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XXXV. Daunenfein

Die Stadt, die auf dem Wasser schwimmt.

Freitag, 6. Mai.

Niemand konnte sanfter und süßer sein als die kleine graue Gans Daunenfein. Alle die wilden Gänse hatten sie lieb, und der weiße Gänserich hätte gern sein Leben für sie gelassen. Wenn Daunenfein um etwas bat, konnte nicht einmal Akka nein sagen. Sobald Daunenfein an den Mälarsee kam, erkannte sie die Gegend wieder. Da draußen lag das Meer mit den vielen Schären, und da wohnten ihre Eltern und Geschwister auf einer kleinen Insel. Sie bat die Wildgänse mit nach ihrem Heim zu fliegen, ehe sie weiter nordwärts reisten, damit sie ihrer Familie zeigen könne, daß sie noch am Leben sei. Das würde eine so große Freude für sie sein.

Akka sagte ganz offen, sie fände, Daunenfeins Eltern und Geschwister seien keineswegs liebevoll gewesen, damals, als sie sie auf Öland zurückließen. Aber darin wollte ihnen Daunenfein nicht recht geben. »Was sollten sie wohl anderes tun, als sie sahen, daß ich nicht fliegen konnte?« sagte sie. »Sie konnten doch meinetwegen nicht auf Öland zurückbleiben!«

Um die Wildgänse zu bewegen, die Reise zu machen, begann Daunenfein von ihrem Heim draußen in den Schären zu erzählen. Es war eine Felseninsel. Wenn man sie in der Ferne sah, konnte sie aussehen, als sei da nichts weiter als Steine, kam man aber dahin, so entdeckte man das schönste Gras in Schluchten und Felsspalten. Und nach besseren Brutplätzen, als die in den Felsschluchten oder zwischen den Weidenbüschen dort, konnte man lange suchen. Das beste von allem aber war der alte Fischer, der da draußen wohnte. Daunenfein hatte gehört, daß er in seinen jungen Tagen ein eifriger Jäger gewesen war, der immer draußen zwischen den Schären lag und Vögel schoß. Aber jetzt in seinem Alter, wo seine Frau tot war und die Kinder die Heimat verlassen hatten, so daß er allein im Nest zurückgeblieben war, hatte er angefangen, die Vögel draußen auf seiner Schäre zu beschützen. Er gab nie einen Schuß auf sie ab und erlaubte auch nicht, daß andere es taten. Er ging von einem Vogelnest zum anderen, und wenn die Weibchen brüteten, holte er ihnen Futter. Niemand war bange vor ihm. Daunenfein war gar manches Mal in seiner Hütte gewesen und mit Brotkrumen gefüttert worden. Weil nun aber der Fischer so gut gegen die Vögel war, zogen sie in so großen Scharen nach der Schäre hinaus, daß es dort bald mit dem Platz knapp wurde. Kam man im Frühling zu spät dorthin, so konnte es vorkommen, daß alle Brutplätze besetzt waren. Deswegen hatten Daunenfeins Eltern und Geschwister von ihr fortreisen müssen.

Daunenfein bettelte so lange, bis sie ihren Willen bekam, obwohl die Wildgänse sehr wohl wußten, daß sie sich verspätet hatten und lieber geradeswegs gen Norden reisen sollten. Aber so ein Ausflug nach den Schären brauchte die Reise ja nur um einen einzigen Tag zu verzögern.

Sie brachen eines Morgens auf, nachdem sie sich mit einer guten Mahlzeit gestärkt hatten, und flogen gen Osten über den Mälar. Der Junge war sich nicht klar darüber, wohin sie nun kamen, aber er beobachtete, daß je weiter sie nach Osten kamen, es um so lebhafter auf dem See wurde, und die Küste um so dichter bebaut war.

Schwerbeladene Prähme und Schuten, Boote und Fischkutter waren auf dem Wege gen Osten, und eine Menge schöner, weißer Dampfer kamen ihnen entgegen oder fuhren an ihnen vorüber. Drinnen an Land liefen alle Landstraßen und Eisenbahnschienen demselben Ziel zu. Da draußen im Osten mußte irgendein Ort sein, dem sie alle jetzt in der frühen Morgenstunde zustrebten.

Auf einer der Inseln sah der Junge ein großes, weißes Schloß und ein wenig östlich davor begannen Villen die Ufer zu bedecken. Zu Anfang lagen längere Zwischenräume zwischen den einzelnen Häusern, nach und nach aber wurden sie dichter, und schließlich stand da am ganzen Ufer entlang eine Villa neben der anderen. Es waren Gebäude allerlei Art. Hier lag ein Schloß und da eine Hütte. Hier erhob sich ein langer Herrenhof und dort eine Villa mit vielen kleinen Türmen. Einige waren von Gärten umgeben, die meisten aber lagen ohne Gärten in dem Laubwald, der das Ufer umkränzte. Aber wie verschieden sie auch waren, etwas war ihnen allen eigen, sie waren nicht einfach und ernsthaft und alltäglich wie andere Häuser, sondern mit schönen, starken Farben, grün und blau und weiß und rot gemalt, wie Puppenhäuser.

Der Junge saß da und sah hinab auf die lustigen Villen am See, als Daunenfein einen Schrei ausstieß. »Jetzt weiß ich, wo wir sind! Dort liegt die Stadt, die auf dem Wasser schwimmt.«

Da sah Niels hinaus, konnte aber anfänglich nichts sehen als helle Dächer und Dämpfe, die über dem Wasser wogten. Bald aber konnte er hohe Türme unterscheiden und hier und da ein Haus mit vielen Fenstern. Sie tauchten auf und verschwanden wieder, während die Nebel hierhin und dahin trieben. Aber er sah keinen Strand. Es schien alles auf dem Wasser zu ruhen.

Als sich der Junge der Stadt näherte, sah er die lustigen Puppenhäuser drinnen am Lande nicht mehr. Statt dessen waren die Ufer mit rußigen Fabrikgebäuden bedeckt. Hinter hohen Bretterzäunen dehnten sich große Kohlenhaufen und Holzstapel aus, und an schwarzen, schmutzigen Brücken lagen schwerfällige Frachtdampfer. Über das Ganze aber breiteten sich die schimmernden durchsichtigen Dächer aus, und sie bewirkten, daß alles so groß und gewaltig und fremd aussah, daß es fast schön wurde.

Die Wildgänse flogen an Fabriken und Frachtdampfern vorüber und näherten sich den nebelumhüllten Türmen. Da sanken plötzlich alle Dächer bis zum Wasser hinab, mit Ausnahme von einigen leichten, dünnen, fein rosenfarbenen, die über ihren Köpfen schwebten. Die anderen lagen da und wogten über Land und Wasser. Sie verbargen vollständig den Grundwall der Häuser und die unteren Teile, während man die obersten Stockwerke, die Dächer, Türme, Giebel und Frontispize deutlich sehen konnte. Einige Häuser erschienen dadurch so hoch, daß man an den Turm von Babel denken mußte. Der Junge konnte ja begreifen, daß sie auf Hügeln und Höhenzügen erbaut waren, aber die sah er nicht, er sah nur die Gebäude, die über den Dächern schwebten. Die Dächer waren schimmernd weiß, und die Häuser lagen schwarz und finster da, denn die Sonne stand im Osten und beschien sie nicht.

Niels begriff, daß er über eine große Stadt dahinschwebte, denn überall sah er Dächer und Türme aus dem Nebel aufragen. Zuweilen entstand eine Öffnung in den wogenden Nebeln, und er sah hinab in einen rinnenden, brausenden Strom, konnte aber nirgends Land erblicken. Es war alles schön zu sehen, doch fühlte er sich fast beklemmt, wie dies der Fall ist, wenn man Dingen begegnet, die man nicht versteht.

Sobald er die Stadt hinter sich hatte, war die Erde nicht mehr von Nebeln verhüllt; man konnte wieder deutlich den Strand, das Wasser und die Inseln unterscheiden. Da wandte er sich um, in der Hoffnung, die Stadt jetzt besser sehen zu können, aber das gelang ihm nicht. Sie sah jetzt nur noch verzauberter aus. Der Sonnenschein färbte die Dächer, so daß sie ganz fein rosenfarben, blau und gelb dahinschwebten. Die Häuser waren so weiß, als seien sie aus Licht gebaut, während Fenster und Türme wie Feuer lohten. Und alles floß auf dem Wasser zusammen, so wie vorhin.

Die Wildgänse flogen geradeswegs gen Osten. Anfangs sah es fast so aus, wie am Mälar. Zuerst flogen sie über Fabriken und Werkstätten. Dann sah man eine ganze Weile keine Villen am Ufer. Es wimmelte von Dampfern und Segelschiffen, aber jetzt kamen sie aus dem Osten und gingen nach Westen, in die Stadt hinein.

Sie flogen weiter, und statt der schmalen Mälarbuchten und der kleinen Inseln breiteten sich eine weitere Wasserfläche und größere Inseln unter ihnen aus. Das Festland wich zurück, bald war es nicht mehr zu sehen. Der Pflanzenwuchs wurde spärlicher, die Laubbäume seltener, die Föhren gewannen die Übermacht. Die Villen hörten ganz auf, und statt ihrer sah man Bauerhäuser und Fischerhütten.

Sie flogen noch weiter, und jetzt waren da keine von den großen, bewohnten Inseln mehr, nur eine Unendlichkeit von kleinen Schären waren über das Wasser ausgestreut. Das Land dämmte keine Buchten mehr ein. Groß und unbegrenzt lag das Meer vor ihnen.

Hier draußen ließen sich die Wildgänse auf einer Felsinsel nieder, und als sie festen Boden unter den Füßen hatten, wandte sich der Junge an Daunenfein: »Was für eine große Stadt war es, über die wir dahinflogen?« fragte er. »Ich weiß nicht, wie sie bei den Menschen heißt,« sagte Daunenfein. »Wir Graugänse nennen sie die Stadt, die auf dem Wasser schwimmt.«

Die Schwestern.

Daunenfein hatte zwei Schwestern, Flügelschön und Goldauge. Es waren starke und kluge Vögel, aber ihr Federkleid war nicht so weich und glänzend wie Daunenfeins, und ihr Sinn war nicht so sanft und milde. Schon als sie noch kleine, gelbe Gössel waren, hatten Eltern und Verwandte, ja sogar der alte Fischer, sie deutlich fühlen lassen, daß sie Daunenfein lieber hatten als sie, und deswegen hatten die beiden die Schwester immer gehaßt. Als die Wildgänse auf der Schäre landeten, weideten Flügelschön und Goldauge auf einem kleinen grünen Fleck in der Nähe des Strandes. Sie erblickten die Ankömmlinge sofort.

»Siehst du die prächtigen Wildgänse, die sich hier auf der Insel niederlassen, Schwester Goldauge?« fragte Flügelschön. »Selten habe ich Vögel mit einer so stolzen Haltung gesehen. Und sieh nur, sie haben einen weißen Gänserich unter sich! Sahest du je einen so schönen Vogel? Man sollte fast glauben, es sei ein Schwan.«

Goldauge stimmte der Schwester bei, daß es sicher sehr vornehme Gäste waren, die hier auf der Insel landeten. Plötzlich aber unterbrach sie sich selbst und rief: »Schwester Flügelschön, Schwester Flügelschön! Siehst du nicht, wen sie mit sich führen?«

Im selben Augenblick gewahrte auch Flügelschön Daunenfein und war so erstaunt, daß sie lange mit offenem Schnabel dastand und unaufhörlich zischte. »Das kann sie doch unmöglich sein! Wie sollte sie in Verbindung mit solchen Leuten kommen? Wir haben sie doch dem Hungertode auf Öland überlassen!«

»Das schlimmste ist, daß sie uns sicher bei Vater und Mutter verklatschen und erzählen wird, daß wir sie so gestoßen haben, bis ihr Flügel aus dem Gelenk aussetzte,« sagte Goldauge. »Du sollst sehen, die Sache endet damit, daß wir von der Schäre vertrieben werden.«

»Ja, es kommt nichts weiter als Verdruß dabei heraus, daß diese verhätschelte Göre heimkehrt,« sagte Flügelschön. »Ich glaube, es wird das klügste sein, wenn wir so tun, als seien wir ungeheuer erfreut, daß sie zurückgekommen ist. Sie ist so dumm, am Ende hat sie gar nicht einmal gemerkt, daß wir sie absichtlich gestoßen haben.« Während Flügelschön und Goldauge so sprachen, standen die Wildgänse unten am Strande und ordneten ihre Federn nach der Reise. Dann wanderten sie in einer langen Reihe die Felsklippen hinauf, bis an die Schlucht, wo, wie Daunenfein wußte, ihre Eltern zu wohnen pflegten.

Daunenfeins Eltern waren vorzügliche Leute. Sie hatten länger auf der Insel gewohnt als alle die anderen, und sie pflegten allen neuen Bewohnern mit Rat und Hilfe beizustehen. Auch sie hatten die wilden Gänse kommen sehen, doch hatten sie Daunenfein nicht in der Schar erkannt. »Es ist doch sonderbar, wilde Gänse hier auf unserer Schäre an Land gehen zu sehen,« sagte der graue Gänserich. »Es ist eine prächtige Schar. Das kann man gleich am Fluge sehen. Aber es wird nicht leicht sein, einen Brutplatz für so viele zu finden.« – »Bis jetzt ist es hier doch noch nicht so überfüllt, daß wir nicht alle, die kommen, aufnehmen könnten,« sagte seine Frau. Sie war sanft und milde von Gemüt, so wie Daunenfein.

Als Akka dahergegangen kam, gingen Daunenfeins Eltern ihr entgegen und wollten sie gerade auf der Insel willkommen heißen, als Daunenfein von ihrem Platz ganz hinten im Zuge aufflog und sich mitten zwischen den Eltern niederließ. »Vater! Mutter! Ich bin es ja! Kennt ihr denn Daunenfein nicht mehr?« rief sie. Anfänglich wollten die Alten ihren eigenen Augen kaum trauen, dann aber erkannten sie die Tochter und waren natürlich unendlich erfreut.

Während die Wildgänse und der Gänserich Martin und Daunenfein durcheinander schnatterten, um zu erzählen, wie Daunenfein gerettet wurde, kamen Flügelschön und Goldauge gelaufen. Schon von weitem riefen sie willkommen und stellten sich so erfreut, Daunenfein wiederzusehen, daß diese ganz gerührt wurde.

Die wilden Gänse fühlten sich wohl auf der Insel, und es wurde beschlossen, daß sie erst am nächsten Morgen weiterreisen sollten. Bald nach ihrer Ankunft fragten die Schwestern Daunenfein, ob sie nicht Lust habe, mitzukommen und zu sehen, wo sie ihre Nester bauen wollten. Sie ging sogleich mit und sah, daß sie gute, geschützte Brutplätze gewählt hatten. »Wo willst du dich denn jetzt niederlassen, Daunenfein?« fragten sie. – »Ich?« erwiderte Daunenfein, »Ich habe gar nicht die Absicht, mich hier auf der Schäre niederzulassen. Ich fliege mit den Wildgänsen nach Lappland.« – »Das ist doch traurig, daß du uns verlassen willst,« sagten die Schwestern. – »Ich würde gern bei euch und den Eltern bleiben,« entgegnete Daunenfein. »Aber ich versprach dem großen, weißen ...« – »Was?« rief Flügelschön. »Sollst du den schönen Gänserich haben? Das ist doch ...« Aber Goldauge gab ihr eifrige Winke, und sie sagte nichts mehr.

Den ganzen Vormittag steckten die bösen Schwestern die Köpfe zusammen. Sie waren ganz außer sich darüber, daß Daunenfein einen so feinen Freier hatte. Sie hatten selbst Freier, aber das waren nur ganz gewöhnliche graue Gänse, und jetzt, wo sie den Gänserich Martin gesehen hatten, fanden sie ihre Freier so häßlich und gewöhnlich, daß sie nichts mehr von ihnen wissen wollten. »Ich glaube, ich ärgere mich noch tot,« sagte Goldauge. »Wärest du es wenigstens noch gewesen, die ihn haben soll, Schwester Flügelschön!« – »Ich wollte, er wäre tot, dann brauchten wir doch nicht den ganzen Sommer daran zu denken, daß Daunenfein einen weißen Gänserich bekommen hat,« sagte Flügelschön.

Die Schwestern setzten aber ihr freundliches Benehmen gegen Daunenfein fort, und am Nachmittag nahm Goldauge sie mit, damit sie den sehen sollte, mit dem die Schwester sich zu verheiraten gedachte. »Er ist nicht so schön wie der, den du haben sollst,« sagte Goldauge, »dafür aber kann man sicher sein, daß er der ist, der er ist.« – »Was meinst du damit, Goldauge?« fragte Daunenfein. Goldauge wollte anfänglich nicht mit der Sprache heraus, schließlich aber entfuhr es ihr, daß Flügelschön und sie darüber geredet hätten, ob es mit dem weißen Gänserich wohl seine Richtigkeit habe. »Wir haben noch nie gesehen, daß eine weiße Gans mit den Wildgänsen fliegt,« sagte die Schwester, »und wir haben gedacht, ob er wohl verhext ist.« – »Seid ihr verrückt? Er ist ja ein zahmer Gänserich,« sagte Daunenfein gekränkt. – »Er hat einen bei sich, der verhext ist, da kann er ebenso gut selbst verhext sein. Bist du nicht bange, daß er am Ende eine schwarze Scharbe ist?«

Sie verlieh ihren Worten den nötigen Nachdruck und machte die arme Daunenfein ganz ängstlich, »Du weißt ja gar nicht, was du sagst,« entgegnete die kleine graue Gans. »Du willst mich nur bange machen.« – »Ich will dein Bestes, Daunenfein,« sagte Goldauge. »Ich kann mir nichts Schlimmeres denken, als dich mit einer schwarzen Scharbe wegfliegen zu sehen. Aber nun will ich dir etwas sagen: Versuche, ihn dazu zu bringen, daß er einige von den Wurzeln frißt, die ich hier gesammelt habe. Ist er verhext, so wird sich das sofort zeigen. Ist er es nicht, so bleibt er, was er ist.«

Niels Holgersen saß mitten zwischen den Gänsen und lauschte Akkas und des alten Gänserichs Unterhaltung, als Daunenfein geflogen kam. »Däumling! Däumling!« rief sie, »Martin liegt im Sterben, und ich habe ihn getötet!« – »Laß mich auf deinem Rücken sitzen, Daunenfein, und bringe mich zu ihm!« rief der Junge. Sie flogen davon und Akka und die Wildgänse folgten ihnen. Als sie zu dem Gänserich kamen, lag der an der Erde. Er konnte nichts sagen, er schnappte nur nach Luft. »Kitzle ihn unter der Kehle und klopfe ihn auf den Rücken!« sagte Akka. Das tat der Junge, und im selben Augenblick hustete der große Weiße eine lange Wurzel heraus, die sich ihm im Halse festgesetzt hatte. »Hast du davon gefressen?« fragte Akka und zeigte auf einige Wurzeln, die an der Erde lagen. »Ja,« antwortete der Gänserich. – »Dann ist es ein Glück, daß sie dir im Halse stecken blieben,« sagte Akka. »Sie sind giftig. Hättest du sie heruntergeschluckt, so wärest du unfehlbar gestorben.« – »Daunenfein hat mich gebeten, sie zu essen,« sagte der Gänserich. – »Ich habe sie von meiner Schwester bekommen,« entgegnete Daunenfein und erzählte das Ganze. – »Du mußt dich vor deinen Schwestern in acht nehmen, Daunenfein,« warnte Akka, »denn sie haben es sicher nicht gut mit dir im Sinne.«

Daunenfeins Gemüt war aber so beschaffen, daß sie niemand etwas Böses zutrauen konnte, und als Flügelschön nach einer Weile kam und ihr ihren Liebsten zeigen wollte, ging sie sogleich mit. »Ja, er ist nicht so schön wie der, den du bekommst, aber viel tapferer und verwegener.« – »Woher weißt du das?« fragte Daunenfein. – »Hier ist in letzter Zeit großer Jammer unter den Möwen und Enten auf der Schäre gewesen, denn jeden Morgen bei Tagesgrauen kommt ein fremder Raubvogel und holt sich eine von ihnen.« – »Was für ein Vogel ist das?« fragte Daunenfein. – »Das wissen wir nicht,« sagte die Schwester. »Wir haben nie einen seiner Art hier auf der Schäre gesehen, und das merkwürdige ist, daß er nie eine von uns Gänsen anfällt. Aber nun hat mein Liebster sich vorgenommen, morgen mit ihm zu kämpfen und ihn zu vertreiben.« – »Möchte es ihm doch gelingen!« sagte Daunenfein. – »Ich bin bange, daß die Sache nicht gut abläuft,« entgegnete die Schwester. »Wäre mein Gänserich nur so groß und stark wie der deine, so könnte ich doch etwas Hoffnung haben.« – »Möchtest du gern, daß ich den Gänserich Martin bitte, gegen den fremden Vogel zu gehen?« fragte Daunenfein. – »Ja, das möchte ich allerdings gern,« sagte Flügelschön. »Einen größeren Gefallen könntest du mir nicht erweisen.«

Am nächsten Morgen war der Gänserich vor der Sonne wach, stellte sich oben auf die höchste Spitze der Schäre und spähte nach allen Seiten. Bald sah er einen großen, dunklen Vogel von Westen herkommen. Die Flügel waren unendlich lang, und es gehörte nicht viel dazu, um zu begreifen, daß es ein Adler war.

Der Gänserich war auf keinen gefährlicheren Feind als auf eine Eule gefaßt gewesen, und nun sah er ein, daß er wohl kaum mit dem Leben davon kommen würde. Aber es fiel ihm auch nicht einen Augenblick ein, daß es ein Unding war, sich auf einen Kampf mit einem Vogel einzulassen, der so viel stärker war als er.

Der Adler schoß auf eine Möwe nieder und schlug die Fänge in sie. Ehe er wieder aufsteigen konnte, kam der Gänserich Martin gefahren. »Laß sie los!« rief er. »Und komm nie wieder hierher, sonst kriegst du es mit mir zu tun!« – »Was für ein Tollkopf bist denn du?« fragte der Adler. »Ein Glück für dich, daß es nicht meine Gewohnheit ist, mit Gänsen zu kämpfen. Sonst würde es bald aus sein mit dir!«

Der Gänserich Martin glaubte, daß sich der Adler zu gut halte, mit ihm zu kämpfen und fuhr auf ihn ein, biß ihn in die Kehle und schlug ihn mit den Flügeln. Darin konnte sich der Adler natürlich nicht finden, er schlug wieder, doch nicht mit voller Kraft.

Der Junge lag und schlief an derselben Stelle wie Akka und die Wildgänse, als er Daunenfein rufen hörte: »Däumling! Däumling! Der Gänserich Martin ist kurz davor, von einem Adler zerrissen zu werden!« – »Laß mich auf deinem Rücken sitzen, Daunenfein, und bringe mich zu ihm!« sagte der Junge.

Als er zur Stelle kam, war der Gänserich Martin blutig und übel zugerichtet, aber noch im vollen Kampf. Der Junge konnte nicht mit dem Adler kämpfen, und da war nichts weiter zu machen, als bessere Hilfe zu schaffen. »Auf und davon, Daunenfein!« rief er. »Hole Mutter Akka und die Wildgänse!« In demselben Augenblick, als er das sagte, hielt der Adler auf zu kämpfen. »Wer spricht da von Akka?« fragte er. Und als er nun Däumling erblickte und die Wildgänse gackern hörte, hob er die Schwingen. »Sage Akka, ich hätte nicht gedacht, sie oder irgend jemand von ihrer Schar hier draußen auf dem Meere zu treffen!« sagte er und entschwand in schönem und schnellem Flug. – »Das war ja der Adler, der mich einmal zu den Wildgänsen zurücktrug,« sagte der Junge und sah ihm verwundert nach.

Die Wildgänse hatten die Absicht, rechtzeitig von der Schäre fortzuziehen, vorher aber wollten sie doch ein wenig weiden. Während sie umhergingen und fraßen, kam eine Bergente zu Daunenfein heran. »Ich soll von deinen Schwestern grüßen,« sagte sie. »Sie wagen nicht, sich unter den Wildgänsen sehen zu lassen, aber sie baten mich, dich daran zu erinnern, daß du die Schäre nicht verlassen dürftest, ehe du den alten Fischer besucht hast.« – »Das ist ja wahr,« sagte Daunenfein, aber sie war so bange geworden, daß sie nicht allein dahin zu gehen wagte. Sie bat den Gänserich und Däumling, sie nach der Hütte zu begleiten.

Dort stand die Tür offen. Daunenfein ging hinein, während die beiden anderen draußen blieben. Gleich darauf hörten sie Akka das Signal zum Aufbruch geben, und sie riefen Daunenfein. Die Graugans kam aus der Hütte heraus und flog mit den Wildgänsen von der Klippe fort.

Sie waren ein gutes Stück in die Schären hinausgekommen, als Niels verwundert die Graugans betrachtete, die mit ihnen gekommen war. Daunenfein flog sonst so leicht und lautlos. Diese aber arbeitete sich mit schwerem, brausendem Flügelschlag vorwärts. »Kehre um, Akka!« rief er sofort. »Da ist eine fremde in der Schar! Wir haben Flügelschön mitbekommen!«

Kaum hatte er das gesagt, als die Graugans einen so häßlichen und wütenden Schrei ausstieß, daß niemand daran zweifeln konnte, wer sie war. Akka und die anderen wandten sich nach ihr um, sie aber floh nicht sofort. Statt dessen stürzte sie auf den großen Weißen los, packte Däumling und flog mit ihm im Schnabel davon.

Nun folgte eine hitzige Jagd über den Schären. Flügelschön flog schnell, aber die Wildgänse waren ihr hart auf den Fersen, und sie hatte nicht die geringste Aussicht zu entkommen.

Plötzlich sahen sie einen feinen, weißen Rauch unten vom Meer aufsteigen, und der Knall eines Schusses ertönte. In ihrem Eifer hatten sie nicht bemerkt, daß sie gerade über einem Boot waren, in dem ein Fischer saß.

Niemand wurde jedoch von dem Schuß getroffen, aber gerade mitten über dem Boot öffnete Flügelschön den Schnabel und ließ Däumling ins Wasser fallen.


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