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Und die Alte drückt drin auf den Gummiball; und, während die schwere Tür aufspringt, öffnet sie das Scheibchen ihrer Portierstube, streckt ihren graumelierten Zottelkopf mit den rotvertränten, kurzsichtigen Augen hindurch, und sieht Fritz Eisner, der vertraulich, aber mit schlechtem Gewissen zu lächeln versucht, nur vorwurfsvoll an und sagt nichts. Und das ist viel unfreundlicher, als wenn sie brummen und keifen würde, wie es ihr doch als einer Berliner Portiersfrau zusteht.

Und dann ist Fritz Eisner allein in dem weiten, weißen und hellen Treppenhaus mit den vergoldeten Stäben des Geländers. Mit den roten Pelucheläufern auf den Marmorstufen. Und mit den beiden hohen Kamelienbüschen, die schon siebenzig, achtzig Jahre in den grünen Kübeln stehen, und deren dunkle, blanke Lackzweige manchmal in unglaubwürdiger Winterzeit aber auch über und über mit rosigen und schillernden Porzellanblumen besteckt sind, an denen das Erstaunlichste ist, daß sie durchaus nicht aus kühlem, zerbrechlichem Porzellan gegossen sind, sondern wirklich und wahrhaftig aus noch kühleren Blütenblättern zusammengefügt sind. Und allein ist Fritz Eisner mit den großen gipsernen Marmorgöttinnen auf den Treppenabsätzen und in den gelben Wandnischen. Semele oder Hebe? Juno oder Pomona? Wer kann das auseinanderhalten? Und es kommt ja auch gar nicht so darauf an. Das Ewige an ihnen ist doch nur, daß sie schöngegliederte Frauenbilder sind, – immer noch – wenn auch heute ihre Anmut so gipsern, keusch und verjährt ist ... Und wenn auch die Archäologen sie als Kopien von Kopien entlarvt haben. Vor achtzig Jahren jedenfalls waren sie mal weltberühmt. Merkwürdig: ihre glatten Originale würde ich nicht ansehen in dem Museumswinkel, in Rom oder Neapel, wo sie verstauben; und hier glaube ich doch immer wieder an sie. Wie abgetrennt man doch hier im Augenblick von aller Welt ist, und, was schöner: von aller Zeit! Die Stille summt mit den letzten Fliegen, die oben an den breiten Flurfenstern auf und nieder tanzen, um die Wette. Wie in einer Schachtel ist die Stille hier eingefangen. Jedesmal stockt mir doch der Atem ein wenig, und die Pulse sind mir unruhig, wenn sich die Tür hinter mir geschlossen hat. Vielleicht nur, weil es ringsum so ganz ruhig, so ganz hell und so unerhört einsam ist. Und jedesmal packt mich auch wieder mein Schuljungengefühl, als ob ich unpräpariert in die Ovidstunde komme. Hat mir geschrieben: Sie sind mir einige Erklärungen schuldig! Aber ich weiß doch selbst nicht, was ich ihr sagen soll. Ich bin sie mir doch ebensosehr noch schuldig wie ihr!

Sonst hat doch wenigstens der alte Dachshund, der Waldmann, gebellt und einem schon draußen die Unruhe verscheucht. Wie ein Wüstenfuchs, wie ein Schakal hat er drin geheult und gewütet, wenn ich kam, und mich schon durch die Tür beißen wollen. Kein Hund, sondern ein Dämon. Aber heute hat er mich nicht mal gehört, denn selbst auf das zaghafte Klingeln (die alte Frau kann ja noch schlafen), das ihn doch sonst schon wild macht, schlägt er nicht an.

Aber schon huscht so drin etwas über Teppiche, und durch die Musterung in der Milchglasscheibe versuchte ein Auge, das sich gegendrückt, zu erkennen, wer draußen ist. Heute macht man nicht jedem auf. »Anna ... ich bin's!« Fritz Eisner flüstert. Doch Anna macht die Tür nur etwas auf, läßt aber jedenfalls vorerst einmal noch die Sperrkette vor, verhandelt durch den Spalt. Sie drückt ihr schwarzes Taftkleid (»Mädchen haben in Schwarz zu gehen!« meint die gnädige Frau) gegen die Tür; und sie lächelt unter dem weißen Häubchen (»Mädchen müssen weiße Häubchen tragen!« sagt die gnädige Frau) mit ihrem fast zahnlosen Mund Fritz Eisner an. Ihr glattes Gesicht ist seltsam starr, wie ihre immer unbeweglichen wasserblauen Augen. Und sie spricht stets, als ob sie das vorher genau auswendig gelernt hat, was sie gerade sagt. Sie arbeitet seit dreißig Jahren mit der mechanischen Sicherheit einer Präzisionsmaschine, achtet auf alles, vergißt nie etwas. Aber, was eigentlich in ihrem Hirn dabei vorgeht, weiß niemand. Sie hat streng getrennte Buchführung, und lebt für sich ganz im Reich ihrer religiösen Wahnvorstellungen, in die sie niemand hineinsehen läßt. Fritz Eisner hat schon oft irgendwie versucht, ihnen nahezukommen, aber es gelingt nie.

»Ach ... Also doch!! Na, sieh einer an! ... Sie waren doch so lange nicht da, Herr Eisner?! ... Wie geht's denn nu noch?« In Gegenwart der alten Dame würde sie nie solche Vertraulichkeiten sich herausnehmen ... aber jetzt empfängt sie. »Warum kommen Sie 'n nicht? Die Frau ist sehr beese auf Sie. Jetzt aber is se noch in's Schlafzimmer. Da kann man sie nich stören. Es kann noch mit ihren Fuß, bis der richtig gewickelt is, 'ne gute Stunde dauern. Wollen Sie so lange vorn in der Bibliothek oder in roten Salon warten? Nehmen Sie sich ein Buch 'raus; und ich hol' Ihnen einen 93er Bejolleis 'rauf. Wissen Se, den ich Ihnen immer zurückstellen mußte. Drei Flaschen habe ich noch von in Weinkeller neulich gefunden in 'ne ganz verstaubte Ecke. Ich dachte, wir hätten gar keinen mehr. Also, kommen Sie ruhig so lange rin, Herr Eisner. Was macht denn Ihre Frau? Die haben wir doch nu een Jahr lang bald nich mehr gesehen?« Und dabei hakt sie die Sperrkette los und gibt den Eingang frei.

Fritz Eisner atmet auf. »Ach nein, Anna!« ruft er mit gespielter Hast, »solange hab' ich doch nicht Zeit.« Dabei hat er gar nichts vor, weiß nicht, was er bis vier mit sich und seiner Zeit anfangen soll. Morgen wird vielleicht in Berlin die Straßen entlang geschossen, und er soll da noch heute über die letzten Expressionisten in dem neuen Salon sich vernehmen lassen. Wozu das?! Es geht auch so. »Wenn die gnädige Frau aufsteht, sagen Sie ihr, ich bin dagewesen. Aber ich hätte es sehr eilig gehabt, und ich melde mich in der allernächsten Zeit mal für einen Abend an bei ihr, um nach ihr zu seh'n und mit ihr zu plaudern. Ich hoffe, daß sie nichts dagegen hat, wenn ich noch eine junge Dame mitbringe, die sich freuen würde, sie kennenzulernen.«

Morgen wird ja Revolution sein, fällt ihm dabei ein. Wenn es bei uns so etwas Ähnliches gibt wie in Rußland, schlagen sie hier zuerst alles kurz und klein. Wäre zu schade drum. Ist doch alles, was Kultur heißt, viel leichter zu zerstören, als aufzubauen. Und das, was man so Volk nennt, hat nie viel Achtung vor dem gehabt, was man so Kultur nennt.

»Nein, nein, Anna«, sagt er, »ich kann wirklich unmöglich jetzt hereinkommen. Wollte ja auch nur fragen, wie es der alten Dame geht.«

Anna macht ein Kummerfaltengesicht. »Ach Jott, Herr Eisner, soweit noch janz jut. Se hetzt einen ja noch den janzen Tag rum ... aber da« – sie zeigt auf die Stirn – »is es nicht mehr so janz richtig mit ihr.« Die alte Anna legt die Hand an den Mund und flüstert: »Also, ist das nicht Sünde? Ist das nicht Bündnis mit dem Bösen? Gewiß, man hängt daran. Aber es ist doch ein unvernünftiges Tier ohne Seele. Der Mensch hat von Gott eine unsterbliche Seele bekommen, durch Christi Gnade werden wir von den Sünden erlöset werden; aber ein Tier geht von der Erde, wie es auf der Erde entstanden ist. Wenn's tot ist, soll man's verscharren. Nicht wahr? Sehen Sie«, sie zeigte in den weinroten Korridor hinein auf die bronzierte Umkleidung der Zentralheizung, auf der so etwas wie ein langgezogenes Bündel von Tüchern lag; und wie Fritz Eisner näher hinblickte, schnuppert aus dem einen Ende starr und steif so etwas wie eine schwarze Hundeschnauze; und aus der andern winkt so etwas wie zwei Pfoten und ein spitzes Hundeschwänzchen heraus. »Da liegt der Männe nun. Vorgestern früh lag er in seinem Körbchen. ›Gnädige Frau‹, sage ich, ›der Hund ist tot.‹ – ›Nein‹, sagt se, ›der Hund ist nicht tot. Wickeln Sie'n in ein Shawl, Anna, und legen Sie ihn auf die Heizung. Die Wärme wird ihn schon wieder lebendig machen.‹ Gewiß, die gnädige Frau hat sehr an ihn gehangen. Aber das ist doch Sünde. Ich habe ihr gesagt, sie soll dreimal den siebensechzigsten Psalm sich aufsagen, wenn die Anfechtung über sie kommt, der hat mir auch schon geholfen. Aber sie is wie alle Sünder verstockt. Sie lacht nur höllisch und sagt: Is gut, Anna.«

»Tun Sie mir eine Liebe, Anna, und holen Sie den Portier ... er soll ihn hinten im Garten einscharren, den armen Männe. Wer weiß, woran das alte Tier eingegangen ist. Er kann doch unmöglich da noch länger liegenbleiben.«

»Naja«, meint Anna langsam, »ich werde dann nachher da unsern Herrn Krause zu holen ... und ich werde die gnädige Frau sagen, daß Sie mir geraten haben, ich soll zu solche Sünde nich mehr meine Christenhand geben.«

»Und noch eines, Anna, es liegt so in der Luft, als ob es morgen vielleicht einen ein wenig unruhigen Tag in Berlin geben sollte. Hoffentlich regt sich die alte Dame nicht zu sehr auf ... jedenfalls beruhigen Sie sie, und lassen Sie sie nicht etwa im Stich hier ...«

Anna drückte ihre wasserblauen starren Augen ein und begann plötzlich wie mit Zungen zu reden: »Und wenn es dem Herrgott gefallen sollte, daß er uns in sein Reich führen möchte, so werden wir nicht deswegen mit ihm schlimmen Herzens zu hadern anheben. In der Stunde der Bedrängnis aber werde ich meine Gebete zum Himmel aufsteigen lassen, daß er die bösen Geister von unserem Lager verscheuche.«

Fritz Eisner zieht still die Türe wieder ins Schloß, und als ob eine Billardkugel dumpf an die grüne Billardbande prallt, hört er noch von draußen, wie die alte Anna drin auf den roten dicken Teppich auf die Knie fällt und laut einen ihrer wunderkräftigen Lieblingspsalme vor sich herleiert. Und ganz wie von weiter Ferne klingt noch dazwischen das rhythmische doppelte Bummern des Gummis an dem Stock mit der Silberkrücke: Die gnädige Frau ist aufgestanden. Ganz hastig zieht Fritz Eisner wieder die schwere Tür hinter sich zu, damit man ihn nicht etwa zurückhole: Sie wollte Erklärungen. Gott ja, er wäre ja selbst froh gewesen, wenn er die selbst sich hätte geben können!!

Draußen ist alles wie vorher. Das heißt nicht anders, als gestern und vorgestern. Auf einer Bank sitzt ein leicht angetrunkener sechzehnjähriger Bengel mit seinem fünfzehnjährigen Mädel, das überall da rund ist, wo es nur rund sein kann, von den Backen, dem Kinn, dem Kopf an, bis zu den Waden, die sie bis zur halben Höhe in gelbe Schnürstiefel eingepreßt hat. Vielleicht haben sie Nachtschicht gehabt in der Dreherei, oder wollen später zur Nachtschicht. Sie würden auf jedem Zille-Ball prämiiert werden. Sie sind zärtlich miteinander und lustig, als eine erfreuliche Ausnahme inmitten von all dem Grau der abgehungerten Sorgengesichter.

Sie lachen Fritz Eisner an oder lachen nur über ihn und seinen phantastischen Ulster, den Stock Marley und den bunten Schlips aus dem farbenfrohen Capri. Sicher haben sie sich etwas zu frühzeitig der Tugend entwöhnt. Trotzdem sind es nette Kinder. Aber wer soll sich auch um sie kümmern? Vater ist draußen, oder er ist gefallen schon. Und die Mütter erhalten sie mit. Die sollen nur mal eine Lippe riskieren: denn ziehen sie überhaupt zusammen.

Fritz Eisner lacht zurück und nickt ihnen zu.

»Mensch«, lallt der Junge und bekommt böse Augen, wie ein kleiner Stier und drückt mit einer Bewegung, die Zille entgangen ist, sich zugleich die Schirmmütze und die Locke vorn in die Stirn. »Mensch, soll ich dir vielleicht einen Taler schenken?«

»Aber Eduard, laß doch den Herrn! Mach hier keenen Krach«, meint die Kleine und wirft sich wieder lachend gegen ihren Freund. »Der braucht des nicht, der olle Engländer; der hat immer noch mehr als wie du!«

Fritz Eisner schlendert wieder ziellos und unruhig durch die Straßen hin. Wo soll er hin, Berlin ist so ungastlich. Und nochmal zu sich nach Nikolassee 'rausfahren, lohnt nicht. Wahllos möchte er irgendwelche Menschen anhalten: Revolution! Hören Sie doch nur: Revolution! Soldaten möchte Fritz Eisner anrufen, Frauen, Zivilisten: Sagt mir doch, wie soll das werden?! Was wird's morgen geben? Wie stellt ihr euch das alles nur vor?

Aber jeder geht ganz still für sich seinen Weg weiter. Niemand scheint seine Bedenken zu teilen. Alle sind viel zu stumpf dazu geworden. Nicht einmal die ersten Wasserbläschen der »kochenden Volksseele« sind wahrnehmbar. Kauft sich eine neue Zeitung und zwei neueste Extrablätter von vorgestern. (Der Brüllaffe von Zeitungsmann will doch auch leben!) Vielleicht bringen die etwas, schreien schon: Revolution! Das Volk steht auf!! Nichts über München. Von Kiel eine Andeutung, daß jetzt dort wieder Ruhe wäre. War denn das vorher nicht? Der Kaiser aber hat sich nun doch in das Hauptquartier begeben, und ist wohlbehalten dort eingetroffen.

Noch nie waren Fritz Eisner hier die Straßen so öde wie heute. Mürrisch und grau und feucht. Selbst in dem bißchen nasser Herbstsonne. Gewiß, kein Haus ist hier wie sein Bruder, und keine Straße ist hier wie die andere; jedes Jahrzehnt hat in eigenem Ungeschmack gebaut; – und doch, wie gleich im Grunde diese Häuserreihen alle sind! Gäb's keine Straßennamen und keine Hausnummern, kein Mensch würde je sich in ihnen zurechtfinden. Wie viel Läden leer stehen, mit grauen, verklebten Scheiben, wie mit starblinden Augen! Und die, die vermietet sind, sind auch leer. Leere Bienenwaben, mit der Zentrifuge ausgeschleudert. Im Schlächterladen steht im bunten Blumentopf ein geschecktes Kirschlorbeerbäumchen mit Blättern wie halben Scheiben von Mortadellwurst im Fenster. Sonst nichts. Und der Konditorladen hat nur buntlackierte Torten- und Puddingformen aus Holz, oder einer Papiermasse, und zwischen ihnen liegen die Reklamepäckchen des vollwertigen Eierersatzes »Ovolin«. Überall schreit einem in allen Farben, Verschnörkelungen und Größen das Wort »Gelegenheitskäufe« entgegen. Aber niemand scheint die Gelegenheit wahrzunehmen und auszunützen. In jedem dritten Haus jedoch ist plötzlich ein Trödler aufgetaucht. Wem hat nur das Gerümpel gehört, das sich hinter den Fenstern da aufschichtet? Und wer mag Sehnsucht haben, es nochmals zu erwerben?! Wie bettelarm wir doch in diesen vier letzten Jahren geworden sind! Und wir wissen es noch gar nicht! Ein schönes, ein herrliches Land, und ein so begabtes und von Hause her doch – trotz seiner Fehler und seiner Anmaßungen im Grunde ein so anständiges Volk! – und alles hin! Es ist zum Heulen! ›Das Volk wird den Krieg gewinnen, das die besten Nerven hat.‹ Ach nein, das Volk muß ihn gewinnen (und auch für das wird es sich nicht lohnen), das draußen die besten Tanks, die wütendsten Gifte, und die stärksten Kanonen und die meiste Munition hat, und das drinnen die vollsten Speisekammern behält. Das aber sind wir eben von Anfang an nicht gewesen. Und man hat das gewußt. ›Deutschland muß sich den Schmachtriemen enger ziehen‹ hat schon vor vier Jahren da dieser ominöse Kanzler im Reichstag verkündet. Eigentlich verbrecherisch!! Und so sind wir alle verhungernde Zwangsvegetarier geworden ... nur ohne die nötigen Vegetabilien. Und nun heute, morgen, jetzt, da alles liquidiert werden muß, ist plötzlich niemand da, der noch verantwortlich zeichnen will. Da kriechen sie plötzlich in die Mauselöcher, die Herrschaften.

Plötzlich steht Fritz Eisner in einem Hausgang. Der ist erschüttert von dem Lärm der Stadtbahnzüge und riecht grausig nach Müllkasten. Hinten vom Hof her. Denn mit der Müllabfuhr, das klappt nicht so ganz in dieser Gegend, und da leert man darum einfach den Blechkasten in den Keller, wenn er voll ist, und hofft, er wird das nächstemal abgeholt werden. Und vom Keller zieht ewiger Gestank durch das Haus. Da kann man nichts machen.

Aber die Leute im Haus riechen es auch bei heißem Wetter nicht mehr. Haben sich daran gewöhnt.

Fritz Eisner hatte gar nicht, durchaus nicht, keineswegs die Absicht, hier hinaufzugehen. Aber, da er schon mal hier vorüberging (wohin nebenbei? Ja, wohin?), so konnte er eben auch mal hinaufsehen, und seiner bisherigen, seiner Quousque-tandem-Schwägerin sagen, man möchte wenigstens Ludwig, das Kind, den Prinzen Lulu, morgen nicht auf die Straße lassen. Könnte nämlich morgen Unruhen geben. Hätte es ja auch von einem Café aus telephonieren können. Aber wer weiß, ob die Gespräche nicht wieder überwacht werden, wie so oft schon. Und außerdem seit Monaten ist er nicht hier gewesen ... Alles hat sich doch in letzter Zeit sehr gelockert ... Und niemand ahnt, wann er nochmal wieder hierherkommen wird. Vielleicht ist es nämlich das letztemal. Das wäre dann ja auch solch ein Konto, das für mich abgeschlossen werden muß, unter das ein dicker Strich kommen muß. Ich weine nicht drüber. Immerhin, es sind doch nun schon zwanzig Jahre, daß ich das arme Hannchen kenne. Und an irgendeinem Winkel ihres verbauten Wesens ist sie eben doch ein Mensch. Vielleicht – ja sicher – der einzige Mensch hier oben. Aber: umgib dich nicht mit absteigenden Menschen, das ist das Wort, was ich aus Prentice Mulford gelernt habe. Sie infizieren dich nur mit ihrer Aureole von Krankheit, Unglück, Mürrischkeit, Negativität. Ich hätte nur schon früher danach handeln sollen in meinem Leben. Ich hätte nur rechtzeitig den Mut finden sollen, es zu tun. Dann wäre ich heute nicht festgefahren. Mag dieses ganze verrußte Haus nicht. Habe elende Erinnerungen daran. Wenn ich hier nur einen Monat leben würde, ginge ich seelisch kaputt. Die Atmosphäre hier legt sich von je mir auf die Brust. Sie ist genau wie ihre Bewohner. Eigentlich krank, mürrisch, immer gewittergeladen und halbdunkel, armselig, exzentrisch, muffig und verlogen. Da oben sind nun in dem Käfig von ein paar Zimmern drei Menschen eingesperrt, von denen jeder die beiden andern ständig zugrunde richtet, und von den beiden andern ständig zugrunde gerichtet wird ... seit Jahren.

Aber es hätte doch gar keinen Sinn, sie da herauszunehmen. Sie würden überall anders innerhalb acht Tagen um sich dieselbe Atmosphäre geschaffen haben. Es ist ihnen nicht zu helfen. Keinem von den dreien. Genau so wenig ist ihnen zu helfen, wie irgendein Arzt der Welt Hannchens Tuberkulose noch heilen wird. Sie hat sie eben. Jeder sonst wäre schon fünfmal damit begraben worden. Nur sie nicht. Weiß nicht, welche geheimen Energien und Kräfte sie zusammenhalten. »Physique, mais ne mourant jamais« sagt Zola von einer Berufskollegin von Nana. Hannchen wird siebzig Jahre damit. Sicherlich. Sie bleibt stationär in ihrem Dasein, wie in ihrer Krankheit. Aber vorzeitig alt ist sie doch geworden. Das Gesicht ist ganz klein geworden und faltig und sommersprossig und früh verfallen. Zum Schluß hustet und fiebert sie nun doch schon an die fünfzehn Jahre. Mal weniger, mal fast gar nicht, mal mehr.

War denn auch mal – solange Geld da war! – noch solch bißchen in Davos. Hat's aber da, weil sie ein unruhiger Geist ist, nicht sehr lange ausgehalten. Immerhin lange genug, um unter den Brüdern und Schwestern in morbo einige Dutzend Freunde und Freundinnen fürs Leben zu bekommen, die ihr aber doch nun so einer und eine nach der andern wegsterben. Zu Freundschaft neigt Hannchen vielleicht von Natur. Und seitdem sie einmal bei Simmel las, daß nur hochdifferenzierte Wesen der Freundschaft fähig sind, pflegt sie diese Anlage bewußt.

Dann ist sie für ein paar Jahre zurückgekommen, und wenn es unten gar nicht mehr ging, eben wieder ein paar Monate nach oben in die Schweiz gegangen. Ausgeheilt ist sie jedoch eigentlich nie. Aber sie ist trotz unruhigstem Leben, fast ohne Schlaf, und mit wildestem Kettenrauchen, ohne besondere Pflege, auch nie viel kränker geworden. Hat sich dabei sogar so etwas wie einen Beruf (und zum mindesten eine Tätigkeit) geschaffen, die hin und wieder Geld einbringt. Huldigt dem Grundsatz: »Arbeiten und nicht verzweifeln.« Während doch Annchen dem: »Immer verzweifeln und nie arbeiten« huldigt. Erzählt jedem, daß sie sich ein neues Leben aufbaut, aufgebaut hat, oder demnächst aufbauen wird. Und daß sie sich jetzt einen entzückenden Kreis geschaffen hat, in dem sich die Leute um sie reißen. In Wahrheit findet sie nur noch immer neue und andere armselige Schmarotzer, die manchmal nicht wert sind, daß man sie mit dem Besen auskehren würde. Richtig ist jedenfalls, daß sie sogar hin und wieder, was aller Ehren wert ist, etwas sich verdient, zu dem, was ihr großer Junge, Egi, der brave Gatte, aus dem fernen Argentinien für sie und Lulu herüberschickt. Denn mit dem allein würde sie wohl auch schwerlich durchkommen. Seit bald vierzehn, fünfzehn Jahren ungefähr ist er drüben. Was er eigentlich so jetzt da treibt, darüber ist, wie so vieles bei Hannchens Angelegenheiten, keinerlei Klarheit zu verschaffen. Fritz Eisner aber ist mit seinem Schwager längst auseinander. Seltsam: er kommt doch eigentlich nie mit einem Menschen auseinander. Aber die Menschen stets mit ihm. Woher nur? Jedenfalls war die Lehrstelle da in Dings, in Cordoba, oder wie das hieß, die Professur, in die ihn Toxeira hineinstupfte, nur auf drei Jahre befristet gewesen. Was und wie er sich nachher durchbrachte, und über den Krieg jetzt kam, war ziemlich undurchsichtig. Das eine war aber scheinbar bestimmt, daß er durchaus keine Absicht hegte, oder je gehegt hätte, nach Deutschland zu den heimischen Eichenwäldern und vor allem zu seiner Gattin, eben dem armen Hannchen, sich zurückzufinden.

Ach Gott, war dabei doch mal ein schöner Kerl, Hannchen ... Seh' sie immer noch vor mir als Braut in ihrer Strohschute mit den braungoldenen Haarmengen, den feuchten Romneyaugen und ihrer englischen Schlankheit. Wo ist das hin?! Hätte vielleicht auf einen andern Mann treffen sollen. Aber wahrscheinlich wäre sie dann auch da nicht anders geworden, wie sie heute ist. Endlich ist doch dem Menschen sein Weg vorgeschrieben. Will heute zu gern mit der Jugend noch mitgehen, und zugleich die faszinierende und interessante Frau spielen mit den geistigen und künstlerischen Interessen. Es gibt nichts, was sie nicht weiß, und nichts, was sie weiß. Seit einigen Jahren hat sie aber zu ihrem Glück in sich die Kunstgewerblerin entdeckt, und deutet ihre nette Handfertigkeit geschickt aus; hat auch manchmal niedliche Ideen für Etuis, Lampenschirme und Glasuntersätze, Kleiderbügel und gestickte Zahnstocherbehälter und Teepuppen, Papierservietten oder Autographenfächer. Zuweilen hat sie sogar Aufträge von Geschäften darauf. Oder Freunde kaufen der kranken Frau etwas ab. Geschickt ist sie ... erstaunlich geschickt sogar. Aber woher in aller Welt soll sie etwas können? So etwas kommt doch nicht angeflogen!

Schade, ewig schade drum. Müßte eben noch einmal in den großen Topf zurückgeworfen werden, in die Tonkiste des Menschenbildhauers, und noch einmal geboren werden. Vielleicht, daß es dann etwas wird. Material ist da. Denn wie gesagt: In einer Ecke ihres Wesens schimmern trotz aller Überspanntheiten und Übertreibungen doch Ansätze von Persönlichkeit und Spuren von Menschentum auf.

Natürlich geht's ihr jetzt schlecht. Wem ging's das nicht? Aber endlich laviert sie sich noch immer so mit dem Jungen durch ... trotz der Sorgen, die sie und die Mutter jetzt, da fast niemand seit Jahren Miete zahlt, mit dem Haus haben. Doch auch, wenn es ihr gut ginge, würde sie es nie sagen und bekennen. Zum Schluß lebt sie ja doch davon, daß man sie bedauert. Und sie weiß ganz genau, daß, wenn die Menschen das nicht mehr sagen würden: »Gott, die arme Frau! Und wie tapfer und anständig sie das alles trägt, und die Nächte schafft, und die Dinge zusammenhält«, so wäre doch im Augenblick ihr ganzer Nimbus in nichts zerflossen.

Und doch ist sie die einzige gewesen bisher, die für mich ein paar menschliche Worte gefunden hat, trotzdem es doch eigentlich ihre Schwester ist, von der ich weggehen will. Ich muß ihr sogar für den Brief wirklich noch danken. Sonst sind ihre Briefe meist geschriebene Weihrauchwolken für sich selbst, in denen doch immer – wie Funken eines verschleierten Feuers – ein nettes Bild, ein persönlich gefundener witziger Vergleich, oder ein nicht alltägliches Wort aufblitzt. Man merkt auch wohl oft, daß sie am Schluß nicht mehr weiß, was sie am Anfang geschrieben hat. Aber der war ganz einfach und sehr menschlich. »Ich habe es seit Jahren kommen sehen. Ich habe meine Schwester lange schon gewarnt. Sie hat es wohl nicht verstanden, dich zu halten. Wir haben uns ja immer ganz gern gehabt, und es ist schade, daß wir uns wohl von jetzt an kaum noch sehen werden. Jedenfalls wünsche ich dir weiter alles Gute.« Wirklich: ich muß ihr danken. Denn sie ist die einzige bisher gewesen, die ungefähr begreift, was hier eigentlich gespielt wird. Vielleicht hat sie auch tiefer in all den Jahren in meine Ehe hineingesehen als die andern, die nur die Fassade sahen, die geschickt immer wieder abgeputzt wurde, sowie große Stücke herausgebröckelt waren. Und die ...

Wer weiß, wie lange Fritz Eisner noch so vor sich hin spintisiert hätte, wenn ihm nicht eine alte fette Ratte entgegengesprungen wäre, die wohl, da sie auf dem Boden nichts mehr gefunden hatte, es versuchen wollte, ob sie bei dem Müllhaufen im Keller mehr Glück hätte.

»Eine Ratte tot für einen Dukaten!« schrie Fritz Eisner und schlug mit dem Stock Marley nach ihr; aber sie wutschte ihm zwischen den Füßen durch und sprang in schönen Sätzen die Treppe hinab, immer drei Stufen auf einmal.

Und wohl durch den Lärm, den die herabpolternde Ratte mit ihren Sprüngen und der Stock Marley mit seinen Hieben machte – als er an jener vorbei auf die Holzstufen schlug – denn Treppenläufer gehören einer fernen Vergangenheit an ... kam es, daß ihm Hannchen in einer alten rosa Seidenmatinee, die bei ihrem Wochenbett vor sechzehn Jahren das Entzücken aller Besucher gewesen war, und die jetzt nur allzu deutlich ihren eingefallenen Hals und die tiefen Gruben unter den Schlüsselbeinen preisgab, daß Hannchen ihm schon so öffnete.

»Ach, Fritz – seltener Besuch – was war denn da eben los? Habe nebenbei von Annchen einen Brief gestern bekommen. Zeig ihn dir nachher.«

»Nichts. Ich habe nur vergeblich Jagd auf eine süße, kleine, liebe Ratte gemacht, die mich durchaus umrennen wollte.«

Frau Lindenberg öffnete die Tür eines Vorderzimmers und steckte ihren Kopf durch die Spalte. »In meinem Haus gibt es keine Ratten«, rief sie mit jenem Pathos, das ihr eigen war. »Oder lüge ich?« Doch die letzte Frage war mehr rhetorischer Natur. Denn bevor eine Antwort erfolgen konnte, hatte sie schon die Tür wieder zugeworfen. Sie schätzte ihren Schwiegersohn schon seit langer Zeit nicht mehr. Und die letzten Monate – und was sie darüber wußte – waren keineswegs dazu angetan, ihre Sympathien zu vertiefen.

Fritz Eisner war eigentlich gewohnt, daß Menschen in Berlin schlecht aussahen. Aber das Hannchen war nun schon wirklich mal wieder, seit er sie nicht gesehen hatte, gottsjämmerlich heruntergekommen und abgehungert. Sicherlich schoben sie und ihre Mutter in Überbietung an Heroismus bei Tisch einander die Schüsseln zu, wie zwei Hauptstürmer den Ball sich zukicken, den jeder in das Tor der Gegenpartei treiben will. Aber da Hannchen noch Frau Lindenberg an Heroismus übertraf – und ihn nicht nur in deklamatorischen Reden, sondern auch praktisch zu betätigen liebte – so blieb Hannchen mit dem Schlachtruf: »Iß du's doch, Muttelchen!« wohl stets Sieger.

Und das, was dann noch übrig blieb, stopfte Hannchen alles in den Jungen, den Lulu, hinein, indem sie ihm gegenüber täglich behauptete, sie litte jetzt an Appetitlosigkeit, und das Essen widerstände bei solchem Wetter ihr überhaupt.

Man kann nun wahrlich nicht sagen, daß sie damit unrecht tat. Denn der Junge konnte es brauchen. Sogar zehnmal mehr, als er bekam. Man hatte ihn nämlich vor kurzem aus einer Sekunda herausnehmen müssen, weil er – er war auch so aufgeschossen und so schmalbrüstig und so mager – zu husten angefangen hatte. Gott, man fand gerade nicht viel. Aber Doktor Spanier hatte sogar, als er auf der ersten Platte nichts entdeckte, noch eine zweite gemacht, die seine Mutmaßungen zwar nicht ganz, aber immerhin schon mehr befriedigte. Also, bedenklich war und blieb es, wenn er auch nur solch ganz klein wenig Temperatur hatte, so gegen Nachmittag etwas rote Backen bekam. Kaum der Rede wert.

Aber endlich war das ja kein Wunder. Es wäre weit erstaunlicher gewesen, wenn er gesund geblieben wäre ... in dieser Umgebung, mit dieser Mutter und mit diesem Erbteil im Blut. Denn die Gaben, Anlagen und Eigenheiten von Vater und Mutter hatten sich seltsam in ihm gemischt, und zudem hatte er sich noch von beiden Seiten nicht gerade die allerbesten ausgesucht.

Ein besonders schönes Kind ist er eigentlich gewesen, aber er hat merkwürdig früh schon das Kindliche und die Schönheit eingebüßt. Doch wozu braucht man überhaupt schön zu sein. Wenn er nur sonst mal ein Kerl wird. Die Gaben hätte Lulu schon, aber sein größtes Unglück ist es, daß er ohne einen Mann über sich, zwischen zwei Frauen aufwächst, denen er schon seit Jahren geistig um ein Vielfaches überlegen ist, die ihn hin- und herreißen, mal anschreien und mal abküssen, und vorbehaltlos vergöttern, und die er infolgedessen tyrannisiert. Jedenfalls fängt er schon jetzt an, in sich und seine Krankheit verliebt zu sein, und sich hinter sie zu verschanzen, wenn das Leben irgendwelche Anforderungen an ihn stellt. Das gefällt mir nicht. Daß der Junge erster Schriftführer und Verbindungsmann irgendeiner Jugendgruppe ist, die seit einem Jahr unterirdisch wie ein Hausschwamm wuchert, kann ich nicht so schlimm finden.

Hannchen hatte mir zwar in der ersten Zeit manchmal ihr Leid geklagt, und Frau Lindenberg ist durch Lulus unpatriotische Reden in ihrem vaterländisch-kaisertreuen Gemüt tief verletzt worden und hat ein über das andere mal gerufen: »Dem Knaben gehören ein paar hinter die Ohren!« Aber ich bleibe doch noch heute dabei: Irgendwie muß solch Junge doch die große Zeit abreagieren. Und das ist immer noch das Anständigste, was er machen kann. Oder soll er, wie seine Schulkameraden einen schwunghaften Handel mit gestohlenen oder gefälschten Brotmarken eröffnen, sich an Ladendiebstählen beteiligen und kleinen Einbrüchen ... schieben, was es nur zu schieben gibt ... oder sich – wie einige andere seiner Schulkollegen es gemacht haben – bei einem Straßenmädchen um die vakante Stelle ihres Freundes bewerben, um sich von jenen ausstaffieren zu lassen und einen guten Tag zu leben? Da ist es doch viel weniger ehrenrührig, wenn man Schriftführer und Verbindungsmann bei der Jugendgruppe B. ist.

»Ach, komm 'rein, Fritz«, ruft Hannchen, »willst du noch etwas essen? Wir haben sehr gut heute zu Mittag gehabt. Mit Malzkaffee geröstete Kartoffeln und Kohlrüben – oder willst du lieber ein Margarinebrot, Fritz?«

»Nein, teuere Schwägerin, lieber ziehe ich mir den Schmachtriemen noch enger!«

Auf das Wort »Schmachtriemen« gluckst Lulu, der im Hintergrund des Zimmers sich mit einem Buch über einen Tisch flegelt, verständnisinnig auf, und beginnt falsettierend vor sich hin zu quietschen. Denn, wenn Lulu einmal zu lachen angefangen hatte, konnte er genau wie sein Vater Egi nicht mehr so leicht damit aufhören. Zum Schluß quietschte er für sich allein eine ganze Tonleiter hinauf und herunter.

»Also komm wirklich 'rein, Fritz, ich geb' dir eine Marmeladestulle, und du kannst wenigstens nachher Kaffee mit uns trinken.«

»Gewiß, Hannchen ... wenn die Marmelade kein Mohrrübengelee ist, und der Kaffee kein Sammelname für verstockte Gerste, verschimmelte Eicheln und geröstete Bucheckern ist, sondern wenigstens zu einem Prozent noch Bohnenkaffee hat.«

Hannchen schüttelte ihre kurzgeschnittene und angegraute Haarmähne. »Du hast also Pech«, sagte sie bedauernd, »mein alter Schwager. Eigentlich sollten wir nämlich Leberwurst heute auf Marken kriegen. Ich bin aber zu spät gekommen, und da war schon alles fort. Natürlich, wenn man die Schlächtermamsell nicht schmieren kann. Aber zum Abend habe ich ein halbes Pfund ganze frische Fischwurst mitgenommen. Willst du damit 'ne Stulle haben?«

»Zum Donnerwetter, ich will nicht gelabt werden! Du weißt doch, das war schon der Wahlspruch meines Großvaters.«

Das Zimmer drin war das »Berliner Zimmer«. Das Fenster, das sonst wenigstens eine Aussicht auf Dächer und Telefongerüste und ein Stück Himmel freigelassen hatte, verbaute Hannchens Zeichentisch, der ihr vor kurzem aus dem Besitz eines blindgeschossenen Architekten billig zugefallen war (da, im Vorderzimmer, wo er zuerst stand, hatte er doch einen besseren Platz noch gehabt, dachte Fritz Eisner) ... und über den abgegessenen Eßtisch flegelte sich seiner ganzen Länge nach Lulu von einer Seite zur anderen nach dem Fenster und seiner Helligkeit mit dem Buch zu, zwischen halbvollen Schüsseln und halbleeren Tellern und zerknüllten Servietten. Eine viel herumgeknudelte Katze rollte sich auf einem Strumpfkorb zusammen. Die Scheiben waren lange nicht geputzt. Der Staub lange nicht gewischt. Das Tischtuch lange nicht gewaschen. – Aber schon, daß eines auflag, grenzte an Luxus. – Und das Alltagsgeschirr war angeschlagen. Hannchen war gewiß sonst alles andere als schlampig. Im Gegenteil. Aber aus dem Dienstmädchen war mit der Zeit eine Aufwartefrau, und aus der Aufwartefrau eben sie selbst geworden. Und was soll ein einzelner Mensch alles noch machen? Und außerdem war eben Krieg.

»Mahlzeit, Onkel Fritz«, ruft Lulu aufsehend.

»Nun, was amüsierst du dich denn so? Was liest du da?«

»Die Briefe eines Negers über die (ver)trottelte Kultur des alten (Eu)ropas.« Da Lulu ziemlich schnell sprach, so liebte er es, um seinen Gedanken leichter Ausdruck verleihen zu können, hin und wieder eine Silbe oder bei einer schwierigen Konsonantenverbindung wenigstens einige Buchstaben fortzulassen, der andere verstand ihn auch so. »Ein Wei(he) trank in geklüfteter Zeit!«

»Das steht auf der Bauchbinde«, meinte Fritz Eisner, der das Buch von der Auslage her und aus Proben kannte. »Es ist ganz nett, Lulu, aber doch zu sehr für die dii minorum gentium. Lies mal die lettres persannes.«

Lulu war gekränkt. »Das ist Bourgeoisli(te)ratur!« sagte er verächtlich und flegelte sich mit seinem Buch noch weiter über den Tisch, so daß die bloßen, hageren, schon leicht behaarten und doch ganz kindlich dünnen Unterarme sich noch weiter aus den längst ausgewachsenen Ärmeln schoben.

»Also, Hannchen, was hat dir eigentlich Annchen über unsere Angelegenheit geschrieben?« meint Fritz Eisner und tritt hinter Hannchen, die sich wieder an ihren Zeichentisch gesetzt hat. Und Hannchen dreht den Kopf zurück und blickt Fritz Eisner zu mit ihren großen, langen, gebogenen Wimpern, die, wie Doktor Spanier sagt, zum Bilde ihrer Krankheit gehören, und legt außerdem noch den Finger an den Mund dabei, als ob sie damit sagen wollte: in Gegenwart des ahnungslosen Kindes wollen wir doch so anrüchige und unmoralische Auseinandersetzungen, wie sie nun mal bei einem Gespräch über eine erschütterte Ehe, wie die eurige, nicht zu vermeiden sein werden, lieber nicht heraufbeschwören.

»Warum hast du eigentlich den Arbeitstisch jetzt hier? Ich fand ihn vorn besser für dich und für ihn«, meint Fritz Eisner ablenkend und sieht dabei auf die schraffierte Silhouette einer Elfe mit einer Schaufel aus gebogenen Grashalmen herunter, an der Hannchen eben mit einem spitzen Blei herumfingert.

Hannchen aber betrachtet die kleine verunglückte Kreatur durch die hohle linke Hand dabei wie durch ein Fernrohr und sagt ganz gleichgültig: »Ach weißt du, ich habe das Zimmer vorn doch jetzt sehr gut vermietet, an eine entzückende Bekannte von mir, ein wertvoller und herrlicher Mensch. Sie hat ja eine sehr anregende Tätigkeit im Generalstab. Man darf ja eigentlich nicht darüber sprechen. Sie ist!« Hannchen macht eine lange, geheimnisvolle, achtungsgebietende Pause »im Dechiffrierungsbüro. Sie ist die einzige Frau dort ... Das arme Wesen ist bei ihrer letzten Wirtin so gräßlich ausgesogen worden. Hast du nebenbei was zu rauchen da, für mich, Fritz?«

»Zu rauchen habe ich schon was; aber nicht für dich, Hannchen. Denk' dir, jetzt kriegt man doch mit einemmal hintenherum englische Zigaretten. Weiß Gott, wie sie zu uns hereingekommen sind. Riechen wie alle Laster der Welt zusammen, nach Opium und Honig, wundervoll, schmecken mäßig, kratzen im Hals und bekommen einem miserabel. Aber man gewöhnt sich schnell daran. Ich gebe sie dir nicht. Aber auf deine Verantwortung kannst du dir eine hier nehmen, ... oder soviel du willst.«

»Ach was«, ruft Hannchen und greift zu. »Ich sterb' nicht von! Und außerdem ist eine anständige Art von Selbstmord immer noch besser, als so weiterleben wie jetzt.«

Und damit zündet sie sich solch gelbliches Papierröllchen von Zigarette an. Aschbecher und Zündhölzer sind stets in Greifnähe auf ihrem Zeichentisch. Zieht einen langen Zug von Rauch in die Lungen, pumpt sich ganz voll und bläst ihn wieder in zwei breiten, brodelnden Rauchwirbeln durch die Nase aus.

»Endlich mal wieder Tabak! Davon mußt du mir mehr besorgen. Aber warum legst du nicht wenigstens deinen Mantel ab?!«

»Kennst du den wieder? Er hätte auch nie geglaubt, daß er noch mal zu Ehren kommt, der alte Fetzen.«

»Ach, ich finde ihn noch ganz anständig. Ich wünschte, ich hätte für Lulu so einen, denn mit Egis alter Kledage bin ich doch nun wirklich endlich für Lulu bis auf die letzte Weste durch. Gott sei Dank, daß er damals die Wintersachen nicht mit rüber nehmen brauchte, sonst müßte mein goldner Lulu jetzt nackt rumlaufen.«

Lulu grunzt von seinem Eßtisch aus abfällig und wird noch röter. Er liebt es nicht, daß seine Mutter solche freien Reden führt. Denn, wie bei einem einzigen vaterlosen Jungen nicht anders zu erwarten, ist er psychisch im Untergrund auf sie eingestellt.

»Hast du nebenbei Nachrichten von deinem Mann, Hannchen?«

Hannchen radiert vorsichtig einen Finger der Elfe wieder fort. Denn, wenn man auch ein elbisches Wesen ist, so ist es darum doch nicht nachgewiesen, daß man an der linken Hand plötzlich sechs Finger haben muß.

»O ja, mein großer Junge schreibt mir, Gott sei Dank, ganz regelmäßig.« Und ihr Gesicht glättet sich aus. »Kaum, daß mal ein einziger Brief verloren gegangen ist in den ganzen viereinviertel Jahren. Kommen über Spanien oder Dänemark.« (Fritz Eisner war das neu, denn Frau Lindenberg hatte oft geklagt, daß sie seit dem Krieg nur noch spärlich und indirekt von Egi höre.) »Artur, weißt du, benimmt sich nebenbei auch himmlisch gegen uns. Es geht ihm wieder sehr gut geschäftlich. Liebenthal läßt doch seine Leute nicht fallen. Er wird sicher mal wieder ganz groß. Und dann werden wir auch alles, was Egi damals durch ihn verloren hat ... siehst du, hier habe ich gerade einen Brief von Egi« und Hannchen kramt mit der Linken in einer selbstgeflochtenen Basttasche, die ganz nett wirklich ist; nur, daß die Kameruner es ähnlich, aber stilsicherer machen, weil ihre Frauen besser flechten, färben und von Hause her mehr dekorativen Sinn für so etwas haben ... während sie noch der Elfe das rechte Bein, das schon zu lang herunterhängt, etwas länger macht. »Siehst du: hier!« und damit hielt sie einen gelblichen, auf ziemlich festem Papier geschriebenen Brief Fritz Eisner hin. »Lulu braucht's nicht zu sehen. Es ist nicht so ganz für Kinder«, flüsterte sie. ›Meine einzige, süße Lady Hamilton.‹ Hannchen las leise mit. – »Ach, weißt du, das hat Egi natürlich vor Fremden nie zu mir gesagt – das war für uns beide – ›Mit den Photos hast du mich sehr glücklich gemacht ... Du hast dich trotz Kriegs- und Hungersnot in Deutschland ... es muß ja schrecklich sein, wenn man unseren Zeitungen glauben darf ... aber sie übertreiben wohl ... gar nicht geändert. Du bist noch immer so süß.‹« Hannchen legte die Hand über die nächsten Zeilen. »Ach, weißt du, lies das lieber nicht, es ist ja nicht für Dritte bestimmt. Männer sind darin ganz anders. Ich würde so etwas in Briefen nie schreiben. ›Ich zähle die Stunden, bis dieser schreckliche Krieg ... um dich nach so langen Jahren wieder in meine Arme schließen zu können ... Bis dahin bleibt mir leider nichts übrig, als dich in Gedanken zu umarmen und dich überall da zu küssen, wo ich dich ...‹« Wieder hielt Hannchen die Finger über einige Zeilen ... »›Daß es mir an wissenschaftlichen Erfolgen ... letztes Buch in sechs Sprachen ... so daß man wohl in Deutschland, wenn wir siegreich oder wenigstens unbesiegt ... freue mich schon auf die Zeiten, wo ich mit deiner Mitarbeit wieder endlich an meinem Lebenswerk, der großen Karakthorollogie ... ‹«

Fritz Eisner wurde es heiß auf der Stirn. Eigentlich schämte er sich. Was war das nur? Man mochte Egi alles nachsagen, aber stilistisch primitiv war er nun wirklich nicht. Eher das Gegenteil. Und solche Worte wären ihm nie aus der Feder gekommen. Und es war auch kaum anzunehmen, daß er je Briefe mit nicht festsitzender Orthographie und fraglicher Interpunktion und falschen Fremdworten schreiben könne, und wenn er noch so lange von Deutschland fort wäre. Und trotzdem, geschrieben konnte er es wohl haben, da waren so gewisse Kolbenstriche die unmotiviert an den G's und H's hingen, die für ihn sehr typisch waren, und die die Graphologie nicht sehr schmeichelhaft für den Schreiber zu deuten pflegt. Früher – so in der allerersten Zeit ihrer Ehe – hatte sie sogar Hannchen von ihm angenommen, wie das ja bei Frauen oft vorkommt, daß sie auch in der Schrift sich dem Manne anähneln, dem sie irgendwie körperlich und seelisch hörig geworden sind. Aber später, als die Ehe dann einen Knacks über den anderen bekam, hatte sich das schnell verloren. Und dann noch dieses merkwürdige aus alten vergilbten Zeichenbogen wohl selbst gerissene Briefpapier. Sollte sich das wirklich Egi vor dreizehn Jahren mitgenommen haben? Wie war es aber sonst möglich, daß es eben das gleiche Papier war, auf dem ihm Hannchen noch vor einer Woche geschrieben hatte, aber mit einer ganz anderen Schrift. Nein, das sind ja doch wieder diese merkwürdigen eingerollten U-Bogen. Wirklich und wahrhaftig, wenn man genau hinsieht, ist es genau die gleiche Schrift, nur ein paar Kleinigkeiten sind verstellt. Was treibt das arme Wesen nur dazu, sich diese Briefe zu schreiben. Wollte sie vor sich oder vor der Welt die Fiktion aufrechterhalten, oder war es einfach ihr eheloser, mißhandelter Körper, der aufbegehrte? »Willst du noch mehr lesen? Manche sind sehr interessant von drüben. Weißt du, die leben ja da, wie die großen Herren. Davon hat man hier in Europa doch keinen Begriff, ... ich hol dir welche.«

»Ach laß nur«, und er streichelte Hannchen, die den Brief geküßt und sorgsam zusammengefaltet und schnell wieder in ihr Strohtäschchen geschoben hatte und schon eine neue Elfe für eine neue Papierserviette angefangen hatte ... streichelte ganz heimlich, als Hannchen den Kopf niederbeugte, über die melierten – und so rötliches Haar bleicht nicht so hübsch aus, wie dunkles, wird vorher so storr und unansehnlich ... die melierten Locken. »Es freut mich jedenfalls, daß du so gute Nachrichten hast«, sagte Fritz Eisner. »Ich dank' dir nebenbei vielmals noch für deinen lieben Brief. Er war sehr vernünftig. Vernünftiger als andere.« Worauf sich das bezog, ob auf die ihrer Schwester Annchen, oder auf jenen Brief, den er eben gelesen hatte, war nicht ganz daraus zu entnehmen.

Hannchen drehte sich am Zeichentisch ... in rohen Umrissen sprang die Elfe mit ihren Libellenflügeln schon durch die Hopfenranke, und merkwürdig, das war besser, als das, was sie nachher daraus machen würde ... drehte sich nach ihm um und hob den Kopf und die großen feuchten Augen (sie hatten als einzige dem Verfall bisher standgehalten) zu ihm auf.

»Hast du ein Bild von ihr bei dir, Fritz?« sagt Hannchen ganz unvermittelt und blickt scheu zu Lulu herüber, der jetzt ganz auf dem Tisch liegt, ob der Junge auch nicht etwa aufpasse; denn solche Unmoralitäten muß man, selbst wenn man in allen den Dingen der Erziehung noch so vorurteilslos ist, wie sie, doch von einem halben Kind wie Lulu noch fernhalten, um nicht den kristallenen Spiegel seines Gemüts vorzeitig zu trüben. »Ich möchte sie doch gern mal wenigstens so kennen lernen.«

Fritz Eisner nestelte ein Bild von Nuck aus seiner Brieftasche. Ja, ja, das war das letzte: Das war noch nicht sechs Wochen alt oder gerade sechs Wochen. Wirklich, Fritz Eisner war im Augenblick selbst so überrascht und gefangen davon, daß er das Bild Hannchen gar nicht herüberreichen konnte und mit ganz gerührten Augen es langsam und Linie um Linie, Zug vor Zug abtastete. Vierzehn Stunden hatte er sie nicht im Arm gehabt. Eine Ewigkeit bald. Und da war sie nun wieder. Was für schöne Vornamen doch die Griechen hatten: Theodora, Göttergeschenk!

Sie stand da, groß und allein mitten auf dem Markt in so einer neckischen, süddeutschen Kleinstadt; alte Giebelhäuser mit Wirtshausschildern und einer alten Marktlinde, klein wie ein Spielzeug, hinter sich. Ihre halblange, grüne Seidenbluse mit dem Gürtel trug sie damals. Solche Art von halsfreier Russenbluse mit aufgenähten Taschen und mit Bändern durchzogen. Anders konnte er sie sich schon gar nicht mehr vorstellen. Und den anderen, den fußfreien Rock trug sie, bis zu den schmalen dünnen Knöcheln in den durchbrochenen weißen Seidenstrümpfen. Diese Knöchel erschienen ihm immer fast wie zerbrechlich für ihren fülligen Körper; wie zwei allzu schlanke Vasen waren sie, die aus den leichten und ausgeschnittenen Schuhchen wuchsen. Anders ging sie nie. Sommer wie Winter.

Die Finger aber hatte sie, wie sie es liebte – jene herunterzerrend – vorn in die beiden Taschen der Bluse geschoben, und eine kleine Mappe – ihre Mappe, die immer voll Schreibereien und Notizen war – hatte sie gerade wieder mal unter den einen Ellbogen geklemmt. Einen Augenblick vorher hatte sie wohl eben den Kopf gesenkt, so, als ob er ihr auf dem wundersam gerundeten Hals zu schwer geworden war. (Gott, wie liebte er gerade diesen Hals an ihr!) »Bleib doch mal stehen, Nuck!« hatte er gerufen, und darauf hatte sie den Kopf mit dem sich auftürmenden Turban der palisanderfarbenen Haarmassen, die ihre ganz kleinen Ohren halb nur verdeckten, gehoben, und ihn angelacht. Die Augen aber waren mit der Kopfbewegung zu ihm hinüber mitgegangen, und ihr Blick war gleichsam eher schon bei ihm gewesen, als der Kopf ihm ganz zugehoben war; und eben in diesem Augenblick und Augen-Blick hatte der Momentverschluß zugeschnappt. Und da stand sie nun für Jahr und Jahrzehnte in ihrer ganzen schönen, jugendlichen, schweren Reife, eine überlegene Frau, die ein scheues Mädchen, und ein Wesen wie eine dunkle Iris in Menschengestalt war. Gerade diese Zehntelsekunde von Staunen, Weichheit – und doch war das eigentlich nicht ihre Art, sie war sonst innerlich viel zu stolz, um einfach weich zu sein! – und eine heimliche Hingabe im Blick war gefangen worden.

»Wie bist du denn eigentlich zu ihr gekommen? Othello kann doch nun wirklich nicht stimmen: Sie liebte mich, weil ich Gefahr bestand ... ich liebte sie um ihres Mitleids willen!? War deine Vorgesetzte? Ach Unsinn, Fritz! Ist Redakteurin schon mit zweiundzwanzig? Ja, mir wollte man ja damals auch einen Redaktionsposten geben. Weißt du noch?« (Also Fritz Eisner wußte es wirklich nicht, nickte jedoch.) »Aber dann habe ich es doch vorgezogen, meinen großen Jungen mir zu nehmen. Natürlich muß dir so eine werktätige, intellektuelle Frau, wie wir sind, die wirklich mit dir mitarbeiten kann ... und die Frau ist doch die geborene Mitarbeiterin des schöpferischen Mannes ... mehr sein, als meine Schwester Annchen. Aber nun kannst du mir den Abzug wirklich mal anvertrauen. Du kannst ja nachher alles am Original nachholen. Ich nicht.«

Hannchen beugte sich eine ganze Weile über die Photographie, die sie, als ob es eine unsittliche Photographie wäre, vor den Blicken ihres Sohnes, der gar nicht daran dachte, herüberzusehen, sondern immer noch leise schmunzelnd vor sich hingluckste, mit herumgelegten Händen schützte. Solche Trübungen müssen doch um jeden Preis Lulus Gemüt ferngehalten werden.

»Ein ungewöhnlich schöner Mensch, diese Frau«, sagte Hannchen sehr leise und sehr langsam. »Hast du nebenbei die Aufnahme selbst gemacht? Ja?? Ach Gott, ich wollte es nur wissen. Dann hat sie dich sicher sehr gern, das sieht man an dem Bild. Wie alt ist sie doch eigentlich? Zweiundzwanzig erst eben? Mutig, sehr mutig von ihr und von dir ... Älter sieht sie auch eigentlich nicht aus, aber viel reifer. Ist wohl sehr klug? Muß es sein. Ich hatte sie mir nach Annchens letztem Brief ganz anders vorgestellt. Ja, damit fürchte ich, wird wohl meine Schwester nicht mehr konkurrieren können, selbst wenn sie es versuchen würde. Wie heißt sie denn eigentlich? Ruth? Ruth Block? Da haben wir doch vor langen, langen Jahren bei dir solche Malerin kennengelernt, solche schwarze, schlanke. Deine verstorbene Mutter sagte noch immer die George Sand von ihr ... wie hieß die doch? ... hieß die nicht auch Block? Ja, Lena Block!«

»Nein, nein!« meinte Fritz Eisner. (Wozu hier an alten Dingen rühren und Zusammenhänge aufdecken.) »Nein ... ich denke, mit der wird Nuck nichts zu tun haben. War ja auch viel, viel jünger.«

»Aber da war doch eine kleine Schwester aus zweiter Ehe, wenn ich mich recht erinnere«, meinte Hannchen und vertiefte sich wieder in das Bild. »Solch einen Familienzug hat sie. Das Lächeln kenne ich. Es lächelt unendlich lieb und klug über ein anderes Leben weg ... Na«, (Hannchen wurde sehr leise), »ich wünschte dir jedenfalls, daß du mit ihr – ganz gleich wie! – glücklicher wirst als vorher. Denn eigentlich (wir wollen doch mal ganz ehrlich sein) du kannst es brauchen. Nur deine Kinder tun mir gräßlich leid bei der ganzen Sache. Aber ich habe es Annchen lange schon gesagt, und ein dutzendmal (das reicht nicht!) geschrieben, daß es mal so kommen muß. Ich begreife es nicht: Du bist doch gar nicht so schwer zu halten für eine Frau. Annchen hätte eben bei mir in die Schule gehen sollen. Dann wäre ihr so etwas nie passiert.«

»Das glaube ich auch«, meinte Fritz Eisner und lächelte Hannchen verlegen zu.

Lulu schließt sein Buch und beginnt wieder seine Lachtonleitern anzustimmen. Und, da er jetzt dabei zu seiner Mutter hinübersieht, schiebt die schnell und heimlich die Photographie Fritz Eisner wieder zu, er soll sie verschwinden lassen.

»Gott, und dieser Sch ...krieg ... Es ist doch ganz aussichtslos. Siegen können wir doch nicht mehr. Warum hört denn das elende Blutvergießen noch nicht auf? Wie lange kann denn das noch dauern? Ich glaube nicht, daß wir noch eine Woche hier standhalten. Du hörst doch auf der Zeitung mehr als wir, Fritz. Ist was Neues? Warum ist der Kaiser denn aus Berlin geflohen?«

»Ach, weißt du, liebes Hannchen, Genaues kann ich dir ja auch nicht sagen. Ist es wohl schon aus. Aber jedenfalls ... ich möchte dir raten: Morgen vormittag nach Möglichkeit nicht auf die Straße zu gehen, und auch Lulu keinesfalls auf die Straße zu lassen. Wir werden nämlich mit ziemlicher Bestimmtheit morgen früh Revolution in Berlin haben. Rautsch – rautsch – rautschitschi: Revolution!!! Und bei Revolutionen kann nämlich geschossen werden, Hannchen. Das ist von alters her so üblich. Und die Kugeln – auch wenn nur so ein ganz klein bißchen geschossen wird – haben die verdammte Eigenheit, meist die falschen zu treffen, für die sie gar nicht bestimmt sein sollten. Also höre auf deinen alten Exschwager in spe: ›Ich rate euch – deshalb bin ich nämlich gekommen, junge Frau – rate euch gut: Bleibt zu Hause!‹«

Hannchen legte den Bleistift hin und starrte Fritz Eisner verständnislos und erschrocken an. Wenn die Franzosen morgen in Berlin einziehen würden, hätte sie sich nicht gewundert, aber mit so etwas, mit Revolution, hatte sie nicht gerechnet und sich auch noch gar nicht mit dieser Möglichkeit bislang innerlich beschäftigt. Revolution war eine Sache der Schulbücher, eine Sache der Russen und Franzosen ... aber in Deutschland gab es doch so etwas wie Revolution nicht! »Hörst du, Lulu«, rief sie mit Aufbietung oder Aufspielung ihrer ganzen Autorität. »Morgen gehst du mir nicht vor die Tür. Ich verbiete es dir. Hast du verstanden?«

Und dann ließ sie ihre etwas brüchige Stimme anschwellen wie der alte bewährte Statist in der Oper, dessen ganze Rolle darin besteht, in die Kulissen zu brüllen: »Strömt alle herbei!« »Mutteichen!«, rief sie lau:, »Elisabeth. Denkt euch nur, morgen gibt's Revolution. Fritz weiß es.«

»Ich hoffe sogar, daß unsere Jugendgruppe B tätigen Anteil nehmen wird, Onkel F(r)itz«, sagte Lulu, der sich jetzt aufgerichtet hatte ... Ist der Junge groß geworden! In seinen Kniehosen mit den bloßen Beinen und den Wadenstrümpfen sieht er wie ein Erwachsener auf einem Bösenbubenball friedlichen Angedenkens aus. Es fehlt nur der breite Umlegekragen und das Lavallier. Jetzt war sein Augenblick gekommen. »Du mußt nicht denken«, sagte er mit einer mitleidigen Überlegenheit, »daß du mir irgendeine b(e)sondere Neuigkeit ... das hätte ich dir schon vor einer Woche sagen (können). Natürrlich, natürrlich, werden wir uns nicht begnügen, dieser greisenhaften und vertrottelten Bourgeoisie nur den war(nenden) Spiegel vorzuhalten ... Wir werden Abrechnung machen. So ein ganz klein wenig, lieber Onkel F(r)itz, mit allen diesen Kriegsschiebern, die sich auf ihren Lasterbetten mit ihren (Kon)kubinen wälzen, während der von ihnen ausgezogene und ausgesogene Arbeiter am Hungertuch nagt. Wir werden auch diese Hundsfotte, diese stahlbadenden Herren nicht mit Glacéhandschuhen streicheln, lieber Onkel F(r)itz, das kannst du (ver)sichert sein.« Der Stimmbruch machte Lulus Agitationsrede noch wirkungsvoller. »Wir werden sie alle an (die) Wand stellen, ebenso wie diese Bluthunde der (so)zial(de)mokra(ti)schen Kriegskr(e)dit(be)williger ... dieses ganze Durch- und Zuhälter(ge)sindel ... diese vaterlandspartei(li)chen Leichenschänder mit ihrem Hurenhengst an der Spitze. Wir werden das Geschwür aufstechen. Wir werden – das versichere ich dich! – diese blutsaugenden Hamsterer.« –

»Sachte, sachte«, ruft Fritz Eisner, »ohne die wären wir ja alle und du und ich schon längst verhungert!«

Aber er kommt nicht auf. »Diese Schieber und Hamsterer in Reihen wie Drosseln – wie es Od(ys)seus mit den ung(et)reuen Mägden macht – hängen sehn. Diese widerliche Stinkbombe einer verkalkten und vertrottelten Bourgeoisie wird nun Gott sei Dank endlich zerp(l)atzen. Aber sei versichert, Onkel F(r)itz, daß wir uns nicht mehr mit halben Maßnahmen (be)gnügen werden. Wir werden dieses Mal der Katze die Schelle umhängen. Gewiß: Wir haben von Rußland gelernt, daß wir nicht das Kind mit dem Bad ausschütten werden. Dort sind gegen den Willen von Wladimir Ilitsch Vasilewitsch ... Du hast gewiß schon unter dem Namen Lenin von ihm gehört, Onkel F(r)itz?!! – Fehler gemacht worden ... Natürrlich ist von diesen schmutzigen Verdrehungen nur ein Bruchteil wahr. Grund und Boden (wird) enteignet, (!) Privatkapital in Staatskapitalismus überführt. Um deine Sammlungen brauchst du noch keinerlei Besorgnis zu haben. Sie werden verstaatlicht, und du kannst, wie Moroschin, Galeriediener bei dir selbst werden. Wie schon Engels in einer Anmerkung zum politischen Traktat ... ich werde diese Stelle schwarz auf weiß ...« Lulu war nicht stehengeblieben, sondern ging mit seinen bloßen Knien und weiten Schritten in den längst wieder ausgewachsenen, verstickten Sachen ... die Arme schwingend, als stände er schon als Agitator bei Bötzow auf der Tribüne ... neben dem Eßtisch, an einem Stück Glaserkitt von Brotrinde dabei kauend, hin und her. »Wir werden die blutig-roten Fahnen der Revolution nicht eher zusammenrollen, bis dieses janze widerliche Geschmeiß –«

Frau Lindenberg war auch herzugetreten, angelockt wohl durch den Schreckensruf von Hannchen: Revolution! und durch die nicht endende Deklamation Ludwig des Kindes. Aber die kannte sie vielleicht schon so oder ähnlich. Und Fritz Eisner schrak ordentlich zusammen. Es bestanden keinerlei besonders freundliche Beziehungen zwischen ihnen, von je nicht, und in den letzten Monaten schon gar nicht. Aber sie sah doch wirklich, selbst in dieser Zeit, da man das Erschrecken verlernt hat, zum Erschrecken aus, ein Gesicht wie ein Dreier, und weiß und blutlos und zusammengeschnurrt das ganze Figürchen. Er hatte sie mal das Urbild der Rattenmamsell aus Klein Eiolf genannt, jetzt war sie das Urbild der Mutter Aase in ihrer letzten großen Szene. Aber das Pathos der Epigonenzeit ihrer Jugend war ihr treu geblieben. »Dem Knaben gehören ein paar hinter die Oohrren!!« rief sie entsetzt und dann begann sie zu schluchzen: »Unser armer Kaiser.«

Mit Frau Lindenberg war nebenbei eine kühle Person zwischen dreißig und vierzig in dunkler Bluse, mit Herrenschlips, mit gebobbten, gescheitelten, aschblonden Haaren, einem Kneifer und einem weißen steifen Kragen eingetreten. Das war also wohl die einzige Frau aus der Dechiffrierabteilung des Generalstabs. Sie nahm den Kneifer von der Nase.

»Elisabeth Hammel«, sagte sie zu Fritz Eisner gewandt und setzte den Kneifer wieder auf.

»Aber was willst du denn«, rief Fritz Eisner unmutig, denn Frau Luise Lindenberg machte ihn stets kribbelig und gereizt. »Was willst du denn? Lassen wir doch den Mann aus dem Spiel: es genügt doch wirklich, daß er uns herrlichen Zeiten entgegengeführt hat.«

»Aber bei uns in der Getreideversorgungsstelle«, sagt Fräulein Hammel mit einer merkwürdigen sonoren Stimme (Sie sieht doch eigentlich aus, als ob sie mit dem Gesicht gegen die Wand gelaufen ist ... denkt Fritz Eisner respektlos) »ist man sonst sehr gut informiert. Mein Abteilungschef zum Beispiel hat nach oben und zur Obersten Heeresleitung die besten Beziehungen ... aber von Revolution ist da noch nie gesprochen worden. Es soll auch draußen wieder vorwärtsgehen in der allerletzten Zeit. Auch in Kiel ist wieder alles beruhigt. An Revolution bei uns glaube ich nun ein für allemal nicht.«

»Pah!« rief Lulu dazwischen.

»Es wurde nur von der Abdankung Seiner Majestät zugunsten seines Enkels gesprochen, da ... (ich habe dir ja«, ihr Ton wurde weicher, »liebes Hannchen, gestern habe ich dir ja davon noch Näheres angedeutet ...) da der Kronprinz ...«

»Dieser Leichenhäu(fe)r!« rief Lulu dazwischen, der, anscheinend eine neue Rede memorierend, neben dem Eßtisch kauend, auf und nieder geht. Er hatte sich dafür noch eine Scheibe Brot heimlich heruntergeschnitten. »Dieser Leichenhäu(fe)r!!«

Jetzt schrien einen Augenblick alle durcheinander, als ob Lulus »Leichenhäufer« für alle das Stichwort gewesen war, das Signal dazu gegeben hatte.

»Gott«, sagte Fritz Eisner, als die Wogen dieser Redefluten eine Sekunde ein wenig verebbten, und es gerade eine freie Stelle am Strand gibt, »wirklich: Revolution ist ja nicht das schlimmste, was uns treffen kann. Die hört, wie der Krieg – mal auf. Aber was kommt dann?«

»Unser armer Kaiser!« heulte Frau Lindenberg und macht ihr Grabesgesicht. »Er hat doch nur das Beste gewollt!!!«

»Pah!« ruft Lulu und quiekst respektlos auf.

Fritz Eisner aber schlägt auf den Tisch ... und dabei hatte er sich vorgenommen, ruhig zu bleiben: »Verwechsle doch nur nicht immer die Hohenzollern mit Deutschland. Und die Staatsform mit dem Geist des Volkes. Gewiß, »Deutschland ist kerngesundes Land und es hat ewigen Bestand« ... Es hat den Dreißigjährigen Krieg, und den Siebenjährigen Krieg, Napoleon und 1870, und so viele Könige, Kaiser und Fürsten und Staatsmänner und Minister und schlechte Gesandte und Religionskriege und Machtdünkel, und Flottenbau, und was weiß ich nicht noch alles, ausgehalten, und ist trotzdem nicht zugrunde gegangen, und hat große Dichter, Musiker und Erfinder trotzdem und trotz alledem in Hülle und Fülle hervorgebracht. Was kann denn Deutschland passieren? An Deutschland zweifelt doch niemand; trotzdem wir nicht einmal genau wissen, ob es nicht in vier Wochen, auch nur dem Namen nach noch bestehen wird. Aber was wir genau wissen, ist jedenfalls, daß wir im Augenblick bankerott sind. Meinst du, für die ganze Kriegsanleihe, die du gezeichnet hast, gibt dir in einem Vierteljahr jemand auch nur noch hundert Mark? Unser ganzes Geld sind doch Fetzen Papiers geworden, und für eine Tasche voll wirst du in zwei – wenn's überhaupt wieder Beefsteak geben sollte – in zwei Jahren vielleicht nicht mehr ein Beefsteak bei Kempinski bestellen können.«

»Assignaten 1794!« ruft Lulu zustimmend (und es war auf lange hinaus das letztemal, daß er seinem Onkel zustimmte).

»Das einzige, was bleiben wird und bleiben muß, ist eben Realbesitz. Freu' dich, daß du wenigstens dein Haus hier besitzt. Halt's fest. Das können sie dir nicht wegtragen!«

»Hört! Hört!!« ruft Lulu, der bei seiner Fußwanderung in der anderen Ecke des Zimmers angelangt war, aus einem dunkeln Winkel heraus. »Grund und Boden wird von uns entei(gn)et werden, und der wucherische Großstadthaus(be)sitz an erster Stelle. So leid mir das auch im Einzelfall tun würde, Großmutter!!«

»Jedenfalls aber mußt du morgen vormittag zu Hause bleiben! Nicht einen Schritt lasse ich dich auf die Straße!« schreit Hannchen dazwischen und beginnt vor Erregung jämmerlich zu husten.

»Das wird ganz davon abhängen, welche Ordre ...«

»Aaaber Hannchen!« unterbricht Fritz Eisner ... »rege dich doch nicht unnütz auf! Es ist ja noch nicht morgen. Es ist ja noch nicht Revolution. Und außerdem! Führer dürfen überhaupt der Sache wegen nicht ihr Leben in Gefahr bringen. Das mußt du doch wenigstens aus dem Krieg gelernt haben. Nicht wahr, Lulu??«

Lulu schweigt. (Vielleicht überlegt er eine Antwort ... vielleicht würgt er gerade an der dritten Brotkruste.)

»Also ... höre mal ... hör mal zu, mein Junge. Du mußt nicht glauben, daß wir so ganz entgegengesetzter Meinung sind ... je mehr ich mir diese üble Eigenheit des Denkens angewöhnt habe, desto klarer und grader ist mit den Jahren mein Weg nach links gegangen ... Aber ich habe in der Zeit etwas lieben gelernt, das ich, als ich so alt wie du war, nicht einmal dem Namen nach kannte und was (ihr seid ja viel frühreifer, als wir je waren!) ihr wenigstens schon von Hörensagen kennt ... auch wenn ihr nicht davon wissen wollt ... nämlich das Wort: Kultur!«

»Das sagt der Bourgeois immer, wenn er nicht weiter weiß ...« ruft Lulu aus seiner Ecke ... »Wir Proleten lehnen diese deine Kultur endgültig ab, Onkel F(r)itz.«

»Also letzten Endes sind wir nur wohl über die Methoden uneins. Du siehst zum Beispiel in der roten Revolutionsfahne die Farbe des Blutes. Ich die der Freiheit und der aufgehenden Sonne.«

Lulu stimmte wieder sein Gelächter an. »Marat ... Robespierre ... Danton ... Mirabeau ...« funkte er wie aus einem Maschinengewehr herüber, und seine roten Bäckchen – jetzt war er in den Lichtkegel des Fensters gekommen – strahlten noch mehr, als sie es sonst um diese Nachmittagszeit taten.

»Und dann: politisch und so ... magst du ja schon sehr versiert sein. Aber du unterschätzt doch – nur weil es zum Kulturressort gehört, wohl?! – den Kunstbesitz in Deutschland, wenn du schon das bißchen Gelump, das ich bei mir in meiner Räuberhöhle zusammengetragen habe, mit zu den Museumswerten zählst. Ich würde mit dem Gedanken, einmal diese Gauguins, Cézannes und Renoirs besessen zu haben, nebenbei gern wie dein Morosov, nicht Moroskin wie du sagtest ... der andere schreibt sich Schtscht, was Schukin gesprochen (und den meinst du doch wohl nicht) in dieser Galerie den Galeriediener, den Aufseher – er ist nebenbei Konservator dort! – gern würde ich den spielen in Moskau. Denn (aber dazu bist du zu jung, um das zu verstehen) Kunst hat nämlich nichts mit Geld zu tun. Nicht mal mit Besitz ... Kunst gehört, wie jedes lebende Wesen: niemand. Nur sich selbst. Also gut, Lulu, meinen Posten in deinem neuen Staat, der unter andern Voraussetzungen auch der meine sein könnte, habe ich: Galeriediener! Aber was willst du denn da werden? Na ... raus mit der Sprache! Also ich weiß schon einen vorzüglichen Posten für dich. Er ist zwar bescheidener Natur, aber Arbeit ist nie ehrenrührig, nicht wahr? Und ... die Umgangssprache gerade dieser Gruppe im soziologischen Sinne (um in deinen wissenschaftlichen Riten zu bleiben) meisterst du, wie ich vorhin mit Freuden feststellen konnte, schon in einer kaum noch überbietbaren Vollkommenheit und Vollendung. Daraufhin, denke ich, kannst du sicher die Stelle als erster Latrinenreiniger beanspruchen, mein Sohn.«

Aber Lulu ist wohl von seiner Zelle her mehr gewohnt ... er bewahrt Haltung: »Lieber Onkel F(r)itz, getroffene Hunde bellen. Über deine vertrot(tel)ten bourgeoisen Anwürfe, und wenn sie noch so sehr nach dem Brusttee der Überzeugung riechen, werden wir zur Tagesordnung übergehen. Für unsere Arbeit können wir uns nun leider mal nicht mit Rosenöl par(fü)mieren, wie es so feine Herrchen wie du und deinesgleichen bisher gewohnt waren ... Die schwielige Faust ...«

»Ganz recht hat unser Lulu«, ruft Frau Lindenberg schrill dazwischen und steigert ihren Alltagspathos zum heiligen Zorn. »Das ist wirklich die Höhe. Ich – an deiner Stelle, Hannchen, würde es nicht dulden, daß mein Sohn in meinem Hause mit solchen Ausdrücken, wie Latrinenreiniger, belegt wird. Und dazu noch von einem Menschen, der wirklich das Recht verwirkt hat« (sie liebte solche etwas abgelegenen Worte, die Frau Luise Lindenberg) »über die Moral anderer Leute ...«

»Auch ich muß bekennen« ... akkompagniert mit ihrer sonoren Stimme Elisabeth Hammel, »daß ich so etwas sonderlich finde.«

»Ach Gott«, ruft Fritz Eisner, »ich bin ja wirklich nicht hergekommen, um zu debattieren ... Jedenfalls scheint es mir dazu der ungeeignetste Augenblick seit einundfünfzig Monaten zu sein, sondern nur um euch etwas mitzuteilen, was ich seit zwei Stunden ziemlich genau weiß. Also verhaltet euch danach. Das ist alles, was ich sagen wollte ... Adieu, Hannchen ...«

»Aber Fritz!« ruft die, »ich mach' doch gleich Kaffee! Nu, bleib' man schon da. Jetzt ist doch die Luft wieder rein.«

»Nein, ich muß wirklich fort ... hab' mich schon zu lange aufgehalten.«

Hannchen war aufgestanden. »Ich verstehe«, sagt sie, »die Zeitung schließt wohl wegen angesagter Revolution heute früher?!« (Manchmal doch ganz witzig, denkt Fritz Eisner und winkt Lulu zu, der den Disput schon fast vergessen hat.) »Auf Wiederseh'n morgen auf der Barrikade.«

»Wozu, Onkel F(r)itz, willst du denn morgen noch eine Knarre in die Hand nehmen, da du es seit sechsundzwanzig Jahren nicht mehr getan hast? Vorher hättest du doch genug Gelegenheit dazu gehabt. Oder nicht?!«

»Weil es – und hier treffen wir doch wieder zusammen – vielleicht das einzige und erste Mal wäre, wo es vielleicht einen Sinn haben könnte!«

Fräulein Elisabeth Hammel und Frau Lindenberg haben unter stillem Protest (Ruf uns dann, wenn es Kaffee gibt!) das Zimmer wieder verlassen, ohne noch einmal nach Fritz Eisner herüberzusehen.

»Deine Mutter sieht nebenbei hundsmiserabel aus. Fehlt ihr denn etwas?«

»Ach Gott, sie ist schwach eben. Wo soll man etwas herkriegen, um sie zu pflegen? ... Spanier hat Rotwein gesagt. Aber wer kann den zahlen?!«

Hannchen steht in der Tür und nickt Fritz Eisner nach. »Na, und grüß' schön!« ruft sie hinterher.

Komisch, denkt Fritz Eisner, wie er die Stufen langsam und Absatz für Absatz – mal an einem Flurfenster stehenbleibend und in den kahlen Hof mit seinen verlausten Rasenflächen und den zottigen Büschen im Winkel hinabsehend – unter die Füße nimmt. Komisch: ... man kennt sie doch nun ganz genau mit all ihren Mucken und Fehlern und Unmöglichkeiten, Übertreibungen, Phantastereien und dem ganzen Theater. Man fällt bei ihr auf nichts mehr herein ... Sie ist heute ältlich und schrullig und krank, und doch hat sie irgend etwas in ihrem Wesen, das die andern da nicht haben in diesem Strindberg-Haus. Etwas, das mich immer wieder versöhnt, und dem ich mich nicht entziehen kann. Aber, was ist das eigentlich nur für eine entsetzliche Tante, dieses Fräulein Hammel? ... Wo Hannchen die nur wieder aufgegabelt hat? So etwas müßte man doch einfach mit 'nem nassen Handtuch da herauskeilen!

Und dann trottet Fritz Eisner wieder durch die von der ersten herbstlichen Nachmittagsdämmerung durchblauten, und von einer leichten Feuchtigkeit durchhauchten, langen und geraden Berliner Straßen dahin. Die Menschen – dieses graue Etwas – (weder die Soldaten noch die Frauen sind ja bunt angezogen mehr ... kein Farbenfleck, der irgendwie noch auffällt) – schieben sich gleichgültiger und lethargischer durcheinander, als es sonst die Kriegszeit, und gar die letzten hoffnungslosen Monate mit sich gebracht haben. Nur die Hetze abgehungerter Kinder springen und schreien und jagen sich ebenso über den Savigny-Platz wie stets. Ihre Lebenskraft und der Naturtrieb ihrer Sorglosigkeit sind kaum zu brechen. Nicht einmal mit Frieren, Schlägen und Hungern.

Das ist doch wieder dieser neue Typ von Mädchen, der jetzt sich herausgebildet hat! ... So seltsam sehen sie aus, diese Zwölf- und Dreizehnjährigen mit den Mädchenköpfen ... diese Vierzehnjährigen mit den Frauengesichtern! Ich muß bei ihnen immer an die Reliefs auf römischen Marmorsarkophagen denken, auf denen Kinder im Spiel, um einander damit zu erschrecken, sich die Masken von Erwachsenen vorhalten, die sie wohl zufällig gefunden haben. Die sind genau so liebenswürdig. Und genau so unheimlich.

Eigentlich ist er ja doch schön, dieser Herbstnachmittag hier im Tiergarten. Warum nur habe ich das so lange nicht empfunden? Langsam, und wie im Erwachen, beginnt plötzlich alles um mich zu leben: ... Laub raschelt ... die Bäume atmen ... eine späte Drossel reißt an roten Beeren, und fliegt dann laut auftrillernd durch die Büsche davon, weil ein herbstbraunes Eichhörnchen von Astgabel zu Astgabel springt. Es war doch auch heuer Sommer? Wo ist der Sommer hingekommen eigentlich? Ich erinnere mich gar nicht mehr recht an ihn. Und doch habe ich die ganze Zeit, wie immer, draußen vor der Stadt hier gelebt. Oder bei mir da unten manchmal. Zwischen der grünen dichten Wolle der Buchenwälder auf den Bergen. War er schön? War er heiß? War er verregnet? War er kühl? Überhaupt ... wie lange ist es, daß für Welt, daß für die Welt die Natur tot ist?

Ich erinnere mich ganz deutlich noch, wie sie verschied ... Es waren die ersten Augusttage vor vier Jahren.

Die ganze Nacht war ich aufgewesen, weil mich das Rollen der Züge der Mobilmachung, die gerade unter meinem Schlafzimmerfenster vorübergingen, nicht schlafen ließ. Und in der ersten Morgenfrühe, als ich es gar nicht mehr aushalten konnte ... das war wie Erde, die auf Sargdeckel poltert ... ging ich allein durch die Wohnung, stellte mich auf den Balkon, und sah über den stillen Wald, den noch schlafenden Garten, über die Kiefern und Babylonweiden, die Linden und die Zäune voll roten Krimbsen und rotblauen Kletterrosen, über die bunten Beete und die Rasenflächen, die noch von der Nacht her Tau atmeten ... langsam und groß und einsam die Sonne hochsteigen. Sie war ganz rot, kirschrot im Wärmedunst eines kommenden heißen Tages, und begann in der kristallenen Morgenluft jedes Ahornblatt und jedes Stiefmütterchen der Beete mit Licht und Silber nachzuziehen ... jede Nadel der Blautannen, jede Ranke des Kletterweins, jede Aster und jedes Tausendschönchen. Aber es war etwas Entsetzliches über Nacht geschehen: All das hier, und soweit man es sah, und auch nur ersinnen konnte, all das, was die Sonne eben erwecken wollte, war urplötzlich gestorben, war tot, war nur noch ein Gewirr von bunten Glasscherben, sinnlos, gräßlich, verwirrt und traurig. Und ich sah durch dieses Gewirr bunter Glasscherben einfach hindurch in das gähnende Nichts hinein. Das bunte Bild der Natur, das einzige, was der Mensch besitzt, war urplötzlich über Nacht gleichsam ... ohne daß es jemand erklären konnte, wie es kam ... gestorben. Siebenzehnmal haben Sommer, Frühling, Winter und Herbst die Kulissen gewechselt von dieser Stunde an ... und es war, es blieb nur ein Wirrwarr aus buntem leblosen Glas, das sich gegeneinander und ineinander verschob, ohne daß es anders wurde, ohne daß man es eigentlich bemerkte. Weder ich, noch irgend jemand sonst. Vielleicht sah es ein Kind noch. Wir nicht mehr.

Und eben in dieser Minute scheint es mir so, als ob es wieder die Wimpern heben will ... Herr des Himmels, wie lange wird es dauern, bis es sich wieder von neuem herumspricht, daß es doch eigentlich nur scheintot war die ganzen viereinviertel Jahre lang!!

Durch das sich öffnende Tor der Silberpappeln blickt Fritz Eisner nach dem Kemper-Platz herüber. Gewehre sind da zusammengestellt zu Pyramiden. Das muß auch gelernt sein. Brotbeutel und Tornister liegen zu wirren Hügeln geschichtet auf dem Pflaster. Eine kleine Truppe – höchstens ein Zug – spielt hier Lagerleben. Wo werden die Jungens heute schlafen?! Eine Masse Menschen um sie herum. Viel Mädchen. Haben eben lange nicht so hübsche Jungen mehr gesehen, mit richtigen runden Thüringer Apfelgesichtern. Sie sind schüchtern, rotbäckig, freundlich und singen etwas beim Sprechen. Eben Thüringer. Sehen gar nicht so aus, die Jungen, als ob sie morgen schießen wollen. Werden es wohl auch nicht mehr tun. Nicht etwa aus Humanität. Das sechste Gebot: Du sollst nicht töten! ist ja bis auf weiteres aus dem Katechismus gestrichen worden. Sondern, weil man doch wirklich hier so freundlich zu ihnen ist. Fast alle haben Blumen, wenn's auch nur Papierblumen noch sind, die ihnen die Mädchen angesteckt haben. Fast wie zu Kriegsanfang. Also gehabt euch wohl.

Die ganze Bellevuestraße erfüllt ein Straßenhändler mit seinem mächtigen Gebrüll. Viel mehr donnerte nebenbei auch nicht die Stimme von Karl Liebknecht von seinem Lastwagen herunter gegen die Wände der Häuser, als sie ihn neulich hier im Triumph einholten, da er aus dem Zuchthaus entlassen worden war.

Ich sehe ihn noch da oben auf dem Wagen stehen mit der grauen Gefängnisfarbe an einem grauen Nachmittag und mit seinen mächtigen Gesten. Und von Köpfen ein unabsehbares Meer um ihn und von ihm entgegen-sich-streckenden Armen. Man sah keinen Schutzmann, niemand hinderte, befahl; es war kein Empfang eines Heimkehrenden, eines Befreiten, eines Unschuldig-Verurteilten, es war der Einzug eines neuen Herrschers, Gewalthabers, Königs. Den ganzen Sommer hatte ich geschlafen und schön geschlafen und nichts gesehen, was eigentlich gespielt wurde und seit dem Augenblick weiß ich es nun.

Was brüllt denn dieser Straßenhändler da nur mit seiner Agitatorenstimme? Was denn: »Das elegante Berliner Leben ... statt einer Mark nur für zehn Pfennige!« Wirklich, der hat die Situation im Kern erfaßt: »Das elegante Berliner Leben statt einer Mark für nur zehn Pfennige!!!«

Aber es nützt ihm nichts, die Leute wollen auch nicht einen Groschen mehr dafür geben.

Gegen den eisernen Zaun eines Vorgartens gepreßt, auf dem nackten Pflaster sitzend, das eine Bein eingezogen, das andere von sich gestreckt, den Rücken krumm, den Kopf mit der schiefgerutschten Soldatenmütze, etwas hängend und lose im Genick, in einem grauen, alten, abgeschabten und durchlöcherten Waffenrock eines filzig schlechten Stoffes, so, als ob er direkt aus dem Granattrichter herausgekrochen war, in dem er verschüttet stundenlang gelegen hatte, noch die Apathie und den wirren Schreck darüber in den Zügen, sitzt ein verschwommenes Etwas eines alten zitternden Frontsoldaten, einen Korb mit Zündhölzern, Heftpflasterpröbchen und sogar einigen englischen Zigaretten auf einem angeschlagenen Teller vor sich. Alle Glieder – zum mindesten aber Kopf und Oberkörper – sind in einer ständigen rotierenden Bewegung. So wie diese merkwürdige Pflanze aus den Sümpfen von Südkarolina, denkt Fritz Eisner, die ständig die Blätter bewegt, ohne daß man einen Grund dafür angeben könnte. Gewiß, solche armen, verschütteten Kriegszitterer gibt es in Lazaretten. Man begegnet auch manchmal einem. Aber, daß sie bettelnd ihr Elend zur Schau stellen, ist neu. Und nun sitzen sie schon wie in Neapel die Bettler mit den zerfressenen Gesichtern am Straßenrand ... buh ... nicht hinsehen.

»Aber Rosenemil, Menschenskind!« tuschelt Fritz Eisner plötzlich und ist ganz dicht neben ihn getreten. »Wie ist Ihnen denn das passiert?! Was machen Sie denn mit einemmal?!« Gott, das ist doch mein alter Freund Rosenemil vom Potsdamer Platz Mitte am Zaun ... Seit fünfzehn Jahren nehme ich immer meine Blumen aus seinem Korb, weil er billiger ist als die Konkurrenz. Ein famoser alter Lude! Vor noch nicht vierzehn Tagen, da hatte er noch seinen ewigen, blitzblanken, abgeschabten ... seine Schlitterbahn von einem Smoking ... an, und sein Schnurrbart war forsch hochgewirbelt, wie immer all die Jahre (denn das lieben die Damens ... ), vor noch nicht vierzehn Tagen habe ich ihm einen ganzen großen Strauß von frisch und garantiert in Britz gestohlenen Rosen abgekauft. Von eingezogen werden war ja nie die Rede ... denn er hatte ja nur noch zwei Zehen am linken Fuß. Die andern haben ihm die Karbolfritzen in der Charité so langsam Stück für Stück abgeknipst. Und jetzt haben se also selbst den armen Kerl noch 'rangekriegt, innerhalb vierzehn Tagen eingekleidet, vorgeschickt, verschütten lassen und wieder nach Hause geschickt!!

»Ach Gott«, sagt Fritz Eisner und läßt einen Fünfziger in den Korb fallen; für Heftpflaster hat er keine Verwendung.

Rosenemil zittert beim Sprechen unentwegt weiter: »Ick hab' mir umjestellt, Herr Doktor«, sagt er leise und sich umsehend mit der Stimme einer verrosteten Dachrinne. »Umgestellt habe ick mir, Herr Doktor. Was soll man denn tun, lieber Mann? Wer wird denn in die nächste Zeit Blumen koofen? Det hier hat Zukunft. Man muß nur jut Maske machen, denn hat man in eene Stunde so viel, wie in eenen Tag ins Geschäft. Ick hätte mir ja ooch viel lieber an 'ne Schwarzschlächterei beteiligt (des is een ruhiges Unternehmen), aber dazu gehört heutzutage Kapital. Und wo soll man des hernehmen? Und zum Butterschieben, da jehört ooch Kapital. Un außerdem, man muß buckeln. Un nachts über Land loofen können. Un des kann ich nich, mit meene Beene. Hier habe ick so jut wie keine Unkosten, außer die Uniform. Un die hat man eben sieben Märker gemacht. Stieke, Herr Doktor, der Schien tippelt ... Bitte jeh'n Se weiter. Sie verscheuchen mir nur die Kundschaft, Herr Doktor. Sssst, Polente! Des könnte mir jerade so passen, wenn die mir hier an letzten Tag von de alte Herrlichkeit noch hops nehmen und ick morgen bei den Knatsch etwa nicht dabei sein könnte!« Rosenemil hob Augen und Stimme. »Ein armer Kriegsteilnehmer dankt Ihnen vor die Kleinigkeit«, rief er schmerzbewegt und dankerfüllt, und damit warf er den Kopf noch wilder nach rechts und links, und zuckte und flatterte mit den Armen.

Merkwürdig, wie trotz der Kriegsjahre das Scheinleben der City weitergegangen ist und dabei ist doch alles nur noch lärmender Leerlauf ...

Nein, geändert hat sich nichts gegen die letzten Monate, nur daß es heute müder eher als bewegt erscheint, und seltsam lärmlos ist. Aber in dem grauen Gewirr der Fußgänger der Friedrichstraße scheint es Fritz Eisner, als ob sich da plötzlich so etwas wie eine Schlucht bildet, so etwas wie ein Kielstreifen eines fahrenden Bootes. Die Menschen, selbst die Soldaten mit ihren Suppentöpfen von Stahlhelmen auf den Schädeln weichen vor irgend etwas zurück und verharren wohl einen Augenblick, um diesem Etwas nachzuschauen, und schließen sich dann erst wieder zusammen. Und so kommt wohl dieser Streifen von Leere an der Bordschwelle zustande. Muß jemand da zwischen den Menschen Spießruten laufen? Aber dann wäre es doch nicht so still. Dann würde man doch Rufe und das Klatschen der Schläge hören!

In diesem leeren Raum jedoch geht ganz ruhig, seelenruhig und langsam mit jenem schwankenden Gang, den Kopf etwas eingezogen, die Ellenbogen krumm, beim Gehen etwas mit den geöffneten Fingern vor dem Leib taktierend, und breitbeinig und von rechts nach links wippend dabei, mit Dütenhosen und Flatterbändern an der Mütze ... an der Mütze ... ein ganz stiller, kleiner, freundlicher Matrose. Durchaus keiner von den wilden Burschen, mit weitaufgerissener Bluse und behaarter, rotverbrannter Brust, sondern so einer, der fast noch ein Junge ist, mit stillem Gesicht und freundlich-versonnenen wasserblauen Augen. Er geht seinen Weg. Er hat weder Eile, noch geht er absichtlich langsam. Er sieht nicht nach rechts noch nach links, nur still vor sich hin, als ob er etwas am Boden oder da vor sich suche. Er hat keinerlei Waffe bei sich und keinerlei drohende Miene; und doch weicht ihm alles aus. Offiziere gehen an ihm vorüber, er tut, als sähe er sie nicht. Er denkt gar nicht mehr daran, die Hand an die Mütze zu heben. Das ist nun vorbei. Und jene denken auch gar nicht daran, ihn zur Rede zu stellen, oder etwa abführen zu lassen. Das ist nun vorbei; das fühlen sie. Man weiß, es ist ein Kieler Matrose. Und Kiel ist in den Händen der Matrosen. Haben einfach einmal die Kanonen umgedreht und auf die Stadt gerichtet. Um Punkt zwölf Uhr schießen wir euch zusammen, samt euern Frauen und Kindern, ihr Herren Offiziere. Und das andere hat sich dann ganz schmerzlos von selbst gegeben. Das ist, wenn die Zeitungen auch kein Wort darüber gebracht haben, so durchgesickert. Eigentlich weiß es jeder schon. Ein Schutzmann, der auf der Mitte des Damms steht, sieht zu dem kleinen, ruhig gehenden Matrosen – jetzt hat er sogar, wie das Matrosenart ist, die Hände in die Hosentaschen geschoben, die er damit weit auseinanderzieht – hinüber und er sieht eben so still wieder weg, der Schutzmann. Er weiß: Der ist heute vormittag in den Kasernen im Norden gewesen. Ist hereingegangen. Keine Wachen haben ihn gehindert. Alle Türen sind vor ihm aufgegangen. Er hat keine großen Agitationsreden mehr gehalten, sondern nur gesagt, was in Kiel sich ereignet hat, und morgen hier ein ähnliches wohl geschehen wird. Er ist von Zimmer zu Zimmer gegangen. Kein Offizier hat mehr gewagt, ihm in den Weg zu treten. Und nun geht er also von den Kasernen der nördlichen Stadt nach denen der südlichen und dem Tempelhofer Feld, um die gleiche Parole auszugeben. Ganz still und allein, ein einzelner gegen Millionen. Die ganze Chausseestraße und die ganze Friedrichstraße hinunter. Jeder weicht ihm aus. Wo er geht, bildet sich ein freier Raum um ihn. Er belästigt auch niemand. Aber jeder ahnt, das sind voraussichtlich die maßgebenden Leute von morgen.

Wie lang doch solch ein Tag ist. Gewiß: Die Stunde geht auch durch den längsten Tag ... aber jetzt ist es erst nach vier. Und vor fünf kann Nuckelino nicht daran denken, ihren Schreibtisch abzuschließen, und dann kommt noch im letzten Augenblick etwas, das nicht bis morgen warten kann, und so würde ich nur wieder herumsitzen, und sie stören, daß es eher später, als früher wird. Gerade heute muß gewiß noch der Spiegel von Seite sechzehn geändert werden, und die Modentante hat wieder gesagt: ›daß die Mode augenblicklich auf strenge Sachlichkeit, dem Ernst der Zeit entsprechend, hält; und deshalb die rauhen Formen des Kriegerhelmes für ihre Hutmoden sich zu eigen gemacht hat, und so einer jeden Frau die Möglichkeit gibt, auch in diesen harten Zeiten ihre Individualität voll auszuleben. Das aber gäbe erst diejenige Note, welche ...‹ also, wenn Nuck diejenige Note, »welche« liest, geht sie schon in die Luft. Ist ja sehr jung noch. Hat sich eben in wenigen Jahren von einer Sekretärin zur Redaktrice hochgearbeitet, und nimmt deshalb so etwas noch blutig ernst, redet sich immer noch fest ein, man kann volkserzieherisch auf Briefträgerfrauen und Gutsbesitzersgattinnen wirken, und man könnte ... was noch aussichtsloser ist ... einer Modeschriftstellerin Vernunft oder gar Deutsch beibringen: In diesem Winter werden Streifen getragen; doch werden Tupfen noch immer das Zeichen eines guten modernen Geschmacks sein!

Und wozu soll ich sie stören? Ich kenne das doch selbst zu gut. Den ganzen Tag scheint es, als ob man überhaupt hier in diesem endlos großen Haus nur zusammengekommen ist, um sich zu besuchen und zu unterhalten. Scheinbar arbeitet überhaupt niemand. Und dann drängt sich doch das alles auf die letzten Stunden zusammen, stockt, hat unüberwindliche Schwierigkeiten, und wird zum Schluß eben doch immer wieder genau auf die Sekunde fertig, um für einen Tag unendlich wichtig, und für den nächsten schon unendlich gleichgültig zu sein. Alles hier lebt nur von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, jedenfalls von einer Zeitungsnummer zu der anderen. Maßlose Schreibarbeit wird erledigt dazu, hundert Dinge werden nachgeprüft, vorbereitet, verworfen. Eines wird endlich genommen, von denen, und auch das noch im letzten Augenblick wieder in Klump geschlagen. Nirgends ist dabei die Luft scheinbar behaglicher und leichter, spielerischer und witziger; und trotzdem ist sicher die Luft nirgends mit mehr Unruhe und Nervosität geladen, wie in Redaktionszimmern. Hier liebt man es, mit den Dingen schnell fertig zu werden ... alle Fragen zu beantworten und über jegliches sich sofort seine Meinung zu bilden.

Muß ihnen immer noch die Buchkritiken schreiben und den Rundgang durch die Kunstsalons. Haben schon dreimal gemahnt. Aber es war da wirklich etwas zuviel an persönlichen Dingen, die mich mitnahmen in den letzten Wochen. Kaum gelesen habe ich. Geschweige geschrieben. Und das will für mich etwas sagen, wenn ich einmal einen Tag ohne Buch bin. Ich tue nichts lieber, als lesen, und nichts ungerner, als schreiben. Und deshalb komme ich nie zum Lesen und muß immer schreiben. Hat das nicht Brandes mal geklagt? Mein Wunsch wäre es, mich mal drei Jahre in eine Bibliothek einsperren zu lassen. Denn ich liebe es eigentlich durch Bücher von der richtigen Welt getrennt zu sein. Finde immer, in Büchern sind alle Dinge, selbst die Natur, Wälder, Meer und Berge, Tropfen und Nordpol und alle Landschaften der Menschenseele viel leichter zugänglich, viel klarer gedeutet, und viel lebensvoller und schärfer umrissen, als in ihrem Urbild, dem Leben selbst. Nirgends ist die Welt so weit und so tief, als im Buch. Sicher ist Paris von 1850 nur ein Abklatsch von Balzac gewesen und nicht umgekehrt. Ist heute etwa noch 1850? Nein! Er aber hat befohlen: Sonne steh' still in Gideon. Und die Sonne von Paris 1850 ist für Jahrhundertdauer stehengeblieben. Was also soll ich jetzt da oben auf der Redaktion?

War hier nicht einmal ein Schaufenster, in dem sich falsche Diamanten auf schwarzem Samt, wie in einer Grabkapelle, egalweg blödsinnig drehten, und behauptet wurde, daß der Erfinder dieser edlen Glassteine jedem tausend Mark zahlen würde, der sie von den echten unterschiede? Jetzt hängen hier nur armselige Ansichtskarten, auf denen schlechte Filmstatisten als Frontsoldaten verkleidet, von Filmstatistinnen, als weinende Bräute verkleidet, in zärtlichen Küssen Abschied nehmen.

Aber die Kunsthandlung »Zur entweihten Ölfarbe« ist doch noch da mit ihren Dackeln, Fjorden, Postboten und Schnitterinnen und der Elfenbeinschnitzerei: Venus züchtigt Amor. Das Detektivbüro mit der Spezialität: Ehebeobachtungen ist hingegen aufgeflogen. Heute nimmt man so etwas nicht so ernst mehr, um da einen Spürhund auf die Fährte zu setzen. Also, ist – das – ja das Haus von Doktor Spanier. Halb fünf: Teestunde. Eigentlich könnte ich so etwas brauchen. Denn mein Magen hängt mir schon wieder bis auf die Schuhsohlen, und vielleicht weiß Lu noch nichts, und jedenfalls werden sie mir danken, wenn ich ihnen so sage, sollen morgen etwas vorsichtig sein ... Wohnen sowieso in der Mitte. Kommt es noch zu Kämpfen morgen ... grade im Zeitungsviertel, wird es sicher nicht ruhig bleiben.

Hier diese nackte Marmortreppe bin ich oft genug in den letzten Jahren hinaufgegangen ... wenn wieder in der General-Pape – (wer war General Pape? Ach so ... weiß schon: Jener »Pape ist mir piepe ... ich p ... auf Pape«) in der General-Pape-Straße wieder Untersuchung drohte. Ich weiß nicht von welcher neuen Kommission. Jedes dieser Drahtnetze hat einen anderen Namen und hatte noch feinere Maschen. Denn man hat mich ja meist nur für drei oder sechs oder acht Monate zurückgestellt. Und selbst, als man mich ganz herausgeworfen hatte, endgültig kriegs- und dienstuntauglich geschrieben hatte, fiel es wieder doch nach einiger Zeit einer neuen Kommission ein, nachzuforschen, was eigentlich aus diesen Untauglichen da noch herauszusieben und auszukämmen wäre; und etwa so weit noch krauchen könnte, daß es fähig wäre, die Stellen auszufüllen, von jenen, die von der Hindenburg-Kommission aus der Etappe und dem Schreibdienst und dem Arbeitsdienst an die Front geschickt worden waren.

Es gab Leute, die sich darüber aufregten. Aber es war doch ganz klar und durchaus gerecht; wenn das laufende Band vorn sich bewegte, mußte es mit Naturnotwendigkeit hinten Nachschub aufnehmen.

Wirklich, wenn einem was fehlte, solch ein kleines, harmloses organisches Leiden, eine saure Niere oder ein angebufftes Herz, so war es viel leichter und einfacher in all den Jahren gesund zu werden, als krank zu bleiben.

Aber das muß man Doktor Spanier lassen. Er ist ein wirklicher Arzt, nicht nur ein Doktor. Eigentlich bin ich doch jedesmal diese Treppen hier froher herunter gegangen, als ich sie hinaufgegangen war, wenn mir Doktor Spanier schwarz auf weiß attestiert hatte, daß immer noch das Herz groß wie ein Granitklumpen war, und daß die Geräusche an der Mithralisklappe (wie raffinierte Namen doch der Mensch in sich trägt!) weiter bedenklich knirschten, und daß der sonstige Befund deutlich nach den verschiedensten Proben und Methoden sich schwarz färbe ... und daß wohl die ärztliche Kommission – wenn sie nicht besonders schlecht gefrühstückt hätte (was bei diesen Zeiten nicht unmöglich wäre) – auf meine unschätzbaren Dienste auch dieses Mal noch verzichten würde und müsse.

Diesem Doktor Spanier bin ich eigentlich doch sehr verpflichtet. Grundanständig ist er. Was hat er sich damals in dieser schrecklichen Sommernacht vor bald fünfzehn Jahren abgequält, um mir meine kleine L.D., um Little Dorrit am Leben zu erhalten. Hat doch wirklich wie Jakob mit dem Engel gerungen. Aber es war der Todesengel, und da nützt das zum Schluß doch nichts. Immer wenn man ihn brauchte, ist er dagewesen, ohne daß man ihn eigentlich rief, ohne daß man es eigentlich merkte. Er hat jetzt auch wieder mit Annchen gesprochen, wie sie in Berlin war ... er kümmert sich immer von neuem um Hannchen ... er hat Ludwig das Kind aus der Schule genommen (Hannchen hätte gar nicht daran gedacht, und einen Schularzt sehen die Kinder in den letzten Jahren überhaupt nicht mehr). Um Frau Lindenberg kümmert er sich auch. Und nie bekommt man dabei eine Rechnung von ihm. Gewiß, er ist nicht darauf angewiesen. Er kann sicher kaum einen Bruchteil von dem aufbrauchen, was ihm da zufließt durch die Praxis und durch sein Vermögen und durch das von Lu. In all den Jahren habe ich ihm eigentlich nur einmal einen kleinen hübschen, alten Bucharalappen geschickt. Keinen von den gewöhnlichen rostbraunen, sondern einen von denen mit dem Silberschimmer. Und ein anderes Mal einen persischen Topf, der einen besonders feinen Ton hatte. Aber dafür hat er mir sofort ein paar Blätter von Daumier gesandt, von denen er behauptete, daß er sie doppelt hätte, damit es nur nicht so aussähe, es könnte irgend so etwas wie Honorar sein, und er könnte etwa in Verdacht kommen, von Leuten, mit denen er oder seine Frau befreundet ist, etwas ähnliches wie Bezahlung anzunehmen.

Und doch ist es falsch, wenn ich mir hier einreden wollte, wir sind befreundet. Er ist wundervoll menschlich, das weiß ich; – und das kann man nicht von allen seines Berufs sagen. Ein Kerl mit einer blütenweißen Weste, dieser Doktor Spanier. Aber er hat die kühle Selbstverständlichkeit der Gesicherten, eben derer, die von jung an zum gesicherten Leben gehörten, die es nie anders gekannt haben, und es nie anders kennen werden. Auch in der Praxis trägt er Lackschuhe. Sie sind ein Symbol für ihn. Und so kreuzen sich unsere Linien nicht. Sie laufen nie nebeneinander her. Sondern sie begegnen sich nur manchmal. Heute hat er graue Schläfen und ist verbittert, weil er an der Universität hier den Anschluß versäumt hat, und man immer wieder Leute mit vorschriftsmäßiger Religion – wenn auch nicht von so altem Arztadel (denn Ephraim Bonus, der Arzt und Freund Rembrandts war einer seiner Vorfahren) berufen hat und an freie Stellen und in die Leitung von Instituten geschoben hat. Man hat ihn erst einmal so lange ostentativ übergangen, bis man an ihn überhaupt nicht mehr dachte. Und vielleicht hat er im Leben deswegen doch nicht das erreicht, was er hätte erreichen können. Springen konnte er endlich so gut wie jeder andere. Nur das Sprungbrett hat man ihm immer wieder vor den Füßen weggezogen, wenn er einen Anlauf nahm. Wie sagt das Gummischweinchen doch immer: »Mein Herr, ick war mal 'ne Hoffnung!« Könnte er auch sagen. Könnten wir alle sagen.

Der brave Maschke – aber nun trug er keine Livree, sondern die Uniform eines Sanitätsunteroffiziers und das Eiserne Kreuz – (aber Doktor Spanier hatte ihn gleich für sich frei bekommen, denn er hatte sein Sommerhaus in Babelsberg als Offiziersgenesungsheim zur Verfügung gestellt) – lächelte über seine ganzen angegrauten Bartstoppeln hin und sagte: »Tag, Herr Doktor«, und wollte Fritz Eisner eben eine Garderobenmarke in die Hand drücken. »Es jeht heute schnell. Es sind nur achte noch vor. Aber vielleicht nimmt Ihnen der Chef auch außer de Reihe dran.« Doch Fritz Eisner kam gar nicht mehr dazu, Maschke zu versichern, daß er es heute nun durchaus nicht mehr nötig hätte, krank zu sein, als schon Lu hinten am Ende des Korridors die Türspalte aufmachte, den Kopf mit den Löckchen durchschob und ihm zublinkte mit ihren betörend großen Augen und rief: »Kommen Sie rein, Fritz, das ist nett, daß Sie da sind. Ich muß ihnen etwas oder richtiger viel zeigen. Ich hab' jetzt das ganze alte Gelump 'rausgeschmissen. Nur die Bilder habe ich behalten. Schade. Damals hätte ich noch mehr kaufen können. Sie haben mir abgeraten.«

Das war nun nicht so; sondern Fritz Eisner hatte ihnen vor bald fünfzehn Jahren ein paar Franzosen ausgesucht, fast gegen ihren Willen. Sisleys und Pissarros und einen Vlaminck sogar schon. Gemälde, die damals noch recht billig waren, und die nun inzwischen – denn gute Bilder werden das – viel, viel besser, aber auch viel, viel teurer geworden waren.

Und zugleich rief eine andere Stimme von drinnen, zu der noch kein Körper gehörte: »Ach, unser beliebter Romancier! Der Hüter der Madonna di casa Eisnerio.«

Ist das nicht Paul Gumpert? Wie wenig doch in zwanzig Jahren sich seine Stimme eigentlich verändert hat. Ach, ich sehe ihn noch draußen im Wildpark, wie er sein Herz an M'chen verlor, und trotzdem zu Hannchen bei der Erdbeerbowle tränenden Auges und halb betrunken herüberschmachtete. Ich sehe ihn bei mir auf dem Boudikenball vor fünfzehn Jahren, und ich sehe ihn in den Krieg ziehen. Er war ein kleiner Angestellter erst, und heute ist er ein großer Millionär. Alles hat sich an ihm geändert. Aus dem kleinen Romantiker, dem Heinrich Heine redivivus, ist ein lebenssicherer Realist geworden. Aus dem kulturfremden Jungen ein Sammler von guter Kunst mit sicherem Blick. Aus dem schmächtigen Bürschchen ein etwas dicklicher Mann mit Glatze. Aber ... aber die Stimme ist genau die gleiche wie vor zwanzig Jahren. Etwas unsicher, zu hoch, weich und singend. Sie hat all die Wandlungen einfach nicht mitgemacht. Auch den Krieg nicht. Sie ist keinen Konjunkturen unterworfen gewesen. Sie ist er selbst. Ist Paul Gumpert. Ach, ich sehe ihn noch kühnen Muts in den Krieg fahren. Denn er und sein herrlicher grauer, langgestreckter Mercedes-Wagen waren ja beim freiwilligen Automobilkorps gewesen. Beide, wie sie stolz betonten, mit Offiziersrang. Und während der Wagen samt dem Major, den er fuhr, alsbald in einem polnischen Chausseegraben sein unrühmliches Ende fand, hatte Paul Gumpert der Krieg mit einem etwas lahmen Fuß wieder ausgespien. Und die Heeresleitung hatte sich alsbald darauf besonnen, daß »Gumpert & Mühsam, Textilien en gros« kriegswichtiger Betrieb waren, und daß ein Mann, wie dieser Paul Gumpert, mit seinen Auslandsbeziehungen und seiner wirklichen Warenkenntnis bei der Rohstoffversorgung besser zu verwenden sei, als draußen im Feld. Oder sei es auch nur als Chauffeur eines Lastautos. Denn das kostbare Leben von Etappenschweinen hätte man ihm fürder doch nicht mehr anvertraut. Eine Vorsicht, die Fritz Eisner durchaus begreiflich gefunden hätte. An Warenkenntnis und Klugheit nahm er es sicher mit den fünf Majoren auf, die über und neben ihm hilflos in der Textilversorgung herumpfuschten. Als Autolenker jedoch war er viel zu nervös. Auf solchen Gebieten lagen seine Meriten – und die hatte er wirklich, denn er war innerlich einfach und menschlich geblieben trotz seines immensen Reichtums –, lagen seine Vorzüge nicht.

»Hallo, Gumpert und Mühsam, was macht der bedruckte Kattun? Ist er immer noch der Angelpunkt der Welt?«

»Merkwürdig«, meinte Paul Gumpert, »sogar sehr merkwürdig. Gestern habe ich wieder seit vier und einem Vierteljahr ganz einfach durch die Post einen ersten Brief von einem alten Geschäftsfreund aus Manchester bekommen, gerade so, als ob gar nichts dazwischen liegt: Wir wollen die geschäftlichen Beziehungen zu Ihnen so bald als angängig aufnehmen. Zahlungen in englischer Währung. Wo soll man die jetzt soviel herkriegen? Das heißt, so direkt schreibt er es nicht. Eigentlich genug, daß sie den Brief durchgelassen haben. Was ist los?«

»Ich finde hier die Verwandlung viel merkwürdiger«, sagt Fritz Eisner und reicht Lu die Hand. »Wie kommt der Glanz in Ihre arme Hütte? Ward er vom oberen Stock herabgeworfen?« Lu wird rot. »Wo haben Sie die reizenden Würzburger Sessel her? Sehr gut geschnitzt. Den Satz Stühle und Sessel kenne ich doch. Woher nur? Woher nur?«

»Würzburg?« ruft Lu und lachte eine ihrer kleinen Kaskaden, die sie so liebt, gerad als ob ein Glöckchen trillert. »Das ist Frankreich, garantiert Frankreich! Cheri pays de France. Schloßmöbel! Echte und wahrhaftige Schloßmöbel, allerwertester Herr Eisner!«

Würzburg ist auch sehr nett, denkt Fritz Eisner. Was soll ich ihr die Illusion rauben. Die Möbel kenne ich doch und die Bezüge mit den kleinen grauen Seidenrosen auch. Alt sind sie jedenfalls. Richtig, den Satz Stühle habe ich noch vor sechs Wochen bei Seelisberger stehen sehen! ... aus einer Offiziersfamilie. Und das Sofa drüben und den geschnitzten Eichentisch dazu. War mir viel zu teuer. Jedenfalls sind sie also doch in gute Hände gekommen!

»Die hat mir jemand besorgt, der Beziehungen hat«, meint Lu geheimnisvoll und streichelt verliebt über eine geschweifte Stuhllehne. Faßt sich aber auch wundervoll an! »Sie wissen ja, heute geht nichts ohne Beziehungen. Achtzehnhundert!«

»Achtzehnhundert?! Mir hat Seelisberger fast das Dreifache abgefordert«, meint Fritz Eisner halblaut.

Lu stutzt (sie scheint plötzlich etwas zu verstehen, was ihr nicht lieb ist) und wird sehr rot. Lügen ist nicht ihre Art. »Aber, französisch sind sie doch?« meint sie fragend und fast angstvoll. »Nicht wahr, Fritz?«

»Gewiß«, meint Fritz Eisner, »französisch können sie immerhin ja sein.« Und er sieht Lu dabei zustimmend an. So ist allen geholfen.

Wie lange kenne ich dich? denkt Fritz Eisner. Zweiundzwanzig Jahre jetzt. Mußt doch jetzt bald so um die dreiundvierzig schon sein, Lu, kleine, schöne, geschmeidige Ginsterkatze, mit den eleganten Bewegungen ... Du süße, klagende Meerkatze von ganz, ganz früher mit den vier Gesprächen über Schutzimpfung, Sezession, Pietro Lombardi und Terminhandel, mit denen du dir deine Freunde stets einsingst. Bist hoch gestiegen. Bist weiter gekommen. Bist du ein schöner und aparter Mensch geworden. Anteilsam und fein und liebenswürdig. Eine echte Dame. Sicher in dir selbst und sehr, sehr klug. Was ist neben dir aus all den anderen von damals geworden. Nichts. Gar nichts. Blutwenig. Gibt eben zwei Sorten von Frauen, solche, die mit zwanzig mehr sind als mit vierzig, und solche, die mit vierzig mehr sind als mit zwanzig. Die letzten sind die besseren. Aber sie sind auch die Ausnahme. Hannchen ist vorzeitig gealtert durch die Krankheit. Annchen eine unglückliche Hysterikerin geworden, die sich nicht mehr mit sich, in ihrer Ehe und der Welt zurechtfindet. Nicht mal mit ihren Kindern mehr. M'chen war doch wenigstens dumm, hübsch und drall, und solche Frauen sind immer Siegerin. Da redet sie sich ein, das armselige Tierchen, ihr Paul Gumpert würde sie nicht mehr lieben, weil sie zu dick würde, geht prompt heimlich zu irgend so einem Kurpfuscher und beginnt abzumagern, und hört dann mit abmagern nicht mehr auf, und liegt ein halbes Jahr auf Leben und Tod. Ist jetzt nur noch ein anämischer Schatten ihrer selbst, und hat es glücklich erreicht, was sie vermeiden wollte: ihr Mann hat das Interesse für die Bühne bei sich entdeckt. Selma, Selma Klein, von Johannes Klein, dem freien Schulmann, spricht immer noch mit den Schulterblättern, hat immer noch die Bewegungen einer Blindschleiche, und trägt dazu kunstgewerbliche Kleider, kurze Haare und Sandalen. War zwar mal ein wilder verdrehter Kerl, aber doch so eine, bei der man sich darnach sehnt, einmal im Heu oder auf einer Wiese am Flußufer mit ihr zu schlafen, und in ihren Armen morgens um vier die Sonne aufgehen zu sehen. Und die und jene noch. Keine einzige von all denen damals hat die Linie gehalten, keine einzige ist auch nur ein Schatten von dem, was sie früher war und was sie versprochen hatte ... und dazu dann noch die leidigen Kriegsjahre, die alle grau und unansehnlich gemacht hatten. Nur dieses, dein Leben hier vor allen anderen, ist wirklich wie eine Rakete hoch geschossen. Diese Frau ist immer noch strahlender, immer noch reifer, immer noch schöner geworden in all den langen Jahren. Sie hat sich verändert. Gewiß. Aber sie ist reicher geworden. Die Jahre sind an ihr abgeglitten, wie Wassertropfen an einem Gummimantel. Vielleicht deshalb, weil sie nie Kinder gehabt hat, ist ihr Organismus so unverbraucht geblieben. Vielleicht, weil sie nie äußere Sorgen gehabt hat. Aber endlich hat das ja auch M'chen, und manche der anderen aus dem Kreis da sonst, auch nie gekannt. (»Sie werden dort aufwachen, wo die Sonne vom tiefblauen Himmel durch die Palmen ins glitzernde Meer fällt, und werden nicht fragen, mit wessen Geld man all das bezahlt.«) Das, was ich ihnen vor zwanzig Jahren prophezeite, damals in der Gartenlaube, des Nachts, bei der Erdbeerbowle, zu der Liebenthal den Sekt spendete, haben ja die anderen meist auch erreicht. Aber das hier ist mehr. Wirklich, man begreift, daß die Männer alles und sich selbst noch dazu Lu vor die Füße legen. Hat was von Helena eigentlich, die Lu: »Sie wird nie mündig ... wird nie alt ... stets appetitlicher Gestalt ... wird jung entführt ... im Alter noch umfreit ...« Ob die Helena nebenbei auch brünett war ... oder rotblond wie eine Tanagräerin?

»Kommen Sie, Fritz, Sie sollen Tee haben, ich weiß, das nehmen Sie doch.«

Wie heimlich doch das Zimmer jetzt ist. Und Lu hat wieder eines ihrer meergrünen Seidenkleider an. Die grüne Fahne des Propheten, wie sie gerne sagt. Aber jedes halbe Jahr ist es eine andere Fahne. Behauptet dazu, ihr Mann liebt es, wenn sie zum Nachmittagstee Toilette macht. Ich glaube, sie liebt es noch mehr. Hat ihre Smaragdringe an den ganz schlanken Fingern. Einer muß da noch zugekommen sein! Und ihre Jadeplatten, die sie an der Silberschnur um den Hals trägt. Wie gut sich ihre Impressionisten mit den Rokokomöbeln doch vertragen. Bei dem Renoir wundert man sich nicht; aber bei dem Sisley. Wirklich, sie schlagen sich gar nicht. Franzosen sind eben immer Rokoko. Auch die von 1870.

Eigentlich bin ich doch hergekommen, um den Leuten zu sagen, daß es morgen Revolution gibt. Aber nun wollen wir erst mal Tee trinken. Wo mag nur Lu jetzt solchen Goldopal von Tee noch herkriegen. Überhaupt ... was geht uns die Revolution, was geht uns der Krieg und was geht uns alles da draußen an, wenn man gut, weich, in einem schönen, geschweiften krummbeinigen, alten, niedrigen Sessel sitzt, und dazu eine schöne, altbemalte Frankenthaler Tasse vor sich hat?

Und auch Paul Gumpert denkt gar nicht daran, von Krieg und so zu sprechen, und von dem Kaiser, und von seiner Flucht aus Berlin in das Hauptquartier, und von dem vielen, und was sonst so alles Berlin an Gerüchten durchschwirrt.

»Na, Dichtersmann«, ruft er und dehnt und räkelt sich ganz ungesellschaftsmäßig in seinem Stuhl. »Warum haben Sie sich so lange nicht bei mir sehen lassen? Und wollen Sie mir nicht doch mal ihre nette Pachermadonne verkümmern? Ein sehr anständiges Stück wirklich. Hätte einen so guten Platz für sie, Eisnerchen!«

»Ach Gott, lieber Gumpert«, meint Fritz Eisner und pafft mit Behagen den Zigarettenrauch von sich. Wo kriegen sie solche guten Russen her nur? »Erstens wollen wir mal sagen; sie steht vielleicht frühen Arbeiten aus der Werkstatt von Michael Pacher nahe. Aber schön ist sie. Ja in ihren glücklichen Momenten – denn Kunstwerke haben die so gut wie Frauen – manches Mal erlesen schön, weil sie ein so wunderbar reines Profil hat. Nicht wahr, Lu? Zweitens, lieber alter Freund, aber ist Kunst ja keine Ware, wie Kattun ... auch kein Besitz, wie Geld ... und ich finde immer: Wer sich von Kunst ohne Not trennt, verdient nicht, daß sie in seinem Haus zu Gast war. Ich habe heute schon mit einem jungen Spartakisten über ähnliches gesprochen. Der meinte nebenbei, daß selbst meine armseligen Sammlungen – und ich bin doch ein Waisenknabe gegen Sie, Gumpert – nun bald verstaatlicht werden würden, und er bot mir (er scheint da gute Beziehungen zu haben!) schon jetzt den Posten eines Galeriedieners bei mir selbst an. Lachen Sie nicht, Paul Gumpert! Vielleicht weiß der Junge mehr, als wir alle, was morgen kommen wird. Aber davon will ich jetzt nicht sprechen. Wozu das? Nein, die Madonna di casa Eisnerio hat es bei mir durchaus gut. Ihre Vasen sind immer voll Blumen, und im Sommer bekommt sie richtige Botticellililien. Nur manchmal fühlt sie sich ein bißchen einsam, sehnt sich nach himmlischer Gesellschaft. Also, wenn sie irgendwo einen schmächtigen, hektischen Johannes mit Schwindsuchtsbacken sehen ... oder einen ritterlichen Georg ... oder eine schlanke Barbara, die sich in der Hüfte biegt ... mit der Salbenbüchse ... oder auch nur eine weltlich geratene Magdalena ... oder eine Katharina, die mit dem Ring liebäugelt ... eine Helena mit dem Buch ... einen Jakobus mit Pilgermuschel am Hut ... einen mürrischen alten Christophorus mit einem Hühnerhals ... sagen Sie ihm, er soll sie besuchen. Er wird es bei mir auch gut haben.«

 


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