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Das Haus »Zum ungläubigen Thomas«

oder

Des Spirits Rache

(1893.)

 

In einer ansehnlichen Provinzstadt des nördlichen Deutschlands findet sich eine Gasse, deren uralte, hochgieblige Häuser sämmtlich ehrwürdige oder anmuthige Namen tragen, in gothischen Lettern in den Thürsturz oder kleine Sandsteinschilder eingegraben, als da sind »Zum guten Hirten«, »Zur Taube Noäh«, »Zur Friedenspalme«, »Zur Rose von Saron«, darunter die Jahreszahl der Erbauung.

Vor Zeiten war diese Straße die Hauptader der Stadt gewesen, deren fromme, streng rechtgläubige Bürgerschaft weniger nach Licht und Luft, die von außen eindrangen, als nach innerer Erleuchtung begehrte. Seitdem aber neue Geschlechter heraufgekommen waren, vom Geist einer verwegenen Aufklärung entzündet, war das Ansehen der alten Familien, zu denen über die hohen Dächer weg nur verlorene Sonnenstrahlen drangen, beträchtlich gesunken, bis sie nach und nach hinter ihren Friedenspalmen und Saronrosen ausstarben und das Stadtregiment betriebsamen Kindern einer neuen Zeit überließen, deren helle Wohnungen rings um die düstere Gasse sich ausgebreitet hatten.

Nach einem der ältesten Häuser, das durch gutes und böses Wetter dreier Jahrhunderte fast völlig geschwärzt worden war, hatte die Straße ihren Namen erhalten. Ueber der breiten Einfahrt stand in verwitterten, kaum mehr lesbaren Buchstaben auf einem schmalen Steinbalken: »Zum unglaubigen Thomas, 1534.« Hiernach war die Straße die Thomasgasse getauft worden, welchen Namen sie jedoch nur noch im amtlichen Verkehr, im Grundbuch und auf dem Stadtplan zu führen pflegte. Im Volksmunde hieß sie schon seit mehr als fünfzig Jahren die Spukgasse, wiederum nach jenem ältesten ihrer Häuser, dem sie vor Zeiten auch ihren ehrlichen Namen verdankt hatte.

Denn Jedermann wußte, daß das Haus zum unglaubigen Thomas ein Spukhaus sei, und auch die kaltblütigsten Freidenker der Stadt konnten sich selbst am hellen Tage einer leichten Gänsehaut nicht erwehren, wenn sie genöthigt waren, eines Geschäftes wegen das verwahrloste Pflaster dieser Straße zu betreten.

Wie das gekommen, warum die drei Stockwerke des immer noch festen alten Baues seit so langen Jahren nur noch von unerlösten armen Seelen bewohnt waren, wußte Niemand zu sagen. An der Thatsache aber konnte man nicht zweifeln. Einem, der doch einmal diese frevelhafte Keckheit gehabt und das Haus, über das dem Gericht die Verfügung zustand, käuflich an sich gebracht hatte, war's schlecht genug bekommen. Ein jüdischer Mann, dem die großen leeren Räume zu Waarenmagazinen wie geschaffen schienen, hatte nur etwa zwei Jahre seine Wohnung darin aufgeschlagen. Eines Tages fand man ihn an einem zum Strick gedrehten seidenen Tuch am Fensterkreuz des größten Zimmers aufgehängt, und es stellte sich heraus, daß dem einst so wohlstehenden Manne seit Jahr und Tag das Glück den Rücken gekehrt hatte, so daß er mit Hinterlassung einer großen Schuldenmasse sich aus der Welt hatte stehlen müssen.

Nichts als das Haus selbst nebst seiner verstaubten Einrichtung war zur Befriedigung der Gläubiger vorhanden. Da sich aber kein neuer Käufer für den verrufenen Steinhaufen fand, mußten sie vorläufig sich begnügen, wenn sie je des Weges kamen, mit grimmigen Blicken das wettermorsche graue Schild über der Hausthür zu betrachten, auf welchem in großen, verwaschenen schwarzen Buchstaben die Firma stand: Commissions- und Speditionsgeschäft von Moritz Feigenbaum.

Obwohl nun aber in allen drei Stockwerken nichts, was nicht niet- und nagelfest, zurückgeblieben war, so daß selbst Diebe, die über Gespensterfurcht erhaben gewesen wären, nichts daraus hätten forttragen können, wurde es vom Gericht dennoch für nöthig befunden, das Haus nicht ganz ohne Aufsicht zu lassen, damit nicht etwa lichtscheues Gesindel, Falschmünzer oder eine Dynamitardenbande sich dort einschliche. Es fügte sich auch glücklich genug, daß ein armer Teufel von Schuhflicker, dem sein Häuschen durch eine Wassersnoth zerstört worden war, sich zur Uebernahme der Hausmeisterstelle bereit erklärte, zu der selbst unter den ganz Armen und Obdachlosen der Zehnte nicht Lust gehabt hätte. Diesem wackeren Menschen, der Wenzel Kospoth hieß und ein eingewanderter Deutsch-Böhme war, wurde die ehemalige Pförtnerkammer neben der Einfahrt angewiesen, ohne ein weiteres Gehalt, da er selbst die freie Wohnung als hinlängliche Entschädigung für seine Dienste ansah. Dieselben bestanden in nichts Anderem, als daß er das große schwarze Hausthor am Morgen öffnete und Abends wieder verschloß und hin und wieder in den drei Stockwerken nachschaute, ob keine der geborstenen Wände den gänzlichen Einsturz drohe. Den ganzen übrigen Tag hatte er für sich, eine kleine Kundschaft, die ihm selbst im Spukhause treu geblieben war, zu befriedigen, obwohl gewisse ängstliche Gemüther denn doch Bedenken trugen, sich bis in den Thorweg zu wagen, um ein paar defecte Stiefel in dieser unheimlichen Luft repariren zu lassen.

Denn freilich erschien der ehrsame Wenzel Kospoth mit seinem knochigen grauen Gesicht und den tiefliegenden schwarzen Aeugelchen unter buschigen Brauen seinen neuen Nachbarn, obwohl sie gegen die Schauer der Gasse abgehärtet waren, selbst nicht recht geheuer. Da er wenig Schlaf hatte, sah man ihn durch das niedere Fenster des Erdgeschosses oft bis lange nach Mitternacht auf seinem Schemel hocken, ein großes altes Buch vor sich auf dem Schurzfell, in welchem er beim Schein eines Lämpchens, das die große Glaskugel durchstrahlte, emsig las, die mageren Arme in Hemdärmeln auf die Schenkel gestützt. Es war nur eine alte böhmische Bibel, die er kaum mehr recht verstand, da er schon als Knabe über die deutsche Grenze gewandert war. Die aber zu ihm hineinspähten, hielten den messingbeschlagenen Wälzer für ein Zauberbuch, und da ihnen auch der Name des Alten fremd war, glaubten sie nicht anders, als daß Kospoth eigentlich Gottesspott lauten sollte, und daß der wunderliche Fremdling nur darum die Pförtnerstelle im Spukhause angetreten habe, um hier ungestört seinen zauberhaften Verkehr mit bösen Geistern betreiben zu können. Wenzel Kospoth, als ihm ein furchtsamer Nachbar dieses Gerücht zutrug, lachte in seinen grauen Bart, den er nur mit der Schusterscheere zu stutzen pflegte, und murmelte etwas Böhmisches, das weder Ja noch Nein bedeutete. Er verachtete die dummen Deutschen in tiefster Seele, da er sich wegen seines confusen Bibelstudiums ihnen hoch überlegen dünkte, und weit entfernt, sich gegen jenen abergläubischen Verdacht zu verwahren, ergriff er eine zufällige Gelegenheit, denselben noch zu verstärken.

Eine Bekannte aus früherer Zeit, als er noch zuweilen Sonntags einen Spaziergang auf ein nahes Dorf machte, war unverschuldet in große Noth und Bedrängniß gekommen. Ein Weibchen, noch nicht viel über vierzig, vormals ganz jung aus der Stadt aufs Land hinaus verheirathet an einen Bauernsohn, der ein Säufer und nichtsnutziger Faulpelz war, ihr kleines Ersparniß rasch durchgebracht und sie dann, als er eines jähes Todes verstarb, mit ihrem sechsjährigen Kinde zurückgelassen hatte. Die junge Wittwe hatte eingesehen, daß sie die Hände nicht in den Schooß legen dürfe, wenn sie sich und ihr Kind anständig durchschlagen wollte. Da sie nun im Nähen und Kleidermachen geschickt war, ergriff sie das Gewerbe einer Dorfschneiderin, womit sie sich auch einen schönen Groschen verdiente. Nur leider, da sie ein gutes Herz hatte, ließ sie sich verleiten, sich nicht nur des äußeren Menschen, sondern auch des inneren bei ihrer Kundschaft anzunehmen und einen kleinen Schatz von Recepten für alle möglichen Gebrechen gegen mäßige Vergütung nutzbar zu machen. Damit gewann sie bald einen großen Zulauf, bei etlichen der Beschränktesten der Dorfbewohner freilich auch den Ruf einer Meisterin verbotener Künste. Und als nun vollends ihre kleine Tochter zu einem überaus schmucken Jüngferchen heranblühte, dessen schwarze Augen und krause, rothblonde Zöpfe keiner der Dorfbuben ungestraft betrachten konnte, waren Mutter und Tochter, so regelmäßig sie Sonn- und Feiertags zur Kirche gingen, bald genug bei allen alten Weibern des Dorfs und bei den jungen, denen ihre Liebhaber abtrünnig wurden, als ein Paar ausgemachte Hexen in Verruf gekommen.

Das ertrugen die beiden unschuldigen Seelen, da die Männer auf ihrer Seite waren, mit großem Gleichmuth, bis eines Tages ein gewaltthätiger Bauer, in dessen Stall mehrere Kühe verkalbt hatten, von seinem bösen Weibe aufgehetzt in das Haus der Frau Cordula stürmte und unter einer Flut von Schmähungen sie als die Anstifterin des Unheils mißhandelte. Er versetzte ihr einen so groben Faustschlag, daß sie von Stund an contract wurde und sich nur mühsam auf wankenden Füßen zu bewegen vermochte.

Der schnöde Missethäter ging triumphirend hinweg und rühmte sich in der Schenke, dem Hexenpack das Handwerk gelegt zu haben. Seine That aber war der Anfang einer ganzen Reihe ähnlicher Brutalisirungen, durch Haß und Neid weiblicher Unholde angezettelt, so daß die arme Frau zu der Einsicht kam, ihres Bleibens könne unter diesem abergläubischen Volk nicht länger sein, und sie müsse sich in die sicheren Mauern der Stadt flüchten, wenn sie nicht ihr und ihres Kindes Leben und Gesundheit gefährden wolle.

Sie nahm ihre Zuflucht zu dem einzigen guten Bekannten, den sie noch in der Stadt besaß, Wenzel Kospoth, und fragte in einem Brief bei ihm an, ob er ihr nicht eine kleine Wohnung wisse, wo sie mit ihrer Tochter Gundula leben und ihren Bissen Brod fernerhin mit der Nadel erwerben könne, vor bösartiger Neugier geborgen.

Nun lag hinter dem Spukhause ein düsteres Höfchen, auf welchem ein niederes Stallgebäude stand, völlig verödet, seit die zwei ungeschlachten Pferde, mit denen Herr Moritz Feigenbaum sein Commissions- und Speditionsgeschäft betrieben hatte, kurz vor seinem unseligen Ende verkauft worden waren. Ueber dem Stall hatten der Kutscher und Packknecht in zwei großen, aber niedrigen Räumen gewohnt, neben einem fensterlosen Speicher, wo Heu und Hafer aufbewahrt wurden. Eine Remise nahm den Rest des Hofraumes ein, in der Mitte hob ein längst abgestorbener Kastanienbaum seine schwarzen, blätterlosen Aeste, auf denen ein tumultuarisches Spatzenvolk über Tag sich zu tummeln pflegte.

Dies Quartier, auch wenn es sich nicht in einem übelbeleumdeten Hanse befunden hätte, war nicht dazu angethan, Miether, die an Luft und Licht gewöhnt waren, anzulocken, und da auch die Aermeren und Unbehausten durch das Gespenst des unselig verstorbenen Hausherrn abgeschreckt wurden, hatten hier die Mäuse seither ungestört ihre Tänze und Wettrennen gehalten und sich an den zerstreuten Haferkörnern im Speicher gütlich gethan.

Der Schuhflicker aber, sobald er Frau Cordula's Botschaft erhalten hatte, dachte sofort daran, wie trefflich dies herrenlose Quartier gerade für die alte Freundin sich schicken würde. Zugleich war es ihm in seiner einsamen Zelle eben recht, ein paar weibliche Wesen in der Nähe zu haben, bei denen er gelegentlich eine Ansprache finden und die Schäden seiner Garderobe könnte ausbessern lassen.

Also fragte er bei der Behörde an, ob sie ihm erlauben wolle, zwei unbescholtene Frauenzimmer, für deren ehrbaren Wandel er bürge, in jener Hofwohnung aufzunehmen, gegen einen sehr mäßigen Zins, der der Masse zufließen solle. Als dies gewährt worden war, schloß er eines Morgens das Hausthor und begab sich nach dem Dorf, um Mutter und Tochter beim Umzug behülflich zu sein.

Die beiden armen Seelen waren durch die Verfolgungen der letzten Zeit dermaßen eingeschüchtert, daß sie die Zuflucht unter Wenzel Kospoth's Dach, obwohl sie wußten, daß es da nicht geheuer sein sollte, mit Freuden annahmen. Ein Leiterwagen wurde mit ihren dürftigen Betten und Möbeln bepackt, auf einen der Koffer Mutter Cordula gesetzt, Gundelchen schwang sich neben sie, und der finster um sich blickende Böhme, der selbst nebenher gehend die Pferde antrieb, schnalzte so gewaltig mit der Peitsche, daß die Dorfbevölkerung, die den Abzug der Hexe gern mit einer Katzenmusik begleitet hätte, außer ein paar Pfiffen keinen ehrenrührigen Laut von sich zu geben wagte.

Eben so still wurde das Gefährt in der Thomasgasse empfangen, obwohl das Gerücht, in die Hofwohnung des Spukhauses werde eine Hexe vom Lande einziehen, sich bereits in den Nachbarhäusern verbreitet hatte. Die kleinen Leute, die jetzt in den ehemaligen Patrizierhäusern wohnten, hatten sich zahlreich vor der verschlossenen Einfahrt versammelt. Als aber der hochbepackte Wagen am Thore hielt, die Junge heruntersprang und die Alte mit Kospoth's Hülfe sorgsam von ihrem steilen Sitz herabhob, ging etwas wie Enttäuschung über die gaffenden Gesichter. Sie hatten sich eine Hexe doch älter und schauerlicher vorgestellt, und das Gundelchen zumal, mit seinen lachenden Augen und blanken Zöpfen unter dem bäuerlichen Kopftuch erregte fast ein Gefühl des Mitleids darüber, daß der friedliche Schlaf der beiden Frauenzimmer durch nächtlichen Spuk gestört werden sollte.

Dem Mädchen jedoch verging das Lachen, als es die schmale Hühnerstiege hinauf den ersten Blick in die neue Wohnung that. Ihre Hütte draußen war wahrlich kein Feeenschlößchen gewesen, aber hinlänglich von Sonne umflossen und rings mit grünen Gärten und Wiesen eingefaßt. Da sie aber sah, daß ihr Mütterchen mit einem schweren Seufzer mitten auf dem staubigen Fußboden zusammenbrach, faßte sie sich rasch, umschlang die Alte mit ihren runden Armen und trug sie zu einer Bank am Fenster, wo man den Blick auf die Spatzen in dem Kastanienwipfel genoß. Da sprach sie ihr so munter zu, wie hübsch still es hier sei und wie gut sie hier schlafen würden, daß die Mutter sich endlich beruhigte und nur dann und wann einen leisen Seufzer ausstieß, während sie dem geschäftigen Kinde bei der Einrichtung der neuen Wohnung mit zärtlichen Augen zuschaute.

Schon am andern Tage sah es ganz wohnlich in beiden Zimmern aus. Das Mädchen war in aller Frühe auf den Markt gelaufen und hatte ein paar billige Blumenstöcke erhandelt. Dann machte sie sich daran, die Fußböden zu scheuern, den Staub aus allen Winkeln zu fegen, die fadenscheinigen weißen Vorhänge über den viereckigen Fenstern zu befestigen. Sie war damit noch früh genug zu Stande gekommen, um auf dem Kochöfchen in der Ecke ihre Suppe zu kochen. Als Wenzel Kospoth um Mittag herüberkam, zu fragen, wie seine neuen Hausgenossen sich eingerichtet hätten, machte er große Augen, Alles schon so sauber und behaglich zu finden. Er mußte mithalten und fand das dürftige Mahl weit schmackhafter, als das Essen, das ihm eine Nachbarin aus einer kleinen Garküche in seine Pförtnerzelle brachte. So kamen sie überein, daß der Meister von nun an jeden Tag bei ihnen zu Tische kommen sollte, gegen eine billige Vergütung, durch die der Miethzins reichlich aufgewogen wurde.

Daß sie nicht hoffen dürfe, in dieser Wohnung auch nur eine anspruchslose Kundschaft zu gewinnen, hatte die kluge Frau alsbald eingesehen. Zudem verstand sie sich nur auf Bauernmoden, und da auch für ihre ärztliche Praxis in diesem Spukhause keine Nachfrage zu erwarten war, so überfiel sie eine tiefe Muthlosigkeit, und sie bereute, den Vorschlag Meister Kospoth's so unbedenklich angenommen zu haben.

Das Gundelchen aber half auch diesmal aus der Noth. Es hatte von der Mutter die Geschicklichkeit in weiblichen Handarbeiten geerbt und suchte nun nach einer Gelegenheit, sich nach städtischen Mustern weiter auszubilden. So verdang es sich bei einer Kleidermacherin als Näherin, bemühte sich, während ihrer Hülfsarbeit der Meisterin ihre höheren Künste im Zuschneiden und Anfertigen eleganter Anzüge abzugucken, und benahm sich so geschickt und anstellig, daß man sie schon nach wenigen Monaten in die Häuser der wohlhabenderen Familien mitnahm, die es vorzogen, ihren Putz unter ihren eigenen Augen herstellen zu lassen.

Mit der Zeit wurde ihr auch manches Stück zum Fertigmachen anvertraut, das sie mit nach Hause nahm und der Mutter übergab. Nun erst fand sich die fleißige Frau, die sich nicht wohl fühlte, wenn sie die Hände in den Schooß legen mußte, mit ihrer Lage vollkommen ausgesöhnt, und da sie am Ende des Jahrs ein hübsches Sümmchen in ihrem Sparstrumpf überzählen konnte, verzieh sie den dummen Bauern von Herzen, daß sie ihr das Leben sauer gemacht und sie in die Stadt gejagt hatten.

Auch hier freilich blieb der üble Ruf eines Einverständnisses mit bösen Geistern an ihr hängen, und naseweise Schulbuben, die wohl einmal von haarsträubender Neugier gestachelt sich durch den Thorweg bis an den Eingang des Hofes wagten, zeigten sich die vier kleinen Fenster über dem Stall mit kindischem Grauen und raunten sich allerlei Spukgeschichten vom Blocksberg und Teufelstänzen in die Ohren. Der Frechste faßte sich endlich ein Herz und schrie überlaut, aber mit zitternder Stimme: Hexe! in den stillen Hof hinein, warf auch wohl einen Stein gegen die Stallthür, worauf der ganze Schwarm in eiliger Flucht wieder von dannen stob, während auch die Spatzen, von dem ungewohnten Ruf erschreckt, mit hellem Lärm aus den dürren Aesten fortschwirrten.

Daß die Hexe unsichtbar blieb, trug nicht wenig dazu bei, den abergläubischen Respect, in welchem sie stand, zu erhöhen. Ihr Kind aber, dessen liebliche Erscheinung keinerlei Grauen erregte, wurde von den Nachbarn mit einem aus Mitleid und Verwunderung gemischten Gefühl betrachtet. Man begriff nicht, daß sie ihre rothen Wangen und lachenden Augen behalten konnte, obwohl sie eine so unheimliche Herkunft hatte und sich sagen mußte, kein ehrlicher Mensch, der schon in der Taufe dem Bösen und seinen Werken abgesagt, werde es übers Herz bringen, ein Mädchen aus diesem Spukhause zu heirathen. Was freilich die jungen Leute auf der Straße nicht abhielt, stehen zu bleiben und dem zierlichen Gestältchen huldigend nachzublicken, so lange das Hutband der Kleinen im Winde wehte und die Falten des kurzen Röckchens um ihre feinen Knöchel schlugen.

Somit schien der Beweis geführt, daß es in dem berüchtigten Hause »Zum unglaubigen Thomas« durchaus mit rechten Dingen zuging und der Ruf einer Gespensterherberge ihm mit Unrecht zukam. Und doch muß der Erzähler dieser wahrhaften Geschichte nun endlich mit dem Bekenntniß herausrücken, daß in nächster Nähe der ganz unschuldig verrufenen Frauen ein wirklicher rechter und richtiger Spuk sich eingenistet hatte, von dessen Anwesenheit weder die drei Bewohner des Hauses, noch irgend wer in der Gasse eine Ahnung hatte.

*

Bekanntlich gehen die Seelen der Verstorbenen, wenn sie ihren Körper verlassen, nicht sofort in den Himmel ein oder fahren in die Hölle, sondern, wenn sie zu Lebzeiten dem katholischen Glauben angehangen haben, zunächst ins Fegefeuer, um dort den Tag des jüngsten Gerichts und der Auferstehung des Fleisches zu erwarten. Haben sie sich aber zur protestantischen Konfession gehalten, so verfügen sie sich nach ihrem Ableben in das sogenannte Zwischenreich, wo sie sich in einem so ungemüthlichen, gelangweilten und nervös aufgeregten Zustand befinden, wie irdische Reisende in einem großen, schlecht ventilirten Wartesaal. Zumal es an jenem überirdischen Ort natürlich an allen Erfrischungen fehlt, mit denen ein Passagier in Fleisch und Bein, wenn ihn hungert und dürstet, sich die Zeit vertreiben mag. Auch die Ankunft neuer Reisegefährten bietet wenig Unterhaltung, da mit wenigen Ausnahmen alle dieselbe wehmüthige oder unzufriedene Miene machen, die noch von den Abschiedsstunden her in ihren blassen Zügen erstarrt ist.

Höhere Geister freilich, die schon auf Erden über das kleine Elend des Daseins erhaben waren und alle Ereignisse im Lichte der Ewigkeit zu betrachten pflegten, finden sich bald auch in dem grauen, öden Zwielicht dieser luftigen Region zurecht, freuen sich, in dem lautlosen Getümmel abgeschiedener Seelen hin und wieder einem Geistesverwandten zu begegnen und mit Solchen, die sie um ihrer irdischen Thaten oder Werke willen verehrt hatten, einen kleinen Discurs zu halten, so daß auch hier oben, wo von Rechtswegen allgemeine Gleichheit und Brüderlichkeit herrschen sollte, eine Scheidung zwischen Vornehmen und Geringen sich stillschweigend vollzieht, gegen die hier Niemand etwas einzuwenden hat. Denn da keine äußeren Vortheile mit dem höheren Respect verbunden sind, deren die edleren Geister genießen, beneidet sie Niemand der gemeineren um die weisen Gespräche, mit denen sie die unfruchtbare Muße ausfüllen, wahrend der große Haufe in stillem Grimm sich nach seinen irdischen Kegelbahnen, Trinkstuben und Spieltischen zurücksehnt.

Nur von Einer Belästigung werden selbst in diesem leidlosen Zwischenreich vorzugsweise die Höherstehenden, Verdienten und Berühmten heimgesucht, da nämlich eine mehr und mehr um sich greifende Neugier der noch auf Erden Lebenden gerade die Erhabensten unter ihnen, die Geister großer Könige, Weisen und Künstler anzurufen und in ein zudringliches Verhör zu nehmen liebt. Ein solches frevelhaftes Spiel wurde hin und wieder schon in der grauen Vorzeit getrieben, wie ja auch der Geist des Hohenpriesters Samuel von der Hexe von Endor gezwungen wurde, vor König Saul zu erscheinen. In unseren Tagen aber hat sich, wie man weiß, der naseweise Trieb, den Vorhang vor den Geheimnissen des Jenseits zu lüften, der weitesten Kreise bemächtigt, und kein Name, der aus verflossenen Jahrhunderten herübertönt, dünkt den kleinen Heutigen zu ehrwürdig, um durch einen klopfenden Tisch oder ein hysterisches Fräulein seinen Träger mit Fragen zu bestürmen, oder wohl gar ihn selbst zum Erscheinen in seiner transparenten Hülle, dem sogenannten Astralleib, zu nöthigen.

Die aristokratische Gesellschaft im Zwischenreich, nachdem sie sich diese Zumuthungen eine Weile widerwillig hatte gefallen lassen, verfiel endlich auf ein unschädliches Auskunftsmittel, sich ihre Ruhe zu sichern. Sie fragte unter dem Geisterpöbel an, ob nicht dieser oder jener freiwillig, da hier oben aller Zwang wegfällt, sich erbieten möchte, im Falle solcher Citationen als Stellvertreter zu dienen und auf alle vorwitzigen Fragen nach Gutdünken Antwort zu geben.

Da nun die meisten Derer, die im Leben nur sinnliche Freuden gekannt haben, in ihrem eintönigen Geisterdasein am liebsten aus der Haut fahren möchten, wenn sie noch eine Haut besäßen, so konnte ihnen nichts erwünschter sein, als eine Gelegenheit, sich einmal wieder unten auf der Erde umzusehen und in Ermangelung von Karten und Würfeln sich mit dem in die Mode gekommenen Frage- und Antwortspiel ein paar Stunden lang zu unterhalten.

Daß sie von den höheren Angelegenheiten ihrer berühmten Gefährten keine Wissenschaft hatten, kümmerte sie so wenig, wie Diejenigen, die sie vertreten mußten. Denn es hatte sich bald herausgestellt, daß die Frager an den klopfenden Tischen und in den dunklen spiritistischen Sitzungen selbst an den einfältigsten Antworten keinen Anstoß nahmen, sondern den offenbarsten Unsinn, der ihnen aus dem Jenseits zugeraunt wurde, gläubig als tiefe, überweltliche Weisheit hinnahmen, oder nach ihren Wünschen zu deuten wußten. Wer gern tanzt, dem ist leicht aufgespielt, und wer nach einer vertraulichen Mittheilung von Julius Cäsar, Plato oder Beethoven begierig ist, der hört auch in dem Gestammel eines verklärten Karrenschiebers, mit dem er sich auf geheimnißvollem Wege in Rapport gesetzt hat, Worte der sublimsten Weisheit.

Seit einigen Jahren nun war auch die Stadt, in der sich diese wahrhafte Geschichte zutrug, vom Fieber der Spiritisterei ergriffen worden, gerade weil die Aufklärung auf religiösem Gebiet die beiden Stadtkirchen entvölkert hatte. Zuerst hatte man sich begnügt, Tische tanzen und klopfen zu lassen. Nach und nach aber war man nach höherem Geisterverkehr begierig geworden, und zwei Medien hatten nebst ihren Hypnotiseuren ihren Einzug in die Stadt gehalten, so daß keine Nacht verging ohne einigen spukhaften Unfug, und zwar vorzugsweise in den besten und gebildetsten Familien.

Um den so gesteigerten Ansprüchen zu genügen und den Weg abzukürzen, hatte man im Zwischenreich endlich für gut befunden, zwei der robusteren Geister ein für alle Mal in dieser Stadt zu installiren, damit sie auf den leisesten Ruf gleich bei der Hand wären. Auch hatten sich sofort zwei Bewerber um diesen Posten gemeldet, der Geist eines Weinreisenden, dem die unthätige Ruhe nach seinem mobilen Erdenleben unerträglich fiel, und die abgeschiedene Seele eines Hausknechts, der zufällig beim Bürgermeister des betreffenden Ortes in Condition gestanden hatte und daher mit den Verhältnissen der Einwohner in besonderem Maße vertraut war.

Dieses ziemlich ungleiche Paar schien sich für alles Erforderliche eben darum besonders zu qualificiren, da der Weinreisende mit seiner weiteren Weltkenntniß aushelfen konnte, wo der selige Hausknecht, der nur Ortskunde besaß, mit seinem Latein zu Ende sein würde.

Die Beiden, die sich übrigens mit unfreundlichen Blicken maßen, waren also eines schönen Abends zusammen abgesegelt, und Johann Gruber, der Hausknecht, hatte den Vorschlag gemacht, in dem Hause »Zum unglaubigen Thomas« sich einzuquartieren, da selbst die gröberen Geister, durch die Stille der Oberwelt verwöhnt, bei ihren irdischen Gastspielen lärmenden Gegenden gern ausweichen.

Nun konnte es keine stillere Schlafstelle für zwei empfindliche Schattenwesen geben, als die Remise, die sich an das Stallgebäude im Hof des Spukhauses anschloß. Der hohe, dunkle Raum, dessen Thür nach dem Hofe zu immer angelehnt blieb, wurde von keinem Menschenfuß mehr betreten, so daß die Ratten und Mäuse freies Spiel hatten, das alte Lederzeug, das im Staube herum lag, zu zernagen. Eine uralte Kalesche im hintersten Winkel war auf diese Weise mit der Zeit zum Skelett eines Wagens herabgeschwunden, und an dem Pferdegeschirr, das über dem hölzernen Bock paradirt hatte, hingen die Beschläge nur noch durch dünne Fäden zusammen.

Sobald Heinrich Müller, der ehemalige Weinreisende, dies Ruinenwerk erblickte, erklärte er, dasselbe ausschließlich in Besitz nehmen zu wollen. Mit einem stillen Seufzer, der der Erinnerung an seine früheren flotten Musterreisen im eignen Gefährte galt, schwebte er in das Sparrwerk des Wagens hinein und dehnte seine luftige Figur behaglich auf dem Sitzkissen aus, an welchem Lederbezug und Roßhaare weggefressen waren, so daß einem Fahrgast in Fleisch und Bein die spitz hervorstarrenden Federn das Sitzen zur Qual gemacht hätten. Einem geistigen Wesen konnte das kein Hinderniß sein, sich hier äußerst wohl zu fühlen.

Johann Gruber, der von seinen Hausknechtstagen her einem weltläufigen Herrn, wie sein Gefährte war, willig den Vorrang ließ, fand eine große Kiste in dem andern Winkel der Remise, dergleichen er so manche vollgepackt und vernagelt hatte, und machte sich's darin gleichfalls bequem, so daß beide blinde Passagiere in dieser ersten Nacht, wo zufällig keine spiritistische Sitzung gehalten wurde, sich des behaglichsten Schlummers erfreuen konnten.

Doch schon am nächsten Tage mußten sie erfahren, daß ihr Posten nichts weniger als ein Ruheposten war. Jeder von ihnen bekam alle Hände und Füße voll zu thun, um allen Anforderungen zu genügen, hier in einen Tisch zu schlüpfen und auf die vertracktesten Fragen klopfend zu antworten, dort einem verschmitzten oder selbst betrogenen Medium Rede zu stehen, oder gar, wenn es gewünscht wurde, sich, wie der technische Ausdruck lautet, zu materialisiren, um bald als dieser, bald als jener abgeschiedene Wohlbekannte sich der pietätvollen Neugier seiner Hinterbliebenen darzustellen.

Ihre nächtliche Arbeit war so anstrengend, daß Beide, wenn sie endlich sich in ihrem Quartier wieder einfanden, wie zwei Hunde, die tagelang auf Hasen gejagt, ohne sich gute Nacht zu sagen in ihre Schlummerwinkel schlüpften und das leidige Metier, zu dem sie sich hergeliehen, von Herzen verwünschten.

Auch hätten sie nach etlichen Wochen wahrscheinlich ihren Auftraggebern den Dienst gekündigt, wenn der Einzug der Frau Cordula mit ihrer Tochter in die Kutscherwohnung nicht die Lage der Dinge verändert hätte. Wenigstens in den Augen des Weinreisenden. Denn dieser faßte vom ersten Tage an eine so heftige Neigung zu dem schönen schlanken Menschenkinde, daß er den Gedanken, fern von ihr in seinem liebeleeren Geisterreich zu verweilen, als völlig unfaßbar erkannte.

Er war bei seinen Lebzeiten ein Frauenheld gewesen und hatte in jedem Städtchen einander Mädchen haben müssen. Nun war freilich, bei der überirdischen Natur, gegen die er seine leibliche vertauscht hatte, von einer Liebschaft mit einem Erdenkinde nicht viel Ersprießliches zu hoffen. Doch da zu Anbeginn der Welt auch die Engel sich herabgelassen haben, mit den Töchtern der Menschen zärtliche Verhältnisse einzugehen, mußte sich das Schmachten Heinrich Müller's nach der Tochter der Frau Cordula immerhin der Mühe verlohnen.

Zufällig traf es sich, daß auch Johann Gruber's geistige Natur einen Rückfall in leibliche Gelüste erlitt. Eines Tages in seinem spiritistischen Beruf durch eine der entfernteren Gassen streifend, war er einer alten Flamme begegnet, die als Köchin im Hause seiner eigenen Herrschaft gedient hatte. Sie war seitdem freilich nicht jünger geworden, blühte aber in derber Gesundheit und jener behaglichen Rundung, die von jeher den Augen ihres Anbeters besonders wohlgefallen hatte.

Da nun auch er solchermaßen sich an die irdische Sphäre von Neuem gebunden fühlte, wie bekanntlich alle armen Seelen den Ort umkreisen, wo sie bei Lebzeiten einen Schatz verscharrt haben, konnte Johann Gruber so wenig wie Heinrich Müller sich entschließen, den spiritistischen Dienst zu kündigen. Auch die Stichelreden, mit denen Jener den verliebten Collegen gehänselt hatte, verstummten. Er fühlte, daß sie Beide in demselben Spital krank lagen, und so hätte ein feines Ohr in mancher Nacht ein Duett zärtlicher Seufzer hören können, das, von dem Rascheln und Knuspern der kleinen Mäuse begleitet, an den Wänden der dunklen Remise zurückhallte.

*

Dieser Zustand hatte nun ungefähr ein Jahr gewährt, als in einer mondhellen Mitternacht der Geist Johann Gruber's von einem mühsamen Tagewerk heimkehrte. So schlaftrunken er war, da man ihm heute mit schwierigen Fragen und anderen Zumuthungen besonders hart zugesetzt hatte, so trieb ihn dennoch sein verliebtes Gemüth, den Umweg zu machen, an dem Hause vorbei, in dessen Erdgeschoß seine frühere Liebste eine kleine Bier- und Branntweinschenke etablirt hatte. Möglich auch, daß ihn der Duft der geistigen Getränke lockte, die schon während seines Erdenwallens eine große Macht über ihn ausgeübt hatten.

Vorsichtig strich er im Schatten der Häuser dahin und schwang sich, vor der kleinen Schenke angelangt, zur Höhe des Fensters hinauf, dessen obere Flügel, um die Luft drinnen zu erfrischen, offen standen. Hier setzte er sich rittlings auf das Fensterkreuz und starrte in die Trinkstube hinein, wo seine dicke Flamme hinter dem Schenktisch saß, halb eingenickt über ihrem Strickzeug, aus dem sie zuweilen eine Nadel herauszog, um sich damit den nachlässig frisirten Kopf zu kratzen, wobei sie gähnte und die wässrigen kleinen Augen eindrückte.

Auf einem Schemel am Ofen schlief ein kleines Mädchen. Einige Arbeiter in Hemdsärmeln saßen an dem einzigen Tische, rauchend und Karten spielend, und jedesmal, wenn sie mit den Knöcheln schallend ein As hintrumpften, zuckte das Kind im Schlaf zusammen.

Der biedere abgeschiedene Geist oben am Fenster konnte sich eines schmerzlichen Seufzers nicht enthalten, als er erwog, wie hübsch es sein könnte, wenn er noch am Leben wäre, als Wirth und Gatte dieses rüstigen Weibes hier schaltete und das Lieschen früh zu Bett schickte, statt es im Dunst und Lärm der Trinkstube verkümmern zu lassen. Da es aber im Buch des Schicksals anders geschrieben stand, schwang er sich endlich von seinem hohen Sitz wieder herab und schwebte trübsinnig durch die menschenleeren Gassen dem Spukhause und seinem Nachtquartier zu.

Vor dem Thorweg angelangt, sah er einen Augenblick durchs Fenster in die Pförtnerzelle. Da saß Wenzel Kospoth noch auf dem Schemel über seinen Folianten gebückt, der Lichtschein versilberte seinen grauen Haarschopf und die weißen Bartstoppeln, die kleinen Augen aber waren zugekniffen, so daß es ungewiß blieb, ob der Meister eingenickt war, oder in tiefes Nachdenken versunken. Johann Gruber zuckte verächtlich die Achseln. Er konnte den wackeren Alten nicht leiden, weil die Leute ihn für einen Zauberer hielten und er sich's ruhig gefallen ließ, da der verklärte Hausknecht doch wußte, daß nichts an der Sache war und die vermeintliche Macht über die Höllengeister der reine Schwindel. Auch sein College war dem Meister aufsässig und drohte zuweilen, ihm noch einmal einen Tort anzuthun, obwohl die beiden dunklen Gesellen dankbar hätten sein müssen, daß er sie in ihrem freien Quartier unbehelligt ließ.

Der Nachtschwärmer nun suchte den Spalt in dem alten rissigen Hausthor, durch den er hineinzuschlüpfen pflegte, begegnete heute aber einem Hinderniß und merkte jetzt erst, daß er sich noch in dem materialisirten Zustand befand, in welchem er sich auf Befehl des Mediums hatte zeigen müssen. Flugs streifte er die lästige Hülle wie einen Paletot von den Schultern, sah, daß sie zerflatternd sich in leere Luft auflöste, und glitt dann unbehindert durch das Thor und über den Hof in die grabesdunkle Remise.

'n Abend, Herr Müller! sagte er mit wispernder Stimme. Haben schon Nacht gemacht? Viel gearbeitet heute?

Aus dem Winkel, wo die Kalesche stand, kam ein dünner Widerhall zurück, der aber wie von innerer Gereiztheit zitterte:

Wie oft soll ich Euch sagen, unverständiger Mensch, daß Ihr stille zu Bette gehen und gebildete Leute nicht im ersten Schlaf stören sollt? Ihr stinkt auch wieder nach Fusel, daß es nicht zum Aushalten ist. Bleibt mir wenigstens vom Leibe und kriecht in Eure Kiste, oder der Henker soll Euch holen!

Oho! knurrte der Andere, indem er sich nun erst recht dem hitzigen Collegen näherte und sich auf der Wagendeichsel niederließ. Duschemang, Herr Müller, immer mit Manier, bitt' ich mir aus! Sie sind jetzt auch nicht mehr als unsereins, Spiritus ist Spiritus, und wenn Sie mit Ihrem Schimpfen von wegen meinem Geruch darauf anspielen, daß ich in der Schenkstube einen genippt hätte, sind Sie sehr auf dem Holzweg, mein Lieber. Sie wissen, daß wir schon darum keinen mehr hinter die Binde gießen können, weil wir keine Binde mehr haben. Nee, Herr Müller, wonach wir jetzt riechen, is der reine Seelenduft, und Sie riechen auch nicht gerade nach Veilchen, von wegen weil Sie bei Lebzeiten all Ihre geschmierten Proben ohne Werth haben verkosten müssen, und Jeder nach seinem Hand- oder Mundwerk riecht, verstehen Sie? Also hier nicht aufbegehrt, denn wenn's zum Raufen kommt – ich habe mehr als Einen 'rausgeschmissen, als ich noch im Gasthof zu den drei Lilien diente, und mit so einem Kameraden wie Sie –

Schweigt doch nur stille! bat die Stimme aus der Kutsche ganz kleinlaut. Ihr wißt ja, daß es nicht böse gemeint ist, nur weil mir so miserabel zu Muthe ist, einmal das Hundeleben als professionirter Geist, und dazu die verdammte Liebe, und dann nicht 'mal sein bischen Nachtruhe –

Ja, ja, will's glauben! seufzte der Andere, der sogleich wieder versöhnt war. Sie sind noch schlimmer dran wie ich, Herr Müller, mit Ihrer Schmachtlapperei. Ich hab's doch wenigstens 'mal gehabt, Sie aber – nicht 'mal so viel wie 'n Schmatz kann bei Ihrem Verhältniß 'rauskommen. Thäten gut, Herr Müller, sich das Mädel aus dem Sinn zu schlagen. Is doch nur 'ne Dummheit und Seelenschinderei.

Ein schwerer Seufzer kam aus der schwarzen Tiefe des Wagenschlags.

Das versteht Ihr nicht, Johann! Wenn ich diese Jungfrau sehe, wie sie mit allen Himmelsreizen geschmückt mir vor der Nase herumkreuzt, – so wenig, wie sich 'ne arme Motte von der Lampenglocke fern halten kann, obwohl sie nicht 'mal dazu kommt, sich in der Flamme nach Herzenslust zu verbrennen, so wenig kann ich von dem Mädel lassen. Ich denke mir oft, da wir jetzt ja wissen, daß es nichts ist mit der Hölle, die bloß die Pfaffen erfunden haben, – das ist die wahre Hölle, in der wir für unsere irdischen Fleischessünden brennen und büßen müssen. Ich habe manches dumme Gänschen beschwatzt, und mehr als Eine hat mir blutige Thränen nachgeweint, ein verdammt hübscher Kerl war ich ja, und die Taschen immer voll Geld, und bei meinem Beruf – immer unterwegs und aus den Augen aus dem Sinn – aber jetzt sitz' ich dafür fest, und 's ist herzbrechend, was ich ausstehen muß. Denn da ich jetzt bloß Seele bin, probier' ich's einmal, wie 'ne Seelenliebschaft thut, die brennt weit elendiger, als die gewöhnliche, und man kann sich nicht 'mal um sein bischen Besinnung trinken, was für die andere ein probates Hausmittel ist.

Er schwieg, von der leidenschaftlichen Expectoration erschöpft, und nur ein leises Wimmern zitterte aus dem Winkel hervor. Der mitleidige Kamerad hatte sich inzwischen in seine Kiste zurückgezogen. Erst nach einer Weile sagte er: Wie schön Sie das expliziren können, Herr Müller. Accurat so geht mir's mit meinem Riekchen. Ja, 's is 'ne verflüchtige Sache mit der Verschossenheit. Hab' bei Lebzeiten immer lachen müssen, wenn ich von ewiger Lieb' hab' reden hören. Is aber doch was dran. Na, wenn Ihr Gundelchen 'mal zu uns nach oben kommt und meine Rieke ebenfalls, da kann man das Sponsiren ja 'n bißchen fortsetzen, obwohl – 's Beste wird doch ewig fehlen. Vielleicht am jüngsten Tag, nach der Auferstehung des Fleisches – na, müssen's eben abwarten. Einstweilen gute Nacht, Herr Müller, und angenehme Träume!

Aus der Wagenecke kam keine Antwort, nur ein leises geisterhaftes Schnarchen. Der Liebeskummer schien den armen Sünder endlich doch in Ruhe gelassen zu haben.

*

Doch sollte der Schlaf, der den beiden vielgeplagten Gespenstern wohl zu gönnen war, heute noch auf eine seltsame Weise gestört werden.

In einem Weinstübchen am Markt hatten in dieser Nacht zwei gute Freunde, Beide Stadtkinder und Schulgefährten, bei etlichen Flaschen edlen Rheinweins ihr Wiedersehen gefeiert. Der Eine, ein stattlicher junger Mann von vierundzwanzig Jahren, war von der benachbarten Universität zurückgekehrt, wo er Medicin studirt und nun soeben sein Staatsexamen mit allen Ehren bestanden hatte. Bevor er dort die ihm angetragene Assistentenstelle bei einem der bedeutendsten Aerzte antrat, gedachte er, wie ein losgesprochener Geselle auf die Wanderschaft geht, ein Jahr lang zu reisen und die Hauptstätten seiner Wissenschaft zu besuchen. Erst aber zog es ihn in seine Vaterstadt zurück, wo ihm zwar weder Eltern noch nahe Verwandte mehr lebten, doch sein Herz den jungen Doctor mit geheimen Banden gefesselt hielt. Eine Jugendliebe, die von der ersten Tanzstunde der Gymnasiastenzeit bis in die Studentenjahre durch mancherlei kleine Entzweiungen und Versöhnungen fortbestanden hatte, sollte nun endlich, da es beiden Theilen nicht am Nöthigsten fehlte, zu einem öffentlich erklärten Abschluß gelangen. Bis jetzt war noch kein bindendes Wort gesprochen, ja, trotz der langen Vertraulichkeit, nach dem Machtspruch des strengen Vaters nicht einmal Briefe gewechselt worden. Auch hatte in dem ganzen letzten Jahr der junge Herr, durch die Arbeiten zum Examen vor seinem eignen Gewissen entschuldigt, seltener als früher an seine heimlich Erkorene gedacht. Sie erschien ihm als ein sicheres Gut, das er jeden Augenblick in Besitz nehmen könne, und das bis dahin ihm wohl aufgehoben sei.

Von seinen männlichen Jugendgenossen waren die Meisten in alle Winde zerstreut, da in der kleineren Stadt für strebsame Kräfte kein weiter Spielraum vorhanden war. Nur einer, sein Vertrautester, ein junger Ingenieur, hatte sich in der Vaterstadt fest niedergelassen und bei allerlei städtischen Anlagen, Canalisirung und elektrischer Beleuchtung eine lohnende Arbeit gefunden. Dieser gute Kamerad, ein Jahr älter als der neugebackene Doctor, hatte darauf bestanden, den Freund während der kurzen Tage seines Besuchs in seiner Junggesellenwohnung zu beherbergen, ihn auch am Bahnhof, da er Abends anlangte, erwartet und sofort zum Nachtessen in jenes Weinstübchen geführt, wo sie nun bis Mitternacht im Austausch ihrer Erlebnisse seit Jahr und Tag kein Ende fanden.

Jenes Herzensverhältnisses wurde nur flüchtig gedacht. Du wirst schon mit Ungeduld erwartet, Philipp, sagte der Ingenieur, Papa Stadtrath, der mir gestern begegnete, fragte, ob du dich deiner Vaterstadt nicht im Glanz der neuen Würde zeigen würdest. Ich erwiderte ausweichend. Sie sollen dich nicht gleich in Beschlag nehmen, sondern erst ein paar Tage zur Ruhe kommen lassen. Denn höre, mein Junge, ich finde dich etwas nervös und stubenfarb.

Wie richtig er den Zustand des Freundes beurtheilt hatte, zeigte sich, da sie nach Mitternacht das Weinstübchen verließen. Sie hatten weniger getrunken, als sie sich bei manchem studentischen Gelage ohne Schaden zumuthen durften. Gleichwohl gerieth der junge Doctor, sobald die freie Nachtluft seine heiße Stirn umwehte, in ein so bedenkliches Schwanken, führte so übermüthig laute Reden und schwang den Stock so herausfordernd gegen die Scheiben der Parterrefenster, daß der standfestere Freund große Mühe hatte, ihn von Ausschreitungen zurückzuhalten, die man einem approbirten jungen Heilkünstler übler genommen hätte, als einem noch ungeprüften Studiosen. Obwohl die Gefahr nicht groß war, zu dieser nachtschlafenden Zeit auf einen Bekannten zu treffen, der am andern Tage herumschwatzen konnte, wie wenig seiner Würde gemäß ein gewisser junger Doctor sich bei seiner Rückkehr in die Heimath aufgeführt habe, so schlug der Freund doch lieber den Umweg durch die verrufene Spukgasse ein, da eine unliebsame Begegnung dort keinenfalls zu befürchten war.

Er bemächtigte sich des linken Arms seines schwankenden Gastfreundes und zog den Widerstrebenden, der die muntersten Reden an den Mond hielt und betheuerte, es sei kein Mann darin, sondern eine bleichsüchtige alte Jungfer, die er nach Franzensbad schicken würde, mit fester Beharrlichkeit in den Schatten der ehrwürdigen Häuser, vorbei an der Taube Noäh, dem guten Hirten und der Rose von Saron, in denen kein Laut sich regte, kein Lichtschein aus einem der vergitterten Fenster hervordrang.

So hatten sie eben das Haus »Zum unglaubigen Thomas« erreicht, da blieb der schwärmende und laut declamirende junge Mann plötzlich stehen, machte sich von seinem Freunde gewaltsam los und erklärte, in dieser Gasse, die er jetzt erst wiedererkenne, alle Spukgeister herausfordern zu wollen. Er gedenke, ihnen mit den Waffen der Wissenschaft zu Leibe zu gehen und sie in das nebelhafte Nichts zurückzuscheuchen, aus dem nur der blöde Aberglauben sie habe hervorkriechen lassen. Diesen Dienst seiner geliebten Vaterstadt zu erweisen, solle seine erste That in der Heimat sein, der es zur Schande gereiche, ein solches Stück der ägyptischen Finsterniß oder vielmehr des dunklen Mittelalters am Ende des 19ten Jahrhunderts noch in ihrer Mitte zu dulden.

Er hatte sich in Fechterstellung auf den Bürgersteig postirt, den Stock zum Ausfall gegen jeden gespenstischen Gegner vor sich hin gestreckt, und wehrte mit dem linken Arm den Freund eifrig ab, der ihn weiterziehen wollte. Dabei verlor er auf einmal das Gleichgewicht, taumelte gegen das Haus hin und schlug im Niederfallen mit dem Kopf so heftig gegen die scharfe Kante des steinernen Thorpfostens, daß sofort ein starker Blutquell aus der verwundeten Stirn hervorsprang.

In großer Bestürzung versuchte der Freund ihn aufzurichten, die Wunde mit seinem Taschentuch zu verbinden, durch lautes Rufen eine Hülfe herbeizuziehen. Letzteres gelang endlich. Denn über ihren Häuptern öffnete sich das schmale Fensterchen der Pförtnerzelle, in welcher Wenzel Kospoth, wie wir erwähnt, noch so spät dem Studium des heiligen Buches obgelegen hatte.

In zwei Worten hatte der Ingenieur ihm erklärt, um was es sich handelte. Als der biedere Böhme dann aber das Thor geöffnet hatte und den Schaden bei Licht besah, schüttelte er den Kopf. Es sei unmöglich, den Bewußtlosen, stark Blutenden nach Hause zu tragen, ohne ein großes Gerede zu verursachen. In seiner schmalen Schusterzelle sei ebenfalls kein Platz, auch müsse man an den Pech- und Ledergeruch gewöhnt sein, um es darin auszuhalten. Dagegen treffe sich's gut, daß im Hof eine gute Freundin von ihm wohne, die mit ärztlichen Sachen Bescheid wisse. Dahin wollten sie den jungen Herrn tragen und die Frau aus dem Schlaf pochen, was ohne Störung der Nachbarschaft zu bewerkstelligen sei.

Gesagt, gethan. Als sie mit dem schwer Stöhnenden den Hof betraten, sahen sie aus den kleinen Fenstern der Kutscherwohnung Licht schimmern, und eines wurde, da der Meister Frau Cordula rief, alsbald geöffnet mit der Frage, was vorgefallen sei. Diese Frage kam aber aus einem jungen Munde. Denn auch das Gundelchen war noch wach und an seiner Nähmaschine eifrig beschäftigt, eine für den nächsten Tag versprochene Arbeit fertig zu machen. Sobald das Kind begriffen hatte, welchen Samariterdienst man verlangte, stellte es das Lämpchen auf den Fenstersims, verschwand darauf und erschien gleich wieder unten im Hof, wo es die Hände vor Entsetzen zusammenschlug, da es den jungen Mann mit blutüberströmtem Gesicht vor der Schwelle des Hinterhauses liegen sah.

Auch die Alte droben, als die beiden Männer ihr den Verwundeten ins Zimmer trugen, wurde ein wenig bestürzt, verlor aber nicht den Kopf, sondern gab der Tochter einen Wink, den Kasten mit ihrer Hausapotheke herbeizuholen. Aus dieser nahm sie das Erforderliche, wusch die Wunde, die zum Glück nicht bis an den Stirnknochen ging, mit frischem Wasser, steckte sogar ganz kunstgerecht eine Nadel durch, die sie mit einem Zwirnsfaden fest umwickelte, daß die klaffenden Ränder zusammengepreßt wurden, und legte dann einen leichten Verband um die Stirn.

Während dieser ganzen Procedur war der junge Mann nicht zum Bewußtsein gekommen. Er lag in dem Wohnstübchen auf einer hartgepolsterten Bank, einem alten Sopha, dem die Lehne abhanden gekommen war; ein paar Federkissen, aus den Betten in der Schlafkammer entlehnt, hatte man ihm in den Rücken gestopft, und aus einem großen Krug mit frischem Wasser machte ihm die gute Frau, die an zwei Stöcken sich beschwerlich hin und her schleppte, kühlende Umschläge um die erhitzte Stirn.

Es sei keine Gefahr, versicherte sie. In drei, vier Tagen werde die Wunde geheilt sein. Sie könnten ruhig ihrer Wege gehen, sie selbst werde die Nacht bei ihm wachen, und auch das Kind habe noch ein Stündchen zu arbeiten.

Der Freund sah ein, daß er in der That überflüssig sei, und da er die Sicherheit erkannte, mit der die gute Frau sich geberdete, verzichtete er darauf, sich in die nächtliche Pflege zu theilen, und zog sich unter herzlichen Danksagungen mit Meister Kospoth zurück.

*

So geräuschlos dies Alles von Statten gegangen war, so hatte doch das flüsternde Regen und Bewegen in der Kutscherwohnung das feine Geisterohr Herrn Heinrich Müller's aus dem ohnehin nicht gar festen Schlaf geweckt. Da er mit seinen Gedanken auch im Traum bei dem angebeteten Menschenkinde war, konnte er's in seiner Kalesche nicht aushalten, ohne sich nach ihr umzusehen, und wurde durchs Fenster ein ingrimmiger Zeuge der Beflissenheit, mit der auch das Gundelchen sich um den Verwundeten bemühte.

Johann Gruber in seinem Kistenwinkel hätte von dem Abenteuer nichts gespürt, wenn nicht sein Spukkamerad, nachdem drüben wieder Alles still geworden war, in heller Wuth der Eifersucht in die Remise zurückgekehrt wäre und sein leidenschaftliches Gemüth in Verwünschungen gegen alles Lebendige ergossen hätte. Zumal dem verhaßten Schwindler, dem böhmischen Hexenmeister galt sein Toben, und er bezichtigte ihn geradezu der schnödesten kupplerischen Absichten, um der Tochter seiner guten Freundin zu einer anständigen Versorgung zu verhelfen. Ohne einen solchen verschlagenen Handstreich würde in diesem verwunschenen Hause kein Hahn nach ihr krähen. Nun habe er einem leichtfertigen jungen Menschen hier vor der Thür ein Bein gestellt, damit die kurpfuschende Hexe was an ihm zu kuriren hätte und er zum Dank dem Mädel die Cour schneiden müsse.

Johann Gruber hörte das Alles in größter Gemüthsruhe mit an, gähnte so laut, daß er die Erbitterung des Collegen auch auf sich lenkte, und so schliefen sie, nachdem sie sich eine Weile gezankt und bittere Schimpfworte an den Kopf geworfen hatten, schachmatt erst gegen Morgen wieder ein.

Viel später erwachte der Doctor Philipp auf seiner harten Ruhebank.

Als er gegen elf Uhr die schweren Augenlider langsam aufschlug und sich in einem unbekannten Raum auf einem seltsamen Nothlager gebettet fand, glaubte er Anfangs sich noch in einem Traum zu befinden. Wie sollte er in dies große, niedere Gemach gekommen sein, das mit so ärmlichen Möbeln ausgestattet war: an der Wand zwei alte Oelfarbendrucke, ein Bild des alten Kaisers und eine spinatgrüne Landschaft mit einem Angler, auf dem Kleiderschrank in der Ecke ein Haubenkopf mit grellrothen Backen, daneben eine nach Bauernart blauangestrichene Truhe mit großen weißen Tulpen bemalt. Das konnte doch nicht das Junggesellenquartier seines Freundes sein. Und wo war dieser geblieben? Indem er darüber nachsann, fühlte er eine dumpfe Schwere in seinem Kopf und einen zuckenden Schmerz an der Stirn. Mechanisch erhob er die Hand, um die schmerzende Stelle zu befühlen, und begegnete zu seinem Erstaunen dem Leinwandstreifen, der sein schweres Haupt umzingelte. In demselben Augenblick vernahm er von dem Fenster her, dem er den Rücken zukehrte, einen schlurfenden Schritt und das Klopfen zweier Stöcke gegen den blankgescheuerten Fußboden und sah die kleine Frauengestalt vor sich, die, während er schlief, geräuschlos an ihrer Arbeit gesessen hatte. Nun riß er die Augen weit auf und kam zu seiner vollen Besinnung, während sie ihm in wenigen Worten berichtete, wie er dazu gekommen war, vergangene Nacht ihre Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen.

Er hörte der guten Frau aufmerksam zu, ohne ein Wort zu erwidern, da noch immer ein leichter Nebel von der gestrigen Nacht seine Gedanken umschleierte, ließ sich geduldig den Verband abnehmen und die Wunde beschauen, deren Zustand die erfahrene Aerztin sehr befriedigend fand, und erklärte, ihm sei ganz wohl, bis auf ein wenig Schwindel und eine starke Leere im Magen, der mit einem zweckmäßigen Frühstück am besten abzuhelfen wäre. Mutter Cordula, die ihren Seligen oft genug am Morgen nach einem schweren Rausch behandelt hatte, erkannte sofort, daß der junge Mann in der That sehr unschuldig zu seinem Denkzettel an der Stirn gekommen war, brachte ihm ein Glas frisches Wasser und rutschte dann zu ihrem Kochherdchen hin, um ihm, so gut sie ihn hatte, einen Morgenkaffee zu kochen.

Während dessen saß der Patient aufgerichtet in seinen Kissen und that allerlei neugierige Fragen, die seine Wirthin kurz und gut beantwortete. Ein großes Wohlgefühl überkam ihn in dieser armseligen Stille, hinter den vielgeflickten, aber schneeweißen Vorhängen an den beiden Fensterchen, in Gesellschaft dieser einfachen, gescheiten Frau, deren früh gealterte Züge von einem merkwürdigen sanften Ernst überhaucht waren.

Und nun öffnete sich die kleine Thür, und ein junges Wesen trat rasch auf den Zehen herein, der alten Frau zunickend und mit einem flüchtigen Blick den jungen Fremden streifend.

Meine Tochter, sagte die Alte. Der Herr ist eben aufgewacht, Gundelchen, und wird jetzt frühstücken. Es geht ihm Gott sei Dank sehr gut. Hast du Alles mitgebracht?

Das Mädchen, noch ganz außer Athem, nickte nur und stellte einen Korb, den sie am Arm getragen, auf einen Stuhl neben dem Kochofen. Philipp sah, daß er allerlei Markteinkäufe enthielt, viel reichlicher, als die Beiden wohl sonst ihren Mittagstisch bestellten. Er dachte aber nicht lange darüber nach. Seine Aufmerksamkeit wurde völlig von dem jungen Kinde in Anspruch genommen, das ihm ungemein gefiel. Es trug ein ganz unscheinbares braunes Kleid, das schon lange gedient haben mochte und ohne Rücksicht auf die wandelbare Mode im Lauf der Jahre, da seine Besitzerin noch im Wachsen war, durch das Ansetzen neuer Zeugstreifen sich hatte müssen strecken lassen. Gleichwohl reichte es nur bis an die Knöchel, so daß die schlanken Füße in derben Stiefelchen darunter vorsahen. Einen runden schwarzen Strohhut, mit einer verknitterten rothen Schleife aufgeschmückt, hatte sie gleich beim Eintritt abgenommen. Das hübsche Gesicht wurde von einer dicken Fülle brauner Flechten eingerahmt, aus denen am Nacken ein kleines Wäldchen krauser Locken hervorwehte. Während sie sich ganz geräuschlos hin und her bewegte, der Mutter an die Hand zu gehen, vermied sie es beharrlich, den Blicken des jungen Fremden zu begegnen, stand manchmal einen Augenblick wie beklommen still und that einen tiefen Athemzug, der die Falten an ihrer aufblühenden jungen Brust straffer spannte, und antwortete leise, immer wie wenn ein Schwerkranker im Zimmer wäre, auf die Fragen der Alten nach der Arbeit, von der sie kam und zu der sie nach der Mittagspause zurückkehren sollte.

Das Reizendste aber war die Art, wie sie zuweilen die immer ein wenig gesenkten schwarzen Augen rasch aufschlug, einen Blick umherwarf, der kleine blitzende Funken zu verstreuen schien, und dann die langen Wimpern wieder niederschlug.

Nur ein paarmal, als Philipp ein scherzendes Wort direct an sie richtete, ging ein Lächeln über ihren rothen Mund, und ein Grübchen erschien in der linken Wange, das verrieth, hinter der bescheidenen, fast noch kinderhaften Stirn stecke doch auch ein schalkhafter Geist, der nur durch das Bewußtsein der niedrigen Stellung und die Rücksichten der Wohlerzogenheit zurückgedrängt werde.

Als die Beiden, Mutter und Tochter, sich zu ihrem Mittagsmahl niedersetzten, nachdem sie ihren Gast dazu eingeladen hatten, erschien noch andere Gesellschaft. Zunächst ihr täglicher Tischgenosse, Meister Kospoth, dann der Freund Ingenieur, der von seinem Tagewerk nicht früher hatte abkommen können. Beide waren erfreut, den Patienten in so sichtbarer Besserung anzutreffen, und der Freund wollte gleich nach dem Essen einen Wagen holen, um Philipp in seine Wohnung zu befördern.

Frau Cordula aber bestand darauf, wenigstens noch die nächste Nacht ihn unter ihrer Aufsicht zu behalten. Es sei zwar keine Gefahr, da die Wunde im besten Heilen begriffen sei, sie selbst aber müsse noch etliche mal den Verband erneuern und könne doch ihr Zimmer nicht verlassen, um einen Krankenbesuch zu machen.

Niemand war dessen froher, als der Kranke selbst. Er behauptete, nie besser geschlafen zu haben, als auf seinem Wundbette, und nie einen besseren Kaffee getrunken zu haben.

Als die Männer eben wieder gegangen waren und auch das Mädchen sich entfernt hatte, setzte er sich auf das Stühlchen am Fenster, wo Gundula's Nähmaschine stand, nahm ihre Scheere in die Hand, steckte ihr Fingerhütchen an und vertiefte sich in eine behagliche Plauderei mit der Mutter, die sich am andern Fenster mit ihrer Näharbeit hingekauert hatte. Er ließ sich ihr ganzes Leben erzählen, und die gelassene Art, wie sie von ihren trübseligen Schicksalen, der Einfalt und Bosheit ihrer Nachbarn, der Noth mit ihrem Manne sprach und das Glück, das ihr zum Entgelt für so viel Kummer in ihrem Kinde beschert sei, fast mit feierlichen Worten rühmte, ging ihrem jungen Zuhörer mehr und mehr ans Herz, so daß er der einfachen Frau mit einer Art Ehrfurcht gegenübersaß. Gleichwohl wurde ihm die Zeit lang bis zur Stunde des Feierabends, wo die Tochter zurückkehren sollte. Als sie dann endlich kam, war sie schon unbefangener und wagte sogar ihn selbst zu fragen, ob ihn die Wunde noch schmerze und ob sie etwas Eis holen solle, um die Umschläge mehr zu kühlen. Er verwehrte es ihr und sah sie so lange an, daß ihre etwas blassen Wangen eine leichte Röthe überflog. Sie wollte die Nähmaschine in die Schlafkammer nebenan tragen, um ihn durch das Schnurren des Rades nicht zu belästigen. Das litt er nicht, sondern rückte einen Stuhl zu ihr hin und sah ihr auf die flinken Fingerchen und auf den feinen Umriß von Nase und Mund, die sich auf die Arbeit senkten. Die Mutter aber bemerkte, daß er doch noch frühen Schlafs bedürftig sei, schickte ihr Kind hinaus und bereitete dem Patienten wieder sein Lager, Dann erneuerte sie noch einmal den Verband, nachdem sie aus ihrem Vorrath eine Wundsalbe hervorgesucht und ein Läppchen damit bestrichen hatte, und zog sich, eine gute Nacht wünschend, zu ihrer Tochter in die Kammer zurück.

Draußen im Hof hatte während einer ganzen Stunde ein leichter Schatten sich herumgetrieben und durch die Fenster gespäht: die arme Seele des Herrn Heinrich Müller, die von den Qualen der Eifersucht geschüttelt wurde und nicht eher weichen wollte, als bis das junge Paar, das sich so vertraulicher Nähe erfreute, wieder getrennt war. Daß an diesem Abend eines der besten Medien ohne Erfolg sein Geschäft betrieb und die Geister nicht zum Erscheinen bewegen konnte, hatte seinen natürlichen Grund nur in dem verliebten Eigensinn, mit welchem der verklärte ehemalige Liebling der Frauen am Fenster einer kleinen Erdentochter Schildwache stand.

*

Das schwermüthige Gespenst fühlte sich daher nicht wenig erleichtert, als am anderen Nachmittage sein lebendiger Nebenbuhler von der trefflichen Aerztin und ihrer Tochter Abschied nahm und in die Wohnung seines Freundes übersiedelte. Doch war die Freude von kurzer Dauer. Denn am nächsten Abend, sobald die Dunkelheit es erlaubte, unerkannt den Weg nach der Spukgasse einzuschlagen, erschien der junge Doctor wiederum in der Wohnung der Frau Cordula, um nach seiner Wunde sehen und den Verband erneuern zu lassen. Diesmal konnte schon die Nadel entfernt und über dem Läppchen mit dem Wundbalsam ein Pflaster aufgeklebt werden. Der Patient saß dann noch ein Stündchen und sah den arbeitenden Frauen zu. Er hatte in einer großen Düte allerlei Früchte und Kuchenwerk mitgebracht, wovon das Gundelchen erst nach langem Zureden zu naschen sich entschloß. Sie war nun völlig aufgethaut, und Philipp meinte, nie ein hübscheres Lachen von jungen Mädchenlippen gehört zu haben, als wenn er hier von seinen tollen Studentenstreichen erzählte. Dazwischen wurden auch ernstere Reden geführt, an denen das Kind sich nur schüchtern mit allerlei sinnigen Fragen betheiligte.

So nun auch die folgenden Abende. Manchmal gesellte sich auch der Ingenieur hinzu, und in dem niedrigen Gemach ging es dann so munter zu, daß Alle die Zeit vergaßen und sich erst durch Meister Kospoth daran erinnern lassen mußten, die Stunde des Thorschlusses nicht allzu weit zu überschreiten.

Nicht nur die jungen Leute fanden diese Plauderabende ergötzlich, auch Mutter Cordula that es wohl, einmal wieder Leben um sich her zu sehen und ein verständiges Gespräch führen zu können. Nur konnte sie sich nicht verhehlen, daß mit ihrem Kinde eine seltsame Veränderung vorgegangen war, da dasselbe den ganzen Tag wie »hintersinnig« herumging, kaum hörte, was man ihm sagte, und nur am Abend seine frühere Heiterkeit wiedergewann, um sofort wieder in tiefe Träumerei zu verfallen, sobald sie mit der Mutter allein war.

Die kluge Frau war daher froh, als sie eines Abends ihrem Pflegling erklären konnte, die Wunde sei nunmehr geheilt, und auch die Narbe werde sich rasch verwachsen, wenn er fortfahre die Salbe auszustreichen, von der sie ihm einen hinlänglichen Vorrath in einem Töpfchen einhändigte. Sie müsse nun aber Abschied von ihm nehmen, da es doch auf die Länge nicht verborgen bleiben könne, wenn er seine Besuche fortsetze, und sie alles Geschwätz übelwollender Nachbarn vermeiden wolle.

Der junge Mann erschrak heftig, Gundelchen war todtenbleich geworden, die Mutter aber hatte eine so entschiedene Art, sich Respect zu verschaffen, daß es zu einem traurigen Scheiden kam, nachdem der Geheilte seiner Retterin wohl fünf Minuten lang unter immer neuen Dankesworten die Hand gedrückt hatte. Die Tochter leuchtete ihm an die steile Treppe hinaus, da stand er noch ein paar Minuten in tiefer Verwirrung still, wollte etwas sagen, schwieg aber wieder, sah sie flüchtig an, die in reizender Beklommenheit neben ihm stand, ergriff endlich ihre freie linke Hand und küßte sie, und da sie sie ihm tief erglühend entzog und: Aber Herr Doctor! flüsterte, schlang er hastig den Arm um ihre Schulter und drückte einen raschen Kuß auf ihre heiße Wange. Dann stürmte er die Hühnerstiege hinunter und trug sein lautpochendes Herz durch die schwüle Nacht nach Hause.

Heinrich Müller war zum Glück bei einer séance beschäftigt gewesen und hatte kein Zeuge dieser Scene sein können. Als er ein paar Stunden später an das Kammerfenster schwebte, sah er das Gundelchen im Bette liegen, mit weit offenen Augen und einem seligen Lächeln vor sich hin träumend, woran er aber kein Arg hatte.

Am folgenden Tage trug ein Dienstmann einen großen, wohlverschlossenen Kasten die Treppe zu der Hofwohnung hinauf. Das Mädchen war gerade zu Tische gekommen, auch Wenzel Kospoth fand sich eben ein, da der Kasten geöffnet wurde. Darin befanden sich allerlei hübsche Putzsachen für ein junges Frauenzimmer, dann ein warmer Kleiderstoff für ein älteres, ein Briefchen dabei, worin die Bitte stand, diese Kleinigkeiten freundlich anzunehmen, um den Absender in etwas wenigstens von der großen Dankesschuld zu entlasten, die ihm das Herz bedrücke.

In dem Couvert lag noch eine kleine sehr bescheidene Broche. Das Mädchen hatte sich einmal beklagt, daß es all seine Nadeln verliere. Nun wurde die Hoffnung ausgesprochen, diese kleine Spange werde fester halten und zugleich auch die Erinnerung an einen guten Freund befestigen.

Wenzel Kospoth wiegte seinen grauen Haarschopf hin und her und brummte etwas von einem wackeren jungen Herrn, der sich nicht lumpen lassen wolle.

Frau Cordula aber befahl ihrem Kinde, Feder und Papier zu holen und sofort die Antwort, die sie ihr vorsagte, niederzuschreiben, nämlich, daß sie dem Herrn Doctor vielmals danke für seine freundliche Absicht, ihnen eine Freude zu machen, diese kostbaren Geschenke aber durchaus nicht annehmen könne, da sie ihre ärztlichen Dienste ohne Entgelt ausüben müsse, wenn sie nicht wegen unerlaubter Praxis in Strafe kommen wolle. Weßhalb sie Alles sofort zurückschicke und verbleibe des wohlgebornen Herrn Doctors

achtungsvoll ergebene
Cordula Ehrenberg.

*

Als Philipp diese Botschaft empfing, die ihm ein Knabe aus der Spukgasse zugleich mit der gefüllten Kiste überbrachte, wurde er tief niedergeschlagen. Er hatte die einfache Frau hinlänglich kennen gelernt, um sich keiner Täuschung darüber hinzugeben, daß es ihr mit der Ablehnung alles ferneren Verkehrs vollkommen ernst sei. Und da er sich selbst gestehen mußte, daß er nicht wohl daran denken konnte, ihr Kind zu seiner Frau zu machen, noch weniger aber ein frevelhaftes Spiel mit ihr zu treiben, so beschloß er mit einem tiefen Seufzer, die Kammer seines Herzens, in der das Hexenkind spukte, fest zu verriegeln und über das ganze Abenteuer das Kreuz zu schlagen.

Zugleich erinnerte er sich jetzt zum ersten Male wieder, daß er ja halb und halb schon gebunden sei, und gab sich Mühe, die Flamme seiner Jugendliebe, die in den letzten acht Tagen zu einem unscheinbaren Fünkchen herabgesunken war, von Neuem anzublasen.

Das sicherste Mittel hierzu wäre nun freilich ein Besuch im Hause des Stadtraths gewesen. Doch obwohl er sich jetzt mit seiner Narbe, über der nur ein schmales Pflasterstreifchen saß, wieder als einen schmucken Freier sehen lassen konnte, verschob er doch den sonst so ersehnten Gang von Tag zu Tage, hielt sich still zu Hause und verbrachte die einsamen Stunden, während sein Gastfreund seinen Geschäften nachging, in unerquicklichem Müßiggang, in Büchern blätternd, rauchend oder in halbem Traum auf dem Sofa liegend, wobei er es nicht vermeiden konnte, daß eine schlanke junge Mädchengestalt vor seinem inneren Auge hin und her schwebte, zuweilen ein paar lange Wimpern aufschlug und kleine, rasche Blitze aus schwarzen Augensternen um sich her streute.

Eines Abends aber wurde ihm dies Feuerwerk so unheimlich, daß er aufsprang, sich sorgfältig anzog und den Weg nach dem Hause seiner Jugendgeliebten einschlug.

Er empfand unterwegs ein starkes Herzklopfen und mußte sich Gewalt anthun, um nicht in den Seitenweg nach der Spukgasse einzubiegen. Je näher er aber dem Ziele kam, desto ruhiger wurde er. Sein Schicksal lag ja noch in seiner Hand. Nichts verpflichtete ihn, heute schon ein entscheidendes Wort zu sprechen, zumal er ja noch die große Studienreise vor sich hatte. So betrat er kaltblütig das Haus und zog mit fester Hand oben an der wohlbekannten Klingel.

Die Tochter des Hauses öffnete ihm selbst, begrüßte ihn aber mit einer kühlen, gut gespielten Ueberraschung, wie einen Besucher, den man hundert Meilen entfernt geglaubt hat, und führte ihn sofort in das Wohnzimmer, wo ein kleiner Kreis von Hausfreunden beisammen saß. Der Papa war noch in feinem Bureau, die Mutter aber, die den jungen Mann sonst als ein Vermächtniß ihrer verstorbenen Freundin gehätschelt hatte, trug heute ebenfalls eine steife, gemessene Haltung zur Schau, beglückwünschte ihn zu seinem bestandenen letzten Examen, fragte, wie lange er in der Stadt zu bleiben gedenke, und nannte ihn einmal über das andere Herr Doctor. Er merkte sofort, daß die Unterhaltung, die er unterbrochen, sich um ihn selbst gedreht hatte, blieb aber unbefangen und entschuldigte seinen verspäteten Besuch mit einem Unfall, der ihn betroffen, da er gestrauchelt und gegen einen Stein gestürzt sei, weßhalb er einige Tage sich in ärztliche Pflege begeben habe.

Niemand sprach auch nur aus Höflichkeit ein Bedauern darüber aus, und das stockende Gespräch schleppte sich mühsam hin. Er hatte Zeit, die Tochter des Hauses zu betrachten, die mit etwas hoch getragenem Näschen und ironisch geschürzten Lippen neben ihm saß. Man hatte ihr so oft gesagt, daß sie das schönste Mädchen der Stadt sei, sie war so ohne Frage schon den dritten Winter die Ballkönigin gewesen, daß es ihr selbstverständlich erschien, ihrer jungen Hoheit von Jedermann huldigen zu lassen. Zumal von einem Jugendgespielen, der ihr vor Zeiten bei jedem Cotillon die meisten Sträußchen gebracht hatte. Auch gefiel er ihr trotz der übel zugerichteten Stirn besser, als all ihre übrigen Ballsklaven, und sie hatte sich zu dem geheimen Beschluß herabgelassen, ihn, wenn er sich dieser Gnade würdig zeigte, durch ihre Gunst überschwänglich glücklich zu machen. Daß er nun aber so unempfindlich wie ein Stock an ihrer Seite blieb, war unverzeihlich, und sie nahm sich in ihrem kleinen kalten Herzen vor, ihren gerechten Zorn an ihm auszulassen.

Noch empfindlicher war das verwandelte Benehmen ihres zukünftigen Schwiegersohnes der hoffährtigen Frau Mama, die geglaubt hatte, gleich in der ersten Stunde werde es zu der längst erwarteten Verlobung kommen, wofür sie schon eine gerührte und feierliche Rede in Bereitschaft hielt. Die Anwesenheit der befreundeten Damen war ihr daher sehr unerwünscht, und da sie immer noch hoffte, Philipp's offenbare Verstimmung rühre davon her, daß er sie nicht allein getroffen, machte sie ungeschickte Versuche, die Gesellschaft loszuwerden. Da diese scheiterten, denn Alle waren neugierig, sich den jungen Erkorenen näher zu beschauen, nahm sie endlich das Wort und sagte: Sie werden nicht ahnen, lieber Doctor, daß wir in dem letzten Jahr, seit Sie von uns entfernt waren, große Fortschritte in allerlei Geheimwissenschaften gemacht und einen eifrigen Verkehr mit der Geisterwelt unterhalten haben. Statt des abendlichen Kartenspiels befragen wir diesen runden Tisch nach vielen Dingen, die wir zu wissen wünschen, und selbst ich, die Anfangs ganz ungläubig war, bin nach und nach bekehrt worden. Ich sehe, daß Sie die Achseln zucken. Die moderne Naturwissenschaft hält ja alle spiritistischen Experimente für Humbug, und da freilich auch viel Betrug mit unterläuft, lasse ich kein Medium und keinen Hypnotiseur über meine Schwelle. Ein hölzerner Tisch aber – was hätte der für ein Interesse dabei, uns hinters Licht zu führen, zumal wir seine Orakel ja auch controliren können.

Und sind diese geisterhaften Offenbarungen immer als zuverlässig und richtig von Ihnen befunden worden? erwiderte Philipp, indem er sich bemühte, seine Worte nicht allzu spöttisch klingen zu lassen.

Nicht immer, natürlich. Manchmal lauten die Antworten zweideutig, manchmal versagen sie ganz, dann wieder treffen sie so wunderbar zu, daß man ihren übernatürlichen Ursprung nicht bezweifeln kann. Mein Gott, allwissend kann ja so ein abgeschiedener Geist nicht sein, und man sagt ja, ein Narr – ich bitte um Verzeihung, meine Herrschaften, – ein Narr kann mehr fragen, als zehn der weisesten Tische beantworten können. Aber Sie sollen selbst urtheilen, lieber Doctor. Röschen hat sich schon darauf gefreut, was Sie für ein Gesicht machen würden, wenn Sie einmal einer solchen Sitzung beiwohnten.

Ich bitte mich aber aus dem Spiel zu lassen, Frau Stadträthin, wehrte Philipp ab. Ich fürchte, in meinen Fingerspitzen fehlt das nöthige magische Fluidum, und ich würde den Erfolg nur vereiteln, wenn ich die Kette mit schließen wollte.

Nein, nein, sagte die Tochter rasch. Sie müssen mitthun. Sie glauben sonst, es gehe nicht ehrlich dabei zu, und irgend Einer von uns mache sich den Spaß, die Andern zu betrügen. Kommen Sie nur und nehmen Sie sich recht ernstlich vor, die Sache zu hintertreiben. Sie werden sehen, der Tisch behält das letzte Wort.

Gleich darauf hatte man das Theegeschirr und die Decke entfernt, und die sieben oder acht Personen, die um den runden Tisch saßen, schlossen mit ausgespreizten Händen die magische Kette, in aufgeregter Geduld der Dinge harrend, die da kommen sollten.

Philipp's kleiner Finger berührte nur mit nachlässigem Druck den kleinen Finger seiner schönen Nachbarin. Denn wenn früher eine solche zärtliche Nähe ihm eine wonnige Wärme ins Blut geflößt hatte, heute blieb er völlig kühl, als wartete er einzig und allein darauf, ob jenes berühmte magische Fluidum von dem schlanken kleinen Händchen neben dem seinen ausströmen und das todte Holz beseelen würde.

Nun traf es sich, daß an diesem Abend unser guter Bekannter, Heinrich Müller, den spiritistischen Dienst in diesem Hause übernommen hatte, obwohl er sich sonst für die höheren Aufgaben zu sparen pflegte. Sein gröberer College aber hatte am Abend zuvor eine so empfindliche Beschämung erlebt, daß er sich etwas Aehnlichem nicht so bald wieder aussetzen wollte. Ein Medium hatte auf Wunsch der Versammelten den Geist Napoleon's citirt und ihm allerlei historische Fragen vorgelegt. Da jedoch Johann Gruber in seiner früheren Hausknechtsstellung nichts von dem großen Corsen erfahren und seinen Namen nur gehört hatte, wenn von Napoleonspielern die Rede war, deren etliche er, als er noch im Dienst bei dem Gastwirth stand, hatte hinauswerfen müssen, so gab er so verblüffend verkehrte Antworten, daß der leitende Spiritist in große Verlegenheit gerieth und ihn endlich zum Teufel schickte, indem er den Fragestellern erklärte, der Geist habe sich einen höhnischen Scherz mit ihnen erlaubt, da er wüthend darüber gewesen, aus seiner himmlischen Hoheit wieder auf die Erde herabgezogen worden zu sein.

Heinrich Müller dagegen, der gebildeter und bei schwierigen Fragen um eine zweideutige Ausflucht nie verlegen war, hatte dem Ruf in das Stadtrathshaus um so williger Folge geleistet, weil er seinen Rivalen hatte hineingehen sehen und darauf brannte, ihm einen Possen zu spielen.

Hiezu ergab sich nur zu bald eine Gelegenheit.

Denn nachdem er in den Tisch geschlüpft war und durch das Aufheben eines Fußes und ein sanftes Stampfen seine Anwesenheit zu erkennen gegeben hatte, fragte nach einigem unerheblichen Geplänkel Fräulein Rosa geradezu, ob er wisse, daß ein fremder Gast sich in die Kette eingereiht habe?

Ja, antwortete der Tisch, zu großer Genugthuung der Gläubigen.

Ob er seinen Namen kenne?

Philipp, klopfte der Tischfuß.

Ob er wisse, wo dieser Philipp sich aufgehalten, seit er in die Stadt gekommen?

Spukgasse! buchstabirte der Tisch, ohne sich zu besinnen, was aber der Gesellschaft befremdlich war. Denn was hätte ein junger Arzt, der eben in die Heimath zurückkehrte, in jener verrufenen Straße zu suchen gehabt?

Also fragte das Fräulein, da sie allein eine seltsame Röthe im Gesicht ihres Nachbarn aufsteigen sah, eifrig weiter, was ihn dort hingeführt habe? Und sogleich klopfte der Tischgeist, mit heftigen Rucken den Fuß aufstampfend: Liebschaft!

Der Eindruck, den dieses Wort machte, war so stark, daß die Kette sich löste und Aller Augen sich auf den jungen Mann richteten, der seine Verlegenheit hinter einem mühsamen Lachen verbarg und bemerkte: so schlechte verläumderische Späße bewiesen ihm deutlich, daß es auf eine Neckerei abgesehen sei, zu der der unschuldige Tisch sich hergeben müsse.

Fräulein Rosa aber, die ihn scharf im Auge behalten hatte, war gleichfalls dunkelroth geworden, doch nicht aus Beschämung, sondern aus gerechter Entrüstung, daß ihr bisher so gehorsamer leibeigener Zukünftiger sich auf so verrätherischen Wegen betreffen ließ. Sie befahl also, unverzüglich die Kette wieder zu schließen, wobei ihr zitternder kleiner Finger jetzt an dem ihres Tischnachbarn ihre innere Erregung ausließ, und stellte dann die entscheidende Frage: Mit wem hat Doctor Philipp in der Spukgasse ein zärtliches Verhältniß angesponnen?

Sofort antwortete der Tisch: G–u–n–d–e–lchen!

Gundelchen! sprach die Fragerin buchstabirend nach und zog ihre Hand mit einer Geberde zurück, als ob sie einen nassen Frosch berührt hätte. Nun, Herr Doctor, werden Sie noch ein weiteres Zeugniß bedürfen? Also wirklich die leichtfertige kleine Person, die Tochter jener berüchtigten Dorfschneiderin – du entsinnst dich, Mama, daß unsere Schneiderin das dreiste junge Ding einmal mit ins Haus gebracht hat, um beim Nähen zu helfen, ein ganz ungebildetes Geschöpf – und der haben Sie wirklich die Cour gemacht, Herr Doctor, und ihre Gesellschaft so interessant gefunden, daß Sie die ältesten Freunde darüber vernachlässigten?

Sie hatte das in der besinnungslosen Erregung mit flammenden Blicken herausgesprudelt, ohne zu beachten, daß sie ihr geheimes schwerverletztes Herz damit entblößte. Auch gewahrten es die Anderen, und die Mutter winkte ihr mit den Augen zu, sich zu mäßigen. Nur Philipp war es gleichgültig, ob die Jugendfreundin, die ihm in diesem Augenblick durch die Leidenschaft verzerrt fast häßlich erschien, sich durch ihren eifersüchtigen Aerger bloßstellte. Ihm lag einzig daran, die ungerechten und bösartigen Verdächtigungen der guten Frauen in der Spukgasse zurückzuweisen.

Er erklärte daher mit ruhiger Festigkeit, daß er auf Mutter und Tochter nichts kommen lasse; Jene sei sehr mit Unrecht »berüchtigt«, und wer das junge Mädchen »leichtfertig« nenne, kenne sie eben nicht. Und nun erzählte er mit treuherziger Unbefangenheit, wie er zu dieser Bekanntschaft gekommen und zum Dank gegen die gütigen Samariterinnen verpflichtet worden sei.

Als er mit seinem Bericht zu Ende war, stand Fräulein Röschen auf und sagte mit bebender Stimme: Ueber den Geschmack ist nicht zu streiten. Ich begreife nun, daß Sie vierzehn Tage lang Ihre nächsten Freunde nicht aufsuchen mochten, da Sie in die Bewunderung dieser beiden Perlen versunken waren. Da Unsereins den Vergleich mit ihnen nicht aushalten kann, will ich mich lieber zurückziehen, damit Sie von Ihrem Abendbesuch in der Spukgasse nicht zu lange abgehalten werden.

Damit verneigte sie sich mit hoheitsvoller Miene gegen den jungen Bösewicht, nickte den Uebrigen zu und verschwand in dem anstoßenden Zimmer.

Die Zurückbleibenden verharrten eine Weile wie versteinert im tiefsten Stillschweigen. Dann sagte die sehr bestürzte Frau Stadträthin: Sie müssen ihr diese kleine trotzige Laune zu Gute halten, lieber Doctor. Sie hat nun einmal eine Antipathie gegen die verdächtige Nähmamsell und begreift nicht, daß einer ihrer liebsten Jugendfreunde ihr die Stange halten konnte. Auch haben Sie in Ihrer ritterlichen Art doch wohl zu viel Wärme in Ihre Vertheidigung gelegt. Wenn Sie unserm Röschen nachgehen und ihr sagen wollten, Sie hätten es nicht so ernst gemeint –

Ich bedaure, gnädige Frau, unterbrach sie Philipp, indem er sich erhob, es ist mir unmöglich, irgend ein Wort, das ich zu Gunsten der beiden Verkannten gesagt, zurückzunehmen. Wenn Ihr Fräulein Tochter die Gesellschaft eines Mannes, der sich zweier unschuldig Angeklagter annimmt, nicht ertragen kann, so muß ich darauf verzichten, in diesem befreundeten Hause, wo ich früher so viel Güte erfahren, fernerhin zu verkehren. Ich habe die Ehre, den Herrschaften guten Abend zu wünschen!

Damit nahm er seinen Hut, verbeugte sich und verließ das Zimmer.

*

Als er sich im Freien befand, überkam ihn ein solches Wohlgefühl, der beengenden Luft in diesem hochachtbaren Philisterhause entronnen zu sein, daß er, seiner jungen doctoralen Würde vergessend, den Hut schwenkte, einen Luftsprung that und ein Studentenlied vor sich hin summte. Ein paar Nachbarsleute, die ihn kannten und um sein Verhältniß zu der schönen Stadtrathstochter wußten, flüsterten sich, als er achtlos an ihnen vorüberging, lächelnd zu, es möge wohl eben zwischen dem jungen Paar richtig geworden und der junge Herr vom Verlobungsweine ein wenig angeheitert sein. Philipp aber strebte aus den dunklen Gassen hinaus ins Freie und athmete tief auf, als er die schattigen Anlagen erreichte, die am Flusse sich hinzogen und über Tag von sämmtlichen Kindern der Stadt mit ihren Wärterinnen bevölkert waren. Zu dieser späten Stunde aber wandelten hier nur einzelne Liebespaare, deren vorbeigleitende, zärtlich verschlungene Schatten den einsamen Wanderer zu schwermüthigen Betrachtungen anregten. Er setzte sich auf eine Bank und sah lange durch die leise schwankenden Wipfel zu den Sternen hinauf, von denen eine weiche Kühle zu ihm herabfloß. Mit verstohlenem Rauschen zog der Fluß zu seinen Füßen dahin. Philipp mußte denken, wie lieblich es wäre, in einem Nachen sich von der Strömung forttragen zu lassen, ein gewisses junges Wesen an seiner Seite, die ganze Nacht hindurch, um im ersten Frühroth bei irgend einem versteckten Häuschen zu landen und sich dort einen eigenen Herd zu gründen. Das Bild der kleinen Gundula trat so lebendig vor ihn hin und erschien mit all seinen Reizen und Tugenden in so hellem Licht, daß er die Sehnsucht, die leibhaftige holde Person in die Arme zu schließen, nicht bezwingen konnte, sondern aufsprang und schnurstracks den Weg nach der Stadt wieder einschlug, entschlossen, heute noch, es koste, was es wolle, in das Spukhaus einzudringen und mit Mama Cordula ein ernstes Wort über Gegenwart und Zukunft zu reden.

Als er aber die äußeren Quartiere der Stadt durchschritten hatte und sich seinem Ziele näherte, fiel ihm eine ungewohnte Bewegung in den Straßen auf, ein Rennen und Rufen der Menschen, die sonst um diese zehnte Stunde in ihren Häusern oder beim Biere saßen. Er forschte nach und hörte mit heftigem Schrecken, daß ein Brand in der Spukgasse ausgebrochen sei. Nun stürmte er Allen voran und machte sich, da er die Straße erreicht hatte und den Feuerschein an den schwarzen Häusern hoch aufglühen sah, mit Drängen und Stoßen Bahn durch das dichte Gewühl, das den Eingang versperrte. Die Leute aber standen ganz müßig und gafften nach der Stelle, von wo die rothe Lohe aufstieg, so daß es Philipp nicht schwer wurde, sich bis zu der Unheilsstätte durchzukämpfen. Seine furchtbare Ahnung hatte ihn nicht betrogen, es brannte wirklich in dem Hause »Zum unglaubigen Thomas«, und zwar schlug die Flamme bis jetzt nur aus der Pförtnerzelle hervor und begann eben erst das alte Eingangsthor zu umzüngeln. Die Menschen aber, die im Halbkreis davorstanden, wiesen auf das feurige Schauspiel mit stumpfem Gleichmuth oder gar mit hämischem Grinsen. Einzelne Hohnreden wurden laut: es sei Zeit gewesen, daß den alten Hexenmeister endlich der Satan beim Kragen gepackt habe; er werde vielleicht Gold haben machen wollen, und aus dem Tiegel sei eine Höllenflamme aufgeschlagen, die ihm den Schopf versengt habe; es könne keinem Christenmenschen zugemuthet werden, einen solchen Brand zu löschen und dem Strafgericht des Himmels Einhalt zu thun.

Sobald Philipp das Haus erreicht hatte und die Lage überschaute, rief er den Umstehenden zu, Aexte zu holen und das Thor einzubrechen, um Die zu retten, die in den Hofzimmern wohnten. Kein Fuß rührte sich, nur ein paar freche Mäuler ließen sich vernehmen, es werde kein Schade sein, wenn das Hexenpack verbrenne, es habe längst den Scheiterhaufen verdient – was mit einem allgemeinen Gelächter aufgenommen wurde. Mit knirschendem Ingrimm hörte es der Jüngling und spähte umher nach irgend einem Werkzeuge, das Thor zu sprengen. Eben ergriff er einen Balken, den die Pflasterer am Rande des Bürgersteiges zurückgelassen hatten, und schleppte mit übermenschlicher Anstrengung die Last heran, das glimmende Holzwerk des Thores damit zu zertrümmern, als das morsche Schloß wie durch ein Wunder von selbst aus den Haspen wich und das Thor langsam sich nach innen zu in seinen Angeln bewegte. In der dunklen Oeffnung aber erschien eine seltsame menschliche Gruppe, das Gundelchen, seine Mutter huckepack durch den funkensprühenden Qualm ins Freie tragend.

Das Kind hatte sich heute früher als sonst zu Bett gelegt, von der Tagesarbeit ermüdet, und war durch den Schreckensruf der Alten, die sich nebenan noch keinen Schlaf gönnte, aufgeweckt worden. Als sie den Feuerschein gewahrte, hatte sie nur ein Röckchen um die Hüften gebunden, ein Tuch um ihre nackten Schultern geschlagen, sich aber nicht die Zeit genommen, Schuh und Strümpfe anzuziehen, sondern rasch entschlossen die schwerbewegliche Mutter sich auf den Rücken geladen und die theure Last das Treppchen hinab über den Hof getragen, dort ein paar qualvolle Augenblicke in den schwarzen Hausflur starrend, bis die hülfreiche Hand ihres Schutzengels das Hausthor öffnete.

Wie sie nun draußen stehen blieb, gebückt unter der lebendigen Bürde, und sich im Kreise der zurückweichenden Menge umschauend den jungen Gastfreund erblickte, der mit einem Freudenschrei den Balken fallen ließ und auf sie zustürzte, überflog ein seliges Lächeln ihr hochgeröthetes Gesicht, und sie lispelte mit den frischen Lippen: Guten Abend, Herr Doctor! welche einfachen Worte diesem wie die süßeste Musik erklangen. Er konnte aber nichts hervorbringen als: Gott sei Dank! O, Gundelchen, daß du nur lebst! und hätte sie gern sammt der Mutter auf ihrem Rücken umfaßt und an sein Herz gedrückt, wenn nicht zu viele Augen auf sie gerichtet gewesen wären. Noch immer ließ sie ihre Last nicht zur Erde nieder, schien aber rathlos, wohin sie sich damit wenden solle. Vergebens redete Philipp in die Leute hinein, eine Tragbahre oder auch nur einen Schubkarren herbeizuschaffen. Sie drehten alle die Köpfe weg, zuckten die Achseln und murmelten Verwünschungen.

So müssen wir's wohl allein besorgen, Gundelchen, wenn diese frommen Christen nicht so viel Nächstenliebe erschwingen können! rief der junge Mann, und indem er die Alte sanft auf die Erde setzte, verschränkte er die Hände mit denen des Mädchens und hob die Mutter auf diese schwebende Sänfte wieder hinauf, ihr zuredend, daß sie die Arme um seinen und ihres Kindes Nacken schlingen möchte. So trugen sie die willenlos Gehorchende, die leise vor sich hin seufzte, durch das auseinanderstiebende Gewühl der Gasse hinab bis auf den Marktplatz, und da dort zufällig eine leere Droschke schläfrig über das unebene Pflaster rasselte, rief Philipp sie an, hob die beiden Frauenzimmer hinein und schwang sich selbst auf den Rücksitz, dem Kutscher zurufend, daß er sie nach einem Wirthshäuschen fahren solle, das eine halbe Stunde von der Stadt entfernt am Flusse lag und für die besseren Familien als Ziel ihrer sommerabendlichen Spaziergänge diente.

Aus der Spukgasse, die sich mehr und mehr vom Feuerschein röthete, klang ein dumpfes Summen und Brausen ihnen nach, jetzt hörte man auch das Rollen der Spritzenwagen, die endlich sich nach der Brandstätte hin bewegten, von allen Seiten strömte Groß und Klein der verrufenen Gasse zu, sie aber hatten bald die letzten Häuser im Rücken gelassen und fuhren in langsamem Trabe in die hellgestirnte Nacht hinaus.

*

Erst jetzt fand der junge Doctor die nöthige Gemüthsruhe, das gerettete Paar sich näher anzusehen.

Die Mutter lag in sich zusammengeduckt in der Ecke des Wagens, mit geschlossenen Augen, wie wenn sie ihre Gedanken sammeln müsse, um das Wunder ihrer glücklichen Flucht aus der Todesgefahr dem Himmel recht von Herzen zu danken. Ihr Kind neben ihr saß, sich in seiner nothdürftigen Bekleidung ein wenig schämend und das Tuch fest um die Schultern ziehend, sprachlos dem jungen Mann gegenüber. Aber die schwarzen Augen wichen den seinen nicht immer aus, und nur wenn ihre nackten Füße unter dem Röckchen einmal zum Vorschein kamen, schlug sie die langen Wimpern hastig nieder.

Er fragte, ob sie friere, sie schüttelte den Kopf, gleichwohl zog er sein Tuch aus der Tasche und wickelte es um ihre schlanken Knöchel, dann streckte er die Hand aus, und sie legte die ihre mit einem lieblich treuherzigen Blick hinein, und so hielten sie sich wie zu einem stummen Gelöbniß fest bei den Händen, zuweilen durch einen herzlichen Druck das Unausgesprochene bekräftigend, bis der Wagen bei dem Wirthshäuschen anhielt.

Jetzt erst öffnete die Mutter die Augen, sprach aber noch immer kein Wort und ließ es geschehen, daß Philipp sie aus dem Wagen hob und ins Haus trug. Wirth und Wirthin waren nicht wenig erstaunt, als sie der wunderlichen späten Gäste ansichtig wurden, für welche der junge Mann eines der Zimmer im oberen Stock, in denen hin und wieder ein Sommerfrischling Herberge fand, in Beschlag nahm. Er gab dem Wirth ein Goldstück und sagte, es werde sein Schade nicht sein, wenn er die Damen, die bei einem Brande in der Stadt sich mit genauer Noth gerettet hätten, aufs Sorgsamste bediene, übrigens gegen Jedermann ihre Anwesenheit geheim halte. Die Frau Wirthin werde dem Fräulein wohl mit Schuhwerk und der nöthigen Garderobe aushelfen. Dann stieg er selbst nach dem oberen Zimmer hinauf, wo Frau Cordula vor sich hinträumend in einem Lehnstuhl saß, trat mit ernster Miene auf sie zu und sagte: Liebe Mutter, ich werde Sie jetzt verlassen, um in die Stadt zurückzukehren. Vorher aber möchte ich noch etwas Wichtiges ins Reine bringen. Ich und Ihre liebe Tochter, wir haben uns vorhin während der Fahrt stillschweigend mit einander verlobt. Ich bitte nun, liebe Mutter, daß Sie uns Ihren Segen geben möchten. Ich verspreche, Ihrem Kinde ein treuer Gatte und Ihnen ein liebevoller Sohn zu sein.

Die Mutter hatte ihm zugehört, ohne eine Miene zu verziehen, als ob sie auf etwas Aehnliches gefaßt gewesen wäre. Jetzt sah sie ihn ruhig an, wiegte den klugen grauen Kopf leise hin und her und sagte: Lieber Herr Doctor, Sie sind sehr gut, und ich glaube auch, daß es Ihnen ein redlicher Ernst mit Ihrer Bitte ist. Doch muß ich alte Frau einen kühlen Kopf behalten, wenn die Feuersbrunst Ihren jungen erhitzt hat, daß er für recht und gut hält, was doch einmal eine Unmöglichkeit ist und bleibt. Sie sind ein gelehrter und reicher junger Herr, und wir sind arme Leute. Was wollen Sie Ihren Freunden antworten, wenn man Sie fragt, wie Sie nur an der Tochter der armen Schneidersfrau, die obenein als Hexe verschrieen ist, einen Narren fressen konnten?

Dieses, liebe Frau Mutter, ist meine Sache, erwiderte Philipp mit Nachdruck, und ich werde mich hüten, mich jetzt klar und deutlich darüber auszusprechen, damit die kleine Hexe hier nicht gar zu eitel wird. Im Uebrigen ist es mir sehr gleichgültig, ob viele meiner guten Bekannten sich verwundern, den Kopf schütteln und die Nase rümpfen, ja ich freue mich auf das Gerede und Geraune in der Kirche, wenn der Doctor Philipp und die Jungfer Gundula als Verlobte von der Kanzel fallen. In drei Wochen nämlich soll, falls es Ihnen, liebe Mutter, recht ist, die Hochzeit sein. Ich gedenke alsdann die junge Frau Doctorin mit auf Reisen zu nehmen und ein ganzes Jahr lang mich mit ihr herumzutreiben. Da hat sie Zeit, ein bischen weltläufig zu werden und so viel Schliff zu erhalten, wie auch der kostbarste Edelstein haben muß, um nach seinem Werthe geschätzt zu werden. Einstweilen bleibt unsere liebe Mutter ruhig in der Wohnung, die wir hernach in meiner neuen Heimath beziehen werden, und ihre Tochter wird ihr hoffentlich fleißig in ihren Briefen vermelden, daß sie sich nicht betrogen hat, als sie für gut fand, an einem gewissen Dr. Philipp ihre Hexenkünste auszulassen.

Er beugte sich zu der Alten herab und küßte sie herzlich auf beide Wangen, über die ein paar stille Thränen rannen. Darauf zog er das über und über glühende Mädchen an seine Brust, küßte sie auf Lippen und Augen und stürmte dann, ehe eins der Beiden zu Worte kommen konnte, die Treppe hinab, um sich eilig in den Wagen zu werfen und nach der Stadt zurückzufahren.

*

Das Haus »Zum unglaubigen Thomas« war über Nacht vollständig ausgebrannt, so daß, da der Morgen heraufdämmerte, nur noch die beiden schwarzen Mauern wie die Wände eines tiefen Schachtes oder Brunnens aufragten, während der Kastanienbaum als ein Aschenberg auf dem Hofe lag und von dem Stallgebäude nur noch rauchende Trümmer den Boden bedeckten. In dem Pförtnerstübchen aber fand man ein Häuflein schwärzlicher Menschengebeine und in seiner Mitte vier Messingstückchen, die von der großen böhmischen Bibel herrührten und trotz der scharfen Glut nicht geschmolzen waren.

Droben jedoch, auf dem spitzen First eines der Nachbarhäuser, saßen im ersten Morgengrauen die beiden früheren Inwohner der Remise, Beide in äußerst schlechter Laune.

Heinrich Müller warf einen grimmigen Blick auf die nassen Trümmer der verkohlten Balken, von denen ein übelriechender Qualm aufstieg.

Die Komödie ist nun zu Ende, sagte er, sich schüttelnd, 's ist mir ein Gaudium, daß Niemand ahnt, wer der Verfasser war.

Sie doch nicht etwa gar, Herr Heinrich? fragte sein Kamerad, der über die Dächer weg in eine der Seitengassen spähte.

Versteht sich, ich und kein Anderer, erwiderte der verklärte Weinreisende, Ihr müßt wissen, Johann, als ich dem niederträchtigen Burschen, dem Doctor, den Possen gespielt und ihn mit dem vornehmen Stadtfräulein auseinandergebracht hatte, bin ich nach Hause geflogen. Da sah ich den Andern, der mir immer wie Gift und Operment war, den Böhmen, wieder über seinem Zauberbuch hocken und huschte hinein, und da kam mir's, ihm die Suppe zu versalzen. Ich stieß die Lampe um, daß das Petroleum über seinen Tisch floß, da gab's einen Knall, und weil der alte Narr sich nicht gleich zu helfen wußte, ist die ganze Pastete in Rauch aufgegangen. So hab' ich an dem gottlosen Kuppler mein Müthchen gekühlt. Und jetzt segle ich geradeswegs wieder in unsere Oberwelt zurück. Die Hölle auf Erden hab' ich satt. Wenn's droben auch verdammt langweilig ist, der jüngste Tag wird doch nicht ewig auf sich warten lassen. Die verrückten Lebendigen treiben's ja so toll, daß der Herrgott es nicht lange mehr mitansehen kann.

Er hob sich ein wenig, als ob er fortfliegen wollte. Nehmen Sie mich mit, Herr Heinrich, sagte die arme Seele Johann Gruber's. Auch mir ist's hier unten verleidet, ich kündige den Dienst. Denn wie ich gestern bei meiner Rieke wieder 'mal nachsehen wollte – nee, werde Ihnen nicht auf die Nase binden, in welcher Gesellschaft ich sie fand, und wie's da zuging. Is 'ne verflucht angreifende Beschäftigung, so'n Spiritus zu sein, hab' mir's pläsirlicher gedacht. Jetzt kann 'mal ein Anderer an die Reihe kommen, da das dumme Volk nu doch 'mal drauf versessen ist, sich was rapportiren zu lassen. Sehn Sie, Herr Heinrich, drüben blinzelt die Sonne über den Berg. Wir müssen uns sputen, abzufahren, eh's zu heiß wird. Ich habe auch immer vor Thau und Tage eingespannt, als ich noch bei meinem ersten Herrn diente, Hupla! – Und er wartete den Aufbruch seines Gefährten nicht ab, der sich langsamer ihm nachschwang, noch einen Blick befriedigter Schadenfreude auf die rauchenden Trümmer zurückwerfend, unter denen das arme Opfer seiner Rache begraben lag.


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