Prosper Mérimée
Lokis
Prosper Mérimée

 << zurück weiter >> 

V.

Ziemlich spät zog man sich zurück. In sehr vielen vornehmen lithauischen Häusern sieht man prachtvolles Silberzeug, schöne Möbel, kostbare Perserteppiche, doch gute Federbetten hat man wie in unserem lieben Deutschland einem müden Gaste nicht anzubieten. Ob reich, ob arm, Edelmann oder Bauer, ein Slave vermag auch auf einer Planke gut zu schlafen. Von dieser Allgemeinregel macht Schloß Dowgielly keine Ausnahme. In dem Gemache, in das man uns, den Grafen und mich, geleitete, gab's nur zwei mit Maroquinleder bezogene Sofas. Das erschreckte mich nicht eben, denn auf meinen Reisen hatte ich häufig auf bloßer Erde geschlafen und ich machte mich über des Grafen Ausrufe – der fehlenden Zivilisation seiner Landleute wegen – ein bischen lustig. Ein Diener zog uns die Stiefel aus und reichte uns Schlafröcke und Pantoffeln. Nachdem er seinen Anzug abgelegt hatte, ging der Graf ein Weilchen schweigend auf und ab; dann blieb er vor dem Sofa, auf dem ich's mir bereits bequem gemacht hatte, stehn und sagte zu mir:

»Was halten Sie von Julka?«

»Reizend finde ich sie.«

»Ja, aber so kokett! ... Meinen Sie, sie findet wirklich Gefallen an dem kleinen blonden Hauptmann?«

»Dem Adjutanten? ... Wie sollte ich das wissen?«

»Er ist ein Geck! ... doch muß er den Weibern gefallen.«

»Den Schluß bestreite ich, Herr Graf, wünschen Sie die Wahrheit zu hören? Fräulein Iwinska denkt viel mehr daran, dem Grafen Szemioth zu gefallen als allen Adjutanten der Armee.«

Ohne mir zu antworten, errötete er; meine Worte schienen ihm aber merkliche Freude bereitet zu haben. Noch einige Zeit über schritt er wortlos auf und ab, dann, nachdem er auf seine Uhr geschaut hatte, sagte er zu mir:

»Meiner Treu, wir würden gut daran tun, zu schlafen, denn 's ist spät.«

Er nahm seine Flinte und sein Jagdmesser, die man in unser Zimmer gebracht hatte, und legte sie in einen Schrank, dessen Schlüssel er abzog.

»Wollen Sie ihn aufbewahren?« sagte er, ihn mir zu meinem lebhaften Erstaunen einhändigend; »ich könnte ihn verlegen. Sicher haben Sie ein besseres Gedächtnis als ich.«

»Das beste Mittel, Ihre Waffen nicht zu vergessen, wäre, sie auf den Tisch hier bei Ihrem Sofa zu legen.«

»Nein ... Sehn Sie, offen gestanden, hab ich nicht gern Waffen in meiner Nähe, wenn ich schlafe ... Und zwar aus folgendem Grunde. Als ich bei den Grodnower Husaren stand, schlief ich eines Tages mit einem Kameraden in einem Zimmer. Meine Pistolen lagen auf einem Stuhle neben mir. Nachts fahre ich durch einen Schuß aus dem Schlafe: ich halte eine Pistole in der Hand, hatte Feuer gegeben und die Kugel war zwei Zoll über meines Kameraden Kopf weggeflogen ... Nie hab ich mich erinnern können, was ich geträumt hatte.«

Die Geschichte regte mich etwas auf. vor einer Kugel in den Kopf war ich ja sicher, doch wenn ich meines Gefährten hohe Gestalt, seine breiten herkulischen Schultern, seine nervigen, mit schwarzem Flaum bedeckten Arme betrachtete, mußte ich notgedrungen daran denken, daß er durchaus imstande sei, mich mit seinen Händen zu erdrosseln, wenn er schlecht träume. Immerhin hütete ich mich, ihm die geringste Unruhe zu zeigen, setzte nur mein Licht auf einen Stuhl bei meinem Sofa und fing an, in dem mitgenommenen Lawickischen Katechismus zu lesen. Der Graf wünschte mir gute Nacht, streckte sich auf seinem Sofa aus, drehte sich fünf, sechsmal herum und schien dann endlich einzuschlafen, wiewohl er sich wie der Horazische Liebhaber zusammengekugelt hatte, der, in eine Lade gesperrt, mit dem Kopfe an seine zusammengezogenen Kniee rührte:

.... Turpi clausus in arca,
Contractum genibus tangas caput ....

Von Zeit zu Zeit seufzte er tief, oder ließ ein gewisses nervöses Röcheln hören, das ich der seltsamen Lage zuschrieb, die er zum Schlafen eingenommen hatte. So verstrich etwa eine Stunde. Ich ward selber schläfrig, klappte mein Buch zu und richtete mich so gut wie möglich auf meinem Lager ein, als mich ein merkwürdiges lautes Schmatzen meines Nachbars zittern machte. Ich blickte den Grafen an. Er hatte die Augen zu, sein ganzer Körper bebte und aus seinen halboffenen Lippen drangen einige kaum artikulierte Worte.

»Ganz frisch! ... Ganz weiß! ... Der Professor weiß nicht, was er redet ... Das Pferd taugt nichts... welch ein leckeres Stück! ...«

Dann hub er an, furchtbar auf sein Kissen, worauf sein Kopf ruhte, loszubeißen und gleichzeitig stieß er eine Art Gebrüll mit solcher Stärke aus, daß er selbst davon erwachte.

Ich aber blieb still, unbeweglich auf meinem Sofa und stellte mich schlafend. Trotzdem beobachtete ich ihn. Er setzte sich hoch, rieb sich die Augen, seufzte traurig und verharrte fast eine Stunde so, wie mir schien, in seine Gedanken vertieft, ohne die Stellung zu wechseln. Mir war indessen wenig behaglich zumute, und ich versprach mir innerlich, nie wieder Seite an Seite mit dem Grafen zu schlafen. Auf die Dauer freilich siegte die Müdigkeit über die Unruhe, und als man Morgens in unser Zimmer kam, schliefen wir beide einen tiefen Schlaf.


 << zurück weiter >>