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Einundzwanzigstes Kapitel.

Wenn das wilde Feuer ausgetobt hat, wenn die prasselnden Flammen erloschen sind, deren Gluthen in sturmgefachter Eile die Habe eines Menschen verschlangen, wenn Angst und Hoffnung, wenn die Möglichkeit der Hülfe und die durch sie wach erhaltene Anspannung der Seelenkräfte vorüber sind, dann ist die Stille, welche dem Werke der Zerstörung folgt, noch grauenvoller, noch herzzerreißender als selbst der Vernichtungskampf. Alles, was der Mensch besessen hat, ist dahin. Was er geliebt, was er geschaffen und gepflegt, die Stätte seiner Ruh, seiner Arbeit sind nicht mehr. Kalte, graue Asche, zerbröckelnde Trümmer liegen vor ihm, und er kommt sich spukhaft vor, weil er dasjenige überdauerte, was er sich gewöhnt hatte, als zu sich gehörend zu denken, als sein Eigenstes zu empfinden. Noch vor wenig Stunden wäre er sich beklagenswerth erschienen, hätte man ihm die Hälfte seines Besitzes geraubt – und wie reich würde er sich dünken, fände er jetzt unter den Trümmern nur das Geringste wieder! Wie ängstlich sucht er, irgend ein Etwas zu entdecken, das er hinüber tragen könnte in die neue, ach, so leere, arme Zukunft!

Friedrich fühlte sich wie vor solcher Stätte der Zerstörung. Die Geliebte war ihm entrissen, entrissen in der furchtbarsten Weise, von Selbstverachtung bedroht, hinausgeschleudert in eine ihm fremde Welt, die ihm jetzt feindlicher und verderbensvoller dünkte, als je zuvor. Erich hatte die Stadt verlassen, und sich selbst glaubte Friedrich verloren zu haben.

Er kannte sich nicht wieder. Ein wildes, verzehrendes Verlangen brannte in seinen Sinnen. Er begehrte nach Helenens Besitz, nach dem Weibe eines Andern, und sie selbst, die er wie eine Heilige geliebt in reiner Anbetung, hatte diese Gluth in seine Sinne, den verbrecherischen Wunsch in seine Seele geschleudert. Wie hätte er es ihr gedankt, wäre sie ihm unnahbar geblieben, das leuchtende Ideal seines Lebens! Und doch liebte er sie mehr als jemals, denn sie war ihm menschlich näher getreten, sie war ihm unauflöslich verbunden durch das Verbrechen geistigen Ehebruchs, dessen Schwere der gewissensstrenge Jüngling doppelt tief empfand. Brütend über seinem Schmerz, über einer Schuld, die er sich nicht weg zu läugnen wußte und deren Unfreiwilligkeit anzuerkennen er sich sträubte, zog er sich in sich selbst zurück, um aus den Trümmern seiner Vergangenheit sich eine rettende Stütze zu suchen.

Er vermied es, den Doctor zu sehen, oder Larssen und Georg zu begegnen. Er scheute den Erstern, und fürchtete Helenens Namen von den Anderen zu hören. In solchen Krisen, in denen der Mensch irre wird an sich und seinem eigenen Werthe, treten die natürlichen Verhältnisse und Gefühle als unsere Erretter auf. Das Bewußtsein, daß sein Leben seinen Eltern theuer, daß er ihnen nothwendig, und ihre Liebe auch dem Verirrten unverloren sei, hielt ihn aufrecht. Der Gedanke, Pflichten gegen sie zu haben, gab ihm Muth und Fassung. Sich zur Pflichterfüllung erziehen, heißt sich das Anker bereiten, das uns im Sturm der Leidenschaften vor dem Untergehen bewahrt.

Als wichen die Dämonen von ihm, so erleichtert fühlte der Sohn sich in der Nähe seiner Eltern. Die Trennung, welche die Verschiedenheit ihrer Bildung zwischen ihnen aufgethan hatte, ward jetzt durch das gegenseitige Bedürfniß, Liebe zu empfangen und zu gewähren, ausgefüllt: und die immer bedenklicher werdende Krankheit des Vaters erklärte den Eltern die fast unausgesetzte Anwesenheit des Sohnes an dem Schmerzenslager des Greises.

Obschon der Doctor nicht ohne Hoffnung für seine Herstellung war, glaubte der Meister selbst seinen Tod nahe und sah ihm ruhig entgegen. Seit er es aufgegeben hatte, an die Rückkehr zur Arbeit zu denken, war es, als ob er sich zum ersten Male Ruhe gönnte, als ob er diese gezwungene Ruhe genieße. Es war ein Behagen über seine Züge ausgebreitet, wie es der Arbeiter in der wohlverdienten Rast des Feierabends empfindet, und mit Freude sah er den Sohn oder den Doctor an seinem Bette verweilen, sich in langen Unterhaltungen mit ihnen zu ergehen.

In des Vaters Krankenstube hatte der Doctor Friedrich zum ersten Male nach dem Abschiede von der Gräfin wiedergesehen, und war betroffen worden durch das veränderte Aeußere des jungen Mannes. Seine Stirne war bleicher geworden, ein schwermüthiger Ernst hatte sich um Mund und Augen gelagert, wenige Tage ihn um Jahre reifer und älter werden lassen.

Als der Doctor sich entfernte, nöthigte er Friedrich ihn zu begleiten, und fragte ihn, weshalb er ihn so lange vermieden habe?

»Sie wissen es!« antwortete ihm derselbe. »Anderen unsere Gesellschaft aufzudringen, wenn wir uns selbst zur Last sind, ist so demüthigend!«

»Im Gegentheile, lieber Freund! Es liegt ein großer Egoismus darin, seine Schmerzen allein tragen zu wollen aus falschem Hochmuth. Wer die rechte Liebe zu den Menschen, das rechte Vertrauen zur Gutartigkeit ihrer Natur hat, dem widerstrebt es nicht, sich mitzutheilen und Mitgefühl zu fordern,« sagte der Doctor. »Zu dem Spruche ihres Heilandes: Was Du nicht willst, das Dir die Anderen thun, das thue ihnen auch nicht, gehörte von Rechts wegen der Nachsatz: und was Du Dich fähig hältst den Anderen zu leisten, das fordere von ihnen und nimm von ihnen ohne Rückhalt und Bedenken an!«

»Ich würde das auch thun – aber Sie können mir nicht helfen!«

»Es käme darauf an!« meinte der Doctor.

»Ich bin mit mir zerfallen! sagte Friedrich gepreßt, »Der Boden, auf dem ich stand, hat unter mir gewankt. Die Elemente meines bisherigen Lebens und Glaubens beginnen aufgelöst und haltlos um mich herum zu wirbeln. Was ich als Verbrechen tadeln müßte, fühle ich als unfreiwillige Schuld, als ein Werk des Zufalls, eines Zufalls, vor dem ich irre werde an der Vorsehung. Wohin aber kommen wir, wenn wir unsere Handlungen nicht mehr als freies Thun erkennen?«

»Zunächst zu der Frage: was ist Schuld?« erklärte der Doctor, »und nach ihr zu dem Schlusse, daß dasjenige, was wir bei ernster Prüfung nicht als Schuld empfinden, keine Schuld für uns ist.«

»Aber es giebt eine positive Schuld, eine positive Sünde!« behauptete Friedrich.

»Positiv?« wiederholte der Doctor. »Vieles, was man Schuld, Sünde, Verbrechen nennt, ist ein Widerspruch gegen die Ordnung der Dinge, welche eine auf falschen Grundsätzen fußende Weltanschauung erzeugt hat, und welche die Ausgeburten dieser falschen Weltanschauung, die richtende Kirche und der absolute Staat, zu ihrer eigenen Erhaltung fortdauernd als Verbrechen darzustellen sich gezwungen sehen.«

»Das Gewissen des Menschen stimmt ihnen aber bei!« wendete der Jüngling ihm ein.

»Weil die Erziehung die Gewissen nach vielen Seiten hin absichtlich mit falschen Grundsätzen mißleitet hat. Es ist bequemer, das Gewissen der Menschen über ihr angebornes Recht zu verwirren, als den Staat und seine falschen Einrichtungen so zu entwirren, daß das angeborne Recht des Menschen in ihm seine Geltung findet!«

Der junge Mann antwortete ihm nicht. Der Doctor fand das in der Ordnung. Er schritt ruhig neben ihm her. Erst als sie auf den Punkt gekommen waren, auf dem ihre Wege sich trennten, sagte er: »Das Eine übrigens halten Sie fest, ein Schwerbeladener kann sich und Anderen Nichts nützen. Wollen Sie wirken, so streben Sie nach jener Erkenntniß, die den Menschen einsetzt in sein Recht und ihm das ewige Schuldbewußtsein eines gegen unvernünftige Gesetze sich empörenden Sklaven nimmt. Kein Sklave, kein Schuldbewußter hat je Großes geleistet – und Christus, dünkt mich, nahm alle Schuld der Menschheit nur darum über sich, damit sie sich frei fühle, sich zu Thaten aufzurichten!«

Diese letzten Worte überraschten Friedrich. Sie leuchteten ihm ein, weil sie seinem Bedürfnisse entgegenkamen. Man könnte den Menschen meist die Wahrheit schnell und sicher zugänglich machen, wüßte man stets den Augenblick zu finden, in dem sie auf dieselbe durch eine innere Notwendigkeit hingewiesen werden. Zum ersten Male schrak der Jüngling nicht vor den skeptischen Ansichten des Doctors zurück, sondern begann weiter auszudenken und in sich zu entwickeln, was Jener in ihm angeregt hatte. Zum ersten Male gab er es sich zu, daß neben der orthodox-dogmatischen Auffassung des Christenthumes eine andere Deutung, eine menschlich symbolische zulässig sein könne, ja daß gerade diese unter Verhältnissen höheren Trost, größere Ermuthigung zu geben vermöge, als jene. Es dämmerte in ihm auf, daß es Erhebung und nicht Zerknirschung sei, was eine erlösende Religion dem Menschen bieten müsse, um fruchtbar zu werden. Er hatte bisher sich ausschließlich die Studien und Forschungen Anderer auf dem Gebiete der Theologie zu eigen zu machen gestrebt, jetzt kam ihm der Gedanke der Selbstprüfung und der Quellenstudien.

Mit neuem Eifer wendete er sich dem Hebräischen und den alten Sprachen zu, und die Untersuchungen über die Gnostiker brachten ihn dem Alterthume, den alten Philosophen näher. Die Genußfreudigkeit, der Schönheitssinn der Griechen erquickten ihn. Sie machten ihn begierig, die Kunst verstehen zu lernen, in der die ganze Lebensfülle jener Zeit und jenes Volkes zur Blüthe gekommen war, und die geistigen Elemente herauszufinden, an welche später sich als ihre Fortentwicklung das Christenthum anschloß. Aber mit dem Gedanken an eine solche Folgerechtigkeit der Erkenntniß war er im Grunde schon der Hauptlehre des Christenthums, der Lehre von der göttlichen Offenbarung, zu nahe getreten, ohne daß er sich dessen bewußt ward, und er wäre vielleicht schnell auf dem begonnenen Wege fortgeschritten, hätte nicht die wachsende Besorgniß um seinen Vater ihn mehr und mehr beansprucht und seine Studien unterbrochen.

Denn des Meisters Empfinden hatte ihn nicht getäuscht, sein Leben näherte sich dem Ende, und er selbst war es, der die trostlose Frau mit dem Gedanken an ihre Vereinsamung auszusöhnen strebte.

Eines Abends, als Mutter und Sohn an seinem Lager saßen, hatte der Vater Fieber gehabt, und in der beängstigenden Unruhe desselben bald dieses, bald jenes gefordert, sich heftig beklagend, daß man es ihm nicht recht zu machen wisse. Dann war er eingeschlafen, und ruhiger erwacht, sah er die Seinen freundlich an und sagte: »Wie ich so einschlief, war mir's ordentlich lieb, daß ich Euch nicht mehr zu quälen brauchte. Du, Mutter, wirst es brauchen können, daß ich Dich in Ruhe lasse!«

»Wenn Du nur erst gesund wärst!« seufzte die Meisterin, putzte das Licht, um an der dunklen wollenen Jacke fortzustricken, die ihn warm halten sollte, wenn er aufstand, und fügte hinzu: »Das Licht brennt auch so elend, es will mit meinen Augen nicht mehr fort. Vor'm Jahre hatte ich noch Regine, wenn mir eine Masche hinfiel. Nun muß ich sehen, wie ich mit der Brille fertig werde!«

»Ich habe oft an die Regine gedacht,« sagte der Meister, wenn ich so still lag diese letzten Tage. Es ist schade, daß sie fort sind. Ihr hättet zusammenziehen können, das wäre billig gewesen, und der Alte war gut zu leiden, man konnte gut durchkommen mit ihm.«

»Er ist auch viel krank gewesen, schrieb er ja zuletzt dem Fritz!«

»Um so besser könnt' er Dich gebrauchen, denn Dir wird's fehlen, wenn Dich Niemand plackt, wie ich.«

»Du wirst noch so lange vom Sterben reden,« sagte die Mutter, »bis –«

»Bis ich sterbe!« fiel ihr der Vater in's Wort. »Aber so seid ihr Weiber! Vom Winter, der kommen soll, und von Allem, was noth ist für den Winter, da könnt ihr den ganzen Sommer reden und euch darum sorgen und Einen darum plagen, und vom Tode, der ebenso gewiß kommt und der seine Sorgen hat so gut wie der Winter, davon mögt ihr Nichts hören, wenn er noch so dicht vor eurer Thür sitzt. Und der Tod geht nicht vorbei wie so ein Winter.«

Die Mutter war aufgestanden und hinausgegangen, sich in der Küche auszuweinen. Der Meister sah ihr nach und sagte dann zu Friedrich: »Wenn ich's ihr nicht vorhalte von früh bis spät, so ist nachher kein Auskommen mit ihr. Du wirst sie aber nicht verlassen!«

Friedrich reichte ihm die Hand und bat, er möge sich für den Fall seines Todes um der Mutter Schicksal keine Sorge machen.

»Ich thue es auch nicht, aber ich weiß doch nicht, wie es werden soll. Nähen kann sie nicht mehr viel, auf Arbeit gehen und sich heut da, morgen dort von Fremden chikaniren lassen – das würd' ihr hart ankommen! –

»Es soll ihr an Nichts fehlen, Vater! verlassen Sie sich darauf,« versicherte der Sohn.

»Nichts fehlen? Arbeit muß sie doch finden, was soll sie denn sonst? Soll sie sitzen und sich drum haben, daß ich todt bin? Sie muß es doch verarbeiten und vergessen, wenn sie auch denkt, daß man sich wiedersieht!«

»Und glauben Sie das nicht?« fragte Friedrich.

»Narr!« antwortete der Alte, und zuckte mit den Achseln.

»Sie glauben nicht an die Unsterblichkeit unserer Seele, Vater?« wiederholte Friedrich im Tone eines schmerzlichen Erschreckens, »nicht an unsere Fortdauer nach dem Tode?«

»Fritz!« sagte der Meister, und versuchte sich mühsam aufzurichten, »spiel' nicht Comödie mit mir, wie die Pfaffen auf der Kanzel. Dazu hab' ich Dich nicht studiren lassen, daß Du es machst wie sie!«

»So wahr Gott lebt, ich glaube an unsere Unsterblichkeit!«

»Schlimm genug für Dich!« meinte der Alte, und legte sich auf die Seite zurück, das Gesicht gegen die Wand gewendet.

Friedrich war bis in das Innerste erschüttert. Was in ihm als heilige Ueberzeugung lebte, was ihm eine Richtschnur, eine Stütze gewesen war im Leben, was ihn tröstete am Sterbebette seines Vaters, von diesem mit kaltem Spotte verworfen zu sehen, gerade jetzt, wo der Greis vom Leben scheiden, und die Hoffnung auf ein Wiedersehen im Jenseits die sicher verbindende Brücke zwischen den Lebenden und Todten bilden sollte, zerriß ihm das Herz. Es zog ihn, seinen ganzen Glauben auszusprechen, aber der Doctor hatte es verboten, den Kranken irgend wie aufzuregen, und Friedrich mußte alles in sich gewaltsam zurückdrängen, was ihn bewegte und beängstigte.

Der Meister lag ruhig da, als die Mutter wieder kam. Sie brachte die Wassersuppe, welche sein und der Seinen Abendbrod ausmachte. Als sie gegessen hatten und das Geräth fortgeräumt war, meinte die Mutter, Friedrich könne ihnen wohl einmal Etwas aus dem Gesangbuche vorlesen, wie er es in früheren Jahren oft gethan. Er lehnte es ab, aber der Vater selbst sagte ihm:

»Ja! Lies doch, Fritz!«

Er hörte den Ton der Gleichgültigkeit in den Worten, mochte aber nicht widersprechen. »Was soll ich lesen?« fragte er.

»Laß die Mutter aussuchen!«

Sie nahm das Buch, blätterte, wählte ein Auferstehungslied und legte es dann vor Friedrich nieder. Er hatte es ihr als Kind oftmals vorlesen müssen, es war von je ihr Lieblingslied gewesen und auch das seinige geworden. Es hatte der sterbenden Frau Reyne Erhebung gewährt, und noch in ihren letzten Augenblicken hatte sie es leise vor sich hingesprochen. So bewegte ihn auch jetzt wieder das alte Klopstock'sche Gedicht:

Auferstehn, ja auferstehn wirst du

Mein Staub nach kurzer Ruh';

Unsterblich Leben

Wird, der Dich schuf, Dir geben! Halleluja!

Aufzublühn werd' ich gesäet.

Der Herr der Ernte geht

Und sammelt Garben

Uns ein, uns ein, die starben, Halleluja!

Tag des Danks, der Freudenthränen Tag

Du meines Gottes Tag!

Wenn ich im Grabe

Genug geschlummert habe,

Erweckst Du mich! Halleluja!

Wie den Träumenden wird's dann uns sein.

Mit Jesu gehn wir ein

Zu seinen Freuden;

Der müden Pilger Leiden

Sind dann nicht mehr. Halleluja!

Ach, in's Allerheiligste

Führt mich mein Mittler,

Dann leb' ich im Heiligthume

Zu seines Namens Ruhme. Halleluja!

Aber je weiter er las, je mehr ihn der Gedanke ergriff, diesen Auferstehungstrost am Sterbebette seines Vaters zu sprechen, um so marternder ward ihm das Bewußtsein, daß sein Vater keinen Trost in diesem Liede finde, daß er geringschätzend auf ihn und die Mutter herabsehe, die daraus Beruhigung schöpften, daß er ihnen die Erbauung gönnte, wie man dem Kinde die Lust an seinen Spielen gönnt, welche ihren Werth für uns verloren haben. Es schnürte ihm den Hals zu, er hätte weinen können, wäre sein Empfinden nicht zu mächtig gewesen für die Thräne. Die Mutter aber weinte still vor sich hin, und der Meister lag ruhig da und ganz unbewegt.

Als das Lied beendet war, stand Friedrich auf, und bot den Eltern gute Nacht, er mußte mit sich allein sein. Jene geheimnißvollen Fragen, vor denen der Glaube sich bescheidet, und die er sich gewöhnt hatte, als durch die Offenbarung gelöst zu betrachten, drängten sich ihm mit Allgewalt auf. Der scharfe prüfende Verstand des Doctors, des Vaters schlichter Sinn verwarfen den Glauben, sie hatten Beide gezweifelt, Beide den Zweifel überwunden, ohne zum Glauben zurückzukehren, und Beide waren ruhig in sich gefaßte Männer, jeder in seiner Art. Warum schauderte ihn denn, diesen Glauben aufzugeben? Warum mochte er dem Zweifel nicht in's Auge sehen? Er konnte es sich nicht verbergen, ihm fehlte der Muth dazu, ihm fehlte die Festigkeit, welche ohne alle Stütze in sich selbst zu beruhen vermag. Er sah es ein, daß der Glaube eine unerläßliche Stütze für den Schwachen sei, er hatte gewünscht, ihn entbehren zu können, aber er konnte es nicht. Er fühlte sich gedrungen mit dem Empfinden fest zu halten, was sein Verstand zu bezweifeln begonnen hatte.

Früh am andern Morgen war sein erster Gang sich nach dem Vater zu erkundigen. Es war ein Sonntag. Die Glocken läuteten zur Kirche, die Straße war feiertäglich still. Ein klares Herbstmorgenlicht schien in die Fenster hinein, die Mutter hatte das Zimmer aufgeräumt, so gut es gehen wollte, und der Meister, der eine unruhige Nacht gehabt, hatte sich am Morgen umbetten lassen. Darnach hatte er Ruhe gefunden und ein Paar Stunden geschlafen.

Als Friedrich eintrat, erwiederte er auf dessen Frage um sein Befinden, es gehe ihm besser als seit langer Zeit. »Mir thut Nichts weh!« sagte er, »und so ist der Mensch! nun ich Woch' über Nichts mehr arbeite, will ich doch noch meinen Sonntag haben. Ich hab mich waschen und rein anziehen lassen, und wenn Du hier bleiben kannst, soll die Mutter in die Kirche gehen. Sie hat all die Zeit darnach gejammert!«

Der Sohn erklärte sich bereit, des Vaters zu warten. Die Mutter ließ sich nöthigen, setzte aber endlich doch die gute Haube auf, nahm ihr gutes Tuch um, wickelte das Taschentuch um das abgegriffene Gesangbuch und machte sich auf den Weg.

»Bleib' nur ruhig bis zum Aufbieten und Abdanken,« rief der Vater ihr nach, »ich brauche Dich nicht!« Denn zu wissen, wer sich verheirathete, wer krank und des Gebetes bedürftig sei, hatte immer zu den spärlichen Genüssen der Meisterin gehört.

Als sie fortgegangen war und der Meister sich mit dem Sohne allein fand, sagte er: »Ich hab' sie fortgeschickt, denn ich muß mit Dir reden, Fritz! heut geht's mit mir zu Ende!«

So sehr er darauf gefaßt sein mußte, erbleichte der Sohn vor diesem Ausspruch, und sich selbst tröstend, erinnerte er den Vater daran, daß dieser sich wohler und kräftiger fühle, als seit langer Zeit.

»Gerade darum!« antwortete der Kranke. »Ich hab' es oft erlebt an Anderen, zuletzt kommt Ruh.«

Die vollkommene Fassung, mit der er von seiner Auflösung sprach, hatte etwas Ueberwältigendes. Friedrich vermochte den Gedanken nicht zu fassen, daß diese selbstbewußte Kraft nun plötzlich erlöschen, noch weniger, daß sie für immer erloschen bleiben sollte mit dem Tode. Es war ihm, als müsse auch er sterben, wenn der Vater verschied, dem er sein Leben dankte, – welken doch die Blätter, wenn der Stamm gefällt wird. Aber der Meister ließ ihm nicht Zeit zu seinem Nachdenken und Empfinden.

»Es ist mir gestern schwer auf's Herz gefallen,« sagte er, »wie Du gesprochen hast vom ewigen Leben und vom Jenseits nach dem Tode. Es ist Nichts damit. Ich hab' es auch geglaubt, vor langen Jahren, wie ich jung war, aber es ist Nichts damit!«

»Ein Trost im Sterben ist es jedenfalls!« rief Friedrich – »und der Tod ist – –«

»Mir gar nicht schwer!« unterbrach ihn der Alte. »Ich hab mein Theil gethan, Du kannst Dir selber helfen und der Mutter auch, müd' bin ich, ob ich da ein Paar Jahre länger esse und trinke, ist mir gleich! In der Jugend da mag's anders sein!«

Er hielt inne, fuhr aber nach kurzer Zeit zu reden fort. »Sie vertrösten unser Einen auf das andere Leben, das ist billig, und wir haben es zu unserm Schaden lang genug geglaubt. Das solltest Du ihnen sagen, dazu wollt' ich Dich zum Prediger machen, zum Prediger für die armen Leute. Pfaffen, die da sagen: ›hungert und duldet gelassen, es kommt dort besser,‹ die haben wir genug! Aber es kommt Nichts und Nirgends was besser von selbst, und sie sind Narren, die sich's weiß machen lassen.«

»Wie haben Sie Ihr mühselig' Leben ertragen, Vater? wie haben Sie es ausgehalten ohne den Glauben an eine Vergeltung Gottes?«

»Was ist da zu vergelten? ich hatte den Profit davon, wenn ich meine Schuldigkeit that, und that ich's einmal nicht, so kam mir's bald zu Hause!«

Jedes Wort des Vaters that dem Sohne weh, und doch mußte er ihn bewundern, wie er da lag in seiner vollen Klarheit. Endlich glaubte Friedrich zu bemerken, daß des Kranken Stimme allmählich schwächer werde. Er schien sich auch angegriffen zu fühlen, denn er schwieg meist und hielt die Augen geschlossen. Als er sie nach einer Viertelstunde wieder öffnete, glaubte er lange geschlafen zu haben, und verwunderte sich, daß es noch Tag sei. Dennoch kam er von selbst wieder auf die frühere Unterredung zurück.

»Wenn der Wurm das alte Holz zu Staub zerfressen hat,« sagte er, »bringt's keine Macht mehr zusammen. Sind wir was Anderes, wenn wir Staub sind? Glaub' doch so was nicht!«

»Vater!« rief Friedrich, seiner nicht mächtig, »haben Sie denn keine Sehnsucht fortzudauern? Mir zerreißt's das Herz zu denken, daß Sie Nichts mehr von uns wissen, daß Sie nicht mehr sein werden, daß ich Sie verlieren soll für jetzt und ewig!«

Die Thränen stürzten ihm aus den Augen, er hatte des Vaters Hände ergriffen und hielt sie fest umschlungen. Zum ersten Male wurde der Vater bewegt. Er machte die eine Hand frei, trocknete sich die Augen und legte sie auf des Sohnes Haupt, als segne er ihn. »Du bist ein gutes Kind gewesen alle Zeit!« sagte er, und wieder schwiegen Beide.

Die Mutter kam inzwischen aus der Kirche, Friedrich winkte ihr, sich still zu halten, der Vater ruhte sanft. Sie legte geräuschlos ihre Sachen fort, und erneuerte mit Spänen das Feuer in dem Ofen. Es was Alles so gewohnt alltäglich in der Stube, daß Friedrich sich immer wiederholen mußte, es werde das Schwerste geschehen, um es glaublich zu finden. Der Mensch faßt den Gedanken an des Menschen Ende so furchtbar schwer, wenn er ihn liebt. Bald dachte er an den ihm drohenden Verlust, bald an wunderbare Krisen und Errettungen, die sich ereignet hatten. Mehremals glaubte er den Athem des Vaters nicht mehr zu hören, seine eigenen Pulse stockten dann, er neigte sich über ihn, und lauschte, glücklich über das fortdauernde Leben, als wäre jeder Athemzug eine lange Zukunft werth.

Auch der Mutter theilte sich allmählich die angstvolle Spannung ihres Sohnes mit, obschon sie die Todesverkündigung des Kranken nicht vernommen hatte. Es schweben wunderbare Schauer über den Stätten, auf denen ein Leben geboren wird, auf denen ein Leben erlischt. Sie hatte sich an das Kopfende gesetzt und lehnte in dem großen, alten Stuhle, an dessen weiß und blauen Leinwandkissen des Vaters Haupt geruht in den kurzen Feierstunden seiner Tage. »Ob er je wieder auf dem Stuhle sitzen wird?« fragte sie sich.

Sie sah die Kleider an, die vor dem Bette lagen, den langen blauen Rock, der an der Wand hing, die Pfeife, den Kalender, Alles was er gebraucht hatte. »Was soll mit all den Sachen werden?« dachte sie. Es fielen ihr lauter Aeußerlichkeiten, lauter Kleinigkeiten ein, weil sie dem großen Gedanken der Vernichtung ihres Mannes, dem Schmerz über ihre Verlassenheit nicht in's Auge zu sehen vermochte. Kleine Naturen werden darum von Leiden so zerschmettert, weil sie ihnen immer unerwartet, unbegriffen kommen, mögen sie noch so lange und so nahe über ihrem Horizont gestanden haben. Ihre Herzensangst wurde immer größer, sie hielt es nicht aus, so wartend da zu sitzen. Sie mußte etwas zu thun haben. Mit der einen Hand faßte sie des Sohnes Linke, die andere legte sie leise auf des Mannes Stirne. Instinktmäßig hatte sie nach einer Stütze gegriffen, sich zu halten, hätte sie die Stirne kalt gefunden.

Unter dieser Berührung schlug der Vater die Augen auf. Er hatte nicht geschlafen, nur erschöpft geruht. Mit stiller Freundlichkeit reichte er Frau und Sohn die matten Hände. »So lang Ihr an mich denkt, so lang bin ich unsterblich!« sprach er und ein mildes Lächeln, wie die Seinen es nie an ihm gesehen hatten, glitt über seine Züge. Dann legte er sich wieder in die Kissen zurück.

Eine Stunde verging nach der andern, er lebte noch; aber er bewegte sich nicht mehr. Um Mittag kam der Doctor. Er saß lange an dem Bette; als er fortging sagte er: »Das wird ein leichter Tod nach schwerem Leben. Er hat ihn verdient!«

Als es sechs Uhr war und der Tag sich neigte, athmete der Greis dreimal tief auf, der Ton klang ganz besonders. Sie bebten zusammen, neigten sich über ihn, – es war still geworden in der Brust. Weinend fielen die Ueberlebenden sich in die Arme.

Drei Tage darauf trugen sie den Meister früh im schönsten Sonnenschein zur Ruhe. Er hatte sich vor langen Jahren schon selbst den Sarg gezimmert, in dem er begraben werden wollte, als Knabe hatte Friedrich ihn in der Bodenkammer stehen sehen. Der Meister hatte sich Alles selbst verdanken wollen. Die übrige Begräbniß-Ausstattung ward von der Beerdigungskasse bestritten, zu der Friedrich seit Jahren auf der Mutter Wunsch die Beiträge gezahlt hatte. Es fehlte Nichts. Sie hatte ein neues schwarzes Kleid und eine schwarze Haube, das Begräbniß war ansehnlich, des Predigers Rede von der Auferstehung sehr erbaulich für ihr gläubiges Gemüth.

Den Nachbarn, die zum Gefolge eingeladen waren, hatten sich der Doctor, Larssen und Georg freiwillig angeschlossen. Des Lieutenants volle Uniform war der Mutter Stolz und Trost. Auch die Nachbarn meinten: »Schade, daß der Meister die Ehre von den drei Herren nicht erlebt hat!«

Als Friedrich am Mittage in seine Wohnung kam, war ihm als sei er jetzt ganz allein in der Welt. Er hatte Alles verloren: die Geliebte, den Vater und die Zuversicht in seinen Glauben.

 


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