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2. Auslese.

Das ominöse Wort „Autobiographie“ steht da – ich gebe es zu – wie eine Drohung. Aber hier ist nicht einmal die Absicht einer Drohung vorhanden. Für eine Autobiographie braucht es die große, nie aussetzende Liebe zum Detail des eigenen Alltags, eine Art der Eigenliebe, die viele Formen annehmen kann. Aber noch die bescheidenste Form ist im Grunde eine unerträgliche Indiskretion. Sie erfordert einen Mangel an Hemmungen, zuweilen eine Abwesenheit von Schamgefühl, die nicht jeder aufbringen kann. Ich habe es daher nach Möglichkeit immer vermieden, Autobiographien zu lesen. Es schien mir immer zu indiskret.

Aber in einem Leben, das einem viel Gelegenheit gibt, alleine zu sein, stellt sich doch immer wieder eine Versuchung ein, die bedrohlich an die Grenze einer Autobiographie heranführt: das Tagebuch. Ich weiß nicht, wie es die Jugend von heute damit hält. Ich vermute, sie ist zu heftig nach außen gerichtet, um an dieser intensiven Wendung nach innen besonders interessiert zu sein. In meiner Jugend hatte ich wenige Freunde, die nicht etwas dachten oder erlebten, was so eminent wichtig war, daß es unter allen Umständen zu Papier gebracht werden mußte. Und je heimlicher die Umstände waren, unter denen es geschah, desto größer waren der Reiz und der seelische Gewinn. In unserem Kreise gab es sogar wenige, ausgesprochene Prosaisten, die sich mit der normalen Schrift begnügten. Es mußten unter allen Umständen Geheimschriften sein, in Verkürzungen, oder der Umstellung von Buchstaben, oder in frei erfundenen Symbolen, von denen eine ganze Welt von Schatzgräbern hätte ihren Nutzen ziehen können.

Es ist selbstverständlich, daß ich schon in den Gymnasialjahren ein solches Tagebuch in Chiffre besessen habe. Aber es muß doch nicht genial genug gewesen sein, um nicht einem Menschen von mittlerer Intelligenz manche Aufschlüsse über den Inhalt zu geben, wenn er es darauf ablegte. Das ist nur einmal geschehen, und ich kann beim besten Willen nichts von der Tatsache abstreichen, daß ich in eine äußerst dumme und peinliche Lage geriet, zumal die chiffrierten Aufzeichnungen zumeistens brave, harmlose Menschen betrafen, bei denen ich Ferien verbrachte. Durch die Erfahrung belehrt, gab ich das Tagebuch auf. Aber dieses Mal hielt die Erfahrung nicht vor. Trotz aller Abneigung gegen Repetitionen habe ich im Laufe der Jahre noch mehrmals ein Tagebuch begonnen. Das stellt schon klar, daß ich es immer nach geraumer Zeit wieder vernichtet habe. Aber warum dann die Hartnäckigkeit, immer wieder zu beginnen? Nun, das geschah immer zu Zeiten, die sehr schwer zu ertragen waren, so schwer, daß es nur einen Weg gab, sie erträglich zu machen: einen Ausdruck dafür zu suchen. Aber diese schweren Zeiten bedeuten nicht die Situationen, in denen die Güter dieser Welt mir ängstlich auswichen, sodaß jeder kommende Tag gewissermaßen aus sich selber sich finanzieren mußte, was er übrigens durchaus nicht immer tat. Sondern die Zeiten waren schwer, weil ich – meist ohne es klar zu erkennen – vor Entscheidungen stand, vor dem Andringen von etwas Neuem, das ich weder kannte noch ahnte. Und doch war es da und stürmte und bedrängte und brachte eine Verwirrung zustande, die sich nur im Wort, im Aussprechen lösen ließ. Standen die Dinge einmal schwarz auf weiß da, hatten sie einmal die geheimnisvolle Wirklichkeit angenommen, die in jedem gesprochenen oder geschriebenen Wort liegt, – dann hatten sie ihren Zweck getan. Sie hatten die Entscheidung aufgedeckt und notwendig gemacht. Und indem ich die Entscheidung traf, konnte ich das technische Instrument, eben das Tagebuch, mit ruhigem Gewissen zerreißen und in den Papierkorb werfen. Es hat mich nie gereut. Ich verspüre nicht einmal so etwas wie Neugierde nach dem, was ich da je und je aufgezeichnet habe.

Freunde, die es gut mit mir meinen und die die Wichtigkeit des persönlichen Geschehens offenbar überschätzen, haben mich oft zu überreden versucht, solchen Anfällen von Zerstörungswahn, wie sie es nannten, nicht nachzugeben. Es wäre doch mindestens interessant, an solchen Aufzeichnungen den eigenen Weg der Entwicklung nachzulesen und zu kontrollieren. Aber wir haben wohl nicht die gleiche Vorstellung von dem, was man Entwicklung nennt. Für mich ist Entwicklung nichts anderes als ein Prozeß der Auslese, des ständigen Versuches, eine gewisse Ordnung zu schaffen in der Unsumme von Dingen, Eindrücken und Erlebnissen, die wir in den frühsten Jahren unserer seelischen und geistigen Aufnahmefähigkeit in uns angesammelt haben.

Sobald wir eine gewisse Stabilität in unserem geistigen und seelischen Habitus erreicht haben, verbringen wir den Rest unseres Lebens damit, das damals Empfangene zu ordnen und zu gestalten. Dabei muß manches über Bord gehen, das nur Ballast oder nicht wesentlich ist. Dafür kann das, was bleibt, sich ausweiten und einen größeren Raum beanspruchen. Die Menschen, die mit den breiten, behaglichen Frachtkähnen durch das Leben fahren und vorsichtig am seichten Wasser der Küste entlangsteuern, dürfen ihren Kahn ruhig mit allem möglichen Ballast beladen. Aber wem es bestimmt ist, über Meere zu fahren, auf denen der Wind der Entscheidungen mehr als einmal den Kurs wechselt, und den Kiel zu unbekannten Zielen wendet, – der muß vieles über Bord werfen, wenn es anfängt, zu stürmen. Es ist schon einmal ein lebendiger Prophet über Bord geworfen worden.

Dieses Über-Bord-werfen ist eines der erregendsten Spiele, das ich kenne. Denn es hat keine von vornherein bestimmten Regeln und ist voll von reizvollsten Überraschungen. Es gibt Menschen, die das nie kennen lernen. Es sind geordnete, zuweilen sogar sehr starke Naturen. Kaum verstehen sie, ein Schiff zu handhaben, da setzen sie auch schon ihren Kurs fest, laden ein, was sie für die Reise brauchen und stoßen vom Ufer ab. Und siehe da: sie kommen wirklich in dem Hafen an, den sie sich vorgenommen haben! Und sie haben auch nie daran gezweifelt, die Glücklichen!

Aber es gibt auch ungeordnete Naturen, Miniatur-Columbusse und kleine Marco Polos, die den Hafen von übermorgen nur in einem Zwielicht von Phantasie und Logik sehen. Ihre Unrast setzt den Kurs und ihre Hartnäckigkeit führt das Steuer. Die Reise scheint oft durch die Unendlichkeit des leeren Raumes, durch die Gewaltigkeit des Nichts zu führen. Aber dann taucht doch eines Tages an verschleierten Horizonten Land auf. Solche Seefahrer in das halb Traumhafte müssen für eine längere Reise Vorsorge treffen. Sie müssen quasi für ein heißes und für ein warmes Klima ausgerüstet sein. Und nicht nur das. Sie laufen zuweilen Häfen an, deren Silhouette ihnen aus der Ferne unendlich verführerisch erschien. Sie fahren hinein und finden das Gut dieses Landes schön und des Besitzes wert. Sie kaufen davon ein, so weit ihre Mittel reichen ... und kaum sind sie wieder auf der offenen See, da ist der Glanz von den neuen Gütern gewichen. Sie sind nicht so farbig, wie es im fremden Hafen den Schein hatte. Ihr Besitz ist nicht mehr so begehrenswert und bei dem ersten unruhigen Wetter gehen sie über Bord.

Vom Bilde auf die Praxis eines unruhigen Lebens übertragen, sehen die Dinge dann so aus: auf der Suche nach dem, was ausfüllen und erfüllen kann, begegnet man vielen Erscheinungen und hört man viele Stimmen. Manches ist eine Fata Morgana, von der eigenen seelischen Temperatur zum flüchtigen Erscheinen heraufbeschworen. Manches ist ein Ruf, der garnicht für uns bestimmt war; und manches ist nur zu erringen durch eine Kraft, die wir nicht besitzen. Und da wir uns unserer eigentlichen Kraft erst dann bewußt werden, wenn wir schon einen großen Teil davon in rührend erfolglosen Versuchen vergeudet haben, packen wir manche Last an, die uns wieder entgleitet. Wir müssen sie liegen lassen; zuweilen resigniert, zuweilen mit dem melancholischen Seufzer dessen, der von einer unglücklichen Liebe, von einer durchaus unerwiderten Liebe Abschied nimmt.

Ich habe mehrfach solchen Abschied von unglücklichen Lieben genommen, die mich nicht erhören wollten. Der erste Abschied war der von der Poesie. Ein normaler junger Mensch schreibt Gedichte. Das ist ein Axiom. Und ein normaler junger Mensch hört eines Tages auf, Gedichte zu schreiben. Das ist eine Erfahrungstatsache. Aber was tut ein Mensch, der sich aus irgendwelchen Gründen nicht ganz in das Prokrustes-Bett der Normalität einfügen kann? Nun, er überzeugt sich davon, daß er ein Dichter ist und fährt stürmisch fort, Gedichte zu schreiben. Da gibt es keine Form, die ihm unerreichbar ist. Kaum hat er die Hexameter der Gymnasial-Jahre überwunden – Schema: jamque Deus posita fallacis imagine tauri se confessus erat etc. – wagt er sich an das Sonett, und selbst Terzinen und Stanzen sind vor seiner Feder nicht sicher. Auch vor dem Inhaltlichen kennt er weder Scheu noch Hemmung. Eine Ballade? Warum nicht? Ein Lehrgedicht? Wir haben ja schon so viel gelernt, daß es dringend an der Zeit ist, andere am Schatz unseres Wissens teilnehmen zu lassen! Ein lyrisches Gedicht? Ist nicht die große Erregung, die uns ergreift, sobald wir Verse gestalten, Beweis genug für unser Recht, lautbar zu werden? Gab uns nicht ein Gott „zu sagen, was wir leiden?“ Und so füllen sich die schönen großen Bogen des unschuldsvollen Papiers mit den großen Schriftzügen unserer dichtenden Unrast. Und geben wir es nur zu: nicht jedes Papier ist würdig, Träger eines Gedichtes zu sein. Großes, mattgelbes Elfenbein-Papier ist der einzig angemessene Hintergrund. Aber wenn das Taschengeld dazu reicht, muß es Büttenpapier sein.

Aber ach! Eines Tages geschieht uns etwas, etwas Bleibendes und Nachhaltiges: wir lesen zum ersten Mal bewußt und mit staunendem Herzklopfen Hölderlin. „Hälfte des Lebens“ – wie ungeheuer die Plastik des Bildes! Wie aufwühlend die knappe Gebärde, die in die Tiefe des Erlebens hineindeutet! „Im Winde klirren die Fahnen ...“ Und dann: „Ode an Heidelberg.“ Wen zieht es nicht in den gebändigten Strom dieser hingebenden und hingegebenen Schönheit? „Ein kunstlos Lied“? Ja, so kunstlos wie nur vollkommene Kunst es sein kann. Dann kommen andere Zeiten, in denen die Sonette von Shakespeare zu Bewußtsein kommen und Erlebnis werden; ein ganzer Kosmos von Leidenschaft, gebändigt in Form und mit einem Ausdruck umkleidet, der etwas von der Endgültigkeit der großen Schöpfung an sich hat.

Was tut man dann, wenn man diesen Größen begegnet? Wägt man bescheiden dagegen die Gewichtslosigkeit der eigenen Leistung ab? Insgeheim ja, denn das Herz ist immer ehrlicher als das Gehirn. Das Gehirn läßt sich beschwichtigen und bereden; das Herz läßt sich im besten Fall trösten. Und so entsteht aus Beredung und Tröstung der kleine Kompromiß. Er heißt: Publikation. Die Stimmen, die uns warnen sollten, schweigen. Und so halten wir eines Tages den schmalen, gelben Band in der Hand, in dem die Sammlung unserer Gedichte sich den Zeitgenossen zur Teilnahme oder zur Ablehnung darbietet. Das Endgültige ist geschehen.

Aber von einer zerbrochenen Tasse und einem verlorenen Körperglied abgesehen ist nichts endgültig, und zur Reue ist es nie zu spät, und der Himmel hat bekanntlich mehr Gefallen an einem reuigen Sünder als an zehn Gerechten. Und so bin ich sicher, im Himmel Gefallen gefunden zu haben. Eine kurze Zeit sonnte ich mich an der Zustimmung meiner Freunde, von denen jeder mindestens ein Gedicht sehr gut fand. Die Presse, soweit sie von dem schmalen Bändchen überhaupt Notiz nahm, sang in auffallender, fast wörtlicher Übereinstimmung das Lob dieses „bisher unbekannten jungen Dichters“. Ich unbefangene Seele kannte damals noch nicht den sogenannten „Waschzettel“, den der Verleger zusammen mit dem neuen Buche an die Zeitungen schickt, damit die Redakteure sich die Qual der Lektüre ersparen und statt dessen den Waschzettel als Besprechung drucken. Aber eines Tages geriet mir eine literarische Zeitschrift in die Hände, deren Redakteur sich die Qual der Lektüre sichtbar nicht erspart hatte. Er hatte die Gedichte von A bis Z gelesen und sich offenbar seine eigenen Gedanken darüber gemacht. Er war durchaus nicht begeistert. Er war auch nicht empört. Er war ehrlich verlegen. Dem Tenor nach sagte er etwa folgendes: „Hören Sie, junger Mann, glauben Sie wirklich, daß das Lyrik sei? Ich habe tiefe Zweifel daran. Das ganze ist eine Marmor-Angelegenheit. Zuweilen ganz schönes Muster, aber kalt und glatt.“

Ich tat etwas, wovor ich Autoren im allgemeinen nicht dringend genug warnen kann, da die Folgen nicht abzusehen sind: ich habe alle Gedichte noch einmal gewissenhaft durchgelesen. Der Erfolg war prompt und durchschlagend. Mein Herz, vollkommen verblüfft und eingeschüchtert, zog sich in eine Ecke zurück und schwieg vorsichtig. Das Gehirn hingegen, von einem anderen Gehirn angerufen, erhob sozusagen hartnäckig den Zeigefinger und sagte: „Der Mann hat recht.“

Ich beugte mich dem Urteilsspruch. Im Hintergrund stand Hölderlin und lächelte zustimmend. Ich glaube, ich habe damals die Anfänge dessen begriffen, was man in der Geheimsprache der Juristen die opinio necessitatis nennt, die Überzeugung von der Notwendigkeit. Man soll wirklich nur das schaffen und vom Geschaffenen nur das bestehen lassen, von dem man tief überzeugt ist, es müsse notwendig geschaffen werden und es könne nur so und in keiner denkbaren anderen Form geschaffen werden. Im Ergebnis sandte ich ein Telegramm an den Verleger, in dem ich ihm mitteilte, daß ich sämtliche noch vorhandenen Exemplare des gelben Bandes hiermit käuflich erwerbe.

Eine Woche später war ich im Besitz der noch vorhandenen Exemplare. Das Schicksal hatte es trotz allem gut mit mir gemeint und mich davor bewahrt, auf meinem späteren Lebenswege allzu vielen Belastungszeugen für meine Sünde gegen das Können zu begegnen. Denn ich bekam de facto fast die ganze Auflage zurück, nur vermindert um wenige Rezensions-Exemplare und eine quantité négligeable von verkauften Exemplaren. Mir fiel eine Last vom Herzen. Ich war nicht mehr beschwert mit der atemlosen Jagd nach einem Ziel, das mir nicht gesetzt war und das ich mir folglich nicht setzen durfte. Das war ein Gewinn. Ein anderer, materieller Gewinn stellte sich späterhin als ungewolltes Nebenergebnis ein. Die Jahre der Inflation waren gekommen. Während die Bank-Lehrlinge sich in den Bars und Kabaretts ihres vergänglichen Überflusses zu entledigen trachteten, hatten die Künstler eine schwere Zeit. Einer meiner Freunde, ein begabter Graphiker, hatte sein letztes Geld in Kupferplatten investiert, und – gebt dem Parvenü was des Parvenüs ist – eine Serie kleiner erotischer Radierungen angefertigt, die guten Absatz versprachen, so man sie nur genügend geheimnisvoll in einer Mappe offerieren konnte. Aber er hatte nicht mehr die Mittel, die notwendige Pappe zu kaufen. Es war nicht schwer, ihm zu helfen. Wir nahmen die gelben Bände, trennten sorgfältig den Inhalt heraus, der seinen Dienst getan hatte, und mit einem Überzug von Java-Papier, das ich noch liegen hatte, verwandelten sich die Umschlagdeckel in Mappen für einen wesentlich anderen Inhalt. Ich habe nur einmal wieder eine ähnliche Befriedigung verspürt: als zu Beginn des Hitler-Regimes meine Bücher in Deutschland verboten wurden und es dennoch gelang, „Eine Geschichte der Juden“ von der Czecho-Slowakei aus unter den farbigen Schutzumschlägen der Bücher von Jack London – „Wolfsblut“ usw. – ins Land zu schmuggeln.

Die Poesie ist nicht die einzige unglückliche Liebe, die ich gehabt habe. Aber es ist gut, daß ich sie gehabt habe, denn so wird mir einmal verziehen werden, was sich vielleicht einmal, vor den Pforten des Jenseits, als sehr notwendig erweisen wird. Zu diesen unglücklichen Lieben gehört das Drama, bezw. das Schreiben von Dramen. Über Hannibal und Savonarola habe ich allerdings nie geschrieben. Die Neigung zum Drama ist überhaupt erst ziemlich spät aufgetaucht, zu einer Zeit, als ich eigentlich schon als erwachsen hätte gelten müssen. Vielleicht ist das der Grund, daß diese Liebe zwar begraben ist, daß ich ihr aber bis heute ehrlich nachtrauere, und daß zuweilen noch in mir die finstere Entschließung lauert, mich der Mutter zu nähern, nachdem mir die Tochter den Rücken gekehrt hat. Doch davon später.

Der große Irrtum, den ich beging, bestand wahrscheinlich darin, daß ich dachte: so einer imstande ist, die Tragik des Lebens zu begreifen, und zu erleben, dann muß er auch imstande sein, die Tragik der Lebenden zu gestalten. Das aber setzt voraus, daß er sich mit den Gestalten seiner Erfindung so tief identifizieren kann, daß er Phase um Phase ihr Leben erleidet, und daß er – wie Balzac es bei seinem Père Goriot tat – weinend vor dem Tod seiner eigenen Geschöpfe steht. Kann er das nicht – und ich kenne keinen lebenden Dramatiker, der es könnte – dann hat er zwar viele Möglichkeiten der psychologischen oder aktuellen Gestaltung, aber keine Möglichkeit, ein Drama zu schreiben. Die Shakespeares in der Welt sind sehr dünn gesät.

Aber solche Erwägungen fochten mich damals nicht an. Das Leben war erregend, Gedanken waren erregend, selbst das gesprochene Wort war erregend, und das Theater ... nein, es lag mir nicht im Blute. Es war einfach ein integraler Bestandteil der Erziehung, die nicht etwa das Elternhaus, sondern die mehr oder minder zufälligen Konstellationen der Umgebung mir vermittelten. Hätten meine Eltern nicht eines Tages die Wohnung gewechselt, wäre alles das wahrscheinlich nicht geschehen, was dann doch geschehen ist. So aber fügte es sich, daß wir eines Tages im gleichen Hause mit dem Inspizienten des Städtischen Theaters wohnten. Das hatte zunächst nur zur Folge, daß sein Sohn, und ich als sein Spielkamerad, freien Zugang zu der Waffenkammer des Theaters hatten und in den parkartigen Anlagen hinter dem Theater Schlachten von erheblicher historischer Treue ausfechten konnten. Aber in das Theater drangen wir nur von rückwärts ein, bis zum Arsenal der Kulissen, und zuweilen auch bis zum Schnürboden. Um das Theater durch den vorderen Eingang zu betreten, brauchte man – das wußten wir – Eintrittskarten. Auf einem Tischchen im Korridor der Inspizienten-Wohnung lagen zwar jeden Tag zwei Karten, und wer von den Bekannten und Freunden sie nehmen wollte, mochte es ohne zu fragen tun. Aber daß wir sie nehmen könnten, kam uns nie in den Sinn. Wir, das bedeutet mein Freund Karl, nach dem örtlichen Dialekt „Kalli“ genannt, und ich. Er war damals acht Jahre alt und ich neun.

Aber dann kam ein Tag, an dem es keinen anderen Weg gab, als sich der Karten zu bemächtigen. Wir hatten am Vormittag lange, grau gestrichene Speere mit blanker, stumpfer Blechspitze hinter dem Theater auf ihre Stoßkraft erprobt. Plötzlich wurde ein Apfelschimmel an uns vorbei und eine schräge Rampe hinauf in das Theater hineingeführt. Wir standen sprachlos und verzaubert da. Was tat ein lebendiger Schimmel im Theater? Wir warteten bis Mittag, ob er wieder heraus kommen würde. Er kam nicht. Wir fragten einen Kulissenarbeiter: „Was macht der Schimmel da drinnen?“ Der Mann sagte ernsthaft: „Er ist auf der Bühne und probt für heute Abend.“

Nun wußten wir es, und sofort hielten wir Kriegsrat. Denn das stand unter allen Umständen von der ersten Sekunde an fest, daß wir den Schimmel spielen sehen mußten. Zu dem Zweck mußten wir ins Theater, und zwar durch den vorderen Eingang. Und dafür mußten wir uns der beiden Karten bemächtigen, das heißt, sofern nicht vorher ein Erwachsener kam und sich ihrer bemächtigte. Das hing vom lieben Gott ab. Den ganzen Nachmittag hockten wir als brave Kinder im Korridor und beschäftigten uns mit einem Buche. Das heißt, wir starrten nur hinein. Wir horchten auf, wenn die Glocke unten an der Haustüre mit ihrem Dreiklang anschlug. Wir zitterten, wenn Schritte auf den Treppen hörbar wurden. Aber niemand holte die Billets. Es mußte sich wohl um ein Stück handeln, das die Erwachsenen nicht interessierte, oder das sie gar schon kannten.

Es wurde dunkel. Wir wurden zum Abendessen gerufen. Mir fiel zum ersten Mal auf, wie ungewöhnlich lange eine solche Mahlzeit dauert. Aber sie ging auch zuende. Ich stürzte mit einem passenden Vorwand zu Kalli hinunter. Er wartete schon. Die Karten lagen noch da. Wir nahmen sie und rannten fort. Bis zum Theater war es nur ein Weg von zwei Minuten. Wir sahen keine Menschen mehr hineingehen. Die Vorstellung hatte sicher schon lange begonnen. Ich sandte ein Stoßgebet zum Himmel: „Lieber Gott, laß den Schimmel nicht im ersten Akt auftreten!“

Er tat es nicht. Wir gingen auf den Zehenspitzen durch das leere Foyer und wußten nicht, durch welche Türe wir gehen sollten. Eine Garderoben-Frau erbarmte sich unser und schickte uns drei Treppen hinauf. Da packte uns ein Schließer und prüfte uns samt unserer Karten. Alles das nahm Zeit in Anspruch, und es wurde später und später. Aber dann endlich schob er uns durch eine Türe und brachte uns auf unsere Plätze. Sie waren vor einer Brüstung mit hohem Plüsch, und darunter war eine gähnende, geheimnisvolle Tiefe. Ich schrak davor zurück. Der Schließer schien es zu merken. Mit einer väterlichen Gebärde drückte er uns in die beiden Sessel. Er selbst machte es sich hinter uns bequem, und dann sehe ich zum ersten Male bewußt ein Theater, und wenn ich die Augen schließe, sehe ich es heute noch wie damals vor 45 Jahren. Es war vielleicht der stärkste optische Eindruck, den ich je empfangen habe. Aber er fiel wohl, wie alle starken Eindrücke der Frühzeit, mit einem solchen Anprall in die seelische Tiefe hinein, daß er sofort von ihr verschlungen wurde, und erst später unvermindert, ja verstärkt, je und je wieder auftauchte.

Für den Moment störte er mich garnicht. Meine Aufmerksamkeit war völlig auf den hellen Ausschnitt der farbigen Landschaft da unten an der Schmalseite des Theaters gerichtet. Ein Wald war da, und rechts zwischen hohen Felsen ein Weg und ganz rechts am Wege eine Bank aus Stein. Darauf saß ein Mann mit langem Haupthaar, der etwas vor sich hin sprach. Es interessierte weder mich noch Kalli, denn wir hatten beide entdeckt, daß er eine Armbrust in der Hand hatte. Nein, es war die Armbrust. Wir hatten oft damit spielen dürfen, denn sie war ungefährlich und man konnte garnicht damit schießen. Wir flüsterten aufgeregt. Der Mann hatte inzwischen zuende gesprochen und ging in eine Kulisse. Während wir noch überlegten, was er wohl dort wollte, erschien auf dem engen Wege plötzlich ein Reiter, ein Reiter auf unserem Schimmel! Da war kein Halten mehr. Triumphierend schrien wir beide wie aus einer Kehle: „Da ist er ja!“ In der nächsten Sekunde hatte uns der Schließer am Kragen gepackt und uns hinausgeworfen. Aber es machte nichts. Wir hatten jedenfalls unseren Schimmel auf der Bühne gesehen und das Eis war gebrochen.

Das bedeutet, daß wir von da an des öfteren durch den vorderen Eingang in das Theater gingen. Ich verstand sehr wenig von dem, was auf der Bühne vor sich ging, und blieb zumeist nur dann, wenn das Bild auf der Bühne sehr farbig war, oder wenn dort gekämpft wurde, oder aber wenn sie dort „Musik machten“, wie wir es nannten. Auch das Singen fiel für uns unter den Begriff „Musik machen“. Dann konnte ich aufmerksam bis zum Ende sitzen und spät heimkommen und ganz allein Prügel bekommen, denn Kalli versagte mir da die Gefolgschaft. Er war nicht musikalisch. Er sang wie die Raben, die im Winter auf dem flachen Land neben dem Fluß schrien.

So kam es im Laufe der Jahre zustande, daß das Theater für mich nicht nur ein vertrautes Milieu wurde, sondern eine ganz besondere Denkform. Es gab Vorgänge und Ereignisse, besonders auf dem Gebiete der Historie, die ich mir garnicht anders denn als Vorgänge auf einer Bühne plastisch vorstellen konnte. Sie spielten sich im wahren Sinne des Wortes vor mir ab. Ist es da ein Wunder, daß ich später, wenn ich mir Klarheit über manche Dinge verschaffen wollte, das Pro und Contra in Gestalten aufteilte und sie gegen einander agieren ließ? Und daß ich eines Tages im Drama eine adäquate Form sah, mich selber und meine Gedanken auszudrücken?

Ich tat es; mit viel Hingabe und mit noch viel größerer Hartnäckigkeit. Aus dem Rückblick langer Jahre weiß ich um die Belanglosigkeit all dieser Versuche. Ich glaube, ich habe immer einen entscheidenden Punkt verfehlt: die Tragik des Geschehens aus der Handlung selbst mit schicksalhafter Notwendigkeit und organischer Folgerichtigkeit entstehen zu lassen. Und mir ist klar, daß ich etwas anderes für mich selber derartig vorweg nahm, daß – genau besehen – eigentlich garkeine Notwendigkeit mehr bestand, das Drama zu schreiben. Nämlich: die Katharsis, die reinigende Erschütterung der Seele, war schon verlebt, während der Stoff am inneren Auge vorüberzog. Zur Gestaltung und zur Darstellung für den Zuschauer blieb keine Kraft mehr.

Vom Inhalt all dieser Dramen hat meine Erinnerung nichts aufbewahrt. Nur in zwei Fällen habe ich noch eine partielle Erinnerung, und zwar nicht der Bedeutsamkeit des Inhalts wegen, sondern wegen der Komik der Begleitumstände. Eine alte Freundin fand auf meinem Schreibtisch das Manuskript eines Einakters. Sie nahm es als Reiselektüre mit nach Berlin. Dort sah es auf ihrem Schreibtisch ein Verlagsdirektor. Er nahm es als Untergrundbahn-Lektüre mit in sein Büro. Dort versank es in einem Schubfach seines Schreibtischs; und da im Laufe seiner Amtstätigkeit so manches dort versunken war, mußte er seinen Platz am Schreibtisch eines Tages für einen Nachfolger räumen. Mit diesem Nachfolger, der ein Mensch von äußerster Korrektheit und Präzision war, war ich seit meiner Studienzeit befreundet. Seine erste Amtshandlung bestand darin, den Schreibtisch seines Vorgängers einer gründlichen Prüfung zu unterziehen. Dabei fand er den besagten Einakter. Er war überzeugt, daß er hier einer groben Nachlässigkeit seines Vorgängers auf die Spur gekommen war. Um zu retten, was noch zu retten war, sandte er das Manuskript selbigen Tages noch zum Drucker. Kurz darauf las ich die Ankündigung, daß es erschienen sei. Ich mußte es über mich ergehen lassen. Ich konnte auch nichts dagegen sagen, daß dieser Einakter in einer Matinee im Schauspielhaus meiner Vaterstadt zur Aufführung kam. Aber ich blieb meinem Prinzip treu, nie einer Aufführung meiner Stücke beizuwohnen.

Ich habe dieses Prinzip eines Tages gebrochen, und es hat durchaus segensreiche Folgen gehabt: es hat mich von der Manie, Dramen zu schreiben, für alle Zeiten erlöst. Ein befreundeter Regisseur, ein begabter junger Mensch, hatte sich mein Drama „Hosea“ für eine Gastinszenierung auf einer der Bühnen des Rheinlandes ausersehen. Da ich damals gerade in einer benachbarten Stadt etwas zu erledigen hatte, unterlag ich der Versuchung und fuhr zur Uraufführung hinüber. Der erste Akt gefiel mir. Die erste Hälfte des zweiten Aktes ließ mich unberührt. Die zweite Hälfte erfüllte mich mit einem Gefühl, das ich für eines der unerträglichsten im Leben halte, und das ich niemandem gestatte, in mir zu erregen, nicht einmal mir selber: das Gefühl einer abgründigen Langeweile! Das hieß zugleich, daß ich in der Herrin, um deren Gunst ich warb, nichts erregen konnte als Langeweile. Noch ehe die Vorführung zuende war, hatte ich in guter Haltung tränenlosen Abschied genommen, bereichert um eine unglückliche Liebe und um eine reiche Erfahrung. Ich habe nie wieder ein Drama geschrieben, auch nicht heimlich!

Aber diese Liebe hat zu lange gedauert, um nicht doch noch – ich deutete es schon an – den Wunsch am Leben zu erhalten, sich der Mutter zu nähern, wenn die Tochter sich bei mir langweilt. Wer ist die Mutter? Sie ist das Spiel auf der Bühne, das Spiel im Sinne der alten Mysterien-Spiele, der alten Passions-Spiele, der Spiele symbolischer Gestalten des Lebens, der Welt, der Religion. Das ist der Raum in dem die großen Typen-Gestalten des Lebens neben- und gegeneinander agieren, jene Gestalten der einfachen, der prinzipiellen Formel, auf die sich ja letztlich das Chaos unseres Tuns und Begehrens bringen läßt. Es ist die große, einfache, eindringliche Schrift, in der die Geschichte der menschlichen Seele allein gesagt werden kann.

Ich habe der „Mutter“ einmal meine Aufwartung gemacht. Sie hat mich nicht unfreundlich empfangen. Vor etwa zehn Jahren begann eine Gruppe junger, unverbildeter Menschen in einem alten Steinbruch auf der Höhe des Carmel einen biblischen Stoff zu spielen: das Buch Ruth. Sie erzielten mit einfachen Mitteln und primitivster Ausstattung recht gute Erfolge und sie zogen viele Zuschauer an. Ich habe für sie den ganzen Kreis der biblischen Berichte und Legenden um das Thema „Jakob und Esau“ bearbeitet und in Spielform gebracht. Die jungen Spieler hatten Erfolg damit. Der Instinkt gab es ihnen ein, mit dem Medium der wiedererwachenden hebräischen Sprache auch die Gestalten der alten hebräischen Welt wieder lebendig zu machen. Aber dann brachen die Unruhen in Palästina aus, deren Ausdehnung über volle drei Jahre scheinbar auch durch das größte Imperium der Welt unter keinen Umständen verhindert werden konnte, und da das Schießen aus dem Hinterhalt zu einem weitverbreiteten Sport wurde, mußten diese Aufführungen unterbrochen werden. Und dann kam der Krieg mit black-out und freiwilligem Dienst der jungen Menschen mit der Waffe, der Pflugschar und dem Hammer ... und jetzt? Wer hat jetzt Freude am Spiel, wo Europa mit den Menschen unseres Volkes das große realistische „Spiel“ gespielt hat, das da heißt: „Der Untergang der Menschlichkeit.“ Millionen Zuschauer waren geladen, dem Spiel beizuwohnen. Sie betonen immer wieder, wie sehr es sie beeindruckt hat. Es hat sie förmlich gelähmt, so sehr, daß sie bis heute noch nicht imstande sind, für die Opfer dieses Spiels auch nur den kleinen Finger zu rühren. –


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