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In Aschgrau.

Illustriert von
F. Lipps.

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Sie waren heute morgen behaglich durch die Industriehalle flaniert, dann durch den südlichen Park, die Fontänen alle sprängen, ob elegante Welt genug vorhanden sei, um sich von dem nachmittägigen Korso zwischen dem Palais des Khedive und der Musiktribüne des Straußschen Orchesters etwas versprechen zu können; sie hatten nicht nur einige neuentstandene Zigarrenläden inspiziert, teils der Zigarren, teils der hübschen Verkäuferinnen wegen, ohne aber in beiden Richtungen außerordentliches gefunden zu haben; sie waren nicht nur in der schwedischen Restauration gewesen, um sich auf Punkt ein Uhr ein kleines feines Dejeuner zu bestellen, nein, sie hatten heute auch unter der Leitung des Dritten, den sie gebeten, ihnen ein paar seiner kostbaren Stunden zu opfern, gründliche vergleichende Studien angestellt, sowohl in England als in Österreich, Frankreich und Belgien, bei den schönen Ausstellungen von Gewehren und Jagdutensilien jeder Art, von Geschirren, Sätteln, Jagd- und Reitstiefeln, ja sie hatten förmlich eine Art von Jury gebildet und nach langen Beratungen mit dem Ehrendiplom belohnt: sowohl die prachtvollen englischen Ledererzeugnisse, als die Gewehre und andern Waffen, die belgische Vielseitigkeit, die Zierlichkeit französischer Arbeit und das solide und gediegene Fabrikat österreichischer Industrie.

Auch an kleinen Wetten hatte es nicht gefehlt, ob dieser oder jener, der von ihnen prämiert worden war, wohl von der großen Jury einen Preis erhalten würde, und damit, sowie mit einem kunstverständigen Betrachten französischer Bronzen, waren die zwei Stunden des vormittägigen Einguldentages glücklich vorüber gegangen, die große Uhr in der Rotunde schlug die Mittagsstunde, das daneben aufgestellte Glockenspiel fing an zu klingeln und zu bimmeln und dorthin begaben sich auch unsere Freunde, dem Strom der Zuschauer folgend, die es immer und immer wieder sehen mögen, wenn sich an benanntem Glockenspiel des Herrn Samossa aus Laibach die sichtbaren Räder zu drehen, die sichtbaren Klöppel zu bewegen anfangen, um auf die sichtbaren kleinen und großen Glocken zu schlagen, was in dem hohen gewölbten Raume schon einen recht anständigen Spektakel gibt, sowie ein artiges Tondurcheinander, wenn dazu eine der Riesenorgeln dröhnt, die Menschenmenge lacht und plaudert und die Wasser der mächtigen Fontäne in der Mitte des weiten Raumes, eine Kopie der des pariser Konkordienplatzes – plätschernd aufsteigen und brausend niederfallen.

»Wenn man auch die Rotunde hier einen Jahrmarkt von Plundersweiler genannt hat,« sagte einer der drei Freunde, »und an dieser Benennung selbst etwas Wahres ist, so betrachte ich es doch immerhin als eine Art von Erholung, hier auch einmal im Kreise umherflanieren zu können, statt immer geradeaus zu laufen oder im rechten Winkel nach links und nach rechts, auch wird mir keiner leugnen wollen, daß – schaut nur um euch – es einen hübschen malerischen Effekt macht, so rings umher diese bunte Menschenmenge über die Stufen herabströmen oder auch wieder aufwärts steigen zu sehen, eine beständige Ebbe und Flut.

›Das Wasser rauscht, das Wasser schwoll,
Ein Jüngling saß daran.‹«

»Gott der Gerechte,« rief ein anderer lachend, »jetzt fängt dieser Kerl wieder mit seinen Citaten an, und immer falsch oder am unrechten Platz.«

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»Na, das muß ich mir ausbitten, hätte ich vielleicht sagen sollen:

›Was rennt das Volk, was wälzt sich dort,
Die langen –‹«

»O nein, ums Himmels willen, nichts sollst du sagen, das heißt, wenn es dir gefällig ist, man hat hier bei Gott des Lärms genug; später beim Dessert gönnen wir dir eine starke Viertelstunde und wollen geduldig still halten bei deinem litterarischen Feuerwerk.«

»Laßt uns hier einen Augenblick bei der prachtvollen Mailänder Galerie stehen bleiben,« bat der dritte, »allen Respekt vor dem Original und auch dieser wundervoll ausgeführten und bis ins kleinste Detail hergestellten Kopie; wahrhaftig, wenn man dies massige Bauwerk von hier aus betrachtet, könnte man glauben, wieder auf dem Dache des Domes zu stehen.«

»Dem hochaufstrebenden – marmorbleichen – –. Du brauchst darüber nicht die Achsel zu ziehen, es ist das durchaus kein Citat irgend eines berühmten Dichters, sondern eigene Inspiration.«

»Dann citiere lieber,« meinte der, welcher soeben auf die Galerie Viktor Emanuels aufmerksam gemacht.

»Wie gerne ging ich, so lange ich in Mailand war, in der Dämmerung dorthin, nur um zu sehen, wie sie den Kranz von Gaslichtern in der über 120 Fuß vom Boden entfernten Kuppel, wohin weder Leiter noch Treppe reichte, vermittelst einer kleinen Lokomotive anzündeten, die dem Gesimse entlang lief, Flamme um Flamme anzündend.«

»Schade, daß sie hier nicht der ursprünglichen Idee gefolgt sind und den gewaltigen Raum der Rotunde zu einem Garten umgewandelt haben; hohe Bäume und Gesträuche befanden sich hier, man hätte bloß dem Dache mehr Licht zu geben brauchen, was dem unförmlichen Trichter wahrlich nur genutzt hätte; man brauchte nur Rasenpartien anzulegen, geschlungene Wege zu führen, und wollte man auch hier etwas ausstellen, so hätte man durch Skulpturen aller Art das Nützliche sehr mit dem Angenehmen verbunden; – so aber, wie es sich jetzt präsentiert, ist doch ein greuliches Durcheinander entstanden, wobei man nur die vielen herrlichen Gegenstände bedauern kann, an denen man vielleicht gleichgültig vorübergeht, weil die Blicke unwillkürlich angezogen werden durch Dinge, die des Betrachtens kaum wert sind, wie jener Schiller aus Stearin oder jene Venus aus Glycerin.«

»Ja, ja, wie prachtvoll würde sich eine so gewaltige Kuppel aus Glas und Eisen dargestellt haben!«

»Gewiß« –

»Hoch im Bogen, saphirblau,«

citierte der Unverbesserliche unter dem Lachen der übrigen, setzte aber gleich darauf, um jede Bemerkung zu unterdrücken, hinzu: habt ihr hier nahebei schon das prachtvolle Album gesehen mit dem großen Wappen Bismarcks in Gold und Emaille – da liegt es, schaut her, etwas vielfarbig und unruhig mit seinem famosen Wahlspruch: ›in trinitate robur‹ – in den drei Haaren liegt die Kraft.«

»Jetzt weiß ich aber wahrlich nicht, was mir lieber ist, deine Citate oder deine schlechten Witze.«

»Ihr seid eben ein undankbares Geschlecht und ich bemühe mich stets, etwas Hübsches zu finden, um euch darauf aufmerksam zu machen, und habe des Teufels Dank davon, von jetzt ab werde ich mich einhüllen

in des Schweigens undurchdringlichen Panzer.«

»Ich denke, das thun wir alle, denn es ist gleich ein Uhr und wir können uns mit Fug und Recht nach Schweden begeben.«

»Es liegt doch etwas Grandioses in solch einer Weltausstellung,« sagte der, welcher soeben Schweigen gelobt, »ich fahre in der Frühe bei Großbritannien vor, flaniere behaglich durch Spanien und Portugal, Italien, Holland, Rumänien, Rußland und die Türkei, wobei es mir durchaus nicht schwer wird, in der Schweiz meinen Kaffee zu nehmen, bei den Schweden zu frühstücken, in Frankreich zu dinieren und abends bei den Japanesen Thee zu trinken. Apropos, waret ihr schon im japanesischen Theehause?«

»Ich kam bis jetzt nicht dazu.«

»Ich auch nicht.«

. »Gut, so werde ich euch heute abend hinführen. Die kleine Zine-san behandelt mich mit Auszeichnung, sie ist ganz Lotosblume und bebt und zittert bei meinem Anblick.«

»Ich kann es mir denken, daß du einen mächtigen Eindruck auf sie gemacht hast, so ein armes Ding.«

cPassons là-dessus, das heißt über deine Redensart, aus welcher doch nur der blasse Neid spricht.«

»Da sind wir, und wie ich sehe, hat Erich uns wieder auf unserem gewöhnlichen Platz serviert, den uns gestern diese unausstehlichen Amerikaner weggenommen.«

»Gott sei Dank, daß man endlich einmal behaglich sitzen kann, man wird doch tüchtig müde, wenn man so ein paar Stunden mühsam durch diese Menschenmenge gesteuert, sich mit gehen und stehenbleiben angestrengt und ringsumher so viel gesehen hat, daß man wahrlich abgestumpft und geblendet ist.«

Dann frühstückten die drei, und während sie diesem angenehmen Geschäft obliegen, können wir sie im Interesse unserer kleinen Geschichte etwas näher betrachten, was für uns durchaus keine Schwierigkeit hat, da wir uns nur an einem andern Tische der guten schwedischen Restauration niederzulassen brauchen.

Daß die drei Herren den sogenannten bessern Ständen, ja sogar jenen Beglückten angehörten, die man etwas exklusiv »die Gesellschaft« zu nennen beliebt, brauchten wir eigentlich ebensowenig hervorzuheben, als daß sie jung, heiter, von angenehmem Äußern und reich waren. Wir haben es mit näherer und schärferer Bezeichnung zu thun und müssen deshalb sagen, daß eigentlich nur zwei von ihnen wirklich junge Leute waren, während sich der dritte den Vierzigen näherte oder diesen Rubikon schon überschritten hatte; dabei aber war er von so auffallend schöner, kraftvoller Mannesgestalt, trug sich so vornehm aufrecht und elegant, frei und ungezwungen, hatte solch interessante und intelligente Gesichtszüge, ja war im ganzen eine so distinguierte Erscheinung, daß Weiber- und Männerblicke, welche die drei vergleichend betrachteten, meistens wieder und mit Wohlgefallen zu ihm zurückkehrten. Es war dies Baron Breda, der als Oberst eines Husarenregimentes den Dienst verlassen hatte, um den Wissenschaften und der Kunst zu leben, besonders der letzteren, die er schon seit langen Jahren umworben, allerdings nur wie zum Zeitvertreib, spielend, so daß seine Freunde und er selbst eines Tages mit Erstaunen an einer größeren Arbeit sahen, wie liebend die erhabene Göttin seine Bewerbung ausgenommen und ihm den Kuß künstlerischer Weihe auf die Stirn gedrückt. Und nicht nur Dilettanten und freundlich Gesinnte hatten sein erstes Bild günstig und bewundernd angeschaut, sondern auch strenge und gründliche Kenner ihm wahres ungeheucheltes Lob gespendet.

Gleich gediegen, entschieden, ernst und strenge wie in seinen Kunstbestrebungen war er aber auch in seinem ganzen Charakter, und sein jüngerer Freund, den wir schon einigemale auf Citaten ertappt, pflegte von ihm mit Recht zu sagen:

»Das ist ein Mann, nehmt alles nur in allem,
Ihr werdet selten seinesgleichen seh'n.«

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Dieser, Baron Trieberg, ein junger Diplomat, war bei der Gesandtschaft in Paris attachiert gewesen, und nach dem Kriege zurückberufen, wartete er jetzt auf eine neue Anstellung, die ihm bei seinem guten Namen und anerkennenswerten Fähigkeiten auch nicht ausbleiben konnte; doch war er bei seinem großen Vermögen etwas wählerisch, hatte es zu verhindern gewußt, nach München oder Stuttgart geschickt zu werden, hoffte auf den Süden, lieber noch auf den Orient, weshalb er auch in den morgenländischen Abteilungen der Weltausstellung mit Ostentation Studien zu machen pflegte. Er war ein wohlgebildeter junger Mann, mittelgroß und schlank, hatte bei blonden Haaren sanfte, angenehme Gesichtszüge, kleidete sich mit einer ausgesuchten, fast koketten Einfachheit, trug, sobald es nur die Jahreszeit irgendwie erlaubte, eine Rosenknospe im Knopfloch, schwärmte für Poesie, und seine genauen Bekannten behaupteten, er mache selbst Gedichte, die er unter irgend einem angenommenen Namen drucken lasse.

Der dritte war Rittmeister in dem Kavallerieregiments, welches Oberst Breda früher kommandiert hatte, befand sich aber als Adjutant des Inhabers in Zivil und brauchen wir von seinem Charakter nur zu sagen, daß er sich häufig in Gesellschaft seines früheren Chefs befand, der ihn achtete und liebte, um zu wissen, daß wir es auch hier nicht mit einer gewöhnlichen Persönlichkeit zu thun haben. Kaum ein paar Jahre älter als Trieberg, war er auch mit diesem eng befreundet, durch ein bedeutendes Vermögen unabhängig, hatte in gesellschaftlicher Hinsicht wie auch in dienstlicher eine sehr angenehme Stellung mit ungemein vielen Freistunden, die er im gegenwärtigen Augenblicke dazu benützte, an den unermeßlichen Schätzen der Weltausstellung gründliche und lehrreiche Studien zu machen, wobei er nur hier und da, wie gerade heute, seinem jüngeren Freunde einige Stunden oder auch wohl einen Tag opferte, um diesen auf seinen irrlichtartigen Streifzügen zu begleiten.

Rittmeister von Wölter war von untersetzter, kräftiger Gestalt, etwas schwerfällig in seinen Bewegungen, hatte dichtes Haar, einen eben solchen zu beiden Seiten des Gesichts horizontal abstehenden Schnurrbart, eine tiefgebräunte Gesichtsfarbe und dunkle blitzende Augen, kurz, war in Uniform das bestechende Bild eines Kavallerieoffiziers, und auch hier in seinem einfachen Zivilanzuge selbst neben dem Oberst immer noch eine bemerkenswerte Erscheinung.

»Und sie erhoben die Hände,«

hatte Baron Trieberg gesagt, als ihnen der Kellner Erich die erste Schüssel servierte, war aber durch Baron Breda ernstlich darauf hingewiesen worden, daß er ein- für allemal gelobt, bei einem Dejeuner nicht vor dem Käse und bei einem Diner erst beim Gefrornen die Gegend durch Citate unsicher zu machen. Wie schon anfangs unserer kleinen Geschichte bemerkt, hatten sie alsdann vortrefflich gefrühstückt und gingen nun zu dem italienischen Kaffeehaus nächst dem Mozartplatze, gegenüber dem ägyptischen Palais, um sich hier von Signora Francesca in ihrem reizenden Albanerkostüm den Kaffee geben zu lassen. –

»Wenn es euch also recht ist,« sagte der Oberst, nachdem er sich eine Zigarre angezündet, »so gehen wir später in die Kunstsammlungen; ich muß da etwas suchen und kann euch vielleicht beim Betrachten dieses oder jenes Kunstwerkes von einigem Nutzen sein.«

»Wir sind entzückt darüber,« rief Baron Trieberg, »und ich kann mir wohl zu sagen erlauben: ›wir‹; denn der gute Wölter hat mit dem Kopfe genickt und das gilt bei dessen Schweigsamkeit mehr als die größte zustimmende Rede, die ich halten würde.«

»Diesmal hat er Recht,« gab der Rittmeister zu, »und wenn ich mich jetzt schweigend verhalte, – Trieberg wird nicht behaupten wollen, daß ich immer so bin, – so ist die nahezu fabelhaft schöne Umgebung hier schuld.«

»Und unser ausgezeichnetes Frühstück,« sagte der Oberst lachend, »das man in beschaulicher Ruhe nachempfinden muß, unter dem kalmierenden Genuß einer vortrefflichen Zigarre.«

»Ja,« rief Baron Trieberg eifrig, »darin haben Sie Recht, und wo wäre ein himmlischerer Platz zu finden, um eine beschauliche Siesta zu halten, als hier auf dem Mozartplatze der Weltausstellung? – eigentlich nicht Siesta, was wir darunter verstehen, wo man mit dem gewissen Riesenschlangengefühl in der Hitze einschläft, um noch erhitzter unter Schweißperlen zu erwachen. Nein, nein, diese Ruhe nach dem Diner versteht nur ein Türke, wenn er seinen Khef hält mit offenen Augen ruhend, dabei rauchend und vielleicht seine Blicke in den tiefen Schatten dichtbelaubter Bäume und springender Wasser versenkend, wie er ähnliches nicht schöner haben kann, als hier, wo man dort drüben die hochaufspringenden Wasser der Fontänen sieht, die wie sanfter Regen in ihr Bett zurückfallen, während die Sonnenstrahlen sich in dem feinen, vom leichten Winde getragenen Wasserstaube zu den prächtigen Farben des Regenbogens brechen.«

Letzteres hatte der junge Diplomat mit erhobener Stimme gesprochen, während er mit der rechten Hand ein klein wenig dazu agierte, weshalb ihn der Oberst lächelnd fragte: »War das Eigenes oder Citat?«

»Ich glaube, es war mit großem Gedächtnis nachempfunden,« meinte der Rittmeister lachend; »denn es ist mir gerade so, als hätte ich es in der Ausstellungszeitung der ›Neuen freien Presse‹ gelesen.«

»Ihr seid sehr undankbares Volk,« gab Trieberg zur Antwort, indem er etwas Entrüstung affektierte, »nicht nur, daß ihr keine Erkenntlichkeit dafür habt, wenn ich eure dürftige Phantasie mit schwungvollen Bildern ausputze – mit Bildern eigener Empfindung und Komposition,« fügte er mit erhobener Stimme bei, »sondern ihr unterbrecht mich auch in schönsten Phantasieen, wie eben jetzt, wo ich die Blicke meines Orientalen von den springenden Wassern und dem herrlichen Baumschatten dort drüben auf den Palast des Vizekönigs wollte gleiten lassen.«

»Das habe ich längst schon von selbst gethan,« meinte Baron Breda, »und wenn ich das Kaffeehaus hier so gerne aufsuche, so geschieht es weniger des vortrefflichen Mokkas und der hübschen Italienerinnen wegen in ihrem echten, allerdings malerischen Kostüm, als weil mich jedesmal aufs neue der Blick auf jenen prächtigen, originellen Bau erfreut und erfrischt. Ja, es ist mir gerade so, als säße ich wieder im Delta abends, vom langen Ritte ermüdet, vor einer der Karawansereien, hätte vor mir den saftigen Rasen des Nilthals und sähe neben einer Gruppe tiefdunkler Sykomoren sich das schlanke Minaret und die phantastisch verzierte Kuppel der kleinen zierlichen Moschee erheben; die dort vor uns kann man kaum mehr eine Nachbildung nennen, es ist die verkörperte Wahrheit hier auf dem Ausstellungsplatze, die verkörperte Wahrheit eines orientalischen Traumes, und daneben die Riesenpalme in ihrer schwungvollen Linie, die Kuppel hoch überragend. Ist es mir doch jedesmal, besonders des Abends, wenn ich hier sitze, gerade so, – als müsse jetzt dort auf dem Minaret der Muezzin erscheinen, um sein Lied des Friedens über die Landschaft hinauszusingen.«

»Ja, ja, es ist schon etwas Ergreifendes um dies Praterwunder mit den Schätzen, Eigentümlichkeiten und dem Interessantesten der ganzen Welt. Auch auf mich machen diese orientalischen Bauten einen gewaltigen Eindruck; leider war ich nicht in Ägypten, aber in Oran und Konstantine, und als ich neulich abends hier allein saß und mit einemmale das Nebelhorn drüben seine markerschütternden Töne erschallen ließ, war es mir gerade so, als hörte ich wieder Löwengebrüll in der Wüste.«

»So mag man hier auf dem Weltausstellungsplatze hinschreiten, wohin man will, man wird immer Neues, Schönes, Großartiges und Interessantes finden. Jeder Annex, jede Halle, die man aufs Geratewohl betritt, fesselt uns unglaublich, hält uns stundenlang fest, und von Gegenstand zu Gegenstand schreitend bedauern wir nur, in dritter und vierter Reihe so vieles unbesichtigt liegen lassen zu müssen – schade, daß das hier nicht Jahre dauern kann.«

»Und es ist traurig, denken zu müssen,« sagte der Rittmeister, »daß, wenn im nächsten Frühjahr diese Bäume und Sträucher wieder knospen und sprießen, sich die jungen Blätter verwundert umschauen werden, wo all' die Herrlichkeiten geblieben sind, von denen ihnen das alternde Laub in den langen Winternächten erzählt.«

»Ja, es ist das alles über uns gekommen wie ein glänzender Traum und wird auch ebenso ohne Spuren wieder verwehen.«

Der junge Diplomat hatte still lächelnd in seinen Stuhl zurückgelehnt, entweder gehorcht, was die Beiden sprachen, oder seinen orientalischen Traum weiter ausgedehnt, bis er sich mit einemmale aufrichtete, zuerst starr vor sich hinausblickte, dann mit einer unglaublich geschickten Bewegung sein Augenglas einklemmte und hierauf ausrief: »Beim Zeus, da war sie wieder!«

Mit dem Ausruf: »Beim Zeus, da war sie wieder!« mußte übrigens jemand gemeint sein, der nicht nur den Baron Trieberg allein interessierte, denn auch der Rittmeister wandte rasch seine blitzenden Augen, und selbst der Oberst streckte sich ein wenig aus seiner ruhenden Stellung empor, um aber alsdann mit einem leichten Achselzucken zu sagen: »Und wenn auch, das ist unfaßbar wie ein Mondstrahl; nehmen Sie sich in acht, Trieberg, und ich muß Ihnen den Rat geben, ruhig bei uns zu bleiben; denn man sieht schon an Ihren leuchtenden Blicken und Ihrer hastigen Bewegung, daß Sie große Lust haben, ihr wieder einmal ohne jeden Nutzen nachzulaufen.«

Der junge Mann starrte, ohne ein Wort zu erwidern, auf die Menge der Lustwandelnden und rief dann, sich mißmutig in seinen Stuhl zurückwerfend: »Sie war es, darauf möchte ich jede Wette eingehen!«

»Nun, und was weiter?« fragte Baron Breda, »auch ich sah sie vorgestern in der japanesischen Abteilung und so nahe an mir vorübergehen, daß ich deutlich, wie eure Gesichtszüge jetzt, die ihrigen anschauen und allerdings bewundernd betrachten mußte; doch war es weniger die edle und regelmäßige Schönheit ihres Gesichtes, was mich frappierte, als das, trotz allem Ernste, ja trotz allem schmerzlich Düstern der marmorbleichen Züge, wunderbar liebliche und milde Lächeln, das ihr Gesicht wahrhaft beleuchtete, wenn sie mit ihrem Begleiter sprach, ihn befragte oder auf etwas aufmerksam machte. – Ja, ja,« fuhr er nachdenklich fort, »es ist das eines jener seltsamen Wesen, die man selbst im Arme eines andern neidlos bewundern, verehren und vielleicht mit einer hoffnungsvollen Schwärmerei betrachten kann.«

»Ja, aber mit einer hoffnungsvollen Schwärmerei,« meinte der Rittmeister, wobei es in seinen Mundwinkeln heiter zuckte.

»Nun ja, es gibt doch nichts Bescheideneres als eine Hoffnung, die mir vielleicht als solche vollkommen genügt,« gab der Baron Breda zur Antwort, »und deshalb bin ich auch im stande, mich beim Anblick jenes selten schönen Wesens zu erfreuen, ohne nach weiterem zu verlangen; wer weiß auch, ob mir der Ton ihrer Stimme gefiele, oder das, was sie spräche; ist es doch möglich, daß in jenem schönen Körper eine vollkommen ungenügende Seele wohnt!«

»Das glaube ich nicht,« sagte Trieberg eifrig,

»›in den Augen liegt das Herz,‹

und aus ihren Augen leuchtet eine solche Masse von Herz, von Gefühl, Geist und Seele, unterstützt von jenem göttlichen Lächeln, dessen soeben der Oberst erwähnte, daß es mir, seit ich sie zum erstenmale gesehen, wie dem guten Tannhäuser geht:

›Wenn ich an dieses Lächeln denk',
So weine ich plötzliche Thränen‹«

»Doch nur in Gedanken,« lachte der Rittmeister, »überhaupt paßt dieses Citat durchaus nicht auf unsere schöne Unbekannte, denn der Herr Oberst wird mir beipflichten, daß es unmöglich ist, sich dieselbe wie im Anfang der Strophe zu denken:

›Sie lachte so glücklich, sie lachte so toll
Und mit so weißen Zähnen.‹«

»Kaum; – daß sie aber auch wundervolle Zähne hat, das kann ich bezeugen, da ich ihr sehr nahe stand bei jenen unvergleichlich modelliert angezogenen japanesischen Puppen, die sie mit dem glücklichen Lächeln eines Kindes betrachtete, wobei ich ihre schönen, regelmäßigen Zähne leuchten sah.«

Der Rittmeister stieß die Asche von seiner Zigarre, lächelte gedankenvoll vor sich hin und sagte dann in ruhigem Tone:

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»Nun wollen wir aber auch so gerecht sein und eingestehen, ich für meine Person wenigstens, daß ein großer Teil der Bewunderung, die wir jener Dame zollen, sich wohl davon herleitet, daß ihr Äußeres, ihr Anzug unsere Aufmerksamkeit in so hohem Grade anzog.«

»Das kann ich nur bedingungsweise zugeben,« entgegnete Baron Breda, »wir hätten Hunderten in gleichem Anzuge begegnen können und würden wahrscheinlich nicht frappiert gewesen sein, wie von dieser seltenen Erscheinung; wobei ich indessen eingestehen will, daß es, wenn auch geradezu nichts Auffallendes, doch immerhin etwas Eigentümliches hat, stets in einer so bescheidenen Farbe – in Aschgrau – zu erscheinen.«

»Aber wie sie darin erscheint,« rief der junge Diplomat enthusiastisch aus, »das ist so distinguiert, so geschmackvoll und elegant, so fein über alle Beschreibung, daß man ihr schon dafür allein den kleinen Fuß küssen möchte.«

»War der auch in Aschgrau?« fragte der Rittmeister mit leisem Spott.

»Ja, in aschgrauem Atlas mit einer schwarzen Spitzenschleife, deren Mitte eine dunkle Perle zierte.«

»Wo waren Sie denn so glücklich, das zu sehen?«

»Ich habe es euch ja schon erzählt. Vorgestern abend am Westportal, es war gegen sechs Uhr und ich wollte gerade nach der Stadt fahren, zur ›Stadt Frankfurt‹, wo ich ein Diner-Rendezvous hatte, als ich hinter mir jenes gewisse Rauschen hörte, jenes melodische Ausfallen schweren Seidenstoffes auf den Boden, das mich natürlich veranlaßte, rasch beiseite zu treten: und so kam sie dicht an mir vorüber – leider verschleiert, doch war ihr weißer feiner Burnus so gefällig, bei dem Luftzuge am Portal auseinanderzufliegen und mir ihre reizende Toilette zu zeigen.«

»Also der Zeit nach eine Dinertoilette und auch in Aschgrau?«

»Auch in Aschgrau, sonst hätte ich sie vielleicht nicht sogleich erkannt, da sie dicht verschleiert war. Dann eilte ich aber so rasch wie möglich die Stufen des Westportals hinunter, wo gerade ein sehr gediegener Landauer mit bemerkenswert schönen Pferden anfuhr, leider auch mit einem Diener; denn sonst hätte ich mir das Vergnügen gemacht, den Schlag zu öffnen, selbst auf die Gefahr hin, für einen Kommissionär gehalten zu werden.«

»Der statt der Nummer eine Rosenknospe im Knopfloch trägt.«

»Lieber Wölter, aus dir spricht der Neid und ich war auch beneidenswert, denn ich stand sehr in ihrer Nähe.

›Einen Finger durft' ich rühren,
Um Elviren heimzuführen.‹«

»Doch besorgte das der Kutscher,« lachte Wölter.

»Ja, aber ich hatte Zeit, mich in ihre wundervolle Toilette zu vertiefen.«

»Also wieder in Aschgrau?«

»Ja, die Grundidee war wie immer aschgrau, aber mit wunderbaren Variationen: so das Oberkleid auf den Seiten mit schwarzen Spitzenschleifen retrussiert, deren Mittelpunkt eine Agraffe von dunkeln Perlen war, darunter ein Jupon plissé, bordeauxfarbig in Grosgrain wie auch das Oberkleid; aschgraues Hütchen mit Bordeauxfeder, gleichfalls durch Agraffe schwarzer Perlen festgehalten und darüber jener neidische graue Schleier, der ihr Haupt förmlich einhüllte und mich nur das Leuchten ihrer Augen sehen ließ – ach, diese wundervollen Augen!« setzte er kopfschüttelnd hinzu und sagte dann unter einem Seufzer, der hierher übrigens nicht paßte: »Sonnenschirm à la marquise gleichfalls aschgrau mit Bordeaux doubliert und einem Stiel von Perlmutter, genau in Farbe und Glanz, wie ihre echten dunklen Perlen.«

Die beiden andern lachten und Wölter fragte scherzend: »Sei ehrlich, Trieberg, du bist sicher einmal irgendwo Zeitungsreporter gewesen, denn eine solche ausführliche Toilettenschilderung kann man nur durch Übung lernen!«

»Reporter war ich allerdings, mein lieber Freund,« erwiderte der Gefragte achselzuckend, »wenn auch für kein Journal, und kann ich dich versichern, daß unser würdiger Chef für die ausführliche Schilderung einer allerhöchsten Damentoilette bei großen Gelegenheiten recht dankbar war; wobei ich übrigens unter uns gestehen will, daß ich selten oder nie einen solchen Chic wie bei unserer schönen Unbekannten sah, stand ich ja doch so nahe, daß ich ihre wunderbaren Spitzen und echten Perlen bewundern konnte, ja daß mich die Luftwellen, hervorgebracht durch die Bewegung ihres schönen Körpers, umströmten.«

»Und das Parfüm?«

»Ich glaube es war Veilchen; wenigstens war mir ganz veilchenselig zu Mute, und ich hätte mich mit Wonne zertreten lassen von diesem feinen Fuß in aschgrauem Atlas, dem meine Blicke aufwärts folgen konnten bis zu einer gefährlich anmutigen Rundung; denn ich hatte mich sehr geschickt aufgestellt.«

»Da haben wir es wieder einmal,« sagte der Oberst lachend, »wir müssen uns mit einem Blick auf ihre Gestalt, auf die Züge ihres Gesichtes begnügen, er hat das Glück, am Wagen zu stehen, wenn sie einsteigt.«

»In richtiger Verteilung, lieber Oberst, denn:

›Was kein Verstand des Verständigen sieht,
Das ahnt in Einfalt ein kindlich Gemüt,‹

und ich habe das auch in der That verehrungsvoll, schüchtern anbetend, mit einem kindlichen Gemüte ausgenommen.«

Die beiden andern lachten und dann erhob sich der Oberst langsam, indem er sagte: »Möge es Ihrem kindlichen Gemüte nicht schaden; worüber ich indessen nicht vollkommen beruhigt bin, denn Ihre Blicke irren noch immer dort in der Menge umher mit einem Ausdrucke der Unruhe, so daß es grausam wäre, Sie noch länger hier festzuhalten. – Wenn es euch also recht ist, wollen wir gehen, und bitte ich nur, mich für eine halbe Stunde entschuldigen zu wollen, denn ich habe versprochen, drüben im Zelt der Kirgisen etwas genau anzusehen, um es dann zu Hause aufzuzeichnen, da man dort keinen Strich machen darf. Oder geht ihr mit dorthin?

»Ich mache mir nichts daraus, lieber Oberst, habe schon ein paar Bekannte hinführen müssen und fühle wenig Interesse für die Kumys bereitende kirgisische Jungfrau; sie sieht ein bißchen verwahrlost und schmutzig aus.«

»So lasse ich Sie mit Wölter, doch wo finden wir uns?«

»Wo Sie wollen, lieber Oberst, Sie haben zu bestimmen, da Sie unser Führer sein wollen.«

»So schlage ich vor, beim goldenen Riesenfisch der Japanesen,

›Der auf blauen Wogen schwimmend
Heiter in der Sonne glänzt‹«

»Gut, dort wollen wir Sie erwarten, wir können uns dabei ein bißchen im Orient umschauen, was mir heute besonders angenehm wäre; denn ich sah vorhin Seine Exzellenz meinen hochverehrten und würdigen Chef die Frères provençeaux verlassen und sich gegen Osten wenden,

›Wo Palmen rauschen
Und Brunnen kühlen,‹

oder:

›Wo Brunnen rauschen
Und Palmen kühlen,‹

man kann da sagen wie man will und es klingt gleich passend und anmutig.«

»Gott schütze Sie, Wölter,« rief der Oberst heiter, indem er sich entfernte, »Trieberg ist aufgezogen und das Räderwerk seiner Citate wird um Sie herschnurren, bis Sie ganz schwindlig geworden sind.«

»Keine Angst, bester Freund! Wölter ist so schweigsam, daß er wahrlich froh ist, wenn ich für ihn spreche, Schönes und Gediegenes, worauf er nicht einmal notwendig hat eine Silbe zu erwidern.«

Dann trennten sie sich, und während Baron Breda dem kirgisischen Zelte zuschritt, schlenderten die anderen um den japanesischen Garten herum, wo sie einen Augenblick stehen blieben, wie es hier jeder richtige Flaneur zu machen pflegt, um den fleißigen Arbeitern zuzusehen, die in ihrem Nationalkostüm, meistens hellblau mit weißen Streifen, überall an ihren zierlichen Einfassungen oder Hütten etwas nachzusehen oder zu verbessern haben.

»Ich meine hier immer,« sagte Baron Trieberg, »ich schaue auf ein großes, lackiertes Präsentierbrett bei meiner Großmutter, worauf wir, als wir noch kleine Kinder waren, unser Gouter serviert bekamen und das wir alsdann später, wenn die Kirschen, Erdbeeren oder was es gab, verzehrt waren, einem aufmerksamen Studium unterwarfen. Gerade so, wie dort der kleine, geschlängelte Bach war, ist er hier mit gleichen barocken, man könnte sagen, zopfigen Brückchen, die zu maulwurfsartigen Hügeln führen, hier wie dort gekrönt mit Bambushüttchen und Tempelchen, eine artige Spielerei; gehen wir weiter! – Apropos, lieber Wölter,« unterbrach er sich plötzlich, »hat der kolossale Fisch, aus Zeug oder Papier gemacht, dort an der hohen Bambusstange, der sich aufbläht, sowie der Wind hineinbläst, irgend eine Bedeutung? Du bist ein gelehrter Mann und mußt das wissen.«

»Wenn du in dieser Richtung an meine Gelehrsamkeit appellierst, so wird sie mich und dich im Stiche lassen; doch weiß ich zufällig, daß dieser Fisch an japanesischen Häusern symbolisch bei den sogenannten Knabenfesten angebracht wird, um dem angehenden Jünglinge anzudeuten, daß es jetzt Zeit für ihn sei, sich auf den Wellen des Lebens zu probieren.«

»Ein eigentümliches Volk, diese Japanesen; ich schlenderte neulich mit einem von der Gesandtschaft in ihrer Abteilung umher, und war erstaunt zu hören, wie sie fast allen ihren Dingen einen tieferen Sinn unterlegen, wie die Puppen, als wirkliche Damen herausgeputzt, dem kleinen Mädchen schon seine künftige Stellung als Dame und Hausfrau ins Gedächtnis rufen, wie alles Spielwerk seine Bedeutung hat, so für den Knaben die Figuren berühmter Krieger oder Waffenmodelle, um in seiner Brust Heldenmut und Patriotismus zu wecken, so ihre Bronzen, wo du zum Beispiel glaubst, eine nichtsbedeutende Vase vor dir zu haben, die aber in ihren Verzierungen und Bildwerken ein ganzes Heldengedicht repräsentiert, oder Tiere von Erz, die nebenbei zu Haushaltungszwecken dienen, wie ein großer, hochbeiniger, langschnabeliger Storch, der mythologische Vogel Hohwoh, der,« fuhr Baron Trieberg mit großem Ernste fort, »in dem religiösen Ideenkreise des japanesischen Volkes eine große Rolle spielt«. Und das sagte er in so würdigem Tone mit hochaufgezogenen Augenbrauen, daß ihn Wolter lachend von der Seite anschaute und dann ausrief: »Du entwickelst ja da eine wütende Gelehrsamkeit, sag' mir ehrlich, woher kam dir diese Kunde?«

»Lieber Freund, ich habe dir meine Quelle genannt, jenen freundlichen japanesischen Kollegen; wenn wir ihn finden, stelle ich dich vor; – – dann habe ich auch Einiges über die japanesische Abteilung gelesen, wie ich so ehrlich sein will, dir zu gestehen, auch den Grund, damit du siehst, was ich für ein aufrichtiger Freund bin.«

»Verrate nur keine diplomatischen Geheimnisse!«

»Es streift allerdings daran, ist aber in deiner verschwiegenen Brust gut aufgehoben; ich werde nämlich in den nächsten Tagen die Ehre haben müssen, die Gemahlin unseres Chefs im Orient spazieren zu führen.«

»Mit Schwestern und Töchtern? Da würde ich mir den Arabat am Eingange der Türkei mieten und sie als Kislar Aga begleiten.«

»Statt daß du schlechte Witze machst, lieber Freund, solltest du aus Interesse für mich die Schwierigkeit meines Auftrages einsehen. Du weißt, daß ich gerne nach Konstantinopel möchte, wo eine Stelle bei der Botschaft offen ist, die mir jedenfalls nicht entginge, wenn die Exzellenz zu ihrem Gemahle spräche: ›Dieser Baron Trieberg ist nicht nur ein charmanter und liebenswürdiger junger Mann –‹«

»Das wird sie jedenfalls sagen,« schaltete Wölter ein.

»›Sondern ist auch im Orient so bewandert, daß es eine Lust ist, sich von ihm führen zu lassen. – Wenn dann noch obendrein die jungen Damen mit einigem Gefühl und Verständnis sagen: ›Ach ja, Papa, das ist wahr‹, so bin ich so gut wie ernannt.«

»Nun, also was weiter:

›So führ' uns gut und mach' dir Ehre.‹«

»Gerechter Gott,« rief Trieberg, stehen bleibend, »jetzt pfuschest auch du mir schon ins Handwerk und citierst sogar Goethe.«

»Wahrhaftig willenlos.«

»Nun denn, mein Kompliment für dies geistige Zusammentreffen – – aber verdiene dieses Kompliment doppelt und gib mir in der orientalischen Abteilung einige Fingerzeige! Da sind wir schon und haben noch eine gute halbe Stunde vor uns; denn wenn der Oberst etwas ansieht, um später darnach zu zeichnen, so dauert's lange; wie soll ich meinen Spaziergang mit der Exzellenz beginnen?«

»Wird sie lange Zeit darauf zu verwenden haben?«

»Ich glaube kaum, sie geht zuerst zu den Spitzen, Shawls und Brillanten, um dann den Orient zum Auffrischen und pour la bonne bouche mitzunehmen.«

»Gut, so führe sie hierher, wo wir jetzt gerade stehen, wo die höchst interessante Reliefkarte von Stambul –«

»Es macht sich also gut, wenn man Stambul sagt?«

»Eigentlich Istambul, doch klänge das in deinem Munde zu kokett.«

»Also Stambul.«

»Mit dem Goldenen Horn – hier die Wasserstraße, welche Pera und Galata von Konstantinopel trennt – auf welcher die zierlich geschnitzten Kaiks pfeilschnell hin und her rudern; dort steht solch ein Kaik, was du ihnen zeigen kannst, um deinen Vortrag zu illustrieren.«

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»Kaik. Richtig.«

»Und der Botführer heißt Kaiktschi, wie auch der Kaffeewirt Kafetschi heißt. Dann zeigst du ihnen hier die berühmte Wasserstraße des Bosporus, eigentlich Ochsenfurt, was du aber für dich behalten kannst; wogegen es sich nicht ganz schlecht macht, wenn du etwas von Hero und Leander einflechten willst.«

»Ja, ja, das kann sich gut machen und schlägt in mein Fach; zum Beispiel:

›Seht ihr dort die altersgrauen
Schlösser sich entgegenschauen
Leuchtend in der Sonne Gold,

Wo der Hellespont die Wellen
Brausend durch der Dardanellen
Hohe Felsenpforte rollt?‹«

»Bis zu den Dardanellen darfst du dich aber nicht versteigen, denn die liegen weiter draußen, hier schließt's mit dem Meer von Marmara.«

»Natürlich.«

»Dann gehst du den Bosporus hinauf hier nach Therapia und Bujukdere, dem Sommersitz der Franken; längs dem Ufer hingestreut sieht man die reizenden Villen der Großen und Mächtigen des alten Byzanz, und wenn du nun weiter kommst zu dem Botschaftshotel der europäischen Mächte, so wird es dir nicht schwer werden, ein paar passende Worte einzustreuen, die deine Sehnsucht nach dem Orient verraten.«

»Famos; ich könnte zum Beispiel sagen:

›Dorthin, dorthin
Möcht' ich mit dir, o mein Geliebter zieh'n.‹«

»Mußt dich aber in acht nehmen, dabei eine der jungen Komtessen anzuschauen, damit sie dir nicht später zuflüstert: ›Sprechen Sie mit meiner Mutter‹!« Doch Scherz beiseite, schreiten wir ernst und würdig weiter; vergiß nicht, im allgemeinen darauf aufmerksam zu machen, welch' ein wunderbares Miniaturbild hier die stolze Osmanenstadt gibt, die wie Rom sieben Hügel überflutet und von ihren Nebenstädten Pera und Galata durch das wunderbar geschwungene, vom Sonnenglanze schimmernde Goldene Horn getrennt ist.«

»Vom Sonnenglanze schimmernde Goldene Horn – macht sich recht gut.«

»Auf die Kaiks hast du sie bereits aufmerksam gemacht und nun kommen wir hier gleich nebenan zu der türkischen Equipage alten Stils, jenem grell bunt bemalten, ja zuweilen reich vergoldeten Karren, der gewöhnlich von Ochsen gezogen wird und in welchem die Frauen dicht verschleiert sitzen, wie dort an der lebensgroßen Puppe zu sehen; ihr hellseidenes Oberkleid heißt Feredsche, der weiße Schleier Jaschmak – vergiß das nicht, es würzt deine Erklärungen.«

»Feredsche und Jaschmak. Ich werde das zu behalten suchen, und wenn ich allenfalls beide Dinge miteinander verwechsele, so schadet's auch nichts – Jaschmak und Feredsche.«

»Dieser Ochsenwagen Arabat gibt dir einen Anknüpfungspunkt an das Straßenleben von Konstantinopel, du sprichst von dem großen Bazar, dem Besestan –«

»Besestan!«

»Und führst dann deine Damen rechts in die eigentliche türkische Abteilung, allwo lauter Dinge sind, die du bereits gesehen, worüber du gelesen und die ich dir erklärt habe; da gibt es so viel, was interessiert, und sie werden schwelgen in den Teppichen, Shawls und den Stickereien, den kleinen Tischchen, mit Perlmutter ausgelegt, den golddurchwirkten weißen Stoffen, den Seidenzeugen von Brussa und Salonik, daß du nur hier und da ein Wort einzuwerfen brauchst, um sie aufmerksam zu machen, zum Beispiel auf die eigentümliche Art, wie die Orientalen ohne Messer und Gabel speisen.«

»Ah – ja – da bin ich schon mehr zu Haus.«

»Wie sie dabei auf schwellenden Polstern ruhen, rings um jene oft vier Fuß im Durchmesser haltenden, schön verzierten messingenen, oft vergoldeten Tischplatten; wie das Hauptstück der Mahlzeit häufig ein gebratener Hammel ist, gefüllt mit Reis und süßen Pflaumen, von welchen der Wirt mit seinen fettigen Fingern eine Kugel dreht, die er dem Gaste, den er hauptsächlich ehren will, in das Maul schiebt.«

»Pfui Teufel!«

»Dann kommt eine Unmasse von Konfitüren, Eingemachtem und anderen Süßigkeiten, bis ein Neger oder sonst ein Diener erscheint, um aus einer der schön geschwungenen silbernen Kannen dort Wasser über die Hände der Gäste zu gießen, sowie ihnen ein oft goldgesticktes Tuch zu reichen, womit sie ihre Finger und – Lippen reinigen.«

»Ein Ersatz für unsere Mundtassen.«

»Aber appetitlicher, wie du mir zugeben wirst; mir erregt es wenigstens stets eine leichte Anwandlung von Ekel, wenn ich eine anständige Gesellschaft gleich nach gutem Diner mit dieser Art von Spucknäpfen beschäftigt sehe. Doch gehen wir weiter! – Hier hast du denn ferner sämtliche Nationalitäten des türkischen Reiches als Wachsfiguren umherstehend, sehr interessant durch ihre echte Kleidung und ihre prachtvollen Waffen: auf jedem Postamente ist die Völkerschaft des Betreffenden zu lesen, und bei deinen guten Augen – das heißt bei deinem scharfen Glase – kannst du dir immer ein bemerkenswertes Paar schon aus der Ferne aussuchen und deinen Komtessen Kurden, Araber, Griechen, Albanesen, Armenier und Bulgaren deiner Bekanntschaft vorstellen. Jedenfalls werden sie dich fragen, was das dort bei jener Frau für ein merkwürdiger Kopfputz ist, in Gestalt eines silbernen Hornes, an dem ein Schleier hängt.«

»Maronitinnen, nicht wahr?«

»Nein, Drusinnen, – die Maronitinnen haben ein Goldblech über der Stirn.«

»Richtig, Drusinnen, – ich kann mich dabei des Emirs Beschir erinnern, des großen Empörers vom Libanon.

›Tragt mich vors Zelt hinaus samt meiner Ottomane,
Ich will ihn selber sehen.‹«

»Das läßt nun Freiligrath allerdings seinen Scheik vom Sinai sagen, doch wissen das deine Zuhörerinnen kaum so genau.«

»Gut, dann fliege ich über Libanon und Antilibanon hinüber nach Damaskus, zeige ihnen echte Klingen, wie jene dort mit diamantbesetztem Griff.

›Die Waffe ließ er sich an seinen Gürtel binden
Und sprengte sausend dann die grünen Tamarinden,
Den Sonnenschirm des Markts, entlang mit seiner Schar.
Der Staub des Weges flog, gefegt von Stutenbäuchen;
Der Reiter saß in den beschäumten Weichen
Und Staunen faßte den Bazar.‹«

»Es wird sich das nicht schlecht machen, und wenn du deklamierst:

›Und Staunen faßte den Bazar‹ –

so machst du eine graziöse Handbewegung zugleich mit einer tiefen Verbeugung, so anzeigend, daß dein orientalischer Vortrag zu Ende ist.«

»Gut, sehr gut, und habe ich nun durch deine Güte Anhaltspunkte genug, um mich hier allein in der Türkei für drei Viertelstunden oder so etwas als einen ausgezeichneten Cicerone darzustellen; obendrein bin ich auch, was Japan anbelangt, ziemlich vorbereitet, werde ihnen vom wunderbaren Vogel Hohwoh, in dem man Räucherwerk verbrennt, sowie vom Fische, der bei Knabenfesten vor dem Hause flattert, erzählen und bin alsdann überzeugt, die vorrätige Zeit Ihrer Exzellenz so gründlich ausgenutzt zu haben, daß sie froh ist, wenn ich selber nichts mehr weiß. – Doch halt,« sagte er, seinen Redefluß plötzlich unterbrechend, wobei er den leichten, gefälligen Ton änderte, ja seinen Freund am Arme faßte und so dessen weitere Schritte hemmte:

»›Mephisto, siehst du dort
Ein blasses, schönes Kind allein und ferne stehen?‹«

»Ja, bei Gott, da ist es wieder!«

»Du sprichst gerade, als sähest du ein Gespenst, wogegen ich dich versichere, daß mir jene Dame in Aschgrau auch heute wieder, obgleich ich nur die Formen ihrer Gestalt sehe, durchaus nicht einen unbehaglichen Eindruck macht; im Gegenteil, ich fühle mich zu ihr hingezogen.«

»Ich ja auch, Unglücklicher, hingezogen und doch wieder auf eine mir unerklärliche Weise abgestoßen, denn:

›Vor ihrem Blick
Erstarrt des Menschen Blut.‹«

»Im Gegenteil, was ich von diesem Blicke sah, hat mich mächtig angezogen und dem Obersten, der doch ziemlich kühl in solchen Dingen ist, erging es gerade so. Komm, laß uns näher treten und ihr zufällig begegnen; sie tritt gerade bei den Japanesen ein, wohin uns ja auch unser Weg führt, vielleicht daß uns Baron Breda dort schon erwartet.«

»Ich mag nicht hin, es graut mir vor dem Orte.«

»Höre, du bist ein recht kindischer Mensch, oder wenn ich mir die Sache genauer überlege, so fange ich an, an deinem sonst so guten Charakter zu zweifeln, und glaube, daß du Egoist genug bist, um jener schönen Dame stets allein begegnen zu wollen.«

»Würde ich in dem Falle stets auf sie aufmerksam machen?« entgegnete Baron Trieberg achselzuckend. »Nein, ich bin nur stärker als du und vermöchte ihr mit männlicher Entschlossenheit fern zu bleiben, wenn mich deine Worte nicht herausgefordert hätten; so komm denn, Unseliger, versenke deine Seele in ihre süßen Augen und gehe unter in der verzehrenden Glut, die ihren Blicken entströmt!«

»Wagen wir es auf diese Gefahr hin; da ist der goldene Fisch von Japan, da ist auch der Oberst, aber wo ist sie hingekommen? Sie muß hier in der Abteilung aufzufinden sein, wenn du überhaupt richtig gesehen hast, aber es kommt mir vor, als sähest du alles in Aschgrau, wie andere exaltierte Sterbliche rosenfarbig.«

»Ich bin durchaus nicht exaltiert und habe sie so deutlich gesehen, wie ich dich hier sehe.«

»Da bei den Japanesen?«

»Da beim Eingange zu den Japanesen.«

»So müßte sie ja bei dem Obersten vorüber gekommen sein, – fragen wir ihn!«

»Ah, da seid ihr,« rief ihnen Baron Breda von weitem entgegen, »habe ich euch warten lassen?«

»Durchaus nicht, doch fürchte ich fast, daß wir zu lange ausgeblieben sind.«

»Ich kam soeben durch das Ostportal und bin kaum fünf Minuten hier.«

»Also doch schon fünf Minuten,« sagte Baron Trieberg rasch, »und befanden sich während der Zeit hier am Eingange?«

»Hier am goldenen Fische, auf den blau und weißen Leinwandwogen, habe mir ihn wieder genau betrachtet und mich gefreut über die Sauberkeit, mit der die vergoldeten Messingplatten, aus denen er besteht, zusammengenietet sind; überhaupt ist es recht geschickt von den Herren Japanesen, hier am Eingange ihrer Abteilung ein so weithin leuchtendes Objekt aufzustellen, es erleichtert das sehr die Rendezvous.«

»Aha, lieber Oberst,« lachte der junge Diplomat, »sind wir Ihnen am Ende zu früh gekommen?«

»Wieso? – Doch kann ich mir denken, worauf Sie anspielen; auch Sie sahen wohl die aschgraue Dame hier eintreten?«

»Ja, sahen sie und suchen sie; kam sie nicht bei Ihnen vorüber?«

»Ziemlich nahe,« gab der Gefragte zur Antwort, »und da ich noch unter dem Eindrucke Ihrer lebhaften Schilderung von vorhin stand, so bemühte ich mich, sie genauer zu betrachten, als ich dies bisher gethan.«

»Und sind mit Ihren Forschungen zufrieden?«

»Nach jeder Richtung hin; ich muß gestehen, nie einen schöneren, eleganteren Wuchs und edlere und einnehmendere Züge gesehen zu haben; doch gab mir der Ausdruck ihres Auges zu denken.«

»Das glaube ich, solch' ein Auge, wie ein leuchtender Stern!«

»Das ist jedenfalls kein ganz guter Vergleich,« meinte der Oberst lächelnd; »bedenken Sie, wenn aus einem menschlichen Antlitze, mag es noch so schön sein, uns etwas entgegenglänzte, wie das Gefunkel eines Sternes, ich wüßte mir keinen unheimlicheren Anblick.«

»Meinetwegen zugegeben, aber was fanden Sie eigentümliches in den Augen unserer schönen Unbekannten?«

»Etwas nicht minder Unheimliches, ich will Ihnen das offen gestehen, einen Blick wie aus leblosen Augen, die mich wie vom tiefschwarzen glanzlosen Samt geformt anstarrten.«

»Allen Respekt vor Ihrem Talent der Beobachtung, lieber Oberst,« entgegnete Baron Trieberg lebhaft, »da sind mir neulich jene schönen Augen ganz anders vorgekommen.«

»Vielleicht glänzend im Widerschein der deinigen,« meinte Rittmeister von Wölter, »oder indem du mit deiner erregten Phantasie schautest durch einen grauen Schleier hindurch, den sie, rote du selbst zugabst, um ihren Kopf gewickelt trug.«

»Heute aber war sie so gut wie unverschleiert,« entgegnete der Oberst nachdenklich, indem er sich langsam rote zum Weggehen wandte, dabei aber seine Blicke rings um sich her durch die japanesische Abteilung gleiten ließ – – »wenigstens für mich so gut rote unverschleiert,« setzte er nach einer Pause hinzu, »denn das dünne Gewebe, welches nur zur Hälfte ihr Gesicht bedeckte, hinderte mich durchaus nicht, ihre Züge zu betrachten und mich in ihre seltsamen Augen zu versenken – gehen wir?«

»Wenn es Ihnen gefällig ist, lieber Oberst, ja,« sagte Baron Trieberg, »doch wäre hier eine gar vortreffliche Gelegenheit, sie ein bißchen genauer zu betrachten; wer war in ihrer Gesellschaft?«

»Derselbe alte Herr mit weißem Haar, den wir schon ein paarmal sie begleiten sahen; ist es ihr Vater, sonst ein Verwandter, ein Freund – ich habe keine Idee darüber; steht vielleicht in einem noch intimeren Verhältnisse mit ihr, keinesfalls aber in dem eines Dienenden, dafür ist der alte Herr zu elegant angezogen. – Gehen wir also, wenn es euch so recht ist!«

Da Baron Breda auf diese Art, wenn gleich indirekt, seinen Wunsch kundgab, nicht länger hier zu warten, so fügte sich auch Trieberg schweigend darein und alle drei verließen die japanesische Abteilung und dann das Ostportal der Industriehalle, um bei dem prachtvollen Brunnen Sultan Achmeds vorüber nach den Kunstsammlungen zu gehen.

Die Kunstsammlungen nehmen in ihrem palastähnlichen Gebäude, wie es sich auch gebührt, einen hervorragenden Platz auf der Weltausstellung ein; und steht die Kunsthalle östlich von dem Hauptgebäude, so daß dessen Längenachse jenes unter einem rechten Winkel in der Mitte durchschneidet.

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Der weite Platz zwischen beiden, in großen Dimensionen angelegt, mit reizenden Gartenanlagen, frischen Rasenplätzen, hochaufspritzenden Fontänen, erscheint uns durch die mächtigen Gebäude, die ihn auf zwei Seiten einfassen, sowie die mit Laub bewucherten Veranden der beiden andern Seiten kleiner, als er in Wahrheit ist, wie man ähnliches bei den riesigen Verhältnissen der Weltausstellung öfter bemerkt.

Seine Mitte nimmt eine treue Kopie des schon oben erwähnten prachtvollen Brunnens »Sultan Achmeds III.«, der »Tscheschme« aufs getreueste nachgebildet, wie sie am Ufer des goldenen Hornes steht, ein; ein phantastisch reiches Bauwerk, auch hier prächtig hervortretend durch den unwiderstehlichen Reiz seiner märchenhaften Farbenpracht.

»Ist es mir doch jedesmal, so oft ich hier vorbeigehe, zu Mute, als befände ich mich wieder am Ufer von Galata,« sagte Baron Breda, »und blickte dann wohl verwundert umher, wenn ich statt des dortigen lebendigen Treibens, statt des Gewühls eines türkischen Marktes mit seinen lärmenden, schreienden griechischen und jüdischen Verkäufern, seinen würdevoll einherschreitenden Türken, seinen Lastträgern, seinen Pferden, Eseln und langen Kamelzügen, diese Ruhe um mich her empfinde, als sei ich allem dem durch Zaubermacht entrückt und befände mich hier allein im Hofe eines Feenpalastes bei den murmelnden Wassern, die mir so artige Märchen zu erzählen wissen.«

»Nun, daß wir uns hier inmitten eines Zauberpalastes befinden, wird niemand leugnen wollen,« meinte der Rittmeister, »braucht man doch nicht einmal irgend eine beschwörende Formel auszusprechen, um alle Schätze der Welt um uns her ausgeschüttelt zu sehen; und mir erregt es dabei das Gefühl, als wenn ich schalten und walten könnte nach Belieben, als wenn jene Brillantenkolliers, die reichen Schmucksachen von Perlen und Rubinen, ja der ganze Schatz des Sultans mein Eigentum wäre, das ich da der allgemeinen Schaulust zuliebe ausgestellt lasse.«

»Bei dergleichen Dingen kann ich nicht ähnlich fühlen,« sagte der junge Diplomat, »denn die Werte sind so gewaltig, daß man schon eine sehr üppige Phantasie haben muß, um Annexionsgelüste zu spüren, während wir dagegen bei einer Menge minderer Dinge vorübergehen, wo ich es immerhin bedaure, nicht ein Checkbuch zu besitzen auf eine allgemeine Weltbank.«

Sie umschritten den Achmedbrunnen und hatten nun jene große Halle vor sich mit der einfachen und würdigen Aufschrift: »Der Kunst«.

»Mich ergreift immer ein eigentümliches Gefühl, wenn ich diese Stufen hinaufsteige,« sagte Baron Breda, »nicht als ob ich diese Schätze hier als solche höher achtete, wie jene Erzeugnisse des menschlichen Geistes und Fleißes drüben in der Industriehalle, dagegen ist mir zu Mute, als wenn ich mich von einem glänzenden, lärmenden Feste in eine Gesellschaft guter Bekannter begäbe, wo ich statt Musik und Feuerwerk einen Druck der Hand, ein freundschaftliches Wort finde.«

»Diesmal fühle ich gerade wie Sie, lieber Oberst,« sagte der Diplomat, »was leider nicht immer der Fall ist, und beim Eintreten in diese Kunsthalle ist mir gerade so, als käme ich aus einem Salon von reicher Vergoldung, schimmernden Tapeten, leuchtenden Kristalllüstern in ein sanft erhelltes Pflanzenkabinett, wo seltsame Blumen und wunderliebliche Blüten aus dem tiefen Grund verstohlen hervorblicken und wo mich das Plätschern eines Springbrunnens mit träumerischem Behagen umfängt.«

»Etwas von dieser Stimmung liegt wohl an dem rings umschlossenen Raum, in dem wir uns hier befinden, sobald die weich gepolsterten Flügelthüren hinter uns zugefallen sind, während es drüben, mögen wir stehen und gehen wo wir wollen, aus der Nähe und Ferne, von rechts und von links beständig auf uns einwirkt: glänzend, leuchtend, flimmernd, sausend, brausend und klingend – ein ungeheures Kaleidoskop –, in welchem wir uns vorkommen, als ob wir selbst herumgeschüttelt würden in all dieser bunten, glänzenden Pracht.«

»Schon das dumpfe Zufallen dieser Thüren klingt mir stets wie ein beruhigender Ausruf, wie ein ›Gottlob‹,« fuhr der Oberst fort, »und wenn ihr darin noch eine Steigerung, eigentlich noch eine größere Abschwächung empfinden wollt, so gebt einmal genau Achtung auf den Eindruck, den es euch macht, wenn ihr drüben von den unruhigen Italienern zu den Engländern eintretet, wo ich jedesmal das Gefühl habe, als verstumme plötzlich hinter mir eine rauschende Musik und als würde ich empfangen von einem sanften Flötenkonzert.«

»Nur nicht ganz so langweilig,« warf Baron Trieberg ein, »obgleich es mir noch nicht gelungen ist, bei den Engländern recht warm und animiert zu werden.«

»Und doch finden wir bei ihnen außerordentlich Schönes, sogar Bewunderungswürdiges in ihren Aquarellen, dabei selten oder nie etwas, bei dem wir mit einem mitleidigen Achselzucken vorübergehen, wie uns das anderswo leichter geschehen kann, oder etwas, das uns gemein erschiene: wogegen wir uns aber auch kaum irgendwo durch Großes und Erhabenes, durch einen Schwung in Konzeption oder Ausführung erhoben fühlen; wir behalten immer den Eindruck des sanften Flötenkonzerts, sehen immer, daß wir uns in der anständigsten Gesellschaft befinden, ohne in den Fall zu kommen, auf diesen oder jenen zeigend auszurufen: ›Was ist dies für eine ausgezeichnete Persönlichkeit!‹«

»Sie sind also darin ganz das Gegenteil unserer Oesterreicher, auch der Deutschen und der Franzosen,« meinte der Rittmeister, »besonders der letzteren; denn wenn man ihre Werke betrachtet, so muß man ihnen schon Gerechtigkeit widerfahren lassen, und sagen, daß man nicht nur hier und da von ihren Bildern gewaltsam angezogen wird, sondern fast in jedem etwas findet, das uns fesselt: hier der Gegenstand oder die Komposition, dort die Harmonie des Ganzen, prachtvolle, wenn uns auch nicht immer richtig angewandte Figuren, leuchtendes Kolorit und wundervolle Technik.«

»Ganz recht! Um dieses Lob zu verdienen, haben sie es sich aber auch bei unserer Ausstellung recht leicht gemacht, indem sie das ihnen so gut wie jeder anderen Nation gestellte Programm einfach nicht beachteten; es sollten nur Kunstwerke der letzten Jahre eingesandt werden, doch griffen sie bedeutend zurück und wir sehen hier Arbeiten, die zwanzig und mehr Jahre alt sind, so von dem verstorbenen Delacroix, von Troyon, Rousseau und anderen; und sind es gerade diese Meisterwerke, welche der französischen Ausstellung einen so haltungsvollen, tiefen Gesamtton geben, die uns fesseln und zu bewunderungsvollen Ausrufen veranlassen, ja die uns vielleicht ungerecht sein lassen gegen das, was wir Oesterreicher und Deutsche darbieten. Doch wollen wir uns nicht irre machen lassen und dankbar und gläubig die großen Fortschritte deutscher Kunst in den letzten Jahren anerkennen, wollen zugeben, daß wir im Kolorit wie in der Technik, sowohl von den Franzosen, als auch von den Belgiern gelernt haben, wollen den gewichtigen Namen, die wir vorhin genannt, nicht minder werte Deutsche entgegen führen, sowie der französischen Kunst im allgemeinen unsere Frische und Poesie, seelenvolle Tiefe und Innigkeit, wohlthuenden Humor und diesen unermeßlichen Reichtum der mannigfaltigsten Kräfte!«

Damit hatte Baron Trieberg die Flügelthür des großen Mittelsaales geöffnet und sagte lächelnd:

›Mit Euch, Herr Doktor, zu spazieren,
Ist ehrenvoll und ist Gewinn,‹

und es würde uns herzlich freuen und sehr lehrreich für uns sein, auch über weiteres hier und über manches im speziellen ein gewichtiges Wörtchen zu hören.«

»Wer könnte das,« gab der Oberst zur Antwort, »mit der Gewißheit, daß das Wort oder Urteil, wenn es mir richtig oder wichtig erscheint, es auch Ihnen ist, das heißt wirklich überzeugend für Sie und nicht nur aus Kourtoisie für mich? Hab' ich doch selbst schon von gescheiten Leuten, ja ich möchte sagen von Kennern, die widersprechendsten Urteile über ein und dasselbe Bild gehört, und wenn Sie mir heute aufs Wort glauben, dies oder das sei schön, so wird Ihnen vielleicht morgen ein anderer das Gegenteil sagen, indem er Ihnen beweist, dies Kostüm oder jene Farbe sei von einer lächerlichen Unrichtigkeit. – Sehen Sie dort vor uns das prachtvolle Bild Pilotys: ›Der Triumphzug des Germanikus über die Deutschen‹, bei dem die gefangene Thusnelda, von deren edler und stolzer Haltung schon Tacitus mit wahrer Bewunderung spricht, die Haupttrophäe bildet; versenken Sie sich in diese herrliche Schöpfung, auf der alles nicht nur aufs schönste und erhabenste geordnet ist, künstlerisch groß dargestellt und auch so fein charakterisiert, daß wir in dem tückisch blickenden Tiberius schon das spätere Verhängnis des heute so glücklichen Triumphators lauern sehen, daß uns aus dem reichen Kranz schöner Frauen, die seinen Hofstaat bilden, aus jenen üppigen, vollen Römerinnen, der zarten Griechin mit dem edel geschnittenen Gesichte, aus den sinnlich lüsternen Blicken der Äthiopierin, aus allen diesen glänzenden, goldgestickten Gewändern, den blitzenden Edelsteinen, den goldenen Ketten, schillernden Fächern, aus den Papageien und spielenden Affen so drastisch die ganze liederliche Wirtschaft jenes kaiserlichen Hofes entgegentritt; – daß wir, statt unsere Blicke dem Triumphator zuzuwenden, der mit seinen fünf Söhnen, die vor ihm auf dem Wagen sitzen, eben einen Triumphbogen passiert, umjubelt von Blumen und Kränze werfenden Zuschauern, von niederem schreienden Volke, stets wieder zurückkehren zu der rührend erhabenen, wie ein blendender Stern strahlenden, hohen Gestalt der Germanenfürstin, die in ihrem weißen Linnen, über das die Flut der blonden Flechten wallt, bleich, mit gesenkten Blicken, aber stolzer Majestät in der Haltung, den kleinen, trotzigen Thumelikus an der Hand, langsam und würdevoll vorbeischreitet. – Wie glücklich ist es dem Meister gelungen, die Verdorbenheit dieser sich ihrem Ende nähernden, glänzenden, überfeinerten römischen Welt ebensowohl in dem prunkenden Hofe zu schildern, als in dem jubelnden Volke und jenem übermütigen Soldaten, der den gefesselten Barden an seinem langen Barte herumreißt! – Und doch habe ich, um auf meine frühere Bemerkung zurückzukommen, auch hier schon mitunter recht sinnlose Urteile und mit solcher Sicherheit und Ueberzeugung aussprechen hören, daß, wenn ich sie Ihnen ebenso wiederholen wollte, Sie mich wohl zweifelnd ansähen, vielleicht aber doch nicht wieder mit derselben Liebe und Bewunderung hier betrachtend verweilen würden vor einem Kunstwerke, das echtes Gold und scharfes Schwert auf die Wage werfend, die Schale deutscher Kunst mächtig zu unfern Gunsten bewegt. – So oft ich hierher komme,« fuhr Baron Breda sich abwendend fort, »kann ich es nur aus vollem Herzen bedauern, daß nicht auch Makart sein wundervolles Bild hier ausgestellt hat; denn wenn auch neben der glühenden Farbenpracht jener unvergleichlichen Schöpfung selbst Pilotys Bild matter erschienen wäre, so hätte uns doch gegenüber den Franzosen und Belgiern eine Vergleichung so wohl gethan mit ihnen und jenen beiden großen Meistern. – Drüben haben wir allerdings ein in seiner Art gleich gewichtiges und bedeutendes Bild, die Loge St. Johannis von Canon, eben so schön gedacht, als prachtvoll, tief und markig gemalt. Manchen Beschauern gefällt die Idee dieser santa conversazione nicht besonders, und wenn auch ich gewünscht hätte, Canon hätte seine große Kraft und Meisterschaft einem anderen Gegenstände zugewandt, so bleibe ich doch deshalb nicht minder bewundernd stehen vor der großartigen Gestalt des auf dem Throne sitzenden Moses, der mit so furchtbar strengern Ernste aus die Gesetzestafeln hinweist, während das Alte Testament auf seinen Knieen als Fundament dem Erlöser dient, der hier in Gestalt des lieblichen Christusknaben das Kreuz erhöht, und gewissermaßen die für unsere heutige Zeit gerade in dieser hochwürdigen Gesellschaft so bedeutungsvolle und passende Mahnung ausspricht: ›Liebet euch untereinander!‹«

»Wogegen sich der Wiener Witz sogleich bemüht hat, diesen Ausspruch auf die rechts und links hängenden Bildnisse anzuwenden,« sagte lachend der junge Diplomat. »Sehen Sie, wie wundervoll und wie mit wenigem so genügend sind die herrlichen charakteristischen Köpfe des Papstes, sowie des griechischen Patriarchen gemalt, man glaubt vor einem Bilde jener alten großen Meister zu stehen!«

»Und mit welcher Kraft die Gewandungen; ohne dabei ins Ängstliche und Kleinliche zu gehen, bauschen sie wahrhaft aus dem Rahmen heraus.«

»Was mir an dem Bilde nicht gefällt,« sagte Baron Trieberg, der ein bischen gelangweilt umherschaute, »ist jener braune dürre Johannes, und man sollte glauben, Canon habe auf diese Weise seine Heuschreckendiners andeuten wollen; auch muß ich schon gestehen, daß ich nicht einsehe, warum er dem Repräsentanten des Protestantismus ein so gar kümmerliches, um nicht zu sagen unbedeutendes Gesicht gegeben, während er besonders zwei der anderen so reich und künstlerisch großartig bedacht hat.«

»Das kann Ihnen Canon gelegentlich selbst beantworten, wenn Sie ihn fragen mögen.«

»So ist er hier?« fragte der Rittmeister.

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»Ja, ich sah neulich, allerdings nur von weitem, seine breitschulterige stattliche Gestalt, in braunen Samt gekleidet, mit hohen Stiefeln, und erkannte sogleich den ausdrucksvollen Kopf mit seinem beinahe bis zum Gürtel herabhängenden langen Barte. – Doch nun,« fuhr der Oberst fort, »machen wir den beiden Bildnissen der Majestäten rechts und links neben Canons Bild eine kleine Reverenz, wobei ich nicht umhin kann, Sie aus den allzu bunten, unruhigen Hintergrund des Lenbachschen Kaisers aufmerksam zu machen, der mich immer wieder abzieht, sowie ich im Begriffe bin, mich an der großen Ähnlichkeit des vortrefflich gemalten Kopfes zu erfreuen. – Jetzt wollen wir uns aber umdrehen und können uns nach Frankreich oder Belgien wenden, die hier im Mittelsaal unter anderen eben so guten, wenn nicht besseren Leuten, mit den beiden größten Bildern auf der Kunstausstellung vertreten sind. – Zur Linken Wiertz mit seinem Engelsturz, rechts Cabanel mit einem riesigen Deckengemälde, für das Louvre bestimmt, und wenn ich nicht irre, das Aufblühen des Frühlings darstellend: so habe ich wenigstens die in lichter Färbung schwebenden heiteren Figuren, den ganzen riesigen Blütenkranz, durchgängig in Rosa, Vergißmeinnichtblau oder Lila und Schwefelgelb, verstanden. – Welch schreiender Kontrast mit der düsteren Komposition Wiertz's, der, ein Nachahmer Rubens', sein großes Vorbild durch einen übertriebenen Maßstab noch überbieten wollte, aber statt jener wahren, lebenswarmen Gestalten, in deren saftig anzusehendem Fleische heißes Leben pulsiert, ungeheuerliche, schreckbare Wesen erschuf, die uns teils Grauen erregen vor ihren furchtbaren Handlungen – wir wollen nur an jene Mutter erinnern, die ihr eigenes, zerhacktes Kind im Kessel kocht, oder an jenen lebendig begrabenen Mönch, der aus seinem Sarge kriecht – oder die uns zu keinem ruhigen Genuß im Betrachten kommen lassen durch die riesigen Proportionen ihrer Gestaltungen, von denen man fast den Ausdruck der Köpfe wieder vergessen hat, wenn man sich mit ihren Füßen beschäftigt. Und doch muß man überrascht, fast bewundernd, aber auch zu gleicher Zeit bedauernd die schöpferische Kraft anstaunen, die diesen Engelsturz gemalt und jene nackten Figuren entworfen, welche die riesige Leinwand in doppelter, ja dreifacher Lebensgröße füllen, sowie die wilde Energie und die. üppige Phantasie, mit der diese Himmelsstürmung unter der Beihilfe von Drachen und anderen Ungeheuern, umzüngelt von Flammen, umqualmt vom Rauch, unter rötlich zuckenden Blitzen gemalt ist.«

»Ich bin mehr für den Frühling, lieber Oberst, wenn Sie mir das nicht übel nehmen, und wende mich deshalb nach rechts.

›Dorthin liegt Frankreich, mit den bunten
Kriegsfahnen spielt der Wind.
Am Zündloch glühn die Lunten,
Die Salve kracht, – so grüßen sie.‹«

»Ein Citat, so unpassend als möglich,« lachte der Rittmeister, »wie können einem nur Kriegsfahnen und glimmende Lunten in den Sinn kommen, wenn man jene eleganten Weibergestalten des Cabanelschen Bildes betrachtet!«

»Er ist darin unverbesserlich,« meinte der Oberst, »oder hat er hinüber nach dem Fleuryschen Bilde geschielt, wo ihm beim Anblick der Erstürmung von Korinth jene kriegerischen Phantasieen kamen?«

»Nein, das that ich nicht,« gab Baron Trieberg zur Antwort, »aber jetzt, wo Sie mich darauf aufmerksam machen, will ich Ihnen schon gestehen, daß jenes Bild mit seinen herrlichen, nackten Frauengestalten einen bedeutenden Eindruck auf mich macht.«

»Und gerade jene nackten, allerdings prachtvoll gemalten Frauengestalten hat man dem Maler aus seinem Bilde, als bei dieser Gelegenheit nicht ganz passend, zum Vorwurf gemacht, woran Sie wieder einmal erfahren, daß man es niemand recht machen kann. Diesmal aber bin ich auf Seite des Franzosen, und halte es nicht mit dem für unsere Kunst, ich möchte fast sagen leider noch immer geltenden Spruche: Wenig Fleisch, aber viel Gemüt – was sich übrigens auch umkehren läßt,« fuhr Baron Breda fort, nachdem er ein paar Schritte weiter gegangen und vor der berühmten Reiterfigur des Marschalls Prim, von dem zu früh für die Kunst auf dem Felde der Ehre gefallenen Regnault, stehen geblieben war; – »denn hier in dem Marschall, sowie in seinem schweren andalusischen Rappen, der sich unter der Parade aufbäumt, wie in den zujubelnden Madrider Revolutionären, alles in so prächtig satter Farbe, so breit und meisterhaft gemalt, ist mehr Fleisch und Blut sichtbar als in den da drüben hängenden Reiterporträts Camphausens, Friedrich den Großen und den Großen Kurfürsten darstellend, die, wenn ich so sagen darf, mit vielem Gemüte gemalt sind und mir dadurch frisch im Gedächtnis lebendig gegenwärtig bleiben, während ich immer wieder vor den Marschall Prim hintreten muß, mit mich seines Gesichtes zu erinnern. Gehen wir nun einen Augenblick zu Matejko, einer der blendendsten Erscheinungen in den österreichischen Sälen, was er allerdings nicht wäre, wenn Makart, wie ich schon früher sagte, seine Katharina Cornaro statt im Künstlerhause hier ausgestellt und dadurch den ihm unbedingt gebührenden ersten Platz eingenommen hätte. Nicht weit vom Mittelsaale haben wir eines von Matejkos bedeutendsten Bildern: ›Stephan Batory‹, der bei Pskow in seinem Zelte die um Frieden flehenden Gesandten Iwans des Grausamen empfängt.«

Während sie dahingingen, fragte der Rittmeister: »Haben Sie kürzlich im Belvedere wieder Matejkos polnischen Reichstag gesehen, den auch Sie damals so sehr bewunderten?«

»Gewiß, vor wenigen Tagen; und ich bewundere ihn auch heute noch, nachdem ich seine neueren Arbeiten gesehen, nicht minder, aber so hoch ich auch seinen polnischen Reichstag stelle, so fühle ich mich doch immer wieder hingerissen von der überwältigenden Wahrheit dieses Bildes hier. Wie lebendig, wie ausdrucksvoll sind alle seine Gestalten, wie wunderbar satt, und doch wieder so bestimmt seine Farben, und mit welchem Fleiß alles das gemalt ist, wie charakteristisch: hier Stephan Batory, der bekannte buckelichte Held, durchaus nicht schön, aber wie ausdrucksvoll sitzt er vor seinem Zelte mit auseinandergespreizten Knieen, auf denen der blanke Säbel ruht! – Die Polen hinter ihm, die konfiszierten Russengesichter, der schlaue Jesuit, der ihm zuredet, die Bitten der Gesandten zu erhören, die sich ihm zu Füßen geworfen haben, was Batory übrigens äußerst ungern thut, gezwungen, brummend, mit sehr wenig Grazie. Und betrachten wir bei allem dem den riesigen Fleiß, mit dem jedes noch so geringfügig Erscheinende auf dieser kolossalen Leinwand gemalt ist, jedes Gewand mit seinem Stoffe, Pelz und Knöpfen, jede Verschnürung, jeder Stiefel, jede Waffe.«

»Und doch müssen Sie mir zugeben, lieber Oberst, daß Pecht in seiner Besprechung dieses Bildes nicht unrecht hat, wenn er von ihm sagt, es sei fleckig und unruhig und von Harmonie und Stimmung kaum die Rede.«

»Zugestanden! warum sollen bei so glänzenden: Lichte nicht auch Schatten zu finden sein? und wenn wir tadeln wollen, so könnte man auch ein grell buntes Durcheinander bei dem polnischen Reichstage tadeln. Auch dort scheint, wie Pecht von diesem Bilde sagt, jedes Ding nur für sich da zu sein und der Schuh sich ebensowenig um die Hose, wie der Pelz um den Kopf zu bekümmern, aber jedes für sich ist wunderbar gemacht und alles zusammen wieder so gewaltig ergreifend, daß ich für meine Person nicht anders kann, als mit einem ehrfurchtsvollen Gruße zurückzutreten – aber wo ist denn Trieberg geblieben?« fragte Baron Breda alsdann, nachdem er sich umgewandt und den Gefährten vermißt, »hat er nicht mit uns den Mittelsaal verlassen?«

»O ja, er war ja noch soeben bei uns, wer weiß, welches Bild, welche gemalte oder lebende Schönheit ihn an- und von uns abgezogen.«

Unter diesen Worten gingen sie zurück und hatten sich bis auf wenige Schritte der breiten Mittelthür des großen Saales genähert, als man den Vermißten in der Mitte des weiten Raumes stehen sah, offenbar mit großem Interesse etwas betrachtend; doch wandte er jetzt den Blick zur Seite und als er der Freunde ansichtig wurde, eilte er ihnen sichtbar mit erregten Blicken entgegen, wobei er, nahe gekommen, mit einem eigentümlichen Lächeln sagte: »Halten Sie mich nicht für kindisch, wenn ich Sie allen Ernstes versichere, daß dort im großen Saale eines der Bilder aus ihrem Rahmen herabgestiegen ist und, allerdings in anderer Kleidung, unter uns gewöhnlichen Sterblichen herumwandelt.«

»Das ist so undeutlich, lieber Trieberg,« meinte der Oberst, »wie es häufig Ihre Citate sind.«

»Und doch habe ich nur aus Respekt vor ihnen gerade in diesem Augenblicke eines unterdrückt, was vielleicht meine Worte verdeutlicht hätte:

›Sie kann ihr Haupt auch unterm Arme tragen,
Denn Perseus hat's ihr abgeschlagen.‹«

»Ah, er spielt auf das ergreifende Bild von Max an, jenes unheimliche Gretchen im weißen Gewand, mit den gespensterhaften Augen, wie es die Rechte an den Hals legt, um die klaffende Wunde zuzudrücken, die ihr das Schwert des Nachrichters geschlagen.«

»Ja, ja, so ist es,« bestätigte Trieberg mit großer Lebhaftigkeit, »darauf spiele ich allerdings an und wiederhole es: dieses Gretchen oder vielmehr eine ganz ähnliche gespensterhafte Erscheinung wandelt dort im Saale umher.«

»Ah, Trieberg, Sie sind in der That kindisch –«

»Wandelt dort umher, ihr sollt es sogleich mit eigenen Augen sehen.«

»Mit klaffender Halswunde im langen weißen Gewande?«

»Nein, weder mit dem einen noch mit dem andern.«

»Sondern? –«

»In Aschgrau.«

»Da haben wir die ganze Geschichte, die schöne aschgraue Dame spukt ihm so im Kopfe und er hat sich so in ihre allerdings seltsamen Augen vertieft, daß er jetzt sogar eine Ähnlichkeit mit Gretchen herausfindet, deren gespensterhafte Blicke uns allerdings überallhin verfolgen.«

»So kommt – seht und schaudert!«

Während sie die paar Schritte bis zum Mittelsalon zurücklegten, sagte Baron Breda mehr zu sich selbst als zu den anderen, wobei er ernster als gewöhnlich erschien:

»›Fürwahr es sind die Augen eines Toten,
Die eine liebende Hand nicht schloß!‹«

– – und fügte er aufblickend hinzu: »Nun wollen wir aber sehen, welchen Streich die Phantasie des guten Trieberg ihm wieder einmal gespielt hat.«

In dem großen Mittelsaale befanden sich viele Beschauer, doch waren die weiten Räume desselben durchaus nicht angefüllt und nur vor den Hauptbildern oder den Bildern von großem Ruf hatten sich jene Gruppen gebildet, die man dort zu den Tageszeiten der eleganten Welt immer bemerken kann: Damen in gewählten Toiletten aus den Sofas vor den betreffenden Gemälden mit bewaffneten und unbewaffneten Augen, entzückt, ergriffen oder auch vielleicht gleichgültig gelassen, hier gänzlich dem eigenen Urteil vertrauend, dort den Erklärungen des Begleiters lauschend, der diese Erklärung vielleicht belehrend im trockenen Tone gibt oder sie auch wohl, mit Anspielungen versehen, der leicht Errötenden zuflüstert.

Im allgemeinen ist hier immer viel elegante Welt, wie man das zu nennen pflegt, zu finden, und reiche Toiletten, die in der Industriehalle, noch mehr im Maschinenraum, ja selbst im Parke mehr oder minder verschwinden, kommen hier schon besser zur Geltung. Dazwischen bemerkt man aber auch Reisende, die eben erst angekommen zu sein scheinen und sich beeilt haben, die reichen Kunstsammlungen aufzusuchen, häufig noch mit dem Plaid auf der Schulter und das Etuis des Opernglases umgehängt, eifrig betrachtend oder suchend, aber nicht immer findend, denn zu Anfang der Weltausstellung war nichts von einem Katalog der Kunstsammlungen vorhanden, und auch heute noch ist die Nummerierung ziemlich mangelhaft. Schade drum, denn es sind hier in Wahrheit großartige Schätze zusammengekommen, und was die Säle anbelangt, in denen sie aufgestellt sind, so ist das Licht vortrefflich, der Raum genügend, so daß die Zirkulation nie erschwert wird; und auch sonst ist an Einrichtungen, an guter Ventilation, an eleganten Barrieren vor den Bildern, an bequemen Sitzgelegenheiten ziemlich alles geschehen, was geschehen konnte, um die der Kunst geweihten Hallen nicht nur zu einem interessanten und lehrreichen, sondern auch zu einem behaglichen Aufenthalte zu machen.

Wie schon oben bemerkt, sind es auch hier einzelne Bilder, vor denen die Beschauer mit Vorliebe verweilen, so vor Pilotys Triumphzug des Germanikus, vor der wundervollen Schafherde von Troyon, vor Cabanels Deckengemälde, Canons Loge St. Johannis und dem großartigen, wenngleich widerwärtigen Engelssturz von Wiertz.

Wir sprechen hier vom großen Haufen, der in seiner häufigen Unkenntnis des echten Schönen an Bildern vorübergeht, die sich weder durch die Quadratmeterzahl ihrer Leinwand, noch durch grelle Farben oder durch grausame und wollüstige Tendenzen bemerkbar machen: sehr angenehm für den Kenner, dem dadurch der Raum vor Kunstwerken frei wird, die zu den Perlen der Ausstellung gehören. Stehen wir doch zuweilen ganz allein vor der wundervollen Landschaft Rousseaus, einer weiten Ebene in brennender Mittagsglut mit einem einzigen prachtvoll gemalten schattenspendenden Baume, vor den reizenden humoristischen Bildern Grützners, vor den liebenswürdigen Dorfgeschichten Defreggers, ja selbst vor den weithin leuchtenden, ergreifenden Bildern von Max, die uns aus der Ecke zwischen Canon und Wiertz entgegentreten und oft deswegen von der gaffenden Menge vernachlässigt werden, weil sie nach den wilden Gestalten und ringelnden Ungetümen, unter Blitz, Rauch und Flammen des Engelsturzes keinen Sinn mehr hat für die rührende poetische Gestalt jener Märtyrerin, die, eine Blinde, als Spenderin des ewigen Lichtes uns so tief ergreift, – oder für jenes andere Bild von Max: ein junges schönes Mädchen, selbst eine liebliche Blüte, unter Frühlingsblumen und Blüten im Grünen ruhend, – oder für Gretchens gespenstige Erscheinung, die aus tiefem Dunkel auftaucht im weißen Totenhemde, die rechte Hand an den Hals legend, um den dünnen roten Streifen, sowie das tropfende Blut des abgehauenen Kopfes zu verbergen, so ergreifend und dabei so unheimlich, daß man diese starren, leblosen und doch wieder so ausdrucksvollen Augen nicht leicht wieder vergessen kann.

Dahin führte Baron Trieberg seine Freunde, und als sie durch die Mittelthür in den großen Saal traten, Baron Breda voran, blieb dieser einen Augenblick betroffen stehen, ja er flüsterte gegen Wölter, der ihm dicht gefolgt war, zurück: »Das ist allerdings seltsam.«

»Nicht wahr,« fragte Trieberg mit kaum vernehmlicher Stimme, »das ist eine Ähnlichkeit, wie ihr nie etwas gesehen?«

»Ja – ja, aber sie liegt allein in dem unerklärlich starren Ausdruck des Auges, vielleicht auch in den bleichen Zügen,« entgegnete der Oberst, – »der Schnitt des Gesichtes ist ein anderer –«

»Weit edler, ich muß gestehen, weit anziehender,« gab der Rittmeister zur Antwort, »und selbst die Blicke, so unheimlich sie denen des toten Gretchens ähnlich sehen, haben durchaus nichts Abstoßendes.«

.

»Gewiß nicht,« hauchte Trieberg, »eher etwas Anziehendes, für mich wenigstens, und wenn es selbst eine dämonische Kraft wäre, die mich gefesselt hält, so läßt es mich doch nicht aus der Nähe dieses seltsamen Wesens entfliehen.«

»So wollen wir unbefangen näher treten,« entschied der Oberst, »wir haben ja das Recht dazu; nur bitte ich, lieber Trieberg,« setzte er mit einem kurzen Lächeln hinzu, »den Zug Ihres Herzens zu mäßigen.«

Die Dame in Aschgrau saß auf einem Rollstuhle und zwar so, daß sie das Bild der Kaiserin von Österreich, von Winterhalter gemalt, hinter sich hatte, weshalb es möglich war, ihre Gesichtszüge mit denen des neben ihr befindlichen Gretchens zu vergleichen, auch ohne sie indiskreterweise zu betrachten. Und der Rittmeister hatte recht gehabt, die Züge waren feiner, edler, geistiger, wogegen ihre dunkeln samtartigen Augen eine beinahe erschreckende Ähnlichkeit mit jener gespenstigen Erscheinung hatten; obgleich auf eine unbeschreibliche Art, wie von innen heraus leuchtend, hatten sie doch etwas Totes, Starres und Leeres, belebten sich auch durchaus nicht, wenn sie, – was einigemal geschah, ihre feinen Lippen bewegte, als frage sie den alten Herrn an ihrer Seite nach diesem oder jenem Bilde. Doch drang dabei kein Ton aus ihrem Munde, und da sie zu gleicher Zeit jedesmal ihre rechte Hand erhob, um mit dem grauseidenen Sonnenschirmchen hierhin oder dorthin zu zeigen, so schien es, als sei jene Lippenbewegung nur eine unwillkürliche und nichts bedeutende Beigabe zu dieser Pantomime. Die Freunde, besonders Trieberg, hatten sich jetzt, die Bilder betrachtend, ohne Aufsehen zu erregen, so weit genähert, daß sie wenigstens den Laut der leisesten Worte hätten hören müssen, indes schien der alte Herr die Frage, welche in jeder noch so leichten Bewegung ihrer Hand lag, zu verstehen, da er nie mit einer Antwort oder Erklärung zu zögern schien, und zwar stets, indem er sich hinabbeugte und der jungen Dame ins Ohr sprach.

Sie war heute sehr einfach wie immer in aschgrauer Farbe gekleidet und ihr Gewand von feinem Wollenstoff durch nichts ausgezeichnet, als durch zahlreiche Knöpfe von mattem oxydiertem Silber.

»Schau dir nur einmal diese Füßchen an,« flüsterte Trieberg dem Rittmeister zu, »hast du je etwas Zierlicheres gesehen? ich nicht – sollte man sie nicht für die eines zehnjährigen Kindes halten?«

»Nun, ein paar Jahre kannst du schon zugeben und sie wären allerdings auch dann noch auffallend klein und wohlgeformt, – aber sage mir, Diplomat, der du dich stets einer so großen Menschenkenntnis rühmst, wofür hältst du den alten Herrn?«

»Mit dieser Frage habe auch ich mich schon beschäftigt und will dir aufrichtig gestehen, daß sie schwer zu beantworten ist. Dem Äußern nach haben wir es mit einem vornehmen Manne, mit einem Gentleman zu thun: so erscheint er in seinen Bewegungen, in der Art, wie er spricht, ja in seinem ruhigen Lächeln, wobei mich aber eines mißtrauisch macht, das ist die gar zu devote, ja unterwürfige Art, mit der er sich jedesmal der jungen Dame nähert, mit ihr spricht oder ihre Befehle einholt, ehe er den Rollstuhlmann anweist, weiter zu fahren.«

»Was denken Sie darüber, Baron Breda?«

»Was Wölter eben sagte, habe auch ich schon bemerkt, möchte aber den alten Herrn doch für keine dienende Person oder so etwas halten, – könnte er nicht der Gemahl jener schönen und jungen Dame sein, der durch die zarteste Sorgfalt, durch ein wahrhaft unterwürfiges Entgegenkommen den allerdings sehr starken Unterschied der Jahre auszugleichen strebt?«

»A–a–a–a–h!« ließ sich Trieberg in einem mißbilligenden Tone vernehmen, »wie kann man nur auf diesen Gedanken kommen, bester Oberst! – Zugestanden, daß es dergleichen Mißverhältnisse #gibt, so ist doch das Benehmen jenes alten Herrn weit entfernt von der zärtlichen Vertraulichkeit, die man in jenen Jahren einem so reizenden Wesen gegenüber auch öffentlich gerne zur Schau trägt; und dann sehen Sie diese Augen an, lieber Oberst!«

»Ich habe das schon zur Genüge gethan.«

»Gut, so werden Sie mir zugeben, daß in denselben jene ungedämpfte Glut leuchtet, jener frische ungebrochene Schimmer, der – – wie soll ich mich gleich ausdrücken –«

»Der eine Ähnlichkeit hat, wollen Sie sagen, mit dem samtartigen Hauche der ungebrochenen Pflaume.«

»Bei Gott, der richtigste Vergleich! und ich danke Ihnen dafür, Baron Breda, aber sagen Sie selbst, erscheint Ihnen nicht auch gerade so jenes reizende Wesen? – Wahrhaftig,« fuhr er, die junge schöne Dame mit einem heißen Blicke betrachtend, fort, »sie hat mir's angethan und wenn sie selbst etwas von jenem gespenstigen Gretchen hätte, ich würde mich ihr unbedingt auf Gnade und Ungnade übergeben.«

Dies leise Gespräch hatten die drei Freunde miteinander geführt, während sie vor dem Bilde der blinden Märtyrerin von Max standen und gerade so thaten, als tauschten sie darüber ihre Ansichten aus; und schon wollte sich Baron Breda nach einem andern Teile des Saales begeben, als ihn Trieberg leicht am Handgelenk faßte und durch einen leisen Druck noch zu bleiben bat, da er hinter sich das sanfte, rollende Geräusch des kleinen Wagens hörte, der sich ihnen näherte, ja so auffallend näherte, daß sie gleich darauf ohne jedes Aufsehen zur Seite treten konnten, Trieberg mit einer leichten Verbeugung gegen die junge Dame, da dieselbe ihren Rollsessel gegenüber dem Maxschen Bilde halten ließ.

Sie dankte mit einer kaum bemerkbaren Neigung des Kopfes, die aber noch schwächer hätte sein müssen, um von dem jungen Diplomaten nicht bemerkt zu werden, wobei es ihm ein eigentümliches Gefühl erregte, als ihre dunkeln, jetzt düster erscheinenden Blicke die seinigen rasch vorübergehend streiften. Dann zeigte sie mit der Spitze des Sonnenschirmchens gegen das Bild, worauf der alte Herr die Achsel zuckte und sich wieder gegen sie hinabbeugend ihr etwas zuflüsterte. Doch schien dies keinen angenehmen Eindruck auf sie hervorzubringen, denn sie bewegte unmutig den Kopf, und als ihr Begleiter hierauf eine Handbewegung gegen das riesige Bild von Wiertz machte, preßte sie ihre feinen Lippen aufeinander und veränderte rasch und energisch die Lage ihrer zierlichen Füßchen auf dem Trittbrett des Rollsessels.

Wie hätte Baron Trieberg, der sogleich einsah, daß es sich hier um eine Frage handle, auf die der alte Herr keine genügende Antwort zu geben vermochte, eine so schöne Gelegenheit vorübergehen lassen sollen, sich durch gefällige Auskunft der schönen Unbekannten zu nähern. Er wollte sich auch damit direkt an die junge Dame selbst wenden, doch näherte sich deren Begleiter sogleich und so auffallend, daß er nicht anders konnte, als an diesen die Worte richten, und zwar nach Diplomatenbrauch in französischer Sprache: »Erlauben Sie mir, mein Herr, Ihnen dieses Bild zu erklären, da es mir scheint, Madame wünsche die Bedeutung desselben zu erfahren.«

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Der alte Herr warf einen fragenden Blick auf die junge Dame, den diese mit einer leichten Neigung des Kopfes erwiderte, worauf er dann in gewählten und mitunter poetisch klingenden Worten die blinde Märtyrerin als solche bezeichnete, ja auf die Spuren aufmerksam machte, welche vielleicht die Krallen wilder Tiere, denen sie vorgeworfen worden, zurückgelassen, auch den tief poetischen Gedanken des Malers hervorhob, die Blinde als Spenderin des ewigen Lichtes darzustellen, was er in so meisterhafter, zarter und edler Ausführung gethan; gern hätte Baron Trieberg auch noch in schwunghafter Weise beigefügt:

»O, eine edle Himmelsgabe ist
Das Licht des Auges – Alle Wesen leben
Vom Lichte, jedes glückliche Geschöpf –
Die Pflanze selbst kehrt freudig sich zum Licht,«

doch wußte er das trotz seiner Gewandtheit in der französischen Sprache nicht gehörig wiederzugeben, weshalb er, einmal durch diesen glücklichen Zufall zum Cicerone angenommen – so glaubte er wenigstens – auf das nächste Bild übergehen wollte, wobei er begreiflicherweise nicht bemerkt hatte, daß seine beiden Freunde, die zuerst achtungsvoll zurückgetreten waren, jetzt ihren Rundgang durch den Mittelsaal ohne ihn fortsetzten.

Und wenn er es auch bemerkt hätte, er wäre ihnen doch nicht sogleich gefolgt, denn die schöne Unbekannte hatte ihm, nachdem ihr der alte Herr, was ihm allerdings höchst seltsam erschien, seine Erklärung leise flüsternd mitgeteilt, durch ein freundliches Kopfnicken gedankt, wobei sich ihre feinen Lippen leicht bewegten und etwas in ihren starren, dunkeln Blicken erschien, gerade so, wie ein plötzlicher Lichtfunke hinter schwarzem Glase, der aber ebenso rasch wieder erlischt.

Doch fühlte sich Baron Trieberg durch diese plötzliche und eigentümliche Belebung ihrer Augen so angeregt und ermutigt, daß er sich jetzt direkt mit der Frage an sie wandte, ob sie nicht freundlich seine Dienste an der Stelle des leider immer noch fehlenden Kataloges annehmen wolle.

Auf diese Frage hin blickte sie ihn nicht gerade unfreundlich an, ja um ihre Lippen erschien etwas von jenem reizenden Lächeln, für das selbst der kühle und trockene Wölter geschwärmt, wogegen der Ausdruck ihrer Augen kalt und leer blieb, wie uns jemand anschaut, der unsere Frage gar nicht oder nur mangelhaft verstanden hat.

Vollkommen aber schien sie der alte Herr nicht nur verstanden, sondern auch mit allen ihren Hinterhalten begriffen zu haben, welches Begreifen übrigens keineswegs einen angenehmen Eindruck auf ihn hervorbrachte, denn seine Züge, die bis jetzt eine allerdings sehr gleichgültige Freundlichkeit gezeigt, verfinsterten sich mit einemmale fast drohend, und die weichen, schlaffen Linien seines Gesichts nahmen plötzlich einen so strammen, energischen Ausdruck an, daß ihn Trieberg aufs höchste überrascht anschaute und sich nicht zu verhehlen vermochte, daß aus diesen Zügen nicht mehr der Gentleman hervorleuchtete, sondern vielmehr ein trockenes Geschäftsgesicht, dessen Geschäfte obendrein nicht immer angenehmer oder auch nur höflicher Art waren. Ja im finstern Blick der Augen, in dem gemein vorgedrückten Kinn erschien etwas von einer ganz gewöhnlichen Bedientenseele, und wenn das Französisch, das er sprach, auch nicht gerade mangelhaft zu nennen war, so hatte doch der Ton feiner Stimme etwas Polterndes und Gewöhnliches, als er, dem jungen Manne ziemlich nahe tretend, sagte: »Ersparen Sie sich die Mühe, mit Madame zu reden – Madame versteht nur Türkisch.«

Im höchsten Grade überrascht, wie Trieberg durch diese eigentümliche Auskunft war, wollte er einen ihm leider geläufigen, aber in guter Gesellschaft nicht gebräuchlichen Ausruf anwenden, nämlich: »der Teufe! auch«, sagte aber statt dessen in leicht begreiflicher Gedankenverbindung: »Allah Kerim«, die türkische Uebersetzung von »Gott ist groß oder barmherzig«, ein Ausdruck der Ver- oder Bewunderung; und da er im gleichen Moment seine erregten Blicke gegen die junge Dame wandte, so schien sie jene Worte als eine Huldigung anzusehen, welche, statt sie zu verletzen, nicht nur ein zweites, noch reizenderes Lächeln um ihre Lippen zauberte, sondern sie auch vielleicht veranlaßte, ihren alten närrischen Begleiter hastig zu sich herzuwinken.

Er leistete auch diesem Befehle augenblicklich und in demütigster Art Folge, wobei der gehässige Ausdruck seiner Züge plötzlich verschwand und selbst dann nicht wieder erschien, als er, nachdem er einige leise Worte mit der schönen Dame gewechselt, sich dem jungen Manne wieder nähernd in gerade nicht unfreundlichem Tone sagte: »Madame, welche gerade im Begriff ist, die Ausstellung zu verlassen, dankt bestens für Ihr freundliches Anerbieten.«

Daß sie in der That befohlen, Freundliches an ihn auszurichten, sah er an ihrem wohlwollenden Blick, sowie an der Handbewegung, mit der sie seinen ehrfurchtsvollen Gruß erwiderte. Gern hätte er diesen Gruß jetzt gleich schon bei ihr selbst auf Zinsen angelegt und die schöne junge Dame, die von allen Seiten mit hoher Bewunderung betrachtet wurde, wenigstens bis zum Ausgange der Kunsthalle begleitet, doch fühlte er wohl, wie fade sich eine solch stumme Begleitung machen würde, die selbst nicht einmal durch Blicke zu beleben war, da sie, nachdem sie sich von ihm abgewandt, den grauen Schleier von ihrem Hütchen gelöst und sich um ihr Gesicht gewickelt hatte. Auch hatte der alte Mann, trotzdem er sich mit einer grinsenden Freundlichkeit von ihm verabschiedet, einen nicht gerade behaglichen Eindruck auf Trieberg zurückgelassen und konnte dieser nicht den Grimm vergessen, der so plötzlich in den harten Zügen und den funkelnden Augen des Alten, eigentlich ohne alle vernünftige Veranlassung erschienen war: – ja er glaubte, er habe vorhin, während er sprach, einen raschen Griff an den Bauch gethan, wo die Orientalen im vielfach umgewickelten Gürtel Dolch und Pistolen zu verwahren pflegen; trotzdem aber mochte er es nicht unterlassen, dem Rollsessel in einer kleinen Entfernung zu folgen, wobei ihm die glückliche Idee kam, sich die Nummer des betreffenden Kommissionärs zu merken, um vielleicht von diesem irgend etwas zu erfahren. So zogen sie hintereinander durch die Kunsthallen dahin bis zum südlichen Ausgang, wo sich die Skulpturen befanden, und hier verließ die Dame den Rollsessel mit einer zierlichen Leichtigkeit und sprang eben so graziös als gewandt die Stufen hinab, langsamer gefolgt von dem alten Mann und unten empfangen von einem Diener in vornehm einfacher Livree.

Ja in einer Livree, wie man sie häufig in den Straßen Wiens sieht, zu der aber das eigentümliche Gesicht des Dieners durchaus nicht paßte. So dachte Trieberg, der sich hinter der Reiterstatue des Marschalls Pelissier verborgen hielt, denn jenes Gesicht hatte einen stark gebräunten Teint, schwarze, funkelnde Augen und erschien dem jungen Diplomaten hier im Geleite der jungen Dame, die nur türkisch sprach, und des alten Mannes, der so verdächtige Griffe nach allerdings im jetzigen Augenblicke nicht vorhandenen Dolchen that, wie jener blutdürstige Usbeck aus der Oper: »Der Maurer und der Schlosser«, die er noch vor wenigen Tagen gehört. –

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Wahrhaftig, er selbst, Trieberg, streifte an eine höchst romanhafte Geschichte, die Ähnlichkeit hatte mit der des jungen Offiziers aus jener Oper, und wer konnte wissen, ob er nicht hier am Ende gar einem delikaten Haremsgeheimnis nahe getreten war?« –

Doch erregte ihm dieser Gedanke einesteils eine unangenehme Empfindung, wenn es auch andernteils pikant gewesen wäre, die Bekanntschaft einer echten Türkin zu machen.

Daß er es hier mit nichts Gewöhnlichem oder gar Zweideutigem zu thun habe, darüber beruhigte ihn seine Menschenkenntnis in dieser Richtung und er würde sich glücklich geschätzt haben, wenn er ebenso klar gewesen wäre über das Verhältnis des Alten zu der jungen Dame.

Da ging sie hin, so leicht, so schwebend in ihrer wundervollen Gestalt, vielleicht etwas zu schwebend nach unseren europäischen Begriffen, während junge Orientalinnen häufig unsere Sinne verwirren durch jenen sylphidenartigen Gang, der freilich in späteren Jahren leicht etwas Watscheliges annimmt.

»Schrecklich!« dachte Trieberg, indem er ihr mit einem innigen Blicke nachschaute, »wenn dieses junge, frische, herrliche Wesen, vielleicht in einigen Jahren gleichfalls scheußlich in einen weißen Schleier und weiten, flattrigen, blauen Überwurf vermummt, durch die Straßen oder den Besestan von Stambul watschelte – – – – wäre es nicht Christenpflicht, das zu verhüten?«

Der alte Mann hielt sich immer ehrfurchtsvoll einen Schritt rückwärts von der jungen Dame und dann folgte in einem größern Abstand der Diener Usbeck, der im Gehen ein paarmal seine Arme über die Brust kreuzte, wie es auch jener in der Oper häufig zu thun pflegte; zuletzt kam der Kommissionär mit dem leeren Rollsessel. Dann verschwanden alle drei unter dem triumphbogenartigen Backsteinthor der Wienerberger Ziegelfabrik-Gesellschaft, vielleicht um drüben über dem Kriauwasser den dort befindlichen Ausstellungsbauernhäusern einen Besuch zu machen.

Gern wäre ihnen Trieberg gefolgt, sei es auch nur um den Rollsesselmann auszuforschen; doch wußte er aus Erfahrung, wie leicht bei den ersten Anfängen einer solchen Bekanntschaft auch nur der leiseste Schein von Zudringlichkeit gefährlich werden kann, weshalb er sich seufzend abwandte und die Freunde wieder aufzusuchen beschloß.

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Glücklicherweise blieb er aber noch einen Augenblick stehen vor den beiden, sowohl in ihrer Auffassung als im Kontraste zu einander so höchst merkwürdigen, wenn auch durchaus nicht angenehm erscheinenden Kaiserstatuen: Napoleon, wie vernichtet in seinem Sessel zusammengesunken, mit über die düster gefurchte Stirn zerstreutem Haar, die Enden des Bartes schlaff herabhängend – eine gänzlich zerrüttete und gebrochene Gestalt – mit der bedeutsamen Unterschrift »Chislehurst« und dicht daneben Nero in Weibertracht als Komödiant, tanzend und singend, wobei ein hetärenartiges Lächeln über die weibisch erscheinenden Züge fliegt, während er die fette Hand, mit kostbaren Ringen geschmückt, emporhebt; – denn eben als Trieberg wieder in das Gebäude treten wollte, sah er den Mann mit dem Rollsessel unter dem Backsteinthor wieder erscheinen und sich langsam nähern.

Ein Wink des jungen Mannes beschleunigte seine Schritte und als er ganz nahe war, ging ihm Trieberg die Stufen hinab mit der Frage entgegen: »Haben Sie einen Augenblick Zeit?«

»O ja, Euer Gnaden, Stunden, wenn Sie es wünschen, wollen Sie einsteigen?«

»Darum handelt es sich gerade nicht, doch möchte ich eine Frage an Sie richten, deren richtige Beantwortung Ihnen mehr eintragen soll, als wenn Sie mich mühsam durch die Weltausstellung fahren müßten.«

Der Rollsesselmann schmunzelte und mochte sich den Inhalt der Frage wohl denken, denn kaum hatte ihm der junge Mann gesagt: »Sie führten soeben eine Dame –« als jener rasch erwiderte: »Ja schauen's, Euer Gnaden, nach der bin ich schon häufig gefragt worden, werde aber auch Ihnen keine genügende Auskunft geben können, weiß nur so viel, daß sie beinahe an jedem Guldentag in die Ausstellung kommt, wo ich sie bei gutem Wetter am Südportal – bei Regen am Westportal erwarten und mit ihr herumziehen muß, auch wenn sie meinen Rollsessel, wie häufig geschieht, gar nicht benutzt.«

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»Sonst wissen Sie nichts?«

»Etwas noch, Euer Gnaden,« gab der Kommissionär mit seinem pfiffigsten Lächeln zur Antwort, welches sich aber sogleich, als ihm Trieberg ein paar Guldenscheine in die Hand steckte, in eine dankbare Verbeugung verwandelte, unter welcher er sagte: »Die gnädige Herrschaft, die ich so glücklich bin, nun schon seit drei Wochen bedienen zu dürfen, wohnt im Hotel Imperial.«

»Und heißt?« fragte Baron Trieberg rasch.

»Ja, Euer Gnaden, dös weiß ich auf mein Ehrenwort nöt, aber das zu erfahren, sollte einem jungen Kavalier, wie Euer Gnaden sind, doch nicht schwer werden.«

Er hatte das im Tone leisen Vorwurfs gesagt, weshalb Trieberg, sich seiner Frage ein wenig schämend, ihm rasch mit der Hand winkte, dann die Treppen hinauf eilte und die Kunsthalle wieder betrat.

In allem genommen konnte er mit seiner angewandten Zeit und dem Resultat seiner Forschungen sehr zufrieden sein; wußte er doch, was die Dame sei, wo sie wohne, und hatte er sich doch eines Blickes, eines Lächelns, einer Handbewegung zu erfreuen gehabt, die ihm noch jetzt, wenn er daran dachte, das Herz schneller schlagen machte. Kein Wunder also, wenn er mit erhobenem Haupte durch die Säle schritt und dabei mit einem angenehmen Lächeln nach den Freunden spähte, die er denn auch bald in den kleinen Nebengelassen fand, wo jene Meisterwerke der deutschen und österreichischen Kunst in kleinerem Format aufgestellt sind: die herrlichen Bilder von Knaus und den Achenbachs, von Liers, Schleich, von Gude, Vautier, Flamm und andern.

Baron Breda und Wölter hatten gerade jenes unvergleichlich schöne Bildchen von Knaus, »Der Bettelknabe«, der mit so unbeschreiblichem Behagen die gestohlenen Rüben ißt, verlassen und standen vor dem glutvollen Bilde Oswald Achenbachs »Der Vesuv«, vom campo santo Neapels aus gesehen, mit seiner ergreifenden Wirkung und unübertrefflichen Wahrheit, als sich Trieberg leise näherte, und um sich in seiner Individualität zu erkennen zu geben, lustig sagte:

»Und schnell war ihre Spur verschwunden.
Sobald das Mädchen Abschied nahm.«

Der Oberst wandte sich rasch um, schaute Trieberg mit seinem durchdringenden Blicke an und entgegnete dann mit aufgehobenem Zeigefinger: »Junger diplomatischer Heuchler, Ihr Gesicht ist viel zu strahlend, als daß Ihr Citat hätte ein richtiges sein können.«

»Ja, ja, da haben Sie recht, Herr Oberst, Trieberg sieht gerade so aus, als müsse er der Wahrheit gemäß vielleicht deklamieren:

›Leise zieht durch mein Gemüt
Liebliches Geläute‹

– nun, ich gratuliere.«

»So weit sind wir noch lange nicht,« lachte Trieberg, »doch will ich allenfalls gestehen, daß ich einem kleinen Frühlingsliede gerne den Auftrag gäbe, jene schöne Rose zu grüßen, und daß ich glücklich wäre, wenn sie jenen Gruß freundlich annähme.«

»Jedenfalls aber hast du schon in Erfahrung gebracht, wo das Haus liegt, um welches die Veilchen sprießen?«

»Und wenn ich es wüßte, würdet ihr von mir verlangen, daß ich euch mitteile, wo es liegt?«

»Ich nicht – wahrlich nein,« erwiderte der Oberst, »ich kann nun einmal die unheimliche Ähnlichkeit nicht los werden, die sie mit jenem Bilde hat, und bin überzeugt, daß mich die gespenstigen Augen sogar in einer süßen Stunde abschrecken würden.«

»Wogegen ich Sie versichern kann, verehrter Freund, daß sobald sich jenes Auge durch Sprechen, durch das reizende Lächeln der Lippen, oder durch irgend ein Gefühl belebt, es durchaus nichts Unheimliches mehr hat, sondern etwas unbeschreiblich Anziehendes und Sinnbethörendes.«

»Da haben wir die Bescherung, er hat sie schon gesprochen, sie hat ihn durch ihr Lächeln beglückt, er hat Gefühl bei ihr entdeckt und ist ganz sinnbethört, da er bereits weiß, wo sie wohnt.«

»Etwas davon ist allerdings wahr,« gab Trieberg mit einem selbstzufriedenen Kopfnicken zur Antwort, »doch bin ich viel zu wahrheitsliebend, um mich zu rühmen, ich hätte die schöne junge Dame gesprochen; es war das eine Unmöglichkeit, denn – – sie spricht nur türkisch.«

»Ah, Trieberg, nun höre auf mit deinen Märchen!«

.»Nur türkisch, lieber Freund, so versicherte mich wenigstens der alte Herr, der sie begleitet – ein charmanter, liebenswürdiger, freundlicher Mann – und sie selbst hat das durch ein allerliebstes Kopfnicken bestätigt.«

»Höre, Trieberg,« sagte der Rittmeister nach einer kleinen Pause, während sie langsam dem Eingange zuschritten, denn der Oberst hatte erklärt, nach der Stadt zurückkehren zu müssen, »wenn das wahr ist, und ich zweifle nicht im geringsten daran, so wäre es das Klügste von dir, mich vollständig ins Vertrauen zu ziehen und meine Hilfe zu erbitten, denn du weißt, daß ich damals, als ich unten in Siebenbürgen auf Mappirung war, das Türkische ziemlich gründlich erlernte.«

»Das weiß ich allerdings,« erwiderte der junge Diplomat, ihn heiter anschauend, »aber es ist das eine ganz eigentümliche Geschichte und ich kann dir versichern, ich habe selbst erlebt, daß jemand eine unendlich lächerliche Rolle spielte, der mit einem breiten, süßen Lächeln dabei stand, als ihm sein Freund als Dolmetscher diente, und obendrein noch, was ich begreiflicherweise bei dir nicht voraussetzen würde, als gewissenloser, verräterischer Dragoman, der statt für jenen, für sich selber sprach.«

»Na, ich hoffe, daß du mich zu so etwas nicht fähig hältst.«

»Das brauchst du nicht zu hoffen, sondern du wirst davon überzeugt sein, da ich es dir eben auf's Bündigste erklärte, – nimm also meinen Dank und sei versichert, daß ich mir erlauben werde, in schwierigen Fällen um deinen Rat zu bitten.«

»Unrecht hat er gerade nicht,« meinte der Oberst, als er sich am Westportal verabschiedete, um direkt nach Hause zu fahren, während Wölter noch ein paar jener artigen Riesenkanonen besichtigen wollte, wie sie Krupp in seinem Pavillon so übersichtlich aufgestellt – in Wahrheit übersichtlich, da sich das gewöhnliche Publikum begnügen muß, sie von einer erhöhten Galerie aus zu betrachten.

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»Gehst du mit?« fragte der Rittmeister seinen Freund; doch zog dieser es vor – so sagte er wenigstens – noch einmal durch die orientalischen Abteilungen zu wandern, um sich – besonders in der Türkei, das fest einzuprägen, was ihm Wölter vorhin erklärt.

»Siehst du,« sagte dieser, als sie Abschied nahmen, »was du bei deiner Sehnsucht nach dem Orient für wundervolle Chancen hast; denn wenn es dir auch allenfalls durch die Ministerin und ihre Komtessen nicht gelänge, so wäre es ja möglich, daß deine schöne Unbekannte die Tochter des Großveziers selber ist, der in diesem Falle nicht ermangeln wird, dich persönlich zur Gesandtschaft zu erbitten.«

»Ja, ja, bei Gott ist alles möglich,« entgegnete Trieberg lachend, »und ich will versuchen, mein Glück einzufädeln – so behüt' dich Gott – kommst du zum Essen in die Stadt Frankfurt?«

»Wahrscheinlich – wenn ich aber nicht käme –«

»So hast du eine Abhaltung – verstanden – addio!«

»Tschau! –«

Damit trennten sie sich, und so gern Baron Trieberg auch sonst in Gesellschaft seiner beiden Freunde war, und besonders hier in der Weltausstellung mit ihnen, und für ihn auf so lehrreiche Art, umherzuflanieren liebte, so that es ihm doch jetzt wohl, allein zu sein, um sich noch einmal jeden Blick, jede Bewegung der schönen, seltsamen Unbekannten ins Gedächtnis zurückzurufen.

Das that er denn auch, während er durch das Westtransept schlenderte, und mußte sich gestehen, daß er, bei der Rotunde und dem Südportal angekommen, mit dem Fazit seiner Berechnungen nicht unzufrieden war.

Daß die schöne junge Dame einen mächtigen Eindruck auf sein Herz gemacht, stellte sich auch dabei heraus und machte ihm im Falle eines glücklichen Gelingens durchaus keinen Kummer, denn wie pikant erschien es nicht, wenn sich auf einmal das Gerücht verbreitete: da hat dieser Trieberg eine blendend schöne und kolossal reiche Orientalin gewonnen – vornehm? – ja wie kann man bei den eigentümlichen orientalischen Familienverhältnissen von Vornehmheit reden – aber aus gutem Hause? – natürlich, der Vater ist Großvezier – Obermufti – Kaimakan oder etwas dergleichen. –

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Vor dem Südportal zündete er sich eine Zigarre an und schritt durch die Elisabethavenue langsam dem Ausgange zu, wobei er dachte, es müßte doch ein eigener Genuß sein, hier mit einem so lieben, herrlichen Wesen zu spazieren, sie auf alle die Schönheiten aufmerksam zu machen, auf die herrlichen Gartenanlagen, die spritzenden Fontänen, auf jene zierlichen Terrakotten, Blumenbeete, allerliebsten Gartenmöbel: Dinge, die man sich für eine spätere Einrichtung merken muß, wie auch zum Beispiel dort die buntgestreiften, transportablen Schattendächer, hinter denen es sich so hübsch verborgen sitzen läßt, – oder hier die Ausstellung von Gartengerätschaften in so niedlicher Form, daß man deutlich sieht, wie sie nur bestimmt sind für eine schöne Gärtnerin, die ihre Arbeiten nie ohne Glacéhandschuhe besorgt; – auch wäre es recht lohnend, – dachte der Baron, mit ihr vor der hübschen Brunnenuhr stehen zu bleiben, die vom Strahle des klaren Duells getrieben wird, deren Zeiger ein Ausrufungszeichen darstellt, deren Ziffern aus Blumen bestehen, eine reizende Idee und wie zu verwerten, wenn wir im Anschauen verloren davor stehen, wenn ihre kleine Hand auf unserem Arme ruht, wenn ihre schönen Augen fragen: – »und wird auch unser Leben einer Blumenuhr gleichen?!« –

Ach, wer schon so weit wäre! –

Baron Trieberg hatte seinen unnumerierten Fiaker heute früh nach Hause geschickt, und behalf sich deshalb mit einem, der gerade vorüberfuhr, was ihm um so lieber war, da er diesem pfiffigen Wölter nicht traute und überzeugt war, derselbe würde bei nächster Gelegenheit die Frage nicht unterlassen, wohin sein Herr gestern, vorgestern, von der Weltausstellung gefahren sei.

Deshalb sagte er auch dem Fiaker in leisem Tone: »Hotel Imperial.«

Der Portier dieses neuen, prachtvoll eingerichteten Gasthofes im ehemaligen Palaste des Herzogs Philipp von Württemberg war früher in gleicher Eigenschaft im Kavalierkasino am Mehlmarkt gewesen und kannte den Baron Trieberg von so mancher vorteilhaften Seite, daß er, als dieser vorfuhr und seinen Kopf zum Wagenfenster herausstreckte, einigen Fremden Frag und Antwort schuldig blieb und selbst den Schlag öffnete, um dem jungen Diplomaten beim Aussteigen behilflich zu sein.

. Der Portier war ein tüchtig geschulter Angestellter des Hotels und noch ganz besonders darauf angewiesen, die jungen Herren des Kavalierkasinos seiner ganz besonderen Aufmerksamkeit zu würdigen, weshalb er sich denn auch mit der freundlichsten Miene nach den Befehlen des Herrn Baron von Trieberg erkundigte; – gerne hätte er gesagt, nach den Wünschen Seiner Exzellenz, doch wäre das eine gar zu grobe Anticipandoschmeichelei gewesen.

»Mein lieber Herr Holub,« gab der junge Diplomat mit seiner freundlichsten Miene zur Antwort, »ich hätte Sie im Vertrauen um etwas zu befragen, ich sehe aber, daß Sie gerade beschäftigt sind, und will deshalb einen Augenblick ins Lesezimmer gehen, bis Sie eine Minute für mich übrig haben.«

Euer Gnaden,« sagte der Portier, mit dem Daumen rückwärts auf die Fremden zeigend, »das kann warten, verlangen doch nichts als Auskünfte über Abfahrt von Eisenbahnen, was sie auf jedem Plakat nachlesen können, oder wollen Briefmarken, die ja fast in jedem Tabaktrafik zu haben sind.«

»Nein, nein, jeder nach der Reihe – lassen Sie mir nur das Lesezimmer zeigen, ich habe überhaupt, schon so viel von der eleganten und komfortablen Einrichtung des Hauses gehört, daß ich sehr begierig bin, es zu sehen, dann können Sie mir ja sagen lassen, wann Sie frei sind.«

»Wie Sie befehlen, Herr Baron!«

Dann rief der Portier mit lauter Stimme einen kleinen, dünnen Kellner an, der im schwarzen Frack, zierlich frisiert, in graziöser Haltung am Treppengeländer lehnte, und befahl ihm, den Herrn Botschaftsrat Baron von Trieberg nach dem Lesezimmer zu führen.

Übrigens dauerte es nicht lange, bis der Portier imstande war, die gewünschte Separataudienz zu erteilen, zu welchem Zweck er sich, um ungestört zu sein, in das beinahe ganz leere Lesezimmer begab, wo aber Baron Trieberg trotzdem die Vorsicht hatte, mit ihm in eine der tiefen Fensternischen zu treten, so daß sie, gedeckt von dem schwarzen Vorhänge, selbst vor neugierigen Augen sicher waren.

»Es handelt sich hier,« sagte der junge Diplomat in einem angenommenen gleichgültigen Tone, während er einen seiner Handschuhe wieder zuknöpfte – »es handelt sich da um eine Wette, die mit einem Bewohner – oder vielmehr mit einer Bewohnerin des Hotels zusammenhängt; – – glauben Sie ja nicht,« setzte er nach einer kleinen Pause hinzu, »daß es auf irgend welche indiskrete Nachforschung abgesehen ist, sondern es betrifft eine Frage, die ich mir auch allenfalls aus dem Fremdenbuche beantworten könnte.«

»Wogegen ich den Vorzug zu schätzen weiß,« entgegnete der höfliche und sehr gebildete Portier, »den mir der Herr Botschaftsrat dadurch vor dem Fremdenbuche geben, ein Beweis von Vertrauen, das ich gewiß bin zu verdienen.«

»Gut – ich danke Ihnen – es handelt sich also um eine Dame, die häufig in der Weltausstellung zu sehen ist und durch ihre Erscheinung einiges Aufsehen erregt.«

Der Portier machte ein so verständnisvolles Gesicht, wobei er unter einem kurzen Lächeln seine Augenlider etwas herabsinken ließ, daß Baron Trieberg zuversichtlich fortfuhr: »Da ich nun weiß, mein lieber Herr Holub, daß niemand den Gehalt der Gäste, ihr eigentliches Wesen, und was sie sind, nicht was sie vorstellen wollen, besser zu beurteilen versteht als Sie – ich habe darüber meine Erfahrungen vom Kavalierkasino her – so möchte ich um eine kleine Auskunft bitten – das heißt, soweit Sie solche geben wollen und können über jene Dame.«

»Die?« fragte der Portier mit einem pfiffigen Lächeln.

»Die in der Weltausstellung durch ihre äußere Erscheinung Aufsehen erregt, die hier im Hause wohnt, die –«

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»Ah, die stets in Aschgrau gekleidet ist.«

»Ganz recht, dieselbe; ich wußte, daß Sie mich erraten würden – wie schon früher gesagt, haben wir, ganz im Vertrauen bemerkt, eine kleine Wette eingegangen, das heißt über ihre Nationalität: Dem erschien sie wie eine Französin, jenem wie eine Italienerin, einem dritten sogar wie eine Griechin, und ein vierter, der lange im Orient war, behauptete, sie habe ganz die Gesichtsbildung einer vornehmen türkischen Dame.« –

Der Portier hatte ruhig und ehrerbietig den Worten des jungen Diplomaten gelauscht, dabei ein wenig gelächelt, ein wenig den Kopf geschüttelt, ein wenig mit den Achseln gezuckt und sagte nun: »So schätzbar mir das Vertrauen des Herrn Botschaftsrats ist, so bin ich doch leider nicht imstande, darüber eine genügende Auskunft zu geben, bitte aber, nicht zu glauben, ich wolle mich damit den geringen Diensten entziehen, die ich Euer Gnaden allenfalls zu leisten vermag. In: Gegenteil, was ich weiß und thun kann, sage und thue ich mit dem größten Vergnügen.«

»Gut – gehen wir also über die Nationalität hinweg und sagen Sie mir, wer ist die Dame?«

»Nach dem Fremdenbuche kann ich Euer Gnaden das allerdings sagen, will aber nicht verschweigen, daß ich über die Richtigkeit dieses Eintrages in unser Fremdenbuch meine eigenen Ansichten habe.«

»Ich sehe, wir verstehen uns, mein lieber Herr Holub, und ich bin überzeugt, daß dieses Verständnis nicht zu unserem gegenseitigen Schaden ist. Wie hat sich also die junge Dame in Aschgrau in das Fremdenbuch eingeschrieben?«

»Die Dame selbst nicht, Euer Gnaden, sondern der alte Herr, der bei ihr ist.«

»Ganz recht, der alte Herr – ihr Vater vermutlich?«

»Auch ich vermute das, obgleich sein Benehmen gegen die junge Dame häufig nicht so ist, wie man sich gegen seine Tochter zu benehmen pflegt, – ich habe das von dem betreffenden Zimmerkellner und dem Stubenmädchen.«

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»A-a-a-a-h!« sagte Baron Trieberg mit einer verblüfften Miene, denn ihm schien hinter dem Zeugnis des Stubenmädchens oder des Zimmerkellners irgend ein in diesem Falle gerade nicht angenehmes Toilettengeheimnis hervorzulauschen; doch mochte der Portier diese Gedanken erraten, denn er erwiderte, sich die Hände reibend, mit einer unverkennbaren Miene höchster Wahrheit und Ueberzeugung:

»Ah, nicht so, Euer Gnaden, – durchaus nicht so – im Gegenteil: denn wenn sich der alte Herr heute zum Beispiel mit einer Sanftmut, einer Demut, ja einer Unterwürfigkeit der jungen Dame nähert, die in Erstaunen setzt, so ist es ein anderes Mal noch weit überraschender, wenn man sieht, wie hart und schroff er sie behandelt.«

»Die Ärmste!«

»Wie unbeugsam er auf seinem Willen besteht, trotz ihres Flehens und ihrer Thränen.«

»Das Ungeheuer!«

»Ja, wie er – ganz im Vertrauen zu Euer Gnaden gesagt,« hier näherte sich der Portier mit vorgehaltener Hand, aber in geziemender Ehrerbietung – »wie er die junge Dame zuweilen einschließt und tagelang eingeschlossen hält.«

»Das ist ja ein ganz rätselhafter Barbar.«

»Rätselhaft allerdings, Euer Gnaden, aber reich, kolossal reich; wir im Hotel wissen das zu beurteilen, – nicht gerade durch den eigenen Aufwand, der hier allerdings auch bedeutend ist, sondern noch mehr durch die Checks auf Springer am Opernring, die für Einkäufe und dergleichen durch meine Hände gehen.«

Der junge Diplomat schüttelte gedankenvoll mit dem Kopfe und sprach erst nach einer längeren Pause: »Nach all dem Interessanten, was Sie mir da anvertraut, bin ich begreiflicherweise äußerst begierig, den Namen der Dame in Aschgrau, sowie des alten Herrn, ihres Begleiters, zu erfahren.«

»Verzeihen mir Euer Gnaden die gewagte Vergleichung,« erwiderte der Portier, sich tief verbeugend, »auch wir hier waren auf den Namen dieser Herrschaft äußerst gespannt, für welche sechs Zimmer im ersten Stock – und das will zu dieser Weltausstellungszeit schon etwas besagen – schon seit vier Wochen nicht nur bestellt waren, sondern vierzehn Tage leer standen, – man riet hier im Hotel auf irgend einen englischen Lord, einen französischen Grafen, einen italienischen Herzog oder einen russischen Fürsten, und war deshalb nicht wenig erstaunt, am andern Morgen den Eintrag ins Fremdenbuch zu sehen.«

»Nun?« fragte Baron Trieberg im Tone höchster Erwartung.

»Eingeschrieben war, wie Euer Gnaden nachher lesen können: – Martin Müller mit Tochter und Bedienung aus Lüneburg.«

»A-a-a-a-h!« rief der junge Diplomat im Tone der Enttäuschung, setzte aber gleich darauf mit Entschiedenheit hinzu: »Das ist jedenfalls eine falsche Angabe und macht die Sache noch rätselhafter, – wie denkt man bei der Direktion des Hotels darüber?«

»O, Herr Baron,« gab der Portier mit vielsagendem Lächeln zur Antwort, »es gibt Gäste, über die man durchaus nichts zu denken beliebt, die man ungestört alles machen und treiben läßt, was mit der Hausordnung nicht unverträglich ist. Was wollen Euer Gnaden? Die Polizei ist es zufrieden, daß unser Gast Herr Martin Müller heißt, die Bankiers nehmen jeden Check auf diesen Namen an und es vergeht kein Samstag, wo nicht Punkt zehn Uhr vormittags der Kammerdiener im Bureau erscheint, um die Rechnung zu bezahlen.«

»Eben dieser Kammerdiener ist mir gleichfalls eine rätselhafte Erscheinung. Sollte dies hellbraune, ins Grünliche schimmernde Gesicht mit den dunkeln, glühenden Augen und dem mächtigen kohlschwarzen Barte aus dem gemütlichen Lüneburg stammen? – Welche Sprache spricht er?«

»Deutsch, Euer Gnaden, allerdings mit einem für uns etwas sonderbaren Tone.«

»Und der alte Herr?«

»Spricht gleichfalls deutsch, aber ebensogut französisch, englisch und italienisch.«

»Und die junge Dame?«

»Das bin ich mit dem besten Willen nicht imstande, Euer Gnaden zu sagen; denn die junge Dame hat zu keinem im Hotel bis jetzt eine Silbe gesprochen, nicht einmal zum Stubenmädchen; wenn etwas von dieser verlangt wird, so geschieht es durch Vermittlung der Kammerfrau.«

»Und auch mit der Kammerfrau oder mit dem alten Herrn hat man die junge Dame nie reden hören?«

»Mit letzterem wohl,« erwiderte der Portier, sich geheimnisvoll nähernd, »aber das geschah dann jedesmal so unter Klagen und Stöhnen, Jammern und Seufzen, so untermischt mit schmerzlichem Schluchzen, daß es nicht möglich war, auch nur ein einziges Wort zu verstehen; doch meinte das Stubenmädchen, es sei irgend eine wilde Sprache gewesen.«

Baron Trieberg blickte nach einem kurzen Kopfschütteln wohl eine Minute lang gedankenvoll zum Fenster hinaus, und als er darauf wieder ins Zimmer schaute, machte der Portier eine Verbeugung mit einer Miene, welche der Bitte um Entlassung gleich sah – die Glocke im Vestibül hatte schon ein paarmal stark herübergetönt; – er sagte deshalb, seine rechte Hand der des anderen nähernd: »Ich danke Ihnen für Ihre schätzbaren Mitteilungen und bitte mir auch künftig, wenn es nötig sein sollte, eine Frage zu gestatten.«

»Euer Gnaden haben unbedingt über mich zu befehlen,« erwiderte der dankbare Portier, der nicht nötig hatte, erst den sich ziemlich stark anfühlenden Schein in seiner Hand zu betrachten, »und da es mir genug ist, daß ich weiß, Euer Gnaden interessieren sich für die junge Dame, so darf ich mir wohl erlauben, auch ohne Anfrage zuweilen Mitteilungen zu machen.«

»Jedenfalls, und Sie können meines besten Dankes gewiß sein.«

»Da fällt mir gerade ein, daß morgen früh die Ausstellung nicht besucht wird, sondern das Künstlerhaus, um das Bild des Malers Makart zu sehen – wahrscheinlich nach dem Frühstück, also gegen zwölf Uhr.«

Damit zog sich der Portier mit einer tiefen Verbeugung zurück und Baron Trieberg folgte ihm gleich darauf, um nach der »Stadt Frankfurt« zu fahren, wo er Baron Breda und den Rittmeister schon bei ihrem kleinen Diner antraf.

Man sprach gerade über Maler und kam dabei auch auf Makart, mit dem der Oberst befreundet war.

»Schon seit einigen Tagen nehme ich mir vor,« warf Baron Trieberg, der sich wohl gehütet hatte, seines Besuchs im Hotel Imperial zu erwähnen, leicht hin, »unsern großen Meister wieder einmal aufzusuchen, weiß aber nicht, ob er zugänglich ist.«

»Gegen drei Uhr, wie immer für Bekannte,« erwiderte Baron Breda, »sowie auch für Fremde, die empfehlend eingeführt werden,« worauf der Rittmeister heiter sagte: »Geben Sie acht, Herr Oberst, die Frage hat Trieberg nicht ohne Absicht gethan und möchte ich jede Wette eingehen, daß er nächster Tage mit der Dame in Aschgrau bei Makart erscheint.«

»Wenn das möglich wäre, warum nicht?« gab der andere in gleichgültigem Tone zur Antwort, »doch kann ich dich versichern, daß ich dazu gerade soviel Aussicht habe, wie du; überhaupt überschätzest du mein Interesse für jene Dame.«

»Und doch bin ich überzeugt, daß du schon versucht hast, diplomatische Beziehungen mit ihr anzuknüpfen. Glauben Sie nicht auch, Herr Oberst?«

»Und warum sollte er nicht? – will ich doch gestehen, daß auch mich das Äußere jener jungen Dame lebhaft interessiert, wenn gleich in anderer Art, wie Trieberg. – Wenn ich Künstler wäre«

»O welch' grenzenlose Bescheidenheit!« rief der Diplomat lachend.

»So würde ich mich glücklich schätzen, diese höchst eigentümlichen Züge malen zu dürfen, wenn ich auch nicht gewiß bin, den Ausdruck jener seltsamen, ja ich muß sagen, unheimlichen Augen wiedergeben zu können.«

»Ich weiß nicht, was ihr immer mit euren unheimlichen Augen wollt, mir haben sie kein solches Gefühl erregt, das kann ich euch versichern; ihr Blick ist tief, innig, gedankenvoll, und wenn sie lächelt –«

»Mit so weißen Zähnen,« sagte der Rittmeister lustig.

»Allerdings mit so weißen Zähnen, so –«

»Nun, so weinst du plötzliche Thränen, wie der selige Tannhäuser?«

»Meinetwegen ja,« erwiderte Trieberg etwas verstimmt, »es gibt Dinge, über die man nun einmal mit dir nicht rechnen kann.«

»Sehen Sie, Herr Oberst,« rief der Rittmeister lachend, »er fängt an empfindlich zu werden, hat also jedenfalls schon einen festen Faden angeknüpft.«

»Laßt's gut sein, Kinder!« sagte der Oberst mit seiner gewöhnlichen freundlichen Milde, »und Ihnen, Trieberg, wünsche ich alles Glück, kommen Sie auch, trotz Wölters gewiß nicht schlimm gemeinten Bemerkungen, recht bald mit der jungen Dame in Makarts Atelier und seien Sie versichert, daß sich auch der Meister freuen wird, jene interessanten Augen zu sehen; es ist das etwas für ihn, was er gerade jetzt bei einem Bilde gebrauchen könnte.«

»Thu das, lieber Freund, und nimm mir vor allen Dingen meine Bemerkungen nicht übel,« sagte der Rittmeister, dem Freunde die Rechte bietend, »aber sei kein Egoist und laß es mich wissen, wenn du zu Makart gehst!«

»Ihr seid in der That äußerst komisch,« gab der gutmütige Trieberg zur Antwort, »ich soll da schon die Perlen verteilen, ehe ich noch die Muschel gefunden habe.«

»Herrliche Umschreibung für das Fell des Bären, – wenn du aber so glücklich bist, die Muschel auf und an dich zu ziehen –«

»So werde ich, glaubst du, nichts Gescheiteres zu thun wissen, als dich davon in Kenntnis zu setzen.«

»Achtung! – jetzt kommt ein Citat.«

»Nein, meine Citate sind gleichfalls Perlen, die ich auch nicht so mir nichts dir nichts auswerfe.«

Trieberg, der sonst nicht empfindlich war, hatte sich allerdings ein bißchen verletzt gefühlt durch die an sich unschuldigen Bemerkungen Wölters; doch gereute ihn der herbe Ton, mit dem er soeben gesprochen, schon im nächsten Augenblicke, weshalb er jetzt seinerseits mit einem herzlichen Blicke dem Freunde die Hand entgegenhielt, worauf dieser einschlagend ausrief: »Nur unter der Bedingung, wenn du eingestehst, daß du verliebt bist!«

»Nun ja denn!«

»Nur einmal noch möcht' ich dich sehen,
Und sinken vor dir aufs Knie,
Und sterbend zu dir sprechen:
Madame, ich liebe Sie.«

»Bravo, und wo ich dir jetzt etwas helfen kann, da soll es mit Freuden geschehen, ich habe zu deinen Gunsten entsagt, denn auch mir fing jener seltsame Blick an gefährlich zu werden.«

»Deine Entsagung soll schon jetzt belohnt werden,« sagte der junge Diplomat lachend, »und wenn es unserem teuren Oberst recht ist, so trinken wir ein Glas Champagner auf das Wohl der Dame in Aschgrau.«

»Deiner Dame in Aschgrau?«

»Meinetwegen, auch darauf stoße ich an.«

Am andern Morgen machte Trieberg eine noch etwas sorgfältigere Toilette als gewöhnlich – sorgfältig in ihrer Einfachheit, wobei es seinem Kammerdiener Mühe gekostet hatte, eine Rosenknospe zu finden, die, eben erst aufbrechend, ihr Weiß kaum ahnen ließ.

Punkt zwölf Uhr fuhr er am Künstlerhause vor, stieg langsam die äußeren Stufen hinan und fühlte sich, als er in die Halle getreten war und nun aufblickend unten an der großen Treppe stand, wie jedesmal, so oft er hierher kam, und wie das auch andern zu geschehen pflegt, mächtig angeregt durch das schon hier sichtbar werdende Bild Makarts, dessen leuchtende Figuren, eingerahmt durch den Bogen der Treppe, so wunderbar plastisch und hervortretend erschienen, daß man zweifelhaft war, ob die Huldigung der schönen Königin von Cypern nicht dort droben in jenen Sälen wirklich stattfinde und ob nicht jene prachtvollen, lebenswarmen Gestalten in den rot und goldenen Gewändern im nächsten Augenblick die Stufen hinabrauschen würden.

Das gespannte Licht und die Einrahmung lassen die Figuren wie lebendig erscheinen, und dieses Gefühl verändert sich erst in das der aufrichtigsten Bewunderung, wenn man nun in dem weiten und hohen Saale vor dem gewaltigen Bilde selbst steht und das reiche venetianische Leben in diesen prachtvollen Gestalten auf sich einwirken läßt; da braucht man schon eine Zeitlang, ehe man imstande ist, diese unermeßliche Gedankenfülle, die im blendendsten Glanze auf uns eindringt, für das Auge zu ordnen und zurecht zu legen.

Auf hoher thronartiger Estrade sehen wir die durch ihre Schönheit berühmte und eben zur Tochter der Republik ernannte künftige Königin von Cypern vor ihrer Abreise im Jahre 1468 die Huldigungen und Geschenke der venetianischen Frauen, sowie die Deputation der Regierung empfangend, die ihr jene Ehre mitteilt und ein Hochzeitsgeschenk von hunderttausend Dukaten bringt. Da sie dies, umgeben von ihrer Familie, unter dem Jubel der zahlreichen Volksmenge in feierlichem Aufzuge auf dem Markusplatze thut, so sieht man, welch' reichen Stoff für seine dekorative Erfindungsgabe ein solcher Vorwurf dem Maler bieten mußte.

Und wie wunderbar hat er diesen glänzenden Stoff benutzt! Wie wußte er in diesem Jubelfeste, in dieser begeisternden Huldigung jede Klasse und jedes Alter aus dem reichen, heiteren, schönen Leben der stolzen Venetia zu verwerten! Welche Masse von Frauenanmut, edlen und schönen Männergestalten, von malerischem Reiz in Gewändern, Kostbarkeiten, Architektur und Dekoration aller Art, ist wie der blendende, purpurgoldene Inhalt einer reichen Schale vor unseren Blicken ausgegossen! Wie leuchtet und glüht alles durcheinander, ohne die herrlich durchgeführte Charakteristik jedes Einzelnen zu schädigen! Wie entzückt und erinnerungsreich blicken wir hinein in jene alte prächtige Zeit, die sich auf dem Markusplatze abspielt, jenem weiten Raume, einzig in seiner Art, einem gewaltigen Festsaale zu vergleichen, über den sich der dunkelblaue Himmel als blendende Decke wölbt, der erfüllt ist mit jubelndem neugierigen Volke, mit Frauen und Kindern, mit prachtvollen Gestalten, wie jenes schöne dunkelbraune Weib mit der reichen Vase auf der Schulter, die sie gekommen ist zu den Füßen der jungen Königin niederzulegen, die so reizend ist mit ihren dunkeln Augen, dem rotblonden Haare, die so kindlich unbefangen lächelt und die trotz alledem in ihren lieben Zügen für uns eine wehmütige Erinnerung hat! Wie leuchtet vom Hintergründe der italienische Himmel zwischen den Masten der Flotte, deren bunte Wimpel lustig flattern! – Schon häufig hatte Trieberg längere Zeit vor dem Bilde gesessen und immer wieder fand er Neues und Schöneres; – heute hatte er sich in eine Ecke des weiten Gemaches zurückgezogen, um so am besten das ganze Meisterwerk überschauen zu können, in dessen Betrachtung er sich so vertiefte, dessen sinnbethörende Pracht und tiefe Glut der Töne ihn so fesselte, daß für ihn die eben eingetretenen weiteren Beschauer im ersten Augenblick etwas Traumartiges hatten, obgleich diese geräuschlos Eingetretenen niemand Anderes waren, als die von ihm so sehnlich Erwarteten.

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Er wurde in seiner Ecke von ihnen nicht bemerkt und hatte somit Gelegenheit, das junge, schöne und dabei für ihn so geheimnisvolle Mädchen mit Ruhe betrachten zu können, wobei er zu seinem Entzücken fand, daß dessen edles bleiches Gesicht mit den dunkeln, seltsamen Augen auch nicht im Geringsten verlor neben den wundervollen Schöpfungen Makarts.

Gekleidet war sie wie gewöhnlich – in Aschgrau. Das Oberkleid, von schwerer Seide mit stahlblauem Atlas garniert, lag einfach um ihre prächtige Gestalt, und der Schmuck daran, sowie um ihr feines Handgelenk und um ihren Hals, bestand aus Lapis Luzuli, kaum sichtbar in oxydiertes Silber gefaßt.

Der alte Herr befand sich, wie immer, dicht an ihrer Seite, ja er hatte sie am Arme hereingeführt und stand nun neben ihr, sie mit leisen, für Trieberg unverständlichen Worten auf das Bild und seine Schönheit aufmerksam machend; doch schien sie diesen Erklärungen nur zerstreut zu folgen, überhaupt nicht so tief von der großartigen Schöpfung ergriffen zu sein: ja dem Lauscher war es ein paarmal, als wende sie ihre Blicke gelange weilt zur Seite, wobei ihr zarter Busen von einem tiefen Atemzuge gehoben wurde.

Dies bewegte auch ihn, und obgleich er nicht eitel genug war, um den Gedanken zu fassen, wenigstens um ihn sich klar zu machen, als gedenke sie vielleicht anderer Bilder, die sie gestern in anderer Gesellschaft gesehen, so war es doch leicht möglich, daß sie hier einen Erklärer vermisse, der sich gestern bemüht, ihr den Gegenstand ihres Schauens auf poetische Art darzustellen.

Jetzt machte sie Miene, sich umzuwenden, und da es doch gar zu komisch ausgesehen hätte, wenn er im Winkel stehend erblickt worden wäre, so zog er sich rasch gegen die dicht hinter ihm befindliche Seitenthür und kam dann mit einigem absichtlichen Geräusch von dort hervor.

Glücklicher Trieberg, der jetzt so ahnungslos vor einem seligen Augenblicke stand! denn das waren die nächsten Sekunden für ihn, als sie ihn erblickte, als sie ihre Lippen wie zu einem Ausrufe öffnete und als das leidenschaftliche Aufleuchten ihrer Augen deutlich zeigte, daß dieser Ausruf, wenn er wirklich zustande gekommen wäre, die freudigste Überraschung ausgedrückt hätte.

O, der junge Diplomat verstand sich auf Augen und hatte ihre Bewegung so vollständig begriffen, daß er nicht anders konnte, als unter einem innigen Blick und einer tiefen Verbeugung seine Hand zum Herzen zu erheben.

»Da kam das Schicksal roh und kalt,«

dachte er gleich darauf, als er sah, wie der alte Herr mit deutlich ausgedrückter Ängstlichkeit in den Zügen neben die junge Dame trat, sie rasch etwas rauh um das Handgelenk faßte und ihr dabei mit aufflammendem Blick einige, wie es schien, heftige Worte ins Ohr flüsterte.

Sie beugte sich auch sichtlich unter diesen Worten, ja senkte ihr schönes Haupt und erhob es kaum um ein Weniges, als Baron Trieberg nun vor ihr stand und mit einigen Worten sein außerordentliches Vergnügen ausdrückte, sie so zufällig hier wiederzusehen.

Da sie ihn aber nur mit einem flüchtigen und, wie deutlich zu ersehen war, schmerzlichen Blick betrachtet hatte, um gleich darauf ihre Augen wieder zu senken, wobei man auf ihrem bleichen Gesichte deutlich sah, daß das, was der junge Mann gesagt, für sie unverständlich geblieben war, so hatte er seine Worte an den alten Herrn gerichtet, der ihm mit einer grinsenden Freundlichkeit dankte und auch seinerseits das Vergnügen über diese wiederholte Begegnung aussprach. – Doch sah man deutlich an seinen hastigen Bewegungen, an seinen unruhigen Blicken, ja hörte es aus seinen ganz oft eigentümlichen Fragen, wie sein Geist mit etwas Anderem beschäftigt war; und dieß war, für Trieberg bemerkbar, nichts als die Angst, daß sich zwischen Beiden jener Blick von vorhin, den auch er sehr gut bemerkt, wiederholen könnte.

Selbstverständlich ließ er es auch zu keiner weiteren Annäherung kommen, die ja ohnedieß dadurch erschwert, ja unmöglich gemacht wurde, daß die junge Dame nur Türkisch verstand, was der alte Herr nicht verfehlte, heute nochmals ausdrücklich zu betonen.

War dem jungen Diplomaten schon gestern, sowohl in dem Verhältnis zwischen Beiden, als in dem gänzlichen Stillschweigen der jungen Dame, Rätselhaftes erschienen, so heute noch mehr, da er ein paarmal zu bemerken glaubte, daß sie mit aufmerksamen, ja verständnisvollen Blicken seinen Erklärungen über Makarts Bild folgte; wogegen sie gleichgültig zur Seite blickte, als ihr der alte Herr flüsternd jene Erklärungen zu wiederholen schien.

Ein paarmal wandte sie sich rasch gegen Trieberg und schien ihm durch ein allerdings kurzes und beinahe traurig erscheinendes Lächeln danken zu wollen; ja sie that dieß auch mit einer freundlichen Handbewegung, welche sie so ausfallend wiederholte, als sie sich nun auf die Bank vor dem Bilde niederließ, daß Trieberg hätte unhöflich sein müssen, wenn er nicht, diesem Winke folgend, an ihrer Seite, allerdings in einer ehrfurchtsvollen Entfernung, Platz genommen hätte.

Doch benutzte der alte Herr etwas indiskret diese ehrfurchtsvolle Entfernung, indem er sich ohne weiteres zwischen beiden niederließ, dabei aber dem jungen Mann unter dem frühern, etwas grinsenden Lächeln versichernd, daß es ihm eine außerordentliche Freude verursache, eine so angenehme und lehrreiche Bekanntschaft gemacht zu haben. »Leider so spät,« fügte er kopfschüttelnd hinzu, »da wir unserem Reiseprogramm nach schon in wenigen Tagen Wien verlassen.«

»Um nach Hause zurückzukehren?« fragte Trieberg.

»Um nach unserer Heimat zu gehen, allerdings! – es ist das eine weite Strecke, und da wir uns auch unterwegs hie und da aufhalten werden, zum Beispiel in Pest, so vergehen immer noch einige Wochen, ehe wir unsere Reise beendigt haben.«

»Werden aber schöne Erinnerungen davon heimbringen, großartige Eindrücke von der Weltausstellung, die Sie ja, wie auch die Gnädigste, mit einer Ausdauer besuchten, an der wir anderen hätten lernen können; ich hatte schon häufig das Glück, Sie, wenn auch nur von Ferne zu sehen und muß gestehen, daß ich nicht mehr auf das außerordentliche Vergnügen zu wagen hoffte, Ihre nähere Bekanntschaft zu machen, wie das doch jetzt geschehen ist. Sie werden mir vielleicht gestatten, mich Ihnen und der Gnädigsten in bester Form vorzustellen – Baron von Trieberg, Legationssekretär Seiner Kaiserlichen Majestät.«

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Er hatte sich bei dieser Vorstellung erhoben, der alte Herr gleichfalls, und beide machten gegeneinander die üblichen Verbeugungen, was für jemand, der mit den europäischen Gebräuchen nicht vertraut war, gewiß einen komischen Anblick bot, so auch für die junge Dame; denn sie lächelte aufblickend zum erstenmale, ohne daß ihre dunkeln Augen düster beschattet gewesen wären.

Dann sagte ihr Begleiter, an den Taschen seines Rockes herumfühlend: »Leider habe ich meine Visitenkarten vergessen und unser Name – ich erlaube mir, Ihnen meine Tochter vorzustellen,« setzte er mit der üblichen Handbewegung hinzu – »ist für ein nicht daran gewöhntes Ohr so fremdklingend, daß Sie ihn kaum behalten würden: eigentlich aus Böhmen stammend, von wo meine Voreltern nach Kleinasien einwanderten – Zrsdmprvzs Efendi.«

Dieser Name, von dem alten Herrn ausgesprochen, klang ungefähr so, als wenn jemand in einem starken Niesen unterbrochen, dasselbe dann in einer höheren Tonart zu Ende bringt. Auch verzichtete der Diplomat auf die Wiederholung desselben, sondern begnügte sich mit Efendi, während er bei sich dachte: »Warte nur, du Schalk, Müller aus Lüneburg ist allerdings besser zu behalten und soll auch von uns nicht vergessen werden;« dazu machte er eine ehrfurchtsvolle Verbeugung gegen die junge Dame und sagte hierauf: »Da die Gnädigste, wie es mir schien, und wie es auch wohl begreiflich ist, so entzückt sind von dem Bilde Makarts, so würde es Ihnen gewiß Vergnügen machen, das Atelier des berühmten Meisters zu besuchen, wozu ich mich Ihnen, als einer von des großen Malers genauen Bekannten, zur Verfügung stelle.«

Er hatte dies allerdings zum alten Herrn gesprochen, dabei aber seine beredten Blicke auf die junge Dame geworfen und in deren Augen wieder dasselbe Verständnis wie früher bei seinen Erklärungen zu sehen geglaubt.

Jedenfalls mußte sie fühlen, daß von etwas die Rede war, das auch für sie Interesse hatte, denn sie wandte ihren Blick so ausdrucksvoll und fragend auf ihren Begleiter, daß dieser nicht umhin konnte, ihr etwas von den Worten Triebergs mitzuteilen, wie es aber schien, nicht dessen ganzes so freundliches Anerbieten oder wenigstens nicht in einer Art, die ihr behagte; denn man sah deutlich, wie sich ihr Blick verdüsterte, wie sie ihre feinen Lippen aufeinander preßte, ja Trieberg glaubte zu bemerken, daß sie mit einem ihrer kleinen zierlichen Füße ziemlich hart auf den Boden trat.

Deshalb dachte er: »Wie du mir, so ich dir! und hast du mich mit deinem niesenden Efendi hinters Licht führen wollen, so werde ich mir weiter kein Gewissen daraus machen, trotz deiner grimmigen Miene oder deiner grinsenden Freundlichkeit mit deiner Tochter direkt zu verhandeln, und zwar da dies auf Türkisch nicht gut geht, durch Pantomimen,« in welch' letzterer Kunst er es durch häufigen Umgang mit Künstlerinnen vom Ballett zu einer großen Routine gebracht hatte.

Er streckte deshalb die rechte Hand würdevoll gegen das Bild aus, that dann so, als ob er mit einem eingebildeten Pinsel in der Hand in der Luft umhermale, legte Daumen und Zeigefinger zweimal an seine Augen, was in der Ballettsprache so viel heißt die junge »Du sollst ihn sehen,« machte dann die graziöseste Handbewegung gegen die junge Dame und legte endlich seine Finger an die Brust, dort dreimal anklopfend und damit ausdrückend: ich bin der Mann, auf welchen du dich in diesem sowie in allen übrigen Fällen verlassen kannst.

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Dem Himmel sei es gedankt – sie hatte ihn verstanden, das sah er deutlich an dem sich steigernden Interesse, das aus ihren leuchtenden Augen blitzte, an dem holdseligen Lächeln, welches ihre Lippen umspielte, dann an einem ausdrucksvollen dreimaligen Kopfnicken, wovon das letzte mit einer sehr gebieterischen Miene dem alten Herrn galt, der sich nun achselzuckend dem Verlangen zu fügen schien und in etwas kleinlautem Tone sagte: »Wenn es Ihnen nicht zu viele Mühe macht, nehmen wir gerne Ihr freundliches Anerbieten an und bitte ich Sie, uns eine geeignete Stunde bestimmen zu wollen.«

»Leider kann ich nicht sagen: jede Stunde, die Ihnen gefällig ist, ist auch mir recht, – denn unser verehrter Meister Makart hat selbst uns, seinen genauesten Bekannten, nur für drei Uhr nachmittags die Erlaubnis gegeben, ihn bei seinen Arbeiten zu stören; doch empfängt er um diese Zeit mit großem Vergnügen und bin ich überzeugt, daß es ihm eine wahre Freude machen wird, Sie und die Gnädige bei sich zu sehen.«

»Um drei Uhr also – und wenn es Ihnen recht ist, gleich heute.«

»Es wird mich glücklich machen, Sie in Ihrem Hotel abholen zu dürfen.«

»Nein, nein, das kann und werde ich nicht annehmen,« erwiderte der alte Herr hastig, aber sehr bestimmt, »wir haben noch Dringendes zu besorgen und werden schwerlich vor drei Uhr nach Hause zurückkehren.«

»Gut, so werde ich Sie Punkt drei Uhr am Eingange zu Makarts Atelier erwarten; gestatten Sie mir, drunten Ihrem Kutscher die genaue Adresse des Meisters zu sagen!«

Dagegen vermochte der alte Herr um so weniger einzuwenden, als Trieberg, diese Erlaubnis als selbstverständlich annehmend, keck neben die junge Dame trat und ihr seinen Arm anbot, um sie zum Wagen zu führen, was sie auch bereitwillig und mit einem freudigen Aufleuchten ihrer schönen Augen annahm.

Wie seltsam wonnig, ja wie glückselig war ihm zu Mute, als er die Rundung ihres Armes in dem seinigen, ja ein sanftes Anschmiegen ihres Körpers an seine Schulter fühlte, als sie nun dahingingen, besonders aber, als er sie langsam und vorsichtig die Stufen der Treppe hinabführte! War es denn kein Traum, daß diese blendende Erscheinung, die er vor wenigen Tagen kaum wie eine vorüberschwebende Fee, wie ein Wesen höherer Gattung gewagt hatte ehrfurchtsvoll aus der Ferne anzublicken, jetzt dicht an seiner Seite ging, sich auf seinen Arm stützte, ja zuweilen ihr schönes Haupt wandte, um ihn mit seltsamen Blicken aus den tiefschwarzen Samtaugen anzuschauen?

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Er war eigentlich nicht zum Schwindel geneigt und doch war es ihm nicht unlieb, als sie jetzt vor dem Künstlerhause bei dem Wagen ankamen, neben welchem Usbeck stand, der ihn mit einem grimmigen Gesicht betrachtete, welches sich wahrhaft verzerrte und ins Grünliche spielte, als er die junge Dame in den Wagen hob, und als sie ihm darauf ihre kleine Hand wie zum Danke entgegenstreckte.

Nießerinski Efendi dankte gleichfalls, aber mit einem kühlen Kopfnicken.

»Also um drei Uhr.«

Dem Kutscher die Adresse vom Meister Makart anzugeben, war begreiflicherweise ganz unnötig, denn kaum hatte Trieberg den bekannten Namen ausgesprochen, so nickte der Rosselenker; dann kletterte Usbeck finster, etwas in den Bart murmelnd, auf den Bock der Equipage und sie fuhren davon.

»Also um drei Uhr – ! – Glück, sei mir auch ferner günstig!«

Daß dem jungen Diplomaten diese paar Stunden sehr lang wurden, wird man begreiflich finden. Er schlenderte ein paarmal über den Kohlmarkt und den Graben, nahm dort ein Gefrorenes, nahm hier im Café Daun eine Zeitung, ohne übrigens mehr zu lesen als den Titel des Blattes, schaute dann zum Fenster hinaus, ging wieder spazieren und hatte endlich, an einem Laden wirklicher, natürlicher Blumen vorüberkommend, die glückliche, sinnige Idee, seine weiße Rosenknospe mit einer halb aufgebrochenen, blühend roten zu vertauschen, die er sich ins Knopfloch stecken und dabei die glückliche Nüance anbringen ließ, die beiden hoffnungsgrünen Blätter, die sich am Stiel befanden, in Herzform zusammenlegen zu lassen, was sich außerordentlich hübsch machte.

Dann – da er zu aufgeregt war, um sich in einen Fiaker zu setzen, flanierte er langsam über die Elisabethbrücke gegen die Wiedener Hauptstraße, und obgleich er ohne jede Übereilung dahinging, war es doch noch eine Viertelstunde vor drei Uhr, als er an dem Gitter des Gartens ankam, in welchem malerisch zwischen Grün versteckt Makarts Atelier liegt.

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Sollte er zuerst allein hineingehen und den Besuch ankündigen? – Das war genau zu überlegen.

Jedenfalls war Oberst Breda im Atelier, der um diese Zeit selten fehlte, vielleicht auch der Rittmeister, und dann gab es Fragen, Bemerkungen, gute und schlechte Witze, Neckereien, was alles wahrscheinlich wegfiel, wenn er plötzlich und unerwartet eintrat – besser so –: deshalb wartete er geduldig und durchaus nicht lange, denn die Stunde hatte noch auf keiner Uhr geschlagen, da rollte die Equipage des Herrn Müller aus Lüneburg oder des unaussprechlichen Efendi, für den er sich auszugeben beliebte, schon heran.

Usbeck mit seinem grimmigen Gesichte und übereinandergeschlagenen Armen saß auf dem Bocke und bemühte sich durchaus nicht, rasch herabzuklettern, was sehr angenehm für Trieberg war, dem dadurch vollkommen Zeit blieb, den Wagenschlag selbst zu öffnen und die junge Dame recht langsam herauszuheben.

Dann traten sie in den Garten, der, hübsch angelegt, mit breiten, sanftgeschlungenen Kieswegen, welche frische Rasenplätze und Gebüschpartieen umgaben, still und friedlich dalag, das Geräusch der Straße abhaltend von dem im Hintergründe liegenden Künstlerhause, über welches hohe, dichtbelaubte Bäume geheimnisvoll rauschten, und an dessen Vorderseite Wein- und Jungfernreden hinaufrankten, wie mit grünem Rahmen Fenster und die schwere in Eichenholz geschnitzte Renaissancethüre mit dem kleinen Vordach umgebend. Auf einem der Kieswege lag ein mächtiger Neufundländer in der heißen Sonne und ein kleiner hübscher Knabe von vielleicht fünf Jahren stand neben ihm, kraute mit einer langen Gerte sein dickes, wolliges Fell und lachte lustig hinaus, wenn er alsdann, schläfrig mit den Augen blinzelnd, die schwere Rute schmeichelnd hin und her bewegte.

Ehe sie das Atelier erreicht hatten, sprang Trieberg rasch voraus, öffnete die Thüre und rief mit gedämpfter Stimme hinein: »Verzeihen Sie, geehrter Meister, wenn ich Sie vielleicht mit einem Besuche belästige.«

»Im Gegenteil,« klang es hinter einer riesigen Leinwand hervor, »Sie sind angemeldet und erwartet.«

»Dachte ich's doch.«

»Natürlich,« vernahm man jetzt die Stimme des Baron Breda, »wir haben ja über diesen Besuch gesprochen und ich kann Sie versichern, der Meister ist ebenso gespannt auf jene bleichen, seltsamen Züge mit den gespensterhaften Augen.«

»Ist auch der Rittmeister da?« fragte Trieberg rasch, hatte aber nicht mehr Zeit, etwas auf die heiter gegebene Antwort »Ganz gewiß!« zu erwidern, beim er glaubte schon hinter sich das Rauschen schweren Seidenstoffs zu vernehmen und eilte deshalb zurück, um den alten Herrn zu versichern, daß dem Meister der Besuch angenehm sei.

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Dann traten sie ein – – – – in jenen hohen weiten Raum, welcher selbst Den, der schon häufig ähnliche, künstlerisch schön eingerichtete Ateliers gesehen, so anregend umfängt, in eine so eigentümliche Stimmung versetzt, daß man unwillkürlich staunend stehen bleibt und sich überwältigt fühlt, nicht allein bei dem Gedanken an die Meisterwerke, die, von hier ausgehend, blendend und strahlend die Welt durchzogen, sondern auch von den riesigen Verhältnissen dieser Halle und ihrer wundervollen phantasiereichen Ausschmückung.

Da fast alles, was wir hier sehen, in dunklem, reichgeschnitztem Eichenholz gehalten ist, die hochlehnigen, reichverzierten Sessel, Tabourets, schlank gedrehten Gueridons, hier Vasen tragend, dort kunstvolle Leuchter, schwere Schränke aus der besten Zeit, die hohen Lambris mit ihren mächtigen Ausladungen – darüber tiefrote Stofftapeten, – da das an sich kolossale Fenster doch nicht genügt, um die fernen Ecken des weiten Gemachs, sowie die hohe gewölbte Decke taghell zu erleuchten, da man auf gleichfalls dunkel gehaltenen alten persischen und Smyrnateppichen mit ihren originellen, wunderlichen Zeichnungen wandelt, so hat alles miteinander eine eigentümlich wohlthuende, man möchte sagen, weihevolle Stimmung, – es ist ein Tempel der Kunst geweiht, den man gleichfalls mit feierlichem Gefühl betritt, obgleich uns hier nicht Orgelklang entgegentönt oder Weihrauchwolken umwehen.

Auch eine Empore hat das Atelier, und da der Meister gerade seine Gäste begrüßt, so haben wir die beste Gelegenheit, hinaufzuschlüpfen, um dort oben ein Gemach zu bewundern, so fein und stilvoll eingerichtet, so lauschig und behaglich, daß man sich dort gleich für Stunden niederlassen möchte, träumend beim Anblick der alten Gerätschaften, der Tische, Stühle, Putzschränke, Spiegel, Bilder, Waffen, der altvenetianischen Krystalllustres und Gläser, von denen jedes für sich betrachtet ein Meisterwerk oder ein Kunstwerk ist und doch wieder nicht aus der reizenden Harmonie des Ganzen störend heraustritt. Man steigt auf einer prächtigen Treppe hier hinauf, sie ist von dunklem Eichenholz, breit genug, um in einem mäßigen Hause als Haupttreppe zu dienen, und befindet sich hier nicht einmal besonders hervortretend in einer Ecke des Ateliers, woraus man auf die Größe desselben schließen kann. Pfeiler und Balustraden, hübsch verziert, sind im Renaissancestil und so dient die Treppe hier, die Stufen mit einem bunten Teppich belegt, über das Geländer ein tiefblauer ihrer Nützlichkeit auch zur Seidendamaststoff herabhängend, neben Verzierung, besonders wenn hier schöne Frauen in leuchtenden Toiletten auf- und absteigen oder dort oben, behaglich auf die Brüstung gelehnt, das Atelier überschauen.

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Daß es unten an allem dem, was einen solchen Raum ausschmückt und was dem Künstler bei seinen Arbeiten dient, nicht fehlt, als: schwere farbige Stoffe in Wolle, Samt und Seide, gestickt und goldverziert, Waffen aller Art, Gefäße, Becher und Krüge in Silberbronze, Elfenbein, Terrakotte, Krystall und Glas, versteht sich von selbst; doch ist hier nichts, eine Absicht verratend, geordnet, sondern steht und liegt umher, wie und wo man es aus der Hand gesetzt, oder wie und wo es nach dem letzten Gebrauche stehen geblieben ist.

So ungefähr ist der Raum, in welchem die Huldigung der Katharina Cornaro gemalt wurde, wo Entwürfe, kleinere und größere Arbeiten, von der Hand des Meisters angefangen, halb vollendet oder fast fertig umherstehen und wo er sich eben jetzt selbst befindet, vor der oben erwähnten riesigen Leinwand, bescheiden gegen die Fremden zurücktretend, welche Baron Trieberg gebracht, und die sich mit Entzücken in dieses neue Werk des Meisters versenken.

Es ist ein Deckengemälde mit lebensgroßen Figuren, von dem uns alles – alles – der tiefblaue Himmel, die Blumen und Blüten, die Vögel und Schmetterlinge, die schönen Weibergestalten in ihren lichtvollen Gewändern, – mit einer Farbenglut, mit einer Pracht entgegenleuchtet, daß wir der allerdings enthusiastischen Bemerkung Triebergs, selbst des Meisters berühmte Abundantia käme, was Farbenpracht anbelangt, neben diesem neuen Werke des Meisters nicht mehr zur richtigen Geltung, fast beistimmen möchten.

»Jedenfalls ist es schade,« meinte Baron Breda, »daß dies Bild nicht mehr im großen Saale der Kunstsammlungen ausgestellt werden konnte, Cabanels Frühlingsfest wäre dagegen erschienen wie eine abgeblaßte Stickerei.«

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Alle diese Worte aufrichtiger, herzlicher Bewunderung, des enthusiastischen Lobes, die ruhigen, aber gediegenen Äußerungen des alten Herrn, die leuchtenden Blicke des schönen jungen Mädchens, die beredt genug ihr Entzücken ausdrückte, obgleich sie zur Verstärkung ihrer Gefühle ein paarmal ihre Rechte auf die Brust legte – alles das nahm der Meister mit einer Bescheidenheit, fast mit einer Ablehnung, mit einer so wohlthuenden Schüchternheit, ja gerade so auf, als empfange er das gespendete Lob für einen anderen, abwesenden, für welchen er nicht unterließ, liebenswürdig und freundlich zu danken; und wer ihn auch so sah, die mittelgroße, fast schwächliche Gestalt in dem unscheinbaren grauen Anzuge, die einfache, etwas gedrückte Haltung, das bleiche Gesicht mit dem ernsten, fast düstern Zug, hätte sich vielleicht mit fragender Miene nach dem Meister umgeschaut, wenn er nicht zu gleicher Zeit die hohe mächtige Stirn des kleinen Mannes betrachtet hätte, vor allem aber die dunkeln geistvollen, eine unendliche Gemütstiefe widerstrahlenden Augen.

Baron Trieberg, der neben dem Bilde stand, welches die junge Dame gerade betrachtete, um so in ihrem Gesichte schwelgen zu können, freute sich, als er sah, welchen Eindruck dieses Gesicht, vor allem aber die seltsamen Augen auf den Meister machten, und er bemerkte wohl, daß derselbe sie so aufmerksam und forschend anschaute, wie er zu thun pflegte, wenn er irgend etwas seinem Gedächtnisse fest einprägen wollte. Im übrigen ließ er sich, wie das so sein richtiger Brauch war, in seinen Arbeiten durch den Besuch nicht lange stören und als der alte Herr ein paar andere Bilder mit großer Aufmerksamkeit betrachtete, während sich die junge Dame in einen Lehnstuhl niedergelassen hatte, nahm er seine Palette wieder auf und arbeitete ruhig weiter.

Auch war Baron Breda als genauer Freund Makarts so freundlich, die Honneurs des Ateliers zu machen und dem alten Herrn allerlei interessante Dinge zu zeigen, seltene Waffen, kostbare Teppiche und Stoffe, vor allem aber eine Sammlung von Kostümen, welche aufs echteste, und was zum Beispiel Spitzen und Goldstickereien anbelangte, auch aus Echtem hergestellt waren und bei jenem großartigen fabelhaften Feste gedient hatten, das Makart nach Beendigung seines Bildes einer ausgewählten Gesellschaft hier gegeben – ein prachtvolles Maskenfest in den Kostümen jener reichen, malerischen venetianischen Zeit, als Katharina Cornaro den Thron von Cypern bestieg.

Währenddem saß das junge Mädchen vor dem Bilde des Meisters, scheinbar so teilnamlos für alles andere, im Anschauen desselben versunken, daß sie etwas zusammenfuhr, als der alte Herr, der gerade jene Gewänder betrachtete, sich mit einem lauten, für die andern unverständlichen Ruf an sie wandte und zu sich rief. Jedenfalls hatte der Ruf diese Bedeutung, denn sie erhob sich rasch, wobei sie ihre Rechte auf die Lehne des Sessels stützte; lind als sie das that, fühlte Trieberg, der dicht neben ihr stand und dessen Hand ebenfalls darauf gestützt war, nicht nur einen leisen Druck ihrer feinen Finger, sondern zu gleicher Zeit, daß zwischen den seinigen etwas zurückgeblieben war, was ihm wie ein zusammengerolltes Papierchen erschien.

Dann eilte sie davon gegen den alten Herrn und zeigte in Mienen und Blicken ihre Freude und Bewunderung beim Anblick der kostbaren Gewänder.

Den jungen Diplomaten hatte es wie ein elektrischer Schlag durchzuckt und er blickte scheu um sich, ob niemand jene Annäherung und Bewegung gesehen habe, doch war dies unbedingt nicht der Fall gewesen: Makart arbeitete ruhig weiter und der Rittmeister, der sich überhaupt sehr zurückhaltend gezeigt, stand abgewandt an einem Tische und betrachtete den eleganten Korb eines Toledanerdegens, den der Meister vor einigen Tagen gekauft.

Baron Breda war mit den Fremden bei den Kostümen beschäftigt gewesen und kehrte jetzt von dort mit ihnen zurück, worauf der alte Herr seinen Dank aussprach und auch die junge Dame, sichtlich bewegt, dem Meister ihre Hand reichte, der alsdann in seiner liebenswürdigen Art gegen den Vater sein Bedauern bezeigte, der jungen Dame nicht selbst seine Freude über diesen Besuch ausdrücken zu können.

Dann verließen sie von Trieberg geleitet das Atelier und an der Thür sagte der Oberst, der bis dorthin mitzugehen die Gefälligkeit gehabt hatte, leise zu seinem Freunde: »Das alles kommt mir jedenfalls ein bißchen türkisch vor, doch gratuliere ich von Herzen.«

Der junge Diplomat hatte krampfhaft seine rechte Hand geschlossen und noch nicht den Mut gehabt, das Bewußte auch nur flüchtig zu betrachten; jetzt that er es verstohlen, da die beiden ein paar Schritte vor ihm gingen, und sah, daß es wirklich ein zusammengerolltes Papierchen war, das er sich nicht enthalten konnte, entzückt an seine Lippen zu drücken, ehe er es in die Westentasche gleiten ließ; – dann traten sie an den Wagen und hier hatte Trieberg die glückliche Idee, als er den Schlag schloß, durch eine scheinbar ungeschickte Bewegung seine blühende Rosenknospe abzubrechen und zu den Füßen der jungen Dame fallen zu lassen.

»A–a–a–a–h!« rief er aus voller Brust, als die Equipage um die nächste Ecke verschwunden war, winkte einen Fiaker herbei, sprang in den Wagen und als er den grünen Vorhang an der Seite, wo er saß, herabgezogen, nahm er das Papierchen hervor und öffnete es nicht ohne große Bewegung; und was er las, war wohl im stande, dieselbe noch bedeutend zu steigern.

Es war ein kleines, kaum zwei Zoll großes Papierchen, auf welchem in den feinsten Schriftzügen und was ihn am meisten in Erstaunen setzte, in deutscher Sprache die Worte standen: »Sie haben mir Freundlichkeit bewiesen – ja mehr als das, und wenn ich Ihnen gestehe, daß das gleiche Gefühl, welches ich in Ihren Blicken zu lesen glaubte, auch mich beseelt, so darf ich mir wohl erlauben, daran die flehende Bitte zu reihen: – Helfen Sie mir, retten Sie eine Unglückliche! Sie wissen, wo wir wohnen, meine Kammerfrau wird Sie zu mir führen, sobald Sie heute abend Punkt neun Uhr erscheinen; vor Gefahr und Überraschung sind wir sicher, da beide unserer morgigen Abreise wegen außer dem Hause beschäftigt sind.«

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»Hm! – Hm! was ist das!« dachte Trieberg, dem ein so rasches und rücksichtsloses Vorgehen und Entgegenkommen, obgleich es ihn vor Freude beben machte, vor allem aber der bestimmten späten Stunde wegen doch etwas seltsam erschien. – – Er vertiefte sich mit aller Kraft seiner Erinnerung in die Vorfälle des gestrigen und heutigen Tages, er nahm seine ganze Phantasie zusammen, um jeden ihrer Blicke, jede ihrer Mienen, jedes ihrer Lächeln nochmals vor seine Erinnerung zu bringen und etwas zu finden, das ihm mehr als freundlich, mehr als voll Interesse, ja mehr als mit dem feinsten Tone vereinbar erschienen wäre, – er fand nichts, – er mußte sich gestehen, daß sie ihm in allen Formen des Anstandes als eine junge Dame von vollendeter Erziehung erschienen war und auch heute noch so erschien.

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Und der alte Herr? – sollte er trotz seines grimmigen Blickes und seiner grinsenden Freundlichkeit, die offenbar nicht vom Herzen kam, irgend eine Spekulation mit ihm vorhaben? – unmöglich nicht, aber gänzlich undenkbar – nein, nein, – wozu hätte er in einem solchen Falle sein, Triebergs, freundliches Entgegenkommen schon gleich am Anfange so schroff ablehnend erwidert?

Diese und ähnliche Gedanken bestürmten ihn, beschäftigten ihn, plagten ihn, verwirrten seine Sinne, ließen ihn bald heiß, bald kalt werden auf der Fahrt nach seiner Wohnung und dann noch stundenlang, während er ruhelos durch sein Zimmer schritt oder den Kopf in die Hand gesenkt, in der Ecke eines Diwans brütete.

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Jedenfalls lag etwas Außerordentliches vor ihm, was zu ergründen er fest entschlossen war.

Pah!« meinte er vor den Spiegel tretend, »daß dieses junge schöne Mädchen ein so lebhaftes Interesse für mich fühlt, finde ich weniger unbegreiflich, als daß sie schreibt, ich solle ihr helfen, sie retten und besonders, daß sie als Türkin das in deutscher Sprache schreibt; – – – – jedenfalls wollen wir diesem Abenteuer zur Ehre unseres alten Namens fest ins Auge schauen!«

Daß er zu seinem heutigen, sehr kleinen Diner nicht die »Stadt Frankfurt« aussuchte, wo er seine Freunde wußte, wird man begreiflich finden; ja er speiste in einer Restauration, wo er selten hinkam, also auch nicht bekannt war, ging dann noch eine Stunde im Stadtpark spazieren und richtete dann seine Schritte nach dem »Hotel Imperial«.

Es war ein schwüler Sommerabend, dem eine Gewitternacht folgen zu wollen schien, denn der Himmel hatte sich mit den dunstigen Vorläufern schwerer Wolken überzogen und über dem Kahlenberge zeigte sich leichtes Wetterleuchten; die Ringstraße war belebt, wie immer um diese Zeit, und ein Strom von Menschen, Wagen und Gleitern, der sich zwischen den vierfachen Reihen blendender Gaslaternen ergoß, machte es dem jungen Diplomaten zugleich mit der schon hereinbrechenden Dunkelheit möglich, das Hotel zu erreichen, ohne von jemand gesehen oder erkannt worden zu sein; auch befand sich hier im Vestibüle glücklicherweise niemand, als der vertraute Portier, der, ohne ein Lächeln zu wagen, aber mit unverkennbarem, wohlwollendem Verständnis die Worte flüsterte: »Erster Stock Nr. 4.«

Anscheinend sehr ruhig, aber doch nicht ohne Herzklopfen stieg Trieberg die Stufen hinauf, sah sogleich im Gange droben mit seinem scharfen Glase die bezeichnete Nummer, wurde auch, vor derselben angekommen, des Anklopfens überhoben, da sich die Thür geräuschlos öffnete und sich hinter ihm ebenso geräuschlos wieder schloß. – Eine ältere, einfach aber sehr anständig gekleidete Dienerin stand vor ihm und zeigte ein sehr ernstes, ja bedenkliches Gesicht, als sie ihm in einem vortrefflichen Französisch zögernd sagte: »Wenn ich dem Wunsche meiner Herrin folgend Sie zu ihr führe, so werden Sie es wohl begreiflich finden, daß ich im Nebenzimmer und ganz in der Nähe bleibe;« worauf der junge Diplomat nichts zu antworten wußte, als daß er jedes ihm geschenkte Vertrauen zu würdigen wisse und sich begreiflicherweise allen Anordnungen der jungen Dame unterwerfen werde.

Dann führte ihn die Dienerin nebenan in ein kleines Boudoir, wo es nach Rosenöl duftete und wo sie ihn einen Augenblick zu warten bat.

Dieser Augenblick zog sich indessen ein wenig in die Länge, oder schien es ihm nur so; – dann kam sie wieder, deutete auf den geöffneten Salon und sagte nichts weiter als: »Ich werde in der Nähe bleiben«. Die alte Dienerin hatte etwas von jenen spanischen Duennen, die mit hocherhobener Nase, die schwarzen, durchdringenden Augen halb geschlossen, in ähnlichen Fällen zu sagen oder wenigstens zu denken pflegen: »Nur über mich geht der Weg zu meiner Herrin«.

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In diesem prachtvoll möblierten Salon befand sich indessen niemand, wie Trieberg beim Scheine einiger strahlender Wachskerzenbouketts auf dem Kamine sah, doch erklangen jetzt nebenan die Töne einer Mandoline und der junge Diplomat, der, da er nun einmal den Rubikon überschritten hatte, sich deshalb weit sicherer und gleichmütiger fühlte, citierte unter einem kurzen Lächeln:

»Mein Gesang soll ihm das Zeichen geben.«

Er trat auch ziemlich unbefangen näher, ja als er an die entgegengesetzte Thür kam, vor welcher auf der andern Seite schwere Portieren niederhingen, schob er einen Teil derselben mit einer graziösen Handbewegung etwas auf die Seite und blieb dann allerdings verwunderungsvoll stehen, als er in das Gemach blickte, welches, im türkischen Geschmack möbliert und dekoriert, nur durch eine von der Decke herabhängende, mattglänzende Lampe erhellt wurde – ja so matt und schwach, daß er ein paar Sekunden brauchte, ehe er deutlich die Gestalt der jungen Dame entdecken konnte, die in der Ecke des Sofas ruhte, jetzt die linke Hand mit der Mandoline in den Schoß sinken ließ und ihm mit der Rechten winkte, näher zu treten; dann, als er ganz nahe gekommen war, erhob sie dieselbe wieder gegen ihn, wobei ihr weiter Ärmel von schwerer grauer Seide sowie das weiße, faltige Unterkleid aus jenem mousselinartigen Brussastoff zurückfiel und ihren herrlichen, schön gerundeten weißen Arm sehen ließ.

Da ihm durch nichts untersagt wurde, die zarte Hand zu küssen, so beschäftigte er sich für ein paar Sekunden damit, worauf sie langsam und unter einem tiefen Atemzuge ihren Arm sinken ließ und ihm zu gleicher Zeit ein Zeichen machte, sich neben sie zu setzen.

Er that das ziemlich dicht an ihrer Seite, denn er hatte schon jetzt das strenge Gesicht der Duenna, auch deren Worte, sowie die ganze Welt vergessen und fühlte sich hier in einer ebenso sichern als traulichen Abgeschiedenheit: vor den Thüren hingen die schweren Portieren, und wenn auch die Fenster des schwülen Abends wegen geöffnet waren, so waren doch dichte Jalousieen davor herabgelassen, die sich im leichten Nachtwinde, aber kaum merklich, aus und ein bewegten.

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– – – – »O mein Fräulein,« rief er jetzt mit gedämpfter Stimme, »wenn Sie wüßten, wenn Sie es ahnen könnten, wie glücklich mich Ihre lieben Zeilen gemacht, wie ich es schon fast als eine Unmöglichkeit angesehen, mich Ihnen nähern zu können, um Ihnen zu sagen, welch tiefen, unverwischbaren Eindruck Sie auf mein Herz gemacht!«

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Er hatte diese Worte mit Aufwendung alles ihm möglichen Gefühls in deutscher Sprache gesagt, unterbrach sich aber jetzt, indem er flüsternd hinzusetzte: »O mein Gott, ich weiß ja nicht einmal, ob Sie mich verstehen – nicht bildlich gesprochen, ob mich Ihr Herz verstehen will, sondern ob die für mich süßen Laute meiner Muttersprache bekannt an Ihr Ohr dringen.«

Auf ihren schönen Zügen erschien ein leichtes verlegenes Lächeln, worauf sie den Kopf tief hinabsenkend flüsterte: »Ich gab Ihnen ja schon durch meine Zeilen zu verstehen, daß ich Ihre Sprache kenne.«

. »O Glück, o Wonne!« rief er enthusiastisch aus, indem er ihre kleine Hand ergriff, die sie ihm willig ließ, »so ist es mir denn möglich, zu Ihnen reden zu dürfen, Ihnen alles zu sagen, was ich Ihnen sagen möchte, selbst auf die Gefahr hin, Ihre süßen, schönen, leuchtenden Augen sich verfinstern zu sehen, – – aber gänzlich überrascht, erstarrt, jedoch in seligem Erstaunen sehen Sie mich vor diesen Rätseln stehen, flehend um Auflösung derselben! – – – – Gewiß verstanden Sie also schon heute und gestern meine Worte, und vermochten es über sich,« setzte er mit einem leisen, vorwurfsvollen Anklang hinzu, »mich vergeblich nach einem süßen Worte von Ihnen schmachten zu lassen – o wie grausam! – ließen mich glauben, daß Sie nur Türkisch verständen – nicht wahr, Sie erklären mir diese Rätsel – – teures Fräulein – anders weiß ich Sie nicht zu nennen, da ich noch nicht das Glück habe, Ihren Vornamen zu kennen!«

»Bst,« hauchte sie auf einmal sich aufrichtend und die Hand rasch erhebend, wobei ihre Mienen deutlich zeigten, daß sie auf irgend ein Geräusch, welches sie zu hören glaubte, lausche – – »bst« – – dann fragte sie hastig: »Kamen Sie von der Straße her oder durch den Garten?«

»Von der Straße her, mein Fräulein, ich kenne den Gartenweg nicht.«

»O dann ist's gut,« gab sie sichtbar erleichtert zur Antwort, »der Gartenweg ist weit gefährlicher, hinter den Gebüschen, hinter den Blumengruppen können die Verräter lauern, das Gemurmel der Springbrunnen ließ Sie nicht vernehmen, wenn man rachedürstend hinter Ihnen herschleicht, und was Sie vielleicht für das Leuchten mondbeschienener Wasserflächen hielten, wäre nichts anderes als das Glänzen ihrer Mörderdolche – mein Freund, o mein Retter, helfen Sie, retten Sie mich von meinen Verfolgern!«

Sie hatte das so sichtbar in steigender Angst gesprochen, wobei schwere, ängstliche Atemzüge ihren schönen Busen schwellten, wobei sich ihre dunkeln Augen auf eine eigentümliche Art belebten, daß er sie mit grenzenlosem Erstaunen betrachtete, aber dabei nicht zurückwich vor diesen flammenden Blicken, vor den geöffneten bebenden Lippen, zwischen denen jetzt die weißen, fest aufeinandergepreßten Zähne hervorschimmerten, als sie, die Augen plötzlich schließend, ihre Arme um seinen Hals warf, sich fest an ihn drückte und mit ersterbender Stimme flüsterte: »Ja, hilf mir, rette mich, mein Geliebter!« – – – –

Er befand sich da in einer etwas eigentümlichen Lage! Es war das alles so rasch gekommen, so ohne Übergang, daß ihm fast vor dieser Leidenschaftlichkeit graute, und um so mehr, als es kein sanftes Anschmiegen ihres Körpers an seine Brust war, was er in dieser Umarmung fühlte, sondern ein krampfhaftes Anpressen, währenddessen er allerdings, höchst gefährlich für seine Ruhe, deutlich jeden ihrer tiefen, stürmischen Atemzüge zu fühlen vermochte – – auch schien es ihm gerade, als habe er den Vorhang an der Thür, zu welcher er hereingekommen war, sich leicht bewegen gesehen! Er ergriff deshalb ihre Hände, löste dieselben sanft von seinem Halse, unterstützte ihr schönes Haupt, welches mit geschlossenen Augen rückwärts sinken zu wollen schien, mit seinem Arm und sah nun in äußerster Aufregung in diese bleichen, ebenso edlen als reizenden Züge.

Ja sie war wunderbar schön in diesem Augenblicke, und je mehr seine eigenen Atemzüge in Einklang kamen mit ihren immer heftigeren ungestümeren, um so wilder stürmte sein Blut, um so heißer blickte er auf sie nieder, um so tiefer beugte er sein Gesicht auf das ihrige hinab – gewiß nur, um ihre leise geflüsterten Worte verstehen zu können, die fast unverständlich zwischen den bebenden Lippen hervordrangen. –

– – – – »Sage mir, daß du mir helfen willst, weil du mich liebst, weil du mich lieben willst, immer und ewig – mag auch kommen was da will – sage mir das, und während du es mir sagst, sollst du mich küssen.« – –

Er war ihrem Gesichte dabei so nahe gekommen, daß er nicht nur den Hauch ihres Mundes fühlte, sondern gleich darauf ihre heißen feuchten Lippen – – aber nur die Idee eines Augenblicks, dann stieß sie ihn gewaltsam von sich, entwand sich kräftig seinen Armen, sprang wie von einer Feder geschnellt empor und stand nun vor ihm, die rechte Hand hoch erhoben, während ihre wieder weit geöffneten Augen fast unheimlich leuchteten und sie ihm in einem energischen Tone zuherrschte: »Schwöre mir, daß du mein Helfer und Retter sein willst! – – ja schwöre mir feierlich, wahr und offen!«

»Kannst du an meinem guten Willen zweifeln?« entgegnete er, erstaunt ja ehrfurchtsvoll zu ihr aufblickend, denn sie stand vor ihm, nicht mehr jenes heiße, schwärmerische Mädchen, das vorhin bittend an seine Brust gesunken war, sondern gewaltig anzuschauen, wie eine Herrscherin, wie eine Königin, die gewohnt ist, ihren Sklaven zu befehlen.

»Schwöre denn – – schwöre unbedingt und vertrauensvoll!«

»Gut, ich schwöre, dir zu helfen wo ich kann – – möchte aber viel lieber schwören, daß ich dich liebe.«

»Und würdest vielleicht einen doppelten Meineid begehen,« entgegnete sie, indem kaum bemerklich ein verächtlicher Zug um ihre Lippen spielte, – »doch sei es darum, ich will und muß dir glauben, aber glaube auch du,« hier erhob sie abermals und fast drohend ihre rechte Hand, »daß ebenso, wie meine Liebe das köstlichste Gut ist, meine Rache furchtbar sein würde.«

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Wieder schien sich die Portiere zu bewegen, doch war es vielleicht nur infolge des Luftdrucks von dem geöffneten Fenster her, denn der Wind schien sich jetzt stärker erhoben zu haben, auch flammte zuweilen ein rascher Blitz durch die Jalousiespalten und von fern her rollte ein schwacher, lang nachhallender Donner.

Die junge Dame hatte sich rasch umgewandt, war an das Fenster getreten, hatte dort beide Hände kreuzweise über die Brust gelegt, dabei ehrerbietig ihr Haupt geneigt, und nahm nun von einem Tischchen ein kleines Kästchen, mit dem sie wieder dem Diwan zuschritt, auf dem der junge Diplomat, und wir müssen gestehen – in großem Erstaunen befangen, schweigend sitzen geblieben war. Mit majestätischer Gebärde gebot sie ihm, sich nicht zu erheben, und sagte nun mit fester klangvoller Stimme: »Bleibe sitzen, trotzdem ich vor dir stehe. Ich will es so, weil ich dich liebe, obgleich du schon jetzt überzeugt sein wirst, daß dein Platz eigentlich hier zu meinen Füßen wäre, ehrfurchtsvoll zu mir aufschauend; denn wisse,« fuhr sie mit wieder aufleuchtendem Auge fort, »ich bin die Tochter Alis, des großen Pascha von Janina, – – zweifelst du daran?«

Als sie diese letzten Worte sprach, leuchteten ihre Augen nicht nur, sondern sie flammten in düsterer Glut, – ihre soeben noch so sanften Gesichtszüge hatten einen unheimlichen, fast verzerrten Ausdruck angenommen und mit ihrer rechten Hand griff sie langsam unter ihr durch die heftigen Bewegungen locker gewordenes Obergewand, wobei Trieberg deutlich sah, daß sie dort etwas erfaßte, wie den Griff eines kleinen Dolches.

Wahrhaftig! – in diesem Augenblicke wäre ihm ein stärkeres Bewegen der Thürvorhänge, ja das Erscheinen der Duenna selbst nicht gerade allzu unliebsam gewesen, denn er fühlte mit einemmale klar und deutlich, daß er sich da in ein Abenteuer eingelassen hatte, dessen Folgen nicht zu berechnen, im besten Falle aber derart waren, daß, wenn dieses Abenteuer bekannt wurde, es den Schein der Lächerlichkeit auf ihn werfen konnte. – Armes, unglückliches Mädchen! dachte er und dabei mochte auch sein Blick von tiefem Mitleid erfüllt sein, denn sie schien seine Gedanken zu verstehen, und wie er sie jetzt fest und innig anschaute, schmolzen ihre starren Gesichtszüge zu einer unbeschreiblichen weichen Wehmut zusammen, sie seufzte tief und schmerzlich auf, bedeckte ihre Augen mit der rechten Hand, und da sie zu gleicher Zeit die Linke herabsinken ließ, so entfiel das Kästchen ihren Fingern, der Deckel öffnete sich und um sie her zu ihren Füßen und zu denen Triebergs blitzte, flammte, strahlte und leuchtete es, glühend in allen Farben unzähliger Brillanten, Smaragden und Rubinen.

– – – – Mit einem leisen Weheruf sank sie zusammenbrechend den glänzenden Geschmeiden nach, und ehe er sie auffangen konnte, lag sie auf dem Teppich zu seinen Füßen, ihr Haupt von dem aufgelösten, reichen, schwarzen Haar umflutet, ihn mit einem unsagbar liebenden Blicke anschauend, während ihre leicht geöffneten Lippen bebend die Worte ausstießen oder vielmehr hauchten: »Und trotz allem dem liebe ich dich, will dich immer und ewig lieben, mein Freund, mein Helfer und Retter.« – – –

– – – – In diesem Augenblicke bewegten sich nicht nur die Vorhänge an der Thür, sondern wurden langsam auseinander gebreitet und auf der Schwelle stand – nicht die Duenna, sondern der alte Herr selbst, die Lippen fest aufeinander gepreßt, die Züge von tiefem Kummer beschattet. Er winkte mit der Hand abwehrend, als sich Trieberg aufs höchste überrascht erheben wollte, trat dann mit leisen, unhörbaren Schritten näher, legte, bei dem Diwan angekommen, seine Hand auf das Haupt des jungen Mädchens und sagte in einem Tone, dessen Beben seine tiefe Bewegung verriet: »Aline, mein Kind, ich – ich bin es – fürchte nichts – ich bin bei dir – ich bin auch zur Gesellschaft gekommen und will freundlich mit dir plaudern – komm, setze dich zu uns!«

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Damit hob er sie sanft vom Boden auf, was sie ohne Widerstreben geschehen ließ, und führte sie zum Diwan; doch atmete sie schwer und mühsam, ließ den Kopf auf die Brust herabsinken, hielt die Hände gefaltet in ihrem Schoß, und die einzige Bewegung, die sie machte, war die eines ihrer kleinen Füße, mit welchem sie die funkelnden Geschmeide von sich stieß.

Trieberg hatte sich rasch erhoben und stand da in der peinlichsten Stimmung, die allerdings dadurch etwas gemildert wurde, daß ihm der alte Herr nach einer Verbeugung schweigend die Hand reichte, und daß seine Züge statt der Härte von vorhin eine milde, wehmütige Freundlichkeit zeigten.

Auch Trieberg verbeugte sich zum Abschiede nach einer halben qualvollen Minute, wobei er begreiflicherweise nicht im stande war, auch nur ein einziges Wort zu sprechen, und zog sich dann, von dem alten Herrn begleitet, gegen die Thür zurück.

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Doch sollte diese auch für Trieberg höchst ergreifende Szene noch nicht ganz beendet sein, denn die junge Dame erhob sich rasch, machte ein paar Schritte gegen ihn, ihre Lippen bewegten sich, als ob sie sprechen wollte, und ein inniger, bittender Blick traf ihn aus ihren leuchtenden Augen; dann preßte sie beide Hände vor das Gesicht, wandte sich um und floh ins Nebenzimmer.

– – – – – Es war keineswegs ein behaglicher Gang, die kurze Strecke durch die angrenzenden Zimmer, welche Trieberg, von dem alten Herrn begleitet, zurücklegte; auch hätte er trotz seiner Gewandtheit nicht die richtigen, entschuldigenden Worte gesunden, wenn ihm der alte Herr nicht in einer milden Weise gesagt hätte: »Es ist das eben ein großes Unglück und ich kann nur bedauern, daß Sie, nicht ganz ohne Ihre Schuld, damit in Berührung kamen. Halten Sie mich aber für keinen leichtsinnigen Vater, der, anstatt unter solchen Verhältnissen zu Hause zu bleiben, die Zerstreuungen der Welt aufsucht, – – o mein Gott, es geschieht ja das alles nur ihr zuliebe, auf den Rat bewährter Ärzte, die der Hoffnung leben, daß vielleicht dadurch die nur momentan erscheinende Geistesnacht meines armen Kindes gemildert wird: ja, daß heitere Eindrücke vielleicht im stände sind, sie gänzlich dem Leben und damit vielleicht auch dem Glücke wiederzugeben!«

Dann an der äußeren Thür angekommen, reichte er dem jungen Manne nochmals seine Rechte, die dieser mit beiden Händen ergriff und innig drückte, während er sagte: »Und mir werden Sie gestatten, Sie herzlich um Verzeihung zu bitten, daß ein so wahrhaft unglückliches Zusammentreffen Ihnen vielleicht neuen Kummer verursacht; seien Sie aber überzeugt, daß mir diese Begegnung, so schmerzlich sie mir auch sein mußte, unvergeßlich bleiben wird, und lassen Sie mich trotz allem dem die Bitte wagen, später eine und hoffentlich günstige Nachricht über das Befinden Ihrer mir teuer gewordenen Tochter zu erfahren.«

Dann trennten sie sich, und als Baron Trieberg sehr langsam die Stufen hinabsteigend auf die Straße kam, gereichte es ihm zu einem ganz außerordentlichen Vergnügen, daß sich das Gewitter, blitzend, donnernd, brausend und Regen herabsendend, soeben in schönster Pracht entfaltet hatte. Brauchte er jetzt doch nicht zu fürchten, daß seine ziemlich laut geführten und für ihn gerade nicht schmeichelhaft klingenden Selbstgespräche von Unberufenen gehört wurden; konnte er doch den himmlischen Donner für eine Strafpredigt annehmen und den Regenguß für ein wohlverdientes Abkühlungsmittel! – hätte denn er mit seiner Menschenkenntnis nicht sogleich das Leiden dieses armen, lieben, schönen Geschöpfes aus ihren seltsamen Blicken erraten müssen! – Allerdings hatten der Oberst und Wölter das auch nicht gethan – aber er hätte an der doch etwas gar zu raschen Art ihrer Annäherung erraten müssen, daß da nicht alles in Ordnung sei, statt diese rasche und plötzliche Eroberung nur seiner grenzenlosen Liebenswürdigkeit zuzuschreiben. Ein mitleidiger, heftiger Donner scheuchte den jungen Diplomaten in seine soeben erreichte Wohnung hinein.

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Was sollte, was konnte und durfte er den Freunden von dem Abenteuer mitteilen? – so wenig als möglich und doch wieder genug, um in seinen Bestrebungen nicht für als gänzlich verunglückt und lächerlich zu erscheinen. Dabei aber nahm er sich vor, die Dame in Aschgrau ihnen gegenüber so hoch als möglich zu stellen.

Erleichtert wurde ihm ein erdichteter Schluß seines kleinen Verhältnisses dadurch, daß, als er am andern Morgen allerdings mit einiger Scheu bei dem Portier des »Hotel Imperial« vorsprach, dieser ihm bedauernd sagte, Herr Müller aus Lüneburg sei mit Tochter und Dienerschaft in aller Frühe abgereist.

Als er hierauf seine Freunde wieder beim Diner in der »Stadt Frankfurt« traf, beging er durchaus keine Indiskretion, indem er, den Schleier des gestrigen Tages ein wenig lüftend, mit einem wahren Enthusiasmus von der Schönheit und den seltenen Eigenschaften jener jungen Dame sprach, mit der er das Glück gehabt habe, noch eine interessante Stunde, natürlich im Beisein ihres Vaters, zu verleben. Und nachdem er hinzugefügt, daß höchst eigentümliche, allerdings etwas unheimliche Nebenumstände es gewesen seien, welche das junge schöne Wesen genötigt, sich ausschließlich der türkischen Sprache zu bedienen, – Umstände, von denen er etwas nach Angelobung unverbrüchlichen Stillschweigens erfahren – schloß er unter einem düsteren Blicke mit jener horizontalen Handbewegung, die anzudeuten pflegt, alles sei vorüber, und sagte mit einem tiefen Seufzer: »Heute morgen ein Viertel vor sechs Uhr sind sie abgereist,« so durch die genaue Mitteilung der Stunde der Abreise durchscheinen lassend, daß er wahrscheinlich unter den schmerzlichsten Gefühlen gegenwärtig gewesen sei.

In der gerade jetzt so bewegten Zeit des schönen, lebhaften, lustigen Wien hatten die beiden Freunde Triebergs die Dame in Aschgrau sehr bald vergessen, ja man hätte ihrer wohl nicht mehr gedacht, wenn Makart nicht eines Tages, als der junge Diplomat zum erstenmale nach jenem Besuche wieder in des Meisters Atelier war, etwas still, stumm und in sich gekehrt lächelnd einen Rahmen, der umgekehrt an der Wand lehnte, auf die Staffelei gestellt hätte – eine rasch hingeworfene, aber unglaublich ähnliche Skizze jenes schönen bleichen Kopfes mit den dunkeln, seltsamen Augen, in einem einfachen aschgrauen Gewande, durch welches die edlen und so sympathischen Gesichtszüge noch schärfer hervorgehoben wurden, – ein Geschenk für Trieberg, welches dieser begreiflicherweise mit so großer Freude, mit so stürmischem Danke annahm, daß ihn Baron Breda lächelnd fragte, ob er gute Nachricht von der Entschwundenen habe.

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Leider mußte er das der Wahrheit gemäß verneinen, glaubte auch trotz seiner gegen den alten Herrn ausgesprochenen Bitte kaum darauf hoffen zu dürfen und war deshalb wenige Wochen später außerordentlich überrascht und erfreut, als er nicht nur ein Schreiben des alten Herrn Müller aus Lüneburg erhielt, sondern als er mit hochklopfendem Herzen aus diesem Schreiben ersah, daß der Zustand jenes armen jungen Mädchens seit jener denkwürdigen Stunde gänzlich verändert sei, und daß man Hoffnung, ja fast Gewißheit für ihre gänzliche Genesung habe; – hatte sie doch selbst ein paar Zeilen beigefügt, worin sie mit ungekünstelten, herzlichen Worten ihrem Retter dankte, den sie als solchen nie vergessen werde.

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Daß Trieberg diese Briefe eilig und bestens beantwortete, braucht kaum erwähnt zu werden, vielleicht eher, daß er unter der Hand Erkundigungen einzog über die gesellschaftlichen und anderen Verhältnisse des alten Herrn Müller in Lüneburg.

Vielleicht stand es mit diesen Erkundigungen im Zusammenhange, daß er eines Tages seinen beiden Freunden erklärte – sie hatten gerade wieder einmal wie zu Anfang unserer kleinen Geschichte in der schwedischen Restauration gefrühstückt – er habe es sich denn doch genau überlegt, sei von seiner Schwärmerei für eine Stellung bei der türkischen Gesandtschaft zurückgekommen und im Begriff, sich um die gerade erledigte Stelle eines Generalkonsuls in Hamburg zu bewerben.

»Allerdings ein großer Unterschied,« meinte der Rittmeister, »statt dem sonnigen Süden der nebelige Norden, acht Monate Winter und auch Frühjahr- und Herbstzeiten häufig grau in Grau gemalt!«

»Vielleicht zieht ihn gerade diese Farbe an,« sagte Baron Breda lächelnd, – »denn gestehen müssen Sie schon, lieber Trieberg, daß seit einiger Zeit Ihre Laune, die früher so heiter und rosenfarbig war, etwas ins Aschgraue hinüberspielt.«

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Doch schüttelte der junge Diplomat lächelnd mit dem Kopfe, ehe er zur Antwort gab: »Ehrlich, wie ich gegen euch immer gewesen bin, will ich die Worte des guten, lieben Obersten der Wahrheit gemäß dadurch verbessern, daß ich sage: meine Laune hat durchaus keinen aschgrauen Schimmer, reflektiert aber allerdings etwas von dieser Farbe, aber mit Hoffnungsgrün verziert, was immerhin auch eine hübsche Toilettezusammenstimmung ist.«

»Da haben wir diesen Verräter,« rief Baron Breda mit heiterer Stimme, »und wie hat er uns hinters Licht geführt! – Zuerst erzählt er uns eine türkische Fabel, dann spielt er mit trüben Mienen auf eine unheimliche Geschichte an, – solch eine, welche Liebende ohne Erbarmen auseinanderreißt, welche Herzen zertrümmert, – und nun erst, da er auf einmal findet, daß es sich, statt im lichten Süden, angenehmer leben läßt im aschgrauen Norden, schenkt er uns reinen Wein ein!«

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»Ja, lieber Oberst,« rief Trieberg mit aufleuchtenden Blicken, »und wenn Sie mir heute gestatten wollen, in Wirklichkeit auch den besten sprudelnden Schaumwein, den die Weltausstellung bietet – ach ich sehe,« – setzte er lachend hinzu, »Erich hat mich schon verstanden.«

Dann stießen die Gläser klingend zusammen, und der Rittmeister sagte in heiterem, lustigem Ton: »Also auf die schöne Unbekannte in Aschgrau!« worauf der junge Diplomat herzlich dankend in freudigem Tone erwiderte: »Ja, in Aschgrau, doch nur in der bekannten Umschreibung:

Grau, teurer Freund, ist alle Theorie
Und grün des Lebens goldener Baum.«

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