Rudyard Kipling
Nur-so-Geschichten
Rudyard Kipling

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Der Schmetterling, der aufstampfte

Dieses, o meine Meistgeliebte, ist eine Geschichte – eine neue und wundervolle Geschichte – eine Geschichte, ganz anders als die anderen Geschichten – eine Geschichte über den Höchst Weisen Monarchen Suleiman-bin-Daoud – Salomon, den Sohn Davids.

Es gibt dreihundertfünfundfünfzig Geschichten über Suleiman-bin-Daoud; aber diese ist keine davon. Es ist nicht die Geschichte von dem Kiebitz, der das Wasser fand, oder von dem Wiedehopf, der Suleiman-bin-Daoud in der Hitze Schatten spendete. Es ist nicht die Geschichte von dem gläsernen Straßenpflaster oder von dem Rubin mit dem gekrümmten Loch, oder von den Goldbarren der Balkis. Es ist die Geschichte von dem Schmetterling, der aufstampfte.

Nun paß noch einmal auf und lausche!

Suleiman-bin-Daoud war weise. Er verstand, was die Tiere sprachen, was die Fische sprachen, was die Vögel sprachen und was die Insekten sprachen. Er verstand, was die Felsen tief unter der Erde sprachen, wenn sie sich ächzend zueinander neigten; und er verstand, was die Bäume sprachen, wenn sie mitten am Vormittag raschelten. Er verstand alles, vom Bischof auf der Kanzel bis zum Ysop an der Mauer, und Balkis, seine Hauptkönigin, die Wunderschöne Königin Balkis, war fast so weise wie er.

Suleiman-bin-Daoud war mächtig. Am dritten Finger der rechten Hand trug er einen Ring. Wenn er den einmal drehte, kamen Afrits und Dschinns aus der Erde, um alles auszuführen, was er ihnen befahl. Wenn er ihn zweimal drehte, kamen Feen vom Himmel herunter, um alles auszuführen, was er ihnen befahl; und wenn er ihn dreimal drehte, kam der sehr große Engel Azrael vom Schwert, als Wasserträger verkleidet, und erzählte ihm die Neuigkeiten aller drei Welten: der Oberen – der Unteren – und der Hiesigen.

Und doch war Suleiman-bin-Daoud nicht stolz. Er prahlte nur sehr selten, und wenn, dann tat es ihm nachher leid. Einmal versuchte er, alle Tiere der ganzen Welt an einem einzigen Tage zu füttern, aber als das Futter bereitgestellt war, kam ein Tier aus der Meerestiefe und fraß es mit drei Bissen auf. Suleiman-bin-Daoud war sehr erstaunt und sprach: »O Tier, wer bist du?« Und das Tier sprach: »O König, ewig sollst du leben! Ich bin der kleinste von dreißigtausend Brüdern, und unsere Heimat ist am Grunde des Meeres. Wir hörten, dass du alle Tiere der Welt füttern wolltest, und meine Brüder schickten mich zu fragen, wann das Mittagessen fertig wäre.« Suleiman-bin-Daoud staunte mehr als je und sprach: »O Tier, du hast das ganze Mittagessen verschlungen, welches ich für alle Tiere der Welt zubereiten ließ.« Und das Tier sprach: »O König, ewig sollst du leben, aber nennst du das wirklich ein Mittagessen? Wo ich herkomme, essen wir doppelt so viel zwischen den Mahlzeiten.« Da fiel Suleiman-bin-Daoud platt aufs Gesicht und sprach: »O Tier! Ich gab das Mittagessen, um zu zeigen, was für ein großer und reicher König ich bin, und nicht, weil ich wirklich gut zu den Tieren sein wollte. Jetzt schäme ich mich, und es geschieht mir recht.« Suleiman-bin-Daoud war ein wirklich und wahrhaftig weiser Mann, Meistgeliebte. Nach dieser Sache vergaß er nie, wie albern es ist, zu prahlen; und nun beginnt der eigentliche Geschichtenteil meiner Geschichte.

Dies ist das Bild von dem Tier, das aus dem Meer kam und das ganze Futter fraß, das Suleiman-bin-Daoud für alle Tiere in der ganzen Welt bereitgestellt hatte. Er war wirklich ein ganz nettes Tier, und seine Mami mochte ihn sehr gerne, genau wie seine neunundzwanzigtausendneunhundertneunundneunzig anderen Brüder, die am Meeresgrund lebten. Du weißt, er war der kleinste von allen, und darum hieß er Klein-Porgies. Er fraß alle die Kisten und Pakete und Stapel und Sachen auf, die für alle Tiere bereitgestellt waren, ohne auch nur einen Deckel abzunehmen oder eine Schnur aufzuknoten, und es machte ihm überhaupt nichts aus. Die hochstehenden Masten hinter den Futterkisten gehören zu Suleiman-bin-Daouds Schiffen. Sie brachten gerade noch mehr Futter herbei, als Klein-Porgies zur Küste kam. Die Schiffe hat er nicht aufgefressen. Sie hörten mit dem Ausladen auf und segelten sofort aufs Meer hinaus, bis Klein-Porgies mit Fressen fertig war. Über Klein-Porgies Schulter kannst du sehen, wie einige Schiffe lossegeln. Ich habe Suleiman-bin-Daoud nicht gezeichnet, aber er ist gerade außerhalb des Bildes, und sehr erstaunt. Das Bündel, das am Mast des Schiffes in der Ecke hängt, ist eine Packung frischer Datteln, als Papageienfutter. Die Namen der Schiffe kenne ich nicht. Das ist alles, was es auf diesem Bild gibt.

Er heiratete sehr viele Frauen. Er heiratete außer der Wunderschönen Balkis noch neunhundertneunundneunzig Frauen; und sie lebten alle in einem großartigen goldenen Palast in der Mitte eines lieblichen Gartens voller Springbrunnen. Er wollte eigentlich keine neunhundertneunundneunzig Ehefrauen, aber in jenen Tagen heirateten alle Männer sehr viele Frauen, und natürlich mußte er als König die allermeisten heiraten, nur um zu zeigen, dass er der König war.

Manche der Frauen waren nett, aber einige waren einfach abscheulich, und die Abscheulichen zankten mit den Netten, bis die auch abscheulich wurden, und dann fingen sie alle an, mit Suleiman-bin-Daoud zu zanken, und das fand er abscheulich. Aber die Wunderschöne Balkis zankte nie mit Suleiman-bin-Daoud. Sie liebte ihn zu sehr. Sie saß in ihren Zimmern im Goldenen Palast oder ging im Palastgarten spazieren und hatte ehrliches Mitleid mit ihm.

Wenn er sich natürlich entschlossen hätte, den Ring an seinem Finger zu drehen und alle die Afrits und Dschinns herbeizurufen, dann hätten die alle neunhundertneunundneunzig zänkischen Frauen schon in weiße Wüstenesel oder Windhunde und Granatapfelsamen verwandelt; aber Suleiman-bin-Daoud hielt so etwas für zu prahlerisch. Wenn sie also zu viel zankten, ging er nur alleine in einem der schönen Palastgärten spazieren und wünschte, nie geboren zu sein.

Eines Tages, als sie drei Wochen lang gezankt hatten – sämtliche neunhundertneunundneunzig Frauen – ging Suleiman-bin-Daoud wie gewöhnlich aus, um Ruhe und Frieden zu finden; und unter den Orangenbäumen traf er die wunderschöne Balkis, die sich sehr sorgte, weil Suleiman-bin-Daoud so gequält war. Und sie sprach zu ihm: »O mein Herr und Licht meiner Augen, drehe den Ring an deinem Finger und zeige diesen Königinnen von Ägypten und Mesopotamien und Persien und China, dass du der große und schreckliche König bist.« Aber Suleiman-bin-Daoud schüttelte den Kopf und sprach: »O meine Herrin und Entzücken meines Lebens, erinnere dich an das Tier, das aus dem Meer kam und mich vor allen Tieren der Welt beschämte, weil ich prahlerisch war. Wenn ich jetzt vor diesen Königinnen von Persien und Ägypten und Abessinien und China prahlte, nur weil sie mich quälen, würde ich mich vielleicht noch mehr schämen als damals.«

Und die wunderschöne Balkis sprach: »O mein Herr und Schatz meiner Seele, was wirst du tun?«

Und Suleiman-bin-Daoud sprach: »O meine Herrin und Friede meines Herzens, ich werde mein Schicksal in den Händen dieser neunhundertneunundneunzig Königinnen, die mich mit ihrem unablässigen Gezänk belästigen, weiter ertragen.«

So ging er weiter durch die Lilien und Loquats und Rosen und Cannae und die schwer duftenden Ingwerpflanzen, die in dem Garten wuchsen, bis er zu dem großen Kampherbaum kam, der da genannt wurde: der Kampherbaum von Suleiman-bin-Daoud. Aber Balkis verbarg sich zwischen den hohen Irisstauden und dem gefleckten Bambus und den roten Lilien hinter dem Kampherbaum, um ihrem einzigen Geliebten nahe zu sein, dem Suleiman-bin-Daoud.

In dem Moment flogen zwei Schmetterlinge unter den Baum, die sich zankten.

Suleiman-bin-Daoud hörte, wie der eine zu dem anderen sprach: »Ich wundere mich sehr über deine Anmaßung, dass du so mit mir sprichst. Weißt du nicht, dass ich nur mit dem Fuß aufzustampfen brauchte, und sofort würde der ganze Palast von Suleiman-bin-Daoud, mitsamt diesem Garten hier, mit einem Donnerschlag verschwinden.«

Da vergaß Suleiman-bin-Daoud seine neunhundertneunundneunzig anstrengenden Frauen und lachte über die Großmäuligkeit des Schmetterlings, dass der Kampherbaum wackelte. Und er streckte einen Finger aus und sprach: »Kleiner Mann, komm her.«

Der Schmetterling war furchtbar verängstigt, aber er schaffte es, auf die Hand von Suleiman-bin-Daoud zu fliegen, hielt sich dort fest und fächelte sich Luft zu. Suleiman-bin-Daoud beugte den Kopf und flüsterte ganz leise: »Kleiner Mann, du weißt, dass all dein Stampfen nicht mal einen Grashalm biegen würde. Warum hast du deine Frau so schlimm angeschwindelt? – denn ohne Zweifel ist das deine Frau.«

Der Schmetterling schaute Suleiman-bin-Daoud an und sah, dass die Augen des höchstweisen Königs funkelten wie Sterne in einer frostigen Nacht, und er nahm seinen Mut in beide Flügel, legte den Kopf zur Seite und sprach: »O König, ewig sollst du leben. Sie ist meine Frau; und du weißt doch, wie Frauen sind.«

Suleiman-bin-Daoud lächelte in seinen Bart und sprach: »Ja, das weiß ich, kleiner Bruder.«

»Man muß sie irgendwie im Zaum halten,« sprach der Schmetterling, »und sie hat den ganzen Vormittag mit mir gezankt. Ich habe das gesagt, damit sie still ist.«

Und Suleiman-bin-Daoud sprach: »Möge es sie beruhigen. Geh zurück zu deiner Frau, kleiner Bruder, und laß mich euch zuhören.«

Zurück zu seiner Frau flog der Schmetterling, die hinter einem Blatt vor Aufregung zitterte, und sie sprach: »Er hat dich gehört! Suleiman-bin-Daoud persönlich hat dich gehört!«

»Mich gehört!« sagte der Schmetterling. »Natürlich hat er mich gehört. Ich wollte, dass er mich hört.«

»Und was hat er gesagt? Oh, was hat er gesagt?«

»Nun,« sprach der Schmetterling und fächelte sich wichtigtuerisch, »unter uns, meine Liebe – natürlich mache ich ihm keine Vorwürfe, denn sein Palast muß sehr teuer gewesen sein, und die Orangen werden gerade erst reif – er bat mich, nicht aufzustampfen, und ich habe ihm versprochen, es nicht zu tun.«

»Gütiger!« sprach seine Frau, und saß ganz still da; aber Suleiman-bin-Daoud lachte über die Unverschämtheit des bösen kleinen Schmetterlings, bis ihm die Tränen das Gesicht herabliefen.

Die wunderschöne Balkis erhob sich hinter dem Baum zwischen den roten Lilien und lächelte, denn sie hatte alles mit angehört. Sie dachte: »Wenn ich klug bin, kann ich meinen Herrn zukünftig vor den Verfolgungen dieser zänkischen Königinnen bewahren,« und sie streckte einen Finger aus und flüsterte der Schmetterlingsfrau leise zu: »Kleine Frau, komm her.« Auf flog die Schmetterlingsfrau, sehr verängstigt, und klammerte sich an Balkis weiße Hand.

Balkis neigte ihren schönen Kopf und flüsterte: »Kleine Frau, glaubst du das, was dein Ehemann eben gesagt hat?«

Die Schmetterlingsfrau schaute Balkis an und sah, daß die Augen der wunderschönen Königin wie tiefe Teiche im Sternenlicht glänzten, und sie nahm ihren Mut in beide Flügel und sprach: »O Königin, ewig sollst du lieblich bleiben. Du weißt doch, wie die Männer sind.«

Und die Königin Balkis, die Weise Balkis von Saba, hielt sich die Hand vor den Mund, um ein Lächeln zu verbergen, und sprach: »Kleine Schwester, ich weiß es.«

»Sie werden wütend,« sprach die Schmetterlingsfrau, »und zwar ohne jeden Grund, aber wir müssen sie bei Laune halten, O Königin. Sie meinen nicht die Hälfte von dem, was sie sagen. Wenn es meinem Mann Spaß macht, zu glauben, dass ich glaube, er könne Suleiman-bin-Daouds Palast verschwinden lassen, indem er mit dem Fuß aufstampft, dann ist mir das herzlich egal. Morgen hat er alles vergessen.«

»Kleine Schwester,« sprach Balkis, »du hast ganz recht; aber wenn er das nächste mal anfängt, aufzuschneiden, dann nimm ihn beim Wort. Bitte ihn, aufzustampfen und sieh, was geschehen wird. Wir wissen, wie die Männer sind, nicht wahr? Er wird sehr beschämt sein.«

Weg flog die Schmetterlingsfrau zu ihrem Ehemann, und nach fünf Minuten zankten sie schlimmer denn je.

»Vergiß nicht!« sprach der Schmetterling. »Vergiß nicht, was ich tun kann, wenn ich mit dem Fuß aufstampfe.«

»Ich glaube dir kein kleines bißchen,« sprach die Schmetterlingsfrau. »Ich würde das wirklich gerne sehen. Stampf' doch einfach mal.«

»Ich habe Suleiman-bin-Daoud vesprochen, dass ich es nicht tun würde,« sprach der Schmetterling, und ich will mein Versprechen nicht brechen.«

»Es würde nichts ausmachen, wenn du es tätest,« sprach seine Frau. »Du könntest mit deinem Stampfen keinen Grashalm biegen. Du traust dich nur nicht,« sprach sie. »Stampf! Stampf! Stampf!«

Suleiman-bin-Daoud, der unter dem Kampherbaum saß, hörte jedes Wort, und er lachte, wie er noch nie in seinem Leben gelacht hatte. Er vergaß seine Königinnen; er vergaß das Tier, das aus dem Meer gekommen war;

er vergaß die Prahlerei. Er lachte einfach aus Freude, und Balkis, auf der anderen Seite des Baumes, lächelte, weil ihr einziger Geliebter so froh war.

Jetzt kam der Schmetterling sehr erhitzt und keuchend, in den Schatten des Kampherbaumes zurückgewirbelt und sprach zu Suleiman: »Sie will, dass ich stampfe! Sie will sehen, was passiert, O Suleiman-bin-Daoud! Du weißt, dass ich es nicht kann, und jetzt wird sie mir nie wieder ein Wort glauben. Sie wird mich bis ans Ende meiner Tage auslachen!«

»Nein, kleiner Bruder,« sprach Suleiman-bin-Daoud, »sie wird nie mehr über dich lachen,« und er drehte den Ring an seinem Finger – nur zum Nutzen des kleinen Schmetterlings, nicht, um zu Prahlen, – und siehe, aus der Erde kamen vier stattliche Dschinns!

»Sklaven,« sprach Suleiman-bin-Daoud, »wenn dieser kleine Edelmann auf meinem Finger« (da saß der unverschämte Schmetterling nämlich) »mit dem linken vorderen Fuß aufstampft, werdet ihr meinen Palast und diese Gärten mit einem Donnerschlag verschwinden lassen. Wenn er noch einmal aufstampft, werdet ihr alles sorgfältig zurückbringen.«

»Jetzt, kleiner Bruder,« sprach er, »geh zurück zu deiner Frau und stampfe, so viel du Lust hast.«

Weg flog der kleine Schmetterling, zu seiner Frau, die schrie: »Du traust dich ja nicht! Du traust dich ja nicht! Stampf! Stampf jetzt! Stampf!« Balkis sah, wie die vier ungeheuren Dschinns sich zu den vier Ecken des Gartens mit dem Palast in der Mitte herabbeugten, und sie klatschte leise in die Hände udnsprach: »Zuguterletzt wird Suleiman-bin-Daoud zum Nutzen eines Schmetterlings tun, was er schon längst zu seinem eigenen Nutzen hätte tun sollen, und die zänkischen Königinnen werden eingeschüchtert sein!«

Dies ist das Bild der vier Dschinns mit Möwenflügeln, die Suleiman-bin-Daouds Palast hochwuchten, genau in der Minute, als der Schmetterling aufstampfte. Der Palast und der Garten und alles kam in einem Stück hoch wie ein Brett, und im Boden blieb ein großes Loch voller Staub und Rauch zurück. Wenn du in die Ecke guckst, siehst du ganz nah bei dem Ding, das wie ein Löwe aussieht, Suleiman-bin-Daoud mit seinem Zauberstab und die beiden Schmetterlinge hinter ihm. Das Ding, das wie ein Löwe aussieht, ist in Wirklichkeit ein aus Stein gehauener Löwe, und das Ding, das wie eine Milchkanne aussieht, ist tatsächlich ein Stück von einem Tempel oder Haus oder so was. Suleiman-bin-Daoud hatte sich da hingestellt, um nicht in dem Staub und Schmutz zu stehen, als die Dschinns den Palast hochwuchteten. Die Namen der Dschinns kenne ich nicht. Sie waren Diener von Suleiman-bin-Daouds magischem Ring, und änderten sich jeden Tag. Sie waren einfach gewöhnliche Dschinns mit Möwenflügeln.

Das Bild unten zeigt einen sehr freundlichen Dschinn namens Akraig. Er fütterte dreimal täglich die kleinen Fische im Meer, und seine Flügel waren aus reinem Kupfer gemacht. Ich habe ihn hineingezeichnet, um dir zu zeigen, wie ein netter Dschinn aussieht. Er hat nicht mitgeholfen, den Palast hochzuheben. Er war damit beschäftigt, die kleinen Fische im Arabischen Meer zu füttern, als es geschah.

Der Schmetterling stampfte auf. Die Dschinns rissen den Palast und die Gärten tausend Meilen in die Luft: es gab einen gewaltigen Donnerschlag, und alles wurde tintenschwarz. Die Schmetterlingsfrau flatterte im Dunkel herum und schrie: »Oh, ich werde lieb sein! Es tut mir so leid, was ich gesagt habe. Bring nur die Gärten zurück, mein lieber guter Mann, und ich werde nie mehr widersprechen.«

Der Schmetterling war fast so erschrocken wie seine Frau, und Suleiman-bin-Daoud lachte so sehr, dass es mehrere Minuten dauerte, bis er wieder genug Luft hatte, um dem Schmetterling zu zu flüstern: »Stampf noch einmal, kleiner Bruder. Gib mir meinen Palast zurück, großmächtiger Zauberer.«

»Ja, gib ihm seinen Palast zurück,« sprach die Schmetterlingsfrau, die immer noch wie eine Motte im Dunkeln umherflog. »Gib ihm seinen Palast zurück, und laß es mit der gräßlichen Zauberei genug sein.«

»Tja, meine liebe,« sagte der Schmetterling so tapfer wie er konnte, »jetzt siehst du, wohin deine Nörgelei geführt hat. Natürlich macht es mir überhaupt nichts aus – ich bin an diese Dinge gewöhnt – aber um Suleiman-bin-Daoud und dir einen Gefallen zu tun, stört es mich nicht, die Sache wieder in Ordnung zu bringen.«

Also stampfte er noch einmal auf, und im selben Augenblick ließen die Dschinns den Palast und die Gärten ohne jede Erschütterung wieder herunter. Die Sonne schien auf die dunkelgrünen Orangenblätter; die Springbrunnen spielten zwischen den rosafarbenen ägyptischen Lilien; die Vögel sangen weiter, und die Schmetterlingsfrau lag unter dem Kampherbaum auf der Seite, zuckte mit den Flügel und keuchte: »Oh, ich werde lieb sein! Ich werde lieb sein!«

Suleiman-bin-Daoud konnte vor Lachen kaum sprechen. Erlehnte sich zurück, ganz schwach und hicksend, drohte dem Schmetterling mit dem Finger und sprach: »O großer Zauberer, welchen Sinn hat es, mir meinen Palast zurückzugeben, wenn du mich im selben Moment mit Heiterkeit erschlägst!«

Dann kam ein schrecklicher Lärm auf, denn alle neunhundertneunundneunzig Königinnen rannten kreischend und schreiend und nach ihren Kindern rufend aus dem Palast. Sie stürmten die großen Marmorstufen unterhalb des Springbrunnens hinab, einhundert nebeneinander, und die weise Balkis trat ihnen würdevoll entgegen und sprach: »Was beunruhigt euch, O Königinnen?«

Sie standen, einhundert nebeneinander, auf den Marmorstufen und riefen: »Was uns beunruhigt? Wir lebten friedlich in unserem goldenen Palast, wie es unsere Gewohnheit ist, als plötzlich der Palast verschwand, und wir uns in einer dicken und ungesunden Dunkelheit wiederfanden; und es donnerte, und Dschinns und Afrits schwebten in der Dunkelheit herum! Das beunruhigt uns, O Hauptkönigin, und wir sind wegen dieser Beunruhigung ganz extrem beunruhigt, weil es eine beunruhigende Beunruhigung war, anders als alle Beunruhigung, die wir kannten.«

Da sprach Balkis, die Wunderschöne Königin – Suleiman-bin-Daouds Überaus Meistgeliebte – Königin war sie von Saba und Sable und der Goldenen Flüsse des Südens – von den Wüsten von Zinn bis zu den Türmen von Zimbabwe – Balkis, fast so weise wie der Höchst Weise Suleiman-bin-Daoud selbst: »Es ist nichts, O Königinnen! Ein Schmetterling hat seine Frau angeklagt, weil sie mit ihm gezankt hat, und es hat unserem Herrn Suleiman-bin-Daoud gefallen, ihr eine Lektion in Leise-Sprechen und Demut zu erteilen, weil das unter den Frauen der Schmetterlinge als Tugend angesehen wird.«

Da erhob eine ägyptische Königin – Tochter eines Pharaohs – die Stimme und sprach: »Unser Palast kann nicht zumNutzen eines kleinen Insekts mitsamt den Wurzeln herausgezogen werden wie eine Lauchstange. Nein! Suleiman-bin-Daoud muß tot sein, und was wir gehört und gesehen haben, war das Donnern und Verdunkeln der Erde wegen dieser Nachricht.«

Da winkte Balkis dieser kühnen Königin, ohne sie anzusehen, und sprach zu ihr und den anderen: »Kommt und seht.«

Sie kamen die Marmorstufen herab, hundert nebeneinander, und da, unter seinem Kampherbaum, noch immer schwach vor Lachen, sahen sie den Höchst Weisen König Suleiman-bin-Daoud vor- und zurückschaukeln, mit einem Schmetterling auf jeder Hand, und sie hörten, wie er sprach: »O Frau meines Bruders in den Lüften, vergiß hiernach nicht, deinem Ehemann in allen Dingen Freude zu bereiten, weil er sonst gezwungen wäre, noch einmal mit dem Fuß aufzustampfen; denn er hat gesagt, dass er an seine Magie gewöhnt ist, und er ist ganz offensichtlich ein großer Zauberer – einer, der den wirklichen Palast von Suleiman-bin-Daoud persönlich stehlen kann. Geht in Frieden, kleine Leute!« Und er küßte sie auf die Flügel, und sie flogen weg.

Da fielen alle Königinnen außer Balkis – der wunderschönen und herrlichen Balkis, die lächelnd abseits stand – platt aufs Gesicht, denn sie sagten: »Wenn er das tut, weil ein Schmetterling mit seiner Frau unzufrieden ist, was wird uns dann geschehen, die wir unseren König mit unserem lauten Sprechen und offenen Gezänk so viele Tage geärgert haben?«

Da zogen sie ihre Schleier vors Gesicht und hielten sich die Hände vor den Mund und gingen auf Zehenspitzen mucksmäuschenstill in den Palast zurück.

Dann schritt Balkis – die Wunderschöne und Hervorragende Balkis – durch die roten Lilien in den Schatten des Kampherbaums und legte ihre Hand auf Suleiman-bin-Daouds Schulter und sprach: »O mein Herr und Schatz meiner Seele, freue dich, denn wir haben den Königinnen von Ägypten und Äthiopien und Abessinien und Persien und China eine große und denkwürdige Lehre erteilt.«

Und Suleiman-bin-Daoud, der noch immer den Schmetterlingen nachschaute, wie sie im Sonnenlicht spielten, sprach: »O meine Herrin und Juwel meines Glücks, wann ist das geschehen? Denn ich habe, seit ich in den Garten kam, mit einem Schmetterling gespaßt.« Und er erzählte Balkis, was er gemacht hatte.

Balkis – die milde und Höchst Liebliche Balkis – sprach: »O mein Herr und Regent meiner Existenz, ich war hinter dem Kampherbaum versteckt und habe alles gesehen. Ich war es, die der Schmetterlingsfrau riet, den Schmetterling zum Stampfen aufzufordern, weil ich hoffte, dass mein Herr zum Spaß einen großen Zauber machen würde, und dass die Königinnen ihn sähen und verängstigt wären.« Und sie erzählte ihm,was die Königinnen gesagt und gesehen und gedacht hatten.

Da stand Suleiman-bin-Daoud vonseinem Sitz unter dem Kampherbaum auf, streckte seine Arme aus und freute sich und sprach: »O meine Herrin, Versüßerin meiner Tage, wisse: wenn ich aus Stolz und Ärger einen Zauber gegen meine Königinnen gemacht hätte, so wie ich das Fest für die Tiere gemacht habe, würde mich das sicherlich in Schande gestürzt haben. Aber durch deine Weisheit habe ich aus Spaß und zumNutzen eines kleinen Schmetterlings einen Zauber gemacht, und – siehe! – es hat mich auch von dem Ärger mit meinen ärgerlichen Frauen befreit! Sage mir also, O meine Herrin und Herz meines Herzens, wie bist du zu dieser Weisheit gekommen?« Und Balkis, die Königin, schön und hochgewachsen, schaute auf in Suleiman-bin-Daouds Augen und neigte den Kopf ein wenig zur Seite, gerade wie der Schmetterling, und sprach: Erstens, mein Herr, weil ich dich liebe; und zweitens, O mein Herr, weil ich weiß, wie die Frauen sind.«

Dann gingen sie in den Palast zurück und lebten glücklich und in Frieden.

Aber war das nicht listig von Balkis?

Einzig war Königin Balkis
Von hier bis zum Ende der Welt;
Denn Balkis sprach mit der Schmetterlingsfrau
Als wäre sie ihr Freund.

Einzig war König Salomon,
seit Anbeginn der Welt,
Denn Salomon sprach mit dem Schmetterling
Als wäre er sein Freund.

Sie war die Herrin Sabäas,
Ganz Asiens König war er;
Mit Schmetterlingen sprachen sie,
Wenn sie ins Ausland fuhr'n.

 


 


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