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Und da habe ich so eine halbe Stunde schon an einem brühend Augustvormittag – vierzehn war der ja so heiß – auf dem ödesten Kasernenhof der Welt gestanden. Bisher ist alles ganz lustig, Nuck. Nicht wahr? Und Du mußt auch nicht denken, daß wir alle da, eben mein Jahrgang – und ein Arbeiter oder ein Vagabund ist ja doch viel abgeschaffter und sieht viel älter und müder aus, als wir es tun – daß wir nun da alle geweint und gezittert haben. Im Gegenteil, wir machten Witze. Wenn auch den meisten von uns da ganz innen sehr mulmig zumute war.

Aber neben mir, vorn in der ersten Reihe, stand ein Mann, der besonders müde und verbraucht schon aussah, sehr weißblaß, sehr hager, mit einem rötlichen und zerfransten Bart, wie ein fünfzigjähriger Christus, der sein Kreuz nach Golgatha schleppt ... Christus ist ja nur neunundzwanzig geworden! ... mit milden und sehr traurigen Fanatikeraugen.

Vielleicht war es irgendein Sektierer, ein apostolischer Schuster ... warum in aller Welt hatte er bei dieser Hitze überhaupt einen alten, an den Knopflöchern ausgefransten gelben Sommermantel an und einen dicken, blauen abgeriebenen Cheviotanzug? Und warum stand er nicht still, sprach nicht, machte keine Witze, und schwankte nur in seinen breiten Schultern, wie ein Pferd, das an der Krippe webt? Vielleicht war er klüger, menschlicher, tiefer, sah weiter, als wir alle. Jedenfalls aber war er komisch. Und ein Witzbold hinten in der dritten Reihe begann schon, ihn sich als Ziel zu nehmen. Und wir kicherten leise vor uns hin. Denn wir suchten ja nach Ablenkung, um nicht denken zu müssen. Und der apostolische Schuster, der Sektierer, der altgewordene wunderliche Christus, webte immer weiter. Von rechts nach links, von links nach rechts, und ganz wenig von vorn nach hinten dabei. Und wieder zurück. Und er brabbelte ganz leise etwas vor sich hin. Vielleicht betete er: ›Herr, verzeih ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun.‹

Aber plötzlich kam sein Rhythmus in Verwirrung. Er schlug zu weit nach links aus, kollerte gegen mich, riß mich beinahe um, und lag da im Kies. Lag ganz platt. Einfach mit jedem Glied lag er auf dem Boden. Es gab 'ne kleine Bewegung: ›Was ist denn mit dem Landsturmmann da?‹ rief ein Offizier herüber. Aber durchaus nicht kommandomäßig. Wie ja überhaupt in diesen Augusttagen alles strahlend freundlich war. Denn die menschliche Seele hatte noch keine Zeit gehabt, sich zu demaskieren.

Und man hob den Mann ganz vorsichtig auf. Seine Hosen hatten sich weit hochgeschoben, und die Schaftstiefel hingen an den behaarten Waden, von den schlaffen Beinen herab, als ob sie schon nicht mehr zu ihm gehörten. Die Schreiber an langen Tischen rissen schnell ihre Listen fort, damit man ihn dort hinlegen könnte. Man fetzte ihm den Kragen ab, die Jacke, vom Hemd flogen die Knöpfe. Und der Arzt stocherte mit seinem Stethoskop über die unsagbar hagere und knochige Brust hin. – Ich dachte bisher immer, solch eine Brust gäb's nur auf den Gemälden von Zurbarán, bei Heiligen, die sich geißeln. Und vielleicht war der Mann ja auch ein Heiliger. – Er setzte das Hörrohr hier und da ein und sprang mit ihm immer wieder zurück auf die erste Stelle und bekam immer ernstere Augen. Auch der Hauptmann, der sich neben dem Arzt herabbeugte, und erst so rot wie eine Tomate gewesen, war wie ein Stück Käsekuchen geworden.

›Herr Doktor‹, sagte er sehr laut und sehr freundlich, ›die alten Landsturmmänner hier müssen aber vorher auf ihre Marschfähigkeit untersucht werden. Und den Mann sollen die Sanitäter dann gleich ins ... ins ... in das Lazarett rüberbringen. Jedenfalls nehmen Sie mal seinen Paß ab, Feldwebel. Und dann führen Sie die Leute zur Untersuchung in die Halle. Ganze Abteilung kett. Ohne Tritt marsch.‹

Es war nebenbei ein famoser Kerl, der Hauptmann. Eben noch ein Berufsoffizier. Und im Anfang wir ja auch alles ganz auf den ›guten Kameraden‹ gestimmt. Weißt du, unter den Berufsoffizieren gab's überhaupt Kerle ... ich habe eine ganze Menge gekannt ... die einfach zum Küssen waren. Wir haben da heute eine ganz falsche Vorstellung, Nuck, seitdem der kleine Heringsbändiger größenwahnsinnig geworden ist, weil er die Epauletten gekriegt hat.«

Nuck hat ganz still zugehört, ohne zu unterbrechen, preßt ihre braune Ledermappe, als ob sie fürchtet, man könnte sie ihr fortreißen, sehr fest unter den Arm. Die Bahn ist schon weit über den Lützowplatz hinaus. Wie bedrückt doch das Mädel heute ist, denkt Fritz Eisner, fürchtet sich vielleicht, weil's hier nun auch losgehen soll. Eigentlich lacht Nuck doch so gern. In den letzten Wochen hat sie wirklich nicht viel gelacht mehr. Wenn ich ihr doch den klugen, süßen Kopf ein bißchen ausschwefeln könnte. Möchte ihr Unterricht darin geben, unangenehme Dinge wegzudenken.

»Pah«, sagt sie endlich und schuddert zusammen. Es ist auch etwas naßkalt. »So oder so, ich bekomme schon Schüttelfrost bei dem Wort ›Leutnant‹.« Nuck ist eben eine radikale Pazifistin. Ohne Konzessionen.

»Also, hör weiter zu: Keine Abteilung von den gedienten Leuten vorher war sogleich auf Marschfähigkeit untersucht worden. Dazu hatte man nachher genug Zeit ja noch. Und das da war mein Christus, Nuck, der für mich den Opfertod gestorben ist. Vielleicht hat jeder seinen eigenen in dieser Welt. Wer kann das wissen. Ich stelle mich vor den Arzt hin in meiner ganzen Breite und bin noch besonders stolz darauf. Bisher hatte er ja keinen einzelnen zurückgeschickt, und manche sahen verdammt spillerig und zum Umpusten aus. Denke mir, der wird mich gar nicht untersuchen. Statt dessen klopft er zweimal, dreimal, horcht, klopft wieder. ›Was ist denn mit Ihnen los, Mann?‹ sagt er. ›Sie haben ja ein Bombenherz. Und mit den Tönen klappt da was ganz und gar nicht. Herzfehler – nicht marschfähig!!‹ ruft er zu dem Schreiber an seiner Liste herüber.

›Was ist denn mit mir jetzt, Herr Feldwebel?‹ frage ich beim Wegtreten.

›Ach watt, Herr‹, sagt der. ›Jehn Se ruhig nach Hause. Stehn Sie hier nicht unnütz rum. Lassen Se sich hier nich mehr sehn. Sie können wir hier nich brauchen. Wenn ick Ihnen eenen juten Ratjeben soll, kommen Se wieder, wenn der Krieg aus is.‹

Und wie sie mich dann das nächstemal holen wollten, bin ich zu Doktor Spanier gegangen vorher. Und der hat gesagt: ›Also, lassen Sie sich, Eisner, von solchen Militärärzten nichts einreden! Herz? Quatsch. Keine Idee. Das ist sekundär. (Er schmeißt immer so mit Fachausdrücken um sich). Nieren müssen nicht in Ordnung sein. Und Zucker. Mit diesem Krieg wenigstens werden Sie nichts mehr zu tun haben.‹

Ja, und dann haben sie mich also immer wieder alle paar Monate untersucht und zurückgestellt, ganz d. u. erklärt und ausgemerzt und trotzdem nochmal und nochmal wieder, wie Gott, auf Herz und Nieren geprüft. Wieder zurückgestellt, und wieder mal für d. u. erklärt. Und so sind die Jahre rumgegangen.«

Aber Nuck hat gar nicht mehr hingehört und schon eine Weile vor sich hingestarrt. »Herrgott, Yorikchen, wir müssen ja aussteigen. Ist das nicht schon Bahnhof Zoo?« Sie merkt, daß sie Fritz Eisner halb erstaunt, halb mißtrauisch beobachtet hat und lächelt ihn etwas verlegen an: »Entschuldige, entschuldige, Yorik. Weißt du, ich freue mich sehr auf heute abend. Wir machen's mal ganz vornehm. Wie ist denn das von Storm?« setzt sie, und wieder scheint sie mit ihren Gedanken weit ab zu sein, hinzu. »Heute, nur heute, ... ich weiß wirklich nicht, wie's weiter geht, Yorik.«

»Wie kommst du denn plötzlich darauf, Nuck: ›Heute, nur heute, bist du noch mein ... morgen, ach morgen, bin ich allein ...‹ Wie kommst du darauf, du dummer Kerl? Du wirst morgen durchaus nicht, so weit es an mir liegt, allein sein. Was ist los? Raus mit der Sprache!«

Aber Ruth kann nicht mehr antworten – und vielleicht will sie es gar nicht – denn der Wagen hält, und sie müssen zum Bahnhof herüber.

Wie große rote Mohnblumen leuchten an den Treppenseiten die Maueranschläge »In gewissen Kreisen besteht die Absicht unter Mißachtung der gesetzlichen Bestimmungen Arbeiter- und Soldatenräte nach russischem Muster zu bilden ... in Widerspruch mit der bestehenden Staatsordnung« liest Fritz Eisner wieder, während er stufenweise von der Menge, die hinter ihm nachdrängt, daran vorbeigeschoben wird. Er zeigt mit gehobener Hand stumm daraufhin; denn Ruth und er sind im Menschenwall etwas auseinandergerissen worden.

Ein Soldat denkt, die Bewegung gilt ihm und wendet den Kopf im Stahlhelm: »Wat heißt hier überhaupt Absicht? Licht aus, Messer raus!« sagt er augenzwinkernd.

Der Abteil, in den sie sich endlich flüchten, nachdem sie an sechs andern zurückgestoßen wurden, ist wie ausgeweidet. Die Polster liegen in großen Quadraten weiß und bloß da. Denn der grüne Plüsch ist in langen Bahnen wie von scharfen Schustermessern herausgeschnitten hie und da. Wozu kann man nur den verwenden?! Aber er ist eben gesuchte, reine, gute Friedensware, und kein Papierfaden drin. Wolle, echte Wolle noch! Hat also schon als Material Wert. Die Fenstervorhänge fehlen. Die Lederriemen sind ebenfalls abgeschnitten und alle Messingteile und Metalle, trotzdem sie niet- und nagelfest waren, sind gleichfalls abgeschraubt, abgebrochen, gestohlen. Wie ein offener, ausgeweideter Tierkörper ist dieser Abteil. Selbst eine Scheibe fehlt. Ob man die auch gestohlen hat? Aber deswegen sitzt vielleicht grade keiner drin, außer zwei jungen Offizieren, die nach Potsdam wollen, – während sie nebenan stehen müssen.

»Wer macht das eigentlich?« ruft Nuck entsetzt.

»Keiner und alle ... ich glaube zum geringsten Teil das Publikum. Ich würde so etwas nicht sagen, wenn ich es nicht wüßte. Wenigstens in einem Fall. Bekannte von mir haben ein Dienstmädchen. Kommt vor. Das Dienstmädchen hat einen Freund. Kommt vor. Der Freund ist Lokomotivheizer. Kommt vor. Die Frau geht zufällig in die Mädchenkammer. Kommt vor – aber selten! Unter dem Bett blinkt etwas, sieht hin: Ein ganzes Lager von Türgriffen, Schrauben, Lederriemen, Haken, Netzen, grünen Velvets, abgeschraubten Schildern liegt da ... schön geordnet! Was hat der Mann nun getan? Er ist Richter. Das Mädchen entlassen? Aber sie hat so guuute Landbeziehungen. Den Lokomotivheizer sofort seinem Freund, dem Staatsanwalt übergeben? Dann verliert er das Mädchen wegen Hehlerei. Und was hat es für einen Sinn, einen Dieb festzusetzen, wenn alle stehlen. Nein, er hat das Mädchen angefleht, die Sachen, die ihr Bräutigam bei ihnen, wohl ohne ihr Wissen, deponiert hat, doch schleunigst zu entfernen; da man ihn, als Mieter dieser Wohnung nach dem Gesetz laut Paragraph 5913 Absatz B oder so ... doch sonst auch wegen Hehlerei, oder immerhin wegen Begünstigung einer solchen unter Anklage setzen könnte. Was ihm als Richter doch Schwierigkeiten bereiten könnte. Und das hat Auguste dann auch huldvollst eingesehen. Weißt du, Nuck, wir haben es eben in Deutschland immer mit der Ehrlichkeit gehabt, solange wir die Unehrlichkeit nicht brauchten. Und vor allem auch, so lange die Unehrlichkeit nicht so leicht und so straflos war, wie sie jetzt ist.«

Die beiden Leutnants sind noch sehr jung. Etwas bedrückt heute und mit langen Gesichtern, die leer und verroht sind. Sie haben die Erfahrung des Krieges gemacht. Aber nicht die Erfahrung des Lebens vorher. Wie sollen sie sich nur mal wieder in einer andersgearteten Welt, in der Gut und Böse die richtigen Vorzeichen statt der falschen wieder bekommen haben, und in der sie nicht mehr den kleinen Herrgott spielen können, zurecht finden. Und morgen wird vielleicht schon ihre trübselige Herrlichkeit ein Ende haben.

Der eine fuchtelt, leise sprechend, dem anderen mit der Hand vor dem Gesicht herum. Aber diese Hand hat nur den Daumen und die beiden anderen Finger daneben. Der kleine Finger und der vierte Finger sind so sauber und so glatt, wie mit einem Rasiermesser abgeschnitten.

Jetzt wird seine Stimme etwas lauter: »Also ... wie es vorjehn soll, raus aus 'n Wald, da schmeißt sich doch der eine Kerl, so ein dickes Schwein ... ein Familienvater von mindestens achtunddreißig, ... statt dessen im Dickicht hinter einen Baum, und is nich von der Stelle zu bringen. Und der Russe funkt so mit seinen beiden Maschinengewehren, einfach wie 'n Fächer, janz niedrig über 'n Boden hin. Also, es war jradezu ein Anblick für Jötter: wie nun das dicke Schwein da, wie ein Kahn, den sie an den Pfahl jebunden haben, und der nu in der Strömung hin und her schwankt, mit den Jarben so mitgeht. Ich zieh' meinen Dienstrevolver und halt 'n über ihn. Aber in dem Augenblick kommt eine neue Garbe. Und der Mann, der sich schon halb aufgerichtet hat, schmeißt sich wieder hin. ›Auf, du Hund‹ schreie ich und will abdrücken. Das alles ging viel schneller, als wie ich Ihnen das hier erzähle, Kamerad. Ehe ich also noch den Finger krumm machen kann, geht der Kerl hoch wie so 'ne Spannerraupe, und dann streckt er sich. Ich wundere mich noch, mein Revolver liegt auf seinem Rücken. Aber mit den zwei Fingern hier dran. Beide Schüsse also erstmal durch den dicken Baum. Ihm der eine mitten in die Stirn und hinten an der Wirbelsäule wieder raus. (Hab's mir nachher angekuckt!) Und mir haut's meine zwei Finger hier weg.«

Was soll aus solch einem Jungen mal werden?

Ein Matrose steigt am Savignyplatz ein und setzt sich still in die Ecke. Er hat keine Fahrkarte. Aber das macht nichts mehr. Hier ist's auch nur für Offiziere. Aber das macht nichts mehr. Er ist einer von den schweren, wilden, mürrischen. Die beiden jungen Leutnants sehen zu ihm hinüber. Er sieht zu ihnen herüber, sagt nichts, grüßt nicht, sieht über sie fort. In Charlottenburg klettert er wieder heraus mit Bewegungen, als ob das Abteil ein Mastkorb wäre, und nickt dabei breit und freundlich Nuck zu.

»Also, ich sage dir«, meint der Dreifingrige. »Diese Schweineflotte hält keine Disziplin mehr. Das kann den schönsten Kladderadatsch noch jeben.«

»Richtig, Yorik, jetzt kenne ich ihn wieder. Das ist doch der Matrose von vergangenem Sommer aus Gremsmühlen. Einer der wenigen Überlebenden von der Gneisenau. Und dann ist er nochmal abgesackt. Das war doch der, von dem ich dir immer erzählte, der wie ein wildes Tier gewütet hat, und sich vor uns das Hemd aufgerissen hat, und uns die Wunden quer über seine Brust gezeigt hat, riesige rote Narben, und mit den Fäusten vor Wut darauf herumgetrommelt hat, so wie ein Gorillamännchen, wenn's gegen den Jäger angeht.«

»Aber warum hast du mir denn das nicht gleich gesagt? Ich hätte mich gern mit ihm unterhalten. Goering: Die Seeschlacht! Ich bin ein guter Matrose gewesen, ich wär' auch ein guter Revolutionär geworden. Oder heißt es anders? Du weißt es ja! Das Ganzmoderne, von Kerr abwärts ist doch dein Ressort. Ich bin schon spätes Mittelalter für euch.«

Die beiden jungen Leutnants seh'n jetzt in die Luft.

»Du irrst dich, Yorik, du gehörst doch noch zu uns. Das weiß doch niemand besser als ich. Du bist genau so alt, wie wir. Oder meinst du, ich hätte dich sonst so gern, wenn du ein Würdegreis wärst?«

»Mag sein, Nuck, alle Menschen auf der Welt sind ja gleich alt – in dieser Minute – weil alles Leben da auf der Erde gleich alt ist. Das heißt, so alt, wie das Leben überhaupt ist. Und Gott schütze mich vor Würde. Aber Liebling, wozu wollen wir uns etwas vormachen. Ich, und die so um mich herum, wir sind ja schon alle heute etwas, was wir nicht mehr sind.« (»Unsinn«, ruft Nuck dazwischen) ... »Und die anderen sind etwas, das sie noch nicht sind. Vielleicht auch nie werden. Aber sie sind es trotzdem. Das ist der Unterschied. Und, da die anderen sich auf den Markt stellen – und ich mich nicht auf den Markt stelle ... werden die Leute auch nicht mehr zu mir kommen. Und was sollen sie auch noch viel zu mir kommen? Ich möchte ihnen gern helfen. Ich kann ihnen nicht helfen. Ihre Nöte sind anderer Art geworden. Und dann – ob man es wahrhaben will oder nicht – bis fünfzig rum lebt man von den Zinsen; aber dann greift man eben das Kapital an. Das körperliche wie das geistige. Und das braucht sich verdammt schnell auf. Gewiß ... ich weiß, Nuck, ich bin von Natur ein Stehaufmännchen. Totzukriegen bin ich nicht. Nicht mal einer Zeit, wie der jetzt, ist es gelungen. Und ich bin jetzt auch nicht einmal enttäuscht durch das Elend, das sie hinter sich herschleift, weil ich ja nicht eine Sekunde an sie geglaubt habe. Gib mir einen vernünftigen Schreibtisch. Der jetzt ist mir zu hoch und zu geschnitzt, das ist einer, um Unterschriften zu geben, nicht um daran zu arbeiten. Und gib mir Ruhe um mich (früher war's mir gleich, da konnte ich unter einem Dampfhammer Romane schreiben) und gib mir dadrin Ruhe, Nuck, und ich bin in zweimal vierundzwanzig Stunden, der, der ich immer war. Wenn ich auch jetzt ein bißchen heruntergekommen bin. Um all das hab' ich keine Angst, Nuck. Aber ich weiß nicht, ob es sich für mich noch auszahlen wird. Und, was viel wichtiger: für die anderen ... Aber, was ist denn mit dir? Frierst du? Komm, häng dir schnell meinen Mantel über. Burns ... mit meinem Mantel vor dem Sturm! Er ist eigentlich für eine Nordpolexpedition gebaut worden. Gott ja, die Scheibe ist ja raus, und geheizt ist der Zug natürlich auch nicht. Geheizte Züge sind eine verächtliche Verzärtelung der Vorkriegszeit. Also, nimm schon meinen Mantel. Du hast auch ganz blasse Lippen.«

Aber Nuck will nicht: »Man muß ja gleich da sein ... da blinkt schon ein Licht über den Schlachtensee ... Oder nur unter einer Bedingung: Daß du meinen Hut aufsetzt!«

Und außerdem lacht Nuck auch wieder, und ihre Lippen sind gar nicht mehr so blaß (woher das nur kam?), als der Zug bremst und sich quietschend ... das funktioniert alles nicht mehr so recht mit dem Bremsen und so, das Material ist so furchtbar heruntergewirtschaftet ... auf den Schienen reibt.

Und dann klettern sie mit ihren Paketen aus dem Zug. Die beiden jungen Leutnants haben ein Gespräch über die Schuld der Juden am Krieg begonnen.

»Hast du auch Marley nicht vergessen?! Ach nein ... Gott sei Dank«, ruft Ruth, und hängt sich an Fritz Eisners Arm.

Wie schön die Luft hier ist! Man schmeckt den Atem der harzigen Wälder ringsum, die dunkel und mit den gewellten Kiefernkronen in ihrem nächtigen Schweigen unter den Sternen liegen. Und man ahnt weit draußen durch eine wehende Feuchtigkeit, die sich da hineinmischt, die weiten, jetzt schwarzen Tücher der Seen, in denen sich die träg-fließende Havel ausbuchtet. Es ist eher milde Luft als kalt. Im Wald ist es immer eine Jacke wärmer, sagt der Jäger. Die Sterne blinken noch nicht, wie in den Winternächten, sondern blinzeln nur leise verschleiert, aber der Himmel ist ganz mit ihnen beworfen. Ein Schwarm von Frostspannern, mit denen Jahr für Jahr ja das flatternde Leben draußen seinen Abschied nimmt, tänzelt um die Laterne vor dem Ausgang. Weiß der Teufel, was sie hier gerade so anlockt.

»'ne Masse Sterne gibt's hier«, sagt Nuck und blickt sich um. »Hast du die für mich bestellt? Sehr aufmerksam. Du weißt doch, daß ich Sterne so gern habe. Seh' ich die Reuß, sie floß bei meiner Tat.«

Fritz Eisner lächelt: »J'y pense!«

Die Lichter blinkern im halbhellen Geäst der Alleen. Es ist wundervoll ruhig. Nur ein paar Menschen trotten noch durch die langen, baumkahlen Straßen, nach erleuchteten Villen, die tief hinten unter dem gestirnten Himmel in ihren Gärten schlummern, zwischen stillen und nächtlichen Nadelkronen. Wie weit man bei dieser Ruhe den Schritt jedes einzelnen nur hört. Aus einem ganz finsteren Haus kommt Musik. Ein einsames Cello klagt männlich und schön den beseligenden Schmerz eines Beethovenschen Adagios in den Abend hinaus. Wie ermutigend für die Welt, daß das jetzt jemand heute gerade in diesem Augenblick noch vermag. Sie bleiben eine Weile stehen und lauschen. Dann bricht der Spieler ab und drin wird Licht gemacht.

»Ich möchte einmal wissen, wie es einem Cello zumute ist, wenn es gespielt wird«, sagt Ruth. »Wie gut du es doch eigentlich hier draußen hast, trotz alledem.«

»Ganz recht hast du, mein Nuckchen: Trotz alledem.«

»O weh«, Ruth hängt sich weich an ihn, »wenn du schon sagst: Ganz recht hast du, mein Nuckchen, so habe ich sicher – wenigstens in deinen Augen – eine furchtbare Dummheit verzapft.«

»Trotz alledem ... das heißt also, mein Nuckchen, wie kann man denn nur hier wohnen!? Du brauchst Berlin. Die Stadt. Aber es wohnt ja doch nur jeder zweiundzwanzigste Deutsche in Berlin. Warum muß ich denn gerade der sein? In Berlin, weißt du, ist man so furchtbar viel bei den anderen zu Gast, und draußen fast nur bei sich selber. Und ich besuche mich doch auch mal ganz gern. Du glaubst gar nicht, wie gleichgültig einem Dinge werden können, ohne die einem in Berlin das Leben wertlos erschienen wäre. In Berlin hat der Tag meist nur zwölf Stunden. Hier in Nikolassee schon vierundzwanzig. Bei mir jetzt unten am Neckar manchmal achtundvierzig.

Siehst du, die fünf Minuten, die wir gehen, haben wir gar nicht mehr daran gedacht, daß jetzt da draußen zehn Millionen Menschen wie die Ratten in Erdlöchern hocken und Krieg spielen, wie sie es seit einundfünfzig Monaten tun. Und daß es morgen Revolution geben soll ... weil eben man sich nicht weiter zur Schlachtbank von denen da oben treiben lassen will. Genau so, wie man's in Rußland nicht wollte.

Dir wär's hier zu einsam endlich ... Mir nicht einsam genug. Natürlich, von dir aus hast du vollkommen recht. Du brauchst noch das Durcheinanderbrodeln, die tausend Beziehungen zu den zehntausend Menschen. Du willst etwas mit und in der Gemeinschaft anfangen. Ich mit mir allein. Dir ist jeder Mensch neu. Ich aber lerne leider doch immer nur wieder Variationen und Dubletten kennen, deren Originale vor zwanzig Jahren eben doch besser waren. Selbst das famose Gummischweinchen hat in meinem Dasein schon einmal solche Art von Doppelgänger gehabt. Einen alten, schrulligen, gebildeten Botaniker, einen Doktor Fischer, der sich nachher erschoß, draußen in Wildpark wegen einer blonden Kanaille von Kapitänswitwe erschoß, die nebenbei nie Witwe war, und deren Mann deshalb auch nie Kapitän gewesen war. Aber die Kinder mußten doch einen, wenn auch legendären Vater haben, statt der drei, die sie in Wahrheit hatten.«

Ruth lacht, hängt sich fester an ihn. Aber irgend etwas an diesem Lachen macht Fritz Eisner stutzig. »Also, ich heirate auch mal nicht und zieh dann späters zu meine Kinder. Jenau wie die dicke Hedwig bei Kubinke.« Fritz will etwas sagen, aber Ruth redet schnell weiter, lenkt ab. »Gott, jetzt ist es ja ganz hübsch, hier draußen ... aber wenn's mal so egalweg regnet, Yorikchen, was machste dann?«

»Das ist auch nicht so schlimm, Nuck. Ich höre doch nun mal lieber den Regen draußen vor meinen Fenstern in der Birke summen, und sehe ihn den weiß und schwarzen Stamm hinabfließen und von den roten Zweigspitzen abtropfen, als daß ich seinen Parademarsch über den Asphalt trappeln höre. Und dann kommt doch immer mal schönes Wetter wieder. Und das ist eigentlich viel schöner hier draußen, als es das schöne Wetter selbst ist. Wenn ich so von meinem Fenster aus zusehe, wie die Wolken zwischen den Silberpappeln weit drüben wegziehen – also, Nuck, die zeig' ich dir morgen früh gleich. Jetzt siehst du sie doch nicht mehr. Es sind vier mächtige Pappeln, auf denen, wie auf vier gedrehten Säulen der Himmel wie ein Baldachin aufsitzt und ruht ... und wenn dazwischen Flecken von Blau aus den Streifen von Weiß kommen, und die Wiese aufleuchtet und die nassen Büsche ... das ist, als ob alle Dinge neu erschaffen gerade werden. Und doch habe ich in den letzten Jahrzehnten für Berlin und das hier draußen schon irgendwie das Heimatsgefühl verloren. Gewiß, drüben der Wald war jetzt in den Wochen in seinem Braun und den Rostfarben und mit dem Rubinrot der amerikanischen Eichen zwischen den Kiefern, die ganz dunkelgrün erschienen, fast schwarz, war wie ein riesiger, buntscheckiger Feuersalamander, der auf der Lauer lag. Aber, wenn ich an da unten denke, wo jetzt erst – denn es ist ja da drei Wochen länger Sommer – jetzt erst das ganze Tal von den Buchenwäldern hüben und drüben die Berge hinauf bis in den Himmel hinein einfach von Farben brennt, dann ist das doch hier alles klein und ärmlich dagegen. Ohne Weichheit. Ohne Lieblichkeit. Ohne Überschwang. Karg. Kühl und anständig. Preußisch nüchtern und verdammt tüchtig, wie doch eben im Norden alles ist, was aus diesem Nichts hier herauskommt. Wenn ich unten bei mir da bin, dann denke ich nach einer Woche gar nicht mehr daran, daß es sonst etwas gibt, und daß ich eigentlich von hier oben ja nur mich selbst wie eine Pflanze dorthin verpflanzt habe.

Nur eins fehlt mir da: Ich habe nie gewußt, was es eigentlich ist, irgendwie im Unterbewußtsein habe ich es vermißt, mich unglücklich deshalb gefühlt, ohne zu ahnen und herauszukriegen, was es doch war. Aber wie wir vor sechs Wochen heraufkamen, erinnerst du dich noch?« (Nuck sagt mit den Augen: O ja, gewiß, gerade daran denke ich noch lange.) »Und wie wir zusammen am Fenster im D-Zug standen und plötzlich der erste See mit seinen Schilfufern und seinem Schwarm von Wasserhühnern, die vor dem Zug über die Fläche in langen, sprühenden Furchen sich flüchteten ... einsam mitten in der Herbstlandschaft lag ... da wußte ich plötzlich, was mir da unten doch seit Jahren irgendwie gefehlt hatte: Die Seen, diese stillen runden, riesigen Augen der märkischen Seen. Ein Fluß ist Leben, ist Handeln, ist Bewegung. Aber ein See ist ein Stück in sich verharrende Ewigkeit, stilles Nachdenken. Der See ist fast eine Seite Philosophie. Eigentlich bin ich doch schon eine Art südlicher Mensch geworden. Das heißt, ich habe mein Heimatsgefühl hier oben verloren, und ein neues dafür noch nicht eingetauscht.

Aber hier sind wir. Warte, ich knipse gleich Licht an. Erschrick nicht, wenn ein Gespenst vorbeihuscht. Es ist nur die dicke Wirtin. Sie rennt immer in der Nachtjacke herum, und sieht aus, als ob sie aus Federbetten modelliert wäre. Die Aussicht und die Ruhe sind schöner als das Haus selbst. Aber jetzt kannst du ja von allem nicht mehr viel sehen. Die Wirtin ist sehr stolz auf ihre herrliche Einrichtung, die noch aus ihren guten Tagen stammt. Lob' sie. Und lobe auch ihr Kochen. Alles ist etwas riesig hier, etwas feierlich und phrasenhaft. Es sind keine Möbel, in denen ich hier wohne, sondern Predigten in Holz. Am nettesten ist noch das Eßzimmer von ihren Eltern. Also, Mahagoni. Klein und warm. Weniger ist das Herrenzimmer mit dickstem und rötesten Axminster und den rötesten Samtportieren und Palisandermöbeln, so geschnitzt und schwer, Nuck, daß ganz Pernambuko ... falls Palisander da her kommen sollte?! ... entwaldet sein muß. Auch ein paar Bilder gibt's, von achtzehnhundertachtzig rum, die beweisen, daß sogar schlecht Malen auch eine Kunst ist. Den Palmenkübel brauchst du dir nicht anzusehen. Er gehört zu jener Sorte von blaugrünen Keramiken, die nur in den Hallen ... sprich hols ... der plus Grandhotels und in den Eßzimmern der Pensionen von zehn Mark pro Tag aufwärts beheimatet sind. Aber ich zeig dir dafür ein paar nette friderizianische Porzellane aus der manufacture du roi von Johann Georg Meyer ... Du weißt doch, dem Kändlerschüler. Ich hab' dir ja ein paar Stücke von ihm bei mir schon gezeigt. – Die große Putte mit dem Delphin – das Wasser aus den vier Elementen – und Luna und Endymion sind sehr fein und bewegt und außerdem sind sie wirklich alt und keine Neugüsse. Ich hab' sie bei einem ganz kleinen Trödler aus einer verstaubten Ecke gezogen. Also das, was der Erzfeind als trouvaille bezeichnet. Ich muß nun mal immer so etwas um mich haben. Es braucht nur ein Stück zu sein, auf dem das Auge sich einmal ausruhen kann. Dann sehe ich das andere gar nicht. Infolgedessen stört es mich auch dann nicht. Zu Hause habe ich mein Privatmuseum. Meine Kunstkirche. Das da auf dem Schreibtisch ist nur ein Reisealtärchen für mich. Ich kann sein, wo ich will. Ich habe meinen Gott bei mir.«

»Yorik, zeig mir deinen Porzellankerl lieber nicht näher«, sagt Ruth drohend, und sieht nur mit einem halben Auge herüber, »denn es kann sein, daß ich ihm die Glieder breche. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Ich sage ja immer: Du liebst die Dinge mehr als die Menschen. Aber warm ist es hier doch wenigstens bei dir oben, und hell. Ich fürchtete schon, ich käme in eine kalte, dunkle Wildnis; und ich könnte mich nur an deinem schwarzen, kalten Herzen wärmen.«

»Über das Beste aber, Nuck, habe ich noch nicht gesprochen: das ist hier im Schlafzimmer ein echtes, altes französisches Bett, breit wie ein Schlachtfeld, wie ein alter Dichter sagt, und weich und federnd und schwellend. Jeden Druck erwidernd. Das uns in die Arme nimmt wie eine Mutter und eine Geliebte zugleich. Denke dir ... püh ... mit einer seidenen Kopfrolle und einer seidenen Fußrolle, mit Rohrgeflecht am Fußende und mit sich schnäbelnden Tauben über dem breiten, geschweiften, hinfließenden Kopfende. Eine Symbiose von Boucher und Fragonard. Wirklich französisch! Wie sagte doch der selige Menkus: ›Und mit solch einer Nation soll man sich verfeinden!‹ (Naja, er sagt es von Religion und sich trennen.)

Und wenn du nachher darin liegst, Nuck, wirst du wie die Pompadour, die Dubarry, die Sevigné und die Dudeffand – natürlich in jungen Jahren, bevor sie blind wurde (es kann auch eine andere sein, die ich meine!) – in einer Person aussehen. Komm, leg ab hier drin – tu den Mantel in den Schrank, mach es dir bequem, Nuck (Küchenbenützung für kleinere Fälle von Soupers ist inbegriffen), ich freue mich doch unendlich, daß ich dich bei mir habe. Sag mal, wie denkst du so eigentlich über den Fall? Ich meine, so zwischen mir und dir!«

Nuck hat abgelegt. Ihren grünen Seidenjumper glatt gestrichen. Den Hut hat sie einfach fallen lassen, die Pakete auf den Stuhl geworfen und wirft sich gegen Fritz Eisner, so, als ob sie sich gleichsam zu ihm flüchtete. Küßt ihn so außer Atem, als wäre es das letztemal. Und Fritz Eisner spürt dabei etwas Warmes, Feuchtes und Zähes, wie eine Träne über seine linke Backe eine Spur ziehen. Ohne daß er sich sagen könnte, daß er etwa von Rührung in diesem Augenblick übermannt worden wäre. Gott, weint das Mädel schon wieder! Man darf doch gar nichts mehr sagen?!

Die Wirtin hat noch Fisch, den sie irgendwie ergattert hat, für Fritz Eisner warm gestellt. Und ihm als Delikatesse ein Stück Kriegskuchen dazu gelegt. Er war so trocken, daß man sich mit einem seidenen Kleid daraufsetzen konnte. Sie selbst ist fort; und Emma, das Mädchen, widmet ohne Ansehen der Person ihre freien Stunden den Insassen eines nahen Lazaretts für Erholungsbedürftige, sofern diese bis neun oder zehn oder gar schon bis Mitternacht Urlaub haben. Eigentlich gehört sie ja nicht zum Lazarett; aber zur Erholung. Wird als Heilfaktor mit in Rechnung gestellt. Es scheint Fritz Eisner, als ob die Weggehenden sie immer den Neuankommenden empfehlen. Denn jede Woche sitzt ein anderes Gesicht und ein anderer Dialekt, feldgrau und verlegen, in der Küche und markiert den Treuherzigen. Anders ist das gar nicht zu erklären.

So also müssen sie sich selbst bedienen, und Ruth spielt die Wirtin, findet sich im Augenblick in allem zurecht, ... holt Weinkaraffen – man stellt keine Flaschen auf den Tisch, sagt sie – reißt nicht mal die Hände sich blutig beim Öffnen der Sardinendose, hat für jedes einen Teller oder ein Schüsselchen, das richtig paßt, im Schrank entdeckt ... röstet Brot an für die Straßburger Gänseleber, ... arrangiert Grün zwischen das Obst und schneidet Dahlien und Georginen, die auf dem Trumeau in einer Vase ihre letzten Tage verbringen, die bunten Blumenköpfe ab und läßt sie wie Seerosen in einer Bakkaratschale, die sonst auf dem Silberschrank verstaubte, schwimmen. Das war das Letzte vor dem Krieg. Diese Mode hat Lena aus Paris zu ihnen gebracht. Da hat sie gesagt ... die arme Lena ... nehmen sie aber so schöne farbige chinesische Glasschalen dazu. Das sähe besser aus als Kristall.

Gott ja, der Fisch riecht nicht besonders, meint Ruth und zieht ihr Näschen ... aber, daß man überhaupt Seefische wieder bekommt, ist schon zu loben.

»Meine Mutter hat immer gesagt, wenn Fisch gut schmecken soll, darf er nicht nach Fisch schmecken«, meint Fritz Eisner.

»Schade, ich hätte deine Mutter so gern gekannt«, meint Ruth. »Ich glaube, sie hätte für uns doch Verständnis aufgebracht. Trotz alledem. Muß doch eine famose Frau gewesen sein.«

»Weißt du, wie sie deine Schwester Lena immer genannt hat: die George Sand. Das paßte vorzüglich auf Lena. Warum habt ihr eigentlich keine Arbeiten von Lena mehr?«

»Ach Gott, sie hat ja doch aus Paris nichts heraus bringen können. Schon genug, daß sie sich selbst nach Spanien in Sicherheit gebracht hat. Ihr Atelier und alles, was sie besaß, ist gewiß längst verschleudert.«

»Schade ... ich hätte gern von ihr doch etwas gehabt, so wie man sich einen Brief aufhebt von einem interessanten Menschen ... Irgendeine Studie. Es war vielleicht nicht das Letzte. Aber sie war doch eine starke und kultivierte Begabung vor fünfzehn Jahren. Später habe ich ja nichts mehr von ihr gesehen dann. Wie alt ist sie eigentlich geworden? Doch höchstens Ende der Dreißig? Ein Jammer!«

Aber Fritz Eisner fühlt, daß Ruth dieses Gespräch über ihre Halbschwester, die sie doch kaum gekannt hat (denn sie stand sich mit der zweiten Mutter nicht), nicht angenehm ist, und lenkt schnell ab. »Was macht die Harfe? Haben dir die Gedichte von Kerr wirklich gefallen. Von der Seite hast du ihn noch nicht gekannt. Nicht wahr? Seine Verse sind primitiv und raffiniert zugleich. Jedenfalls sehr musikalisch. Vielleicht sind sie überhaupt schlecht, denn die große Lyrik ist sprachlich ja heute viel weiter gekommen als er. Aber sie sind er selbst. Und man behält sie. Das auf Felix Poppenberg liebe ich sehr. In diesem ganz verdammten Treiben ... hast du die hohe Pflicht, Poet ... auf deinem Fuhrsitz zu verbleiben, ... zu sehen, wie die Karre geht. Eben weil ich Felix Poppenberg doch so sehr schätzte und bewunderte: Ein Mann, der den Mut hatte, in dieser enttäuschenden Welt Ästhet von Beruf zu sein.«

Aber Ruth nimmt feierlich ein Heftchen aus ihrer Mappe, von der sie sich noch nicht getrennt hat. Hat sich also wirklich das ganze Büchlein ... weil es nicht mehr im Handel zu haben war, und weil sie meint, daß sie es wieder geben muß ... von der ersten bis zur letzten Zeile abgeschrieben. Schreibt unerhört schnell. Ganz sauber. Ganz leserlich. Ganz einfach. Und doch sieht solche beschriebene Seite von ihr wie ein Tapetenmuster aus. Also deshalb durfte ich doch die Mappe nicht tragen. Ah so, nun verstehe ich. Wollte mich mit überraschen.

Fritz Eisner ist doch sehr gerührt darüber. Küßt Ruth die Hände, die so fleißig waren. Er würde sich nie ein ganzes Buch abschreiben. Und wenn er es noch so schätzte.

Nuck hat sich, so lange die Eier kochen und bis das Teewasser zum Wallen kommt, auf das kurze Sofa zurückgezogen, hat die Beine hochgenommen und sitzt halb, halb liegt sie. Sie erinnert Fritz Eisner in dieser Stellung, die sie sehr gern einnimmt, an eine jener großkopfigen liegenden aufgestützten Frauenfiguren, wie sie auf den etruskischen Alabasterkästen zu Tausenden in Florenz im Archäologischen Museum und im Louvre ruhen ... auf jenen Steinkästen, die kaum größer sind als eine Briefschatulle und in denen diese alten rätselhaften Herrschaften die Asche und die Knochenreste ihrer Lieben beisetzten.

»Weißt du«, doziert sie, vom Sofa aus, »im Kern hat er ja doch, dieser Kerr, eine Ähnlichkeit mit Peter Altenberg. Es soll Altenberg nebenbei schlecht gehen. Er ist krank und hat sich die Hand gebrochen. Aber Kerr ist so etwas wie ein reicherer, glücklicherer Bruder von ihm,« Nuck begleitet ihr Privatissimum mit weiten ausladenden Handbewegungen, »beide stehen nämlich am Rand des Tanzbodens und sind ganz unverspießert, eben weil sie beide unverheiratet sind, oder Kerr es zum mindesten doch den wichtigsten Teil seines Lebens war. Und beiden blieb deshalb die wundervolle Ruhe der Selbstbesinnung. Nur ist Altenberg mystischer, tiefer, und urtümlicher, weil er – ungebildet ist. Aber das ist sein Glück. Deshalb ist er ja ein lichtempfindlicher Film, auf dem nichts von vordem Bilder hinterließ, und den er ganz mit seinen Aufnahmen füllt. Und er kann noch bald als sechzigjähriger sein Leben jeden Tag neu anfangen. Aber Altenberg ist erziehlich. Ist eigentlich ein Schulmeister, wenn auch nur modernster Prägung, von einem Landerziehungsheim; – während Kerr ganz und gar ein beseligter Ahasver ist. ›Ich sehe‹, sagt er. ›Ich bin beglückt‹, sagt er. ›Ich nehme auf‹, sagt er. ›Was geht es mich an, daß Ihr alle unverbesserliche Mistviecher seid. Meinethalben bleibt es bis an das Ende aller Tage. Ich liebe Euch nicht. Ich hasse Euch nicht. Ich will Euch nicht bessern. Ich bin. Das genügt mir. Und einst wird kommen der Tag.‹« Nuck machte eine besonders große Geste. Sie hatte sich ganz rot deklamiert. »›Wo ich, wie all die Milliarden Wesen vor mir, und viele von denen, die mit mir waren ... wie Poppenberg! ... beides nicht mehr tue. Das stimmt schattenhaft mich traurig.‹« (Nuck machte eine Pause, als rührten sie ihre eigenen Worte.) »›Aber dann beseligt es doppelt mein Sein und meine Atemzüge ... Vielleicht.‹« Sie schluckt, während Fritz Eisner sie lachend streichelt, denn sie hat sich in eine unerklärliche Ergriffenheit hineingeredet. »›Vielleicht sind es die letzten.‹ Das ist ... und deshalb liebe ich ihn ... echte Poetenweisheit. Freude am Leben. Keine Erkenntnis erstrebt. Keine Belehrung für die andern.« Jetzt hat sie Fritz Eisner um den Hals gepackt und zieht ihn zu sich auf das Sofa herunter, spricht ihm leise und singend ins Ohr: »Jeder von uns beiden ist ein Aas ... glücklich, wer des andern Herz besaß!«

Ganz leuchtend rote Backen hat sie bekommen, das heißt, sie sind wie immer gerötet unter dem leichten Bronzeton ihrer überempfindlichen Haut.

»Hör mal, Nuck«, ruft Fritz Eisner. »Sehr schön. Kerr – Altenberg. Eine Parallele. Freies Thema für die erste Oberklasse des Kaiserin-Augusta-Lizeums. Aber, ich werde dir doch die Karaffe mit dem Burgunder höher hängen. Ich glaube, du hast schon zwei Glas so auf den nüchternen Magen heruntergegossen. Das tust du doch sonst nicht (›Ach laß mich doch, es schmeckt mir so gut‹). Nein, das darfst du wirklich nicht. Der trinkt sich nämlich sehr leicht und ist dabei schwer wie Blei. Aber er macht wenigstens angenehm und vor allem zärtlich betrunken. Mit Weinlaub im Haar. Also, trink du nur noch ein bißchen, mein Nuckchen.«

Und dann sitzen sie beide bei Tisch sich gegenüber in angenehmer Distanz. Können sich in die Augen sehen und im Notfall, – und der tritt öfter ein, – wenn jemand nach einer Schüssel greift, auch mit den Fingerspitzen sich streifen. Antonius und Kleopatra, die Fresken von Tiepolo da in dem kahlen Saal von dem heruntergekommenen und verschmutzten Palazzo Labia in Venedig, auf denen Kleopatra sehr jung, aber doch ganz damenhaft schon ist. Aber Antonius eben doch ein angejahrter Knabe, dem es zuzutrauen ist, daß er mit seiner Spätsommerliebe ein Reich verscherzt. Zwanzig Jahr jünger, und er hätte es nicht getan.

Ruth hat mit Hilfe von etwas getrocknetem Eigelb und einem Ersatzöl schnell zu ein paar Mohnblättern von Roastbeefscheiben von Kempinski (ohne Fleischmarken) eine Art Tunke gemacht, die sie als Mayonnaisensoße ausgibt. Sie liebt es zu kochen und in der Küche mancherlei auszuexperimentieren ... trotzdem sie sich aus dem Essen als Tätigkeit und Funktion auch gar nichts macht und meist mit langen Zähnen an den Dingen herumknabbert, und von allem eher kostet, als ißt. Nur in Obst feiert sie Orgien. Das kommt ... sie will's zwar nicht wahrhaben und streitet es ab ... von solcher Erkrankung aus der Kinderzeit her, auf die sie noch heute stolz ist, weil sie sie zum interessantesten Fall machte, an dem von allen Universitäten ein Dutzend der ersten Internisten und Kinderärzte herumgeraten haben, ohne herauszukriegen, was es eigentlich war. Genug, es war so alles in dem innern Uhrwerk und der Chemie des kleinen Körpers in Unordnung geraten, was nur in Unordnung geraten konnte: Leber und Galle, Nieren und Milz und Drüsen, die ganze innere Topographie. Und als sie dann sterben wollte, hat ein sehr ungelehrter Arzt einfach als Letztes sie hungern lassen, wochenlang sie kaum ernährt, und dadurch – auch hierüber hatten dann später die Koryphäen jede ihre eigene Theorie, wenn sie sich auch einig darin waren, daß sie damit falsch behandelt worden war ... darüber war die Sache so langsam, sehr langsam wieder ins Lot gekommen. Heute war sie nach ihrer Aussage ein kerngesundes Menschenkind. Und wenn man sie so sah, mochte man es wohl glauben. Nur verstand man, wenn man sie näher kannte, nicht, wovon sie eigentlich lebte, den Betriebsstoff zu den Energiemengen hernahm, die sie bei der hohen Tourenzahl ihres Motors verausgabte, und wie dieser kräftige, ja etwas füllige und schwere Körper sich mit solch einem Minimum erhalten konnte. Vielleicht hatte sie auch nur lange genug herumlaboriert, um sich weiter noch um sich selbst zu kümmern. ›Wenn man so lange krank war, wie ich, bekommt man zum Schluß einen Haß auf seinen eigenen Körper‹, sagt sie gern.

Das Merkwürdigste aber war, daß sie, die durch lange Jahre nicht in die Schule gegangen war, und zuerst keineswegs eine Musterschülerin gewesen war, dann mit einem Jahr Privatunterricht alles nachgeholt hatte, so daß sie doch wieder als Jüngste und als Beste die Schule verließ. Es kam ihr wohl alles angeflogen und sie war schon in der Schule dadurch aufgefallen, daß sie nicht nur mit einem fast japanischen Gedächtnis für Einzelheiten alles aufnahm, sondern es sehr kritisch zu bewerten wußte. Als Schrecken ihrer dummen, und als die einzige Freude ihrer klugen Lehrer. Weder körperlich also noch geistig hatten die vier Jahre Spuren bei Ruth zurückgelassen. Und doch waren sie für Körper und Seele ein Loch in ihrem Leben, eine schlecht vernarbte Wunde, ein Punkt des geringsten Widerstandes. Das wußte kaum jemand – denn sie hatte wirklich für ihre jungen Jahre einen erstaunlichen Aufstieg genommen – wenn auch eigentlich Fritz Eisner irgend etwas von diesen geheimen Lebensschwierigkeiten unbestimmt fühlte, und eben dadurch – ohne sich darüber Rechenschaft zu geben – innerlich nur fester an sie gekettet war. Fester jedenfalls, als an all die Frauen oder Mädchen, die vorher sich ihm für ein Stück Weg angeschlossen hatten, und denen er – denn er war nie mit einer böse auseinandergekommen (aber die Zeit hatte doch das vermocht, was ihnen eigentlich unbegreiflich erschien) – denen er innerlich über Jahrzehnte oft menschlich die Treue bewahrte. Wie sie es ihm taten.

Aber heute, jetzt, war Nuck einmal gar nicht wählerisch, und aß mit einem Heroismus, den sie sonst trotz allen Zuredens nie aufbrachte, von allem, was auf dem Tisch war. Und, wenn die beiden Karaffen schneller abnahmen, als Fritz Eisner gedacht hatte, so war das eigentlich doch nur zu einem Drittel sein Werk.

»Du spielst wohl Hedda Gabler? Mit Weinlaub im Haar? – Kennst du nicht ...? Merkwürdig, Nuck, wieviel Dinge ihr jungen Menschen heute nicht mehr kennt, die für uns einmal groß und bestimmend waren. Nicht, daß sie euch nichts bedeuten, wundert mich, sondern daß sie für euch nicht mehr vorhanden sind. Dabei habe ich doch so viel Ehrgeiz für dich. Merkwürdig – ich habe immer für alle, die ich liebe, so viel Ehrgeiz, und für mich habe ich gar keinen.« (»Du hast gut reden ... du hast ihn nicht mehr nötig, Yorikchen«, Nuck begann müde zu werden.) »Du sollst so die Frauenführerin von morgen und übermorgen werden. Die deutsche Pankhurst. Denk nur, was ihr noch alles zu erringen habt: Eherecht, Wahlrecht, Recht über eigenen Körper, Aufsicht über die Schulen, ... in der Wohlfahrtspflege ... Bildungswesen ... die Tausende von Sozialbeamtinnen und Ärztinnen, die fehlen ... die Wohnungsrevisorinnen ... das Scheidungsrecht für beide Teile mit seinem seelenmordenden Schematismus ... Anteil an der Regierung in allen Fragen, die euch angehen. Was es da alles zu erkämpfen und neu zu entdecken gibt! Gar nicht auszudenken. In meiner Jugend war die Karte von Afrika schwarz, unerforscht. Heute gibt es keine schwarzen Stellen auf der Karte mehr, und die Eisenbahnen werden bald von einem Ende nach dem andern besser als in Europa oder Amerika gehen. Genau so unbekannt und unentdeckt ist noch das eigentlichste Reich von euch Frauen, – hilf's mit entdecken, Nuck. Bau' Eisenbahnen von Norden nach Süden, von Osten nach Westen. Das fehlt euch Frauen, verstehst du? Ihr braucht nur hunderttausend kluge weibliche Ingenieure.

Und wenn dann mal in fünfzig Jahren deine schönen Augen müde werden und sich schließen, dann mußt du dir sagen können: Auf der Karte des Frauenreichs gibt es keine schwarzen und unentdeckten, von der großen Linie des Menschlichen unberührten Stellen mehr. So etwas möchte ich gerne aus dir machen. Dazu muß man sehr klug sein, energisch, diplomatisch, aber mutig und gerecht, von scharfem, zergliedernden Verstand, repräsentativ und sehr sicher in der Diktion und Dialektik. Und von all dem hast du etwas, wenn du nur an die rechte Stelle kämst. Männer sind dumm. Das hat man ja jetzt gesehen. Alle ihre Politik ist Faustpolitik, gipfelt in einem ceterum censeo, Carthaginem esse delendam. Kannste noch so viel Latein? Übrigens muß Karthago zerstört werden. Männer sind ohne Überlegung. Ruinieren ein anderes Land und glauben, sie würden dadurch reicher, weil sie nicht sehen, daß sie sich selbst ruinieren. Jubeln, wenn sie Werte ins Meer versenken, ohne sich zu überlegen, daß sie eben ihnen und niemand sonst fehlen werden. Männer sind ohne jeden Gemeinschaftssinn. Oder zweifelst du daran? An euch Frauen einzig und allein liegt es, ob sich dieser blutrünstige Wahnsinn eines über vier Jahre langen Mordens je wiederholen wird. Oder setzt ihr eure Kinder dazu in die Welt?! (»Gewiß nicht«, wirft Nuck ein, errötet und gähnt verstohlen nach innen.) Und an uns ... morgen liegt es. Gibt es vielleicht eine größere Blamage für die Kultur, als dieser Welten-Rückfall in die Steinzeit jetzt? ›Ich glaubte, Krieg ist etwas Altmodisches‹, hat meine jüngste Tochter August vierzehn sehr erstaunt gesagt. Das Kind von sechs Jahren war weiter als ihr alle!

Ach, es gibt so viel bei euch noch zu machen, in eurem Afrika. Frauen schreiben Bücher. Mit die besten Bücher, die wir in der ganzen Welt haben. Und ich habe noch nie das Buch gelesen, das all das zusammenfaßt, und das einmal klarlegt, worin sind die Bücher anders als die, die wir Männer machen. Sie sind anders. Und ich will dir hundert Bücher ... gute Bücher von Frauen nennen, die wir nie schreiben können. Kunde aus einem Land, das noch nie die Seele eines Mannes betreten hat. Warte, Nuck, ich will für dich Bücher von Frauen sammeln. Das Buch sollst du dann einmal schreiben, Nuck. Ich weiß ja, ich bin so größenwahnsinnig-ehrgeizig für die Menschen, die ich liebe. Also, ich stelle mir das sehr schön vor: Wenn der eine hier und der andere drüben steht und sich die Hände herüberreichen: ›Die freie Schweizerin dem freien Mann!‹ In Wahrheit werden natürlich zwei solcher Menschen gar keine Zeit mehr für solche Albernheiten haben, sondern von einer Sitzung in die andere stürzen, immer aneinander vorbei ... Deine Mayonnaise nebenbei ist sicher das Beste, Nuck, was ich seit sieben Jahren gegessen habe. Jedenfalls sieht sie gelb wie eine Quitte aus.«

Aber so etwas sagt Fritz Eisner immer, bevor er etwas nimmt. Er liebt, wenigstens beim Essen, chinesische Höflichkeiten.

»Hast du eigentlich hier schon einmal zum Fenster hinausgesehen? Sieh mal, Sterne, Sterne ... ›Sterne seid ihr wieder da?‹ Wie still das ist. Und richtige Luft. Und kein Luftersatz, wie in Berlin. Und sieh nur, wie rot das da hinten ist. Da brennt Berlin über den Bäumen. Du brauchst nicht zu erschrecken. Das tut es jeden Abend ... Hörst du, wie der Gaul da trappt? Tapp Tapp. Es muß ein ganz schweres, belgisches Halbblut sein, ein Percheron. Der geht so. Es ist hier zur Nacht so still, daß man alles sehr weit hört. Nicht nur die Stadtbahn und die Wannseezüge und die vielen D-Züge, wenn sie von weit her durch den Wald wie die Wölfe schon heulen. Aber nachher ist es eben doppelt ruhig. Ahnst du, woran mich dieser Hufschlag da erinnert? Kennst du das? Ach nein, das war ja vor deiner Zeit. An Paris. Da zogen immer die ganze Nacht die Hunderte von Gemüsekarren, die durch die Porte Maillot hereinkamen, nach den Hallen unter meinem Fenster vorbei. Das habe ich jedes Jahr gehört, wenn ich dort war. Denn ich habe immer wieder in der gleichen kleinen Pension gewohnt. Die Gäule gehen ganz allein, kennen den Weg und die Führer schlafen indessen auf den Mohrrübenbündeln, den Sellerieknollen und den Blumenkohlköpfen groß wie die Fußbälle, auf den Mangoldhaufen und in den Salatbergen. Liegen schlafend, wie auf großen, bunten Teppichen, oder besser, wie in riesigen Buketts. Ich habe das immer von oben, von meinem Fenster herab gesehen. Schade, daß du das noch nicht kennst. Ohne die große Zeit hättest du gewiß Lena schon längst in Paris mal besucht. Wann wird man wieder hinkommen? Aber nach Paris, da fahren wir beide doch hin, sobald es geht. Meinst du, daß eigentlich der Franzose sich geändert hat? Er war so scharmant und so klug und so beweglich und so liebenswürdig. Ein Volk von Fackelträgern nennt Hamsun die Pariser. Ob das wirklich alles hin ist? Wie bei uns! Vergleich doch nur mal die beiden Sätze, Nuck: Ich bin Ihr Bewunderer, und je suis votre admirateur oder je vous admire, was wohl richtiger ist. Der eine brummt deutlich: Eigentlich biste ein ekelhafter Kerl trotzdem ...! Der andere aber kommt mit schnellen, leichten Schritten heran und zieht den Hut, macht einen tiefen Diener, und legt die Hand aufs Herz: ›Möchte Sie streicheln zum Dank‹, sagt er. ›Aber ich wage es nicht ... So gestatten Sie mir also wenigstens, es mit Worten zu tun.‹ Meinst du, ob so etwas, das dreihundert Jahre bald alt ist, sich ändert? Wäre schade! Wie eng ist die Welt geworden. Und wie weit war sie vorher. C'est dommage!«

»Ach ja, Yorik«, sagt Ruth. »Wir beide müßten heute noch nach Paris fliehen können. Das wäre eine Lösung. Aber, da wir das nicht können, und wir aus unserm zerplatzenden Luftballon hier eben nicht aussteigen können,« (wie gut sie spricht, denkt Fritz Eisner ... Meine Nuckeline!), »bleibt doch nun mal alles, wie es leider ist.«

Fritz Eisner spürt einen Doppelsinn, aber er kann ihn sich nicht deuten. Kann nicht fragen und will nicht fragen. (Frauen müßten mehr Blumen in das Haar stecken. In Spanien tut man das. Wie schön und stolz doch die Chrysantheme Nuck macht!)

Fritz Eisner zieht sie vom Fenster weg. Er kann nicht anders, als sie in die Arme nehmen. »Aber warte«, sagt er. »Ich will dir doch noch meinen kleinen Porzellankerl zeigen. Du kriegst ihn nicht in die Hand, sonst brichst du ihm wirklich noch aus Eifersucht die Knochen.«

Er hebt ihn vom Tisch, hält ihn wie ein Antiquar, und lächelt ihm verliebt zu, betastet ihn mit den Blicken, so wie es ein gewiefter Altertumshändler tut, wenn er einem Kunden suggerieren will, er müsse dies Stück und grade dies kaufen.

»Ich liebe ja weiße Porzellane noch mehr, als farbige. Die Form ist reiner.« (Nuck will das Püppchen in die Hand nehmen.) »Nein, laß! Wenn du ihm einen Arm oder nur ein paar Finger abknackst, ist ja das nicht meinethalben schade, sondern die Summe der schönen Dinge wird um eines verkleinert, und es wachsen so wenig nach. Und dann liebe ich Putten sehr ... römische, florentinische, dicke barocke und die Purzelengelchen des Rokoko von Boucher ... Vielleicht, weil ich Kinder sehr liebe. Jetzt dreh ich ihn dir ganz langsam um. Sieh nur mal, wie nett das Kerlchen mit der gebogenen Schulter seinen Delphin hält. Er ist so glitschig, daß er ihn kaum zwingen kann, und daß er ihm sicher in der nächsten Sekunde aus den Händen rutscht. Aber noch hält er ihn. Er muß sich sehr anstrengen dabei. Wie gut er doch als Plastik ist. Er hat von jeder Seite eine geschlossene Kontur. Das ist uns eben verloren gegangen. Das Gefühl für so etwas.«

Aber Ruth ist das zu zahm und zu süßlich, sie ist mehr für Pechstein und Häckel. Sie sagt es zwar nicht, aber ihre Blicke sagen es Fritz Eisner. Vielleicht ist es auch der Wein, der sie müde gemacht hat. Oder sie denkt an etwas anderes. Ihr Blick gleitet fast gleichgültig von dem Püppchen weg auf den Schreibtisch hinab, auf diese stolze, feierliche, geschnitzte Anhäufung von Palisanderholz, und bleibt da an einem Brief hängen, dessen Handschrift sie blaß macht und erregt. Diese Buchstaben können klein, dick und gleichmäßig sein. Aber manchmal sind sie groß, ungleichmäßig und fliegen wild, wie der Inhalt, durcheinander. Und das ist einer von den wilden Briefen. Das sieht man sofort. Gegen Schluß tobt er immer mehr.

»Was schreibt dir denn Annchen?« fragt Ruth.

»Sprechen wir nicht davon. Immer das Gleiche. Es ist ja doch eigentlich ein Jammer.« Aber dann beginnt Fritz Eisner eben trotzdem darüber zu reden. Er tut es sonst nicht. Er ist gewiß kein Schweiger. Aber ein Verschweiger. Auch nicht Nuck gegenüber spricht er sonst davon. Aber vielleicht hat der Wein – und so etwas ist ja jetzt ungewohnt! – seine Hemmungen niedergelegt, wie einen morschen Zaun ein kleiner Windstoß. Vielleicht auch hat er all das zu lange Jahre in sich hineingefressen ... hat er sich doch sogar einmal in den Armen von Hannchen ausheulen müssen ... über diese unabsehbare Quälerei einer mißglückten Ehe, die er immer wieder lösen wollte, die seit fünfzehn Jahren scheidungsreif ist, und die er doch der Kinder wegen nicht auseinanderreißen konnte. Aber das kann doch unmöglich ein ganzes Leben lang noch so weiter gehen!

»Ach Gott, Nuck, ich muß wohl überall im Leben den vollen Preis bezahlen, und, wo ich mich darum drücken wollte, den doppelten. Neuerdings spielt sie sich nebenbei mal wieder als die Großmütige, aus Liebe zu mir verzichtende Todeskandidatin auf. Nuck, sie wird dich und mich und ihre Kinder überleben und unsere auch wenn wir welche je bekommen sollten. Die acht Tage da unten waren abscheulich jetzt wieder, und sie wurden nur noch durch die Nächte übertroffen. Ich habe sicher in der Woche da unten nicht zwei Stunden hintereinander geschlafen. Jeder Dichter ist wirklich ein Orpheus. Das ist eine tiefe Symbolik. Er macht zwar nicht, daß die Bestien ihm zuhören und die Steine tanzen. Aber er wird von Mänaden zerrissen.«

Nuck jedoch liebt es nicht, daß man ihre Geschlechtsgenossinnen schmäht. Selbst in diesem Fall einer tiefen, latenten Feindschaft ... trotzdem sie doch scheinbar die Siegerin ist ... liebt sie es nicht.

»Aber so muß es doch nicht immer gewesen sein. Sie war doch mal genau so, wie wir alle. Wie kommt denn so was? Hast du da nicht auch dein Teil von Schuld dran? Sie ist doch, das hat sie mir selbst gesagt, bevor sie heiratete, als Sängerin in der Hofoper in Zerbst aufgetreten, hat sogar die Carmen gesungen. Sie sagte mir, sie hätte da Kastagnetten gehabt. Hat Carmen eigentlich Kastagnetten? Und sie liest doch noch heute Schopenhauer, vor allem Schopenhauer, weil sie Kant sich übergelesen hat. Ja, das hat sie mir wirklich gesagt. Und eigentlich war sie doch sehr nett zu mir, wie ich vor acht Wochen in den Ferien mit bei dir war. Ich wär's nicht gewesen. Das kannst du glauben. Ich habe nebenbei ganz vergessen, wie sie aussieht; will sie mir immer vorstellen heute, den ganzen Tag schon; aber es geht nicht.«

Fritz Eisner zuckt die Achseln. Jetzt ist er schon wieder ruhiger geworden. »Mag sein, Nuckchen«, sagt er. »Ich jedenfalls weiß nichts von alledem. Ich habe weder das eine noch das andere mit eigenen Augen gesehen. Zu Fremden ist sie außerdem immer liebenswürdig. So klug ist sie doch noch, daß sie sich nicht von denen in die Karten gucken läßt.« (Vielleicht glaubt Annchen selbst so etwas, wenn sie es ausspricht. Das wäre die einzige Entschuldigung für sie. Wie oft, wie dutzendoft habe ich solche Erzählungen wieder diplomatisch ins Lot bringen müssen in den siebzehn Jahren.) »Eigentlich lese ich diese Briefe ja gar nicht mehr. Ich sehe schon an der Schrift, was los ist. Weißt du, Nuck ... Merkwürdig: solange sie das arme, kleine, zitternde und heulende Tierchen ist, das hilflose Ding, das alte, in die Welt der Großen verirrte Kind ist ... habe ich da drin doch noch irgendeinen Rest von Gefühl für Annchen. Aber wenn sie den Stolz in sich entdeckt, und wie ein Amokläufer der Worte losrast, da ist nur noch ein Eisklumpen da drin. Und solch einem Wesen soll man nun vielleicht seine Kinder anvertrauen müssen! Wie einfach wären doch die Dinge dieser Welt, wenn man sich nur darauf verlassen könnte, daß die Menschen ... Menschen sind. Ich kenn mich doch, und weiß, ich werde nie die Hand von Wesen ziehen, die sich mir anvertraut haben, ob das nun Kinder sind, oder eine Frau ist. Aber keine Hand wird so viel gebissen, wie die, die das Futter reicht. Es wird einem verdammt schwer gemacht!«

Fritz Eisner ist erregt und dann muß er rauchen. Kramt noch aus dem Taschenfutter eine parfümierte englische Zigarette aus.

»Du sollst doch das Giftzeug nicht rauchen, Yorikchen, mit deinem Herzen. Nimm hier eine deutsche von mir. Sie ist ganz passabel noch.«

»Ach was, Herz hin, Herz her! Soll man einen Tag früher sterben. Deine deutschen Zigaretten sind ein Verbrechen an der Volksgesundheit!«

»Das eine hat mich ja auch in Staunen gesetzt. Wie ist es möglich, mit einem Menschen deiner Art, der doch zum mindesten sehr intensiv und nach vielen Seiten hin lebt, bald über zwei Jahrzehnte zusammen zu sein, und es soll nichts, aber auch gar nichts davon abgefärbt haben und hängen geblieben sein! Wie ist das möglich? Aber wirst du auch mal später so von mir reden, Yorikchen?!«

»Nein, Nuckelino, du bist etwas Einmaliges. Du bist aus anderem Holz geschnitzt.«

»Wenn du dich nur nicht täuschst, mein alter Junge. In sehr vielen Dingen sind wir alle gleich. Bei der einen merkt man es früher. Bei der andern später. Das ist der ganze Unterschied. Bei mir, armer Yorik, wirst du es auch noch sehr bald merken.«

»Nein, mein kleines Zebukalb. (Du hast doch einen Rücken wie ein echtes, indisches Zebukalb.) Du bist ein aufbauender, und Annchen ist ein zerstörender Mensch. Du bist ein konstruktives, und Annchen ist ein destruktives Menschenwesen. Du kannst deine Gedanken gliedern. Ihr zerflattern sie, sowie sie sie greifen will. Und dabei hat sie einmal einen sehr guten Kopf gehabt, der leicht faßte. Aber doch wohl nie etwas in das rechte Fach tat, und alles dann eben noch leichter wieder vergaß.

Aber du gähnst doch schon wieder ... so innerlich. Ist dir auch nicht kalt? Hier ist es immer ein bißchen feucht draußen. Hier waren mal große Fenns und Sümpfe. Ich bin's gewohnt, hab schon vor dem Krieg draußen gehaust. Aber wer neu hier herauskommt, der spürt's immer leicht. Spiel die Madame Pompadour und die Dubarry und die Dudeffand. ›Morgen früh ist die Nacht kurz‹, wie unsere alte Hedwig immer zu meinen Kindern sagt, wenn sie sie ins Bett treibt. Jedenfalls werden hier nicht die Sirenen losgehen wegen Fliegergefahr, und wir werden nicht in den Keller kriechen müssen, wie das manchmal in den letzten Jahren bei uns da unten war. Aber wir sind doch zu unbedeutend. Nicht mal einen halben Zentner Ekrasit sind wir ihnen wert gewesen. Ich gehe nur noch einen Augenblick an meinen Schreibtisch herüber, will den Brief mal ganz kurz wenigstens beantworten, damit man ihn gleich morgen früh wegbringen kann. Ich versprech' dir auch, daß ich es nicht so mache, wie sonst immer. Wenn ich mich nämlich mal um elf schon schlafen legen will (ich bin sonst ein Nachttier ... das bringt der Beruf mit sich), gehe ich halb ausgezogen für eine Sekunde rüber an den Schreibtisch, um nach einer Notiz zu sehen, in der ich ein Wort verbessern will. Und plötzlich ist es – ohne daß ich es merke, Viertel vier geworden, und ich habe Eisbeine bekommen. Natürlich habe ich die Notiz nicht verbessert, sondern irgendeinen Unsinn geschrieben. Also kriech' du ruhig in die Falle, Nuckchen. Und siehst du: habe ich nicht recht; hier ist der Krieg doch weiter fort, als in Berlin? Bei mir unten ist er wieder näher. Weil man den ganzen Tag die Kanonen von der Front, wie die Hummeln, brummen hört. Also wirklich Nuckchen, ich komme gleich nach ... du kannst die Tür weit offen lassen ... ich lass' hier auch das Fenster auf ... sonst schläft man so schwer bei Zentralheizung.«

Nuck nimmt ihre Mappe unter den Arm, ruft: »Aber komme bald nach, sonst schlafe ich ein. Der Beaujolais war doch schwerer, als er sich so trank.«

Ob sie da in der Mappe vielleicht schon vorsorglich das Nachtzeug drin hat? Aber sie konnte es doch eigentlich gar nicht wissen. Oder habe ich doch vorher davon gesprochen?!

»Denk mal, wenn ich ein Junge wäre, so wäre ich vielleicht doch schon längst Stubenältester im Massengrab. Von meinen Freunden, die nicht älter waren, als ich, lebt kaum einer noch«, ruft Ruth vom Nebenzimmer noch mal herüber.

»Stubenältester wohl nicht, mein Nuckelino. Wenn du nicht gerade bei den Siebzehnjährigen von Langemarck gewesen wärst.«

Fritz Eisner hat vom Schreibtisch fort den Kopf zu ihr herüber gewandt. Wie schön sie wieder aussieht in ihrer reifen Frauenschwere: steht da vor dem Spiegel und fährt sich mit einem breiten Kamm durch den Roßschweif ihres Haars. Ganz schwarz, beinschwarz ist es ja doch nicht, wenigstens jetzt in dem Ampellicht hat's einen goldigen, einen braungoldigen Schimmer. Und braunes Gold spielt in ihren Augen; und ebensolch ein Schimmer liegt über ihren Lippen und ihrem Lächeln, umspielt ihren Nacken und ihre bloßen Schenkel. Wirklich, als ob sie der Palette Tintorettos ihr Dasein verdankte, schießt es Fritz Eisner durch den Kopf. Sicher hat der sie vor dreihundertfünfzig Jahren schon mal im Dogenpalast gemalt. Oder in der Scuola di Rocca. Für die eine, die da vorn den Krug hebt, muß sie ihm Modell gestanden haben. Und so etwas soll man überhaupt mal wieder von sich fortlassen müssen! Warum macht man eigentlich solch einem Mädel so viel Sorgen?!

»Was hast du eigentlich da für einen großen blauen Fleck an der Wade? Das sieht ja von hier ganz böse aus. Bist du da gestürzt?«

»Ach, gar nichts«, kommt es zurück. »So etwas bekomme ich immer, sowie ich mich nur ein bißchen stoße. Ich brauch's gar nicht zu merken. Aber das geht wieder weg. Ich bin doch sowas wie 'n weiblicher Bluter. Weißt du, das Blut hat nicht genug Gerinnfähigkeit bei mir. Aber das kann sich auch mal wieder geben, meinen die Ärzte.«

Und dann hörte Fritz Eisner, wie sein schönes französisches Bett leise knackt. Wird wohl gleich einschlafen. Burgunder macht müde. Aber angenehm müde. Mich macht er eigentlich immer so angenehm traurig.

Dreimal beginnt Fritz Eisner den Brief an Annchen. Was soll er eigentlich schreiben?! Auf ihren Ton will er nicht eingehen. Und jedes Wort, das er ihr schreibt, ist eine Unwahrheit doch. Oder zum mindesten zielt es absichtlich an der Wahrheit vorbei. Er blutet, weiß genau, sie hat ihn mit den Kindern in der Hand. Kann sie jederzeit gegen ihn ausspielen. Und auf keiner Seite ist eigentlich ein Ausweg. Es fehlt nicht viel, er würde den Kopf auf die Platte des Schreibtischs legen und losheulen. Er ist gewiß nicht wortarm; aber er ist merkwürdig stumpf, sowie er seine Gefühle mit Worten interpretieren will ... als ob ich ein Schloß vor dem Mund hätte! ... Wirklich, er hat dann etwas von einem Hund oft, den man durch Prügel handscheu gemacht hat.

Und Nuck ... was soll daraus werden? Merkwürdig, daß die Frauen, die mich lieben, fast immer an mir entzweigehen. Ohne meine Schuld. Und gerade – wenigstens eine Zeit – dann desto unglücklicher werden, je tiefer ich mich mal mit ihnen verbunden fühlte. Vielleicht eben, weil ich doch zu viel mir selbst gehöre, um einem andern Menschenwesen je ganz gehören zu können. Und Nuck ... warum ist sie denn jetzt nur so verstimmt? ... Natürlich ist es ein Problem für sie. Wenn ich zwanzig Jahr jünger wäre und ledig wäre, wär's das nicht. Ich glaube, sie weiß es überhaupt nicht, wie gern ich sie habe ... eigentlich doch, ... gesagt habe ich ihr es jedenfalls nie ... als ob ich in solchen Augenblicken ein Schloß vor den Mund kriegte.

»Mein Armes, Liebes, Gutes, Süßes!« (Ach Gott, dann werde ich eben für Annchen einen andern Bogen nehmen!) »Sieh mal, ich bin lange nicht so gewandt mit der Feder, wie ihr alle es heute seid, ihr jungen Menschen, ihr, die ihr glaubt, ich wäre es. Das Wort ist für mich ein zähes und schweres Material, das sich nicht formen läßt, und das nur sehr ungenau sich mit dem deckt, das man empfindet, fühlt, aussprechen will. Vielleicht deckt es sich mit dem, was man denkt. Aber ich denke ja nicht. Habe mich noch nie dabei ertappt, daß ich denke. Und außerdem – im Vertrauen – was man wirklich denkt, ist meist nicht wert, daß man es in Worte kleidet, oder gar diese Worte in Tinte festlegt. Die andern Worte aber müssen sich schwer aus dem Chaos lösen, das da drinnen brodelt. Sie beglücken, und doch schämt man sich ihrer wieder. Und will sie nicht weitergeben, weil sie unvollkommen sind. Gott – du mein süßes Kind, wenn ich die Augen zumache, sehe ich dich vor mir. Ich sehe dich vor mir in tausend Wandlungen und Erinnerungen, die nicht verwehen sollen, nie, und um deren Beständigkeit ich die Zeit anflehe. Ich sehe deine hübschen Augen – ich habe sie so lieb, wenn sie lachen und wenn sie von innen her von dem klugen Feuer durchleuchtet sind, dem klugen Feuer, das da innen in schnellen Flammen sich ständig erneut. Gott, deine lieben Augen, ich habe sie mit so viel heimlicher Sorge gefüllt! Wann werden sie mir wieder so strahlen, wie sie es einst taten. Sie haben Augenblicke, in denen sie sich verschleiern vor der wundervollen schweren sinnlichen Urkraft, die in dir lebt, wie ein Stück Ewigkeit in der Scholle.

Du bist keine von den Lächelnden und Tänzelnden, die im Reigen dem in die Arme flattern, der sie nach ihnen breitet. Du spielst nicht mit der Liebe, wie jene. Du bist karg und unerbittlich herzlos, wenn es um Pfennige geht für die Liebesbettler am Straßenrand; aber du schenkst dem einen dein ganzes Vermögen auf einmal fort. So, denke ich, müssen diese schwerblütigen Frauen gewesen sein, von denen die Bibel weiß, die Esther, die Judith, solche, die wie die Wüste selbst waren, die nach einem Regenschauer aufblüht, und an einem Tag in sich brennende Glut und tötenden Frost birgt. Sicher haben sie dir einen Tropfen ihres Blutes vererbt. Du großes, hübsches Menschending, du. Manchmal ganz Frau, und manchmal ganz Mädchen. Du weißt ja, wie gern ich vor dir kniee und meinen alten Kopf irgendwie verstecken will. Wie tausendmal habe ich Sehnsucht, es zu tun, wenn du nicht bei mir bist. Und manchmal ganz Gamin. Mit der Nase frech in die Welt schnuppernd. Dann möchte ich dich immer so unter meine Pratze nehmen – den ganzen Kopf – wie man so einen jungen Hund nimmt – und hin und her wirbeln. Immer hin und her, bis mir die Laune, und dir die Luft ausgeht. Vor lauter Freude, die ich an dir habe.

Gott, du lachst doch eigentlich so gern. Zum Schluß ist es ja doch, und wenn du auch die Seriöse spielst, dein Lebenselement. Und ich habe dich in letzter Zeit so selten mehr richtig lachen sehen. Du lachst so gern, Nuck. Du darfst das nie verlieren.

Ja, und deinen Hals habe ich so gern. Du weißt doch: Ich kann mein ganzes Gesicht dort vergraben. Ich habe ihn hunderttausendmal geküßt, und doch ist es mir im Augenblick nicht klar: Ist es die rechte Seite, oder die linke, an der ich mich immer so einkuschele und vergrabe? Es muß wohl deine rechte Seite sein. Weißt du, daß ich dich dann ganz in mich aufnehme, daß ich dich zugleich rieche, fühle, berühre, deinen Geschmack auf meinen Lippen spüre, wie sonst nie. Ich habe da manchmal die Empfindung, als ob ich in deinem jungen Leben ertrinken könnte. Du bist mir nie so nah, wie wenn ich dich dort oben auf den Hals küsse. Wie habe ich dich lieb, du Mädel, du. Wie die Figuren eines Zauberrades tanzt du und nur du in diesem Augenblick an mir vorüber. Ich weiß nicht, ob ich mich an jeden Tag der letzten acht Wochen erinnere, aber sie sind eine kontinuierliche Kette von Bildern, von dir und nur von dir, du, du, du ... Kennst du das Blatt von Hans Meid noch? Ich knie vor dir und küsse deine Hände, genau so, wie ich es zum erstenmal tat, mit den gleichen, ja tausendmal tieferen Empfindungen, du mein wundervolles Geschenk, du!«

Fritz Eisner hat den Brief noch nicht geschlossen. Er weiß jetzt: er wird ihn ihr nicht geben. Zum mindesten ist es nur noch ein Vielleicht, daß er ihn an Nuck geben wird. Sie ahnt das alles ja, und er hat ihn jetzt doch mehr zur Entlastung seiner selbst geschrieben. Von draußen kommt so ein leichter Wind herein, der die Gardinen etwas bläht, und ein Diminutiv eines Regens summt in der Birke vor dem Fenster. Das Laub ist, bis auf ein halbes Dutzend Blätter aus gelbem Gold, abgestäubt schon, und doch summt es genau so noch, wie immer im Sommer. Jetzt regnet es sogar stärker, als ob das Wasser von dem Stamm glucksend abfließt gerade, ... aber auf dem Fensterbrett, wie sonst, hört man doch gar nichts heute von den Tropfen?! Halt! ... da weint doch wer! Das ist ja von nebenan!

»Nuck, was hast du? Warum weinst du? Donnerwetter, was steckst du denn unter der Decke?« Fritz Eisner wirft die Decke zurück und kniet im gleichen Augenblick auf dem Bettrand. »Hast du dich sehr ins Handgelenk geschnitten? Na, es blutet ja kaum.«

Es ist gar nicht so schwer, jemand ein griffestes Messer aus der Hand zu drehen. Aber es ist immer peinlich, in ein offenes Rasiermesser hineinzugreifen, ohne sich selbst oder den andern dabei zu schneiden, wenn man mit ihm ringt und es ihm wegnehmen muß. Und vor allem, wenn es noch so ein ganz breites, haarscharfes, hohlgeschliffenes, englisches, altes Messer ist, erhöht es die Nervosität des Vorgangs.

»Also, mein süßer Liebling, schenk mir doch mal das kleine Messerchen. So etwas habe ich schon lange gewünscht. Also deswegen durfte ich vorhin deine Mappe nicht tragen?! Ich danke dir vielmals für das schöne Messer. Wo hast das her? Solche bekommt man doch hier gar nicht. Das hast du aber eben nicht gut gemacht. Solche Hohlklinge mußt du nicht so sehr schräg ansetzen, Nuckelino, wenn du dir schon die Pulsadern aufschneiden willst. Jetzt werde ich das Messerchen mal ein bißchen aus dem Fensterchen da werfen. Das ist nichts für Kinder. Also, wein nun mal nicht. Du siehst, ich küsse dir deine Tränen alle weg, und erzähl mir mal ganz ruhig, warum machste denn solche Dummheiten. Wenn die Frauen doch endlich mal lernen würden, daß sich alles – was es immer sei – auch ohne solche Dummheiten, wie Selbstmordversuche, in ruhigen Gesprächen viel einfacher ordnen läßt. Du Esel, wenn man so herrlich jung ist, wie du es noch bist, wirft man doch nicht das Leben fort, und trinkt sich noch erst Mut dazu an. Du weißt doch noch gar nicht, ob du einen Gewinn oder eine Niete gezogen hast in dieser Lotterie. Du machst das wohl so, wie du es immer mit deinen Blusen machst, die du dem Dienstmädchen schenkst, wenn du etwas Unangenehmes darin erlebt hast: Solche Kleider will ich nicht mehr anziehen!?«

Ruth Block hat sich im Bett jetzt hochgesetzt. Sie weint und bockt noch wie ein Kind, dem man etwas verboten hat.

»Ach«, sagt sie. »Meine Schwester hat sich auch das Leben genommen. Es ist ja nicht wahr, daß sie an Typhus gestorben ist. Wir haben das nur verbreitet. Ich bin so jahrelang am Rand des Abgrunds gewesen, daß es nur ein Zufall ist, daß ich nicht hineingestürzt bin. Ich habe keine Angst vor dem Sterben.«

»Wie stellst du dir denn das vor, Nuck? (Blutest du da noch? Ist ja nur aufgeschrundet ... Laß, da kleben wir ein Pflasterchen nachher über. Das Wehwehchen da merkt das Kindchen gar nicht mehr; – wenn es es nicht mehr sieht, denkt es auch nicht mehr daran, das Kindchen. Aber die Stelle war richtig, Nuck ... sehr richtig, goldrichtig, Nuck. Bravo!!) Man zieht doch eine Uhr nicht auf (komm mal hier so mit dem Kopf in meinen Arm hinein), nicht auf und hält sie dann gleich wieder an.«

»Ach ich wäre sicher noch einmal wieder gekommen, Yorikchen. Vielleicht auch mit dir dann wieder.«

»Das ist ja eben der traurige Irrtum der meisten Halbgebildeten. Es gibt keine Seelenwanderung, Ruth. Einfach, weil sie unmöglich ist. Seelenwanderung ist Unsinn. Einfach, weil unsere Seele so alt ist, wie unser Leben. Und weil unser Leben so alt ist, wie alles Leben überhaupt auf der Welt, und nicht erst mit dem Augenblick unserer Geburt beginnt. Das, was wir Seele nennen, Nuckelino, ist nur eine oberirdische, unsichtbare Pflanze an einem endlosen, unsichtbaren Wurzelstock, der bis in das allertiefste Erdreich jedes Ursprungs hineinreicht. Und wenn diese Seele sich auf die Wanderung begeben wollte, nach einem neuen Unterschlupf, so würde sie einfach auf der ganzen Erde keinen finden, weil alles schon seit urewigen Zeiten besetzt ist.« (Also erstmal jedenfalls ablenken, sagt sich Fritz Eisner.)

»Ach, halt mir doch kein Kolleg über Materialismus, Yorikchen. Ich bin jetzt nicht aufnahmefähig für so etwas.« Aber schon lächelt sie ganz hinten auf dem Grunde der Augen ein ganz klein wenig.

»Was soll ich dich hindern, mein Junge«, beginnt sie. »Du hast Kinder ... du hast eine Frau, die dich immer wieder unglücklich macht (vielleicht brauchst du das). Du bist ganz und gar auf dein eigenes Leben eingestellt. Das mußt du auch. Denn wärest du das nicht, so hätten wir eben deine Bücher geschrieben und nicht du. Ich sehe längst, es ist alles sehr schwierig für dich. Ich mache dir keine Vorwürfe. Es war mein freier Wille. Ich habe es so gewollt von Anfang an. Und ich wollte jetzt eben ganz still und ohne Aufsehen verschwinden. Wer kümmert sich heute, ob einer mehr oder weniger da ist. Es ist doch eben wohl die Erbsünde, die sich an uns rächt.«

»Unsinn, Nuck.« (Warum sagt sie denn nicht das, was sie sagen will?) »Die Erbsünde ist nicht das, daß wir, Mann und Weib, ineinanderschmelzen müssen, um uns zu erfüllen und fortzuleben. Sie liegt ganz woanders. Nämlich in jener tiefen, alles Leben beschattenden Dunkelheit, daß wir nur mit dem Tode anderer Wesen, ob Tier, ob Pflanze, unser eigenes Leben wieder neu aufbauen können, von Tag zu Tag, und daß man, um ein Dasein, wie das meine, von bald fünfzig Jahren, zu fristen, schon Millionen Wesen gleich mir den Tod bringen muß. Das ist die einzige, aber auch die allereinzigste Erbsünde, die diese Erde kennt ... und die unser Leben verflucht.«

Ruth Block fängt wieder an zu weinen. »Daß zwei Menschen verschiedenen Geschlechts sich ... sich ... sich ... begreif ich«, schluchzt sie auf. »Daß diese zwei Menschen sich liebhaben, begreif ich auch. Aber nie begriffen habe ich, daß diese zwei Menschen, die sich liebhaben, nun durchaus ...«

»Aber Nuck, das lügst du ja doch in deiner weißen Hals hinein, Liebchen.«

Fritz Eisner hält sie jetzt – er selbst sitzt immer noch auf dem Bettrand –, so wie eine Kranke, der mit einer Schnabeltasse Nahrung eingeflößt werden soll. Aber Ruth macht sich mit einem Ruck frei, wirft sich gegen ihn und umklammert ihn.

»Abscheuliche Welt«, wütet sie los. »Das Schönste, das Menschlichste, das es auf ihr gibt, das Einzige, in dem die Verbindung mit der göttlichen Urkraft erschütternd sichtbar wird: Menschen schaffen und Menschen gebären, wird in ihr mit einer Wolke von Klatsch, Gemeinheit, Verleumdung, Gefeixe und hämischen Getuschel, mit Schmähung, Achtung und Schande umgeben. Jedes weibliche Wesen ist doch ein ewiges Gretchen. Was soll ich denn nun tun, wo du mich daran gehindert hast? Ich wollt es eigentlich nicht zu Hause machen. Deshalb habe ich ja schon das Messer seit drei Tagen mit mir herumgeschleppt. Es ist ein altes Messer, noch von meinem Vater. Es soll sehr scharf sein. Ja, also und deshalb wollte ich auch nicht, daß du die Mappe trägst. Was soll ich dich denn noch weiter damit belästigen? Es ist doch schon alles so furchtbar schwierig für dich, mit den Kindern, deiner Arbeit und dieser hysterischen Frau ... die, und wenn sie es dir hundertmal schriftlich gibt, dich zum Schluß doch nicht freilassen wird. Ich wollte nur noch einmal recht nett mit dir zusammen sein, weißt du, ganz eingesponnen von dir sein, du blöder Hammel, du.« (Fritz Eisner küßt sie: ›Du blöder Hammel, du ...‹ war die größte Schmeichelei, die sie ihm in diesem Augenblick sagen konnte.) »Und dann Schluß machen. Still verschwinden. Ich habe hier schon aufgeschrieben, daß dich keine Schuld trifft, ohne jedes Aufsehen, noch mit dem Geschmack von dir auf den Lippen ... nehmen lassen das Kind ...«

Fritz Eisner beginnt krampfig, aber offensichtlich ohne jede Verstellung, ja aus tiefstem Herzen zu lachen. »Ist es denn wirklich vorhanden?« pruscht er heraus. »Dieser alte Narr hat also doch seine Hände in einem Menschenschicksal gehabt. Hedda Gabler. Das kennst du ja doch nicht.«

»Was kann ich dafür, daß du fünfundzwanzigjahr länger auf der Welt bist?« ruft Ruth böse.

»Gott ja, ich bin ja ein wenig alt für ein Kind. Aber jedenfalls soll's gut bei mir haben.«

Nuck schlägt mit der Faust nach ihm. »Was heißt das?« schreit sie. »Ich weine hier und er lacht mich noch aus ... Nehmen lassen will ich's mir nicht. Dich heiraten werde ich wohl schwer können. Außerdem, wie stellst du dir das mit meiner Mutter vor? Gestatte die bescheidene kleine Anfrage, Yorikchen. Die Belastung, mit einem Kind allein zu leben, würde ich nicht aushalten. Dazu bin ich nicht stark genug. Denn eigentlich bin ich ja feige, ... was die Gesellschaft anbetrifft. Und selbst wenn ich mir das Kind jetzt würde nehmen lassen, so würde ich doch nicht weiter ... und das gleiche in paar Monaten tun, was ich heute wollte. Also, Yorikchen, habe ich gedacht, ich muß so handeln!«

Fritz Eisner hat sich über Ruth geworfen, und wiegt sie wie ein Baby zwischen seinen Armen hin und her, und wirklich, er lacht über das ganze Gesicht.

»Du bist verrückt, Fritz ... Er lacht mich noch aus!«

»Nein, Nuckelino, ich lache ja bloß, weil ich so furchtbar froh bin. Nicht über dich, das wird wohl noch gar nicht so sein. Paß auf, ich kenne so etwas. Das stellt sich noch heraus, daß es nicht so ist – sonst, die Spree könnte ja mit kleinen Kindern zugedeckt werden – sondern einfach, weil es mich endlich mal zu Entschlüssen zwingt, zu denen ich sonst doch nie den Mut gefunden hätte ... Deshalb bin ich so lustig plötzlich, Nuck. Weißt du, als ob man sich in einem Wald verlaufen hat und plötzlich wieder auf dem rechten Weg steht. Dann ist alle Müdigkeit weg. Nur einen Fehler hast du gemacht. Einen Grundfehler, den die meisten Frauen machen. Du hast gedacht, du mußt so handeln. Du hast vorhin gesagt, du wärst Gretchen. Nu stell' dir mal vor – du bist doch mein kluges Mädel – male dir mal aus, daß du Doktor Faust bist, und ich bin Mephisto. Und wir machen beide zusammen einen Pakt. Und zwar: Du wirst nicht mehr denken und nicht mehr handeln. Ich denke für dich von jetzt an, und ich handle für dich von jetzt an. Nicht wahr? Darauf gibst du mir einen Kuß. Wir brauchen gar keinen Blutspakt zu machen. Das ist unmodern. Trotzdem du doch, wie du mir eben so lieblich, überraschend und stolz offenbartest, ein weiblicher Bluter eigentlich bist.

Aber nun wird das Thema gewechselt. Ich komme im Augenblick wieder. Ich muß nur noch zwei Zeilen drin an Annchen schreiben. Schön: sie hat mir heute auf meinen Vorschlag geschrieben, daß sie mich freigeben will. Und ich will ihr schreiben, daß sie mir damit einen großen Wunsch erfüllt, und daß es doch besser ist, wir gingen jetzt auseinander, wo wir uns noch gegenseitig die Erinnerung an manches Gute bewahren könnten, und daß ich hoffe – auch selbst wenn wir uns als Eheleute entfremdet haben – ihr weiter ein Freund sein zu dürfen. Ich werde so anständig wie vorher für sie und die Kinder sorgen, die, da ich nicht wünsche, daß sie verpflanzt werden, in meinem Haus bleiben werden (wir müssen uns dann halt was anderes suchen). Nur eine Bedingung stelle ich, daß die Kinder einen Monat im Jahr bei mir sind, und daß ich weiter mich um sie kümmern darf. Ich meine, daß wir auf dieser Grundlage sicher alles zur Zufriedenheit aller Teile – wie es unter Menschen, die ohne Haß auseinandergehen, üblich sein sollte – in Ruhe ordnen werden. Voilà tout. Endlich muß mich doch Annchen lange genug kennen, um zu wissen, daß ich Menschen, die mir anvertraut sind, nie fallen lasse. Und an ein Stuhlbein kann man doch einen erwachsenen Menschen nicht binden, wenn er von einem fort will.«

Ruth hat wieder Fritz Eisner in die Arme genommen.

»Wenn du mir noch etwas zu sagen hast, erzähl' es deinem Kopfkissen ... Das tust du doch immer?! Und das wird es mir dann nachher wieder erzählen. Eigentlich weißt du, bin ich ja furchtbar froh, trotzdem ich nicht eine Spur von all dem, was du dir und mir einreden willst, glaube. Ich habe dir nebenbei eben einen langen Schreibebrief geschrieben, aber den gebe ich dir erst morgen.«

»Gib ihn mir bitte jetzt, Yorik.«

»Gott, es steht ja eigentlich nichts anderes drin als das, was du schon weißt. Um es kurz und rund zu sagen, daß du mir nicht gerade ausgesprochen unsympathisch bist. Aber hier hast du ihn. Lies ihn aber jetzt nicht. Wenigstens nicht, wenn ich dabei bin.«

Nuck hat sich wieder im Bett hochgesetzt und sieht Fritz Eisner eine ganze Weile an, als müsse sie sich das alles noch einmal überlegen.

»Was hat dir denn eigentlich deine Mutter geschrieben, Nuck?«

Jetzt beginnt Ruth Block aus voller Kehle zu lachen. »Geschrieben, meine Mutter? Gar nichts! Das habe ich natürlich erfunden. Ich mußte dir doch irgend etwas sagen. Aber hör mal. Warum bist du eigentlich so pöbelhaft anständig zu mir? Wo nimmste denn diese Unverschämtheit her? Laß mich doch meiner Wege gehen.«

»Nur aus Egoismus, Liebchen. Sacro egoismo, wie die Italiener sagen. Bitte wirklich keinen Fackelzug, Nuck! Es liegt kein Grund vor.«

»Ach, was brauchst du zu schreiben. Komm schnell, komm ganz schnell. Ich glaube, du bist seit hunderttausend Jahren nicht mehr bei mir gewesen.« Ruth macht sehr kleine Augen. »Ich glaube, ich habe deinen Namen überhaupt schon vergessen. Wie hießen Sie doch, mein Herr? ...

Und dann: wie konntest du es überhaupt übers Herz bringen, alter Halunke, so lange mir die Vorzüge dieses Bettes zu verschweigen?«

Und dann ... wird es nicht gerade hell, aber es dämmert schon ...

»Du, komm, wir wollen endlich schlafen jetzt ... Weißt du, Nuck, weswegen Gustav Falke eigentlich gelebt hat? Ja? Oder nein? Nur um eine einzige Zeile zu schreiben: ›Einmal muß der zärtlichste Arm vom Nacken sich lösen und sinken!‹ Deshalb allein hat ihn Gott über fünfzig Jahre lang auf die Welt geschickt. Weißt du, daß ich sehr, sehr froh bin, daß doch alles so jetzt gekommen ist. Wollen wir noch die Plüschportieren vorziehen? Oder schläfst du auch im Hellen ein?«

Wie Fritz Eisner keine Antwort bekommt, beugt er sich herüber. Da schläft Ruth schon, ganz leise und wie ein Kind schläft sie. Wie einfach und weich doch jetzt dieser Kopf aussieht, und wie schön die schwere, säulenhafte Rundung des Halses. Wie der Körper, in jeder Schwellung und Linie lebend und atmend, durch die rote Daunendecke sich zeichnet. Das dumme Ding da also wollte sich noch vor vier Stunden die Pulsadern aufschneiden! Und jetzt schläft's so ruhig und so ausgeglichen wie eine Venus auf einem Bild von Tizian ...

Fritz Eisner dreht sich fort, weil ihm von dem vielen Licht die Augen schmerzen. Es kommt solch ein kühler, scharfer Wind vom Meer dort herüber, das aussieht, als ob Kinder beim Spielen Alazarintinte in eine Waschschüssel gegossen haben. So tiefblau ist es. Und das doch wie ein ... eben wie ein Silberschild dabei blinkt und blitzt an hundert Stellen zugleich auf diesen tausenden von Wellen, die von fern herankommen, eine nach der andern, und sich immer wieder in einem Ornament aus Schaum die Hafenmole entlangschieben und Fritz Eisner die Schuhe bespritzen. Die nasse Kälte geht ihm ordentlich durch die Schuhe hindurch. In dem weiten Halbrund aber selbst, ganz, ganz hinten noch auf dem Berg, da, wo die mächtige einzelne Pinie wie eine dunkelgrüne Nadelwolke über der Höhe schwebt, leuchten mattrosa und goldgelb und veilchenfarben die breiten Kästen der flachen Häuser.

Ein ganzes Land überblickt man. Zum mindesten eine ganze Provinz. Und alles, soweit ich sehe, ist hier doch wie immer dunkelgrün und golden bestäubt von den Orangenhainen.

Entsetzlich, wie die Leute nur lügen! Sagen einfach, man kann jetzt nicht nach Italien reisen, weil wir Krieg mit Italien hätten! Aufgelegter Schwindel! Ich bin doch jetzt in Italien. Und das ist doch hier Palermo! Was soll es denn sonst sein? Man hat wirklich vom Hafen aus einen weiteren Rundblick sogar als von Monreale herunter, von dem Kreuzgang. Apfelsinen gibt's, Berge von Apfelsinen. Dachte schon beinahe, Apfelsinen gehören einer verflossenen Erdperiode an. So lange habe ich doch keine mehr gesehen. Aber weshalb bekommt man denn eigentlich bei uns keine mehr?

Muß doch irgendeinen Grund haben?! Wirklich, wäre herrlich, wenn ich mir jetzt hier eine einzige nur so heimlich mausen könnte.

Plötzlich aber gleitet er schon auf einer langen, langen Straße dahin. Endlos. Sonnig. Leer. Ein paar Droschken und ein paar zweirädrige ganz bunte Karren zuckeln leise in der Hitze weiter. Wie mit einer Schere ist diese Straße von Licht und Schatten mitten entzweigeschnitten. Dachkanten, Dächer, Balkone, Türen, die tiefen Fenster mit den Gittern davor, alles ist überdeutlich, gleichsam zweimal vorhanden wie in einer Mondnacht.

Fritz Eisner sieht Nuck nicht, aber er weiß, sie hat ihren meergrünen Jumper an, und die Mappe hat sie wieder krampfhaft unter den Arm geklemmt. Und sie geht nicht, sie schwebt neben ihm her, über die Platten des Pflasters gleitet sie hin, ohne sie eigentlich zu berühren. Sie schnurrt darüber weg mit den Fußspitzen, die steif nach unten hängen ... wie ein Blechspielzeug, das man aufgezogen hat, und das nun abschnurrt in unbewegter Hast.

Die Kirche aber drüben am Platz mit den hunderttausend Zacken und Scharten brennt ganz goldrot vor Sonne, bunt und rotbraun. Eine alte Sarazenenburg von einer Kirche. Fremdartig und feenhaft. War doch mal anders? Haben also den Dom doch jetzt umgebaut. Die Türen sind weit offen. Wirklich, man muß hineinschweben. Wie die Orgel braust, und was für herrliche Stimmen die Italiener doch haben. Belkanto. Ihre Sprache klingt ja auch schon wie Gesang. Spielen also wirklich in der Kirche das Adagio aus der Fünften. Hat das nicht mal vor kurzem jemand auf dem Cello gespielt? Wo aber? Wo aber? Ein ganz finsteres Haus war's. Doch wie schön das hier klingt. Und wie anders das hier klingt. Als ob man mit einem Kahn auf einem Fluß treibt im ersten Frühling, ist das gerade. Man sieht die Töne gleichsam in der Riesenkuppel mit dem vielen Weiß und dem vielen Gold sich ineinanderweben.

Aber trauern denn all die Frauen, die da singen? Wozu tragen sie denn sonst alle nur schwarz? War also doch Krieg! Wirklich! Entsetzlich! Nicht auszudenken! Wozu eigentlich? Weshalb eigentlich? Cui bono?

Und was klingelt mir denn so dieser Zwerg da, dieses kleine, buckelige Stück Menschenjammer – so viel Krüppel aber gab's doch schon immer in Italien! – mit seinem fatalen Klingelbeutel vor der Nase herum. »Per los victimos de la guerra! Per los victimos de la guerra!!« (Merkwürdiges Italienisch.) Möchte ihm so gerne einen Soldo geben. Einen einzigen, armseligen Soldo nur für seine Kriegsopfer. Aber ich habe doch nicht einen roten Heller mehr. »Gib du ihm, Nuck!« flüstere ich. Aber Nuck macht feierlich und mit einer Geste wie die Schauspielerin Klara Ziegler so groß ihre Mappe auf und nimmt ein riesiges, so daß sie es kaum mit einer Hand halten kann, ein gewaltiges, blankes, haarscharfes Rasiermesser heraus, wie es als Reklame in den Schaufenstern hängt – selbst für einen Polyphem wär's zu groß – und klappt es ganz auf, fuchtelt damit herum. »Nuck, ich beschwöre dich, laß doch den Unsinn!«

»Hach ... da, da ... das ist ja nur das Telefon, diese abscheuliche Erfindung des Teufels. In aller Herrgottsfrühe reißt es aus dem besten Schlaf.« Fritz Eisner setzt sich hoch. »Ich habe doch eben noch eine lange Geschichte mit einer Kirche und einem Zwerg mit blauen Lippen geträumt – kalt ist's! Wer hat denn da das Fenster aufgemacht? Füße wie Eisklumpen habe ich. Aber schön ist es draußen! Sonne. Wirklich Sonne. Ja, ich komme ja schon. Wie Nuck bei solch einem Lärm so ruhig nur schlafen kann. Mich weckt alles gleich auf.«

Fritz Eisner springt hoch und rennt endlich hinein in das Arbeitszimmer an seinen Schreibtisch zum Tischapparat. Wie spät ist es?! In zehn Minuten elf schon? Das ist doch unmöglich eigentlich! »Hier Eisner ... Fritz Eisner ... Wer ist dort? Ach so! Hallo ... Guido Schneider, was machen Sie eigentlich?«

Nuck ist auch aus dem Bett gesprungen. Jetzt steht sie mit offenem Mund und leuchtenden Augen neben Fritz Eisner. Lehnt sich an ihn. Habe doch nie geglaubt, daß mein himbeerfarbener Pyjama einen Menschen so gut kleiden kann. Ich jedenfalls habe immer wie eine gräfliche Vogelscheuche darin ausgesehen.

»Was? Revolution?! Alles schon beinahe zu Ende. Ach, das ist ja famos. Das ist ja prachtvoll!! Denke, Sie haben doch noch gestern dem Gummischweinchen gesagt: Berlin wäre fest in den Händen der Regierung. Haben Sie Däumling wieder freigelassen? Und das Büro der U.S.P.D. wieder geräumt? Scheint ein gleichmäßiges Vorgehen vorzuliegen, sagen Sie?! Naja, meinen Sie etwa nicht?! Fahnenflüchtige Elemente haben schon gestern die Truppen zu verseuchen gesucht im Sinne der U.S.P.D. Sie merken auch alles, Guido Schneider! Also, die Vertrauensleute der Arbeiter sind nicht mehr zu einem Wohlfahrtsausschuß zusammengetreten, wie es der ›Vorwärts‹ so kühn verkündet hat. Und mit dem Waffenstillstand werden auch die Hemmungen in der Kaiserfrage beseitigt werden. Den Jungens ist wohl mit einmal die Sache übern Kopf gewachsen, und nun wissen se nicht, wie sie plötzlich zu der Courage kommen, die Scheidemänner, die die andern gehabt haben. Aber sie werden sich schon an die Spitze stellen. Das tun se immer. Es ist ein glänzender, fast unblutiger Sieg?! Viel weniger Schießerei wie in Hamburg oder Hannover war?! In der Alexanderkaserne haben die Soldaten den Arbeitern von Schwarzkopf gleich als allererstes die Gewehre aus den Fenstern geworfen als Zeichen, daß sie sich ergeben. Nur bei den Maikäfern haben sie einen Offizier, der sich zur Wehr setzte, erschlagen; und ein Arbeiter ist tot und einer schwer verletzt. Generalstreik? Stillegung aller Betriebe. Wells hat eine Ansprache an das Alexander-Regiment gehalten ... haben die Waffen ohne einen Schuß ... ganz allein reingegangen ... sehr mutig!!

Naja ... ich habe eben geschlafen, wie immer. Das unterscheidet mich einzig und allein von Vater Homer. Der schläft nur zuweilen. Ich immer. Die Nauenburger Jäger sind zum Volk übergegangen, haben Delegationen zum Arbeiter- und Soldatenrat nach dem Reichstag geschickt?! Also, es gibt schon einen Arbeiter- und Soldatenrat? Nach russischem Muster. Ich denke, das widerspricht den bestehenden gesetzlichen Bestimmungen?! Und haben die Bewachung des ›Vorwärts‹ übernommen. Große, rote Fahne auf dem Dach des ›Vorwärts‹. Wirklich rot? Richtig rot? Wo haben sie sich denn so schnell nur hergepumpt? In Spandau verlassen die Arbeiter ihre Werkstätten und ziehen in geschlossenen Zügen nach Berlin. Die Militärpatrouillen sind zurückgezogen. Das gesamte Kriegskabinett demissioniert. Was Sie nicht alles sagen, Guido Schneider: Waffen und Munition werden an die Arbeiter verteilt?! Alle reißen die Kokarden von den Mützen und die Dienstabzeichen. Hunderte Personenautos und riesige Lastautos, an denen ganze Menschentrauben hängen, rasen mit roten Fahnen durch die Straßen, mit Revolverkanonen und Maschinengewehren, und die Leute mit Handgranaten am Gürtel ... Einigung der beiden sozialistischen Parteien (›Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Wenn das Wort eine Brücke ist, gehe ich nicht rüber‹ ruft Fritz Eisner erregt in den Hörer). An allen Straßenecken sind riesige Menschenansammlungen und Redner, die zur Ruhe mahnen. Dabei tut niemand nichts. Die Schloßwache hat freien Abzug bekommen. Das Schloß ist Volkseigentum geworden. Die Hohenzollern sollen nebenbei verbannt werden ... die englische Flotte soll auch die rote Fahne gehißt ... (Glauben Sie das wirklich, Guido Schneider?) Wo der Kaiser ist, weiß man noch nicht. Im Hauptquartier ist er nicht mehr. Liebknecht will vom Balkon des Schlosses aus die deutschen Sowjets ausrufen. Eine Arbeiterrepublik. Einem Volk, dem man die Waffen gibt, gibt man die Macht. Das allgemeine Wahlrecht nach dem Proporzsystem – auch für die Frauen. Aber was werden sie damit anfangen? Eisenbahnverkehr morgen wieder aufgenommen. Briefe durch Güterzüge. Waffenstillstand stündlich zu erwarten.«

Nuck ist die ganze Zeit in ihrem himbeerfarbenen Pyjama um Fritz Eisner herumgetanzt. Hat ihm die Arme um den Hals gelegt. Mit in die Muschel hineingehört. Hat sich auf den Schreibtisch gesetzt. Ist wieder heruntergesprungen. Wie ein Hund, der sich vor Freude nicht zu lassen weiß. Und Fritz Eisner ist ja auch unerhört froh. Bestürmt Guido Schneider immer mit neuen Fragen. Er will mehr wissen. Schießen die Leute immer noch? Wenn das Wahrheit wird, daß wir von heute ab in Deutschland unser ganzes Leben umstellen können, daß wir diese ganze anmaßende Blase da oben einfach mit einem Schlag loswerden, so sind diese drei Millionen Männer bei uns nicht umsonst gestorben und zum Knüppel gehauen worden. Man hätte es ihnen nur vorher sagen sollen, daß sie nicht für den Krieg, sondern endlich doch für die Weiterentwicklung der Menschheit gestorben sind. Mancher wäre leichter gestorben.

Guido Schneider ist entsetzt. Wenn auch nur telefonisch. »Wie ich jung war, habe ich auch so gesprochen«, sagt er. »Aber mit den Jahren bin ich doch immer gemäßigter geworden. Ich wußte gar nicht, daß Sie so rot sind, Meister. Na, Sie sind eben ein Dichter.«

»Hören Sie doch auf, mit diesen Verbalinjurien«, schreit Fritz Eisner in den Telefonhörer hinein. »Ich will, daß es dem armen Hund gut geht in Deutschland, in Europa, in der Welt. Nichts weiter.

Ich will, daß der Mensch endlich anfängt, als Mensch auf dieser Erde zu leben. Daß nicht nur fünf von hundert auf dieser Erde sich wohlfühlen und ahnen, was das Leben eigentlich sein kann, sondern neunundneunzig von hundert. Ich werde gar nichts davon haben. Denn ich werde mich in jeder Welt, in jedem Staat, und unter jeder Staatsform genau so glücklich (nicht wahr, Nuck?) und genau so unglücklich fühlen, weil keine einzige auch nur an die ganze Problematik des Seins überhaupt rühren kann, und weil all die Rätsel und Dunkelheiten und Beschränkungen, die im Leben selbst begründet sind, bleiben ... Aber ich will zudem nicht noch dadurch gequält werden, daß der arme Hund von Menschenbruder da neben mir, dumm, roh, schmutzig, vertiert, verhungert, ungebildet, häßlich, gemein, ewig betrunken, versklavt und getreten, elend leben und sterben muß. Jetzt können doch einmal endlich die Mittel frei werden für die Zwecke, die der Mensch braucht, statt für die, die den Menschen zugrunde richten. Ohne sozialisieren wird das natürlich ... Haben sie denn schon die Pläne ausgearbeitet?«

Aber Guido Schneider ist Journalist und Politiker. Sonst ein braver Mann. Aber als Politiker sieht er die Dinge verdammt real. Das also konnte er wirklich nicht in dem Artikel, den er gerade schreiben mußte, und den er sehr vorsichtig abfassen mußte, seinen Lesern vorsetzen. Denn niemand in der Welt konnte ja noch ahnen, wie der Hase lief. Solche Tiraden waren kindliche Phantastereien aus dem Wolkenkuckucksheim für ihn. Man setzt sich nicht gern zwischen zwei Stühle. Und wie sähe das aus: Gestern noch für Kriegsanleihe und heute so!

»Also«, sagt er freundlich und beruhigend wie ein Lehrer zu einem Schüler, der Ansichten auspackt, die nicht in den Rahmen der Unterrichtsstunde passen. »Also, Fritz Eisner, gehen Sie mal rein in die Stadt. Sehen Sie sich den Rummel nachher an. Es ist wirklich ein hübscher Anblick mit den vielen roten Fahnen und den feldgrau gestrichenen Autos und so. Und es gibt Ihnen sicher Anregung. Da könnten Sie uns doch, dachte ich, ein recht nettes Feuilleton drüber schreiben. So in Ihrer Art. Warm, farbig und mit solchen Schuß von Gemüt und Humor. Wissen Sie, mit Ironie seien Sie etwas vorsichtig. Kommen Sie denn mal rein, auf die Redaktion zu mir, da können wir uns auch besser unterhalten. Habe jetzt gar keine Zeit mehr. Extrablätter müssen raus. Wenn uns die Drucker nur keinen Strich durch die Rechnung machen und streiken. Und die Nachrichten überstürzen sich. Was eben noch wahr, ist in zehn Minuten schon eine Ente. Bei mir können wir auch in Ruhe über Ihre Ansichten plaudern. Ich habe ja gar nicht gewußt, daß Sie so jung noch sind.«

Nuck und Fritz Eisner sitzen beide noch in den Pyjamas beim Kaffee – er stand schon eine Stunde auf dem Tisch. Über gestern nacht wird nicht mehr gesprochen. Sie lachen in einem fort über jeden Unsinn. Fritz Eisner hat das Gefühl, daß er vier und ein Vierteljahr verschüttet gewesen war, und nun haben sie ihn herausgebuddelt, und er atmet wieder mit befreiten Lungen, sieht die Sonne wieder, die das erstemal seit vier und ein viertel Jahren richtig scheint. Und es ist nicht mehr die alte Sonne, sondern eine neue, viel strahlendere als ehedem.

»Also, was denkst du darüber, Nuck?« ruft er.

»Ich denke gar nicht«, sagt Ruth. »Ich denke, du denkst von jetzt an für mich?!«

Und dann lachen sie wieder.

Aber das war auch alles, womit sie der Ereignisse von gestern Erwähnung taten. Und doch: Bisher waren sie nur ein Liebespaar, und nun sind sie, als ob sie schon jung verheiratet wären. Schon die Art, wie sie sich anlächeln, ist eine andere geworden. Bisher riß es sie zueinander, jetzt gehören sie zusammen. Die Rolle ist jedem von ihnen neu. Aber sie finden sich doch leicht und schnell darein.

»Du«, sagt Fritz Eisner, »es ist doch eigentlich sehr hübsch, daß unser neues Leben auch mit einem neuen Tag anfängt in einer veränderten Welt. Wir beide ... das heißt der Tag und wir ... wir haben noch so furchtbar viel vor uns.«

Und dann geht er heraus und sagt der Wirtin: »Denken Sie nur, liebe Frau Reiner, in Berlin ist Revolution. Famos: Der Kaiser ist geflohen, Regierung gibt es nicht, und das ganze Heer ist zum Volk übergegangen.«

Aber Frau Reiner, dieses dicke Gebirge in Weiß, mit ihrer Barchentjacke, setzt sich hin und schluchzt, daß sie zerschmilzt beinahe: »Ach Gott, der Kaiser«, trompetet sie. Das andere interessiert sie weniger. Und dann weint sie, weil man ihr sicher all ihre schönen Möbel kurz und klein schlagen wird.

Auch Johanna schluchzt mit Frau Reiner. Erstens aus Gesellschaft, und dann, weil es doch ihre Frau ist ... Und endlich: »Das Erholungsheim wird wohl denn woll ooch hier bald uffgelöst werden«, sagt sie resigniert. »Jetzt werden se doch alle einfach nach Hause bei Muttern gehn.«

»Siehst du, Nuck«, sagt Fritz Eisner nachher wieder: »Gott segne das Telefon. Man kann sogar Revolutionen verschlafen. Und sie dann per Telefon noch einmal nachserviert bekommen und miterleben. Ich sage ja immer: Man soll nur nicht nah rangehen, wenn man nicht enttäuscht werden will. Man kann alle Dinge der Welt eben so gut von ›Vetters Eckfenster‹ aus erleben. Man hat sogar mehr davon.«

Aber Ruth ist durchaus anderer Ansicht. Schrecklich, das hat sie verschlafen. Nein: überall mit dabei sein. Wozu ist man denn jung?! Dabei hebt sie die Hand empor, als ob sie beschwören wollte, daß sie noch jung wäre.

»Was macht eigentlich das Händchen, Nuck«, sagt Fritz Eisner und blickt herüber. »Na, es geht ja. Man denkt höchstens, du hast mit einer Katze gespielt.«

Plötzlich aber bekommt Ruth innere Schmerzen, so oben rechts. Da sitzt doch eigentlich die Leber. Einen ekelhaften, krampfigen Schmerz, so daß sie die Zähne zusammenbeißen muß und an einem Taschentuch herumknabbern. Legt sich etwas aufs Sofa. Aber in drei Minuten ist es wieder ganz vorbei.

»Also, ich soll für dich denken, und ich soll für dich handeln: Deshalb denke ich: Es ist übrig, daß du heute auf deine Redaktion noch gehst. Es wird doch gestreikt. Und morgen ist Sonntag. Und wenn wir später doch von hier fortgehen, wirst du ja überhaupt nicht mehr hingehen.«

»Willst du denn fort aus Berlin?« Daran hat Ruth nicht gedacht.

»Also, ich meine so. Jedenfalls nicht auf die Dauer hier sein. Irgendwo unten ein Häuschen mieten oder eine Wohnung mit Garten, und uns spanische Kressen pflanzen. Wollen wir das tun? Ja? Seit zwanzig Jahren pflanze ich mir solche bunten spanischen Kressen. In Friedenau damals auf meinem Balkon in meiner ersten Wohnung waren es jämmerliche Murkels. Und bei mir unten berankten sie im Herbst alle Zäune und den ganzen Boden meterweit und blühen wie ein ganzes Feuerwerk durcheinander. Du hast sie doch gesehen. Warum soll ich da leben, wo selbst die Kressen jämmerliche, unkultivierbare Murkels bleiben.«

»Deine Kressen sind gewiß sehr nett«, meint Ruth, »aber wozu schließt du dich aus? Wozu mußt du überall nicht dabei sein, wo du dabei sein mußt? Du rückst nur dadurch von der ersten Garnitur in die zweite. Bleib hier. Das sind die Kressen nicht wert.«

»Ja, und ehe ich es vergesse. Wir müssen uns rote Bändchen oder Kokarden machen und uns anstecken. Das ist bei allen Revolutionen so üblich. Nimm ruhig das Wäscheband aus dem Schrank, das ist durchaus nicht zu schade. Im Gegenteil, es müßte sich noch geehrt fühlen, so heiligen Zwecken zu dienen, als Symbolum der Völkerbefreiung. Also, komm endlich, Nuckelino.«

Fritz Eisner wirft sich den zurecht geschnittenen Mantel über und läßt Marley, den Stock, ein paar Lufthiebe machen. »Nieder mit den Hunden von der Reaktion!« singt er die ganze Treppe hinunter. Er ist wirklich im Innersten vergnügt und froh. Und auch noch unten im Garten, als er sich eine violette Aster wie alle Tage abknipst, und sie zu dem roten Bändchen in das Knopfloch zwängt, singt er, daß draußen die Leute erstaunt stehenbleiben, das Heckerlied weiter.

»Guck mal, Nuck, wie merkwürdig. Da muß sich jemand im Garten rasiert haben und sein Messer bei dieser Prozedur verloren haben. Na, ich werde es mir jedenfalls mal einstecken.«

»Meinst du, Yorikchen, daß es hier peinlich auffällt, wenn ich dir eins hinter die Löffel gebe?« sagt Nuck, aber dann gibt sie ihm einen Kuß.

Was für ein schöner Novembertag hier draußen, heute. Die Sonne, eine gelbrote Sonne, scheint zum erstenmal wieder durch fast kahle Bäume und übt sich darin, die Schattenrisse der Äste und Zweigchen auf dem Boden haargenau nachzupinseln. Des Nachts hat es vielleicht geregnet, und die Feuchtigkeit hängt noch an den Asterbüschen, den letzten Monatsrosen, die die Beete einfassen, und spielt in zarten Regenbogenfarben über die sauber gekehrten Rasenflächen und über die ausgewachsenen Kohlköpfe hin, die man hier jetzt in manchen der Vorgärten mit wenig Glück zu ziehen versucht hat. Die Kiefern mit den braungoldenen Stämmen atmen leise mit ihren Kronen in der hellen Frische. Es ist, als ob alles sagt: Gott sei gelobt, nun habe ich endlich einmal wieder die Berechtigung, vorhanden zu sein.

Sogar den Sand unter den Schuhen hell knirschen zu hören, tut Fritz Eisner wohl! Ganz langsam und wortlos geht er neben Ruth her, strahlt sie nur manchmal, den Kopf wendend, von der Seite an. Er ist unendlich froh und im Innersten sehr dankbar dafür, daß jetzt alles so für ihn gekommen ist, daß ihn das Schicksal mit einem Ruck auf die andere Seite geworfen hat. Den Brief an Annchen wird er gleich an der Bahn einwerfen, hat sie darin gebeten, daß sie ihm depeschieren soll, ob ja oder nein. Das heißt, wenn sie nein sagen sollte, wird das seine Entschlüsse nicht beeinflussen; nur verhindern, daß zwei Menschen mit vielen gemeinsamen Erinnerungen im Guten und als Freunde ihre Lebensgemeinschaft lösen und für den Rest ihres Daseins ohne diese Lebensgemeinschaft eben Freunde bleiben. Das muß doch selbst Annchens Denkkraft einleuchten.

Während das Fritz Eisner innerlich glühen macht und verstummen läßt, macht ihn das, was jetzt da in Berlin und in Deutschland vorgeht und im Werden ist, einfach wahnsinnig von einer glückhaften Erregung. Er dreht Marley immerfort zwischen den Fingern hin und her. Wäre das herrlich, wenn man da mittun könnte, die Dinge neu zu formen. Seit tausend Jahren hat der deutsche Mensch doch niemals den Mut zu sich selbst gefunden. Daran mitarbeiten können, daß es nun anders wird. Daran mitarbeiten können, daß dieser unerhörte Besitz an Kunst, an Schönheit, an Wissen, an Erkenntnissen, den heute nur wenige verwalten können, jedem, der Sehnsucht danach hat, zugänglich gemacht werden kann ... Und in jenen die Sehnsucht wecken, die sie nicht haben ... Endlich die tiefe geistige Nacht aufhellen, die seit Jahrtausenden über dem flachen Lande liegt. Die Automobilbibliotheken des Heeres müssen sofort aufgeteilt werden, über das ganze Land hin. Herrgott, was könnte man da alles machen, wenn man freie Hand bekäme!

 


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