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Eine Reise um die Welt
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Zur Naturgeschichte von Kamtschatka

Alle Wissenschaftler, Seefahrer und Beamten, die Kamtschatka besucht haben, rühmen die Vorteile, das gute Klima und den Überfluß an Landesprodukten, die diese Halbinsel vor so vielen anderen russischen Provinzen auszeichnet. Trotzdem ist dieses Land ganz unschuldigerweise in so üblen Ruf gekommen, daß man allgemein und ohne jeden Grund mit Kamtschatka den Begriff schlechtesten Klimas und unerhörter Kälte verbindet. Aus meinen eigenen Erfahrungen kann ich jedenfalls folgendes dazu sagen.

Der erste Schnee fiel am 28.September (10.Oktober neuen Stils). Bis zu diesem Zeitpunkt war das Wetter beinahe täglich überaus schön und gelinde. Der Winter von 1806/07, den ich hier zubrachte, war nach Aussage der Bewohner strenger als gewöhnlich, denn die Awatscha-Bay war beinahe ganz zugefroren, was nur selten vorkommen soll. Die größte Kälte wurde mit -22 Grad Reaumur gemessen.

Als ich im März eine Reise von Tigil nach Bolscheretsk unternahm, war der Schnee bereits an mehreren Stellen geschmolzen, und die Flüsse waren eisfrei. Im Hafen St.Peter und St.Paul lag dagegen bei meiner Ankunft am 25.März noch tiefer Schnee. Anfang April reiste ich nun nach Werchnoi Kamtschatka und fand zu diesem Zeitpunkt, es war der 8.April, alle Flüsse und Bäche aufgebrochen und den Schnee fast gänzlich geschmolzen. Bei meiner Rückkehr in den Hafen am 22.April war alles grün, und die ersten Frühlingskräuter sproßten schon empor. Neben dem schmelzenden Schnee weideten bereits die Kühe auf den Wiesen. Die Nächte waren noch kalt, tagsüber ließ aber die Sonne ihren wohltätigen Einfluß mit aller Stärke empfinden.

Das Klima von Kamtschatka stimmt meiner Überzeugung nach mit dem des nördlichen Europa unter gleicher Breite überein, so daß die Einwohner dieser Halbinsel alle ihre Bedürfnisse durch den Reichtum der Landesprodukte reichlich befriedigen könnten.

Säugetiere, Vögel, Fische, Beeren mancherlei Art, nahrhafte Krauter und Wurzeln gibt es neben hochstämmigen Wäldern in Überfluß. Einige Beispiele mögen genügen.

Bären gibt es in Menge. Ihr Fell wird gewöhnlich zu Schlittendecken oder Bettunterlagen, selten zur Kleidung gebraucht; unbehaart wird es häufig zu Stiefelsohlen verwendet. Das Fleisch wird als Leckerbissen und das Fett anstatt des Öles gegessen; letzteres dient auch zu Beleuchtungszwecken. Die Eingeweide, gut gereinigt, getrocknet und dann zusammengenäht und über den Rahmen gespannt, werden als Fensterscheiben gebraucht.

Wildschafe leben auf den höchsten Bergen der westlichen und östlichen Gebirgskette. Das Fell liefert den Kamtschadalen eine sehr warme Kleidung, und das Fleisch ist außerordentlich schmackhaft. Im Herbst jagt man sie in großer Zahl als Vorrat für den Winter.

Rentiere werden häufig wild und zahm angetroffen. Der ganze Reichtum der Korjäken, den nächsten Grenznachbarn der Kamtschadalen, besteht in dem Besitz einer größeren Herde dieser Tiere, die sämtliche Lebensbedürfnisse des Menschen befriedigen (Kleidung, Nahrung, Wohnung).

Obgleich sich häufig Hasen, Murmeltiere und Hermeline finden, schätzt man weder deren Fell noch Fleisch. Die Jagd auf schwarze, rote und Steinfüchse wird nur wenig betrieben, dagegen wird das Fell des Wolfes höher geschätzt und häufig nach Ochotsk ausgeführt. Zuweilen rotten sich diese Tiere in Herden zusammen und richten dann großen Schaden an.

Zobel liefern das kostbarste Pelzwerk. Die Felle der kamtschadalischen sind zwar sehr dicht behaart, erreichen aber doch nicht hinsichtlich Färbung und Glanz die am Lena in Sibirien vorkommenden. Der Zobelfang war früher so beträchtlich, daß man in einzelnen Jahren für 800000 Rubel Zobelfelle nach Ochotsk brachte.

Der Vielfraß ist selten; sein Pelz wird sehr geschätzt und als Besatz für Pelzkleider verwendet.

Seehunde werden erlegt oder in Netzen gefangen und bieten ungeheure Vorteile. Das Fell dient zu Riemen und Schlittengeschirr, zu Decken, Stiefeln, Schuhsohlen, das Fett und der Tran als Nahrung und Hüttenbeleuchtung. Das Fleisch wird gegessen, obwohl es unschmackhaft und schwarz ist. Die Eingeweide einiger Arten werden wie die der Bären als Fensterscheiben gebraucht.

Seeottern sind gegenwärtig selten; das hochgeschätzte Pelzwerk wird von den Alëuten und aus Amerika eingeführt. Fischottern halten sich häufig in der Nähe der Landseen auf; ihr Fell dient als Besatz der Winterkleider.

Walfische mancher Art gibt es in Menge. Man veranstaltet keine besondere Jagd auf sie, sondern genießt lediglich von gestrandeten Tieren den Tran.

Als Haustiere verdienen Rinder, Pferde, Rentiere und Hunde besondere Erwähnung. Man hat auch über hundert, zum Teil selbst gezüchtete Pferde; diese sind aber nur in einigen Gegenden der Halbinsel brauchbar. Der hohe Schnee und die Beschwerlichkeit des Grasmähens geben vielmehr den Hunden den Vorzug, denn diese laufen über den tiefsten Schnee leicht hinweg und nähren sich von Fischen, die man ohne Mühe zu Tausenden fangen kann. Die Hunde sind in jeder Weise die nützlichsten Haustiere dieser Halbinsel.

Die Menge an schmackhaften Fischen ist unglaublich und übersteigt alle Vorstellungen. Der Kamtschadale kennt kaum eine andere Nahrung; er ißt die Fische frisch, gesalzen, gefroren, getrocknet und geräuchert, roh, gekocht oder gebraten. Auch Bären, Hunde, Füchse, Wölfe, Flußottern, Seehunde, Sumpf- und Raubvögel, alle nähren sich von Fischen.

Wenn die Salmen im Frühjahr und Sommer die Flüsse hochsteigen, so schwellen diese geradezu an und werden in ihrem Laufe gehemmt. Die ausgelegten Fischnetze zerreißen oft von der Menge der Fische. Die gewöhnlichste Art des Fischfanges geschieht in Wehren; man schöpft sie dann aus den darin angebrachten Kästen, Körben und Dämmen heraus. Ich war Zeuge, wie man in einer Nacht 10-12000 Salmen fing. Kleinere Fische, wie Heringe, Stichlinge u.a., werden in flachen Netzen oder mit runden Hamen oder Schöpfnetzen gefangen.

Der Überfluß an eßbaren Vögeln ist ebenfalls außerordentlich. Die Seepapageien sammeln sich hier im Frühjahr in unzähligen Scharen, werden zur Brütezeit in den Höhlen mit den Händen gefangen und als Wintervorrat eingesalzen. Die Eier der verschiedenen Seevögel finden sich in derartiger Menge, daß man ganze Boote voll einsammeln kann, die dann wie auf den Inseln St.Georg und St.Paul für den Winter in Tran aufbewahrt werden.

Auf dem größten Teil des Kamtschatka-Flusses lassen sich die vorüberziehenden Wildgänse und Enten im Frühjahr und Herbst so zahlreich nieder, daß sie zu Tausenden erlegt und mit Netzen gefangen werden könnten. Man sieht aber diesen Braten nur selten in den Schüsseln der Kamtschadalen, weil sie keine Zeit, keine Netze und kein Schießpulver haben, um sie zu jagen. Die jungen Wildenten werden auf dem Awatscha-Fluß mit dreizackigen Holzgabeln zu Hunderten gespießt und wurden früher zu Tausenden in Netzen gefangen.

Zahmes Hausgeflügel, wie Hühner, Enten und Gänse, gibt es nur wenig; auch kann es wegen der diebischen Hunde kaum in größeren Mengen gehalten werden.

Der vegetabilische Reichtum des Landes steht dem animalischen in nichts nach. In den Wäldern, auf den Bergen und in den Niederungen findet man die vortrefflichsten Beeren, die ein vollwertiger Ersatz für andere, hier gänzlich fehlende Garten- und Baumfrüchte sind.

Unter den verschiedenen wildwachsenden Beeren sind vor allem zu nennen: gelbe Himbeeren, rote Heidelbeeren, Moosbeeren, Blaubeeren, Sauerbeeren (Berberis vulgaris), rote Johannisbeeren, Rauschbeeren (Empetrum nigrum) u.a.

An nahrhaften Wurzeln ist Kamtschatka auch nicht arm, die Saranna, der wilde Knoblauch, die Mohrrübe u.a. liefern gesunde Nahrung. Rüben und Rettiche kommen sehr gut fort, sind schmackhaft und erreichen eine ungewöhnliche Größe. Die Kartoffeln, die hier so gut gedeihen wie in jedem anderen Teile Europas, könnten bei zweckmäßiger Förderung des Anbaus das Brot ersetzen.

In den fast undurchdringlichen Wäldern gibt es Holz genug zur Feuerung und zum Bau von Wohnungen. Ich habe den üppigen Wuchs der Lärchenbäume angestaunt, deren Stämme bis zu hundert und mehr Fuß hoch waren. Folgende Holzarten kommen auf Kamtschatka vor: Birken verschiedener Art sind hier allgemein verbreitet, sie dienen den Einwohnern zur Feuerung und zur Anfertigung der Schlitten. Aus der Rinde werden, wie in ganz Rußland, Gefäße mancherlei Art gemacht; der Saft wird nicht genutzt.

Der Lärchenbaum dient zum Bau der Behausungen und Schiffe. Pappeln werden hauptsächlich zu Kanus, die aus einem einzigen ausgehöhlten Stamm bestehen, verarbeitet. Tannen sind nur in einigen Gegenden anzutreffen. Die Zedertanne findet man dagegen fast allenthalben. Ihre Früchte sind klein und werden nur gelegentlich gesammelt und gegessen. Erlenrinde wird zum Gerben und Rotfärben der Rentier- und anderer Häute gebraucht. Weidenholz dient zur Feuerung. Ebenso ist Wacholder neben anderen Straucharten in Menge vorhanden.

Auch das Mineralreich bietet Entwicklungsmöglichkeiten. So wird in der Daria Buchta und bei den heißen Quellen von Paratunka feine Tonerde gefunden, die zur Herstellung irdener Waren wohl geeignet wäre. Das fehlende Salz könnte aus dem Meerwasser gewonnen und der in Menge vorkommende gediegene Schwefel der vielen Vulkane ausgeführt werden. Auf der Westseite bei Itscha gibt es gute Sandsteine, und in der Nachbarschaft von Tigil soll man viele Spuren von Eisenminen gefunden haben.

Aus diesen Tatsachen ergibt sich für mich, daß Kamtschatka ein kulturfähiges Land und bei weitem nicht so abschreckend ist, wie man allgemein annimmt. Im Gegenteil, ich glaube, daß wenige Provinzen Rußlands einen ähnlichen Überfluß an allen Lebensbedürfnissen aufzuweisen haben und daß die Kamtschadalen bei der Fülle von Naturprodukten weit sorgloser leben könnten als viele europäische Nationen in einem weit milderen Klima.


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