Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Sechstes Kapitel

Das große Theater war in einen Saal umgewandelt und hatte, voll erleuchtet, bereits die beiden Hauptkörper des Festheeres, die, welche das Fest geben, und die, welche es sehen sollten, in sich aufgenommen. Während in den Logenreihen die wohlhabendere und gebildete Hälfte der Stadt in vollem Schmucke versammelt harrte, den königlichen Hof in der Mitte, waren die Seitensäle und Gänge dicht angefüllt von den sich ordnenden Künstlerscharen. Hier wogte es hundertfarbig und schimmernd durcheinander. Jeder war für sich eine inhaltvolle Erscheinung, und indem er selber etwas Rechtem gleich sah, betrachtete er freudig den Nächsten, welcher, durch die schöne Tracht gänzlich umgewandelt, nun ebenfalls so vorteilhaft und kräftig erschien, wie man es gar nicht in ihm gesucht hätte.

Allen klopfte das Herz vor froher Erwartung, und doch hielten sie sich ruhig und gemessen, wie Leute, welche fühlten, daß ihnen eine schönere äußere Erscheinung für das ganze Leben gebührte und nicht bloß für eine Nacht.

Seltsame Zeit, wo die Menschen, wenn sie sich freudig erheben wollen, das Gewand der Vergangenheit anziehen müssen, um nur anständig zu erscheinen! Und allerdings ist es ein prickliches Gefühl zu wissen, daß die Nachkommen unsere jetzige Tracht nur etwa hervorziehen werden, um sich im Spotte zu ergehen, wie wir dies jetzo mit derjenigen des achtzehnten Jahrhunderts tun, welches sich selbst doch so wohl gefiel. Und wir können uns nicht anders rächen, als indem wir, wie öfter geschieht, die verborgene Zukunft in mutmaßenden Zerrbildern lächerlich machen und zum voraus beschimpfen! Wann wird wieder eine Zeit kommen, wo wir uns um die eigene Achse drehen und uns in eigener Gegenwart genügen?

Nun öffneten sich endlich die Türen, und die Trompeter und Pauker, welche klangvoll erschienen, verbargen in ihrer Breite den hinter ihnen anschwellenden Zug, so daß man ungeduldig harrte, bis sie weiter vorgeschritten und der reichen Entfaltung Raum gaben. Ihnen folgten zwei Zugführer mit dem alten Wappen von Nürnberg, dem Jungfernadler auf den weißen und roten Wappenröcken, und hinter ihnen schritt schlank und zierlich einher, in dieselben Farben gekleidet, aber mit einem mächtigen Laubkranze auf dem Kopfe, der Zunftführer, welcher der stattlichen Zunft der Meistersänger voranging mit seinem goldenen Stabe. Alle bekränzt, ging jetzt die gute Schar der nürnbergischen Meistersänger daher mit ihrer Spruchtafel, die Jugend, in welcher noch das abenteuernde Wanderblut wallte, voran in kurzer Tracht mit der Zither auf dem Rücken; dann aber folgten die Alten, um den ehrwürdigen Hans Sachs gesellet; dieser stellte sich dar in dunkelfarbigem Pelzmantel, ehrbar und stattlich wie ein wohlgelungenes Leben und doch mit dem Sonnenschein ewiger Jugend um das weiße Haupt. Das junge Weib mit voller Brust und rundem Leib, wie Goethe sang, hatte ihm gezeigt:

»Der Menschen wunderliches Weben,
Ihr Wirren, Suchen, Stoßen und Treiben,
Schieben, Reißen, Drängen und Reiben,
Wie kunterbunt die Wirtschaft tollert,
Der Ameishauf durcheinander kollert! –
Unter dem Himmel allerlei Wesen,
Wie ihrs möcht in sein'n Schriften lesen.«

Welcher auch das alte Weiblein zu ihm gleiten sah:

»Man nennet sie Historia,
Mythologia, Fabula.
Sie ist rumpfet, strumpfet, bucklet und krumb,
Aber eben ehrwürdig darumb« –

auch welcher tat einen Narren spüren

»mit Bocks- und Affensprüngen hofiren;«

welchem endlich stieg

»auf einer Wolke Saum
Herein zu's Oberfensters Raum
Die Muse, heilig anzuschaun
Wie'n Bild unsrer lieben Fraun.
Die umgibt ihn mit ihrer Klarheit,
Immer kräftig wirkender Wahrheit.« –

Und obgleich hier der Sängergreis ganz erschien, wie ihn sein wackerer Schüler Puschmann beschrieben:

»In dem Saal stund unecket
bedecket
ein Tisch mit Seiden grüne,
am selben saß
ein Alt Mann, was
grau und weiß, wie ein Taub dermaß,
der hett ein'n großen Bart fürbas;
in ein'm schönen großen Buch las
mit Gold beschlagen schön;«

so verstand der Darsteller doch sein Urbild so wohl, daß man ihm noch ansah, was Goethe wieder sang:

»Ein holdes Mägdlein sitzend warten
Am Bächlein beim Holunderstrauch;
Mit abgesenktem Haupt und Aug
Sitzts unter einem Apfelbaum
Und spürt die Welt rings um sich kaum;
Hat Rosen in ihr'n Schoß gepflückt
Und bindet ein Kränzlein gar geschickt
Mit hellen Knospen und Blättern drein.
Für wen mag wohl das Kränzel sein? –
– Wie er den schlanken Leib umfaßt,
Von aller Müh er findet Rast;
Wie er ins runde Ärmlein sinkt,
Neue Lebenstäg und Kräfte trinkt. –
– So wird die Liebe nimmer alt
Und wird der Dichter nimmer kalt.« –

So ging er jetzt im Schmucke des Alters und der Poesie daher, ein großes Buch tragend.

Aber das bürgerliche Lied war dazumal so reich und überquellend, daß es mit jeder Meisterschaft unzertrennlich war und hauptsächlich auch unter dem Banner der nun folgenden Baderzunft hinter Schermesser und Bartbecken herging. Da war unter den kränzegeschmückten Gesellen Hans Rosenplüt, genannt der Schnepperer, der vielgewanderte Schalks- und Wappendichter, ein krummbuckliger munterer Gesell mit einer großen Klistierspritze im Arm. Mit langen Schritten folgte diesem der hochbeinige magere Hans Foltz von Worms, der berühmte Barbier und Dichter der Fastnachtsspiele und Schwänke und als solcher Genoß des Rosenplüt und Vorzünder des Hans Sachs. Zwei Bartscherer und ein Schuhmacher pflegten so das zarte Schoß des deutschen Theaters.

Liederreich waren alle die alten Zünfte, die jetzt folgten in ihren bestimmten Farben an Kleid und Banner; die Schäffler und Brauer, die Metzger, welche in rotem und schwarzem, mit Fuchspelz verbrämten Zunftgewande höchst tüchtig aussahen, sowie die hechtgrauen und weißen Bäcker; die Wachszieher, lieblich in Grün, Rot und Weiß und die berühmten Lebküchler, hellbraun mit Dunkelrot gekleidet; die unsterblichen Schuster, schwarz und grün, in die Farbe des Peches und der Hoffung gehüllt; buntflickig die Schneider; die Damast- und Teppichwirker, bei welchen das Künstlichere den Anfang nahm und schon meisterliche Namen aufzeichnete; denn diese webten und wirkten die fürstlichen Teppiche und Tücher, mit denen die Häuser der großen Kaufherren und Patrizier angefüllt waren.

Alle nun folgenden Zünfte waren angefüllt mit einer wahren Republik kraftvoller, erfindungsreicher und arbeittreuer Handwerks- und Kunstmänner. Die Tüchtigkeit teilte sich sowohl unter die Gesellen, welche manchen handlichen berühmten Burschen aufzuweisen hatten, als unter die Meister. Schon die Dreher zeigten den Meister Hieronymus Gärtner, welcher mit kindlich frommem Eifer aus einem Stücklein Holz eine Kirsche schnitzte, so zart, daß sie auf dem Stiele schwankte und die Fliege, welche auf ihr saß, mit den Flügeln wehte und auf den Füßen sich bewegte, wenn man daran hauchte – der aber zugleich ein erfahrener Meister und Errichter von Wasserwerken und kunstreichen Brunnen war.

Unter den Hufschmieden, rot und schwarz gekleidet wie Feuer und Kohle, ging Meister Melchior, der die großen eisernen Schlangengeschütze aus freier Hand schmiedete; unter den Büchsenmachern der erfindungsreiche Geselle Hans Danner, welcher schon dazumal von den harten Metallen Späne trieb, als hätte er weiches Holz unter den Händen, und sein Bruder Leonhard, der Erfinder von mauerstürzenden Brechschrauben. Da ging auch der Meister Wolff Danner, der Erfinder des Feuersteinschlosses an den Gewehren und Büchsen, die er trefflich schmiedete und künstlich ausbohrte, und neben ihm Böheim, der Meister der Geschützgießer, welche ihre gleißenden, wohlverzierten Geschützröhren, Kanonen, Metzen und Kartaunen durch alle Welt berühmt machten.

Überhaupt war der Krieg die zehnte Muse. Die Zunft der Schwertfeger und Waffenschmiede allein umfaßte eine mehrfach gegliederte Welt kunstreicher, feiner und fleißiger Metallarbeiter. Der Schwertfeger, der Haubenschmied, der Harnischmacher, jeder von diesen brachte den Teil der kriegerischen Rüstung, der seinem Namen entsprach, zur größten Gediegenheit und Zierlichkeit und bewährte darin ein nachhaltiges Künstlerdasein. Wunderbar löste sich diese strenge Einteilung und Beschränkung in die Freiheit und Allseitigkeit, mit welcher die schlichten Zunftmänner wieder zu den wichtigsten Taten und Erfindungen vorschritten und alle wieder alles konnten, oft ohne lesen und schreiben zu können. So der Schlosser Hans Bullmann, der Verfertiger großer Uhrwerke mit Planetensystemen und musizierenden Figuren, und der Vervollkommner dieser, Andreas Heinlein, welcher auch so kleine Uhren zuwege brachte, daß sie im Knopfe der Spazierstöcke Platz fanden; auch Peter Hele, der eigentliche Erfinder der Taschenuhren, ging hier unter dem handfesten Namen eines Schlossermeisters.

Gleich auf dies handlich sinnige Zunftwesen folgte dasjenige, welches am schärfsten diese Zeit von einem früheren Jahrtausend unterschied, nämlich das der Buchdrucker und Formschneider, welche für Wort und Bild die Schleusen der unendlichen Vervielfältigung auftaten und den Strom losließen, der nun die Welt überschwemmt. Vor bald vierhundert Jahren haben sie den Zapfen ausgestoßen, daß das Brünnlein sprang, und wo stehen wir jetzt? Es ist ein großes unentbehrliches Mittel geworden, welches der Unsinn ebenso behende braucht als die Vernunft; es ist die Luft, welche der Gerechte wie der Ungerechte atmet, und der Tischklopfer badet sich so munter und unbefangen in seiner Flut wie der Sperling im Bache. Weit hinter dieser Flut ist die langsame, aber stete Bewegung des eigentlichen Geistes geblieben, des Geistes, der nicht auf dem Papier, sondern in Fleisch und Blut lebt und sich nur von Leib zu Leib, von Auge zu Auge, von Ohr zu Ohr mitteilt, überzeugt, trennt und einigt.

Auch hier kommt zuletzt alles wieder auf den persönlichen Menschen an, wie er leibt und lebt und zu dem anderen hintritt mit seiner Wahrheit oder Täuschung.

Aber nichtsdestominder wollen wir die Gruppe der Meister höchlich ehren, welche nun schwarz und weiß gekleidet daher kam. Es waren die Männer, welche nebst der unschätzbaren Bibel freilich auch das Corpus juris druckten, aber daneben auch eifrig bemüht waren, stattliche Ausgaben der wiedererstandenen Klassiker herzustellen, und eine Ehre darein setzten. So wackere und fähige Werkleute waren sie, daß sie nicht nur das kitzliche und zusammengesetzte Handwerkszeug selbst anfertigten und verbesserten, sondern auch die griechischen und lateinischen Bücher selbst zu korrigieren verstanden.

Es lag aber etwas Griechisches in der Luft jener Zeit, und wie alle Gewerke schon durch den Meistergesang mit der Kunst verbunden waren, so ging beinahe jedes einzelne unmittelbar in die bildende Kunst über und hatte bei derselben als Legaten die Sprößlinge seiner Werkstatt. So waren hier mit den Buchdruckern die Formschneider gepaart, deren Kunst alsobald der jungen Buchdruckerei zur Seite ging und in dem damaligen Drange, jedem geeigneten Raume Form und Bild aufzudrücken, sich blühend entfaltete. Ein tödlicher Frost ist dann lange Jahre hindurch auf diesen Blütendrang, der in allem Handwerk trieb, gefallen, und erst in neuester Zeit erholt er sich wieder ein wenig und fängt gerade, die bis zur Überfeinerung gediehene Kupferstecherei der verdunkelten Jahre überspringend, wieder da an wie ehemals, nämlich beim Holzschnitt. Aber noch wuchert mit der zehnfachen Mühe, mit welcher das Gute zu tun wäre, das Krabbeliche, Charakterlose und Schwächliche und überwuchert das Klare und Feste, und das Übel scheint von oben zu kommen, wo man den festen Gedanken, der zur festen Form gehört, nicht freigeben will. Bezeichnend hiefür ist ein Zug, welcher sich unlängst zutrug. Der König eines großen deutschen Staates hatte über seine eigenen Porzellanwerkstätten in ernster Kunst ergraute Männer gesetzt, daß sie die Formen der Gefäße überwachten und den unreinen Geschmack austrieben und fernhielten. Allein eine überroyalistische Zeitung tadelte des Königs Maßregel und bemerkte ziemlich unbotmäßig, daß sich die vornehme Welt wohl keinen Geschmack vorschreiben ließe und den Rokokostil, welchen sie einmal zu ihrem Zeichen erhoben, aufrecht zu halten wissen werde. Diese Palastrevolution gelang denn auch insofern als die Pairs des Landes nicht des Königs rein geformte Blumengeschirre kauften, sondern sich anderwärts mit solchen versahen, welche einem aufrechtstehenden gefrorenen Waschlappen gleichen, und die Wächter des Geschmackes bewachten trauernd des Königs Ladenhüter.

Neben Hans Schäufelein, dem fleißigen Schüler Albrecht Dürers, ging unter den Holzschneidern ein kleines Männchen in einem Mäntelchen von Katzenpelz und einer ebensolchen Zipfelkappe. Dies war Hieronymus Rösch, ein großer Katzenfreund, in dessen stiller Arbeitsstube überall spinnende Katzen saßen, am Fenster, auf Bänken und auf dem Tische.

Auf das dunkle Katzenmännchen folgte eine lichte Erscheinung, die Silberschmiede in himmelblauem und rosenrotem Gewand mit weißem Überwurf, die Klarheit und das kunstweckende Wesen ihres Metalles verkündend, während die Goldschmiede, ganz rot gekleidet in schwarz-damastenem Mantel und reich mit Gold gestickt, den tieferen Glanz ihres Stoffes zur Schau trugen. Silberne Bildtafeln und goldgetriebene Schalen wurden ihnen vorangetragen; die plastische Kunst lächelte hier aus silberner Wiege und die neugeborene Kupferstecherkunst hatte hier ihren metallischen Ursprung, wunderlich getrennt von dem Holzschnitt, welcher mit der schwärzlichen Buchdruckerei ging.

Mit Holz und Kupfer nur hatten es die nun auftretenden Kupfertreiber und Ornamentschneider zu tun, dafür waren sie aber schon ganz Künstler und unbezweifelte Bildwerker. Sebastian Lindenast arbeitete seine kupfernen Gefäße und Schalen so schön und kostbar, daß ihm der Kaiser das Vorrecht verlieh, sie zu vergolden, welches sonst niemand durfte. Obgleich dergleichen für heute nicht mehr ziemte, so kann es doch keine sinnigere Beschränkung und Befreiung von derselben geben als diese, wo ein kunstreicher treuer Mann vom obersten Haupte der Nation, des Reiches die Befugnis erhielt, sein geringes Metall der edlen Form wegen, die er ihm zu geben wußte, mit Goldglanz zu umgeben und es so zum Golde zu erheben.

Neben dieser, um dieses Umstandes willen so lieblichen und wohltuenden Gestalt des Lindenast (wie deutsch und grün wehend war schon dieser Name!) ging Veit Stoß, der Mann von wunderlichster Mischung. Dieser schnitzte aus Holz so holde Marienbilder und Engel und bekleidete sie so lieblich mit Farben, güldenem Haar und Edelsteinen, daß damalige Dichter begeistert seine Werke besangen. Dazu war er ein mäßiger und stiller Mann, der keinen Wein trank und fleißig seines Werkes oblag, die frommen Wunderbilder für die Altäre zutage fördernd. Welch reines Gemüt mußte dieser Künstler in sich tragen. Aber er machte eifrigst falsche Wertpapiere, um sein Gut zu erhöhen, und als er ertappt ward, durchstach man ihm beide Wangen öffentlich mit glühendem Eisen. Aber weit entfernt, von solcher Schmach gebrochen zu werden, erreichte er in aller Gemächlichkeit ein Alter von fünfundneunzig Jahren und schnitt nebenbei schöne und lehrreiche Reliefkarten von Landschaften mit Städten, Gebirgen und Flüssen; auch malte er und stach in Kupfer.

Noch ein sinnreicher Arbeiter in Kupfer war Hans Frei, Dürers Schwiegervater, welcher reizende und mutwillige Frauenfiguren in Kupfer trieb, die aus den Brüsten und aus dem Kopfputze Wasser springen ließen; zugleich spielte er trefflich die Harfe und war in Musik und Poesie wohlerfahren. Seine schöne böse Tochter Agnes aber, in welcher sich Liebreiz und Unerträglichkeit unablässig vermählten, brachte den schönheitbedürftigen und sanftmütigen Albrecht unter den Boden.

Doch als ein ganzer und klassischer Genoß trat nun, unter dem schlichten Namen der Gelb- und Rotgießer, Peter Vischer einher mit seinen fünf Söhnen, die Hantierer in glänzendem Erze. Er sah aus mit seinem kräftig gelockten Bart, seiner runden Filzmütze und seinem Schmiedefell wie der wackere Hephästos selber. Sein freundliches großes Auge verkündete, daß es ihm gelang, aus reinlichem Erz sich ein unvergängliches Denkmal zu setzen, reich in der Arbeit vieler Jahre und beschienen von der fernen Sonne griechischer Welt. Noch heute steht sein Grabmal des heiligen Sebaldus, ein schlank edler Aufbau von romantischer Phantasie und klassischer Anmut, der reiche Wohnsitz einer Schar edler mannigfaltiger Bildwerke, die in lichtem Raume den silbernen Sarg des Heiligen hüten. Er wohnte mit seinen fünf Söhnen samt deren Weibern und Kindern in einem Hause, an einer Werkstatt, und konnte so mit seiner Familie einem geheiligten Baume verglichen werden, in dessen Ästen die köstlichen Früchte von Erz reiften, die in alle Länder hin sich verbreiteten. Die Wiege eines Helden, Staatsmannes oder Dichters müßte einmal in solcher Werkstatt stehen, wo unter leidenschaftlich bewegter Arbeit die ehernen Gestalten und eine Welt ebenmäßiger Zieraten aus einem Kerne sich bilden und das lang ausdauernde Schaffen einem lebendigen Epos gleicht.

Zu den edelsten und vertrauenswertesten Gestalten einer wohlbestehenden Stadt gehören die kundigen Baumeister. Sie stehen unter allen Künstlern dem Rat am nächsten und sind dem Bürgerkinde stets eine werte Erscheinung, welche ihm Einsicht, Maß und Zierde bedeutet, Rat und Tat für das öffentliche Ganze wie für das Bedürfnis des einzelnen. Sie sind am innigsten mit Land und Boden verbunden; denn sie bauen das Unbewegliche und müssen daher kundig sein in Fels und Wald wie am rauschenden Wasser. Ganz in diesem Sinne erschien in dem Zuge mit den Maurer- und Zimmermeistern besonders der eine der beiden Behaims, Hans, von dem die Nachrichten sagen, er sei angesehen gewesen bei Rat und Gemeinde, freundlich und gütigen Bescheids gegen jedermann wie gegen die geringsten seiner Arbeitsleute. Wenn man an die zierbegabten und gewaltigen Bauwerke jener Glanzzeit denkt, so muß man dieses Mannes vorzüglich zugleich gedenken. Wir aber, die wir nach menschlicher Schwachheit immer lieber das auffallende und seltsame Gute als das in gereihter sicherer Ordnung Erwachsene betrachten, sehen jetzt mit Vorliebe jenen großen dickstarken Mann heranschreiten, den Zimmermann Georg Weber, zu dessen grauem Kleide es einer Unzahl von Ellen handfesten Tuches bedurfte. Dieser war ein rechter Wäldervertilger; denn mit seinen Werkleuten, die er alle so groß und stark aussuchte, wie er selber war, mit dieser Riesenschaft werkte er so mächtig in Bäumen und Balken und zugleich so sinnreich und künstlich, daß er seinesgleichen nicht fand. Aber er war auch ein trotziger Volksmann und machte im Bauernkrieg den Bauern Geschütze aus grünen Waldbäumen, aus welchen sie ganz emsig auf die Adeligen schossen. Er sollte desnahen zu Dinkelsbühl geköpft werden. Allein der Rat von Nürnberg löste ihn wegen seiner Kunst und Nutzbarkeit aus und machte ihn zum Stadtzimmermeister; denn er baute nicht nur schönes und festes Sparren- und Balkenwerk, sondern auch Mühl- und Hebemaschinen und gewaltige lasttragende Wagen und fand für jedes Hindernis, eine jede Gewichtmasse einen Anschlag unter seiner starken Hirnschale. Das Merkwürdigste war nun, daß er weder lesen noch schreiben konnte und bei aller dieser trotzigen Stärke doch so genau, maßtreffend, sorgfältig und fast zart in seinem Werke war, wie es nur die mit frommer Kindesunschuld gepaarte Kraft des Volkes sein kann.

Endlich erschien, eröffnet von zwei »Lehrbuben«, die eigentliche Zunft der Maler und Bildhauer; wie bei allen anderen Zünften folgten auch hier nach den Lehrlingen die Träger der Zunftzeichen, und nach diesen zwei Gesellen: der Maler Hans Spring in Klee, Dürers Schüler und Hausgenoß und kunstreich im Malen auf Pergament, in zierlich goldschimmernden und azurblauen Arabesken und Figuren, dann der Bildhauer Peter Flötner, ein geistvoller handsicherer Gesell und Künstler. Einzeln ging jetzt ein schöner Edelknabe mit dem Wappen, das in himmelblauem Felde drei silberne Schildchen zeigt und von Maximilian dem großen Meister für die ganze geehrte Künstlerschaft gegeben worden ist. Der Sinn dieses Wappens dürfte sich am einfachsten in den Begriff von Tafeln oder Schilderei auflösen. Hätten die Maler selbst es bestimmen dürfen, so würden sie wahrscheinlich in hergebrachtem Sinne eine Trophäe der bekannten Malergerätschaften gewählt haben; der wappenkundige und poetische Kaiser aber wußte das einfache Besondere in die einfachste allgemeine sinnige Form zu kleiden.

Hinter diesem anmutigen Wappen schritt nun Albrecht Dürer, zwischen seinem Lehrer Wohlgemuth und Adam Kraft, wie zwischen den guten Genien seines eigenen Namens. Für seine Person hatte sich ein Maler gefunden, der sein Äußeres, mit Ausnahme der Kleidung, nicht zu ändern brauchte, um dem Bildnisse des deutschen Meisters, das dieser selbst von sich gefertigt, beinahe ganz zu gleichen. Die hellen Ringellocken fielen zu beiden Seiten gleich gescheitelt ganz so auf die breiten pelzgeschmückten Schultern nieder, das gedankentiefe, fromme heitere Antlitz schien aus jenem Bilde herausgeschnitten und ein schlank geformter geschmeidiger Leib bewegte sich in dem schwarzen Untergewande. Diese Erscheinung war ganz germanisch und ganz christlich, und wenn sich auch in den geringelten Haaren ein anmutiger Schalk ahnen ließ, so war auch dieser christlich und ließ sich von der kirchlich angetrauten bösen Ehehälfte geduldig unter die Erde zanken.

Wie anders jener römische Raffael, der, vom Anschauen des alten Marmors gesättigt, im Christlichen nur das Menschliche sah und sein kurzes blühendes Leben in freudebringendem gewaltigen Schaffen und freier Frauenliebe verzehrte. Albrecht war ein eifriger Reformationsmann, eben weil er ein tiefer Christ war; hätte Raffael die Reformation empfunden und mitgelebt, er würde vielleicht nicht Raffael gewesen sein. Der Glückliche träumte in einer anderen Welt, und Papst wie Luther gingen wie Schatten an seinem Auge vorüber.

Albrecht Dürer schloß als der letzte die vorüberwandelnde Schar der Bildner und Werkleute. Sie war der bedeutsamste Teil des ganzen Zuges gewesen, weil sie für alle noch eine Wahrheit war. Wenn auch nicht als organisches, republikanisch bürgerliches Gemeinwesen erwachsen wie jenes reichsstädtische, sondern durch das Wort eines zufälligen Fürsten zusammengerufen, gepflegt und bestärkt, hatten alle diese Männer und Jünglinge nicht nur durch die ungebrochene äußere Gestalt, sondern auch durch ihr Können und Wollen die Fähigkeit und das Recht, jene bewährten Vorfahren darzustellen. Denn es war kein dilettantisches Bestreben, was in dieser Stadt herrschte, sondern die Meisterschaft blühte in hundert Zweigen in glänzend reifender Technik. Außer den vielen Malern und Bildhauern gingen Baumeister, Erzgießer, Glas- und Porzellanmaler, Holzschneider, Kupferstecher, Steinzeichner, Medailleure und viele andere Angehörige eines vollen Kunstlebens. In den Gießhäusern standen zwölf Ahnenbilder für den Palast des Königs, soeben vollendet, jedes zwölf Fuß hoch und vom Scheitel bis zur Zehe im Feuer vergoldet; zahlreiche kolossale Statuen von Fürsten, Dichtern und anderen Großen der Nation, zu Roß und Fuß, samt den reichen Bildwerken ihrer Fußgestelle, waren schon vollendet und über Deutschland zerstreut, riesenhafte Unternehmungen begonnen, und es ging in diesen Feuerhäusern wohl schon so gewaltsam und kraftvoll her wie an jenem Gußofen zu Florenz, als Benvenuto seinen Perseus goß. In Fresko und in Wachs waren schon unabsehbare Wände bemalt, ja in diesem Gebiete war ein Unerhörtes und Neues geschehen, indem ein schlichter Meister lange Hallen mit italienischen und hellenischen Landschaften auf eine maßgebende und bleibende Weise und zwar so bemalt hatte, daß die Griechen, deren plastischem Auge unsere heutige Landschafterei wahrscheinlich ungenießbar wäre, diese Bilder verstanden und genossen und darin unserer Zeit einen Vorteil beneidet hätten. Haushohe Glasfenster wurden hier gebrannt und zusammengesetzt in einem Farbenfeuer und mit solch bewußtem Geschmacke, daß sie gegen die alten Reste, die wir besitzen, als eine neue Tat gelten konnten, und was die Gemäldesammlungen des Staates an seltenen und unersetzbaren Schätzen auf verwitterter Leinwand bewahrten, wurde zur Erhaltung von bewährten Arbeitern mit anspruchslosem Fleiße auf Porzellanplatten und edle Gefäße getreu übergetragen mit einer Kunst, die man selbst vor zwanzig Jahren nicht geübt hatte. Neue bedeutsame Sammlungen entstanden auf diese Art.

Nachdem nun, was eine Stadt baut und ziert und von ihr liebend gehegt wird, vorangegangen, trat gewissermaßen die Stadt selbst auf, wenn der nun folgende Zug von jenem irgend noch zu trennen ist; denn beide zusammen machten ja das Ganze aus, und sein rühmliches Wohl kannte nur einen Boden für seine Wurzeln.

Von zwei bärtigen Hellebardierern begleitet wurde das große Stadtbanner getragen. Hoch trug der kecke Träger im weiß und roten, üppig geschlitzten Kleide die wallende Fahne, die eine Faust stattlich in die Seite gestemmt und anmutig den Fuß vorsetzend. Alsdann kam der Stadthauptmann, kriegerisch prachtvoll in Rot und Schwarz gekleidet, mit einem Brustharnisch angetan und den Kopf mit breitem, von Federn wogenden Baretthute bedeckt.

Ihm folgten gleich die beiden Bürgermeister, staatsmännischen und weisen Ansehens, dann der Syndikus und die Ratsherren, unter denen manch ein im weiten Reich angesehener und demselben ersprießlicher Mann war.

Von den beiden Stadtschreibern, welche nebeneinander gingen, war der eine schmächtige Schwarzgekleidete, mit der schön geschnitzten Elfenbeinbrille auf der Nase, in Wirklichkeit der Literator der Künstlerschaft und der gelehrte Beschreiber des Festes. Sein rühmliches Gedenkbuch ist unserem Gedächtnis dankbar zur Hilfe genommen.

Den Schluß bildeten nun die festlichen Reihen der ehrbaren Geschlechter. Seide, Gold und Juwelen glänzten hier in schwerem Überfluß. Diese kaufmännischen Patrizier, deren Güter auf allen Meeren schwammen, die zugleich in kriegerischer Haltung mit dem selbst gegossenen trefflichen Geschütze ihre Stadt verteidigten und an Reichskriegen teilnahmen, übertrafen den Adel an Pracht und Reichtum und unterschieden sich von ihm durch Gemeinsinn und sittliche Würde, vom gemeinen Bürger aber durch weitsehenden Blick und umfassenden erhaltenden Sinn. Ihre Frauen und Töchter rauschten wie große lebende Blumen einher, und die Damen mußten sich selbst gestehen, daß man vor vierhundert Jahren sich auch zu putzen wußte. Einige gingen mit goldenen Netzen und Häubchen um die schön gezöpften Haare, andere mit federwallenden Baretten und Hüten; manche die Brüste straff in Goldstoff und Perlenstickerei gespannt, zwei Rubinen auf den höchsten Punkten, mit feinstem Linnen den Hals umschlossen, manche aber mit prächtig entblößten Schultern, von köstlichem Rauhwerk eingefaßt. Das Fremde und Eigensinnige im Schnitt der Gewänder entstellte nicht, wie sonst verjährte oder unkluge Moden, sondern es schmückte auf das höchste und berauschte den Blick durch Eigentümlichkeit und Phantasie. Diese Trachten waren allerdings den klassischen einfachen Gewandmassen griechischer Welt gerade entgegengesetzt; aber nichtsdestominder verkündeten sie eine kecke Freude am Leben und am Leiblichen, nur daß der persönliche Sinn, der im Christentume liegt, sich in den wunderlich ausgedachten Umspannungen und Angehängseln des schönen Körpers zeigte.

Überhaupt machte der ganze Festzug durch die bloße Tracht, welche auf das genaueste wiedergegeben war, einen ganz anderen Eindruck als unsere neuesten frömmelnden Romantiker in ihren unkundigen und siechen Schilderungen des Mittelalters beabsichtigen.

Inmitten diesen glänzenden Reihen gingen einige venetianische Patrizier und Maler, als Gäste gedacht, poetisch in ihre wälschen, purpurnen und schwarzen Mäntel gehüllt um Haupt und Schultern. Diese Gestalten lenkten trefflich die Vorstellungskraft auf die Lagunenstadt und von da ins ungemessene Weite an die Küsten der alten und neuen Welt, um von da wieder zurückzukehren zur spitzbogigen Wunderstadt mitten im Festlande.

Trompeter und Pauker, gefolgt von drei Zugführern in Gold und Schwarz mit dem Reichsadler, eröffneten jetzt den Zug des Kaisers und Reiches, mit allem was dieses an Tapferkeit und Glanz um jenen geschart hatte.

Ein Haufen Landsknechte mit seinem robusten Hauptmann gab sogleich ein lebendiges Bild jener Kriegszeit und ihres unruhigen, auf Abenteuer gehenden, wilden und doch sanglustigen kindlichen Volkstumes. Diese frommen Landsknechte, einen Wald von achtzehn Schuh langen Spießen tragend, sahen sehr unfromm aus in ihrer bunten, aus aller Herren Länder zusammengeraubten Tracht. Die rechte und linke Seite an demselben Mann war nicht nur ungleichfarbig, sondern auch ungleich geschnitten; das rechte Bein, der linke Arm steckten in ungeheuer aufgebauschten, fabelhaft zerschlitzten und bebänderten Gewandstücken, während der rechte Arm und das linke Bein in knappester Umhüllung sich formten. Der eine trug Hals und Schultern nackt und sonnenverbrannt, der andere mit einem erbeuteten Panzerstück bedeckt; diesem saß das leichtfertig gekerbte Barett schief auf dem Kopfe, indessen die langen angehäuften Federn ihm unten an die Kniekehle schlugen; jener hatte es auf dem Rücken hängen und schleifte die gestohlenen Federn gar am Boden. Sonst nannten sie nichts ihr als den sicheren Tod im Felde, und auf dies schlimme Gut, auf Wein und Weibsbilder und etwa noch auf ihren geliebten Führer Frundsberg dichteten sie die artigsten Liedchen. In diesen weithinziehenden Fußknechten sah der innere Blick Berg und Tal, Wälder, Burgen und Festen, deutsches und wälsches Land sich ausbreiten, nachdem die schöngebaute, mauergeschützte und maßvolle Stadt sich vorhin kundgetan.

Vier Edelknaben mit den Wappenschildern von Burgund, von Holland, von Flandern und von Österreich, dann vier Ritter mit den Bannern von Steyer, Tyrol, Habsburg und mit dem kaiserlichen Paniere folgten; dann ein Schwertträger und zwei Herolde mit dem schwarzen Doppeladler auf dem goldenen Brust- und Rückenteil ihrer Röcke. Auf die Flamberge tragende Leibwache des Kaisers kam eine zarte Schar Edelknaben in kurzen goldstoffenen Wämsern, goldene Pokale tragend, dem kaiserlichen Mundschenk vorauf. Ebenso gingen grüne Jäger und Falkoniere dem Oberjägermeister voran, und wiederum Edelknaben dem Kaiser selbst.

Fackelträger mit vergittertem Gesicht umgaben diesen. Rock und Hermelinmantel von schwarzdurchwirktem Goldstoff, einen goldenen Brustharnisch tragend, nebst goldenem Schwert in roter Sammetscheide, und auf dem Barett den königlichen Zackenreif, ging Maximilian I. heroisch daher, das edle Angesicht auf das Heldenmütige, Ritterhafte, Gemüt- und Sinnreiche gerichtet. So konnte man sagen selbst bei diesem lebenden Konterfei. Denn es hatte sich für das Bild des Kaisers ein junger Mann aus den fernsten Gauen des ehemaligen Reiches eingefunden, der, ein merkwürdiges Naturspiel, von edler Haltung und edlem Angesicht, wie dazu geschaffen war, ganz dasselbe offene, mannhafte und angenehme Gesicht, die starke gebogene Nase, die bei den besseren Habsburgern immer angenehm hervortretende Unterlippe und das kräftige schlichte, rund um den Kopf gleichgeschnittene Haar.

Unmittelbar hinter dem Kaiser ging sein lustiger Rat Kunz von der Rosen, aber nicht gleich einem Narren, sondern wie ein kluger und wehrbarer Held launiger Weisheit. Er war ganz in rosenroten Sammet gekleidet, knapp am Leibe, aber mit weiten ausgezackten hängenden Oberärmeln. Auf dem Kopfe trug er ein azurblaues Barett mit einem Kranze von je einer Rose und einer goldenen Schelle; an der Hüfte aber hing an rosenfarbenem Gehänge ein breites langes Schlachtschwert von gutem Stahl. Wie sein Held und Kaiser war er nicht sowohl ein Dichter als, was schöner ist, selbst ein Gedicht.

Der Erbschenk von Kärnten und Statthalter der innerösterreichischen Lande, Sigmund von Dietrichstein, der als vertrautester und treuester Rat Maximilians zu dessen Seite begraben liegt, und der zum tüchtigen Feldherrn gediehene gelahrte Doktor der Rechte, Ulrich von Schellenberg, eröffneten nun die lange Reihe dessen, was die Tafelrunde Maxens an glänzenden Ritter- und Fürstengestalten aufzuweisen hatte. Da schritt in Stahl gehüllt und waffenklirrend einher, was von der Lüneburger Heide bis zur alten Stadt Rom, von den Pyrenäen bis zur türkischen Donau gefochten, geblutet und gesiegt hatte. Schlachten und harte Belagerungen, Schießen, Mauerbrechen, Hängen und Köpfen, ritterlich treues Leben und ruhmreiche Taten knüpften sich an die Namen aller dieser Kämpen, welche alle jedoch von den rastlosen wunderbaren Abenteuern und Taten des einzigen Kaisers übertroffen wurden.

Den Feldherrnstab auf die Hüfte gestützt, trat zuerst auf Georg von Frundsberg, allein schon eine ganze Kriegszeit und Historie. Das Schwert Franz I. von Frankreich wurde ihm auf goldenem Kissen vorangetragen mit der Inschrift: Pavia 1525. Ein bärtiger Landsknecht trug seine Hellebarde; denn er liebte es, mit gutem Werkzeuge in der Schlacht hie und da selbst mit einigen Streichen nachzuhelfen und auszubessern, wie ein guter Handwerksmeister, und man sah ihn dann dergestalt hantieren, daß er mit jedem Schlage einen Mann niederschlug und dazu hauchte wie ein Holzhacker. Ein Bergschütz aus seinem Stammland Tyrol, mit Armbrust, Köcher, Panzerhemd und Schwert, trug seinen Wappenschild.

Ihm folgte ein hoher gewaltiger Ritter, Herzog Erich von Braunschweig; seinen Stahlhelm zierte die Herzogskrone, aus welcher ein schillernder Busch von Pfauenfedern emporschwankte, und über diesem schwebte hoch ein goldener Stern. Voraus ging ein Edelknabe mit einer böhmischen Fahne, auf welcher geschrieben stand: Regensburg 1504. Die wilde Böhmerschlacht, in welcher er dem Kaiser das Leben gerettet, trat hiemit vor das geistige Auge.

Schwer an Erinnerung und Bedeutsamkeit folgte Franz von Sickingen, in Eisen gehüllt, mit seinem langen, gerechten und Freiheit liebenden Schwert, seinem langen Arm. Ein Edelknabe trug die Fahne der Picardie voran mit der Inschrift: Bouillon 1518. Zwei geharnischte Reiterknechte gingen hinter ihm mit Waffen und Schild, der seinen Wahlspruch glänzen ließ: Gottes Freund, aller Welt Feind. Er selbst aber sah wohl aus wie der, welcher in der Not eines blutigen wilden Belagerungstodes im Harnischkasten begraben wurde.

Wilhelm von Roggendorf und Graf Niklas Salm, jener von maurischen Siegeszeichen und der Inschrift: Berg Spadan 1522, dieser mit türkischen und der Inschrift: Wien 1529 begleitet, gaben das Bild einer schönen Heldenfreundschaft. Denn der eine, welcher als Jüngling in die Waffenlehre des anderen gegeben ward, wurde in seltsam leidenschaftlicher Umkehrung des Weltlaufes der jugendliche Schwiegervater des Heldengreises, der seine Tochter liebte und auch vor ihm in heißer Türkenschlacht in seinen Armen starb. Beide aber ruhen in derselben Gruft.

Dem Grafen Andreas von Sonnenburg ward die französische Fahne mit der Inschrift: Guinegaste 1479 vorgetragen. Ein Bergschütz aus seiner tyrolischen Grafschaft, in Panzerhemd und Jägerhut, mit breitem Gürtel, langem Bogen und Köcher folgte und trug den Schild mit dem alten schwäbischen Wappen, zu Ehren seines Ahnherrn, der dem letzten Hohenstaufen im Tode beistand.

Dem Fürsten Rudolf von Anhalt ging eine Fahne mit der Inschrift: Stuhlweißenburg 1490 voran, und seine Knappen trugen Lanze und Schild mit den Worten; Anhalt das treue Blut. Und endlich trug dem in blauer Rüstung und schwarzem Helmbusch schreitenden Marx Sittich von Hohenems ein Edelknabe die venetianische Fahne mit der Inschrift: Verona 1516 voran.

Jetzt erschienen die gelehrten Räte des Kaisers; allein gleich der erste derselben, der berühmte Wilibald Pirkheimer war wieder ein Stück Krieg, und nicht nur Schriftsteller, Altertumskenner und Beschützer aller Gelehrten und Künstler, sondern auch zuweilen Feldherr; der edle und treue Freund Dürers führte eine Kriegsschar seiner Vaterstadt Nürnberg, ein zweiter Xenophon, gegen die Schweizer im Schwabenkriege; und der gelehrte Mann mußte sich freilich mit noch bewährteren Kriegsfürsten trösten, wenn er in dieser schlimmen Gegend nicht die Lorbeeren holte wie auf den ruhigen Gefilden der Wissenschaft.

Melchior Pfinzing, Verfasser des Teuerdank, und Marx Treitzsauerwein, der Geheimschreiber des Kaisers und Ordner des Weißkuniges, erschienen als die Zeugen der sinnreichen und fabelweisen Gemütsrichtung des römischen Königs.

Ein reicher Hof von Rittern und Edelfrauen und endlich ein einsamer fahrender Ritter, geharnischt und die Zither über der Schulter, schlossen das Gefolge des Kaisers, welches ein zweiter Haufen Landsknechte von dem folgenden Zuge trennte.

Auch diese Ritter- und Kriegswelt, von friedlichen Künstlern dargestellt, zeigte sich dessenungeachtet wahr und wesentlich, getragen von stattlich körperlicher Befähigung. Hier waren vorzugsweise die in männlicher Reife, Kunst und bürgerlicher Stellung vorgerückten Mitglieder vertreten, deren durch rüstiges und gelungenes Schaffen erreichter Wohlstand die kostbaren Gewänder möglich machte. Sie trugen mit kriegerischem Anstand die reichgeschmiedeten Rüstungen aus dem Zeughause, und die kecken, mannigfach geschnittenen Bärte schienen weniger die Zeichen malerischen Behabens als die Zierden wirklich tatenreicher Kämpen zu sein. Da nun aber jeder einzelne Mann nicht etwa ein schöngewachsenes Schema, ein bloßer Statist, sondern eine bedeutende Persönlichkeit, ein rechter Schmied seines Glückes war, der aus diesem, der aus jenem Winkel deutschen Volkstumes hervorgekommen, so mußte man beim Anblick so vieler unwillkürlich die Hoffnung fassen, daß ein solches Volk doch noch zu was anderem fähig sei als zur Darstellung der Vergangenheit und daß diese körperliche Wohlgestalt, welche so ähnliche Bilder toter Helden und Kaiser zeigte, unausbleiblich einst die wahren Kaiser, die rechten Schmiede und Herrscher des eigenen Geschickes, die selbständigen Männer der Zukunft hervorbringen werde.

Während die Scharen aller bisher Vorübergeschrittenen weithin dem Blicke entschwanden und im weiten Rundgange sich kreuzten, rauschte und tanzte jetzt die Mummerei heran, in welcher alles, was die Künstlerschaft an übermütigen Sonderlingen, Witzbolden, seltsamen Lückenbüßern und Kometennaturen in sich hegte, Platz gewählt hatte.

Der Mummereimeister Peter von Altenhaus eröffnete auf einem launischen Esel den träumerischen Zug, und hinter ihm kollerten die altdeutschen Narrengestalten, die zierlichen bunten Narren Gylyme, Pöck und Guggerillis und die verwachsenen Schälke Metterschie und Duweindel daher nebst vielen anderen Narren, welche aber nie beisammen blieben, sondern unaufhörlich zwischen den Gruppen des Zuges herumfuhren.

Dann kam der bekränzte Thyrsusträger, welcher die behaarte, gehörnte und geschwänzte Musikbande führte. In ihren Bockshäuten nach der eigenen Musik hüpfend und hopsend, brachten diese Gesellen eine uralte, seltsam schreiende und brummende Musik hervor, bald in der Oktave, bald in lauter Quinten pfeifend und schnarrend, jetzt in schwindelnder Höhe, dann in der tiefsten Tiefe.

Mit goldenem umlaubten Thyrsusstabe schritt der Anführer des Bacchuszuges vor. Ein Kranz blauer Trauben umschattete tief seine glühende Stirn; von den Schultern flatterte und wallte eine festliche Last buntgestreifter Seidenbänder bis auf die Füße und verhüllte wehend den unbekleideten Körper. Nur die Füße waren mit goldenen Sandalen versehen.

In biblischer Erinnerung trugen hierauf, umtanzt von halb mittelalterlich, halb antik geschürzten Winzern mit Krügen, Traubenbutten, die zwei Kundschafter aus dem gelobten Lande an schwer gebogener Stange die große Traube. Vier noch kernhaftere Männer trugen an vier aufrechten Fichten eine noch viel größere Traube. Auch der dicke Silen, welcher unbehilflich und ängstlich zu Fuß ging, und die tobende Schar von Schenken, Faunen und Winzern, welche den Wagen des Bacchus zogen, schoben und umschwärmten, Schalen, Becken und Stäbe zusammenschlagend, waren halb modern, halb mythologisch gekleidet. Selbst der junge, efeubekränzte Bacchus, sonst ganz nackt, trug mittelalterlich gedacht ein zierliches Küferschürzchen um die runden Hüften. Eine Rebenlaube wölbte sich und die dichten Trauben bildeten einen dunkelblauen Himmel über ihm, in den er sehnsüchtig hineinlächelte. Es war ein schöner rosiger Jüngling mit schwarzgelocktem Haar.

Könige mit Krone und Szepter, zerlumpte Bettler mit dem Schnappsack, Pfaffen und Juden, Türken und Mohren, Knaben und weiße Greise zogen nun den Triumphwagen der Venus herbei. Diese war niemand anders als die schöne Rosalie in aller Anmut ihres rosig lachenden Wesens. Sie ruhete auf einem Rosenlager unter durchsichtiger Blumenlaube, in ein seidenes antikes Purpurkleid gehüllt, mit bloßen Armen und Füßen. Über der Stirn strahlte ein goldener Stern aus den dunklen Locken, in der Hand hielt sie eine goldene Weltkugel, auf welcher zwei silberne Täubchen saßen, die mit den Flügeln schlagend sich schnäbelten. Zwei Kreuzfahrer gingen unter den Gefangenen der Venus zu beiden Seiten des Wagens und gereichten ihr mit aufmerksamer Haltung zu besonderem Schutzgeleit. Sie aber sah sich dann und wann begierig und lächelnd um, da gleich hinter ihrem Wagen der biedere Erikson, welcher den Zug der Diana anführte, als wilder Mann einherschritt, seinen kraftvollen schönen Körper nur um Lenden und Stirn mit dichtem Eichenlaub geziert; er überragte um einen Kopf seine Umgebung, obgleich noch manche stattliche Gestalt dabei war. Viele Jäger folgten ihm mit grünen Zweigen auf Hüten und Kappen, die großen Hifthörner mit Laubwerk umwunden, das Jagdkleid aber mit Iltisfellen, Luchsköpfen, Rehpfoten und Eberzähnen besetzt. Einige führten Rüden und Windspiele, einige, mit Gebirgsschuhen und Steigeisen am Gürtel, trugen Gemsböcke auf dem Rücken, andere Auerhähne und Bündel von Fasanen und wieder andere auf Bahren Schwarzwild und Hirsche mit versilberten Hauern, Geweihen und Pfoten. Dann trug eine Schar trotziger wilder Männer einen wandernden Wald belaubter Bäume aller Gattung, in welchen Affen, wilde Katzen und Eichhörnchen kletterten und Vögel nisteten. Durch die Stämme dieses Waldes aber sah man bereits die silberne Gestalt der schmalen Diana schimmern, der lieblichen Agnes, wie sie von Ferdinand geschmückt worden war. Ihr Wagen war von allem möglichen Wilde bedeckt und dessen Köpfe umkränzten ihn mit vergoldetem Gehörn und bunten Federn. Sie selbst saß mit Bogen und Pfeil auf einem bemoosten Fels, aus welchem ein lebendiger Quell in ein natürliches Becken von Tropfsteinen sprang, an welches die wilden Männer und Jäger sich manchmal durstig niederbeugten und aus der Hand tranken.

Agnes war in ein Gewand von Silberstoff gekleidet, welches bis tief auf die Hüften ganz anliegend war und alle ihre geschmeidigen Formen wie in Silber gegossen erscheinen ließ. Die kleine klare Brust war wie von einem Silberschmied zierlich getrieben. Vom Schoße abwärts aber, der von einem grünen Gürtel mehrfach umwunden war, floß das Gewand weit und faltig, mehrfach geschürzt, doch bis auf die Füßchen, welche mit silbernen Sandalen keusch hervorguckten. Im schwarzen, griechisch geknüpften Haare machte sich mit Mühe die strahlende Mondsichel sichtbar, und wenn sich Agnes nur ein bißchen regte, so wurde sie von den dunklen Locken zeitweise ganz bedeckt. Ihr Gesicht war weiß wie Mondschein und noch bleicher als gewöhnlich; ihr Auge flammte dunkel und suchte den Geliebten, während in dem silberglänzenden Busen der kühne Anschlag, den sie gefaßt, pochte und rumorte.

Ferdinand aber, welcher das Gewand eines jagdliebenden Königs gewählt hatte, um der Diana nahe zu sein, hatte sich längst unter den Triumphzug der Venus gemischt, betrachtete sie wie ein Träumender unverwandt und wich keinen Schritt von ihrem Wagen, ohne sich dessen inne zu werden; denn kaum hatte er Rosalien beim Beginne des Festes gesehen, so ließ er Agnes, die er geschmückt und soeben auf den Wagen gehoben, wie sie war, und folgte jener gleich einem Nachtwandler.

Heinrich hatte sich in ein laubgrünes Narrenkleid gehüllt und trug einen Jagdspieß statt des Kolbens; um die Schellenkappe hatte er ein Geflecht von Stachelpflanzen und Stechpalme mit ihren roten Beeren geschlungen als eine grünende Dornenkrone. Was er damit wollte, wußte er selbst kaum zu sagen; es war eine mehr unwillkürliche Geschmacksäußerung, welche der innersten Seelenstimmung entsprang. Er ging, nur hie und da sich umsehend und durch den wandelnden Wald huschend, immer der Diana zur Seite, da sonst kein Befreundeter um sie war; denn Erikson, der wilde Mann, hielt sein Auge auf Rosalien und Ferdinand gerichtet, ohne indessen stark aus seiner Gemütsruhe zu geraten.

Als nordisches Märchen folgte diesen südlichen Bildern der Zug des Bergkönigs. Ein ansehnliches Gebirge von glänzenden Erzstufen und Kristallen war auf seinem Wagen errichtet und darauf thronte die riesige Gestalt in grauem Pelztalar, den schneeweißen Bart wie das Haar bis auf die Hüften gebreitet und diese davon umwallt. Das Haupt trug eine hohe goldene Zackenkrone.

Um ihn her schlüpften und gruben kleine Gnomen in den Höhlen und Gängen; dieses waren wirkliche kleine Bübchen; aber der kleine Berggeist, welcher vorn auf dem Wagen stand, ein strahlendes Grubenlicht auf dem Köpfchen, den Hammer in der Hand, war ein kaum drei Spannen hoher, ausgewachsener Künstler, aber dennoch ebenmäßig fein gebaut, mit männlich schönem Gesichtchen, wundervollen blauen Augen und blondem Zwickelbart; das kleine Wesen, einem Zaubermärchen gleichend, war nichts weniger als eine bloße Seltsamkeit, vielmehr ein wohlbewußter und rühmlicher Maler.

Hinter dem Bergkönig auf demselben Wagen schlug der Prägemeister aus Silber und blankem Kupfer (statt des Goldes) kleine Denkmünzen auf das Fest; ein Drache speiete sie in ein klingendes Becken, und sie diesem entnehmend, warfen zwei Pagen, »Gold« und »Silber«, die schimmernden Münzen unter das schauende Volk.

Ganz zuletzt und einsam schlich der Narr Gülichisch her, traurig und achselzuckend den geleerten Beutel schüttelnd, umkehrend und rings umher zeigend. Es war aber noch nicht ernst gemeint mit diesem Bedauern; denn dem nachhinkenden Narren auf dem Fuße folgte wieder der glänzende Anfang; wieder gingen die Zünfte, das alte Nürnberg, Kaiser und Reich und die Fabelwelt vorüber, und so zum dritten Male, bis aller Augen sich an dem Gestaltenwechsel gesättigt hatten.

Dann scharte sich die ganze Masse in gedrängte Ordnung; die sangkundige Menge der Künstler ließ die Festlieder ertönen und brachte dem vergnügten wirklichen Könige, in dessen Machtkreis zuletzt diese ganze Traumwelt hing, ein opferndes Lebehoch. Durch den Logensaal der königlichen Familie, wo diese versammelt war, bewegte sich nun der ganze Zug und auf bedeckten Gängen in die Residenz hinüber, durch deren Säle und Korridore, welche alle von begünstigten Zuschauern angefüllt waren.

Als Heinrich in die Nähe des zufriedenen Königs kam, gedachte er jenes wunderlichen Auftrittes, wo dieser ihm die Mütze heruntergeschlagen hatte. Er hatte ihn nie wieder so nahe gesehen bis jetzt und ihm längst verziehen; denn wenn die Könige nicht beleidigt werden dürfen, so können sie auch nicht beleidigen noch beschimpfen, da ihre einsame Willkür alle gewöhnliche Wirkung aufhebt. Doch mußte er jetzt lachen, als er sich vorstellte, wie schön der König sich nun vergreifen würde, wenn er ihm die stachlichte Schellenkappe abschlagen wollte. Mutwillig bot er ihm sein bestechpalmtes Haupt hin und sagte leise: He König! schlag mir die Kappe 'runter! Der König sah ihn betroffen an, schien sich zu erinnern und sagte kein Wort. Heinrich sah ihn ernsthaft an, klingelte bedeutsam mit den Schellen auf seinem Kopfe und sprang davon.

In den Gemächern und Gängen des Palastes, wie in den Gartenarkaden gingen die Künstler recht durch ihr eigenes Werk, das in vielfältiger Gestalt, von Säulen, Wänden, Decken und Treppen, in Gold, Farben und Marmor sie umglänzte. Und als sie über den von Pechflammen erleuchteten Platz zogen, durch das Gewoge des Stadtvolkes hin, ragte wieder überall ihr Werk in Erzbildern und hohen Gebäuden.

Doch mündete nun der Zug in das benachbarte große Odeon und ergoß sich froh aufatmend in den zu Bankett und Spiel geschmückten mächtigen Saal. Mit Mühe gelang es den Führern und Zeremonienmeistern die Plätze zu ordnen, da die traumhafte Selbsttäuschung auch hier fortdauern und die Teilnehmer nach Rang und Bedeutung bankettieren sollten. Ein erhöhtes Halbrund war mit des Königs kostbaren Teppichen, welche er samt reichem Tischzeug, Silbergeschirr und goldenen Pokalen und Kannen aus seinen Kammern gegeben, bekleidet, um den Kaiser mit seinen Grafen und den Patriziern aufzunehmen. Mit großem Anstande nahmen sie Platz, und noch mehr als der glänzende Kaiser, welcher sich mit wirklich monarchischem Behagen gefiel, wußten sich die schönen Damen in adeligem Tun zu gefallen. Die Mundschenken und Edelknaben aber dienten und warteten auf und fanden hierin, unter Lust und Scherz, ihre volle Zufriedenheit.

An langen Tafeln saßen die Zünfte und die Landsknechte; nur Albrecht Dürer hatte seinen Platz neben dem Kaiser, wo auch der majestätische märchenhafte Bergkönig ragte.

Von hohen, mit goldgestickten Teppichen behangenen, blumenüberwölbten Galerien tönten die lauten Musikchöre, bald selbständig, bald die Bankettlieder begleitend; es war nicht ein Schuh von moderner prosaischer Kleidung im Saale, und selbst in den Nebengemächern, wo noch viele kleinere Kreise tafelten und zechten, sah man nichts als Mittelalter bis auf die Leute des Wirtes, welche alle kostümiert waren. Darum verbreitete sich ein prächtig rauschender Strom der Freude über die Menge, in welchem sie sich froh und aufblühend badete. Kaum konnte der Kaiser mit der schönsten Dame den altertümlichen Fackeltanz eröffnen, bis die Reihen der Handwerksmänner und Landsknechte, welche an den springenden goldenen Weinquellen saßen, allmählich sich zurückdrängen ließen, und sie taten es endlich umso williger, als die prächtigen Damen sich weigerten, mit den Schustergesellen und wilden Fußknechten zu tanzen. Denn die Schönen hatten sich schon so tief in ihre Gewänder hineingelebt, daß sie vergaßen, wie mancher der Verschmähten von gleichem Range mit ihnen war und, obgleich er ein reinliches neues Schurzfell trug und in weißen Hemdsärmeln ging, doch gleich ihnen sich freute, von einem würdigen Kaufmann, Professor oder geheimen Registrator abzustammen. Für den Anblick gewann jedoch durch diese Wunderlichkeit der Tanz an Schönheit, als die Ritterpaare, Raum gewinnend, mit wogenden Federn und wehenden Mänteln in langsamem Walzer oder anderen Tänzen sich feierlich bewegten.

Doch wurde der Tanz öfters unterbrochen durch die Schauzüge, welche in immer neuer Gestaltungslust durch den Saal tosten. Bald erschien der Mummenschanz, welcher nicht satt wurde, sich in neue Märchen umzubilden und seine einzelnen Teile fabelhaft zu vermischen, bald stürmten die singenden Landsknechte vorbei, welche es so gut trieben, daß sich von diesem Feste her noch lang eine förmliche Landsknechtskultur erhielt in Bild und Lied, und deren Zechweise und verlorenes Leben als das löblichste Bild deutscher Romantik erschien. Bald gaben die Zünfte eine Schaustellung, bald führten die Narren dem Kaiser ihre Schwänke auf.

Die Meistersänger hielten in einem kleineren Saale bei offenen Türen eine Singschule, Es wurde unter den zünftigen Gebräuchen wettgesungen, ein Schulfreund oder Singer zum Meister gesprochen und dergleichen. Die vorgetragenen Gedichte enthielten Lobpreisungen und Danksagungen gegen den kunstsinnigen König, dann aber hauptsächlich Hecheleien der verschiedenen Kunstrichtungen, Verspottung irgend einer anmaßlichen oder eigensinnigen Gestalt der Künstlerschaft, Klagen über Verwaltung gemeinsamer Anstalten, gesellige Übelstände und solches mehr. Es war sozusagen eine allgemeine Abrechnung, und vorsorglich hatte jede Richtung und jede Größe ihren Vertreter mit fertigem Gedicht unter die Meistersänger gesteckt. Es erklangen öfter ganz scharfe und satirische Verse, aber dieser Inhalt nahm sich höchst seltsam aus in den trockenen und feierlichen Formen, in denen er vorgebracht wurde, und mit dem komischen Wesen dieser Formen. Denn während alle Singenden in demselben eintönigen und schalkhaften Leierton ihr Gedicht sangen, und in denselben Knittelversen, so wurde doch bei jedem vorher mit lautem Ausruf eine andere neue Weise angegeben, wie sie ehemals von den wackeren Meistersängern erfunden und getauft wurden. Da wurde angeblich gesungen in der »glatten Seidenweise, der rotbacketen Öpfelinweise, der Strohhalmweise, der Schreibpapierweise, in der Stechpalmweise, süßen Pfirsichweise, blauen Traubenweise, Silberweise, überhohen Bergweise, glitzerigen Thurngockelweise, Rosentonweise, spitzigen Pfeilweise, krummen Zinkenweise, Orpheus' sehnlicher Klagweise«, in der »gelben Löwenhautweise, stachlichten Igelweise«, in der »schwarzen Agtsteinweise, blauen Kornblümelweise« wie in der »verschlossenen Helmweise«. Das Gelächter war groß, wenn nach diesen pomphaften, malerischen und poetischen Ankündigungen sich immer der alte grämliche Leierton mit den trockenen Witzen hören ließ. Aber nicht alle Gedichte waren dieses satirischen Inhaltes. Einige blutjunge Meistersingerlein wagten es, ihre durch den lauschenden Frauenkranz angeregten Gefühle zu äußern und diese oder jene Gestalt nicht undeutlich zu besingen. Ein blühendes Schuhmächerlein pries, um Rache zu nehmen für den Stolz, welchen die Damen beim Tanz gezeigt hatten, sein heimliches Glück bei mehr als einer goldenen Gräfin, und sogleich nahm ein lustiger Schneiderlehrling den Kampf mit ihm auf in Festsetzung der Liebes- und Glücksregeln im Frauendienst. Der Schuster behauptete, daß Tiefsinnigkeit, poetisches Wesen und stolze Bescheidenheit die Frauen gewännen; der Schneider hingegen verlangte zu solchem Glücke Anmaßung, Mutwillen und leichtsinniges Aufgeben der eigenen Person. Hans Rosenplüth, der Schnepperer, aber schlichtete den Streit und erklärte die Frauen für wunderliche Wesen, welche stets die eine Art liebten, wenn die andere gerade nicht zu haben wäre, und daß beide abwechselnd ihres Glückes genössen.

In einer schön geschmückten großen Nische war um Rosalien ein ordentlicher Venushof versammelt. Zwei oder drei anmutige Frauen hatten sich ihr zugesellt, weil es hier fröhlich und galant herging und sich der ganze Schwarm der Gefangenen der Schönheit mit großer Geschicklichkeit und Aufrichtigkeit in seine Rolle fand.

In einer anderen Nische, welche mit dieser durch eine offene Tür verbunden war, hatten die Jäger ihren Sitz aufgeschlagen und einige lustige junge Mädchen zur Gesellschaft der Diana herbeigelockt. Heinrich saß Agnes zur Seite und beschützte sie insbesondere. Erikson, der wilde Mann, ging ab und zu; er konnte seiner seltsamen Tracht wegen nicht wohl tanzen, noch sich in zu große Nähe der Frauen setzen und beschränkte sich daher, hier und dort einen Becher zu trinken oder an den improvisierten Spielen teilzunehmen. Fast bereute er, diese Rolle gewählt zu haben, und sah ziemlich unbehaglich, wie Ferdinand fort und fort Rosalien den Hof machte; sie hatte sich mit weißen Atlasschuhen versehen und tanzte zuweilen mit Ferdinand, der in seinem Hubertusgewande sehr wohl aussah und sich mit sicherem Anstande betrug. Er hatte einige kostbare Brillanten, Zeichen seines holländischen Reichtumes, in Ringen und Spangen angelegt, und die reiche Rosalie benahm sich gegen ihn mit der heiteren Ungezwungenheit, welche die gesicherten Reichen gegenseitig zu üben pflegen. Sie lachte, scherzte und strahlte von freundlichem Liebreiz, indem sie gegen alle sich hold und froh zeigte, gegen Ferdinand aber ihre Unwissenheit beklagte und bedauerte, welche sie so lange von den wahrhaft frohen und klugen Kreisen der Künstler fern gehalten habe und sie selbst jetzt nur ihre Freude, nicht aber den Ernst ihrer Arbeit verstehen lasse. Sie drückte sich aber mit so artigen und klugen Worten aus, daß Ferdinand von ihrem naiven, anmutigen Geiste entzückt wurde und immer weniger seine Blicke von ihr wandte oder von ihrer Seite wich. Es wehte ein süßer Hauch der Frauenhaftigkeit ihn an, wenn sie lächelte und sprach, und der Stern in ihren Locken glänzte wirklich wie der Stern der Venus.

Er fühlte eine Fesselung aller Sinne, welche ihn alles andere vergessen und alles Trachten auf das reizende Weib richten ließ, von dem sie ausging, als ob sonst kein Heil in Zeit und Ewigkeit zu finden wäre. Bei den meisten Männern ist dies ein vorübergehendes inneres Begehren, eine rasche, allmählich verwehende Aufwallung des Denkens, die hundertmal entsteht und hundertmal verschwindet. Ferdinand war aber einer von denen, welche, in allen anderen Dingen klar und besonnen, in diesem einen Punkte die Verblendung und Aufwallung mit schrankenloser und unverhüllter Selbstsucht kundgeben. Rosalie lieh seiner beredten Aufmerksamkeit ein williges Ohr und blickte ihn dabei mit großem Wohlwollen an, nur zuweilen einen flüchtigen, aber zufriedenen Blick auf die prachtvoll und mächtig geformte Gestalt Eriksons werfend, wenn er vorüberging, so daß dieser mit der Wahl seines Kostümes sich ausgesöhnt, wenn er diese Blicke gesehen hätte. Er ließ aber den Unmut nicht über sich Herr werden, sondern betrug sich gleichmütig und stolz, und nur wenn sein Blick denjenigen Rosaliens traf, sah er sie mit großen fragenden Augen an.

Agnes hatte schon lange stumm neben Heinrich gesessen; sie wiegte trauernd, und den Busen von ungestümem Schmerze bewegt, das schwarzgelockte Haupt auf den schmalen Silberschultern, und nur zuweilen schoß sie einen flammenden Blick zu Ferdinand und Rosalien hinüber, zuweilen sah sie verwundert und wehmütig hin, aber immer sah sie dasselbe Schauspiel.

Heinrich, welcher aus Ferdinands Betragen nicht klug wurde, indem ihm eine solche Unmittelbarkeit des Wechsels und unter solchen Umständen doch nicht glaubhaft schien, versank in tiefes Sinnen. Die vergangene Zeit kam über ihn, und indem er an die bemalte Decke des Saales emporsah, erinnerte er sich jener Fastnacht, wo er unter dem freien Himmel der Heimat, auf luftigen Bergen, unter Vermummten sich umgetrieben oder neben der toten Anna durch den Wald geritten. Er verfiel mehr und mehr auf das Andenken dieses guten Mädchens, und eine große Verliebtheit erfüllte ihn, wie er sie lange nicht empfunden.

Ein tiefer Seufzer weckte ihn auf, welchen die silberne Agnes neben ihm tat, und sogleich schlossen sich seine Empfindungen, die aus dem Schattenreiche gleich Abendnebeln aufgestiegen, an diesen lebendigen Kern; er sah ihre seltsame Schönheit und trank verwirrt aus seinem Weinglase, als Agnes ihn plötzlich aufforderte, mit ihr zu tanzen. Schon drehten sie sich rasch durch die rauschende Menge, und jedermann lachte voll Vergnügen, als der grüngekleidete Narr mit der elfengleichen Diana dahinwalzte. Sie tanzten zwei und dreimal um den Saal und begegneten jedesmal der rosigen Venus, deren Purpurgewand flog und den mit ihr tanzenden Lys zeitweise halb verhüllte. Dieser grüßte das Dianenpaar froh und zufrieden, wie man Kinder grüßt, welche sich gut zu unterhalten scheinen, denn er war in dieser Sache so verblendet, daß er sich vollkommen unverpflichtet und frei glaubte, bloß weil er mit dem armen Mädchen absichtlich noch nie von Liebe gesprochen hatte. Rosalie hingegen, welche von der früheren Bewandtnis dieses Verhältnisses nichts wußte, freute sich über das zierliche Kind und verlangte dasselbe in ihrer Nähe zu haben, als Heinrich mit anderen an einigen lustigen Spielen, die aufgeführt wurden, teilnehmen mußte.

Kunz von der Rosen führte an einem langen Seile alle vorhandenen Narren durch das Gedränge; jeder trug auf einer Tafel geschrieben den Namen seiner Narrheit, und von den leichteren und liebenswürdigeren Narrheiten schied der lustige Rat neun schwere aus und stellte mit ihnen vor dem Kaiser ein Kegelspiel auf. So standen da vor aller Augen: Hochmut, Neid, Vielwisserei, Grobheit, Eitelkeit, Wankelmut in der Hoffnung, Halsstarrigkeit, tatlose Vergleichungssucht und unfruchtbare Selbstbespiegelung. Mit einer ungeheuren Kugel, welche die leichteren Narren mit komisch heftigen Gebärden herbeiwälzten, versuchte nun mancher Ritter und Bürger nach den neun Narren zu schieben, aber nicht einer wankte allen diesen Einzelwürfen, bis endlich der kaiserliche, tadellose Held, in welchem sich gewissermaßen das ganze deutsche Volk darstellte, sie alle mit einem Wurfe über den Haufen warf, daß sie possierlich übereinander purzelten.

Kunz von der Rosen richtete die Gefallenen halb auf und ordnete sie zu einer plastisch-mimischen Darstellung der Niobidengruppe, und von diesem Scherze ging er zur Bildung anderer berühmten Gruppen über: drei reizende, nicht völlig ausgewachsene Schüler im Narrenhabit stellten die Grazien dar, und das so anmutig schalkhaft, daß sie, kaum auseinandergegangen, in den Kreis der Damen gelockt wurden, ohne zu wissen wie, und sich dort aufs liebreichste geschmeichelt und gehätschelt sahen. Des gleichen Vorzuges genoß ein schöner Zwerg, der kleinere Bruder jenes Koboldes auf dem Wagen des Bergkönigs, welcher mit klassischem Anstande den sterbenden Fechter machte in seinem Schellenkleidchen. Dann stellte Erikson den Laokoon vor, durch mächtige Papierschlangen mit zwei jungen Narren verbunden.

Als er in der beschwerlichen Stellung dasaß und sich nicht rühren durfte, indessen seine kräftigen Muskeln alle in wunderschönem Spiele seiner Bewegung gehorchten, sah er, wie Rosalie, deren Augen unverwandt an ihm gehangen, fast gewaltsam von Ferdinand weggezogen und durch die Räume geführt wurde. Er hielt es nun nicht länger aus, und kaum von den Schlangen losgewickelt, durchstürmte er das Haus und bettelte sich von befreundeten Gestalten Gewandstücke zusammen, die sie in der vorgerückten Stunde nun wohl entbehren konnten, und warf sich dieselben hastig über. Wunderlich gekleidet, teilweise ein Mönch, ein Jäger und ein wilder Mann, den Kopf noch grün belaubt, suchte er die engere Gesellschaft auf und setzte sich dicht an die andere Seite Rosaliens; denn die Bacchusleute, die Jäger und der Hof der Venus hatten sich nun in einem großen Kreise vereinigt, um bis zum nahenden Morgen gemeinsam zu jubilieren, und Ferdinand wich nicht von der Seite der schönen Witwe. Mit der größten Tollheit fuhr er fort, ihr den Hof zu machen, obgleich er die Hoffnungen Eriksons wohl kannte. Dieser saß und lauschte seinen Worten, ohne daß er sich seine Unruhe anmerken ließ und ohne seine Schöne zu belästigen, welche ebenfalls fortfuhr, Ferdinands Huldigungen ihre Freundlichkeit entgegenzusetzen und sich von ihm aufs angenehmste unterhalten zu lassen. Erikson besorgte wohl, daß der Teufel sein Spiel treiben und ihm die Jagd verderben könnte; aber als ein erfahrener Jäger verharrte er unbeweglich auf dem Anstande, weil ihm das zu erjagende Wild zu kostbar und edel war, als daß er sich durch Leidenschaftlichkeit verwirren wollte.

Gegenüber an dem großen Tische saß Agnes, welche den grünen Heinrich ängstlich bei sich festhielt, da er Ferdinands Freund und das einzige Band war, welches sie mit diesem Ungetreuen einigermaßen zusammenhielt. Alles freute und ergötzte sich, klang und jubelte in gewichtiger rauschender Pracht um sie her, nur sie allein verzehrte sich in ungestillter Begierde. Die Nacht näherte sich ihrem Ende, und statt die gehoffte Liebesentscheidung zu bringen, sah sie ihr Glück deutlich entfliehen.

In der schmerzlichsten Aufregung verlangte sie wieder zu tanzen und zog Heinrich fort. Dieser berauschte sich, indem er sie zum Tanze umfing, an ihrem Anblick; ein heftiges Begehren wallte durch seinen ganzen Körper, daß der äußerste Zipfel an seiner grünen Kappe erzitterte und die Schelle daran leise erklang. Als aber Agnes plötzlich anhielt, ihm die Hand auf die Schulter legte und leidenschaftlich schmeichelnd bat, er möchte doch sogleich hingehen und Ferdinand bitten, daß er nur ein Mal mit ihr tanze, lief er gehorsam, ja eifrig hin, zog seinen Freund zur Seite und beschwor ihn mit zärtlichen Worten, es zu tun. Lys bat ihn angelegentlich, statt seiner mit Agnes zu tanzen, und entzog sich ihm rasch.

Die beiden jungen Leute drehten sich nun wieder heftig und lustig herum. Das Mädchen atmete so hoch, daß die schmale Spanne ihrer Silberbrust wogte und funkelte, wie die glänzenden Wellen im Mondschein, und alle Glöckchen an Heinrichs Kleid und Kappe zitterten und klangen.

Abermals sandte sie ihn zu Ferdinand mit dem nämlichen Auftrag, und da Heinrich diesen mit eindringlichen und tadelnden Worten, sehr aufgeregt, ausrichtete, fuhr ihn jener an und sagte: »Was ist denn das für eine Sitte von einem jungen Mädchen? Tanzt miteinander und laßt mich zufrieden!«

Heinrich fühlte sich halb erzürnt und halb erfreut über diese Antwort, und die dämonische Lust, eine schlimme Sachlage zu benutzen, stieg in ihm auf; doch bis er zu dem harrenden Mädchen gelangte, siegte das Mitleid und die natürliche Artigkeit, und er hinterbrachte ihr nicht Ferdinands harte Worte, sondern suchte sie zu vertrösten.

Noch einmal tanzten sie und noch bewegter und ungestümer herum, und noch einmal sandte sie ihn zu dem Wankelmütigen und ließ diesen bitten, sie nach Hause zu bringen.

Ferdinand eilte jetzt sogleich herbei, besorgte den warmen Mantel des Mädchens und ihre Überschuhe, und als sie gut verhüllt war, führte er sie unter die Haustür, legte ihren Arm in denjenigen Heinrichs und bat diesen, indem er sich von Agnes in freundlich väterlichem Wohlwollen verabschiedete, seine kleine Schutzbefohlene recht sorgsam und wacker nach Hause zu geleiten.

Zugleich verschwand er, nachdem er beiden die Hände gedrückt, wieder in der Menge, welche die breite Treppe auf und niederstieg.

Da standen sie nun auf der Straße; der Wagen, welcher sie hergebracht war nicht zu finden, und nachdem Agnes traurig an das erleuchtete Haus, in welchem es sang und klang, hinaufgesehen, kehrte sie ihm noch trauriger den Rücken und trat, von Heinrich geführt, den Rückweg an durch die stillen Gassen, in denen der Morgen graute.

Sie hielt das Köpfchen tief gesenkt und vermochte nicht auf den Mantel acht zu geben, welcher alle Augenblicke von den Schultern sank, so daß ihr feiner Oberkörper durch das Zwielicht schimmerte, bis Heinrich sie wieder verhüllte. In der Hand trug sie unbewußt den großen eisernen Hausschlüssel, welchen ihr Lys in der Zerstreuung zugesteckt, statt ihrem Begleiter. Sie trug ihn fest umschlossen in dem dunklen Gefühle, daß Ferdinand ihr das kalte rostige Eisen gegeben. Als sie bei dem Hause angekommen waren, stand sie schweigend und rührte sich nicht, obgleich Heinrich sie wiederholt fragte, ob er die Glocke ziehen sollte, und erst als er den Schlüssel in ihrer Hand entdeckte, aufschloß und sie bat, hineinzugehen, legte sie ihm langsam die Arme um den Hals und küßte ihn, aber wie im Traume und ohne ihn anzusehen. Sie zog hierauf die Arme enger zusammen und küßte ihn heißer und heißer, bis Heinrich unwillkürlich sich regte und sie auch in die Arme schließen wollte. Da erkannte sie ihn, eilte wie wahnsinnig ins Haus und schlug die Tür zu. Heinrich hörte, wie sie, die Treppe hinaufgehend, sich wiederholt an den Stufen stieß. Alles war dunkel und still in dem romantischen Hause; die Mutter schien fest zu schlafen, und nachdem Heinrich eine Weile auf dem kleinen Platze, von seltsamen Empfindungen und Gedanken erfüllt, umhergegangen, schlug er endlich den Rückweg nach dem Odeon ein.

Die Sonne ging eben auf, als er in den Saal trat. Alle Frauen und viele ältere Männer waren schon weggegangen; die große Menge der Jungen aber, von höchster Lust bewegt, tummelte sich singend durcheinander und schickte sich an, eine Reihe von Wagen zu besteigen, um unverzüglich, ohne auszuruhen, ins Land hineinzufahren und das Gelage in Forsthäusern und Waldschenken fortzusetzen, welche romantisch an den Ufern des breiten Gebirgsstromes lagen.

Rosalie besaß in jener Gegend ein Landhaus, und sie hatte die fröhlichen Leute der Mummerei eingeladen, sich auf den Mittag dort einzufinden, bis wohin sie als bereite Wirtin ebenfalls da sein würde. Insbesondere hatte sie viele Damen gebeten, und diese hatten ausgemacht, da es einmal Fasching sei, in der mittelalterlichen Tracht hinauszufahren; denn auch sie wünschten, solange als möglich sich des schönen Ausnahmezustandes zu erfreuen.

Erikson war nach Hause geeilt, um sich nun gänzlich umzukleiden; mit Hilfe einer ganzen Schneiderwerkstatt brachte er in einigen Stunden noch ein gutes ehrbares Jägergewand zustande, in welchem er hinauseilte. Aber auch Ferdinand war nicht müßig. Er nahm einen Wagen, kaufte teure Stoffe ein und fuhr von Schneider zu Schneider, jedem ein Stück in die Arbeit gebend und dieselben zur größten Eile anspornend. In kaum einer Stunde war die Tracht eines altorientalischen Königs fertig, von feinster weißer Leinwand und Purpurseide. Dann fuhr er zu einem Bankier und von da zu allen Juwelieren, den tauglichsten Schmuck aussuchend und sich mit demselben bedeckend; er verwandte eine solche Summe für Gold und Steine, als ob er damit handeln wollte, und doch wußte er recht gut, daß es nur eine vorübergehende Leidenschaft, eine Art Tollwut sei, für welche er so hartnäckig alles daran setzte, der sonst kein Verschwender war, sondern vielmehr mit großer Sparsamkeit und sehr zweckmäßig die Mittel abwog, welche er an sein Leben und Vergnügen wandte.

Zuletzt ließ er sich das lockige Haar salben mit den köstlichsten Ölen; die Arme trug er bloß und mit goldenen Spangen geschmückt, und so erschien er mittags, ohne vorher die im Walde lagernden Künstler aufgesucht zu haben, in Rosaliens Landhaus.

Heinrich hingegen fuhr gleich in der Morgenfrühe mit der übrigen Schar hinaus. Große Wagen, mit Landsknechten über und über beladen und von deren Spießen starrend, fuhren voraus, und ihnen nach die lange Reihe der bunten Gestalten in die helle Morgensonne hinein, am Rande der schönen Buchenwälder, hoch auf dem Ufer des tiefliegenden Stromes, der in glänzenden Windungen sich um die Geschiebe- und Gebüschinseln wälzte. Über den Wäldern sah man wie blaue Schatten die Kuppen des fernen Hochlandes.

Es war ein milder Februartag und der Himmel blau; die herrlichen Buchen wurden bald von der wärmenden Sonne durchschossen, und wenn ihnen das Laub fehlte, so glänzte das weiche Moos am Boden und auf den Stämmen umso grüner, und in der Tiefe dampfte und leuchtete das blaue Bergwasser.

Der Zug ergoß sich über eine malerische Gruppe von Häusern, welche vom Wald umgeben auf der Uferhöhe lag. Ein Forsthof, ein altertümliches Wirtshaus und eine Mühle an schäumendem Waldbach waren bald in ein gemeinsames, von Farben glänzendes Freudenlager verwandelt und verbunden; die stillen Bewohner sahen sich wie von einem lebendig gewordenen Traume überfallen und umklungen; den Künstlern aber weckte die freie Natur, der erwachende Lenz den Witz in der tiefsten Seele. Die frische Luft verwehte den Rausch der Nacht und legte die zartesten und beweglichsten Fühlfäden der Freude und Aufgeregtheit bloß; wenn die Lust der verschwundenen Festnacht zum größten Teil auf Verabredung und Einrichtung beruhte, so lockte dagegen die heutige, ganz frei und in sich selbst gegründet, wie eine am Baume prangende Frucht, zum lässigen Pflücken. Die schönen, dem phantastischen Fühlen und Genießen angemessenen Kleider waren nun wie etwas Hergebrachtes, das schon nicht mehr anders sein kann, und in ihnen begingen die Glücklichen tausend neue Scherze, Spiele und Tollheiten von der geistreichsten wie von der allerkindlichsten Art, oft plötzlich unterbrochen durch den wohlklingenden, festen Männergesang.

Heinrich trieb sich überall umher und vergaß sich selber; er war überwacht und doch nicht müde, vielmehr neugierig und begierig, erst recht in den glänzenden Becher des Lebens zu schauen. Das klare Licht, das Land, die Leute, der Gesang umwirkten ihn seltsam. Als alle die Hundert auf den närrischen Einfall eines einzelnen plötzlich auf die Bäume geklettert waren und wie ein großer Schwarm fremder, farbiger Vögel in den kahlen Ästen saßen, blieb er, nachdem sie voll Gelächter hinabgesprungen, in Gedanken auf einer schwanken Birke sitzen; denn er verwunderte sich, wie nun das ganze Wesen in die Runde gleich einer stillen weiten Ferne um ihn war und die Rufe und Lieder selbst wie über eine weite See her klangen, auch die Gestalten wirr und traumhaft sich bewegten. Es war einer jener Augenblicke, wo die Zeit eine Minute still zu stehen scheint und man von aller Außenwelt losgelöst endlich sich selbst sieht, fühlt und bemerkt. Es fiel ihm auf, daß er nun schon bei fünf und sechs Jahren zurückzählen konnte, ohne aus dem Bereiche des bewußten, reifenden Alters zu geraten; er fühlte zum ersten Male die Flucht des Lebens. Er war nun zweiundzwanzig Jahre alt; plötzlich kam es ihm in den Sinn, daß er in seiner Wohnung diese und jene kleine Gegenstände besaß, ein Pappdeckelchen, eine Schachtel oder gar etwas, das an Spielzeug grenzte, welche unmittelbar aus der Kinderzeit stammten und die er in fortwährendem Gebrauche um sich gehabt, ohne sich dessen inne zu sein.

Er sah deutlich ihre Gestalt, kleine Beschädigungen, und erinnerte sich, wo und wann er sie verfertigt, ein Stückchen Papier abgerissen oder mit dem Federmesser daran gekritzelt hatte.

Sogleich glaubte er vom Baume herunterspringen, nach Hause laufen und die unschuldigen Sachen vernichten zu müssen. Denn sie kamen ihm nun ganz unerträglich vor. Er sah auch seine Jugendgeschichte vor Augen, ihren Einband, den er selbst verfertigt, das Geschreibsel, alles würde er sogleich zerrissen und vernichtet haben, wenn er es in Händen gehabt hätte.

Alles Vergangene erschien ihm töricht, dumpf und beschämend, auch erinnerte er sich genau aller Dummheiten, die er gemacht, sogar solcher, die er im Kinderröckchen begangen, und er fühlte sich rot werden über alle, weil er sich jetzt unendlich klug und gereift vorkam. Auch nahm er sich vor, von diesem Augenblicke an ganz klug zu sein und durchaus nichts Törichtes mehr anzustellen.

Aber alles dies geschah mit reißender Schnelligkeit in wenig Augenblicken, und er ließ sich, schon von anderen Gedanken ergriffen, von der Birke herunter, als eben Erikson aus der Stadt herangeschritten kam.

Ihr erstes Gespräch war das Benehmen Ferdinands. Erikson sagte nicht viel, während Heinrich mit großer Beredsamkeit sein Erstaunen ausdrückte, wie jener ein solches Wesen, wie Agnes sei, also behandeln könne. Er ergoß sich in den bittersten Tadel, und umso lauter, als er selbst in das schöne Kind verliebt war und sein Gewissen ihm sagte, daß das nichts weniger als in der Ordnung sei.

Erikson hörte nicht viel darauf, sondern sagte: »Ich will wetten, daß er das arme Ding heute sitzen läßt und nicht mitbringt. Wir sollten ihm aber einen Streich spielen, damit er zur Vernunft kommt. Nimm einen der Wagen, fahre in die Stadt und sieh ein wenig zu! Findest du den verliebten Teufel nicht zu Hause, noch bei dem Mädchen, so bring dieses ohne weiteres mit, und zwar in Rosaliens Namen und Auftrag, so kann die Mutter nichts dagegen haben; ich werde dies verantworten. Zu Lys wirst du nachher einfach sagen, daß du das für deine Pflicht gehalten, da er dir die Schöne am Abend vorher so hartnäckig anvertraut.«

Heinrich ließ sich nicht zweimal auffordern und fuhr sogleich in die Stadt. Auf dem Wege traf er Ferdinand ganz allein in einer Kutsche.

»Wohin willst du?« rief er Heinrich zu. »Ich soll«, erwiderte dieser, »dich aufsuchen und sehen, daß du das feine Mädchen mitbringst, im Fall du es nicht ohnehin tun würdest. Dies scheint nun so zu sein und ich will sie holen, wenn du nichts dagegen hast. Eriksons schöne Witwe wünscht es.«

»Tu das, mein Sohn!« erwiderte Ferdinand ganz gleichgültig, indem er sich dichter in seinen Mantel hüllte, und fuhr seines Weges, und Heinrich hielt bald darauf vor Agnesens Wohnung an. Das Rollen und plötzliche Stillstehen der Räder widerhallte auffallend auf dem kleinen stillen Platze, so daß Agnes im selben Augenblicke mit strahlenden Augen ans Fenster fuhr. Als sie Heinrich aussteigen sah, verschleierte sich der Blick wieder, doch harrte sie neugierig, daß er in die Stube träte.

Ihre Mutter empfing ihn, beschaute ihn um und um, und indem sie fortfuhr, mit einer Straußfeder, die sie in der Hand hielt, ihren Altar, das daraufstehende Bild ihrer vergangenen Schönheit, die Porzellansachen und Prunkgläser davor, abzustäuben und zu reinigen, begann sie mit einem seelenlosen, singenden Tone zu plaudern: »Ei, da kommt uns ja auch ein Stück Karneval ins Haus, gelobt sei Maria! Welch allerliebster Narr ist der Herr! Aber was tausend habt Ihr denn, was hat Herr Lys nur mit meiner Tochter angefangen? Da sitzt sie den ganzen Morgen, sagt nichts, ißt nichts, schläft nicht, lacht nicht und weint nicht! Dies ist mein Bild, Herr! wie ich vor zwanzig Jahren gewesen bin! Dank sei unserem Herrn Jesus Christ, man darf es ansehen! Sagen Sie nur, was ist es mit dem Kinde? Gewiß hat sie Herr Lys zurechtweisen müssen, ich sag es immer, sie ist noch zu ungebildet für den feinen Herrn, sie lernt nichts und beträgt sich unanständig. Ja, ja, sieh nur zu, Nesi! lernst du das von mir? Siehst du nicht auf diesem Bild, welchen Anstand ich hatte, als ich jung war? Sah ich nicht aus wie eine Edeldame?«

Heinrich antwortete auf alles dies mit seiner Einladung, welche er sowohl in Ferdinands als in Rosaliens Namen ausrichtete; er suchte einige Gründe hervor, warum er und nicht jener selbst komme, indessen die Mutter einmal über das andere rief: »So mach, so mach, Nesi! Jesus Maria, wie reiche Leute sind da beisammen! Ein bißchen zu klein, ein kleines bißchen ist die gnädige Frau, sonst aber reizend! Nun kannst du nachholen, was du gestern etwa versäumt und verbrochen! Geh, kleide dich an, Undankbare! mit den kostbaren Kleidern, die Herr Ferdinand dir geschenkt! Da liegt der köstliche Halbmond am Boden. Aber komm, jetzt muß ich dir das Haar machen, wenns der Herr erlaubt!«

Agnes setzte sich mitten in die Stube; ihre Augen funkelten und die Wangen röteten sich leis von Hoffnung. Ihre Mutter frisierte sie nun mit großer Geschicklichkeit; sie führte mit großer Anmut den Kamm und Heinrich mußte gestehen, als er die hochgewachsene Frau betrachtete und die immer noch schönen Anlagen und Züge ihres Gesichtes sah, daß sie wenigstens einen wahren Grund ihrer Eitelkeit gehabt. Doch wurde sein Auge bald von Agnes allein beschäftigt. Sie saß mit bloßem Halse, von der Nacht der aufgelösten Haare umschattet; um die langen Stränge zu kämmen und zu salben, mußte die Mutter weit von ihr zurücktreten. Sie sprach fortwährend, indessen weder Heinrich noch Agnes etwas sagten. Er hätte gewünscht, ein Jahr in dieser Ruhe zu verharren und keinen anderen Anblick zu haben als diesen.

Endlich war das Haar gemacht und Agnes ging in ihre Kammer, das Dianengewand wieder anzuziehen; die Mutter ging mit, ihr zu helfen; allein sobald sie einigermaßen damit zustande gekommen, erschienen sie wieder und vollendeten den Anzug in der Stube, weil die Alte sich unterhalten wollte.

Agnes sah nun womöglich noch wunderbarer aus als gestern; denn ihr seltsamer Zustand, in dem sie nicht geschlafen hatte, während sie doch von neuer Hoffnung und Sehnsucht belebt und durchglüht war, warf einen geisterhaften Glanz über sie.

Sie fuhren in verschlossenem Wagen durch die Stadt; sobald sie aber im sonnigen Freien waren, ließ Heinrich die Decke zurückschlagen. Agnes atmete auf und fing an zu plaudern. Heinrich mußte ihr erzählen, wie die heutige Lustbarkeit sich veranlaßt habe, wer draußen zu treffen und wo Ferdinand sei. Sie wurde immer vertraulicher, sah ihm freundlich lächelnd in die Augen und ergriff seine Hand; denn er war ihr wie ein guter Engel erschienen, der sie zum Glücke führen sollte. Die Landleute am Wege sahen mit Verwunderung das einzelne Pärchen dahin fahren, das wie aus einer anderen Welt kam, und Heinrich fühlte sich zufrieden und beglückt.

Der Mensch nährt sich, wird gut oder böse, vom Schein. Wenn ihm das Glück eine bloße Situation gibt, so wurzelt er daran, wie eine Pflanze am nackten Felsen. Weil Heinrich nun wieder mit einem reizenden und ungewöhnlichen Mädchen, in schöner Tracht, in vertrautem Zusammensein unter dem blauen Himmel dahin fuhr wie vor Jahren, als er mit einem wirklichen Liebchen über den Berg geritten, erklärte sich sein Herz zufrieden und verlangte nichts Besseres.

Erfaßte sich also zusammen und nahm sich vor, ordentlich zu sein. Zwar fühlte er sich noch mehr als gestern in Agnes verliebt, aber er fühlte nun auch, daß er ihr herzlich gut war und nur Gutes wünschte. Daher entschloß er sich, ihr als treuer Freund zu dienen und alles daran zu setzen, daß ihr kein Unrecht geschähe.

Als sie schon das weiße Landhaus in geringer Entfernung glänzen sahen, geriet Agnes aufs neue in große Aufregung; sie wurde bald rot, bald blaß, und da sich eine kleine ländliche Kapelle am Wege zeigte, verlangte sie auszusteigen.

Sie eilte, ihr langes Silbergewand zierlich zusammennehmend, in die Kapelle; der Kutscher nahm seinen Hut ab und stellte ihn neben sich auf den Bock, um die fromme Muße auch zu einem Vaterunser zu benutzen, und Heinrich trat verlegen unter die offene Tür. Das Innere der Kapelle zeigte nichts als einen wurmstichigen Altar, bedeckt mit einer verblichenen veilchenblauen Decke. Das Altarbild enthielt einen englischen Gruß, und vor demselben stand noch ein kleines Marienbildchen in einem starren Reifröckchen von Seide und Metallflittern in allen Farben. Rings um den Altar hingen geopferte Herzen von Wachs, in allen Größen und auf die mannigfaltigste Weise verziert; im einen stak ein Papierblümchen, im anderen eine Flamme von Rauschgold, das dritte durchbohrte ein Pfeil, wieder ein anderes war ganz in rote Seidenläppchen gewickelt und mit Goldfaden umwunden, eines war mit großen Stecknadeln besteckt, wie ein Nadelkissen, wohl zum Zeichen der schmerzvollen Pein seiner Spenderin.

Auf den Bänken aber lagen zahlreiche Abdrücke eines Gebetes, das auf Pappe gezogen auch an der Tür hing und folgende Überschrift trug: Gebet zur allerlieblichsten, allerseligsten und allerhoffnungsreichsten heiligen Jungfrau Maria, der gnadenreichen und hilfespendenden Fürbitterin Mutter Gottes. Approbiert und zum wirksamen Gebrauche empfohlen für bedrängte weibliche Herzen durch den hochwürdigsten Herrn Bischof etc.

Dazu war noch eine Gebrauchsanweisung gefügt, wie viele Ave und andere Sprüche dazwischen zu beten seien.

Agnes lag auf den Knien vor dem Altare, und den Rosenkranz, den sie aus dem Busen gezogen, um die Hände gebunden, betete sie leise, aber inbrünstig, das Gebet vor sich auf dem Boden. Wenn sie einige Worte abgelesen hatte, so schaute sie flehend auf zu dem Marienpüppchen und bat die göttliche Frau mit heiligem Ernst, ihr beizustehen in ihrer Bedrängnis und in ihrem Vorhaben.

Endlich stand sie mit einem großen Seufzer auf und ging nach dem Weihkessel, in welchen sie ihre weißen Finger tauchte. Da sah sie Heinrich in die Tür gelehnt, wie er sie unverwandt betrachtete, und an seiner Haltung sah sie, daß er ein Ketzer sei. Ängstlich tauchte sie den vorhandenen Wedel tief in den Kessel, eilte damit auf Heinrich zu, wusch ihm förmlich das Gesicht und besprengte ihn über und über mit Wasser, indem sie mit dem Wedel unaufhörliche Kreuze schlug. Nachdem sie so die schädliche Einwirkung seiner Ketzerei auf ihre Andacht gebannt, ergriff sie beruhigter seinen Arm und ließ sich wieder in die Kutsche heben.

Heinrich zog sein Taschentuch und trocknete sich das Gesicht, welches von Weihwasser troff; Agnes wollte ihn daran verhindern und zog ihm das Tuch weg, und indem sie so in einen Streit gerieten, der zuletzt zum mutwilligen Scherz wurde, vergaßen sie ganz, daß sie bereits an dem Garten Rosaliens angekommen waren.

Die zahlreiche Gesellschaft, welche schon in dem Landhause versammelt war, begrüßte die liebliche Erscheinung mit lauter Freude. Rosalie hatte außer den Künstlern und den Damen von gestern noch mehrere ihrer Verwandten und Freunde holen lassen, welche sich nun in sonntäglicher moderner Kleidung unter die Vermummten mischten, wovon die Gesellschaft ein zufälliges und leichtes Ansehen gewann. Rosalie selbst, um ihren Pflichten als Wirtin besser nachzukommen, zeigte sich in einfacher häuslicher Tracht, welcher sie auf das anmutvollste einigen heiteren Schmuck beigefügt hatte.

Als Agnes Ferdinand in seinem fremdartigen und fast weiblichen Schmucke erblickte, blieb sie einen Augenblick offenen Mundes stehen und geriet in eine verwirrte Berauschung, da er zärtlich auf sie zueilte, Heinrich für seine Mühe dankte und mit voller Aufmerksamkeit für sie besorgt war. Erst nach und nach kam sie wieder zum Bewußtsein, wachte nun auf in froher Hoffnung und ging, indem es ihr wie ein Stein vom Herzen fiel, in eine blühende Fröhlichkeit über. Sie fing an zu zwitschern, wie ein Vögelchen im Frühling, und schaute vergnügt um sich; denn sie sah nun wirklich Ferdinand neben sich sitzen und hörte seine vertraute Stimme in artigen Worten, die er an sie richtete.

Das kleine, schön gebaute Haus war mit Gästen angefüllt. In dem mäßigen Saale und den wohnlichen Zimmern brannte lockendes Kaminfeuer, indessen die Sonne wärmend durch die Fenster schien und auf dem Garten lag, so daß man durch die offenen Glastüren aus und ein ging. Überall blühten Hyazinthen und Tulpen, und das Treibhaus, welches im schönsten Flore stand, war zwischen seinen grünen Gebüschen mit gedeckten Tischchen versehen. Einige Musiker waren bestellt und man tanzte in dem Saale, jedoch ohne Hast und ohne Zeremonien, sondern behaglich und abwechselnd. Es war anmutig zu sehen, wie ein Teil der Gesellschaft zierlich und fröhlich tanzte, während ein anderer Teil sich in Spielen und Erfindungen erging in Haus und Garten, indessen ein dritter sich im traulichen Zimmer in weitem Ringe um den runden Tisch reihte und die Champagnergläser hob. Die Wirtin war so unermüdlich und liebenswürdig, daß der Fremdeste sich bald zu Hause fühlte. Jedem wußte sie durch einen einzigen Blick, durch ein Wort oder eine Frage dies Gefühl zu geben, und diejenigen jungen Leute, welche aus dürftiger Dachkammer herabgestiegen, nur durch ihr Faschingsgewand in diese Räume der Wohlhabenheit und Zierlichkeit geführt und wenig an die Gebräuche der sogenannten guten Gesellschaft gewöhnt waren, richteten sich nichtsdestominder mit großer Unbefangenheit an ihren Trinktischen ein, und Rosalie schien geehrt und erfreut zu sein durch das treuherzige Schenkeleben, welches sie mit Maß und Sitte zur Schau stellten.

Dadurch gewann sie sich die Herzen aller Anwesenden, so daß sich alle mehr oder weniger in sie verliebten. Sie war sozusagen die Frau von Gottes Gnaden, deren Anmut Wohlwollen und Trost ausstrahlte und allgemeines Wohlwollen erntete, und indem in ihrer Umgebung jeder einzelne bei ihrem Anblick des Glaubens wurde, daß sie ihm besonders freundlich sei, so begnügte er sich mit diesem Gefühle, und sie sah sich von der Bescheidenheit und Sitte aller umgeben.

Nur Ferdinand verhärtete sich immer mehr in seiner Leidenschaft. Er hatte sein Benehmen gegen Agnes nur geändert, um ihren Wert und ihre Schönheit erst recht an das Licht zu stellen, zu zeigen, welch ein seltenes Wesen er so gut wie in der Hand hätte, wie dieses ihn aber ganz unberührt lasse, ja, wie er sie ganz und gar nur als ein liebliches Kind betrachte, welches neben der gereiften Schönheit Rosaliens nicht in Rede kommen könne. Er hatte auch mit großer Feinheit seine Rolle gespielt, so daß niemand deren Falschheit bemerkte als Rosalie und Agnes selbst, welche bald nach ihrer ersten Freude die alte Weise Ferdinands erkannte und darüber tödlich erschrak.

Rosalien war seine veränderte kokette Tracht aufgefallen, und sie fühlte sich dadurch beleidigt; auch hatte sie von Erikson, soviel dieser davon wußte, sein Verhältnis zu Agnes erfahren und war erst willens, durch ein kluges Verfahren dem jungen seltsamen Mädchen, das ihr wohlgefiel, zu seinem Rechte zu verhelfen und Ferdinand in Güte zu ihr hinzulenken. Im Verlauf des Tages sah sie aber ein, daß er kein Glück sei für ein so naives Kind und daß sie mit gutem Gewissen nicht in dessen Geschick eingreifen dürfe, und sie entschloß sich, den selbstsüchtigen Untreuen seinen Weg gehen zu lassen und ihn auf ihre Weise zu bestrafen.

Als er daher Agnes, nachdem er sie der Obhut Heinrichs übergeben, plötzlich wieder verließ und begann, seine Bewerbungen um Rosalien fortzusetzen, empfing sie ihn mit alter Freundlichkeit, und als er sie auf Schritt und Tritt begleitete, hörte sie ihn holdselig an und tat, als ob sie weder dies noch die mißbilligende Verwunderung der Gesellschaft bemerkte.

In einem Seitengemache gefiel sich eine gewählte Gesellschaft darin, in den glänzenden Fabelgewändern ruhig eine Partie Whist zu spielen. Rosalie und Ferdinand traten ein, um sich hier umzusehen, und beteiligten sich am Spiele. Er benutzte dasselbe, um allerlei Galanterien zu begehen und ungestört eine Weile ihr gegenüber zu sitzen. Sie lächelte ihm zu und hielt gut mit ihm zusammen. Als die Partie geendet, ergriff sie die Karten und bat die Spieler und andere, welche in der Nähe waren und welche alle aus vermöglichen Personen bestanden, eine kleine Rede von ihr anzuhören.

»Ich habe mich«, sagte sie, »bisher arg gegen die Kunst versündigt und, trotzdem daß ich mit Glücksgütern gesegnet bin, so viel wie nichts für sie getan; ich bin umso tiefer beschämt, als ich durch dieses Fest die sinnige, treuliche Lebenslust empfinden gelernt habe, welche in den Künstlern ist und von ihnen ausgeht, und ich möchte einen besseren Anfang machen und wünsche in meiner Dankbarkeit, daß heute in meinem Hause, welches durch die fröhliche Anwesenheit so vieler Künstler geehrt wird, etwas Gutes geschähe und daß ich, was wie ich glaube für die rechte Kunstbeförderung ebenso notwendig ist, auch andere veranlasse, etwas Gutes zu tun. Ich sehe unter meinen Gästen so manches junge Bürschchen mit glänzenden Augen, dem es aber, nach seiner schüchternen Haltung zu urteilen, nicht zum besten geht. Wie schön wäre es, wenn wir wenigstens einen oder zwei dieser flüggen Vögel unmittelbar aus dieser Festfreude heraus nach Italien schicken könnten! Da ich aber an niemanden bestimmte Anforderungen machen darf, so will ich hier Bank halten und diejenigen, welche es können, zum Spiele einladen. Was gewonnen wird, legen wir zusammen, ich verdoppele die Summe alsdann, und je nach dem Befunde wählt dann die anwesende Gesellschaft denjenigen aus ihrer Mitte, welchen sie für den Würdigsten und Bedürftigsten hält!«

Und mit verbindlichem Lächeln sich zu Ferdinand wendend und ihn zum Tische ziehend, sagte sie: »Herr Lys, Sie sind ein reicher Mann! Geben Sie ein gutes Beispiel und fangen Sie an!«

Ferdinand hatte von der bedeutenden Summe, welche er in seiner Narrheit bei den Juwelieren ausgegeben, noch zehn bis zwölf Louisd'ors übrig, die er in ein Papier gewickelt in den Busen gesteckt hatte, da in der Eile an seinem ganzen Kostüm nicht eine Tasche angebracht worden. Verlegen zog er das Geld hervor, wie ein Mädchen einen Liebesbrief, und verlor es schnell an die schöne Bankhalterin.

Sie warf es in eine leere Fruchtschale und dankte ihm, indem sie zugleich bedauerte, daß er nicht mehr zu verlieren habe. Ihm schien aber das Verlorene schon zu viel zu sein, und um wieder etwas davon zu gewinnen, warf er, scheinbar um noch mehr beizutragen, den kleinsten seiner Ringe hin.

Allein er verlor auch diesen. Rosalie hatte zu ihrer großen Freude ein merkwürdiges Glück, Ferdinand verlor Stück um Stück von seinem Schmucke; Armspangen, Agraffen, Ringe und Ketten warf er auf den Tisch in dem aufgeregten Bestreben, wieder zu dem Seinigen zu kommen; Rosalie setzte gemünztes Gold dagegen, aber nach wenigen Schwankungen lag der ganze Schmuck Ferdinands, im Wert von über dreitausend Gulden, schimmernd in der Schale.

Rosalie klatschte in die Hände und verkündete unverhohlen ihre Freude über dies unverhoffte Gelingen, und als sie Ferdinand holdselig dankend die Hand reichte, mußte auch dieser eine gute Miene machen, obgleich er nun eine seltsame Figur spielte, da der noch seltsamere Schmuck jetzt erst recht die Aufmerksamkeit erregte.

Aber nun ging es erst recht an. Die Damen wurden von den Edelsteinen mächtig angezogen, und in der Hoffnung, dies oder jenes, was ihnen besonders gefiel, zu gewinnen, drängten sich bald alle um den Tisch und spielten eifrig um den Schmuck; denn sie nahmen sich samt und sonders vor, ihre Männer oder Väter zu bewegen, den verhofften Gewinst mit barem Gelde auszulösen. Allein Rosalie hatte unverwüstliches Glück und häufte endlich fast alles vorhandene Geld zu dem Schmuck in die Schale, und als zuletzt niemand mehr spielte, rief sie: »Obgleich mein Unternehmen einen Umfang gewonnen hat weit über das erwartete Ziel hinaus, so freue ich mich dennoch, mein Wort zu halten und diesen ganzen Gewinst zu verdoppeln!«

Einige angesehene ältere Künstler und ein anwesender Kaufmann berieten nun die Sache, und es fand sich, daß man zwei junge Leute reichlich ausstatten könne auf einige Jahre.

Das Ereignis erregte das größte Erstaunen und den freudigsten Jubel im ganzen Hause, und die Freude war so plötzlich gekommen, daß nicht der leiseste Schatten von Neid sich daruntermischte, als man nun auf Rosaliens Wunsch die zwei jungen Maler auswählte, welche die Reise nach Italien machen sollten.

Die Wahl war ein neues und das edelste Vergnügen von allen bisherigen, und es wurde auf das sinnreichste und lieblichste hin und hergewandt, da es so gut schmeckte, und endlich wurden zwei Brüder gewählt, welche sich ebenso durch ihren Fleiß als durch ihre Armut auszeichneten, zwei liebenswürdige Bürschchen aus Sachsen, welchen während ihres Aufenthaltes in der Kunststadt Vater und Mutter gestorben und jeder Unterhalt verloren war. Man begriff nicht, wie sie leben konnten, so kümmerlich nährten sie sich, und doch waren sie der Kunst so anhänglich und treu und immer so guten Mutes, daß sie bei aller Armut und Sparsamkeit doch immer einige blanke Gulden bereit hatten, jedes Künstlerfest mitzufeiern und jedermann durch ihre bescheidene Fröhlichkeit zu erfreuen.

Die zwei Kirchenmäuse wußten nicht, wie ihnen geschah, und küßten in ihrer Verwirrung der reizenden Urheberin dankbar die Hand. Rosalie konnte sich nicht enthalten, den schüchternen jungen Bürschchen die Wangen zu streicheln, und hätte sie gern geküßt, wenn es sich hätte tun lassen.

Sie wurden im Triumph herumgeführt, woraus sich ein neues Anordnungs- und Wandervergnügen ergab.

Indessen verfiel Ferdinand gänzlich seinem Geschick. Es begab sich mit ihm, was sich immer begeben hat, er geriet durch das Schiefe und Unrechte der einen Leidenschaft in eine Niedrigkeit des Empfindens und Denkens, welche sonst nicht in ihm lag. Er war allerdings selbstsüchtig und sparsam gegen andere, sobald es Geld oder Gut betraf, aber doch nicht in dem Grade, daß er sich nicht im allgemeinen mit einem anständigen und liebenswürdigen Charakter vertragen hätte; er würde über den erlittenen Verlust unter allen Umständen verdrießlich geworden sein, aber nicht so sehr, daß der Verdruß im mindesten auf andere Ideen und Vorstellungen eingewirkt oder dieselben getrübt hätte. Jetzt aber verband sich mit seinem geheimen Ärger sogleich der Gedanke, sich zu entschädigen; er machte in seinem Innern Rosalien sich verpflichtet und hielt sie durch den Vorfall für gebunden an ihn durch ein starkes Band.

Diese bedenkliche Ausschweifung verwirrte ihn ganz und trieb ihn demgemäß zum Handeln. Er nahm sich also äußerlich zusammen, da er in seiner Torheit seiner Sache sicher zu sein glaubte, und beobachtete Rosalien mit mehr Ruhe, um den günstigen Augenblick zu finden, sie allein zu sehen.

Rosalie schien ihn hierin zu unterstützen; denn er bemerkte, daß sie mehrmals allein wegging auf eine Weise, als ob sie wünsche, daß jemand ihr folge und sie aufsuche.

Sie hatte Spiel, Schmuck und Ferdinand vergessen und war jetzt mit einem anderen Gedanken beschäftigt, und dieser Gedanke rötete ihre Wangen und entfachte ihre Augen in holder Glut. Sie wünschte, daß Erikson sie suchte und allein spräche, ohne daß sie ihn geradezu aufforderte. Aber dieser merkte von allem nichts, und anstatt daß er selber auf den Gedanken kam, den er vielmehr beinahe scheute wie eine gefährliche Entscheidung, beobachtete er Ferdinand, der sich nun ruhiger hielt, und glich einem Jäger, der nach einer anderen Seite sieht, wo er etwa einen Fuchs vermutet, während das schöne Reh in Schußweite vor ihm hinspringt.

Ferdinand aber verlor nun keine Zeit mehr, sondern verschwand unversehens aus dem Saale, als er gesehen, daß Rosalie sich wiederum entfernt habe. Sobald er auf dem Gange war, folgte er ihr mit stürmischen Schritten, daß seine assyrischen Gewänder nur so flogen, erreichte sie in einem abgelegenen stillen Zimmerchen, welches zur Sommerzeit ihr Boudoir war, ergriff ihre beiden Hände und begann dieselben leidenschaftlich zu küssen. Sie hatte gehofft, daß Erikson hinter ihr her käme; aber bald erkannte sie an dem leichten Schritte, daß er es nicht sei, und wußte nun in der Verwirrung nicht sogleich, was sie anfangen sollte.

Doch entzog sie ihm die Hände, indessen er sagte: »Schönste Frau! Sie haben zwei Glückliche gemacht! Beglücken Sie den dritten, indem Sie mir erlauben. Ihnen zu sagen, wie tief ich von Ihrer Schönheit und Anmut, von Ihrem ganzen Wesen ergriffen bin!«

Rosalie zappelte mit ihren Händchen, ihn abwehrend, und rief halb ängstlich, halb lachend: »Herr Lys! Herr Lys! ich bitte Sie! Sehen Sie denn nicht, daß ich heute in meinen Alltagskleidern stecke und nicht mehr die Göttin der Liebe bin?«

»O schöne, liebe Rosalie!« rief Lys und fuhr fort mit schöner Beredsamkeit, »mehr als je sind Sie die Schönheit und Liebe selbst und alles das, was die Alten so tiefsinnig vergöttert haben! Sie sind eine ganze Frau im edelsten Sinne des Wortes, in Ihnen ist nur Anmut und Wohlwollen, und Sie verwandeln alles dazu, was um Sie ist. O jetzt begreife ich, warum ich ein Ungetreuer und Wankelmütiger war mein Leben lang! Wie kann man treu und ganz sein, wo man immer nur das halbe und durch Sonderlichkeit getrübte Weib trifft, bald unfertig in seinem Bewußtsein, bald eigensinnig und überreif in demselben? Sie sind das wahre Weib, in dem der Mann seine Ruhe und seinen dauernden Trost findet. Sie sind heiter und sich selber gleich, wie der Stern der Venus, den Sie gestern trugen! O verkennen Sie sich nicht, erkennen Sie Ihr eigenes Wesen! Diese göttliche Freundlichkeit, welche Sie beseelt, ist nichts als Liebe, welche gewähren muß, sobald sie erkannt und verstanden wird! Sie muß sich äußern hoch über der trüben Welt von Tugend und Sünde, Pflicht und Verrat, in der Höhe des klaren unveränderlichen Lebens ihres eigenen Wesens!«

Er hatte wieder ihre Hand ergriffen und sah jetzt so schön und aufrichtig aus, daß sie ihm nicht gram werden konnte; sie ließ ihm desnahen noch eine Weile die Hand und sagte mit großer Anmut und Freundlichkeit: »Sie sind jetzt sehr liebenswürdig, Herr Lys! und ich will deshalb vernünftig mit Ihnen sprechen. Ich bin weit entfernt, Ihre Grundsätze zu verdammen oder Ihnen eine zimperliche Predigt halten zu wollen, da ich sehe, daß dieselben nicht leere Worte eines unsicheren Mannes, vielmehr nur zu deutlich die Äußerung einer tiefer begründeten Lebensrichtung sind. Sehen Sie zu, wie Sie dabei Ihr Glück und Ihre Ruhe finden, von der Sie sprechen! Aber ich muß Ihnen wenigstens sagen und kann Sie auf das Heiligste versichern, daß ich mich selber sehr wohl kenne und daß Sie sich hinsichtlich meines Wesens vollkommen getäuscht haben. Sehen Sie, Herr Lys! (und hier zog sie ihre Hand zurück und maß ihm eine rosige Fingerspitze vor, indessen sie etwas ungeduldig mit den Füßchen strampelte) ich empfinde nicht so viel Neigung für Sie, und ich schwöre Ihnen, daß, was meine Freundlichkeit betrifft, dieselbe nun und nimmermehr das für Sie sein wird, was Sie Liebe nennen oder was ich Liebe nenne! Ja vielmehr steht sie auf dem Punkte, in Haß und Abscheu umzuschlagen, wenn Sie Ihr Benehmen nicht sogleich ändern! Entschließen Sie sich dazu, oder ich bitte Sie, mein Haus zu verlassen, denn Sie stören mir alle Freude und machen ein unnützes Aufsehen!«

Als sie dies sprach, funkelte zuletzt durch alle lächelnde Freundlichkeit ein lichter Zorn in ihren Augen, gleich einem Blitz im Sonnenschein, welcher zwar bezaubernd, aber auch so deutlich und entschieden war, daß Lys nicht ein Wort zu erwidern wußte. Er sah sie erstaunt und wehmütig an, wie einer, der aus seiner ganzen persönlichen Beschaffenheit und Überzeugung heraus gehandelt hat und darüber traurig ist, daß er keinen Anklang findet. Dann ging er, ohne ein Wort zu sagen, langsam aus dem Zimmer.

Rosalie schaute ihm nach, und während sie aufatmend sich auf ein Sofa warf, mischte sich in den freundlichen Spott, den sie empfand, doch ein geheimstes bedauerndes Gefühl, daß ihr Wohlwollen nicht etwas der Art sein dürfe, für was Lys es gehalten wissen wollte.

Inzwischen hatte Erikson endlich ihre und Ferdinands gleichzeitige Abwesenheit entdeckt, und da er Rosalien zu sehr ehrte und liebte in seiner breiten Brust, um sie genauer zu kennen, und auch ein ziemlicher Neuling in dieser Lage war, so verließ ihn plötzlich sein bisheriges Phlegma und er geriet in die heftigste Aufregung.

Die abenteuerlichsten und graulichsten Geschichten von der geheimen Verworfenheit und Schwachheit der Weiber, welche er in Schenken und Männergesellschaften gehört, fuhren ihm wie Gespenster durch den Kopf, die wunderlichsten Eroberungen und Überrumpelungen durch kühne Gesellen, unter den schwierigsten Umständen, kamen ihm in den Sinn und wechselten mit dem Bilde der sich immer gleichen Rosalie, und dies Bild verscheuchte dann alle jene Schrecken für einen Augenblick; aber sie kehrten wieder und peinigten ihn auf das ärgste.

Und als er sie endlich gewaltsam unterdrückte, sagte er sich: Und was wäre es denn, wenn mir dieser Teufel zuvorkäme und das täte, was ich schon längst hätte wagen sollen? Wer wäre zu tadeln als ich selbst? Soll mir die liebe Schöne sich selbst auf einem Teller präsentieren? Hole der Henker das Geld! Ich glaube, ich wäre nicht halb so blöde, wenn sie nicht so reich wäre! Aber was tut das zur Sache? Sie ist ein Weib, ich ein Mann, Himmel! sie wird mir den Kopf nicht abbeißen!

Als ob seine Seligkeit auf dem Spiele stände, durchmaß er alle Zimmer, und als er sie nirgends fand, riß er voll Furcht und Zorn die letzte Tür auf, die ihm noch übrig blieb, trat hastig in das schwach erleuchtete Stübchen und fand Rosalien auf dem Sofa sitzend. Sie hielt sich ganz still und sah ihn an, und Erikson stand plötzlich ratlos da.

Nachdem er eine Weile gestanden, indessen sich die Schöne nicht gerührt, gewann er über ihrem Anblicke seine Bewegung wieder, stärker als vorhin, aber nun rein und gleichmäßig, eine schöne, mächtige Wallung. Er tat einen Schritt auf sie zu, ergriff ihren Arm so fest, daß es sie schmerzte, und gab nun seinen Gefühlen und Meinungen Worte, so gut er sie zu finden vermochte.

Rosalie beklagte sich nicht über den Druck seiner starken Hand, es schien sogar, als ob ihr der kleine Schmerz das größte Vergnügen gewähre. Sie hörte ihn mit schwerverhaltenem Lächeln an, und eine Viertelstunde nachher sah man ihn feierlich und zufrieden durch die Räume kommen, mit glänzenden Augen einige Verwandte Rosaliens zusammenzusuchen und zu ihr zu berufen, und abermals eine Viertelstunde nachher erschienen diese wieder und ordneten in dem Saale eine Abendtafel für die gesetztere Hälfte der Gesellschaft und besonders für sämtliche Verwandte und Freunde Rosaliens, deren noch manche schnell geholt wurden; und als alles dies zustande gekommen, indessen auch die Lichter angesteckt wurden, verkündete ein ehrwürdiger Oheim die unverhoffte Verlobung, und das glückliche Paar nahm die überraschten Glückwünsche von allen Seiten frohlauschend auf.

Alle, die in gewöhnlicher Kleidung anwesend waren, führten unter sich alsbald eine gelinde Kritik über die seltsame Verlobung und die künstlerischen Neigungen der reichen Witwe, die so rasch nacheinander zutage träten; doch wenn sie, besonders die Schönen, auf Erikson blickten, so blieben ihre Worte nur noch tönende, während das Auge gestehen mußte, daß die feine Rosalie wohl zu wählen gewußt habe.

Die Künstler aber freuten sich unbändig über diese neue glückliche Wendung zu Ehren ihres Standes und machten Erikson glückwünschend zu ihrem Helden, nicht ahnend, welcher Abfall von Pinsel und Palette mit dieser Verlobung sich vollende. Denn Erikson hat in der Tat nie wieder gemalt, obgleich er den Künstlern zugetan blieb und mit vieler Behaglichkeit sich später eine Bildersammlung anlegte.

Nur Ferdinand ertrug diesen Vorfall nicht; er verlor sich in der größten Uneinigkeit mit sich selbst aus dem Hause und stürmte in den Buchenwald hinaus, in welchem viele einzelne Masken umherirrten und lärmten. Viele kamen auch von den Forsthäusern auf die Kunde von den artigen Begebenheiten in das Landhaus der Witwe oder nunmehrigen Braut und wurden da bewirtet. Erikson rührte sich sogleich lustig als künftiger Herr des Hauses und schaffte mit ausgiebiger Bewegung Raum und Stoff in die Verwirrung, die rauschend hereingebrochen war.

Dann aber geleitete er Rosalien, die sich zurückziehen wollte, als sie alles im besten Gange und durch treue Freunde und Diener überwacht sah, nach der Stadt. Sie erbebte in der Dunkelheit vor Vergnügen, als er sie in den Wagen hob und als der leichte Kasten heftig schaukelte, da der hünenmäßige Erikson einstieg.

Während sich dies alles begeben, hauste in dem Gewächshause ein kleines Trüppchen Leute, abgelegen und vergessen von der großen Gesellschaft, und führte zwischen den Myrten- und Orangenbäumen ein wunderlich verborgenes Leben. Da saß an einem Tischchen der fabelhafte Bergkönig, welcher mit seiner Krone und seinem weißen Barte aussah, als wäre er eben aus den Fluten des Rheines, aus der Nibelungenzeit heraufgestiegen, und sang, indem er das lange Kelchglas schwenkte, die lustigsten Lieder; neben ihm zechte ein Winzer aus dem Bacchuszuge, ein wirklicher Rheinländer, welcher eine Anzahl Champagnerflaschen erhascht und unter den Myrten verborgen hatte. Es war ein untersetzter Mann von dreißig Jahren mit einem braunen Krauskopfe und kindlich lachenden Augen, welche bald mit frommem Ausdrucke in die Welt schauten, bald in schlauer Lustigkeit funkelten. Seine Hände verkündeten einen fleißigen Metallarbeiter und der weichgeschnittene Mund einen andächtigen Trinker, indessen doch die Mundwinkel einen sinnenden festen Zug hatten vom häufigen Verschließen und Verziehen des Mundes über der beharrlichen plastischen Arbeit. Man nannte ihn den kleinen Gottesmacher, weil er nicht nur alle für den katholischen Kultus notwendigen Silbergefäße, sondern auch sehr wohlgearbeitete Christusbilder in Elfenbein verfertigte. Nebenbei war er ein trefflicher Musikus, der mehrere Instrumente spielte und ein Kenner der alten Kirchenmusik sowohl als einer Menge melancholischer Volkslieder war. Diese sang er jetzt abwechselnd mit dem Bergkönig und dem grünen Heinrich, welcher mit Agnes den kleinen Kreis vervollständigte.

Das verzweifelte Mädchen hatte sich hierher zurückgezogen, weil sie nicht unter den anderen Frauensleuten sein mochte, die alle glücklich waren und sich ihres Lebens freuten. Sie saß nun wieder stumm und still und lauschte auf die Worte Heinrichs, welcher ihr fortwährend Hoffnung machte und zuflüsterte, sie solle nur Geduld haben; wenn erst diese tolle Zeit vorüber sei, so würde sich Ferdinand schon besinnen und müsse es, er wolle ihn dazu zwingen. Als das Geräusch der Verlobung sich verbreitete, eilte Heinrich weg, um Ferdinand aufzusuchen, während Agnes mit banger Hoffnung und aufblitzender Lebenslust seiner harrte. Aber er fand ihn nirgends und kehrte allein zurück.

Agnes versank in eine tiefe Erstarrung, alles vergessend, was um sie war. Der Bergkönig und der Winzer begannen jetzt ihren Zustand zu erkennen und bewährten sich als bescheidene und treuherzige Gesellen, welche mit herzlicher Schicklichkeit ihrer schonten und zugleich mit derselben sie aufzuwecken und zu beleben suchten.

Heinrich bot ihr an, sie nach Hause zu bringen; allein sie verweigerte es und ging nicht von der Stelle, indem sie behauptete, Ferdinand müsse sie nach Hause begleiten und würde gewiß noch kommen. Sie trank nun mehreremal von dem brausenden Weine, den sie in ihrem Leben noch nie getrunken, und als derselbe seine Wärme durch ihr Blut ergoß, wurde sie allmählich laut und ergab sich einer selbstbetäubenden Freude. Sie sang nun selbst mit den Gesellen und ließ eine so wohlklingende Stimme ertönen, daß alle bezaubert wurden. Sie wurde immer lustiger und trank in kurzer Zeit einige Gläser aus.

Die drei Burschen, wenig erfahren in so bedenklichen Sachen, ließen sich nun ohne Arg von ihrer Ausgelassenheit hinreißen und freuten sich über das reizende lustige Mädchen, über welches ein eigentümlicher dämonischer Zauber gegossen war. Sie brach blühende Myrten- und Lorbeerzweige und flocht Kränze daraus; sie plünderte das ganze Gewächshaus, um Sträuße zu binden, und indem sie ihre Zechbrüder mit den fremden Wunderblumen aufputzte und ihnen die Kränze aufsetzte sowie sich selbst, tanzte sie nicht wie eine Diana, sondern wie eine kleine angehende Bacchantin herum, ohne daß indes die ganze Szene das geringste von ihrer Unschuld und Harmlosigkeit verloren hätte.

Aber plötzlich, als die Lust am größten war, veränderte sich ihr Gesicht und sie fing bitterlich an zu weinen; sie warf sich auf einen Stuhl und weinte mehr und mehr, es war, als ob alle Quellen des Leides sich geöffnet hätten, und bald war das Tischtuch, auf das sie ihr schluchzendes Haupt niederbeugte, von ihren strömenden Tränen benetzt, die sich mit dem Champagner ihres umgestürzten Glases vermischten.

Mit durchdringender, klagender Stimme rief sie, vom Schluchzen unterbrochen, nach Ferdinand, nach ihrer Mutter. In größter Ratlosigkeit suchten die Gesellen sie zu beruhigen und aufzurichten, zugleich befürchtend, daß andere Gäste herbeikommen und Agnesens bedenklichen Zustand sehen möchten.

Allein ihr Schrecken wurde noch größer, als die Tränen unversehens versiegten, Agnes vom Stuhle sank und in wilde Krampte und Zuckungen verfiel. Sie warf ihre feinen weißen Arme umher, die Brust drohte das spannende Silbergewand zu sprengen, und die schönen dunkelblauen Augen rollten wie irre Sterne in dem bleichen Gesicht. Heinrich wollte nach Hilfe rufen, aber der Bergkönig, welcher der älteste war, hielt ihn davon ab, um einen allgemeinen Auftritt zu verhüten. Sie hofften, der Anfall würde vorübergehen, sprengten ihr Wasser ins Gesicht und lüfteten das Brustgewand, daß der kleine pochende Busen offen leuchtete. Heinrich hielt das schöne tobende Mädchen, das mehr dem Tode als dem Leben nahe schien, auf seinen Knien, da kein geeigneter Ruhesitz im Treibhause war, und indem er das zärtlichste Mitleid für sie fühlte, verwünschte er den eigensüchtigen Ferdinand, welcher nun weiß Gott wo umherschweifen mochte.

Als aber der unglückliche Zustand, anstatt vorüberzugehen, immer schlimmer und bedrohlicher wurde, indem die Zuckende kaum mehr zu halten war, entschlossen sie sich in der größten Angst, die Kranke vorsichtig nach dem Hause zu tragen.

Der Bergkönig und der Winzer hoben sie auf ihre Arme und trugen die tobende Diana auf dem dunkelsten Seitenwege durch den Garten, indessen Heinrich voranging und die Gelegenheit erspähte. So gelangten sie mit der verräterisch glänzenden und ächzenden Last mit Mühe endlich durch eine Hintertür in das Haus und in das obere Stockwerk, wo sie ein mit Betten versehenes Zimmer fanden. Sie legten dort das arme Kind hin und suchten in der Stille einige weibliche Hilfe herbei. Es war auch die höchste Zeit, denn sie lag nun in tiefer Ohnmacht; zugleich erregte aber die herbeigeeilte Gärtnersfrau, die Heinrich gefunden, ein solches Lamento, daß bald alle noch anwesenden Damen in dem Zimmer waren, der Vorfall nun mit dem größten Aufsehen bekannt ward und die betroffenen drei Zecher sich in den Hintergrund ziehen mußten.

Es gelang endlich, die Ohnmächtige wieder ins Leben zu rufen, und da sich auch zweckmäßige Hilfsmittel fanden, erholte sie sich in etwas, ohne jedoch zum klaren Verstande zu kommen. Doch konnte keine Rede davon sein, sie noch heute nach Hause zu bringen, obgleich ein schnell herbeigekommener Arzt die Sache nicht für gefährlich erklärte und Ruhe und Schlaf als die sicherste Hilfe zur gänzlichen Erholung bezeichnete.

Heinrich machte sich auf den Weg nach der Stadt, um Agnesens Mutter zu benachrichtigen. Die Fahrstraße war bedeckt mit Wagen, die, mit Tannenreis geschmückt, die heimkehrenden Masken trugen, und dazwischen von vielen Fußgängern. Um schneller vorwärts zu gelangen und ungestörter zu sein, schlug Heinrich einen Fußpfad ein, welcher im lichten Walde sich hinzog zur Seite der Straße. Als er einige Zeit gegangen, holte er Ferdinand ein, dessen weiter seidener Mantel sowie der Saum des batistenen langen Rockes sich unablässig in den Sträuchern und Dornen verwickelten und zerrissen und so sein Fortkommen erschwerten. Fluchend schlug er sich mit dem Gestrüpp herum, als Heinrich zu ihm stieß.

Sobald sie sich erkannten, erzählte Heinrich das Vorgefallene und in einem Tone, welcher deutlich verriet, wo der Erzähler hinaus wollte. Ferdinand, welcher ein ausdauernder Trinker war, aber alle eigentliche Betrunkenheit schon an Männern verabscheute, empfand einen tiefen Verdruß und suchte überdies mit der Äußerung desselben den weiteren Auslassungen Heinrichs zuvorzukommen.

»Das ist eine schöne Geschichte!« rief er, »ist das nun deine größte Heldentat? Ein unerfahrenes Mädchen berauscht zu machen? Wahrhaftig, ich habe das arme Kind guten Händen übergeben!«

»Übergeben! Verlassen, verraten willst du sagen!« rief Heinrich und übergoß nun seinen Freund mit einer Flut der bittersten Vorwürfe.

»Ist es denn so schwer«, schloß er, »seinen Neigungen einen festen Halt zu geben und gerade dadurch die Gesamtheit der Weiber recht zu lieben und zu ehren, daß man einer treu ist? Denn es ist ja doch eine wie die andere und in der einen hat man alle!«

Ferdinand hatte sich indessen aus den Dornen losgewickelt; er sah nun aus wie ein zerzauster und gerupfter Vogel. Da er sah, daß er Heinrich nicht einschüchtern konnte, ergab er sich und sagte ruhig, indem sie weitergingen: »Laß mich zufrieden, du verstehst das nicht!«

Heinrich brauste auf und rief: »Lange genug habe ich mir eingebildet, daß in deiner Sinnes- und Handlungsweise etwas liege, was ich mit meiner Erfahrung nicht übersehen und beurteilen könne! Jetzt aber sehe ich nur zu deutlich, daß es die trivialste und nüchternste Selbstsucht und Rücksichtslosigkeit ist, welche dich treibt, so leicht erkennbar als verabscheuenswert. O wenn du wüßtest, wie tief dich diese Art entstellt und befleckt und allen denen weh tut, welche dich kennen und achten, du würdest aus eben dieser Selbstsucht heraus dich ändern und diesen häßlichen Makel von dir tun!«

»Ich sage noch einmal«, erwiderte Lys, »du verstehst das nicht! Und das ist deine beste Entschuldigung in meinen Augen für deine unziemlichen Reden! Nun, du Tugendheld! Ich will dich nicht an deine Jugendgeschichte erinnern, die du so artig aufgeschrieben hast, erstens um dein Vertrauen nicht zu mißbrauchen, und zweitens, weil dir nach meiner Ansicht aus derselben wirklich nichts vorzuwerfen ist. Denn du hast getan, was du nicht lassen konntest, du tust es jetzt, und du wirst es tun, solange du lebst –«

»Halt«, sagte Heinrich, »ich hoffe wenigstens, daß ich immer weniger das tue, was ich lassen kann, und daß ich zu jeder Zeit etwas lassen kann, das schlecht und verwerflich ist, sobald ich es nur erkenne!«

»Du wirst zu jeder Zeit«, erwiderte Ferdinand kaltblütig, »das lassen, was dir nicht angenehm ist!«

Heinrich wollte ihn ungeduldig nochmals unterbrechen, allein Lys übersprach ihn und fuhr fort: »Angenehm oder unangenehm aber ist nicht nur alles Sinnliche, sondern auch die moralischen Hirngespinste sind es. So bist du jetzt sinnlich verliebt in das eigentümliche Mädchen, dessen absonderliche Gestalt und Art die äußersten Sinne reizt, wie ich nun an mir einsehe; dies ist dir angenehm; aber weil du wohl merkst, daß du dabei kein rechtes Herz hast, nicht in deinem eigentlichen Sinne liebst, so verbindest du mit jenem Reiz noch die moralische Annehmlichkeit, dich für das schmale Wesen ins Zeug zu werfen und den uneigennützigen Beschützer zu machen. Wisse aber, wenn du einen Funken eigentlicher Leidenschaft verspürtest, so würdest und müßtest du allein darnach trachten, deinen Schützling meinem Bereiche ganz zu entziehen und dir anzueignen. Du hast aber die wahre Leidenschaft noch nie gekannt, weder in meinem noch in deinem Sinne. Was du als halbes Kind erlebt, war das bloße Erwachen deines Bewußtseins, das sich auf sehr normale Weise sogleich in zwei Teile spaltete und an die ersten zufälligen Gegenstände haftete, die dir entgegentraten. Die sinnliche Hälfte an das reife kräftige Weib, die zartere geistige an das junge transparente Mädchen, das du an jenes verraten hast. Dies würdest du, trotz deiner selbst, nie getan haben, wenn eine wirkliche ganze Liebe in dir gewesen wäre! Wisse ferner, was mich betrifft: jeder ganze Mann muß jedes annehmliche Weib sogleich lieben, sei es für kürzer, länger oder immer, der Unterschied der Dauer liegt bloß in den äußeren Umständen. Das Auge ist der Urheber, der Vermittler und der Erhalter oder Vernichter der Liebe; ich kann mir vornehmen, treu zu sein, aber das Auge nimmt sich nichts vor, das gehorcht und fügt sich der Kette der ewigen Naturgesetze. Luther hat nur als Normalmann, nicht als einer von denen gesprochen, welche Religionen stiften oder säubern und die Welt verändern, wenn er sagte, er könne kein Weib ansehen, ohne ihrer zu begehren! Erst durch ein Weib, welches durch spezifisches Wesen, durch Reinheit von allem eigensinnigen, kränklichen und absonderlichen Beiwerke eine Darstellung einer ganzen Welt von Weibern ist, durch ein Weib von so unverwüstlicher Gesundheit, Heiterkeit, Güte und Klugheit wie diese Rosalie – kann ein kluger Mann für immer gefesselt werden. Wie beschämt sehe ich nun ein, welche vergängliche Spezialität, welch phänomenartiges Wesen ich in dieser Agnes mir zu verbinden im Begriffe war! Du aber schäme dich ebenfalls, als solch ein zierlich entworfenes, aber noch leeres Schema in der Welt umherzulaufen, wie ein Schatten ohne Körper! Suche, daß du endlich einen Inhalt, eine solide Füllung bekommst, anstatt anderen mit deinem Wortgeklingel beschwerlich zu fallen!«

Vielfach beleidigt schwieg Heinrich eine Weile; er war tief gereizt und es kochte und gärte gewaltig in ihm; denn er war in seinem besten Bewußtsein angegriffen und fühlte sich umso verletzter und verwirrter, als in Ferdinands Worten etwas lag, das er im Augenblick nicht zu erwidern wußte. Der genossene Wein und die nun schon vierundzwanzigstündige ununterbrochene Aufregung taten auch das Ihrige, seine Lust, die Sache vollends auszufechten, zu entflammen, und er begann daher wieder mit entschiedener Stimme:

»Nach deiner vorhinnigen Äußerung zu urteilen, bist du also nicht sehr willens, dem Mädchen die Hoffnungen, die du ihr leichtsinnigerweise angeregt, zu erfüllen?«

»Ich habe keine Hoffnungen angeregt«, sagte Lys, »ich bin frei und meines Willens Herr, gegen ein Weib sowohl wie gegen alle Welt! Übrigens werde ich für das gute Kind tun, was ich kann, und ihr ein wahrer und uneigennütziger Freund sein, ohne Ziererei und ohne Phrasen! Und zum letztenmal gesagt: Kümmere dich nicht um meine Liebschaften, ich weise es durchaus ab!«

»Ich werde mich aber darum kümmern«, rief Heinrich, »entweder sollst du einmal Treue und Ehre halten, oder ich will es dir in die Seele hinein beweisen, daß du unrecht tust! Das kommt aber nur von dem trivialen trostlosen Atheismus! Wo kein Gott ist, da ist kein Salz und kein Schmalz, nichts als haltloses Zeug!«

Ferdinand lachte laut auf und rief: »Nun dein Gott sei gelobt! Dacht ich doch, daß du endlich noch in diesen glückseligen Hafen einlaufen würdest! Ich bitte dich aber jetzt, grüner Heinrich, laß den lieben Gott aus dem Spiele, der hat hier ganz und gar nichts damit zu tun! Ich versichere dich, ich würde mit oder ohne Gott ganz der gleiche sein! Das hängt nicht von meinem Glauben, sondern von meinen Augen, von meinem Hirn, von meinem ganzen körperlichen Wesen ab!«

»Und von deinem Herzen!« rief Heinrich zornig und außer sich, »ja, sagen wir es nur heraus, nicht dein Kopf, sondern dein Herz kennt keinen Gott! Dein Glauben oder vielmehr dein Nichtglauben ist dein Charakter!«

»Nun hab ich genug, Verleumder!« donnerte Ferdinand mit starkem und erschreckendem Tone, »obgleich es ein Unsinn ist, den du sprichst, welcher an sich nicht beleidigen kann, so weiß ich, wie du es meinst: denn ich kenne diese unverschämte Sprache der Hirnspinner und Fanatiker, die ich dir nie, nie zugetraut hätte! Sogleich nimm zurück, was du gesagt hast! Denn ich lasse nicht ungestraft meinen Charakter antasten!«

»Nichts nehm ich zurück und werfe dir deinen Verleumder zu eigenem Gebrauche zu! Nun wollen wir sehen, wie weit dich deine gottlose Tollheit führt!« Dies sagte Heinrich, während eine wilde Streitlust in ihm aufflammte. Ferdinand aber antwortete mit bitterer verdrußvoller Stimme:

»Genug des Schimpfens! Du bist von mir gefordert! Und zwar mit Tagesanbruch halte dich bereit, einmal mit der Klinge in der Hand für deinen Gott einzustehen, für den du so weidlich zu schimpfen verstehst! Sorge für deinen Beistand, und nun geh deines Weges und laß mich allein!«

Er brauchte dies nicht zweimal zu sagen; denn Heinrich hatte unter anderen Torheiten, als er fechten gelernt, sich auch das großländische Benehmen in sogenannten Ehrensachen gemerkt und angeeignet, ohne daß er es bis jetzt betätigen konnte; und obgleich er noch genug auf dem Herzen hatte und gern noch lange gesprochen und gezankt hätte, gleich den alten Helden, welche wenigstens ebensoviele Worte als Streiche auszugeben wußten und bei aller Tatkräftigkeit doch gern vorher den Streit gründlich besprachen, so ging er doch jetzt ebenso stramm und lautlos von hinnen wie ein geforderter Student oder Gardeoffizier, während der Zipfel seiner Kappe gemütlich klingelte und sein Herz gewaltig klopfte.

Beide erzürnte Freunde fanden nur zu leicht und bald andere Törichte unter den heimwärts schwärmenden Künstlern, welche sogleich mit feierlicher Bereitwilligkeit die erforderlichen Verabredungen und Vorbereitungen trafen. Das Duell sollte in Ferdinands Wohnung stattfinden.

Dieser begab sich nach Hause und blieb den übrigen Teil der Nacht auf, ohne sich umzukleiden. Er schrieb einige Briefe und versiegelte sie, warf das erotische Album, das ihm in die Hände fiel, unwillkürlich und errötend ins Feuer, ordnete dies und jenes, und als er damit zu Ende war, löschte er das Licht, setzte sich an das Fenster und erwartete den anbrechenden Morgen. Ohne Haß gegen Heinrich zu empfinden, war er doch sehr traurig und gekränkt durch das unbedachte und bösartige Wort, welches dieser ihm ins Gesicht geworfen. Er unterdrückte daher den Gedanken, als der Ältere die Beleidigung zu verzeihen und sich bei kaltem Blute mit dem jungen Freunde auszugleichen, und gedachte dem Unbesonnenen als einem Vertreter einer ganzen Gattung und Lebensrichtung einmal eine Lektion zu geben oder wenigstens durch den Ernst des Vorfalles ihm die Augen zu öffnen. Für sich war er nicht besorgt und es war ihm in seiner jetzigen Stimmung gleichgültig, was ihn betreffen möchte, ja er wünschte, daß Heinrich ihn träfe und sein Blut vergösse, damit er recht empfindlich für seine leichtsinnige Kränkung bestraft würde.

Dann richtete er seine Gedanken auf Rosalien, die ihm nun, da sie liebte und verlobt war, noch schöner und wünschenswerter erschien. Er glaubte überzeugt zu sein, daß er sie dauernd geliebt hätte, und sah sich die schöne Frau wie ein guter Stern entschwinden, der nie wiederkehrt.

Heinrich fühlte sich so aufgeregt und munter, daß er anstatt nach Hause zu gehen und auszuruhen, sich bis zum Morgen in verschiedenen Zechstuben herumtrieb, wo die unermüdlichsten der Künstler die zweite Nacht ohne Schlaf bei Wein und Gesang vollendeten. Auch sagte ihm ein schlauer Instinkt, daß er, wenn er anders das tüchtige Erlebnis, das tatkräftige Gebaren, das ihn lockend durchfieberte, nicht verlieren wollte, die Sache nicht vorher beschlafen und mit der Einkehr in seine Behausung und bei sich selbst etwa auf nüchterne Gedanken kommen dürfe.

Er sah jetzt nur das Kreuzen der glänzenden Klingen, mit welchem er das Dasein Gottes entweder in die Brust des liebsten Freundes schreiben oder es mit seinem eigenen Blute besiegeln wollte. Beides reizte ihn gleich angenehm, und er dachte daher an Ferdinand mit ungewöhnlicher Zärtlichkeit, wie an ein köstliches Pergament, auf welches man seine heiligste Überzeugung schreiben will. Der Morgen ging endlich auf und Heinrich eilte an den verabredeten Ort. Unterwegs kam er an seiner Wohnung vorbei; aber er ging nicht hinein, um nur das Geringste zu besorgen, sondern eilte hastig weiter. An einem Brunnen wusch er sich sorgfältig Gesicht und Hände und ordnete seine Kleider, und darauf trat er frisch und munter, mit seltsam gespannter Lebenskraft, in Ferdinands großes Atelier, wo schon alle Beteiligten versammelt waren.

Man hatte kurze dreikantige Stoßdegen gewählt, welche mit einer vergoldeten Glocke versehen waren, sehr hübsch aussahen und Pariser genannt wurden. Jeder nahm seine Waffe, ohne den anderen anzusehen; doch als sie sich gegenüberstanden, mußten sie unwillkürlich lächeln und begannen mit sehnsüchtiger Lust die Klingen in behaglicher Langsamkeit aneinander hingleiten zu lassen.

Sie standen gerade vor dem wandgroßen Bilde, auf welchem die Bank der Spötter gemalt war. Das schöne Bild glänzte im Morgenlicht und in all seiner festen vollen Farbenpracht, und die Spötter schienen die Kämpfenden neugierig und launig zu betrachten. Der Abbe nahm seine Prise, der Alte schlug ein Schnippchen und der Taugenichts hielt die Rose vor den höhnischen Mund.

Bis jetzt war das Fechten ein Spiel gewesen, bei welchem nichts herauskommen konnte, da jeder mit Leichtigkeit die Stöße des anderen übersah und parierte. Die scharfgeschliffenen Spitzen, welche vor ihren Augen herumflirrten, übten aber eine unwiderstehliche Lockung, und beide gingen fast gleichzeitig in ein rascheres Tempo über. Heinrich, welcher der Hitzigere und Betörtere war, in welchem auch eine Menge Weines glühte, wurde noch ungestümer und entschiedener, und unversehens trat Lys mit einem leisen Schrei einen Schritt zurück und sank dann auf einen Stuhl.

Er war in die rechte Seite getroffen, das Blut tropfte erst langsam durch das weiße Kleid, bis der Arzt die Wunde untersuchte und offen hielt, worauf es in vollen Strömen sich ergoß. Nach einigen Minuten, während welcher Ferdinand sich munter und aufrecht hielt, beruhigte der Arzt die Anwesenden möglichst und erklärte die Verletzung zwar für gefährlich und bedenklich, aber nicht für unbedingt tödlich. Die Lunge sei verletzt und alle Hoffnungen oder Befürchtungen eines solchen Falles müßten mit ruhiger Vorsicht abgewartet werden.

Heinrich hörte dies aber nicht, obgleich er dicht bei dem Verwundeten stand und denselben umfaßt hielt. Er war nun totenbleich und sah sich ganz verwundert um. Die Kraft verließ ihn, und er mußte sich selbst auf einen Stuhl setzen, wo er wie durch einen Traum hindurch das rote Blut fließen sah.

Erikson, welchen es trieb, die Freunde aufzusuchen und, da er sich nun geborgen sah, in gemütlichem Scherze den verunglückten Ferdinand zu trösten und etwas zu hänseln, trat jetzt ein und sah mit Schrecken das angerichtete Unheil, nicht wissend, was es bedeute.

»Was zum Teufel treibt ihr denn da?« rief er und eilte bestürzt und besorgt auf Ferdinand zu.

»Nichts weiter«, sagte dieser schmerzlich lächelnd, »der grüne Heinrich hat nur die Feder, mit welcher er seine Jugendgeschichte geschrieben, an meiner Lunge ausgewischt – ein komischer Kauz –«

Weiter konnte er nicht sprechen, da ihm Blut aus dem Munde drang und eine tiefe Ohnmacht ihn befiel.

*


 << zurück weiter >>