Paul Heyse
Jugenderinnerungen und Bekenntnisse
Paul Heyse

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Die Ecke

Wir jungen Eheleute aber, da wir nicht imstande waren, mit einem festen Einkommen von tausend Gulden ebenfalls ein Haus zu machen – Novellenhonorare, wie sie heute gezahlt werden, kannte man in jenen bescheidenen Tagen noch nicht, und wenn ich auch später zuweilen mich genötigt sah, etwas »für die Küche« zu schreibenSo übernahm ich unter anderem im Jahre 1857 die Übersetzung eines Buches von Caveda über Spanische Baukunst, die mich in allen Nebenstunden eines langen Winters ermüdend beschäftigte und nur ein geringes Honorar eintrug., so war ich doch damals noch fast ausschließlich mit brotlosen dramatischen und epischen Arbeiten beschäftigt –, wir genossen unser Gastrecht in jenen größeren Häusern nur sehr zurückhaltend und hätten die Trennung von unseren Eltern und den Berliner Freunden schwerer ertragen ohne die Bekanntschaft mit einer hochgebildeten alten Dame, die im Nachbarhause wohnte und uns bald eine wahrhaft mütterliche Freundin werden sollte.

Wodurch Geibel in einen näheren Verkehr mit ihr gekommen war, ist mir nicht erinnerlich. Sie war eine Russin von Geburt, die Witwe eines Staatsrats von Ledebour, der als Botaniker an der Dorpater Universität eine hervorragende Stellung eingenommen und nach seiner Pensionierung in München sich niedergelassen hatte. Eine nicht mehr ganz junge, heitere und liebenswürdige Pflegetochter, die das kinderlose Ehepaar unter vierzehn oder fünfzehn Sprößlingen eines Heidelberger Pfarrhauses adoptiert hatte, Fräulein Julie Dreuttel, umgab die Greisin mit der treuesten Sorge und trug viel dazu bei, den Hausfreunden die Abende bei der feinen alten Dame anziehend zu machen. Auch Münchener Künstler und andere einheimische notable Leute gingen bei ihr ein und aus, am häufigsten aber das Geibelsche Ehepaar und wir nächsten Nachbarn. Dazu gesellte sich dann auch Riehl mit seiner Frau und im nächsten Jahre Adolf Friedrich von Schack, der durch Geibel, seinen alten Freund, nach München gelockt worden war, um ebenfalls ein Stammgast der königlichen Tafelrunde zu werden.

Es war ein ungemein anregender, geistig belebter, gemütlich erquickender Verkehr, der mit einigen Unterbrechungen bis an den Tod der verehrten Frau (November 1863) fortdauerte. Wir nannten uns »die Ecke«, da sowohl Geibels als wir zu der guten Staatsrätin in der Luisenstraße nur um die Ecke zu gehen hatten. Hier lasen wir unsere neuesten Gedichte, Dramen, Novellen; Riehl brachte seine Hausmusik mit, und die alte Freundin, die wir als den Eckstein der Ecke feierten, hatte für solche Humore ebensoviel Sinn, wie sie dann wieder mit dem milden Blick ihrer blauen Augen in dem welken, bleichen Gesicht, das dünnes silbernes Haar umrahmte, selbst Geibels Ungestüm zu zähmen wußte, wenn er mit Fräulein Julie, die sich nicht von ihm einschüchtern ließ, wie einst in Berlin mit Luise Kugler in einer seiner herrischen Launen aneinandergeriet.

Ich kann mir nicht versagen, eines heiteren Wettbewerbes zu gedenken, zu dem unsere Gönnerin den Anstoß gab.

Ich hatte an einem unserer Abende ein kurioses Büchlein mitgebracht, das in Bremen gedruckt war und einen dortigen Apotheker Renner zum Verfasser hatte. Dieser wackere Mann hatte den Trieb gefühlt, alle kleinen Erlebnisse in seinem eigenen Inneren und die Schicksale guter Bekannter in Reime zu bringen, und die anspruchslosen Eingebungen seiner Muse, die zwischen Arzneiflaschen und Pillenschachteln entstanden waren, zur Ergötzung seiner Nachbarn und der ganzen Stadt im Jahre 1818 drucken lassen. Die Gedichte hatten das Eigentümliche, daß ihnen fast immer eine sogenannte Pointe fehlte, daß man, wenn sie vorgelesen wurden, fragte, ob es nun aus sei, was, wenn es bejaht wurde, stets einen Heiterkeitsausbruch entfesselte.

Als Beispiel will ich nur die folgenden Gedichte anführen:

 
Der traurige oder übelgelaunte Knabe.

        Die Welt ist mir itzt nichts mehr nütz!
So sagte einst der kleine Fritz
Und sprang im (!) Graben und ersoff.
Da gab es auf der Eltern Hof
Ein Schreck, wie sich leicht denken läßt,
Doch er saß ganz im Schlamme fest.
Man brachte ihn sogleich nach Haus.
Geschmückt mit einem Blumenstrauß
Begrub man ihn, auszeichnend schön.
Die Eltern weinten über den,
Allein kein Weinen fruchtete,
Und ob sein Tod tat diesen weh,
So gaben sie in Fritz sich bald,
Der noch nicht mal neun Jahre alt,
Denn Kinder hatten sie genug.
Groß war im Haus davon der Zug.

 
Lisette und Herr Wölber.

        Gestern abend stand Lisette
Spät bei ihrer Toilette,
Setzte auf sich die Dormeuse,
Und weil sie ihr ließ affreuse,
Schalt sie drüber bei sich selber.
Dieses Schelten hört Herr Wölber,
Und der sagt: ich mag dich leiden,
Will dir gleich die Haub nicht kleide,
So läßt dir die goldne Kette
Schön doch um den Hals, Lisette.

Daß ernste Männer und Poeten wie Geibel, Schack und Riehl sich an diesen kindlichen Verskünsten ergötzten, wird man kaum glaublich finden. Doch regten sie zu ganz ernsthaften Betrachtungen darüber an, daß hier eine Art poetischer Naturselbstdruck vorliege, eine naive Abspiegelung der Wirklichkeit in einem halbgebildeten Kopf, und einer von uns erklärte sogar, es sei keine Kunst, ernsthafte und sinnvolle Verse zu machen, weit schwieriger, ein Gedicht ganz ohne Pointe zu verfassen, da der gewöhnliche Kopf immer bei allem einen Sinn verlange.

Dies Paradoxon regte die alte Staatsrätin dazu an, einen Wettbewerb auszuschreiben auf das beste Gedicht ohne Pointe, und wirklich ergab sich, als die eingelaufenen Konkurrenzarbeiten unter großer Heiterkeit vorgelesen wurden, daß es nur mir gelungen war, dem Rennerschen Vorbild nahe zu kommen. Geibel sowohl wie der Übersetzer Firdusis und der Verfasser der »Familie« hatten sich nicht ganz enthalten können, in den Unsinn wenigstens einen Hauch von Sinn zu legen, einen witzigen Zug, der auf das Alberne des Inhalts oder dessen Inhaltslosigkeit hindeutete, während mein Konkurrenzpoem auch des leisesen Gedankengehalts entbehrte.

Da ich noch heute mir etwas darauf zugute tue, daß ich im Sinnlosen den berühmten Freunden es zuvorgetan hatte, will ich der Nachwelt dies seltene Werk nicht vorenthalten.

Herr Zeising saß beim Glase Wein,
Da trat ein kleines Mädchen ein,
Sechs Jahre alt, sie hieß Mariechen.
Dies Kind sah einen Käfer kriechen.
Der Käfer kroch entlang der Wand,
Mariechen fing ihn mit der Hand
Und wollte ihn am Licht verbrennen.
Herr Zeising tät gleich zu ihr rennen
Und sprach: mein Kind, was machst du da?
Doch als er erst den Käfer sah,
Der eigentlich ein Kelleresel,
Sprach er: ich war einmal in Wesel.
Da haben meinen Bruder Jochen
Des Nachts die Wanzen arg zerstochen.

Der Preis war der dichterischen Leistung würdig. Er bestand in einem gefüllten Halbekrügel und einem kindskopfgroßen Knödel.

*

Damals hatte Riehl eben erst seine reiche Arbeitskraft entfaltet und große Erfolge gehabt Seine Bücher über »Die Familie«, »Die Arbeit«, »Land und Leute«, »Die Pfälzer« waren so voll geistreicher Paradoxen, so reich an charakteristischen Zügen und so farbig im Stil, daß auch wir sie aufrichtig bewunderten und gern über gewisse »reaktionäre« Tendenzen darin hinwegsahen.

Wohl wurden auch wir bald inne, wie wenig diese Bücher des Volkswirtschaftslehrers zur Lösung der schweren sozialen Probleme beitrugen, die damals die Zeit zu bewegen anfingen. Sein Ideal einer »Familie« paßte nicht mehr in die von so ganz anderen, freieren Bedürfnissen erfüllte, an Verkehrsmitteln reichere Gegenwart hinein. Und wer von der »Arbeit« im Grunde nicht viel mehr zu sagen wußte, als daß sie einen sittlichen Wert habe, war nicht dazu geeignet, in die moderne Bewegung der breiten Volksschichten einzugreifen.

Aber Riehl war überhaupt eine vorwiegend künstlerische, keine wissenschaftliche Natur. Seinem Wahlspruch »Selbst ist der Mann« gemäß verschmähte er es, sich als ein bescheidenes Glied der Kette ernster Arbeiter einzureihen, die von Hand zu Hand zum Löschen brennender Zeitfragen einander den Eimer reichen. Er betrachtete mit einem Künstler- und Dichterauge die Kulturwelt um sich her und die wechselnden Formen, in denen sich das Leben der Vorzeit bewegt hat. Darüber machte er sich seine Gedanken und schrieb sie nieder, wie wenn niemand vor ihm sich dieser Aufgabe unterzogen hätte, was seinen Büchern freilich einen frischen, persönlichen Charakter ohne jeden mühsamen, gelehrten Anstrich gab, ihnen aber den Vorwurf einer bloß feuilletonistischen, dilettantischen Behandlung eintrug.

Dilettantisch blieben leider auch die Bestrebungen des vielbegabten Mannes auf dem Gebiet der eigentlichen Künste, die er mit Leidenschaft betrieb. Er hatte fünfzig Lieder in Musik gesetzt und unter dem Titel »Hausmusik« bei Cotta erscheinen lassen. Die Musiker nahmen diesen Kollegen nicht für voll, und auch ins »Haus« ist wohl kaum einer dieser einfachen Gesänge gedrungen, wie denn auch die Trios und Quartette, die Riehl komponierte, über seinen eigenen Familienkreis nicht hinausdrangen.

Besser glückte es ihm mit der Novelle. Er hatte sich in der richtigen Erkenntnis, daß er ein Leidenschaftsproblem nicht zu bezwingen vermöchte und der Darstellung tieferer seelischer Konflikte überhaupt nicht gewachsen war, seine eigene Gattung gegründet, die durch den Titel »Kulturnovellen« den Vorwurf entkräften wollte, daß es sich darin oft nur um eine interessante historische Anekdote handelte. Immerhin wußte der vielbewanderte Professor der Kulturgeschichte so viel Merkwürdiges mitzuteilen und tat es zwar in etwas lehrhaftem, doch oft humoristisch gefärbtem Stil, daß diese seine Bücher wohl von allem, was er der Welt gegeben, die längste Lebensdauer behaupten werden.

Er selbst hat in der Vorrede zu einem seiner Novellenbücher, vom Jahre 1874, das er »Aus der Ecke« nannte, mit lebhafter Wärme jener Sonntage bei der verehrten alten Freundin gedacht und ausführlich geschildert, wie es damals unter uns zugingBezeichnend für die Art seiner dichterischen Produktion ist das freilich halb scherzhaft gemeinte naive Geständnis in dieser Vorrede: er habe sich vorgesetzt, fünfzig Novellen zu schreiben, damit er doch auch Anspruch darauf hätte, als Novellist mitgezählt zu werden. Heinrich von Kleist hat es bekanntlich schon mit drei oder vier Novellen dazu gebracht.. Nur von Schack ist in jener Vorrede nicht mehr als der Name genannt; als gewissenhafter Chronist der Ecke fühle ich die Verpflichtung, diese Lücke auszufüllen.

Mein erstes Begegnen mit ihm datiert vom Jahre 1848/49. Geibel hatte die Bekanntschaft vermittelt und Schack mir das Vertrauen bewiesen, mir zwei politische Komödien mitzuteilen, die er gerne gedruckt gesehen hätte, ohne daß sein Name genannt würde. Er war damals schon im diplomatischen Dienst seines Landesherrn, des Großherzogs von Mecklenburg, und wünschte mit seiner demokratischen Gesinnung nicht hervorzutreten.

Meine eigenen diplomatischen Bemühungen bei verschiedenen Berliner Verlegern waren erfolglos. Beide Stücke, »Der Kaiserbote« und »Cancan«, sind erst später bei Cotta erschienen. Dann wurde der Faden nicht weiter fortgesponnen, bis wir ihn im Jahre 1855 am Tisch der Staatsrätin wieder anknüpften.

Er kam mir damals sehr freundlich entgegen. Besonders die so höchst jugendliche »Francesca von Rimini« hatte er in Affektion genommen, und auch »Die Sabinerinnen« erfreuten sich seines Beifalls. Je weiter ich aber fortschritt, je kühler wurde seine Teilnahme; denn er verdachte es mir, daß ich zwar seine großen Verdienste als Gelehrter, seine Übersetzung des Firdusi und spanischer Romanzen, die dreibändige Geschichte des spanischen Theaters, das Buch über »Die Poesie und Kunst der Araber in Spanien« und anderes gern anerkannte, seine eigenen Dichtungen aber nicht so begeistert, wie er es wünschte, aufzunehmen vermochte. Auch rechnete er als ein richtiger Platenide Novellen und Romane nicht zur Poesie und sprach sehr geringschätzig von allem, was sich in prosaischer Form hervortatWie Wilhelm Jensen, einer der treuesten Jünger und Anhänger Geibels, dazu kommen konnte, auch ihm nachzusagen, daß »Prosaschriften für ihn mit der Dichtung nichts gemein« gehabt hätten (in dem Aufsatz »Heimaterinnerungen« in Velhagen und Klasings Monatsheften, Juni 1900), ist mir unerklärlich. Der Bewunderer des Werther und der Wahlverwandtschaften, des Don Quichote und der Leute von Seldwyla, soll Dichtungen dieses höchsten Wertes darum, weil sie nicht in gebundener Rede verfaßt waren, für »Bastarde der Kunst« erklärt haben? Eine gelegentliche Äußerung des Unmuts über die gewerbsmäßige Roman- und Novellenfabrikation mag zu diesem gründlichen Mißverständnis geführt haben.. Er selbst war nur ein Bildungspoet, mit größtem formalem Talent begabt, doch ohne ein starkes, echtes Verhältnis zur Natur und zum »vollen Menschenleben«, dem er als ein aristokratisch verwöhnter Junggeselle zeitlebens fern blieb, in seinem einsamen Hause studierend, Klavier spielend und lange Dichtungen verfassend, in einem glänzenden rhetorischen Stil, dem jeder Naturlaut fehlte.

Auch die Stellung, die er in München als Kunstmäcen einnahm, konnte ihm für den ausbleibenden Dichterruhm keinen vollen Ersatz bieten. Denn eben die beglückende verständnisvolle Liebe des Sammlers und Kenners fehlte ihm. Er sah in der Kunst nur auf den poetischen Stoff und eine gewisse Größe der Behandlung, hatte aber für die intimen malerischen Reize kein Auge. Da er aber einsichtige Berater zur Seite hatte, die sein Interesse auf Genelli, Böcklin, Feuerbach und andere bedeutende Künstler hinlenkten, gelang es ihm dennoch, eine Galerie zusammenzubringen, die zu den künstlerischen Zierden Münchens gehört. In seinen letzten Lebensjahren wurde der Genuß, den er selbst daran hatte, immer schattenhafter. Er verlor fast ganz sein Augenlicht, und nun war die Seelenstärke höchst bewunderungswürdig, mit der er klaglos sein Unglück ertrug, beständig wissenschaftlich und dichterisch mit seinem Sekretär und dank seinem nie versagenden Gedächtnis fortarbeitend, bis er in Rom im Jahre 1894 seine verdunkelten Augen für immer schloß.

*

Doch die Erinnerung an die »Ecke« hat mich weit über das Jahr hinausgeführt, in dem sie gegründet wurde. Und dieses erste Jahr meines neuen Münchener Lebens, zu dem ich nun zurückkehre, war doch so vielfach ereignisreich, daß ich noch etwas länger bei ihm verweilen muß.

Die erste große Industrieausstellung, die in dem neu errichteten Glaspalast stattfand und im Sommer 1854 einen breiten Fremdenstrom nach München lockte, hatte Dingelstedt auf den Gedanken gebracht, auch sein Theater der Welt in einem ungewohnten Glanz zu zeigen durch Mustervorstellungen, zu denen er die ersten Kräfte aller deutschen Bühnen zusammenrief. Er inszenierte dies merkwürdige Schauspiel mit seiner gewohnten Geschicklichkeit, und soviel sich auch im einzelnen gegen die Stillosigkeit eines solchen extemporierten Zusammenspiels sagen ließ, der Gesamteindruck war gleichwohl in höchsten Grade anziehend und unvergeßlichIm Literaturblatt zum Deutschen Kunstblatt habe ich damals ausführlich über diese Mustervorstellungen berichtet..

Bekanntlich unterbrach das Eindringen der Cholera diese heiteren olympischen Spiele und entvölkerte bald das Theater wie auch die Stadt selbst. Geibel zog sich mit seiner Ada nach Lindau zurück, von wo sie den Keim ihres tödlichen Leidens nach München zurückbringen sollte. Sie starb schon im November 1855, nach einem Leidensjahr, das sie mit wahrhaft heroischer Seelenstärke ertragen hatte. Ja, in den Schmerzen dieser langen Monate, wo eine rätselhafte Lähmung sie fast immer ans Bett fesselte, reifte ihr Charakter von der schüchternen Mädchenhaftigkeit, die sie in ihre junge Ehe hinübergebracht hatte, zur edlen Klarheit und Hoheit einer starken Frauenseele heran. Ganz jung, noch ein halbes Kind, hatte sie ihr Herz dem viel älteren Hausfreunde ihrer Eltern hingegeben, dessen Lieder sie bezauberten. Daß er sie vor allen zu seiner Gattin wählen konnte, war ihr als ein unfaßbares Glück erschienen, und mit rührender Demut ertrug sie die gewaltsamen Ausbrüche seines heftigen Temperaments, die auch sie nicht verschonten. Erst auf ihrem Siechbette, da sie hilfloser als je sich ihm gegenüber sah, lernte sie ihn zügeln und das Eigenrecht ihrer Persönlichkeit mit sanfter Festigkeit behaupten. Wir betrauerten ihr Scheiden innig, und an manchem Eckenabend lebte die Erinnerung an die verlorene Freundin beweglich unter uns auf.

Damals aber, als sie, noch in voller Blüte ihrer Anmut und Gesundheit, an den Bodensee flüchtete, suchten wir eine Zuflucht vor der Seuche in Possenhofen am Starnbergersee, wohin auch bald meine Schwiegereltern nachkamen.

Diese Sommerwochen unter den herrlichen Buchenschatten des Sees mit unseren teuren Nächsten – auch mein junger Schwager, Hans Kugler, war bei uns – stehen mir in leuchtendster Erinnerung. Von der Einfachheit unseres damaligen häuslichen Zustandes haben die heutigen städtischen Sommerfrischler wohl kaum eine Vorstellung. Wir bewohnten drei kahle, weißgetünchte Zimmer in einem kleinen Fischerhause, dessen Besitzer das Erdgeschoß innehatte. Hans hatte sein Bett in einem Dachzimmer mit schiefen Wänden, und da es das geräumigste war, versammelte es abends die ganze Familie, von der ein jedes nur einen einzigen, schweren Holzstuhl besaß. Der mußte dann die steile hölzerne Bodentreppe hinaufgeschleppt werden. Die Frau Fischmeisterin in Possenhofen, die ein Wirtshaus hielt, war sehr unzufrieden damit, daß wir den Anspruch machten, für unser gutes Geld täglich von ihr gespeist zu werden, da sie es »gottlob nicht nötig hatte«, von den Fremden zu leben. Sie hoffte uns daher durch möglichst ungenießbare Kost wegzuhungern, was ihr aber erst nach beharrlicher ausgesuchter Bosheit gelang. In Starnberg, wohin wir flüchteten, wurden wir besser gefüttert; es war aber nicht mehr unser stilles, lauschiges Nest unmittelbar am Seeufer mit dem Blick auf die herüberschimmernde Alpenkette, wo wir nur zehn Schritt zu gehen hatten, um unsere Glieder in der kristallhellen Flut zu kühlen.

Der Sommer verging; im Frühherbst reisten wir mit den Eltern nach Berlin, um die Hochzeit meines Freundes Otto Ribbeck mit Emma Baeyer feiern zu helfen. Es war mir ein eigenes Gefühl, in den beiden nach dem Hof gehenden Zimmerchen der elterlichen Wohnung in der Behrenstraße, wo ich als Schüler und Student gehaust hatte, nun mit meiner jungen Frau mich einzuquartieren.


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