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Zweiter Teil


Erstes Buch

 

1

Es soll sich entscheiden, die Stunde ist gekommen. Das Schicksal hat seine fürchterliche Frage gestellt und fordert Antwort. Das Rad der Weltgeschichte kracht.

Wagen fahren vor, und Automobile fliegen heran.

Die Sonne funkelt. Ein Morgen von ungeahnter Herrlichkeit.

Umstellt von einer Meute von Staatsmännern und Generalen in Erz liegt das Reichstagsgebäude und leuchtet in der funkelnden Sonne. Am Westgiebel schimmern die goldenen Lettern: Dem deutschen Volke! Erst vor kurzem wurde diese Inschrift angebracht, als Ausdruck der Allerhöchsten Anerkennung und Huld, nachdem eineinhalb Millionen auf den Schlachtfeldern gefallen waren.

Uniformen und Roben, ordenglitzernde Brüste und gestickte Kragen quellen aus den Wagen und Automobilen, Lackstiefel, kleine, reizende Damenschuhe, Gamaschen, Monokel und Aktentaschen. Wehende Bärte eilen die Steintreppe zum Eingang der Volksvertreter empor, Fettnacken, Brillen und Professorenmähnen, geschäftig, wichtigtuerisch, und jene Raschen, die über die Treppen huschen, die Mappe unter dem Arm, das sind die Rechtsanwälte.

Donnernd dröhnt die fürchterliche Frage des Schicksals, ohne Pause, immerfort.

Von Zeit zu Zeit hebt der Portier die breite Brust und wirft einen gebieterischen Blick über die Straße.

Aufgeregt fliegt der Polizeileutnant auf seinem Rad heran. Eine Mauer von Blauen baut sich auf, die Berittenen sitzen wie Statuen, die Unterführer stürzen zur Berichterstattung herbei. Der Polizeileutnant betupft die schweißige Stirn mit dem Taschentuch und läßt den raschen Blick über die Menschenmenge gleiten, gegen deren Zudringlichkeiten – oder noch Schlimmeres? – er unter Umständen die ordenglitzernden Brüste und glänzenden Seidenhüte verteidigen wird.

Vorläufig allerdings ist die Menschenmenge noch nicht zu sehen. Vorläufig steht sie noch in der Ferne, stumm, den Blick zu Boden geschlagen. Doch der Augenblick wird kommen, da sie sich in Marsch setzen wird – bald vielleicht …

Ein paar Neugierige nur, an Zahl dem Aufgebot von Polizisten weit unterlegen, stehen bescheiden gegen die Gebüsche des Tiergartens gedrängt und bewundern Uniformen und Roben, Feldgraue, Verwundete an Stöcken und Krücken unter ihnen. Irgendwo in ihrem Kopfe flackert unbewußt der Gedanke, daß das Schicksal seine fürchterliche Frage gestellt hat und Antwort fordert, heute, jetzt, in dieser Stunde. Aber schon hat der Blick des Leutnants sie erfaßt, er runzelt die Stirn, und die Neugierigen beginnen zu wandern. An ihren Krücken und Stöcken humpeln sie in den Tiergarten hinein.

Was aber ist das? Aus den Gebüschen des Parkes kriecht, wie ein Tier, das aus dem Dickicht kommt, an seinen kurzen Krückstöcken der Zitterer, jener Soldat, dessen Gesicht dicht über den Schmutz des Bodens schleift, und dessen gekrümmter, verstümmelter Körper von einem unaufhörlichen Zittern geschüttelt wird. Unbekümmert um die Kette von Schutzleuten kriecht er über den Fahrdamm – sieht es nicht so aus, als ob er sich geradeswegs in den Reichstag begeben wolle?

Gesetzt den Fall, der Wagen Seiner Exzellenz fahre in diesem Augenblick vor? Würde der hohe Herr durch den Anblick des Krüppels nicht unangenehm berührt werden, gestört in seinen Gedanken – schon setzt sich ein Berittener in Bewegung.

Plötzlich aber rücken sich die Berittenen im Sattel zurecht: lautlos rauscht eine vornehme Limousine heran.

Ein kleiner, zierlicher Greis entsteigt der vornehmen Limousine, feierlich und säuberlich gekleidet, wie für den Katafalk. Er blinzelt in das grelle Sonnenlicht, als sei er eben seiner Gruft entstiegen, und trippelt hastig und geschäftig die Treppen empor, ein gütiges Lächeln auf seinem wächsernen Greisenantlitz. Weit öffnen sich die Türen.

Kaum war der schmale, gebeugte Rücken des Greises in der Tür verschwunden, so fuhr die Limousine des Generals im Renntempo vor. Im Augenblick kletterte Schwerdtfeger auch schon von seinem Sitz, während der Motor noch donnerte.

Voller Würde entstieg der General dem Wagen. Er sah frisch und verjüngt aus, das breite Gesicht leicht getötet, obwohl er in dieser Nacht nur einige Stunden geschlafen hatte, und nicht einmal ruhig geschlafen. Erst gegen drei Uhr war er von Doras Fest zurückgekehrt. Nachdenklich stieg er die Treppe empor. Die roten Aufschläge des offenen Mantels leuchteten, die Brust glitzerte von Ordenssternen. Er hatte keine Eile. Er wußte, daß diese ganze Reichstagssitzung nichts als eine Zeremonie war, die vor der Öffentlichkeit die nicht zu leugnende Tatsache der konstitutionellen Regierungsform betonen sollte. Er wußte auch, daß die Armeen da draußen schon bereitstanden, bereit zum Sprung, und nur auf das Signal des Telegraphen warteten.

Morgen – morgen …

Vergebens suchte der Polizeileutnant einen Blick des hohen Offiziers zu erhaschen.

»Vielleicht ist es die beste Lösung!« dachte der General, als er die dicken Läufer der Wandelhalle entlangschritt – aber er dachte in diesem Augenblick nicht an die Armeen, die sich wie die Sturmflut vorwärts wälzen würden, sondern an die Nachricht, die man ihm kurz vor der Abfahrt telephonisch übermittelt hatte. Eine betrübliche Nachricht allerdings – aber – letzten Endes – es ist Krieg, das darf man nicht vergessen. Tausende, Hunderttausende … Er hielt es für seine Pflicht, augenblicklich – wenn auch in aller Kürze – Dora schonend davon Mitteilung zu machen. Noch bestand ja Hoffnung, wenn auch geringe – aber man bedenke: ein ganzer Stab von Offizieren, durch einen einzigen Volltreffer! Welch ungeheurer Verlust für das Regiment. Die Unterschrift, die noch ausstand, würde nun wohl überflüssig werden …

Die Tribünen waren schon überfüllt, Kopf an Kopf. Ordenssterne, Uniformen aller Art. Das Rot des Generalstabes, die goldenen Tressen der Marine. Lächeln und Zuversicht auf den frischrasierten Gesichtern. Bekannte ringsum. Ein fettes Gesicht mit Elefantenohren grüßte. Es war, ja, richtig, dieser Professor Salomon – der die Berechnungen für die Marine machte – ja, also am Mangel an Grubenholz konnte das stolze England scheitern! Unbedeutende, kaum beachtete Dinge entschieden in der Geschichte über das Schicksal von Völkern und Jahrhunderten. Eine einstürzende Brücke, zum Beispiel, plötzlich aufkommender Sturm. Napoleon ging zugrunde, weil der russische Winter um vierzehn Tage zu früh einsetzte.

Die bedeutungslose Zeremonie hatte bereits ihren Anfang genommen. Die Sozialisten hatten ein paar kurze, höchst unnötige Anfragen eingebracht, sie waren mit zwei Worten erledigt.

»Und Dora?« dachte der General, bemüht, den Professor Salomon nicht zu sehen. »Wie wird sie die betrübliche Nachricht aufnehmen?«

Langsam erinnerte er sich an die Begebenheiten dieser Nacht. Sie erschienen unwirklich, wie Fragmente von Träumen, die sich erst allmählich und widerstrebend zusammenfügen. Exzellenz schien seinen Ausführungen mit Interesse zu folgen. Es war bedauerlich, daß er in der Eile vergaß, über Belgien zu sprechen. Dann brannte es plötzlich – wie? – ein Vorhang. Wie leicht hätte ein Unglück geschehen können! In Doras Haus, wo es nichts als Vorhänge und Teppiche gab. Und dann – dieser Unbekannte und Dora – auf der Diele? Wer mochte dieser Unbekannte – diese Mumie gewesen sein? Und dieser kleine Rittmeister, dieser Beduine, der so heftig schwitzte – wie hieß er doch? – was für merkwürdige Dinge hatte er ihm doch erzählt? Und weshalb? Der General forschte in seinem Gedächtnis …

Plötzlich rieselte eine kalte Welle über seinen Körper. Irgendein Blick ruhte auf ihm. Er änderte die Haltung, strich mit den Fingern über den Schnurrbart, und ließ den Blick kalt und abwehrend über Tribünen und Köpfe streichen.

Sonderbar, deutlich fühlte er, daß ihn jemand anstarrte …

Die Minister saßen auf ihren Plätzen, gleichmütig, als seien sie an dieser Zeremonie die am wenigsten Beteiligten. Sie kritzelten mit den Bleistiften, tauschten scherzhafte Bemerkungen, betrachteten ihre Fingernägel. Der gütige Greis – peinlich säuberlich gekleidet, wie für die Aufbahrung – schien zu schlummern, ein friedevolles Lächeln auf dem Antlitz. Plötzlich aber hüstelte er in die durchsichtigen Kinderhände und erhob sich.

Augenblicklich wurde es totenstill im Hause.

Laut donnerte die furchtbare Frage des Schicksals …

 

2

Dora schlief zu dieser Stunde noch immer, Freude auf den heißen Wangen.

Ein ganz wunderbarer Traum entzückte sie; sie befand sich mitten in einer Blumenschlacht in Monte Carlo oder Nizza, jedenfalls war es bezaubernd. Blumengeschmückte Wagen zogen aneinander vorüber, Blumen der herrlichsten Farben wirbelten gegen den tiefblauen Himmel und regneten in ihr Coupé herab. Sie saß neben einem alten, würdevollen Herrn, mit einem langen, weißen Spitzbart, den sie nie in ihrem Leben gesehen hatte. Merkwürdigerweise trug er eine orangefarbene Schärpe quer über der Brust, und alle Welt schien ihn mit Neugierde und Respekt zu betrachten. In einem kleinen, von zwei schneeweißen Ponys gezogenen Wagen saß ein Bekannter, der sie heftig mit Blumen bombardierte. Plötzlich erkannte sie ihn, es war Otto, sie sprang auf, rief: heute abend – aber schon waren die Wagen aneinander vorüber. Otto verschwand in einem Regen von Blüten. »Aber Helene«, sagte der Herr mit dem weißen Spitzbart. So erfuhr sie, daß sie Helene hieß, es war höchst merkwürdig, und sie begann laut zu lachen.

Das eigene Lachen weckte sie, und als sie die Augen aufschlug, regneten gerade noch die letzten Blumen und Blüten über sie herab. Sie war in köstlicher Laune, vergessen die Melancholie des grauenden Morgens.

Sie klingelte. »Ich werde im Bad frühstücken.«

Dora schlüpfte in die kleinen, seidenen Pantöffelchen, ließ sich den himmelblauen Bademantel um die Schultern legen, und begab sich pfeifend und trällernd, Butzi auf dem Arm, in das Badezimmer. Dieses Badezimmer war, wie schon erwähnt, ein kleines Treibhaus – Blüten, Wärme, Düfte – weich und schneeig fiel das Licht durch die Glasdecke. Neben dem Bassin stand ein kleiner Tisch mit dem Frühstück, den Zeitungen und der Post. Und Blumen, Billetts, eine Menge Aufmerksamkeiten – das Tischchen war völlig bedeckt davon.

Dora lachte vor Vergnügen. Wieder kam ihr die Blütenschlacht in den Sinn. Was für ein drolliger, alter Herr das war! Seine orangefarbene Schärpe, wie unendlich komisch!

Gelungen war das Fest! Ganz Berlin würde darüber sprechen – über die Tänzerin, etwas kühn, nicht wahr, und die beiden Neger – ja, es kam nur darauf an, Einfälle zu haben! Eine Oase in dem grauen, schrecklichen Winter. Dank für das Fest! Alle dankten, alle waren glücklich gewesen – ein paar Stunden. Eine drollige Liebeserklärung von Hauptmann Feuerwalze. Endlich hatte sie nach langer Zeit wieder fröhliche Menschen um sich gesehen, und so war es nun einmal: Dora konnte nicht leben ohne Freude. Aber – sie schrak zusammen, indessen voll spitzbübischen Vergnügens – wie leichtsinnig war sie doch gewesen! Der Sekt – sollte es der Sekt gewesen sein –? Wie leicht hätte jemand sie beobachten können!

Nichts aber liebte sie mehr als Abenteuer, aus einer Laune geboren – eine Minute vorher wußte man noch nichts von ihnen, und oft eine Minute nachher nichts mehr davon. Und Doras Gedanken huschten blitzschnell über eine Reihe ähnlicher Abenteuer dahin, die sie nicht missen möchte in ihrer Erinnerung.

Wunderbar – und niemand, niemand …

Nur einer, oder ein paar Vertraute –

Plötzlich aber griff Dora wieder zur Post. Es ging nicht an, allzu lange bei diesen Abenteuern zu verweilen.

Ein Brief des Generals! Seht an! Doras Lippen kräuselten sich. Sie legte den Brief langsam zur Seite. Diese Schriftzüge jetzt, nein – sie langweilten sie momentan, steif und anmaßend kamen sie ihr vor, später.

Sie griff nach einem rosafarbenen Briefchen, das an einem Fliederstrauß befestigt war. Zu ihrer großen Überraschung war es ein drolliges Gedicht, die Huldigung einer lustigen Gesellschaft, die das Fest bei Ströbel beschlossen hatte. Dora lachte, daß das Treibhaus zu klingen begann. Ach, wie bezecht müssen sie gewesen sein –!

Zu dieser Gesellschaft, die das komische Gedicht bei Ströbel verfaßt hatte, gehörte auch Hedi. Sie kam etwas nach zehn Uhr nach Hause, und gerade, als sie das silbergraue Schleierkostüm, das ganz in Stücke gegangen war, leider, abstreifte, erwachte Klara. Grelle Lichtzacken stachen durch die zusammengezogenen Vorhänge.

»Ah, da bist du ja!« sagte Klara. Aber welche Betonung! Sie hatte die Schwester zuletzt in einem Kreis von händeklatschenden Vermummten gesehen, wo sie einen schamlosen Tanz aufführte, und es gab keine Worte, die ihre Verachtung ausdrücken konnten.

»Ja, hier bin ich!« erwiderte Hedi mit einem sonderbaren, leisen Auflachen. Sie war sehr blaß, und ihre Augen flackerten unstet.

»Wo warst du eigentlich?« fragte Klara, während sie neugierig und überrascht die Schwester beobachtete.

»Ich?« Wieder lachte Hedi leise und heiter. »Du hast ja nicht gewartet. Bei Ströbel. Alle haben wir bei Ströbel Kaffee getrunken. Herrlichen Kaffee, Weißbrot, sogar Sahne!«

»Ströbel? Wer ist Ströbel?«

»Er besitzt eine Motorenfabrik und hat im Kriege Millionen verdient.«

»So, und da also –?«

»Und weißt du, wer den Kaffee gekocht hat?« fragte Hedi lachend. »Ich, zusammen mit Ströbel. Denn Ströbel hat keine Dienstboten im Hause, obschon er so reich ist – um ungestört zu sein. Ja, also wir zwei haben den Kaffee gebraut – und das Wasser wollte gar nicht kochen, hahaha! – aber niemand fiel es auf.«

»Was fiel niemand auf?«

Hier brach Hedi in lautes Gelächter aus. »Was sagte ich? Nun – niemand fiel es auf, daß es so lange dauerte, bis der Kaffee fertig wurde. Es war einfach schnurrig! Die ganze Gesellschaft trank Kognak aus Kaffeetassen. Wir haben alle Bruderschaft getrunken!«

Hedi lachte, erzählte, summte, tänzelte, während sie abwechselnd durch Dämmerung und grelles Licht glitt. Bald flammte ihr Auge auf, bald ihr weizengelbes Haar, bald ihre bleiche Haut. Plötzlich stieß sie ein Glas vom Tisch, aber auch darüber mußte sie nur lachen.

Voller Verachtung drehte Klara sich gegen die Wand.

»Nun,« sagte Hedi triumphierend, »dieser Herr Ströbel ist nicht nur reich, sondern auch ein Gentleman. Und er ist verliebt in mich! Dich aber würde er wahrscheinlich gar nicht ansehen, kleine Braut.« Dies fügte Hedi ein, um Klara zu reizen.

Aber Klara schwieg.

»Ah, seht an, sie spielt die Hochmütige!« fuhr Hedi fort. »Nun, mein Liebling, es ist mir höchst einerlei, was du denkst. Du bist ja noch ein Kind, und was solltest du vom Leben wissen? Auch was Papa denkt, ja, siehst du, auch das ist mir höchst einerlei. Ich habe dir ja schon oft gesagt, daß ich dieses Leben hier satt habe, diese ewige Langeweile, und eure Rüben und Kartoffeln. Und dazu die ewige Kontrolle! Nein, mein Herz, nun mache ich Schluß. Hörst du mich, kleine Braut? Ja, natürlich hörst du mich, du tust ja nur so … ich werde euch verlassen …«

»Ja, verlassen, man hat mir eine Sekretärsstelle angeboten, tausend Mark im Monat, bei völliger Bewegungsfreiheit – ein kleines Bureau werde ich haben, und einen kleinen Empfangssalon – du staunst, wie? – und bei Ströbel selbst. Ich werde mir nun mein Leben so einrichten, wie es mir gefällt. Ich bin jung, ja Gott sei Dank, noch bin ich jung. Und du darfst mich besuchen, kleine Braut, und vielleicht schenke ich dir ein Paar seidene Strümpfe –«

Ganz plötzlich schlief Hedi ein.

Aber ihr Schlaf war unruhig, und immerfort lief ein Zittern über ihren Körper. Klara beobachtete sie.

Was war geschehen?

Labyrinthisch und voller Dunkelheiten erschien Klara plötzlich das Leben. – –

Dora aber freute sich immer noch über das Gedicht, während sie das warme Bad genoß. Ihre Augen, ihre Zähne, Grübchen, ihre Schultern und Brüste, die ganze Dora strahlte vor Entzücken. Es war so leicht, ihr eine Freude zu machen. Sie wartete nur darauf.

Behutsam legte sie das Gedicht zur Seite, um es aufzubewahren, in dem Schubfach, das angefüllt war mit ähnlichen Huldigungen.

Ein Billett von Otto. Sie strich das volle Haar in den Nacken, las – nur zwei Zeilen – und zerriß es, in winzige Stückchen, die sie in die Aschenschale warf. Eine feine Röte flog über ihre Wangen.

Dann trank sie ein Täßchen Kakao.

Und dann griff sie nach dem Briefe des Generals. Seine Schrift begann zu zittern. Es war nicht mehr die frühere, starke Hand. Er begann langsam, ganz langsam zu altern, ja … Was sollte er ihr zu sagen haben? Nichts, gar nichts.

Plötzlich aber saß Dora ganz still.

Ihre glänzenden, roten Lippen standen offen, die Hand zitterte – ihr schwindelte.

Heute nacht …

Heute nacht also …

Heute nacht, während sie tanzte, während sie scherzte, während sie lachte. Vielleicht gerade in jenem Augenblick …

Heute nacht – die Tänzerin, die Neger, die Vermummten – alles wirbelte vor ihren Augen.

Und vielleicht gerade in jenem Augenblick … Sie schauerte zusammen.

Wie betäubt hüllte sie sich in das Laken, den leeren Blick zu Boden gerichtet. Vielleicht war er schon tot –

Ihre glänzenden Augen, von dem seltenen intensiven Blau, füllten sich langsam mit Tränen.

Aber trotz allem haßte sie ihn, auch jetzt! Sie konnte es ihm nie verzeihen, daß er sie schon am ersten Tage betrogen hatte, alles andere. Immerhin, ein Mann, der ihr einmal nahestand. Der einzige Mann, der nie sentimental war und nie eifersüchtig wurde. Der einzige, der nicht flehte und nach ihr bettelte. Nein, bei Gott, das tat er nicht. Der spöttische Blick seiner kalten, scharfen Augen stand vor ihr.

Hoffentlich litt er nicht, nein, nein, was auch geschehen war, diesen Gedanken konnte sie nicht ertragen. Trotzdem sie ihn gerade in diesem Augenblick bitter haßte – leiden sollte er nicht! Und doch, ein abscheuliches, verruchtes Gefühl triumphierte in ihr, ganz wider ihren Willen: also auch dich hat es gepackt! Auch dich hat die Granate zerrissen!

Ja, diesen furchtbaren Gedanken dachte Dora.

Sie stieß das Fenster auf: ein Morgen von ungeahnter Herrlichkeit strahlte.

Dann klingelte sie eilig der Zofe.

 

3

»Und nun los, Heinz!«

Hauptmann Wunderlich schwang sich an den Krücken über den Flugplatz. Gerötete Gesichter und rote Hände im Sonnenschein.

Augenblicklich verschlang das Dröhnen des Motors den Lärm der Geschütze, und schon eilte die Maschine über den Rasen, dem herrlichen Morgen entgegen. Der Flugplatz mit den Hangars schwang in weitem Pendelschlag unter der linken Flügelspitze, eine Idee schräg lag die kleine Maschine, kaum zu merken, ganz wie gestern. Meerheims Maschine, der einige Minuten früher abflog, blitzt zuweilen wie ein Funke im Süden.

Schon hat der Motor die volle Tourenzahl erreicht, unmerklich drückt der Boden des Flugzeugs gegen die Fußsohlen. Die kleine, kugelrunde Wolke des rasenden Autos da unten auf der schneeweißen Landstraße wird langsamer und langsamer, nun steht sie still, und nun scheint sie sich plötzlich rückwärts zu bewegen.

Heinz zog die Mütze tiefer über die Stirn. Er berührte mit den Fingern den Talisman auf seiner Brust. Nun war er unterwegs.

Die Farben der Erde fließen ineinander. Geschliffene Achate, Felder und Wälder, der Weiher eine winzige Muschel aus Perlmutter, die zuweilen ein Gefunkel aussendet. Samtweich schlingen sich helle Bänder zwischen den Achatflächen, Wege und Straßen. Die Landschaft aber, dieser zarte Teppich da unten, ist vulkanisch. Allerorts steigen ununterbrochen kleine, verwehende Dampfwolken empor, wie aus Geisern, oft vereinzelt, oft in Gruppen, milchigweiß, graugelb und schwarz. An einer Kurve drängen sie sich dicht zusammen, wie schnellwachsende Dampfpilze paffen sie ohne Pause auf – das sind die Gräben.

Merkt er etwas?

Morgen, morgen, geht das Gerücht!

Heinz jauchzt vor Freude. Es wird zu tun geben!

Da und dort stehen in der Bläue des Himmels Gruppen dichtgedrängter Lämmerwölkchen, aus denen Messer blitzen, Schwärme von Schrapnells, die den Flugzeugen gelten. Von unendlicher Schwärze, blitzend von Myriaden feinster Silberfunken, wölbt sich hoch oben der Äther.

In dreitausend Meter Höhe flog Heinz seinen Abschnitt auf und ab. Meerheim patrouillierte im Nachbarabschnitt. Zuweilen sah Heinz seine Maschine, wenn sie sich der gegenseitigen Grenze näherten. Hier oben war die Front kaum noch zu sehen, leichter Dunst lag auf der Erde, nur zuweilen warf der Gürtel der Geiser eine Gruppe schwarzer Rauchwolken aus. Am Horizont ringsum blitzten die Messer der feindlichen und deutschen Batterien. In der großen Weite war kein Flugzeug zu sehen, nur nach Westen zu entdeckte Heinz eine Gruppe von Maschinen, die aber bald verschwand. Dort schienen feindliche Flieger zu sein, und er wünschte nichts sehnlicher, als daß sie hierher in seinen Abschnitt kämen. Er glühte vor Kampfbegierde! Aber nichts ließ sich sehen, so sehr er auch ausspähte, keine Seele. Mächtige weiße Wolkenmassen zogen unter ihm dahin. Zuweilen ließ er die Maschine sinken, und dann wuchs ein schimmerndes Schneegebirge rasch zu ihm empor. Türme von Schnee brodelten ihm entgegen, Kuppen von Schnee wölbten sich, und der Schatten seiner Maschine jagte über glitzernde Gletscher.

Heinz begann zu singen.

Wie eine Lerche trillerte er im Äther. Er mußte sein Glück hinausrufen. Laut und inbrünstig hingegeben sang er: »Deutschland, Deutschland über alles.« Er sang sämtliche Strophen des Liedes, das ihn schon in der Schule berauscht hatte. Deutlich hörte er zuweilen aus dem Röhren und Brausen des Motors seinen hellen Tenor.

Dann sang er die »Vöglein im Walde«.

Nie hatte er eine seligere Stunde erlebt.

Wie häufig, erschien plötzlich deutlich und scharf Klaras Bild vor seinen Augen. Seligkeit wäre es, könnte er nur einmal mit ihr durch den Äther dahinjagen! Nie würde er imstande sein, ihr dieses Glück zu schildern.

Ja, heute, heute – vielleicht würde es ihm endlich heute gelingen, einen Gegner zu stellen! Oh nein, er zweifelte nicht eine Sekunde daran, als Sieger aus diesem Zweikampf hervorzugehen. Er war entschlossen, er war kühn, er fürchtete keine Gefahr, und er war beseligt von heißester Liebe für sein Vaterland. Wie sollte er da nicht der Überlegene sein?

Dort? Dort? Schon jagte er hin –

Oft rückten die Schrapnellwolken der Abwehrgeschütze ganz nahe, aber zu seinem Schmerz entfernten sie sich stets wieder. Es war sein persönliches Pech, daß niemand seinen Abschnitt aufsuchte.

Allzu schnell war seine Zeit abgelaufen. Wieder vergebens! Mit der Sekunde wandte Heinz die Maschine nach Hause. Er stürzte sich mitten in eine der schimmernden Wolken hinein, glitt für Sekunden durch Düsternis und kalten Nebel, um gleich darauf wiederum von Helligkeit geblendet zu werden. Wieder lag da unten der schimmernde, bunte, freundliche Teppich, und Heinz nahm den Kurs auf eine weiße Kirchturmspitze am Horizont.

Was aber gibt es? Was ist geschehen?

Plötzlich schwankt die Maschine, sie flattert hin und her. Mächtig pendeln die Flügel. Heinz hat sich in namenlosem Erstaunen aufgerichtet. Die Maschine stürzt …

Aber hinter der stürzenden Maschine her jagt wie ein riesiger Raubvogel ein Flugzeug mit Farbringen auf den Tragdecken. Senkrecht stürzt es sich in die Tiefe, dem Opfer nach. Der Pilot, in seiner Vermummung anzusehen wie ein furchtbarer Dämon, beugt sich über Bord, um die stürzende Maschine des Gegners auf die Platte seines photographischen Apparates zu bringen.

Wie eine Motte flattert der deutsche Eindecker da unten, und plötzlich löst sich etwas wie ein Gegenstand, ein Körper – verschwindet rasch, wie ein Punkt in der Tiefe.

Schon blitzen Messer auf am Waldrand, und der Raubvogel rauscht in die Wolke zurück. –

Als Hauptmann Wunderlich die Nachricht hörte, zerriß er sich mit den Nägeln das Gesicht und schrie: »Ich ertrage es nicht mehr, ich kann nicht mehr!«

 

4

Immer noch sprach der freundliche Greis – mit leiser, feierlicher Stimme. Und immer noch verharrte das Haus in Totenstille.

Der kleine gütige Greis sagte Ja, und er sagte Nein. Er sagte Sofort und sagte Niemals. Vorsichtig und sorgfältig fügte er Wort an Wort zu kunstvollen Sätzen. Zuweilen huschte sogar etwas wie rethorischer Glanz über seine Rede, ein Glanz wie er über Reliquien in den Kathedralen liegt.

Die Erregung hat seine Greisenbäckchen gerötet wie die Bäckchen eines Kindes.

Er war nicht abgeneigt, Zugeständnisse zu machen, das heißt nicht eigentliche Zugeständnisse, es wäre ihm natürlich unmöglich, irgendwie und in irgendeiner Form auch nur das geringste …

Er versicherte heilig seine Friedensgeneigtheit, ja, jeden Tag würde er Frieden schließen, aber natürlich, er bittet, nicht mißverstanden zu werden – er war entschlossen, fürchterlich entschlossen …

Und er schwingt die kleine hilflose Greisenfaust durch die Luft. So entschlossen war er.

Ja, entschlossen …

Der General setzte den Kneifer auf und warf den Kopf in die Höhe. Vor ihm glänzte die bedeutsame Glatze eines Admirals, neben ihm schimmerte nichtssagend das dünne gebürstete Haar eines Diplomaten.

Die Tribünen gegenüber lagen im Halbschatten. Kopf an Kopf, eine gesichtähnliche Nichtigkeit neben der anderen. Und doch … Er fühlte sich unbehaglich – früher war er ähnlichen Einflüssen überhaupt nicht zugänglich gewesen, indessen der Krieg – die Überarbeitung …

Da!

Ein glänzendes, bleiches Gesicht unter all den matten Nichtigkeiten, und ein paar Augen voller Schrecken und Entsetzen auf ihn gerichtet. Vielleicht nicht auf ihn, eigentlich mehr auf den kleinen Greis, dessen Kinnlade sich ruckartig bewegte. Der General hatte das Gesicht schon irgendwo gesehen, vermochte sich indessen im Moment nicht zu entsinnen. Es war nicht Schrecken, es war Grauen, das von dem glänzenden, bleichen Gesicht mit den schwarzen rasenden Augen ausging. Dieses Grauen lähmte die Zunge des sprechenden Greises, lähmte seine Bewegungen. Sein erhobener Arm sank plötzlich herab, er schöpfte Atem, hastig, seine schmalen Schultern schoben sich in die Höhe – er beugte sich tiefer über das Manuskript und stotterte.

Das bleiche phosphoreszierende Gesicht aber wuchs in die Höhe – schon fiel es allenthalben auf. Der Diplomat mit den dünnen, säuberlich gebürsteten Haaren blinzelte beunruhigt und runzelte die Stirn.

Die dünne feierliche Stimme des Greises erschallte wieder.

Die kleine eigensinnige Greisenfaust schlägt auf den Tisch, und eigensinnig wiederholt die tonlose und feine Stimme Ja und Nein, Niemals und Sofort. Nun sind es keine Worte mehr, nun sind es nur noch Laute, nur noch Luftwellen …

Nein, nein, nicht ein Greis sprach –

Deutlich sah Ackermann, daß dieser Greis eine Leiche war, die redete! Die Tribünen standen voller Leichen in den Uniformen von Generalen und Admiralen, mit Orden und Tand behängt, die Abgeordneten waren Leichen, die still dasaßen, die Stenographen, der greise Präsident, der den Kopf in die Hand stützte.

Leichen, ein Parlament von Leichen.

Und die Sonne umspielte sie. Die lebendige Stimme Gottes rief und donnerte, aber sie hörten sie nicht.

Da aber begannen die Leichen zu erbeben wie Schilf im Wind. Ein Sturmwind brauste durch das Haus. Die Leichen sanken zusammen, vermodert sanken Uniformen und glitzernde Ordenssterne dahin.

Gesang …

In der Ferne ertönte ein Schritt, der dröhnende Schritt von Hunderttausenden, Millionen – Gesang fliegt vor ihnen her. Und dieser Gesang ist der Sturmwind –

Da berührte jemand seinen Arm, eine knöcherne harte Hand, und eine trockene Stimme sagte: »Sie dürfen sich nicht so über die Brüstung legen.« Ackermann befand sich wieder auf der kleinen Tribüne, wo zusammengedrängt das Volk sitzt, das keine reservierten Plätze vorfindet. Er war nahe daran gewesen, eine seiner Ohnmachten zu bekommen. Im selben Augenblick wurde applaudiert. Die Ordenssterne und Uniformen rauschten durcheinander. Der freundliche Greis setzte sich und träumte wieder von seinem Sarg, aus dem man ihn aufgescheucht hatte.

Die Abgeordneten betraten nacheinander die Rednertribüne. Worte und Gesten. Schon ist die Zeremonie zu Ende. Die Tribünen beginnen sich zu leeren.

Aber halt! Hier ist noch einer, der etwas zu sagen hat. Er hat die furchtbare Frage des Schicksals vernommen, das Antwort fordert. Er will zur Tribüne stürmen. Aber die Fettnacken und wehenden Bärte halten ihn zurück, die Rechtsanwälte und selbst die vom Hunger Ausgemergelten. Selbst sie! Die Journalisten auf ihrer Tribüne schütten sich vor Lachen.

Flammend steht er, der einzige, zornrot, mit weißen Haaren. Seine rasende Stimme erstirbt im Lärm.

Schon sind die Tribünen leer. – –

Die Pulse fliegen. Die Lider peitschen die Augen, das Blut donnert in den Ohren, und die Glieder schwingen. Die Erde hebt sich, bald wird sie zerreißen – Rauch, Feuer! Genug, genug!

»Genug und vorbei!«

Das blaue Himmelsgewölbe splittert, Finsternis. Das Rad der Geschichte vollendet krachend seine Umdrehung, es wälzt sich heran, zermalmend – Staub, Rauch …


Uniformen und Roben fluten die Treppe hinab in den herrlichen Tag. Ganz wie nach einem Pferderennen von den Tribünen. Die Rechtsanwälte schießen hindurch, mit ihren Mappen, sie haben es immer eilig. Eingläser funkeln, das Lächeln blitzt auf den Lippen einer schönen Dame. Sporen klirren und Säbel rasseln.

Wagen fahren heran, die Automobile qualmen.

Lautlos huscht die Limousine des kleinen freundlichen Greises am Wall der Schutzleute vorbei.

Schwerdtfeger hat seinen hohen Chef oben auf der Treppe erspäht und den Wagen herangebracht, ohne die geringste Rücksicht zu nehmen. Er kennt nichts als seinen Dienst.

Der General braucht nur irgendwo aus einem Hause zu treten und über den Bürgersteig zu gehen, immer steht Schwerdtfeger bereit. Der General muß nur den Fuß heben, das ist alles. Aber er hat sich nie Gedanken darüber gemacht.

Oben auf der Treppe sprach der General einen Bekannten mit hohen Orden. Er drückte seine Befriedigung über den Verlauf der Zeremonie aus – die Rede, prachtvoll – und der Bekannte seinerseits versicherte, daß die Rede in der Tat eine staatsmännische Leistung ersten Ranges war.

Nun stieg der General die Treppe hinab.

Die Lackstiefel eines Husaren blitzten vor ihm. Ein schmaler, eleganter Rücken, ein vornehmes Profil, ein rascher, kühner Blick aus schönen, klaren Augen – der Husar weicht zur Seite und grüßt.

»Ah – gut bekommen?« Ja, wie hieß er doch nur?

Leutselig schüttelt der General dem Husaren die Hand.

»Danke, Euer Exzellenz!«

»Ein netter Abend – hm, etwas spät … wir haben ja – Sie haben mir ja von interessanten Dingen erzählt –?«

Der Husar blieb indessen völlig kühl und korrekt. Erstens war er kein Beduine mehr, sondern Husar, zweitens war er, mit Respekt zu melden, heute nacht völlig bekneipt, und als er aufwachte, fiel ihm (als erstes) voller Schrecken ein, daß er Dummheiten geschwätzt und sich beinahe auf Gott weiß welche Geschichten eingelassen hätte – drittens war man nicht mehr auf einem Ball, sondern im Dienst, und es wimmelte ringsum von Würdenträgern und Exzellenzen.

Er blieb also kühl, korrekt, entschlossen, sich auch durch nichts bewegen zu lassen. Seine schönen klaren Augen strahlten Offenheit.

»Leider vermochte ich nicht mit ganzer Aufmerksamkeit zu folgen – es war plötzlich so heiß geworden – und dann brannte noch dieser Vorhang.«

Aber der Husar blieb zurückhaltend, entgegnete ein paar nichtssagende Redensarten. Er errötete sogar.

Schwerdtfeger warf den Wagenschlag ins Schloß, und der General erwachte erst aus seinen tiefen Gedanken, als die grelle Sonne in seinem Arbeitssaal ihn blendete.

Er zog die blauen Vorhänge zu, das Licht schmerzte seine Augen, jetzt erst machte sich der kurze Schlaf bemerkbar.

»Trotzdem – trotzdem –« murmelte der General vor sich hin. Mehr und mehr verfiel er der Gewohnheit, seine Gedanken laut zu äußern.

»Trotzdem – ja, er wich aus – nun, gewiß er ist ein Mann von größter Selbstkontrolle, ohne Zweifel. Aber er errötete etwas. Weshalb?«

»Oder errötete er nicht?«

»Vielleicht habe ich mich getäuscht, aber es sah tatsächlich aus, als ob er errötete.«

»Aber was, was hat er mir erzählt? Ja, wie ärgerlich, daß gerade diese Sache mit Dora – –«

»Aber weshalb erzählte er es mir?«

»Wie? Wie? Sogar Angehörige der besten Gesellschaft – und …«

»Deutlich erinnere ich mich – trotzdem …«

Der General starrte vor sich hin – das Blut wich langsam aus seinem breiten Gesicht. Plötzlich schüttelte er den Kopf. Welch absurder Gedanke!

Er berührte die Klingel.

Weißbach erschien, und der General berichtete kurz über die Reichstagssitzung – ein Zeichen des größten Vertrauens und Wohlwollens, das Weißbach, trotzdem er noch in Alkohol kochte, er war bis neun Uhr bei Ströbel gewesen, zu würdigen wußte.

»Sollten Sie Näheres über Hauptmann v. Dönhoff erfahren –?«

»Jawohl, Herr General!«

Weißbach zog sich zurück. Der General war ihm grün erschienen, leichengrün – die Beleuchtung natürlich, oder auch sein Zustand. Er trank wenig, aber er konnte nichts mehr vertragen, seit er in Rußland seinen Nervenchok erlitt. Damals waren sie alle verbrannt, durch einen Volltreffer, der den Unterstand in Flammen setzte – nur durch einen Zufall war er gerettet worden. Er wußte selbst nicht wie, er hatte es auch nie begriffen.

Sobald Weißbach den Saal verlassen hatte, ging der General zum Telephon und verlangte eine bestimmte Verbindung.

Erst nach geraumer Zeit ließ sich jemand hören.

»Ich hatte doch gebeten« – begann der General ungnädig – »mich umgehend informieren zu wollen – bereits acht Tage – wie, bitte –?«

 

5

Ackermanns Blick fieberte durch die wimmelnden Uniformen und abrollenden Wagen. Verzweiflung schüttelte ihn.

»Dieses Parlament, welche Schmach! Der Fluch des Volkes wird die Schmachbedeckten treffen – einst, einst –!«

Er sah die hohen Offiziere nicht, nicht die Generale mit ihren roten Aufschlägen, nicht die Admirale mit den goldenen Tressen. Und niemand beachtete ihn in seinem abgeschabten weiten Mantel, von Entbehrungen und Qualen erschöpft – ein einfacher Soldat, einer von den Millionen, die niemand sieht.

Auf dem Straßendamm stand mitten im Qualm der Autos ein Berittener, regungslos wie eine Statue. Mit furchtbarem Ernst saß er im Sattel, quittengelb, mit spitzer Nase, eingefallenen Wangen und violetten Augenhöhlen. Eine berittene Leiche hielt vor dem Parlamentsgebäude Wache, im Sattel verhungert, aber sie tat ihre Pflicht.

Plötzlich drehten sich die starren Metallkugeln in den violetten Höhlen, die Haut des quittengelben Gesichts straffte sich, der rostrote Schnurrbart zuckte.

Er hatte Ackermann entdeckt, und eine argwöhnische, drohende Falte spaltete die armselige Stirn.

Das Gesicht dieses gemeinen Soldaten war das Gesicht eines Mannes, der geheime Gedanken hegte, Gedanken ganz besonderer Art, unzufriedene Gedanken. Er kannte diese Gesichter vom Kasernenhof her und hatte sie vernichtet, wo er sie fand, bis sie aussahen wie andere.

Schon drängte er sein Pferd näher, und sein Blick wurde messerscharf und unbarmherzig. Er war aus der kaiserlichen Schule, auf den Mann dressiert.

In diesem Augenblick aber ging Ackermann wie ein Schlafwandler mitten durch die Uniformen und Wagen hindurch, schnurgerade über den Fahrdamm – ohne angestoßen, berührt, überfahren zu werden, sonderbar.

»Es ist Zeit!« flüsterte er. »Es ist Zeit!«

»Es ist höchste Zeit!« Er eilte.

Ihr Jungen, Wollenden, Wagemutigen, die Stunde schlägt! Ihr Sehnsüchtigen, Verzweifelten, Zielerfüllten, ihr Hassenden, Liebenden, Gesegneten, Boten und Verkünder des Menschenreiches – auf, auf, die Stunde ist da! Zögert nicht länger, ihr Gesandten mit den menschlichen Antlitzen!

Böse folgte der Blick des Berittenen dem grauen Soldatenmantel, der rasch zwischen den Bäumen verschwand.


Und schon – ja schon rüsten sie sich zum Aufbruch, die Läufer, die ihrer Zeit vorauseilen! Schon baden sie das Antlitz im Lichte einer neuen Sonne, die heraufsteigt.

Schon erheben sie sich von den elenden Pritschen der Gefängnisse – sie werden durch hundertfach geschlossene Tore gehen wie durch Luft, keine Angst. Schon hebt sich ihre leuchtende Wimper in den Kasernenhöfen Europas – und sie werden das triumphierende Wort aussprechen, und die Kugeln werden von ihnen abprallen, keine Angst. Schon beten sie ihr Morgengebet bei den Kanonen, in den Erdlöchern der europäischen Schlachtfelder – sie werden die Kanonen zerbrechen, als ob sie Schilf wären, keine Angst. Schon wird ihr Schlaf in den Massengräbern Europas unruhig, schon hebt sich ihr Auge, sie werden auferstehen, stärker als der Tod, keine Angst.

Schon kommen sie, schon sammeln sie sich, in ganz Europa, sie, die Brüder sind und sich erkennen am Glanz des Antlitzes. Schon ertönen ihre Stimmen, da und dort, in ganz Europa, in der ganzen Welt!

Sie kommen!

Kommen sie? Kommen sie wirklich?

Ja, sie kommen! Horch! Schon wandert ihr Schritt im Tagesgrauen.

Und die Finsternis wird ein Ende haben?

Die Finsternis, die schreckliche, wird ein Ende haben.

Schon rötet sich der Himmel im Osten. Sie bringen das Licht. Sie kommen, und sie werden dahinschreiten, und das Paradies wird unter ihren Schritten erblühen.

Ihr Feldzeichen aber ist nicht rot, nicht blau, ihr Feldzeichen ist die Liebe.

 

6

»Unbegreiflich!« rief Herr Herbst aus und warf die kleinen Hände voller Erstaunen in die Luft. »Was ein Mensch doch träumen kann! Also, Berlin nichts als – Schutt, nur Schutt, sagen Sie?«

Eingehüllt in den langen rostfarbenen Havelock, den steifen Hut auf den Ohren, saß Herr Herbst im halbdunkeln Gastzimmer des »Löwen von Antwerpen«. Eine große, sofort in die Augen springende Veränderung war mit ihm vorgegangen: er trug keinen Kragen mehr! Denn früher hatte er ja einen niedrigen, wenn auch nie ganz reinen Kragen und eine kleine schwarze Binde getragen. Wer sie kennt, die Trinker, weiß, was es zu bedeuten hat – keinen Kragen mehr!

Ihm gegenüber saß der scheue, stille, bucklige Wirt, Herr Glienicke, zwischen ihnen stand die Flasche.

Herr Glienicke räusperte sich krächzend, dann erwiderte er scheu flüsternd: »Ja, nichts als Schutt, ein Haufen Schutt, das ganze Berlin. Wie soll ich sagen – eine Ruine. Und Raben –«

»Raben?« Schauer jagten über den Rücken des kleinen Herrn Herbst.

»Der Himmel war schwarz von ihnen. Sie flogen auf, wohin man kam – wie Wolken. Hm, und auch Leichen lagen da und dort, streckten die Hände aus dem Schutt, blaue Hände.«

»Was für ein entsetzlicher Traum! Und keine Menschen mehr, sagen Sie?«

»Keine Menschen, nein. Nur Raben, alles war schwarz von ihnen. In ganz Berlin keine lebende Seele mehr. Nur Schutt und verkohlte Balken. Da und dort stand zwischen den Schutthaufen noch ein verlassenes Geschütz. Aber keine Menschen.«

»Ah, ah – entsetzlich!«

»Und dann begann es zu schneien –«

»Guten Tag!« sagte in diesem Augenblick eine helle, nüchterne, aber bescheidene Stimme, und die beiden fuhren auf.

Ein schmächtiger, junger Mann war ins Zimmer getreten.

Der schmächtige, junge Mann näherte sich, den Hut in der Hand, dem Tisch und verbeugte sich leicht und steif.

»Ich bitte um Verzeihung! Herr Herbst?«

Zitternd erhob sich der Havelock. Ja, weshalb in aller Welt zitterte er? Es war nicht nur diese helle, nüchterne Stimme, nein – jemand kannte ihn, ihn, seinen Namen …

»Ich habe mit Ihnen zu sprechen«, sagte die gleiche Stimme, aber um eine Schattierung weniger bescheiden.

»Sprechen? Gewiß –«

»Nicht hier, bitte – in besonderer Angelegenheit –«

Und die beiden verließen das Gastzimmer. Die Eulenaugen des Buckligen sahen ihnen nach. Herr Glienicke hatte sich nicht von der Stelle gerührt. Diese Stimme, unverkennbar: die Polizei!

»Bitte!« sagte der schmächtige junge Mann und lenkte den Schritt die Fabriciusstraße hinab.

Mit etwas eingeknickten Knien schlürfte Herr Herbst neben ihm her. Er verging vor Angst, erfüllt von den schlimmsten Ahnungen.

Wie immer spielten die Kinder auf der staubigen, zugigen Straße, aber heute wagten sie sich nicht an ihn heran, da er in Begleitung war.

Mit hohem Singsang schritten sie im Reigen um ein Mädchen, das auf dem Pflaster kauerte und einen Lumpen über den Kopf gezogen hatte. Ein schwarzer Hund mit kurzem Schwanzstumpen trippelte mit den Kindern ebenfalls im Kreise. Nur seiner erschreckenden Magerkeit verdankte er es, daß er noch lebte. Denn hier außen gab es weit und breit weder Hunde noch Katzen mehr, alles verzehrt, längst eine Beute der Professionells. Hohläugig und wächsern erschienen die Kinder wie tanzende, in Lumpen gehüllte Leichen, die aus den Gräbern eines Kinderfriedhofs gestiegen waren, um hier zu spielen. Ihre Mütter arbeiteten irgendwo in den Munitionsfabriken, die Väter faulten längst in den Massengräbern.

Und da war auch schon wieder jener Wagen mit dem schmutzigen Schimmel, den ein bleiches abgezehrtes zwölfjähriges Mädchen kutschierte. Jeden Tag kam er hierher in diese Straße, und kam er nicht gerade in die Fabriciusstraße, so sah man ihn sicher dort an der Ecke warten. Heute lagen nur zwei Kindersärge darauf, aber soeben brachte ein Mann einen neuen Kindersarg aus dem Hause und warf ihn wie eine Kiste mit Flaschen auf den Wagen. Jeden Tag, und doch gab es noch immer Kinder hier!

Die tanzenden kleinen Toten aber beachteten den vorüberfahrenden Wagen mit den Särgen nicht. Sie schoben den Reigen nur etwas zur Seite und sangen weiter.

Endlich brach der schmächtige junge Mann das Schweigen. Mit einem nicht unfreundlichen Lächeln wandte er sich an Herrn Herbst.

»Sie wissen wohl, daß die große Offensive heute begonnen hat?« sagte er im Tone eines Menschen, der ein Gespräch beginnen will. »Tausende von Gefangenen –«

»Tausende – so, so –« stammelte Herr Herbst verwirrt.

»Ja, am ersten Tage!« Aber das Gespräch kam nicht in Gang. So also ging es nicht. Der schmächtige junge Mann polierte den Kneifer, lächelte Herrn Herbst mit kurzsichtigen Augen an, und begann von neuem in etwas kühlerem, geschäftlichem Tone: »Sie kennen mich nicht, Herr Herbst?«

»Wirklich nicht? Und Sie haben mich auch nie gesehen? Trotzdem gingen Sie sofort mit mir, seht an. Ein neuer Beweis, daß es unleugbare Kräfte gibt, die Macht über die Menschen verleihen, magnetische und hypnotische Kräfte. Seit acht Tagen, seit vollen acht Tagen folge ich Ihnen wie ein Schatten, mein verehrter Herr Herbst. Sie staunen? Sie sehen, man muß es nur geschickt anstellen. Vor einigen Tagen aß ich sogar mit Ihnen am gleichen Tisch in der Dorotheenstraße. Und am Schluß der Reichstagssitzung stand ich dicht neben Ihnen, als Sie den hohen Offizier grüßten –«

Herr Herbst zuckte zusammen. Ah, ah – er hatte es ja augenblicklich gefühlt! Seine Ahnungen! Die Polizei war ihm auf den Fersen, die Geheimpolizei. Der General hatte sie auf seine Spur gesetzt, und nun war er – verloren! Ja, dieser General, natürlich, er wollte seine Macht zeigen, er hatte ihm jenes furchtbare Wort entgegengeschleudert, belästigte ihn …

»Ich hatte, mit einem Wort, den Auftrag, mich mit Ihrer Persönlichkeit zu beschäftigen.«

»Ich weiß es.«

»Sie wissen es?«

»Ich dachte es mir! Einen Augenblick.« Herr Herbst wischte sich den Schweiß von der Stirn.

»Ja, also den Auftrag«, fuhr der junge Mann geschwätzig fort. »Ich kenne nunmehr all Ihre Gewohnheiten, Ihre etwas sonderbaren und keineswegs alltäglichen Gewohnheiten. Es bedurfte eines psychologisch geschulten Blickes, um nicht verwirrt zu werden, ich gestehe es offen zu. Nunmehr sind meine – Sie verzeihen – Beobachtungen abgeschlossen, bis auf einen großen dunkeln Punkt. Aber auch das wird sich finden. Ich hielt die Zeit für gekommen, in persönliche Verbindung zu Ihnen zu treten. Sie gestatten, mein Name ist Kunze.«

Der junge schmächtige Mann nahm den grasgrünen Plüschhut ab und machte eine gemessene, steife Verbeugung.

»Angenehm!« schlürfte Herr Herbst und erwiderte mit einem Kratzfuß. Ängstlich und mißtrauisch hefteten sich seine entzündeten Augen auf den blinkenden Kneifer. Nichts Gutes, jedenfalls nichts Gutes!

Der schmächtige junge Mann, der sich Kunze nannte, war ärmlich, aber peinlich sauber gekleidet. Sein dünner Überzieher, bis oben zugeknöpft, war abgewetzt, aber man sah noch die Striche der Bürste. Seine geflickten Stiefel waren glänzend gewichst. Er trug dünne Zwirnhandschuhe, nur seine Manschetten, sie waren etwas grau geworden. Er war semmelblond, das semmelblonde Schnurrbärtchen haarscharf zugespitzt. Die Augen hinter den Gläsern erschienen matt, ausdruckslos und sogar dumm. Unter dem Arm trug er eine dünne lederne Aktenmappe. Wie alle Menschen sah er schlecht genährt aus, und sein Teint hatte eine unreine, grünlich fahle Färbung.

»Hoffen wir es, daß meine Bekanntschaft für Sie angenehm sein wird«, nahm Kunze nach dem beendeten Zeremoniell der Vorstellung wieder das Wort, und er lachte leise dabei. »Für manch einen, für viele war meine Bekanntschaft – meine Bekanntschaft wenig angenehm, ähä, ähä! Ja, wenig angenehm! Nun, nun, Sie haben nicht die geringste Ursache, sich zu beunruhigen, ich betonte schon, daß ich mich durch Ihre sonderbaren Gewohnheiten nicht verwirren ließ. – Einen Augenblick, lassen wir diese Elektrische vorbei – so. Sie haben sich also vor geraumer Zeit an unsere Organisation gewandt –«

»Ich nenne unsere Dienststelle so. Ihr Eingang wurde, wie alle derartigen Eingänge, unserer Organisation automatisch zugeleitet. Sie haben, unter anderem, schwere Verdächtigungen erhoben gegen hochgestellte Persönlichkeiten, oder besser gesagt, gegen Angehörige hochgestellter Persönlichkeiten, so daß eine ganz besonders sorgfältige Bearbeitung der Angelegenheit notwendig wurde. Aus diesem Grunde hat mein Chef mich beauftragt.«

Herr Herbst atmete auf. Also nicht der General – es war diese andere Sache –! Aber schon überzog wieder kalter Schweiß seine Stirn. Welch gefährlicher Lage hatte er sich doch ausgesetzt! Und weshalb? Unerklärlich alles. Im Rausch, in völliger Bezechtheit, hatte er diese zwei Briefbogen vollgeschrieben. Zu spät. Seine Beine zitterten. Er hatte Mühe mitzukommen.

»Wohin –?« stammelte er.

Kunze hielt den Schritt an und lächelte. Er hatte kleine, schlecht gepflegte Zähne. »Sie können es sich nicht denken?« fragte er mit schräg geneigtem Kopf.

»Wie sollte ich –?«

»In Ihre zweite Wohnung!«

»Wie –??«

»In Ihre zweite Wohnung!«

»Wie –?!«

Herr Herbst griff mit beiden Händen nach dem steifen Hut – taumelte zurück und entfloh …

»Aber so warten Sie doch! Wie sieht das aus, wenn wir hier einander nachlaufen. Warten Sie doch! Aber ich muß doch bitten …«

Mit ein paar langen Sätzen lief Kunze hinter dem davoneilenden Havelock her. Im Nu hatte er ihn wieder eingeholt. Er klemmte den Kneifer auf die Nase, keuchte – seine Lunge war nicht ganz in Ordnung – und lachte belustigt und nachsichtig.

»Nun, sehen Sie, es hat keinen Sinn. Aber weshalb erschraken Sie nur so?«

»Ich – ich …«

»Sie sind ja jetzt noch kreidebleich! Nun, nun, Ihre Nerven sind in einem heillosen Zustand, Herr Herbst, einem bösen, bösen Zustand, ei, ei! Und doch wollen wir nur in Ihre Wohnung in der Blücherstraße gehen. Ich sagte Ihnen ja – nur noch ein einziger großer dunkler Punkt – he, Kutscher!«

Kunze winkte geschäftig eine Droschke heran. »Blücherstraße!«

Herr Herbst hob abwehrend die Hände.

»Nein, nein – unmöglich, ganz unmöglich!« stotterte er hilflos.

Aber der schmächtige junge Mann stampfte plötzlich ärgerlich auf den Boden und sagte mit scharfer Stimme: »Sie werden gehen! – Bitte, bitte recht sehr, Herr Herbst«, fügte er wieder ruhig und höflich hinzu, und schob den vor Erregung zappelnden Havelock in die wackelnde Droschke.

»Wir können den weiten Weg unmöglich zu Fuß gehen. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Mein Chef ist schon ungeduldig, er erhielt eine Rüge von einer höheren Stelle. Machen Sie es sich ruhig bequem. Es wird ja alles bezahlt. Das sind die Spesen. Sehen Sie hier, in diesem Notizbuch, hier unter H., das sind die Spesen. Ich hätte ebensogut ein Auto nehmen können.«

Voller Verzweiflung starrte Herr Herbst vor sich hin.

Kunze zog vorsichtig die Beinkleider über das Knie herauf. »Mein Chef, er ist Major, ermahnte mich ausdrücklich, keine Kosten zu scheuen«, fuhr er zu schwatzen fort. »Mein Chef strahlt! Sie haben uns ja, mein lieber Herr Herbst, auf eine eminent wichtige Spur gebracht – ein selten glücklicher Zufall! Ach, wie langsam doch dieser elende Wagen fährt! Das Material wächst, der Ring schließt sich – wir arbeiten Tag und Nacht – mein Chef wird einen hohen Orden bekommen – und auch ich vielleicht, vielleicht sogar das Eiserne Kreuz, er machte Andeutungen, mein Chef …«

Plötzlich brach Kunze ab und zog rasch den Kopf zurück.

»Pst, pst« – machte er, und deutete mit dem langen, dünnen Finger auf die Straße. »Aber sehen Sie doch, wer da eben aus der Elektrischen steigt! Sehen Sie doch! Wie? Wie? Unglaublich – Fräulein v. Hecht!«

Es war in der Tat Ruth. Sie sprang rasch aus dem Wagen und suchte ihren Weg durch die Menge. Schon war sie verschwunden.

»Haben Sie sie gesehen? Berlin ist eine so große Stadt, aber man sieht immer wieder die gleichen Leute. Machen Sie einmal den Versuch, fassen Sie eine bestimmte Person ins Auge – wo Sie auch hinkommen, da ist sie, ich wette mit Ihnen, was Sie wollen. Was hat nun, frage ich Sie, eine solch feine Dame hier in diesem Stadtviertel zu tun? Wie, wie? Wenn man es nicht wüßte! Bald wird sie wohl nicht mehr hierherkommen, oder? Mein Chef ist in bezug auf diese Dame etwas unruhig – nun, verstehen Sie, die Tochter eines hohen Vorgesetzten – aber auch das wird sich ja alles finden. He, Kutscher, fahren Sie doch etwas rascher!«

 

7

Mit einem kleinen Paket unter dem Arm kam Ackermann durch den Tiergarten. Es war noch hell, Sonne, Tag. Wie gewöhnlich suchte er verlassene Wege auf. Er kam vom Dienst und war auf dem Wege nach Hause, wo man ihn erwartete.

Ja, schon sammelten sie sich, ohne Zweifel! In England, Amerika, Italien, Frankreich, Deutschland, Österreich, Ungarn – überall in der Welt – die Brüder! Nur ein Blinder sah die Zeichen nicht, nur ein Tauber hörte nicht die Stimmen! Nur ein Tauber …

In den Zeitungen, zwischen den Zeilen – in Broschüren, Aufsätzen, Büchern, überall Zeichen, die darauf hinwiesen. Überall diese Stimmen! Trotz der Scharen von Zensoren und Agenten, die ausgesandt waren, die Wahrheit zu erwürgen, so wie Herodes die Kinder von Bethlehem erwürgen ließ, nur aus Furcht, weil er vernommen hatte … ah, ah – sein Morden war vergebens.

Die Gefängnisse sind überfüllt, hier und überall. Arme, betörte Sklaven bewachen ihre eigenen Befreier! Zu Hunderten werden sie füsiliert, hier und überall. Arme Verführte ermorden ihre Brüder. Aber – der Gedanke lebt! Die Mauern werden fallen – in der ganzen Welt – der Gedanke wird sie stürzen, der Gedanke, der war, bevor die Menschen waren. Der Gedanke, den man ans Kreuz schlug, folterte, mit Steinen beschwert ins Meer versenkte, mit geschmolzenem Blei übergoß, den die Gesandten des Satans zu töten versuchten auf hunderttausend Arten – und der immer wieder auferstand. Weltreiche stürzten, aber er lebt.

Und die Brüder werden einherschreiten – sie, die Heißen, die Sehnsüchtigen, die Wollenden.

Und auch ich, auch ich, Ackermann, werde bemüht sein, mich ihrer würdig zu zeigen.

Zu Ende der Dienst, zu Ende! Er hatte Schluß gemacht.

Sie würden ihn nicht mehr sehen.

Monatelang hatte er gerungen, in den letzten Wochen mit Schweiß auf der Stirn – der Gedanke siegte. Er war entschlossen …

Unter dem Arm trug er, in eine alte Zeitung eingewickelt, seinen Drillichkittel, wie ihn die Schreiber in den militärischen Amtsstuben anhaben. Er nahm ihn heute mit nach Hause. Zum Zeichen, daß er nicht zurückkehrte. Die Kameraden hatten die Frage an ihn gerichtet, weshalb er den Kittel einpacke. »Ich mache Schluß!« antwortete er. Aber sie lachten, wie sollten sie es verstehen?

Nun, wohl: sollte man mit ihm machen, was man wollte. –

Ja, dahinschreiten werden die Brüder, und auf dem blutigen Schutt dieser armen Erde werden sie eine neue Welt errichten! Schleift die Kasernen, werden sie rufen, zerbrecht sie, schleift sie! Ihr Gestank verpestet Europa und die Erde. Schleift sie und steckt sie in Brand! Sie, die Brutstätten der Sklaven und Sklavenvögte. Täglich schänden sie millionenfach die menschliche Würde, Millionen von Sklaven, Hunderttausende von Sklavenvögten, die die Peitsche schwingen, brüten die Verruchten jährlich in Europa aus. In die fernsten Dörfer, Steppen und Wälder senden sie versklavte und geschändete Gehirne, in denen der unschuldige und reine Gedanke des Göttlichen vernichtet wurde. Ämter, Schulen, Kirchen, Fabriken, Werkstätten und das weite Land überschwemmen sie mit Sklavenvögten, verdorben und blind vom Dünkel, so daß sie den Bruder in ihrem Nächsten nicht mehr zu erkennen vermögen!

Schleift sie, verbrennt sie!

Zerbrecht die Kriegsschiffe der Piraten, deren Kanonen den Erdball in Schrecken halten, zerbrecht sie!

Schleift sie – werden sie rufen! – die Zeitungspaläste, errichtet von den Mächtigen und Reichen der Erde zur Verbreitung von Lüge und Betrug, zur Vergiftung und Verführung der Nationen.

Schleift sie und verbrennt sie!

Reinigt Schulen und Kirchen, wo unschuldige Kinder und reine Seelen betrogen werden. Reinigt die Tempel, hinaus mit den falschen Priestern, die den Namen des Erlösers auf den Lippen führen und den Mord der Nationen predigen. Hinaus, hinaus!

Hinaus, hinaus mit den eitlen Advokaten, den hartherzigen Greifen, den selbstgefälligen Narren, die mit den Schicksalen der Völker spielen, hinaus mit ihnen!

Es wird Zeit, ihr Brüder, daß die Welt genese!

Zerbrecht und schleift die Zwingburgen des Goldes, Tempel der Habgier, Kerker der Freiheit und des Glückes aller Völker des Erdballs. Zerbrecht die Mauern aus Stahl und Eisenbeton, wo die Plünderer ihre Schätze gegen die Diebe verwahren! Zerbrecht sie!

Ihre Stimme wird erschallen wie der Donner – und nicht mehr untergehen!

Ach, in dieser Stunde, schwärzeste Mitternacht der Völker, wird sie noch verschlungen vom Lärm der Kanonen …

Plötzlich aber stockte Ackermanns Schritt. Mit offenem Munde stand er still.

Aus der Stille des Parkes war er, versunken in seinen Gedanken, unvermutet in das blendende Sonnenlicht und das Gewimmel der Menge getreten.

Die Menschen schrien, schwangen die Hüte, eilten – Flaggen wehten über den Linden, Flaggen in allen Farben, allen Größen, flatterten lustig und heiter im herrlichen, seidigen Blau des Himmels.


Die Stadt hatte geflaggt. Siege, Siege!

Wie die Sturmflut war das Heer vorgebrochen, wenn die Dämme gerissen sind – ganz wie der General es prophezeit hatte. Hunderte von Geschützen, Tausende, Zehntausende von Gefangenen – eine Batterie trabte über die Linden. Der Kaiser hatte befohlen, »Viktoria zu schießen«.

Die Stimmen schwirrten, Jubel fuhr dahin über die Millionenstadt. Unaufhörlich mahlten die Drehtüren der großen Hotels fröhliche Gesichter hinein und heraus. Die Foyers der Hotels waren überfüllt, schon sah man Frühlingskleider der Damen, während andere noch Pelze trugen. Die Kellner schleppten die silbernen Tabletten, die Kapellen musizierten. Freude erhellte die Mienen.

Ja, wunderbar war diese herrliche Armee, prachtvoll diese Burschen, die kämpften und starben, wie in den ersten Tagen des Krieges, als sei der Tod ein Scherz.

Und diese Führung: unübertrefflich!

Zehntausende von Gefangenen – immer mehr, mit jeder Stunde – die Beute unübersehbar – unübersehbar …

Oben auf dem Brandenburger Tor trieb die Viktoria ihr Viergespann mit siegesgewissem Lächeln vorwärts.

Fontänen von Extrablättern stiegen über den Linden in die Höhe. Die Menschen ballten sich zu Knäueln, sie setzten ihr Leben ein, nur um ein Zeitungsblatt zu erhaschen, ganz wie die prachtvollen Burschen an der Front, die durch zischende Eisenstücke sprangen. Schirme wurden zerbrochen, die Damen verloren die Absätze von ihren Schuhen, und die Taschendiebe griffen ohne jede Rücksicht einfach in die Taschen.

Und die Batterie, vier alte Kanonen aus dem Siebziger Kriege, trabte vorbei – Viktoria …

Das Hauptquartier schwimmt in Wonne – die englische Armee vernichtet …

Furchtbar war dieser Winter gewesen, über alle Maßen furchtbar! Unerträglich das Sterben ringsum, draußen und in der Heimat. Das Sterben, das sich sonst in gesitteten Formen vollzog, es war in Panik ausgeartet. Die Freunde starben, die Dienstboten, die Kutscher fielen von den Kutschböcken, auf der Straße starben die Unglücklichen, man sagte einem Gesunden »Gute Nacht«, und am Morgen hustete er ein paarmal, und schon war er tot. Unerträglich, unerträglich, Tag für Tag zwischen diesen wandelnden gelben und grünen Leichen einherzugehen, diesen Gezeichneten, mit dem Kuß der Verwesung auf der Stirn, selbst solch eine wandelnde grüne und gelbe Leiche, selbst ein Gezeichneter! Unerträglich!

Und die Kinder! Nein, sprechen wir nicht von ihnen, diesen kleinen Gekreuzigten. Haben wir Mitleid! Geboren als Krüppel, mit weichen Knochen, gummiweichen Schädeln, ohne Nägel – und sie starben, siechten dahin an den welken Brüsten verzweifelt weinender Mütter, auch aus den Häusern der wohlhabenden Bürger wurden die kleinen, rührenden Särge getragen. Zu Tausenden und Hunderttausenden gingen sie dahin, ein Strom, Tag und Nacht. Ja, so weit war es gekommen, ohne Übertreibung, wenn auch die Zeitungen nichts darüber schreiben durften, es war England gelungen, zugestanden. Die Sache mit dem Burenkrieg seinerzeit war nur ein harmloses Vorspiel gewesen. Gelungen, zugestanden. Hütet euch, ihr Völker der Erde, seid gewarnt! Fordert nicht Englands Zorn heraus, sein Blick tötet die Frucht eurer Weiber im Mutterleibe.

Unerträglich, völlig unerträglich war das ganze Dasein geworden – und jetzt, war es nicht wie ein Schimmer von Hoffnung?

Vielleicht, vielleicht doch!

Vielleicht würde es zu Ende gehen? Vielleicht …

Alles war zum Einsatz hingegeben: Väter und Söhne, Ernährer, Stützen des Alters, Hoffnung, Glück und Sinn des Lebens, Ehre, die Zukunft des ganzen Volkes, Gesundheit, Vermögen, Vieh, Pferde, die Glocken aus den Kirchen, die Kochtöpfe aus den Küchen – und ein Geschlecht von Neugeborenen – alles, auch das Gehirn unter der Schädeldecke – vielleicht, vielleicht … Die Generale hatten den Wurf getan, die Kugel hüpfte über die glücklichen Nummern – vielleicht …

Wie gefangene Tiere hinter den Gitterstäben tigerten die Millionen an den Eisenstäben ihres Käfigs entlang und witterten hinaus. Es roch nach Befreiung – nicht wahr? Einst hatten ihre Nerven die Erde umspannt, sie waren durchgeschnitten worden und wimmerten. Einst waren sie Menschen, hoffärtig und voller Fehler, aber doch Menschen, jetzt waren sie gefangene Tiere geworden, Verworfene, Verbrecher, Parias, bespien und beschmutzt, Tag und Nacht, vier Jahre lang. Die Luft selbst, die sie in ihrem Käfig atmeten, war vergiftet. Hatte man nicht behauptet, daß sie Fett aus Leichen kochten – hatte man nicht … Aufs Rad geflochten und über langsamem Feuer geröstet. Unbeschützt von einer Rotte von Unfähigen, die in ihren Ämtern schlummerten, die Fingernägel polierten und erhaben waren, erhaben – einfach erhaben.

Die Gewaltigen, die Angebeteten und Vergötterten, sie würden gewiß alles bis ins Kleinste berechnet und beachtet haben, bevor sie sich entschlossen, alles hinzuwerfen – auch das Gehirn unter der Schädeldecke – und die letzte halbe Million zur Schlachtbank führten.

Vielleicht, vielleicht –

Komme, gebenedeiter Tag!

Die Zeitungsfrauen entflohen, die alten Männer, die Zeitungen feilhielten – sie entflohen – sie jagten die Linden hinunter – verfolgt von der Meute. An der Ecke Linden-Friedrichstraße weinte eine Zeitungsfrau, man hatte sie gänzlich ausgeplündert, ohne ans Bezahlen zu denken.

Siebzig Millionen strichen wie Irrsinnige an den Gitterstäben entlang – und die Armee hatte einen Ausfall gewagt, einen glückverheißenden Ausfall.

Verheißungsvoll flatterten die Flaggen im seidigen Blau des Himmels. Hell funkelte die goldene Göttin auf der Siegessäule.

Die Riesenstadt erbebte bis in die entlegensten Vororte. Überall flatterten die Zeitungsblätter. Die Kolonnen der gelben Gesichter selbst belebte die Hoffnung. Die Bewegungen der Erschöpften und Ermüdeten in den Werkstätten wurden rascher. Verheißungsvoll zischte der Dampf, blitzten die Räder.

Selbst in den Augen jener, über die bereits die Agonie ihre Schatten breitete, in den Augen der Verzweifelten, Hungernden, Verhungernden, Sterbenden ersprühte eine leise Hoffnung, der letzte Funke.

Ja, komme, du gebenedeiter Tag!

Aber horch! Was ist das?

Ein Geschrei wie von tausend gemarterten Kindern, ein Geheul wie von tausend gemarterten Hunden – nichts, nein, nichts, es ist nur eine Regimentskapelle, die in die Linden einbiegt. Sie spielt nicht erstklassig, Bucklige, Lahme, Greise – was willst du? – und eben feuert auch die Batterie aus dem Siebziger Krieg Viktoria.

Über den Linden brummt ein Riesenflugzeug, zehn Menschen sind an Bord. Wer sollte es ahnen? Es ist immerhin noch einiges im Lande, nicht viel, aber noch einiges: zum Beispiel die Haare der Frauen für Seile und Webwaren, das Gold in den Gebissen. Die Generale und Gamaschenträger werden nicht zögern.

 

8

Plötzlich leuchtet ein helles Rot durch die Menge, das weithin blendende Rot eines Mantelaufschlages.

Ein Gesicht, rosig angehaucht wie ein Steingebirge beim Ausgang der Sonne, wandelt die Linden einher.

Die Spaziergänger bleiben neugierig stehen. Einer von jenen, die Gut und Blut der Nation in den Händen halten! Ehrfürchtig lüften sich die Hüte, die Augen glänzen.

Es hätte nicht viel gefehlt, und man hätte dem General, der mit Otto die Linden entlangging, eine Ovation dargebracht, obgleich er an den Zehntausenden von Gefangenen gänzlich unschuldig war. Der General hob die Hand zum Gruße. Er nahm diese Äußerung der Begeisterung mit Würde und Bescheidenheit entgegen. Sie galt selbstverständlich nicht ihm, sie galt der unvergleichlichen Armee, sie galt den Begnadeten, Angebeteten und Vergötterten, die jetzt, in diesem Augenblick, das hohe Spiel spielten – da draußen …

Die Miene des Generals war verschlossen und gesammelt wie immer. Trotzdem ein großer, ja ein auffallender Unterschied! Während sich sonst der Blick in die grauen Augenhöhlen verkroch – selten nur, höchst selten bot der General seine Augen den neugierigen, zudringlichen Blicken der Mitmenschen dar – standen heute die Augen offen und blendeten. Ihr Blick war erwärmt, wie wenn die Sonne das Eis leckt. Zufriedenheit leuchtete in der Tiefe und Triumph, ein stiller, zurückgedämmter Triumph. Und zudem ging der General zu Fuß, was nur in äußerst seltenen Fällen vorkam. Zuweilen ließ er sich von Schwerdtfeger in eine entlegene Allee des Tiergartens fahren, um einige Minuten spazierenzugehen, immer hin und her, die Hände auf dem Rücken, höchstens eine Viertelstunde. Manchmal legte er auch den Weg von Dora nach Hause zu Fuß zurück, wenn es spät wurde. Aber das waren, wie gesagt, Ausnahmen.

Er hatte Schwerdtfeger vor dem Brandenburger Tore halten lassen und beschlossen, den Weg bis zu Stifters Diele zu Fuß zurückzulegen. Zur großen Genugtuung Ottos, der, seit acht Tagen aus dem Lazarett entlassen und den ganzen Tag in einem Kriegsamt tätig, das Gewimmel der Menschen liebte.

»Diese Menschen!« sagte der General.

Und erst an jenem Tage, wie da die Linden von Menschen wimmeln würden – an jenem Tage! Kopf an Kopf, an den Fenstern und auf den Balkonen, schwarz die Dächer, die Luft erfüllt von Fliegern und Luftkreuzern. Triumphpforten, die ganzen Linden entlang, Musik – und der Schritt der siegreichen Armee, die in die Heimat zurückkehrte, dröhnend vom Morgengrauen bis zum Sinken der Sonne – jenes Dröhnen, unter dem die Welt erbebt war. Die Fahnen geschmückt mit Lorbeer …

Niemals konnte der General das Brandenburger Tor passieren, ohne daß die Vision des heimkehrenden Heeres vor ihm aufstieg. Heute aber hörte er in der Tat das Dröhnen der Schritte, heute sah er die bekränzten Kanonen zwischen den schwarzen Menschenmauern rollen. Diese wunderbaren, schweigenden Rohre, die so herrlich ihre Pflicht getan hatten! Das Geschrei der jubelnden Menge, Tücherwinken auf den Tribünen – gab es etwas Ergreifendes für ihn, etwas wirklich Ergreifendes, so war es dieser Gedanke. Ohne Zweifel, es würde der glücklichste Tag seines Lebens werden!

Unverkennbar, die Ähnlichkeit der beiden! Dieselben breiten Gesichter, beim Alten grau im Unterton, mit einem dünnen Anflug von Rot darüber, beim Jungen bleich, mit dem satteren Rot der Jugend auf den Lippen. Dieselben Augen, kühn und nachdenklich beim Alten, verwegen und leichtsinnig beim Jungen.

Der Alte mit einem sonderbaren Kreuz zwischen den roten Aufschlägen, der Junge die Brust mit Auszeichnungen übersät, eine Narbe an der Stirn, und die linke Hand steif in einem schwarzen Handschuh, verwundet, offenbar. Beide groß, massig.

Otto versuchte, mit dem Vater Schritt zu halten. Das war nicht so einfach. Denn die Schritte des Generals waren unregelmäßig, und zuweilen schwankte er auch, unmerklich. Er war das Gehen nicht gewöhnt, von Gedanken erfüllt, die seinen Gang beeinflußten.

Der Blick des Generals war voller Ruhe in die Weite gerichtet – Ottos Blick dagegen flog blitzschnell hin und her. Die langen Wochen im Lazarett, vergessen und vorbei. Das letztemal, Gott sei Dank! Er hatte es ausgerechnet, ein volles Jahr, zwölf volle Monate lag er während des Krieges im Lazarett. Vier volle Monate mit diesem verdammten Kopfschuß, einen Monat mit der Ruhr, zwei Monate mit einer niedlichen Gasvergiftung und so weiter – und schließlich diese Kleinigkeit mit der Hand. Die nette Schwester hatte ihm ja den Aufenthalt im Lazarett so angenehm wie möglich gemacht, trotzdem, sein Bedarf war reichlich gedeckt.

Nein, Otto sah keine bekränzten Kanonen, fiel ihm gar nicht ein, er sah nur – Frauen! Drei Jahre Front, nur Männer, pfui! – ein Jahr Lazarett – ja also nichts anderes. Über jede gutgekleidete, junge Frau, mit anderen beschäftigte er sich überhaupt nicht, zuckte sein verwegenes Auge. Kein Knöchel, kein Schuh, keine Hüfte, keine Locke entging ihm. Jene Kleine, zum Beispiel, Dutzendware! Jene Kleine aber, unscheinbar, voller Geheimnisse. Jene dunkle, die das Auge sofort unter dem Blick erweiterte – lüstern! Aber jene Schüchterne, Blasse, die dem Blick augenblicklich auswich – gepeinigt von entsetzlichen Wünschen. Sie verstand augenblicklich.

Die Augen der Frauen sprühten auf, zuckten zusammen, verbargen sich. Manche umschmeichelte Otto weich und schwärmerisch, anderen fuhr sein Blick wie ein Dolch in die Augen, brutal und unzweideutig. Er behandelte sie individuell, ganz wie er sie einschätzte. Viele erröteten unter dem frechen Blick des unverschämten Offiziers. Aber Ottos Eitelkeit deutete die Schamröte völlig falsch.

Dieser Nacken, dieses Schenkelpaar und jenes herrliche, volle Wiegen der Hüfte – drei Jahre Front und ein Jahr Lazarett hatten den Sohn des Generals völlig zerstört.

Ja, das war das Leben, und er gedachte seine Zähne in dieses Leben zu schlagen, wie ein Tiger sein Gebiß in die Gazelle schlägt, er gedachte mit beiden Händen darin zu wühlen, wie in blutigem Fleisch. Sein Gehirn war angefüllt mit weiblichen Körpern, weiblichen Linien, Schwellungen, Frauenlippen, Frauenhaaren, gestammelten Worten, Schreien. Ja, Tag und Nacht wollte er dieses Leben an sich reißen, jede Minute, die der Dienst frei ließ. Er wollte sie nachholen, diese vier elend vergeudeten Jahre. Tag um Tag –

Keine zehn Pferde würden mehr imstande sein, ihn wieder zur Front, ins Feuer zurückzubringen. Alles, die Hölle, wenn du willst, nur nicht ein Ort, wo scharf geschossen wurde! Schon der Gedanke – und doch, früher hatte er sich oft danach gesehnt, die Sprengstücke pfeifen zu hören. Oft hatte er sich dem Feuer absichtlich ausgesetzt, unverständliche, perverse Laune – und die Geschosse peitschten dicht an seinem Ohr vorbei! – unbegreiflich!

Und seine Eitelkeiten – wie lächerlich waren sie doch! Wie unverständlich. Um in der Heimat von ein paar Gänsen bewundert zu werden! Was galten ihm jetzt die Ordensauszeichnungen?

Nein, um offen zu sein, auf den Heldentod legte er keinen Wert mehr! Welch erbärmlicher Schwindel war es doch: süß ist es und ehrenvoll für das Vaterland zu sterben! Nur noch Gymnasiasten glaubten es, oder Leute, die nie den schrecklichen Tod da draußen erblickt hatten. Heute wußte er, daß es nichts als verlogene Phrasen waren, mit denen nationalistische Redner und Redakteure, die sich selbst in Sicherheit befanden, andere ins Gemetzel hetzten. Überlassen wir das Heldentum den Stierkämpfern, die dafür bezahlt werden, hatte Ströbel einmal zu ihm gesagt – und er hatte ihn deswegen verachtet. Jetzt aber begriff er ihn.

Ja, er hatte sich sehr geändert, Otto!

Er begriff kaum mehr sein Denken und Tun, das nur ein Jahr zurücklag. War er es wirklich gewesen?

Zum Beispiel, als er seinerzeit bei Langemarck den schwerverwundeten französischen Offizier in den Graben holte! Holte, ganz einfach holte, und auf alle Metallstücke pfiff, die sich mit fünfhundert oder tausend Metern in der Sekunde vorwärts bewegten. Nein, heute würde er, Otto, bei Gott niemand mehr hereinholen – nicht einmal seinen Vater – höchstens ein schönes, junges Mädchen, und sie nur unter bestimmten Bedingungen.

Der Sohn des Generals war heute nichts anderes mehr als ein Schamloser, offen gesagt. Keck und herausfordernd schritt er neben dem General einher, jeden einzelnen der bewundernden Blicke genießend, die sich auf seine glitzernden Sterne und Auszeichnungen hefteten. Der Mensch spiegelt sich im Menschen. Wie alle Armeen, spekulierte auch die deutsche auf den armseligsten Instinkt des Menschen, die Eitelkeit. Otto hatte absichtlich den Mantel zu Hause gelassen, obschon es noch keineswegs warm war.

»Ha!« lachte der General vor sich hin.

»Wie, bitte, Papa?«

»Diese Menschen, sie sind närrisch!«

Plötzlich errötete Otto. Sein Blick zuckte unruhig, die Narbe an seiner Schläfe, die von dem Kopfschuß geblieben war, färbte sich rasch und flüchtig tiefrot. Ein schnelles, vornehmes, offenes Auto rauschte vorbei und darin saß – Hedi!

Hedi – in einem pompösen Pelz, wehende Federn auf dem Hute – einen wollhaarigen, fetten, kleinen Hund auf dem Schoß.

Sie sah ihn nicht, sie sah überhaupt nicht auf die Straße. Sie saß wie eine Dame, die es gewöhnt ist, in ihrem Wagen durch die Menge zu gleiten und nichts mehr dabei findet.

Es war keine Überraschung mehr für Otto. Vor ein paar Tagen traf er in einer Teestube Unter den Linden, wo viel Halbwelt verkehrte, die kleine Saharet, und sie hatte ihm erzählt, daß Hedi Ströbels »Privatsekretärin« geworden war. Ströbel hatte die Saharet vor die Türe gesetzt, höchst einfach, ein paar braune Lappen – und dann war die andere, wie die Saharet sagte, gekommen. Also Hedi Westphal die Nachfolgerin der Saharet! War es nicht zum Schießen komisch? Immerhin, Hedi erhob sich weit über den Durchschnitt all dieser schnatternden Gänse – aber sie war kalt, kalt und berechnend, nichts als eine Egoistin. Und nichts war Otto mehr zuwider als Egoisten. Aber als Privatsekretärin hätte er Hedi schließlich auch engagiert. Ja, dieser Ströbel!

Einen einzigen großen Nachteil hatte diese Angelegenheit: er würde leider gezwungen sein, den Verkehr in Ströbels »Hotel« einzustellen – schade, sehr schade.

 

9

Sogar bis in Stifters Diele war die Welle der Begeisterung gedrungen. Man vernahm heute sogar Lachen, das helle Lachen einer Dame, ein sonst ganz unerhörter Vorgang in Stifters Etablissement. Knall! Schon knallte es, ganz wie an der Front, wenn die Flieger kamen. Drei, vier Tische tranken Sekt.

Man feierte den Sieg, wollte nicht kleinlich sein heute, ein Glas auf das Wohl der herrlichen Burschen da draußen leeren. Die beiden Rittmeister, die den General zuweilen irritierten, hatten einen ganzen Kreis von Freunden geladen, und der raunende Oberkellner schleppte Flaschen unter beiden Armen. Ein Toast – und dreimal, gedämpft, aber begeistert, hurra! Die Kelche klirrten.

Mit Neid beobachtete Otto die Ausgelassenheit nebenan. Wie gerne wäre er bei ihnen unten gewesen. Ja, man mußte es ihnen lassen, sie legten ein ordentliches Tempo vor! Papas Gesellschaft dagegen – nun Gott sei Dank war es nur dieser eine Abend. Er hatte es Papa heute nicht abschlagen können. Schließlich war er ja um zehn Uhr, elf Uhr spätestens frei. Von elf Uhr an wurde er erwartet.

Schweigend nahm der General die ersten Gänge ein. Seine Augen waren geweitet, und der Blick ging in die Ferne. Er dachte an den 4., 5. und 6. August – damals, Quatre vents!

Er hörte deutlich das Feuer, das furchtbare Feuer, das damals rings um ihn tobte – so, genau so, würde es heute da draußen toben, rollen wie die Brandung eines höllischen Meeres – von Horizont zu Horizont. Krachen, Stampfen, der Himmel stürzt ein, und die Erde klafft in Spalten. Ja, sie sollen es jetzt nur schmecken, das Gelbkreuz und Blaukreuz – diese Unbelehrbaren! Ein Lächeln ohne Erbarmen, voll grausamen Triumphs, umspielte die blauen Lippen des Generals.

Deutlich sah der General das rauchende Schlachtfeld vor sich. Aber, was er nicht sah, das war der kleine, krummbeinige Schneider Hanuschke – der seinerzeit, als Ordonnanz, versehentlich in sein Arbeitszimmer rannte, und den Unwillen Seiner Exzellenz erregte – dieser Schneider Hanuschke, mit dem Querschläger zwischen den Mausaugen, der in dieser Minute, da der General einen Spargel durch die Zähne zog, um sein Leben lief. Nein, ihn sah er nicht.

Wie ein Blitz fegte der kleine, krummbeinige Hanuschke über einen zerwühlten Acker und verschwand in derselben Sekunde in einer Erdspalte, da der General die ausgesogene Spargelstange auf den Teller legte.

Man hatte ihn zu den Strippenflickern kommandiert, das heißt sie mußten die zerstörten Telephonleitungen ausbessern. Eine böse Sache.

Im gleichen Augenblick knallte es auch schon, und Hanuschke zog den Kopf ein. Dann wischte er sich mit dem Ärmel den Schweiß vom Gesicht – ganz wie damals, als er das Arbeitszimmer des Generals hinter sich hatte, mit der gleichen Bewegung – und schon flitzte er wieder wie das Wetter selbst über den Acker, und schon stürzte er sich wieder in ein Loch hinein, diesmal in einen Granattrichter. Dieser Teufel, dieser verfluchte Teufel, keuchte er und horchte – (der General goß eben Fachinger in sein Glas) – niemals in seinem Leben hatte der Schneider etwas Derartiges erlebt. Er, er ganz persönlich, wurde von einem englischen Flieger verfolgt, der ihn für einen Meldeläufer oder Gott weiß was hielt. Dieser Teufel ging bis auf zehn Meter herunter, erspähte ihn immer wieder und warf kleine Bomben herab. Er sah deutlich sein Gesicht, die kleine Bombe in der Hand, selbst den gestutzten kleinen Schnurrbart über den Zähnen – dieses Granatloch bot keine genügende Deckung, und wieder schoß der kleine Schneider dahin – jenem Wäldchen zu: erreichte er es, so war er gerettet. Der Schweiß rann ihm in Strömen übers Gesicht. Solch ein Teufel, ein verfluchter! –

Der General zog eine neue Spargelstange durch die Zähne.

»Und du?« fragte er, ohne Otto anzusehen, nach seiner Gewohnheit.

»Wie beliebt, Papa?«

»Und du?«

»Was soll ich?«

Der General, in Gedanken, schwieg eine Weile, dann begann er wieder: »Ich meine – für dich muß es doch unerträglich sein, nicht an der Front zu sein – gerade jetzt?«

Otto errötete.

»Jetzt, wo für ein Jahrhundert oder länger der Lauf der Geschichte bestimmt wird. In vier Wochen vielleicht, sagt der Arzt?«

»Vier Wochen ist der früheste Termin.«

»Der früheste –?« der General wiegte bedauernd den Kopf. »Weiß Gott, wie die Lage in vier Wochen sein wird, wenn es so weitergeht.«

Nun, Gott mochte es wissen und seine Freude daran haben, ihm, Otto, war es höchst einerlei. Er glaubte nicht recht daran, diese ganze Sache kam ihm abenteuerlich im höchsten Maße vor. Er ergriff die Gelegenheit und brachte dem Vater schonend bei, daß er sich im Westen, in der Nähe seines neuen Amtes, ein Zimmer gemietet hatte, weil der Dienst schon morgens um sieben Uhr begann. Die Wahrheit war, daß er sich der väterlichen Kontrolle entziehen wollte.

»Der Dienst in erster Linie«, erwiderte der General. Er hielt inne.

Am Nebentisch wurde ein neuer Toast ausgebracht. Drei kurze Hurras, schon etwas lauter: der Kaiser!

Der Takt gebot, während des Toastes zu schweigen. –

Aber Hanuschke, der Schneider Hanuschke? Was ist mit ihm?

Der kleine, krummbeinige Schneider fegte immer noch über das Feld, dem rettenden Wäldchen entgegen. Sein Hemd, soweit man von einem Hemd reden konnte, klebte naß an seinem Körper. Hatte man je während dieses ganzen Weltkrieges davon gehört, daß man einzelne Leute mit Flugzeugen jagte? Über diesem Wäldchen zerplatzten Schrapnelle, gelbe und graue Spinnen, aber das war schließlich das Paradies gegen diesen englischen Doppeldecker. Seine zerfetzten Hosen klebten an den Schenkeln. Er setzte über einen gefallenen deutschen Artilleristen, der mit aufgeschlitztem Hals dalag, hinweg – schon brauste das Brummen wieder hinter ihm her. Da aber schrie Hanuschke vor Entsetzen auf. Der Engländer mit seinem gestutzten, kleinen Schnurrbart schien jetzt aufs Ganze zu gehen. Er flog dicht über dem Boden, und schien es darauf anzulegen, ihn zu überfahren. Er hatte neulich gesehen, wie ein deutscher Beobachter mit dem Fallschirm aus einem Fesselballon absprang, den ein feindlicher Flieger in Brand schoß. Sollte man es für möglich halten: der feindliche Flieger kam zurück und schoß auf den mit dem Fallschirm abstürzenden Beobachter, der verzweifelt mit den Beinen ruderte. Das sah komisch aus, wie er in der Luft ruderte, und er, mit anderen Kameraden, hatte laut aufgelacht – aber diese Sache war nicht zum Lachen. Im Gegenteil, dem Schneider passierte etwas, was ihm seit dem ersten Gefecht nicht passiert war. Im letzten Augenblick warf er sich zu Boden, und die Maschine rauschte über ihn hinweg. In voller Geschwindigkeit stießen die Räder auf den Boden, daß der Staub aufwirbelte, und die Maschine wie ein Ball geworfen wurde. Sollte er verrecken, der Teufel! Aber der Teufel kletterte in die Höhe und drehte wieder um. In seiner Verzweiflung lief der kleine Schneider ihm entgegen, durch, krach, aber durch, Glück mußte man haben. Wirbelnd wie eine Windmühle, mit Beinen und Armen fegte er dem Wäldchen zu. Plötzlich aber versank buchstäblich der Boden vor seinen Füßen. Er stürzte und wurde von einer Welle von Erde zugedeckt. Er rang nach Luft, übergab sich und machte sich bleich und völlig kraftlos von der Erde frei. Etwas ganz Unerwartetes war geschehen, etwas, womit er gar nicht gerechnet hatte: eine Granate hatte eingeschlagen.

Zitternd taumelte er vorwärts, keine Kraft mehr. Sein Gesicht blutete.

Zwanzig Schritte noch, zehn Schritte – da war er.

Dampfend warf er sich unter die Bäume und weinte. Es war kein geringer Schreck gewesen. Und er dachte an den Volltreffer seinerzeit – bei Souchez – wie der Feldstecher neben ihm herunterkam – und er dachte, daß er einmal anstatt ins Zimmer Nummer 6, ins Zimmer Nummer 7 lief und plötzlich einem General gegenüberstand. Hätte er diese Dummheit nicht begangen, damals, wer weiß, ob er nicht heute noch gemütlich in Berlin säße?

Ja, er weinte, aus nervöser Erschöpfung, aus keinem anderen Grunde, denn die platzenden Schrapnelle, die Batterien suchten, störten ihn nicht im geringsten. –

Gerade als der General bei dem gefüllten Pfannkuchen angekommen war, war Hanuschke in seinem Wäldchen verschwunden.

Der General handhabte einen Zahnstocher.

Sein Blick ging, etwas düster, über die Tischgesellschaft der beiden Rittmeister hinweg.

»Ruth macht mir Sorge!« sagte er.

»Ruth?«

»Ja. Sie macht mir Sorge!«

»Aber dieser Dietz war ja auch nichts für sie, Papa. Ein oberflächlicher Mensch.«

»Oberflächlicher Mensch?« Voller Erstaunen blickte der General Otto an.

»Ja, gewiß. Herzlich oberflächlich, Papa.«

Der General schüttelte den Kopf.

»Das ist es nicht ...« Und er versank in Nachdenken. Nun, Otto konnte sich wohl denken, was es war! Ruth war wahrscheinlich unvorsichtig genug gewesen, es sah ihr ähnlich, vor Papa ihre Anschauungen auszupacken. Otto hatte sich nie viel um Ruth bekümmert, wie es in ihrer Familie von jeher üblich war, jeder lebte für sich. Aber in letzter Zeit sprach er häufig mit ihr. Er trank sogar einmal Tee in ihrem kleinen Salon, immerhin eine Leistung für einen Bruder. Seit er aber mit Ruth über Tod und Teufel, wie er es nannte, gesprochen hatte, hielt er Ruth für einen der vernünftigsten Menschen seines ganzen Bekanntenkreises, von der Verwandtschaft gar nicht zu sprechen. Sie hatte sich ihr Urteil über die verschiedensten Dinge gebildet – er wollte nur so viel sagen – noch vor einem halben Jahr hätte er sie für völlig verrückt gehalten. In mancher Beziehung allerdings schien es sogar ihm, daß ihre Ansichten – besonders für eine Dame, eine Dame – kein Wunder – der arme Papa!

Er forschte nicht weiter, und der General schwieg.

Eine blaue Flamme hypnotisierte Otto, sie tanzte mitten auf dem Tisch der Gesellschaft nebenan. Es war eine »Feuerzange«, eine hochprozentige Bowle. Ja, wie gerne wäre Otto hinabgestiegen.

Ganz ohne jeden Übergang begann der General plötzlich über die Regierung zu sprechen, deren Unfähigkeit klar zutage trat, wohin sollte es führen? Und der Kaiser? Nur sie allein, jene Männer, die die Armee von Sieg zu Sieg führten, waren imstande, den Frieden zu machen.

Es entging dem General völlig, daß die Gäste des stillen Restaurants in diesem Augenblick von einer eigentümlichen Erregung ergriffen wurden. Erst als alle Köpfe sich nach einer bestimmten Richtung drehten, wurde auch Otto aufmerksam. Irgend etwas wie ein großer Hund schien über die Teppiche des Restaurants zu schleichen, und die Gäste mit Unbehagen, ja Grauen zu erfüllen. Einige runzelten die Stirne, die Brauen der Damen waren entsetzt hochgezogen. Am Tisch der Rittmeister stockte plötzlich die Unterhaltung.

Es war indessen kein Hund, der über die dicken Perserteppiche von Stifters Diele kroch, sondern ein Mensch, ein Soldat in Feldgrau, der sich auf zwei kurzen Krückstöcken dahinschleppte und seine gelähmten Beine hinter sich herschleifte, während schreckliche Zuckungen seinen Körper schüttelten. Auf seinem Kopf saß eine kleine graue Feldmütze, und erst an der Mütze erkannte Otto, daß der Krüppel ein Soldat war. Unerhört, dachte er, einen solchen Menschen auf die Öffentlichkeit loszulassen!

Die Gewandtheit des Oberkellners half den Gästen über die peinliche Szene rasch hinweg. Es gelang ihm, das menschliche Gespenst, das direkt aus den Schützengräben in Stifters Diele gekrochen kam, mit seinem raunenden Gebrummel zum Umkehren zu bewegen.

Die Gäste atmeten auf. Sofort setzte am Tisch der Rittmeister wieder die fröhliche Unterhaltung ein.

Der General hatte in seiner Nische von dem ganzen Vorfall nicht das geringste bemerkt. Während aber der Oberkellner die Türe öffnete, um den Unglücklichen hinauszulassen, drang das feierliche Läuten der Glocken herein, die den Sieg einläuteten.

Da ergriff der General das Glas und erhob sich.

»Unser Vaterland, Otto!« sagte er.

Und Otto sah, zu seiner größten Überraschung, daß die Augen des Generals feucht schimmerten. Nie in seinem Leben hätte er das für möglich gehalten.

Auch sie wird nicht wenig staunen, wenn ich es ihr erzähle, dachte er.

 

10

Schrecklich fiel das Geläute der Glocken in Ackermanns Herz.

Die Luft, schimmernd über der Riesenstadt, heulte und stöhnte. Die Todesschreie von Tausenden, Jammern und Röcheln, Klagen der Witwen und Gewinsel der kleinen Waisen, die nicht wissen, weshalb sie schrein … Wie riesige Mäuler voll Blut schwangen die ehernen Glocken über der Stadt und erbrachen Entsetzen über die Dächer.

Wenn du noch an Gott glaubst, so knie nieder …

Er hatte sie gesehen – nicht sie – die die Hüte schwangen! – hatte sie gesehen – die Felder, über die der Sturm ging. Allmächtiger! Gnade, Gnade in deinem Zorn! Da liegt er – Ebenbild Gottes, Sohn einer Mutter, in Schmerzen geboren, in Sorgen großgezogen – er ist tot – er wird sterben – er stirbt – Da liegt er wieder – – und hier, hier, Stücke, Fetzen – er ist dahin …

Grau war Ackermanns Gesicht.

Grüppchen von Verwundeten, Zerschossenen, die sich gegenseitig stützen, immer wieder fallen, und die furchtbare Bahn der Granate heult über sie hinweg – Unglückliche, die verkommen, wenn der Zufall ihnen nicht gnädig ist. Und die Verbandplätze, wo die Ärzte mit schweißigen, stieren Augen arbeiten – und die furchtbare Bahn der Granate heult über sie weg …

Sonderbarerweise fiel ihm in diesem Augenblick ein längst vergessenes Erlebnis ein. Das Regiment hatte gestürmt. Über einem zerschossenen englischen Graben lag, das Haupt zurückgebogen, ein toter Inder. Schön und edel, den Adel seiner tausendfach geschändeten und vergewaltigten Rasse in den Zügen. Und – was denkst du? – die schweißnassen, blutnassen, rauhen Hände der Kameraden, die rauhen Hände von Arbeitern und Bauern streichelten das Gesicht des toten Inders, während sie vorübergingen. Streichelten es, einer um den andern. Schön bist du! – Hast es gut jetzt, keine Sorgen mehr. – Nun, mein Junge, dich hat es gepackt! – Liebkosten ihn – den Bruder!

Den Bruder, den Bruder!

Wie Keulenschläge trieben die Glocken Ackermann vorwärts. Sein flatternder Mantel flog dahin.

Ja, ja, dreimal heiliges Ja! Gott weiß es!

Einer mußte den Anfang machen! Einer mußte sich den im Wahnsinn dahinjagenden Völkermassen entgegenwerfen – einer mußte das Signal geben, selbst Signal sein – einer, einerlei, ob man ihn niederschlug, in Stücke zerriß. Einer, andere würden folgen, mehr, immer mehr!

Einer, ja, einer –

Der flatternde Mantel blieb stehen, Verzückung lag auf Ackermanns Antlitz.

»Nun wohl, ich bin bereit!« rief er.

Bereit, bereit? Wozu bereit?

»Nun bereit, einfach bereit!«

Es war beschlossen. Seit heute, seit gestern, seit Monaten, seit Jahren. Es war beschlossen, seit er 1914 bei Langemarck stürmte, und die Reihen der Kameraden auf rätselhafte Weise dahinsanken. Nun wußte er es. Gott hatte ihn geprüft und auserwählt.

Alles war vorbereitet. Die Broschüre war fertig. Richard, sein jüngerer Bruder, würde sie wie anderes früher in der Provinz drucken lassen – die Freunde würden sie vertreiben. Die Mutter? Sie mußte begreifen. Und Ruth? Ruth war tapfer. Es war alles in allem nicht die Zeit, an diese Dinge zu denken.

»Vorwärts! Vorwärts!« Die Glocken heulten es, die Todesschreie in der Luft, das Röcheln der Sterbenden, das Jammern der Witwen und Winseln der armen Waisen – die Kameraden riefen es ihm zu, über die jetzt, in dieser Minute, die furchtbare Bahn der Granate hinwegheulte, die Kameraden, die jetzt mit starren Augen lagen, Freund wie Feind, die jetzt verbluteten, Freund wie Feind – alle, alle: vorwärts!

»Ackermann! Ackermann!« riefen warnende Stimmen in der Luft.

Er blieb stehen und warf die Blicke empor zu den unbekannten Stimmen in der Luft.

»Ackermann! Ackermann!«

»Bereit – bereit!« rief Ackermann und eilte weiter.

 

11

Im Augenblick hatte der schmächtige junge Mann die Fenster geöffnet und die Rolladen hochgezogen. Es sah aus, als sei Kunze soeben von der Reise zurückgekehrt und nehme seine Wohnung in der Blücherstraße wieder in Besitz. Eine Schicht von Staub und Sonne lag über den Dächern draußen, und feierlich brodelte darin das Läuten der Glocken.

»So, so – immer hereinspaziert!«

Zögernd schob sich der kleine Herr Herbst über die Schwelle. Es mußte ja sein, es gab kein Entrinnen mehr vor dem jungen Mann mit dem Kneifer. – Ein Block von Licht brach in die dunkle Wohnung, und er schloß, wie versengt, die Augen – aber was half es denn? Nichts. Er hatte ihn ja doch gesehen, trotzdem, ja ohne hinzublicken: den Haken über der Türe zum Schlafzimmer. Nur ihn sah er – nichts sonst – diesen Haken.

Ah, ah, ah!

Ächzend sank er in einen Sessel und krümmte sich zusammen.

»Nun, sofort, mein verehrter Herr!« rief Kunze etwas keuchend aus. Eine Schweißperle lief über seine Stirn. Jede körperliche Tätigkeit, auch die geringste, erschöpfte ihn augenblicklich. »Die Lunge, wissen Sie. Sofort, sofort zu Ihrer Verfügung.« Fieberhaft kletterten seine raschen Augen über Möbel und Wände. Er verbarg sein Erstaunen nicht, nein, wozu denn, vor wem denn? Er staunte – staunte, mit offenem Munde!

Die rote Plüschgarnitur des Wohnzimmers, heute allein ein Vermögen wert! Die Gaskrone mit Glasprismen, der rote Teppich, überall Vasen, Nippes, goldene Bilderrahmen – eine kleine Palme in der Ecke, daneben ein Grammophon. Die Vorhänge und Gardinen kunstvoll drapiert über den Stangen. Das Schlafzimmer schneeweiß! Und peinliche Ordnung und Sauberkeit, bis auf den Staub, der sich da und dort angesammelt hatte.

Alles in allem: ein behagliches Bürgerheim, die Wohnung eines Bürgers in guten Verhältnissen – aber verlassen!

»Und da hausen Sie nun in diesem Loch, in dieser Mietkaserne – und hier haben Sie eine prächtige Wohnung!« rief Kunze in äußerstem Erstaunen aus.

Herbst entgegnete nichts. Er hatte den steifen Hut aufbehalten und saß zusammengekrümmt, so daß sein Gesicht nicht zu sehen war. Die schmalen Schultern in dem abgeschabten, rostfarbenen Havelock zitterten.

»Ist es zu glauben? Ja eine prächtige Wohnung! Und Sie haben keine Angst vor Einbrechern? Mein Himmel! Tag und Nacht wird ja jetzt gestohlen in Berlin. Die Stadt wimmelt von Dieben und Einbrechern. Bataillone, Armeen von Dieben und Spitzbuben sind an der Arbeit!«

»Niemand« – krächzte hier der Havelock – »kein Einbrecher würde es wagen. Auf der Schwelle würde er umkehren! Niemand!«

Kunze lachte laut und belustigt. Er warf den dünnen Überzieher und das grüne Hütchen auf einen Sessel und schnüffelte von neuem durch die Wohnung. Er war ganz in seinem Element. Seine kleinen Augen, die stumpf und dumm hinter den Gläsern aussahen, glänzten vor Begierde. In Schränke, Schubfächer, Nachttische, sogar hinter Vorhänge steckte er die spitze Nase. Jedenfalls, das stand fest, jedenfalls würde er sich in den Besitz dieser Wohnung setzen – er würde sie einfach für Dienstzwecke anfordern, ein Federstrich, und hier war er. Man konnte hier die verwöhntesten Damen empfangen – und in welch elendem Loch hauste er doch zurzeit!

In der Küche streckte er vor Überraschung die Zunge aus dem Munde. Ahnungslos, ja, ohne überhaupt etwas zu denken, hatte er dieses Spind geöffnet, und siehe da: Wein, Wein, Flasche an Flasche! Bordeaux, Burgunder, Mosel, drei, vier Dutzend, und alles Friedensware! Nicht zu bezahlen heute. Wein, seine Wonne, seine –! Im Nu, völlig automatisch, hatte er eine Flasche entkorkt.

Und das Geheimnis dieses kleinen Alten, der dunkle Punkt? Es war ihm nicht bange.

»Welche Reichtümer, Herr Herbst!« lachte Kunze, als er mit der Flasche aus der Küche zurückkam. »Ein sonderbarer Heiliger sind Sie! Nun wollen wir aber Ihre Heimkehr in Ihre Wohnung feiern. Ich darf eingießen? Nun, ein Gläschen werden Sie nicht ausschlagen, wie? Ja, herrlich ist es hier, direkt anheimelnd, als ob ich zu Hause wäre.«

Ohne Umstände machte er es sich auf dem Plüschsofa bequem.

»Auf Ihre Gesundheit, Herr Herbst!«

Herr Herbst hatte den Hut abgenommen – aufgeschreckt durch das laute Freudengeschrei in der Küche und das Knallen des Korkes – und sein kleiner, gelber, verrunzelter Kopf erschien Kunze wie eine Rübe, eine wirkliche Rübe, die da und dort schon etwas Schimmel angesetzt hat.

»Ja, direkt anheimelnd. Ganz wie bei uns zu Hause. Mein Vater – sagte ich Ihnen das schon? – ist Prediger in einem Kirchspiel. Liebt sein Weinchen, seine Zigarren und lobt den Herrn! Ja, so ist er nun einmal, sehen Sie. Sobald er aber in seinen Talar schlüpft, versteht er keinen Scherz mehr, nein, ich bitte Sie – um Gottes willen, ernst, würdevoll, der Hirte seiner Schäfchen. Als nun der Krieg ausbrach, da sagte er zu mir: ‚Melde dich sofort, eile zu den Fahnen, es ist deine sittliche Pflicht, ziehe hinaus. Kämpfe‘, so redete er – der kategorische Imperativ – Kant – er ist Philosoph, mein Vater – ah, ah, was für ein Weinchen!«

Auf der Kommode, dem roten Plüschsofa gegenüber, stand in einem breiten Rahmen die vergrößerte Photographie eines jungen Soldaten mit frischem, keckem Jungengesicht. Ein Jäger, feldmarschmäßig ausgerüstet, den Gewehrlauf mit Blumen geschmückt. Der Rahmen des Bildes war mit Trauerflor umhüllt, ein Paar Leuchter mit herabgebrannten Kerzen, standen davor. Das war er wohl, sein Sohn, der gefallen war. Wie hieß er doch – Robert.

An der Wand, über dem Jäger mit dem frischen Jungengesicht, aber hingen zwei Bildnisse in ovalen Rahmen: eine etwas korpulente Dame mit voller Büste, vollen Wangen, einem kleinen Fettkinn und auffallend großen runden Augen. Die Dame lächelte freundlich, gutmütig, ein bißchen verlegen. Eine Kette mit einem großen Kreuz trug sie um den Hals. Daneben: ein Herr, etwas hochmütig, voller Würde, das volle dunkle Haar peinlich gescheitelt, die Augen zuversichtlich in die Ferne gerichtet. Im Gehrock, schmaler schwarzer Binde – ein Beamter, der bei seinem Vorgesetzten Besuch macht. Sah man die korpulente, freundlich lächelnde Dame an, so schien sie augenblicklich den kleinen Mund zu öffnen und zu plappern, zu sprudeln – der Herr aber, würdevoll, blieb stumm, schweigsam. Die Hand hatte er etwas steif und gravitätisch zur Hälfte in den schwarzen Gehrock geschoben – eine kleine Hand …

»... schlage sie aufs Haupt –« sagte also mein Vater, er ist glühender Patriot – »diese vom Teufel Besessenen, die aus Neid und Rachsucht über unser geliebtes Vaterland herfallen – schlage ihnen die Schädel ein, zerreiße sie in Stücke – der Herr will es! Sofort packst du deine Sachen! Nun, mit dem Felde war es ja leider, leider nichts. Ich sagte Ihnen ja schon, meine Lunge. Aber jeder nach seinen Kräften, nicht wahr? Das war nun nicht ganz nach dem Geschmack –«

Plötzlich stockte Kunze. Er war in das Studium dieser kleinen Hand des Beamten im schwarzen Gehrock versunken. Er stutzte, rückte den Kneifer zurecht – schlürfte am Glas. Hm!

War es denkbar?

Wie, wie, wie, sollte er, dieser Würdevolle, Gemessene, Schweigsame, mit dem zuversichtlich in die Ferne gerichteten Blick –?

Und diese fahlgelbe – Rübe, etwas angeschimmelt, mit Erlaubnis zu sagen – sollte sie –?

Ja, unmöglich, ganz unmöglich! Und doch, diese Hand, das kleine Näschen und selbst das kurze Schnurrbärtchen, jetzt zwar grauer und schäbig – so unglaublich es erschien, dieser Ernste, Würdevolle in seinem Gehrock, und der Kleine, Glatzköpfige, Vertrocknete, Verkommene, mit den entzündeten, vergilbten Augen, sie waren in der Tat ein und dieselbe Person!

Kunze verlor vor Erstaunen völlig den Faden seines Geschwätzes. Er erhob sich und tupfte das Gesicht mit dem Taschentuch.

Hm. Er polierte den Kneifer, ging auf und ab und verschwand schließlich in der Küche, um eine neue Flasche zu holen. Seine Miene hatte sich verändert, als er zurückkehrte. Sachlich und kühl betrachtete er den kleinen Herrn Herbst. Er goß die Gläser voll, räusperte sich und begann:

»Aber genug mit dem Schwatzen jetzt« – ruhig und geschäftsmäßig klang seine Stimme – »Wir haben, wie ich mir schon zu bemerken erlaubte, keine Zeit zu verlieren, der Major drängt, nun, er wird wieder von dem Oberst gedrängt, Sie wissen ja, wie es beim Militär zugeht. Seitdem sich nun diese hohe Persönlichkeit in die Sache gemischt hat –«

»Eine hohe Persönlichkeit?« Herr Herbst horchte plötzlich auf.

»Ja, ja. Ich kann Ihnen nicht mehr sagen. Es ist einer der sonderbarsten Fälle, die die Abteilung seit langer Zeit zu bearbeiten hatte.«

»Eine hohe Persönlichkeit?«

»Ein sonderbarer Fall. Nicht Sie allein erstatteten in dankenswerter Weise Bericht – nein, auch von anderer Seite werden gleichzeitig, hören Sie, gleichzeitig, Informationen verlangt – aber, erlauben Sie, daß ich abbreche … Ich bin zu meinem Bedauern genötigt, zur Abrundung meiner Nachforschungen über Ihre werte Persönlichkeit, eine Frage an Sie zu richten, dienstlich. Ein einziger Punkt noch, wie gesagt. Bevor ich aber diese Frage an Sie richte, bitte ich ergebenst, dieses Schriftstück lesen zu wollen.«

Mit einer gemessenen Feierlichkeit überreichte der Schmächtige einen auf Leinwand aufgezogenen Ausweis.

Der kleine Herr Herbst las ihn mit seinen entzündeten Augen, las, verstand und zitterte. Schwarz auf Weiß war hier zu lesen, daß Herr Gottlieb Kunze berechtigt war, Verhaftungen vorzunehmen …

»Sie haben Kenntnis genommen –?«

»Ja, ja – Kenntnis –«

»Nun, und so richte ich also die Frage an Sie –«

Der Havelock erhob sich erbleichend.

Zwei scharfe, messerscharfe Augen richteten sich auf ihn. Der Kneifer funkelte.

»Herr Herbst – ich scherze jetzt nicht mehr!«

»Nein, nein!« stotterte der alte Mann.

Die messerscharfen Augen kamen näher. Kunze hatte jetzt den Kneifer abgenommen.

»Weshalb haben Sie –?«

»Nein, nein – ah, Gott im Himmel!«

»Weshalb haben Sie Ihre Wohnung verlassen?«

Augenblicklich brach der kleine alte Mann zusammen. Er bedeckte das Gesicht mit den kleinen Händen und sank in den Sessel.

»Herr Herbst!«

Sofort fuhr der kleine alte Mann wieder auf und wich zurück. »Ich kann nicht – ich kann nicht – so wahr Gott lebt –« rief er und richtete die Augen flehend auf Kunze.

»Herr Herbst!« Eine Hand erhob sich.

Der kleine alte Mann wich zum Fenster zurück und faßte nach dem Fensterkreuz.

Die Hand griff nach den Rockschößen.

»Aber, Sie werden doch nicht –? Kommen Sie!«

Ohne jeden Widerstand ließ sich der kleine alte Mann von Kunze zum Sessel zurückführen.

»Beruhigen Sie sich«, sagte die kalte, dienstliche Stimme. »Haben Sie Vertrauen. Berichten Sie. Ich selbst werde Ihr Anwalt sein, die Sache so darstellen … einerlei, was es auch sei – bitte, trinken Sie, so, so! Auch ich bin ja ein Mensch. Aber die Pflicht, Sie verstehen –«

Der kleine alte Mann nickte.

Kunze selbst war totenbleich geworden vor Erregung. Sein Spitzelgehirn arbeitete – sensationelle Enthüllungen, ein Staatsverbrechen, Vorgesetzte, Beförderung, das Eiserne Kreuz …

»Sie waren ja selbst Beamter und wissen, was es bedeutet, dienstlich –«

Der kleine alte Mann rang die Hände und schluchzte. Dann setzte er sich aufrecht, gab sich Haltung – ganz wie auf dem Bilde an der Wand, ein Schatten der früheren Erscheinung.

»Ich weiß, weiß, auch ich war Beamter. Nun gut, da Sie dienstlich Auskunft verlangen – ich werde versuchen, Ihnen eine Erklärung zu geben. Es fällt mir schwer, meine Gedanken, meine Worte – alles ist nicht mehr wie früher – Gott im Himmel, es ist ja unmöglich, es zu sagen –«

»Beruhigen Sie sich. Wir haben ja Zeit, können den Abend in aller Ruhe zusammen verbringen.«

»Wir hatten also einen Kanarienvogel –« begann der kleine alte Mann stammelnd.

»Kanarienvogel? Fahren Sie getrost fort.«

»Einen Kanarienvogel – namens Hansi. Dieses Tierchen flog immer in der Stube umher, in allen Stuben, machte etwas Schmutz, aber wir liebten das Tierchen – und meine Frau liebte Hansi ganz besonders ...«

»Ich verstehe, die Damen –«

»Ja, aber was wollte ich eigentlich? Hansi? Was hat Hansi damit zu tun? Sie können noch den Käfig in der Küche finden. Ja, aber was sollte er –?«

»Überstürzen Sie nichts – eines um das andere.«

»Hm. Sie wurde immer merkwürdiger, ja, das war es. Sie sprach eigentlich nur noch mit dem Vögelchen.«

»Ihre Frau?«

»Ja, sie. Immer stiller und merkwürdiger. Ich selbst, ich ging ja aus, ging in eine Kneipe, trank – Sie verstehen, es ist nicht nötig zu sagen, weshalb ich trank.«

»Unser Junge war ja unser ganzer Lebensinhalt geworden. Ich war in Pension gegangen, und wir waren seiner Studien halber nach Berlin gezogen. Da kam der Krieg, er wurde Soldat, Jäger, und schließlich kam er ins Feld. Eines Tages aber, da kam die furchtbare Nachricht – eines Tages ...«

»Er war gefallen.«

»Gefallen?«

»Ja, natürlich, Sie sagten –«

Der kleine alte Mann schüttelte den Kopf.

»Nicht gefallen, Herr,« flüsterte er, »in den Tod gehetzt – ich habe Unterlagen, Briefe – geschlachtet, nutzlos –«

»Sie sollten nicht derartig schwere Anschuldigungen erheben gegen gewisse Persönlichkeiten«, warf Kunze nicht ohne Strenge ein.

»Nun gut, gefallen, ganz wie Sie wollen. Es wurde immer stiller hier, immer stiller – meine Frau verließ nicht mehr die Wohnung, keinen Schritt tat sie über die Schwelle. Sie saß immer hier. Aber plötzlich saß sie nicht mehr, sondern sie stand – hören Sie – zuerst mitten im Zimmer, dann nur noch in den Ecken.«

»Sie war wohl schwermütig geworden?«

»Ja, schwermütig. Sie ertrug es nicht, nein, es war zuviel für sie! Zuviel, zuviel! Und nun, eines Abends komme ich spät nach Hause. Es war Mondschein. Ich sah also ziemlich gut. Und da steht sie also hier – unter der Türe. Hier, sehen Sie.«

»Ja!«

»Aber sehen Sie – sie stand so hoch! Nun, denke ich – da ist wieder mal Hansi auf den Schrank geflogen, wie häufig, und sie will ihn einfangen – aber plötzlich, da sehe ich … Da kommt es mir eigentümlich vor, ei …, ei … sie antwortet nicht. Aber sie antwortete häufig nicht mehr in dieser Zeit. Nun aber, da denke ich – da sehe ich – worauf stand sie eigentlich? Sie stand auf nichts! Ihre Füße waren abwärts gerichtet – und darunter war nichts – nur Mondlicht – nichts sonst – ich sah es ganz klar und deutlich … sie schwebte in der Luft ... und da begriff ich es … dieser Augenblick – –«

Enttäuschung in den Zügen des schmächtigen jungen Mannes! Er hatte etwas ganz Besonderes erwartet – und nun eine alltägliche Geschichte, wie sie sich während des Krieges hundertmal in Berlin ereignete.

Der kleine alte Mann röchelte. Er sprang auf und schleuderte die kurzen dünnen Arme wild durch die Luft. Er ballte die kleinen gelben Fäuste und schüttelte sie in Raserei. Sein Gesicht verzerrte sich, die gelben Zahnstumpen blinkten, Schaum trat vor seine Lippen.

»Und alles daher –« schrie er außer sich, und sein Gesicht wurde plötzlich blau, so daß Kunze erschrocken zurückwich – »alles daher, daher! Deshalb hasse ich ihn – hasse ihn, den Hoffärtigen, hasse ihn … mit diesen Händen werde ich – so wahr mir Gott helfe … hasse ihn –«

»Hasse – hasse …« Seine Hände zuckten.

Und plötzlich stürzte der kleine alte Mann zu Boden. Er war ohnmächtig geworden.


Das Grammophon neben der kleinen Palme in der Ecke grölte:

Die Vöglein im Walde,

Die singen ja so wunderwunderschön,

In der Heimat, in der Heimat,

Da gibt’s ein – ha! ha! ha!

Ja, die Platte war verdorben, und immer am Schluß – beim Wiedersehn – lachte der Apparat. Und immer mußte Kunze aufspringen und die Kurbel neu andrehen.

Kunze lag auf dem Sofa und schlug mit den geflickten, glänzend gewichsten Stiefeln den Takt auf dem Armpolster. Zuweilen unterbrach er sein Geschwätz und sang eine Strophe des Soldatenliedes mit, zuweilen auch rülpste er, mit Respekt zu vermelden. Eine Reihe leerer Flaschen stand auf dem Tisch mit der gestickten, lachsroten Decke – dem Stolz der Freundlichen, Korpulenten an der Wand.

Herr Herbst saß mit roten Bäckchen, die Äuglein glänzend vom Wein, und paffte eine kleine schwarze Zigarre. Er trank nicht aus dem Glas, o nein, Kunze hatte so etwas noch nie gesehen, er setzte einfach die Flasche an den Mund und ließ den Wein in die Kehle hineinlaufen. Mit gespannter Aufmerksamkeit hörte er Kunze zu.

»– und auf diese Weise, sehen Sie, Verehrtester, kam ich also zu G III.«

»G III?«

»Ja, G III. So heißen wir. Nur eine Chiffre. So geheim sind wir, ganz geheim – pst, pst! Ja, nicht einmal einen Namen haben wir.«

»Viele Beamte?«

»Viele?«

Kunze lachte und richtete sich zur Hälfte auf. Das Gesicht des kleinen Herrn Herbst erschien ihm nun langgezogen, mit turmhoher Stirn, wie in einem Lachkabinett. »Viele, sagen Sie?« wiederholte er geheimnisvoll und wichtigtuerisch. »Viele? – Wir sind Legion!«

»Legion?«

Die turmhohe Stirn sank in sich zusammen, und eine runde Rauchwolke erschien an ihrer Stelle. Herr Herbst war vor diesem Wort zurückgeprallt und hatte erschrocken den Rauch ausgestoßen.

»Ja, Legion, überall und allgegenwärtig. Selbst da, wo uns niemand vermutet. Ja ja, mein Verehrtester – überall. In allen Städten Deutschlands – bei allen Generalkommandos – bei allen Behörden – bei der Post, Eisenbahn – in den Ministerien – G III ist einfach überall.«

In der Heimat, in der Heimat,

Da gibt’s ein – ha! ha! ha!

Kunze schnellte in die Höhe, und augenblicklich begann der Trichter von neuem zu heulen:

Ich hatt’ einen Kameraden …

»Ja, überall. Niemand weiß, ob das Auge von G III nicht auf ihn gerichtet ist. Selbst ich weiß es nicht, ob ich nicht selbst wieder beobachtet werde! Ja, so ist es, bei Gott! Alle Kulturstaaten haben diese Einrichtung, geben Millionen dafür aus – unsere Organisation ist sogar noch klein im Vergleich zu der anderer Großmächte. Klein, im Verhältnis, aber sie arbeitet zuverlässig. Sie können mir ruhig glauben.«

»Wir öffnen Koffer unterwegs, so daß der Eigentümer es nicht merkt, besonders das Öffnen von Briefen ist unsere Spezialität. Wir überwachen die Korrespondenz von Tausenden!«

»Wir nehmen ganz einfach Abschriften, und wenn es besonders interessante Fälle sind, photographische Kopien. Wir wissen alles, wir kennen die Geheimnisse der höchsten Persönlichkeiten. Wir erscheinen als Kellner in den Restaurants, wo irgendeine besondere Sitzung veranstaltet wird, da sind wir dabei. Selbst bei den hohen Würdenträgern unserer Verbündeten haben wir unsere Agenten. Wir bohren Löcher durch Türen und öffnen Schreibtische. Fürsten, Minister, Abgeordnete – wir kennen ihre geheimsten Gedanken.«

»Ja, wir machen alles! Ihr junger Schützling, Verehrtester – er ist in guten Händen. Und auch jene hochgestellte Persönlichkeit, die sich für den Lebenswandel ihres Töchterchens interessiert – auch sie wird zufriedengestellt werden. Ja, wir machen alles. Und Sie und ich – was glauben Sie? – wir werden einen Orden erhalten – auch Sie, hören Sie! Ich werde dafür sorgen, ich! –«

Aber da der Havelock selbst bei dieser blendenden Eröffnung still blieb, hob der Semmelblonde wiederum den Kopf über die Tischplatte. Das Gesicht des kleinen Herrn Herbst hatte sich abermals völlig verändert, es war ohne Augen, ohne Nase und ohne Mund, dagegen umgeben von einem dünnen, grauen Backenbart. Es war die Glatze des kleinen Herrn Herbst, der eingeschlafen war. In diesem Augenblick geriet der Havelock ins Gleiten, und ohne Laut sank er auf den Boden.

»Und noch eine Mosel – und noch eine Mosel – dreimal hoch!« sang Kunze mit hellem Tenor und begab sich im Foxtrott hinaus in die Küche. Fürchterlich schlingerte das Haus.

»Gloria – Viktoria –« heulte das Grammophon ganz allein für sich.

 

12

Vor dem grauen Hause in der Tiergartenstraße hielt Ackermann den Schritt an.

Unendlich zart umschlang ihn ein Arm.

»Ich werde mir Mühe geben«, flüsterte eine weiche, unendlich geliebte Stimme.

»Ich weiß es!«

»Ich werde versuchen, stark zu sein, obschon ich wenig Mut habe.«

»Du bist tapfer.«

»Wann?«

»Bald!«

»Du wirst mir Nachricht geben?«

»Du wirst es fühlen.«

»Ja, ich werde es fühlen!«

»Lebe wohl!«

Eine Weile wartete Ackermann noch, bis die Haustüre ins Schloß fiel.


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