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Sechstes Kapitel

Die ferneren Ereignisse eines Hochzeitstages.

Unterdessen hatte sich das Hochzeitsgefolge mit den Musikanten und dem Brautpaare wieder im Oberhofe eingefunden, und alles stand und saß im Flur, Hof und Garten umher. Noch immer loderten die Feuer und waren die Mägde geschäftig. Die farbigen Jacken der Mägde, die sonderbar geformten Schneppenhauben der Frauen und die lichtblauen Röcke der Männer gaben der Scene ein buntes und fremdartiges Ansehen. Der Oberhof hatte sich ganz mit Menschen erfüllt, denn es waren wohl an die hundert Personen versammelt, welche der Brautvater hatte einladen lassen. Steinhausen, der Spaßmacher, war auch schon unter ihnen, verhielt sich aber noch still, denn seine Stunde sollte erst nachmittags kommen. Um das Brautpaar bekümmerte sich niemand sonderlich. Der Bräutigam half den Tisch im Flure decken. Die Braut saß mit den beiden ihr treu gebliebenen Brautjungfern für sich und in einiger Entfernung von den übrigen Frauen unter den Linden im Hofe. Zuweilen, und insoweit sie sich von ihrem Getränke abmüßigen konnten, spielten die Musikanten, denen ein besonderer Tisch im Baumgarten angewiesen worden war, kurze Stücklein, ohne jedoch eine eigentliche Aufmerksamkeit zu erregen, denn die meisten hielten ihren Sinn nur auf die weißgedeckten Tafeln geheftet, auf welchen nun die Mägde allgemach anzurichten begannen.

Der Brautvater hatte unterdessen von neuem Gelegenheit gehabt, seine Fassung zu beweisen. Zwar, daß ihm der Diakonus, als er in den Hof kam, verkündigte, die fremde Excellenz, welche er so eben im Kruge bekomplimentiert, sei von ihm, ungeachtet des Schrecks in der Kirche dennoch veranlaßt worden, die Hochzeit zu besuchen, konnte seinem Stolze nur behaglich sein. Aber sonst ging so manches bei dem Plaisier, wie er für sich hinmurmelte, nicht in der gehörigen Manier. Schon daß seine Voraussagung eintraf, und daß ihn bei der Rückkehr in den Oberhof ein jeder befragte, warum Hölscher nicht komme? war ihm sehr verdrießlich gewesen. Dann verdroß es ihn, daß die dritte Brautjungfer Lisbeth zurückgeblieben war und nicht, wie sich gebührte, neben seiner Tochter saß. Der Hauptmann, der heute seinen preußischen Tag hatte und das eiserne Kreuz trug, steigerte den Ärger. Nach uralter Sitte war nämlich für die vornehmen und städtischen Gäste im Flure gedeckt morden, und für die geringeren Leute im Baumgarten. Denn der Bauer, welcher nicht zum Vergnügen, sondern in Last und Plage viel draußen sein muß, hält das Obdach des Hauses für den besten Segen und glaubt den zu ehren, dem er dieses anbietet. Der Hauptmann aber, der rasch einsah, daß der Aufenthalt in der heißen und dumpfen Enge unangenehm sein werde, ordnete an und kommandierte, daß er mit der Braut, dem Pastor, dem Brautvater und dem Sammler im Baumgarten speisen wolle, ließ auch sofort die Gabeln, welche die vornehmen Gäste ausnahmsweise bekamen, nach der Tafel im Freien tragen. Es war dies schon geschehen, als der Hofschulze hinzukam und mit großem Unmute die abermalige Abweichung vom Hergebrachten gewahrte. Er stieß einen tiefen Seufzer aus, welches bei ihm ein Zeichen verhaltenen Zornes war, bezwang sich indessen und äußerte gegen den Hauptmann, der ihn militärisch kurz fragte, ob er des Henkers gewesen sei, daß er seine Freunde aus der Stadt habe am Herde rösten wollen? mit gehaltener Höflichkeit: wie die Herrschaften es sich am liebsten einrichteten, so sei es ihm auch recht und angenehm.

Aber dem Diakonus, der ihn darauf bei Seite nahm, um eine Angelegenheit von Wichtigkeit mit ihm zu ordnen, hielt er desto hartnäckiger Stich. Der Diakonus wollte nämlich seinen unglücklichen Küster von dem Aufwartedienst frei haben, weil er wirklich befürchtete, daß das Ehr- und Rechtsgefühl dieses Mannes es auf den äußersten Widerstand ankommen lassen und vielleicht die völlige Störung des ganzen Hochzeitsfestes herbeiführen werde. Bei diesem Punkte fühlte sich jedoch der Hofschulze zu fest in seinen begründeten Ansprüchen und verblieb unweigerlich dabei, daß der Küster die Gäste bedienen müsse, da der alte Schulmeister gestorben und ein neuer noch nicht angekommen sei. Aus seinen Reden ging hervor, daß er einen Küster nur für die Spielart eines Schulmeisters hielt, wie denn in der That auch an vielen Orten beide Posten in einer Person vereinigt zu sein pflegen. Der Geistliche suchte mit aller Gelassenheit ihn durch verschiedene Gründe auf andere Gedanken zu bringen, und schlug endlich vor, den Spaßmacher Steinhausen zum zweiten Aufwärter zu ernennen. Dieser Vorschlag verletzte aber recht eigentlich den Hofschulzen, er erklärte dem Diakonus, daß er nur deshalb, weil der Herr noch nicht lange in der Gegend sei und darum die Manieren nicht inne haben könne, ihm die Rede hingehen lasse. Denn erstlich sei nicht die mindeste Ähnlichkeit zwischen einem Schulmeister und einem Spaßmacher und zweitens werde es ja für seinen Eidam im höchsten Grade despektierlich sein, einen solchen Kompagnon zu haben.

Die Debatte dauerte zwischen beiden Männern unentschieden fort. Sie wurde mit Anstand und Ruhe geführt, aber ein Ende und Ziel ließ sich nicht voraussehen. Dies war um so beklagenswerter, als bereits die meisten Suppenkübel und Schüsseln auf den Tafeln dampften, und alles nach der Mahlzeit verlangte, die doch ohne die gehörige Aufwartung nicht zu stande kommen konnte.

Der Küster hatte sich, da er seine Sache in guten Händen sah, aus Politik, um nicht persönlich überrumpelt zu werden, auf ewige Zeit vom Oberhofe entfernt. Er ging zwischen den Wallhecken spazieren, und mit ihm ging einer der fremden Hochzeitsgäste, ein alter Schirrmeister, der im nächsten Postorte gerade seine zehn Ruhestunden genoß, und die Gelegenheit nicht hatte vorbeigehen lassen wollen, vom Hochzeitbraten zu kosten – ein weitläufiger Anverwandter des Hofschulzen. Er gehörte zu den ausgedienten Kriegsknechten, die nach vielen Mühen und Strapazen einen sogenannten Ruheposten bekommen. Der Ruheposten unseres Schirrmeisters gestattete ihm, viermal im Monat sein Bett aufzusuchen, sonst lag er bei Nacht und Tage auf der Landstraße. Er hatte so viel Kupfer auf der Nase als ein rechtschaffener Schirrmeister haben muß, war ein Fünfziger, d. h. hoch in den Fünfzigen, rüstig und wacker, und litt nur von seinen Feldzügen her an der Gicht, die ihn je zuweilen ganz kontrakt machte.

Der Küster und der Schirrmeister unterhielten sich in dieser Zwischenzeit vor Tisch vom menschlichen Leben und vom höchsten Gute. – Wenn man so wie ich auf vielen Hochzeiten gewesen ist, sagte der Küster, wenn man sieht, wie die jungen Leute heiraten, nach neun Monaten ein Kind kriegen, und dann immer so fort, jedes Jahr ein frisches Kind – nun stirbt dieses und jenes Kind, und die, welche leben bleiben, heiraten nach mehreren Jahren auch, und zuletzt stirbt alles mit einander, und man hat das, wenn man sechzig Jahre auf den Schultern trägt, wie gesagt, einige Male mit durchmachen müssen, so kommt einem das menschliche Leben ganz einerlei vor und wie eine Kugel, die sich immer umdreht.

Das menschliche Leben kommt mir mehr gleichsam als wie eine Reise vor, sagte der Schirrmeister.

Der Küster sah seinen Gefährten lange erstaunt an und sprach darauf: Dieser Gedanke ist ganz neu, denn ich fand ihn noch nirgends in den vielen Büchern, die ich doch gelesen habe.

Der Schirrmeister fühlte sich geschmeichelt und versetzte: Unterwegs fällt unsereinem allerhand ein. Es soll mir ganz recht sein, wenn dieser Gedanke noch irgendwo geschrieben steht, denn Bücher zu lesen habe ich freilich keine Zeit.

Der Küster fuhr in seinen Betrachtungen folgendermaßen fort: In dieser vernünftigen Fassung über das menschliche Leben sänftigen sich auch die menschlichen Wünsche. Ich war zu meiner Zeit in der Jugend sehr oben aus und wollte platterdings Theologie studieren. Frühprediger mußte ich wenigstens werden, das stand fest. Es war aber dazumal mit dem Unterrichte eine verkehrte Sache, und die Lehrer hatten nicht die Manier, daß man etwas begreifen konnte. Ich begriff nichts und wurde so nach und nach Küster, wozu man freilich auch nicht ohne Gaben sein darf. Gegenwärtig habe ich eigentlich nur noch drei Wünsche auf dieser Welt.

Und die sind? fragte der Schirrmeister.

Erstlich wünschte ich, daß jemand einmal ein ordentliches und ausführliches Buch von Küstersachen schriebe und darin auseinandersetzte, worin das Amt und die Würde eines Küsters besteht, was man ihm mit Fug zumuten darf und was nicht. Denn alles will uns jetzt zu Leibe, und es giebt keinen angefochteneren Stand, weshalb es denn ein wahres Bedürfnis der Zeit wäre, daß in den Vorstellungen über Küster und Küsterei einmal wieder bessere Ordnung gestiftet würde.

Was ich mir wünsche, ist geringer, sagte der kupfernasige Schirrmeister. Ich bin mit meinem Posten ganz zufrieden, man lernt auf jeder Station andere Menschen kennen, es giebt immer etwas Neues, und die fremden Gegenden auf dem Kurs verschaffen einem auch beständig Abwechselung. Hat man einmal Langeweile, nun, so liest man zur Unterhaltung seinen Personenzettel, kurz, ich möchte diesen Beruf mit keinem andern vertauschen und wäre ganz glücklich, wenn ich nur ein einziges Mal tüchtig schwitzen könnte.

Thut Ihnen das so not und kommen Sie nie dazu? fragte der Küster.

Not sehr, denn das Reißen in den Gliedern von meinen Strapazen her nimmt von Jahr zu Jahr zu. Das ist auch ganz regulär, denn dergleichen Übel mehren sich immer, wenn man bei jedem Wind und Wetter hinaus muß. Könnte ich aber einmal so recht von Grund der Seele schwitzen, ich hätte wohl auf ewige Zeit Ruhe. Dazu gelange ich indessen nie, weil ich nur viermal im Monate zu Hause schlafe.

Dann könnten Sie ja doch schwitzen, sagte der Küster.

Keine Möglichkeit. Habe es versucht, aber die Gedanken lassen den Schweiß nicht vorbrechen, versetzte der Schirrmeister. Nämlich, wenn ich eben ein paar Stunden im Bette gelegen habe und der Fliederthee nun seine Wirkung thun will, so fange ich an zu denken: jetzt füttern die Pferde, die du vorgelegt kriegst, jetzt wird schon der Wagen geschmiert, nun stehen der Herr Sekretär auf, nun sehe ich sie in ihrem Warschauer Schlafpelz sitzen und die Karten und Papiere fertig machen, alleweile ist der Briefzettel geschrieben, und alleweile die Personenkarte – da schlägt es sechs, und ich muß aufstehen, trocken, wie ich mich hinlegte, denn wenn man seine völlige Ruhe nicht hat und an andere Dinge denken muß. so löst sich die Natur nicht, und wenn man den Fliederthee eimerweis tränke. Dieses fehlt also an meiner völligen Zufriedenheit, und so ist das menschliche Glück nie vollkommen.

Ja, sagte der Küster, es mangelt immerdar etwas, welches auch heilsam sein mag, denn sonst verlangten wir nicht nach dem Himmel. – Mein zweiter Wunsch wäre, daß doch endlich ein Einsehen gethan würde, und alle Hunde abkämen, oder wenigstens mit Knüppeln vor den Beinen umherlaufen müßten, wegen der möglichen Tollheit. Hier an dieser Stelle, Schirrmeister, war es, wo ich durch eine solche Kanaille, die von jener Waldhecke herabsprang, am letzten Zinstage einen Todesschreck hatte. Man sollte überhaupt seinen Nebenmenschen vor Alteration mehr behüten und bewahren. Tolle Menschen läßt man auch viel zu frei umhergehen. So habe ich zu meinem Erstaunen gehört, daß der übergeschnappte Schulmeister von Hackelpfiffelsberg, Der Schulmeister Agesel war bei dem Studium einer neueingeführten Lautlermethode in Geistesverwirrung geraten und deshalb seines Amtes entsetzt. Sein übrigens harmloser Wahn bestand bei einer übermäßigen Verehrung spartanischer Zucht und Lebensweise darin, daß er sich für einen Nachkommen des Königs Agesilaus hielt. Im Schlosse des Barons, auf welchem die blonde Lisbeth aufgewachsen war, fand er ein dürftiges Unterkommen, hatte aber jetzt, durch weitere Erfahrungen von seinem Wahne geheilt, Aussicht auf eine neue Anstellung in der Bauerschaft des Hofschulzen erhalten. welcher eine Zeit lang bei dem alten Herrn Baron eingesperrt war, seit gestern frank in der Gegend gesehen worden ist. Wenn einem nun unversehens dieser Wütige begegnete –

Aber der Küster konnte seinen Satz nicht enden, denn es ereignete sich etwas, was selten vorzukommen Pflegt, nämlich: der Wolf in der Fabel erschien. Um die Ecke herum trat nämlich plötzlich, mit einer Flinte bewaffnet, der Schulmeister Agesilaus, oder vielmehr Agesel, in der veilchenblauen Pekesche mit Sammetvorstößen. Er ging munteren und beherzten Schrittes auf die beiden Männer zu, denn er war auf dem Wege nach dem Oberhofe. Aber ihn sehen, einen Laut des Schreckens ausstoßen, blitzschnell umkehren und mit gewaltiger Schnelligkeit entfliehen, war bei dem Küster eins.

Er lief, die Hände vorgestreckt, spornstreichs nach dem Hochzeitshause und stürzte mit dem Geschrei: rettet euch! unter die Gäste, die alsobald aufgestört, teils den Küster in bewegten Gruppen umwogten, teils zum Flüchten Anstalt machten. Der Hofschulze, welcher von der allgemeinen Unruhe nicht angesteckt wurde, trat fragend zum Küster und erhielt von ihm den Bescheid, daß einer oder mehrere Tolle, ja vermutlich das ganze Irrenhaus in der Nähe ausgebrochen sei, und die verrückte Gesellschaft, furchtbar mit Flinten und Keulen bewaffnet, sich nahe.

Die Weiber erhoben ein Geschrei, der Hofschulze, welcher von sich auf andere schloß und nicht annehmen konnte, daß die Furcht in dem Maße übertreibe, wie hier der Fall war, machte zum erstenmale in seinem Leben ein verlegenes Gesicht, und alles war in Bestürzung – als der Schirrmeister mit dem vermeintlichen Tollen in den Hof trat.

Agesel! riefen alle, die ihn kannten, und deren waren nicht wenige. Ist dieses das ganze entsprungene Irrenhaus? fragte der Hauptmann. Ihr seid und bleibt ein Poltron, Küster. – Man kann noch nicht wissen – stammelte der zitternde Küster, der seinen Versteck hinter der Excellenz vom Hofe, die indessen auch unter den Gästen eingetroffen war, genommen hatte, vermutlich weil er im Schutz des Vornehmsten am sichersten zu sein glaubte. Die Excellenz sah verwundert umher und wußte abermals nicht, woran sie war.

Agesel warf einen wehmütigen Blick auf die Versammlung, einen schmerzlichen gen Himmel und sagte dann seufzend: Ich ahne recht wohl, was dieser Vorgang zu bedeuten hat. Ja, wer einmal einem gewissen Unglücke unterworfen gewesen ist, vor dessen Schritten fleucht immerdar die Furcht her und ruft: geht aus dem Wege! – Meine Herren aus der Stadt! Ich kann Sie versichern, daß ich gewöhnlicher Mensch in der vollsten Bedeutung des Wortes bin. Euch Bauern, die ihr dies vielleicht nicht verstehen würdet, sage ich, daß es bei mir keineswegs rappelt, sondern daß ich auf den Oberhof komme, um mich nach der Pflegetochter zu erkundigen. Wer mir das glauben will, der thut wohl daran, und wer es nicht glauben will, der kann es bleiben lassen. Die Flinte, welche den Küster vielleicht erschreckt hat, habe ich droben am Freistuhl, bei dem ich vorbei kam, im Walde gefunden. Schaft und Rohr lagen gesondert und zum Teil beschädigt an verschiedenen Stellen, mich jammerte das gute Eisen und Holz, ich band es notdürftig mit Bast und Bindfaden zusammen, und stellte so den Anschein einer Flinte dar, welche aber, wie der Augenschein lehrt, durchaus unschädlich ist.

Er zeigte das zusammengeflickte Schießgewehr vor, welches, wie man leicht errät, das des Jägers war. Wer es zu sehen bekam, überzeugte sich mit einem Blicke, daß es keine Gefahr bringen könne. Die gesetzten Reden des Schulmeisters brachten ein allgemeines Zutrauen in seinen hergestellten Verstand zuwege. Dem Diakonus kam plötzlich ein Gedanke, durch den so unvermutet in die Hochzeit eintretenden Agesel den ganzen Streit über das Aufwarten beizulegen. Er sagte dem Hofschulzen seine Meinung, dieser billigte sie, und beide richteten an den Schulmeister das Ersuchen, als zweiter Aufwärter bei der Mahlzeit zu dienen. Nichts konnte dem Manne erwünschter sein. Er versetzte, daß sein ganzes Bestreben jetzt dahin gehe, nützlich zu wirken, daß er daher mit Freuden die Gelegenheit, die ihm heute dazu durch das Bedienen der Gäste gewährt werde, ergreife, und in diesem anscheinend zufälligen Ereignisse eine wahre Fügung des Himmels erkenne, indem er nicht verschweigen könne, daß der Herr Schulrat Thomasius ihm gewisse Aussicht auf die Schulmeisterstelle der Bauerschaft gegeben habe, daher das vorläufige Aufwarten gleichsam schon den Anfang des ihm zugesagten Dienstes darstelle. Nach dieser Rede band er sich hurtig eine weiße Schürze vor, holte mit Geschicklichkeit einen gekochten Schinken vom Feuer und setzte ihn anstandsvoll auf die Tafel im Baumgarten.

Sonach waren alle Hindernisse beseitigt, und die ganze Hochzeitsgesellschaft nahm auf eine gereimte Einladung des Burschen, der Hölscher zu bitten vergessen hatte, Platz. Die Braut, die Brautjungfern, der Diakonus, der Brautvater, die städtischen Freunde, die Excellenz, der Schirrmeister und die größten Hofesbesitzer mit ihren Frauen stellten sich um die Tafel unter den Bäumen im Garten, die geringeren Leute und die jungen Bursche und Mädchen, unter Anführung des Küsters, um die im Flur. Der Diakonus sprach an seinem Tische ein Gebet, der Küster eins an dem seinigen. Hierauf wurde an beiden Tischen ein geistliches Lied angestimmt.

Für Lisbeth war zwischen den Brautjungfern ein Platz offen gelassen worden. Der Hofschulze sah sich unruhig nach ihr um. Sie kam nicht. Dagegen kam während des Gesanges der Jäger, überblickte die Tafel, fand für sich keinen Platz offen, weil die zwei unerwarteten Gäste, die Excellenz und der Schirrmeister, schon allen Raum hinweggenommen hatten, Lisbeths Platz aber unbesetzt. Freudeglänzend wurde sein Antlitz, er schlich sich sacht seitwärts nach dem Hause, um sein Mädchen aufzusuchen. Sie trat ihm bei den Linden entgegen, umgekleidet, in ihrem gewöhnlichen Anzuge, den Strohhut auf dem Haupte. – Nun ist mir wohl, nun bin ich wieder, wie ich sein muß! rief sie freundlich. – Ich weiß, sagte er, du magst dich nicht verstellen, du wolltest neulich nicht einmal leiden, daß ich dir an deinem Haare zeigen durfte, was für Zöpfe die schwäbischen Mädchen tragen.

Nein, sagte sie, niemals was vorstellen, was man nicht ist.

Sie wollte nach dem Tische im Baumgarten gehen, der Jäger hielt sie aber zurück und rief: Wie? In dem leichten städtischen Kleidchen willst du dich als Brautjungfer an den Tisch setzen! Da erwarte nur, daß dich der Hofschulze, der streng auf Ordnung und Kostüm hält, fortweiset! – Ja, was soll ich beginnen? fragte sie verlegen; das häßliche steife Zeug lege ich nimmermehr wieder an.

O meine Geliebte, sagte der Jäger zärtlich, wollen wir denn unser Glück unter die Bauern tragen? Dasitzen und rohe Späße mit anhören und langweilige Bräuche mit anschauen? Ists denn nicht der Tag unserer Tage? Gehört er nicht ganz uns unter Gottes liebem Himmel und auf Gottes grüner Erde? Müssen wir zwei nicht allein bei einander bleiben, fern von den andern Menschen? Ich wollte dich bitten, mit mir zu gehen, den Hügeln zu, den Platz zu suchen, wo ich dich zum erstenmale fand bei der schönen Blume.

Wie darf ich das? Was würden sie von mir im Oberhofe sagen, versetzte sie scheu. Sie entfernte sich von ihm.

Wohl! Wohl! rief er halb zornig. So setze dich denn nieder bei deinen Kameradinnen; für mich ist aber nicht gedeckt; ich gehe zu Wald! – Er ging trotzig einer Seitenpforte zu, die in das Freie führte. Ein stechender Schmerz saß ihm im Herzen. Um nichts, wenn ihr wollt. Das ist die Liebe. – Aber er hatte noch nicht die Pforte erreicht, als er seine Schulter leise angerührt fühlte. Er wandte sich um; Lisbeth war ihm nachgefolgt. – Wenn sie dir nichts zu essen geben wollen, da mag ich auch nichts, und wo du bleibst, bleibe ich auch, sagte sie herzlich und zog ihn, bevor er etwas erwidern konnte, nun selbst durch die Pforte in das Freie. Er umfaßte sie und beide sprangen durch Wiese und Feld.


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