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Josua Kragenkropf und Jesaja Krallenbein

Der Geier Josua Kragenkropf saß in einer Felsenspalte und frühstückte mit ersichtlichem Behagen. Sein langer Hals reckte sich nackt aus dem gesträubten Kragen heraus, und mit dem Schnabel säbelte er dicke Fetzen aus einem Stück angefaulten Fleisches, das er so nach und nach appetitvoll und voller Andacht hinunterwürgte. Dieser angenehme Hautgout – es schmeckte ihm wirklich ganz ausgezeichnet.

Dunkel und drohend starrte die Bergmasse des Schwarzmönchs ihm gegenüber, und hoch über ihm blitzte das Silberhorn der Jungfrau im ewigen Schnee.

Josua Kragenkropf aber war landschaftlich ganz unbeteiligt. Das alles sah er nicht, denn er frühstückte, und es schmeckte ihm vorzüglich, eben gerade, weil das Fleisch etwas angefault war und diesen angenehmen Hautgout hatte, den er überaus schätzte und den man in seinem richtigen Entwicklungsgrade nicht immer so glückhaft antraf wie heute.

Am Eingang der Felsspalte ertönte ein mehrfaches Flügelschlagen, nach der Etikette der Geier das Zeichen, daß jemand einzutreten wünschte. Josua Kragenkropf schluckte eifrig an einem besonders großen Bissen und versteckte den sehr ansehnlichen Rest seines Frühstücks in einem Felsenloch, vor das er sorgsam einen Stein mit der Kralle schob. Er tat das stets, wenn sich Gäste zeigten.

»Ist es erlaubt, einzutreten, mein lieber Kollege Kragenkropf?« sagte eine heisere Stimme, und in der Felsenspalte erschien der Geier Jesaja Krallenbein.

»Angenehm, angenehm«, sagte Josua Kragenkropf und würgte in seinem Halse, daß er Falten darin bekam, »sehr angenehm, mein lieber Kollege Krallenbein. Erfreut, sehr erfreut, Sie nach so langer Zeit wiederzusehen.«

Jesaja Krallenbein war etwas größer als Josua Kragenkropf, sein Hals war noch länger und nackter, und seine Kragenkrause sah aus, als wären die Motten hineingekommen. Er klappte den Schnabel auf und zu und roch voller Interesse in der Luft herum.

»Ein schöner Morgen, lieber Kollege, ein schöner Morgen«, sagte er, »aber etwas kühl, ja erheblich kühl, muß man sagen, besonders wenn man, wie ich, noch nichts gefrühstückt hat, lieber Kollege.«

»Unstreitig etwas kühl«, sagte Josua Kragenkropf und dachte voller Besorgnis an sein verstecktes Frühstück. Es war ja sorgfältig und sachgemäß verwahrt; aber am Ende duftete es und stieg Jesaja Krallenbein in den Schnabel. »Etwas kühl, mein lieber Kollege Krallenbein; aber wir haben ja unsere warmen dicken Daunenhosen.«

»Ich habe auf dem Magen keine Daunenhosen«, sagte Jesaja Krallenbein und sah Josua Kragenkropf in unangenehmer Weise von der Seite an. »Aber was ich sagen wollte, mein lieber Kollege Kragenkropf, haben Sie schon gefrühstückt? Sie machen einen so satten Eindruck.«

»Ich habe nichts gefrühstückt, wie sollte ich?« sagte Josua Kragenkropf und ließ die Flügel ermattet hängen, »aber nehmen Sie doch bitte Platz, mein lieber Kollege! Hier auf dem Felsrand ist eine bequeme Krallenstütze, wollen Sie sich bitte bedienen! Sie sitzen so unbehaglich. Die Krallenstütze ist dort, mehr dem Ausgang zu, mein lieber Kollege. Sie haben dort auch die herrliche Aussicht auf das Silberhorn.«

Josua Kragenkropf bekam plötzlich Sinn für landschaftliche Reize.

»Ich sitze hier sehr gut, mein lieber Kragenkropf«, sagte Jesaja Krallenbein und rutschte noch ein Stück weiter in die Höhle hinein, auf die Stelle zu, wo das duftende Frühstück von Josua Kragenkropf verschwunden war. Josua Kragenkropf wurde es unbehaglich.

»Gibt es etwas Neues auf dem Gebiete der Aviatik, mein lieber Kollege Krallenbein?« fragte Josua Kragenkropf und streckte den nackten Hals voller Besorgnis nach Jesaja Krallenbein aus. »Sie wissen ja, daß mir die wissenschaftlichen Interessen unserer Zivilisation über alles gehen.«

»Wer dächte nicht so wie Sie, mein lieber Kragenkropf?« sagte Jesaja Krallenbein, rutschte noch einmal und saß jetzt richtig auf dem Stein, hinter dem sich das Frühstück verbarg. »Ja, es gibt allerlei, es gibt allerlei. Wie gesagt, die Wissenschaft über alles. Aber sollten Sie nicht doch bereits gefrühstückt haben? Es duftet hier so angenehm nach Hautgout – ein ganz wunderbarer Geruch, mein lieber Kollege.«

»Leider, leider ist nichts von meinem Frühstück übriggeblieben, mein lieber Krallenbein«, sagte Josua Kragenkropf und zuckte bedauernd mit den Flügeln. »Ich selbst habe nur eine Kleinigkeit zu mir genommen, und mir ist immer noch flau. Sonst wäre es mir ein Vergnügen, Ihnen etwas anzubieten. Aber die Zeiten sind schlecht, und man findet wenig in dieser unwirtlichen Gegend, die ja dafür landschaftlich wirklich sehr reizvoll ist. Sehen Sie nur, wie das Silberhorn eben wieder aufleuchtet! Aber Sie müssen etwas mehr nach vorne rücken, dem Ausgang zu. Von dort, wo Sie eben sitzen, können Sie nichts sehen.«

»Ich sehe genug und rieche genug, mein lieber Kollege Kragenkropf. Sollte nicht doch am Ende ein Stück übriggeblieben sein und der angenehm faulige Duft sich davon herleiten lassen? Sollten Sie es nicht vielleicht vergessen haben, mein lieber Kragenkropf?«

»Nein, nein, ich bin ja von einer geradezu wissenschaftlichen Genauigkeit in allem, mein lieber Kollege«, sagte Josua Kragenkropf und sperrte den Schnabel böse auf. »Ich selbst bin sehr hungrig und wollte Sie gerade fragen, ob Sie nicht etwas Genießbares wüßten. Ich friere vor Hunger, und wenn ich, wie gesagt, nicht die warmen dicken Daunenhosen hätte – aber wollten Sie mir nicht eben von der Aviatik berichten? Ich interessiere mich so sehr für jede neue Methode und überhaupt für unsere ganze Zivilisation.«

Jesaja Krallenbein sah Josua Kragenkropf erst mit dem einen, dann mit dem anderen Auge an, beide Male in einer sehr beunruhigenden Art. Auch sah er sich einige Male nach dem Stein um, auf dem er saß.

Josua Kragenkropf wurde es heiß, aber ganz unabhängig und unbeeinflußt von den Daunenhosen. Diese beängstigende Hitze kam vom Magen, vom Organ seines Appetits, und auf diesem trug er keine Daunenhosen.

»Ja, mein lieber Kollege Kragenkropf«, sagte Jesaja Krallenbein und gurgelte dabei sehr sonderbar in seinem Schlund, »was soll ich Ihnen sagen? Die Menschen fliegen.« »Die Menschen fliegen? Ein kriechendes Geschlecht, das sich bis zu unserer Höhe erheben will?« krächzte Josua Kragenkropf erbost und schielte sehr erregt nach dem Stein des Frühstücks, den nunmehr Jesaja Krallenbeins Daunenhosen völlig zudeckten. »Wie machen sie denn das, ohne Flügel? Das ist ja kaum glaublich, mein lieber Kollege.«

»Es ist ein erschreckliches Zeichen der Zeit«, sagte Jesaja Krallenbein, »aber ich habe es selbst gesehen, und meine Schwanzfedern sträubten sich, wie Sie mir gerne glauben werden. Natürlich fliegen sie nicht mit Flügeln, mein lieber Kollege. Wie sollten sie, wenn sie keine solchen haben, das wäre ja ganz unwissenschaftlich. Sie fliegen mit Maschinen, mein bester Kragenkropf, mit einem metallenen Gerippe.«

»Hä, hä«, krächzte Josua Kragenkropf und wackelte mit dem nackten Halse, »mit toten Dingern? Wie kann denn ein toter Gegenstand fliegen? Mein lieber Kollege Krallenbein, Ihre Kenntnisse in allen Ehren, aber sollte das nicht am Ende doch eine Hypothese des Morgennebels sein, sozusagen aus Ihrem nüchternen Magen entstanden, aus dem Frost heraus? Denn wie ich eben bemerke, sind auch Ihre Daunenhosen erheblich dünn geworden mit dem Alter, ein wenig fadenscheinig, mein lieber Krallenbein. Sie müssen unbedingt mehr in die warme Sonne rücken, dem Ausgang zu, hier, wo Sie auch die bequeme Krallenstütze haben.«

Du wirst bald sehen, wie tote Gegenstände fliegen, dachte Jesaja Krallenbein und klappte höhnisch mit dem Schnabel, ich werde dir meine fadenscheinigen Daunenhosen schon eintränken, du altes Ekel.

»Mein lieber Kollege Kragenkropf«, sagte er sodann, »hier ist nichts von einer Hypothese und nichts von Morgennebel, wenn sich auch mein nüchterner Magen noch nicht durch ein Frühstück, das Sie mir angeboten hätten, erholt hat. Aber Sie scheinen mir nicht ganz auf dem Posten zu sein, nicht ganz denkklar, nicht exakt genug. Wohl noch etwas von der letzten Mauser nachgeblieben, eine kleine Schwäche, so hoch ich sonst natürlich Ihre Kenntnisse stelle, mein lieber Kollege Kragenkropf.«

Josua Kragenkropf sah Jesaja Krallenbein voller Gift und Bosheit an. »Solange Sie nicht den krallengreiflichen Beweis erbringen, werter Kollege ....«

»Da fliegt einer!« krächzte Jesaja Krallenbein und zeigte mit der Kralle nach dem Ausgang der Felsenhöhle.

Josua Kragenkropf vergaß alle Kränkungen von Schwäche und Mauser und das duftende Frühstück und eilte hinaus. An ihm vorüber in elegantem Gleitflug segelte Jesaja Krallenbein mit Josua Kragenkropfs duftendem Frühstück im Schnabel. Sonst war nichts zu sehen.

»Tote Gegenstände fliegen, im Schnabel, mein lieber Kollege, und bald in meinem Magen, das ist der krallengreifliche Beweis«, gurgelte er sehr unangenehm und verschwand in der Ferne.

Josua Kragenkropf war nach anderen krallengreiflichen Beweisen zumute, die er dem Kollegen gerne beigebracht hätte; aber Jesaja Krallenbein war der Stärkere, und das ist überall eine überzeugende Logik. Dafür flog Josua Kragenkropf nach der Felsspalte Jesaja Krallenbeins und holte sich Jesaja Krallenbeins Frühstück. Es verriet sich durch einen angenehm fauligen Duft, durch diesen selten schönen Hautgout, der keineswegs immer so vorzüglich anzutreffen ist. Das Frühstück war sorgsam hinter einem Stein verschlossen, in durchaus gleicher Weise, wie Josua Kragenkropf das seinige verwahrt hatte.

»Welch ein Segen liegt in der Zivilisation und ihrer stets gleichen wissenschaftlichen Methodik!« sagte Josua Kragenkropf, und es schmeckte ihm vorzüglich. »Aber sollten die Menschen wirklich fliegen können? Am Ende werden sie noch Geier werden?« Ihn schauderte vor dieser Vorstellung. Er zog den nackten Hals fröstelnd in den Federkragen ein und plusterte die dicken Daunenhosen auf.

Ach, mein verehrter Josua Kragenkropf, die Menschen brauchen nicht erst Geier zu werden. Sie genießen voller Behagen den Duft einer verfaulten Zivilisation, sie reden von einer Wissenschaft, die ständig in der Mauser ist – mein lieber Kollege Kragenkropf, mein lieber Kollege Krallenbein – , und fressen sich gegenseitig das Frühstück weg.


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