Rudyard Kipling
Kim
Rudyard Kipling

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Kapitel 15.

Zweihundert Meilen nördlich von Chini, an der blauen Schiefergrenze von Ladakh, finden wir Yankling Sahib, den lustigen Mann, wütend durch ein Fernglas in die Berge spähend nach einer Spur von seinem Lieblingsträger, einem Mann aus Aochung. Aber dieser Überläufer, mit einer neuen Mannlicher Flinte und zweihundert Patronen, treibt sich irgendwo herum und schießt Moschustiere für den Markt; und in nächster Saison wird Yankling Sahib hören, wie schwer krank er gelegen hat.

Über die Täler von Bushahr – die weitsichtigen Adler der Himalayas schwärmen ab vor seinem weiß und blau gestreiften Sonnenschirm – eilt ein Bengale, einst fett und wohl aussehend, jetzt mager und erschöpft. Er hat den Dank zweier distinguierten Fremden empfangen, die er nicht ungeschickt nach dem Tunnel von Mashobra, der zu der großen und heiteren Hauptstadt Indiens führt, gelotset hat. Es war nicht seine Schuld, daß, durch feuchte Nebel am Sehen verhindert, er sie an der Telegraphen-Station und der europäischen Kolonie von Kotgarh vorbei geführt hatte. Es war nicht seine Schuld, sondern die der Götter, von welchen er so fesselnd erzählte, daß er sie über die Grenze von Nahan befördert hatte und daß der Rajah dieses Staates sie für desertierte englische Soldateska hielt. Hurree Babu sprach so lange von der Größe und dem Ruhm seiner Begleiter in ihrem eigenen Lande, bis das einfältige Königlein gnädig lächelte. Er redete in gleicher Weise zu jedem der fragte – oftmals – laut – und mit Variationen. Er bat um Speise, sorgte für Unterkunft, erwies sich als geschickter Arzt bei einer Rippenverletzung, wie sie durch Hinabrollen an einer steinigen Hügelseite entstehen kann, kurz, machte sich in jeder Beziehung unentbehrlich. Der Beweggrund seiner edelmütigen Handlung gereichte ihm zur Ehre. Gleich Millionen von Mit-Sklaven betrachtete er Rußland als den großen Befreier im Norden. Er war ein furchtsamer Mann. Er hatte gefürchtet, seine erlauchten Dienstherren nicht schützen zu können vor dem Haß einer aufgeregten Landbevölkerung. Ihm selbst war es ziemlich gleichgültig, ob ein heiliger Mann geschlagen würde oder nicht, aber . . . er war sehr dankbar und aufrichtig erfreut, getan zu haben, was in seinen schwachen Kräften stand, um ihr Abenteuer – abgerechnet den Verlust ihrer Bagage – zu einem erfolgreichen Ende zu führen. Die Schläge hatte er vergessen, behauptete, es wären gar keine Schläge ausgeteilt in der unheilvollen ersten Nacht unter den Föhren. Er forderte weder rückständigen Lohn noch Kostgeld; aber wenn sie ihn dessen würdig hielten, würden sie ihm ein Zeugnis schreiben? Es könnte ihm später nützlich sein, wenn andere, ihre Freunde, über die Pässe kämen. Er bat sie, seiner in ihrer künftigen Größe zu gedenken, denn er »meinte untertänigst«, daß auch er, Mohendro Lal Dutt, M. A. (Mitglied der militärischen Akademie) von Calcutta, dem Staate einen kleinen Dienst erwiesen hatte.

Sie schrieben ihm ein Zeugnis, lobten seine Höflichkeit, Hilfsbereitschaft und seine nie fehlende Sicherheit als Führer. Er schob es in seinen Gürtel und schluchzte vor Rührung – sie hatten so manche Gefahr zusammen bestanden. – Zur heißen Nachmittagszeit führte er sie durch die überfüllte Hauptstraße Simlas zur Vereinsbank von Simla, wo sie sich identifizieren wollten, und verschwand dann, wie eine Dämmerungswolke über Jakko.

Seht ihn dort – zu dünn geworden, um zu schwitzen, zu eilig, um die Medikamente in seinem kleinen messingbeschlagenen Koffer anzubieten, den Abhang von Shamlegh erklimmen – ein rechtschaffener, fehlerloser Mann. Seht ihn, alles Babutum abgelegt, am Nachmittag auf einem Bett rauchend, während eine Frau mit türkisenbeschlagener Kopfzier südwärts zeigt über das schäbige Grasland. »Tragbahren,« sagt sie, »gehen nicht so schnell wie ein unbeladener Mann, aber seine Vögel könnten doch jetzt schon in der Ebene sein. Der heilige Mann hatte nicht bleiben wollen, obgleich Lispeth ihn gebeten.« Der Babu stöhnt tief, gürtet seine Lenden und geht wieder fort. Er liebt es nicht, nach Dunkelwerden zu wandern; seine Tagesmärsche aber – es ist niemand da, um sie in ein Buch einzutragen – würden Leute, die seine Rasse verspotten, in Erstaunen setzen. Freundliche Dorfleute, die sich des Arznei-Verkäufers von Dacca erinnern, geben ihm Schutz gegen die bösen Geister der Wälder. Er träumt von den Göttern Bengalens, von Universitäts-Lehrbüchern und der Akademie der Wissenschaften in London, England. In der Morgendämmerung geht der auf- und abhüpfende, blau und weiße Sonnenschirm weiter.

An der Grenze der Doon, Mussoovie weit hinten und die Ebene in goldenem Staub im Vordergrund, hält eine abgenutzte Tragbahre, auf der – alle Berge wissen es – ein kranker Lama ruht, der einen Fluß zu seiner Heilung sucht. Dörfer haben sich fast geschlagen um die Ehre, die Bahre zu tragen, denn nicht nur hat der Lama ihnen Segnungen gegeben, sondern sein Schüler auch gutes Geld – voll ein Drittel von Sahibs-Preisen. Zwölf Meilen täglich hat die Dooli gemacht, die fettigen, abgeriebenen Deichselstangen zeigen es, und auf von Sahibs selten benutzten Wegen.

Über den Nilang-Paß im Sturm, wo der treibende Schneestaub jede Falte im Gewande des unbewegten Lamas füllte; zwischen den schwarzen Hörnern des Raieng, wo sie das Pfeifen der wilden Ziegen durch die Wolken hörten, in ermüdendem Gleiten auf schiefrigem Grunde, eingeklemmt zwischen Schulter und Kiefer in den gefährlichen Windungen der gesprengten Straße unterhalb Bhagirati, schwankend und knarrend im langsamen Trott bergab in das Tal der Wasser – eilig hin über die dampfenden Ebenen dieses eingeschlossenen Tales – aufwärts wieder und hinaus, den brüllenden Sturzbächen von Kedarnath entgegen; um die Mittagszeit niedergestellt im schattigen Dunkel mitleidiger Eichenwälder, von Dorf zu Dorf in der Dämmerungskühle (wenn selbst Frommen es nicht zu verübeln ist, daß sie über ungeduldige, heilige Männer fluchen) oder bei Fackellicht, wo selbst die Furchtlosesten an Geister denken – so erreichte die Dooli endlich ihre letzte Station. Die kleinen Gebirgler schwitzen in der mäßigeren Hitze der niedrigeren Sewaliks und sammeln sich um die Priester, um ihren Segen und ihre Bezahlung zu erhalten.

»Ihr habt Verdienst erworben,« sprach der Lama. »Verdienst, größer als Ihr wißt, und, Ihr kehrt zurück zu den Bergen.« Er seufzte.

»Sicher. Nach den hohen Bergen, so bald als möglich.« Die Träger reiben sich die Schultern, trinken Wasser, speien es wieder aus und binden ihre Strohsandalen fest. Kim – sein Gesicht sieht müde und erschöpft aus – zahlt mit kleinem Silbergeld aus seinem Gürtel, hebt den schweren Futterkorb von der Bahre, zwängt ein Oeltuch-Paket – es sind heilige Schriften – unter sein Brustgewand und hilft dem Lama auf die Füße. Frieden ist wieder in den Augen des alten Mannes; er fürchtet nicht mehr, daß die Berge niederstürzen und ihn zerschmettern, wie in der schrecklichen Nacht, als der überflutete Strom sie zurückhielt.

Die Männer heben das Dooli auf und entschwinden dem Blick zwischen den Haufen von Gestrüpp.

Der Lama hebt die Hand gegen den Wall der Himalayas.

»Nicht unter euch, o Gesegnete unter allen Bergen, fiel der Pfeil Unseres Herrn! Und niemals wieder werde ich euere Luft atmen!«

»Aber Du bist zehnmal stärker in dieser guten Luft,« sagte Kim und seiner müden Seele tat der Anblick der ährenreichen, sanften Ebene wohl. »Hier, oder hier herum fiel der Pfeil, ja. Wir wollen sehr langsam gehen, vielleicht ein Kos den Tag, denn die Suche ist sicher. Aber der Sack wiegt schwer.«

»Ah! Unsere Suche ist sicher. Ich bin aus großer Versuchung hervorgegangen.«

Sie wanderten jetzt nur einige Meilen täglich und Kims Schultern trugen die ganze Last – das Gewicht eines alten Mannes, das Gewicht des schweren Speisekorbes mit den geschlossenen Büchern, die Last der Schriften aus seiner Brust und die der Tagebücher. Er bettelte, wenn die Dämmerung kam, legte die Decken für des Lamas Meditation, hielt das müde Haupt auf seinem Schoß während der Nachmittags-Hitze, wehrte ihm die Fliegen ab, bis ihn der Nacken schmerzte, bettelte wieder am Abend und rieb des Lamas Füße, der ihm lohnte mit Versprechung, von Freiheit – für heute – morgen – oder spätestens den folgenden Tag.

»Nie gab es solch einen Chela! Ich zweifle zuweilen, daß Ananda treuer sorgte für Unsern Herrn. Und Du bist ein Sahib? Als ich ein Mann war – vor langer Zeit – vergaß ich das. Jetzt blicke ich oft auf Dich und jedesmal erinnere ich mich, daß Du ein Sahib bist. Es ist sonderbar.«

»Du hast gesagt, es ist weder schwarz noch weiß. Was quälst Du mich mit solcher Rede, Heiliger? Laß mich den andern Fuß reiben. Es reizt mich. Ich bin kein Sahib. Ich bin Dein Chela und mein Kopf ist schwer auf meinen Schultern.«

»Noch ein wenig Geduld. Wir erreichen Freiheit zusammen. Dann werde ich und Du, auf dem fernen Ufer des Stromes, zurückblicken auf unser Leben, wie wir in den Bergen unseren Tagesmarsch hinter uns ausgebreitet erblickten. Vielleicht war auch ich einmal ein Sahib.«

»War nie ein Sahib gleich Dir, ich schwöre es.«

»Ich bin sicher, der Hüter der Bildnisse in dem Wunderhaus war in vergangenem Leben ein sehr weiser Abt. Aber selbst seine Brille macht meine Augen nicht sehend. Es fallen Schatten, wenn ich scharf sehen möchte. Tut nichts – wir kennen die Listen des armen törichten Leichnams – Schatten, die sich wieder in Schatten wandeln. Ich bin gefesselt durch die Täuschung von Zeit und Raum. Wie weit kamen wir heute im Fleisch?«

»Vielleicht ein halbes Kos.« (Dreiviertel Meile.) »Und es war ein mühseliger Marsch.«

»Eine halbe Meile? Ha! Ich wanderte zehntausend Tausend im Geiste. Wie wir alle eingebunden und eingewickelt und eingeschlossen sind in diesen sinnlosen Dingen.« Er sah auf seine abgezehrte, blaugeaderte Hand, die die Perlen so schwer fand.

»Chela, hast Du nie den Wunsch mich zu verlassen?«

Kim dachte an das Öltuch-Paket und die Bücher im Speisekorb. Wenn ein ordnungsmäßig Vorgesetzter ihn von diesen befreien könnte, möchte seinetwegen das Große Spiel sich selbst spielen, ihn würde es nicht kümmern. Sein Kopf war heiß und müde und ein Husten, der aus der Brust kam, quälte ihn.

»Nein,« antwortete er fast finster. »Ich bin weder ein Hund noch eine Schlange, daß ich beiße, wo ich gelernt habe zu lieben.«

»Du bist zu zart für mich.«

»Auch das nicht. Doch habe ich in einer Angelegenheit, ohne Dich zu fragen, gehandelt. Ich habe durch das Weib, das uns heute Morgen die Ziegenmilch gab, eine Botschaft an die Kulu-Frau gesendet, daß Du ein wenig schwach wärest und einer Tragbahre bedürftest. Ich machte mir Vorwürfe im Geist, daß ich es nicht gleich tat, als wir in die Ebene kamen. Wir wollen hier bleiben, bis die Tragbahre kommt.«

»Ich bin es zufrieden. Sie ist eine Frau mit einem Herzen von Gold, wie Du sagst, aber eine Schwätzerin – etwas von einer Schwätzerin.«

»Sie wird Dich nicht ermüden. Ich habe dafür gesorgt, Heiliger; mein Herz ist sehr schwer wegen so mancher Unachtsamkeit gegen Dich.« Ein hysterisches Zucken stieg in seine Kehle. »Ich habe Dich zu viel gehen lassen; ich habe nicht immer gute Nahrung für Dich gebracht. Ich habe die Hitze nicht beachtet; ich habe mit den Leuten auf der Straße geredet und Dich allein gelassen. Ich habe – ich habe . . . Hai mai! Aber ich liebe Dich . . . und es ist nun alles zu spät . . . ich war ein Kind. Oh, warum war ich nicht ein Mann!« . . .

Überwältigt von Anstrengung, Müdigkeit und der für seine Jugend zu schweren Last, brach Kim zu des Lamas Füßen schluchzend zusammen.

»Welche Torheit,« sprach sanft der alte Mann. »Nie bist Du eines Haares Breite abgewichen vom Wege des Gehorsams. Mich vernachlässigt? Kind, ich habe von Deiner Kraft gelebt, wie ein alter Baum von dem Kalk einer neuen Mauer. Tag, auf Tag, seit wir von Shamlegh niederstiegen, habe ich Stärke von Dir gestohlen. Dadurch, nicht durch Deine Sünde, bist Du schwach geworden. Es ist der Körper – der dumme, törichte Körper – der jetzt spricht. Nicht die sichere Seele. Tröste Dich! Erkenne wenigstens die Teufel, gegen die Du kämpfest. Sie sind erdgeboren – Kinder des Wahns. Wir wollen zu der Frau von Kulu gehen. Sie mag Verdienst erwerben, indem sie uns Obdach gibt und besonders mich pflegt. Du sollst frei umhergehen, bis Deine Kräfte wiederkehren. Ich hatte den törichten Leib vergessen. Wenn einer zu tadeln ist, bin ich es. Aber wir sind zu nahe den Pforten der Erlösung, um Unrecht abzuwägen. Ich müßte Dich loben, aber wozu? In kurzer Zeit – in sehr kurzer Zeit – werden wir über allem ›Wozu‹ sein.«

Und er liebkoste und tröstete Kim mit weisen Sprüchen und Textstellen, mit Bezug auf das Kleine, wenig verstandene Tier, unseren Körper, der, nur eine Täuschung, dennoch sich aufspielen will als die Seele – uns so den Weg verdunkelnd, und eine Unzahl unnützer Teufel herauf beschwörend.

»Hai! Hai! Laß uns von der Kulu-Frau sprechen. Meinst Du, sie wird einen neuen Zauber für ihre Enkel verlangen? Als ich ein junger Mann war, vor sehr langer Zeit, war ich von solchen und anderen Künsten geplagt, und ich ging zu einem Abte – einem sehr weisen Mann, und einem Sucher nach Wahrheit: nur wußte ich das damals nicht. Richte Dich auf und höre, Kind meiner Seele! Ich erzählte meine Geschichte. Sprach er zu mir: »Chela, wisse dies! Es gibt viele Lügen in der Welt und nicht wenige Lügner; aber kein Lügner ist so schlimm wie unser Körper; nur in seinen Empfindungen ist er wahr.« Dies erwägend, fühlte ich mich beruhigt. Und in seiner großen Güte erlaubte er mir, Tee in seiner Gegenwart zu trinken. Erlaube Du mir jetzt Tee zu trinken, denn ich bin durstig.«

Mit Lachen unter Tränen küßte Kim dem Lama die Füße und bereitete den Tee.

»Du stützest Dich auf mich, Heiliger, mit dem Körper; ich aber stütze mich auf Dich mit etwas anderem. Weißt Du es?«

»Mag sein, ich habe es erraten,« sagte der Lama schelmisch. »Wir müssen das ändern.« –

Mit Stoßen und Knarren und sehr wichtig tuend, kam nichts Geringeres angewackelt als der Lieblings-Palankin der Sahiba, zwanzig Meilen weit dem Lama entgegengesandt, in Obhut des graubärtigen alten Oorya-Dieners; und als sie alle zusammen die unordentliche Ordnung des weißen, lärmvollen Hauses hinter Saharunpore endlich erreicht hatten, traf der Lama seine Maßregeln.

Sprach die Sahiba von einem oberen Fenster herab, nach vorausgeschickten Komplimenten, freundlich: »Was nützt es, daß eine alte Frau einem alten Manne Ratschläge gibt? Ich sagte Dir – ich sagte Dir, Heiliger, Du müßtest ein Auge auf Deinen Chela haben! Wie hast Du es getan? Verantworte Dich nicht! Ich weiß Bescheid. Er ist den Weibern nachgelaufen. Sieh seine Augen an – hohl und eingesunken – und die verräterische Linie von der Nase abwärts! Er ist ausgesogen! Pfui! Pfui! Und noch dazu ein Priester!«

Kim blickte auf, zu ermüdet um zu lächeln, und schüttelte verneinend den Kopf.

»Scherze nicht,« sprach der Lama, »die Zeit ist vorüber. Wir sind hier wegen großer Bedrängnis. Eine Krankheit der Seele ergriff mich in den Bergen und ihn eine Krankheit des Leibes. Seit der Zeit habe ich von seiner Kraft gelebt – ich habe ihn aufgegessen.«

»Kinder alle beide – jung wie alt,« schnappte sie, aber machte keinen Scherz weiter. »Möge die Gastfreundschaft hier Euch wieder herstellen. Warte ein wenig; ich will hinunter kommen, wir wollen von den Bergen sprechen.«

Um die Abendzeit – ihr Schwiegersohn war zu Hause und sie brauchte den Hof nicht zu inspizieren – kam sie auf den Grund der Sache, die der Lama ihr mit leiser Stimme erklärte. Die beiden alten Häupter nickten weise gegeneinander. Kim war nach einem Raum, der ein Bett enthielt, getaumelt und warf sich erschöpft nieder. Der Lama hatte verboten, ihm selbst Decken zu breiten oder Speise zu bringen.

»Ich weiß – ich weiß!« plapperte sie. »Wer wüßte es besser als ich? Wir, die wir niedersteigen zu den Feuer-ghats, wir klammern uns an die Hände derjenigen, die heraufsteigen von dem Flusse des Lebens mit vollen Wasserkrügen – ja, bis an den Rand vollen Wasserkrügen. Ich tat dem Knaben Unrecht. Er lieh Dir seine Stärke? Es ist wahr, wir Alten verzehren die Jungen täglich. Es geziemt uns, ihn wieder zu Kräften zu bringen.«

»Du hast schon oft Verdienst erworben –«

»Mein Verdienst? Was ist es? Alter Sack voll Knochen, der Curry-Fleisch kocht für Männer, die nicht fragen: Wer hat es gekocht? Wenn mein Verdienst für meinen Großsohn aufgespeichert werden könnte –«

»Für den, der Leibschmerzen hatte?«

»Zu denken, daß der Heilige das noch weiß! Das muß ich seiner Mutter erzählen. Es ist eine ganz besondere Ehre! Sie wird stolz sein! Ja, der, der Leibschmerzen hatte – der Heilige erinnert sich.«

»Mein Chela ist mir, was ein Sohn den Unerleuchteten.«

»Sag lieber Großsohn. Mütter haben nicht die Weisheit unserer Jahre. Wenn ein Kind schreit, denken sie, der Himmel fällt ein. Eine Großmutter aber ist weit genug entfernt von dem Schmerz des Gebärens wie von dem Vergnügen die Brust zu geben, um genau zu wissen, ob ein Kind aus purer Bosheit schreit oder weil es Blähungen hat. Und da Du gerade wieder von Blähungen redest – es könnte sein, daß ich den Heiligen als er zuletzt hier war, beleidigte, weil ich zu sehr um Zauber quälte –«

»Schwester,« sprach der Lama, die Form der Anrede wählend, die ein buddhistischer Mönch zuweilen gegen eine Nonne anwendet, »wenn Zauber Dich beruhigen können –«

»Sie sind besser als zehntausend Ärzte.«

»Ich sage, wenn Zauber Dich beruhigen, dann will ich, der ich Abt von Such-zen war, so viele machen, wie Du begehrst. Ich habe nie Dein Antlitz gesehen –«

»Das halten selbst die Affen, die unsere Mispeln stehlen, für einen Gewinn. Hi! Hi!«

»Aber Du hast, wie der, der dort schläft,« – er nickte nach der geschlossenen Tür des Gastzimmers hin – »sagte: ein Herz von Gold . . . und im Geist ist er mir ein wahrer Großsohn.«

»Gut! Ich bin des Heiligen Kuh!« Dies war purer Hinduismus, aber der Lama beachtete es nicht. »Ich bin alt, ich habe Söhne im Fleische geboren! Oh, einst konnte ich den Männern gefallen! Jetzt kuriere ich sie.« Er hörte ihre Armspangen klirren, als wenn sie die Arms entblößte um zuzugreifen. »Ich will den Knaben zu mir nehmen und ihn in Schlaf bringen und ihn füttern und ihn ganz gesund machen. Hai! Hai! Wir alten Leute wissen noch etwas.«

Daher fand Kim, als er mit schmerzenden Gliedern die Augen öffnete und nach der Küche gehen wollte, um seines Meisters Essen zu holen, heftigen Widerstand: und eine verschleierte Gestalt an der Tür, neben dem grauen Diener, zählte ihm genau vor, was er nicht tun sollte.

»Du mußt haben? – Du sollst nichts haben. Was? Ein verschlossener Koffer, in dem heilige Bücher verschlossen werden müssen? Oh, das ist etwas anderes. Der Himmel verhüte, daß ich zwischen einen Priester und seine Gebete trete! Er soll gebracht werden und Du sollst den Schlüssel behalten.«

Sie schoben den Koffer unter sein Bett, und mit einem Stöhnen der Erleichterung schloß er Mahbubs Pistole, das Öltuch-Brief-Paket und die Tagebücher ein. Sonderbarerweise hatte das Gewicht auf seinen Schultern ihn weniger gedrückt, als das auf seiner armen Seele. Sein Genick schmerzte nachts unter dieser Last.

»Deine Krankheit ist ungewöhnlich für die Jugend unserer Tage,« sprach die Sahiba, »denn die Jugend hat verlernt, die Alten zu pflegen. Schlaf ist das Heilmittel für Dich und gewisse Tränke.« Und Kim versank in die Leere, die ihn halb ängstigte, halb besänftigte.

Sie braute Tränke in einem mysteriösen asiatischen Ersatz von Destillations-Raum – Flüssigkeiten, die pestilenzialisch rochen und noch schlimmer schmeckten. Sie beugte sich über Kim, bis sie hinuntergewürgt waren, und war unerschöpflich in Fragen, wenn sie wieder heraufkamen. Sie legte einen Tabu auf den Vorhof und erzwang seine Beachtung durch einen bewaffneten Mann. Zwar, die Wache war über siebzig Jahre und ihr in der Scheide steckendes Schwert hörte beim Griff auf; aber immerhin repräsentierte sie die Autorität der Sahiba, und Lastwagen, schwatzende Diener, Kälber, Hunde, Hennen und dergleichen hatten einen weiten Bogen zu machen. Dann suchte sie unter der Menge armer Verwandten (Haushalts-Hunde nennen wir sie), die sich in den Hintergebäuden zusammendrängten, die Witwe eines Vetters hervor, die geübt war in, was die Europäer, die nichts davon verstehen, Massage nennen. Diese, mit einer Assistentin, packten Kim, schoben ihn ostwärts und westwärts, damit die geheimnisvollen Erdströmungen, die den menschlichen Leib durchrieseln, helfen aber nicht hindern sollten, und nahmen ihn stückweise vor, Muskel für Muskel, Knochen für Knochen, Sehne für Sehne und schließlich Nerv für Nerv. Kim, zu einer unzurechnungsfähigen breiigen Masse geknetet, halb hypnotisiert durch das ewige Niederfallen und Zurückschlagen der unbequemen Kopftücher, die die Augen verhüllen, glitt zehntausend Meilen weit weg in Schlummer. Sechsunddreißig Stunden hielt der Schlaf an, der sich einsaugte wie Regen nach der Dürre.

Dann fütterte sie ihn und das Haus wirbelte von ihrem Lärm. Sie befahl, Hühner zu schlachten, Gemüse herbeizuschaffen (der schwerfällige Gärtner, fast so alt, wie sie selbst, schwitzte), nahm Gewürze und Milch und Zwiebeln und kleine Fische aus den Bächen, forderte Zitronen zu Sherbet, Wachteln aus der Erdgrube, briet Hühnerleber mit geschabtem Ingwer am Spieß.

»Ich habe etwas von dieser Welt gesehen,« sprach sie über dem Haufen von Schüsseln, »es gibt nur zwei Arten von Frauen darin: die, die dem Manne die Stärke nehmen und die, die sie ihm zurückgeben. Einst gehörte ich zu den Ersten, jetzt zu den Letzten. Nein – spiele nicht das Priesterlein gegen mich aus. Es war nur ein Scherz; aber wenn er Dir jetzt nicht gefällt, wird er Dir gefallen, wenn Du wieder auf der Heerstraße bist, Kusine« – dies zu der armen Verwandten, die nie aufhörte, die Mildtätigkeit ihrer Patronesse auszuposaunen – – »seine Haut blüht wie die eines frisch gestriegelten Pferdes. Wir arbeiten, um Juwelen zu polieren, die vielleicht einem Tanzmädchen hingeworfen werden – he?«

Kim saß aufrecht und lächelte. Die furchtbare Schwäche hatte er abgeschüttelt wie einen alten Schuh. Seine Zunge juckte wieder nach freier Rede, während vor einer Woche kaum noch ein kleines Wort, wie von Asche beschwert, hervorkam. Der Schmerz im Genick (er mußte von dem Lama angesteckt sein) war verschwunden mit dem Dengfieber und dem üblen Geschmack im Munde. Die beiden alten Frauen, wenig vorsichtig mit ihren Schleiern, kluckten so lustig wie die Hennen, die durch die offene Tür hereinkamen.

»Wo ist mein Heiliger?« fragte Kim.

»Hör ihn! Dein Heiliger ist wohl,« schnappte sie maliziös, »obwohl das nicht seine Schuld ist. Wüßte ich einen Zauber, um ihn weise zu machen, würde ich meine Juwelen dafür hingeben. Das gute Futter, das ich selbst gekocht, nicht zu essen – zwei Nächte in den Feldern herum zu rennen mit leerem Bauch – und zuletzt in einen Graben zu fallen – nennst Du das Heiligkeit? Und dann, wenn er das Stückchen von meinem Herzen, das von der Angst um Dich übrig geblieben, vor Sorge fast gebrochen hat, spricht er, er habe Verdienst erworben. Oh, alle Männer sind sich gleich! Aber das ist noch nicht genug – er sagt mir, daß er befreit von jeder Sünde ist. Ich hätte ihm das sagen können, ohne daß er sich über und über naß machte! Nun ist er wohl – dies passierte vor einer Woche – aber solche Heiligkeit kann mir gestohlen werden! Ein Baby von drei Jahren würde es nicht so machen. Beunruhige Dich nicht um den Heiligen. Wenn er nicht in unsern Wassergräben herumwatet, bewacht er Dich mit beiden Augen.«

»Ich erinnere mich nicht, ihn gesehen zu haben. Ich erinnere mich nur, daß die Nächte und die Tage sich öffneten und schlossen wie schwarze und weiße Bretter. Ich war nicht krank: ich war nur müde.«

»Eine Lethargie, die von rechtswegen ein Schock Jahre später kommt. Aber jetzt ist alles vorüber.«

»Maharanee,« begann Kim, aber nach einem Blick in ihr Auge wandelte er diesen Titel in das Wort der tiefsten Liebe – »Mutter, ich schulde Dir mein Leben. Wie soll ich Dir danken? Zehntausend Segnungen über Dein Haus, und –«

»Das Haus kann ohne Segen fertig werden.« (Es ist unmöglich, die Worte der alten Dame genau wiederzugeben.) »Danke den Göttern als Priester, wenn Du willst, mir aber danke, wenn Du danken willst, wie ein Sohn. Habe ich Dich geschoben und gehoben und gehackt und Deine zehn Zehen gedreht, um mir Textsprüche an den Kopf werfen zu lassen? Irgendwo muß Dich ja eine Mutter zu ihrem Herzeleid geboren haben! Was warst Du ihr nütze – Sohn?«

»Ich hatte keine Mutter, meine Mutter,« sprach Kim. »Sie starb, so sagte man mir, als ich noch klein war.«

»Hai mal! Dann kann also niemand sagen, daß ich sie beraubt habe – wenn Du weiter wanderst und dieses Haus nur eins unter vielen ist, die Dir Obdach gewährten und vergessen wurden nach einem leicht hingeworfenen Segen –« sie stampfte mit dem Fuß gegen die arme Verwandte: »Trage die Schüsseln ins Haus. Was sollen die abgestandenen Speisen hier, o Weib von bösem Geist?«

»Ich ha–habe auch einen Sohn geboren zu meiner Zeit, aber er starb,« wimmerte die gebeugte Gestalt hinter dem Kopftuch, »Du weißt, daß er starb! Ich wartete nur auf Deinen Befehl, die Platte fortzunehmen.«

»Ich bin das Weib vom bösen Geist,« rief die alte Dame reuevoll. »Wir, die wir niedersteigen zu der Chattris, klammern uns hart an die Träger der Chattris. Wenn man nicht mittanzen kann beim Feste, muß man eben aus dem Fenster schauen und Großmutterspielen nimmt alle Zeit in Anspruch. Dein Meister gibt mir jetzt alle Zauber, die ich wünsche für den Ältesten meiner Tochter, aus dem Grunde – nicht wahr? daß er jetzt ganz frei von Sünde ist. Der Hakim ist sehr heruntergekommen. Er geht herum und vergiftet meine Diener, da er nichts Besseres hat.«

»Welcher Hakim, Mutter?«

»Derselbe Dacca-Mann, der mir die Pille gab, die mich in drei Stücke riß. Vor einer Woche tauchte er auf wie ein verlaufenes Kamel und versicherte, daß Du und er wie Blutbrüder gewesen seid auf der Kulu-Straße, und tat so, als trüge er große Sorge um Deine Gesundheit. Er war sehr mager und hungrig; ich gab Befehl, ihn zu füttern – ihn und seine Sorge!«

»Ich möchte ihn sehen, wenn er hier ist.«

»Er kommt fünfmal am Tage und hext meinen Knechten Geschwüre an, um sich selber vor Apoplexie zu schützen. Er ist so voll Sorge um Deine Gesundheit, daß er den ganzen Tag nicht von der Küchentür weicht und sich mit kleinen Brocken hinhält. Er wird kleben bleiben. Wir werden ihn nicht wieder los.«

»Schicke ihn mir, Mutter« – der Schelm kehrte in Kims Auge zurück – »ich will es versuchen.«

»Ich will ihn schicken, aber ihn abzuschütteln, ist vergebliche Mühe. Wenigstens war er so vernünftig, den Heiligen aus dem Wassergraben zu fischen; und dadurch, wie der Heilige nicht sagte, Verdienst zu erwerben.«

»Er ist ein sehr weiser Hakim. Schicke ihn zu mir, Mutter.«

»Priester, der einen Priester lobt? Ein Wunder! Wenn er aber Dein Freund ist (Ihr zanktet Euch bei Eurem letzten Zusammensein!), dann will ich ihn hier mit Pferdestricken anbinden und – ihm hinterher ein Kasten-Essen geben, mein Sohn . . . Stehe auf und sieh Dir die Welt an! Dies im Bett liegen ist die Mutter von siebzig Teufeln . . . mein Sohn! Mein Sohn!«

Sie trottete fort und beschwor einen Sturm im Kochhaus herauf und beinahe noch in ihrem Schatten rollte der Babu herein, bis an die Schultern wie ein römischer Imperator gekleidet, frisiert wie Titus, barhaupt, mit neuen Patent-Lederschuhen, im höchsten Stand von Fett, Freude und Begrüßungen ausschwitzend.

»Donnerwetter, Mister O'Hara, es ist eine flotte Freude, Euch wieder zu sehen. Ich will so höflich sein, die Tür zu schließen. Schade, daß Ihr krank seid. Seid Ihr sehr krank?«

»Die Papiere – die Papiere aus dem Zelt. Die Karten und der Murasla!« Er reichte ungeduldig den Schlüssel hin: seine Seele verlangte danach, den Raub los zu werden.

»Ihr habt recht. Es ist korrekt departementsmäßig, wie Ihr die Sache anfaßt. Habt Ihr auch alles?«

»Alles Geschriebene aus dem Zelt habe ich genommen. Das Übrige habe ich den Berg hinunter geworfen.« Er hörte den Schlüssel im Schloß sich drehen, das Schieben des schwer zu bewegenden Öltuchballens, das Rascheln von Papieren. Das Bewußtsein, daß all dieses während der Krankheit unter ihm lag, hatte ihn gequält – eine Last, die er nicht los werden konnte. Er fühlte sein Blut wieder leichter fließen, als Hurree, sich wie ein Elefant aufrichtend, ihm jetzt die Hand schüttelte.

»Das ist fein! Das ist vortrefflich, Mr. O'Hara! Ihr habt – ha! ha! den ganzen Sack voll diplomatischer Kniffe mit Stumpf und Stiel stibitzt. Sie sagten mir, die Arbeit von acht Monaten wäre zu Wasser geworden! Zum Teufel! wie sie mich geprügelt haben! . . . sieh da, der Brief von Hilás!« Er las eine oder zwei Zeilen höfisches Persisch, welches die Sprache autorisierter und nicht autorisierter Diplomatie ist. »Mister Rasch Sahib hat eben seinen Fuß in die Höhle gesetzt. Er wird offiziell zu erklären haben, wie, zum Kuckuck, er dazu kam, dem Zaren Liebesbriefe zu schreiben. Und da sind sehr künstlerische Karten . . . und da sind drei oder vier Premierminister dieser Gegenden in die Korrespondenz verwickelt. Bei Gott, Sar! Die britische Regierung wird die Thronfolge in Hilás und Benár ändern und neue Regenten einsetzen. Verrat – niedrigster . . . aber Ihr versteht nicht – he?«

»Ist alles in Deinen Händen?« fragte Kim. Er wollte nur dieses wissen.

»Ihr könnt darauf wetten, daß ich alles habe.« Er stopfte den ganzen Fund an seinem Körper herum, wie nur Orientalen es können. »Soll alles an das Departements-Bureau gehen! Die alte Dame meint, ich wäre nun ein bleibendes Inventarstück geworden, aber ich werde nun mit allem geradewegs abmarschieren. Mr. Lurgan wird ein stolzer Mann werden. Offiziell seid Ihr mir untergeben, aber meinem mündlichen Rapport werde ich Euren Namen einverleiben. Schade, daß wir keine schriftlichen Rapporte geben dürfen! Wir Bengalen excellieren gerade in der Kunst.« Er warf den Schlüssel zurück und zeigte den leeren Koffer.

»Gut. Es ist gut. Ich war sehr müde. Auch mein Heiliger war krank. Und fiel er in –«

»Oah, ja. Ich bin sein guter Freund, sage ich Euch. Er benahm sich höchst sonderbar, als ich Euch nachkam. und ich dachte, er hätte vielleicht die Papiere. Ich folgte ihm deshalb in seinen Meditationen und verhandelte auch ethnologische Fragen mit ihm. Ihr müßt wissen, ich bin jetzt hier nur eine sehr unbedeutende Persönlichkeit im Vergleich zu seinen Zaubermitteln. Donnerwetter, O'Hara! wißt Ihr, daß er mit Krämpfen behaftet ist? Katalepsie – wenn nicht Epilepsie! Ich fand ihn in solchem Zustand unter einem Baum, in articulo mortem, und er sprang auf und lief in einen Graben, und ohne mich wäre er ertrunken. Ich zog ihn heraus.«

»Weil ich nicht da war!« sagte Kim. »Er hätte sterben können.«

»Ja, er hätte sterben können. Aber nun ist er trocken und er behauptet, Transfiguration erlebt zu haben.« Der Babu tickte bezeichnend an seine Stirn. »Ich machte Notizen über seine Behauptungen für die Akademie der Wissenschaften –. Ihr müßt bald gesund werden und nach Simla kommen. Bei Lurgan will ich Euch meine Geschichte erzählen. Es war köstlich. Der Rand ihrer Hosen war ganz zerfetzt, und der alte Rahan Rajah hielt sie für europäische desertierte Soldateska.«

»Oh, die Russen? Wie lange waren sie mit Dir zusammen?«

»Einer war ein Franzose. Oh, Tage und Tage und Tage! Jetzt meint alles Bergvolk, daß alle Russen Bettler sind. Verflucht! Nicht einen verdammten Lappen hatten sie, wenn ich ihnen nicht dazu half. Und ich erzählte dem gemeinen Volk – oah! solche Geschichten und Anekdoten. Bei Lurgan will ich Euch alles erzählen. Wir wollen – ah! eine lustige Nacht haben. Es ist Wasser auf Euer beider Mühle! Ja, und sie schrieben mir ein Zeugnis. Das war ein köstlicher Spaß. Ihr hättet sie auf der Vereinsbank sehen sollen, wie sie sich identifizierten! Dank dem allmächtigen Gott, daß Ihr ihre Papiere so gut verwahrtet! Ihr lacht jetzt nicht; aber wenn Ihr wieder gesund seid, werdet Ihr lachen. Nun will ich direkt nach der Eisenbahn und fort. Ihr werdet alle Anerkennung für Euer Spiel finden. Wann kommt Ihr mir nach? Wir sind sehr stolz auf Euch, wenn Ihr uns auch viel Sorge machtet. Und besonders Mahbub.«

»Ah, Mahbub! Und wo ist er?«

»Verkauft Pferde – hier in der Nachbarschaft natürlich.«

»Hier! Warum? Sprich langsam. Es ist mir noch immer dumpf im Kopf.«

Der Babu schielte scheu an seiner Nase herab. »Wohl, Ihr wißt, ich bin furchtsamer Mann und Verantwortlichkeiten vermeide ich. Ihr waret krank, seht Ihr, und ich wußte nicht, wo, zum Kuckuck, alle die Papiere steckten und wie viele da waren. Als ich nun hier ankam, schickte ich heimlich eine Drahtung an Mahbub – er war in Meerut bei den Rennen – und meldete ihm, wie die Dinge hier standen. Er kommt an mit seinen Leuten; er berät mit dem Lama, und dann schimpft er mich einen Narren und ist sehr grob. –«

»Aber warum? Warum?«

»Das frage ich auch. Ich regte nur an, daß, wenn jemand die Papiere gestohlen hätte, ich irgend einen guten, starken, braven Mann haben möchte, um sie wieder zu stehlen. Ihr wißt, wie wichtig die Papiere sind und Mahbub Ali wußte nicht, wo Ihr waret.«

»Mahbub Ali sollte stehlen im Hause der Sahiba? Du bist toll, Babu!« sagte Kim mit Entrüstung.

»Ich mußte die Papiere haben. Nimm an, sie hätten sie gestohlen? Es war nur praktische Suggestion, denke ich. Es gefällt Euch nicht, he?«

Ein einheimisches – nicht zu wiederholendes – Sprichwort zeigte Kims Mißbilligung.

»Nun wohl,« – Hurree zuckte mit den Schultern – »über den Geschmack läßt sich nicht streiten. Mahbub war auch ärgerlich. Er hat hier herum Pferde verkauft, und er sagt, die alte Dame ist durchaus »pukka« (tadellos) und würde solche unnoble Dinge nicht tun. Es geht mich nichts mehr an. Ich habe die Papiere und die moralische Stütze durch Mahbub hat mich erfreut. Ich sage Euch, ich bin ein furchtsamer Mann, aber, wie es auch zugehen mag, je furchtsamer ich bin, je mehr gerate ich in verdammt kritische Situationen. Ich war froh, daß Ihr mit mir nach Chini ginget und bin froh, daß Mahbub hier in der Nähe war. Die alte Dame ist zuweilen sehr ungehalten auf mich und meine wundervollen Pillen.«

»Allah, hab Erbarmen!« rief Kim belustigt, »welch ein Wunder von Tier ist ein Babu! Und der Mann ging allein – wenn er gehen konnte – mit beraubten, wütenden, fremden Leuten!«

»Oah, das war nichts, als sie erst mit Prügeln fertig waren: wenn aber die Papiere verloren gegangen wären, hätte es flotter Ernst werden können. Mahbub hat mich ja beinahe auch geprügelt und ohne Ende mit dem Lama zusammengesteckt. In Zukunft werde ich fest bei ethnologischen Untersuchungen bleiben. Nun lebt wohl, Mister O'Hara. Wenn ich eile, kann ich noch den 4.25 Zug nach Umballa erreichen. Es wird hübsch, wenn wir bei Mister Lurgan unsere Geschichten erzählen. Ich werde offiziell berichten, daß es Euch besser geht. Adieu, mein lieber Kerl, und wenn Ihr einmal wieder aufgeregt seid, bitte, dann braucht nicht mohammedanische Schimpfworte in tibetanischem Kleide.«

Er schüttelte zweimal Kim die Hände – ein Babu bis zur Fußsohle – und öffnete die Tür. Sobald das Sonnenlicht auf sein noch triumphierendes Gesicht fiel, war er wieder der unterwürfige Quacksalber von Dacca.

»Er beraubte sie,« dachte Kim, seinen eigenen Anteil an dem Spiel vergessend, »er überlistete sie, er belog sie, wie – ein Bengale. Sie geben ihm ein Zeugnis. Er macht sie zum Gespött, mit Gefahr seines Lebens – ich würde nicht zu ihnen hinunter gegangen sein nach den Pistolenschüssen – und dann nennt er sich einen furchtsamen Mann . . . ja, ein furchtbarer Mann ist er. Ich muß wieder in die Welt hinaus.«

Anfangs schwankten seine Beine wie abgenutzte Pfeifenrohre, und die Flut des Sonnenlichtes betäubte ihn. Er hockte bei der weißen Mauer nieder, und seine Gedanken wanderten zwischen den Vorfällen auf der langen Dooli-Reise und den Schwächeanfällen des Lama hin und her, und jetzt, wo der Antrieb zum Gespräch fehlte, überkam ihn das Mitleid mit sich selbst, von dem er, wie so viele Kranke, großen Vorrat hatte. Das geschwächte Gehirn scheute vor der Berührung mit der Außenwelt zurück, wie ein junges, zum erstenmal wund geriebenes Pferd vor dem Sporn. Es war genug, voll genug, daß der Raub aus dem Zelt aus seinen Händen, aus seinem Besitz fort war. Er versuchte, an den Lama zu denken, wie der wohl in den Graben geraten war – aber die ungeheure Größe der Welt, wie sie ihm durch das Hofgitter erschien, zerriß wieder die Gedankenkette. Dann blickte er auf die Bäume, die weiten Felder, die Hütten, die zwischen den Ähren sich bargen – blickte mit Augen, die unfähig waren, die Gestalt und den Umfang der Dinge zu begreifen, starrte wohl eine halbe Stunde lang. Ihm war, als wäre seine Seele außer Verbindung mit seiner Umgebung, wie ein müßiges, bei Seite geworfenes Zahnrad, außer Verbindung mit der Maschinerie. Die Lüfte wehten über ihm, die Papageien schrieen über ihm, der Lärm des übervollen Hauses hinter ihm – Gezänke, Befehle, Schelte – schlug an taube Ohren.

»Ich bin Kim. Ich bin Kim. Und was ist Kim?« Seine Seele wiederholte es wieder und wieder.

Er wollte nicht weinen – war niemals weniger zum Weinen aufgelegt – aber plötzlich tropften dumme Tränen über seine Wange – und mit einem fast vernehmbaren Ticken fühlte er die Schleusen seines Wesens sich neu eröffnen auf die Welt außerhalb. Gegenstände, die einen Augenblick zuvor dem Auge unklar erschienen, nahmen bestimmte Gestalt an. Die Straße war zum Gehen da, die Häuser zum Bewohnen, die Rinder, um getrieben zu werden, Felder zum Pflügen, Männer und Frauen, um mit ihnen zu reden. Alles war wahr und real – fest auf die Füße gestellt, vollkommen verständlich – Art von seiner Art – nicht mehr, nicht weniger. Er schüttelte sich wie ein Hund, dem eine Fliege im Ohr sitzt, und schlenderte aus dem Tor. Sprach die Sahiba, der wachsame Augen diese Neuigkeit überbrachten: »Laßt ihn gehen. Mein Teil habe ich getan. Mutter Erde muß das Übrige tun. Wenn der Heilige zurückkehrt aus Meditationen, meldet es ihm.« Eine halbe Meile entfernt stand vor einem jungen Feigenbaum, auf einem kleinen Hügel, der einen Aussichtspunkt auf frischgepflügte Flächen bildete, ein leerer Ochsenwagen. Kims Augenlider, in der weichen Luft gebadet, wurden schwer, als er ihm nahe kam. Der Boden war reiner, guter Staub – nicht neues Grün, das lebend schon halb gestorben ist – nein, hoffnungsreicher Staub, der den Samen alles Lebens in sich trägt. Kim fühlte ihn zwischen den Zehen, liebkoste ihn mit den Händen, und Glied für Glied, wollüstig seufzend, streckte er sich in voller Länge aus im Schatten des aus Holz genagelten Karrens. Und Mutter Erde war so treu wie die Sahiba. Die durchhauchte ihn und gab wieder, was er verloren durch langes Liegen im Bett, abgeschlossen von ihren segensreichen Strömungen. Sein Kopf lag hingegeben an ihrer Brust, und seine Hände waren ihren stärkenden Kräften überlassen. Der vielwurzelige Baum über ihm und auch das tote, von Menschenhand zusammengefügte Holz wußte, was er suchte: nur er selbst wußte es nicht. Stunde auf Stunde lag er in tiefstem Schlaf.

Gegen den Abend, als der Staub heimkehrender Viehherden den Horizont trübte, kam der Lama und Mahbub Ali, vorsichtig auftretend; man hatte ihnen im Hause gesagt, wohin Kim gegangen.

»Allah! Welcher Narrenstreich, hier im offenen Felde zu liegen,« murmelte der Pferdehändler. »Er hätte hundertmal totgeschossen werden können – aber dies ist allerdings nicht die Grenze.«

»Und,« sprach der Lama, immer dasselbe wiederholend, »solchen Chela gab es noch nie. Milde, höflich, klug, von verträglichem Gemüt, ein frohes Herz auf der Wanderschaft, nichts vergessend, gelehrt, wahrhaftig und gefällig. Groß ist sein Lohn!«

»Ich kenne den Knaben – wie ich sagte.«

»Und besaß er immer alle die Vorzüge?«

»Einige davon – aber einen Rot-Hut-Zauber, um ihn übermäßig wahrheitsliebend zu machen, habe ich bis jetzt nicht gefunden. Sicher aber ist er hier gut gepflegt worden.«

»Die Sahiba hat ein Herz von Gold,« sprach ernsthaft der Lama. »Sie betrachtet ihn wie ihren Sohn.«

»Hmpf! Halb Hind scheint das zu tun. Ich wollte nur nachsehen, ob der Knabe nicht zu Schaden gekommen und sich wieder frei bewegen könnte. Wie Du weißt, waren er und ich alte Freunde in den ersten Tagen unserer gemeinschaftlichen Pilgerfahrt.«

»Dies ist ein Band zwischen uns.« Der Lama setzte sich nieder. »Wir sind nun am Ende der Pilgerfahrt.«

»Du hast es Dir nicht zu danken, daß die nicht vor einer Woche kurz und gut zu Ende ging. Ich hörte, was die Sahiba sagte, als wir Dich auf das Lager trugen.« Mahbub lachte und zupfte seinen frisch gefärbten Bart.

»Ich meditierte über andere Dinge in jener Zeitwelle. Der Hakim von Dacca störte meine Meditationen.«

»Sonst,« – dies wurde anstandshalber in Pashtu gesagt – »würdest Du Deine Meditationen auf der schwülen Seite der Hölle zu Ende geführt haben – denn ein Ungläubiger und ein Götzendiener bist Du, trotz Deiner kindlichen Einfältigkeit. Aber, Rothut, was soll jetzt geschehen?«

»In dieser selben Nacht,« die Worte kamen langsam, zitternd im Triumph, »in dieser selben Nacht wird er frei werden wie ich es bin, von jeder Spur von Sünde – friedvoll wie ich es bin, wenn er diesen vom Rad der Dinge befreiten Körper verläßt. Ich habe ein Zeichen,« er legte die Hand auf die zerrissene Karte auf seiner Brust, »daß meine Zeit kurz ist; ihn aber werde ich erlöst haben für alle Zeiten. Erinnere Dich, ich habe Erkenntnis erreicht, wie ich Dir vor nur drei Nächten gesagt.«

»Es muß wahr sein, was der Tirah-Priester sagte, als ich seines Vetters Weib gestohlen hatte, daß ich ein Sufi (Freidenker) bin, denn hier sitze ich und hege mich in lästerlicher Blasphemie,« sprach Mahbub zu sich selbst . . . »Ja, ich erinnere mich der Geschichte. Daraufhin geht er dann ein in Jannatu l'Adu (Garten von Eden). Aber wie? Willst Du ihn totschlagen oder ersäufen in dem wunderbaren Fluß, aus dem der Babu Dich herauszog?

»Ich wurde aus keinem Fluß herausgezogen,« sprach der Lama einfach. »Du vergißt, was geschah. Ich fand den Fluß durch Erkenntnis.«

»O, ah, wahr!« stotterte Mahbub, halb ärgerlich, halb belustigt, »ich hatte den genauen Hergang vergessen. Du fandest ihn durch Erkenntnis.«

»Und zu sagen, daß ich Leben nehmen wollte, ist – nicht eine Sünde, sondern einfach Wahnsinn. Mein Chela half mir zu dem Fluß. Es ist sein Recht, von Sünde gereinigt zu werden – mit mir.«

»Ah, er hat es nötig! Aber nachher, alter Mann – nachher?«

»Wie, unter allen Himmeln, kommt das in Frage? Nirwana ist ihm sicher – erleuchtet – wie ich es bin.«

»Gut gesprochen. Ich fürchtete, er würde Mohammeds Roß besteigen und davonfliegen.«

»Nein – als ein Lehrer muß er gehen.«

»Aha! Nun sehe ich. Das ist der richtige Gang für das Füllen. Gewiß, er muß als ein Lehrer gehen. Er ist aber zufällig ein bißchen nötig als Schreiber im Staatsdienst.«

»Auch dazu ist er vorbereitet. Ich erwarb Verdienst durch Almosen-Geben für sein Bestes. Gute Tat stirbt nicht. Er half mir in meiner Suche. Ich half ihm in der seinen. Gerecht ist das Rad, oh, Roßhändler vom Norden. Laß ihn ein Lehrer sein; laß ihn ein Schreiber sein – was tut's? Er wird Freiheit erreicht haben. Das Übrige ist Wahn.«

»Was tuts? Wo ich ihn in sechs Monaten bei mir jenseit Balkh haben muß? Ich komme, dank diesem Hühnchen von Babu, hier an mit zehn lahmen Kracken und drei starkrückigen Männern, um einen kranken Jungen mit Gewalt aus dem Hause einer alten Schwätzerin zu entführen – und nun scheint's, ich sehe zu, wie ein junger Sahib in, Allah weiß, welchen götzendienerischen Himmel aufgewunden wird, durch Vermittelung eines alten Rothutes! Und ich zähle doch auch etwas mit als Spieler im Spiel! Aber der verrückte Alte hat den Jungen lieb; und so muß ich auch etwas vernünftig verrückt sein.«

»Für wen betest Du?« fragte der Lama, als das rauhe Pashtu in den roten Bart hineinrollte.

»Einerlei! Aber, da ich nun verstehe, daß der Junge, des Paradieses sicher, doch in Regierungs-Dienst treten kann, bin ich beruhigt. Ich muß zu meinen Pferden. Es wird dunkel. Weck ihn nicht auf. Mich gelüstet's nicht. Dich von ihm Meister nennen zu hören.«

»Aber er ist mein Schüler. Was sonst?«

»Er sagte so.« Mahbub schluckte seinen Anfall von Hypochondrie hinunter und erhob sich lachend. »Ich bin nicht vollständig Deines Glaubens, Rothut – wenn solche Kleinigkeit Dich kümmert.«

»Das tut nichts,« sagte der Lama.

»Ich dachte es mir. Deshalb wird es Dir nicht schaden, sündenfrei, frisch gewaschen und dreiviertel untergetaucht bis auf die Sohlen wie Du bist, wenn ich Dir sage: Du bist ein guter Mann, – ein sehr guter Mann. Wir haben vier oder fünf Abende miteinander geredet, und wenn ich auch ein Roßtäuscher bin, kann ich doch, wie man zu sagen pflegt, Heiligkeit über den Beinen eines Pferdes hinweg sehen. Ja, könnte auch sehen, wie unser Freund aller Welt seine Hand zuerst in Deine legt. Behandle ihn gut und dulde, daß er als ein Lehrer in die Welt zurückkehrt, wenn Du – seine Beine gebadet hast – wenn das die richtige Medizin für das Füllen ist.«

»Warum nicht selbst dem Weg folgen und so den Knaben begleiten?«

Mahbub starrte verblüfft bei der erhabenen Unverschämtheit dieser Frage, auf die er jenseits der Grenze mit Schlägen geantwortet haben würde. Bald aber gewann der Humor der Sache wieder Macht über seine weltliche Seele.

»Sachte – sachte – ein Fuß zur Zeit, wie der lahme Wallach über die Umballa-Hindernisse (beim Rennen) setzte. Ich komme vielleicht später ins Paradies – ich habe da herum zu tun – große Geschäfte – und ich danke sie Deiner Einfalt. Du hast niemals gelogen?«

»Wozu?«

»Oh, Allah, höre ihn! ›Wozu‹ in dieser, Deiner Welt! Noch je einem Menschen wehe getan?«

»Einmal – mit einem Federkasten – bevor ich weise war.«

»So? Ich denke um so besser von Dir. Deine Lehren sind gut. Du hast einen Mann, den ich kenne, vom Pfad des Unrechts abgewendet.« Er lachte unbändig. »Er kam hierher in bester Absicht, ein Dacoity (Hauseinbruch mit Gewalttat) zu verüben. Ja, zu schneiden, rauben, töten und fortzuschleppen, was er haben wollte.«

»Eine große Torheit!«

»Oh, schwarze Schande dazu! So dachte er, nachdem er Dich gesehen, Dich – und einige andere, Männlein und Weiblein. So ließ er davon ab; und jetzt geht er, um einen großen, fetten Babu-Menschen durchzuprügeln.«

»Ich verstehe nicht –«

»Allah möge das auch verhüten! Es gibt Männer, die stark im Wissen sind, Rothut; aber Deine Stärke ist noch stärker. Bewahre sie – ich denke, Du wirst es tun. Wenn der Junge Dir nicht ein guter Diener ist, reiße ihm die Ohren ab.«

Mit einem Zuschnappen seines breiten Bokhariot-Gürtels stampfte der Pathan in die Dämmerung hinein, und der Lama kam soweit aus den Wolken herab, um dem breiten Rücken nachzuschauen.

»Diese Person ermangelt der Höflichkeit und wird getäuscht durch den Schatten des Scheines. Aber er sprach gut von meinem Chela, der jetzt in seine Belohnung eintritt. Ich will das Gebet beten! . . . Erwache, o Glücklicher, vor allen vom Weibe Geborenen. Erwache! Er ist gefunden!«

Kim kam hervor aus diesen tiefen Fluten: der Lama bewachte sein behagliches Gähnen und schnappte mit den Fingern, um böse Geister abzuwehren.

»Ich habe hundert Jahre geschlafen. Wo –? Heiliger, bist Du schon lange hier? Ich ging fort um Dich zu suchen, aber« – er lachte schläfrig – »ich schlief auf dem Wege ein. Ich bin jetzt ganz wohl. Hast Du gegessen? Laß uns ins Haus gehen. Seit vielen Tagen habe ich nicht für Dich gesorgt. Und die Sahiba hat Dich wohl gepflegt? Wer rieb Deine Beine? Wie ist's mit der Mattigkeit, dem Magen und dem Nacken und dem Hämmern in den Ohren?«

»Vorüber – alles fort. Weißt Du nicht –?«

»Ich weiß nichts: nur, daß ich Dich eine Ewigkeit nicht gesehen habe. Was soll ich wissen?«

»Wunderbar, daß die Erkenntnis nicht Dich erreichte, da doch alle meine Gedanken zu Dir gingen.«

»Dein Gesicht kann ich nicht sehen. Deine Stimme aber tönt wie ein Gong. Hat die Sahiba Dich durch ihre Kost wieder jung gemacht?«

Er spähte scharf nach der mit gekreuzten Beinen ruhenden Gestalt, die sich dunkel gegen die zitronenfarbene Lichtströmung abhob. So sitzt der Budhisat von Stein da, der niederblickt auf die Drehkreuze des Lahore-Museums.

Der Lama schwieg. Die sanfte, rauchgeschwängerte Stille des indischen Abends hüllte sie ein, unterbrochen nur von dem Klick des Rosenkranzes und dem schwachen Klack-Klack von Mahbubs verhallenden Schritten.

»Höre mich! Ich bringe neue Botschaft.«

»Aber laß uns –«

Die lange, gelbe Hand schoß vorwärts, Schweigen gebietend. Gehorsam zog Kim die Füße unter den Rand seines Gewandes.

»Höre mich! Ich bringe neue Kunde! Die Suche ist beendet. Jetzt kommt die Vergeltung . . . Also . . . Da wir zwischen den Bergen waren, lebte ich von Deiner Kraft, bis der junge Zweig sich beugte und nahezu brach. Als wir aus den Bergen hervorkamen, war ich unruhig um Dich und um anderes, das ich in meinem Herzen barg. Dem Schiff meiner Seele mangelte Lenkung. Die Ursache der Dinge konnte ich nicht schauen. So übergab ich Dich der tugendhaften Frau ganz und gar. Ich nahm keine Speise. Ich trank kein Wasser. Doch sah ich nicht den Weg. Sie wollten mir Nahrung aufdrängen und riefen vor meiner verschlossenen Tür. Da begab ich mich weg, nach einer Höhle unter einem Baum. Ich nahm nicht Speise. Ich nahm nicht Wasser. Ich saß in Meditationen zwei Tage und zwei Nächte, meinen Geist läuternd, einatmend und ausatmend in der vorgeschriebenen Weise . . . In der zweiten Nacht – so groß war mein Lohn – löste die weise Seele sich von dem törichten Leib und erging sich frei. Dies habe ich nie zuvor erreicht, obwohl ich oft auf der Schwelle davor stand. Beachte wohl, denn es ist ein Wunder!«

»Ein Wunder in Wahrheit! Zwei Tage und zwei Nächte ohne Essen! Wo war die Sahiba?« sagte Kim leise zu sich selbst.

»Ja, meine Seele erging sich frei, und wie ein Adler kreisend, sah sie in Wahrheit, da war kein Teshoo Lama, noch eine andere Seele. Wie ein Tropfen sich zum Wasser hinzieht, so zog meine Seele sich hin zu der Großen Seele, die über allen Dingen ist. In dem Augenblick, geläutert durch Betrachtung, sah ich all Hind, von Ceylon in der See bis zu den Bergen, meinen eigenen bunten Bergen zu Such-zen. Ich sah jedes Dorf, jedes Feld bis ins Kleinste, wo wir jemals gerastet. Ich sah sie zu gleicher Zeit, an derselben Stelle, denn sie waren im Innern der Seele. Da wußte ich, daß ich frei war. Ich sah Dich in Deinem Bette liegen, ich sah Dich den Berg hinabfallen unter dem Götzendiener – zu gleicher Zeit, an derselben Stelle, in meiner Seele, welche, wie ich sage, die Große Seele berührt hatte. Auch sah ich den einfältigen Körper des Teshoo Lama unten liegen und der Hakim von Dacca kniete daneben und schrie ihm ins Ohr. Dann war meine Seele ganz allein und ich sah nichts, denn ich war selbst in allem, da ich die große Seele erreicht hatte. Und ich meditierte tausend, tausend Jahre, ohne Leidenschaft, wohl bewußt der Ursache aller Dinge. Dann rief eine Stimme: »Was soll aus dem Knaben werden, wenn Du tot bist?« Und ich ward in mir selbst hin und her geworfen in Mitleid für Dich: und ich sprach: »Ich will zurückkehren zu meinem Chela, aus Furcht, daß er den Weg verfehle.« Darauf riß diese meine Seele, welche die Seele von Teshoo Lama ist, mit Sträuben und Trauern, mit Schmerzen und Todespein sich los von der Großen Seele. Wie das Ei von dem Fisch, wie der Fisch von dem Wasser, wie das Wasser von der Wolke, wie die Wolke von der schweren Luft, so löste sich, so schoß hervor, so stürzte fort, so dampfte auf die Seele von Teshoo Lama von der Großen Seele. Dann rief eine Stimme: »Der Strom! Gib acht auf den Strom!« Und ich blickte niederwärts auf die ganze Welt, die war, wie ich sie zuvor gesehen – eins in der Zeit, eins im Raum – und ich sah deutlich den Strom des Pfeils zu meinen Füßen. Zu der Stunde ward meine Seele gehemmt durch ein oder anderes Böses, von dem ich nicht voll gereinigt war, und es lastete auf meinen Armen und wand sich um meine Brust: aber ich schüttelte es ab und trieb fort wie ein Adler in meinem Flug zu dem Ort des Flusses. Um Deinetwillen schob ich Welt auf Welt beiseite. Ich sah den Strom unter mir – den Strom des Pfeils – und hinabsteigend schlossen seine Wasser sich über mir,– und siehe da! Ich war wieder in dem Körper von Teshoo Lama, aber frei von Sünde; und der Hakim von Dacca hielt meinen Kopf hoch in den Wassern des Stromes. Hier ist der Strom! Er ist hinter dem Mango-Tope (Hain) – gerade hier!«

»Allah Kerim! Wie gut, daß der Babu zur Stelle war! Bist Du sehr naß geworden?«

»Ich beachtete es nicht. Ich entsinne mich, der Hakim trug Sorge für den Körper von Teshoo Lama; er zog ihn aus dem heiligen Wasser mit seinen Händen und dann kam Dein Roßhändler vom Norden mit Männern und einem Tragbett, und sie hoben den Körper auf das Bett und trugen ihn zu dem Haus der Sahiba.«

»Was sagte die Sahiba?«

»Ich meditierte in jenem Körper und hörte es nicht. So ist die Suche denn beendet. Für das Verdienst, das ich erwarb, ist der Strom des Pfeiles hier. Zu unsern Füßen brach er hervor, wie ich es fügte. Ich habe ihn gefunden. Sohn meiner Seele, ich habe meine Seele zurückgezogen von der Schwelle der Freiheit, um Dich frei zu machen von aller Sünde, wie ich frei und ohne Sünde bin. Gerecht ist das Rad! Gewiß ist unsere Erlösung. Komm!«

Er kreuzte die Hände auf seinem Schoß und lächelte, wie ein Mensch lächeln mag, der Erlösung gewonnen hat für sich und die, die er liebt.

 

Ende.

 


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