Rudyard Kipling
Kim
Rudyard Kipling

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Kapitel 10.

Lurgan Sahib sprach sich nicht so entschieden aus, aber sein Rat schloß sich dem Mahbubs an, und das Resultat war günstig für Kim. Er wußte nun etwas Besseres zu tun, als Lucknow in Verkleidung zu verlassen, und war Mahbub irgendwie durch eine Nachricht erreichbar, so suchte er ihn in seinem Lager auf und nahm seine Verwandlung unter des Pathans Auge vor. Hätte der kleine Tuschkasten, den er in der Schulzeit beim Kartenzeichnen brauchte, von seiner Verwendung in den Ferien reden können, so wäre Kim wohl relegiert worden. – Einmal zog er mit Mahbub und drei Wagen voll Pferden bis nach dem prächtigen Bombay, und Mahbub schmolz fast vor Zärtlichkeit: als Kim eine Reise durch den Indischen Ozean auf einem Kauffahrteischiff vorschlug, um Golf-Araber zu kaufen, die, wie er von einem Untergebenen des Händlers Abdul Rahman erfahren halte, bessere Preise erzielten, als die Kabuli-Pferde. Mit diesem bedeutenden Kaufmann wußte er anzuknüpfen, als Mahbub mit einigen Gleichgläubigen bei einem großen Haj-Schmaus war.

Bei dem Rückwege über Karachi, zur See, machte Kim die erste Bekanntschaft mit der Seekrankheit. Er saß an dem vorderen Gatter über der Luke, fest überzeugt, daß er vergiftet sei. Des Babus famose Medizin-Schachtel erwies sich nutzlos, obgleich sie in Bombay frisch gefüllt war. Mahbub hatte Geschäfte in Quetta, und dort verdiente Kim, mit Mahbubs Erlaubnis, sein Brot und etwas mehr als Küchenjunge im Hause eines fetten Kommissariats-Sergeanten. In einem unbewachten Augenblick nahm er aus dessen Bureau-Schrank ein kleines, in Pergament gebundenes Hauptbuch, das anscheinend nur Verkäufe von Rindvieh und Kamelen betraf, und im Mondenschein, hinter einem Hintergebäude liegend, kopierte er daraus. Dann legte er das Buch wieder an seinen Platz, verließ auf Mahbubs Rat seinen Dienst ohne Lohn und traf sechs Meilen weiter unten mit Mahbub wieder zusammen, die saubere Kopie auf der Brust tragend.

»Dieser Sergeant ist ein kleiner Fisch,« erklärte Mahbub, »mit der Zeit werden wir größere fangen. Dieser verkauft nur Ochsen zu zwei verschiedenen Preisen – zu einem Preise für sich selbst, zu einem anderen für die Regierung – was, glaube ich, keine Sünde ist.«

»Warum durfte ich das kleine Buch nicht mitnehmen und vollständig kopieren?«

»Das hätte ihn erschreckt, und er würde seine Vorgesetzten benachrichtigt haben. Dadurch hätten wir vielleicht eine große Zahl neuer Flinten verloren, die ihren Weg, von Quetta nach dem Norden suchen. Das Spiel ist zu weit ausgedehnt, man sieht nur wenig davon zurzeit.«

»Oho!« machte Kim und hielt den Mund. Das war in den Monsoon-Ferien, nachdem er den Preis in Mathematik erhalten. Die Weihnachts-Ferien – abgerechnet einige Tage für Privat-Amusements – brachte er bei Lurgan Sahib zu. Dort saß er meist vor einem lodernden Holzfeuer – auf dem Wege nach Jakko lag in dem Jahre vier Fuß tief Schnee – der kleine Hindu war fort, um verheiratet zu werden – und half Lurgan Perlen aufreihen. Nebenbei hatte er ganze Kapitel aus dem Koran auswendig zu lernen und zu wiederholen, bis er sie mit dem Hin- und Herwiegen und dem genauen Tonfall eines Mullah vortragen konnte. Ferner lernte er die Namen und Eigenschaften einheimischer Heilmittel kennen, wie die dunklen Sprüche, die beim Verordnen derselben hergesagt werden müssen. Am Abend schrieb er Zauberformeln auf Pergamente, kunstvoll ausgearbeitete Pentagramme mit den Namen von Teufeln Murra und Awan, dem Begleiter von Königen, gekrönt. In praktischer Weise unterwies Lurgan ihn in seiner eigenen Gesundheitspflege, im Heilen von Fieberanfällen und Anwendung einfacher Arzneimittel auf der Wanderung. Eine Woche vor der Abreise sandte Oberst Creighton – und das war nicht hübsch – eine Reihe von Prüfungs-Fragen, die sich nur mit Ruten und Ketten und Winkeln befaßten.

In den nächsten Ferien zog er mit Mahbub aus und auf einem Kamel, im tiefen Sand fast versinkend, war er dem Verdursten nahe. Sie kamen nach der geheimnisvollen Stadt Bikaneer, wo die Brunnen vierhundert Fuß tief und fast durchaus mit Kamelknochen bekleidet sind. Es war nicht erheiternd für Kim, daß der Oberst – in Nichtachtung des Kontraktes – ihm befahl, eine Karte von der wilden, ummauerten Stadt anzufertigen. Und da es auffallend wäre, wenn mohammedanische Pferdejungen oder Pfeifenreiniger Vermessungsketten um die Hauptstadt eines unabhängigen einheimischen Staates zögen, so war Kim gezwungen, seine Distanzen mit Hilfe der Perlen eines Rosenkranzes abzuschreiten. Zu Teilungen benutzte er gelegentlich den Kompaß, hauptsächlich nach Dunkelwerden, wenn die Kamele gefuttert hatten, und mit Hilfe seines kleinen Tuschkastens mit sechs Farbentäfelchen und drei Pinseln brachte er etwas zu Stande, das nicht ungleich der Stadt Jeysalmir war. Mahbub lachte und riet ihm, auch einen geschriebenen Bericht zu machen, und auf den letzten Seiten eines großen Rechnungsbuches, das unter der Klappe von Mahbubs Lieblingssattel lag, fertigte Kim ihn aus.

»Er muß alles enthalten, was Du gesehen, berührt und beobachtet hast. Schreibe, als wenn der Jung-i-Lat (Oberbefehlshaber) selbst im Geheimen mit einer großen Armee, um in den Krieg zu ziehen, gekommen wäre.«

»Wie groß die Armee?«

»Oh, ein halbes Lakh (Ostindisch: Hälfte von 100 000) Männern.«

»Torheit! Bedenke doch, wie selten und wie schlecht die Brunnen in dem Sande sind. Nicht tausend Männer könnten ihren Durst löschen.«

»Dann schreibe das nieder – auch die alten Brüche in den Mauern – und wo das Brennholz geschnitten wird – und wie das Temperament und die Gesinnung des Königs ist. Ich bleibe hier bis alle meine Pferde verkauft sind. Ich will einen Raum beim Torvorbau mieten und Du bist mein Buchhalter. Es soll ein gutes Schloß an der Tür sein.«

Der Bericht, in der fließenden, deutlichen St. Xaviers-Handschrift und die braun und gelbe, mit Lack überzogene Karte war noch vor einigen Jahren vorhanden. (Ein nachlässiger Schreiber verdarb sie mit Notizen über die zweite Dienstreise nach Leistan von E. 23., jetzt aber werden die Bleistift-Bemerkungen ziemlich verwischt sein.) Am zweiten Tage der Rückreise übersetzte Kim, bei der Flamme einer Öllampe schwitzend, Mahbub einen Bericht. Der Pathan erhob sich und beugte sich über die bunten Satteltaschen.

»Ich wußte, er würde eines Ehrenkleides würdig werden und hielt es bereit,« sagte er lächelnd. »Wäre ich Emir von Afghanistan (und wir werden ihn eines Tages sehen) so würde ich Deinen Mund mit Gold füllen.« Er breitete die Gewänder feierlich zu Kims Füßen aus. Da war eine goldgestickte, zu einem Kegel aufsteigende Turban-Mütze von Peshawur, mit einem Turban-Tuch, das in einer breiten Goldfranze endete. Da war eine gestickte Weste von Delhi, die über einem milchweißen, an der rechten Seite schließenden, prächtig niederwallenden Hemde getragen wurde: grüne Pyjamas mit geflochtener, seidener Taillenschnur, und damit nichts fehle, Pantoffeln von russischem Leder, himmlisch riechend, mit kokett aufgebogenen Spitzen.

»An einem Mittwoch und in der Morgenfrühe neue Kleider anzulegen, ist gefährlich,« sprach Mahbub feierlich. »Und wir dürfen nicht vergessen, daß es böses Volk in der Welt gibt. Also!«

Er krönte die Herrlichkeiten, die Kim vor Entzücken den Atem benahmen, durch einen mit Perlmutter und Nickel beschlagenen 9 mm-Revolver mit Selbstentladung.

»Ich wollte erst eine kleinere Bohrung nehmen, besann mich aber, daß diese hier Gouvernements-Kugeln faßt. Mit diesen kann ein Mann überall hin- und hergehen – besonders über die Grenze. Steh auf und laß Dich betrachten.« Er klopfte Kim auf die Schulter. »Mögest Du nimmer ermüden zu schauen, Pathan! Oh, die Herzen, die da brechen, die Augen, die sich abwenden werden unter halb geöffneten Lidern!«

Kim drehte sich rundum, streckte die Zehe und fühlte mechanisch nach dem Schnurrbart, der just zu sprossen begann; dann bückte er sich auf Mahbubs Füße nieder, um diese, da sein Herz zu voll für Worte war, mit seinen bebenden Händen zu streicheln. Mahbub kam ihm zuvor und umarmte ihn.

»Mein Sohn,« sprach er, »bedarf es der Worte zwischen uns? Aber ist nicht die kleine Waffe zum Entzücken? Alle sechs Kartuschen kommen mit einer Drehung heraus. Man soll sie auf der Brust nächst der Haut tragen, damit sie immer wie geölt bleibt. Trage sie sonst nirgends und so es Gott gefällt, wirst Du eines Tages einen Mann damit töten.«

»Oha!« rief Kim kläglich, »wenn ein Sahib einen Menschen tötet, wird er im Gefängnis gehängt.«

»Wahr: aber einen Schritt jenseit der Grenze sind die Leute vernünftiger. Tue sie weg, aber füttere sie zuvor. Was nützt eine ungespeiste Flinte?«

»Wenn ich in die Madrissah zurückgehe, muß ich sie Dir wiedergeben. Sie gestatten keine Waffe. Du wirst sie mir aufbewahren?«

»Sohn, ich bin der Madrissah müde, wo sie einem Manne die besten Jahre nehmen, um ihn zu lehren, was er nur auf der Heerstraße lernen kann. Die Torheit der Sahibs hat weder Kopf noch Fuß. Schadet nichts. Kann sein, dieser geschriebene Bericht erspart die fernere Sklaverei; und Gott weiß, wir brauchen Männer, mehr und mehr, für das Spiel.«

Mit verbundenem Mund, um sich vor dem wehenden Sand zu schützen, wanderten sie durch die Salzwüste nach Jodhpore, wo Mahbub und sein schöner Neffe Habib-Ullah viel Geschäfte machten, und dann – traurig, in europäischen Kleidern, aus denen er fast herausgewachsen war – fuhr Kim in zweiter Klasse nach St. Xavier zurück. Drei Wochen später traf Oberst Creighton, der in Lurgans Laden nach dem Preise von Thibetanischen Geisterdolchen fragte, Mahbub Ali als offenbaren Meuterer an. Lurgan Sahib operierte als Reserve.

»Das Pony ist fertig – vollendet – mit Maul und Schritt – Sahib. Von nun an, wenn es zum Spaß festgehalten wird, wird es von Tag zu Tag seine guten Manieren verlieren. Nehmt ihm den Zügel vom Nacken und laßt ihn los,« sprach der Pferdehändler. »Wir haben ihn nötig.«

»Aber er ist noch so jung, Mahbub – kaum sechzehn – nicht so?«

»Als ich fünfzehn alt war, Sahib, hatte ich meinen Mann geschossen und meinen Mann gezeugt.«

»Du verstockter, alter Heide.« Creighton wandte sich zu Lurgan. Der schwarze Bart nickte dem scharlachgefärbten des Afghanen Beifall zu.

»Ich würde ihn längst verwandt haben,« sagte Lurgan. »Je jünger je besser. Deshalb lasse ich meine kostbaren Juwelen von einem Kinde hüten. Ihr habt ihn mir gesendet, ihn auf die Probe zu stellen. Ich prüfte ihn in jeder Weise: er ist der einzige Knabe, den ich nicht dahin bringen konnte, Dinge zu sehen –«

»Im Krystall – im Tintentopf?« fragte Mahbub.

»Nein. Unter meiner Hand. Das ist mir noch nicht vorgekommen. Das zeigt, daß er stark genug ist – aber Ihr meint, Oberst Creighton, das ist nicht so leicht, wie es aussieht – jeden nach seinem Willen tun zu lassen? Und das war vor drei Jahren. Seit der Zeit habe ich ihn vieles gelehrt, Oberst Creighton. Ich glaube, Ihr verwertet ihn jetzt nicht richtig.«

»Hm! Kann sein, Ihr habt Recht. Aber, wie Ihr wißt, ist augenblicklich keine offizielle Arbeit für ihn da.«

»Laßt ihn aus – laßt ihn rennen,« unterbrach Mahbub. »Wer erwartet von einem Füllen, daß es gleich schwere Lasten trägt? Laßt ihn auf gut Glück mit den Karawanen laufen wie unsere weißen Kamel-Füllen. Ich würde ihn zu mir nehmen, aber –«

»Da ist im Süden eine Kleinigkeit zu tun, wobei er sehr nützlich sein könnte,« meinte Lurgan, mit besonders sanftem Ton, seine schweren, blau getuschten Augenlider senkend.

»E. 23. hat das in Händen,« sagte Creighton, rasch einfallend.

»Er darf nicht dorthin. Außerdem versteht er nicht Türkisch.«

»Beschreibt ihm nur das Format und den Geruch der Briefe, die wir brauchen,« beharrte Lurgan, »und er wird sie uns bringen.«

»Nein. Das ist Arbeit für einen Mann,« sagte Creighton. Es betraf eine halsbrecherische Angelegenheit, eine ungehörige, aufwieglerische Korrespondenz zwischen einer Person, die sich als allein maßgebende Autorität in allen Dingen der mohammedanischen Religion durch alle Welt betrachtete, und einem jüngeren Mitglied eines königlichen Hauses, das wegen Frauenraubes auf britischem Territorium in den Geheimakten geführt wurde. Der muselmännische Erzbischof war emphatisch und überarrogant, der junge Prinz nur aufgebracht wegen sogenannter Verkürzung seiner Privilegien gewesen; aber er mußte verhindert werden, eine Korrespondenz weiter zu führen, die ihn schließlich kompromittieren konnte. Einer der Briefe war schon abgefaßt, aber der Finder wurde später, als arabischer Handelsmann gekleidet, tot am Wege gefunden; dies berichtete E. 23. (der die Arbeit übernommen) pflichtgemäß.

Diese Fakten und einige andere, nicht zu veröffentlichende, ließen Mahbub und Lurgan die Köpfe schütteln.

»Laßt ihn denn mit dem Roten Lama gehen,« sagte, mit sichtlicher Überwindung, der Roßkamm. »Er hat den alten Mann lieb. Er kann wenigstens bei dem Rosenkranz seine Schritte abzählen lernen.«

»Ich hatte mich ein paarmal mit dem alten Mann zu beschäftigen – brieflich,« sprach Creighton lächelnd. »Wohin geht er?«

»Er ist diese drei Jahre auf- und abgewandert im Lande. Er sucht einen Strom des Heils. Gottes Fluch über alle –« Mahbub verstummte plötzlich. »Er hat Quartier im Tempel der Tirthankeers oder zu Buddh Gaya, wenn er von der Wanderschaft kommt. Alsdann geht er nach der Madrissah, um den Knaben zu sehen: wir wissen es, denn der Knabe wurde zwei- oder dreimal deswegen bestraft. Er ist ganz verrückt, aber ein friedlicher Mann. Ich habe ihn getroffen. Auch der Babu hat mit ihm zu tun gehabt. Wir beobachteten ihn diese drei Jahre. Rote Lamas sind nicht so häufig in Indien, daß man die Spur verlieren könnte.«

»Babus sind zuweilen sonderbar,« sprach Lurgan nachdenklich. »Wißt Ihr, was Hurree Babu wirklich will? Er will Mitglied der Königlichen Akademie der Wissenschaften werden durch seine ethnologischen Berichte. Ich teilte ihm alles mit, was Mahbub und der Knabe mir über den Lama gesagt. Hurree Babu geht nach Benares – auf seine eigenen Kosten, denke ich.«

»Ich nicht,« sagte Creighton kurz. Er hatte, aus lebhafter Neugier zu erfahren, was der Lama eigentlich war, Hurrees Reisekosten bezahlt.

»Und er wandte sich an den Lama, wegen Unterweisung über Lamaismus und Teufelstänze und Zauberformeln, verschiedene Male in diesen drei Jahren. Heilige Jungfrau! All das hätte er von mir schon vor Jahren erfahren können. Ich glaube, Hurree Babu wird zu alt für das Umherstreifen. Er sammelt lieber Erfahrungen über Sitten und Lebensweise. Ja, er strebt danach, ein F. R. S. zu werden.« (Fellow of the Royal Society, Mitglied der Akademie der Wissenschaften.)

»Hurree denkt gut von dem Knaben, wie?«

»Oh, sehr! Wir hatten einige heitere Abende zusammen hier in meiner kleinen Behausung. Aber es wäre schade, den Knaben mit Hurree in den ethnologischen Dienst übergehen zu lassen.«

»Nicht für einen ersten Versuch. Was sagt Ihr, Mahbub? Lassen wir den Jungen sechs Monate mit dem Lama gehen! Später wollen wir sehen. Er kann wenigstens Erfahrungen sammeln.«

»Die hat er schon, Sahib – er kennt seinen Weg wie ein Fisch das Wasser, in dem er schwimmt. Aber jedenfalls wäre es richtig, ihn aus der Schule zu nehmen.«

»Gut also,« sprach Creighton halb zu sich selbst. »Er soll mit dem Lama gehen, und will Hurree Babu ein Auge auf sie haben, um so besser. Der Lama wird den Knaben nicht in Verlegenheit bringen, wie Mahbub. Sonderbar – dieser Wunsch ein F. R. S. zu werden! Und doch wie menschlich! Er paßt auch am besten für Ethnologie, Hurree –«

Weder Geld noch Bevorzugung würde Creighton bewogen haben, den Indischen Geheim-Dienst zu verlassen, aber tief in der Seele trug er den Ehrgeiz, F. R. S. hinter seinen Namen zu setzen. Gewisse Ehren waren durch Findigkeit und Hilfe von Freunden zu erzielen; aber, nach seinem besten Ermessen, konnte nur ein Leben voll wertvoller Arbeit einen Mann in die Gesellschaft erheben, die er seit Jahren mit Berichten über fremde asiatische Kulturen und unbekannte Sitten bombardierte. Neun von zehn Männern würden die Langeweile eines Abends in der Akademie fliehen, Creighton aber würde dieser Zehnte sein. Zuweilen sehnte er sich lebhaft nach dem behaglichen London, in die überfüllten Räume, wo silberhaarige und kahlköpfige Herren, die nichts von militärischen Angelegenheiten verstehen, spektroskopische Untersuchungen niedriger Pflanzenarten der eisigen Tundras oder elektrische Flugmaschinen vornehmen oder Apparate handhaben, um das linke Auge eines weiblichen Moskitos in millimetrische Teile zu schneiden. Nach Recht und Billigkeit hätte die Geographische Gesellschaft ihn berufen sollen; aber Männer sind so launisch wie Kinder bei der Wahl ihres Spielzeugs. – Creighton lächelte und dachte um so besser über Hurree Babu, da er mit ihm gleichen Ehrgeiz teilte.

Er legte den Geisterdolch aus der Hand und blickte zu Mahbub auf.

»Wann können wir das Füllen aus dem Stall holen?« fragte der Pferdehändler, in seinem Auge lesend.

»Hm! Wenn ich jetzt seine Entlassung anordne, was wird er, denkt Ihr, tun? Ich habe noch niemals die Erziehung von so einem geleitet.«

»Zu mir wird er kommen,« sagte Mahbub rasch. »Lurgan und ich werden ihn für die Reise vorbereiten.«

»So sei es denn. Sechs Monate mag er gehen wohin er will. Wer aber bürgt für ihn?«

Lurgan neigte leicht den Kopf. »Er wird nicht plaudern, wenn Ihr das fürchtet, Oberst Creighton.«

»Er ist immerhin noch ein Knabe.«

»J – ja; aber erstens, hat er nichts zu erzählen und zweitens, weiß er, was die Folge sein würde. Auch hat er Mahbub sehr lieb und mich ein wenig.«

»Wird er Gehalt beziehen?« fragte der praktische Pferdehändler.

»So viel als zu Nahrung und Wasser notwendig ist. Zwanzig Rupien im Monat.«

Ein Vorzug des Geheim-Dienstes ist, daß keine ermüdende Revision stattfindet. Der Dienst wird lächerlich knapp gehalten, aber die Fonds werden von Männern verwaltet, die weder die Aufführung der einzelnen Posten in den Rechnungen noch Quittungen verlangen. Mahbubs Auge leuchtete auf mit einer fast eines Sikhs würdigen Freude am Gelde und selbst Lurgans unbewegliches Gesicht belebte sich. Er dachte der Zeit, da Kim in das Große Spiel eingefügt würde, das, über ganz Indien verbreitet, weder Tag noch Nacht ruht; und der Ehre und des Ansehens, das ihm, als Lehrer dieses Schülers zu Teil werden würde von den wenigen Auserwählten. Lurgan Sahib hatte E. 23. aus einem verwilderten, frechen, verlogenen kleinen Kerl aus den nordwestlichen Provinzen zu dem gemacht, was E. 23. jetzt war.

Die Freude seiner Lehrer war aber nur schwach und bleich neben Kims Freude, als der Direktor von St. Xavier ihm ankündigte, daß Oberst Creighton ihn rufen lasse.

»Ich vermute, O'Hara,« sprach der Direktor, »daß der Oberst Ihnen eine Stelle als Meß-Assistent im Kanal-Departement ausgewirkt hat. Das ist der Lohn für Fleiß in Mathematik. Es ist ein großes Glück für Sie, denn Sie sind erst siebzehn Jahre alt; aber Sie begreifen, daß Sie nicht dauernd angestellt werden, bevor Sie Ihre Examen im Herbst bestanden haben. Sie müssen also nicht wähnen, daß Sie zum Vergnügen in die Welt hinaus gehen oder daß Ihr Glück nun ein für allemal gemacht ist. Es bleibt noch viel schwere Arbeit für Sie zu tun. Nur wenn es Ihnen gelingt ›pukka‹ zu werden, können Sie es bis zu vierhundert und fünfzig monatlich bringen.« Hierauf gab der Direktor ihm noch gute Lehren betreffs Führung, Sitten und Moral. – Ältere Schüler, die noch keine Aussicht auf Stellung hatten, sprachen wie nur Anglo-Indische Burschen sprechen können, von Begünstigung und Bestechung. Der junge Cazalet, dessen Vater seine Pension in Chunar verzehrte, sprach es unverblümt aus, daß Oberst Creightons Interesse für Kim direkt väterlich sei; und Kim, statt ihm zu vergelten, fluchte nicht einmal. Er dachte nur an das in Aussicht stehende Vergnügen, an Mahbubs gestrigen, in nettem Englisch geschriebenen Brief, der ihn für Nachmittag nach einem Hause hinbestellte, dessen Erwähnung allein des Direktors Haar vor Entsetzen gesträubt haben würde.

Am selben Abend sprach Kim zu Mahbub, bei dem Gepäckwagen auf der Lucknow-Station stehend: »Ich fürchtete, daß, bevor ich heraus wäre, mir das Dach noch auf den Kopf fallen könnte. Oh, mein Vater, ist es denn wirklich wahr?«

Mahbub schnappte mit den Fingern als Zeichen, daß alles wahr sei, und seine Augen funkelten wie rote Kohlen.

»Wo ist dann meine Pistole, daß ich sie trage?«

»Sachte! Ein halbes Jahr magst Du noch ohne Fersenstrick laufen. Das erbat ich für Dich von Oberst Creighton Sahib, mit zwanzig Rupien monatlich. Der alte Rot-Hut weiß, daß Du kommst.«

»Ich will Dir Dustoorie (Kommission) zahlen, drei Monate lang,« sprach Kim ernsthaft. »J – ja, zwei Rupien von meinem Gehalt jeden Monat. Vor allem aber muß ich dies los werden.« Er zupfte an seinen dünnen Leinwandhosen und zerrte an seinem Kragen. »Ich habe alles, was ich auf der Landstraße brauche, bei mir. Meinen Koffer habe ich Lurgan Sahib gesendet.«

»Der Dir seine Salaams sendet – Sahib.«

»Lurgan Sahib ist ein sehr kluger Mann. Und was wirst Du jetzt tun, Mahbub?«

»Ich gehe wieder nordwärts in dem Großen Spiel. Was sonst? Bist Du noch immer gewillt, dem alten Rot-Hut zu folgen?«

»Vergiß nicht, er machte mich zu dem, was ich bin – obwohl er es nicht wußte. Jahr auf Jahr sendete er das Geld für meine Erziehung.«

»Das hätte ich auch tun können,« brummte Mahbub, »wäre es mir nur in meinen Dickkopf gekommen. Laß uns gehen. Die Lampen sind schon angezündet; es wird Dich niemand im Basar bemerken. Wir gehen nach Huneefas Haus.«

Auf dem Wege dahin gab Mahbub Kim fast dieselben Ratschläge, die Lemuel (arabischer König) von seiner Mutter empfing, und, sonderbar genug, er war sehr darauf bedacht, hervorzuheben, wie Huneefa und ihresgleichen Könige zugrunde gerichtet hätten.

»Und dabei erinnere ich mich,« sprach er schelmisch, »eines, der da sagte: Trau einer Schlange mehr als einer Dirne und einer Dirne mehr als einem Pathan. Nun, ausgenommen das von den Pathans, da ich selbst einer bin, ist alles Übrige wahr. Besonders wahr ist es in dem Großen Spiel, denn nur die Weiber sind schuld, wenn Pläne mißlingen, nur Weiber sind schuld, wenn wir im Morgengrauen mit durchschnittener Kehle am Wege liegen. So geschah es dem und dem –,« er gab die grausigsten Details.

»Warum denn aber –?« Kim stockte vor einer schmutzigen Treppe, die in die warme Dunkelheit eines oberen Raumes im Hofe hinter Azim Ullahs Tabakladen führte. Die den Raum kennen, nennen ihn das Vogelbauer – so voll ist er von Wispern und Pfeifen und Flüstern. Das Zimmer, mit seinen unsauberen Kissen und halb ausgerauchten Pfeifen, roch abscheulich nach kaltem Tabak. In einer Ecke lag eine große, unförmliche, in grünliche Gaze gehüllte Frau, Stirn, Nase, Ohr, Nacken, Brust, Arme und Fußknöchel mit plumpen, einheimischen Schmucksachen beschwert. Bewegte sie sich, so war es, als ob kupfernes Geschirr aneinander klirrte. Eine magere Katze miaute hungrig draußen vor dem Fenster. Kim blieb verwirrt neben dem Türvorhang stehen.

»Ist das die Remonte, Mahbub?« frug Huneefa mit träger Stimme, kaum die Pfeifenspitze von den Lippen nehmend. »Oh, Buktanoos!« – wie meist alle von ihrer Art schwor sie bei den Djinns – »Oh, Buktanoos! Er ist hübsch anzuschauen.«

»Das bezieht sich auf den Pferdehandel,« erklärte Mahbub. Kim lachte.

»Solche Rede hörte ich seit meinem sechsten Tag,« erwiderte er, sich im Hellen niederlegend, »wohin soll sie führen?«

»Zu einer Beschützung. Heute Abend ändern wir Deine Farbe. Der Schlaf unter den Dächern hat Dich weiß gemacht wie eine Mandel. Huneefa kennt das Geheimnis einer Farbe, die haftet – kein Anmalen, das zwei oder drei Tage hält. Auch gegen Zufälle auf der Reise stärken wir Dich. Das ist mein Geschenk für Dich, mein Sohn. Lege alles Metallische, was Du an Dir trägst, ab und hierher. Mach' Dich bereit, Huneefa.«

Kim zog seinen Kompaß hervor, seinen Tuschkasten und den frisch gefüllten Arznei-Kasten. Diese Dinge hatten ihn auf allen Wegen begleitet, und er schätzte sie in kindlicher Weise sehr hoch.

Das Weib erhob sich langsam und bewegte sich mit vorgestreckten Händen vorwärts. Kim sah, daß sie blind war. »Nein, nein,« murmelte sie, »der Pathan spricht wahr, meine Farbe schwindet nicht in einer Woche oder einem Monat, und die, die ich beschütze, sind in starker Hut.«

»Wenn fern und allein, ist es bös, plötzlich fleckig und aussätzig zu werden,« sprach Mahbub. »So lange Du bei mir warst, konnte ich Dich behüten, und ein Pathan hat gesunde Haut. Entkleide Dich bis zu den Hüften und schau, wie Du gebleicht bist.« Huneefa tastete sich aus einem hinteren Raum zurück. »Es schadet nicht, daß sie nicht sehen kann.« Er nahm eine Zinnschale aus ihrer mit Ringen überladenen Hand. Der Farbstoff schien blau und klebrig. Kim probierte ihn auf seinem Rücken mit einem Klümpchen Baumwolle; Huneefa hörte es. »Nein, nein,« rief sie, »so nutzt es nichts, nur mit den richtigen Zeremonien. Die Farbe ist das Wenigste. Ich verleihe Dir den vollen Schutz des Weges.«

»Jadoo?« (Magie) rief Kim halb erschrocken. Die weisen, blicklosen Augen waren ihm unheimlich. Mahbubs Hand legte sich auf seinen Nacken und drückte ihn nieder, bis er mit der Nase fast den Boden berührte.

»Sei ruhig. Nichts Übles geschieht Dir, mein Sohn. Ich opfere mich für Dich.«

Kim konnte nicht sehen, was die Frau tat, er hörte nur einige Minuten das Klick-Klack ihrer Schmucksachen. Ein Zündholz leuchtete in der Dunkelheit auf, er hörte das wohlbekannte knisternde Geräusch von angezündeten Weihrauchkörnern. Der Raum füllte sich mit Rauch, schwer, aromatisch, betäubend. In wachsender Bewußtlosigkeit vernahm er die Namen von Teufeln – von Zulbazan, dem Sohn des Ebis, der in Bazaren und Paraos sein Wesen treibt und gottlose Bosheiten auf den Halteplätzen an der Wegseite verübt – von Dulhan, der unsichtbar über Moscheen schwebt, sich in die Pantoffeln der Gläubigen schleicht und sie am Beten hindert – von Musboot, dem Dämon der Lüge und der Panik. Bald flüsterte Huneefa ihm ins Ohr, bald hörte er sie wie aus weiter Entfernung reden. Sie berührte ihn mit schauderhaft weichen Fingern, und Mahbubs Griff lastete auf seinem Nacken; bis der Knabe, endlich losgelassen, völlig bewußtlos lag.

»Allah! Wie er kämpfte! Es wäre uns nie gelungen, ohne daß wir ihn betäubten. Das macht, nehme ich an, sein weißes Blut,« erklärte Mahbub. »Fahre fort mit Dawut (Beschwörung). Gib ihm vollen Schutz.«

»Oh, Hörer! Du, der hört mit Ohren, sei gegenwärtig! Höre, o Hörer!« Huneefa wehklagte, ihre toten Augen wandten sich nach Westen. Der dunkle Raum war voller Wehklagen und Schnaufen.

Auf dem äußeren Balkon richtete eine plumpe Gestalt ihren runden Kugelkopf empor und hustete nervös.

»Unterbrich nicht diese bauchrednerische Zauberei, meine Freundin,« sprach sie auf Englisch, »ich bin der Meinung, daß es Dich wohl verdrießen mag, aber ein erleuchteter Beobachter ist nicht so leicht aus der Fassung zu bringen.«

»Ich will auf ihr Verderben sinnen! Oh, Prophet, habe Nachsicht mit den Ungläubigen! Laß sie eine Weile in Frieden!« Huneefas Antlitz, nun nordwärts gedreht, verzerrte sich schrecklich, und es war, als ob Stimmen von der Decke herab ihr antworteten.

Hurree Babu nahm sein Notizbuch wieder vor und bewegte sich auf der Schwelle des Balkons hin und her, aber seine Hände zitterten. Huneefa, in einer Art trunkener Extase, wiegte sich, mit gekreuzten Beinen neben Kims stillem Haupte sitzend, hin und her, und rief in der alten Ordnung des Rituals Teufel nach Teufel an und befahl ihnen, dem Knaben fern zu bleiben, möge er unternehmen, was es auch sei.

»Mit ihm sind die Schlüssel der geheimen Dinge. Keiner kennt sie neben ihm. Er weiß, was auf dem trockenen Lande ist, und er weiß, was in dem Meere ist!« Wieder brachen die unheimlichen, wispernden Antworten hervor.

»Ich – ich nehme an, daß nichts Verderbliches bei dieser Operation ist,« sagte der Babu, die bebenden und zuckenden Halsmuskeln Huneefas, die jetzt mit Zungen sprach, anstarrend. »Es – es ist doch wohl nicht wahrscheinlich, daß sie den Knaben umgebracht hat? Wenn ja – verweigere ich mein Zeugnis beim Verhör . . . Welchen hypothetischen Teufel nannte sie zuletzt?«

»Babuchen,« sagte Mahbub im Dialekt, »ich habe keinen Respekt vor den Teufeln von Hind, aber mit den Söhnen von Eblis ist das eine andere Sache; und ob sie nun jumalee (wohlwollend) oder jullalee (bösartig) sind, jedenfalls lieben sie die Kafirs (Ungläubigen) nicht.«

»Dann, meinst Du, wäre es besser, ich ginge?« sagte Hurree Babu, sich halb erhebend. »Sie sind natürlich entkörperte Phänomene. Spencer sagt –«

Huneefa's Krisis endete wie gewöhnlich nach solchem Vorgang in einem Paroxismus von Heulen. Schaum auf den Lippen, lag sie erschöpft und bewegungslos neben Kim, und die wahnsinnigen Stimmen schwiegen.

»Uah! Das Werk wäre vollbracht. Dem Knaben wird wohl sein, und Huneefa ist sicherlich Meisterin in Zauberkünsten. Hilf sie bei Seite schleppen, Babu. Fürchte Dich nicht.«

»Wie könnte ich fürchten, was nicht existiert?« sagte Hurree Babu, Englisch sprechend, um sich zu beruhigen. – »Es ist ein eigen Ding, die Magie zu scheuen und zu verachten – und ihr doch heimlich nachzuspüren; Folklore-Berichte für die Akademie zu sammeln und an alle Mächte der Finsternis zu glauben.«

Mahbub schüttelte sich vor Lachen. Er kannte Hurree von der Wanderschaft her. »Laß uns die Malerei fertig machen,« sprach er. »Der Knabe ist gut beschützt, wenn – wenn die Herren der Lüfte Ohren haben zu hören. Ich bin ein Sufi (Freidenker); aber wenn man einer Frau, einem Hengst oder einem Teufel die schwache Seite abgewinnen kann, warum denn auf eine andere Seite gehen und sich einen Tritt holen? Bringe Du den Knaben auf den Weg, Babu, und paß auf, daß der alte Rot-Hut den nicht aus unserem Bereich leitet. Ich muß zu meinen Pferden zurück.«

»Sehr wohl,« sagte Hurree Babu. »Für den Augenblick sieht der Knabe sonderbar aus.«

Um den dritten Hahnenschrei erwachte Kim, mit dem Gefühl, als habe er tausend Jahre geschlafen. Huneefa, in ihrer Ecke, schnarchte laut. Mahbub war fort.

»Ich hoffe, man hat Euch nicht erschreckt,« sprach eine fettige Stimme an seiner Seite. »Ich überwachte die ganze Operation, welche sehr interessant, vom ethnologischen Standpunkt aus, war. Es war höchstklassige Dawut.«

»Huh!« machte Kim, Hurree Babu erkennend, der verbindlich lächelte.

»Ich hatte auch die Ehre, Euer gegenwärtiges Kostüm von Lurgan Sahib zu überbringen. Es ist nicht meine offizielle Obliegenheit, solchen Flittertand an Untergebene abzuliefern, aber« – er kicherte – »Euer Fall ist als eine Ausnahme in den Büchern vermerkt. Ich hoffe, Mr. Lurgan wird meine Tat notieren.«

Kim gähnte und reckte sich. Es war angenehm, sich wieder in losen Kleidern zu bewegen. »Was ist dies?« Er betrachtete neugierig den schweren, von nordischen Gerüchen durchzogenen Düffelstoff.

»Oho! Das ist das unverdächtige Kleid eines Chela, der dem Dienst eines lamaistischen Lamas zugewiesen ist. Vollständig in jeder Beziehung,« sprach Hurree Babu und ging schwerfällig auf den Balkon, um seine Zähne aus einem Wasserkühler zu reinigen. »Ich bin der Meinung, es ist nicht genau die Religion des alten Herrn, sondern eher abweichend von ihr. Ich habe über diese Dinge der Asiatischen Vierteljahrsschrift Berichte erstattet, die man aber ablehnte. Sonderbar, daß der alte Herr selbst aller Religiosität bar ist. Er nimmt es nicht im Geringsten genau.«

»Kennt Ihr ihn denn?«

Hurree Babu hielt die Hand in die Höhe, um anzudeuten, daß er mit dem vorgeschriebenen Zeremoniell beschäftigt sei, das ein wohlerzogener Bengale beim Zähneputzen und solchen Dingen beobachtet. Dann rezitierte er in englischer Sprache ein Arya-Somey-Gebet theistischer Natur und stopfte sich den Mund mit Pan und Betel.

»O–a! Ja. Ich traf ihn einige Mal zu Benares und Buddh Gay und befragte ihn über religiöse Punkte und Teufel-Anbetung. Er ist rein agnostisch gesinnt – ebenso wie ich.«

Huneefa regte sich im Schlaf und Hurree Babu stürzte nervös nach der kupfernen Weihrauchschale, die farblos schwarz im Morgenlicht erschien, tauchte einen Finger in den angesammelten Ruß und fuhr damit diagonal über sein Gesicht.

»Wer starb in Deinem Hause?« fragte Kim im Dialekt.

»Niemand. Aber sie könnte den bösen Blick haben – die Zauberin,« entgegnete der Babu.

»Was wirst Du jetzt unternehmen?«

»Ich will Dich auf den Weg nach Benares bringen, wenn Du dahin gehst und Dir mitteilen, was Du von ›Uns‹ wissen mußt.«

»Ich komme. Um wie viel Uhr geht der Zug?« Er erhob sich, blickte sich in dem öden Zimmer um und in das wachsgelbe Gesicht Huneefas, beim Schimmer der tief stehenden Sonne. »Muß ich der Hexe was bezahlen?«

»Nein. Sie hat Dich durch Zauber geschützt gegen alle Gefahren und alle Teufel – im Namen ihrer Teufel. Es war Mahbubs Wunsch.« Auf Englisch: »Er ist sehr in der Bildung zurück, an solchem Aberglauben zu hängen. Es ist ja nur Bauchredekunst. Bauchsprache –«

Kim schnappte mechanisch mit den Fingern, um jedes Übel abzuwenden – Mahbub, wußte er, sann auf keins – das aus den Manipulationen Huneefas ihn befallen könnte und Hurlee kicherte wieder, vermied aber sehr vorsichtig beim Durchschreiten des Zimmers in Huneefas über den Boden gestreckten Schatten zu treten. Hexen, wenn ihre Zeit über ihnen ist, können eines Mannes Seele an den Fersen festhalten, wenn er in ihren Schatten tritt.

»Nun, hört wohl zu,« sprach der Babu, als sie draußen waren. »Zum Teil werden die Zeremonien, denen wir hier beiwohnten, auch bei der Lieferung von wirkungsvollem Zauberschutz für Die von unserm Departement angewendet. Fühlt an Euern Hals, Ihr findet da ein kleines silbernes, sehr billiges Amulett. Das ist Unseres. Versteht Ihr?«

»O–a, ja – hawa–dilli,« sagte Kim, an seinen Hals fühlend.

»Huneefa macht sie für zwei Rupien, zwölf Annas, eingeschlossen – o, alle Arten von Exorcismus. Sie sind ganz allgemein, ausgenommen, daß sie meist von schwarzer Email sind und inwendig ein Zettel liegt mit Namen von einheimischen Heiligen und solchem Zeug. Das ist Huneefas Werk, seht Ihr? Huneefa liefert sie nur für uns und tut sie es einmal nicht, so legen wir, bevor wir sie ausgeben, ein kleines Stück von einem Türkis hinein. Mr. Lurgan liefert das; eine andere Hilfsquelle gibt es nicht. Ich aber habe dies alles erdacht. Es ist geradezu unoffiziell, natürlich, aber paßt gut für Untergeordnete. Oberst Creighton weiß nichts davon. Er ist Europäer. Der Türkis ist in Papier gewickelt . . . ja, dies ist der Weg zur Station . . . Nun, vermutlich geht Ihr mit dem Lama, später, hoffe ich, mit mir oder mit Mahbub. Nehmt an, wir gerieten in eine verdammt kritische Lage. Ich bin ein ängstlicher Mann – sehr ängstlich – aber ich sage Euch, ich bin öfter in verdammt kritischen Lagen gewesen als ich Haare auf dem Kopf habe. Dann sprecht Ihr: ›Ich bin Sohn des Zaubers‹ – Sehr gut.«

»Ich verstehe nicht ganz. Man darf auch hier nicht hören, daß wir Englisch sprechen.«

»Sehr wohl. Ich bin nur ein Babu, der mit seinem Englisch prahlt. Wir Babus sprechen alle Englisch, um damit zu prahlen,« sagte Hurree, sein Schultertuch flott schwenkend. »Was ich sagen wollte: ›Sohn des Zaubers‹ bedeutet, daß Ihr Mitglied der Sat Bhai – der Sieben Brüder sein könntet – was Hindi und Tantric (Lehre der Tantras) ist. Es wird allgemein angenommen, daß es eine erloschene Genossenschaft ist, ich aber habe Berichte geschrieben, um zu beweisen, daß sie noch existiert. Ihr seht, es ist alles mein Gedanke. Sehr wohl! Sat Bhai hat viele Mitglieder und vielleicht – ehe sie Euch flott die Gurgel abschneiden – geben sie Euch eine Chance zum Leben. Das ist jedenfalls nützlich. Und überdies, diese närrischen Eingeborenen – wenn sie nicht gar zu exaltiert sind – besinnen sich, ehe sie einen Mann töten, wenn er sagt, daß er irgend einer spezifischen Organisation angehört, seht Ihr? Ihr sprecht also, wenn Ihr in kritischer Lage seid: ›Ich bin Sohn des Zaubers‹ und Ihr gewinnt – vielleicht – ah – günstigen Wind. Das ist nur für außergewöhnliche Gelegenheiten oder wenn Ihr Unterhandlungen mit einem Unbekannten anknüpfen wollt. Versteht Ihr ganz genau? Seht wohl! Nehmt nun an, ich, oder ein anderer von unserm Departement, träte in ganz fremder Kleidung zu Euch. Mich würdet Ihr nicht erkennen, wenn ich wollte, was wettet Ihr? Ich werde es Euch eines Tages beweisen. Ich komme also als Ladakhi-Händler – o, als irgend etwas – und ich spreche zu Euch: »Ihr wollt kostbare Steine kaufen?« Ihr antwortet: »Sehe ich aus, wie einer, der kostbare Steine kauft?« Und ich spreche: »Selbst ein sehr armer Mann kann Türkisen oder Tarkeean kaufen.«

»Das ist Kichree« (Kedjeree, ind. Gericht aus Reis, Erbsen, Zwiebeln usw. Mischmasch) sagte Kim – »Pflanzen-Curry.«

»Natürlich ist es das. Ihr sprecht: ›Laß mich das Tarkeean sehen.‹ Ich sage: ›Es ward von einem Weibe gekocht und ist vielleicht nicht gut für Deine Kaste.‹ Dann sprecht Ihr: ›Es gibt keine Kaste, wenn Männer Tarkeean sehen – wollen.‹ Ihr pausiert ein wenig zwischen den Worten ›sehen – wollen.‹ Das ist das ganze Geheimnis. Die kleine Pause zwischen den Worten.« Kim wiederholte versuchsweise diese Worte.

»Sehr wohl! Dann, wenn Zeit dazu ist, zeige ich Euch meinen Türkis und Ihr wißt wer ich bin, und dann tauschen wir Ansichten und Dokumente und solche Dinge aus. Und so ist es mit jedem von uns. Zuweilen reden wir von Türkisen, zuweilen von Tarkeean, aber stets mit der kleinen Pause zwischen den Worten. Es ist ganz leicht. Zuerst: »Sohn des Zaubers«, wenn Ihr in kritischer Lage seid. Vielleicht hilft Euch das – vielleicht nicht. Dann: Das, was ich Euch von Tarkeean sagte, wenn Ihr offizielle Geschäfte mit einem Fremden verhandeln wollt. Jetzt, natürlich, habt Ihr keine offiziellen Geschäfte, Ihr seid – ah – ah! Supernumerar auf Probe. Ganz einziges Specimen. Wäret Ihr Asiate von Geburt, könntet Ihr frischweg verwendet werden; dies halbe Jahr Urlaub soll Euch entenglischen, seht Ihr? Der Lama erwartet Euch, denn ich habe ihn halb offiziell unterrichtet, daß Ihr alle Euere Examina bestanden und bald Regierungs-Anstellung zu gewärtigen habt. Oh, ho! Ihr seid jetzt auf Vergünstigungsration gesetzt, seht Ihr? Wenn Ihr aber angerufen werdet, um Söhnen des Zaubers beizustehen, so versucht es flottweg. Nun sage ich Euch Lebewohl, mein lieber Kerl, und ich hoffe, Ihr werdet Euch – ha – das Oberste zu unterst – gut herausziehen.«

Hurree Babu trat einige Schritte in das Gedränge am Eingang der Station zurück und – war verschwunden. Kim tat einen tiefen Atemzug und schüttelte sich. Er fühlte den nickelbeschlagenen Revolver auf seiner Brust, das Amulett an seinem Hals; Bettelschale, Rosenkranz, Geisterdolch (Mr. Lurgan hatte nichts vergessen) waren zur Hand, nebst Medikamenten, Tuschkasten und Kompaß; und in einem alten, abgenutzten, mit Schildkrötenschalen-Muster gestickten Geldgürtel lag der Sold für einen Monat. Könige konnten nicht reicher sein. Er kaufte von einem Hindu Zuckerwerk in einer Blattdüte und aß voller Entzücken, bis ein Polizist ihn von den Stufen verwies.



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