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III.

Der alte Pfarrer von Schwelmroda hatte oft mit seiner ehrsamen Hausfrau die wunderbaren Veränderungen besprochen, welche mit der Gutsherrschaft vorgegangen waren; jedoch geschah dies seinerseits in versöhnlichem, christlichem Sinne, und wenn ihm seine Hausehre allzu eifrig zutrug, was die Leute sagten und lästerten, so pflegte sie der würdige Seelsorger stets mit salbungsvollen Worten zur Ruhe zu verweisen.

So war es eines Sonnabends nachmittags, als der greise Pfarrherr mit seiner Ehehälfte und den jüngsten Kindern in der schattigen Gartenlaube saß. Der alte Herr rauchte seine Pfeife, küßte seine Goldköpfchen und memorierte seine Predigt für den morgenden Tag. Die Frau Pfarrerin strickte, nachdem das Kaffeegeschirr auf die Seite geräumt war. Im Sonnenschein auf dem Mäuerchen schnurrte der alte Hauskater, und zu den Füßen des Tisches lag unbeweglich der treue Phylax, seines Zeichens ein lahmes Wachtelhündchen.

Eben wieder hatte die Pfarrerin die Zustände im Rabenschloß besprochen und abermals einige Neuigkeiten berichtet, wie sie in der Leute Mund umliefen und die öffentliche Meinung immer mehr erhitzten.

»Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet werden,« sprach der würdige Pfarrherr, »Gott allein prüft Herzen und Nieren. Wir sollen uns seine Allwissenheit nicht anmaßen. Ich halte die Ärmsten immer noch für schuldlos und kann ihr Los nur beklagen. Es ist ein Leidwesen, daß sie unser Haus so ängstlich meiden; ich möchte um alles in der Welt nicht, daß die Herrschaft meine, es werde hier lieblos über sie gesprochen, ich bitte dich deshalb, den Leuten dein Ohr zu verschließen und mich mit solchen Mitteilungen in Zukunft zu verschonen. Dauert übrigens die Entfremdung noch länger fort, so wird es meine Pflicht sein, die armen verirrten Schafe selbst aufzusuchen.«

Nach diesen Worten war eine momentane Stille eingetreten. Plötzlich schlug das lahme Wachtelhündchen an und bellte heftig gegen die Gittertür des Gartens.

»O Jesus, da kommt sie selbst! Deine Mühe kannst du dir sparen,« rief die Frau Pfarrerin mit unterdrückter Stimme – »aber ich kann sie nicht sehn noch sprechen – nicht um alles in der Welt!«

Mit diesen Worten stand die Frau eilig auf und entwich mit den Kindern aus dem Garten; um der Verhaßten nicht zu begegnen, nahm sie ihren Weg durch einen anstoßenden Holzschuppen.

Wirklich schritt in diesem Augenblick eine Dame in tiefer Trauer den kleinen, engen Weg herauf, der den Pfarrgarten von dem anstoßenden trennte, und trat eine Minute später durch die große Einfahrt in den Hof.

Der Pfarrherr fühlte sich von diesem Besuche eigentümlich bewegt. Nur mit Mühe brachte er den noch immer bellenden Hund zur Ruhe und schritt der verehrten Gutsherrin entgegen.

»Welch seltener Besuch, gnädige Frau.«

»Ich muß Sie endlich sprechen, Herr Pfarrer, aber nicht hier. Bitte, führen Sie mich in Ihr Zimmer,« sagte Frau Gertrud, indem sie die dargebotene Hand des alten Pfarrers mit einer gewissen Hast ergriff und festhielt. Der Geistliche sah jetzt, welche zerstörenden Veränderungen die Erlebnisse der letzten Monate auf dem noch schönen, anmutigen Antlitz der einst Gefeierten angerichtet hatten.

Erschüttert führte er die Dame in sein Studierzimmer, welches im Erdgeschoß des Pfarrhauses lag. Dort angekommen, ließ sich Gertrud, als wäre sie schwer ermüdet, auf einen der Ledersessel am Fenster nieder. Der Pfarrer fürchtete, es würde nun sofort ein Ausbruch des Seelenleidens folgen, und er gönnte dem gequälten Gemüt eine derartige Erleichterung; allein Frau Gertrud blieb ganz ruhig, ihr tränenloses Auge war mit starrem Blick gerade vor sich hingerichtet, und mehrere Sekunden vergingen, bevor ihre Lippen das erste Wort fanden.

Der würdige Geistliche war tief ergriffen, seine einstige Schülerin und Freundin in solchem Zustande tiefsten, wortlosen Grams zu sehen. Er stellte seine lange Tabakspfeife in die Ecke, nahm das Sammetkäppchen vom Haupt, setzte sich dann langsam auf einen Sessel der Dame gegenüber und faltete seine Hände.

»Zuerst, Herr Pfarrer, meinen innigen Dank für alle Ihre Liebe und Treue,« begann Frau Gertrud nach einer Weile, »Sie denken besser von uns als die falschen Menschen, die unser Leben zerstören.«

»Ich kenne Sie ja von Jugend auf, meine liebe, gnädige Frau,« sagte der Pfarrer, »ich habe Sie immer verehrt und hochgeschätzt, das wissen Sie.«

»O, sagen Sie das nicht,« unterbrach ihn hastig Frau Gertrud, indem sie ihre Augen senkte. »Ich habe Ihre Achtung längst verloren seit jenem Fehltritt, den ich mir Zeit meines Lebens nicht verzeihen kann – und Sie haben mich nicht einmal gescholten.«

»Wohl habe ich getrauert um Sie, gnädige Frau,« erwiderte der Pfarrer, nicht ohne eine gewisse Verlegenheit. »Indes, wurde ein Fehler begangen, so ist er ja gesühnt worden, und der Herr hat Sie wieder auf den rechten Weg zurückgeführt. Lassen Sie uns dies nicht mehr berühren. Ich habe Ihnen mein Vertrauen und meine Freundschaft nie entzogen, auch wenn vielleicht Ihrerseits in letzter Zeit ein Zweifel darüber bestand.«

»Ich weiß, ich verdiene Ihren Vorwurf, Herr Pfarrer,« erwiderte Gertrud stockend, »ich hätte längst schon zu Ihnen kommen, Ihnen offen mein Herz ausschütten sollen. Aber glauben Sie mir, ich wagte es nicht. Mir schien es Pflicht, lieber schweigend zu tragen und zu dulden, statt die Nemesis herauszufordern. Außerdem hielt mich auch das Mitleid mit einer Person zurück, über die ich zu urteilen mir kein Recht zusprechen durfte. Jetzt aber ist das Maß voll, und ich habe auf keine Rücksichten mehr zu achten.«

»Sie erschrecken mich mit einem solchen Anfang, was werde ich hören müssen!« rief der alte Pfarrherr, und seine Hand entzog sich unwillkürlich der Gertruds, welche fortfuhr:

»Ach Gott, es wäre vielleicht alles anders und besser, wenn ich Katholikin wäre und Sie ein katholischer Priester. Warum haben Sie die Beichte abgeschafft? Ihnen kann ich zuletzt doch nicht alles anvertrauen, so wie ich möchte und sollte.«

»Meine liebe, gnädige Frau,« erwiderte der Pfarrer, »Sie sind im Irrtum, wenn Sie glauben, daß die evangelische Religion das alte, segensreiche Institut der Beichte abgeschafft habe. Wir haben nur die zwangsweise Verpflichtung aufgehoben und es dem freiwilligen Ermessen jedes einzelnen anheimgestellt, ob er von dieser Wohltat Gebrauch machen wolle oder nicht. Wir sind die Seelsorger unserer Gemeinde und nehmen gern die Beichte derer entgegen, die sich dazu gedrungen fühlen. Wollen Sie mich zum Vertrauten Ihres Kummers, Ihrer Sorge machen, so sollen Sie einen liebevollen Vater, einen treuen Freund und Berater an mir finden. Noch lieber freilich wäre es mir, wenn ich Ihnen nicht bloß mit tröstlichen Worten sondern durch tätigen Beistand, durch hilfreiche Vermittelung in Ihren schwierigen Lebensverhältnissen förderlich sein könnte.«

»Jawohl, darum handelt es sich,« sagte Frau Gertrud. »Und damit ich meine Wünsche gleich in ein Wort zusammenfasse, so verlange ich von Ihnen die Scheidung meiner Ehe. So, wie ich jetzt lebe, kann es nicht fortgehen; keinen Tag länger! Und sehen Sie, Herr Pfarrer, jetzt bin ich wieder froh, daß ich keine Katholikin bin, für die eine solche Rettung unmöglich wäre. Nein, lieber den Tod, als unlösbare, ewige Fesseln; ich sehe kein anderes Ende, wenn eine Scheidung unmöglich wäre. Noch eine Szene wie gestern, und Sie brächte mich unter die Erde!«

Sie schwieg einen Moment erschöpft, während der Pfarrer bekümmert und erschrocken sein Haupt wiegte und vergebens nach Worten suchte.

»Dann fuhr sie in ruhigerem Tone fort: »Sie müssen wissen, daß ich die Verwaltung des Gutes wieder in meine eigene Hand genommen habe. Sie können denken, weshalb. Meinem Manne gehorcht niemand mehr. Er ist so gut wie überflüssig geworden seitdem ein gewisses Geheimnis in aller Leute Mund ist. Es war durchaus notwendig, daß ich selbst wieder das Regiment übernahm, sonst wäre alles zugrunde gegangen; aber das empört ihn nun, das sieht er nicht ein, und er geht so weit, mir vor den Dienstleuten eine Szene zu spielen, die Herausgabe der Schlüssel zu verlangen und auch wirklich zu erzwingen, ich werde krank, wenn ich es nur erzähle. Zwar ich sehe es Ihnen an, Herr Pfarrer, Sie halten diese Klagen nur für einen Vorwand, um Ihnen den eigentlichen Grund zu verheimlichen. Nein, ich will nichts mehr verschweigen. Sehen Sie, alles, was ich Ihnen geschildert, ist ja nur das äußere Elend, die äußere Folge von schlimmeren Dingen. Ich wollte ja gern alles tragen, gern mich in mein Joch ergeben, und selbst meines Lebens nicht sicher sein vor ihm, wenn nur der Ruf des Hauses rein geblieben wäre, ach, mein lieber Herr Pfarrer, dieser Zustand ist grauenvoll! Sie können sich nicht vorstellen, was es heißt, keine Ruhe mehr zu haben im Gewissen. Trockenes Brot wollte ich lieber essen und betteln gehen mit meinem Mann, wenn mir nicht ein Gedanke täglich wiederkehrte – ein Gedanke, der mir noch das Hirn sprengt und mich rasend macht: der Gedanke, der, mit dem du lebst, ist der Mörder deines Vaters!«

»Also doch!« rief der Pfarrer und stand auf, um das Fenster zu schließen. Man konnte jedes Wort der aufgeregten Frau auf der Straße hören.

»Schließen Sie nicht die Fenster!« rief Frau Gertrud. »Es ist doch umsonst; bald wird es alle Welt wissen, denn die Toten ruhen nicht, bis sie gesühnt sind. Wer hätte es gedacht, daß es dahin kommen sollte mit uns – daß ich zu meinem Ehemann einen solchen Menschen wählen mußte. Gott im Himmel weiß, ich habe ihn heiß geliebt, ich habe ihm alles zum Opfer gebracht, was ein Weib zum Opfer bringen kann. Ich habe mir selbst jeden Verdacht ausgeredet, ich habe mir gesagt, es ist ein Wahn, ein fremdes Gift, eine ungeheuerliche Lästerung, ich habe mich betäubt, in Liebe und Leidenschaft, und habe mich selbst verwünscht, wenn jener schreckliche Gedanke wieder kommen wollte. Nur so ist es mir gelungen, ihn zu verscheuchen und einzuschläfern; aber an jenem Abend in Habichtshausen hat man es mir öffentlich sagen müssen, zu welchem unnatürlichen, verruchten Geschöpf ich herabgesunken bin. Seitdem bin ich innerlich getrennt von ihm, und jeder Tag hat die Kluft zwischen uns erweitert. Es muß zum Ende kommen – oder soll ich noch einen Tag länger mit einem Verbrecher leben, an dessen Hand vielleicht das Blut meines Vaters klebt? Ach, ich bin ohnehin genug gestraft durch den Tod des Kindes und die Verachtung der ganzen Welt!«

Der Pfarrherr hatte die Erregte ruhig ausreden lassen, in der Hoffnung, daß sie ihr wundes Gemüt durch offenes Bekenntnis etwas erleichtern könne. So tief er erschüttert war, wollte es ihm doch vorkommen, als sei in der Anklage der Unglücklichen etwas Selbstquälerisches, Unklares und Übertriebenes. Schrecklich – dachte er – wenn zwei sonst edle und tüchtige Naturen sich durch leeren Verdacht so das Leben vergiften können.

»Aber um des Himmels willen, gnädige Frau,« sagte er, indem er seine Brille mit einem seidenen Tuche putzte, »haben Sie denn Beweise für eine so furchtbare Anklage?«

»Nein, beweisen kann ich nichts. Gott im Himmel kennt allein die Wahrheit,« sagte sie tonlos, »aber es gibt Dinge, die sich von selbst durch den Zusammenhang beweisen – und jene Tage – wie stehen sie unauslöschlich vor meiner Erinnerung! Zuerst die schimpfliche Entlassung, dann die Begegnung im Walde, wovon ich sofort erfuhr, ferner mein Auftritt mit dem Vater am letzten Tage, und meine flehenden Bitten, mein peinliches Geständnis, das ihn in namenlosen Zorn versetzte, ach, hätte ich ahnen können, daß es die letzten Worte waren, die ich mit ihm reden sollte! – Gleich daraus ritt der Vater in die Stadt. Eine halbe Stunde später sah ich Wolfram heimlich im Gartenhause. Er kam in großer Aufregung, denn er wollte von einem Holzhändler erfahren haben, ich solle aus dem Hause gestoßen werden; außerdem hatte ihm der Mann Anerbietungen gemacht. Ich konnte Wolfram nichts mehr verschweigen und sagte ihm offen, wie die Dinge standen; er geriet in die verzweifeltste Stimmung und schien zu allem fähig! Damals habe ich mich vor dem Menschen wahrhaft gefürchtet. – Gleich darauf kam der Vater unerwartet zurück, aber Wolfram wollte trotz meiner Bitten das Gut nicht verlassen. Ich war jeden Augenblick auf das Schlimmste gefaßt. Gegen Abend ging der Vater wieder fort, und zwar nach dem Walde zu. Meine eigenen Augen haben es gesehen, daß Wolfram ihm folgte. Vergebens versuchte ich ihn zurückzuhalten. »Was willst du tun? «fragte ich. Er preßte mich an sich. – »Uns beide retten, so oder so! – Laß mich nur machen!« rief er, und fort war er und ging denselben Weg, den der Vater gegangen war, nach dem Walde zu.

»Seitdem habe ich den Vater nicht wieder gesehen. Wolfram kam spät in der Nacht noch in das Schloß, um zu fragen, ob der Vater nicht zurückgekommen sei; er schien sehr verstört und unruhig, die Tage darauf war er in der Stadt, bis ich ihn selbst von dem Holzhändler zurückholte, und auch damals blieb mir sein scheues Benehmen unerklärlich. Heut freilich nicht mehr, wenn ich den Zusammenhang übersehe. Können Sie selbst noch zweifeln, daß ein Verbrechen begangen worden und daß er der Täter ist?«

Der Pfarrer hatte aufmerksam zugehört und auch die Brille aufgesetzt, als wenn er durch sie bis in die Seele der Beichtenden sehen könnte.

Eine Welle schwieg er, das Gewicht des Gehörten erwägend, dann fragte er: »Haben Sie denn Ihren Gemahl niemals direkt gefragt, ob er sich etwas vorzuwerfen habe?«

»Wie oft habe ich es getan,« antwortete sie, »denn ich hielt ihn wirklich für schuldlos; er aber wich meinen Fragen allezeit aus, und in so seltsamer Manier, daß es mir endlich auffallen mußte. Und dann sein späteres Benehmen. Er ließ das Bild meines Vaters entfernen, weil es ihn geniere, und als ich mich weigerte, tat er einen Hieb nach dem Bilde, so daß er seinen Willen durchsetzte. Dann erschoß er den Lieblingshund des Vaters wie aus Versehen, die Leute meinen heute, er habe das Tier als Mitwisser gefürchtet. Die Dienstboten behandelte er jähzornig und heftig und jagte sie bei dem geringsten Anlaß aus dem Dienst; kurz, er brachte sich namentlich im letzten Jahr mit einer Art von Absichtlichkeit um den ganzen Respekt bei den Leuten. Seitdem ich nun wieder das Heft ergriffen habe, damit nicht alles zugrunde ging, seitdem ist er auch gegen mich brutal geworden, angeblich, weil ich die Ursache der Verwirrung sei. Ich fühle mich meines Lebens nicht mehr sicher neben ihm. Sie müssen die Ehe lösen, noch heute!«

»Meine liebe, arme, gnädige Frau,« sagte der Pfarrer tiefbekümmert, »wie sehr beklage ich Ihr schweres Lebensverhängnis, aber ich muß Sie doch von Amtswegen darauf aufmerksam machen, daß, wenn Sie Ihres Verdachtes ganz sicher sind, Sie auch die Pflicht haben, den zuständigen Behörden Anzeige davon zu machen.«

»Nein!« rief Gertrud, indem sie sich von ihrem Sitze erhob, »das kann ich nicht und will ich nicht, um keinen Preis darf ich es! O, ich sehe es Ihnen an, Sie wären imstande, selbst den Verräter zu spielen, ach, warum fand ich keinen katholischen Priester, dem ich mich ohne Gefahr anvertrauen konnte; aber das sage ich Ihnen, Herr Pfarrer, wenn Sie sich einfallen lassen sollten, Gebrauch von meinen Mitteilungen zu machen, so bin ich fähig, alles abzuleugnen und Sie als Verleumder hinzustellen. Nichts habe ich zu Ihnen gesagt, nichts in der Welt, und lieber will ich so weiter leben in meinem Elend, als das Entsetzliche öffentlich aufgedeckt zu sehen. Hat Mark die Tat vollbracht, und es ist leider mehr und mehr meine Überzeugung geworden, so geschah es doch aus Leidenschaft, aus Liebe zu mir. So sehr es meine heiße Sehnsucht ist, mich von ihm zu trennen, so wenig darf ich mich an ihm auf solche Weise rächen, daß ich die Angeberin spiele. – Bin ich doch selbst die eigentliche Ursache der ganzen unheilvollen Verwicklung.«

»Meinen Sie wirklich, gnädige Frau, daß die Justiz und das Gesetz solche Erwägungen anerkennen wird?« fragte der Pfarrer.

»O, mit der Justiz habe ich vorläufig nichts zu schaffen!« rief Gertrud, »und das Gesetz wird es nicht verhindern, daß ich meinen Mann, falls er überhaupt will, nach Amerika entfliehen lasse. Vielleicht ist dies der beste Ausweg, um ihn in Sicherheit zu bringen. Nachher können Sie reden, wenn Sie glauben, daß es Ihre Pflicht sei.« –

»Gut,« sagte der Pfarrer nach einer Pause. »Ich verspreche Ihnen, gnädige Frau, bis dahin zu schweigen. Wir sind durchaus nicht verpflichtet, Beichtgeheimnisse an die große Glocke zu schlagen.«

»Aber die Scheidung, Herr Pfarrer –«

»Wird dann nicht mehr nötig sein, wenn Ihr Gemahl die Flucht vorzieht. Bliebe er hier, so müßten wir auch an einen Scheidungsgrund denken, der dem Konsistorium anzugeben wäre.«

»Können Sie nicht sagen, er habe mich mißhandelt? Sagen Sie, was Sie wollen, nur von meinem Verdacht, von meiner Furcht, von meinem Entsetzen vor ihm bitte ich nichts zu erwähnen.«

»Wozu diese Umwege, gnädige Frau? Böswilliges Verlassen ist hinreichender Scheidungsgrund, und ist Ihr Herr Gemahl einmal fort, so ist diese Tatsache evident und beweisend.«

»Gut,« sagte Frau Gertrud nach kurzem Besinnen. »Sie befreien mich von einer schweren Last, Herr Pfarrer; aber ich habe noch eine dringende Bitte an Sie. – Ich kann meinen Mann nach den gestrigen Auftritten wirklich nicht mehr sehen. Wollen Sie nicht die Gefälligkeit haben, die Verhandlungen mit ihm zu leiten? ich meine, wegen der Reise in das Ausland. Ich gebe Ihnen die Vollmacht, ihm auch die nötigen Mittel in sichere Aussicht zu stellen.«

Der Pfarrer erschrak. Ich biete ihr den Finger, und sie nimmt die ganze Hand, dachte er bei sich. – Zugleich fiel ihm die Sorge schwer auf das Herz, welche Verantwortung er auf sich nehmen, in welche Gefahren er sich verwickeln werde, wenn er selbst dazu beitrug, einen Verbrecher der Gerechtigkeit zu entziehen. Gleichwohl überwog schließlich das tiefe Mitleid mit der Ärmsten, die sich selber keinen Rat wußte.

»Gut denn,« sagte der Pfarrer. »Ihr Wunsch hat zwar seine bedenklichen, ja gefährlichen Seiten, gnädige Frau, indes verspreche ich Ihnen, im Laufe des morgenden Tages mit Ihrem Gemahl zu reden.«

Bei diesen Worten erhob er sich, als sähe er nun die Unterredung als beendet an.

Aber Frau Gertrud machte noch keine Miene, sich zu entfernen. Sie blieb unbeweglich sitzen und betrachtete den Pfarrer mit scheuen, fast bittenden Augen, ohne daß sie es wagte, ihr Anliegen in Worte zu fassen.

»Haben Sie noch etwas auf dem Herzen, gnädige Frau?« fragte der Pfarrer.

»Ich sagte Ihnen schon,« erwiderte Frau Gertrud langsam und stockend, »daß ich meinen Mann nicht wiedersehen mag, bevor die Angelegenheit geordnet ist, am liebsten gar nicht wieder. Weiß ich doch nicht einmal, ob er unsere Vorschläge annehmen wird. Bis dahin aber werde ich gezwungen sein, eine kleine Reise zu machen, wenn Sie mich nicht behalten können oder wollen. Ich bitte auf jeden Fall um Ihre offene und rückhaltlose Erklärung.«

Auch das noch! dachte der alte Pfarrherr in seiner Not. Sein braves Herz wie seine alte Verehrung sagten zwar unbedingt ja; aber ein Schrecken überkam ihn, wenn er an den Widerspruch seiner Frau dachte. In seiner Verlegenheit setzte er sein Sammetkäppchen auf und nahm es wieder ab, tastete an verschiedene Gegenstände, die auf dem Tische standen, und veränderte ihre Stellung.

»Am besten ist es wohl,« sagte er dann, wie nach einem heroischen Anlauf aufatmend, »ich versuche gleich jetzt die Sache zu Ende zu bringen. Ja wohl, ich will sofort mit Ihrem Herrn Gemahl reden, auf daß wir heute noch eine Entscheidung haben. Glauben Sie wohl, daß ich ihn zu Hause antreffen werde?«

»Er ist heute mittag fortgeritten, aber ich denke wohl, daß er jetzt zurück sein wird,« entgegnete Gertrud.

»Gut, gut,« sagte der Pfarrer, indem er nach Hut und Stock griff, »so gehe ich sofort. Sie können indessen hier bleiben, gnädige Frau, längstens in einer halben Stunde bin ich wieder zurück.«

»Wie soll ich Ihnen danken, Hochehrwürden!« rief jetzt Gertrud mit überströmender Empfindung. »Sie erlösen mich von unsäglichem Elend.«

»Nun, nun, wir wollen nicht zu früh triumphieren,« sagte der Pfarrer, indem er die Türe öffnete und einen Blick in den Hausflur warf. »Ich gehe schon«, fuhr er fort, »aber ich rate Ihnen, die Tür von innen hinter mir abzuschließen und sich hier ruhig zu verhalten, damit kein Aufsehen entsteht. Hier sind Zeitungen, Bücher, Journale, dort finden Sie einige Kupferstiche, damit Ihnen die Zeit nicht allzu lang wird. Vor allem würde ich raten, im Gebet bei sich selbst einzukehren und den Beistand des Herrn anzuflehen, ohne den alle Menschenhilfe und Menschenweisheit vergebens ist. Gott behüte Sie.«

Eine Minute später war der alte Pfarrer aus dem Wege. Er war über den Hof durch das Hinterpförtchen am Garten gegangen oder eigentlich geschlichen, ohne seiner Frau ein Wort von seinem Vorhaben zu sagen und in der Hoffnung, daß in seiner Abwesenheit niemand sein Zimmer betreten oder den fremden Besuch darin entdecken werde. – Noch nie in seinem Leben hatte der würdige Pfarrherr einen so sauren Gang gewagt, der nicht nur gefährlich war, sondern eigentlich auch seinem Amt widersprach. Sonst war die Versöhnung und Tröstung seine Aufgabe, hier sollte er trennen und der weltlichen Gerechtigkeit einen Streich spielen. Indes, wenn er bei diesen Bedenken Reue fühlte, so kam sie zu spät; er hatte sein Wort gegeben, und außerdem überwog die alte väterliche Liebe zu der Unglücklichen alle unfruchtbaren Zweifel und sonstigen Erwägungen.

Als der Pfarrer auf dem Rittergut ankam, wunderte er sich, daß ihm niemand entgegentrat. Die Höfe standen menschenleer und öde, die Türen des Schlosses wie des anstoßenden Seitenbaues waren offen. Auch der Taubenschlag in der Mitte des Hofes schien wie ausgestorben, ebenso wie die Hürde für den Viehstand.

Verwundert trat der Pfarrer in das Schloß und durchschritt mehrere Treppen und Zimmer, ohne einer Menschenseele zu begegnen. Wie im Schlosse Dornröschens schien hier der Schlaf zu herrschen und der Fluch. Endlich kam er auf einer andern Treppe wieder in den Garten herab und hörte eine Art wüsten Gesangs.

Diesem Schalle ging er nach und kam so zur Verwalterwohnung in einem Seitengebäude, dort, wo Wolfram Mark sonst gewohnt hatte, bevor er Schloßherr geworden war. Schon aus der Ferne scholl dem Pfarrer Lachen und Gläserklang entgegen. Er sah durch die offenen Fenster drei oder vier Knechte mit eben so viel Dirnen, welche bei Kaffee und Branntwein sich einen frohen Tag machten.

Die Mäuse tanzen, wenn die Katze fort ist! dachte der Pfarrer. Dies Bild der Auflösung der Ordnung, des Verfalls und Ruins erschütterte ihn tiefer als alles andere.

Als er anpochte, kam keine Antwort, aber die Tür öffnete sich, und ein paar Knechte von ziemlich verwildertem Aussehen fragten ihn, was er wolle.

»Ich suche den gnädigen Herrn,« sagte der Pfarrer.

»Ist nicht zu Hause,« war die Antwort, »und wer weiß, ob er wiederkommt,« krähte eine Mädchenstimme.

»Ihr solltet euch schämen,« sagte jetzt der Pfarrer, dessen Unwille die Oberhand gewann, »den Arbeitstag so zu entweihen und drauflos zu prassen, wider alle christliche Zucht und Ordnung. Aber das Auge des Herrn wacht überall und wird die faulen Knechte zu finden wissen!«

Kaum aber waren diese wohlmeinenden Worte gesprochen, als dem würdigen Herrn unziemliche Redensarten von allen Seiten entgegenflogen, so daß er es für das beste hielt, sich auf das schleunigste zu entfernen; dabei war er noch innerlich froh, daß die freiwillige Flucht des Gutsherrn, worauf jene Worte der Knechte hindeuteten, ihn in erwünschtester Weise seines Auftrags entledigten.

Er beschloß demnach, sich auf den Rückweg zur Pfarre zu machen und der gnädigen Frau Kenntnis von der jetzigen Lage der Dinge zu geben. Hatte sich Wolfram Mark wirklich für immer entfernt, so konnte sie ruhig auf das Schloß zurückkehren, ohne Sorge, ihm zu begegnen. Mit diesen tröstlichen Gedanken wandte sich der Pfarrer von der Pforte des Schloßhofes nach dem Dorfe zu.

Aber er kam nicht so weit.

Wo war Wolfram Mark geblieben? Die Voraussetzung des alten Pfarrherrn war leider keine richtige, und er konnte nichts von dem Auftritte wissen, der einige Stunden zuvor im Bureau des Rechtsanwalts Doktor Borkrum in der Hauptstadt stattgefunden hatte.

Doktor Borkrum war ein lebenslustiger, fahriger Herr, seines Standes noch ein Junggesell, ohne viele Geschäfte, aber begabt mit einem ungemessenen Ehrgeiz und zugleich mit einem Scharfsinn, der sich einbildete, erforderlichenfalls auch um die Ecke sehen zu können. Er teilte die Menschen in zwei Klassen ein: in Verbrecher und solche, die es werden können. Nach seiner Theorie gab es in dem Kampfe um das Dasein ebenfalls nur zwei große Klassen: diejenigen, welche verzehren, und die anderen, welche verzehrt werden. Zwischen diesem Kampf der Wölfe und Füchse gegen die Lämmer fiel der Justiz die Rolle der Hunde zu, und Doktor Borkrum schmeichelte sich, in dieser Beziehung eine der feinsten Spürnasen zu besitzen. Es versteht sich, daß er bei solcher Charakteranlage nichts schwerer ertrug als Widerspruch. Die meisten Zeitereignisse der Gegenwart hatte er seit Jahren vorausgesagt, und täglich wußte er seinen Freunden mit Bestimmtheit die bevorstehenden Kriege und Umwälzungen auf staatlichem und kirchlichem Gebiete zu verkünden. Dabei war er Mitarbeiter vieler gelehrten juristischen Zeitschriften und verachtete als Autorität in seinem Fach die geschmacklose Zeit- und Kraftvergeudung seiner Kollegen, die ihre schönsten Jahre an unbedeutende Prozesse verschwendeten, ohne jemals zu einer cause célèbre zu gelangen. Ja die cause célèbre war der höchste Gipfel aller seiner geheimen Wünsche, und außer den Vidocq, Fouche, Savary, Pietri und Stieber war von allen Jules Favre sein Ideal, daneben allenfalls noch die englischen Detektiven, deren Einführung in Deutschland er bisher vergebens erstrebt hatte. Wolfram Mark kannte diesen weltkundigen Herrn, der daneben auch ein Lebemann war, aus früherer Zeit, als er sich zur Vollendung seiner Agrikulturstudien eine Zeitlang in der Hauptstadt aufgehalten hatte. Er wußte, daß Doktor Borkrum damals zu den glühendsten Verehrern und Bewerbern um Fräulein Gertrud von Ravensbeck gezählt hatte. Seit er abgewiesen worden, hatte er sich in Schwelmroda nicht mehr sehen lassen. Wolfram Mark jedoch suchte ihn vor seiner Heirat von Zeit zu Zeit auf, und äußerlich waren sie die besten Freunde geblieben, da Wolfram erst mehrere Jahre, nachdem Borkrum abgewiesen, auf das Gut gekommen war. Ohnehin kein Menschenkenner, hatte Mark in seiner schlichten Einfachheit keine Ahnung davon, welche arge Dämonen in der Seele dieses Menschen schlummerten, der, zurzeit vielleicht ungefährlich, dadurch einer der gefährlichsten war, daß er darauf lauerte, bis seine Stunde gekommen war. Seit mehreren Jahren hatten sich die Freunde nicht mehr gesehen.

Am Mittag des Tages aber, an welchem Frau Gertrud den alten Pfarrherrn aufsuchte, war es, als man an die Tür des Schreibzimmers von Doktor Borkrum pochte.

Auf seinen Ruf »Herein!« öffnete sich die Tür, und Wolfram Mark stand auf der Schwelle.

»Ach, Herr von Ravensbeck!« rief der Doktor sichtlich erfreut, »alter Freund, was verschafft mir die unerwartete Ehre?«

»Bitte, mich nicht Ravensbeck zu nennen,« erwiderte Wolfram. »Sie wissen ja, daß ich diesen adligen Namen nicht angenommen habe.«

»Ach, weil Sie ein bürgerlicher Cato, ein kleiner Washington sind, macht Ihnen alle Ehre. Aber der Herr des Dominiums sind Sie ja doch. Haben uns lange nicht gesehen, Herr Mark, also herzlich willkommen. Wollen wir ein Glas Wein trinken oder sind Sie in Geschäften hier?«

»Leider in letzteren,« antwortete Wolfram, indem er sich schwerfällig auf einen Lehnstuhl niederließ und die Füße, welche bis an die Knie mit Wasserstiefeln bekleidet waren, von sich streckte.

»Leider?« fragte Doktor Borkrum erstaunt, indem er die Gestalt und die Miene seines alten Freundes mit scharfem Blicke musterte. »Wie kommen Sie mir vor, alter Mark, Sie, sonst der unverwüstlichste Riese an Heiterkeit und Lebensmut. Ich wette, es ist etwas passiert bei Ihnen, ich sehe es Ihnen an. Sie bringen böse Zeitung.«

»Für Sie hoffentlich ganz gleichgültig,« sagte Wolfram Mark, indem er am Reste seiner brennenden Zigarre eine neue anzündete, die angebotene offene Zigarrenkiste seines Freundes aber zurückwies. »Ich bin nur gekommen, um Ihren Rat in einer eigentümlichen Lage zu hören. Ich weiß nicht, ob Sie meine Situation kennen?«

»Versteht sich, Freundchen, versteht sich!« rief Doktor Borkrum. »Gewiß, seit wir hier zusammenlebten als unberühmte, obskure Tironen – ich auf der alma mater, Sie als Techniker und Zögling der Ackerbauschule, habe ich Sie stets im Auge behalten. Wir sind inzwischen auch etwas in die Höhe gekommen, soweit nach Wunsch, wenn auch lange noch nicht am Ziel. Nun, man muß sich bescheiden und den Tag nehmen, wie er kommt. Sie aber haben ja das große Los gezogen – aus dem simpeln Verwalter zum reichen Rittergutsbesitzer. Das will etwas sagen! Gratuliere nachträglich, alter Freund, gratuliere von Herzen! Frau Gertrud war bezaubernd als Mädchen, habe mich auch einst für sie interessiert, aber hatte kein Glück, die Dame trug ihr Näschen etwas zu hoch, nun hat sie's! – will sagen, sie hat es besser bekommen, als sie verdiente. – Na, das sind tempi passati, und ich freue mich heut' immer, wenn ein braver Kerl Glück hat!«

»Ich weiß, daß Sie es aufrichtig meinen, Herr Doktor,« sagte Wolfram und schlug in die kordial gebotene Rechte ein, »aber Sie haben wirklich keine Ursache, mein sogenanntes Glück zu rühmen. Zum Fluch und Elend ist es mir geworden. Haben Sie denn nichts von dem unseligen Vorfall gehört vor beinah zwei Jahren?«

»Ach, Sie meinen das Verschwinden des alten Herrn Erdmann-Ravensbeck,« sagte Doktor Borkrum scheinbar nachlässig, während seine blitzenden Augen ein plötzlich erhöhtes Interesse verrieten. »Allerdings, das war auffallend. Ich sagte gleich damals zum Präsidenten, mit dem ich täglich Schach spiele – hier kann ein Verbrechen vorliegen. – Ich habe mich gewundert, daß die Staatsanwaltschaft schlief und gar keine Notiz nahm. In solchen Fällen muß man energisch vorgehen. Sehen Sie, sagte ich zu meinem Konzipienten, hier könnte eine cause célèbre herausspringen, aber man müßte es rasch angreifen. Geben Sie acht, daraus erblüht etwas – aber es blühte nichts. Nun kommen Sie heute selbst, und so eigentümlich bewegt. Haben Sie einen Faden gefunden?«

Wolfram schwieg eine Weile; er schien betroffen, daß der Doktor Borkrum ohne weitere Umstände den wundesten Fleck seines Lebens berührte. »Ja,« sagte er dann mit unverhohlenem Unmut, »diese verwünschte Geschichte vergiftet mir mein Leben. Mir wäre es selber lieb gewesen, wenn gleich damals eine Kriminaluntersuchung eingeleitet worden wäre. Wir würden wenigstens nicht jetzt noch an den Folgen zu leiden haben. Und diese sind derart, daß der Zustand schier ein unerträglicher geworden ist. Ich bin Herr und bin nicht Herr. Ich befehle, und niemand gehorcht, ich bin verheiratet und habe keine Frau – nein, keinen Tag länger ist dies Leben zu ertragen!« – Und er ließ sich nun ausführlich auf eine Schilderung seiner Lage ein, wobei er jedoch den Hauptpunkt jenes geheimen Verdachtes, der auf der Familie lastete, nicht weiter erwähnte. So kam es, daß die Schilderung seiner Verhältnisse unwillkürlich zu einer Anklage gegen Frau Gertrud wurde, die ihm das Szepter der Herrschaft aus der Hand genommen hatte.

»Ja, ja, die Weiber, die Weiber!« rief Doktor Borkrum mit der Miene eines alten Praktikus, »hab' ich's nicht stets gesagt, daß diese Dame von Ravensbeck eine Hochmütige, eine Kokette war! – Ja, mein alter Freund«, und das Feuer der Schadenfreude blitzte aus seinen Augen, »es tut nicht gut, eine Reiche zu nehmen, ohne feste Klauseln im Kontrakt, und Sie sehen nun, daß ich als alter Philosoph und Schüler Schopenhauers weise gehandelt habe, lieber ledig zu bleiben; aber was wünschen Sie eigentlich von mir?«

»Am liebsten Auflösung der Ehe!« rief Wolfram, »aber das gäbe nur einen neuen Skandal nach allen anderen Vorgängen, ich möchte deshalb Ihren Rat.«

»Sie meinen Scheidung?« sagte Doktor Borkrum, und das Silengesicht des großen wohlbeleibten Herrn überflog es wie heller Sonnenschein. »Warum nicht, dies Mittel bleibt immer das glatteste und höflichste – versteht sich, in diesem Fall eine Scheidung mit hoher Abfindung. Wir wollen unsere Rechnung schon stellen. Solch eine Prezieuse verdient einen solchen Ehrenmann gar nicht, wie Sie sind. Sie scheinen an unserer Macht zu zweifeln. Seien Sie beruhigt, wir finden schon eine wunde Stelle an dieser Prinzessin, ohne daß wir sie mit eisernen Zangen anzufassen brauchen.«

»Sie mißverstehen mich durchaus,« erwiderte Wolfram, »ich will nicht den mindesten Vorteil! Ich will nur meine Freiheit, aber um keinen Preis möchte ich meiner Frau dabei schaden oder ihren Zorn reizen.«

»Bah, was läge daran!« sagte Doktor Borkrum, der aus einem geheimen Fach seines Sekretärs zwei kleine Kristallgläser nahm, welche er aus einer zierlichen, korbumflochtenen Flasche füllte. Es war die feinste Chartreuse. »Hören Sie, lieber Freund,« fuhr er fort, »es will mir scheinen, als ob Sie mir noch etwas verbergen. Mir kommt es vor, als fürchteten Sie sich vor der schönen Gertrud; je mehr ich mir die Dinge zurechtlege, die vorgefallen, je unumstößlicher drängt sich mir der Schluß auf, daß ein gewisser Verdacht möglich bleiben könnte. Ich will keinen Namen nennen, aber so viel liegt auch für einen Blinden auf der Hand, daß zunächst Ihre Frau durch das Verschwinden des alten Herrn gewann. Irre ich mich nicht, so war sie in Gefahr, aus dem Hause gestoßen zu werden. Diesen Punkt müssen wir festhalten, und ich bitte Sie, mir nicht nur jenen Tag und seine Ereignisse noch einmal zu erzählen, sondern auch einige Fragen zu beantworten.«

»Wozu soll das dienen?« fuhr Wolfram auf.

»Sie werden schon sehen, teurer Freund. Zunächst eine Frage. Wie stand denn eigentlich die Tochter mit dem Vater?«

»Sie liebten sich zärtlich – in der letzten Zeit war natürlich, und zwar durch meine Schuld, eine Spannung eingetreten –«

»Spannung? Sagen Sie eine tödliche Feindschaft!« rief Doktor Borkrum. »Das klingt erklärlicher, und nun erzählen Sie mir die Vorgänge jenes Tages noch einmal.«

Wolfram Mark erzählte kurz und abgebrochen. Das meiste mußte durch Fragen aus ihm hervorgelockt werden. Als er bis zur Schilderung des Nachmittages jenes 13. Juli gekommen war, wo er im Gartenhause versteckt war, während Gertrud das Abendessen für den Vater bereitete, unterbrach ihn Doktor Borkrum mit der Frage:

»Sagen Sie, hat das Fräulein ganz allein mit dem Essen zu tun gehabt?«

»Ganz allein, so viel ich weiß.«

»Und Sie deuten an, daß dem alten Herrn unwohl geworden sei, und daß er deshalb in den Wald hinausgelaufen sei?«

»Das habe ich nicht gesagt,« replizierte Wolfram.

»Aber man kann es als wahrscheinlich annehmen!« rief Doktor Borkrum und sprang auf. »Teurer Freund, ich glaube, wir haben unsere cause célèbre. Hier ist der Punkt, wo der Hebel angesetzt werden muß. Sie starren mich ungläubig an, unschuldiges Kind. Sie haben wohl noch nicht einmal den Gedanken zu fassen gewagt, daß Fräulein Gertrud vielleicht etwas in das Essen getan haben könne?«

»Beim Himmel, das möchte ich niemand raten zu äußern, oder er bekäme es mit mir zu tun!« rief Wolfram in hellem Zorn.

»Mein Gott, ereifern Sie sich doch nicht so. Gedanken sind zollfrei. Und übrigens sind Ihre eigenen Gedanken auch nicht weit davon. Sie fürchten sich vor Ihrer Frau, Sie leben nicht mehr mit ihr. Sie speisen nicht zu Hause – Indizien genug, daß Sie sich vorsehen wollen. Lassen Sie mich nur ausreden. Sie sind ein edler Mann und wollen Ihre Frau nicht unglücklich machen, aber dennoch empfinden Sie ein Grauen vor ihr und ziehen die Trennung vor. Natürlich, Sie fürchten, wer das einem Vater tun kann, der wird im gegebenen Fall auch den Gatten nicht schonen, und herrschsüchtig war sie immer. O, wir haben sie, wir haben sie!«

»Ich beschwöre Sie allen Ernstes,« sagte Wolfram und stand auf – »daß ich nie dergleichen gedacht habe! Sie erschrecken mich mit solchen Annahmen, und ich muß vorziehen, unser Gespräch zu beenden.«

»Mein Gott, welche seltsame Empfindlichkeit!« rief Doktor Borkrum und faßte den Arm seines Freundes. »Sie vergessen, daß Sie noch nicht am Ende Ihrer Erzählung sind. Ich habe Sie vorher unterbrochen, bitte, fahren Sie fort. Die Sache interessiert mich ungemein!«

Wolfram Mark erzählte in der Tat den Verlauf der Begebenheiten weiter und kam dann auch auf die Folgen, speziell auf die Szene im »Wilden Mann« von Habichtshausen, wo seine Frau in Ohnmacht gefallen sei.

»Es stimmt alles, es stimmt alles,« sagte der Doktor, »wir bekommen die schönste cause célèbre, oder wollen Sie noch behaupten, daß in allen diesen Zügen sich nicht ein böses Gewissen verrate? Nein, mein Freund, ich brauche heute nichts weiter zu hören, jetzt gilt es zu handeln.«

»Ich weiß nicht, was Sie beabsichtigen,« sagte Wolfram, »aber ich will hoffen, daß Sie nicht neue Verwirrungen anrichten werden. Denn sonst wollte ich lieber nicht zu Ihnen gekommen sein!«

Wolfram sah jetzt, welche heillose Torheit er begangen, diesem gefährlichen Menschen sein Herz ausgeschüttet zu haben.

Aber leider war nun die Reue zu spät. Doktor Borkrum zog sich eilfertig an.

»Gleichviel, mein lieber Freund, gleichviel sage ich. Ist die Dame wirklich unschuldig, so haben wir wenigstens ein Mittel, sie in Schrecken zu setzen und einen günstigen Vergleich zu erzwingen. Lassen Sie mich nur machen. Sie werden sehen, ich zerreibe sie wie Pulver. Jetzt kommen Sie, auf diese Affäre freue ich mich wie ein Kind!«

Und bevor es Wolfram verhindern konnte, daß dieser bösartige Mensch, der sich die Hände in diabolischer Freude rieb, sich ihm anschloß, war man bereits unterwegs. Doktor Borkrum requirierte einen Wagen, und Wolfram schickte in den Gasthof nach seinem Pferde, um den gefährlichen Menschen nicht aus den Augen zu lassen.

Unterwegs suchte Wolfram wiederholt den schlauen, ehrgeizigen Advokaten durch Vorstellungen zu beschwichtigen.

»Ich weiß eigentlich nicht, warum Sie mit mir kommen,« sagte er, indem er neben dem Wagen her ritt. »Ich habe um Ihren Rat gebeten, und Sie drängen sich mir auf.«

»Aus Freundschaft, Herr Mark, aus Freundschaft, damit Sie nicht übers Ohr gehauen werden. Sie werden schon sehen und mir dankbar sein, daß ich mitgegangen bin.«

»Ich wiederhole Ihnen,« sagte Wolfram, »daß meine Absicht aus nichts weiter geht, als meine Freiheit und Selbständigkeit wieder zu gewinnen – ohne jeglichen Vorteil meinerseits, dies bitte ich im Gedächtnis zu behalten!«

»Lassen Sie mich nur machen, lassen Sie mich nur machen,« beharrte der Advokat, »Sie sollen schon mit mir zufrieden sein, es ist nicht die erste delikate Sache, die wir siegreich durchgefochten haben!«

Wolfram empfand, daß alle seine Bemühungen vergeblich waren, den gefährlichen Menschen umzustimmen, und sah der nächsten Zukunft nicht ohne Bangen entgegen, um so mehr, als der Doktor Borkrum sich nach dem Ausspielen seines letzten Trumpfes in undurchdringliches Schweigen hüllte. Glücklicherweise sollten die Besorgnisse Wolframs, der das Schlimmste von einer direkten Verhandlung mit seiner Gattin befürchtete, abgelenkt werden.

Als man nämlich den Park von Schwelmroda und die Straße zum Rittergut erreicht hatte, trat aus der Pforte des Hofes soeben der greise Pfarrherr des Ortes. Sobald dieser den Wagen sah und daneben Herrn Mark zu Pferde, blieb er am Eingang stehen und verneigte sich tief, indem er seinen Hut zog.

»Wollen Sie zu mir?« rief Wolfram Mark betroffen, »oder waren Sie bei meiner Frau?« Im selben Moment war er auch schon vom Pferde gesprungen und eilte auf den alten Pfarrer zu. »Um des Himmels willen, doch kein neues Unglück?«

»Wir wollen nicht hoffen,« sagte der Pfarrer, indem er umwandte und dem Gutsherrn wieder in den Hof folgte. »Es ist ein Glück, daß ich Sie noch treffe. Ich komme im Auftrag der gnädigen Frau, welche mir die Ehre ihres Besuches schenkte. Es handelt sich um eine Verständigung mit Ihnen, und in so delikaten Angelegenheiten zog es Ihre Frau Gemahlin vor, sich meiner Vermittelung zu bedienen.«

Inzwischen hatte Doktor Borkrum den Wagen verlassen und war noch rechtzeitig zu den beiden getreten, um die letzten Worte des Pfarrers zu erhaschen.

»Ah, das ist ja ausgezeichnet, Hochehrwürden!« rief der Advokat, »dann haben wir miteinander zu tun. Sind Sie der Bevollmächtigte der gnädigen Frau, so bin ich der Delegierte, der Sachwalter des gnädigen Herrn, meines alten Freundes!«

Wolfram war nicht wenig überrascht, daß seine Frau auf einen ähnlichen Gedanken gekommen war, wie er selbst. Sein aufsteigender Zorn, daß sie es gewagt habe, sich einem Fremden zu eröffnen, mußte sich vor der Erwägung bescheiden, daß er selbst es nicht anders gemacht habe. Den lästigen Advokaten jetzt noch los zu werden, war ein Ding der Unmöglichkeit; er meinte sich noch glücklich schätzen zu können, daß durch die indirekte Verhandlung aller Gefahr aufregender persönlicher Erörterungen die Spitze abgebrochen war.

»Also wollen Sie wirklich, Herr Doktor?« sagte er zu dem Advokaten, nachdem er die beiden Herren einander vorgestellt hatte.

»Lassen Sie mich nur machen, lassen Sie mich nur machen,« drängte der Advokat. »Die Weiber sind schlau, aber wir sind ihren Kniffen gewachsen! Ich bin in solchen Geschäften besser zu Hause als Sie. Gehen Sie nur hinauf, Herr Mark. Wir machen die Sache ab und bringen Ihnen das fertige Resultat.«

»Aber ich bedinge mir nochmals aus, daß Sie meiner letzten ausdrücklichen Wünsche gedenken und keine Linie darüber hinausgehen.«

»Schon gut, mein Verehrtester, schon gut!« rief der Advokat und drängte ihn fast gewaltsam in die Tür des Herrenhauses, um sich dann mit dem Pfarrer in den anstoßenden Laubengang des Gartens zu begeben, wo beide ungestört waren.

Eine Weile schritten sie schweigend nebeneinander hin, bis sie am Ende des Laubenganges zu einem steinernen Tisch kamen, um welchen einige Gartenstühle standen. Der Advokat lud mit einer Handbewegung ein, Platz zu nehmen.

Der alte Pfarrer folgte dem Winke. Er befand sich in sichtlicher Verlegenheit, wie er eigentlich beginnen sollte, und doch war er auch wieder durch die veränderte Situation befriedigt, er brauchte nicht zu fürchten, mit irgend einem unvorsichtigen Worte zu verletzen, und konnte freier und unbefangener reden, als wenn er sich dem Gatten seiner Klientin selbst gegenüber befand.

»Nun, Herr Pfarrer, was haben Sie mir mitzuteilen?« begann der Advokat, der mit dem geübten Blick des Menschenkenners die Physiognomie des alten Herrn studierte und zu dem Schluß kam, daß er hier leichteres Spiel haben werde, als er vermutet hatte.

»Ich weiß nicht, Herr Doktor,« erwiderte der Pfarrer, »wie viel oder wie wenig Sie von der beklagenswerten Disharmonie dieses einst so glücklichen und beneideten Ehepaares wissen. Es steht uns auch nicht zu, über die tieferen Ursachen dieser Entfremdung zu urteilen oder die verleumderischen Stimmen der Menge in den Bereich unserer Diskussion zu ziehen. Leider scheint der Versuch, eine Aussöhnung herbeizuführen, wenig Aussicht auf Erfolg zu haben, hauptsächlich aus sachlichen Gründen, deren Wahrheit oder Unwahrheit wohl erst die Zeit aufklären wird. Wie die Dinge jetzt liegen, scheint eine zeitweilige Trennung der empfehlenswerteste Ausweg, um Schlimmerem vorzubeugen. Es ist meine Überzeugung, daß eine Wiedervereinigung später desto sicherer erfolgen wird; wenigstens liegt dies nicht im Bereich der Unmöglichkeit, falls sich gewisse traurige Voraussetzungen schließlich doch als ein Irrtum erweisen werden, was wir innig wünschen wollen.«

»Sie urteilen mit christlicher Liebe, Herr Pfarrer, das muß man anerkennen,« sagte der Advokat, doch war in dem Tone seiner Stimme eine leise Ironie nicht zu verkennen.«

»Zu dem angegebenen Zweck also,« fuhr der Pfarrer fort, »ist die gnädige Frau bereit, nicht nur in die zeitweilige Trennung zu willigen, sondern ihrem Gemahl auch die hinreichenden Mittel zur Reise, sowie zur Subsistenz in einem entfernten Lande zur Verfügung zu stellen.«

»Außerordentlich freigebig, das muß man gestehen!« rief Doktor Borkrum und konnte kaum ein verletzendes Lachen unterdrücken. »Herr Mark besaß allerdings vor seiner Vermählung so viel wie nichts. Die gnädige Frau ist die Erbin des Rittergutes, das nach bekannter Schätzung immerhin seine zwölftausend Taler abwirft, in guten Jahren sogar noch mehr.«

»Sie nehmen also an?« fragte der Pfarrer, und sein Gemüt fühlte sich sichtlich erleichtert, so rasch und so glatt zum erwünschten Ziele gekommen zu sein, ohne die bedenklichen Motive dieser ungewöhnlichen und an sich vielleicht strafbaren Verhandlung nur berührt zu haben.

»Ich bitte gehorsamst,« sagte der Advokat, und sein Auge blitzte wie das eines Schützen, der den Pfeil auf seinen Bogen legt und die Entfernung bis zum Ziele mißt. »Bevor ich antworte, möchte ich mir einige Bemerkungen, will sagen, auch einige Fragen erlauben. Der gnädigen Frau scheint also an der baldigen Abreise ihres Gemahls, oder wie Sie es zart auszudrücken beliebten, an der zeitweiligen Trennung, sehr viel gelegen zu sein – wir wollen das häßliche Wort Scheidung vermeiden.«

»Ich leugne es nicht,« sagte der Pfarrer vorsichtig, »ihr Frieden hängt wesentlich davon ab.«

»Sie wollen sagen, ihre Gewissensruhe?« rief der Advokat, »ihre persönliche Sicherheit, ihre soziale Existenz! Nun, mein würdiger Herr, für so kostbare Güte, meine ich, kann man etwas mehr tun. Und somit verlange ich für meinen Klienten die volle Teilung der Revenuen. Bei einer zeitweiligen Trennung bleibt er ja ohnehin immer der Herr des Dominiums, und es wäre entwürdigend und sinnwidrig, diesen Herrn sozusagen auf eine Art von Wartegeld, noch besser auf ein Gnadengehalt zu setzen. Sie fühlen wohl selbst, daß diese Proposition eine Demütigung einschließt, die durch nichts zu rechtfertigen ist. Außerdem noch eins. Sie reden von entfernten Ländern. Auch diesen Punkt verstehe ich nicht; ob Herr Mark in Deutschland bleiben oder seine Reise weiter ausdehnen will, steht wohl ganz bei ihm. Er hat durchaus keine Ursache, sich verstecken zu müssen und gleichsam – zu flüchten. Ich komme deshalb auf meine Forderung zurück, und kann Ihnen mein Erstaunen nicht verbergen, daß Sie jenem ungebührlichen Vorschläge Ihr Wort leihen konnten.«

Der Pfeil war abgeschossen und hatte sein Ziel erreicht.

Der alte Pfarrherr saß in wortlosem Erstaunen und schien ganz aus seinem »Konzept« gebracht zu sein. Sollte dieser Herr Doktor wirklich die wahren Gründe der Trennung gar nicht kennen? Das war unmöglich. Um so mehr erbitterte ihn die Ungeniertheit, den Hauptpunkt – die geheime Schuld dessen, dem man doch zur Flucht verhelfen wollte, so frivol umgangen zu sehen. Und im Unmut entfuhren ihm die Worte:

»Was muß ich hören, das sollte Herr Mark verlangt haben? Das ist empörend – das wäre eine Anmaßung – das müßte man – –«

»Erlauben Sie mir, mein Herr Pfarrer,« unterbrach ihn der Advokat. »Herr Wolfram Mark, mein langjähriger Freund, ist ein Ehrenmann im vollen Sinne des Wortes. Darauf muß ich Sie aufmerksam machen, um mir jede animose Äußerung zu verbitten. Wozu auch wollen wir uns Sand in die Augen streuen oder mit verbundenen Augen nach dem Topfe schlagen. Sie kennen doch das Bauernspiel. Als Preis des Schweigens ist jene Bedingung noch sehr glimpflich. Herr Mark dürfte nicht bloß die Hälfte der Revenuen, er könnte sie sämtlich verlangen, und seine Gemahlin dürfte keine Einsprache dagegen erheben dürfen!«

»Als Preis des Schweigens?« replizierte der alte Pfarrherr – »was wollen Sie damit sagen?«

»Mein Gott, das sind delikate Punkte,« erwiderte der Advokat und pflückte eine blutrote Nelke vom Rande des Beetes, welche er zierlich in das Knopfloch steckte. »Ich habe kein Recht und keinen Auftrag, diese Punkte zu erwähnen und unliebsame Vorkommnisse wieder aufzurühren; – ein so billig denkender und frommer Mann, wie Euer Hochehrwürden, sollte das einsehen und auch mein Schweigen würdigen –«

Der Pfarrer starrte den zungengewandten Mann an, als rede dieser Sanskrit oder Chinesisch. »Ich verstehe Sie wirklich nicht, Herr Doktor,« sagte er dann in halber Verzweiflung.

»Glauben Sie denn,« fuhr der Advokat fort, »daß unsereiner mit Vergnügen darein willigen wird, sich eine cause célèbre entwischen zu lassen, im Moment, wo sie reif wird? Nein, mein Herr Pfarrer. Sie mögen das nach religiösen Gründen beurteilen; wir sehen die Sache mit weltlichen, mit strengeren Augen an, und ich sage, daß Gewissensangst und Gewissensnöte schon manche verborgene Schuld unverhofft an den Tag gebracht haben. Es ist ganz gut, daß sich die Gerichte nicht in alles mengen, und daß diese gefährliche Sache ruhig und sicher in unseren Freundeshänden liegt. Also machen Sie nur keine Umstände weiter. Die gnädige Frau wird noch erfreut sein, so billig davonzukommen und einen lästigen Mitwisser loszuwerden.«

Der Pfarrer stand auf. »Ich muß Sie ersuchen, sich deutlich zu erklären, Herr Doktor, oder ich nehme meinen Hut und gehe.«

Doktor Borkrum hielt den Pfarrer am Arme fest. »Sie sind allzu diskret, Hochehrwürden, und andererseits doch auch wieder zu unvorsichtig. Nachdem Sie einmal zugegeben haben, daß der gnädigen Frau unendlich viel daran liegt, ihren Gemahl zu entfernen, haben Sie auch die Belastung Ihres Gewissens damit konstatiert.«

»Was hätte ich zugegeben?« rief der Pfarrer, dem ängstlich zumute ward, als befände er sich in einem dunklen Raume, wo hundert Fußangeln, Fußeisen und Selbstschüsse gelegt sind.

»Es ist an sich zwar nicht undenkbar,« sagte der Advokat mit überlegenem Lächeln, »daß auch Sie getäuscht worden sind und von der ganzen Wahrheit noch keine Kenntnis haben. Mit nackten Worten also: Sie wissen unzweifelhaft, daß nicht sowohl eine Verstimmung, eine vorübergehende Mißhelligkeit zwischen dem Ehepaare obwaltet, sondern daß ein Verbrechen vorliegt!«

Der Pfarrer sah den Advokaten mit festem Blick an, ohne ein Wort zu sagen.

»Ich wiederhole nur,« fuhr Doktor Borkrum fort, »Herr Mark ist ein großmütiger, feinfühlender Mann. Selbst wenn er den Verdacht hegen sollte, daß seine Frau in irgendeiner Weise an dem Verschwinden des alten Herrn beteiligt gewesen – eine Tat, die – ich wiederhole es – zunächst ihr allein Vorteil brachte, er würde dennoch seinen Gedanken nie Worte leihen. Für solche Großmut sollte man erkenntlich sein!«

»Nein, das geht zu weit!« rief jetzt der Pfarrer in heller Entrüstung. »Herrn Mark halte ich bei aller sittlichen Verkommenheit doch für zu ungeschickt, so die Sache vollkommen herumzudrehen! Ich protestiere feierlich dagegen und verwahre mich auf das entschiedenste gegen einen solchen Rabulistenkunstgriff, der Ihnen nun und nimmermehr gelingen soll und darf, mein Herr!«

Mit einem hastigen Schritt stellte sich der Advokat dicht vor den Pfarrer und faßte abermals seinen Arm.

»Um Erlaubnis, Herr Pfarrer, was wollen Sie mit dem Ausdruck sagen – die Sache vollkommen herumdrehen?«

»Oh, es ist empörend, es ist himmelschreiend,« fuhr der Pfarrer fort, »eine edelmütige, reine Frau so beschuldigen zu wollen, während gerade er eilen sollte bis an das Ende der Welt, wo ihn niemand kennt – gerade er an seine Brust schlagen sollte: Herr, sei mir armen Sünder gnädig! – gerade er ihr auf den Knien danken sollte, daß sie, die beklagenswerte Tochter, den Anblick des Verbrechers so lange ertragen konnte, nachdem er ihr Lebensglück zerstört und seine Hand gegen seinen Wohltäter erhoben hat. Und gegen diese Frau, die ihn aus Christenliebe dem Arme der Gerechtigkeit entziehen will, die ihm zur Flucht verhelfen will, ehe es zu spät ist – und gegen diese Frau sollte er die Stirn haben, mit einer solchen Anklage aufzutreten? Er wage es nur, wir werden ihm mit einer schweren Anklage antworten!«

»Das wird ja überaus pikant!« rief der Advokat und faßte den Pfarrer am Knopfe seines Rockes, »also Frau Gertrud hält ihren eigenen Gemahl für den Mörder des alten Herrn?«

»Sie nicht allein hält ihn dafür, sondern die ganze Gegend,« sagte der Pfarrer, dessen Erregung sich mit jedem Worte steigerte, »sie hält ihn nicht nur dafür, sondern sie ist überzeugt aus hundert Gründen. Die erste Untersuchung war zu flüchtig; jetzt hat sich die Reihe der Indizien so vermehrt, daß die Wahrheit fast sonnenklar erscheint. Der geringfügigste Anlaß wird genügen, den Verbrecher zu fassen und den Armen der weltlichen Gerechtigkeit zu überliefern. Drum möge er sich beugen und die Hand der Retterin ergreifen, bevor wir in anderem Tone reden!«

Doktor Borkrum war mit großen Schritten inzwischen auf und ab gegangen. Seine Hände rieben sich fast wund, und sein bohrender Blick flog mit unglaublicher Geschwindigkeit von einer Himmelsgegend zur andern. Jetzt trat er abermals vor den Pfarrer.

»Alles, was Sie sagen, klingt unglaublich, aber es ist jetzt nicht die Zeit, es zu prüfen. Um eins jedoch bitte ich auf das dringendste. Wollen Sie mir von jenen hundert Gründen nicht wenigstens einen oder zwei nennen. Die Sache interessiert mich jetzt ungemein.«

»Zu welchem Zwecke wünschen Sie diese näheren Aufschlüsse?« fragte der Pfarrer, und ein unbestimmtes Mißtrauen wollte sich seiner bemächtigen.

»Zu welchem Zwecke?« – und der Advokat mußte über diese Frage lachen – »natürlich um zu erforschen, ob Sie die Wahrheit reden oder sie verdunkeln wollen. Wir lassen uns mit leeren Beschuldigungen nicht so leicht ins Bockshorn jagen.«

»Wohl, so hören Sie,« erwiderte der Pfarrer und nahm auf dem verlassenen Gartenstuhl wieder Platz. Dann erzählte er ihm alles, was er von den Vorgängen jenes verhängnisvollen Tages nach den Mitteilungen Frau Gertruds wußte; er beleuchtete die Verdachtsgründe, wie sie sich aus den Tatsachen ergaben, und wie ihr Zusammenhang sich nach der Meinung des Volkes, wie nach der Überzeugung der gnädigen Frau unumstößlich festgestellt hatte.

Doktor Borkrum hörte den Ausführungen des Geistlichen schweigend zu. Auf seinem wohlgenährten Silenengesicht blitzte und wetterleuchtete es wunderbar. Seine ursprüngliche cause célèbre sah er sich entrissen, unwiderruflich entrissen. Dafür aber tauchte eine andere herauf, und zwar eine viel bedeutendere. Wozu sollte er irgendwelche Rücksichten nehmen und seinen langjährigen Freund schonen! Freund, bah! Hatte er ihm nicht die Partie verdorben, die er niemals für eine verlorene angesehen, so lange Gertrud überhaupt ledig blieb? Wie wär's, wenn er sie, die bisher Glücklichen, jetzt beide mit einem Schlage treffen konnte!

»Hören Sie, Herr Pfarrer,« sagte er jetzt mit wichtigtuender Miene, indem seine fetten, kleinen Finger auf der Steinplatte des Tisches unsichtbare Gegenstände von einer Stelle auf die andere zu setzen schienen. »Dieser Fall ist exorbitant – eine cause célèbre jedenfalls, wenn nicht so, doch so! – Ich möchte sagen: Sie haben mir die Sache unerwartet in anderem Lichte gezeigt; Sie haben meine Meinung verändert, ja, Sie haben mich überzeugt. Je mehr ich mir die Sache zu Faden schlage, je mehr ich Marks Benehmen prüfe, – sein seltsam scheues Ausweichen, seine Unklarheit der Darstellung, sein Mangel an Sicherheit, ja selbst seine merkwürdige Schlauheit, daß er am selben Tage, wo die gnädige Frau sich Ihnen eröffnet, zu mir in die Stadt kommt, um Klage durch eine Gegenklage, den Verdacht durch einen Gegenverdacht zu parieren – alles dies zusammen genommen muß ihn bedeutend gravieren. Er erscheint als ein raffinierter Verbrecher, der mit Überlegung zum Werke schreitet, aber sich gerade durch das Übermaß von Schlauheit verrät. Da zeigt es sich von neuem, daß die Menschheit in zwei große Klassen zerfällt, wie ich immer behauptet habe, in Verbrecher und solche, die es werden können. Ja, mein Herr Pfarrer, jeder trägt seinen Teufel in sich, und es ist fast nur ein Zufall, wenn der Dämon gutartig bleibt und nicht zum Durchbruch kommt. Sie nennen das Erbsünde, und wir sind, wie Sie sehen, im Grunde ganz einverstanden. Aber gesetzt auch, Herr Mark, dieser gefährliche Mensch, wäre wirklich unschuldig – wir müssen auch diesen Fall annehmen, so würde die Verhandlung sicher zu einem anderen unvorhergesehenen Resultat führen können – eine cause célèbre würde es dennoch. Sowohl wer den Herrn vor das Gericht bringt, wie wer ihn dann siegreich verteidigt – er muß und kann sich einen Namen dabei machen, einen berühmten Namen in den Annalen der Justiz! Aber – und nun komme ich zum Hauptpunkt – um den Prozeß möglich zu machen, darf Herr Mark nicht abreisen, auf keinen Fall abreisen – im Gegenteil –«

Doktor Borkrum vollendete seinen Satz nicht, sondern stand eilfertig auf und schickte sich an, den Laubengang zu verlassen. In seinen Zügen arbeiteten zahlreiche, widerspruchsvolle, unternehmende Ideen und Erwägungen.

»Sagen Sie Herrn Wolfram Mark, meinem Freunde« – setzte er hinzu, indem er sich noch einmal zu dem Geistlichen umwandte – »daß ich nichts für ihn tun könnte. Ich will ihn auch nicht weiter sehen. Nach den letzten Aufschlüssen die ich erhalten habe, kann ich ihm nicht mehr mit gutem Gewissen dienen. Leben Sie wohl, Herr Pfarrer!«

Mit diesen Worten wollte er sich entfernen, aber so leicht ließ ihn der alte Geistliche nicht davon, der sich nun seinerseits ihm in den Weg stellte.

»Ich erschrecke, Herr Doktor, warum wollen Sie jetzt so plötzlich fort? Ich muß bitten, auf ein Wort noch zu bleiben!«

»Und was wünschen Sie noch?« fragte ungeduldig der Advokat.

Der alte Pfarrer nahm seine Hand. »Alles, was ich Ihnen mitgeteilt habe, ist Ihnen nur unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit anvertraut worden. Ich rechne darauf, daß Sie strengste Diskretion beobachten, ja, ich verlange ausdrücklich Ihr Wort darauf.«

Der Advokat maß den armen, alten Pfarrer mit eigentümlichem Blick, in welchem sich Hohn und Schadenfreude spiegelte.

»Sollte man glauben,« rief er dann, »daß ein christlicher Pfarrer imstande wäre, einem Verbrecher fortzuhelfen? Sehen Sie sich vor, Herr Pfarrer, Sie wagen ein gefährliches Spiel! Meine Überzeugung ist sogar, daß beide schuldig sind, und daß man die gemeinschaftliche Schuld sich gegenseitig zuschiebt. Ich verspreche gar nichts! Leben Sie recht wohl!«

Damit hatte er sich losgerissen und eilte den Laubengang hinab, um das Freie zu gewinnen.

Das Herz voll Schrecken und Verzweiflung, wollte der Pfarrer ihm nacheilen, allein bis er Hut und Stock und Handschuhe zusammengefunden, war jener schon seinem Gesichtskreis entschwunden.

Wie Zentnerlasten fiel es jetzt auf sein Herz, daß er geplaudert, daß er alle Vorsichtsmaßregeln außer Augen gesetzt und die Schleusen des Verderbens geöffnet habe. Indem er Frau Gertruds Interesse wahren wollte, hatte er ihr tiefstes Geheimnis preisgegeben und die verborgene Schuld gleichsam an die große Glocke gehängt.

Sollte er jetzt Herrn Mark unter die Augen treten, um mit ihm direkt zu verhandeln oder ihn wenigstens zu warnen? – er vermochte das eine so wenig wie das andere. Um seine Gedanken zu sammeln, schlug der Pfarrer den Weg in das Feld ein. Erst nach einer Stunde fiel ihm ein, daß die gnädige Frau noch in seinem Studierzimmer harrte. So kam es, daß er erst mit hereinbrechendem Abend auf der Pfarre eintraf. Wie ein von Furien Gejagter, oder als wenn er aus der Ferne sein eigenes Haus brennend gesehen hätte, war er gelaufen. In der Tat hatte er das unheimliche Gefühl, daß sich ein schweres, drohendes Wetter über seinem und Herrn Marks Haupt sammele, und daß jeden Augenblick der Blitzschlag herabzucken werde.

Sollte er nun Frau Gertrud warnen oder nicht? Durfte er sie in die bevorstehende neue Verwickelung hineinziehen oder war es besser, sie in Unkenntnis zu lassen? Der alte Pfarrer konnte keinen festen Entschluß fassen.

Wie mit brennendem Kopf kam er zur Pfarre und fand glücklicherweise seine schlimmste Befürchtung, daß seine Gattin inzwischen von der Anwesenheit der gnädigen Frau Kenntnis bekommen haben könne, nicht bestätigt. Die Tür war noch von innen verschlossen.

Schüchtern wie ein Knabe klopfte er an. Sofort öffnete sich die Tür, und Frau Gertrud streckte ihm beide Hände entgegen.

»Nun, mein lieber Herr Pfarrer, was bringen Sie mir? Sie sind recht lange ausgeblieben. Hoffentlich haben Sie eine Entscheidung herbeigeführt.«

»Was ich bringe, gnädige Frau?« stammelte der alte Herr, »nichts bringe ich, gnädige Frau, gar nichts! Ich fürchte, Sie haben sich mit Ihrem Vertrauen an einen Unrechten gewendet. Ich muß dringend bitten, mich gänzlich aus dem Spiele zu lassen. Ich bin zu solchen Kommissionen durchaus nicht zu brauchen. Ich bin unschuldig an allem, was kommen kann. Ich habe unrecht getan, Ihnen Versprechungen zu machen, die ich doch nicht halten kann. Nein, nein, beginnen Sie nicht von neuem. Ich kann mich zu nichts verpflichten, zu gar nichts! Wenn Ihnen etwas an Ihrem Gemahl liegt, so reden Sie selbst mit ihm. Warnen Sie ihn vor dem Doktor Borkrum als seinem ärgsten Feinde. Sagen Sie ihm – nein, sagen Sie nichts! Es kommt nie etwas Gutes dabei heraus, wenn man in eigenen Angelegenheiten Fremde zu Hilfe ruft. O, wären Sie doch nicht zu mir gekommen!«

Betroffen und kopfschüttelnd hörte Gertrud diese zusammenhanglosen Sätze an. Der alte würdige Herr schien ihr völlig konfus geworden zu sein.

»Aber ich bitte Sie, erklären Sie mir doch!«

»Nichts kann ich Ihnen erklären, gnädige Frau; wie gesagt, warnen Sie Ihren Gemahl, schaffen Sie ihn fort, so schleunig als möglich, weiter kann ich nichts sagen!«

»Ich hoffe doch, daß Sie mein Vertrauen nicht mißbraucht haben?« rief Gertrud.

Aber der alte Herr antwortete auf diese Frage gar nicht. Sein würdiges Haupt sank auf die Brust. Dabei stammelte er etwas Unverständliches und machte konvulsivische Bewegungen.

Mit einem Aufschrei stürzte Frau Gertrud aus der Tür und eilte zum Schlosse. Obwohl sie nicht ahnen konnte, was inzwischen geschehen, stand eins klar vor ihren Augen, daß Verrat geübt worden, und daß Gefahr unmittelbar bevorstand.

Leider kam sie zu spät.

Vor dem Portal des Schlosses standen zwei Gendarmen. Ohnmächtig sank Frau Gertrud bei diesem Anblick auf den untersten Stufen der Freitreppe zusammen und ward von den Männern des Gesetzes hineingetragen.

Vor einer Stunde war ein Telegramm an den Staatsanwalt der Hauptstadt abgegangen, und zwar abgeschickt vom Oberamtmann von Schwelmroda.

Das Telegramm lautete:

»Herr Wolfram Mark, Besitzer des Rittergutes Ravensbeck, ist im Begriffe zu fliehen. Seine eigene Frau bezeichnet ihn als den Mörder ihres Vaters, der seit zwei Jahren verschollen. Neue Indizien scheinen in Menge vorhanden zu sein. Ich bitte um Verhaltungsbefehle.«

Daß dieser Schritt auf leidenschaftliches Drängen des Doktor Borkrum geschehen, der sich ihm heute vorgestellt und im Weigerungsfälle gedroht hatte, selbst zu telegraphieren, davon stand im Telegramm nichts.

Nach einer Viertelstunde kam die Antwort aus der Hauptstadt zurück:

»Lassen Sie Mark sofort verhaften und unter Bedeckung hierher transportieren. Seine Frau muß unter polizeiliche Aufsicht gestellt werden, doch kann sie auf dem Schlosse verbleiben, nur darf sie dasselbe nicht verlassen.«

Als Frau Gertrud ankam, war Wolfram bereits im Wagen des Doktor Borkrum fortgebracht worden. Er hatte anfangs heftigen Widerstand geleistet, wie gegen einen Eingriff in seine Sicherheit und Freiheit. Als er jedoch den Befehl der Staatsanwaltschaft erfuhr, sowie den Grund, den ihm der Oberamtmann mit dürren Worten mitteilte, verwandelte sich sein Trotz in Ergebung. »Das habe ich seit lange vorausgesehen. Jetzt also endlich das Ende!« Und widerstandslos ließ er sich zu dem Wagen hinunterführen, auf dessen Bock ein Gendarm Platz nahm, während ein zweiter sich neben Mark in den Wagen setzte.

Vor das Portal des Schlosses selbst wurden gleichfalls Gendarmen gestellt, und als die Bewohner von Schwelmroda am andern Tage erwachten, vernahmen sie die große Kunde von der Verhaftung Marks und der Einschließung Frau Gertruds.

Viele erfüllte diese Nachricht mit Schrecken, die meisten mit einer Art von Befriedigung und Neugier, wenige nur mit Empörung, jenes Gesindel aber, welches triumphiert, wenn über die Reichen und Angesehenen Unheil hereinbricht – mit offenster Schadenfreude, die sich sogar durch einen lärmenden Umzug durch den Flecken und bis vor das Schloß kundgab.

* * *


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