streiten, und sicherlich waren sie zuletzt mit ihm zusammen. Sie können unmöglich verlangen, daß irgend jemand glaubt, der tote Mann habe erst seine Hand abgeschnitten, ehe er sich aufhing. Aber gesetzt den Fall, Sie hätten recht trotz alledem, so müßten die Fosters die Leiche wenigstens gesehen haben, und doch hat man noch nichts von ihnen gehört. Warum haben sie es nicht angezeigt? Sie sind sofort nach der entgegengesetzten Richtung weitergegangen – hier, wo der Kreis aufhört, sind ihre Fußspuren, die Sie noch nicht gesehen haben.

Hewitt ging zu dem bezeichnten Fleck auf der anderen Seite, von wo wir zu dem Bache gegangen waren, und fand dort allerdings die bekannten Spuren, die von dem Tatort fortführten.

Ja, sagte Hewitt, ich sehe sie. Natürlich müssen Sie tun, was Sie für richtig halten, Herr Hartwig, und schließlich, abgesehen von dem großen Schreck, den Sie der unglücklichen Familie einjagen werden, geschieht kein allzu großes Unglück durch die Verhaftung. Wenn Ihnen aber an meiner Ansicht etwas gelegen ist, so bleibe ich dabei, daß die Fosters ihren Stiefvater heute nicht gesehen haben.

Und wie ist es denn mit der Hand?

Was diese Sache betrifft, so habe ich meine Vermutung, es ist aber nur eine Vermutung, etwas, das Sie, falls ich es Ihnen mitteilte, nicht glauben würden, ganz berechtigterweise. Die Sache ist sehr verwickelt und, wenn meine Annahme sich bestätigt, eine der sonderbarsten, die mir je vorgekommen ist. Sie fesselt mich ungemein, und ich werde ihr meine Zeit widmen und meine Theorie ausarbeiten. Sie haben vermutlich der Polizei Anzeige erstattet?

Ich habe sofort nach der nächsten Polizeiwache gedrahtet, als ich von der Sache hörte. Es ist gar nicht weit von hier, und ich bin erstaunt, daß noch niemand da ist. Es kann aber nicht mehr lange dauern; ich weiß nicht, wo der Schutzmann ist, aber freilich würde der auch nicht viel nützen. Und wirklich, Herr Hewitt, so sehr ich Ihre Ansicht schätze, ich verstehe es einfach nicht, daß die Fosters mit alldem nichts zu tun haben sollen! Na, wir werden ja sehen. Sobald die Polizei kommt, werde ich diese Spur hier verfolgen und die Fosters verhaften lassen; ich wäre ein Narr, wenn ich es nicht täte.

Gut, Herr Hartwig, antwortete ihm Hewitt, tun Sie Ihre Pflicht; nichtsdestoweniger möchte ich Ihnen raten, sich doch noch einmal die drei Fußspuren zu betrachten. Damit ging er an der Seite des Bächleins weiter, immer auf dem Kies bleibend.

Ich folgte ihm. Wir gingen ein wenig bergan und kamen endlich an den Ort, wo unter den Bäumen der kleine Bach hervorrieselte, am höchsten Punkt des Waldes. Hier hörte der saubere Weg auf und wir kamen an eine Stelle mit weichem Boden. Man sah, daß Viehherden vorübergekommen waren, auch einige Spuren von Menschen waren zu erkennen. Eine frische, besonders deutliche Spur – es war die eines Mannes – untersuchte Hewitt sehr aufmerksam und nahm genau die Maße.

Sieh dir diese Abdrücke an, sagte er; vielleicht sind sie von großer Wichtigkeit, vielleicht auch nicht – wir werden ja sehen. Glücklicherweise sind sie sehr deutlich – der rechte Stiefel war sehr abgetragen, da wo die Sohle entzwei, ist ein kleines Stück Leder zusammengerollt, man sieht genau den Abdruck davon. Das ist sehr gut. Es sind jedenfalls die frischesten Spuren auf der letzten Strecke durch den Wald.

So glaubst du also, daß noch jemand außer den Brüdern und dem Opfer an der Stätte des Trauerspieles war? fragte ich.

Ja, das glaube ich. Still, ich höre einen Wagen. Kannst du durch die Bäume sehen? Ja, es ist die Polizei, wir können Hartwig ihre Ankunft melden.

Wir kehrten um und gingen schnell den kurzen Weg zurück, den wir gekommen waren. Herr Hartwig und der Beamte waren noch dort, und ein Bauer, der Maulaffen feilhielt. Wir sagten Hartwig, daß die Polizei in Sicht sei, und gingen neben dem Bache auf dem Kies in den unteren Teil des Waldes hinein.

Hier suchte Hewitt sehr aufmerksam nach Fußspuren auf dem nebenher laufenden weichen Boden. Es war keine zu entdecken. Der Kies bildete eine Art Fußweg und die Bäume und das Unterholz begrenzten dicht die beiden Seiten. Wir kamen aus dem Wald heraus auf ein Stück freies Land, und von dort führte ein Fußweg weiter. Gerade neben dem Wege, wo der Bach in einen Graben floß, stürzte sich Hewitt auf eine neue Fußspur. Er war merkwürdig erregt.

Sieh her, rief er, hier ist es! Der rechte Schuh mit dem zerrissenen Leder und der dazu gehörende linke auf dem feuchten Rand des Weges. Er – der Mann mit dem zerrissenen Stiefel – ist den ganzen Weg von der Quelle des Baches aus auf dem Kies hinuntergegangen, und seine Spur in der Nähe des Opfers ist die einzige bis jetzt unaufgeklärte. Komm, Brett, wir wollen uns sogleich in das Abenteuer stürzen. Aber willst du auch das Essen bei deinem Onkel fahren lassen und mitkommen?

Könnten wir nicht erst zurückgehen und es ihm sagen?

Nein, wir dürfen keine Zeit verlieren, wir müssen diesem Manne nachgehen – jedenfalls muß ich es. Komm' mit oder bleib', wie du denkst.

Ich zögerte einen Augenblick und malte mir meinen vortrefflichen Onkel aus, wie seine Laune sein würde bei dem vergeblichen Warten auf uns und auf sein Essen. Vielleicht, sagte ich, begegnen wir auf diesem Wege irgend jemand, den wir mit einer Bestellung nach Ravenhorst schicken können. – Aber was für eine Theorie stellst du auf? Ich habe keine Ahnung. Ich muß gestehen, daß alles, was Hartwig sagt, sehr glaubwürdig ist. Die Spuren beweisen, daß die drei zusammengegangen sind bis zum Ort der Tat und daß die Brüder allein weiterwanderten. Und außerdem, was für ein Grund läge denn für einen anderen zu einem solchen Verbrechen vor? Höchstens könnte es einer gewesen sein, den Schmittchen um sein Geld beschwindelt hatte.

Der Grund, sagte Hewitt, ist, fürchte ich, ein sehr sonderbarer, ja ein grauenhafter sogar. Etwas, das Jahrhunderte zurückliegt. Frage mich jetzt nicht, du wirst bald genug recht erstaunt sein. Aber komm', wir müssen handeln. Und wir zogen unsere Straße weiter.

Der Weg war hart und fest, und man konnte kaum eine Fußspur entdecken, außer hie und da an den Seiten, und auf die warf Hewitt keinen Blick. Schließlich endete der Weg in einen Nebenpfad, und bei der Biegung blieb Hewitt stehen und untersuchte den Boden sorgfältig. Es war keine Spur zu erkennen, und doch drehte Hewitt sofort rechtsum und wir setzten unseren scharfen Gang fort, ohne auf den Weg zu blicken.

Warum bist du denn nach dieser Richtung eingeschwenkt? fragte ich.

Hast du es nicht gesehen? Ich will es dir bei der nächsten Biegung zeigen.

Zehn Minuten später spaltete sich der Weg, und hier blieb Hewitt stehen und zeigte schweigend auf ein paar kleine Zweige, die kreuzweise übereinander lagen und von denen der längere nach dem links sich abzweigenden Weg zeigte. Wir folgten dieser Richtung.

Unser Vorgänger macht einen Fehler, bemerkte Hewitt; er läßt die Botschaften seiner Freunde für seine Feinde zum Lesen zurück.

Wir eilten vorwärts, ohne etwas zu sprechen. Mir wirbelte der Kopf von allem, was Hewitt gesagt und getan hatte. Ich konnte weder eine eigene Meinung fassen, noch nach der seinigen fragen. Wer war der geheimnisvolle Mann mit dem zerrissenen Stiefel? Was hatte er mit dem Morde zu tun? Was bedeutete die Verstümmelung? Und wer waren seine Freunde, die ihm Zeichen und Botschaften durch gekreuzte Zweige gaben?

Wir begegneten einem Mann, dem ich eine kurze Bestellung für meinen Onkel mitgab, und bogen dann bald in den Hauptweg ein. Hier an der Biegung war wieder die sonderbare Botschaft der Zweige. Ein Wagen war darüber hinweggefahren und hatte sie zerdrückt, aber es war noch zu erkennen, daß die Richtung nach rechts einzuschlagen war. Etwas später kamen wir an ein Gasthaus, wo Hewitt eine kleine Flasche mit einem halben Liter Schnaps kaufte und dazu Brot und Käse, was wir einwickelten und mitnahmen.

Ich fürchte, dies muß unser Abendessen vorstellen, sagte er, als wir weitergingen.

Aber Menschenskind, wir können doch nicht einen halben Liter gemeinen Schnaps trinken, rief ich erstaunt.

Laß nur, sagte Hewitt lächelnd. Vielleicht finden wir jemand, der uns dabei hilft, jemand, der nicht ganz so wählerisch in der Qualität ist wie du.

Nun gingen wir schneller und schneller, denn die Dämmerung brach herein, und Hewitt befürchtete, die Zeichen der Zweige nicht mehr deutlich sehen zu können.

Zweimal bogen wir noch ab. Mir kam es unheimlich und beinahe schauerlich vor, dieses Nachspüren nach etwas Unsichtbarem und Unbegreiflichem, treulich geleitet durch die unzweifelhaften Zeichen an jeder Krümmung des Weges. Nach der zweiten Biegung verfielen wir in Laufschritt auf einem langen gewundenen Wege, aber plötzlich legte Hewitt seine Hand auf meine Schulter und wir blieben stehen. Er zeigte geradeaus, wo bei der nächsten Krümmung ein großer Gegenstand erschien, der unten beleuchtet war.

So, nun langsam, sagte Hewitt, und vergiß nicht, daß wir eine Fußtour machen und ganz zufällig hierher gekommen sind.

Wir marschierten los, wobei Hewitt fröhlich pfiff. Bald erreichten wir die Biegung und sahen, daß der große Gegenstand ein Reisekarren war, der mit zwei anderen auf einem Rasenfleck neben dem Wege stand. Es war eine Zigeunerhorde, die vermutlich erst kürzlich angelangt war, denn ein Mann war noch damit beschäftigt, den Strick des Zeltes zu befestigen, das in der Nähe der Karren aufgeschlagen war.

Einige mürrisch blickende Kerle lagen um ein in der Mitte des Lagers angezündetes Feuer herum. Eine Frau stand in der Tür des einen Wagens mit einem großen Kessel in der Hand, und am Fuße der Stufen saß ein alter Mann auf einem umgestülpten Eimer. Der alte Mann machte einen freundlicheren Eindruck. Hewitt schlenderte zum Feuer, und mit einem unbeschreiblichen Gemisch von einer Verbeugung, einem Kratzfuß und einem Lächeln redete er die Bande mit einem »Glückauf, Brüder!« in romanischer Sprache an.

Die Männer am Feuer nahmen keine Notiz davon, sondern starrten trotzig vor sich hin. Der Mann am Zelt drehte sich einen Augenblick schnell herum, und der Alte auf dem Eimer sah auf und nickte. Hewitt erfaßte schnell die Gelegenheit und ging auf den alten Mann zu mit ausgestreckter Hand. Wie geht's, Väterchen? sagte er. Gebt mir Eure Hand! Der Alte lächelte und gab ihm die Hand, aber ohne zu sprechen. Dann fuhr Hewitt fort, indem er seine Schnapsflasche hervorzog: Alkohol für Wasser, Jungens! Gebt mir das Wasser und nehmt euren Anteil von Schnaps.

Der Schnaps wirkte Wunder. In zwanzig Minuten waren wir gute Freunde und tranken mit ihnen Tee. Die paar Männer, die um das Feuer herum saßen, waren noch immer zurückhaltend, aber es waren nur Halbblutzigeuner und sie verstanden sehr wenig Romanisch. Dagegen waren zwei oder drei und der alte Mann von edlerem Blut; sie unterhielten sich flott, auch eines der Weiber sprach mit. Sie waren Lees Zigeunerstamm., wie sie sagten, und hofften, in drei Tagen auf dem Rennplatz in D. zu sein. Wir waren auch Wandersleute, wie Hewitt erklärte, und würden sie vielleicht beim Rennen wieder treffen. Dann begann er Zigeunergeschichten zu erzählen, und sie folgten seinem Beispiel; – ich war vollständig mystifiziert. Hewitt erklärte mir später, daß es hauptsächlich Geschichten von Wilderern und Pferdediebstählen waren. Seitdem habe ich genügend Romanisch gelernt, um an solcher Unterhaltung teilnehmen zu können, aber damals verstand ich nur ein oder das andere Wort. – Der Mann, den wir zuerst am Zelte gesehen hatten, nahm wenig Anteil an der Unterhaltung, sondern lag auf der Erde, vom Feuer abgewendet, und rauchte seine Pfeife. Er war viel dunkler als die anderen und schien von einer noch schwärzeren Rasse abzustammen.

Plötzlich, inmitten einer mir natürlich unverständlichen Geschichte des alten Mannes, fing ich einen Blick von Hewitt auf. Er zog eine Augenbraue unmerklich in die Höhe und sah einen kurzen Augenblick auf seinen Spazierstock. Dann sah ich, daß derselbe auf die Füße des besonders dunkelhäutigen Mannes hinwies.

Ein Bein war über das andere geschlagen, die Füße dem Feuer zugekehrt, und bei dem flackernden Schein sah ich – daß die rechte Sohle abgenützt war und daß ein kleiner Lederfetzen zusammengerollt herunterhing, gerade an der Stelle, die wir von den Fußspuren im Ravenhorster Walde so gut kannten. Ich konnte meine Augen nicht abwenden von dem Manne. Da lag also das Geheimnis. Das ganze phantastische Verbrechen im Ravenhorster Walde verkörpert in diesem Kerl. Was bedeutet das?

Aber Hewitt lachte und redete weiter. Die Leute, die nicht sprachen, rauchten mürrisch und schweigend, aber sobald sie selbst erzählten, wurden sie lebhaft und angeregt. Ich hatte einige schwache Versuche gemacht, mich anzuschließen. Ich kam aber nicht weiter, als daß mir einer der Männer von seinem Tabak anbot, dessen Geruch allein mich beinahe schwindelig machte. Er versuchte meinen und lobte ihn mit der ihm angeborenen Liebenswürdigkeit, rauchte die Pfeife zu Ende, aber ich bemerkte wohl, daß er meine Sorte für recht minderwertig hielt. Nach einer Weile stand der Mann mit dem zerrissenen Stiefel auf, schlenderte zum Zelt hinaus und verschwand.

Dann sagte Hewitt: Ihr seid nicht alle Lees, wie ich sehe.

Doch, Kamerad, wir sind Lees.

Aber er ist doch kein Lee? und Hewitt wies mit dem Kopf gegen das Zelt.

Warum nicht, Kamerad? Wir sind Lees, er ist mit uns, folglich ist er auch ein Lee.

O ja, natürlich, aber ich weiß, er ist anderswo her. Na, soll ich den Stamm einmal raten? Er kommt von – Rumänien, nicht? Vielleicht aus der Walachei?

Die Männer sahen sich untereinander an, dann sagte der Alte: Ihr habt recht, Kamerad. Ihr seid klüger, als wir dachten. So heißt sein Land. Er ist ein Schmied und zieht mit uns, um die Pferde zu beschlagen und die Wagen auszubessern. Aber er ist mit uns, und darum ist er ein Lee.

Die Unterhaltung und das Rauchen wurden fortgeführt, und nach einer Weile kam der Mann mit dem zerrissenen Stiefel zurück und legte sich hin. Als der Schnaps alle war, stand Hewitt auf, ließ sich unter irgendeinem Vorwand ein Stückchen Bindfaden geben, und unter allgemeinem »Gute Nacht!« verließen wir die Leute.

Es war mittlerweile fast zehn Uhr geworden. Wir gingen scharf, bis zu dem Wirtshaus zurück, wo Hewitt den Schnaps gekauft hatte. Nach einiger Mühe gelang es uns, einen Wagen aufzutreiben, und während der Kutscher anspannte, schnitt Hewitt ein paar kurze Stecken von der Hecke ab. Diese wurden je in zwei Teile gebrochen, und so hatte er vier kurze feste Stückchen, je fünf bis sechs Zoll lang. Dann band Hewitt zwei und zwei zusammen, daß der mitgebrachte Bindfaden die Teile in der Mitte zusammenhielt in ungefähr neun bis zehn Zoll Abstand. Darauf reichte er mir ein Paar. Handschellen, erklärte er, und zwar keine schlechten. Sieh, so mußt du sie gebrauchen. Und er schlang den Bindfaden um mein Handgelenk, indem er die beiden Stöcke festhielt und sie leise drehte. Ich wurde dadurch genügend überzeugt, was für ein wahnsinniger Schmerz durch eine festere Drehung hervorgerufen wurde, und daß ein also gefesselter Mensch vollständig wehrlos wurde.

Für wen sind sie? fragte ich, für den Mann mit dem Stiefel?

Hewitt nickte.

Ich denke, wir werden ihm so um Mitternacht allein begegnen, meinte er. Du weißt nun, wie die Dinger zu handhaben sind.

Es wurde elf Uhr, ehe der Wagen fertig war, und wir fuhren ab. Nicht allzu weit von dem Zigeunerlager ließ Hewitt halten und gab dem Kutscher Befehl, zu warten. Wir stiegen durch die Hecke und schlichen auf dem weichen Boden dem Karren und dem Zelte zu.

Wickle dein Taschentuch in einen festen Bausch, flüsterte Hewitt. In dem Augenblick, wenn wir ihn ergreifen, stecke ihm den Knebel in den Mund, hörst du, und recht tief, daß er nicht herausfallen kann. Wahrscheinlich wird er gebückt dastehen, das macht es leichter, und wir können ihn plötzlich zurückwerfen. Aber nun vorsichtig.

Wir schlichen weiter, bis nur noch eine Hecke uns vom Lager trennte. Es war mittlerweile zwölf Uhr geworden, und die Zeit des Wartens schien endlos. Aber schließlich ist die Zeit keine Ewigkeit, und so hörten wir endlich eine Bewegung im Zelt. Eine Sekunde später stand der Mann, den wir suchten, vor uns. Er schritt sofort auf ein Loch in der Hecke zu, an dem wir vorbeigekommen waren, und wir kauerten uns nieder und warteten.

Er kam diesseits der Hecke heraus, seinen Rücken uns zukehrend, und ging, wie wir es getan hatten, der Hecke entlang, nur nach entgegengesetzter Richtung. Wir folgten. Er trug etwas in der Hand, das wie ein großes Bündel Reisig aussah, und es schien, als ob er ebenso wie wir darauf bedacht sei, nicht gesehen zu werden. Ab und zu blieb er stehen und lauschte. Glücklicherweise war es Neumond, denn sonst hätte er uns bemerken können.

Das Feld wurde ein wenig abschüssig, und wir kamen im rechten Winkel zu einer anderen Hecke, die zu einer kleinen Vertiefung führte. Auf diese Vertiefung ging der Mann zu, und wir folgten im Schatten der Hecke. Plötzlich blieb er stehen, bückte sich und legte das Bündel vor sich hin. Dann kauerte er sich nieder, holte Streichhölzer, zündete eines an und im Nu brannten die Zweige und Stöcke und entwickelten einen weißen, dichten Rauch.

Was das alles vorstellen sollte, konnte ich nicht begreifen, aber die Unheimlichkeit der ganzen Situation erfaßte mich mächtig. Der schreckliche Leichnam im Walde, mit der abgeschnittenen Hand, Hewitts rätselhaftes Vorgehen, das geheimnisvolle Spüren nach dem Mann mit dem zerrissenen Stiefel, die Szene im Lager und jetzt das sonderbare Gebaren des Zigeuners, dessen Zusammenhang mit dem Verbrechen so augenscheinlich und doch so unerklärlich war – dies alles machte einen unauslöschlichen Eindruck auf mich, und meine Pulse flogen.

Der Mann bog einen Zweig zusammen, und, ihn als Feuerzange gebrauchend, hielt er ein nicht zu erkennendes Etwas über die Flammen. So aufgeregt ich auch war, so konnte ich doch sehen, daß er alles mit der linken Hand ausführte. Wir krochen vorsichtig näher, und als ich ungefähr zwei Meter entfernt hinter ihm stand und über seine Schulter blicken konnte, sah ich, was er über das Feuer hielt. Es war eine Menschenhand!

Dem wachsamen Auge Hewitts entging mein Erstaunen und Entsetzen nicht, denn plötzlich fühlte ich, wie er meinen Arm fest anpackte und seine Finger warnend erhob. Dann holte er die Handschellen hervor, machte eine Bewegung nach dem Munde, die mich an den Knebel erinnern sollte, und wir gingen näher heran.

Der Mann drehte und wendete sein widerliches Gesicht über der prasselnden Flamme, als ob er es von allen Seiten dörren und räuchern wollte. Ich sah, wie Hewitt die Hand nach ihm ausstreckte, und mit einem Ruck hatten wir ihn zurückgeworfen und ihm den Knebel in den Mund gesteckt. Dann legten wir ihm die Handschellen an, und ich werde niemals des Zigeuners verzweifelten und entsetzten Blick vergessen, als er auf der Erde lag. Später verstand ich den Grund dazu.

Hewitt nahm beide Handschellen in eine Hand und stieß den Knebel so weit in des Mannes Mund, daß er beinahe erstickte. Ein Stück Sackleinwand lag neben dem Feuer, und auf Hewitts Wunsch warf ich die gräßliche Hand darauf und rollte alles in ein Paket zusammen.

Dann hoben wir den Mann auf und eilten mit ihm zum Wagen zurück. Die ganze Ueberrumpelung konnte nicht länger als dreißig Sekunden gedauert haben, und als ich neben dem Manne herstolperte, erschien mir alles wie ein Traum, von dem man weiß, daß es nur ein Traum ist. Der Mann, der bis dahin ruhig mitgegangen war, wenn er auch stöhnte und seufzte und beinahe am Knebel erstickte, machte eine plötzliche Bewegung und versuchte, seine Hände zu befreien. Aber Hewitt paßte gut auf, er drehte die Handschellen fester, daß der Mann mit einem erstickten Schrei den Kopf hilflos schüttelte; dabei fiel ihm der Knebel aus dem Munde. Sofort schrie er um Hilfe.

Schnell, sagte Hewitt, zieh ihn fort, sonst hören sie ihn im Lager. Hier, nimm den Knebel. Ich drückte das Taschentuch, so gut es ging, in den Mund des Zigeuners, und dann setzten wir uns in Trab, den Mann zwischen uns führend. Ab und zu zog Hewitt die Handschellen fester. So liefen wir ungefähr hundert Meter weit, eine Ewigkeit für den Gefangenen. Noch einmal gelang es ihm, zu schreien, und uns kam es vor, als ob aus dem Zelte eine Antwort erfolgte.

Wir zerrten ihn über einen Knick, zogen und schoben ihn durch eine schmale Oeffnung in der Hecke und hatten endlich den Wagen erreicht. Ohne weitere Umstände warfen wir ihn hinein, zum größten Entsetzen des Kutschers, der nicht abgeneigt schien, seinerseits um Hilfe zu rufen. Ich schwang mich auf den Bock, ergriff Zügel und Peitsche, den Gefangenen Hewitt überlassend, und fort ging es im rasenden Tempo nach Ravenhorst.

Wir fuhren erst bei Herrn Hartwig vor. Er war zu meinem Onkel gegangen, wohin wir ihm folgten. Die Verhaftung der Fosters war erfolgt, wie man uns sagte, als sie aus einer anderen Richtung nach Ramdorf zurückkehrten. Wir brachten unseren Gefangenen in des Obersten Bibliothek, wo wir die beiden Herren trafen.

Ich weiß nicht recht, weswegen wir ihn belangen können, meinte Hewitt. Es müßte denn wegen »anatomischen Raubes« sein. Jedenfalls ist er der Uebeltäter.

Der Mann sah verschlossen und mürrisch aus und blickte zu Boden.

Hewitt redete ihn ein paarmal an, und endlich antwortete er in einer sonderbaren Mundart, die auch Hewitt unverständlich war. Wieder fragte Hewitt etwas in dem lauten, deutlichen Ton, den man unwillkürlich gegen Ausländer gebraucht.

Der Mann verstand, schüttelte aber den Kopf; er sagte kein Wort weiter und beantwortete keine Frage.

Er ist ein fremder Zigeuner, erklärte Hewitt. Wie ich vermutet hatte – aus der Walachei. Sie sprechen einen reineren Dialekt als die anderen und haben nur einige gemeinsame Stammworte. Aber ich denke, wir werden ihn morgen zu der Erklärung bringen, daß die Fosters wenigstens nichts mit dem Abschneiden der Hand zu tun haben. Hier ist sie übrigens. Und er holte das corpus delicti zierlich aus der Leinwand, um es dann gleich wieder zu bedecken. Aber was bedeutet dies alles? fragte Hartwig erstaunt. Ist er ein Mitschuldiger?

Sicher nicht, es handelt sich um Selbstmord, was Sie zugeben werden, wenn ich alles erklärt habe. Dieser Mann hat die Leiche gefunden und nur die Hand abgeschnitten.

Aber, zum Teufel, warum?

Wegen der »Gnadenhand«, nicht wahr? Hewitt drehte sich zu dem Zigeuner herum und zeigte auf die Hand auf dem Tisch: »Feuerhand«, nicht wahr? Es flog wie Verständnis über des Mannes Züge, aber er sagte kein Wort. Ich war mehr als überrascht. War es menschenmöglich, daß der Aberglaube der »Gnadenhand« bis auf den heutigen Tag existierte?!

Sie kennen den Aberglauben natürlich, fuhr Hewitt fort. Im letzten Jahrhundert war er hier noch sehr beliebt, als so viele Menschen an Kreuzwegen aufgeknüpft wurden. Bei den Zigeunern der Walachei spielte er eine große Rolle und hat sich noch immer erhalten. Der Glaube ist, daß die rechte Hand eines Erhenkten abgeschnitten und gedörrt und getrocknet werden muß, und zwar über bestimmten Kräutern. An jedem der Finger wird aus den abgeschnittenen Haaren des Toten eine Art Docht angebunden. Wenn diese angefetteten Dochte angebrannt werden, so erhält man einen Talisman, kraft dessen ein Dieb ohne Fährlichkeit in jedes Haus gehen und alle Türen öffnen kann. Niemand kann ihn hindern, denn wem man die »Gnadenhand« entgegenhält, der wird machtlos und kann weder sich rühren noch sprechen.

Ja, sagte mein Onkel, ich erinnere mich, einiges darüber gelesen zu haben.

Es ist viel darüber geschrieben worden. Aber nun lassen Sie den Mann für die Nacht in Gewahrsam bringen. Ich denke, Sie werden die abgeschnittenen Haare des Toten bei ihm finden.

Die Polizei wurde gerufen, man legte dem Mann eiserne Handschellen anstatt der unserigen an und führte ihn ab. Dann bestürmten mein Onkel und Herr Hartwig meinen Freund mit Fragen und Zweifeln.

Warum vermuten Sie Selbstmord? fragte Hartwig. Es ist doch erwiesen, daß die Fosters zu der Zeit mit ihm zusammen waren? Wollen Sie etwa behaupten, daß sie dabei standen und ruhig zusahen, wie sich Schmittchen aufhing?

O nein, antwortete Hewitt, indem er sich eine Zigarre ansteckte; ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß sie Schmittchen überhaupt nicht gesehen hatten.

Gewiß, so sagten Sie, und das sagten die Fosters auch selbst, als sie verhaftet wurden. Und doch ist es unmöglich, denken Sie doch an die Fußspuren!

Gerade die Fußspuren haben mir bewiesen, daß es nicht unmöglich war, erwiderte Hewitt. Lassen Sie mich erzählen, wie sich alles von Anfang an abwickelte. Fangen wir mit dem Bericht des Kutschers an. Die Unterhaltung zwischen den Brüdern, die er anhörte, konnte etwas weniger Gefährliches als Mord bedeuten. Was hatten sie gesagt? Sie waren dringlichst nach Ramdorf gerufen worden und hatten gerade eine Unterredung mit Mutter und Schwester gehabt. Heinrich sagte: Die Sache muß sofort gemacht werden, und da sie zu zweit seien, so ließe es sich leicht machen. Robert antwortete, daß Heinrich als Arzt am besten wissen müsse, was zu tun sei.

Nun hatten Sie, Herr Oberst, uns erzählt – noch ehe wir etwas von Herrn Hartwig hörten –, daß Schmittchens Benehmen in letzter Zeit das eines Verrückten gewesen sei. Der plötzliche Angriff auf den Handwerker sprach auch dafür. War es nun so unwahrscheinlich, daß Schmittchen wirklich verrückt war? Sein finanzieller Zusammenbruch, die empörende Behandlung seiner Frau sprechen wieder dafür. Nun war es plötzlich schlimmer mit ihm geworden, die beiden unglücklichen Frauen schrieben in ihrer Angst an Heinrich und Robert und beschworen sie, zu kommen. Damit ist alles erklärt.

Hewitt fuhr fort:

Die Brüder kommen an, gerade als Schmittchen fortgegangen war. Man sagt ihnen in Eile, wie die Sachen liegen, und daß Schmittchen sofort gefunden und in ein Irrenhaus gebracht werden muß. Er ist fortgegangen, etwas Entsetzliches kann passieren. Die Brüder entschließen sich, ihm sofort nachzugehen und ihn festzunehmen, wo immer sie ihn treffen. Dadurch wird der Sinn der Unterhaltung klar. Das, was sofort getan werden muß, ist, ihn ins Irrenhaus zu schaffen. Heinrich als Arzt muß wissen, was zu tun ist und was für Formalitäten nötig sind. Dann nehmen sie aus Vorsicht den Strick mit für den Fall, daß der Kranke gebunden werden muß. Nun, ist das nicht ganz glaubwürdig?

Allerdings, sagte Hartwig, der Gedanke ist mir freilich nicht gekommen,

Das kam daher, weil Sie von Anfang an Mord annahmen und von diesem Gesichtspunkt aus weitergingen.

Nun zu meinen eigentlichen Beobachtungen. Ich sah die Fußspuren auf der Fährte und ich stimmte mit Ihnen darin überein, daß Schmittchen den Weg zuerst gegangen war, und daß die Brüder nachgekommen, dabei über seine Spuren weggehend. Diese Spuren führten tief in den Wald hinein, bis plötzlich die der Brüder auseinandergingen und neben denen von Schmittchen zu jeder Seite sichtbar wurden. Die natürlichste Annahme war die Ihrige, Herr Hartwig, daß die Fosters ihren Stiefvater eingeholt hatten und neben ihm hergingen. Ich war mir über diesen Punkt aber keineswegs sicher. Noch eine andere, einfache Lösung war möglich, die vielleicht die richtige war. Gerade an der Stelle, wo die Spuren der Brüder auseinandergingen, war der Weg viel feuchter, und natürlich war er in der Mitte am feuchtesten. Ist es nun nicht recht wahrscheinlich, daß zwei gut gekleidete junge Leute unwillkürlich neben den feuchten Stellen weitergingen?

Andererseits würde jeder in Schmittchens Verfassung – wir nehmen an, daß er verrückt war und Selbstmordgedanken hegte – immer weiter geradeaus gehen, ohne sich um den Schmutz oder sonst irgend etwas zu kümmern. Ich untersuchte die Spuren genau und fand meine Annahme bestätigt. Die Brüder waren immer auf die trockensten Stellen aufgetreten und ihre Fußtapfen unregelmäßig – ein Beweis, daß sie vorsichtig gingen, während Schmittchens Spur niemals zur Seite wich, auch nicht, wo es am schmutzigsten war. Hierauf gründete ich meine Theorie.

Beim Bach hörten die Fußspuren auf, weil dort harter Kies lag. Die Leiche lag auf einem Grashügel zur linken Seite. Hier waren die Spuren beinahe verwischt, wenngleich ich im Grase Spuren entdecken konnte, die anderen verborgen blieben. Es war aber nutzlos, sie weiter zu untersuchen, denn Sie und Ihr Beamter waren auch dort gewesen, und so liefen die Spuren alle ineinander.

Unter dem Aste, an dem der Mann hing, war ein alter Baumstumpf mit glatter Fläche. Ich untersuchte diese und erkannte, daß Schmittchen darauf gestanden hatte, als er sich den Strick umgebunden. Seine feuchten Fußabdrücke waren genau umgrenzt. Sie waren nicht verwischt, wie es hätte sein müssen, wenn er mit Gewalt dort hingestellt und herumgezerrt worden wäre. Dies deutete wieder auf Selbstmord hin.

Nun hatte Ihre Annahme, Herr Hartwig, auch ihre Berechtigung. Die Fosters waren ihm zweifellos gefolgt. So mußten sie also, falls sich Schmittchen vor ihrer Ankunft erhängt, die Leiche finden. Ich habe dieselbe genau besichtigt. An den Knien klebte Schmutz und ein kleines Blatt. Es war ein Blatt von dem Buschwerk hinter dem Baum, und es war kein welkes Blatt, sondern ein kürzlich gefallenes. Nachdem ich die Leiche untersucht, ging ich in das Gebüsch und fand dort mitten drin Knieabdrücke, ein Zweig war niedergerissen und jenes Blatt dabei hängen geblieben. Hinter den Kniespuren war der Eindruck von Fußzehen auf dem weichen Boden. Somit war das Rätsel gelöst.

Der arme Wahnsinnige hatte den herabhängenden Strick gesehen, und die Versuchung zum Selbstmord wurde übermächtig in ihm. Für Leute seines Schlages ist die Möglichkeit, sich das Leben zu nehmen, oft eine Versuchung, der sie nicht widerstehen können.

Vermutlich hat er Schritte und Stimmen hinter sich gehört und sie wahrscheinlich als die der Brüder erkannt. Er verkroch sich sofort in den Strauch, bis sie vorbeigegangen waren. Es ist anzunehmen, daß er überzeugt war, man verfolge ihn, vielleicht dachte er auch daran, was zwischen ihm und seinen Stiefsöhnen vorgefallen war – kurz, er geriet ganz außer sich, und das Resultat haben Sie gesehen.

Aber ehe ich das Gebüsch untersuchte, hatte ich verschiedenes an der Leiche bemerkt. Sie erinnern sich, daß ich fragte, ob einer der Brüder linkshändig sei, was verneint wurde. Die Hand war aber zweifellos von einem linkshändigen Mann abgeschnitten worden mit einem scharfen, spitzen Messer; denn rechts, wo die Hand gehangen, hatte die Messerspitze den Rock eingeschlitzt. Der Mann, der die Verstümmelung beging, hatte die Hand mit seiner Rechten gehalten und hielt das Messer links; er war also linkshändig.

Am wichtigsten waren aber die abgeschnittenen Haare über dem rechten Ohr. Ueberall war das Haar sonst geordnet und gut geschnitten, hier aber sah es aus, als sei es abgesäbelt. Was konnte nun irgend jemand mit der rechten Hand eines Toten und einem Büschel Haare anfangen? Wie ein Blitz kam mir die Gewißheit: Der Mann hat sich erhängt – es handelt sich um die »Gnadenhand«.

Dann werden Sie sich entsinnen, daß Sie mich veranlaßten, den Spuren der Fosters nachzuforschen, nachdem sie den kleinen Bach überschritten hatten. Der Pfad war wiederum feucht in der Mitte, und die Brüder waren wieder weit auseinandergegangen, ohne jemand zwischen sich zu haben. Dieses war der letzte, kaum nötige Beweis für meine Theorie. Nun überlegte ich mir, wie ich des Mannes habhaft werden könnte, der die Hand gestohlen. Er mußte wegen Verstümmelung belangt werden, aber vor allen Dingen mußte er als Zeuge auftreten. Alle Fußspuren ringsherum waren identifiziert worden. Die Spur des Mannes, der die Hand abgehauen, fehlte aber. Er mußte demnach auf dem harten Kies gegangen sein, dem einzigen Weg, der nichts verraten konnte.

Brett und ich ließen Sie allein und wandelten am Bache auf und ab. Wir fanden oberhalb desselben eine frische Spur von einem Manne mit einem zerrissenen Stiefel. Den ganzen Weg längs des Baches war nichts weiter zu sehen. Wo die Leiche lag, brauchte er nur auf das Gras zu treten, das, wie ich schon sagte, zu untersuchen vergeblich gewesen wäre. Aber unten auf dem Wege war die Spur wieder zu sehen. Nun kannte ich die Richtung, in der ich nach einem linkshändigen Mann mit zerrissenem Stiefel fahnden mußte. Wahrscheinlich war er ein Zigeuner und noch wahrscheinlicher ein fremder Zigeuner, weil diese noch immer an dem Aberglauben von der »Gnadenhand« festhalten.

Ich vermutete, daß der Mann ein Nachzügler des Trupps sei und versuchen würde, ihn einzuholen. So sah ich mich nach einem Patrin um. Dies ist ein Zeichen, das die Zigeuner für Nachzügler hinterlassen. Manchmal ist es ein Häufchen welker Blätter, auch ein Zeichen im Boden, oder sind's Steine. Aber meistens werden ein paar Zweige kreuzweis gelegt, und die Spitze des längeren Zweiges gibt die Richtung an.

Durch diese Patrins geführt, erreichten wir endlich das Lager, gerade als alles zur Ruhe gehen wollte. Wir benahmen uns äußerst liebenswürdig, was Brett besser schildern kann als ich, gingen schließlich fort, nur um zurückzukommen, sobald alle schlafen gegangen waren. So erwarteten wir den Mann, der jetzt eingesperrt ist.

Der Zigeuner, schloß Hewitt seine Ausführungen, wollte natürlich die erste Gelegenheit benützen, um seine scheußliche Trophäe zuzubereiten. Dies mußte um Mitternacht geschehen, die gegebene Zeit, die Hand zu präparieren und den Talisman wirksam zu machen. Hiebei näherten wir uns vorsichtig, nahmen den Burschen fest und brachten ihn her. Und ich meine, je eher Sie die Fosters aus der Haft entlassen, desto besser ist es.

Mein Gott, warum haben Sie mir denn Ihre Vermutungen nicht gleich gesagt! rief Herr Hartwig aus.

Nun, antwortete Hewitt mit leisem Lächeln, Sie waren Ihrer Sache so sicher, und einige der Spuren, auf die ich mich verließ, waren so geringfügig, daß wahrscheinlich eine lange Debatte entstanden wäre, was Zeitverlust bedeutete. Und dann sagen Sie selbst: wenn ich Ihnen rund erklärt hätte, Schmittchens Hand sei gestohlen worden um eines mittelalterlichen Aberglaubens willen, damit ein Dieb durch verschlossene Türen gehen und dem Eigentümer das Silber unter der Nase wegnehmen könne, ja, was hätten Sie mir wohl erwidert?

Ich fürchte, ich wäre etwas skeptisch gewesen. Alles schien so deutlich darauf hinzuweisen, daß die Fosters die Mörder waren; nein, ich vermute, ich hätte es nicht geglaubt. Es ist doch auch kaum zu begreifen, daß es heutigentags noch solchen Aberglauben gibt.

Gewiß, aber man findet noch mehr Ueberbleibsel dieser Art, als mancher denkt. Die Walachen sind alle noch schrecklich abergläubisch und die Zigeuner natürlich noch mehr. Entsinnen Sie sich nicht des Falles, da man ein Kind als Opfer ertränkte, um Regen hervorzurufen? Dies ist vor ein paar Monaten in der Walachei passiert. Und solche schreckliche Taten um irgendeines Aberglaubens willen werden immer noch vollbracht.

Nun fingen der Oberst und Herr Hartwig an, sich zu streiten, wie der Gefangene gesetzlich bestraft werden könnte. Herr Hartwig meinte, es käme unter die Rubrik: Diebstahl an einem Toten; aber mein Onkel glaubte, daß es eine besondere Strafe für Leichenschändung gäbe. Sie brauchten sich schließlich nicht den Kopf zu zerbrechen, denn am anderen Morgen war der Mann entwischt. Er ist nicht gefunden worden, und zwei Monate später verließ die Familie Foster die Gegend für immer.


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