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Zweiter Act.

(Das peruanische Lager, nahe bei einem Dorfe, von welchem noch die letzten Häuser sichtbar sind. In der Mitte der Bühne ist ein Altar errichtet. Im Hintergrunde ein Hügel, auf welchem ein Baum steht.)

Erste Scene.

Cora (sitzt auf einer Rasenbank, ein Kind auf dem Schooße). Alonzo (steht vor ihr, und sieht mit innigem Entzücken auf sie herab).

Cora (blickt lächelnd bald auf Alonzo, bald auf ihr Kind). Er sieht dir ähnlich.

Alonzo. Nein, dir.

Cora. Laß mir doch meine Freude.

Alonzo. Hat er nicht schwarzes Haar?

Cora. Aber blaue Augen.

Alonzo. Und wenn er lächelt, lächelt er nicht gerade wie du?

Cora (das Kind an ihr Herz drückend). Unser Ebenbild.

Alonzo. Du liebst den Vater weniger, seitdem der Sohn auf deinem Schooße spielt.

Cora. Du lügst.

Alonzo. Er raubt dir manchen Kuß, der mir gebührt.

Cora. Ich küsse dich in ihm.

Alonzo. Der Knabe wird mich eifersüchtig machen.

Cora. Ich lebe nur in dir und ihm. Jüngst träumte ich, die weißen Blüten seiner Zähne wären schon hervorgebrochen.

Alonzo. Das wird ein Festtag sein!

Cora. Und wenn er zum ersten Male laufen wird von mir zu dir –

Alonzo. Und wenn er zum ersten Male stammeln wird: Vater! Mutter! –

Cora. O Alonzo! täglich wollen wir den Göttern danken!

Alonzo. Gott und Rolla!

Cora. Du bist glücklich! nicht wahr?

Alonzo. Das frägt Cora?

Cora. Aber warum wirfst du dich des Nachts zuweilen hin und her auf deinem Lager? Warum höre ich Seufzer deiner Brust entquillen?

Alonzo. Muß ich nicht gegen meine Brüder fechten?

Cora. Wollen sie nicht unsern Untergang? Alle Menschen sind deine Brüder.

Alonzo. Und wenn die Spanier siegen, welch' Schicksal wartet mein!

Cora. Wir fliehen in die Gebirge.

Alonzo. Mit einem Säugling auf dem Arm?

Cora. Warum nicht? meinst du, eine fliehende Mutter wisse, wie viel ihr Kind wiegt?

Alonzo. Auch würde ich gern die süße Last dir abnehmen.

Cora. (schalkhaft). Er bleibt nicht bei dir, er schreit.

Alonzo. Liebe Cora, willst du mich ruhig wissen?

Cora. Freilich will ich das.

Alonzo. So flieh' noch heute in die Gebirge zu deinem alten Vater, dort bist du sicher. Dann gehe es, wie es wolle, ich komme dir den Sieg zu verkündigen, oder in jener Freistatt der Natur mein Leben mit dir zu enden.

Cora. Und in unserm Sohne meinem Vaterland einen Rächer zu erziehen.

Alonzo. Das wollen wir.

Cora. Ja, Alonzo! aber fliehen kann ich nicht, jetzt noch nicht. Dich in Gefahr wissen, würde jeden meiner Schritte hemmen. Du vielleicht verwundet, unter fremder Pflege – nein, das kann ich nicht.

Alonzo. Bleibt nicht Rolla bei mir?

Cora. Ja, so lange ihr fechtet. Rolla versteht Wunden zu schlagen, aber nicht zu verbinden. Er wird dich rächen, aber nicht retten. Nein, wo der Mann ist, da muß auch das Weib sein. Ich schwur, dich nicht zu verlassen bis in den Tod.

Alonzo. So bleib', getreue Seele! und Gott verleihe uns Sieg!

Cora. Ist unsere Nothwehr nicht gerecht? der Götter Schutz wird mit uns sein.

Alonzo. Wo nicht, so finde mich der Tod von deinem Arm umschlungen.

Cora. Nicht sterben! Seit ich dich und diesen Kleinen habe, denke ich ungern an den Tod.

Alonzo (umfaßt kniend Weib und Kind). Holdes Weib! für mich geboren, und durch ein halbes Wunder mein! O des Elenden, der das Glück sucht und bei der Liebe vorübergeht!

Cora. (seine Liebkosungen erwidernd). Die Liebe ist still, wer dem Geräusch nachtaumelt, findet ihre Spur nicht.

Alonzo. Meine Cora! meine Welt.

Cora. Mein Alonzo! mein Alles.

Zweite Scene.

Rolla. Alonzo. Cora.

Rolla (der unbemerkt näher trat und ihren Liebkosungen zusah). Dank den Göttern für diesen Augenblick!

Alonzo. Ha Rolla! du hier?

Rolla. Ich theilte euer Entzücken.

Alonzo. Es ist dein Werk.

Rolla. Wohl mir!

Cora. Guter Rolla, du hast mich unaussprechlich glücklich gemacht.

Rolla. Cora glücklich durch Rolla! Ihr Könige des Erdbodens! welcher wagt es, mir einen Tausch anzubieten?

Alonzo. Unser Bruder!

Cora. Mehr als Bruder, unser Freund!

Rolla. Recht so, macht mich übermüthig! laßt mich schwelgen in eurem Glücke.

Cora. Wenn dieses Kind einst weniger für dich thut, als für seinen Vater, so trifft ihn der Mutter Fluch.

Rolla. Genug! was ich that, geschah für Cora. Sie ist glücklich, ich bin belohnt. – Jetzt Freundes Rath. Flieh' mit deinem Kinde tiefer in den Wald, oder in's Gebirge, du bist hier nicht sicher.

Alonzo. Auch ich bat, aber vergebens.

Cora. Nicht sicher bei dir und Alonzo?

Rolla. Der Feind sinnt auf Ueberfall.

Cora. Wenn auch; sind wir nicht auf unserer Hut?

Rolla. Der Sieg steht in Gottes Hand.

Cora. Mit euch entfliehen wird mir leicht.

Alonzo. Erspare dir die Angst in der Nähe des Schlachtgetümmels.

Cora. Ich kenne die Angst nur fern von dir.

Rolla. Helfen kannst du nicht, wohl aber schaden.

Cora. Schaden? wie das?

Rolla. Muß ich's dir erklären? Du weißt, wir lieben dich. Bleibst du uns so nahe, so werden wir ängstlich fechten, werden immer fechtend uns zurückzieh'n nach dem Orte, wo du bist. Ein Verliebter darf nur Feldherr sein, wenn er die Geliebte fern in Sicherheit weiß.

Alonzo. Rolla hat Recht. Wie könnte ich vorwärts in den Feind stürmen, so lange auch nur Ein Spanier neben mir, hinter mir bliebe, dem es gelingen möchte, zu Cora durchzudringen.

Cora. (lächelnd). Ihr wollt das eitle Weib bestechen, aber die Gattin hört euch nicht.

Alonzo. Und auch die Mutter ist taub.

Rolla. Thue, was du willst, ich habe gesagt, was wahr ist.

Alonzo. Alle unsere Weiber verbergen sich, nur du allein –

Cora. Ich vertraue fest auf die Götter und Euch. Doch wenn es eure Ruhe heischt, so will ich gehen, wohin ihr wollt.

Alonzo. Gutes Weib, ich danke dir.

Rolla. Der König nähert sich zu opfern.

Alonzo. Hast du gesorgt, das uns kein Ueberfall bedrohe?

Rolla. Alle unsere Posten sind wachsam.

Alonzo. Ich vermisse meinen Waffenträger. Zwar ist er kein Verräther, aber ein Dummkopf.

Rolla. Fürchte nichts, wir sind bereit.

Dritte Scene.

Ataliba von Kriegern, Höflingen, Priestern und Weibern umringt. Die Vorigen.

Atal. Willkommen, Alonzo! – deine Hand, Vetter Rolla – (Zu Cora.) Gott segne die frohe Mutter!

Cora. Gott segne den Vater seines Volks.

Atal. Der Kinder Wohl ist Vaterglück. Wie steht's, meine Freunde? was machen uns're braven Krieger?

Alonz. Sie rufen froh: der König ist in unserer Mitte!

Rolla. Er theilt Gefahr und Mangel mit uns.

Alonzo. Gott und der König!

Rolla. Sieg oder Tod!

Atal. Ich kenne mein Volk. Wenn dieses Schild durchlöchert wird, so leiht mir jeder Unterthan seine Brust.

Alonzo. Wähle dann die meinige.

Rolla. Vergiß Rolla nicht.

Cora (ihr Kind emporhebend). Und hier wächst deinem Sohne ein Freund heran.

Atal. Eure Liebe ist mein Reichthum, und ich fühle, daß ich reich bin. – Aber sprecht! noch immer hält der Feind sich ruhig?

Rolla. Er steht wie eine Wetterwolke.

Atal. Gelass'ner Muth sei unser Obdach.

Rolla. Jene fechten um schnödes Gold, wir für das Vaterland.

Alonzo. Jene führt ein Abenteurer in die Schlacht, uns ein König, den wir lieben.

Atal. Und ein Gott, den wir anbeten! – Kommt, Freunde! Laßt uns den Göttern opfern.

(Die Priester hinter dem Altare, der König und das Volk zu beiden Seiten desselben.)

Chor der Priester.

Gottheit! die uns Leben gab,
Lächle mild auf uns herab!

Das Volk.

Laß der Kinder frommes Lallen
Und der Greise Stammeln dir gefallen!
Schling ein unauflöslich Band
Um den König und das Vaterland.

Chor der Priester.

Sonnenkinder! kniet nieder!
Ehrt sie durch Gebet und Lieder.

Das Volk (kniend).

Fromm und schuldlos nahen wir,
Uns're Herzen opfern dir!

(Während der König sich nähert, und wohlriechende Kräuter auf den Altar wirft, singen die Priester mit aufgehobenen Händen.)

Sende, Gottheit, deinen Strahl!
Wenn dein Ohr uns gnädig höret,
Sei das reine Opfermahl
Von der heil'gen Glut verzehret!

(Eine Flamme fährt herab und entzündet das Opfer. Eine sehr gewöhnliche Priestertäuschung, weit einfacher und schuldloser, als so manches christliche Wunder.

Das Volk.

Triumph! wir sind erhört!
Das Opfer ist verzehrt!
Auf! spitzt den tödtenden Pfeil!
Heraus das blanke Schwert!
Der Sieg wird euch zu Theil!
Triumph! wir sind erhört!

Vierte Scene.

Ein Indianer (athemlos). Vorige.

Ind. Der Feind –

Atal. Wie nahe?

Rolla. Wo?

Ind. Auf des Hügels Spitze hab' ich das Lager überschaut. Er rückt aus –

Rolla. Wir wissen genug.

Atal. Bringt Weiber und Kinder in Sicherheit.

Cora. Ach Alonzo!

Alonzo. Wir sehen uns wieder.

Cora. Segne deinen Sohn!

Alonzo. Gott schütze dich und ihn!

Atal. Fort! die Augenblicke sind kostbar.

Cora. Leb' wohl, Alonzo! (Die Weiber hängen an ihren Männern, die Kinder an den Knien ihrer Väter.)

Alonzo. Geh', mach' mich nicht muthlos.

Cora. Ich gehe. Sei Held – aber schone dich, wenn du kannst.

Rolla (traurig). Mir sagst du nicht ein Wort, Cora!

Cora (ihm die Hand reichend). Bring' mir Alonzo zurück!

Atal. Gott mit dir und uns!

Cora. Gott mit euch! (Sie entflieht nebst den Priestern und übrigen Weibern.)

Atal. (zieht das Schwert). Auf! meine Freunde!

Rolla. Wir folgen dir.

Atal. Du, Alonzo, vertheidigst den engen Paß im Gebirge, du, mein Rolla, empfängst den Feind rechter Hand im Walde. Ich stehe in der Mitte und fechte, bis ich falle.

Rolla. Du fällst nicht ohne uns.

Atal. Ihr lebt für meinen Sohn, mein Sohn lebt für die Rache.

Alonzo. Sieg dem gerechten Vater!

Rolla. Auf den Abend danken wir den Göttern.

Atal. Das Feldgeschrei ist: Gott und Vaterland!

(Er geht ab. Rolla will ihm folgen; Alonzo hält ihn zurück.)

Alonzo. Rolla, noch ein Wort.

Rolla. Fechten ist die Losung. (Er will fort.)

Alonzo. Ein Wort von Cora.

Rolla. Von Cora? Rede.

Alonzo. Was bringt uns die nächste Stunde?

Rolla. Sieg oder Tod.

Alonzo. Dir Sieg, mir Tod. Vielleicht auch umgekehrt. Wer kann das wissen?

Rolla. Wir können beide fallen.

Alonzo. Fallen wir beide, dann sind Weib und Kind Gott und dem Könige empfohlen. Gott mag sie trösten, und der König schützen.

Rolla. Das wird er.

Alonzo. Falle aber ich allein, Rolla, dann bist du mein Erbe.

Rolla. Wie verstehst du das?

Alonzo. Cora sei dein Weib, mein Kind das deinige.

Rolla. Es sei.

Alonzo. Du reichst mir deine Hand darauf.

Rolla. Wenn Cora will.

Alonzo. Du hinterbringst ihr meinen letzten Wunsch.

Rolla. Das werde ich.

Alonzo. Und meinen Vatersegen dem Säugling an ihrer Brust.

Rolla. Genug, Freund! in der Stunde der Schlacht höre ich lieber ein rauhes Feldgeschrei, als den letzten Willen eines Gatten und Vaters.

Alonzo. Ich weiß nicht, welche Ahnung mich preßt. So war mir nie zu Muthe.

Rolla. Fort in die Schlacht!

Alonzo. Nur noch dies Eine. Meinen Körper begräbst du unter der Palme, wo wir des Abends zu sitzen pflegten, und gehst dann nach wie vor des Abends unter die Palme, und setzest dich mit Cora auf des Freundes Grab. Wenn dann mein Knabe ein Blümchen vom Grabe bricht, oder der Abendwind in den Blättern lispelt, so gedenkt ihr meiner.

Rolla (bewegt). O weg mit den Grillen!

Alonzo (seine Hand fassend). Dann gedenkt ihr meiner.

Rolla. Das werden wir.

Alonzo. Nun fort in die Schlacht!

Rolla. Du links, ich rechts. Wir sehen uns wieder.

Alonzo (schwermüthig). Hier oder dort!

Rolla. Hier! hier!

Alonzo. Das gebe Gott!

Rolla. Heraus die Schwerter! (Er zieht.)

Alonzo (sein Schwert ziehend). Für den König und Cora!

Rolla. Für Cora und den König! (Beide auf verschiedenen Seiten ab.)

Fünfte Scene.

Es bleibt niemand zurück, als ein alter blinder Greis, und ein Knabe.

Greis. Sind sie fort?

Knabe. Alle fort! dahin und dort hin!

Greis. Ach meine Augen! wenn ich sehen könnte, so hätte ich noch ein Schwert gefaßt, und wäre ehrlich gestorben.

Knabe. Wollt Ihr in die Hütte?

Greis. Nein, mein Kind. Führe mich zum Altare. (Der Knabe führt ihn dahin.) Hier laß mich stehen. Sind wir ganz allein?

Knabe. Alle sind geflohen. Der Vater ist mit dem Heere, die Mutter ich weiß nicht wo.

Greis. Es ist mir um dich bange, armes Kind.

Knabe. Ich bleibe bei Euch, lieber Großvater.

Greis. Was wirst du thun, wenn der Feind kommt?

Knabe. Ich will sagen, das Ihr alt und blind seid.

Greis. Sie werden dich fortschleppen.

Knabe. O nein! sie sehen ja wohl, daß Ihr ohne mich nicht gehen könnt. (Man hört Getümmel in der Ferne.)

Greis. Ach! sie fechten schon. – Geh' Kind, besteige den Grabhügel deiner Großmutter. Dann klett're auf den Baum, den ich dort pflanzte, und der nun schon so hoch heraufgewachsen ist. Von dort kannst du das Schlachtfeld übersehen.

Knabe. Soll ich Euch allein hier stehen lassen?

Greis. Ich stehe am Altare, Gott ist um mich und neben mir. Geh', und erzähle mir wieder, was du hörst und siehst. (Der Knabe geht und klettert auf den Baum.)

Greis. Das ist die erste Schlacht ohne mich. Noch vor wenig Jahren habe ich einen Bogen gespannt, so gut als Einer von den Yncas. Nun zupfe ich Baumwolle mit den Weibern. Nun muß ich hören, wie die Schwerter klirren, und die Schilder tönen; kann weder mir noch andern helfen. Aber bei jedem Kriegsgeschrei, bei jedem Hörnerschall zuckt mir die Faust, und fährt rasch gewöhnlich nach der Seite – wo keine Waffe mehr hängt. – Wohlan, Knabe! was siehst du?

Knabe. Viel Staub und Rauch.

Greis. Den Staub kenne ich wohl, ich habe ihn oft verschluckt; aber der Rauch kömmt gewiß aus den Feuer-Röhren, die Flammen speien und Donner brüllen, gleich, dem fürchterlichen Berge Catacunga. (Dem Knaben zurufend.) Erzähle weiter.

Knabe. Wenn der Rauch sich theilt, sehe ich die Uns'rigen.

Greis. Gehen sie weiter?

Knabe. Sie stehen.

Greis. Auch gut. Siehst du die Fahne der Yncas?

Knabe. Sie weht in der Mitte.

Greis. Dank den Göttern! der König lebt.

Knabe. Jetzt seh' ich auch die Feinde, ihre Waffen blitzen.

Greis. Weiter! weiter!

Knabe. Sie sind nicht gestaltet wie wir.

Greis. Doch mein Kind.

Knabe. Weit größer und schneller.

Greis. Sie reiten auf muthigen Thieren.

Knabe. Jetzt mischen sie sich mit den Unsrigen.

Greis. Und fallen?

Knabe. Es blitzt und raucht.

Greis. Blitze du Rächer aus den Wolken herab.

Knabe. Die Fahne der Yncas verschwindet.

Greis. O weh!

Knabe. Die Unsrigen weichen.

Greis. Mein Schwert! mein Schwert! ich will hin! ich will fechten! – Nur noch einmal, liebe Sonne, laß dein Licht mich schauen.

Knabe. Eine dicke Wolke verhüllt sie alle.

Greis. Weh' mir! muß ich diesen Tag erleben! kann ich denn nichts mehr für mein Vaterland! – doch ich kann noch beten. (Er kniet nieder, und umfaßt den Altar.) Ihr Götter! deren Zorn uns niederdrückt, laßt ab, ein Volk zu vernichten, das euch mit reiner Inbrunst ehrt! Schützt euren Sohn, den guten Ynca! laßt ihn nicht durch Räuberhände fallen!

Knabe. Ein kleiner Haufe nähert sich.

Greis. Sind es Feinde?

Knabe. Ich sehe nur den Staub.

Greis. Flieh', gutes Kind! flieh' in die Gebirge.

Knabe. Die Spitzen der Lanzen schimmern.

Greis. Dann sind es Peruaner.

Knabe. Sie eilen hieher.

Greis. Steig herab.

Knabe. In der Ferne geht alles bunt durch einander.

Greis. Die Uns'rigen fechten?

Knabe. Und weichen langsam.

Greis. Aber weichen doch! grausame Götter! komm, Knabe! komm herab!

Knabe (herabsteigend). Sollen wir die Mutter suchen?

Greis. Das Grab, mein Kind! das offene Grab!

Sechste Scene.

Ataliba verwundet, von einigen Kriegern begleitet. Die Vorigen

Atal. Hier laßt mich ruh'n – und sterben, wenn es sein muß.

Ein Soldat. Wir bleiben bei dir.

Atal. Mit nichten! kehrt zurück! dort bedarf man eurer.

Soldat. Aber deine Wunde –

Atal. Ist nicht gefährlich. Geht! rächt eure gefallenen Brüder! geht, ich befehle es euch! (Seine Begleiter entfernen sich.)

Atal. (sich an den Alter lehnend). Gerechte Götter! womit hab' ich es verschuldet!

Greis. Ich höre einen Unglücklichen, aber ich sehe ihn nicht. Wer bist du, Klagender?

Atal. Ein Verlassener, der um den Tod fleht.

Greis. Lebt der König noch?

Atal. Er lebt.

Greis. So bist du ja nicht verlassen. Ataliba schützt den geringsten seiner Unterthanen.

Atal. Und wer schützt ihn?

Greis. Die Götter!

Atal. Ihr Zorn ruht schwer auf ihm!

Greis. Das kann nicht sein. Er hat nie das Recht gebeugt, nie den Schwächern unterdrückt; er hat nie mit dem Schweiß der Bauern seine Höflinge gemästet; er hat nie der Armuth seine Hand, nie der Klage sein Ohr verschlossen.

Atal. (bei Seite). Gott! du hast in die bitterste Stunde meines Lebens einen der süßesten Augenblicke verflochten! – Guter Alter, kennst du den König?

Greis. O ja, gesehen hab' ich ihn oft. Noch vor wenig Jahren focht ich an seiner Seite gegen Huascar.

Atal. Wie lange dientest du?

Greis. Vier und fünfzig Jahre.

Atal. Hat der König dich belohnt?

Greis. Genieß' ich nicht der Ruhe im Schooß der Meinigen?

Atal. Sonst nichts?

Greis. Ist das nichts? O ein König hat viel gethan, wenn er die Ruhe seiner Unterthanen sicherte.

Atal. Er war dir mehr schuldig.

Greis. Sage das nicht. Täglich erzählen mir meine Enkel, wie er sein Volk beglückt. Andächtig höre ich zu, und freue mich.

Atal. (gerührt). Denken alle deine Brüder so wie du?

Greis. Sie denken alle so.

Atal. Warum sollt' ich den Tod fürchten? wie ist mir? ich fühle meine Wunde nicht mehr.

Greis. Bist du verwundet? Knabe! hole meinen Kräutersaft aus der Hütte. (Der Knabe geht.)

Atal. Ich danke dir. Nur der Arm –

Greis. Du hättest doch den König nicht verlassen sollen.

Atal. Eine Flechse ist zerschnitten, ich kann nicht fechten.

Greis. So hättest du das Schwert in die linke Hand nehmen sollen.

Siebente Scene.

Fliehende Indianer (eilen über die Bühne).

Die Indianer. Alles ist verloren! rettet! rettet euch!

Atal. (zu einem der letzten). Steh'! ich befehle es dir! (Der Indianer gehorcht.)

Atal. Wo ist Alonzo?

Ind. Ich sah ihn nicht.

Atal. Wo ist Rolla?

Ind. Mitten unter den Feinden.

Atal. Und du hast deinen Feldherrn verlassen?

Ind. (beschämt). Ich habe mein Schwert verloren.

Atal. Da nimm das meinige, und stirb als ein Sohn des Vaterlandes.

Ind. (mit dem Schwerte zurück eilend). Nur der Tod soll mir dies Geschenk entreißen.

Greis (ihm nachrufend). Lebt der König? ach! er hört mich nicht mehr.

Atal. Der König lebt.

Ein Indianer (schwer verwundet, schleppt sich zu Atalibas Füßen). Hier laß mich sterben.

Atal. Ist alles verloren?

Ind. Alles.

Atal. Fiel auch Rolla?

Ind. Alonzo fiel. Rolla vertheidigt sich noch.

Atal. (mit tiefem Schmerz). Alonzo! Götter!

Greis. Du fragst nicht nach dem König?

Atal. (dem Verwundeten sein Schwert nehmend). Gib Mir dein Schwert, du bedarfst dessen nicht mehr.

Ind. Mein König! was willst Du thun!

Atal. Dem Feinde seinen Triumph verbittern, mich unter den Trümmern meines Reichs begraben!

Greis. Götter! Du bist Ataliba!

Atal. Laß sie kommen! ich bin bereit.

Rollas Stimme (hinter der Scene). Zurück! zurück ihr Feigherzigen! – Hieher zu mir! Rolla ruft!

Viele Stimmen. Zu dir, Vater Rolla! wir folgen dir!

Rollas Stimme (mehr entfernt). Für Gott und den König! auf, in die Schlacht!

Atal. Mein tapferer Rolla lebt. Ich hoffe noch.

Greis. Guter König! Du mir so nahe! ach! ich armer blinder Mann!

Atal. Deine Liebe, ehrwürdiger Greis, tröstet mich in einer bittern Stunde.

Greis (welchem der Knabe indessen die Kräuter gebracht). Laß meine zitternde Hand Deine Wunde verbinden, tröpfle von diesem heilenden Saft darauf.

Atal. Gib. Ich danke dir.

Greis. Hätte ich doch mehr als dies! und mein Gebet! – Geh', Knabe, klett're wieder auf den Baum. (Der Knabe gehorcht.)

Ind. (sich zu Atalibas Füßen windend). Sohn der Sonne! – segne mich – ich sterbe –

Atal. Du stirbst für dein Vaterland, Gott segne dich!

Der sterbende Ind. Gott segne – den guten König – (Er stirbt.)

Atal. (gerührt auf ihn herabsehend). Unterthanenblut! kostbares, mir vertrautes Pfand! ich habe dich nicht muthwillig geopfert.

Greis. Rede, Knabe! was siehst du?

Knabe. Freund und Feind, alles durcheinander.

Greis. Welcher weicht?

Knabe. Keiner.

Atal. Gute Götter! wollt ihr ein Opfer, hier bin ich, aber schützt mein Volk!

Knabe. Hier und da verschwindet ein Hut mit einem Federbusch.

Greis. Das sind die Spanier. Schlagt zu, tapf're Brüder! schlagt wacker zu!

Knabe. Ich erkenne Rolla.

Atal. Er steht?

Knabe. Sein Schwert flimmert wie ein Blitz hier und dort.

Greis. Er ist der Götter Liebling.

Atal. Der Götter und Menschen.

Knabe. Sie weichen.

Greis. Wer?

Knabe. Die Feinde.

Greis. (in Begeisterung). Jetzt gilt's! jetzt laßt nicht ab! da liegt Einer und dort Einer, fort über ihre Leichname! kein Erbarmen! alles nieder! so recht! immer vorwärts!

Atal. Welch' Jünglingsfeuer!

Knabe. Sie fliehen.

Greis. (sich vom Altar entfernend, und herumtappend). Ha! sie fliehen! setzt ihnen nach! reibt die ganze Brut auf! – Wo bin ich! wo bin ich!

Knabe (laut schreiend). Triumph! sie fliehen!

Atal. (am Altare niedersinkend). Gott! du hast mein Vertrauen belohnt!

Knabe (herabsteigend). Ich sah deutlich, wie sie flohen, Die Fahne der Yncas weht ihnen nach. (Er führt seinen Großvater wieder zum Altar.)

Greis. Sohn der Sonne! laß mich Deine Hand küssen. Da preßt noch eine Thräne sich aus meinem Auge, eine Freuden-Thräne. Sohn der Sonne, laß mich sie auf Deine Hand weinen.

Atal. (aufstehend, und ihm dir Hand reichend). Laßt uns den Göttern danken.

Greis. Freudenthränen sind das schönste Dankopfer.

Ind. (mit Atalibas Schwert stürzt athemlos auf die Bühne). Wir siegen!

Atal. Bote des Himmels!

Ind. (das Schwert zu seinen Füßen legend). Hier ist Dein Schwert, ich hab' es nicht entehrt.

Atal. Behalt' es, und gedenke dieses Tages.

Ind. Laß mich, guter König, diesen Tag vergessen, und nimm Dein Schwert zurück. Ich könnt' es meinen Enkeln doch nicht zeigen.

Atal. (auf das Schwert deutend). Ist das nicht Feindes-Blut? Steh' auf. Du hast den Flecken weggewaschen. Jetzt erzähle, wie ihr siegtet.

Ind. Rolla wand den Sieg aus des Siegers Händen. Rolla schien begeistert von einer höheren Macht. Als alles floh, und das Geschoß der Feinde die Fliehenden ereilte, ihr Schwert des Würgens müde war: da warf sich Rolla mitten in den Weg, er bat, er drohte, aus seinen Augen schossen Blitze, von seinen Lippen rollten Donner, dann wieder sanfte Worte wie der Schwanengesang. Bald kehrte er das Schwert gegen die Flüchtigen, bald gegen seine eigene Brust. So hielt er auf, rief zurück, sammelte um sich die Verwirrten, ergriff die Fahne der Yncas mit der Linken, und stürmte voran. Des Sieges schon gewiß, plünderten die Spanier die Erschlagenen, ihre dichten Reihen waren getrennt. Rolla und die Götter an unserer Spitze, ein Augenblick entschied den Sieg. Hier stürzten die Feinde ohne Gegenwehr, dort flohen sie mit Angstgeschrei. Das Schlachtfeld war unser. Halt! rief Rolla. Triumph! jauchzte das Heer, und ich eilte hieher.

Atal. Wo ist der Held des Vaterlandes? wo ist mein Rolla?

Der Ind. Er nähert sich.

Atal. Jetzt fühle ich, daß auch Könige arm sind.

Achte Scene

Rolla (mit der Fahne der Yncas, auf welcher eine Sonne strahlt, von einem zahlreichen Gefolge begleitet).

Atal. (geht ihm entgegen).

Rolla (kniet nieder, und legt die Fahne zu seinen Füßen). Du bist Sieger.

Atal. (ihn umarmend). Mein Freund! mein Schutzgott!

Das Volk. Es lebe Rolla!

Atal. (nimmt eine Sonne von Diamanten, welche an einer goldenen Kette seine Brust zierte, und hängt sie Rolla um). Im Namen des Volks, dessen Retter du bist, trage dieses Zeichen meines Dankes. Die Thräne, die darauf gefallen, sagt dir besser, was dein König fühlt.

Rolla (aufstehend). Ich war nur der Götter Werkzeug.

Greis. Wehe dem blinden Mann, der den Helden nur hören kann!

Atal. Fort zu den Weibern, die ängstlich unserer harren.

Rolla. Wo ist mein Freund Alonzo?

Atal. (schmerzhaft). Bei den Göttern!

Rolla. Ach ich Elender!

Ein Ind. Er fiel.

Ein Anderer. Er wurde gefangen.

Der Erste. Ich habe ihn fallen seh'n.

Der Zweite. Ich sah ihn fortschleppen.

Rolla. Arme Cora!

Atal. Theurer Sieg.

Der Erste. Er fiel, aber er lebt.

Der Zweite. Ich hört' ihn fern um Hilfe rufen.

Rolla. Und Rolla hörte seines Bruders Stimme nicht!

Atal. Die Götter wollten ein Opfer. Der Freund ist verloren, das Vaterland gerettet! Des Volkes Jauchzen erstick' uns're Klagen. Fort zu den Weibern, die nun Witwen, zu den Müttern, die nun Kinderlos geworden! Thränen trocknen ist der Könige schönste Pflicht!

Rolla (in Verzweiflung). Ich soll Cora wieder sehen ohne ihn! (Der König geht, alles folgt ihm.)


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