Prosper Mérimée
Lokis
Prosper Mérimée

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VII.

Sie währten etwa zwei Monate, und ich kann sagen, daß es in Samogitien kaum ein Dorf gibt, wo ich mich nicht aufgehalten oder einige Dokumente gesammelt habe. Es sei mir erlaubt, diese Gelegenheit zu benutzen, um den Bewohnern dieser Provinz, und besonders den Herren Geistlichen für die mir gewährte, wirklich zuvorkommende Unterstützung bei meinen Nachforschungen und für die trefflichen Bereicherungen meines Wörterbuches zu danken.

Nach einem achttägigen Aufenthalt in Szawle hatte ich mir vorgenommen, mich in Klaupeda (einem Hafen, den wir Memel nennen) einzuschiffen, um nach Hause zurückzukehren, als ich folgenden Brief des Grafen Szemioth erhielt, der durch einen seiner Jäger überbracht wurde:

Lieber Herr Professor!

Erlauben Sie mir, Ihnen deutsch zu schreiben. Wenn ich Ihnen shmudisch schriebe, würde ich noch mehr Sprachfehler machen, und Sie würden alle Achtung vor mir verlieren. Ich weiß nicht, ob Sie ihrer schon viel vor mir haben, und die Nachricht, die ich Ihnen mitzuteilen habe, wird sie vielleicht nicht vermehren. Ohne weitere Umschweife, ich verheirate mich und Sie erraten wohl mit wem. »Jupiter lacht der Schwüre der Verliebten.« Dasselbe tut Pirkuns, unser samogitischer Jupiter. Ich heirate also Fräulein Julchen Iwinska am achten des nächsten Monats. Der liebenswürdigste der Männer würden Sie sein, wenn Sie der Feier beiwohnen wollten. Alle Bauern von Medintiltas und der umliegenden Ortschaften werden einige Ochsen und zahllose Schweine bei mir vertilgen, und wenn sie trunken sind, sollen sie auf der Wiese rechts von der Ihnen bekannten Allee tanzen. Da werden Sie Ihrer Beachtung würdige Trachten und Gebräuche sehen. Mir und auch Julchen würden Sie die größte Freude, bereiten. Hinzu muß ich fügen, daß Ihre Absage uns in die traurigste Verlegenheit bringen würde, wie Sie wissen, bin ich Protestant, und meine Braut desgleichen; unser Prediger nun, der einige dreißig Meilen weit fort wohnt, ist gichtlahm, und ich habe zu hoffen gewagt, daß Sie an seiner Statt amtieren würden. Ich bin, mein lieber Professor,

Ihr sehr ergebener

Michael Szemioth.

In Postscriptumform hatte man unter dem Briefe mit ziemlich hübscher weiblicher Hand shmudisch hinzugefügt:

»Ich, Lithauens Muse, schreibe shmudisch. Michael ist empörend, an Ihrer Billigung zu zweifeln. Tatsächlich bin nur ich so närrisch, einen Jungen wie ihn zu nehmen. Am achten nächsten Monats sollen Sie, Herr Professor, eine ziemlich »schicke« Braut sehen. Das ist kein shmudischer, sondern ein französischer Ausdruck. Seien Sie nur nicht während der Trauung zerstreut!«

Weder Brief noch Postscriptum gefielen mir. Ich fand, daß das Brautpaar bei solch feierlicher Gelegenheit eine unverzeihliche Leichtfertigkeit zeigte. Doch wie absagen? Ich muß noch zugeben, daß das angekündigte Schauspiel mich fortwährend in Versuchung führte. Allem Anscheine nach würde ich unter den vielen auf Schloß Medintiltas vereinigten Adelleuten unterrichtete Männer finden, die mir nützliche Aufschlüsse geben konnten. Mein shmudisches Wörterbuch war sehr reichhaltig; der Sinn einer bestimmten Wörterzahl aber, die ich aus plumpem Bauernmunde vernommen hatte, blieb für mich noch in eine relative Dunkelheit eingehüllt. All diese vereinten Überlegungen besaßen Kraft genug, mich zu verpflichten, des Grafen Bitte Folge zu leisten, und ich antwortete ihm, am Morgen des achten würde ich in Medintiltas sein.

Wie oft hab ich das zu bereuen gehabt!

Als ich die Schloßallee betrat, sah ich eine stattliche Menge Herren und Damen in Vormittagskleidung in Gruppen auf der Freitreppe oder in den Parkgängen umherwandeln. Der Hof war voller sonntäglich geputzter Bauern. Das Schloß hatte ein festliches Aussehn; überall gab's Blumen, Guirlanden, Fahnen und Fruchtgewinde. Der Intendant führte mich in das für mich hergerichtete Erdgeschoßzimmer, und bat mich um Entschuldigung, mir kein schöneres anbieten zu können. Aber es wären soviel Leute im Schlosse, daß man mir unmöglich das bei meinem ersten Aufenthalte von mir bewohnte Zimmer hätte aufheben können. Es wäre für die Frau des Adelsmarschalls bestimmt; mein neues Zimmer sei übrigens sehr schicklich, habe den Blick auf den Park und liege unter des Grafen Gemächern. Ich zog mich schnell für die Trauung an, doch weder der Graf noch seine Braut erschienen. Der Graf wollte sie in Dowghielly abholen. Schon lange hätten sie ankommen müssen; doch eine Brauttoilette ist keine kleine Sache, und der Doktor verkündigte den Gästen, daß, da das Frühstück erst nach der kirchlichen Feier stattfände, hungrige Mägen gut daran tun würden, an einem gewissen mit Kuchen und allen Arten von Schnäpsen bestellten Buffet ihre Vorsichtsmaßregeln zu treffen. Bei dieser Gelegenheit bemerkte ich, wie sehr warten die Schmähsucht herausfordert; zwei Mütter hübscher zur Feier eingeladener junger Mädchen waren unerschöpflich in Epigrammen auf die Braut.

Mittag war vorbei, als Böller- und Büchsenschüsse ihre Ankunft anzeigten und bald nachher fuhr ein Galawagen, der von vier prachtvollen Pferden gezogen wurde, in die Allee ein. Schaum bedeckte ihre Brust; leicht war zu sehen, daß die Verzögerung nicht auf ihr Konto kam. In dem Wagen saßen nur die Braut, Frau Dowghiello und der Graf. Er stieg aus und reichte Frau Dowghiello die Hand. Fräulein Iwinska machte mit einer Bewegung voller Anmut und kindlicher Koketterie Miene, sich unter ihrem Schleier zu verbergen, um den neugierigen Blicken, die sie auf allen Seiten umgaben, zu entgehn. Dennoch stand sie im Wagen auf und wollte des Grafen Hand nehmen, als die Deichselpferde, durch den Blumenregen vielleicht erschreckt, den die Bauern auf die Braut niedergehen ließen, vielleicht auch unter dem Eindrucke jener seltsamen Furcht, die der Graf Tieren einjagte, schnaubend sich aufbäumten. Ein Rad stieß an den Prellstein unten an der Freitreppe und einen Moment konnte man an ein Unglück glauben.

Fräulein Iwinska stieß einen leichten Schrei aus ... Bald war alles wieder beruhigt.

Der Graf nahm sie in seine Arme und trug sie ebenso leicht, wie wenn er eine Taube hielte, bis oben auf die Freitreppe, wir alle applaudierten zu seiner Gewandtheit und ritterlichen Galanterie. Die Bauern brüllten furchtbare Vivats, die hocherrötete Braut lachte und zitterte zugleich. Der Graf hatte es durchaus nicht eilig, sich seiner reizenden Last zu entledigen und schien sie der ihn umgebenden Menge im Triumphe zeigen zu wollen...

Plötzlich erschien, ohne daß man gewußt hätte, woher sie kam, eine hochgewachsene, bleiche, magere Frau in unordentlichen Kleidern, mit aufgelösten Haaren und angstverkrampften Zügen oben auf der Freitreppe.

»Der Bär!« schrie sie mit durchdringender Stimme; »der Bär! Gewehre! ... Er schleppt ein Weib weg! Tötet ihn! Feuer! Feuer!«

Es war die Gräfin. Das Kommen der Braut hatte alle Welt auf die Freitreppe, in den Hof oder an die Schloßfenster gelockt. Die Frauen selber, welche die arme Irre bewachten, hatten ihre Weisungen vergessen; sie war entwischt, und ohne von jemandem bemerkt zu werden, mitten unter uns geraten. Es war eine sehr peinliche Szene. Trotz ihres Widerstandes und ihrer Schreie mußte man sie forttragen, viele der Gäste kannten ihre Krankheit nicht. Man mußte ihnen Erklärungen geben. Lange flüsterte man leise. Alle hatten betrübte Gesichter. »Ein übles Vorzeichen!« sagten die abergläubischen Leute, deren Zahl nicht klein ist in Lithauen.

Inzwischen erbat sich Fräulein Iwinska fünf Minuten, um sich zu putzen und den Brautschleier umzulegen, eine Handlung, die eine geschlagene Stunde dauerte. Das war mehr Zeit, als erforderlich sein konnte, um den Leuten, die von der Gräfin Krankheit nichts wußten, Ursache und Einzelheiten mitzuteilen.

Endlich erschien die Braut in herrlichem Staate und mit Diamanten besät wieder. Ihre Tante stellte sie allen Gästen vor. Und als dann der Augenblick des In-die-Kapelle-Schreitens gekommen war, verabreichte Frau Dowghiello zu meiner höchsten Überraschung in Anwesenheit der ganzen Gesellschaft ihrer Nichte eine so kräftige Ohrfeige, daß alle, die irgendwie abgelenkt waren, sich umdrehten. Diese Ohrfeige ward mit vollkommenster Hingabe entgegengenommen, und niemand verwunderte sich anscheinend darüber. Nur ein schwarzgekleideter Mann schrieb etwas auf ein Papier, das er bei sich hatte, und einige der Anwesenden setzten mit der gleichgiltigsten Miene ihren Namen darunter. Erst am Ende der Feierlichkeit erfuhr ich des Rätsels Lösung. Wenn ich's erraten hätte, würde ich mich ungesäumt mit aller Macht meines geistlichen Amtes gegen solch einen häßlichen Brauch gewendet haben, der einen Scheidungsgrund herbeizuführen bezweckt, indem die Heirat angeblich nur tätlicher Gewalt zufolge, die einer der kontrahierenden Parteien gegenüber ausgeübt wird, stattfindet.

Nach dem Gottesdienst glaubte ich einige Worte an das junge Paar richten zu müssen, um ihm die Wichtigkeit und Heiligkeit des sie nun vereinigenden Bandes vor Augen zu führen. Und da mir Fräulein Iwinskas unangebrachtes Postscriptum noch auf der Seele lag, erinnerte ich sie daran, daß sie in ein neues Leben trete, das nicht mehr aus Vergnügungen und Jugendfreuden bestünde, sondern voller ernster Pflichten und schwerer Prüfungen wäre. Dieser Teil meiner Ansprache wirkte scheinbar auf die Braut und alle deutsch verstehenden Anwesenden stark.

Flintensalven und Freudengeschrei empfingen den Zug beim Verlassen der Kapelle auf dem Wege in den Speisesaal. Das Mahl war köstlich, der Appetit sehr gereizt und anfangs hörte man nur Messer- und Gabelklappern. Mit Hilfe von Champagner und Ungarwein hub man bald zu plaudern, zu lachen und selbst zu schreien an. Mit Begeisterung wurde auf das Wohl der Jungvermählten getrunken. Kaum hatte man sich wieder gesetzt, als ein alter Panie mit weißem Schnurrbart sich erhob und mit fürchterlicher Stimme rief:

»Voller Schmerz seh' ich, daß unsere alten Bräuche verschwinden. Nimmer würden unsere Väter diesen Trinkspruch mit Kristallgläsern ausgebracht haben. Wir tranken aus den Brautpantöffelchen oder gar aus den Schuhen der Braut, denn zu meiner Zeit trugen die Damen rote Maroquinlederschuhe. Zeigen wir, Freunde, daß wir noch echte Lithauer sind. – Und Du, gnädige Frau, geruhe mir Deinen Schuh zu geben.«

Errötend, mit leisem, unterdrücktem Lächeln antwortete ihm die Neuvermählte:

»Komm, hol ihn Dir, Herr; ... mit Deinem Stiefel werd' ich Dir aber nicht Bescheid tun.«

Der Panie ließ sich das nicht zweimal sagen.

Galant ließ er sich aufs Knie nieder, nahm ihr einen weißen Atlasschuh mit roten Absätzen fort, füllte ihn mit Champagner und trank so schnell und so geschickt, daß nicht mehr als die Hälfte davon über seine Kleider rann. Der Schuh ging von Hand zu Hand, und alle Männer tranken, jedoch nicht ohne Mühe, daraus.

Der alte Edelmann beanspruchte den Schuh als kostbare Reliquie und Frau Dowghiello ließ eine Kammerfrau kommen, um die Plünderung der bräutlichen Toilette wieder ausgleichen zu lassen.

Diesem Toast folgten viele andere, und bald wurden die Gäste so lärmend, daß mir ein Verweilen unter ihnen nicht mehr schicklich erschien. Ohne daß jemand acht auf mich gab, verschwand ich von der Tafel und wollte außerhalb des Schlosses frische Luft schöpfen; fand aber dort ein noch weniger erbauliches Schauspiel vor. Die Diener und Bauern, die Bier und Schnaps nach Belieben erhalten hatten, waren in der Mehrzahl schon betrunken; Streit und blutige Köpfe hatte es dort gegeben. Da und dort auf der Wiese wälzten sich sinnlos betrunkene Leute, und der Hauptanblick des Festes sah sehr nach Schlachtfeld aus. Es würde mich schon gereizt haben, die Volkstänze aus der Nähe zu sehen, die meisten aber wurden von unverschämten Zigeunerinnen ausgeführt, und ich hielt es nicht für wohlanständig, mich in den Wirrwarr zu wagen. Ging also in mein Zimmer, las einige Zeit, kleidete mich dann aus und schlief bald ein.

Als ich aufwachte, schlug die Schloßuhr drei. Die Nacht war hell, wiewohl der Mond durch leichten Nebel ein wenig verschleiert ward. Ich versuchte wiedereinzuschlafen, es gelang mir aber nicht. Meinem Brauche bei ähnlichen Gelegenheiten gemäß, wollte ich ein Buch vornehmen und studieren, konnte aber die Zündhölzer nicht in meiner Reichweite finden. Ich stand auf und tastete im Zimmer umher, als ein sehr großer, schwerer Körper an meinem Fenster vorbeiglitt und mit dumpfem Geräusch in den Garten fiel. Mein erster Eindruck war, es sei ein Mensch; und ich glaubte, einer unserer Trunkenbolde sei aus dem Fenster gestürzt. Ich machte meines auf und schaute hinaus; sah aber nichts. Endlich zündete ich eine Kerze an und ging, nachdem ich mich wieder hingelegt hatte, mein Wörterbuch bis zu dem Augenblicke durch, wo man mir meinen Tee brachte.

Gegen elf Uhr begab ich mich in den Salon, wo ich viele verschlafene Augen und müde Gesichter sah, in der Tat hörte ich, man hätte die Tafel erst sehr spät aufgehoben, weder der Graf noch die junge Gräfin hatten, sich bisher gezeigt. Nach vielen üblen Späßen fing man um halb zwölf erst ganz leise, dann recht laut zu murmeln an. Doktor Fröber, nahm es auf sich, des Grafen Kammerdiener an seines Herrn Türe klopfen zu lassen. Nach einer Viertelstunde kam der Mann etwas aufgeregt zurück und berichtete Doktor Fröber, mehr als ein Dutzend Mal habe er angeklopft, ohne eine Antwort zu erhalten, wir berieten uns, Frau Dowghiello, der Doktor und ich. Des Kammerdieners Unruhe hatte mich angesteckt. Alle drei gingen wir mit ihm hinauf, vor der Türe fanden wir ganz verstört der jungen Gräfin Kammerfrau, die versicherte, ein Unglück müsse geschehen sein, denn der gnädigen Frau Fenster stehe sperrangelweit auf. Mit Entsetzen erinnerte ich mich des schweren Körpers, der an meinem Fenster heruntergefallen war. wir klopften laut an. Keine Antwort. Endlich brachte der Kammerdiener eine Eisenstange und wir brachen die Tür auf ... Nein! der Mut fehlt mir, das Schauspiel, das sich unseren Blicken bot, zu beschreiben ... Die junge Gräfin lag tot in ihrem Bette ausgestreckt, das Gesicht furchtbar zerfleischt, der Busen entblößt und mit Blut benetzt. Der Graf war verschwunden und niemand hat seitdem etwas von ihm gehört.

Der Doktor beschaute sich die gräßlichen Verletzungen der jungen Frau.

»Keine Stahlklinge,« rief er, »hat die Wunde beigebracht ... Das ist ein Biß!«

Der Professor klappte sein Buch zu und blickte mit nachdenklicher Miene ins Feuer.

»Und die Geschichte ist aus?« fragte Adelaide.

»Aus!« antwortete der Professor mit trauriger Stimme.

»Warum aber,« fuhr sie fort, »haben Sie sie Lokis genannt? Nicht eine der Personen hieß so.«

»Das ist kein Menschenname,« sagte der Professor. – »Nun, Theodor, wissen Sie, was Lokis heißen soll?«

»Ich habe nicht die blasseste Ahnung.«

»Wenn Sie sich das Umbildungsgesetz vom Sanskrit zum Lithauischen ordentlich eingeprägt hätten, würden Sie in Lokis das Sanskritwort arkscha oder rikscha erkannt haben. Im Lithauischen heißt das Tier, welches die Griechen αρχοσ, die Römer ursus und die Deutschen Bär nennen, lokis.

Jetzt verstehen Sie das Epigramm:

Miszka su Lokiu Abu du tokiu.

Sie wissen, daß im Fuchsroman der Bär Dominus Braunbart heißt. Bei den Slaven nennt man ihn Michael, Miszka lithauisch, und dieser Beiname ersetzt beinahe stets den Gattungsnamen Lokis. Ebenso haben die Franzosen ihr neu lateinisches Wort goupil oder gorpil vergessen, um es durch renard zu ersetzen. Viele andere Beispiele könnt ich noch anführen ...«

Adelaide aber warf ein, es sei spät und man trennte sich.


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