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Drittes Buch

 

1

Im Herbst reiste Wenzel in Geschäften nach Holland, England und Amerika. Als er zurückkehrte, sah es in Deutschland schon winterlich aus. In Kuxhaven schneite es, und zwischen Hamburg und Berlin waren die Felder schneeweiß. Der Winter setzte außerordentlich früh ein.

Kaum in Berlin angekommen, stürzte sich Wenzel in die Arbeit. Er hatte Pläne mitgebracht, du lieber Himmel. Selbst Goldbaum, der an manches gewöhnt war, verschlug es die Sprache. Tochtergesellschaften in England und Amerika, Neugründungen, ein deutsch-amerikanischer Konzern riesenhaften Ausmaßes war im Entstehen. Aber auch in bezug auf Zerstreuungen hatte Wenzel viel nachzuholen. Feste, Spiel, Theater, Frauen. Die Wochen flogen dahin.

In dieser Zeit sah man Wenzel fast jeden Abend in der Gesellschaft Jennys. Jenny in immer neue kostbare Gewänder, Umhänge, Mäntel gekleidet.

Wenige Tage vor Weihnachten speiste er mit ihr und einem dicken holländischen Bankier im Adlon. Sie plauderten und unterhielten sich vorzüglich – plötzlich aber rauschte eine Dame durch den Saal, die alle Blicke auf sich zog. Die Dame trug eine Struwwelpeter-Frisur, lackrot glänzend, wie Goldfische, die sich rasch bewegen. Sie war schlank, groß, ihr fast magerer Körper in eine kühne, extravagante Robe eingehüllt. Ihr Profil, hochmütig in die Luft geworfen, war kühn, ja verwegen. Zwei hagere Herren begleiteten sie, offenbar Engländer oder Amerikaner. Geschmeide blitzte, herausfordernd war ihr Gang, die ganze Verwöhntheit und Arroganz ihrer Kaste umgab sie.

Ihre Stimme traf Wenzels Ohr – und augenblicklich horchte er auf. Er kannte diese Stimme, obschon sie englisch sprach. Und plötzlich fiel ihm ein, wer diese Frau war, der die Blicke aller Männer und Frauen folgten.

Seine Augen begannen sonderbar zu brennen.

»Oh,« rief der dicke Holländer bewundernd aus.

»Wer ist diese Dame?« fragte Jenny, der Wenzels Erregung nicht entging. (Später erinnerte sie sich deutlich der Beklemmung, die sie in diesem Augenblick befiel.)

Wenzel tat gleichgültig. Er zuckte die Achsel. »Fast hätte ich sie nicht wiedererkannt,« sagte er. »Sie hat jetzt rötliches Haar, früher war sie brünett. Es ist die Tochter des alten Raucheisen, Esther Raucheisen, jetzt Lady Weatherleigh.«

Vor Jahren war Wenzel auf ihrer Hochzeit gewesen, auf dem Schloß des alten Raucheisen, Charlottenruh. Oh, nicht als Gast, keineswegs. Als Automat, als Sekretär Raucheisens hatte er allerlei kleine Dienste zu verrichten, Pässe, Papiere zu besorgen, Telegramme zu senden. Er war nicht einmal zur Tafel geladen gewesen. Esther hatte Sir John Weatherleigh, Sohn des Reeders Weatherleigh in London, geheiratet und war seit etwa einem Jahre geschieden. Die Ehe war nicht glücklich. Sir John, ein hübscher, blonder, gutgekleideter und korrekt gescheitelter, nichtssagender Junge, machte sich, so erzählte man, nichts aus Frauen. Also war Lady Weatherleigh, war Esther Raucheisen wieder in Deutschland.

Diese Frau, umsprüht vom Glanz ihres Reichtums und ihrer Extravaganzen, beschäftigte ihn von diesem Augenblick an. Er hatte an diesem Abend noch eine sehr wichtige geschäftliche Konferenz, aber er war zerstreut, müde und bat, die Besprechung auf morgen zu verschieben. Wenzel Schellenberg müde! Goldbaum sah ihn erstaunt an. Es war das erstemal, daß Wenzel etwas verschob. Er, der sonst nicht vor Konferenzen zurückschreckte, sollten sie auch bis zum frühen Morgen dauern.

Was, zum Henker, mochte in ihn gefahren sein?

Wenzel war nachdenklich. So sonderbar es war, er konnte nicht mehr vergessen, wie diese Frau durch den Speisesaal ging. Welch ein Gang war das doch!

Esther Raucheisen war also wieder in Berlin. Sie war eigentlich nicht schön, wenn man es genau überlegte. Aber sie hatte Rasse, ihre Mutter war Engländerin alten Adels. Ihr Profil kühn, fast leichtsinnig, gab zu denken. Sah man sie aber von vorn, so erschien das Gesicht plötzlich nachdenklich, geheimnisvoll, rätselhaft. Sie hatte große graue Augen und einen schönen, etwas herrischen Mund. Ihre Backenknochen waren betont, die Wangen kantig geschnitten – so wenigstens hatte er sie in der Erinnerung. Sie war launisch, verwöhnt, unberechenbar, ein Geschöpf ihrer Kaste. Plötzlich aber kam Wenzel dieser sonderbare, launenhafte Einfall: Diese Esther Raucheisen, sagte er sich nachdenklich, ist gewiß eine Frau, wert, sie zu erobern. Es war eine Sache, wie? Nicht ihr Reichtum würde mich interessieren, dieser Besitz bedeutet Belastung. Nein, die Frau allein, auch wenn sie nicht einen Pfennig besäße! Und wie amüsant wäre es, der alte Raucheisen würde Gift und Galle speien!

Dieser Gedanke versetzte Wenzel in strahlende Laune. Am nächsten Abend ging er mit Jenny in den Zirkus, und nach der Vorstellung speisten sie zusammen in Jennys Villa. Seit langem hatte Jenny Wenzel nicht bei so prachtvoller Laune gesehen.

 

2

In den nächsten Tagen aß Wenzel jeden Mittag und Abend im Adlon. Endlich erschien Esther wieder. Sie erwiderte seinen Gruß verletzend kühl, mit hochmütig hochschnellenden Brauen. Hinter ihrer launischen Stirn arbeitete es, sie dachte nach. Aber plötzlich schien sie sich seiner zu erinnern. Sie öffnete die Lippen und lächelte. Später begrüßte er sie. Sie wechselten sechs Worte, und Wenzel verließ den Saal.

Am nächsten Tag war Esther Raucheisen nicht mehr im Hotel. Sie war abgereist, nach Sankt Moritz, Stolpe stellte es fest.

Von diesem Augenblick an war Wenzel völlig verändert. Er war finster, grübelte.

Stolpe erhielt einen Auftrag, der ihm außerordentlich willkommen war. Er mußte heraus aus Berlin, und so nahm er Wenzels Order, sofort nach Sankt Moritz zu reisen, mit vergnügten Bücklingen entgegen.

Drei Tage später lief sein Bericht ein: Esther Raucheisen war im Hotel Carlton abgestiegen. Sie trieb viel Sport und befand sich meistens in der Gesellschaft eines englischen Majors Fairfax und des bekannten Pariser Bankiers Monsieur Blau. Stolpe hatte Zimmer bestellt.

Mackentin erhielt den Auftrag, die Vorbereitungen zur Reise zu treffen.

Wenzel befahl einem Sekretär, ihn mit dem Anwalt zu verbinden, der seine Scheidung bearbeitete. Er erkundigte sich bei dem Anwalt, wie weit die Angelegenheit gediehen sei.

Es zeigte sich, daß die Sache auch nicht um einen Schritt vorwärts gekommen war. Der Anwalt hatte offenbar nicht das geringste unternommen. Nach wie vor sträubte sich Lise gegen die Scheidung. Wenzel hatte ihr eine hohe Abfindungssumme angeboten. Sie verlangte das Sechsfache.

»Schicken Sie mir Ihre Liquidation!« rief Wenzel ins Telephon. Seine Stimme klang nicht gerade höflich.

Am gleichen Tage noch konferierte er mit einem Anwalt, der ein hervorragender Spezialist in Scheidungsangelegenheiten war. Dieser Anwalt hieß Vollmond. Er war schlicht, nüchtern, ruhig. Wenzel trug ihm seine Angelegenheit vor, und Vollmond schoß wie aus der Pistole kurze Fragen gegen ihn ab.

»Es wird gehen, Herr Schellenberg,« führte Vollmond hierauf in seiner hastigen Sprechweise aus. »Wir setzen den Hebel bei den Kindern an. Wir werden Frau Schellenberg drohen, ihr die Kinder wegnehmen zu lassen. Wir werden den Nachweis erbringen, daß die Lebensführung von Frau Schellenberg nicht geeignet ist, die Erziehung der Kinder günstig zu beeinflussen.«

Wenzel unterbrach ihn. »Ich möchte, wenn es geht, diesen Weg nicht einschlagen.«

»Dieser Weg ist der einzige, der rasch zum Ziele führt,« entgegnete der Anwalt. »Ich betrete ihn selbst nicht gern, man ist doch ein Mensch. Aber solch hartnäckigen Frauen gegenüber bleibt etwas anderes nicht übrig. Wir werden Frau Schellenberg beobachten lassen, sind Sie damit einverstanden?«

»Auch das möchte ich gern vermeiden.«

»Dann werden Sie die Scheidung nie erreichen! Also Sie stimmen zu? Wir werden Frau Schellenberg beobachten lassen und dann unsere Trümpfe ausspielen. Es geht nicht anders, glauben Sie mir. Ich habe hundert derartige Fälle bearbeitet. Ich werde Sie auf dem laufenden halten, Herr Schellenberg.«

Schließlich pflichtete Wenzel allen Vorschlägen des Anwaltes bei. »Es ist ja möglich, daß ich mich wieder verheiraten möchte,« sagte er lachend.

»Ich verstehe Sie, Sie wollen in erster Linie klare Verhältnisse.«

Wenzel spielte nur mit dem Gedanken einer möglichen Heirat. Aber auf jeden Fall traf er bereits seine Vorbereitungen. Seit einem vollen Jahre hatte er seine Scheidungsangelegenheit völlig außer acht gelassen.

Mackentin hatte ein Flugzeug bestellt. Um zehn Uhr morgens waren die Koffer verstaut, und zehn Minuten später hob sich die Maschine in die Luft. Schon begann Mackentin die Handtasche zu öffnen, die er mit in die Kabine gebracht hatte. Er entnahm ihr eine Flasche Sherry, zwei Gläser und ein Schachbrett. Sie hatten kaum das Weichbild von Berlin verlassen, als sie schon eifrig im Spiel waren. Mackentin rieb sich die Hände. Endlich einmal eine ruhige Partie!

Mit Behagen steckte er seine Zigarre in Brand.

Der Pilot schob einen Zettel in die Kabine: »Das Rauchen ist untersagt.«

Wenzel antwortete ihm auf einem Zettel: »Bauen Sie Ihre Kähne so, daß sie nicht brennen können!«

Über Leipzig zeigte es sich, daß Wenzel einen groben Fehler gemacht hatte. Er fluchte und gab die sorgfältig angelegte Partie auf. Sofort begannen sie ein neues Spiel. Über dem Fichtelgebirge kamen sie in ein Schneetreiben, aber das kümmerte sie nicht. Als sie über Nürnberg waren, schien die Partie für Wenzel sehr günstig zu stehen, aber als sie den Bodensee überquerten, zeigte es sich, daß Mackentin listig und verschlagen einen Ausweg gefunden hatte. Er erzwang den Damenabtausch, und Wenzels Siegesaussichten waren nur noch gering. Mackentin versuchte verzweifelt ein Remis zu erzwingen. Aber Wenzel kämpfte heroisch, während die Maschine über schneebedeckte, glitzernde Gebirgszüge dahinflog. Schließlich blieb ihm indessen nichts anderes übrig, als die Partie remis zu geben.

»Welcher Wahnsinn!« schrie Wenzel wütend. »Ich hatte die Partie schon gewonnen!«

»Hahaha!« Mackentin packte vergnügt seine Handtasche zusammen. »Und hier ist ja schon Sankt Moritz!« sagte er und deutete auf ein gleißendes Gebirgsmassiv, das, eine ganze Provinz aus Eis und Schnee, vor ihnen lag. »Die Berninagruppe.«

Der Motor schwieg, und die Maschine tauchte sanft in den blendenden Sonnenschein hinab.

»Man könnte glauben, man sei in New York!« rief Mackentin aus, als die Maschine an den vielstöckigen Hotels entlangstrich, deren tausend Fenster in der Sonne funkelten.

»Und da ist Stolpe!« Mackentin deutete auf eine winzige Gestalt, die mit komischer Hast über das besonnte Schneefeld torkelte. »Wie er läuft!«

Sie waren angekommen.

 

3

Und da war in der Tat der kleine Stolpe, atemlos, strahlend, kupferrot gebrannt von der Sonne. Die Haut schälte sich von seiner Nase.

»Alles in Ordnung?« fragte Wenzel.

»Alles in Ordnung,« erwiderte Stolpe. »Ich habe die Gunst des Portiers mit dreihundert Franken gekauft und glücklich die Zimmer erhalten. Und hier kommt der Schlitten!«

Wenzel hatte im Hotel kaum den Koffer ausgepackt, als die Sonne hinter den Berggipfeln verschwand. Das Berninamassiv flammte düster auf, dann aber fiel rasch schwärzeste Finsternis über das Tal. Wenzel speiste auf dem Zimmer und legte sich früh schlafen, nachdem er an Jenny ein kurzes Telegramm abgesandt hatte. Seit Monaten kam er zum erstenmal wieder frühzeitig ins Bett. Er schlief bis in den hellen Morgen hinein, volle zwölf Stunden, ohne auch nur ein einziges Mal zu erwachen. Als er, wundervoll ausgeruht, aus dem Hotel trat, mußte er geblendet die Augen schließen.

Der weite Talkessel, in dem Sankt Moritz winzig und versteckt liegt, fing wie ein Hohlspiegel die Sonne auf, um sie in tausend blitzenden Feuern zurückzuschleudern. Die Luft, eisig von den Gletschern und gereinigt von den endlosen Schneefeldern, war erfüllt von dem fröhlichen Klingeln der Schlittenglocken. Es wimmelte von lachenden Menschen in bunten Vermummungen. Auf den Eisplätzen der Hotels blitzten die Schlittschuhe, die Bobs sausten durch den in einer Schneelawine versunkenen Hochwald, die Skeletons klirrten die steilen Eisrinnen hinab. Skiläufer, von Pferden in rasender Fahrt gezogen, flogen, in eine Schneewolke gehüllt, dahin. Es kamen ganze Ketten engbesetzter Rodelschlitten, übermütiges Volk. Die Gesichter kupferrot und schwarz gebrannt von der Sonne. Und überall Fröhlichkeit, Lachen, Gesundheit. Ein lustiger Ort, er gefiel Wenzel.

Während die übrige Menschheit sich anstrengte, die schwere Tagesarbeit zu bewältigen, ohne vor Erschöpfung zusammenzubrechen, war hier eine ausgelassene Schar von früh bis nachts fieberhaft bemüht, sich die nötige Müdigkeit für einen gesunden Schlaf zu erarbeiten. Um fünf tanzte man in den Dielen und Teestuben. Die Jazzorchester tobten. Um acht Uhr aber waren alle die tagsüber in dicke Wolle verpuppten Wesen plötzlich, gereizt von den Fluten elektrischen Lichtes, ausgeschlüpft – zarte Seide, zartes Fleisch, zarter Duft. Es war ein Ort ganz nach Wenzels Geschmack.

»Ich habe diesen Tisch hier belegen lassen,« sagte Stolpe eifrig und führte Wenzel in eine Ecke des Speisesaales.

Sie hatten den Löffel kaum in die Suppe getaucht, so erschien auch schon Lady Weatherleigh, begleitet von ihren beiden Trabanten, die sie zu Tisch führten.

Ihr Erscheinen erregte, wie immer, Aufsehen im Saal. Alles an ihr funkelte und blitzte. Die Augen, Zähne, Lippen, das Haar, die Schultern, Hände. Das kühne Profil herausfordernd in die Luft geworfen, rauschte und funkelte sie dahin. Das Lächeln der großen Dame, die gewohnt ist zu siegen, wo sie erscheint, umspielte ihren tiefrot gemalten, hochmütigen Mund.

»Wer ist das?« murmelte Mackentin hingerissen. Stolpe machte ihm ein Zeichen.

Wenzel aber wurde schweigsam. Er saß mit zusammengezogenen Brauen, die Kinnladen fest aufeinander gepreßt, wie bereit zum Angriff. So sah er stets aus, wenn er einen Entschluß gefaßt hatte. Und Wenzel Schellenberg hatte einen Entschluß gefaßt, als er Esther funkelnd und strahlend durch den Saal rauschen sah und alle Leute aufblickten. Was flüchtiges Spiel der Gedanken war, wurde zum Vorsatz. Er wollte Esther Raucheisen erobern, koste es was es wolle.

 

4

Nach Tisch begrüßte er Esther in der Halle des Hotels, ungezwungen und keineswegs in der ehrfürchtigen Haltung, die die Herren annahmen, wenn sie vor sie hintraten. Hier in der Halle pflegten sich die Gäste des Hotels von der Tagesarbeit und den Strapazen der Tafel eine Stunde lang auszuruhen, um Kräfte für den Ball und die Bar zu sammeln.

Esther war nicht im geringsten überrascht, Wenzel plötzlich vor sich zu sehen. Es wimmelte in Sankt Moritz von ihren Bekannten aus Paris, London und Berlin. Wo sie hinblickte, sah sie bekannte Gesichter.

»Sie sind hierhergekommen, um Sport zu treiben, Herr Schellenberg?« fragte sie, während sie lächelte und ihn mit raschem, gewandtem Blick musterte, sein Gesicht, seine Kleidung, seine Haltung, alles im Bruchteil einer Sekunde.

»Ich nicht, aber meine Pferde,« erwiderte Wenzel. »Ich werde meine Pferde hier laufen lassen, mich persönlich aber so wenig wie möglich anstrengen.«

Esther fand seine Antwort belustigend. Sie machte ihn mit ihren Trabanten bekannt. Durch Stolpe war Wenzel bereits genügend informiert. Da war also der bekannte Millionär Bankier Blau aus Paris, einer der reichsten Männer Frankreichs, der im Kriege sein Vermögen verzehnfacht hatte. Da war Major Fairfax, Sir Stuart Fairfax aus London, Inhaber der Golfmeisterschaft von England.

»Weshalb haben Sie nicht auch zu dem Rennen auf dem See gemeldet, Baron?« wandte sich Esther an den Baron Blau.

»Mein Trainer befürchtet, die dünne Luft sei den Pferden nicht günstig,« antwortete der Bankier gelangweilt, während er seine schwarzen runden, melancholisch glänzenden Augen aufmerksam und gänzlich ungeniert auf Wenzel richtete.

Der Bankier war ein zierlicher Herr mit pechschwarzem Scheitel und schon etwas angegrauten Schläfen. Im Gegensatz zu den meisten Gästen war sein Gesicht nicht braun gebrannt von der Sonne, sondern von einer leidenden Blässe, einer Art glasiger, bläulicher Glasur überzogen. Seine Miene war hochmütig und gelangweilt, und die nervös eingezogenen Nasenflügel erweckten den Eindruck, als sei er stets etwas gekränkt. Er hatte die Angewohnheit, zuweilen die Schultern in die Höhe zu ziehen und sich zu strecken, als versuche er, sich größer zu machen. Wenzels Größe schien ihn zu verletzen, er schien sie als Anmaßung und Herausforderung zu empfinden.

Baron Blau war, ganz wie Wenzel, nicht nach Sankt Moritz gekommen, um Sport zu treiben. Er lief allerdings jeden Vormittag eine Stunde Schlittschuh, und zwar genau von zehn bis elf Uhr. Da sah man ihn auf der spiegelglatten Eisfläche des Hotels mit etwas verdrossener Miene seine Acht fahren. Von Viertelstunde zu Viertelstunde machte er eine Pause, um den Rauch einer dünnen Zigarette durch die Nase zu stoßen. Dabei sah er mißmutig den andern Schlittschuhläufern zu. Er trug schwarzweiß karierte, weitausladende Breeches und einen auffallenden himmelblauen Sweater, über den Wenzel laut lachen mußte. Am Nachmittag spielte er eine Partie Curling. Runde Steine, gepreßten Käsen ähnlich, in der Größe von Wärmflaschen, wurden über die spiegelglatte Bahn nach einem Ziel geschossen. Es war mehr ein Spiel der alten Herren, die diesem Sport mit großer Begeisterung oblagen. Sie schabten und kehrten das Eis mit kleinen Besen, fieberhaft, um die Geschwindigkeit des Steines zu beschleunigen. Oft sah es aus, als ob sich eine Gruppe von Straßenkehrern auf der Eisfläche tummelte. Das war die ganze Beschäftigung des Barons. Am Tage sah man ihn nur wenig, jede Nacht aber ging er als letzter schlafen.

Major Fairfax dagegen war der typische Sportsmann. Er war hager, noch etwas größer als Wenzel, Körper und Kopf nichts als Haut und Knochen. Auf seiner mächtigen Adlernase schälte sich die Haut, so vollständig schwarz gebrannt war er von der Sonne. Er trug eine kleine rote Zahnbürste als Schnurrbart, und seine rötlichen Haare standen in eigensinnigen Büscheln um den kahl werdenden Schädel. Wo andere Leute Augen haben, hatte der Major etwas wie geschmolzenes Silber.

Am Vormittag pflegte der Major auf dem Skeleton zu trainieren. Mit dem Bauch auf dem niedrigen Schlitten liegend, schnellte er im Hechtsprung über die vereisten Fahrrinnen, die schräg wie ein Dach abstürzten. Er hatte an seinem Schlitten zwei Stoppuhren angebracht, deren Mechanismus er während der rasenden Fahrt auslösen konnte. Wenn er dahinsauste, war seine gebogene Nase kaum eine Spanne von der harten Eisfläche entfernt. Am Nachmittag saß er am Steuer seines Bobs »Old England«. Da lag er ebenfalls auf dem Bauch, das Steuer in den ausgemergelten Händen, die Augen auf die ihm entgegenrasende Schneebahn gerichtet. Er trainierte für das große Bobrennen, das in vierzehn Tagen stattfinden sollte. Auf ihm lag Lady Weatherleigh, und hinter ihr lagen noch drei Mitfahrer. Lord Hastings, einer der berühmtesten Fasanenschützen Englands, bediente die Bremse. Mit dem Ausdruck der tödlichen Langweile auf seinem Bulldoggengesicht saß er da, wenn der Bob in die Tiefe fuhr. Gestern hatten sie umgeworfen, und Lord Hastings hatte sich den Arm verstaucht.

Esther, stets von einem Schwarm von Verehrern umlagert, schien diese beiden Trabanten an die Spitze ihrer Bewerber gestellt zu haben. Beide, so erzählte man sich, hatten ihre Anträge gemacht und warteten auf ihre Entscheidung. Baron Blau bot ihr seine Millionen, seine Schlösser, seine Minen, seine Provinz in Tunis, seine Dampfjacht. Major Fairfax bot ihr seinen Titel eines Golfmeisters von England, immerhin eine Sache, seine Gesundheit, seine Größe von einem Meter neunzig und seine Faust aus Eisen, die ein Pferd niederschlagen konnte. Er hatte kein Geld, nur Schulden. Die beiden pflegten Esther seit zwei Jahren überall nachzureisen, nach Ägypten, nach Monte Carlo, Paris, den französischen Modebädern. Esther zog sie hinter sich her, ohne sich je zu erklären.

»Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Herr Schellenberg,« wandte sich Baron Blau an Wenzel, nachdem er ihn lange genug ungeniert gemustert hatte. »Wir sind ja, irre ich nicht, für die gleichen Ziele tätig.« Er sprach französisch, immer im gleichen Ton, auf einer Note, gleichgültig, unbeteiligt, als spräche ein fremder Mensch aus ihm, der sich nur seiner Stimmbänder und seines Adamsapfels bediente.

Wenzel zeigte eine erstaunte Miene.

»Wenn ich mich nicht irre, haben wir schon zusammen korrespondiert,« fuhr Baron Blau im gleichen Ton fort. »Oder sind Sie nicht jener Herr Schellenberg, der für die Vereinigten Staaten von Europa und für den Frieden unter den Nationen tätig ist?«

Wenzel schüttelte den Kopf. »Ich bedaure, Sie enttäuschen zu müssen, Herr Baron,« antwortete er. »Es ist mein Bruder, von dem Sie sprechen. Ich für meine Person gebe mich derartigen Illusionen und Träumereien nicht hin.«

»Sie also nicht? Und Sie sagen, Illusionen? Oh!« erwiderte Baron Blau enttäuscht, aber mit der alten gleichgültigen, gelangweilten Stimme.

»Baron Blau ist Delegierter des französischen Roten Kreuzes und fanatischer Pazifist,« erklärte Esther.

Der Baron streifte ihr Gesicht mit einem argwöhnischen, verletzten Blick. Es schien ihm, als ob Esther Pazifisten verachte. Wie die meisten Damen der Gesellschaft schien sie Männer zu bevorzugen, die sich in Stücke schießen ließen. Wie die meisten dieser Damen wußte sie nicht aus welchem Grunde.

»Sie glauben also nicht, daß ein dauernder Friede zwischen den Völkern möglich ist?« wandte sich Baron Blau wieder an Wenzel, die Brauen hochgezogen.

»Nein,« sagte Wenzel mit nachsichtigem Lächeln.

»So glauben Sie also, daß diese Kriege ewig währen müssen?«

»Ich glaube es. Die Menschen müssen eine Lüge haben, für die sie töten dürfen und sterben können.«

Baron Blau prallte zurück.

Esther übersetzte Wenzels Antwort ins Englische, da der Major keine andere Sprache als seine Muttersprache verstand.

Kaum hatte Major Fairfax begriffen, so streckte er Wenzel begeistert die knochige Hand hin. » Right you are! Right you are!« schrie er.

In diesem Augenblick aber kam eine kleine runde Dame, braun gebrannt wie eine Nuß, auf sie zu und rief aufgeregt: »Major Fairfax!«

Der Major bog den Körper zur Erde, und sie flüsterte ihm etwas in das knorplige Ohr. Fairfax schien aufs äußerste betroffen.

»Was sagte Peggy?« fragte Esther voller Neugierde.

Der Major antwortete: »Peggy sagte, daß Nutcracker meine beste Zeit um drei Sekunden unterboten hat.« Nutcracker war der Name eines rivalisierenden Bobs.

»Sie gingen heute zu hoch in die Kurven, Major Fairfax, Nutcracker geht ganz eng herum,« erwiderte Esther mit leisem Tadel. Zu Wenzel sagte sie: »Ich erwarte übrigens morgen meinen Vater, Herr Schellenberg. Es wird ihn gewiß freuen, Sie hier zu finden.«

Seine Freude wird nicht ungetrübt sein, dachte Wenzel mit einem leisen Triumph im Herzen. Sie kennt nicht die Eitelkeit alter Männer, die schlimmer ist als alle Eitelkeiten. Und weiter dachte er: Vor diesen beiden Burschen da habe ich keine Angst. Was sind sie? Nichts!

Man hatte schon wieder genügend Kräfte gesammelt und begab sich, um die Zeit bis zum Ball totzuschlagen, ins Billardzimmer. Esther war eine leidenschaftliche Billardspielerin, und für Baron Blau bedeutete diese Partie Billard nach der Abendmahlzeit die Entschädigung für einen ganzen Tag des Wartens. Er spielte sehr gut, mit allen Finessen, geschult in den ersten Billard-Akademien von Paris. Der Major spielte nicht. Er sah zu, die Pfeife im Mund, und verfolgte jede Bewegung Esthers. Wenzel wollte sich verabschieden, aber Esther lud ihn ein, mitzukommen. Sie liebte es, gutgewachsene und gutaussehende Männer in ihre Gefolgschaft einzureihen.

Die Blicke der Gäste, die, in die tiefen Sessel gebettet, noch verdauten, folgten ihnen. Man flüsterte. Manchmal waren es fünf, manchmal mehr, einige Tage waren es nur zwei gewesen, aber heute war schon ein Neuer hinzugekommen. Eine schöne, verführerische Frau, gewiß, aber …

 

5

Auf dem Marktplatz des Dorfes, inmitten der blendendweißen Schneemassen – es war Neuschnee gefallen – erblickte Wenzel plötzlich die Gestalt eines kleinen, anscheinend älteren Herrn, dessen Gang ihm sofort auffiel. Der kleine Herr war in einen dicken Pelz gehüllt, und sein Kopf verschwand fast vollständig unter der hohen Pelzmütze. Die Füße staken in pelzgefütterten Überschuhen. In der Hand trug der Herr einen Stock mit eiserner Spitze. Er schien sich nicht im geringsten um das Leben auf dem Marktplatze zu kümmern. Eine Schar von Schlitten, mit buntem, lachendem Volk beladen, zog übermütig vorüber, aber der Herr wandte nicht einmal den Kopf. Zuweilen blieb er stehen und stieß mit dem Stock auf irgendein Eisstück der Straße, dann schritt er wieder vorsichtig weiter. Einige Schritte hinter dem Vermummten spazierte ein Diener. Am Gang, an einer eigenwilligen, rechthaberischen Bewegung des Armes erkannte Wenzel den kleinen Herrn. Es war Raucheisen in höchsteigener Person!

Ganz im geheimen, wie ein Fürst, der inkognito reist, war der Herr des Eisens und der Kohle, der Erfinder des kombinierten vertikalen und horizontalen Trustsystems, nach Sankt Moritz gekommen. Bis Chur hatte ihn ein Salonwagen gebracht. In einem geschlossenen Schlitten fuhr er zum Hotel, und hier hatte der vorausgereiste Sekretär schon Vorsorge getroffen, daß niemand das Antlitz des Gewaltigen erblickte. Raucheisen ertrug den Anblick der Menschen nicht mehr, er ertrug auch nicht mehr die Blicke der Menschen.

Nun lebte er den ganzen Tag verborgen in seinen Zimmern, still wie eine Maus. Nur zuweilen verließ er das Hotel und stapfte eine halbe Stunde im Schnee hin und her. Er war ja nur gekommen, um seine Tochter zu sehen. Dann kehrte er wieder zu dem Berg von Telegrammen zurück, der von Tag zu Tag auf seinem Schreibtisch höher wuchs.

»Mein Vater ist hier!« rief Esther Wenzel lebhaft zu. »Er wird Sie zu sich bitten, sobald er etwas ausgeruht ist.« Und Esther zog die zinkgelbe Zipfelmütze über ihren wilden roten Haarschopf und legte sich auf dem Bob zurecht.

»Abfahrt!« rief der Starter, und der Bob setzte sich weich und lautlos in Bewegung. Major Fairfax hielt das Steuerrad in seinen mageren, schwarzgebrannten knochigen Händen, die Augen fest auf die glitzernde Bahn geheftet. An der Bremse saß mit dem gleichen Ausdruck der tödlichen Langweile Lord Hastings. »Hallo! Wie geht es Ihnen?« rief er Wenzel zu, als sie vorüberglitten.

Schon aber begann der Bob zu sausen, und einen Augenblick später verschwand er zwischen den von Schnee und Reif starrenden Bäumen.

Schon am nächsten Abend lud Raucheisen Wenzel zur Tafel. Wenzel hatte sich in große Gala geworfen und erwartete den Alten, einen stillen Triumph in den Augen. Aber er erschrak, als er Raucheisen in den kleinen Salon eintreten sah. Raucheisen schien kleiner und dünner geworden, zusammengezogen vom Alter. Sein Gesicht war fahl, kreidig, von gelben Flecken bedeckt. Er betrachtete Wenzel einen Augenblick mit seinen lebhaften, schnellen Blicken und reichte ihm die kleine, lasche Hand, die beim Gruß nie einen Druck gab.

»Ich freue mich, Herr Schellenberg,« sagte er und versuchte es mit einem Lächeln, das freundlich sein sollte. »Sie sind noch ganz der gleiche, Sie sind noch in dem Alter, in dem man sich nicht verändert. Wieviel Jahre ist es schon her? Ich aber –?«

Aber er wartete Wenzels Antwort nicht ab. Er begrüßte Baron Blau und schritt hastig zur Tafel, als habe er keine Minute zu versäumen. Er tat es ja nur seiner Tochter zuliebe, daß er mit den beiden Herren speiste.

Baron Blau begann augenblicklich mit seiner monotonen, etwas hohen Stimme zu plaudern. Er sprach, lebhafter als gewöhnlich, von besonderen Schiffahrtsplänen im Mittelmeer, die ihn außerordentlich interessierten und für die er, so schien es Wenzel, den alten Raucheisen zu gewinnen suchte. Raucheisen indessen, der kaum die Speisen berührte, schien nicht hinzuhören. Aber nach einer Weile schüttelte er den kleinen Kopf.

»Das Mittelmeer,« sagte er ohne aufzublicken, »hat seit dem Kriege noch mehr von seiner einstigen Bedeutung verloren. Es ist zu einer nebensächlichen Pfütze geworden, in die ich keine tausend Tonnen schicken würde.«

Baron Blau schwieg eine Weile. Sein blasses Gesicht wurde ganz allmählich von einer eigentümlich hellen Röte überzogen. Sein dunkles Auge brannte. Der geringschätzige Ton, mit dem Raucheisen seine Pläne abgetan hatte, hatte ihn verletzt. Aber er gab sich keineswegs geschlagen. Es war ja gerade seine Absicht, den Verkehr auf dem Mittelländischen Meer wiederum zu beleben. »Sie beliebten zu sagen: nebensächliche Pfütze,« rief er, noch immer gekränkt, aus. »Das ist doch wohl etwas übertrieben. Bedenken Sie, Frankreich, Italien, Ägypten –«

Aber Raucheisen antwortete nicht mehr. Er hatte sich längst von diesem Thema abgewandt. Wie ist es nur möglich, daß dieser Baron ein Vermögen gemacht hat, dachte er.

Nun begann Esther lebhaft von Ägypten zu erzählen, wo sie den letzten Winter zugebracht hatte. »Welch ein wundervolles, märchenhaftes Land, Papa! Und dabei jeglicher Komfort, jegliche Bequemlichkeit. Du mußt es unbedingt kennenlernen. Fahre mit mir nach Ägypten, Papa!«

»Ich habe keine Zeit für eine solch lange Reise, mein Kind,« erwiderte Raucheisen.

Wenzel machte darauf aufmerksam, daß man heute in wenigen Stunden nach Ägypten fliegen könne. Das war ein Vorschlag, den Esther begeistert aufgriff. »Ja, fliegen wir, Papa!« rief sie aus.

Raucheisen aber schüttelte den Kopf. »Ich bin zu alt,« erwiderte er. »Ich habe Furcht vor der Luft. Die neue Generation hat diese Furcht überwunden.«

Dann sprach er mit Wenzel über die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands. Es schien fast, als sei er, der Kühnste von allen, dessen Wagemut kein Zögern kannte, der der Wirtschaft die Gesetze diktierte, in dem alle den Meister bewunderten, als sei er ganz plötzlich unsicher geworden. Er sah Schwierigkeiten, Hindernisse, Dunkelheiten, durch die sein Blick nicht dringen konnte. Neue Fragen erhoben sich, Probleme, die unlösbar schienen.

»Ich habe neulich lange mit Ihrem Bruder Michael konferiert,« sagte er. »Ihr Bruder hat diese Probleme erkannt. Er versucht in sie einzudringen. In vielen Punkten hat er mich überzeugt. Zum Beispiel, daß wir eine neue Generation gesunder Arbeiter erziehen müssen, sollen wir nicht auf dem Weltmarkt in Bälde geschlagen werden. Und vieles andere. Nie haben sich die Probleme derart gehäuft, nie schien ihre Lösung schwieriger. Wir müssen Mut haben.«

Wenzel sah die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands mit hoffnungsvolleren Blicken. Er äußerte sich zuversichtlich.

»Vielleicht sehen Sie schärfer als ich,« entgegnete Raucheisen. »Ihre Augen sind jünger.« Er erhob sich, um sich zurückzuziehen. »Wir sehen uns noch, Herr Schellenberg,« sagte er, indem er sich verabschiedete. »Ich möchte mit Ihnen noch über dies und jenes sprechen.«

Aber Raucheisen log, oder er vergaß es, denn Wenzel sprach ihn nicht mehr. Geheimnisvoll, wie der alte Mann gekommen war, verschwand er.

 

6

Wenzel gehörte nunmehr zu Esthers Gefolge, ganz wie der Baron und Fairfax, als sei es von jeher so gewesen. Tag für Tag verbrachte er in ihrer Nähe. Auf dem Schlitten, auf dem Eisplatz, beim Tanz in der Teestube, im Billardzimmer und nachts in der Bar, wo die Jazzband lärmte. Hier thronte Esther, hoch über allen Gästen, wie eine Königin. Wenzels offene und ungenierte Art schien ihr zu gefallen. Häufig brach sie in ein lautes Gelächter aus über eine seiner witzigen und sarkastischen Bemerkungen. Dann rückte Baron Blau verletzt und unruhig auf seinem Sessel. Die Augen des englischen Majors aber glänzten selbstbewußt: er hatte das Bobrennen gewonnen! Nutcracker, sein gefährlichster Rivale, hatte in der Haarnadel-Kurve beim dritten Lauf umgeworfen.

Eines Tages, als ein heftiger Sturm Schnee und Dunkelheit um das Hotel wirbelte, rief Esther plötzlich in Wenzels Zimmer an und bat ihn, bei ihr Tee zu trinken.

»Ich habe heute eine große Bitte an Sie,« sagte sie, als er bei ihr eintrat, und ihr Mund zeigte nicht das übermütige, manchmal etwas frivole Lächeln. Sie erschien ernst und der Blick ihrer großen Augen war nachdenklich und etwas abwesend. »Ich fürchte zwar, daß Ihnen meine Bitte nicht sonderlich angenehm sein wird, aber ich muß sie doch aussprechen.«

»Ich stehe Ihnen zur Verfügung,« erwiderte Wenzel verwundert und blickte ihr in die Augen.

»Nehmen Sie Platz, Herr Schellenberg. Und nun hören Sie. Ich habe Sie einmal gesehen, als ich noch ein ganz junges Mädchen war. Man hatte mir gesagt: Heute kommt der Offizier, in dessen Armen dein Bruder gestorben ist. Ich habe meinen Bruder sehr geliebt, er war ein herzensguter Junge. Wollen Sie mir erzählen, wie er starb?«

Wenzel runzelte die Stirn. »Weshalb?« sagte er, bereit sich zu erheben. »Weshalb diese Dinge? Wir wollen sie vergessen.«

»Ich bitte Sie darum, Herr Schellenberg! Und ich bitte Sie, mir alles ausführlich und sorgfältig zu berichten und mir nichts, auch nicht eine scheinbar unbedeutende Einzelheit zu verschweigen. Versprechen Sie mir dies?«

»Sie werden es bereuen,« erwiderte Wenzel und begann zu erzählen.

Er berichtete von dem Furchtbaren, dem Entsetzlichen dieser Tage, von dem noch Entsetzlicheren jener Stunde, da der junge Raucheisen in seinen Armen verblutete.

»Gehen Sie,« sagte Esther leise, während sie ihre Hand über die Augen breitete.

»Ich wußte, daß Sie es bereuen würden. Weshalb rühren Sie an diesen Dingen, die vergangen sind?« entgegnete Wenzel und verabschiedete sich.

Am nächsten Morgen aber klingelten wieder die Schlittenglocken, die Sonne glitzerte und brannte. Man frühstückte auf dem Eisplatz, die Schlittschuhe an den Schuhen, die Bobs schossen durch den verschneiten Wald. Abends tanzte man wiederum in der Bar, und nur zuweilen war es Wenzel, als ob Esther seinen Blick meide.

 

7

Am Morgen hatte Esther noch ein großes Programm für die Woche entworfen, am Mittag erklärte sie, einer plötzlichen Laune folgend, daß sie morgen früh nach Paris abreisen werde.

Die Freunde gaben ihr ein Abschiedsbankett, und Esthers brennendroter Haarschopf sah in der Tat kaum eine Handbreit aus den Bergen von Blumen hervor, die man auf der Tafel angehäuft hatte. Sie genoß strahlend ihren Triumph.

Schon war das Foyer des Hotels angefüllt mit ihren Koffern. Und in einer Ecke türmten sich die eleganten, nagelneuen Koffer des Barons Blau, der es sich nicht nehmen ließ, Esther persönlich nach Paris zu begleiten. Major Fairfax mußte, so sehr er es bedauerte, noch eine Woche in Sankt Moritz bleiben, da er zum Skeletonrennen gemeldet hatte. Am Morgen standen die Schlitten bereit, einer für Esther und Baron Blau, ein zweiter für die Blumen und ein dritter für die Dienerschaft der beiden.

»Leben Sie wohl, Schellenberg,« sagte Esther lachend auf englisch zu Wenzel. »Ich hoffe, Sie wiederzusehen.«

Wenzel hatte Esther ein Riesenbukett von gelben Rosen ins Coupé bringen lassen, einen ungeheuren Strauß, der eine ganze Ecke ausfüllte.

»Oh, hier sind ja auch noch Blumen!« rief Esther mit der Stimme eines erfreuten Kindes aus und nahm die Karte aus dem Bukett »Wenzel Schellenberg!« sagte sie. »Seht an! Wie originell!«

Es war ihr gar nicht aufgefallen, daß Wenzel ihr bis zu dieser Minute keine Blumen gesandt hatte. Sie nahm es als selbstverständlich an. Alle hatten ihr Blumen geschickt, natürlich auch Wenzel. Sein origineller Gedanke, sich auf diese Weise bei ihr nochmals in Erinnerung zu bringen, fand ihren Beifall.

Sie wußte nicht, daß Wenzel sich einen ganz besonderen Plan zurechtgelegt hatte.

Als Esther ihre Gemächer im Hotel de Riz in Paris betrat, waren natürlich auch diese Räume schon angefüllt mit Blumen. Die Pariser Freunde hießen Esther willkommen. Während die Abschiedssträuße aus Sankt Moritz auf irgendeinem Kehrichthaufen eines rußigen Bahnhofs verwelkten, war hier schon ein neuer Blütengarten aus Flieder, Rosen, Maiglöckchen, Tulpen, Narzissen wie durch Zauberei erstanden.

Und dieses Riesenbukett gelber Marschall-Niel-Rosen, erinnerte es nicht an den Strauß Schellenbergs, der in Sankt Moritz die Ecke des Abteils völlig ausgefüllt hatte, wie? Genau so, die Farben, die Größe.

Sie griff nach der Karte: Wenzel Schellenberg!

»Seht an, Wenzel Schellenberg,« sagte Esther leise und erstaunt. Sie wurde nachdenklich, warf den Blick rasch durch das Zimmer. Irgend etwas an dieser Sache war sonderbar. Und nun fiel es ihr ein: Wenzel konnte natürlich telegraphisch ein Bukett bei einem Pariser Blumenhändler bestellen. Er konnte die Art des Straußes und die Farbe genau bezeichnen, aber die Karte, wie sollte die Karte hierher kommen?

Sie fragte den Diener. Er wußte nichts. Der Strauß war mit der Karte im Hotel abgegeben worden.

Das ist höchst merkwürdig und rätselhaft, sagte sich Esther, die hartnäckig über dieses Rätsel nachdachte, das sie nicht lösen konnte. Dieser Schellenberg ist gewiß ein merkwürdiger Bursche, dachte sie, der drollige Einfälle hat. Aber meine Abreise kam ja so plötzlich, daß er unmöglich die Zeit finden konnte, die Karte in einem Brief zu senden.

Aber als Esther, funkelnd und glitzernd in einer wunderbaren neuen Pariser Robe, eine Stunde später in den Speisesaal rauschte, wer stand da, kupferbraun, fast schwarz wie ein Neger durch den Kontrast des weißen Frackhemdes, mit blitzenden Zähnen, und die Hände so braun, daß die Fingernägel korallenrot aussahen? Wenzel!

Baron Blau, der Esther in den Speisesaal geleitete, starrte auf Wenzel wie auf eine Erscheinung. Er glaubte im ersten Augenblick, es sei Zauberei, eine heimtückische und auf jeden Fall unbehagliche Zauberei. Und schlecht verbarg er hinter der erstaunten Miene seinen Verdruß. Er hatte nichts gegen Schellenberg, oh, ganz und gar nicht, aber dieses Große, Gesunde, Kraftstrotzende irritierte unaufhörlich seine Nerven. Er schleudert Felsen, dachte er sich, er sieht stets aus, als sei er zu Gewalttätigkeiten bereit, und wenn er lacht, muß man sich Watte in die Ohren stopfen.

»Bei Gott, es ist Schellenberg!« rief Esther mit heller Stimme aus, überrascht, erfreut, geschmeichelt. Sie verstand augenblicklich.

»Auch ich habe dringende Geschäfte in Paris,« antwortete Wenzel lachend und schüttelte ihr die Hand.

Es war gar keine Zauberei im Spiel. Wenzel war mit dem nächsten Zug von Sankt Moritz nach Zürich gefahren und von Zürich aus mit dem Postflugzeug nach Paris gekommen. Er war schon seit heute mittag hier.

Mit einem resignierten Lächeln setzte sich Baron Blau zu Tisch. Seine Stimme schwang hoch und gekränkt. Endlich hatte er gehofft, einige Tage allein mit Esther verbringen zu können, ohne diesen fürchterlichen Bobfahrer und ohne alle diese andern, die unaufhörlich Esthers Fingerspitzen küßten. Nein, mit diesem derben Burschen da war nicht zu spaßen. Wie hatte er das Hotel erfahren? Wie packte er alles an? Und diese naive Zudringlichkeit, zartfühlend war er gewiß nicht.

»Herr Schellenberg ist zum ersten Male in Paris, Baron,« sagte Esther.

Der Baron hatte sein Gleichgewicht noch immer nicht zurückgefunden. »Zum ersten Male?« fragte er mit gelangweilter Stimme. »Ist es möglich? Und wie gefällt Ihnen Paris?«

Aber es tröstete das Herz des Barons einigermaßen, daß Wenzel von Paris förmlich berauscht war. »Es lohnt sich in der Tat, mein lieber Baron,« rief er aus, »sich Paris in tausend Meter Höhe zu nähern. Zuerst ist da eine Staubwolke am Horizont, rotbraun wie ein Wüstensturm. Dann erscheint eine Vision, eine Fata Morgana über der Staubwolke – eine Moschee, schneeweiß und durchsichtig. Ich traute meinen Augen nicht, glaubte beinahe, wir hätten uns verflogen. Diese schneeweiße Moschee ist Sacré coeur, wie man mir später sagte. Die Staubwolke lichtet sich, man erblickt ein Stadtviertel, und urplötzlich ist die Staubwolke gänzlich verschwunden und eine ungeheure Stadt mit Millionen funkelnden Fenstern erstreckt sich von Horizont zu Horizont.«

Wenzel hatte bereits vier Stunden lang die Stadt im Auto nach allen Richtungen durchquert. Er hatte Stadtviertel gesehen, die der Baron, ein geborener Pariser, kaum dem Namen nach kannte. Er hatte Gewohnheiten des Volkes entdeckt, die dem Baron nie aufgefallen waren. Eine ganze Reihe von Industrien hatte er festgestellt, von deren Existenz der Baron nichts ahnte.

»Welche Vitalität!« dachte Baron Blau mit einem melancholischen Blick.

»Ich werde Ihnen Paris zeigen, Schellenberg,« sagte Esther. »Es gibt eine Anzahl kleiner Theater, Kneipen und Tanzlokale, wo Sie noch das echte Pariser Leben beobachten können. Wollen Sie uns begleiten, Baron?«

»Sie wissen, welche tiefe Abneigung ich vor diesen Dingen habe, meine Freundin. Weshalb quälen Sie mich also?« entgegnete der Baron mit verletzter Miene.

»Dann müssen wir leider auf Ihre Gesellschaft verzichten. Oh, es wird ganz wunderbar sein, Schellenberg. Wir werden uns sehr schlicht kleiden, manchmal wie Apachen. Ich werde Sie durch das ganze unbekannte Paris führen. Wenn Sie Lust haben, heißt das.«

»Natürlich habe ich Lust!« erwiderte Wenzel.

Baron Blau zankte ärgerlich mit dem Kellner. Er haßte diese Neigung Esthers, durch obskure Lokale zu ziehen. Die blasse Glasur seines Gesichtes wurde von einer leisen, eigentümlich hellen Röte überzogen.

»Wann fangen wir an?« fragte Wenzel in bester Laune.

»Heute, wenn Sie wollen,« entgegnete Esther.

»Nun gut, dann heute.«

Aber Baron Blau legte hier feierlichen Protest ein. Die melancholischen Tieraugen auf Esther gerichtet, erinnerte er sie mit gekränkter Miene daran, daß sie den ersten Abend ihren Freunden versprochen habe. Ah, nun war es offenbar, daß der Teufel diesen Schellenberg auf dem Rücken nach Paris getragen hatte.

Jeden Abend, den sich Esther, eifersüchtig umlagert von ihren Freunden, frei machen konnte, durchstreifte sie mit Wenzel diese große, unheimliche Stadt, die mehr Geheimnisse birgt als irgendeine Stadt der Welt, die großen Städte Chinas vielleicht ausgenommen. Sie besuchten Theater, in denen man derbe Possen aufführte, wo die Zuschauer mitspielten und Bemerkungen auf die Bühne hinaufriefen. Sie besuchten Varietés, Tingeltangel, Verbrecherkeller, Künstlerkneipen. Da und dort ging es etwas ausgelassen zu. Esther schüttelte sich vor Lachen. Da Wenzels Französisch nicht so weit reichte, so machte sie den Dolmetscher.

»Es sind etwas starke Dinge,« sagte sie.

»Weshalb sollen sie nicht stark sein? Alle Völker, die gesund und phantasievoll sind, hassen die Prüderie.«

Sie besuchten die Tanzlokale der Studenten. Sie besuchten Bars, wo kleine Tänzerinnen so, wie Gott sie geschaffen hatte, auftraten. Sie streiften bei Nacht in den Hallen umher, zwischen Bergen von Gemüsen und Blumen, und aßen in einem kleinen Restaurant die Zwiebelsuppe, die die Lastträger aßen. Es war herrlich, und niemals hatte Wenzel sich so wohl gefühlt. Welch eine wundervolle Stadt, bis zum Rand mit Energien angefüllt!

Die Nähe dieser verwöhnten und launenhaften Frau, die an jedem Abend, in jeder Stunde anders war, wirkte auf ihn wie starker Wein. Sein Blick glitt über ihren feinen, zarten Nacken, auf dem ganz feine, kaum sichtbare hellbraune Härchen schimmerten. Sein Blick lag auf ihrem hellrot gemalten Mund – den er bald küssen würde, das wußte er. Sein Blick lag auf ihren Wangen, die sie rot und braun malte, und auch diese Wangen würde er bald mit Küssen bedecken. Dann sollte ihr das frivole, leichtfertige Lachen vergehen! Gib acht, gib acht! Sein Blick lag auf ihren schmalen und wundervoll gepflegten Händen. Bald würde er sie in seine Hand nehmen, um sie zusammenzupressen. Sein Blick tastete über ihren Körper, und bald kannte er jede seiner Linien. Bald würde er ihn mit seinen Küssen verbrennen. Hüte dich, Esther Weatherleigh! Zuweilen standen Wildheit und Begierde so deutlich in seinen Augen, daß sie es fühlte. Und nichts war für Esther verwirrender, als wenn sie hörte, daß seine Stimme vor Erregung schwang. Ihre Miene aber blieb kühl und undurchdringlich.

Die Besuche der verschiedenen Kneipen und Varietés erlaubten kleine Vertraulichkeiten, wie der Speisesaal des Hotels und das Licht der großen Theater sie nie erlaubt hätten.

»Sie haben den schönsten Nacken, den ich je bei einer Frau sah,« sagte Wenzel.

Esther zog ungnädig die Brauen in die Höhe. »Sie können mich betrachten, solange Sie wollen,« antwortete sie. »Aber ich wünsche nicht, daß Sie über Ihre Entdeckungen sprechen.«

Eines Tages wurde Wenzels Verlangen, diese hellrot gemalten Lippen zu küssen, so unwiderstehlich, daß er Esther, als er ihr aus dem Auto half, ohne darüber nachzudenken, in die Arme nahm, an sich preßte und küßte.

Esther stand völlig überrascht. Sie starrte Wenzel mit offenem Munde an und fand keine Worte. Nie in ihrem Leben hatte ein Mann eine solche Verwegenheit gewagt, und noch dazu vor dem Tor des Hotels, durch dessen Scheiben der Nachtportier starrte.

»Wie töricht Sie sind!« sagte sie ganz leise, tadelnd und zurechtweisend, indem sie ins Hotel trat.

 

8

Einige Tage sah und hörte Wenzel nichts von Esther. Er wartete, aber wenn die Stunde vorüber war, in der sie sich gewöhnlich mit ihm verabredet hatte, verließ er das Hotel, um sich in den Strudel von Paris zu stürzen.

So war es wahr, daß er diese Frau liebte und begehrte, so wahr war es auch, daß sie Jahrzehnte warten konnte, ehe er den ersten Schritt zur Aussöhnung tun würde. So war es wahr, daß er sich nach dieser Frau verzehrte, so wahr war es auch, daß es tausend verführerische und schöne Frauen in dieser Stadt gab, die reizend plauderten und deren Reize entzückten. So war es wahr, daß Wenzel sich in jeder Minute nach dieser Frau sehnte, so wahr war es auch, daß er in dieser gleichen Minute das Leben in vollen Zügen in sich trank und sich keineswegs sentimentalen Schwärmereien hingab. Da war also Wenzel Schellenberg, da war Esther Weatherleigh, und da war Paris.

Des Mittags pflegte Wenzel im Hotel zu speisen. Esther mied den Speisesaal seit jenem Vorfall. Eines Tages aber kam sie mit Baron Blau und einem blonden, hübschen, außerordentlich sorgfältig gekleideten jungen Herrn in den Speisesaal. Sie winkte Wenzel zu sich an den Tisch, als ob nicht das geringste vorgefallen wäre.

»Sie müssen mit uns speisen!« rief sie aus. »Und hier ist Sir John, mein früherer Gatte. Sie sehen, wir sind gute Freunde geblieben.«

Am nächsten Abend schon machten sie einen ihrer gewöhnlichen Abendausflüge nach einem Vorstadttanzlokal, ganz als sei nichts geschehen.

Einige Tage später reiste Wenzel nach Berlin, aber nach fünf Tagen war er schon wieder in Paris.

 

9

Es fing bereits an zu dämmern. Christine, den kleinen Georg auf dem Arm, stand am Waldrand – gerade da, wo sich früher die ersten Arbeitsschuppen befunden hatten – und spähte die Landstraße hinab. Schon eine Stunde stand sie hier und wartete. Ihr Gesicht schimmerte bläulich in der Dämmerung, das Umschlagetuch auf ihren schmalen Schultern flatterte im Abendwind. Endlich erblickte sie Georg. Mit seiner kleinen Reisetasche in der Hand kam er raschen Schrittes daher. Als er seine Frau mit dem Kinde sah, begann er zu laufen. Auch Christine lief.

»Willkommen zurück!« rief sie und streckte ihm das Kind entgegen.

Georg herzte das Kind und küßte Christine. Sie umschlang ihn, und während sie vor Freude lachte, sprangen ihr die Tränen über das Gesicht.

Georg war verreist gewesen, volle vier Tage. Zum ersten Male, seit sie nach Glückshorst gekommen waren, hatten sie sich getrennt. Diese vier Tage aber waren Christine endlos erschienen. Sollte man es für möglich halten, wie lange ein Tag sein konnte? Abend für Abend war sie mit dem Kinde die Landstraße entlang gegangen, obwohl sie wußte, daß Georg erst heute kommen konnte. Endlich war er wieder bei ihr.

»Wie geht es euch, und was gibt es Neues?« fragte Georg.

»Eine Menge Post ist da!« antwortete Christine, während sie den Arm um Georgs Schulter legte. »Ich habe alle Telephongespräche aufgeschrieben, und – fast hätte ich es vergessen – der Plan von Glückshorst ist aus Berlin zurückgekommen.«

»Genehmigt?« Georg blieb voll Spannung stehen.

»Ja, genehmigt! ‚Genehmigt, Schellenberg‘ steht unten am Rand.«

Mit dem Kind auf dem Arm, vollführte Georg einen Freudentanz auf der Straße.

»Wie wunderbar!« rief er aus. »Und doch muß ich noch Verbesserungen anbringen. Was ich gesehen habe in diesen Tagen! Nun, ich werde es dir erzählen.«

Schon begannen die Lichter von Glückshorst zu glitzern. Weit auseinandergezogen lag die Siedlung da. Die großen Fenster der Tischlereien und Werkstätten und ganze Reihen von Arbeiterbaracken leuchteten in die Dämmerung. Jene hellstrahlenden drei Fenster waren das Gasthaus, die Herberge, in der Mutter Karsten, plappernd und plaudernd von früh bis nachts, das Zepter führte. Gleich daneben blinzelte ein kleines Licht. Das war der Laden des Schlächters Moritz, der noch arbeitete. Das ruhig schimmernde Fenster rechts gehörte zum Hause eines pensionierten Lehrers, der die Schule übernommen hatte. Und die übrigen verstreuten Lichter, das waren die Häuser von Siedlern, die mit ihren Familien nach Glückshorst gekommen waren. Ein Arzt, eine Krankenpflegerin, Kaufleute, Handwerker. Schon war fast jeder Beruf vertreten. Weiter unten am Kanal stand eine ganze Reihe blendender Fenster. Es sah fast aus wie ein Bahnhof in der Nacht. Das waren die Werkstätten einer Fahrradfabrik, die sich hier niedergelassen hatte. Eben heulte ihre Sirene in den stillen Abend.

Ja, in der Tat, eine richtige kleine Stadt war Glückshorst schon geworden. Weit über die Heide greifend, erkannte man schon ihre zukünftige Gestalt.

Es war Ende Mai, aus den Gärten stieg der feuchte Atem der Fruchtbarkeit, die riesigen Gärtnereien dufteten.

Christine hatte ein herrliches Empfangsmahl hergerichtet. Sie hatte einen ihrer jungen Hähne geopfert, blutenden Herzens, denn sie liebte ihre Tiere, und diesen Hahn hatte sie buchstäblich an ihrem Busen aufgezogen. Als Küken war er krank gewesen, und um ihn zu wärmen, hatte sie ihn auf ihrer Brust getragen. Dazu hatte Christine Radieschen und frischen, jungen Salat aufgetischt, alles aus ihrem Garten, und – eine Überraschung für Georg – eine Schale voll Erdbeeren, herrliche, große, fehlerlose Früchte.

»Du hast schon Erdbeeren?« fragte Georg erstaunt, als sie sich zu Tisch setzten.

»Ich habe ein kleines Warmbeet, ganz im geheimen,« lachte Christine.

Georg bewunderte Größe und Glanz der Früchte. »Ich sehe, du hast den Gärtnern schon ihre Kunst abgeguckt!«

Nun aber ging es ans Erzählen. Noch jetzt war Georg ganz benommen. Was er alles gesehen hatte!

»Es ist unglaublich, was sie da geschaffen haben, Christine! Es ist unvorstellbar! Wir waren alle völlig berauscht, und Schellenberg wurde von allen Seiten beglückwünscht.«

Er war in dem großen Siedlungsgebiet »Neuland« gewesen, wohin Michael Schellenberg eine große Anzahl seiner Mitarbeiter gebeten hatte. »Neuland« war ein Komplex von acht Städten, die neu angelegt und neu geschaffen werden sollten. Industriegartenstädte, in mächtiger Ausdehnung auf der ungeheuren Heide angelegt, die sich nördlich von Hannover bis hinauf nach Lüneburg und zur Elbe erstreckt. Man hatte vom Mittellandkanal in Hannover aus einen Kanal begonnen, der, mit einer Anzahl von Abzweigungen versehen, quer durch die Heide zur Elbe führen sollte. Diese Kanäle bedeuteten die Arbeit vieler Jahre. Scharen von Arbeitslosen, Kolonnen jugendlicher Freiwilliger und Bataillone von Strafgefangenen waren mit dem Bau beschäftigt. In diesem Netz von Kanälen waren die neuen Stadtkomplexe gelagert, alle schon fix und fertig vermessen und zum Teil schon begonnen. Riesige Gärtnereien, Wälder, Parkanlagen, ungeheure Industrieterrains. Eine Million Menschen sollte in »Neuland« die Heimat finden.

Staub, Rauch, Maschinen, Dampfpflüge, Traktoren, Walzen, Arbeiterkolonnen. Und vordem war hier nichts als ein kläglicher Wald mit verdorrtem Boden und unfruchtbare Heide. Georg fand in seiner Erzählung kein Ende.

»Aber nun an die Arbeit, Christine!« rief er plötzlich aus, indem er ungeduldig aufsprang. »Nicht eine Stunde wollen wir versäumen.«

Die Tür zu der Kammer, in der das Kind schlief, stand offen. Georg hatte den großen Plan von Glückshorst mit Reißnägeln auf den Zeichentisch geheftet, und nun legte er sich darüber, um den Plan noch einmal nach seinen neuen Erfahrungen zu überprüfen. Die Pläne wurden von Schellenbergs Städtebauern in großen Umrissen vorgezeichnet. Aber der Chef jeder Station hatte sie bis in die kleinsten Einzelheiten durchzudenken. Jede Einzelheit für die zukünftige Entwicklung der Siedlung mußte vorgesehen werden.

Am Kanal entlang zog sich das Industriegelände, und in der Mitte lagen die großen Gärtnereien. Dies war der Platz, vorgesehen für spätere Parks, Verwaltungsgebäude, Kirchen, Schulen, das Herz der Stadt. In fünf Jahren konnten diese Bauten begonnen werden. Der einzige Bau, der zur Zeit in Angriff genommen war, war ein Flügel des Schulhauses. Auch ein Platz für einen Kanalhafen war vorgesehen. Ebenso der Gürtel eines Parks, der die Stadt umschließen sollte und den Übergang bildete zu den Großlandwirtschaften, die die Bestimmung hatten, diese Stadt künftig zu ernähren.

»Ich bin noch nicht zufrieden mit der Lage des Bahnhofs,« sagte Georg erregt. »Ich muß alle Gesichtspunkte noch einmal durchdenken.«

Christine stand neben ihm und blickte eifrig in den Plan, in dem sie zu lesen gelernt hatte, ganz wie Georg. Wie er, sah sie die vollendete Stadt vor sich.

»Vielleicht war der frühere Platz doch besser, Georg.«

»Wir müssen alles noch einmal durchdenken, Christine,« wiederholte Georg, dessen Wangen vor Eifer brannten.

Christines Wange streifte seinen Kopf. Sie war glücklich. Und wie ruhig das Kind schlief!

 

10

Lise Schellenberg hatte den ganzen Winter an der italienischen Riviera verbracht. Nicht zu ihrem Vergnügen, sondern um eine leichte Entzündung ihrer Stimmbänder auszuheilen, die sich beim Singen störend bemerkbar machte. Die leichte Heiserkeit, die selbst beim Sprechen auffiel, hatte sich verloren, und als es warm wurde in Deutschland, kehrte Lise wieder nach Berlin zurück.

Müde von der Reise, widmete sie sich den ersten Abend ihren Kindern, für die sie nach der langen Trennung eine unsägliche Zärtlichkeit empfand. Sie sah sich in ihrer Wohnung um, die ihr fremd geworden war. Sie telephonierte an alle ihre Bekannten. Und schließlich sah sie die Post der letzten Woche durch, die nicht mehr nachgesandt worden war. Nichts von Bedeutung. Das unverschämte Angebot eines Konzertagenten zu einer Tournee in der Provinz, ohne jegliches Honorar, nein, danke schön. Und hier war eine Art amtliches Schreiben. Lise nahm es mit beleidigter Miene in die Hand, während sie eine Zigarette zwischen den Lippen hin und her schob. Sie liebte behördliche Schreiben nicht. Sie liebte Gesellschaften, fröhliches Geplauder, Chopin, aber sie liebte nicht Dinge, die sie daran erinnerten, daß sie ihren Mitmenschen gegenüber, der Gesellschaft, dem Staate, Verpflichtungen hatte. Man forderte sie auf – es war gänzlich unwürdig, daß es Einrichtungen gab, die über ihre Zeit verfügen konnten.

Sie hatte aber kaum einen Blick in das Schriftstück geworfen, als sie so fahl wurde, daß ihr hellblonder Haarschopf dunkel erschien und ihre blauen Augen grau wie dunkler Schiefer. Die Zigarette entfiel ihrer Hand und qualmte auf einem Stück Papier weiter.

Was war das?

Lises Augen wurden starr vor Schrecken. Wie war das möglich? Eine Vorladung des Gerichts zu einem Termin. Wenzel hatte die Klage auf Scheidung eingereicht.

Plötzlich flammte ihr ganzer Körper, als stände sie mitten in einem Feuer. Sie sprang bestürzt auf und warf das Schreiben von sich. Wie war all das möglich? Hatte sie es mit einem Teufel zu tun? Und hier war ein Brief von Wenzels Anwalt, der sie seit Monaten mit seinen Zuschriften bombardierte. Wenzel ließ ihr mitteilen, daß er ihr eine glänzende Sicherstellung verspreche für den Fall, daß sie sofort in die Scheidung willige. Weigere sie sich aber, so werde er nicht vor dem Äußersten zurückschrecken. Oh, ja gewiß, sie hatte es hier mit einem Schurken und einem Teufel zugleich zu tun. Lise stürzte in das Kinderzimmer und riß die Kinder aus dem Bett, um sie an die Brust zu drücken und mit Küssen zu bedecken. »Sie wollen euch von mir wegnehmen!« schrie sie. Die Kinder, verschlafen und verstört, begannen zu weinen.

Gerhard blickte sie mit den grauen Augen Wenzels an. »Wer will uns wegnehmen?« fragte er, das Gesicht in Tränen gebadet.

»Nun, Papa!«

Oh, nun war ihr schon etwas leichter. Sie vermochte wieder zu denken, es war zuviel gewesen. Sie klingelte Michael an, und Michael ließ ihr sagen, daß er noch etwa zwei Stunden im Bureau sein werde und sie erwarte.

Augenblicklich nahm Lise einen Wagen. Es war etwas nach neun Uhr, als sie im Bürogebäude Michaels ankam. Michael saß an seinem Schreibtisch, müde und abgespannt, und diktierte Eva Dux Briefe.

»Ich stehe sofort zu deiner Verfügung, Lise,« sagte er mit einem müden Lächeln. Eva erhob sich, ohne ein Wort zu sprechen, und verließ das Zimmer.

»Wie geht es mit der Stimme?« fragte Michael. Nun aber bemerkte er Lises außerordentliche Erregung und Blässe. Von ihren Wimpern sprangen die Tränen. Sein Gesicht verfinsterte sich.

»Die alte Sache?« fragte er. »Weshalb könnt ihr euch nicht in Frieden trennen?« Diese langwierige Scheidungsangelegenheit quälte ihn tödlich.

Lise warf das Schreiben des Anwalts und die Vorladung auf den Tisch. »Lies nur, Michael, lies!« schrie sie. »Wenzel ist ein Schurke! Ein vollendeter Schurke!«

»Weshalb diese Heftigkeit, Lise?« sagte Michael und runzelte ärgerlich die Stirn. Er durchflog das Schreiben des Anwalts und die Vorladung des Gerichts.

Nun begann Lise leise zu wimmern.

»Du sollst mir helfen, Michael!« flehte sie. »Ich ertrage es nicht länger! Bin ich wirklich eine Frau, der man die Erziehung der Kinder nicht anvertrauen kann?«

Michael sah sie mit einem klaren Blick an. »Ich will nichts fragen,« sagte er nach einigem Nachdenken. »Es sind deine Privatsachen, die mich nichts angehen. Ich rate dir, was ich dir immer geraten habe: Trenne dich in Frieden von Wenzel. Ich werde morgen früh mit euren Anwälten sprechen und zu vermitteln suchen.«

»Wenzel zieht mit dieser Lady Weatherleigh durch die Tanzsäle von Paris. Ich weiß wohl, was er beabsichtigt!« rief Lise aus.

Sie verbrachte eine unruhige Nacht und schlief erst gegen Morgen ein. Der telephonische Anruf ihres Anwalts weckte sie. Justizrat Davidsohn ersuchte sie, ihn noch im Laufe des Vormittags zu besuchen.

Der Justizrat prüfte die Schriftstücke zuerst flüchtig, dann aber studierte er sie mit großer Gründlichkeit. Er drehte sie sogar um, ob nicht auf der Rückseite noch etwas stehe. Schließlich trommelte er mit den behaarten Händen auf den Tisch. Nunmehr hatte er sich so weit gesammelt, um sich aller Einzelheiten dieser Sache Schellenberg contra Schellenberg zu erinnern.

»Sie wurden beobachtet, gnädige Frau,« sagte er endlich, ohne jede Vorbereitung.

»Beobachtet? Von wem?« Lise erbleichte.

»Es geht aus dem Schreiben meines Kollegen hervor, daß Sie monatelang unter genauer Beobachtung standen.«

»Das ist eine Infamie!«

»Es ist nicht schön, gewiß nicht,« antwortete Davidsohn und schüttelte den Kopf. »Aber Sie sehen, es gibt Anwälte, die vor keinem Mittel zurückschrecken. Es fragt sich nun, wie weit die Beobachtungen auf Wahrheit beruhen. Sie waren drei Monate an der italienischen Riviera. Mein Kollege behauptet nun, daß Sie zwei Monate lang einen Freund zu Besuch gehabt hätten, der in ihrer Villa wohnte. Ein gewisser, lassen Sie sehen, Dr. Friedrich, wohnhaft Achenbachstraße 5. Trifft das zu, gnädige Frau?«

Lises Augen blitzten. »Ich antworte auf diese Frage nicht!« erwiderte sie.

Der Justizrat lächelte nachsichtig. »Mir, Ihrem Anwalt, können Sie getrost antworten, gnädige Frau. Sie waren etwas unvorsichtig, aber erregen Sie sich bitte nicht. Mein Kollege behauptet ferner, dieser Freund habe Sie auch in Berlin schon zuweilen besucht und das Haus erst am Morgen verlassen.«

»Diese Behauptung ist eine nichtswürdige Lüge!« schrie Lise.

Wiederum lächelte der Anwalt nachsichtig. »Sie sollen sich nicht erregen. Vielleicht haben Sie unzuverlässiges Personal. Ich habe den Eindruck. Es sind Daten genannt.«

Lise schwur, noch heute ihre beiden Dienstmädchen zu entlassen. (Sie entließ tatsächlich ein Mädchen, eine Polin, die sich unter ihrem strengen Verhör verriet. Sie gab ihr ein paar Ohrfeigen und warf sie noch in der gleichen Stunde hinaus.)

»Was die Kinder anbetrifft,« so fuhr der Justizrat fort, »so ist das ja nicht so ernst zu nehmen. Sie werden beweisen können, daß die Kinder eine sorgfältige Erziehung genießen und nicht ganze Nächte ohne Aufsicht sind, wenn die beiden Mädchen zu Tanzvergnügungen gehen.«

»Das alles ist empörend! Das alles unsagbar empörend und eine schamlose Lüge!«

»Ich weiß, ich weiß,« beruhigte sie der Justizrat. »Das ist ja nicht so schlimm. Und diese Bemerkungen hier, die mein Kollege in sehr taktloser Weise in sein Schreiben einfügen zu müssen glaubt, diese Bemerkung hier, einen Augenblick. Er behauptet, Sie hätten wenige Tage nach der Geburt des ersten Kindes geäußert, in bezug auf das Kind: Ein paar Pfund Fleisch, und wie häßlich!«

Hier sprang Lise empört auf. »Ich habe es mit den größten Schurken und Schuften der Welt zu tun!« schrie sie.

Der Justizrat erhob sich an der andern Seite des Tisches und bat sie mit einer beschwörenden Handbewegung, wieder Platz zu nehmen und sich nicht zu erregen. »Das ist ja nicht von Bedeutung. Ob Sie diese Bemerkung gemacht haben oder nicht, das spielt gar keine Rolle. Aber daß Sie unvorsichtig waren, gnädige Frau, hat Ihre Position, ich darf offen sprechen, keineswegs verbessert. Das Gericht könnte immerhin der Ansicht sein, daß tatsächlich ein Ehebruch vorliegt, und Sie für den schuldigen Teil erklären.«

»Wie, mich?« unterbrach ihn Lise maßlos erstaunt. »Ich werde nachweisen, daß Wenzel die Ehe mit einem Dutzend von Frauen gebrochen hat.«

Der Justizrat schüttelte den Kopf. »Sie kennen die Gesetze nicht, gnädige Frau. Es wäre ja immerhin möglich, und wir müssen jedenfalls damit rechnen. In diesem Falle aber, gnädige Frau, wäre Herr Schellenberg jeglicher Verpflichtung Ihnen gegenüber ledig.«

»Wie?«

»Ich will auch nicht verschweigen, daß das Gericht in diesem Falle sich dahin entscheiden könnte, Ihnen die Kinder nicht weiter zu belassen.«

»Dann sind die Gesetze einfach Unfug!«

In Anbetracht all dieser Umstände, angesichts der Tatsache, daß sich die Lage leider verschlechtert habe, unleugbar, riet der Justizrat zum Vergleich. Er werde sich bemühen, die günstigsten Bedingungen zu erzielen.

Aber Lise wollte unter keinen Umständen etwas von einem Vergleich wissen. Wenzel hatte die letzte »Brücke« abgebrochen, und diese Bemerkung mit den »paar Pfund Fleisch« würde sie ihm bis zu ihrem Tode nicht verzeihen. Sie liebte ihre Kinder abgöttisch, Wenzel wußte es genau, und doch ließ er diese Schurkerei von seinem Anwalt schreiben. Sie leugnete ja gar nicht, daß sie seinerzeit jene alberne Bemerkung gemacht hatte, aber spricht nicht jeder Mensch einmal eine Roheit und eine Dummheit aus?

Nein und dreimal nein! Sie wollte keinen Vergleich, und wenn er ihr zehn seiner erwucherten Millionen auf den Tisch legen würde. Sie wisse recht gut, weshalb Wenzel es plötzlich so eilig hatte, seine erste Ehe zu lösen, oh, recht gut! Sie fürchtete den Prozeß nicht, und sie würde den Richtern wohl sagen, wer hier der Ehebrecher sei.

»Verzeihen Sie, gnädige Frau,« unterbrach sie der Justizrat. »Wenzel Schellenberg hat gegen Sie Klage erhoben und nicht Sie gegen Wenzel Schellenberg. Wir können ja eine Gegenklage einreichen, und es besteht kein Zweifel, daß das Gericht ohne jedes Zögern die Scheidung aussprechen wird.«

»Nun verstehe ich gar nichts mehr!« rief Lise verzweifelt aus. »Ich will ja die Scheidung nicht!«

Kaum hatte Lise das Sprechzimmer des Justizrates verlassen, so klingelte Davidsohn bei dem Kollegen Vollmond an. Er beklagte sich, allerdings mit großer Höflichkeit, über die Schärfe des Tones in Vollmonds Schreiben. Diese Schärfe sei leider nicht geeignet, jene Versöhnlichkeit herbeizuführen, die wünschenswert sei. Er werde sich um den Ausgleich bemühen und bäte um eine Aussprache, am liebsten morgen. Kollege Vollmond hatte am morgigen Tage keine Zeit, er müßte zu einer Verteidigung in die Provinz reisen, die etwa drei bis vier Tage in Anspruch nehmen dürfte. Trotz größter Überlastung schlage er eine Konferenz am heutigen Nachmittag vor, um sich dem Kollegen gefällig zu zeigen. Dann unterhielten sich die beiden Anwälte lebhaft über eine Sache Ledermann contra Schuster. Es waren da hohe Kosten aufgelaufen, und Ledermann, Davidsohns Mandant, stand dicht vor dem Bankerott.

Noch am gleichen Abend drahtete Vollmond an Wenzel nach Paris, daß seine Maßnahmen den gewünschten Erfolg gehabt hätten. Die Starrköpfigkeit der Gegenpartei sei besiegt. Er bitte um Angabe, um wieviel Prozent er eventuell die Abfindungssumme erhöhen dürfe.

Wenzel telegraphierte aus Paris: »Verdoppeln Sie, wenn nötig, die Summe! Setzen Sie als äußersten Termin vierzehn Tage an. Beschleunigen Sie die Angelegenheit mit allen Mitteln!«

 

11

Es war anfangs Juni, aber schon war die Hitze in Paris unerträglich. Die Benzinschwaden der Automobile, die alle Straßen der ungeheuren Stadt überschwemmten, verpesteten die Luft. Wenzel fuhr häufig ins Freie und betrachtete sich die Umgebung der Stadt. Nur selten begleitete ihn Esther auf diesen Entdeckungsfahrten. Sie verließ die Stadt nur ungern, es sei denn in großer Gesellschaft. Sie brauchte das Gewimmel der Menschen, das Gewimmel der Automobile, das Brüllen der Hupen, die verwirrenden Läden der Boulevards und der Rue de la Paix. Das alles brauchte sie und die bewundernden Blicke der Männer, jener Unzahl von Männern, die in Paris spazieren gehen und deren Beschäftigung darin besteht, schönen Frauen nachzusehen.

An einem Nachmittag lag eine so drückende Schwüle über der rasenden Stadt, daß die Gesichter aller Menschen in Schweiß gebadet waren.

Man wollte nach Tisch einen Zirkus besuchen, wo zwei Clowns das Publikum jeden Abend zu tobendem Gelächter hinrissen. Esther, die gerne lachte, freute sich bereits wie ein Kind darauf. Wenzel aber fand, daß es heller Wahnsinn sei, heute in der Stadt zu bleiben. »Kommen Sie mit mir ins Oisetal. Ich will Ihnen endlich mein kleines Zauberschloß zeigen,« sagte er.

Esther rieb sich Schläfen und Wangen mit Kölnischem Wasser. In der Tat, die Luft war unerträglich, man atmete glühende Staubsplitter. »Es ist gut,« entschied sie. »Fahren wir.«

Wenzels Zauberschloß an der Oise war ein ehemaliges Barockschlößchen, das man in ein kleines vornehmes Hotel umgewandelt hatte. Gebäude und Park waren fast unberührt geblieben und von großem Reiz. Wenzel hatte das Hotel auf seinen Ausflügen entdeckt.

Esther war hell entzückt. Eine solche Köstlichkeit, eine Autostunde von Paris, war es möglich? Es gab hier Springbrunnen mit bemoosten Tritonen, Grotten aus Muscheln, einen Irrgarten aus Taxushecken, von Rosen umwachsene Statuen, wie Esther sie bisher nur auf alten Kupferstichen gesehen hatte. Man speiste auf einer Terrasse, die den Blick über den verwunschenen Park erlaubte. An Stelle des elektrischen Lichtes leuchteten Kerzen in alten silbernen Leuchtern. Esther war zufrieden. Welche Ruhe! Der Nachthimmel wölbte sich blau wie alte Kirchenfenster, große, geschliffene Edelsteine blitzten am Firmament. Aus dem Park trieb in spürbaren Wellen ein betäubender Geruch von Flieder und Rosen. Sie speisten eine volle Stunde, der Wirt hatte seine ganze Kunst aufgeboten, und sie hatten keine Eile. Dann schlenderten sie durch den Park. Esther blieb stehen und sog langsam die Luft ein.

»Es ist in Wahrheit zauberhaft schön hier,« sagte sie, und zum ersten Male hörte Wenzel in ihrer Stimme einen weichen, schwärmerischen Klang.

Sie besuchten den Brunnen mit den bemoosten Tritonen, die umwachsenen Statuen, und sogar in den Irrgarten aus Taxushecken wagte sich Esther, obwohl es drinnen ganz dunkel war. Sie verirrten sich wirklich, und es dauerte eine geraume Weile, bis sie unter Scherzen und Lachen den Rückweg fanden.

Nun schien es plötzlich für Esther genug zu sein. Die Stille bedrückte sie, die Schweigsamkeit des alten Parkes. Sie drängte zum Aufbruch.

Es zeigte sich jedoch, daß der Motor des Autos nicht in Ordnung war. Schweißtriefend lag der Chauffeur unter dem Wagen. Er versicherte, den Mangel spätestens in einer halben Stunde zu beheben.

»Oh, wie unangenehm!« rief Esther ärgerlich, und augenblicklich wandte sie sich in herrischem Ton an den Wirt und verlangte einen Wagen. Der Wirt hatte einen Wagen, gewiß, aber er deutete an, daß die Herrschaften mit diesem Wagen nach Paris wohl vier Stunden fahren würden.

Esther runzelte die Stirn. »So telephonieren Sie nach einem Auto. Es muß sich doch ein Auto finden lassen? Ich habe Baron Blau versprochen, mit ihm nach dem Theater die Schokolade zu nehmen.«

Wenzel lächelte. »Telephonieren Sie in das Hotel,« sagte er.

»Sie sind abscheulich,« erwiderte Esther verletzt. Sie schwieg eine Weile, während sie in dem dunklen Park hin und her ging. Plötzlich schien es ihr, als ob sie Wenzel im Dunkeln lachen höre.

»Sie lachen?« fragte sie verwundert.

Wenzel trat näher und berührte vertraulich ihren Arm. »Ich lache über Sie, Esther Weatherleigh,« sagte er, »ich muß lachen, weil Sie so ärgerlich sind, ein paar Stunden von Paris fern bleiben zu müssen. Das Auto ist natürlich völlig in Ordnung. Ich habe den Chauffeur nur beauftragt, diese kleine Komödie zu spielen.«

Esther blieb stehen. Im Dunkeln stand sie schmal wie eine Statue vor Erstaunen. »Und was bezwecken Sie damit?« fragte sie – oh, nun war sie wirklich schlechter Laune – und die Statue schien noch schmaler und steifer zu werden.

Lächelnd und etwas spöttisch erwiderte Wenzel: »Spielen Sie nicht die gekränkte Göttin, ich beschwöre Sie. Sie sehen ja, daß ich das Komplott sofort selbst aufdeckte, als ich sah, daß es Ihnen kein Vergnügen macht, länger hier zu bleiben. Ich will Ihnen auch ganz offen gestehen, was ich mit dieser kleinen Komödie bezweckte. Sie sind in Paris immer von einem Schwarm von Menschen umgeben, und selbst, wenn wir allein ausgehen, befinden wir uns inmitten von Menschen. Ich hatte schon lange den Plan, Sie in dieses stille Hotel, das ich durch Zufall entdeckte, zu verschleppen, um mit Ihnen ruhig über gewisse Dinge sprechen zu können.«

Esther ging weiter. »Welche Dinge wollen Sie denn mit mir besprechen?« fragte sie mit gemachtem Erstaunen. Als ob sie gar nicht ahnen könne, um welche Dinge es sich handeln könnte.

»Es ist eine sehr einfache Sache,« fuhr Wenzel fort, etwas unsicher und tastend. »Da ist dieser Baron Blau, und da ist dieser Major Fairfax, und …«

»Und da sind noch andere,« unterbrach ihn Esther.

Wenzel sah in der matten Dunkelheit des Parkes, daß ihre Zähne blitzten.

»Nun gut, und noch andere. Und da bin ich. Ich habe keineswegs Lust, die lächerliche Rolle eines Barons Blau oder eines anderen zu spielen, Esther Weatherleigh!«

Und wieder blieb Esther vor Erstaunen stehen und wurde zu einer schmalen, steifen Statue.

»Ich wollte mit Ihnen über diese Dinge ausführlich sprechen, aber es ist vielleicht besser, wenn wir wenig Worte machen. Sie sollen sich entscheiden, Esther Weatherleigh. Entweder ich oder einer der andern!«

Esther lachte. Dieses Lachen war frivol, hochmütig und verletzend. Augenblicklich verlor Wenzel die Besinnung. Viele Monate lang hatte er sich dieser Frau gegenüber beherrscht, und oft war es ihm nicht leicht gewesen. Dieses Lachen aber brachte ihn außer sich.

»Sie sollen nicht lachen über diese Frage!« rief er, viel zu laut für einen Gentleman, und trat auf die Statue zu und faßte sie an den Schultern. Ihre nackten Arme fühlten sich wie Eis an in seinen Händen, wie Eis, das brannte. »Ich habe diese Frage nie an eine Frau mit solcher Aufrichtigkeit gerichtet.«

»Sie tun mir weh,« sagte Esther leise, indem sie den Kopf senkte. »Oh, wie verwegen Sie sind! Ich hasse Entschlüsse. Ich hasse vor allem rasche Entschlüsse. Sie wissen sehr wohl, daß Sie mir nicht gleichgültig sind, Wenzel, aber ich liebe Sie nicht. Sie verlangen zuviel. Ich glaube nicht, daß ich aufrichtig lieben kann.«

Darauf Wenzel: »Ich verlange ja gar nicht, daß Sie mich lieben. Ich verlange nur, daß Sie meine Frau werden.«

»Das ist mir zu wenig,« antwortete Esther.

»Dann werden Sie meine Geliebte!«

»Das ist mir zuviel,« entgegnete Esther mit einem Lächeln. »Aber,« fuhr sie zögernd fort, »vielleicht läßt sich darüber sprechen, Wenzel Schellenberg. Ohne Bedingungen, hören Sie. Wir wollen dem Himmel die Entscheidung überlassen. Gehen wir diese Allee hinunter. Fällt eine Sternschnuppe, so haben Sie gewonnen, fällt keine Sternschnuppe, so versprechen Sie mir, nie wieder auf diese Dinge zurückzukommen. Gilt das?«

»Es gilt!«

Sie gingen durch die Allee, die hellen Gesichter zum Firmament gerichtet. Kaum aber waren sie zehn Schritte gegangen, als ein leuchtendes Meteor über das Firmament zog.

Esther stieß einen Schrei aus und griff mit der Hand nach Wenzel. »Sie haben gewonnen, Wenzel!« rief sie und lachte.

 

12

»Da bist du ja wieder,« sagte Jenny Florian freudig lächelnd und schmiegte den zarten Arm sanft um Wenzels Nacken. Ihre Augen strahlten von einer tiefen und milden Freude.

Der Klang ihrer weichen, gütigen Stimme, die zärtlich gesprochenen Vokale griffen an Wenzels Herz. Seit langer Zeit hatte er diese schöne Stimme nicht mehr vernommen.

»Da bin ich wieder, mein Liebling,« erwiderte er laut, mit etwas gemachter Lustigkeit, um die Bewegung zu verbergen, die ihn ergriffen hatte, als er Jenny, zarter, etwas schmaler im Gesicht, eilig die Treppe herabkommen sah. Auch nicht der leiseste Vorwurf stand in ihren Augen. Er küßte sie herzhaft auf den Mund.

Jenny geleitete ihn in das Haus. Überall Blumen, er sollte sehen, daß sie sich auf seine Rückkehr gefreut hatte.

Ja, nun war also Wenzel wieder in Berlin, und es sah ganz so aus, als habe sich unterdessen nicht das mindeste ereignet und solle alles bleiben wie früher.

Wenzel verbrachte fast alle Abende mit ihr, was er früher nicht getan hatte. Sie besuchten Gesellschaften, Theater, Rennen, zumeist aber speisten sie in Jennys Haus. Wenzel war herzlich, voll Interesse für alles, was Jenny betraf, ein guter Kamerad und Freund. Sie beobachtete jedoch häufig eine sonderbare Zerstreutheit an ihm, die sie früher nie bemerkt hatte. Oft stand Wenzel auf, um nachdenklich und unruhig im Zimmer hin- und herzugehen.

»Woran denkst du?« fragte sie.

Wenzel schüttelte den Kopf. Er gab ihr auf diese Frage keine Antwort.

Jenny hatte von seinen Beziehungen zu Esther Weatherleigh gehört, natürlich. Sie wußte, daß ihn diese Frau mehr als andere beschäftigte, aber es ging doch wohl nicht an, seine Unruhe auf diese Frau zurückzuführen. »Hast du Sorgen?« fragte Jenny schmeichelnd.

Wenzel schüttelte den Kopf. Er hatte keine Sorgen.

»Aber vielleicht hast du doch Sorgen,« drängte Jenny weiter. »Ich verstehe nichts von Geschäften und möchte mit dir auch nicht über Geschäfte sprechen. Aber vielleicht hast du geschäftliche Sorgen? Man sprach in Berlin davon, daß du große Verluste in einer Francsspekulation erlitten hast.«

Wenzel lachte laut auf, gutmütig und belustigt. »Wie lächerlich klein ist diese Welt!« rief er aus. »Ich habe in der Tat anfangs einen tüchtigen Lappen Haut hängen lassen. Ich habe dir von einem Bekannten erzählt, einem Baron Blau, einem Bankier. Nun, ich war töricht genug, auf seine Ratschläge zu hören. Er behauptete, der Franc würde gestützt werden und steigen. Man soll nie auf einen Bankier hören, und so habe ich eine ziemliche Summe verloren, gegen vierzigtausend Pfund. Später aber behauptete dieser Baron Blau, der Franc würde fallen, und diesmal handelte ich seinem Rate entgegen und habe meine Verluste mehr als wettgemacht. Das ist die ganze Sache meiner Francsspekulation.«

Nach einer Woche war Wenzel plötzlich wieder abgereist. Er sandte Jenny Blumen und einen Gruß. Geschäfte! Drei Tage später kam er wieder zurück. Er blieb zwei Tage und flog nach London. In diesen Monaten war Wenzel fast ununterbrochen in D-Zügen und Flugzeugen unterwegs: Paris, London, Trouville, Ostende. Je länger diese ununterbrochenen Reisen währten, desto größer wurde Wenzels Unruhe. Jenny konnte es deutlich von Monat zu Monat beobachten. Was früher fast nie vorkam, ereignete sich jetzt häufig: Wenzel war schlechter Laune! Wenzel, der immer behauptete: Nur dumme Menschen können schlecht gelaunt sein. Wenn Wenzel früher ärgerlich war, so gab es irgendeine, oft heftige Explosion, eine Eruption von Zorn und Galle, und einige Minuten später hatte er seinen früheren Gleichmut wiedergefunden. Anders jetzt. Er saß mit verdüstertem Gesicht und schwieg.

Jenny berichtete ihm, um ihn zu zerstreuen, von ihrer Arbeit. Oh, sie arbeitete, doppelt eifrig, seit Wenzel fast immer abwesend war. Sie übte, schulte, lernte, studierte, beobachtete. Ihr letzter Film, »Der Roman einer Tänzerin«, hatte einen sensationellen Erfolg gehabt. Er ging um die ganze Erde. Man machte ihr verführerische Angebote, aber schon hatte Jenny ihr Ziel weiter gesteckt. Sie wollte zur Bühne gehen und nur noch zuweilen filmen. Wenzel hatte ein Theaterunternehmen finanziert und als Gegenleistung Jennys Engagement gefordert. Im Herbst sollte sie zum ersten Male auftreten, und man tat alles, um das Debüt zu einem Erfolg zu gestalten. Jenny erzählte von den Proben.

Wenzel hörte kaum zu. Er deutete an, daß seine Scheidungsangelegenheit ihm großen Verdruß bereite. Eines Abends aber kam er in strahlender Laune zu Jenny, nachdem er zwei Stunden vorher abgesagt hatte. Er brachte einen riesigen Korb erlesener Leckerbissen mit. Das Auto war buchstäblich bis zum Rand mit Blumen angefüllt.

»Laß deine besten Weine auftischen, Jenny!« rief er, in jenem übermütigen Ton, den Jenny so gut von früher her kannte. »Wir wollen tafeln. Endlich hat diese unleidige Scheidungsgeschichte ein Ende gefunden.«

Fröhlich und beglückt gab Jenny ihre Befehle.

In der Tat hatte Lise an diesem Tage kapituliert. Wenzel bat am Vormittag den Anwalt Vollmond zu sich und erklärte ihm ohne alle Umstände: »Lise Schellenberg ist von der Reise zurückgekehrt. Sie werden dieses Zimmer nicht verlassen, bevor Sie die Angelegenheit nicht in Ordnung gebracht haben. Meine Geduld ist jetzt zu Ende. Hier ist das Telephon, fangen Sie an.«

Vollmond tat beleidigt, lächelte sauer, ging aber trotzdem ans Telephon. Und nun wollte er seine ganze Kunst beweisen, während Wenzel mit dem finsteren Blick und starren Nacken eines Tyrannen dasaß, der seinen Willen durchsetzen will, und gehe die Welt dabei in Scherben.

Vollmond begann mit einer liebenswürdig vorgebrachten Entschuldigung, daß er es nochmals wage, Frau Schellenberg zu stören. Er spreche jedoch weniger als der Anwalt ihres Ehemannes, er spreche vielmehr als Lises Freund, dem ihr Schicksal und das Schicksal der beiden Kinder am Herzen liege. Er rechne natürlich auf ihre Diskretion! Er berichtete also, daß Herr Schellenberg eine Klage einreichen wolle, Herbeiführung eines Gerichtsbeschlusses zur sofortigen Herausgabe der Kinder.

»Gnädige Frau!« Der Anwalt sprach, wie gesagt, als Freund, aber schon wurde er etwas deutlicher. Er setzte ihr auseinander, daß das Gericht ohne allen Zweifel, sie könne alle Anwälte der Welt fragen, sie für den schuldigen Teil erklären würde und daß sie dann nicht einmal Anspruch auf einen roten Heller erheben könne. Herr Schellenberg habe ihm als letzten Termin den heutigen Abend, und zwar Punkt sechs Uhr genannt. Eine Minute nach sechs Uhr werde die Klage abgehen. Heute abend reise Herr Schellenberg auf vier Wochen von Berlin weg, und unterdessen werde sich das Schicksal erfüllen.

Wieder erging sich Vollmond in Freundschaftsbeteuerungen. Dann versicherte er ehrenwörtlich, daß Herrn Schellenbergs letzte Bedingungen die seien: Er biete zwei Millionen Abfindung und eine Rente von fünfzigtausend Mark jährlich. Bis heute Abend sechs Uhr. Er werde in einer halben Stunde wieder anrufen, und er hoffe auf ihre bestimmte Zusage. »Nach sechs Uhr, sechs Uhr eine Minute, gnädige Frau, keinen roten Heller.«

Dann telephonierte Vollmond – Wenzels Gesicht war immer finsterer geworden – mit dem Justizrat Davidsohn. Er beschwor den verehrten Kollegen, bei seiner Klientin seinen ganzen Einfluß geltend zu machen. Der Fall sei hoffnungslos. In einer halben Stunde werde Herr Schellenberg abreisen, und dann sei es zu Ende.

Hierauf rief er wiederum bei Lise an. Wenzel hörte Lises erregte Stimme im Apparat. Vollmond war die Liebenswürdigkeit selbst, er verbeugte sich sogar am Apparat. Dann spannten sich seine Gesichtszüge, und endlich sagte er: »Ich werde in fünfzehn Minuten bei Justizrat Davidsohn zu Ihrer Verfügung sein, gnädige Frau. Sie sagen drei Millionen? Ich bin nahezu sicher, daß Herr Schellenberg diese Forderung zurückweisen wird, aber ich bürge mit meinem Ehrenwort, daß ich alles tun werde, was in meinen Kräften steht.« Vollmond war vor Erregung blaß geworden.

Auf diese Weise hatte Lise kapituliert. Noch am selben Abend erzählte sie bleich und verstört allen ihren Bekannten, daß Wenzel sie mit einem Butterbrot abgefunden habe, aber man habe ihr gedroht, die Kinder morgen durch die Polizei wegnehmen zu lassen. Und alle Freunde Lises erklärten Wenzel Schellenberg für den brutalsten Schurken Berlins.

 

13

Wenzel hatte den Familienschmuck eines früheren regierenden herzoglichen Hauses gekauft, eine wunderbare Goldschmiedearbeit italienischen Ursprungs, Perlen, Diamanten und Smaragden. Sein Einkäufer für Antiquitäten hatte die Kostbarkeit entdeckt. Wenzel brachte den Schmuck nach Paris und machte ihn Esther zum Geschenk. Es war ein Schmuck, der selbst die verwöhnte Tochter des alten Raucheisen entzückte. Baron Blaus Gesicht zuckte an diesem Abend nervös, und der Chef des Speisesaals war kaum imstande, ihm ein Täßchen Hühnerbrühe einzuflößen.

Als der alte Raucheisen von Esther die Nachricht erhielt, daß sie beabsichtige, sich mit Wenzel Schellenberg zu verheiraten, saß er bleich und still wie ein Leichnam. Sein ganzes Lebenswerk, seine Zechen, Kokereien, Walzwerke, Hochöfen, Fabriken, Schiffe, sah er vor seinen Augen in den Abgrund versinken.

»Dieser Abenteurer!« keuchte er leise. Es gab kein Wort für Raucheisen, das eine größere Verachtung ausgedrückt hätte. Er streckte die totenbleiche Hand aus, um zu klingeln. Aber er beobachtete, daß sein Finger zu schwach war, um die Klingel herabzudrücken. Erst nach einer Weile gelang es ihm. Am Abend speiste der Sachverwalter seines Hauses, Justizrat Barenthin, bei ihm. Vor dem alten Freunde hatte Raucheisen keine Geheimnisse. Barenthin versprach, seine Fühler vorsichtig auszustrecken. Er reiste nach Paris, wo es ihm gelang, eine Aussprache mit Wenzel zu haben. Er war glücklich, Raucheisen die Mitteilung überbringen zu können, daß Wenzel Schellenberg auf einer Gütertrennung der beiden Ehegatten bestehe.

Der alte Raucheisen atmete auf. Die Ehe wird ein, zwei Jahre währen, sagte er sich. Ich kenne Schellenberg, und ich kenne meine Tochter. Aber den Gedanken, daß Lady Weatherleigh, geborene Esther Raucheisen, einen »Abenteurer« heiratete, würde er nie verwinden können. Das fühlte er.

 

14

»Wenzel ist seit acht Tagen in Berlin?« Erstaunt und ungläubig sah Jenny Stobwasser an.

Ja, seit acht Tagen sei Schellenberg bereits wieder hier. Und Stobwasser berichtete, daß in der letzten Zeit fieberhaft in der Villa im Grunewald gearbeitet werde, um das Haus bis auf die letzte Leiste und den letzten Beschlag fertig zu machen.

»Er war lange verreist, er wird zu beschäftigt sein,« versuchte Jenny Wenzel zu entschuldigen.

Aber als sie allein war, fragte sie sich betrübt und erregt: Weshalb kommt er nicht zu mir? Weshalb ruft er nicht an? Sie hatte natürlich von Wenzels beabsichtigter Heirat gehört. Es war nicht leicht für sie, dieser Gedanke bedrückte, dieser Gedanke verdunkelte, aber es mußte sein, wenn es ihm Freude machte, diese verwöhnte Frau zu heiraten. Weshalb nicht? Was kümmerte es sie? Wenn er nur der gute Kamerad blieb, der er bisher gewesen war. Mehr wollte sie nicht.

Wenzel reiste wieder ab, er kam wieder zurück. Sie hörte nichts von ihm. Eines Tages aber, es ging schon auf den Herbst, überbrachte der kleine Stolpe einen Brief von Wenzels Hand, den er nur gegen Quittung aushändigen durfte.

Welche Feierlichkeit, welche Formalität, dachte Jenny erbleichend. Sie war eben zum Ausgehen fertig, der Wagen wartete vor der Tür, um sie ins Theater zur Probe zu bringen. Die Premiere war schon angesagt, in acht Tagen sollte sie zum ersten Male auftreten.

Jenny zog die Handschuhe wieder aus und öffnete zaghaft den Brief. »Weshalb zittert meine Hand so?« schrie sie. Sie überflog das Schreiben. Wieder wich das Blut aus ihrem Gesicht. Dann legte sie Wenzels Brief zur Seite, gab den Auftrag, das Auto wieder in die Garage zu bringen, und ließ beim Theater die Probe absagen wegen einer plötzlichen Unpäßlichkeit. Dann nahm sie den Hut ab, zog den Mantel aus und begann in ihren Räumen auf und ab zu gehen, immer hin und her. Es wurde drei Uhr. Der Tisch war gedeckt, aber Jenny schüttelte nur den Kopf. Sie unterbrach ihre Wanderung nicht. Um sechs Uhr übergab man ihr die Karte von Hauptmann Mackentin. Ach ja, in Wenzels Schreiben war ja davon die Rede, daß Hauptmann Mackentin um sechs Uhr bei ihr vorsprechen werde, um »alles Weitere« mit ihr zu ordnen. Jenny legte die Karte weg, winkte mit der Hand ab und setzte ihre Wanderung fort.

Es wurde dunkel. Im Speisezimmer flammte das Licht auf. Das Abendessen war serviert, aber Jenny schüttelte wiederum nur den Kopf, ohne ihre Wanderung zu unterbrechen. Es war schon tief in der Nacht, als sie sich auskleidete. Sie hüllte sich in ein weiches, seidenes Hauskleid, und wieder ging sie hin und her. Der Tag begann zu grauen, und plötzlich sah sie wieder Wenzels Brief im Dämmerlicht auf dem Tisch liegen. Da setzte sie sich auf einen Stuhl und begann leise in ihre Hände zu weinen. Aber sofort stand sie wieder auf und nahm bleich und verstört ihre Wanderung wieder auf.

Die erschrockene Zofe versuchte sie zu beruhigen. Das Telephon klingelte. Hauptmann Mackentin machte einen neuen Versuch, sie zu sprechen, das Theater rief an.

»Ich komme nicht zur Probe, ich spiele nicht, ich werde nicht auftreten. Sagen Sie das!« Und wieder ging Jenny ohne Pause hin und her.

Jenny lebte in einer Art von Betäubung. Sie kam sich selbst wie eine Fremde vor. All die schönen Dinge, die sie geliebt hatte, erschienen ihr fremd und tot. Jene beiden meterhohen chinesischen Porzellanvasen – einst standen ganze blühende Fliederbäume darin, ganze Büsche von Rosen, Gladiolen, Chrysanthemen, Astern, einst, einmal, vor langer Zeit –, sie sahen sie kalt und feindselig an. Sie wünschten abgeholt zu werden. All diese Dinge ringsum gehörten ihr, Wenzel hatte ihr alles geschenkt, das Haus, alles. Aber sie wollte es nicht haben. Sie wollte nur noch einige Tage hier unterschlüpfen, bis sie einen Entschluß fassen konnte. Dann sollte er alles, alles von ihr zurück erhalten. Sie wollte nichts von ihm.

Dieser Brief!

Ja, weshalb hatte er doch diesen Brief geschrieben? Hatte er nicht mehr als drei Minuten Zeit für sie gefunden? Weshalb war er nicht gekommen, um ihr all dies zu sagen? Weshalb diese plötzliche Fremdheit, dieser fast geschäftsmäßige Ton? War sie eine Ware, die man kaufte und zurückgab, wenn sie einem nicht mehr gefiel? Wenn er schrieb, daß er »sein Leben auf eine völlig neue Basis stellen wolle« – störte sie ihn? »Das Weitere wird Mackentin mit dir besprechen.« Das Weitere …

Und wiederum nahm Jenny ihre Wanderung auf. Ich bin vergiftet, sagte sie zu sich. Dieser Brief hat mich vergiftet, ich wußte nicht, daß Worte vergiften können.

Jenny bat Stobwasser zu sich. Er war augenblicklich zur Stelle, erregt, überrascht. Seit es ihm besser ging, hatte er seine drollige alte Bohemienkleidung abgelegt und sich einen neuen Anzug gekauft. Dieser Anzug war zu weit, die grelle Krawatte saß schief, der Kragen war zu hoch und die Farbe der Strümpfe war schlecht gewählt. Er sah in der Tat noch komischer aus als früher. Alle diese Nichtigkeiten beobachtete Jenny, obwohl sie von ihrem Schmerz betäubt war.

»Lesen Sie bitte diesen Brief, Stobwasser,« sagte sie und reichte ihm Wenzels Schreiben.

Stobwasser sah sie entsetzt an, so sehr hatte sie sich in der kurzen Zeit verändert. Sie sah bleich und durchsichtig aus wie eine Schwindsüchtige. Dann senkte er die spitze Nase über Wenzels Brief. Er schüttelte unwillig den schwarzen, wilden Haarschopf.

»Ein Geschäftsbrief!« sagte er dann empört. »Ich hätte Schellenberg eine solche Roheit niemals zugetraut.«

»Beschimpfen Sie ihn nicht,« entgegnete Jenny leise, die Stirn zerknittert, die Hände abwehrend erhoben. »Diese Frau hat ihm die Sinne verwirrt.«

Stobwasser machte einen schwachen Versuch sie zu trösten, aber sie hörte ihm nicht zu, antwortete nicht. Da gab er es auf. Er lud sich selbst zum Abendessen ein, um der unglücklichen Jenny Gesellschaft zu leisten. Aber Jenny rührte kaum einen Bissen an. Stobwasser plauderte, er tat, als sei nichts geschehen, erzählte tausend Kleinigkeiten, einige Anekdoten. Sein Papagei Gurru war entflohen und hatte das ganze Stadtviertel in Aufregung versetzt. Schließlich hatte ihn die Feuerwehr gefangen.

Jenny lächelte unmerklich mit schiefgezogenem Mund. Sie saß in einem Sessel, das schmale Gesicht in die blassen Hände gestützt. Um zehn Uhr verließ Stobwasser das Haus, und Jenny nahm wieder ihre Wanderung auf.

Sie schrieb an Eva Dux, mit der sie nun innig befreundet war. Aber Eva konnte erst am Sonntagnachmittag kommen und auch da nur auf eine Stunde.

»Lies diesen Brief, Eva,« sagte Jenny.

Eva, die Schweigsame, Stille, Gesammelte, las den Brief. Dann stand sie eine lange Weile still. Sie legte ihre Hände auf Jennys Schulter, strich ihr unmerklich über das Haar und sagte: »Du mußt es tragen, Jenny, das Leben ist schwer. Denke an deine Arbeit.«

Jenny schüttelte den Kopf. Sie konnte es nicht tragen, sie konnte nicht arbeiten.

Eine Stunde saß Eva, ohne ein Wort zu sprechen. Sie schlürfte eine halbe Tasse Tee, dann ging sie wieder, und wiederum nahm Jenny ihre Wanderung auf. Alle Vorhänge ihrer Zimmer waren zugezogen.

Fast täglich gab Hauptmann Mackentin seine Karte bei ihr ab. Endlich ließ sie ihn eintreten, aber nur um ihm zu sagen, daß sie Herrn Schellenbergs Schenkung nicht annehmen könne und daß sie Herrn Mackentin bitte, sich nicht mehr zu bemühen. Mackentin erhob Einwendungen, er begann mit Erklärungen und Entschuldigungen, aber Jenny verabschiedete ihn mit einem kleinen Winken ihrer Hand. Mit einer tiefen Verbeugung, die seine ganze Achtung vor dem Schmerze Jennys ausdrückte, zog sich Mackentin zurück.

 

15

Michael Schellenberg fluchte. Er fluchte eine ganze Viertelstunde lang, und seit der Gründung der Gesellschaft Neu-Deutschland hatte ihn niemand so zornig gesehen. Es war, als ob in der letzten Zeit der Teufel los wäre.

Man hatte in den Büchern Unregelmäßigkeiten entdeckt, und schließlich war es an den Tag gekommen, daß einer der Finanzdirektoren der Gesellschaft größere Unterschlagungen begangen hatte. Es handelte sich um nahezu eine halbe Million Mark. Der Skandal! Wie die Zeitungen wieder über die Gesellschaft herfallen würden!

Und in der Tat, die Zeitungen schonten die Gesellschaft nicht. Einige Blätter wiederholten ihre Forderung, daß die Gesellschaft, die zwar in enger Fühlung mit der Regierung, aber völlig unabhängig arbeitete, endlich unter die Kontrolle der Regierung gestellt werde. Manche Zeitungen gingen so weit, zu behaupten, daß die Gelder des Reiches und der Gemeinden unzweckmäßig verwendet würden. Ein Blatt schrieb: Der Sündenlohn der arbeitenden Klasse wird in den Bars und Tanzpalästen verpraßt!

»Da haben wir es,« rief Michael und lachte wütend. »Wir, die wir nicht einen Heller besitzen, wir, die wir unsere ganze Arbeit gemeinnützigen Zwecken widmen, wir verprassen also das Geld in Tanzlokalen und Bars. Herrlich! Wunderbar! Oh, dieser Halunke!«

Dabei hatte er gerade diesem Finanzdirektor immer das allergrößte Vertrauen entgegengebracht.

»Wie kann ein Gesicht so lügen?«

Eine Atmosphäre von Übelwollen, ja Feindseligkeit umgab Michael. Häufig mußte er in diesen Tagen an Wenzel denken, der ihm diese Feindschaft schon vor Jahren prophezeit hatte. Es gab politische Parteien in Deutschland, die von der Zerrissenheit des deutschen Volkes lebten. Ihnen war er ein Dorn im Auge. Es gab Interessengruppen, die eine Schädigung ihrer Privatinteressen befürchteten. Und in der Tat zwang Michael sie durch die Konkurrenz der Gesellschaft, ihre Arbeitsmethoden zu verbessern und sich mit geringeren Gewinnen zufriedenzugeben. Auch diesen war er ein Dorn im Auge. Die Landwirtschaft betrachtete ihn mit argwöhnischen Blicken. Man las voller Neid die Statistiken der Gärtnereien der Gesellschaft, die Statistiken der technisch betriebenen Großlandwirtschaften. Es gab Ehrgeizige, die ihm seine Erfolge nicht gönnten, Neidische, die alles besser wußten.

»Oh, dieser Halunke!« wiederholte Michael. Und dazu kamen noch die etwas peinlichen Geschichten seines Bruders, seine Scheidung, die viel Staub aufgewirbelt hatte, und jene Sache mit dem herzoglichen Familienschmuck. Manche seiner Gegner machten ihn, so grotesk es klang, verantwortlich für die Handlungen seines Bruders. Sie deuteten an, daß das Vermögen Wenzels zum großen Teil aus Geschäften stamme, die er mit der Gesellschaft Neu-Deutschland machte.

Michael ließ der Presse eine Notiz zugehen, daß die Verluste, die die Gesellschaft durch die Unterschlagung erlitten habe, von Freunden der Gesellschaft gedeckt werden würden. Er gab sich der Hoffnung hin, daß Wenzel, der häufig eine offene Hand gezeigt hatte, ihm gefällig sein würde. Aber er täuschte sich. Wenzel gab ihm nicht einmal eine Antwort.

Es dauerte immerhin einige Wochen, ehe Michael, übermüdet und überanstrengt, sein Gleichgewicht wiedergewann. Nunmehr betrachtete er alle Angriffe ruhiger.

Mochten sie toben und ihn mit Schmutz bewerfen, sagte er sich voller Triumph, eine Tatsache war nicht zu leugnen: die Gesellschaft Neu-Deutschland wuchs von Monat zu Monat. Es gab keine Provinz, keine Landschaft, keine große und kleine Stadt, die nicht Projekte und Ziele der Gesellschaft erregt diskutiert hätte. Der Plan von Deutschlands Neuaufbau lag heute bis in die letzten Einzelheiten ausgearbeitet vor: die Kanäle, die die einzelnen Ströme verbinden mußten, die Schnellbahnen, die die großen Wirtschaftszentralen einander näher bringen sollten, die Schnellautostraßen, die zu schaffen waren, die Wasser- und Windkraftstationen. Es war eine ungeheure Arbeit für zehn, zwanzig, fünfzig Jahre. Aber neu und groß würde das Land erstehen, und allerorts hatte man eifrig und begeistert mit der Ausführung des Planes begonnen. Hunderttausende von jungen Männern jubelten Michael zu. Hunderttausende von freiwilligen Helfern bauten Straßen und Kanäle. Die Frauenorganisationen hatten ihm ihre Mitarbeit zur Verfügung gestellt. Es gab keinen Schmutz in den Lagern der Gesellschaft, keine Krankheiten, keine zerfetzten Hemden und zerrissenen Kleider, alles dank der Fürsorge der Frauen.

Unerschrocken ging Michael – der Devise der Gesellschaft getreu – dem Hunger und dem Elend entgegen, und überall belebte sich das erstorbene Gefühl der Kameradschaft.

Seine Reformen und seine Gedanken einer wohldurchdachten organischen Wirtschaft des Reichs hatten im Ausland Aufsehen erregt. Kommissionen kamen, das wachsende Werk zu besichtigen.

Vor einem halben Jahr etwa hatte Michael die Gesellschaft »Neu-Europa« gegründet. Ähnliche Grundsätze, angewandt entsprechend den Bedürfnissen der einzelnen Länder Europas, sollten sämtliche europäischen Staaten reformieren. Die einzelnen Länder tauschten ihre Erfahrungen aus, ohne jede Geheimnistuerei berichtete man gegenseitig über die Fortschritte des Gartenbaues, der Landwirtschaft, des Heimstättenbaues, über neue Maschinen und Erfindungen. Zufriedene europäische Völker – war es nicht einleuchtend? – würden ein zufriedenes Europa schaffen, das es heute nicht gab. Die Zölle würden fallen, die Schranken der Grenzen würden fallen, das Paßwesen würde fallen. Unter dem Druck der wirtschaftlichen Übermacht der Vereinigten Staaten von Amerika würde Europa früher oder später gezwungen werden, eine Planwirtschaft für ganz Europa einzuführen, sollte es nicht zum Sklaven des amerikanischen Kapitals werden.

War Europa erst auf diesem Punkt angelangt, nun, so waren nur noch zwei, drei Schritte zu den Vereinigten Staaten Europas! Und sie würden kommen, morgen, übermorgen …

Unermüdlich arbeitete Michael an diesen Problemen. Bis in die späte Nacht hinein saß Eva Dux über das Stenogrammheft gebeugt.

»So wird es sein, so und nicht anders!« schrie Michael.

Die Zeitschrift »Neu-Europa«, die er gegründet hatte, wurde in Millionen von Exemplaren in allen Sprachen verbreitet. In unzähligen Versammlungen hatte er, von Beifall umtost, gesprochen. Würden die europäischen Staaten das Geld und die Arbeitsenergien, die sie heute für ihre Armen aufbrachten, produktiven Zwecken zuwenden, so gäbe es heute schon keinen Hunger und kein Elend mehr unter den europäischen Völkern! Und ein neuer Tag würde über Europa emporsteigen.

Der Tag war nahe!

»So wird es sein und nicht anders!« schrie Michael, und Eva Dux schrieb mit fliegenden Händen.

Viele verspotteten Michaels Optimismus. Andere bekämpften ihn mit rasendem Fanatismus. Je mehr Anhänger er gewann, desto größer wurde auch die Schar seiner Feinde.

 

16

Knirschend hielt das pechschwarzglänzende Auto, das neu war wie ein Nagel, der aus der Maschine fällt, auf dem breiten Kiesweg vor der Schellenbergschen Villa im Grunewald. Eine Reihe von Dienern stand auf der breiten Freitreppe, der Haushofmeister, ein würdig aussehender älterer Herr, ein früherer Regimentskommandeur, stürzte eifrig die Treppe herab zum Wagen.

Wenzel stieg aus und half Esther aus dem Coupé. Sie betrachtete aufmerksam das Palais, aber man konnte deutlich ihre Enttäuschung auf dem etwas blassen, gemalten Gesicht sehen. Sie hatte die Lippen gespitzt, während sie das Gebäude musterte. Sie hatte sich das Palais etwa gedacht wie einen herzoglichen englischen Landsitz. Besonders aber enttäuschten sie die Bäume. Oh, sie hatte riesiggroße Bäume erwartet, wie in den englischen Parks, und diese Bäume hier waren unansehnlich, unbedeutend, ohne Großartigkeit und ohne jegliche Physiognomie, neue Bäume, mit einem Wort. Dazu war es Herbst, und die meisten Bäume hatten das Laub schon abgeworfen, so daß Park und Garten einen etwas kläglichen Eindruck machten.

Die Innenausstattung des Hauses aber fand Esthers Beifall. Ihre kultivierten Sinne erkannten augenblicklich, da war Geschmack, Kostbarkeit, Pracht, alles von der Hand eines Meisters angeordnet. Nicht überladen die Räume, Farben, Formen und Einrichtung in voller Harmonie – ja, ein solches Haus konnte sich auch recht gut in England sehen lassen. Man konnte seine Freunde einladen, ohne ihre Kritik fürchten zu müssen. Sie bewunderte den Speisesaal mit den gestickten Wänden, welche Arbeit, welche Linien und Farben! Die riesige Bibliothek mit den Abertausenden von Bänden und tausend alten, kostbaren Ausgaben versetzte sie in Entzücken. Ihre Gemächer hatte Wenzel in den letzten Monaten einrichten lassen. Sie gefielen ihr. Sie war zufrieden. Das Schlafzimmer, in Lachsrot und Gold gehalten, war ein vollendetes Kunstwerk. Wenzels Architekten, Kaufherr und Stolzer, hatten ihr ganzes Können eingesetzt. Esther aber liebte Lachsrot nicht, sie wünschte die Ausführung in Bordeauxrot. Das gekachelte Schwimmbad, in das eine weiße Marmortreppe hinabführte, begeisterte sie wiederum. Vor ihrem Schlafzimmer aber sollte eine helle Glasveranda angebracht werden, mit bequemen Korbsesseln und einem Teetisch, wie in England. Und sie wünschte, daß die Wege des Gartens mit großen Steinplatten ausgelegt würden, wie sie es bei Freunden in England gesehen hatte. Verschiedene Moose und Steinpflanzen in den Ritzen.

Wenzel lachte. Er versprach, alle ihre Wünsche zu erfüllen.

Den ersten Abend speiste Esther bei ihrem Vater. Am zweiten Abend aber lud Wenzel den alten Raucheisen zu Tisch. Es war eine ganz kleine Gesellschaft. Nur Mackentin, Michael und Eva Dux waren eingeladen.

Der alte Raucheisen übersah absichtlich Glanz und Prunk des Hauses. Er warf kaum einen Blick in die Bibliothek und beachtete auch die gestickten Wände des Speisesaals nicht, obschon ihn Esther darauf aufmerksam machte. Es roch hier noch nach Lack und Farbe! In Wahrheit aber war Wenzels Palais mit weit größerem Geschmack eingerichtet als das Schloß Charlottenruh des alten Raucheisen an der Ruhr, das vollgestopft war mit Kostbarkeiten von zweifelhaftem, ja sogar schlechtem Geschmack. Da saß ein Mädchen, keine Dame, das sicherlich nicht der Gesellschaft angehörte. Sie saß still und wagte kaum die Speisen zu berühren und trug zwei falsche Perlen in den Ohren. Während des ganzen Abends vermied es der alte Raucheisen mit ungeheurer Geschicklichkeit, Eva Dux auch nur eines Blickes zu würdigen.

Esther hatte Michael noch nie gesehen, war aber durch Wenzels schwärmerische Schilderungen neugierig auf ihn geworden. Seine warmen, leuchtenden Augen gefielen ihr und die weiche Linie seines Mundes. Welche Ruhe, trotz einer gewissen Müdigkeit, die auf seinem Gesicht lagerte. Er sah Wenzel ähnlich, nur daß alle Züge etwas zarter waren. Sie unterhielt sich während des ganzen Abends fast ausschließlich mit ihm. Er war ihr sympathisch – und doch beschloß sie, seine Gesellschaft in Zukunft zu meiden, soweit es anging. Sie haßte jene Klasse von Menschen, die alles gleichmachen wollten. Gewiß würde dieser Mann, wenn er die Macht hätte, überall Kartoffeln und Getreide anbauen und Parks und Golfplätze verbieten, vielleicht auch die Blumengärten, aus deren Blüten man die Parfüms destillierte? Vielleicht war es in Zukunft nicht mehr erlaubt, sich Dienerschaft zu halten. Sie erblickte in ihm einen Feind, einen Gegner von großer Gefährlichkeit, und ihre Abneigung wuchs mit jeder Minute, die sie mit ihm heiter und klug verplauderte.

Michael zuckte über Esther die Achseln. Eine mondäne Frau, sagte er sich, verwöhnt, hoffärtig und eigenwillig. Sie ist nicht nach meinem Geschmack. Möge Wenzel mit ihr glücklich werden.

»Wie gefiel dir Esther?« fragte er Eva.

Eva dachte lange nach, dann sagte sie: »Sie ist interessant und geistreich, aber ich könnte ihr niemals volles Vertrauen schenken.«

Schon am nächsten Tage fuhr Esther nach England zurück. Mitte Dezember sollte die Hochzeit in London stattfinden. Es war Esthers Wunsch. Sie wollte alle ihre englischen Freunde um sich sehen. Der alte Raucheisen hatte ihr versprochen, zu kommen, trotz der beschwerlichen Reise. In Wahrheit hatte er aufgeatmet: wenn die Hochzeit nur nicht in Berlin stattfand.

Wenzel gab seiner Jacht »Kleopatra« den Auftrag, ihn vom zehnten Dezember an in Nizza zu erwarten, und die »Kleopatra« stach sofort in See.

 

17

Welke Blätter klebten an den Scheiben. Der Wind blies, der Regen klatschte gegen das Haus, die Tage wurden kürzer. Immer noch waren alle Vorhänge in Jennys kleiner Villa, die so fröhlich von außen aussah, zugezogen. Immer noch wanderte Jenny wie ein Gespenst in ihren Zimmern hin und her, ohne jede Ruhe. Sie wußte kaum, ob es Tag war oder Nacht.

Heute war der letzte Oktober, der letzte Tag. Sie hatte Hauptmann Mackentin mitgeteilt, daß sie ihm das Haus vom ersten November an zur Verfügung stelle. Also war heute der letzte Tag, und heute würde es geschehen.

»Ich werde Wort halten. Ich habe ihm geschrieben, daß er morgen über das Haus verfügen könne,« sagte Jenny zu sich. »Nun gut, ich werde nicht mehr hier sein.«

Sie hatte die Gewohnheit angenommen, laut zu sprechen, während sie durch die Zimmer ging oder müde in irgendeinem Sessel kauerte. Alles war vorbereitet. Den Chauffeur und die Zofe hatte sie schon vor einem Monat entlassen. Sie waren nur im Wege. Die Köchin würde morgen das Haus verlassen. Nur noch der Hausverwalter wohnte in seinem Gartenhaus nebenan.

Ja, heute war also der letzte Tag. Nun war er da! Sie schlüpfte in ein gelbseidenes Kimono, das sie liebte, und schritt durch die Zimmer, mit einem fernen, leisen Lächeln auf den Lippen. Nur zuweilen blieb sie stehen und starrte in die Luft. Ihre Augen waren sehr groß und hell geworden. Und sie sprach laut mit Wenzel. Sie erzählte ihm das und jenes. Sie lächelte über seine Antworten, mit etwas schiefgezogenen Lippen.

Sie sagte: »Da bist du ja wieder, mein lieber Junge.« Oder sie sagte: »Weshalb gehst du schon? Bleibe doch noch etwas hier. Ach, diese ewigen Konferenzen!« Und sie runzelte mit gespieltem Unmut die Stirne.

Sie sagte: »Wie töricht bist du doch, Wenzel! Wenn du diese Frau heiraten willst, so heirate sie ruhig! Ich habe nie danach gefragt, ob du mich etwa heiraten willst. Es war für mich schön, so wie es war. Eine Heirat ist doch kein Grund, daß du weggehst. Du konntest mir alles sagen, du konntest mir auch sagen, daß wir fortan nur als Freunde leben würden, auch das hätte ich begriffen, ich bin doch nicht so töricht.«

Sie sah Wenzels Gesicht deutlich vor sich, diese gebräunte Haut mit etwas großen Poren, seine Zähne, seinen derben, kräftigen Mund, seine Augen. Das Augenlid bildete nicht eine geschwungene Linie, es war eckig. Wenn man Wenzels Augen zeichnen wollte, so mußte man sie mit lauter Ecken zeichnen. Und die Augen selbst waren von einem etwas strengen, harten Grau. Auch wenn Wenzel lachte und heiter war, blieben seine Augen immer etwas hart. Das lag wohl an der Farbe.

Sie durchlebte ihr Zusammenleben mit Wenzel immer wieder. Das Feuer im Kamin von Hellbronnen, wie es prasselte und blendete! Wie sagte er doch? »Ich dulde nicht das geringste von deiner Seite, aber ich verlange völlige Freiheit für mich.« Und sie kapitulierte, ohne jeden Widerstand. Wie ein Traum die Woche auf der Ostsee, das Gewitter. Erinnerst du dich? Wie er dich auf den Armen in die Kajüte trug, während es blitzte, und wie er sagte: »Wir wollen sehen, ob die Götter Kavaliere sind.« Jenny lachte leise auf. Es klang wie ein leiser Schrei um Hilfe.

»Oh, was für ein wilder Junge bist du doch!« rief sie.

Und wieder sah sie sein Gesicht vor sich, so wie sie es zuerst sah. Es war etwas Furchtbares in diesem Gesicht, das sie nur zuweilen, selten darin erblickte; dann war es wieder verschwunden. Was war es doch? Woran lag es? Es war ein gewalttätiger Zug. Vielleicht war Wenzel einer jener Menschen, die morden konnten?

Und plötzlich hörte sie die Lobeshymne des kleinen Stolpe, damals, als sie im Auto zur Oper fuhren, man gab »Figaros Hochzeit«. Erinnerst du dich? Es war ihr erstes Rendezvous, und Wenzel kam zu spät und schlief dann in der Loge ein. Was sagte Stolpe? »Er hat Format, in allem, was er tut, hat er Format,« – sagte er das? oder sagte er »Kaliber«? Wiederum erhob sich Jenny und begann ihre Wanderung. Das lange, gelbseidene Kimono schleppte hinter ihr her. Wenzel hatte es so sehr an ihr geliebt. Er hatte es ihr aus Paris mitgebracht.

»Oder hast du dich in diese Frau so sehr verliebt, daß du eine alte Freundin nicht mehr sehen kannst? Liebst du sie so rasend? Vielleicht bist du auch in deiner Leidenschaft so maßlos wie in allen Dingen. Ich zürne dir nicht, mein Liebling. Ich begreife dich nur nicht. Den Ton deines Briefes nehme ich dir schon lange nicht mehr übel. Deine Worte waren verfälscht, im Augenblick, da du nicht aufrichtig warst wie gewöhnlich. Oh, ich muß annehmen, daß du diese Frau ohne alle Grenzen liebst.«

Verwirrt irrte Jenny hin und her. Das gelbe Kimono flammte durch die Spiegel, dann verschwand es und leuchtete wieder im Glase eines dunklen Zimmers auf.

»Ich habe geträumt,« sagte Jenny zu sich, mit gerunzelter Stirn, nachdenklich. »Ich habe von einer giftigen Blume geträumt in der letzten Nacht. Sie war klein, ein schwefelgelber, kleiner Stern. Aber von weitem sah ich sie schon und eilte auf sie zu – und es waren so viele schöne, schlichte Blumen im Walde – aber ich sah nur die glänzende, gelbe. Was tat ich mit ihr?« Lange stand sie nachdenklich, vergrämt, weil sie sich des Traumes nicht mehr entsann.

»Gute Nacht, mein Junge,« sagte Jenny hierauf mit einem Lächeln, »du mußt jetzt gehen, und Jenny geht schlafen,« und sie verschränkte die Hände hinter dem Haar und rezitierte mit einer leisen Stimme, fast als ob sie im Theater spräche:

»O gib, vom weichen Pfühle,

Träumend, ein halb Gehör!

Bei meinem Saitenspiele

Schlafe! Was willst du mehr?«

Zweimal wiederholte sie die Verse, das letzte Mal mit einer leisen, wimmernden, hilfeflehenden Stimme. Dann rief sie: »Gute Nacht, Wenzel!« und ging in das Badezimmer.

Dieses Badezimmer war kreisförmig gebaut, aus korallenrotem Marmor. Das Bassin war versenkt, es führten zwei Stufen hinunter. In Nischen standen Waschtische, und in einer Nische stand eine Bank.

Jenny ließ das heiße Wasser einlaufen, dann wandte sie sich um und blickte zur Nische.

»Da bist du ja wieder, Wenzel,« sagte sie leise lachend. Ja, da saß er! Wie oft saß er auf dieser Bank und sah zu, wie sie badete. Überall im Hause war er, man konnte gehen, wohin man wollte. Diesen Raum hatte er am meisten geliebt, die weiche Beleuchtung, sie behagte seinen Augen. Das Licht fiel durch Schalen an der Decke, dünn und zart wie die Blätter einer Rose.

Jenny legte das Gewand ab und stieg in das Bassin. »Sieh nur zu, Wenzel,« sagte sie gegen die Nische. Dann saß sie eine Weile still, und wieder sprach sie, aber diesmal ganz leise.

»Schlafe! Was willst du mehr?«

Dann sagte sie, wiederum zur Nische gewandt: »Nun sieh zu, wie ich schlafen gehe, Wenzel.«

Sie entnahm einem Etui ein kleines silbernes Rasiermesser und zeigte es Wenzel. »Siehst du das?« fragte sie. Das Messer blitzte im Licht, und schon hatte Jenny sich mit einem schnellen Ruck die Pulsader der linken Hand durchschnitten. Nun floß das Blut, und sie zeigte es ihm triumphierend.

»Siehst du nun, das ist Jennys Blut?« sagte sie, fiebrisch lächelnd, und ihre Augen waren sehr groß. Die Wunde schmerzte. Sie neigte den Arm ins Wasser, und das Blut quoll. Wie ein roter Rauch bewegte es sich im Wasser. Bald sah man ihre Hand nicht mehr, und nun verdeckte der rote Rauch ihren Schoß. Sie bewegte sich, und das Wasser des Bassins war nun genau so rot wie das Zimmer. Nun schloß sie die Augen und lag lange still. Plötzlich aber erschrak sie. Irgend etwas krachte. Es war plötzlich ein so lautes Krachen in ihren Ohren gewesen. Sie erwachte.

»Was ist? Was tue ich?« sagte sie. »Weshalb tue ich es? O Gott, nein, ich will es nicht tun.«

Sie richtete sich auf und berührte die Klingel. »Aber es ist ja niemand im Hause,« sagte sie hastig zu sich, und nun erschrak sie plötzlich vor der Leere des Hauses. Sie versuchte aus dem Bassin zu steigen. Zweimal fiel sie auf die Treppe zurück, so sehr zitterten ihre Glieder. Endlich gelang es. Da stand sie mitten im Badezimmer und preßte die Hand um den verletzten Arm und versuchte vorwärtszugehen, aber sie taumelte furchtbar.

»So hilf mir doch, Wenzel!« schrie sie laut und stürzte zu Boden. »Hilf mir doch, bevor es zu spät ist. Ich will es nicht tun!«

Und da kamen auch schon Schritte. Da kam schon Wenzel. Er nahm sie auf den Arm und trug sie davon wie seinerzeit, als die Blitze um das Schiff fuhren. Oder nein, war es nicht Wenzel? War es Michael? Es war Michael, der sie dahintrug! Und weshalb lief er so schnell?

Da schwand ihr das Bewußtsein.

 

18

Es meldet sich niemand, sagte Hauptmann Mackentin, ungeduldig und nervös, und klingelte erneut bei Jenny Florian an. Er wollte ihr kurz mitteilen, daß er auch nicht die geringste Vollmacht habe, das Haus für Herrn Schellenberg zurückzunehmen. Sie möge darüber nach Gutdünken verfügen. Für den Fall aber, daß sie zu verreisen gedenke, sei es ihm natürlich eine Freude, das Haus während ihrer Abwesenheit zu verwalten.

Abermals meldete sich niemand auf den Anruf! Nunmehr verlangte Mackentin den Hausverwalter. Eine Viertelstunde später, während er gequält und von bösen Ahnungen gepeinigt an den Nägeln zupfte, wußte er alles.

Mackentin hatte den Auftrag, in etwa drei bis vier Tagen zur Berichterstattung nach London zu kommen. Er nahm indessen schon am nächsten Vormittag das Londoner Postflugzeug und kam nach einer stürmischen Fahrt gegen Abend in London an. Er meldete sich bei Wenzel und wurde augenblicklich vorgelassen.

Wenzel war eben dabei, sich für den Abend fertigzumachen. Er lag in einem Sessel, die langen Beine behaglich von sich gestreckt, und ließ sich vom Barbier rasieren, während ein junges, zartes Mädchen seine Hände manikürte. Das Zimmer roch intensiv nach Essenzen und Parfüms. Ein feuchtes Handtuch war zum Glätten der Haare wie ein Turban um Wenzels Kopf gebunden.

Mit einer Verbeugung trat Mackentin ein. »Melde mich ergebenst zum Vortrag,« sagte er, bemüht, seiner Stimme einen alltäglichen Klang zu geben.

Wenzel winkte mit der Hand und nickte ihm durch den Spiegel zu. »Ich habe Sie erst übermorgen erwartet, Mackentin. Sie sehen ja so bleich aus. Nehmen Sie Platz, ich bin sofort zu Ihrer Verfügung.«

»Die Fahrt war schlecht, ich wurde seekrank,« erwiderte Mackentin und nahm Platz.

Die Maniküre verschwand, dann verabschiedete sich auch der Friseur.

Wenzel schüttelte die langen Beine und erhob sich aus dem Sessel, um Mackentin zu begrüßen. Aber schon beim ersten Blick in Mackentins Gesicht erkannte er deutlich, daß irgend etwas Besonderes vorgefallen sein mußte. Mackentins Nase schien noch schiefer zu stehen als gewöhnlich.

»Hat es einen besonderen Grund, daß Sie zwei Tage früher gekommen sind?« fragte er, seine Unruhe verbergend, und seine Haltung wurde straffer.

»Leider eine sehr traurige Ursache,« entgegnete Mackentin. Und er berichtete, kurz, mit militärischer Sachlichkeit und Knappheit. Diesen militärischen Ton pflegte er stets zu wählen, wenn er völlig ratlos war.

Wenzels Gesicht kam immer näher. Es war grau wie Erde geworden. Seine blendenden Augen wurden größer, es sah ganz so aus, als ob er sich auf Mackentin stürzen wolle. Dann öffnete sich der verzerrte Mund, die Lippen rangen nach Luft, und das erdgraue Gesicht entfernte sich wieder. Als Mackentin nach einer Weile aufzublicken wagte, sah er Wenzel, die Fäuste auf den Knien, in demselben Sessel sitzen, in dem er vorhin rasiert wurde. Seine Schultern hoben und senkten sich. Endlich stand er tief aufatmend auf und ging im Zimmer hin und her, langsam, den starren Blick zu Boden geheftet.

Das Telephon klingelte. Wenzel runzelte heftig die Stirn, und es sah aus, als ob er in diesem Augenblick das Telephon und noch ganz andere Dinge verfluche. Dann aber sprach er mit ruhiger, nur etwas heiserer Stimme in den Apparat hinein. Er werde in fünf Minuten bereit sein. Mackentin hatte deutlich Esthers lebhafte Stimme im Apparat gehört. Wenzel vollendete langsam seine Abendtoilette, immer noch die Stirn gerunzelt. Er schien nicht die geringste Eile zu haben. Er schlüpfte in die Weste, band die Krawatte und zog den Frack über. In diesem neumodisch geschnittenen Frack eines Londoner Ateliers erschienen seine Schultern noch um vieles breiter als gewöhnlich. Sein Gesicht war so grau, als sei es mit Straßenstaub bestäubt.

Ein Diener legte ihm den Umhang um und reichte ihm Handschuhe und Zylinder.

Wenzel drückte Mackentins Hand. Es war ein fester, harter Druck, wochenlang spürte ihn Mackentin. »Ich danke Ihnen, lieber Freund!« sagte Wenzel. »Heute nacht um ein Uhr erwarten Sie mich hier.«

»Sehr wohl.«

Und Wenzel ging. Er speiste an diesem Abend mit Esther bei Sir Alfred Thomson, dem Onkel Esthers. Es war eine große, blendende Gesellschaft. Fast die ganze englische Verwandtschaft Esthers und alle ihre Londoner Freunde waren zugegen. Anfangs sah das Gesicht Wenzels immer noch aus, als sei es mit grauem Straßenstaub bestäubt. Aber als er sich erst eine halbe Stunde unter den Gästen Sir Alfreds bewegt hatte, nahm es seine natürliche braune Farbe wieder an. Aber der Blick in seinen Augen blieb starr. Er lächelte sogar einigemal, dabei zuckten seine Lippen sonderbar. Er trank viel Wein, ohne daß man es ihm anmerkte.

Gegen zwei Uhr kam er ins Hotel zurück. Er warf den Frack ab und setzte sich in Hemdärmeln an den Schreibtisch.

»Und nun lassen Sie sehen, Mackentin,« sagte er, und diktierte bis vier Uhr morgens Briefe.

»Leben Sie wohl, lieber Mackentin, ich werde Ihnen diesen Freundschaftsdienst nie vergessen!« sagte er zum Abschied zu Mackentin. »Es hat mich tief getroffen. Glauben Sie es mir, es war der furchtbarste Abend meines Lebens. Sie war ein gütiges und in vielen Beziehungen seltenes Wesen. Es ist schade um sie. Aber ich habe keine Schuld, Mackentin! Ich habe sie nie belogen, ich war stets aufrichtig zu ihr. Sie war zu zerbrechlich geschaffen für dieses Leben. Sie mußte zerbrechen. Was kann ich dafür? Gute Nacht!« –

 

19

Esther war in diesen Wochen in großer Erregung, überreizt und oft wirklich schlecht gelaunt. Sie hatte die Robe für die Trauung, die Reisekleider, die Wäsche bei einer ersten Firma in Paris in Auftrag gegeben. Aber nichts stimmte, sie waren da drüben nicht einmal imstande, ein Knopfloch richtig zu nähen. Dazu ging es nicht vorwärts, obschon sie in jeder Woche einige Boten nach Paris jagte. Schon jetzt sah Esther ein, daß die Hochzeit um einen Monat verschoben werden mußte. Es ging nicht anders.

Nun, schließlich, um ganz offen zu sein, hatte sie ja eigentlich gar keine Eile. Diese Heirat, wozu eigentlich? fragte sie sich hundertmal in jenen Tagen, da sie in schlechtester Laune war. Natürlich konnte sie jetzt nicht mehr zurück, nachdem sie ihre Wiederverheiratung all ihren Verwandten und Freunden bekanntgegeben hatte. Sie mußte wohl oder übel konsequent bleiben, aber –.

Mitte Januar wurde die Hochzeit mit großem Aufwand gefeiert. Klein, mit eingefallenen Zügen, fahlen Lippen und krankem Blick saß der alte Raucheisen bei der Tafel. Er sprach fast kein Wort. Zuweilen fröstelte er, und frühzeitig zog er sich, aschfahl vor Schwäche, zurück.

Michael ist nicht gekommen, dachte Wenzel während des ganzen Tages, und immer kehrte dieser Gedanke wieder. Alle andern hätte er entbehren können. Er empfand Michaels Absage als Kränkung, mehr als das, als eine Abkehr Michaels von ihm. Was sollten ihm diese Major Fairfax, Baron Blau und die andern? Ihre rasierten, gepflegten, gepuderten, leeren Gesichter langweilten ihn.

Am späten Abend begaben sich die Neuvermählten mit dem Nachtschnellzug nach Paris. Hier nahmen sie den Rivieraexpreß. Auf der Reede von Nizza lag in der hellen Sonne, schneeweiß und berückend schön, die »Kleopatra.« Wenzel hatte die Jacht völlig überholen lassen. Das Boot, das die beiden an Bord brachte, war mit weißen Rosen geschmückt, ebenso das Fallreep. Die Matrosen standen in Gala, lustig flatterten die bunten Wimpel der Jacht. Wie eine Fürstin stieg Esther an Bord, fröhlich und heiter wie ein Kind, das mit naiver Selbstverständlichkeit alles entgegennimmt, was man ihm bietet.

Eine warme Brise blies vom Lande her, und mit dem Wind zog die Jacht in die glitzernde Bai hinaus. Erst jetzt bemerkte Esther, daß Wenzel den Namen der Jacht geändert hatte. Überall, wo man früher »Kleopatra« las, stand jetzt der Name »Esther Schellenberg«. Diese Aufmerksamkeit entzückte sie. Ja, fast war sie in diesem Augenblick glücklich.

Die Jacht ging nach Süden. Sie suchte die Sonne. In Korsika und Sardinien war es noch zu kalt. Die Jacht ging nach Sizilien, von da nach Ägypten. Hier war die Sonne, und hier lag sie vierzehn Tage. Dann nahm sie wieder nördlichen Kurs. Sie lief Zypern an, dann Kreta und die griechischen Inseln. In Ragusa machte man längere Station. Hier war es schon heiß. Die Glyzinen blühten, die Orangenblüten dufteten, die Palmen setzten ihre dottergelben, fetten Blütentrauben an, und schon trieben die Agaven ihre armdicken Blütenstengel aus den stachligen Riesenleibern. Das Meer blendete, die verkarsteten Berge glühten in der Sonne. Es war eine frohe und glückliche Woche an Bord.

Schon aber trafen Stöße von Telegrammen an Esther ein, und sie gab den Befehl zur Abfahrt. Die Jacht nahm direkten Kurs auf Venedig. Hier, am Lido, wollte Esther einige Wochen verbringen, bis es Frühling wurde in Deutschland.

In Venedig traf sie schon wieder ihre alten Freunde. Baron Blau kam aus Paris, um ihr die Hand zu küssen, Major Fairfax streckte seinen braunen hageren Körper im Sande. Es kamen englische und französische Freunde in ganzen Scharen, und Esther war wieder in ihrem Element. Sie hatte sich von einem Pariser Künstler phantastische Badekostüme, Umhänge und Mäntel entwerfen lassen, die den Neid aller Frauen erregten.

Diese Kostüme waren mit solchem Raffinement komponiert, daß Esther in ihnen weitaus nackter erschien, als wenn sie unbekleidet gegangen wäre. Jede Linie ihrer Hüfte, die spitzen kleinen Brüste, die Formen ihres etwas mageren Rückens, alle ihre Reize wurden sichtbar.

 

20

Michael fand den Bruder verändert. Schien es nicht, als sei Wenzel etwas voller geworden? Sein Gesicht, sonst derb und kantig wie aus einem Eichenklotz gehauen, erschien etwas schwammig. Das blendende Weiß der Augen war gelblich und stumpf geworden, seine Hände zitterten. Vielleicht trinkt er zur Zeit wieder, dachte Michael. Wie lange wird er dieses Leben noch aushalten? Trotz all dieser unverkennbaren Anzeichen von Übersättigung und Übermüdung schien Wenzel zu funkeln vor Lebensfreude und Glücksgefühl.

»Ich bin also gekommen, lieber Wenzel,« begann Michael etwas unsicher und flocht die Hände verlegen ineinander, wie er es immer tat, wenn er ein Anliegen hatte. »Ich bin also gekommen, um anzuklopfen, ob du meiner Gesellschaft einen Kredit von ein bis zwei Millionen einräumen willst.«

Wenzel legte die Stirn in Falten und verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln.

»Die Gesellschaft zahlt Zinsen, wenn auch nur mäßige.«

Wenzel schüttelte den Kopf und erhob sich. »Ich will nicht,« sagte er kurz.

»Du willst nicht?« Michael sah überrascht auf. »Schade, ich hatte auf dich gerechnet, Wenzel. Wir kommen vorwärts, aber es ist noch unendlich viel zu tun, und wir brauchen Kapital. Wüßtest du, welches Elend in den breitesten Schichten der Bevölkerung herrscht!«

Wenzel holte tief Atem und schnob durch die Nase. »Was kümmert es mich,« sagte er mit einem erregten Kopfschütteln, »was geht mich das Elend der breitesten Schichten an?«

»Es geht dich nichts an?« fragte Michael. Er war plötzlich bleich geworden. Ein fremder, feindseliger Klang war in Wenzels Stimme.

»Nein, es geht mich natürlich nichts an!« fuhr Wenzel mit einer unverständlichen Erregung fort. »Es ist Sache der Regierung und des Parlaments und nicht die meinige!«

Michael senkte den Kopf. »Du weißt, Wenzel, daß weder die Regierung noch das Parlament eine derartig riesige Aufgabe lösen könnte, ohne durch tausend Widerstände gehemmt zu werden.«

»Nun, dann sollen die breitesten Schichten, die es angeht, sich um eine andere Regierung und ein anderes Parlament umtun. Was geht es mich an, wenn sie zu indolent dazu sind?«

Michael blickte mit erschrockenen, verwunderten Augen auf den Bruder. Er erwiderte nichts.

Und Wenzel fuhr mit großer Erregung fort: »Weshalb mischst du dich in die Angelegenheiten anderer Menschen? Sie lohnen es dir nicht! Im Gegenteil, ich sage es dir nicht zum ersten Male, nimm dich in acht, die Menschen haben noch immer ihre Wohltäter gesteinigt. Ich öffne die Zeitungen und lese, wie heftig man dich angreift!«

»Laß sie mich doch angreifen. Ich habe Gegner, natürlich, aber ich habe auch Anhänger, die für mich durchs Feuer gehen.«

Wenzel blieb vor dem Bruder stehen. »Du bist töricht, Michael. Weshalb greift man mich nicht an, von ein paar obskuren Blättern abgesehen? Ich will dir das Geheimnis verraten. Mein Konzern gibt jährlich Hunderttausende für Inserate aus. Wehe, wenn sie es wagten! Zuweilen kommt irgendein Revolverjournalist mit dem noch nassen Bürstenabzug eines Artikels gegen meinen Konzern oder mich zu mir. Man gibt ihnen ein Trinkgeld und wirft sie zur Tür hinaus. Warum machst du es nicht ähnlich? Niemand wird es wagen, dich anzugreifen.«

Michael schüttelte den Kopf. Er hielt den Blick lange vorwurfsvoll auf Wenzel gerichtet.

»Wenn man dich auch in der Presse nicht angreift, Wenzel, so übt man doch in der Öffentlichkeit lebhafte Kritik an dir. Man kritisiert deine Passionen, deinen Aufwand, deine Verschwendung, deine Geschäftsmethoden. Verzeihe, daß ich es dir offen sage, Bruder. Niemand wagt es ja, sie sind alle abhängig von dir und zittern vor deinem Zorn. Man spricht sehr abfällig über deine Scheidungsangelegenheit, und man hat die unglückliche Jenny Florian nicht vergessen.«

Wenzel wurde bleich vor Zorn. Seine Augen funkelten. »Wer ist man?« schrie er. »Wer kritisiert? Sie sollen schweigen! Sage ihnen, daß sie schweigen sollen! Ich kann ihnen kein Recht auf Kritik einräumen. Es sind dieselben Leute, die mich auf der Straße krepieren ließen, als ich aus dem Krieg zurückkam. Es sind Lügner und Heuchler, ich mache diese Lüge nicht mit, sage es ihnen. Es sind Leute, die ihre Dienstboten wie Leibeigene behandeln und ihre Arbeiter wie Sklaven! Frage in meinem Hause nach, erkundige dich in meinen Betrieben. Ich gebe viele Hunderttausende im Jahre aus für Wohlfahrtseinrichtungen und Renten. Und meine Geschäftsmethoden? Sage ihnen, daß meine Geschäftsmethoden ebenso gut und ebenso schlecht sind wie die anderer großer Konzerne.«

Michael erhob sich, um das Gespräch abzubrechen. War das Wenzel? Welche Hoffart, welche Selbstherrlichkeit in dieser lauten, gewalttätigen Stimme! Es hatte keinen Sinn, dagegen zu kämpfen.

»Wir wollen das Gespräch nicht fortsetzen, Wenzel,« sagte Michael. »Ich wollte ja eigentlich nicht von diesen Dingen beginnen. Ich kam mit ganz anderen Gedanken zu dir.« Er blickte nochmals in Wenzels Augen. »Du willst uns das Darlehn also nicht geben?«

Wenzel wandte sich ungeduldig ab.

»Ich begreife nicht,« fuhr Michael fort und ließ den Blick langsam durch den mit Kostbarkeiten und Prunk angefüllten Saal der Bibliothek schweifen, »ich verstehe es nicht, daß du so leben kannst, während Tausende und Abertausende deiner Volksgenossen nicht das Stück Brot haben, das nötig ist, um den Hunger zu stillen.«

Wieder lächelte Wenzel sein spöttisches Lächeln. »Weshalb richtest du derartige Fragen an mich, Michael?« erwiderte er, um vieles beherrschter. »Frage doch die Regierung, weshalb sie zugibt, daß Frauen für zehn Pfennige in der Stunde arbeiten. Frage doch den Präsidenten der Vereinigten Staaten, weshalb er zugibt, daß einzelne Bürger Milliarden anhäufen, während Tausende in der Gosse krepieren! Frage alle diese Menschen, aber frage doch nicht mich! Ich bin doch nicht verantwortlich für diese Gesellschaftsordnung.«

Michael schwieg eine Weile. Dann sagte er sehr ruhig: »Erinnerst du dich, Wenzel, daß wir einmal eine Nacht hindurch über ähnliche, ja, die gleichen Dinge debattierten? Wir sprachen, erinnerst du dich, über den tiefen Sinn des indischen Wortes ‚ Tat tvam asi …‘ Das bist du! Das heißt: Dein Mitmensch, das bist du selbst?«

Wenzel beugte den Nacken. Er stand trotzig da, mit gespreizten Beinen. Dann sagte er, die Adern auf seiner Stirn schwollen an: »Das ist Wunsch, aber nicht Wahrheit. Es ist Lüge und Heuchelei. Buddha, Christus, und wie sie alle heißen –«

Michael wich zurück. »Du wirst bereuen,« sagte er mit entsetztem Blick. »Ja, du wirst bereuen.« Dann blickte er zu Boden, und nach langem Schweigen fügte er hinzu: »Lebe wohl, Wenzel.«

Er ging, ohne dem Bruder die Hand zu reichen. Wenzel kam ihm einige Schritte nach. »So höre doch, Michael,« versuchte er einzulenken.

»Wir verstehen uns nicht mehr,« erwiderte Michael unter der Tür, schüttelte den Kopf und ging.

 

21

Esther Schellenberg war im Mai nach Berlin zurückgekommen und hatte ihre Residenz im Schellenbergschen Palais im Grunewald aufgeschlagen. Tag und Nacht knirschten die Pneus der eleganten Autos auf den Kieswegen vor der Freitreppe. Tag und Nacht gingen die Gäste aus und ein. Der Haushofmeister, der ehemalige Regimentskommandeur, hatte vollauf zu tun. Fast ständig waren die Gastzimmer des Hauses besetzt. Es kamen viele ausländische Gäste. Baron Blau betrachtete sich das Haus und sagte aus Höflichkeit einige Schmeicheleien. Major Fairfax kam auf vierzehn Tage. Er beachtete das Haus kaum. Er spielte vom frühen Morgen bis zur sinkenden Nacht Tennis, mit jedermann, der gerade mit ihm spielen wollte.

Esther hatte die Absicht, den größten Teil des Jahres im Auslande zu verbringen und sich in Deutschland so wenig wie möglich aufzuhalten. Ein paar Monate im Frühling und im Sommer vielleicht und ein paar Wochen im Winter etwa, wenn das Theater- und Konzertleben Berlins sich wieder beleben sollte.

Aber auch für diese wenigen Monate mußte Abwechslung und Zerstreuung geschaffen werden. Für diese Zwecke schien ihr das Jagdschlößchen Hellbronnen ganz besonders geeignet. Vielleicht ließ sich daraus etwas machen, was ihre englischen und französischen Bekannten nicht hatten, eine Attraktion, die die Freunde von weither anlockte. Sie plante auf Hellbronnen Sommerfeste, Maskeraden, italienische Nächte, sie plante alle möglichen Dinge. Man konnte gewiß recht ausgelassen in dem Schlößchen und dem verschwiegenen Park sein, ohne irgendwie gestört zu werden. Es ließ sich dort alles mögliche arrangieren. Sie beabsichtigte zu diesen Festen ihre englischen und französischen Freundinnen, die sich auf das Leben verstanden, einzuladen. Es sollte eine Sache werden, von der man überall sprach.

»Willst du mir eine Freude machen?« fragte sie Wenzel. »Willst du mir Hellbronnen schenken?«

»Was bietest du dafür?« fragte Wenzel.

Esther blickte ihn an und lächelte mit den gemalten schmalen Lippen. »Du kannst fordern,« erwiderte sie.

»Gut, so will ich dir Hellbronnen verschreiben lassen.«

»Ich kann damit anfangen, was ich will?«

»Natürlich.«

Schon am nächsten Tage fuhr Esther mit den Architekten Kaufherr und Stolzer nach Hellbronnen, um ihnen ihre extravaganten Wünsche vorzutragen. Es sollten Pavillons errichtet werden, da und dort, für die Gäste, möglichst verschwiegen, möglichst abgesondert, mit allem Raffinement ausgestattet. Der Park sollte wie ein Zaubergarten wirken. Phantastische Gondeln sollten auf den Teichen fahren, Wasserkünste, die man farbig beleuchten konnte, waren zu bauen. In einem großen Treibhaus sollten exotische Pflanzen gezüchtet werden, die man im Sommer ins Freie bringen konnte, um den phantastischen Eindruck zu erhöhen. Ein kleiner Teich aber sollte, so wie er war, vollständig mit Glas überdacht werden! Der Teich war mit ausgewählten Seerosen zu bepflanzen. Vielleicht ließ sich der Grund so behandeln, daß das Wasser türkisblau erschien? Eine Heizanlage war vorzusehen, damit man auch an kühlen Tagen in dem kleinen Teich baden konnte.

Das waren Esthers vorläufige Wünsche. Sie bat um Vorschläge, gewiß würde ihr selbst noch manches einfallen. Und Esther eilte wieder nach Berlin zurück, um die Vorbereitungen zu dem ersten großen Fest zu treffen, das sie geben wollte. –

In der gleichen Nacht, in der dieses Fest stattfand, von dem die Gesellschaft Berlins lange Wochen sprach, in dieser gleichen Nacht starb fern von Berlin der alte Raucheisen auf seinem Schloß Charlottenruh an der Ruhr.

Am Abend hatte ihn ein leichtes Unwohlsein befallen, eine vorübergehende Schwäche des Herzens. Der Arzt war ohne jede Besorgnis. Er schlief fest und tief in seinem Zimmer, nachdem er dem Kammerdiener, der die Nachtwache hielt, den Auftrag gegeben hatte, ihn augenblicklich zu wecken, wenn es irgendwie nötig werden sollte.

Und in der Tat schlief der alte Raucheisen zwei Stunden lang ganz vorzüglich. Dann aber erwachte er plötzlich und setzte sich hastig aufrecht und lauschte. Eine matte Ampel erhellte den Raum. Ein kleines blasses Männchen, saß er in dem riesigen Bett mit den dunkelblauen seidenen Vorhängen, kaum größer als ein Knabe. Nicht einmal so groß wie ein Knabe, fast wie ein Kind sah er zwischen den schweren dunkeln Vorhängen aus. Dieses Kind war bleich, die Nase sprang weiß und eckig vor. So saß er da und atmete hastig und leise, und die Hände tasteten mit gespreizten Fingern über die seidene Decke. Es waren die Hände eines Toten.

Und er lauschte.

Von seinem Bett aus sah er am Tage das Förderrad der Zeche Charlotte Raucheisen in der Luft schwirren. In der Nacht sah er die Hochöfen flammen ringsum, es war das große Eisenwerk Himmelsbach. Er sah auch, wenn er den Kopf etwas vorstreckte, die glühenden Koksberge aus den Öfen quellen, von feurigen Männern umtanzt. Er sah Glut und Rauch am Himmel, als lohe eine Feuersbrunst. Diese Feuersbrunst, gewohnt seit vielen Jahren, ängstigte den kleinen Mann nicht, sie beruhigte ihn.

Hinter diesen Koksöfen aber lagen – am Tage – hellgrüne Ebenen. Das waren die Siedlungen, die er für seine Arbeiterschaft geschaffen hatte. Hunderte von Morgen Gärten, Spielplätze, Parks, Schulen. Man hatte diese Gärten und Spielplätze und Schulen in den Zeitschriften abgebildet als vorbildliche Einrichtungen – aber niemand hatte es ihm gedankt. In jenen Tagen, da die Massen gährten, hatte man seinen Generaldirektor erschlagen, und er selbst – Raucheisen – mußte im Nachtgewand im Zuge schreiten, eine Tafel in der Hand, worauf stand: »Ich bin der Blutsauger Raucheisen.«

Ja, daran dachte der kleine blasse Mann, ohne Bitterkeit. Es waren Zeiten der Verwirrung, der Verirrung, längst vergangen. Alles war wie früher.

Und da unten, gerade hier, unter dem Bett mit den dunkelblauen seidenen Vorhängen, da unten, da liefen die Stollen und Querschläge. Da unten waren jetzt sechshundert Männer beschäftigt, für die Zeche Charlotte die Kohle zu schlagen. Hörst du, hörst du nicht, wie die Picken klingen? Und kleine Lämpchen wandern durch die Dunkelheit? Oh, der alte, kleine Mann sah die Lämpchen wandern. Dicht unter dem Bett, gerade unter dem Bett, in siebenhundert Meter Tiefe, lief das Flöz Charlotte II, von einer Mächtigkeit von einem Meter siebzig, sehr selten im Ruhrgebiet. Dieses Flöz war der Reichtum der Zeche. Hier unten hatte der kleine, bleiche Mann vor mehr als fünfzig Jahren die Kohle geschlagen, als er praktizierte, nicht lange natürlich, nur um alles zu sehen. Und hier unten klangen jetzt die Picken, und er hörte sie bis hier herauf. War das nicht sonderbar? Wie der Berg heute den Schall trug! Und wie die Scharen von Lämpchen hin- und herwanderten, wie sie zwischen den Verschlägen und dem Wald der Stützungspfosten verschwanden. Und der Schweiß rann über das Gesicht der schwarzen Männer.

Ganz deutlich hörte der kleine, bleiche Mann die Picken klingen, nun klangen sie sogar in der Mauer, dicht neben ihm. Hunderttausende von Stahlpicken hämmerten ringsum, und der kleine, bleiche Mann lächelte verzückt. Da waren sie, und wie fleißig sie doch waren! Wie sie arbeiteten, immerzu, ohne Pause, nicht eine Sekunde pausierten sie, und sie arbeiteten alle für ihn.

Plötzlich aber pochte es ganz laut und deutlich gegen die Tür. Hörst du nicht? Der kleine, bleiche Mann lächelte und sagte leise: »Herein«.

Dann sank er in das Kissen zurück, und das große, matterleuchtete Zimmer lag ganz still, bis der Morgen kam.

Als die Scharen der Morgenschicht in den Zechenhof strömten, sahen sie eine schwarze Fahne auf Charlottenruh. »Den alten Raucheisen hat heute nacht der Teufel geholt!« sagten sie und stiegen in den Förderkorb, der klirrend in die Tiefe fegte.

Esther hatte nur wenige Stunden geschlafen, als sie die Nachricht vom Ableben ihres Vaters erhielt. Während sie tanzte und lachte, war ihr ein ungeheures und unübersehbares Vermögen in den Schoß gefallen.

 

22

Im Sommer ging Schellenbergs Jacht nach der Isle of Wight. Ein ganzes Geschwader von Jachten und Motorkreuzern, die Esthers Freunden gehörten, kam hier zusammen. Baron Blau übertrumpfte sie alle mit seiner großen, luxuriösen Dampfjacht. Esther aber gab an Bord Tanzgesellschaften, die bald in der ganzen englischen Sportwelt berühmt wurden.

Wenzel war den ganzen Sommer über zwischen Berlin und England unterwegs.

Den ersten Winter verbrachte Esther, abgesehen von einer Reise nach Paris und Sankt Moritz, ganz gegen ihre frühere Absicht, in Berlin. Wiederum wimmelte ihr Haus von Gästen. Alles, was Namen und Geld hatte, verkehrte bei ihr. Der alte Adel, soweit er nicht verarmt war, die Finanz, Wissenschaft und Kunst, die Presse. Träger berühmter Namen, bekannte Politiker und Minister gingen bei ihr ein und aus. Man bewarb sich um Einladungen zu ihren Festen. Ihr Kostümball – die »Voliere«, man mußte als Vogel kostümiert erscheinen – war ein gesellschaftliches Ereignis. Von dem Tanzturnier, das sie im Februar veranstaltete, sprach ganz Berlin. Die illustrierten Zeitungen brachten sogar die Bilder der Sieger. Den ersten Preis unter den Herren hatte Katschinsky erhalten, heute eine Berühmtheit als Filmschauspieler und Bühnenkünstler.

Wenzel fühlte sich in seinem Element. Es gab keine leere Stunde mehr, keine Stunde der Langeweile. Fast jeden Tag Gäste, in der Nacht Tanz, Spiel, Gelächter. Aber als die Tage länger wurden, begrüßte er den Schluß der Saison. Die gesellschaftlichen Anstrengungen allein hätten genügt, die Gesundheit eines Menschen zu vernichten. Wenzel aber leistete nebenher noch eine ungeheure Arbeit. Dazu hatte er auf Esthers Wunsch eine Aufsichtsratsstelle im Raucheisenkonzern angenommen, wodurch sich sein Arbeitspensum bedeutend vergrößerte.

Sobald es Frühling wurde, fuhr Esther jeden zweiten, dritten Tag nach Hellbronnen, um den Umbau und Ausbau von Hellbronnen zu leiten. Sie war in diesen Monaten in prachtvoller Laune, voller Ausgelassenheit. Immerzu war sie von einem Schwarm von Bewunderern und Anbetern umgeben. Wenzel aber fühlte sich glücklich. Sein Leben hatte einen Mittelpunkt, um den es sich bewegte. Seine Arbeit, seine Erfolge, sein Reichtum, alles schien plötzlich erst den richtigen Sinn erhalten zu haben. Er spielte eine tonangebende Rolle in der Gesellschaft. Man drängte sich an ihn. Politiker, Redakteure, Künstler, Gelehrte von Ruf suchten seine Freundschaft. Kapazitäten der Wirtschaft und Industrie erbaten seinen Rat. Minister zogen ihn in eine Ecke, um seine Ansicht zu hören. Man sah ihn in den Salons der Gesandten und Botschafter aller Nationen, die Presse nannte seinen Namen voller Achtung. Und dazu erfreute sich Wenzel einer ausgezeichneten, unvergleichlichen Gesundheit!

Wenzel war nicht eitler als andere Menschen, keineswegs. Aber zuweilen empfand er doch etwas wie eine Art Hochachtung vor sich selbst, war er ganz erfüllt von Befriedigung.

»Das also ist Wenzel Schellenberg, seht an!« sagte er sich manchmal, wenn er sich, in großer Gala, im Spiegel betrachtete. »Und doch ist dies erst der Anfang! Der Anfang – ah, man wird ja sehen!« Ehrgeizige Träume berauschten ihn –.

Im Mai jedoch – es war einer der letzten Tage im Mai – ereignete sich ein kleiner, eigentlich ganz unbedeutender Vorfall, dessen Folgen niemand voraussehen konnte.

An diesem Tage, einem warmen, wundervollen Frühlingstag, wie sie in Berlin selten sind, begleitete Wenzel Esther in den Zoologischen Garten. Esther schwärmte für Tiere, wie die meisten Frauen, und in dieser Zeit gab es im Zoologischen Garten junge Löwen, Affen und kleine Bären zu bewundern. Der schöne Tag hatte alle Welt herbeigelockt, und der Garten wimmelte von heiteren Menschen und lärmenden Kindern. Plötzlich – beinahe hätte es Wenzel nicht einmal beachtet, sie standen in der Nähe des Bärenzwingers – drängte sich ein kleines, milchweißes Windspiel freudig an Esther heran, beschnupperte sie, sprang winselnd und kläffend vor Erregung an Esther empor und versuchte ihr das Gesicht abzulecken. Wenzel lachte. Das Windspiel war in der Tat in seiner Freude äußerst reizvoll. Es hatte rosige Pfoten, ein rosiges Maul und rosiggeränderte sanfte braune Augen. Fast vermochte Esther sich der Liebkosung des Tieres nicht zu erwehren.

»Meine liebe, kleine Philly, wie geht es dir? Sei nicht so närrisch,« rief sie wieder und wieder aus.

Die reizende Szene erregte die Aufmerksamkeit einer großen Anzahl von Menschen.

Da ertönte plötzlich ein kurzer, schriller Pfiff, irgendwo, das Windspiel stutzte und verschwand augenblicklich in der Menge.

»Woher kennt dich der Hund?« fragte Wenzel.

»Er gehört einem meiner Bekannten,« erwiderte Esther lächelnd und widmete sich wieder den jungen Bären.

Das war alles. Das war der ganze Vorfall, unbedeutend, geringfügig, und Wenzel vergaß ihn nach einigen Tagen vollkommen.

Eines Abends aber, als er spät in der Nacht nach Hause kam und nicht einschlafen konnte, da er überarbeitet war – Esther war heute nach Hellbronnen gereist und kehrte erst morgen zurück –, fiel ihm plötzlich wieder diese bedeutungslose Szene mit dem Windspiel ein. Er ging auf und ab, und ganz unerwartet – denn er lächelte sogar bei der Erinnerung an diese Szene – erschien eine Falte auf seiner Stirn. Was sollte an dieser Sache besonderes sein? fragte er sich, indem er auf- und abging und seine Zigarre tauchte. Ein Hund begrüßt meine Frau, ein Hund, der irgendeinem ihrer Bekannten gehört. Aber nun zerbiß er plötzlich die Zigarre, was er zu tun pflegte, wenn er in schlechte Laune geriet.

»Es ist doch etwas Besonderes an dieser Sache,« sagte er plötzlich. »Nämlich die seltene und ganz außergewöhnliche Freude dieses Windspiels! Das Tier war ja völlig närrisch. Sie läßt darauf schließen, daß Esther sehr häufig mit diesem Windspiel zu tun hat. Ich aber habe dieses Tier nie gesehen, weder auf einem Rennen noch sonst irgendwo. Und dann dieser Pfiff! Warum hat der Bekannte Esther nicht begrüßt. Nun, sehr einfach, es war auch möglich, daß er sie gar nicht gesehen hat, daß er nur seinen Hund vermißte. Warum aber sagte Esther, als er sie fragte, nicht den Namen dieses Bekannten? Vielleicht schien es ihr völlig gleichgültig. Wandte sie sich nicht etwas hastig nach diesem Vorfall mit dem Hund dem Bärenzwinger zu?«

Eigentlich war der Vorfall ja wirklich unbedeutend, und es war lächerlich, sich überhaupt damit zu beschäftigen. Es war nur seine Abgespanntheit und seine Gereiztheit.

Sonderbarerweise aber blieb doch eine Unruhe in ihm zurück. Er erinnerte sich plötzlich eines Blickes, den Major Fairfax mit Esther ausgetauscht hatte. Dieser Blick hatte in seinem Gedächtnis geschlafen, um urplötzlich wieder wach zu werden. Es war damals, als sie auf ihrer Hochzeitsreise von Ragusa nach Venedig kamen. Nur ein Blick! Auch dieser Blick war ganz unbedeutend und nicht der Mühe wert, sich mit ihm zu beschäftigen. Vielleicht hatte er diesen Blick völlig mißdeutet.

Trotzdem, die Unruhe nagte. Er beschloß, so lächerlich ihm dieser Vorsatz selbst vorkam, auf jeden Fall den Besitzer des Windspiels auszukundschaften. Wie? Nun, das würde sich finden. Er nahm eine doppelte Dosis Schlafpulver und begab sich zur Ruhe.

Am nächsten Morgen war der erste Gedanke, mit dem er erwachte, der Gedanke an dieses Windspiel mit den rosigen Pfoten und dem rosigen Maul. Ganz deutlich sah er das Hündchen vor sich. Er würde es aus dem Gedächtnis malen können. Wie es tänzelte! Wie eine Gazelle ging es, den Kopf zurückgebogen. Ohne jeden Zweifel, unter hundert Windspielen würde er das Tier herausfinden. Er nahm sich vor, die Augen aufzumachen und nach diesem Windspiel überall Ausschau zu halten.

Indessen, das Windspiel schien aus Berlin verschwunden zu sein. Wenzel besuchte häufig den Zoologischen Garten, er war auf allen Rennplätzen, er kam nun häufig zu den Tees, die Esther im Garten gab. Die Gäste brachten oft ihre Hunde mit. Von dem Windspiel keine Spur. Vielleicht war der Bekannte, dem das Tier gehörte, aus Berlin abgereist? Endlich, nach einigen Wochen, begann Wenzel über seine Marotte, in einer Millionenstadt nach einem Hund zu suchen, zu lachen, und schließlich hatte er das Windspiel vergessen.

 

23

Aber plötzlich, eines Tages, als Wenzel gar nicht mehr an den Hund dachte, sah er das Windspiel zu seiner großen Verblüffung in einiger Entfernung dicht neben einem Herrn stehen! Er erkannte das Tier augenblicklich wieder. Er war bei einem Tennisturnier, und er war nur gekommen, um Esther abzuholen.

Dort also stand das Windspiel, nach dem er so lange gesucht hatte! Eine Täuschung war unmöglich. Der Herr trug einen silbergrauen Sommerüberzieher und einen silbergrauen Hut. Er war nach der neuesten Mode gekleidet, übertrieben elegant, schlank, groß, blond. In diesem Augenblick drehte er sich um, da das Tier an ihm in die Höhe sprang, und Wenzel erblickte sein Gesicht. Augenblicklich erbleichte Wenzel.

Es war jener junge Mann, der im Frühjahr das Tanzturnier gewonnen hatte, wie war doch sein Name? Er kannte ihn seit Jahren, traf ihn zuweilen in einem Spielklub, er war ein Freund von Jenny Florian gewesen. Jetzt spielte er eine gewisse Rolle bei der Bühne und beim Film. Er hatte diesem jungen Mann nie Vertrauen geschenkt, vielleicht weil er sogenannte schöne feminine Männer haßte. Da fiel ihm der Name ein. Katschinsky hieß der junge Mann.

Weshalb hatte Esther damals nicht Katschinskys Namen genannt?

Von einer dumpfen Unruhe bedrückt, verließ er den Turnierplatz, ohne weiter nach Esther zu suchen. Er ließ ihr den Wagen zurück, mit dem Bescheid, daß ihn ein dringendes Geschäft ins Büro zurückrufe.

Er ging eine Stunde spazieren, ohne Ziel. Die Luft, die Bewegung erfrischten ihn. Plötzlich begann er über seine unsinnigen Kombinationen zu lachen.

»Es sind ja nur die Nerven!« sagte er sich. »Wir werden drei Wochen auf die See gehen!«

Trotz allem, von diesem Tage an war Unruhe über Wenzel gekommen. Er ging nicht an die See. Nach einer Woche ertrug er diese Unsicherheit nicht mehr.

Er kannte zuverlässige Leute, denen man derartige heikle Angelegenheiten anvertrauen konnte. Und ganz im geheimen gab er diesen Vertrauensleuten seine Aufträge.

Er beobachtete Esther. Es schien ihm, als ob sie gerade gegen Katschinsky, der übrigens nur selten sein Haus betrat, eine ganz besondere Zurückhaltung übe. Er versuchte in ihrem gepuderten und gemalten Gesicht zu lesen. Es lag etwas Fremdes in diesem Gesicht, die Künste der Toilette verschleierten es. Ihre Augen schienen infolge der Färbung der Haare dunkler geworden zu sein und, wie es Wenzel schien, rätselhafter.

Je länger er dieses Gesicht betrachtete, desto fremder erschien es ihm. Je mehr er diese Frau zu ergründen suchte, desto unbekannter schien sie ihm zu sein. In der Tat, eine völlig fremde Frau lebte mit ihm in seinem Hause.

Er erinnerte sich plötzlich eines Gesprächs, das zwei Herren über Esther im Teeraum des Londoner Hotels führten. Sie waren augenblicklich verstummt, als sie bemerkten, daß er zuhörte, und behandelten ihn von diesem Augenblick an mit ausgesuchter Höflichkeit, als hätten sie etwas gut zu machen. Das war kurz vor seiner Hochzeit gewesen. Sein Englisch war nur mangelhaft, und doch schien es ihm jetzt, als hätten die beiden Herren mit einer gewissen Frivolität über Esther gesprochen. Es lag mehr im Ton als in den Worten. Esthers erste Ehe, ihre Scheidung, ihr ganzes Leben, bevor sie in seinen Gesichtskreis trat, war ihm bis heute völlig gleichgültig gewesen. Nunmehr interessierte ihn plötzlich alles über alle Maßen. Wer war diese Frau, die seinen Namen trug?

Es traf sich, daß Goldbaum in den nächsten Tagen nach London fahren mußte. Wenzel hatte mit ihm eine vertrauliche Aussprache. Goldbaum war klug und taktvoll genug, um sich für eine derartig schwierige Mission besonders zu eignen.

Goldbaum sträubte sich anfangs, wälzte den dicken, rothaarigen Schädel verdrießlich hin und her, versprach aber endlich, sein möglichstes zu tun und bei seinen Freunden ein »bißchen herumzuhorchen«.

Voller Unruhe erwartete Wenzel seine Rückkehr. Mit noch größerer Unruhe erwartete er den Bericht seiner Berliner Vertrauensleute. Esther ahnte nicht das geringste.

Es fiel ihm ein, daß Mackentin einmal, sehr taktvoll und vorsichtig, eine Bemerkung über Esthers allzu große Außerachtlassung der gesellschaftlichen Formen gemacht hatte. Er hatte damals mit Esther gesprochen und sie um mehr Zurückhaltung gebeten.

»Die Leute hier sind nicht Leute der großen Welt, Esther,« sagte er. »Sie sind zum größten Teil Spießbürger, die die Dinge mit andern Augen sehen und manches mißdeuten könnten.«

Esther warf die Lippe in die Höhe.

»Laß sie doch,« sagte sie mit einem hochmütigen Zurückwerfen des Kopfes. »Ich tue, was ich will, du weißt es, und kümmere mich nicht um die Menschen.«

Diese Antwort erschien Wenzel nunmehr unsicher und ausweichend.

Da kam Goldbaum zurück und erstattete über seine Reise Bericht. Wenzel empfing ihn in seinem Arbeitszimmer und gab den Auftrag, niemanden vorzulassen. Zuerst besprachen sie ausführlich die geschäftlichen Angelegenheiten. »Nun, und die andere Sache?« fragte Wenzel und wurde dunkelrot, da er sich schämte.

Goldbaum verzog das Gesicht und machte Ausflüchte. Klatsch, Geschwätz und Gerede hätten ihm seine Freunde zugetragen, nichts sonst, nichts Positives, keine einzige positive Tatsache.

Wenzel bat ihn, ihm wenigstens zu sagen, was man über Esther rede. Auch das interessiere ihn. Er bitte ihn als Freund.

Und schließlich berichtete Goldbaum, daß man manches über die Ehe Esthers mit Sir Weatherleigh zusammenfasele. Es sei da nicht alles so glatt und einfach gegangen. Natürlich nur Klatsch und Geschwätz. So erzählte man, daß Esther mit einem Major Fairfax ein Verhältnis gehabt habe. Sie habe vier Wochen mit ihm zusammen in einem ägyptischen Hotel gewohnt – behaupten die bösen Zungen. Man habe auch die Namen von anderen Männern genannt, aber wie gesagt, all das sei einfacher Klatsch, wie er in jeder Gesellschaft üblich sei.

Wenzel tat gleichgültig und drückte Goldbaum die Hand. »Ich hatte bestimmtere Dinge gehört,« sagte er. »Dieses Geschwätz kümmert mich natürlich nicht im geringsten.«

Er war allein, und nun sah sein Gesicht plötzlich anders aus. Er erinnerte sich an den Gesichtsausdruck der beiden Herren, die über Esther tuschelten und deren Gespräch er unterbrach. Damals im Teeraum des Londoner Hotels. Er sah das Bild der Hochzeitstafel vor sich. Da saß Fairfax – nun verstand er den Blick, den er seinerzeit in Venedig auffing –, da saßen andere gutaussehende junge Männer. Vielleicht lachten sie im geheimen über ihn, während er feierlich neben Esther an der Tafel saß.

Jedenfalls, er wollte Gewißheit haben, und am nächsten Tage verließ einer seiner Agenten mit dem Londoner Flugzeug Berlin.

Von seinen Berliner Vertrauensmännern hörte er nichts Positives. Katschinsky war nicht in Berlin, er filmte irgendwo in Frankreich. Also hieß es sich gedulden.

Nach einer Woche schon kam der Agent aus London zurück. Es war sein Beruf, sich ernsthaft mit den Privatangelegenheiten seiner Mitmenschen abzugeben, und so berichtete er ausführlich über alles, was er in Erfahrung gebracht hatte.

Nicht Fairfax allein, eine ganze Reihe anderer Liebhaber wurde mit Bestimmtheit genannt. Jeder Mensch in London wußte, daß Sir Weatherleigh als Gentleman die Schuld auf sich genommen hatte, um den Skandal zu vermeiden.

Man erzählte sich auch, daß Baron Blau einmal eine Schuld Esthers in der Höhe von zwanzigtausend Pfund eingelöst habe und daß seine Beziehungen zu ihr, wenn auch nur ganz kurze Zeit, intim gewesen seien.

Der Boden brach unter Wenzels Füßen ein. Er fing an zu ahnen, wer Esther war.

Wohlgemerkt aber, wohlgemerkt, alles, was vor seiner Verheiratung geschehen war, ging ihn nichts an. Es war ihm nicht gleichgültig, keineswegs, aber er hatte nicht das Recht, darüber zu richten. Esther hatte nie die Tugendhafte und Prüde gespielt. Sie schwieg, aber sie heuchelte nicht.

Wehe aber, wenn sie, seit sie seinen Namen trug, ihre Pflichten verletzt haben sollte! Er sagte wehe – mehr wollte er nicht sagen.

Wenzel betäubte sich mit Arbeit, Wein und Schlafmitteln. Er blieb seinem Hause möglichst fern. Seine Unruhe wuchs mit jedem Tag. Katschinsky war seit einer Woche zurückgekehrt. Bald würde er Gewißheit haben, so oder so.

Eines Abends ließ sich der Vertrauensmann melden. Wenzel verschloß die Türen. Der Vertrauensmann zog ohne große Einleitung ein Notizbuch aus der Tasche und legte es vor Wenzel auf den Tisch. Da stand alles schwarz auf weiß notiert. Dienstag, den soundsovielten, um fünf Uhr das Haus betreten, um sieben Uhr verlassen, Freitag um sechs Uhr das Haus betreten, um einhalb acht Uhr verlassen, am Sonntag nach dem Theater das Haus um elf Uhr betreten, um ein Uhr verlassen.

Dann machte der Vertrauensmann noch auf einen Tennisspieler sehr bekannten Namens aufmerksam. Er werde auch diese Spur verfolgen, wenn Herr Schellenberg es befehle. Allerdings sei er in diesem Fall noch keineswegs sicher. –

Wenzel saß regungslos am Tisch, wie aus grauem Stein gehauen.

»Es ist nicht nötig,« sagte er, doch seine Stimme klang ruhig und völlig unverändert. Seine Hände aber zitterten so stark, daß er sie unter der Tischplatte verbarg. Plötzlich funkelten seine Augen: »Wehe, wenn Sie mich belügen, Herr!« schrie er den Agenten an. »Ich werde mich überzeugen, ob Sie die Wahrheit sprechen! Wehe Ihnen!«

Der Agent wich erschrocken zurück. »Herr Schellenberg können sich überzeugen.«

 

24

Eine ganze Woche lang verließ Wenzel an den Nachmittagen sein Büro nicht eine Minute. Er arbeitete an einer Neuorganisation des Schellenberg-Konzerns, die die Verwaltungskosten um ein Drittel vermindern sollte. Ein ungeheurer Plan, zu dessen Durcharbeitung er nie die Zeit gefunden hatte. Er verbiß sich in die Arbeit. Nur zuweilen erhob er sich, um einen Blick durch das Fenster zu werfen: Das Mietsauto stand an der Ecke.

Plötzlich, an einem Nachmittag etwas nach fünf Uhr, kam der Anruf des Vertrauensmannes.

Wenzel erbleichte. Er nahm den Hut und eilte auf die Straße, um das Mietsauto an der Ecke zu besteigen. Straße, Nummer, warten, bis ich Order gebe, zwanzig Mark Trinkgeld. Der Chauffeur fuhr. Vielleicht gibt es wieder einmal eine Schießerei, dachte er, er scheint ganz rabiat zu sein.

Der Beobachtungsposten war gut gewählt. Wenzel saß regungslos im Wagen, die Augen auf das bezeichnete Haus gerichtet, und rauchte. Es war eine kleine Villa in Charlottenburg, ganz in der Nähe vom Steinplatz. Der Stein ist im Rollen. Die Lawine geht zu Tal, es wird sich vollenden, dachte Wenzel und hielt den Blick auf das Haus geheftet. Die Gedanken jagten. Er rauchte eine Zigarette nach der andern und wartete. Eine Stunde verging. Schon war der Wagen ganz verqualmt. Er verfiel in eine Art von Halbschlaf. Seine Gedanken standen still, sie bewegten sich nur noch um kleine Nebensächlichkeiten. Wer diese Villa wohl gebaut hatte? Welche Gagen ein Schauspieler beziehen mußte, um diese Villa bewohnen zu können? Oder erhielt er noch Bezüge von anderer Seite? Dort an der Ecke stand der Vertrauensmann, las die Zeitung und aß eine Banane. Er verabscheute ihn.

Etwas vor sieben Uhr öffnete sich die Tür und eine Dame erschien. Sie trug einen kleinen, koketten zimmetfarbenen Hut und ein dünnes, weiches Cape der gleichen Farbe, das sie dicht um den schlanken Körper gelegt hatte. Ein Windspiel schlüpfte durch die Haustür, wurde aber sofort ins Haus zurückgerufen. Die Dame verließ das Haus, unauffällig, sorglos, so wie täglich in jeder großen Stadt tausend Damen irgendein Haus zu dieser Stunde verlassen.

Aber diese Dame trug seinen Namen.

Gelassenen Schrittes ging Esther die Straße entlang, dann nahm sie ein Mietsauto und fuhr davon.

Eine Weile noch wartete Wenzel regungslos in seinem Wagen. Der Agent ging vorüber und wandte das Gesicht gegen die Scheibe. Dann befahl er dem Chauffeur, ihn in sein Büro zurückzufahren.

Es ist also nichts geworden, dachte der Chauffeur, kein Gericht, keine Zeugenschaft.

Wenzel blieb nur einige Minuten in seinem Büro. Mechanisch unterzeichnete er einige Dutzend Briefe. Dann fuhr er nach dem Grunewald zurück.

Er betrat das Haus mit finsterer Miene. Seine Stirn war böse gerunzelt. Ohne Laut flüchtete die Dienerschaft vor seiner schlechten Laune.

»Die Damen sind im chinesischen Zimmer.«

Das chinesische Zimmer war ein Raum in exotischem Charakter, keineswegs chinesisch, aber es wurde so genannt. Es war ganz gekachelt, ultramarinblau, die Decke vergoldet und bemalt. Esther liebte diesen Raum zur Dämmerstunde.

Schon vernahm Wenzel die Stimmen der Damen. Sie sprachen englisch und französisch. Zwei Freundinnen waren seit gestern auf Besuch gekommen. Die Frau eines englischen Teegroßhändlers, Violet, madonnenhaft frisiert, mit lüsternem Mund, und Georgette, eine kleine quecksilberige pechschwarze Französin, die ihrem Mann durchgebrannt war und sich bei Esther versteckte. Die Damen sprachen eifrig über das geplante Nachtfest in Hellbronnen, das in den nächsten Tagen stattfinden sollte. Man wartete nur auf wärmeres Wetter. Von Esthers Empfangssalon aus sah Wenzel in das chinesische Zimmer. Der Rauch der Zigaretten hatte unter der Decke eine unbewegliche schwebende Schicht gebildet.

In diesem Augenblick wurde Esther eine Karte überreicht, und gleich danach trat die Gestalt eines jungen Mannes ein. Wenzel erkannte Katschinskys Stimme.

»Sie waren lange weg, Herr Katschinsky,« sagte Esther, fast gleichgültig, fast gelangweilt.

»Ich hatte im Ausland zu tun,« erwiderte Katschinsky. »Ich bin seit einigen Tagen wieder hier, finde aber erst heute eine freie Stunde.«

»Meine Freundinnen Violet Taylor aus London und Madame Georgette Leblanc aus Paris.«

Plötzlich war Wenzels ganzer Körper mit Schweiß bedeckt.

»Oh, welch schamlose Komödie!«

Sein Gesicht war grau, wie Blei, das lange an der Luft liegt.

Langsam stieg er die Treppe empor. Die Treppe knarrte unter seinem Gewicht. Er zog sich in sein Arbeitszimmer zurück und ließ bestellen, daß man ihn nicht zu Tisch erwarten solle. Er habe dringende Geschäfte zu erledigen.

Stöße von Depeschen und Schriftstücken, von seinem Sekretär bereitgelegt. Er beachtete sie nicht. Er ging in seinem halbdunklen Arbeitszimmer hin und her, immer hin und zurück, und wiederholte immer von neuem: »Oh, welch schamlose, erbärmliche Komödie!« Wiederum war sein ganzer Körper mit Schweiß bedeckt.

Es wurde Mitternacht, und noch immer ging Wenzel finster und stumm rasend und halblaut redend in seinem Zimmer hin und her. Von unten herauf erklangen zuweilen Stimmen und Gelächter. Es schienen noch mehr Gäste gekommen zu sein.

Betrug, Lüge, Heuchelei. Die Lawine war ins Rollen gekommen. Sie wird mich und sie und alle erschlagen! Oh, welche Infamie!

Plötzlich schien es ihm, als hätten alle Blicke von Männern und Frauen, die in seinem Hause verkehrten, immer einen ganz merkwürdigen und sonderbaren Ausdruck gehabt. Als verbärgen sie ihm etwas, was sie nicht ganz zu verbergen vermochten. Er sah, wie oft in diesen Tagen, die Hochzeitsgesellschaft in London vor sich, die jungen, gutgewachsenen Männer, Major Fairfax, Baron Blau, und plötzlich schien es ihm, als säßen sie alle herausfordernd da und blickten ihn mit kaltem Spott in den Augen an.

Er preßte die Zähne zusammen, daß sie knirschten. Wie entsetzlich schamlos war das alles! Sie hat mich in den Schmutz gezogen und, was weitaus furchtbarer war – furchtbarer in Wenzels Augen –, sie hat mich dem Spott und dem Hohn der Gesellschaft ausgeliefert. Oh, gewiß, diese Fairfax und Blau und Katschinsky und alle, mußten sie nicht toll lachen über ihn? Er wollte es nicht anders, er hatte, was er wollte. Alle wußten, was sich ereignen würde, nur er nicht.

»Ich werde es nicht dulden, daß man mich in den Schmutz tritt!« knirschte Wenzel. »Ich werde mich rächen, ich werde mich furchtbar rächen!«

Freiheit forderte sie, Freiheit in jeder Beziehung. Er wußte es. Er hatte sie ihr zugebilligt. Aber waren ihrer Freiheit nicht Schranken gezogen, durch ihr Geschlecht und die Gebote der Gesellschaft? Aber vielleicht gab es diese Schranken für sie nicht? Vielleicht war sie ebenso maßlos im Genuß wie er selbst? Vielleicht war sie ein weiblicher Wenzel Schellenberg? Vielleicht? Was wußte er von ihr? Eine fremde Frau, unbekannt wie ein unbekanntes Tier, dessen Eigenschaften niemand kennt.

Immer düsterer, immer furchtbarer erschien ihm sein Schicksal. Von unten herauf drang Gelächter. Der Flügel. Man tanzte.

»Ich werde es nicht dulden!« rief er abermals und wieder und wieder aus, mit verzerrten Zügen.

Es war eine furchtbare Nacht.

 

25

Vor dem Gebäude der Gesellschaft »Neu-Deutschland« drängten sich unübersehbare Scharen von Arbeitslosen, Kopf an Kopf. Ihr Geschrei erfüllte die Straße.

»Gib uns Arbeit, Schellenberg! Gib uns Brot!«

Die Tore der Gesellschaft waren geschlossen.

Michael sprach von der Treppe aus zu den Scharen der Entmutigten. Er erklärte, daß die Gesellschaft in den letzten Wochen Abertausende eingestellt habe, daß sie aber vorläufig über keine weiteren Mittel verfüge. Er werde erneut bei der Regierung und dem Magistrat vorsprechen.

Die wirtschaftliche Krisis hatte sich verschärft. Auf den Zechen häuften sich Gebirge von Kohlen, eine große Zahl von Hochöfen war bereits ausgeblasen worden. Der Export war auf ein Minimum herabgesunken. Jahrelang hatte er tauben Ohren gepredigt.

Tag für Tag drangen die Rufe bis in sein Arbeitszimmer: »Gib uns Arbeit! Komm heraus, Schellenberg!«

Lärm brauste auf. Die Straße tobte, Fensterscheiben wurden eingeworfen. Die Polizei schritt ein.

Vor einigen Tagen war ein Trupp Arbeitsloser durch die Fenster eingedrungen. Man hatte alle Mühe, die Verzweifelten zur Ruhe zu bringen. Gestern erschien ein Betrunkener, der sich wie ein Tobsüchtiger gebärdete. Er hatte schon früher bei der Gesellschaft gearbeitet, war aber entlassen worden, da er zu irgendeiner Arbeit überhaupt nicht zu gebrauchen war. Er forderte, sofort wieder eingestellt zu werden, oder er werde das Gebäude in die Luft sprengen. Er habe eine kranke Frau und vier kleine Kinder, die in einem Kellerloch verhungerten! Mit einem Stuhl in der Faust, drang er auf die Beamten ein. Er war Steinträger, ein krummbeiniger, breitschulteriger Bursche mit rotem Schnauzbart und schwammigem Trinkergesicht. Endlich gelang es, ihn zu überwältigen und an die Luft zu setzen. Der Rasende schwor, morgen wiederzukommen!

Und in der Tat, er kam wieder.

An diesem Tage sollte eine Sitzung von Vertretern der Regierung und Arbeitgeberverbände stattfinden, zu der Michael eingeladen war. Er sollte seine Pläne vortragen.

Etwas verspätet, wie gewöhnlich, stieg Michael eilig die Treppe hinab, so rasch, daß Eva, die ihn zur Sitzung begleitete, kaum zu folgen vermochte.

Michael pflegte in diesen unruhigen Tagen das Gebäude durch einen Nebenausgang zu verlassen. Kaum aber hatte er den Fuß auf die erste Stufe des Nebenausgangs gesetzt, als er einen heftigen Schlag gegen die linke Schulter verspürte. Es war ihm, als habe man ihn mit einem schweren Stock, mit einer massiven Eisenstange gegen die Schulter gestoßen. Er taumelte und wäre beinahe gefallen. In dieser Seitenstraße waren nur wenige Menschen, und er sah nichts Auffälliges. In diesem Augenblick aber beobachtete er, wie sein Chauffeur, der neben dem Wagen gestanden hatte, sich auf einen Mann stürzte und ihn zu Boden warf. Sofort sammelten sich Menschen an.

»Er hat auf Schellenberg geschossen,« schrie der Chauffeur und deutete auf das schmutzbedeckte schwammige Gesicht des Mannes, den er zu Boden geschlagen hatte. Es war der Steinträger mit dem roten Schnauzbart, der gestern Rache geschworen hatte.

Michael hatte nicht einmal einen Schuß gehört. Der Knall war im Lärm der Straße verhallt.

Das alles dauerte kaum zwei Sekunden. Michael stand noch immer und begriff nicht. Er spürte immer noch den heftigen Schmerz an der Schulter.

»Bist du getroffen?« fragte Eva, die Augen geweitet in Angst und Besorgnis, und blickte ihm ins Gesicht. Michael schüttelte den Kopf, er vermochte kein Wort zu erwidern. Der Schlag gegen die Schulter war immer stärker spürbar.

»Oh, du blutest ja!« rief Eva aus, und sie nahm ihr kleines Taschentuch und schob es hastig unter seine Weste. Erregt versuchte Eva ihn wieder ins Gebäude zurückzudrängen.

Endlich vermochte Michael zu sprechen. »Es ist nichts,« sagte er. »Was kann es sein? Was wollte er?« schrie er dem Menschenknäuel zu, der sich um den Steinträger ballte.

Das alles geschah am hellichten Tag, gegen drei Uhr nachmittags.

Eine Stunde später heulte die Meute der Zeitungsverkäufer, die mit den feuchten Blättern durch die Straßen rannten.

»Attentat auf Michael Schellenberg! Ein Arbeitsloser schießt auf Schellenberg!«

Die Abendzeitungen brachten nur eine kurze Notiz. Ein Arbeitsloser habe auf den bekannten Volkswirt und Chemiker Michael Schellenberg, den Gründer und Leiter der Gesellschaft »Neu-Deutschland«, ein Revolverattentat verübt. Die Volksmenge machte Miene, den Attentäter zu lynchen, aber Michael Schellenberg sei für ihn eingetreten. Der Zustand des Verletzten gäbe, soweit sich dies feststellen ließe, zu Besorgnissen keinen Anlaß.

Die Morgenblätter brachten ausführliche Berichte. Der Attentäter war ein Steinträger namens Heinecke, ein notorischer Trinker, der schon wiederholt mit den Gerichten in Konflikt gekommen war. Seine Aussagen waren verworren. Die Zeitungen neigten dazu, Heinecke für geistig minderwertig zu erklären. Die Motive des Attentats waren höchst unklar.

Einmal behauptete Heinecke, die Not habe ihm die Waffe in die Hand gedrückt. Schon hatten Reporter seine häuslichen Verhältnisse untersucht und allerdings konstatieren müssen, daß die kranke Frau des Steinträgers und seine vier kleinen Kinder in einem vier Quadratmeter großen feuchten Kellerverschlag in unbeschreiblichem Elend hausten. Ein andermal erklärte Heinecke, er habe sich an Schellenberg rächen wollen. Er habe bei der Gesellschaft »Neu-Deutschland« gearbeitet, man habe ihm einen Hungerlohn gezahlt und ihn dann einfach hinausgeworfen. Dabei besitze Schellenberg ein Palais im Grunewald, einen Palast mit hundert Sälen und einen Rennstall, alles mit dem Schweiße der Arbeitslosen erworben. Eine tragische Verwechslung, schrieb eine Zeitung. Der Attentäter hat den Volkswirt Michael Schellenberg mit seinem Bruder, dem Industriellen und Geldmann Wenzel Schellenberg, verwechselt!

Man machte Heinecke auf seinen Irrtum aufmerksam. Es ist ein und dasselbe, erwiderte er, sie sind alle gleich. Schließlich sagte er, er habe geschossen, um ins Zuchthaus zu kommen. Es sei ihm nur noch die Wahl zwischen dem Zuchthaus und dem Strick geblieben, da er Arbeit doch nicht finden konnte.

Wie gesagt, ein verworrener Kopf, ein geistig minderwertiger Trinker.

Die Berichte der Ärzte, die die Morgenzeitungen veröffentlichten, lauteten günstig. Die Kugel, die das Schlüsselbein zerschmetterte, war noch in der Nacht entfernt worden. Michael Schellenberg werde in wenigen Wochen, wenn nicht irgendwelche Komplikationen eintreten sollten, wiederhergestellt sein.

Michael hatte etwas erhöhte Temperatur, die sich am Abend zu leichtem Fieber steigerte. Das war alles. Sein allgemeines Befinden war vorzüglich. Schon am dritten Tage verlangte er, aus der Klinik entlassen zu werden, um seine Arbeit wieder aufnehmen zu können. Die Ärzte aber widersprachen, sie steckten sich hinter Eva, deren Einfluß auf den Patienten sie kannten, und so mußte Michael wohl oder übel in der Klinik bleiben. Die Kommissare kamen, um ihn zu vernehmen.

»Lassen Sie den armen Teufel laufen,« sagte Michael. »Es ist ein Opfer der allgemeinen Notlage. Seine verzweifelte Tat ist nicht der Akt eines einzelnen, die Verzweiflung von Abertausenden von Arbeitslosen fand darin ihren Ausdruck.«

Nach einer Woche war die Wunde so weit verheilt und die Temperatur so befriedigend, daß die Ärzte Michael erlaubten, täglich zwei Stunden lang die Berichte seiner Direktoren entgegenzunehmen. Nun fühlte er sich sofort um vieles wohler! Eva wich nicht aus seinem Zimmer.

Eines Tages ließ sich Wenzel in der Klinik melden.

Wenzel war ein paar Wochen von Berlin abwesend gewesen. Wie ein Racheengel erschien er bei einer großen Zahl seiner Unternehmungen, nur in Begleitung von Mackentin und Stolpe. Seine Miene war kalt und finster, und die Direktoren und Prokuristen zitterten vor seinem Blick. Eine Reihe von Direktoren erhielt den Abschied. Nein, Wenzel Schellenberg war nicht der Mann, der hohe Gehälter bezahlte dafür, daß man sich auf die faule Haut legte. Sie täuschten sich. Er brauchte schöpferische Köpfe, die unausgesetzt das Interesse des Konzerns im Auge hatten.

Auf der Reise hatte er von dem Attentat auf Michael Kenntnis erhalten. Er kaufte in Hannover eine Zeitung, bevor er in den Kölner Schnellzug einstieg. Es war am Morgen nach dem Attentat. »Sehen Sie her, Mackentin!« rief er Mackentin erbleichend zu. »Was ist das?« Augenblicklich erhielt Stolpe den Auftrag, nach Berlin zu reisen und ausführlich nach Köln zu berichten. In Köln raffte Wenzel alle Zeitungen zusammen. »Lesen Sie, Mackentin,« sagte er mit einem verstörten Lächeln. »Eigentlich hat die Kugel dieses Lumpen mir gegolten. Wenn etwas mit Michael passiert, so habe ich es auf dem Gewissen.« Tagelang sah Mackentin die folternde Unruhe in Wenzels Blicken.

Die Berichte über Michaels Befinden lauteten täglich günstiger, und Wenzel schien ruhiger zu werden. »Es ging noch einmal vorüber, Gott sei Dank!«

Nach Berlin zurückgekehrt, fuhr er vom Bahnhof geradewegs zur Klinik.

Aber die Ärzte verbaten noch immer Besuche, die Michael erregen konnten. Infolgedessen mußte Wenzel sich damit zufrieden geben, Eva Dux zu sprechen. Eva fand Wenzel auffallend verändert, als ob ihn plötzlich eine Krankheit befallen habe. Er schien um einige Jahre älter, die Züge hart und fast entstellt. Sie mußte ihm versprechen, täglich zweimal telephonischen Bericht zu geben. Sie versprach es gern. Wenzel schien zu leiden.

Nun durfte Michael schon das Bett verlassen! Man erlaubte ihm einige Zigaretten und schwarzen Kaffee. Aber die Ärzte hielten ihn noch in der Klinik fest, da sich zuweilen in der Nacht geringes Fieber eingestellt hatte. Sie gestatteten dagegen leichte geistige Beschäftigung, natürlich keine schwere, ach, sie waren gnädig, die Herren Ärzte.

Behaglich die Zigarette rauchend, ging Michael im Zimmer auf und ab.

»Wir finden nun Zeit für manchen Gedanken, den wir immer zurückstellen mußten, Eva. Da ist zum Beispiel dieser Plan mit den schwimmenden Werkstätten, die überallhin leicht transportiert werden können. Willst du schreiben, Eva?«

Eva streikte. Das sei eine zu anstrengende Arbeit. Sie erinnerte dann, daß der Termin des Preisausschreibens bereits überschritten war.

Auch damit war Michael einverstanden.

Die Gesellschaft hatte vor mehreren Monaten ein Preisausschreiben veröffentlicht. »Verbesserungen und Vorschläge zum Bebauungsplan der Lüneburger Heide.« Städtebauer, Architekten, Ingenieure und Volkswirte hatten sich an dem Preisausschreiben beteiligt, und es war nur selbstverständlich, daß sich unter den Bewerbern eine große Anzahl seiner Mitarbeiter befand. Die Durchsicht der eingereichten Arbeiten erfreute Michael. Das Kollegium trat zusammen, und es zeigte sich, daß einer seiner jüngsten Mitarbeiter, ein in der Öffentlichkeit völlig unbekannter Mann, die beste Arbeit geliefert hatte. Er hieß Georg Weidenbach und war der Leiter einer der kleineren Siedlungen in der Nähe von Berlin.

Michael bat Weidenbach zu sich, um ihn zu beglückwünschen. Ein schmächtiger junger Mann mit blondem Haar, gebranntem Gesicht und strahlenden Augen trat in sein Zimmer.

»Sie haben eine vorzügliche Arbeit geliefert,« sagte Michael zu ihm und schüttelte ihm die Hand. »Ich werde Ihnen die Leitung einer Abteilung übergeben. Halten Sie sich bereit, nach Berlin zu kommen. Sobald ich aus der Klinik heraus sein werde, hören Sie von mir.« Er betrachtete Georg aufmerksam. »Wo habe ich Sie schon gesehen?« fragte er dann.

Georg erinnerte ihn an jene Szene, da er ihn bat, seine jetzige Frau mit nach Glückshorst nehmen zu dürfen.

»Oh, Sie sind es!« entgegnete Michael. »Ich erinnere mich noch deutlich. Ich freue mich sehr, Sie wiederzusehen. Sie sehen um vieles besser aus als damals.«

Wenige Tage, nachdem die Ärzte Michael als geheilt entlassen hatten, rief er Weidenbach nach Berlin. Er führte Georg persönlich in die Abteilung ein, deren Chef er wurde, und übergab ihm seine Arbeitsräume.

»Also Glückauf und immer vorwärts, Weidenbach!« rief er ihm zu.

Auf diesem Umweg war Georg nach langer Zeit wieder nach Berlin zurückgekehrt, durch dessen Straßen er einst verstört irrte, wie ein Hund, der seinen Herrn verlor.

Schwere Wochen für Christine! Sie war mit dem kleinen Georg nach Berlin gekommen, um die Wohnung einzurichten, die ihnen die Gesellschaft überwiesen hatte. Christine kaufte ein! Oh, bescheiden, sie drehte jeden Pfennig dreimal um, bevor sie ihn ausgab. Tag und Nacht nähte sie an den Vorhängen. Aber endlich war es soweit, und das kleine Einweihungsfest konnte stattfinden. Es prasselte und krachte in Christines kleiner Küche.

Als Gäste erschienen: Lehmann, der Einarmige, Georgs früherer Chef in Glückshorst, man erinnert sich? Er brachte eine Flasche Burgunder mit. Dann kam der Schlächter-Moritz. Er eilte aus Glückshorst herbei, berstend von Gesundheit und Kraft, beladen mit Produkten seiner Kunst. Dann kam Stobwasser, der jetzt sein Atelier am Nollendorfplatz hatte. Er brachte einen schwarzen Kater mit, von dem er sich nicht trennen konnte. Er brachte ferner einen Riesenstrauß mit, der kaum durch die Türe ging.

»Da seid ihr ja wieder!« schrie er außer sich vor Freude und umarmte die Freunde.

 

26

Wenzel war in dieser Zeit fast immer in Geschäften unterwegs. Nur zuweilen kehrte er auf ein bis zwei Tage nach Berlin zurück. Er wohnte in seinem Hause im Grunewald, lebte aber völlig zurückgezogen. Er arbeitete.

Esther vermißte ihn nicht. Sie war zu sehr mit ihren Plänen für das Sommerfest in Hellbronnen beschäftigt. Das Fest sollte eine ganze Woche dauern, von Sonntag zu Sonntag. Ein junger Dichter hatte »Drei Szenen aus dem Leben Casanovas« geschrieben, die an drei aufeinanderfolgenden Abenden aufgeführt werden sollten. Katschinsky führte die Regie. Esther hatte vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein zu tun. Sie war vollauf beschäftigt. Konferenzen mit Malern, Architekten, Schauspielern, Musikern, Dutzende von Depeschen und Briefen, sie lachte und ereiferte sich – es fiel ihr gar nicht auf, daß Wenzel, wenn er zuweilen auf zwei, drei Tage zurückkam, auf seinem Zimmer speiste und sie ihn fast nicht zu Gesicht bekam.

Wenzel fing an, an sich irre zu werden. Die Sicherheit, mit der Esther ihm gegenübertrat, ihre Herzlichkeit, wenn er auf wenige Minuten in ihrem Freundeskreis erschien, machte ihn stutzig. Sollte er ihr, trotz allem, Unrecht tun?

Eines Tages beobachtete Wenzel, daß das Benehmen Mackentins scheu und unsicher wurde. Ah, kein Zweifel, er täuschte sich nicht, das war nicht der alte Mackentin. Es war fast, als habe er ein schlechtes Gewissen. Er wich seinem Blick aus, seine Stimme klang belegt. Er schien etwas zu verbergen. Endlich stellte Wenzel ihn zur Rede.

»Was ist mit Ihnen, Mackentin? Was ist in Sie gefahren? Was geht hier vor?« drang er in ihn.

Mackentin erblaßte, seine Hände zupften verlegen an der Zigarre. »Oh, nichts,« erwiderte er, während er Wenzels Blick auswich. »Oh, nichts, gar nichts oder fast nichts. Indessen, ich schäme mich, ich glaube es Ihnen als Freund schuldig zu sein. Sie waren mir gegenüber immer großmütig und ließen mich mit in die Höhe kommen, obwohl ich doch von Geschäften nichts verstehe und Ihnen sogar häufig Schaden zufügte.« Und endlich fiel Mackentin wieder in jenen Ton, den er bei Unannehmlichkeiten wählte. Es war ein etwas kurzer, etwas schnarrender Ton, der an den früheren Soldaten erinnerte. Kurz und gut, ohne viele Umstände erklärte Mackentin, er halte es für seine Pflicht, Wenzel daran hinzuweisen, daß der Schauspieler Katschinsky in aller Öffentlichkeit damit prahle, der Geliebte Esther Schellenbergs zu sein. Stolpe habe es ihm vor einigen Tagen mitgeteilt.

Wenzel saß mit grauem Gesicht. Es hatte wieder die Farbe von Blei, das lange an der Luft liegt. Er faßte sich indessen rasch, es ging nun zu Ende. Er nahm Mackentin das Wort ab zu schweigen. Dann hatte er eine längere Aussprache mit Stolpe. Stolpe stand das Wasser in den Augen, als er, zitternd an allen Gliedern, Wenzels Zimmer verließ.

An demselben Nachmittag noch verließ Wenzel Berlin im Automobil. Ein Narr! Welch ein Narr! Fast wäre er an sich irre geworden. Dieses Stück, das man spielen wollte, diese »Drei Szenen aus dem Leben Casanovas«, hatten ihn beinahe düpiert. Oh, welch grandiose Dummheit! Es traten ihm fast die Tränen in die Augen, aus Trauer über ein solches Ausmaß von Naivität und Borniertheit. Der Dichter dieses Stückes wohnte bei Katschinsky. Er erfuhr alle diese Dinge nebenher, und eines Tages, in einer totalen Verdunkelung seines Gehirns, hatte er sich folgendes Blendwerk vorgegaukelt: der Dichter des Stückes wohnt bei Katschinsky, dem Regisseur. Esthers unfaßbare Begeisterung für dieses Fest. Vielleicht ging sie zu Katschinsky, vielleicht berieten sie zu dritt, debattierten, ereiferten sich. Oh, es war möglich, daß sich alles ganz einfach, lächerlich einfach erklärte – während er sich die Brust mit beiden Händen aufriß. Oh ja! Ein Narr! Welch ein Narr! Nun aber hatte ihn der Keulenschlag mitten ins Gesicht getroffen. Man muß dich schlagen, wie man den Stier schlägt, bevor du begreifst.

Dieser Bursche überhaupt, dieser »Regisseur«! Wie? Er erinnerte sich, wie lange war es her? Es war damals, als er die Geschichte mit Jenny Florian hatte. Am Anfang. Damals erhielt er einen anonymen Brief: »Hüten Sie sich vor dem Maler K. Er hat Ihnen Rache geschworen! Rache für Jenny Florian!« Er zeigte diesen Brief Jenny. Sie sagte: Er selbst hat diesen Brief geschrieben.

Seht an! Seht an!

Der Wagen fegte durch Schmutz und Regen. Wenzel klopfte an die Scheiben, und der Wagen hielt.

»Wohin fahren Sie?«

»Nach Warnemünde, wie Herr Schellenberg befohlen haben,« antwortete der Chauffeur.

Wenzels Blick schweifte leer durch den Regen. Er besann sich. »Es schien mir, als führen Sie falsch.« Wieder fegte der Wagen durch Schmutz und Regen. Es wurde Nacht. Also gut, Warnemünde. Es war höchst gleichgültig. In Warnemünde lag die Jacht.

Gegen Mitternacht kamen sie in Warnemünde an. Es regnete und der Wind fegte. Die Scheinwerfer des Autos blendeten über Glasveranden. Sie schienen in eine Stadt von Treibhäusern geraten zu sein. Am Bollwerk, gegenüber vom Kai, lag die Jacht vertaut. Die Jacht schien wie verlassen.

Der Chauffeur pfiff, er schrie den Namen der Jacht, und Wenzel zuckte, wie geschlagen, zusammen, so oft der Chauffeur in die Nacht hineinbrüllte: »Halloh, Esther Schellenberg!« Nichts regte sich. Endlich fand der Chauffeur einen Nachen, der Schellenberg übersetzte. Und endlich zeigte sich auf der Jacht ein verschlafenes und verstörtes Gesicht.

»Schlaft ihr alle?« schrie Wenzel zornig, und in diesem Augenblick wurde die Jacht lebendig. Licht flammte auf, Schritte eilten. Der Kapitän war nicht an Bord. Wenzel befahl, ihn sofort zu holen und die Jacht segelfertig zu machen. Ja, plötzlich war es ihm in den Sinn gekommen, in das Meer hinauszufahren. Das Wasser rauschte, der Wind trillerte in den Tauen. Schon saß Wenzel in der Kajüte, und plötzlich fühlte er sich freier und stiller. Welche Ruhe! Welche wunderbare Stille! Sein Zorn verging. Wie wunderbar rauschte das Wasser!

Der Steward brachte heißen Kaffee, in den Wenzel Kognak goß, dann zündete er sich eine Zigarre an und ging auf und ab. Fast hatte er seine ganze Schmach und Schande vergessen. Als der Kapitän der Jacht nach einer Stunde, bestürzt und verwirrt, Entschuldigungen stammelnd, in den Salon trat, war Wenzels Zorn schon verraucht.

»Machen Sie keinen Unsinn,« unterbrach er den Kapitän, einen früheren U-Bootführer, namens Wittgenstein. »Wir sind unter uns Kameraden, und es ist doch völlig einerlei, wenn Sie eine Nacht nicht an Bord schlafen. Leisten Sie mir Gesellschaft beim Essen! Ich habe es plötzlich in Berlin nicht mehr ausgehalten. Ich brauche etwas frische Luft. Wir werden einen Schlag in die See machen. Sind Sie bereit?«

Wittgenstein erwiderte, daß er nach dem Schleppdampfer geschickt habe, es werde wohl eine geraume Weile vergehen.

»Wir haben ja Zeit, Wittgenstein!« rief Wenzel gutgelaunt aus. »Wir werden essen und trinken.«

Er ließ Wein bringen und stürzte ein Glas um das andere hinunter. »Ich bin zur Zeit mit den Nerven fertig, Wittgenstein!« rief er lachend aus. »Sehen Sie, wie meine Hände fliegen. Ich muß ein paar Tage auf die See. Auch die Mannschaft soll trinken, Wittgenstein. Es ist schlechtes Wetter, und ich habe sie um ihre Nachtruhe gebracht. Geben Sie jedem eine Flasche von diesem Bordeaux und ein paar tüchtige Schnäpse!«

Der Morgen graute, als der Schleppdampfer das Tau loswarf und die Jacht klatschend gegen die See ankämpfte. Wittgenstein hatte wegreffen lassen, was möglich war, es war schweres Wetter.

»Welchen Kurs befehlen Sie, Herr Schellenberg?«

»Nehmen Sie Kurs auf Kopenhagen. Wie wunderbar ist es hier auf der See!«

Stampfend und klatschend flog die Jacht dahin. Als die dänische Küste in Sicht kam, befahl Wenzel den Kurs auf Bornholm.

»Kreuzen Sie, fahren Sie, wohin Sie wollen,« sagte er. »Ich will nur nicht in die Nähe von Menschen kommen.« Am Nachmittag schlief er ein, und am Abend begann er wieder mit Wittgenstein zu zechen. Um Mitternacht war das ganze Schiff betrunken. So flogen sie dahin.

Wenzel war laut und ausgelassen. »Was würden Sie sagen, Wittgenstein,« schrie er dem Kapitän zu, »wenn ich einen Menschen totschlüge?« Eine See brach zischend über das Deck.

»Ich würde es sehr bedauern. Sie werden es gewiß nicht tun.«

»Vielleicht doch, Wittgenstein! Vielleicht hören Sie es eines Tages.«

Etwas später wandte er sich lachend an den Kapitän. »Hören Sie, Wittgenstein, ich habe einen prachtvollen Gedanken. Wie wäre es, wenn wir zwei eine Schmugglerfirma aufmachen würden? Wir könnten Alkohol nach Norwegen und Finnland schmuggeln, ein wunderbarer Beruf für zwei alte Kriegsleute, wie wir es sind!« Und Wenzel brach in ein lautes Gelächter aus.

Was ist mit ihm vorgefallen? fragte sich Wittgenstein. Er war bemüht, so wenig wie möglich zu trinken, so sehr ihn auch Wenzel nötigte. Kühl und nüchtern blieb er während der ganzen Fahrt.

Drei Tage und drei Nächte jagte die Jacht unter grauen Regenböen in der schweren See dahin. Dann endlich war es auch für Wenzel genug. Sie steuerten nach Warnemünde zurück, und Wenzel begab sich ins Hotel, um sich augenblicklich zu Bett zu legen.

 

27

Wenzels Körper glühte. Er stöhnte im Schlaf.

Er träumte, daß er auf der Flucht sei. Irgend etwas war geschehen, etwas Schreckliches, und er war entflohen. In einem Schnellzug jagte er dahin. Die Scheiben klirrten, schwankend ging er durch den Zug in den Speisewagen. Plötzlich bemerkte er, daß seine linke Manschette blutig war. Er erhob sich rasch, warf erschrocken Blicke um sich, und kehrte durch den schwankenden Zug in sein Abteil zurück. Da sah er zu seinem Schrecken, daß seine Weste mit Blut befleckt war. O ja, das war es, er hatte gemordet! Wen? warum? Er wußte es nicht. Und plötzlich wußte er ganz deutlich, daß er auf der Flucht war und daß er den Führer des Zuges bestochen hatte, möglichst dahinzurasen. Phantastisch war die Stadt, in der er ankam, voll vom Gebrüll von Dampfern, ein Wald qualmender Schlote, die Sirenen heulten und schrillten. Und hier lag ein Dampfer, der eben zur Abfahrt fertigmachte. Er hieß »Creol«. Er tutete dumpf, die Luft erbebte. Eben waren sie im Begriff, die Schiffstreppe einzuziehen, schon wurden die Taue gelöst. Gerade im letzten Moment gelang es Wenzel noch, an Bord zu kommen.

Ja, nun war er gerettet, er atmete auf. Der Dampfer fuhr brüllend und tutend dahin, und der Wald rauchender Schornsteine versank. Sicherheit, Ruhe, kein Mensch konnte ihn mehr einholen.

Beim Diner bemerkte Wenzel plötzlich, daß auf seinem Frackhemd ein kleiner Blutfleck zu sehen war, der sich immer mehr vergrößerte. Schon blickten ihn viele Augen argwöhnisch an. Er erhob sich erbleichend, schlüpfte rasch in ein neues Hemd. Aber als er zurückkam, siehe, da waren plötzlich auf dem weißgestärkten Frackhemd Spuren von blutigen Fingerspitzen zu sehen. Nun aber schien ihn niemand mehr zu beachten.

Der Dampfer jagte dahin, mit rasender Schnelligkeit zog er durch das Meer. Ein Strom, breit und kochend wie der Rhein, war das Kielwasser. Niemand schenkte Wenzel besondere Aufmerksamkeit, auch der Steward, der seine Kabine aufräumte, schien gar nicht zu beachten, daß seine Taschentücher blutig waren und selbst die Bettwäsche Blutspuren zeigte.

»Wo sind die Passagiere?« fragte Wenzel in bester Laune den Kapitän, als er den Speisesaal betrat. Auch der Kapitän hatte sein alltägliches Gesicht aufgesetzt. Anfangs schien es Wenzel, als verfolge er ihn mit prüfenden Blicken.

»Sie sind seekrank.«

Und weiter jagte der Dampfer, der den Namen »Creol« trug. Ein sonderbarer Name.

Aber die Passagiere kamen nicht wieder. Mehr und mehr schien der Dampfer auszusterben. Es war nur noch ein einsamer Steward an Deck, und auf der Brücke ging ein einsamer Offizier hin und her.

»Was ist eigentlich los?« schrie Wenzel zu dem einsamen Offizier auf der Brücke empor.

Aber der Offizier schüttelte nur den Kopf und antwortete nicht. Und der Dampfer raste dahin, die Maschine bebte. Schwarze Rauchwolken wirbelten aus den drei Schornsteinen.

Wenzel klingelte nach dem Steward, niemand kam. Er öffnete die Tür der Kabine und rief in den Korridor hinaus, niemand antwortete. Er ging an Deck, niemand war zu sehen. Er schritt durch das ganze Schiff, kein Mensch. Und dabei zitterte der Dampfer von oben bis unten, so furchtbar raste er dahin. Auch auf der Brücke war niemand mehr zu finden. Wenzel stieg in den Heizraum hinab. Niemand. Da ergriff ihn eine unbeschreibliche Angst. Er eilte durch alle Korridore, durch alle Etagen des dahin rasenden Schiffes, auf alle Verdecke eilte er, nach Menschen suchend, und plötzlich erkannte er, daß er allein war auf dem Schiffe. Nun aber, gerade in diesem entsetzlichen Augenblick, begann die Sirene des Dampfers, von einer unsichtbaren Hand bedient, dumpf und furchtbar zu tuten.

Da streckte er die Hände empor zum Himmel und schrie voller Entsetzen: »Ich habe gemordet! Ja, ich bin es!«

In diesem Augenblick erwachte er, in kalten Schweiß gebadet. »Ich habe geträumt,« sagte er, »etwas ganz Entsetzliches.« Er betrachtete seine Hände. Was war es doch mit meinen Händen?

Er klingelte, und ein Kellner trat ein und fragte nach seinen Wünschen. Wenzel starrte ihn lange an. Er begriff nicht, er wußte nicht, wo er war. War er nicht eben auf einem Schiff gewesen? Da sah er endlich, daß ein Kellner vor ihm stand.

»Bringen Sie mir starken schwarzen Kaffee,« sagte er.

Draußen tutete ein Dampfer, und plötzlich erinnerte sich Wenzel, daß er sich in Warnemünde befand.

 

28

Auf den Rat der Ärzte war Michael auf einige Wochen nach Sperlingshof gegangen, um sich völlig zu erholen. Dann nahm er seine Arbeit in Berlin wieder auf. Sonderbar, in all den Jahren hatte er nie Gelegenheit gehabt, sich so lange auszuruhen, und doch schien es ihm, als ob ihm die Arbeit nicht so leicht wie sonst von der Hand ginge. Die Zeiten waren indessen nicht danach, daß man sich hinlegen konnte, wenn man müde war, oder schlafen, wenn man schläfrig wurde. Es mußte gehen, und es ging auch einige Zeit. Eines Tages aber erlitt er mitten in einer Sitzung einen Schwächeanfall. Er war gezwungen, die Sitzung zu unterbrechen. Ganz plötzlich hatte ihn starkes Fieber überfallen. Eva rief augenblicklich die Ärzte.

Die Ärzte kamen und machten besorgte Gesichter. Der längst verheilte Wundkanal schien sich aus irgendeinem Grunde wieder entzündet zu haben. Ein leiser Schmerz stellte sich in der Schulter ein, und am nächsten Tage war der linke Arm von der Schulter an leicht gelähmt. Diese Erscheinung ging indessen rasch vorüber. Das hohe Fieber aber blieb bestehen.

Michael war ein höchst ungeduldiger Patient. »Ich kann doch nicht wegen des bißchen Fiebers wochenlang im Bett liegen!« rief er aus.

Aber Eva beschwor ihn, den Ärzten gehorsam zu sein. Sie wich Tag und Nacht nicht von seinem Lager. Wann schlief sie? Michael wußte es nicht, denn immer war sie gegenwärtig. Wenn sich am Abend das Fieber steigerte, legte sie ihm ihre kühlen Hände auf die Stirn. Das beruhigte ihn.

Da lag er, und das Blut sang in seinen Ohren. Auf seiner Haut knisterten Funken, und zuweilen brauste es in seinem Hirn.

Sein Werk! Wie albern, hier untätig liegen zu müssen in einer Zeit, da jede Arbeitsstunde kostbar war! Sein Blut kochte, und ungeduldige, gebieterische, rasche Gedanken jagten durch seinen Kopf.

Oh, erst jetzt war er imstande, die ungeheure Aufgabe zu übersehen!

Billiger, besser, rationeller, schöpferischer. Jede Einzelheit mußte überprüft werden. Die hygienischen Gesichtspunkte waren noch mehr zu beachten. Er brauchte Erholungsheime, er brauchte Bäder, an den Häusern ließ sich noch viel sparen, die Geräte mußten verbessert werden, vereinfacht. Ein Spaten zum Beispiel, wieviele Spatenstiele verfaulten jedes Jahr, wieviele Hämmer wurden im Jahre nutzlos weggeworfen, weil die Stiele abbrachen. Gerade das Kleinste und Unscheinbarste war bei einer solch ungeheuren Organisation das Wichtigste.

»Versuche zu schlafen,« bat Eva und legte ihm eine kalte Kompresse auf die Stirn.

Michael schüttelte den Kopf und starrte sie mit fiebernden Augen an. »Ich kann nicht schlafen, mein Liebling,« sagte er.

Ja, wie sollte er schlafen können, wenn die Gedanken ihn überrannten? Man mußte die Verpflegung verbessern und die Bekleidung. Man mußte besondere Arbeitsschuhe und Arbeitskleidung schaffen. Ging es da oben in Ostfriesland vorwärts, wo sie den Schlick des Meeres als Dünger für das Ödland benutzten? Man mußte besondere Waggons konstruieren zum Transport des Schlicks. Er verwandelte den Sand in Weideland. Und wie ging es in der Lüneburger Heide? Wer leitete dort die Arbeiten? Er hatte den Namen vergessen.

Ärgerlich, dieses Fieber! Diese Arbeit in der Lüneburger Heide würde zehn Jahre dauern. Weshalb hatte ihm die Regierung verweigert, die Strafgefängnisse aus Berlin nach der Heide zu verlegen, wo er Arbeitskräfte brauchen konnte ohne Zahl? Weshalb zögerten sie noch immer, die Vorlage einzubringen, daß alle Freiheitsstrafen in Arbeitsleistungen umzuändern seien? Nichts ging vorwärts. Er hatte seit vierzehn Tagen keinen Bericht erhalten über die Fortschritte des Kanals Hannover-Elbe. Die Ärzte erlaubten nicht, daß man ihn über das Notwendigste unterrichtete. Und die Industriesiedlungen am Mittellandkanal, gingen sie vorwärts? Und die Bauernsiedlungen in Ostpreußen und auf den bayrischen Hochmooren? In vierzehn Tagen sollte der Kongreß der Wasserbautechniker stattfinden. Würde er bis dahin genesen sein? Und der Weser-Main-Kanal? Die Gärtnereigürtel an den Peripherien der Städte, die Gärten und Gärtnereien für die Schulen, welch ein wichtiges Thema! Welch ein wichtiges Kapitel die Sommerschulen im Freien! Die Probleme waren ohne Zahl.

»Versuche doch zu schlafen,« bat Eva.

»Daß die Ärzte nicht imstande sind, solch ein bißchen Fieber zu heilen,« antwortete Michael und schüttelte den Kopf.

 

29

»Bald!« sagte Wenzel und nickte bedeutsam. Er blickte Esther nach, die in einer phantastischen Abendrobe, halbnackt, über den Korridor schritt und sich von der Zofe in den Abendmantel hüllen ließ.

Bald! Bald! Wenzel war sehr schweigsam geworden, seitdem er wieder in Berlin war. In seinem Bürogebäude zitterte man, wenn man ihn von weitem sah. Wenzel war laut, heftig, häufig sogar zornig gewesen. Man hatte sich daran gewöhnt. Es war nicht so gefährlich, wie es sich anhörte. Aber der schweigende Wenzel war ein Schrecken. Die Abteilungsvorsteher näherten sich auf Zehenspitzen seinem Schreibtisch. Da saß er, die Stirn umwölkt, die Lippen zusammengekniffen, und bemühte sich, äußerst höflich und äußerst korrekt zu sein. Man hätte es lieber gehört, wenn er laut und ärgerlich wie früher gewesen wäre. Häufig streifte ein forschender Blick Mackentins Wenzels kaltes und verschlossenes Antlitz. Was brütete er? Mackentin kannte Wenzel so lange und so genau, daß er wußte, daß etwas ganz Ungewöhnliches in Wenzel vorging.

Wie damals, als er anfing, verbrachte er die Abende wieder in den Weinstuben in der Nähe des Gendarmenmarktes. Er saß immer allein. Er vertrug keine Gesellschaft. Er spielte auch nicht mehr Schach.

Mackentin arbeitete oft die halbe Nacht hindurch. Wie häufig kam es vor, daß Wenzel um zwei, um drei Uhr nachts sein Büro betrat, um stundenlang auf- und abzugehen. Worüber grübelte er?

Mackentin hatte Wenzel in seinem Hause beobachtet. Wie sonderbar, Wenzel schien gut gelaunt wie früher. Er plauderte und scherzte, als sei nichts geschehen, als brüte er nicht über irgendeiner geheimnisvollen Sache. Aber Mackentin kannte Wenzels Stimme zu genau. Er hörte die Verstellung heraus, aus dem etwas zu hellen Klang, und häufig beobachtete er Wenzels Augen, wenn er Esther nachsah. Es war ein Glanz in diesen grauen Augen! Sie waren ja niemals gütig gewesen, aber in diesen Sekunden war ein Glanz in diesen Augen, der nichts Gutes versprach.

Zu Hause spielte Wenzel mit Mackentin häufig Schach, Billard und Karten. Sie rauchten, das Weinglas zur Seite, als habe sich nicht das mindeste ereignet. Aber wie spielte Wenzel jetzt Schach? Er, der etwas wie ein kleiner Meister gewesen war, ein verschlagener, zäher Gegner, er spielte wie ein Anfänger. Mackentin wußte genau, daß alles nur Verstellung war. Dieses schlechte Schachspiel verriet ihn mehr als alles andere.

Fast an allen Abenden, die Wenzel zu Hause zubrachte, lud er Mackentin zu sich ein. Es schien Mackentin, als ob er ihn brauche, vielleicht um die Ruhe zu bewahren, vielleicht um seine Rolle durchzuspielen.

Worüber grübelte er?

Gestern abend hatten ihn zwei Angestellte des Konzerns in einem kleinen Café am Alexanderplatz zufällig gesehen. Was tat er dort? Er, Wenzel, der sonst Tag und Nacht in seinem Auto herumjagte, benutzte fast nie mehr seine Privatwagen. Der Chauffeur besprach sich mit Mackentin. Er fand Herrn Schellenberg auffallend verändert. Mackentin zuckte die Achseln und lächelte.

»Er ist überarbeitet,« sagte er. »Das ist alles. Er hat mehr Sorgen als wir.«

Häufig ging Wenzel viele Stunden spazieren. Dann geschah es, daß er oft laut vor sich hinsprach.

»Es muß geschehen,« sagte er. »Es gibt nur diese eine Lösung.«

Ja, damals auf der Jacht, als er auf der Ostsee herumjagte, war ihm diese Lösung eingefallen. Es gab keine andere. Er hatte es dem alten Raucheisen nie vergessen können, daß er ihn tadelte, weil er zehn Minuten zu spät kam. Was sollte er nun tun, da man seinen Namen in den Schmutz trat?

»Es wird wohl so sein müssen!« sagte Wenzel laut zu sich, während er unter dunklen Bäumen dahinging. »Es gibt nur diese eine Lösung! Das Schicksal hat gesprochen. So wahr ich lebe, mein Leben hätte keinen Zweck mehr. Es wäre verächtlicher als das eines Jagdhundes. Man wird mich verstehen, und alle werden begreifen, daß es eine andere Lösung nicht gab.«

Und so oft er Esther nachblickte und der harte Glanz in seine Augen trat, dachte er und sagte er: »Bald! Bald!«

Und Esther? Sie tänzelte dahin, sie lachte, sprühte von witzigen Bemerkungen, bewegte sich in ihrem Hofstaat, in Konzerten, Theatern, Gesellschaften. Ihre Beschäftigung bestand darin, das Programm für jeden Tag zu entwerfen und es zu absolvieren. Sie ahnte nichts, sie wußte nicht, daß er, Wenzel, ihren Tod beschlossen hatte …

 

30

Nein, es gab keine andere Lösung. Wenzel wußte es. Er wiederholte es sich tausendmal am Tage und tausendmal in der Nacht. Er oder sie, etwas anderes gab es nicht. Kein Mensch kann ohne Selbstachtung leben, ein Wenzel Schellenberg auf keinen Fall. Zu infam hatte sie gehandelt, es gab Grenzen, die man nur mit dem Einsatz seines Lebens überschreiten durfte. Was weiter geschah, darum kümmerte er sich nicht.

Er untersuchte seinen Vorsatz gründlich, von allen Seiten betrachtete er ihn. Wenn man ihm einen Ausweg angeben würde, so wollte er ja gern diesen Ausweg wählen. Aber es gab keinen Ausweg. Niemand konnte ihm einen Ausweg sagen. Er konnte ja zum Beispiel nach Südamerika gehen, in die Wälder des Amazonenstromes, wo ihn niemand fand, niemand kannte, aber das war keine Lösung. Das schamlose Lächeln dieser Frau würde ihm folgen, ihr hochmütiges Gesicht und ihre freche Stirne. Er würde auch nicht eine Sekunde vergessen können, daß diese Frau seine Würde und Selbstachtung, alles, was er war, in den Schmutz getreten hatte. Es gab keinen Ausweg, es gab nur diese eine Lösung.

Er hatte nur noch diesen einen Gedanken im Kopf, Tag und Nacht. Er war wie ein Mensch, der unter einer Felsplatte begraben liegt und nicht mehr atmen kann. Erst von diesem Augenblick an würde er wieder atmen können – und was dann kam, kümmerte ihn nicht. Sieh doch zu, alles andere ist völlig einerlei, sagte er sich. Er war wie ein Mensch, dem man andauernd, Tag und Nacht, ins Gesicht spie, und diese ewige, ekelhafte Besudelung würde erst von diesem Moment an aufhören.

Nein, es gab keine andere Lösung!

Soweit war er. Und nun überlegte er, in aller Ruhe, wie er seinen Vorsatz in die Tat umsetzen sollte. Er würde nicht leugnen, gewiß nicht, aber er war kein gewöhnlicher Totschläger. Er konnte Esther auf die Jacht locken und ins Meer stürzen, er konnte sie bei dem Sommerfest in Hellbronnen vor allen Gästen töten. Er konnte sie erwürgen, in ihrem Schlafzimmer, um ihren letzten Blick, den Blick des letzten Erschreckens zu sehen.

Noch war er unschlüssig. Er brütete. Da kam ganz unerwartet aus England Besuch. Drei Herren, ein älterer und zwei jüngere, und zwei Damen. Vielleicht waren die beiden jungen Männer frühere Liebhaber Esthers? Wer weiß es? Esther plante zu Ehren ihrer englischen Gäste ein großes Fest.

Und plötzlich stand Wenzels Entschluß fest: Dieses Fest sollte sie noch erleben. Noch einmal sollte sich ihre Eitelkeit in der Bewunderung ihrer Gäste spiegeln, noch einmal sollte sie sich den Blicken der Männer preisgeben dürfen. Noch einmal sollte sie alles genießen, was ihr das Leben bedeutete. Nach dem Fest aber würde er sie erschlagen, erschlagen, höchst einfach, genau so, wie man einen Hund erschlägt.

»So wahr ich Wenzel Schellenberg bin!«

Nun, da der Entschluß feststand, fühlte sich Wenzel erleichtert. Die Fahlheit seines Gesichts wich, seine Wangen färbten sich wieder, seine Stimme schien wieder ihren alten Klang zu bekommen.

Vielleicht hat er die Krisis überstanden, dachte Mackentin, den das freie Lachen Wenzels überraschte. Selbst er ließ sich täuschen.

 

31

Das Fest kam heran.

Die Autos rollten über den Kiesweg der Auffahrt. Schultern, Arme, Roben, Lackschuhe und Fräcke quollen aus den Autos. Es kamen Minister und Diplomaten, Botschafter und Gesandte, die Finanz, der alte Adel, die neuen Vermögen, Industrielle mit starken Backenknochen, es kam die Presse. Die Photographen waren schon durch einen Seiteneingang in das Haus geschlichen und lauerten. Es kamen Leuchten der Wissenschaft und berühmte Namen der Kunst. Es kamen auch einige Sterne vom Theater und vom Film.

Auch Katschinsky befand sich unter den Gästen. Wenzel hatte ihn recht gut gesehen. Oh, ob er ihn gesehen hatte! Vollendet spielte Wenzel die Rolle des Gastgebers. Für jeden Gast hatte er ein höfliches Wort. Aber er übersah Katschinsky. Niemand fiel es auf, Katschinsky selbst nicht. Es waren gegen zweihundert Personen geladen. Das ganze Haus strahlte vor Licht. Wie ein gleißender Würfel lag es im Grunewald. Durch die Säle fluteten die Gäste. Glanz, Licht, Brandung der Stimmen, mitten darin Esther wie eine Fürstin, die empfängt.

Esther hatte die Haare für das heutige Fest brennendrot gefärbt, um ihre Freunde und Freundinnen zu überraschen. Sie trug ein silbergraues, ganz dünnes Kleid, das jede Linie ihres Körpers, die Form ihrer kleinen Brüste mit den mädchenhaften Knospen, den Schwung ihrer Schenkel allen Blicken preisgab.

Sie ahnt nichts, dachte Wenzel triumphierend. Würde sie es ahnen, so würde sie mir vor allen Leuten zu Füßen fallen, um nur ja diese Welt voller Musik und Glanz, voll Heiterkeit und törichter Worte, voll ewig wechselnder Kleider und blitzender Steine nicht verlassen zu müssen.

Sie hatte den alten herzoglichen Schmuck angelegt.

Wenzel trank an diesem Abend nur zwei Gläser Sekt und eine Tasse Kaffee. Er betrachtete seine Hände. Sie waren ruhig, sie bebten nicht. Ja, vollendet spielte er seine Rolle als Wirt. Er sprach mit den Gesandten über Politik, mit den Industriellen über die Industrie und mit einem Filmstar, der ihm große blaue Augen machte, über die Schwierigkeiten ihres Berufes. Und da, in irgendeinem Winkel, entdeckte er den Bildhauer Stobwasser. Er schob die Hand unter seinen Arm und ging mit ihm in ein stilles Zimmer und unterhielt sich mit ihm über seine Tiere, ob er noch den Papagei habe, der singen konnte: Wer will unter die Soldaten, der muß haben ein Gewehr? Wenzel lachte laut heraus, so daß Stobwasser, der einen viel zu weiten Frack und viel zu große Schuhe trug, in Verlegenheit geriet, so laut und merkwürdig lachte Wenzel. Dann unterhielt Wenzel sich mit ihm über einen Brunnen, den er für seinen Garten gern besäße. Er habe da einen Gedanken, und Stobwasser möge sich diesen Gedanken durch den Kopf gehen lassen. Und Wenzel entwickelte ganz konfuse Pläne.

Schon war Wenzel gegangen. Er verbeugte sich vor einer älteren, über und über bemalten Dame, die eine flachsfarbene Perücke trug. Stobwasser sah Wenzel mit noch immer verdutztem Gesicht nach. Er ist irrsinnig, dachte er.

Das Geklirr der Bestecke, das Klingen der Gläser, die Reihen der Diener. Der Haushofmeister, der frühere Regimentskommandeur, schwitzte Blut. Es war natürlich viel leichter, ein Regiment zu kommandieren.

»Weshalb sind Sie so aufgeregt?« fragte ihn Wenzel und legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter.

»Ich bin in der Tat heute außerordentlich nervös,« stammelte der Haushofmeister. »Ich bitte um Ihre Nachsicht!«

Das Diner war beendet. Wieder brausten die Stimmen auf. Welch ein ungeheurer Lärm! Die Stimmen der Damen schwangen, mitten darin Esthers Lachen. Musik brauste. Irgend jemand sang, wunderbar tönte ein Cello. Wiederum entdeckte Wenzel Stobwasser und wollte mit ihm sprechen, aber der Bildhauer war plötzlich verschwunden. Er wich Wenzel aus, er fürchtete sich vor ihm. Er, dessen Beruf es war, das menschliche Antlitz zu ergründen, war der festen Überzeugung, daß Wenzel Schellenberg irrsinnig geworden war. Man wird es morgen in den Zeitungen lesen, sagte er sich und verließ das Haus, ihm graute.

Die Musik spielte zum Tanz. All die Lackschuhe und Fräcke, Vorhemden, Roben, dünnen Seidenstrümpfe, nackten Schultern und Arme flossen durcheinander. Wenzel sah Esther zu, wie sie tanzte. Sie tanzte fast ausschließlich mit den jungen Engländern, die kürzlich gekommen waren.

Sie ahnt es nicht, dachte er. Würde sie es ahnen, so würde sie mir zu Füßen fallen, nur um diese Welt nicht verlassen zu müssen, wo man tanzt.

Der Haushofmeister hatte schon den dritten Kragen gewechselt. Die Musik verstummte. Die Photographen verschwanden mit ihren Kästen. Die Diener hielten die Mäntel bereit. Die Autos fuhren knirschend über den Kiesweg ab. Der Haushofmeister trank ganz im geheimen in einem Winkel rasch zwei Gläser Sekt, er atmete auf. Die letzten Autos fuhren ab. Die Gäste, die im Hause wohnten, stiegen lachend und scherzend die Treppe empor. Die Lichter erloschen. Ganz plötzlich lag der große Saal dunkel, und der graue Tag blickte durch die hohen Fenster. Wenzel blickte Esther nach, wie sie in ihren Räumen verschwand. Sie waren von seinem Schlafzimmer nur durch den Korridor getrennt.

 

32

Nun lag das ganze Haus in Finsternis. Wenzel saß in seinem dunklen Zimmer und lauschte, er wagte kaum zu atmen. Oben, in den Gastzimmern, lachte noch eine weibliche Stimme. Georgette, die Französin, die ihrem Mann durchgebrannt war, dann wurde es ganz still.

Plötzlich aber knackte ein Schritt, eine Türe ging. Wer schleicht durch das Haus? Wenzel ging leise zur Treppe und horchte. Er hatte sich umgezogen. Er trug einen Straßenanzug. Nun klinkte er leise die Tür zu Esthers Gemächern auf und verschwand. Das Haus war ganz still, nichts regte sich. Er stand eine Weile und atmete. Sein Atem ging ruhig und gleichmäßig. Hier kannte er jeden Quadratfuß, jedes Möbelstück, jeden Gegenstand, alles, denn wie oft war er nachts hier in der Dunkelheit eingetreten? Aus dem Vorzimmer kam er in den kleinen Salon. Auf dem Fußboden stand ein blühender Busch. Aber es war kein Busch, es waren riesige Dahlien in einer hohen, bauchigen japanischen Vase. Daneben stand eine zierliche, kleine Toilettenkommode, die all die Lippenstifte, Bürsten, Farben, Schminken enthielt. Auf dieser kleinen Kommode stand ein schwerer Bronzeleuchter, eine italienische Arbeit, Menschenleiber, männliche und weibliche, die sich ineinander verschlangen. Diesen Leuchter nahm Wenzel in die Hand, er prüfte sein Gewicht. Dann stellte er ihn wieder vorsichtig auf die Kommode zurück. Es würde wohl besser mit den Händen geschehen. Plötzlich erschrak er. Aus dem kleinen Seitenspiegel starrte ihm eine schneeweiße Maske entgegen. Es war sein Gesicht. Ich bin etwas bleich, dachte er und klinkte vorsichtig die Tür zu Esthers Schlafzimmer auf. Er öffnete sie weit. Die Tür machte nicht den geringsten Laut. Wunderbar war alles in diesem Hause gearbeitet. In Esthers Schlafzimmer brannte Licht. Er war nicht überrascht, er wußte, daß sie eine kleine Ampel zu brennen pflegte.

Nun war es also so weit …

Da lag sie ausgestreckt auf einem Bett, das wie eine Muschel geformt war, wie eine breite Muschel, in der gut vier Menschen schlafen konnten. Das Bett war silbern bemalt.

Da lag sie, das rote Haar hingeweht wie das Feuer einer Fackel, ihr einer Arm lag auf der Decke, der Mund stand halb offen. Er ging näher, Schritt für Schritt. Das war sie also, und Wenzel ging näher, er achtete gar nicht darauf, ob seine Schuhe knarrten oder nicht. So stand er und betrachtete sie. Plötzlich begann Esther sich zu regen. Die Augen schienen zu blinzeln, ihr Mund öffnete sich.

Wenzel beugte sich über sie, er hielt den Atem an, schon hob er die Hände vor: da begann Esther plötzlich im Schlaf zu lachen. Es war ein kleines, klingendes und helles Lachen, das Wenzel bis ins tiefste Herz erschreckte. Seine Hände sanken herab, und er stand lange still. Wieder lachte Esther. Es war das Lachen eines heitern, unschuldigen Kindes.

Nun begann Wenzel zu schleichen. Er schlich vorsichtig rückwärts und verließ das Zimmer.

Am andern Morgen war Esther erstaunt, daß alle ihre Türen offen standen. Lachend erzählte sie beim Frühstückstisch ihren Gästen, daß sie wirklich einen kleinen Schwips gehabt haben müsse.

Wenzel aber erwachte zu seinem großen Erstaunen in dem einfachen Schlafzimmer, das er noch immer in seinem Bürogebäude beibehielt und wo er zuweilen, wenn er müde war, schlief. Er erwachte, und sofort schloß er wieder die Augen. Er wagte nicht zu denken.

Was war geschehen?

 

33

Mit geschlossenen Augen lag Wenzel viele Stunden. Irgend etwas war geschehen. Er wußte es nicht, sein Kopf war leer. Irgend etwas Furchtbares mußte sich ereignet haben. Hatte er sie getötet? Er wußte es nicht. Wie kam er hierher? Er klingelte und bestellte das Frühstück. Sein Blick lauerte. Er beobachtete jede Miene des Dieners. Aber die Miene des Dieners war wie an andern Tagen. Also schien dieser Mann noch nichts zu wissen. Es war schon spät am Tage. Mit leerem Kopf saß Wenzel. Dann erhob er sich und kleidete sich langsam an. Er war kaum mit der Toilette fertig, als Mackentin sich melden ließ. Auch Mackentins Gesicht war ganz wie sonst. Es war also nichts vorgefallen, und doch, er erinnerte sich, einen schweren Gegenstand, irgend etwas aus Bronze, in der Hand gehalten zu haben.

»Sie haben mir gestern befohlen, Sie zum Rennen abzuholen, Schellenberg,« sagte Mackentin gut gelaunt und aufgeräumt.

Wenzel sagte: »Ich bin sehr müde. Es ist heute nacht sehr spät geworden. Wieviel Uhr ist es, und was ist das für ein Rennen?«

Mackentin lachte laut auf und zündete sich eine Zigarre an, deren Spitze er, wie gewöhnlich, mit den Zähnen abbiß. »Sie scheinen noch zu schlafen, Schellenberg!« rief er aus. »Es ist drei Uhr. Kommen Sie, der Preis von Brandenburg wird heute gelaufen.«

Oh, nun erinnerte sich Wenzel. Er hatte das schnellste Pferd seines Stalles, die Stute »Spaßvogel« gemeldet.

»Schön, gehen wir,« sagte er, indem er aufstand und mühsam ein Gähnen unterdrückte. Er hatte alles vergessen. Ein Teil dieser Nacht war in seinem Gedächtnis wie ausgelöscht. Er erinnerte sich noch, daß er mit dem Haushofmeister gesprochen hatte, dann war einer Dame die Perlenkette gerissen – sonst wußte er nichts mehr.

Während der ganzen Fahrt redete Mackentin. Er erzählte von dem herrlichen Fest heute Nacht. Selten war ein Fest so gut gelungen. Die Gäste waren des Lobes voll. Und Mackentin erzählte eine schnurrige Geschichte: Der Haushofmeister, der frühere Regimentskommandeur, ein Graukopf, etwas bekneipt wohl, hatte Madame Georgette Leblanc einen Antrag gemacht, der alte Knabe. Allerdings schien Frau Esther Schellenberg ihn aufgehetzt zu haben – aber Wenzel schien zu schlafen, er hörte gar nicht zu.

Die Rennbahn, die Tribünen, Farben, Geschrei, Lärm. Er hörte und sah nichts. Kühl und teilnahmslos sah sein Gesicht aus. Aber sein Blick suchte etwas.

In diesem Moment bemächtigte sich der Tribünen eine ungeheure Erregung. Die gelbe Schellenbergsche Jacke flog dem Feld voran. »Spaßvogel« lag sicher in Front, als das Rudel in den Auslauf einbog. Plötzlich aber verlangsamte sie ihr Tempo. Die gelbe Jacke blieb plötzlich stehen. Dieser Vorfall hatte die Tribünen in rasende Erregung versetzt. Die sichere Favoritin war geschlagen.

»Aber sehen Sie doch, Schellenberg!« rief Mackentin, »Spaßvogel wurde angehalten!«

Wenzel erwiderte nichts. Er schüttelte nur den Kopf. Sein Blick suchte, und plötzlich hatte er gesehen, was er suchte. Er wußte nicht, was er tat und was er wollte. Dort stand Esther. Sie stand in einem Rudel von Freunden, mitten in ihrem Hofstaat, die englischen Gäste waren da, die englischen Damen, eine große Anzahl der Gäste des gestrigen Festes. Georgette Leblanc, frech und ausgelassen, die ihrem Mann durchgebrannt war, Violet Taylor, mit der Madonnenfrisur und dem lüsternen Mund. Wenige Schritte von Esther entfernt aber stand der Schauspieler Katschinsky. Neben ihm sein kleines Windspiel. Wenzel sah ihn eigentlich nicht. Erst als er auf Esther zuging und Esther plötzlich im Lachen innehielt und ihn mit einem großen Blick ansah, äußerstes Entsetzen in den Augen, erst in diesem Augenblick sah er Katschinsky, der leichtfertig und in blendender Laune lächelte. Sofort änderte Wenzel die Richtung und ging auf Katschinsky zu. Er hatte es nicht beabsichtigt, plötzlich stand er vor ihm. Immer noch lächelte der Schauspieler.

In diesem Augenblick aber gewahrte ihn Katschinsky und erbleichte. Seine Nasenspitze wurde schneeweiß, ein kleines Eiterbläschen.

Ganz ruhig blickte Wenzel ihn an und sagte mit einer ruhigen, klaren Stimme, alle hörten es, ganz ruhig sagte er: »Wenn man mit einer Dame eine Liebschaft hat, junger Herr, so erzählt man es nicht allen Leuten.« Dann hob er die Faust, und augenblicklich stürzte Katschinsky zu Boden. Er hatte ihn mitten ins Gesicht geschlagen. Dann ging Wenzel, ohne jemanden anzublicken, ruhig seines Wegs.

Was war geschehen? Er hatte es nicht beabsichtigt. Was ging mit ihm vor?

Niemand folgte ihm. Ganz allein verließ er die Rennbahn.

 

34

Plötzlich hielt das Auto, und Wenzel kletterte mit etwas müden, steifen Beinen aus dem Wagen. Er befand sich in Hellbronnen. Wahrscheinlich hatte er dem Chauffeur diesen Namen zugerufen, als er den Rennplatz verließ und ins Auto stieg. Er wußte es nicht mehr. Die Landschaft, durch die sie fuhren, hatte er nicht beachtet.

Es dämmerte schon, als er das Kaminzimmer des Jagdschlößchens betrat.

Irgend jemand zündete Licht an und fragte nach seinen Wünschen. Er wünschte nichts. Schweigsam, mit einem Gesicht, dessen Züge sich nicht veränderten, auch wenn er sprach, saß er auf einem Stuhl. Nach einer Stunde meldete irgend jemand, daß gedeckt sei. Er begab sich in das Speisezimmer, ganz automatisch, und aß etwas kaltes Fleisch. Den Wein berührte er nicht. Dann kehrte er wieder in das Kaminzimmer zurück und saß still auf dem gleichen Stuhl. Er erinnerte sich, daß er hier in diesem kleinen Raum einst mit Jenny Florian gesessen hatte. Damals flammte das Feuer im Kamin, und noch heute war der Glanz ihrer blonden Haare in der Luft und ein Widerhall ihrer schönen weichen Stimme. Der Gedanke an Jenny Florian beunruhigte ihn nicht. So war das Leben: man tötete, oder man wurde getötet. Erst tief in der Nacht, als die Erinnerung an diese Frau mehr und mehr in ihm erwachte, spürte er ein leises Frösteln. Sie ist nicht der einzige Mensch, den du unglücklich gemacht hast, sagte er sich. Ja, in der Tat, wenn er über die letzten Jahre blickte, er hatte manchen Menschen niedergeworfen, daß er sich nicht mehr erhob. Was konnte er dafür? Er war ein Mensch, der schnell und tief atmete. Das war alles. Welche Gewalten hatten ihn unwiderstehlich vorwärtsgetrieben?

Nun aber war das Ende gekommen. Es war vorbei, ein für allemal. Dieser Faustschlag in das Gesicht eines lächerlichen Wichtes hatte ihn in das eigene Gesicht getroffen! Der Skandal, was kümmerte ihn der Skandal? Der gesellschaftliche Boykott, nicht einmal gewiß, kümmerte ihn noch weniger. Er verachtete diese Gesellschaft. Vielleicht würde sich Katschinsky in seiner Schmach töten? Was ging es ihn an? Aber, wie lächerlich, er würde sich keineswegs töten, er würde vielleicht auf einige Zeit Berlin verlassen und dann wieder auftauchen, und nichts war geschehen. Die Gesellschaft, verächtlich wie sie war, würde den Faustschlag längst vergessen haben. Und Esther? Er hatte sie vor aller Welt gezüchtigt und entblößt. Nun, sie würde nach London oder nach Paris reisen, nach Nizza, lachen, plaudern, in eleganten Wagen dahinrollen und neue Kleider anprobieren. Es war nicht der erste Skandal in ihrem Leben, und ihre Freunde würden rasch alles vergessen. Die Scheidung, das war eine Formalität, die ging ihn nichts an. All das lag weit hinter ihm.

Trotz allem, es war zu Ende mit ihm. Wenzel Schellenberg war nicht mehr. Er selbst hatte sich gerichtet. Der alte Wenzel Schellenberg war dahin. Vielleicht glaubten manche Leute, wenn sie ihn sahen, daß er noch existiere? Oh, nein, sie täuschten sich. Er war dahin. Vielleicht hatte ein Leben voller Unrast und Ausschweifungen ihn vernichtet?

Man hatte ihn in den Schmutz getreten – und er mußte sich erheben, furchtbar. Ein Faustschlag, war das alles? Er hatte ein Insekt zertreten. Das kleine kindliche Lachen einer Frau, die träumte, hatte ihm Furcht eingejagt. Nun, dieses kleine kindliche Lachen hatte ihn ausgelöscht. Wenzel Schellenberg war in seiner eigenen Schmach versunken. Was dann geschah, diese lächerliche Szene – tausend verächtliche Menschen hätten ebenso handeln können. Zu seiner Schmach hatte er noch die Lächerlichkeit gefügt.

Nun war es ganz klar, es war entschieden. Diese Frau mit den gemalten Wangen hatte über ihn triumphiert. Sie, der einzige Mensch, hatte ihn besiegt, sagen wir es offen, den er in seinem Leben wahrhaft geliebt hatte. Und vielleicht liebte er sie nur wegen ihrer Lasterhaftigkeit und Schamlosigkeit, wer weiß es? Nun verzog sie wohl spöttisch die Lippen, wenn sie an diesen Tölpel Schellenberg dachte, der in seiner lächerlichen Eifersucht einem Nebenbuhler vor aller Welt ins Gesicht schlug wie ein Fuhrknecht.

Wenzel krümmte sich zusammen. Gut, daß der Morgen kam. Als der Tag graute, ging er durch den Park. Pavillons, Treibhäuser, Brücken, Baumaterial. Eine Welt, mit der er nichts mehr gemein hatte. Er weckte den Chauffeur, der noch schlief, und fuhr wieder ab. Er fuhr nach Warnemünde. Wohin sollte er sonst fahren? Trotzdem er kein geringes Vermögen besaß, war er jetzt ohne jede Heimat. Die Jacht stach in See. Wittgenstein konnte deutlich sehen, daß ein völlig veränderter, ein fremder Mann an Bord war. Wenzel sprach kein Wort. Er kam nicht an Deck. Er saß unten in der Kajüte und brütete vor sich hin, und plötzlich gab er den Befehl zur Rückkehr. Auch hier an Bord waren die folternden und quälenden und beschämenden Gedanken. Es schien, als ob selbst die Matrosen ihm deutlich ansehen mußten, daß er ein verächtlicher, zu Boden getretener, in den Schmutz gezogener Mann war, den man erniedrigen konnte, ohne daß er sich wehrte.

»Leben Sie wohl, Wittgenstein,« sagte er, als er sich verabschiedete, zu dem Kapitän. »Es hat sich manches geändert, und es wird sich noch vieles ändern. Ich brauche die Jacht nicht mehr. Ich werde sie Ihnen schenken, so wie sie steht. Ich werde Ihnen die notarielle Urkunde zuschicken, sobald ich etwas Sammlung finde. Leben Sie wohl, vielleicht können Sie doch noch den Spiritusschmuggel anfangen.« Und Wenzel versuchte es mit einem gequälten Lächeln.

Wittgenstein schüttelte den Kopf. Schellenberg war krank geworden.

Und wieder war Wenzel im Automobil unterwegs. Er besuchte ein großes Gut in Mecklenburg, das ihm vor Jahren aus der Konkursmasse eines Schuldners zugefallen war und das er noch nie besichtigt hatte. Hier blieb er drei Tage. Er schlief fast die ganze Zeit und sprach kaum mit dem Verwalter. Aber nachdem er sich gründlich ausgeschlafen hatte, schien es plötzlich, als habe er einen Ausweg gefunden. Eines Morgens erwachte er frisch und voller Entschlußkraft.

»Ich kehre um! Ich kehre um! Ja, ich kehre um! Ich bin in voller Fahrt gegen eine Mauer gelaufen und zerschellt,« sagte er. »Dieses ganze Leben war unsinnig. Ich werde zu Michael gehen und ihm sagen: Bruder, hier bin ich wieder, ich kehre um.«

Ja, Michael, er war der einzige, zu dem man kommen konnte, woher man auch kommen sollte.

Zum erstenmal sah der Chauffeur, der Wenzel gut kannte und diese letzte Irrfahrt mitgemacht hatte, aus dem verfallenen Gesicht seines Herrn wieder die alten Züge auftauchen. Fast hörte es sich an, als ob die alte Stimme Wenzels wieder gekommen sei, etwas gedämpfter als sonst freilich.

»Wir fahren nach Berlin zurück,« befahl Wenzel. »Aber auf dem Rückweg werden wir meinen Bruder auf seinem Gut Sperlingshof besuchen. Sie kennen den Weg?« Wenzel hatte erfahren oder gelesen, daß Michael sich zur Zeit auf Sperlingshof aufhalte.

Aber welche Enttäuschung! Michael war nicht auf Sperlingshof. Man wollte den Verwalter benachrichtigen, der ihm gewiß Auskunft geben könne, wo Michael sich zur Zeit aufhalte. Wenzel wartete geduldig, und während er wartete, ging er auf dem Gut hin und her. Wie eine saftstrotzende Oase lag Sperlingshof in der armseligen Landschaft. Trotz aller Versprechungen, die er Michael gemacht hatte, war er noch nie nach Sperlingshof gekommen. Nun staunte er. Hier herrschte Ordnung, Fleiß, Wille, Sinn. Alles blühte und grünte, die Versuchsbeete, die Treibhäuser. Tausende von Kübeln, in denen Pflanzen zu Versuchszwecken wuchsen, standen in Reih und Glied, alle sauber mit Etiketten versehen.

Der Verwalter, ein alter Mann mit buschigen grauen Haaren und gekrümmten, abgearbeiteten Händen, kam herbei und begrüßte Wenzel mit bestürzter Miene.

»Sie wissen nicht, daß Herr Michael Schellenberg in Berlin ist?« fragte er. »Er ist krank, sehr krank, Sie wissen es nicht?«

»Krank? Er ist wieder krank?«

»Seit längerer Zeit. Wir haben schlechte Nachrichten.«

Augenblicklich fuhr Wenzel nach Berlin. Gegen Abend kam er in der Stadt an, und im Geschäftshaus der Gesellschaft in der Lindenstraße sagte man ihm den Namen des Sanatoriums, in dem sich Michael befand. Auch hier, in der Lindenstraße, sah er bestürzte Mienen. Er gebot dem Chauffeur höchste Eile.

Das Sanatorium lag ganz still. Eine Pflegerin führte ihn durch einen matterleuchteten Gang und bat ihn, sich in einem Wartezimmer zu gedulden. Einen Augenblick später trat der Arzt ein.

»Wir haben nur noch wenig Hoffnung, Herr Schellenberg,« sagte der Arzt. »Seien Sie ganz leise.«

Und als Wenzel das Krankenzimmer seines Bruders betrat, übersah er mit einem Blick alles.

 

35

Viele Tage hatte Michael mit dem Fieber gekämpft. Endlich unterlag auch die sprichwörtlich zähe Schellenbergsche Konstitution. Und nun war Michael schon drei Tage und drei Nächte ohne Bewußtsein. Die Pfleger mußten ihn mit aller Gewalt im Bett zurückhalten, er wollte weg von hier. Er habe keine Zeit zu versäumen.

Hunderttausende von Hungernden sah er, Armeen von Hungernden, die durch die Riesenstädte marschierten, ohne einen Laut zu sprechen, ohne einen andern Vorwurf als den ihrer fahlen Gesichter. In den Höfen sah er Hunderttausende von Kindern, verfallen, gelb und schwindsüchtig. Er sah Hunderttausende von alten Menschen, die auf der Straße niederfielen vor Erschöpfung. Er sah die Massenquartiere, in denen Tausende zusammengepfercht, Leib an Leib, die Nächte verbringen. Und er sah die Hölle des Lasters, in die das Elend diese Unglücklichen stürzte, den Brand am Volkskörper, der das ganze Volk vernichten würde. Dies alles sah er in diesen Fiebernächten, da er mit riesigen Kräften mit den Pflegern rang.

Nun aber war er still geworden. Er lag ohne jede Bewegung. Er atmete leise. Er tat keiner Fliege mehr etwas zuleide. Die Pfleger konnten ruhig schlafen. Er war besiegt, und er sah es ein. Eva hatte sein Haupt höher gebettet, und so lag er nun, bleich und fahl, blutleer das Gesicht, und lächelte. Seine Augen glänzten, und Friede und Glück lagen auf seinen fahlen, lächelnden Lippen. Nun sah er nicht mehr die Stätten des Elends, er sah gleißende Ebenen, die Erde. Und der Regen rieselte durch die Sonne, und die grüne Saat schob sich aus dem Boden. Und er sah die Saat sprießen und wachsen.

Er sah goldene Flächen. Das war der Weizen, das Brot, das im Winde wogte. Er sah glänzende Wasserstraßen, die blühende Länder durchzogen, er sah blühende Siedlungen voll gesunder Menschen. Die Glashallen der Werkstätten, wo die Maschinen schwirrten, voll brauner, starker Männer, die Gärtnereien, erfüllt vom Gewimmel gesunder Kinder. Er sah Städte, die von Arbeit fieberten, er sah Schiffe dahinziehen, beladen mit Gütern. Und da fing alles an zu blinken und zu funkeln, alles war in Licht und Sonne getaucht. Und Michael seufzte, als erfüllte ihn Glückseligkeit.

Plötzlich wandte sich Eva Dux vom Lager ab und legte ihre schmale Hand vor die Augen.

Das war in der neunten Abendstunde. Um ein halb zehn senkte sich die Flagge der Gesellschaft – weiß, mit drei goldenen Ähren – auf dem Verwaltungsgebäude in der Lindenstraße auf Halbmast. Unaufhörlich aber jagten die riesigen Flammenschriften über die Front des Gebäudes und blendeten hinaus in die Nacht:

        Tod dem Hunger!

        Tod der Krankheit!

Es lebe die Kameradschaft!

 

36

Still, ohne ein Wort zu sprechen, ohne sich von jemandem zu verabschieden, schlich sich Wenzel aus dem Sanatorium. Er schickte den Wagen fort und ging langsam durch die Straßen. Ja, nun war es zu Ende. Er fühlte ganz deutlich, daß das Schicksal gegen ihn aufgestanden war, um ihn zu Boden zu werfen. Gott hatte die Stirn gerunzelt …

Mitten in der Straße krampfte er die Hände vors Gesicht – fast hätte er geschluchzt. Michael – er hatte ihn geliebt, nicht weil er sein Bruder war. Nein, es war etwas in Michael, das ihn seit seiner Jugend anzog. Der Attentäter aber hatte auf Michael geschossen, weil er sich aus dem Schweiß der Arbeitslosen ein Palais erbaut hatte. Nun eilte Wenzel dahin. Dies war der Keulenschlag, mit dem ihn das Schicksal niederschlug.

Fast hatte er geschluchzt, aufgeschrien, aber er schluchzte nicht, er schrie nicht auf. Er wanderte zum Bahnhof und wartete auf einer Bank des Wartesaals geduldig auf den ersten Zug, der nach dem Osten ging. Früh um fünf Uhr ging dieser Zug, es war ein Personenzug, und er stieg ein. Ohne jegliche Ungeduld fuhr Wenzel die Nacht und den folgenden Tag, und endlich erreichte er die Station, wo er aussteigen mußte.

Vor drei Jahren hatte er ein Gut in Ostpreußen gekauft, das niedergebrannt war, ein Gut von fünfzigtausend Morgen, das er für fast nichts erwarb. Es hieß Schwarzlake. Er hatte das Gut nie gesehen. Es war seine Absicht gewesen, sich dahin zu begeben.

Es war dunkel, als er den Personenzug auf der kleinen Station verließ. Bald war er einsam in der Dunkelheit auf der Landstraße und schritt tüchtig aus. Gegen Mitternacht erreichte er das Gut. Ein Hund kläffte. Er rief. Endlich zitterte ein kleines Licht, und aus einem Fenster fuhr der Kopf eines alten Weibes.

»Was wollen Sie?« rief sie unwirsch und keifend.

»Ich bin Schellenberg,« erwiderte Wenzel.

Aber die Alte hatte seinen Namen nie gehört. Wie wunderbar war es, in eine Gegend zu kommen, wo man seinen Namen nicht kannte!

»Ich bin der Besitzer des Gutes.«

Argwöhnisch verschwand die Alte, und nach geraumer Weile kam ein vom Alter krummgezogener Knecht aus dem Hause, der wußte, daß das Gut vor Jahren an einen Herrn Schellenberg in Berlin verkauft worden war. Ratlos stand der Knecht.

»Was wollen Sie hier?« fragte er. »Das Gutshaus ist ja abgebrannt.«

Und in der Tat, selbst in dieser undurchdringlichen Dunkelheit konnte Wenzel etwas wie eine langgestreckte Ruine zwischen den Bäumen entdecken. Man roch noch den Brand.

»Ich will hier auf dem Gute leben,« sagte Wenzel.

Der Knecht ging ins Haus, zündete eine Laterne an und bat ihn, einzutreten. Es war das Haus der Dienstleute. Nebenan lag ein größeres Gebäude, in dem früher der Verwalter wohnte.

»Es ist aber nicht in Ordnung,« sagte der Knecht.

»Lassen Sie mich ruhig hier sitzen,« erwiderte Wenzel. »Schlafen Sie, und stören Sie mich nicht.«

So saß er still auf der Treppe, mitten in der Nacht, und groß gingen die Gestirne über ihn dahin. Der Morgen graute. Ketten rasselten im Stall, ein Hahn krähte, Kühe schnaubten. Der alte Knecht und das alte Weib nahmen ihre Arbeit auf. Aus der Dämmerung stiegen deutlich die Umrisse der Gebäude, Stallungen und auch der niedergebrannten Ruine des Gutes.

Das also ist Schwarzlake, dachte Wenzel. Er war sehr zufrieden. Hier würde er bleiben. Die Alte setzte ihm heiße Milch auf den Tisch, und daneben legte sie ein Stück Roggenbrot. Ja, hier würde er bleiben.

 

37

Die Alte stellte ein primitives Bauernbett in die frühere Stube des Verwalters, dazu einen kleinen Tisch und einen wackligen Stuhl. Auf eine Kiste stellte sie ein Waschbecken und einen Krug mit Wasser.

So war Wenzel eingerichtet. Schwarzlake war völlig verfallen. Das Gras wuchs auf dem Hof, die Äcker waren verwahrlost, die Wiesen versumpft. Nur ein ganz geringer Teil des ungeheuren, von vielen schwarzen Weihern durchzogenen Geländes war bewirtschaftet. Im Stall standen vier Kühe und zwei alte Pferde. Das Gutshaus selbst war eine geschwärzte Ruine, langgestreckt, mit gähnenden Fensterlöchern und eingestürztem, verbranntem und verkohltem Dach. Der Schutt und das verbrannte Holzwerk lagen genau noch wie am Tage nach der Feuersbrunst.

Wenzel hauste nun vierzehn Tage auf Schwarzlake in seinem kleinen, primitiven Zimmer. Am Tage sah man ihn wenig, in den Nächten aber saß er bis zum grauenden Tag auf der Treppe und blickte in die Nacht hinaus. Schon war der Hofhund zutraulich geworden, und es sah aus, als bewachten beide die Ruine.

Der Knecht fragte, was geschehen solle, was der Herr anordne. Wenzel schüttelte den Kopf.

»Später,« sagte er. »Wir werden sehen.«

Eines Tages aber begann er plötzlich den Schutt des Gutshauses aufzuräumen. Er geriet in Eifer, mit Schaufel, Karre und Axt schaufelte er und schleppte mit mächtigen Armen, und bald war sein Gesicht vom Schweiß überströmt. Täglich arbeitete er von früh bis spät in die Nacht hinein. Er hatte noch einen Knecht und eine Magd angenommen. Aus den Nachbarflecken kamen die Bauhandwerker, und bald wimmelte es auf dem Hof von Zimmerleuten, Steinmetzen, Stellmachern, Tischlern, Wenzel mitten unter ihnen, das Gesicht schweißüberströmt. Die Handwerker staunten über ihn. Nie hatten sie solch einen Arbeiter gesehen.

Plötzlich war wieder Leben über Wenzel gekommen. Er telephonierte nach Berlin. Einige Tage später traf Goldbaum auf Schwarzlake ein. Der fette Goldbaum strahlte vor Vergnügen, als er Wenzel frisch und bei guter Gesundheit wiedersah.

»Hoffentlich haben wir Sie bald wieder in Berlin, Schellenberg,« sagte er. »Wir vermissen Sie an allen Ecken und Enden. Diese letzten Wochen waren eine höllische Arbeit.«

Wenzels Gesicht wurde düster. Er schüttelte den Kopf. »Ich komme nicht zurück,« sagte er, und er gab Goldbaum den Auftrag, seinen gesamten Besitz allmählich zu liquidieren. Er mußte Rücksicht nehmen auf Tausende und Abertausende von Arbeitern und Angestellten, anders hätte er seinen Besitz um jeden Preis unbedenklich losgeschlagen. Und er gab Goldbaum ferner den Auftrag, Land zu kaufen, wo er es immer erlangen könne. Es sei ihm ein Plan durch den Kopf gegangen.

»Mackentin wird vorläufig die Verwaltung dieser neuen Ländereien übernehmen, und den kleinen Stolpe entlassen Sie.«

Auch das Haus im Grunewald sollte verkauft werden, wie es liegt und steht.

Eines Tages kam auch ein junger, hochaufgeschossener Mann mit ernster, gesammelter Miene, bescheiden, höflich. Einer jener sachlichen anspruchslosen Menschen, wie sie mehr und mehr auftauchten, die nichts für sich wollten, sondern einer Idee dienten, unvorstellbar der früheren Generation. Diesen jungen Mann hatte Wenzel die Gesellschaft Neu-Deutschland gesandt, deren Rat er erbeten hatte. Der junge Mann lebte beinahe eine Woche auf Schwarzlake. Er schlief auf einem Strohsack in einer leeren Stube. Er war völlig anspruchslos. Am Tage, vom frühen Morgen bis zur Dunkelheit, untersuchte er das Gelände, den Boden, die sumpfigen Wiesen, die schwarzen, schilfbestandenen Weiher, die von Wasservögeln wimmelten. Wenzel hatte von dem Tischler einen großen Arbeitstisch anfertigen lassen, und auf das rohe Holz war ein großer Plan des Gutes Schwarzlake genagelt. Daran arbeitete der junge Mann bis in die späte Nacht. Entwässerungsgräben, Verbindungsgräben der Weiher, Straßen. Ein Kanal.

»Es ist ja nur ein provisorischer Vorschlag,« sagte der junge Mann. »Ich werde Ihnen Ingenieure und Landwirte schicken, sobald ich nach Berlin zurückkehre.«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar. Leben Sie wohl, Herr Weidenbach,« erwiderte Wenzel.

Am Tage arbeitete er nun am Wiederaufbau des Gutshauses, der Ausbesserung der Scheunen und Ställe. Ein neuer Stall sollte angelegt werden. Am Abend aber saß er beim Licht von zwei Kerzen über dem Plan von Schwarzlake. In wenigen Jahren sollte Schwarzlake so aussehen. Wo heute Unkraut wuchs, sollte Getreide wachsen. Wo das Wasser in den Wiesen stand, sollten die Herden weiden. Eine richtige kleine Stadt aber hatte Wenzel entworfen. Und diese Stadt würde entstehen in zehn bis zwanzig Jahren, und sie sollte den Namen Schellenberg tragen. Nicht seinen Namen, dem Gedächtnis seines Bruders war sie gewidmet.

Eines Tages, Wenzel schrie gerade mit den Zimmerleuten, die den Dachstuhl aufsetzten, meldete man ihm, daß eine Dame angekommen sei und ihn zu sprechen wünsche. Wenzel runzelte die Stirn und blickte finster in den Hof hinaus. Sofort aber erhellte sich sein Gesicht wieder. Da kam die Dame schon. Es war Eva Dux. Ruhig und still, mit einem herzlichen Leuchten in den Augen begrüßte sie ihn, als hätte sich seit ihrem letzten Wiedersehn nicht das geringste ereignet.

»Ich komme erst jetzt zu Ihnen, Herr Schellenberg,« sagte Eva. »Ich habe die letzten Wochen damit zugebracht, Michaels Papiere zu sichten. Ich habe sie Ihnen mitgebracht. Sie sind in meinem Koffer.«

Es waren Michaels Aufzeichnungen, seine Pläne, Entwürfe, Notizen, Manuskripte, Aufsätze, Vorträge. Noch am gleichen Abend begann Eva ihm Stück für Stück vorzulesen und zu erläutern.

»Und dies hier,« sagte Eva, »schrieb er in den letzten Tagen seiner Krankheit. Es ist sein Testament. Er muß es geschrieben haben, wenn ich schlief.«

Mit fiebernder Hand hatte Michael diese Aufzeichnungen hingeworfen. Sie waren nur für Eva lesbar.

»Lesen Sie, lesen Sie,« bat Wenzel.

Und Eva las:

»Neue Welt, Erde glücklicher Geschlechter. So wird es sein und nicht anders. Der große Tag wird kommen, und er ist nicht mehr ferne.

So wird es sein. Mitten auf dem Meere kommen sie zusammen, alle Kriegsschiffe der Erde, begleitet von einer Flotte von Schiffen, die die weiße Flagge zeigen. Und man wird die Kriegsschiffe in die Tiefe des Meeres versenken, und die Menschen auf den Begleitschiffen werden jubeln, und der Funke wird es dem Erdball verkünden, daß der Augenblick des großen und ewigen Weltfriedens gekommen ist.

Auf dem Lande, in allen Ländern wird man Geschütze und Kriegsgerät zu Pyramiden häufen und verbrennen, und die weiße Flagge wird im Winde wehen.

So wird es sein. Es wird keine Grenzen mehr geben, und der Mensch, gleich welcher Farbe und welcher Rasse, wird sich bewegen können auf dieser Erde, wo er will.

So wird es sein. Die Rohstoffe der Erde werden allen Völkern gehören und nach Bedarf verteilt werden.

So wird es sein. Die Heere der Freiwilligen aller Nationen, die Jünglinge werden hinausziehen in die Welt und künftigen Geschlechtern die Wohnstätten bereiten. Sie werden die Urwälder des Amazonenstromes und die Urwälder des Kongos in fruchtbares Land verwandeln. Sie werden die Wüsten kultivieren, es wird keine Wüsten mehr geben.

So wird es sein. Es wird keinen Haß mehr geben zwischen den Völkern, keinen Egoismus der Nationen wird es mehr geben, keine Bedrücker und keine Unterdrückten, welcher Farbe sie auch seien. Der Welt-Bund wird die Schicksale des Erdballs leiten, und geehrt wird nur der sein, der die menschliche Glückseligkeit vermehrt und die menschliche Arbeitsleistung mindert. Nicht zur Versklavung werden die Maschinen gebaut werden, diese ungeheuren, unvorstellbaren Maschinen der Zukunft, zur Befreiung der Menschen wird man sie erbauen. Wissenschaft und Kunst werden blühen. Und die Weisheit wird höher im Range stehen als Reichtum und Geburt.

Dann wird der Tag kommen, da die Menschen das verlorene Paradies wiederum gefunden haben werden, nach tausendjährigen Qualen und tausendjährigen Verirrungen.

Die Erde wird ein Paradies glücklicherer Geschlechter sein. Es wird keinen Hunger und kein Elend mehr geben, und die Kameradschaft wird die Religion aller Menschen sein.

So wird es sein und nicht anders!«


Eva ging auf dem Hofe hin und her, die schmalen Hände auf dem Rücken, und betrachtete mit großen, stillen, aufmerksamen Augen die Arbeit der Werkleute. Sie blieb heute, sie blieb morgen, sie traf keine Anstalten zu gehen. Sie bemühte sich, Wenzel nicht im Wege zu sein, ihm nicht lästig zu fallen, und doch war sie fast immer in seiner Nähe. Sie hörte Michaels Stimme in Wenzels Stimme. In seinem Gang erkannte sie Michaels Gang. Aus Wenzels Gesicht blickte, nur für sie erkennbar, Michaels Gesicht.

Eines Tages sagte sie: »Es gefällt mir hier auf Schwarzlake, Herr Schellenberg. Haben Sie Arbeit für mich, so möchte ich gern bleiben.«

»Bleiben Sie, Eva,« erwiderte Wenzel. »Es gibt hier viel Arbeit, auch für Sie.«

Still und schweigsam saß Wenzel in der Nacht auf der Treppe, den Hofhund zur Seite, und blickte in die Dunkelheit hinaus.

Immer mußte er an Michael denken und an sein Testament, das Eva abgeschrieben hatte und das er auswendig konnte.

»Vielleicht,« dachte er, »war Michael mehr als ein Träumer, vielleicht war er ein Seher. Vielleicht sind seine Gesichte morgen Wahrheit, und die billigen Wahrheiten der Zweifler sind vielleicht morgen zuschanden.«

Schon graute es im Osten, und über die schwarzen Weiher stieg sanft die Morgenröte eines neuen Tages empor.

 

Ende

 


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