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XLII. Västerbotten und Lappland

Die fünf Kundschafter.

Als Niels Holgersen noch auf Skansen war, saß er einmal unter der Treppe, die nach dem Bollnäshause hinaufführte und hörte Klement und den alten Lappen von Norrland reden. Sie waren sich darin einig, daß es der beste Teil von ganz Schweden sei, aber Klement Larsson gab den Landschaften südlich vom Angermanelf den Vorzug, während der Lappe behauptete, daß die nördlich von diesem Fluß gelegenen die wichtigsten seien.

Wie sie so dasaßen und darüber sprachen, kam es heraus, daß Klement nie nördlicher als in Hernosand gewesen war, und da konnte sich denn der Lappe nicht anhalten, darüber zu lachen, daß er sich mit so großer Bestimmtheit über Gegenden äußerte, die er niemals gesehen hatte. »Ich muß dir wohl eine Geschichte erzählen, Klement, damit du Bescheid weißt, wie es in Västerbotten und in Lappland, in dem großen Sameland, aussieht, wo du noch niemals gewesen bist,« – »Das soll niemand von mir sagen, daß ich eine Geschichte nicht hätte hören wollen, ebenso wenig, wie man von dir sagen kann, daß du eine Tasse Kaffee ausgeschlagen hättest,« entgegnete Klement, und der alte Lappe begann, seine Geschichte zu erzählen.

»Einstmals, Klement, geschah es, daß die Vögel, die unten in Schweden, südlich von dem Sameland wohnten, fanden, daß es ihnen an Wohnraum gebrach, und da dachten sie daran, weiter nordwärts zu ziehen.

Sie versammelten sich und hielten Rat. Die Jungen und Eifrigen wollten sogleich umziehen, aber die Alten und Klugen setzten es durch, daß zuerst Kundschafter ausgesandt würden, um das fremde Land zu erforschen. ›Jedes von den fünf großen Vogelvölkern soll einen Kundschafter aussenden,‹ sagten die Klugen, ›damit wir erfahren können, ob wir da oben im Norden Brutplätze, Nahrung und Schlupfwinkel finden können‹.«

Die fünf großen Vogelvölker wählten sogleich fünf gute und kluge Vögel. Die Waldvögel wählten einen Auerhahn, die Vögel aus der Ebene eine Lerche, die Seevögel eine Fischmöwe, die Süßwasservögel eine Lumme und die Bergvögel einen Schneesperling.

Als diese fünf die Reise antreten wollten, sagte der Auerhahn, der der Größte und Gebieterischste war: ›Es sind große Länderstrecken, die vor uns liegen. Wenn wir zusammen reisen, so währt es lange, bis wir über all das Land hingeflogen sind, das wir erforschen sollen. Fliegt dahingegen ein jeder von uns für sich allein und untersucht seinen Teil des Landes, so kann unser Auftrag im Laufe von ein paar Tagen ausgeführt sein.‹

Die vier andern Kundschafter fanden, daß dies ein guter Vorschlag war und richteten sich danach. Sie einigten sich dahin, daß der Auerhahn den mittleren Teil des Landes untersuchen sollte, die Lerche sollte ein Stück weiter östlich fliegen, und die Fischmöwe noch weiter gen Osten, da, wo das Land nach dem Meere zu abfällt. Die Lumme übernahm es, eine Strecke östlicher zu fliegen als der Auerhahn, und der Schneesperling sollte am allerweitesten nach Westen zu, an der Landesgrenze entlang fliegen.

In dieser Ordnung flogen die fünf Vögel gen Norden, soweit das Land reichte. Dann kehrten sie zurück und erzählten den versammelten Vögeln, was sie gesehen hatten.

Die Fischmöwe, die am Strande entlang geflogen war, ergriff zuerst das Wort.

›Es ist ein gutes Land da oben im Norden,‹ sagte sie, ›Es besteht aus nichts weiter als einer einzigen Reihe von Schären. Es wimmelt dort von fischreichen Sunden und bevölkerten Landzungen und Inseln. Die meisten von den Inseln sind unbewohnt, und die Seevögel werden dort Brutplätze in reicher Menge finden. Die Menschen treiben ein wenig Fischfang und Seefahrt in den Sunden, doch nicht so viel, daß es uns Vögel stören könnte. Wenn das Volk der Seevögel meinem Rate folgen will, sollte es unverzüglich gen Norden ziehen.‹

Nach der Fischmöwe sprach die Lerche, die das Land innerhalb der Küste untersucht hatte.

›Ich kann nicht begreifen, was die Möwe mit ihren Inseln und Landzungen meint,‹ sagte sie. ›Ich habe nichts weiter gesehen als große Felder und liebliche, blühende Wiesen. Nie im Leben habe ich ein Land gesehen, daß von so vielen, großen Flüssen durchschnitten ist. Es war eine Wonne, sie in all ihrer breiten Gewalt durch die flachen Ebenen so ruhig und gleichmäßig strömen zu sehen. An den Ufern der Flüsse liegen die Höfe so dicht wie die Häuser in einer Straße, und an den Mündungen der Elfe sind Städte, sonst aber ist das Land sehr spärlich bebaut. Wenn die Vögel der Ebene meinem Rat folgen wollen, so ziehen sie sogleich gen Norden.‹

Nach der Lerche kam der Auerhahn, der über den mittleren Teil des Landes hinweggeflogen war.

›Ich begreife weder, was die Lerche mit ihren Wiesen, noch was die Fischmöwe mit ihren Schären meint,‹ sagte er. ›Ich habe auf der ganzen Reise nichts anderes gesehen als Fichtenwälder und Tannenwälder. Eine Menge großer Moore, und viele brausende und reißende Elfe gibt es dort auch, aber alles, was nicht Moor oder Elf ist, das ist dunkler Tannenwald. Weder Felder noch menschliche Wohnungen habe ich gesehen. Wenn die Waldvögel meinem Rat folgen wollen, so ziehen sie sogleich nordwärts.‹

Nach dem Auerhahn berichtete die Lumme, die den Landstrich jenseits der Waldgegend untersucht hatte.

›Ich begreife nicht, was der Auerhahn mit seinen Wäldern meint, und ich begreife auch nicht, wo die Lerche und die Fischmöwe ihre Augen gehabt haben. Es ist fast kein Land dort oben; nichts als große Seen. Dunkelblaue Bergseen, von schönen Ufern umgeben, und hin und wieder wird der See zu einem brausenden Wasserfall. Ich habe an einigen dieser Seen Kirchen gesehen und große Dörfer, andre aber lagen einsam und friedlich da. Wenn die Süßwasservögel meinen Rat befolgen wollen, ziehen sie sogleich gen Norden.‹

Schließlich sprach der Schneesperling, der an der Landesgrenze entlang geflogen war.

›Ich begreife nicht, was die Lumme mit ihren Seen meint, und es ist mir auch unmöglich zu begreifen, was für ein Land der Auerhahn und die Lerche und die Fischmöwe gesehen haben,‹ sagte er.

›Ich fand ein großes Gebirgsland da oben im Norden. Ich habe keine Ebene angetroffen und auch keine großen Wälder, dahingegen einen Berggipfel nach dem andern, eine Felsenfläche nach der andern. Ich habe Eisfelder gesehen und Schnee und Gebirgsbäche mit Wasser so weiß wie Milch. Keine Felder, keine Wiesen erblickte mein Auge, nur große, mit Weiden, Zwergbirken und Renntiermoos bedeckte Flächen. Keine Haustiere, keine Bauern, keine Höfe traf ich hier an, dahingegen Lappen, Renntiere und Lappenzelte. Wenn die Gebirgsvögel meinem Rate folgen wollen, so ziehen sie unverzüglich gen Norden!‹

Nachdem die fünf Kundschafter also gesprochen hatten, schalten sie sich gegenseitig Lügen und waren schon im Begriff, einander in die Federn zu fahren und zu kämpfen, um die Wahrheit ihrer Worte zu beweisen, Aber die alten, klugen Vögel, die sie ausgesandt, hatten voll Freude gehört, was sie erzählten. Sie beruhigten die Kampflustigen.

›Streitet euch nicht,‹ sagten sie. ›Soviel haben wir aus euren Worten erfahren, daß da oben im Norden großes Gebirgsland und großes Seenland und großes Waldland und große Ebenen und große Schären sind. Das ist mehr als wir erwartet hatten. Nicht viele große Königreiche können sich rühmen, so viel in ihren Grenzen zu besitzen.«

Das wandernde Land.

Sonnabend, 18. Juni.

Jetzt, wo Niels Holgersen selbst über das Land hinflog, von dem der alte Lappe erzählt hatte, mußte er an diese Geschichte denken. Der Adler hatte ihm gesagt, daß der flache Küstenstrich, der unter ihnen ausgebreitet lag, Västerbotten sei, und daß die blauenden Bergkuppen weit hinten im Westen in Lappland lägen.

Schon allein das Bewußtsein, nach all der Angst, die er während des Waldbrandes ausgestanden hatte, wieder wohlbehalten auf Gorgos Rücken zu sitzen, war ein Glück, aber die Reise selbst war auch wunderbar schön. Am Morgen war Nordwind gewesen, aber jetzt hatte sich der Wind gedreht, so daß sie mit ihm flogen, und keinen Zug spürten. Der Flug war so gleichmäßig, daß es zuweilen schien, als stünden sie ganz still in der Luft. Der Junge hatte ein Gefühl, als schlage der Adler fortwährend mit den Flügeln, ohne vom Fleck zu kommen. Und doch war unter ihnen alles in Bewegung. Die ganze Erde, und alles darauf glitt langsam südwärts. Die Wälder, die Häuser, die Wiesen, die Zäune, die Elfe, die Städte, die Schäreninseln, die Sägewerke, alles war auf der Wanderschaft. Er überlegte, wohin das wohl alles wollte. War es müde geworden, so hoch oben im Norden zu wohnen, und wollte es südwärts ziehen?

Zwischen alledem, was sich bewegte und gen Süden zog, sah er nur eins, was still stand, und das war ein Eisenbahnzug. Er stand gerade unter ihnen, und es ging dem Zuge genau so wie Gorgo, er konnte nicht vom Fleck kommen. Die Lokomotive spie Rauch und Funken aus, bis oben hinauf zu dem Jungen konnte man hören, wie die Räder auf den Schienen rasselten, aber der Zug rührte sich nicht. Die Wälder glitten an ihm vorbei, die Bahnwärterhäuschen glitten daran vorüber, Schlagbäume und Telegraphenstangen glitten vorüber, aber der Zug stand still. Ein breiter Elf mit einer langen Brücke kam ihm entgegen, aber der Elf und die Brücke glitten ohne die geringste Schwierigkeit unter dem Zuge durch. Schließlich kam ein Bahnhof dahergelaufen. Der Stationsvorsteher stand mit seiner roten Fahne in der Hand auf dem Bahnsteig und glitt ganz langsam an den Zug heran. Als er die kleine Fahne schwenkte, entsandte die Lokomotive einige Rauchwirbel in die Luft, die noch schwärzer waren als vorher, und pfiff jämmerlich, als wolle sie sich darüber beklagen, daß sie nicht vorwärtskommen könne. Aber im selben Augenblick fing sie an zu gehen. Ebenso wie der Bahnhof und all das andere glitt sie südwärts dahin. Der Junge sah, wie die Wagentüren geöffnet wurden und die Reisenden ausstiegen, während sich sowohl der Zug, als auch die Reisenden in südlicher Richtung weiter bewegten. Da aber wandte Niels Holgersen seine Augen von der Erde ab und versuchte geradeaus zu sehen. Er hatte ein Gefühl, als werde er ganz schwindlig, wenn er diesen wunderlichen Eisenbahnzug ansah.

Als jedoch der Junge eine Weile dagesessen und eine kleine weiße Wolke angestarrt hatte, wurde er auch davon müde und sah wieder hinunter. Noch immer war es, als wenn er und der Adler sich nicht bewegten, während alles andere südwärts sauste. Wie er da so auf dem Rücken des Adlers saß und zu seiner Unterhaltung nichts hatte als seine eigenen Gedanken, schien es ihm spaßhaft zu denken, wie es sein würde, wenn ganz Västerbotten in Bewegung geriet und gen Süden zog. Wenn nun das Feld, das gerade in diesem Augenblick unter ihm dahinglitt, und das wohl eben erst bestellt war, denn er konnte nicht einen einzigen grünen Halm darauf erblicken, – nach der Südebene in Schonen hinuntersauste, wo der Roggen um diese Zeit schon Ähren angesetzt hatte!

Die Tannenwälder sahen hier oben ganz anders aus. Die Bäume standen weit auseinander, die Zweige waren kurz, die Nadeln waren fast schwarz, viele Bäume waren an den Wipfeln verdorrt und sahen krank aus. Die Erde unter ihnen war mit alten Stämmen bedeckt, die wegzuschaffen sich niemand die Mühe gemacht hatte. Wenn nun ein solcher Wald so weit käme, daß er den Kolmården sehen konnte! Da würde er sich gewiß sehr ärmlich vorkommen.

Und der Garten, den er jetzt unter sich sah! Es waren schöne Bäume darin, aber weder Obstbäume noch edle Linden und Kastanien, nur Ebereschen und Birken. Es waren schöne Büsche darin, aber weder Goldregen noch Flieder, nur Faulbäume und Hollunder. Gemüsebeete waren auch da, aber sie waren noch nicht umgegraben und bepflanzt. Wenn nun so ein Küchengarten ganz nach einem Schloßgarten in Sörmland angefahren käme! Da würde er sicher von sich selbst denken, daß er nichts weiter sei als eine Einöde.

Oder die Wiese dort, die mit so vielen kleinen, grauen Scheunen bedeckt war, daß man glauben sollte, die halbe Erde sei zu Bauplätzen geworden! Wenn die nach der Ostgötaebene hinunter triebe, da würden alle Bäume dort unten wahrlich große Augen machen.

Aber wenn das große Moos, das nun unter ihm lag, ganz mit Fichten bewachsen wäre, die nicht steif und kerzengerade daständen wie in gewöhnlichen Wäldern, sondern buschige Zweige und üppige Kronen hätten und sich in anmutigen Gruppen auf dem schönsten Teppich aus weißem Renntiermoos aufgestellt hätten, wenn dies Moos dann den Weg nach dem Ovedkloster-Park hinab einschlüge, da würde der prächtige Park schon einräumen müssen, daß er seinesgleichen gefunden habe.

Und wenn die hölzerne Kirche da unten unter ihm mit ihren mit rotem Holz bekleideten Wänden, mit dem buntbemalten Glockenturm und mit einer ganzen kleinen Stadt von grauen »Kirchenbuden« daneben an einer der gotländischen Kirchen mit ihren dicken Ziegelsteinmauern vorbeigesaust kämen! Die mußten einander wirklich viel zu erzählen haben.

Aber der Stolz und die Ehre der ganzen Landschaft waren die gewaltigen, finsteren Elfe mit ihren prächtigen Tälern voll von Höfen, ihren Unmengen von Bauholz, ihren Sägewerken, ihren Städten mit dem Gewimmel von Dampfschiffen an den Mündungen. Ließ sich so ein Elf unten im Lande blicken, so würden alle Bäche und Elfe südlich vom Dalelf vor Scham in die Erde versinken.

Und wenn so eine unermeßlich große Ebene, die so gut gelegen und so leicht zu bebauen war, vor den Augen der armen Bauern in Småland dahergeglitten käme! Da würden sie von ihren mageren Grundstücken und den kleinen, steinigen Äckern herbeigestürzt kommen, um sie zu roden und zu bestellen.

Etwas aber war da, woran diese Landschaft reicher war als alle anderen, nämlich an Licht. Die Kraniche schliefen stehend auf den Mooren, die Nacht mußte gekommen sein, aber das Licht war noch da. Die Sonne war noch nicht südwärts gewandert wie alles übrige. Dahingegen war sie nun so weit nach Norden gegangen, daß sie dastand und ihm gerade ins Gesicht schien. Und sie schien gar nicht die Absicht zu haben, über Nacht noch bis an den Horizont hinabzusinken. Wenn dies Licht und diese Sonne auf Vester Vemmenhög herabschienen! Das würde etwas für den Häusler Holger Nielssen und seine Frau sein, – ein Arbeitstag, der vierundzwanzig Stunden lang war!

Der Traum.

Sonntag, 19. Juni.

Niels Holgersen hob den Kopf und sah sich um, auf einmal ganz wach. Das war doch sonderbar! Hier lag er und hatte an einem Ort geschlafen, wo er nie zuvor gewesen war. Nein, er hatte noch nie das Tal gesehen, in dem er lag, und auch nie die Berge, die ihn umgaben. Er kannte nicht den runden See, der mitten in dem Tal lag und hatte nie im Leben solche armselige und verkrüppelte Birken gesehen wie die, unter denen er jetzt lag.

Und wo war der Adler? Er konnte ihn nirgends entdecken. Gorgo mußte ihn verlassen haben. Welch ein Abenteuer!

Der Junge legte sich wieder an die Erde nieder, schloß die Augen und versuchte sich darauf zu besinnen, wie alles gewesen war, ehe er einschlief.

Er erinnerte sich, daß es ihm die ganze Zeit, während er über den Västerbotten dahinflog, so gewesen war, als stünden er und der Adler da oben in der Luft ganz still auf demselben Fleck, während das Land unter ihnen gen Süden zog. Aber dann bog der Adler nach Nordwesten ab, sie bekamen den Wind von der Seite, er konnte wieder den Luftzug spüren, und im selben Augenblick stand das Land da unten still, und er fühlte, daß der Adler ihn mit Windeseile davontrug.

»Jetzt fliegen wir nach Lappland hinein!« sagte Gorgo, und der Junge beugte sich vor, um die Landschaft zu sehen, von der er so viel gehört hatte.

Er fühlte sich jedoch ziemlich enttäuscht, als er nichts weiter sah als große Wälder und weite Moore. Da war Wald und Moor und Moor und Wald bis ins Unendliche. Die große Einförmigkeit machte ihn schließlich so schläfrig, daß er nahe daran war, herunterzustürzen.

Da sagte er zu Gorgo, daß er es nicht länger aushalten könne, auf dem Adlerrücken zu sitzen, er müsse durchaus ein wenig schlafen. Gorgo ließ sich sofort auf die Erde herabsinken, und der Junge warf sich auf das Moos, dann aber packte ihn Gorgo mit den Fängen und schwang sich mit ihm in die Luft empor. »Schlafe du nur, Däumling!« rief er. »Mich hält der Sonnenschein wach, und ich will die Reise fortsetzen.«

Und obwohl der Junge höchst unbequem zwischen den Fängen des Adlers hing, schlief er wirklich ein und im Schlaf hatte er einen Traum.

Es war ihm, als sei er auf einer breiten Landstraße unten in dem südlichen Schweden und als laufe er so schnell, wie seine kleinen Beine ihn tragen konnten. Er war nicht allein, sondern eine Menge anderer zogen desselben Weges. Dicht neben ihm kamen die Roggenhalme mit schweren Ähren an der Spitze und mit Kornblumen vermischt dahermarschiert, die Apfelbäume keuchten schwer von Früchten und ihnen folgten Bohnen und Erbsen voller Schoten, große Büsche Margeriten und ein ganzes Gehege von Obststräuchern. Große Laubbäume, Eichen und Eschen und Linden, gingen in Ruhe und Gemächlichkeit mitten auf der Landstraße, stolz rauschten sie mit ihren Kronen und gingen niemand aus dem Wege. Zwischen seinen Beinen kamen die kleinen Pflanzen gelaufen: Erdbeeren, Anemonen, Löwenzahn, Klee und Vergißmeinnicht. Zuerst meinte er, daß es nur Pflanzen waren, die so des Weges dahinzogen, bald aber entdeckte er, daß sowohl Menschen als auch Tiere mit dabei waren. Die Insekten umsummten die dahineilenden Pflanzen, in den Gräben schwammen Fische, die Vögel saßen in den dahinwandernden Bäumen und sangen, zahme und wilde Tiere liefen um die Wette, und mitten zwischen all diesem Gewimmel gingen Menschen mit Spaten und Sensen, andere mit Äxten, wieder andere mit Flinten und einige mit Angelruten.

Der Zug bewegte sich munter und fröhlich, und das verwunderte ihn gar nicht, als er sah, wer ihn anführte. Es war niemand Geringeres als die Sonne selbst. Sie kam die Straße dahergerollt wie ein großer, schimmernder Kopf mit Haar aus vielfarbigen Strahlen und einem Gesicht, das vor Frohsinn und Güte strahlte. »Vorwärts!« rief sie ununterbrochen. »Niemand braucht bange zu sein, wenn ich dabei bin! Vorwärts! Vorwärts!«

»Ich möchte wohl wissen, wohin uns die Sonne führen will,« sagte der Junge vor sich hin. Aber der Roggenhalm, der neben ihm ging, hatte gehört, was er sagte, und antwortete sogleich: »Sie will uns nach Lappland führen, um gegen den großen Versteinerer zu kämpfen.«

Niels Holgersen sah bald, daß mehrere von den Fußgängern bedenklich wurden, ihre Schritte mäßigten und schließlich zurückblieben. Er sah, daß die große Buche stehen blieb, das Reh und der Weizen blieben am Grabenrand stehen und ebenso die Brombeerbüsche, die großen gelben Sumpfdotterblumen, die Kastanienbäume und die Rebhühner.

Er sah sich um, denn er wollte ergründen, warum so viele zurückblieben. Da gewahrte er, daß er sich nicht mehr in dem südlichen Schweden befand; die Wanderung war so schnell vor sich gegangen, daß sie schon in Svealand angelangt waren.

Hier oben begann die Eiche zurückzubleiben. Sie blieb ein wenig stehen, machte einige zögernde Schritte und stand dann ganz still. »Warum kommt die Eiche nicht mehr mit?« fragte der Junge. »Sie ist bange vor dem großen Versteinerer,« sagte eine hellgrüne junge Birke, die so keck und fröhlich dahinschritt, daß es eine Lust zu sehen war.

Aber obwohl viele zurückgeblieben waren, setzte doch noch eine große Schar frischen Mutes die Wanderung fort. Und der Sonnenkopf rollte die ganze Zeit vor dem Zuge her und rief: »Vorwärts! Vorwärts! Niemand braucht bange zu sein, solange ich dabei bin!«

Der Zug ging mit derselben Geschwindigkeit weiter. Bald war er oben in Norrland angelangt, aber jetzt half es nichts mehr, wieviel auch die Sonne bat und ermunterte. Der Apfelbaum wollte nicht weiter, auch der Kirschbaum nicht und der Hafer blieb stehen. Die Fischschwärme in den Gräben lichteten sich. Der Junge wandte sich an die Zurückbleibenden: »Warum wollt ihr nicht mit? Warum laßt ihr die Sonne im Stich?« fragte er. – »Wir wagen es nicht. Wir sind bange vor dem großen Versteinerer, der da oben in Lappland wohnt,« antworteten sie.

Bald hatte der Junge die Empfindung, als seien sie ganz hoch oben in Lappland angelangt, und hier wurden die wandernden Scharen beständig dünner. Der Roggen, die Gerste, die Erdbeere, die Blaubeere, die Erbsen, die Johannisbeerbüsche waren bis hierher mitgekommen. Das Elentier und die Kuh waren Seite an Seite gewandert, aber jetzt blieben sie alle zurück. Die Menschen gingen noch eine Strecke weiter mit, aber dann blieben auch sie stehen. Die Sonne würde fast ganz allein geblieben sein, wenn nicht neue Reisegenossen hinzugekommen wären. Weidensträuche und eine Menge anderes Gestrüpp schlossen sich dem Zuge an, ebenso Lappen und Renntiere, Bergeulen und Füchse und Schneehühner.

Jetzt hörte der Junge etwas, das ihnen entgegenkam. Es waren dies eine Menge Flüsse und Bäche, die mit gewaltigem Sausen und Brausen daherstürzten. »Warum habt ihr es so eilig?« fragte er. – »Sie fliehen vor dem großen Versteinerer, der hoch oben auf den Bergen wohnt,« antwortete das Schneehuhn.

Da sah Niels Holgersen auf einmal, daß sich vor ihnen eine hohe, finstere Mauer mit gezackter Mauerkrone auftürmte. Beim Anblick dieser Mauer schienen alle zurückzuweichen, schnell aber wendete die Sonne ihr strahlendes Antlitz der Mauer zu und goß ihr Licht darüber aus. Da stellte es sich heraus, daß keine Mauer ihnen im Wege stand, sondern daß sich die allerschönsten Berge vor ihnen erhoben, einer hinter dem anderen. Die Gipfel röteten sich im Sonnenschein, die Abhänge lagen hellblau mit goldenen Streifen da. »Vorwärts! Vorwärts! Keine Gefahr, solange ich dabei bin!« rief die Sonne und rollte an den steilen Bergwänden hinauf.

Aber auf dem Wege den Berg hinan wurde die Sonne von der tapferen jungen Birke, der starken Fichte und der standhaften Tanne verlassen. Hier verließen auch das Renntier, der Lappe und der Weidenbusch sie. Als sie schließlich den Gipfel des Berges erreicht hatte, war in ihrem Gefolge niemand mehr als der kleine Niels Holgersen.

Die Sonne rollte in eine Schlucht hinein, in der die Wände mit Eis bedeckt waren, und Niels Holgersen wollte ihr auch da hinein folgen, aber er kam nicht weiter als bis an den Eingang der Schlucht, denn da sah er etwas Fürchterliches. Ganz tief im Innersten der Schlucht saß ein alter Troll; sein Körper war aus Eis, sein Haar aus Eiszapfen und sein Mantel aus Schnee. Vor dem Troll lagen mehrere schwarze Wölfe, die sich aufrichteten und den Rachen aufsperrten, sobald die Sonne sich blicken ließ. Und aus dem einen Wolfsrachen stieg die bittere Kälte hervor, aus dem anderen kam der beißende Nordwind und aus dem dritten die schwarze Finsternis. »Da haben wir wohl den großen Versteinerer!« dachte der Junge. Er war sich klar darüber, daß er am besten tun würde, wenn er floh, aber er war so neugierig zu sehen, wie die Begegnung zwischen dem Troll und der Sonne ablaufen würde, daß er stehen blieb.

Der Troll rührte sich nicht, sondern starrte nur die Sonne mit seinem ekelhaften Eisgesicht an, und die Sonne stand ebenfalls still und lachte und strahlte nur. So ging es eine Weile weiter, und der Junge meinte hören zu können, daß der Troll zu seufzen und zu klagen begann. Der Schneemantel glitt zu Boden und die drei fürchterlichen Wölfe heulten nicht mehr so schrecklich. Plötzlich aber rief die Sonne: »Jetzt ist meine Zeit vorbei!« und rückwärts rollte sie aus der Schlucht heraus. Da ließ der Troll seine drei Wölfe los, und auf einmal kamen der Nordwind, die Kälte und die Finsternis aus der Schlucht herausgestürzt und machten Jagd auf die Sonne. »Weg mit ihr! Weg mit ihr!« rief der Troll. »Jagt sie so weg, daß sie nie wiederkommt! Wir wollen sie lehren, daß Lappland mir gehört!«

Aber als Niels Holgersen hörte, daß die Sonne aus Lappland verjagt werden sollte, erschrak er so, daß er mit einem Schrei erwachte.

Und als er sich wieder ein wenig besonnen hatte, sah er, daß er auf dem Grunde des großen Felsentals lag. Wo aber war Gorgo, und wie sollte er ausfindig machen, wo er selber war?

Er richtete sich auf und sah um sich. Da fiel sein Blick auf ein wunderliches Gebäude aus Fichtenzweigen, das auf einen Felsenabsatz stand. »Das ist gewiß so ein Adlerhorst, wie Gorgo ...«

Er dachte den Gedanken nicht zu Ende. Statt dessen riß er seine Mütze vom Kopf, schwenkte sie in der Luft und schrie: »Hurra!« Er begriff jetzt, wohin ihn Gorgo geführt hatte. Hier war das Tal, in dem die Adler auf dem Felsenabsatz und die Wildgänse unten im Grunde wohnten. Er war am Ziel! Im nächsten Augenblick würde er den Gänserich Martin und Akka und alle die Reisekameraden wiedersehen.

Am Ziel.

Niels Holgersen ging ganz leise umher und suchte nach seinen Freunden. Tiefe Stille herrschte im ganzen Tal. Die Sonne war noch nicht über die Felswände hinaufgelangt, und der Junge sah, es war noch so früh am Tage, daß die Wildgänse noch nicht aufgewacht waren. Kaum hatte er einige Schritte gemacht, als er stehen blieb und lächelte, denn er sah etwas, das gar schön war. In einem kleinen Nest am Boden lag eine Wildgans und schlief, und neben ihr stand der Gänserich. Er schlief auch, aber offenbar hatte er sich so dicht neben sie gestellt, um gleich zur Hand zu sein, falls eine Gefahr im Anzug sein sollte.

Der Junge ging weiter, ohne sie zu stören, und lugte zwischen die kleinen Weidenbüsche hinein, die den Erdboden bedeckten. Es währte nicht lange, bis er ein neues Gänsepaar entdeckte. Es gehörte nicht zu seiner Schar: es waren fremde, aber er freute sich doch so sehr, daß er eine Melodie vor sich hinzusummen begann, nur weil er wilde Gänse angetroffen hatte.

Er guckte in ein neues Weidengestrüpp hinein, und dort sah er schließlich ein Paar, das er kannte. Es war ganz sicher Neljä, die auf Eiern lag, und der Gänserich, der neben ihr stand, war Kolme. Ja, so war es! Ein Irrtum war ausgeschlossen

Der Junge hatte die größte Lust, sie zu wecken, aber er ließ sie schlafen und ging weiter.

Im nächsten Gestrüpp sah er Viisi und Kuusi und nicht weit davon fand er Aksi und Kaksi. Sie schliefen alle vier, und der Junge ging vorüber, ohne sie zu wecken.

Als er in die Nähe des nächsten Gestrüppes kam, glaubte er etwas Weißes zwischen den Büschen hindurchschimmern zu sehen, und das Herz begann vor lauter Freude laut in seiner Brust zu klopfen. Ja, es war, wie er erwartet hatte. Da drinnen lag Daunenfein noch so niedlich auf Eiern und neben ihr stand der weiße Gänserich. Der Junge glaubte, ihm sogar im Schlaf ansehen zu können, wie stolz er war, hier in den lappländischen Bergen zu stehen und Wache bei seiner Frau zu halten.

Aber auch den weißen Gänserich wollte Niels Holgersen nicht wecken, so ging er denn weiter.

Er mußte ziemlich lange suchen, bis er auf weitere Wildgänse stieß. Aber da entdeckte er auf einem kleinen Hügel etwas, das einem grauen Erdhaufen glich. Und als er an dem Fuß des Hügels angelangt war, sah er, daß der graue Erdhaufe nichts Geringeres war als Akka von Kebnekajse, die dort ganz wach stand und sich umsah, als halte sie Wache über das ganze Tal.

»Guten Tag, Mutter Akka,« sagte der Junge. »Wie schön, daß Ihr wach seid! Wartet, bitte, ein wenig, ehe Ihr die anderen weckt, denn ich möchte gern mit Euch allein sprechen.«

Die alte Führergans stürzte von dem Hügel herunter, zu dem Knaben hin. Zuerst packte sie ihn und schüttelte ihn, dann strich sie ihm mit dem Schnabel am ganzen Körper auf und nieder, und schließlich schüttelte sie ihn noch einmal. Sie sagte aber nichts, denn er hatte sie ja gebeten, die anderen nicht zu wecken.

Däumling küßte die alte Mutter Akke auf beide Wangen, und dann fing er an zu erzählen, wie er nach Skansen gebracht und dort gefangen gehalten war.

»Und nun kann ich Euch erzählen, daß Reineke Fuchs mit dem abgebissenen Ohr in dem Fuchsbau auf Skansen gefangen saß.« sagte der Junge. »Und obwohl er sehr häßlich gegen uns gewesen ist, konnte ich doch nicht umhin, Mitleid mit ihm zu haben. Da waren viele andere Füchse in dem großen Fuchsbau, und sie schienen sich ganz wohl da zu fühlen, aber Reineke saß immer so betrübt da und sehnte sich nach der Freiheit. Ich hatte viele gute Freunde da oben bekommen, und eines Tages hörte ich von dem Lappenbund, daß ein Mann nach Skansen gekommen sei, um Füchse zu kaufen. Er wäre von einer Insel weit draußen im Meer. Sie hatten alle Füchse auf seiner Insel ausgerottet, aber die Folge war, daß es dort jetzt nicht vor Ratten auszuhalten sei, daher wünschten sie nur die Füchse wieder zurück. Sobald ich das erfahren hatte, ging ich an Reinekes Käfig und sagte zu ihm: ›Reineke, morgen kommen Leute hier heraus, um ein paar Füchse zu holen. Verkriech' dich dann nicht, sondern sorge dafür, daß du gefangen wirst, dann hast du deine Freiheit wieder!‹ Und er befolgte meinen Rat, und nun läuft er frei auf der Insel herum. Was sagt Ihr dazu, Mutter Akka? War das nach Eurem Sinn gehandelt?«

»Wäre ich es selbst gewesen, so hätte ich es nicht besser machen können,« sagte die Führergans.

»Nur gut, daß Ihr mit mir zufrieden seid,« sagte Niels Holgersen. »Und dann ist da noch etwas, wonach ich Euch fragen muß. Eines Tages sah ich, daß der Adler Gorgo, derselbe, der mit dem Gänserich Martin kämpfte, als Gefangener nach Skansen geführt und in einen Adlerkäfig gesetzt wurde. Er sah jammervoll und elend aus, und manchmal dachte ich, ich müßte in das Stahldrahtdach über seinem Kopf ein Loch feilen und ihn hinausfliegen lassen. Aber dann dachte ich wieder, daß er ja ein gefährlicher Räuber und Vogelfresser ist. Ich wußte nicht, ob es richtig sei, so einen Missetäter herauszulassen, und ich dachte, daß es wohl am besten wäre, wenn ich ihn bleiben ließ, wo er war. Was sagt Ihr dazu, Mutter Akka! Habe ich richtig gedacht?«

»Nein, da hast du nicht richtig gedacht,« sagte Akka. »Man kann über die Adler denken, wie man will, aber sie sind stolzer und freiheitsliebender als andere Tiere, und es ist sehr unrecht, sie in Gefangenschaft zu halten. Weißt du, was ich dir vorschlagen will? Sobald du dich ausgeruht hast, reisen wir beide nach dem großen Vogelgefängnis hinunter und befreien Gorgo.«

»Diese Worte habe ich von Euch erwartet, Mutter Akka,« sagte der Junge. »Es gibt welche, die sagen, daß Ihr keine Liebe mehr für den hättet, den Ihr mit so großer Mühe aufgezogen habt, weil er so lebt, wie ein Adler leben muß. Aber jetzt höre ich, daß es nicht wahr ist. Nun will ich hingehen und sehen, ob der Gänserich Martin noch nicht aufgewacht ist, wollt Ihr dann inzwischen dem ein Wort des Dankes sagen, der mich zu Euch zurückgebracht hat, dann findet Ihr ihn wahrscheinlich oben auf dem Felsenabsatz, da wo Ihr einstmals einen hilflosen jungen Adler gefunden habt.«


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