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LII. Die Reise nach Bemmenhög

Donnerstag, 3. November.

Eines Tages zu Anfang November flogen die Wildgänse über Hallandsås nach Schonen hinein. Mehrere Wochen hindurch hatten sie sich auf den großen Ebenen um Falköping aufgehalten, und da sich noch andere Scharen Wildgänse dort niedergelassen hatten, war es eine vergnügliche Zeit gewesen mit vielen Unterhaltungen zwischen den alten Vögeln und viel Wettstreit in allerlei Leibesübungen zwischen den jungen.

Niels Holgersen seinerseits war nicht erfreut über den langen Aufenthalt in Westgötland. Er gab sich Mühe, den Mut aufrechtzuhalten, aber es wurde ihm schwer, sich mit seinem Schicksal auszusöhnen. »Hätte ich nur erst Schonen glücklich hinter mir und wäre im Ausland!« dachte er, »dann wüßte ich, daß ich nichts mehr zu hoffen hätte, und dann würde ich mich wohl beruhigen.«

Endlich an einem frühen Morgen brachen die Wildgänse auf und flogen über Halland hinab. Anfangs spürte der Junge gar keine Lust, auf die Landschaft hinabzusehen. Er meinte, da sei ja nichts Neues zu entdecken. Der östliche Teil war bergig mit großen Heideflächen, die an Småland erinnerten, und weiter nach Westen zu war das Land mit runden, kahlen Bergen bedeckt und von Buchten zerschnitten, ungefähr wie in Bohuslän.

Als die Wildgänse aber die Reise südwärts, an dem schmalen Küstenstrich entlang, fortsetzten, beugte sich der Junge weit über den Hals des Gänserichs vor und verwandte keinen Blick mehr von der Erde. Er sah, wie die Berge spärlicher wurden und die Ebene sich ausbreitete. Und er sah auch, daß die Küste nicht mehr so von Buchten zerschnitten war. Die Schären draußen vor dem Ufer lagen immer mehr vereinzelt, bis sie schließlich ganz verschwanden, und das weite, offne Meer bis dicht ans Festland heranreichte.

Und dann hörte der Wald auf. Höher nordwärts hatte der Junge ja viele schöne Ebenen gesehen, aber sie waren alle von Wäldern umrahmt gewesen. Überall war Wald. Es war, als wenn das Land eigentlich den Bäumen gehörte, und das bebaute Land lag wie große gerodete Plätze im Walde. Und auf allen Ebenen standen Baumgruppen und kleine Haine, wie um zu zeigen, daß der Wald jeden Augenblick kommen und das Land wieder wegnehmen könne.

Hier aber war es anders. Hier hatte die Ebene die Übermacht. Sie erstreckte sich ganz bis an den Horizont. Da waren große gepflanzte Wälder, aber kein wildgewachsener Wald. Doch gerade, daß das Land so offen dalag, ein Acker neben dem andern, bewirkte, daß es den Jungen an Schonen erinnerte. Der offne Strand mit dem weißen Sand und den Tanghaufen kam ihm auch so bekannt vor. Ihm wurde so fröhlich und ängstlich zugleich ums Herz, als er das sah. »Jetzt kann ich nicht mehr weit von meiner Heimat entfernt sein,« dachte er.

Die Landschaft veränderte sich jedoch wieder. Aus Westgötland und Småland kamen Bäche herabgebraust und unterbrachen die Einförmigkeit der Ebene. Seen, Moore und Heideflächen und Flugsand versperrten den Äckern den Weg, diese aber breiteten sich trotzdem beständig weiter aus, bis sich der Hallandås unten an den Grenzen von Schonen mit seinen schönen Schluchten und Tälern erhob.

Schon mehrmals auf der Reise hatten die jungen Gänse die Alten in der Schar gefragt: »Wie sieht es im Ausland aus? Wie sieht es im Ausland aus?« »Wartet nur, wartet nur! Ihr sollt es bald erfahren!« sagten die Alten, die schon viele Male das Land auf und ab geflogen waren.

Als die jungen Gänse Wärmlands lange Bergrücken und die blanken Seen dazwischen oder die Felsklippen von Bohuslän oder die schönen Hügel in Westgötland sahen, wunderten sie sich und fragten: »Sieht die ganze Welt so aus?«

»Wartet nur, wartet nur! Das werdet ihr bald erfahren!« antworteten die Alten.

Als die Wildgänse über den Hallandås geflogen und eine gute Strecke nach Schonen hineingekommen waren, rief Akka: »Guckt jetzt hinunter! Seht euch um! So sieht es im Ausland aus!«

Sie flogen gerade über den Sönderås hin. Der ganze lange Höhenzug war mit Buchenwäldern bedeckt, und in den Wäldern lagen schöne Schlösser mit hohen Türmen. Zwischen den Bäumen ästen Rehe und auf den Waldebenen spielten Hasen. Jagdhörner klangen aus den Wäldern, das scharfe Gekläff der Meute drang bis zu der fliegenden Schar hinauf. Breite Wege schlängelten sich durch den Wald und auf ihnen kamen Herren und Damen in glänzenden Wagen gefahren oder auf prächtigen Pferden geritten. Unterhalb des Bergrückens breitete sich der Ringsee aus mit dem alten Bosjökloster auf einer schmalen Landzunge. Die Skäralider Schlucht durchschnitt den Bergrücken, in ihrem Grunde floß ein Bach, und die Felswände waren mit Sträuchern und mit Bäumen bedeckt.

»Sieht es so im Auslande aus? Sieht es so im Auslande aus?« fragten die jungen Gänse. – »So sieht es überall aus, wo waldbedeckte Bergrücken sind,« rief Akka, »aber das ist nicht sehr oft der Fall. Wartet nur, dann werdet ihr sehen, wie es dort gewöhnlich aussieht.«

Akka führte die Wildgänse weiter gen Süden, nach der großen Schonenschen Ebene. Die lag da mit breiten Äckern, mit Rübenfeldern, auf denen die Arbeiter in langen Reihen beschäftigt waren, mit niedrigen, weißgetünchten, aneinandergebauten Höfen, mit unzähligen kleinen, weißen Kirchen, mit häßlichen, grauen Zuckerfabriken, und um die Bahnstationen herum mit Dörfern, die einen kleinstädtischen Anstrich hatten. Da waren Torfmoore mit langen Reihen von Torfschobern, Steinkohlengruben mit großen Kohlenhaufen. Die Landstraßen liefen zwischen zwei Reihen gestutzter Weidenbäume hin, die Eisenbahnen kreuzten einander und bildeten ein dichtes Netz über die Ebene. Kleine, buchenumkränzte Waldseen glitzerten hier und dort, und an einem jeden lag ein prächtiger Herrenhof.

»Guckt jetzt hinunter! Seht euch gut um!« rief die Führergans. »So sieht es im Ausland aus, von der Küste der Ostsee bis ganz hinab zu den hohen Bergen, und weiter als bis dahin sind wir nie gereist.«

Als die jungen Gänse die Ebene gesehen hatten, flog die ganze Schar bis an die Küste des Öresunds. Sumpfige Wiesen fielen sanft nach dem Wasser zu ab, und lange Wälle aus schwarzem Tang lagen am Strande angeschwemmt. An einigen Stellen war das Ufer hoch und an andern war nichts als Flugsand, der sich zu Dünen und Sandbänken auftürmte. Die Fischerdörfer lagen am Ufer, eine lange Reihe gleichmäßig gebauter und gleich großer, ziegelgedeckter, kleiner Häuser mit einem kleinen Leuchtturm draußen auf dem Wellenbrecher und mit Trockenplätzen voll brauner Netze.

»Guckt jetzt hinunter! seht euch gut um!« sagte Akka, »So sieht es im Ausland an den Küsten aus!«

Schließlich flog die Führergans auch nach ein paar Städten. Die lagen da unten mit Unmengen von schlanken Fabrikschornsteinen, mit Straßen zwischen hohen, rauchgeschwärzten Häusern, mit schönen Parks und Spazierwegen, mit Häfen voller Schiffe, mit alten Festungswerken und Schlössern und mit uralten Kirchen.

»So sehen die Städte im Ausland aus, nur daß sie viel größer sind!« sagte die Führergans. »Aber diese können auch wohl wachsen, so wie ihr!«

Nachdem Akka so umhergeflogen war, ließ sie sich in einem Moor im Vemmenhöger Bezirk nieder. Und der Junge konnte sich nicht von dem Gedanken befreien, daß sie heute nur deshalb in Schonen herumgeflogen war, um ihm zu zeigen, daß er ein Land habe, das sich wohl mit einem jeden im Ausland messen konnte. Aber das hätte sie wirklich nicht nötig gehabt. Der Junge dachte gar nicht daran, ob das Land reich oder arm war. Von dem Augenblick an, wo er die ersten Weidenhecken und das erste niedrige Fachwerkhaus gesehen hatte, brannte ihm das Herz vor Heimweh.


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