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Balduin Brummsel

Der Käfer Balduin Brummsel und seine Frau Susummse Brummsel hatten sich zur Nachtruhe im Kelch einer Tulpe niedergelassen. Es war eine rote Tulpe; denn andersfarbige Tulpen und besonders gelbe konnten Frau Susummse Brummsels Nerven nicht vertragen. An sich schien das eben belanglos; denn es war dunkel geworden, und man konnte von Farben nicht mehr viel sehen. Aber es war nichts belanglos, was Frau Susummse Brummsel betraf.

Balduin Brummsel hatte seine sechs Beine unter dem Leib gesammelt und beschloß einzuschlafen.

»Balduin«, sagte Frau Susummse Brummsel, »es ist sehr dunkel geworden. Weißt du es auch bestimmt, daß es eine rote Tulpe ist, in der wir nächtigen?«

»Ja, es ist eine rote Tulpe«, sagte Balduin Brummsel.

»Du weißt es doch, daß meine Nerven es nicht vertragen, in einer gelben Tulpe zu schlafen?« sagte Frau Susummse Brummsel.

»Ja, ich weiß es«, sagte Balduin Brummsel.

»Gelbe Tulpen sind abscheulich, warum gibt es überhaupt gelbe Tulpen?« fragte Frau Susummse Brummsel.

»Ich weiß es nicht«, sagte Balduin Brummsel.

Pause. Balduin Brummsel war nahe am Einschlafen.

»Balduin«, sagte Frau Susummse Brummsel, »Balduin, weißt du es auch gewiß, daß die Tulpe sich geschlossen hat, so daß wir gesichert schlafen können?«

»Ja, ich weiß es«, sagte Balduin Brummsel.

»Balduin«, sagte Frau Susummse Brummsel, »willst du nicht lieber noch einmal nachsehen, ob die Tulpe sich wirklich geschlossen hat?«

Balduin Brummsel kroch nach oben und kroch wieder nach unten.

»Ja, die Tulpe ist geschlossen«, sagte er, sammelte seine sechs Beine unter dem Leibe und beschloß einzuschlafen.

Pause.

»Balduin«, sagte Frau Susummse Brummsel, »hast du es bemerkt, daß die Hummel Barbara Blütenbär einen dicken Pelz trug, obwohl es ein ganz heißer Tag war?«

»Ja, ich habe es bemerkt«, sagte Balduin Brummsel.

»Ist es nicht ein Unsinn, einen dicken Pelz zu tragen, wenn es ein so heißer Tag ist?« sagte Frau Susummse Brummsel und machte eine predigende Bewegung mit den Fühlern, »warum trägt diese dumme Hummel bloß einen dicken Pelz?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Balduin Brummsel.

»Balduin, glaubst du, daß solch ein dicker Pelz mir stehen würde?« fragte Frau Susummse Brummsel.

»Es kann sein, ich weiß es nicht«, sagte Balduin Brummsel.

Pause. Balduin Brummsel war nahe am Einschlafen.

»Balduin«, sagte Frau Susummse Brummsel, »du weißt es doch bestimmt, daß die Tulpe sich geschlossen hat?«

»Ja, ich weiß es«, sagte Balduin Brummsel.

»Balduin«, sagte Frau Susummse Brummsel, »sieh doch lieber noch einmal nach, ob die Tulpe sich wirklich geschlossen hat!«

Balduin Brummsel kroch nach oben und kroch wieder nach unten.

»Ja, die Tulpe ist geschlossen«, sagte er, sammelte seine sechs Beine unter dem Leibe und beschloß einzuschlafen.

Pause.

»Balduin«, sagte Frau Susummse Brummsel, »hast du es bemerkt, daß die Biene Melitta Emsig bloß einen leichten Jumper trug, obwohl es doch ein kühler Tag war?«

»Ja, ich habe es bemerkt«, sagte Balduin Brummsel, »aber sagtest du nicht eben, daß es ein sehr heißer Tag gewesen wäre?«

»Wie kann ich sagen, daß es ein heißer Tag war, wenn es ein ganz kühler Tag gewesen ist?« sagte Frau Susummse Brummsel und machte eine predigende Bewegung mit den Fühlern. »Ist es nicht ein Unsinn, bloß einen leichten Jumper zu tragen, wenn es ein so kühler Tag ist? Warum trägt diese dumme Biene bloß einen so leichten Jumper?«

»Ich weiß es nicht«, sagte Balduin Brummsel.

»Balduin, glaubst du, daß solch ein leichter Jumper mir stehen würde?« fragte Frau Susummse Brummsel.

»Es kann sein, ich weiß es nicht«, sagte Balduin Brummsel.

Pause. Balduin Brummsel war nahe am Einschlafen.

»Balduin«, sagte Frau Susummse Brummsel, »die Tulpe wird sich am Ende doch nicht wieder geöffnet haben?«

»Nein, das wird sie nicht«, sagte Balduin Brummsel.

»Balduin«, sagte Frau Susummse Brummsel, »sieh doch lieber noch einmal nach, ob die Tulpe sich nicht am Ende doch wieder geöffnet hat!«

Balduin Brummsel kroch nach oben und kroch wieder nach unten.

»Nein, die Tulpe hat sich nicht wieder geöffnet«, sagte er, sammelte seine sechs Beine unter dem Leibe und beschloß einzuschlafen.

Pause.

»Balduin«, sagte Frau Susummse Brummsel, »warum frißt dein Vetter, der Maikäfer Zacharias Zange, so viele Blätter an einem Tage?«

»Ich weiß es nicht, wahrscheinlich hat er Appetit«, sagte Balduin Brummsel.

»Balduin«, sagte Frau Susummse Brummsel und machte eine predigende Bewegung mit den Fühlern, »du mußt das wissen, Balduin, es ist doch eine Familienangelegenheit, und ich finde, es ist peinlich, Verwandte zu haben, die so unmäßig fressen.«

Balduin Brummsel überkam eine tiefe Erschöpfung. »Balduin«, sagte Frau Susummse Brummsel, »glaubst du vielleicht, daß es mir bekommen würde, wenn ich soviel fressen würde wie dein Vetter Zacharias Zange?«

»Es kann sein, ich weiß es nicht«, sagte Balduin Brummsel.

Pause. Balduin Brummsel war nahe am Einschlafen.

»Balduin«, sagte Frau Susummse Brummsel, »du weißt es doch ganz gewiß, daß die Tulpe sich nicht am Ende wieder geöffnet hat?«

»Ja, ich weiß es«, sagte Balduin Brummsel.

»Balduin«, sagte Frau Susummse Brummsel, »willst du nicht lieber doch noch einmal nachsehen, ob die Tulpe sich nicht ....«

»Nein, das werde ich nicht tun«, schrie Balduin Brummsel, »ich weiß es genau, daß die Tulpe sich nicht wieder geöffnet hat, denn sie hatte sich gar nicht geschlossen. Es ist auch gar keine rote Tulpe, sondern eine ganz gelbe. Ein dicker Pelz und ein leichter Jumper würden dir nicht stehen, und wenn du soviel fressen würdest wie Zacharias Zange, so würdest du noch mehr fragen, als du es jetzt schon tust!«

Balduin Brummsel schlief diese Nacht, zum erstenmal in seiner Ehe, ausgezeichnet. Frau Susummse Brummsel tat, zum erstenmal in ihrer Ehe, kein Auge zu. Sie schwieg zwar, auch zum erstenmal in ihrer Ehe, aber sie machte die ganze Nacht unaufhörlich und ohne eine einzige Pause predigende Bewegungen mit den Fühlern.


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