Christian Dietrich Grabbe
Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung
Christian Dietrich Grabbe

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Dritter Akt

Erste Szene

Abend. Stube des Schulmeisters, von einer Lampe erhellt.

Der Schulmeister und der Schmied im Gespräch.

Schmied. Ja, Herr Schulmeister, er hatte einen Pferdefuß mitsamt einem Fersenbüschel!

Schulmeister. Es ist der Teufel, Konrad, es ist der Teufel! Ihr könnts in jeder Naturgeschichte lesen, daß der Teufel einen Pferdefuß hat.

Schmied. Er rief mir auch nach, daß er der Satan wäre und drohte mir den Hals umzudrehen, wenn ich es ausplauderte.

Schulmeister. Hoho, deshalb seid ohne Sorgen! Ich habe ganz andre Absichten mit ihm vor! – Was meint Ihr, wenn wir den Herrn Urian einfingen, ihn in einen Käfig sperrten, mit ihm auf Messen und Jahrmärkten herumzögen, ihn für eine Seejungfer, oder um den Anschlagszettel noch auffallender zu machen, für eine Seewitwe ausgäben, und uns den Titel zweier Professoren der Seejungferei beilegten?

Schmied. Wir würden steinreiche Leute!

Schulmeister. Oder wir könnten ihn auch gleich als das, was er ist, als den Teufel dem Publico produzieren. Dann tränkten wir ihm das Tanzen ein, ließen ihn nach der Melodie »wie schön leucht't uns der Morgenstern« am Stocke springen und steckten ihm alle Viertelstunde zur Verwunderung der Zuschauer wie einem abgerichteten Löwen den Kopf in den Hals.

Schmied. Das Kopfindenhalsstecken möchte ihm schwer beizubringen sein; er hat ein ziemlich kleines Maul.

Schulmeister (mit stolzen Schritten in der Stube auf und ab). Ihr mitleidswerter, ungläubiger Thomas! Ich brachte meinen Zöglingen schon weit schwierigere Sachen bei!

Schmied. Na, das habe ich an meinem Jürgen wenigstens noch nicht gemerkt!

Schulmeister. Euer Jürgen! Der stupide Kartoffelbauch! Bei dem hätte sogar der weise Konfuzius, ohngeachtet er niemals Hopfen und Malz besaß, dennoch einige Fuder Hopfen und Malz verlieren müssen! – Im Vertrauen, woran hat Eure Frau gedacht, als sie mit dem Jungen schwanger war? Der Bengel trägt 'ne Art Pferdekopf!

Schmied. Das tut der vermaledeite Hengst, welcher sich beim Beschlagen losriß und meiner Frau, die in der Stube stand und Essig auf den Salat goß, plötzlich durch das Fenster ins Gesicht kuckte!

Gretchen (tritt ein). Guten Abend, Herr Schulmeister! Die Frau Gerichtshalterin hat mir befohlen, Sie einen unverschämten Ochsen zu nennen und Ihnen die Kodons wieder ins Gesicht zu schmeißen!

Schulmeister (indem er die Kodons aufhebt). Hm! hm! kann die Madam diese Dinger also nicht in der Haushaltung gebrauchen?

Gretchen. Ach, Herr Schulmeister, wie ist Er dumm! Daß solche Ware nicht für die Haushaltung gemacht ist, spürt jede Christenseele auf eine Meile Weges. Madam ist außer sich vor Zorn!

Schulmeister. Hm! hm! hier sind aber nur sechzehn Stück und ich hatte der Madam doch zwanzig überschickt, – wo sind die vier andren hingekommen?

Gretchen. Ja, als Madam recht im ärgsten Schimpfen war, steckte sie die vier besten geschwind in ihren Strickbeutel.

Schulmeister. Im ärgsten Schimpfen in den Strickbeutel? Ei ei, welche verzwickte Inkonsequenz!

Gretchen. Adies, Herr Schulmeister! (Ab.)

Schulmeister. Schmied, Schmied, jetzt ists gefunden wie wir den Teufel in unsre Hände kriegen! Könnt Ihr ein Vogelbauer verfertigen?

Schmied. Ich denke, ja.

Schulmeister. So lauft, lauft, und macht mir noch heute nacht eins von Menschengröße, mit einer zwei Ellen hohen Tür. Dieses setze ich morgen abend in den Wald, lege die Kodons hinein und verstecke mich im Gebüsch. Nun ist bei einem Kerl, wie der Teufel, immer zu präsumieren, daß er aufs Holzstehlen ausgeht; wenn er demnach herannaht, so hoffe ich, daß die Kodons, welche der Gerichtshalterin zufolge, die vier davon in den Strickbeutel gesteckt hat, etwas absonderlich Sündhaftes sein müssen, ihn vermöge der magnetischen Kraft, womit das Böse den Satan anzieht, unwiderstehlich in den Käfig locken werden. Dann eile ich hervor, schlage die Tür hinter ihm zu und flöte in die Finger!

Schmied (indem er dem Schulmeister ein verbindliches Kompliment machen will). Ei, Herr Schulmeister, das haben Sie ja ordentlich philo – philum – ja, wie ein Klumpfisch auskalmüsert!

Schulmeister (klopft ihm wohlgefällig auf die Achseln). Philosophisch heißt es, mein Lieber, philosophisch! Die Etymologen leiten es von »viele Strohwisch'« ab. Man darf auch nur das letzte »e« in dem »viele« mit einem »o« vertauschen, die Silbe »stroh« wie ein »so« aussprechen, statt des »w« ein »f« lesen, und das Wort philosophisch ist höchst unphilosophisch, aber echt philologisch expliziert und deduziert.

Schmied (als wenn er ihn verstände). Sehr richtig, Herr Schulmeister! Deduziert! Da sitzt der Hase im Pfeffer, da kuckt die Katze in den Topf! Offizier ist wieder davon verschieden! – O, o, wir Schmiede sind nicht dumm, wir Schmiede sind nicht dumm! (Ab.)

Schulmeister (indem er seinen Schlafrock anzieht). 's ist schon spät, – ich will mir noch ein Gläschen Magenstärkung einschenken und mich dann sputen, daß ich in die Federn komme. – Doch, wer klopft da noch? Herein!

(Rattengift und Mollfels treten in die Stube.)

Rattengift. Tut uns leid, Herr Schulmeister, daß wir Sie beim Schlafengehen stören! – Wissen Sie nichts gegen das Totschießen? Der Herr Mollfels laboriert daran!

Schulmeister. Wenn ich raten dürfte, so würde ich mit acht bis zwölf Flaschen Wein dagegen quacksalbern; die würden mindestens das Übel ein wenig verschieben!

Rattengift. Bene, Herr Schulmeister! Ein Dutzend Flaschen Wein! Hurtig! Die Fensterladen vorgeschoben! Wir wollen uns eine lustige Nacht machen! Nicht wahr, Herr Mollfels?

Mollfels. Nun, es sei, im Namen der Hölle! Qual ist die Folie der Freude, und dazu will ich die meinige benutzen! Hier ist Geld! Wein herbeigeschafft, Schulmeister! Wenn ich dessenohngeachtet beim Erschießen beharren sollte, so habe ich morgen Zeit genug es nachzuholen!

Schulmeister (ist in die lebhafteste Beweglichkeit geraten). Juchhei! Dudeldumdei! Das war eine männliche Sprache, Herr Mollfels, und Wein herbeischaffen ist meine Losung! (Er springt an die Kammertür.) Gottliebchen, Gottliebchen! aus dem Bette! aus dem Bette! Zieh die Laterne an, zünde die Hosen an! aus dem Bette, aus dem Bette! Du mußt mit mir ins Wirtshaus und mir Wein hiehertragen helfen!

Gottliebchen (kommt im halben Schlafe, mit blinzelnden Augen und im tiefsten Negligé aus der Kammer; greinerlich). Hih, hu, hih! Die Stube dampft! Die Türken trommeln!

Schulmeister. Schlingel, rappelst du? Da! schmier Wasser in die Augen! schnell! schnell! schnell! Wo hast du deine Hosen, dein Kamisol? Hier! zieh meinen Rock an! So! er sitzt dir majestätisch! wie ein schwarzsamtnes Schleppkleid! siehst aus wie eine Theaterkönigin! Komm, komm, komm! (Mit Gottliebchen ab.)

Mollfels. Ha! ha! Herr Rattengift, diese Szene könnten Sie unbedenklich in eins Ihrer Lustspiele einfügen!

Rattengift. I du mein Gott, Herr Mollfels, sind Sie bei Trost? Solch einen grobkomischen Auftritt! Heutzutage muß die Komik fein sein, so fein, daß man sie gar nicht mehr sieht; wenn dann die Zuschauer sie dennoch bemerken, so freuen sie sich zwar nicht über das Stück, aber doch über ihren Scharfsinn, welcher da etwas gefunden hat, wo nichts zu finden war. Überhaupt ist der Deutsche viel zu gebildet und zu vernünftig, als daß er eine kecke starke Lustigkeit ertrüge.

Mollfels. Ja ja, er lacht nicht eher, als bis er sicher ist, daß er sich nachher wird förmliche Rechenschaft zu geben vermögen, warum er gelacht hat!

Rattengift. Glauben Sie mir, wenn auch jemand wirklich ein Lustspiel schriebe, welches bis in die unbedeutendsten Teile auf höhere Ansichten gegründet wäre, und er wagte es seine Ideen frei und eigentümlich durchzuführen, so würde ihn eben deswegen der überwiegendere Teil des Publikums verkennen und vor Bäumen den Wald nicht schauen!

Mollfels (lachend). Sie sind gewiß mit einem in höheren Ansichten geschriebenen Lustspiele durchgefallen!

Rattengift. Ach, sagen Sie nicht »durchgefallen!« es klingt so hart! »durchgesunken« lautet schon weit sanfter!

Mollfels. Soll ich ihnen was vorschlagen? Dichten Sie künftig nichts als Trauerspiele! Wenn Sie denselben nur die gehörige Mittelmäßigkeit verleihen, so ist es unmöglich, daß Sie nicht den rauschendsten Applaus einernteten! Sie müssen insbesondere den Plan der Stücke hübsch winzig und flach gestalten, sonst möchte ihn nicht jeder kurzsichtige Schafskopf überblicken können, – Sie müssen dem Verstande und dem Forschungsgeiste der Leser nicht das geringste zumuten und wenn durch ein Unglück eine hervorstechende Szene mit unterlaufen sollte, sorgfältig hinterdrein bemerken, was sie abzwecke und in welcher Beziehung auf das Ganze sie zu nehmen sei, – Sie müssen beileibe alles hinlänglich weich kneten, denn das Weiche gefällt, und wenn es auch nur nasser Dreck wäre, – vorzüglich aber müssen Sie stets den Geschmack der Damen im Auge behalten, denn diese, welche noch niemals von einem wahren Dichter als berufene Richterinnen anerkannt sind, gelten jetzt im Reiche der Kunst als oberste Appellationsinstanz; ob man sie entweder wegen ihrer kränklichen Nerven oder wegen ihrer Geschicklichkeit im Scharpiezupfen dazu erwählt hat, ist eine unentschiedene Frage. Desto entschiedener ist es, Herr Rattengift, daß man Sie, wenn Sie Gewalt genug besitzen, um diese Regeln zu verachten, als einen blindlaufenden, verrückten, rohen Phantasten verschreit, der Schönheiten und Erbärmlichkeiten wild nebeneinanderkleckst. Ständen Homer oder Shakspeare erst jetzt mit ihren Werken auf, so wären Beurteilungen zu erwarten, in denen die Iliade ein unsinniges Gemengsel und der Lear ein bombastischer Saustall genannt würde; ja, manche Rezensenten gäben vielleicht dem Homer einen wohlgemeinten Fingerzeig, sich nach der Bezauberten Rose emporzubilden, oder geböten dem Shakspeare, fleißig in den Romanen der Helmina von Chezy oder der Fanny Tarnow zu studieren, um daraus Menschenkenntnis zu lernen.

Rattengift (hat während Mollfels' Worten mehrmals gehustet und Zeichen der Mißbilligung geäußert). Meine Grundsätze erlauben mir nicht, Ihren satirischen Angriffen auf die Regeln völlig beizustimmen. Die Regel scheint mir vielmehr unerläßlich; sie ist gleichsam das Beinkleid des Genies. Woran sollte der Künstler sich halten, woran erkennen, wenn ihm nicht vermittelst seines Verhältnisses zu den Kritikern –

Mollfels. Der Künstler soll sich an seinem eignen Genius halten, sich an seinem eignen ruhigen, klaren Bewußtsein erkennen, und was sein Verhältnis zu den Kritikern anbelangt, so ist es folgendes: die Kritiker ziehen mühselig die Schranken und machen sie just so weit wie ihr Gehirn, also sehr enge; das Genie tritt herein, findet sie jämmerlich schmal, zerbricht sie und wirft sie den Kritikastern an den Kopf, daß sie lautheulend aufschreien; wenn dann der gemeine Haufe dies Gezeter hört, so sagt er in der Einfalt seines Herzens: sie kritisieren!

Rattengift. Hm, hiernach wird jeder schlechtrezensierte Dichter meinen, daß Sie von seiner Partie sind.

Mollfels. Davon bin ich in dem Grade entfernt, daß ich den Regierungen schon oft ihre Grausamkeit gegen das Publikum vorgeworfen habe, indem sie noch immer zaudern endlich einmal ein Schock Poeten wegen ihrer elenden Gedichte hinzurichten.

Rattengift (in unbegreiflicher Unruhe). Nein! Nein! das wäre doch zu stark! zu stark! Hinzurichten! Gütiger Himmel, welche schauderhafte Idee! Heinrich Döring, Friedrich Gleich, Wilhelm Blumenhagen, Methusalem Müller – O mir klappern die Zähne, mir klappern die Zähne! (Aufatmend.) Ah, da kommt der Schulmeister mit Wein!

(Schulmeister und Gottliebchen treten ein, jeder mit Weinflaschen bepackt.)

Schulmeister (singt).

Vivat Bachus, Bachus lebe,
Bachus war ein braver Mann!

(Zu Gottliebchen.) Du alberner Pinsel, sing doch mit!

Gottliebchen (quäkt).

Vivat Bachus, Bachus lebe,
Bachus war ein braver Mann!

Mollfels. Gottliebchen, du krächzest ja, daß sich die Steine Ohren wünschen, um sie sich nur zustopfen zu können!

Schulmeister. Hähä? Hat der Bube nicht 'ne allerliebste Stimme? Ich habe schon 22 Briefe von den Sirenen in meinem Pulte liegen; sie wollen ihn durchaus unter sich engagieren, allein ich antworte ihnen jedesmal, daß er noch zu jung ist.

Rattengift. Langnasiger Knittelmagister, laß das Windbeuteln und setz Gläser auf den Tisch!

Schulmeister (sie darauf setzend). Da stehen sie!

Rattengift. Rasch denn, eingeschenkt!

Schulmeister. Geduld! Geduld! 'ne halbe Minute! (Er eilt an das Bette, reißt ein Bettlaken herunter und wickelt es sich um den Kopf.)

Mollfels. Donnerwetter, Herr Schulmeister, was ist das für eine tolle Verkappung?

Schulmeister. Bloße Vorsicht, Herr Mollfels, bloße Vorsicht! Wegen des Umfallens besaufe ich mich gerne mit verbundenem Kopfe!

Mollfels. O du weiser, erfahrener Praktikus! Als dein demütiger Schüler ahme ich dir stracks in deiner Vorsichtsmaßregel nach!

Rattengift. Und ich desgleichen!

(Sie reißen zwei Bettlaken los und umwickeln sich ebenfalls die Köpfe.)

Schulmeister. Wahrhaftig, ihr Herren, unsre drei Köpfe nehmen sich in den ungeheuren Bettlaken wie drei unglückliche, in die Mitte des Milcheimers gefallene Fliegen aus!

Mollfels. Schulmeister, erzählen Sie uns während des Zechens eine Geschichte aus Ihrer Jugendzeit!

Rattengift. Ja ja, aus Ihrer Jugendzeit!

(Sie setzen sich um den Tisch und schenken ein.)

Schulmeister (trinkend). Fuimus Troes, die goldnen Flegeljahre sind dahin! – Gottliebchen, wo bist du? Sperr die Schnauze auf, Flegel! Ein Schluck germanisierten Champagners wird deinem Patriotismus nicht schaden! – Also, meine Herren, mit den Erzählungen aus jenen tempi passati ists für einen Schulmeister, der sich bei seinen Eleven den Respekt bewahren muß, und für einen Ehemann der seine Frau mit Eifersucht plagt, ein kitzliches Unterfangen!

Mollfels. Keine Vorreden! Sie sind verliebt gewesen! Von Ihrer ersten Liebe sollen Sie uns Bericht abstatten!

Rattengift. Hu, wie es den ausgemergelten, pädagogischen Ziegenbock durchzuckt, da er von seiner ersten Liebe hört!

Schulmeister. O ihr schönen, schwärmerischen, unwiederbringlich verschwundenen Stunden, wo ich – Stoßen Sie an, meine Herren! Hannchen Honigsüß soll leben!

Mollfels und Rattengift. Sie lebe!

Schulmeister. Verzeihen Sie, ich schätze dieses Mädchen so unendlich, daß ich mich unmöglich mit einem einzigen Glase auf seine Gesundheit begnügen kann! (Er säuft in einer Reihe sechs Gläser aus.)

Rattengift und Mollfels. Bravo, Herr Schulmeister! Auch wir wissen Ihr Hannchen zu schätzen! (Sie saufen gleichfalls sechs Gläser aus.)

Schulmeister. Nachdem wir also allesamt Hannchen gehörig geschätzt haben, will ich in meiner Historie fortfahren. Das holde Kind war ein Engel, und ihr Vater, der Konrektor an der Stadtschule, ein schäbiger filou. Er trug eine Beutelperücke, welcher die Hunde und Katzen von frühmorgens bis Mitternacht nachstellten, weil sie dieselbe für ein Wasserrattennest hielten, und seine ledernen, lebenssatten Hosen wurden einstmals von einem unserer Geschichtsschreiber in einer gelehrten Disputation über die ältesten Spuren des Verkehrs der Deutschen mit fremden Völkern, für ein Trauermonument der Phönizier ausgegeben.

Mollfels und Rattengift. Hohoho! ein Trauermonument! (Sie trinken.)

Schulmeister (zu Gottliebchen, der müßig in einer Ecke steht). Du hämischer, neidischer, kaltblütiger, heimtückischer Racker, weswegen stehst du dort im Winkel und rührst keine Lippe? Du willst wohl nüchtern bleiben und dich über unsre Schlemmerei mokieren? Sauf mir stante pede diese Bouteille aus oder ich beiße dir den linken Daumen ab!

(Gottliebchen ergreift die Bouteille und macht sich mit vielem Vergnügen darüber her.)

Schulmeister (wieder zu Rattengift und Mollfels). Der Konrektor war also ein Harpax und wir Schüler haßten ihn ebenso sehr, als wir seine Tochter liebten. Weil ich jedoch ein aufgeweckter Bursche war und er in den langen Winterabenden, an welchen er niemals ein Licht brannte, zeitverkürzender Gesellschaft bedurfte, so hatte ich bei ihm einen guten Stein im Brette und mußte ihn regelrecht mit eintretender Dämmerung besuchen. Da saß ich denn mit ihm und seiner Tochter in der dunklen Stube, er zu meiner Linken, sie zu meiner Rechten. Indem ich nun ihm von seinen Editionen des Plinius vorplapperte, pflegte ich ihr verstohlen das Patschhändchen zu drücken, und wenn ich einen Gegendruck fühlte, so ging ich weiter, schlang allmählich den Arm um ihren zierlichen Nacken, zupfte ihr am Busenwärzchen, und krabbelte ihr zuletzt ohne Umstände im Schoße. Doch zu meinem Malheur hatte sich eines Abends der Alte an ihren Platz gesetzt; ich, dem die Verwechslung unbemerkt geblieben war, fing wie gewöhnlich an zu krabbeln; zwar fiel mir Hannchens sonderbares, lederartiges Kleid auf, allein ich ließ mich, bei meiner verliebten Blindheit, dadurch nicht stören; – dem Herrn Konrektor selber, welchem die Frau schon lange tot war, mochte meine Zärtlichkeit gar nicht übel behagen, denn er regte keinen Finger und schwieg mäuschenstill; – endlich aber, als ich ihm ins Ohr flüsterte: »Hannchen, Hannchen, was bist du heute häßlich! – empörte ihn diese Beleidigung seiner Schönheit zu einer solchen Wut, daß er mir eine Maulschelle ins Gesicht bombardierte, welche mich nicht bloß aus meiner Täuschung herausriß, sondern mir auch seine Faust so kräftig in die Backen prägte, daß mich am andren Tage alle Leute fragten, ob ich mir die natürlichen Ohrfeigen hätte einimpfen lassen!

Mollfels (halb berauscht). Köstlich, Schulmeisterchen, köstlich! Hast 'nem alten Konrektor an den Lederhosen gekrabbelt! O Wonne! Wonne! Wonne!

Schulmeister . Das Krabbeln soll leben!

Mollfels. Es lebe!

(Sie saufen unmäßig.)

Schulmeister. Jemine, Herr Mollfels, was bekommt der Rattengift für dicke Augen!

Rattengift (packt in der Betrunkenheit dem Schulmeister an die Brust). Nicht wahr? nicht wahr? Sind meine Gedichte nicht das abgedroschenste, schalste, anspeiungswerteste Geschmiere?

Schulmeister . Sie sind grade so gut wie die Poesien der Elise von Hohenhausen, geborenen von Ochs.

Rattengift. Zermalme mich, Schulmeister, zertritt mich! Ich bin ein Wurm, ich bin ein ärmlicher Tropf, meine Verse haben keinen Saft, meine Gedanken haben keinen Sinn! Ich bin ein Wurm, ein Wurm, ein winziger Wurm! Schmeiß mich in den Sumpf, schmeiß mich in den Sumpf!

Schulmeister (immer trinkend und allmählich ebenfalls besoffen werdend). Weine nicht, Rattengiftchen, und sprich leise, damit es der Nachtwächter nicht hört! Du bist in der rage! Dir fließt das Herz über! – Ists nicht so, Herr Mollfels?

Mollfels (den Schulmeister umhalsend). Ach, meine Liddy, meine Liddy!

Schulmeister (jüngferlich). Zerzausen Sie mir nicht das Busentuch, bester Karl! (Auf Gottliebchen deutend, der seine Flasche geleert hat, und taumelnd aus der Ecke hervorkommt.) Aber verstecken Sie sich, teuerster Freund, verstecken Sie sich! Dort kommt mein Vater!

Mollfels. Du bist wohl ein bißchen betrunken, Liddy!

Schulmeister. Leider, liebster Karl, habe ich etwas zu tief ins Glas geguckt!

Rattengift (an den Boden stürzend). »Unsinn, du siegst, und ich muß untergehn!« (Er schläft ein.)

Gottliebchen (klettert dem Schulmeister ins Gesicht). Du schlechter Schulmeister, du! Hast mich prügelt! hast mich schlagen! hast mich schimpft! Bin betrunken! Prügle dich wieder! schlage dich wieder!

Schulmeister. O mein verehrtester Vater! Vergebung! Vergebung! Ich kann einmal nicht anders, – ich muß meinen Karl heiraten oder ich muß sterben! Sein Sie nicht so grausam, großmütigster der Väter! Kniebeugend bitte ich Sie, sein Sie nicht so grausam gegen Ihre unglückselige Tochter! Pardonnez moi, Monsieur!

Mollfels. Ja, Herr Baron, verzeihen Sie uns, hindern Sie nicht unser zeitliches und ewiges Glück!

(Gottliebchen purzelt auf die Erde.)

Schulmeister (froh). Sieg, Sieg! er verzeiht, er purzelt auf die Erde! Karl, Karl, in meine Arme! Wir dürfen uns lieben!

Mollfels (besieht Gottliebchen). Wenn ich Ihren Herrn Vater näher betrachte, schönste Liddy, so scheint er mir gegen sonst verdammt klein geworden zu sein!

Schulmeister. Er hat die Masern gehabt, mein Trauter.

Mollfels. Uh! Uh!

Schulmeister. Gott! was seufzest du?

Mollfels. Wehe, Wehe! ich fürchte, daß ich vom Tische falle!

Schulmeister. Da ist freilich nichts zu raten, als daß du daraufsteigst!

Mollfels (steigt auf den Tisch, damit er nicht herunterfällt, und fällt herunter).

Schulmeister (erhebt ein schreckliches Geschrei und schlägt die Hände über dem Kopie zusammen). O Schicksal, Schicksal, unerflehliches Schicksal! Keine menschliche Klugheit vermag dir vorzubeugen, kein Sterblicher dir zu entrinnen Ohngeachtet Mollfels auf den Tisch klettert, muß er dennoch herunterfallen! O du grimmiges, marmorhartes Untier! (Er knirscht mit den Zähnen.)

Mollfels. Hilft mir denn niemand, daß ich aufstehe? Schulmeister! Liddy! wo seid ihr beiden?

Schulmeister. Zayre, vous pleurez? Das schmerzt mich, auf Parole, das schmerzt mich! – Venez, ma chère! 's ist draußen pechrabenschwarz! Wollen in die Kirche gehen und auf der Orgel spielen! (Er faßt Mollfels unterm Arm und wackelt mit ihm ab.)

Zweite Szene

Eine Wiese. Tagesanbruch.

Der Freiherr Mordax geht spazieren, ihm begegnen dreizehn Schneidergesellen, er macht sich die Serviette vor und schlägt sie sämtlich tot.

Dritte Szene

Ein Fahrweg im Dorfe.

Die vier Naturhistoriker treten mit blutrünstigen Köpfen auf; jeder hat einen Kieselstein in der Hand.

Alle vier zusammen. Da haben wir uns ganz expreß mit diesen Kieselsteinen die Köpfe zerbrochen, und können doch nicht herausbringen, was der sogenannte den Finger ins Licht steckende Generalsuperintendent für ein Kerl ist! O! O! O!

Einer von ihnen. Nicht verzagt, meine Herren! Die Wissenschaft ruft! Lassen Sie uns noch einmal probieren! Mutig! Noch einmal die Köpfe zerbrochen!

Alle vier. Noch einmal die Köpfe zerbrochen!

(Sie schlagen sich mit den Steinen vor die Köpfe, daß die Funken stieben, bringen nichts heraus, und entfernen sich fluchend.)

(Der Schulmeister kommt mit Mollfels und Rattengift.)

Schulmeister. Das war 'ne verrückte Nacht. Als ich aufwachte, lag ich zu meinem Erstaunen vor dem Pedale der Kirchenorgel.

Mollfels. Und ich saß mit übereinandergeschlagenen Beinen auf einem Sarge des freiherrlichen Erbbegräbnisses!

Rattengift. Ich lag unter Ihrem Schreibtische, Schulmeister, und neben mir schnarchte Gottliebchen wie ein Dachs.

Schulmeister. Jetzt ist mein unmaßgeblicher Vorschlag, daß wir in Gesellschaft einen Morgenimbiß verzehren, der uns die Nachwehen der Betrunkenheit, oder wie man schicklicher sagt, den Katzenjammer vertreibt.

Rattengift. Es verdrießt mich, daß ich nicht mit dabeisein kann; – ich habe einen Auftrag an die Baronin zu besorgen, der keinen Verzug leidet. (Ab.)

Schulmeister. Rattengift ist ein Narr. Wenn er die Wollust kennte, nach einer verschwelgten Nacht bei unsrem muntren Dorfwirte einen tüchtig gepfefferten Hering mit Stumpf und Stiel zu essen und einen scharfen, nicht gewässerten Rum nachzugießen, so würde er sich den Deut um seine Aufträge kümmern!

Mollfels. Ich stimme Ihnen bei, Schulmeister! Kommen Sie; ich habe mächtgen Appetit. (Beide ab.)

Vierte Szene

Zimmer im Schlosse.

Rattengift und Liddy treten auf.

Rattengift. Nein, Fräulein, verweigern Sie mir mein Gesuch nicht; willigen Sie in die Spazierfahrt ein. Lopsbrunn ist einer der interessantesten Plätze der Erde; wie eine Schäferhütte aus Guarinis Pastor fido liegt es in der grünen Einsamkeit des Eichforstes; gleich zwei langen, flüssig gewordenen Nachtigallen zwitschern zwei murmelnde Bäche durch den stillen Umkreis seiner Umgebungen, und Pilger, wie ein emsig dichtender Graf sich so gefühlvoll ausdrückt, blühen dort hinter den Stielen oder säuseln in süßer Waldandacht dahin!

Liddy. Nett deklamiert, Herr Rattengift! – Wie weit ist es bis Lopsbrunn?

Rattengift. Kaum eine Meile und der Weg führt in reizender Abwechslung über umlaubte Höhen und durch grasigte Niederungen.

Liddy. So halten Sie sich fertig, denn der Kutscher soll anspannen und wir fahren noch diese Stunde in Begleitung meines Onkels nach dem Waldhäuschen! (Sie geht mit Rattengift ab.)

Fünfte Szene

Buschiger Wald. Abend.

Der Schulmeister kommt mit einem riesigen Vogelbauer auf dem Rücken.

Schulmeister. Die Sonne ist untergegangen, die müde Welt hat die gestirnte Schlafmütze aufgesetzt, die eine Erdenhälfte scheint jetzt tot, böse Träume schrecken hinterm Vorhange den unbeschützten Schlaf, die Zauberei beginnt den furchtbaren Dienst der bleichen Hekate, der Mord geht, aufgeschreckt von seinem heulenden Nachtwächter, dem Wolfe, mit weit ausgeholten Räuberschritten an sein entsetzliches Geschäft, der Schmied hat mir einen Käfig zurecht gezimmert, hier in diesem buschigen Dickichte will ich ihn aufstellen, aus der Ferne schallen die Axtschläge des holzstehlenden Teufels herüber, und ich müßte mich sehr trügen, wenn ihn nicht die magische Einwirkung von sechzehn Kodons hieherlocken sollte! (Er setzt den Käfig in das Gebüsch, macht die Tür auf, legt die Kodons hinein, und tritt auf die Seite. – Pause.)

(Der Teufel kommt schnüffelnd.)

Schulmeister. Ha, da ist er schon! Wie es ihm in die Nase sticht!

Teufel. Ich rieche hier zweierlei! Links etwas Unzüchtiges, Kinderverhinderndes, – rechts etwas Versoffenes, sich mit Kindern Beschäftigendes.

Schulmeister. Schwerenot, das ist doch keine Anspielung auf mich?

Teufel (indem er auf die Kodons zugeht). Das Unzüchtige zieht mich gewaltig an, (sich nach dem Schulmeister wendend) aber auch das Versoffene kirrt mich nicht minder, – (stehenbleibend) wenn ich nur wüßte, welches von beiden das Inmoralischste wäre! (Er schnüffelt stärker.)

Schulmeister (in großer Angst). Alle Henker, mein Gewissen!

Teufel. Ich habs heraus: das Versoffene, sich mit Kindern Beschäftigende zu meiner Rechten ist das Schlimmste, und das Unzüchtige, Kinderverhindernde zu meiner Linken ist, damit verglichen, die wahre Unschuld! (Er eilt auf den Schulmeister zu.)

Schulmeister (weicht immer im Kreise vor ihm zurück). Kreuz-Sapperment, nun bin ich in einer saubren Patsche! Daran dachte mein Herz nicht, daß ich schuldvoller wäre als wie ein Kodon! Es ist auch nur bloße Verleumdung von dem malitiösen Herrn Mephistopheles! – Gott sei Dank, da sitzt ein abgebrochenes Stückchen von einem Kirchenstuhle, welches ich vergangene Nacht in der Besoffenheit eingesteckt haben muß, in meiner Rocktasche! Das will ich ihm entgegenhalten und ihn damit zurückscheuchen! (Er tut es.)

Teufel (prustet und prallt zurück). Puh! das Versoffene hat sich mit einem abgebrochenen Kirchenstuhlstückchen verbessert! Puh! – Ne, da wende ich mich lieber wieder zu dem Unzüchtigen, obschon es das Moralischere ist!

(Er läuft begierig in den Käfig, und wie er eben die Kodons in der Hand hat, springt der Schulmeister herbei und schlägt hinter ihm die Tür zu.)

Teufel (aufschreiend). Element, man sperrt mich ein, ich bin gefangen! (Heftig an den Stäben rüttelnd.) Vergebens, vergebens! Die Stäbe sind kreuzweis gelegt, ich kann sie nicht entzweibrechen (Er erblickt den Schulmeister.) O du halunkischer, spitzbübischer, hundsföttischer – Nein, ich wollte sagen, du holder, liebenswürdiger, guter Mann! o laß mich wieder los! laß mich wieder los!

Schulmeister. Prosit Mahlzeit! Mit Speck fängt man Mäuse, mit Kodons den Teufel! (Er nimmt den Käfig auf die Schultern und trägt den Teufel darin fort.)

(Der Freiherr Mordax tritt mit seinen Spießgesellen auf.)

Freiherr (räuspert sich, spuckt aus, und beginnt seine Anrede). Ihr Herren Spießgesellen! Die Baronesse Liddy verweilet drüben im Waldhäuschen zu Lopsbrunn! Alldieweilen sie in der Güte meine Brautwerbung nicht akzeptieren will, bin ich entschlossen, sie mit eurer Beihülfe par force zu entführen – Habt ihr eure Mähnen über eure Galgenphysiognomien gekämmt, damit ich keine Schande mit euch einlege?

Die Spießgesellen. Ja.

Freiherr. Schön! (Sie gehen ab.)

Mollfels (kommt mit drei bewaffneten Bedienten). Es streichen verdächtige Haufen durch den Wald, – Fräulein Liddy und ihr Onkel sind in Lopsbrunn, – ich fürchte, ich fürchte, daß ein Anschlag gegen sie im Werke ist! (Zu den Bedienten.) Ladet eure Pistolen; vielleicht gibt es Gelegenheit, sie einigen Schurken auf die Haut zu brennen!

(Sie laden die Pistolen und geben ab.)

Sechste Szene

Ärmliche Stube im Waldhäuschen zu Lopsbrunn.

Liddy, der Baron und Rattengift treten auf.

Liddy. Rattengift, Sie haben uns schrecklich getäuscht! Wenn es hier romantisch ist, so – Hu, lieber Onkel, mich schaudert! Lassen Sie anspannen, daß wir aus dieser Banditenhöhle fortkommen!

Baron. Mädchen, du zitterst! Das ist ja sonst deine Art nicht!

Liddy. Ich flehe, lassen Sie anspannen, lassen Sie anspannen!

Baron. Heda, Hauswirt!

(Der Hauswirt tritt herein.)

Hast du meine Pferde gefüttert?

Der Hauswirt. Ich füttre keine fremde Pferde. (Geht ab.)

Liddy. Der alte Brummbär!

Baron (ihm erzürnt nacheilend). Elender Kerl, nun sollst du sie füttern!

Liddy. Onkel, Onkel, wohin? – Er hört mich nicht und stürmt die Treppe hinunter! – Und nicht einmal ein Licht in der düstren Stube! – – Rattengift, wo sind Sie denn?

Rattengift (mit beklommener Stimme). Ich, gnädiges Fräulein, ich –

Liddy (zusammenfahrend). Himmel, was war das? Welch ein Geräusch auf dem Fußboden!

Rattengift (zähneklappernd). Es war wohl nur 'ne Maus, die drüber hinlief!

Liddy. Ach, ich bebe fast vor meinem eignen Atem! Solche Bangigkeit habe ich noch nie empfunden! – Endlich! da kommt der Onkel mit Licht!

Baron (kommt in heftiger Bewegung, ein Licht in der Hand). Rattengift, zeigen Sie mir Ihr Gesicht! (Nachdem er ihm hineingeleuchtet.) Nein, Sie wissen nichts davon! Ich spreche Sie frei!

Liddy. In aller Heiligen Namen, was soll dies heißen?

Baron. Der Hauswirt ist ein verrätrischer Bube, Nichte! Er läßt eine Menge räubermäßig gekleidetes Gesindel ins Haus, und versagt mir die Pferde!

Liddy. Jesus! wir sind verloren! (Sie sinkt auf einen Stuhl.)

Rattengift (in Verzweiflung). Verloren! verloren!

Baron. Und wenn nur die Absicht der Räuber auf unser Geld ginge, aber sie ist auf dich gerichtet, Liddy, auf dich!

Rattengift. O wenn das ist, Liddy, so retten Sie unser Leben, retten Sie unser Leben! Not kennt kein Gebot! Wenn Sie dem Hauptmanne des Trupps in einer Privataudienz, deren etwaigen Folgen sich späterhin ganz leicht auf einer sogenannten Badereise abschütteln –

Liddy (sich stolz emporraffend). Armseliger Versifex schweig, und verkriech dich mit deinem jämmerlichen Leben dort hinter den Ofen! (Eine Haarnadel losreißend.) Ehe ein einziger dieser Bösewichter auch nur meine Hand berührt, soll diese Nadel zehnfach meine Brust durchbohren! – Auf, teurer Onkel! die Tür verrammelt! der Schwächste ist in der Gefahr oft der Stärkste!

Baron. Edles, heldenmütiges Kind!

(Sie verrammeln die Tür.)

Liddy. Den Tisch davorgetragen!

Baron. Der ist uns zu schwer.

Liddy. Ich trage ihn allein!

Baron. Liddy, Liddy, du zerquetschest dir mit dem ungeheuren Tische die Brust! – Um Gotteswillen, wo bekommst du diese Kraft her?

Liddy. Ergreifen Sie jenen Degen, und geben Sie mir Ihr Jagdmesser! – Ha, die Bande naht sich!

(Der Freiherr und seine Spießgesellen stürmen die Tür und brechen sie nach mehreren Stößen auf; Liddy wirft einem von ihnen das Jagdmesser nach dem Kopfe; die Schar stutzt einen Augenblick; kurz darauf hört man Mollfels' Stimme; es fallen Pistolenschüsse; die Angreifenden flüchten, Mollfels stürzt herein, und seine Bedienten folgen ihm mit dem gefangenen Freiherrn.)

Liddy. Wir sind gerettet! (Sie liegt ohnmächtig in Mollfels' Armen.)

Mollfels (zum Baron, auf den Freiherrn deutend). Der ist der Anführer dieses verruchten Überfalls, (indem zwei Bediente mit dem Herrn von Wernthal hereintreten) und der da, welchen wir hier in der Nähe auf der Lauer fanden, hat, wie der Freiherr Mordax eingesteht, die Baronesse für 20 000 Rtlr. an einen Gastwirts- und Bräute-Sammler verkauft; auch hat er sich sehr vorsichtig alle seine Taschen mit Zwiebeln vollgestopft, um sich nachher damit die Tränen des Bedauerns aus den Augen zu pressen!

(Die Bedienten kehren dem Herrn von Wernthal die Taschen um und es fällt eine Menge Zwiebeln heraus.)

Liddy (sich erholend). Sie, Mollfels, wagten für mich Ihr Blut; kann meine Hand Sie belohnen, so ist sie die Ihrige!

Mollfels . Beglückt sinke ich vor Ihnen –

Liddy. Nicht also! Ein Mann wie Sie, braucht sich vor keinem Mädchen zu beugen! Freudig drücke ich Ihnen den Vermählungskuß auf die Lippen, welche Sie selbst so ungerecht zu verspotten pflegten!

Baron. Wohlgetan! ich segne euren Bund!

Rattengift. Und ich verfertige das Hochzeitscarmen!

Liddy (lächelnd). Rattengift, Sie sind doch entsetzlich feig!

Rattengift. Ich bin ein Dichter, gnädiges Fräulein!

Baron (zu Wernthal und dem Freiherrn). Ihr aber, ihr Elenden, die ihr die Schande des Adels seid, sollt unerbittlich die Strafe empfangen, welche ihr verdient! Ich will euch wie die gemeinsten Verbrecher aneinanderknebeln lassen, – euch am hellen Mittage in die Stadt transportieren lassen, – euch –

Freiherr (wird hitzig). Mord und Tod, dies übersteigt mir die Geduld! Mich geknebelt in die Stadt transportieren lassen! Ho, ist das der Dank dafür, daß ich meine Rolle so göttlich gespielt habe? Glauben Sie, ich wüßte nicht, Herr Theaterbaron, daß Sie der Schauspieler V. sind, und daß Sie mir nichts tun dürfen? – Schnell, Herr von Wernthal, wir wollen ins Orchester zu den Musikanten klettern; die sind meine intimen Freunde und krümmen uns kein Haar!

(Der Freiherr und der Herr von Wernthal klettern in das Orchester.)

(Der Schulmeister tritt auf, den Teufel im Käfige auf dem Rücken.)

Schulmeister. Gratuliere, Herr Baron, daß Sie mit Ihrer Nichte so glücklich aus den Klauen des Freiherrn Mordax gerettet worden sind!

Baron. Bin ich bei Sinnen, Schulmeister? Ist das nicht der Generalsuperintendent, den Sie im Käfige auf dem Rücken schleppen?

Schulmeister (stellt den Käfig auf den Tisch). Hm, wenn der Teufel ein Geistlicher ist, so mag es ein Generalsuperintendent sein, denn dieser frostige Schornsteinfeger ist alleben der Satan in eigner Person!

Alle Anwesende, selbst der Freiherr und Wernthal im Orchester (rufen voller Erstaunen). Was? Der Satan? O Wunder!

Schulmeister. Ja, zum zweiten Male habe ich den bedrängten Erdkreis von ihm erlöst, und wie einen Sperling überliefere ich ihn in einem Vogelbauer dem Menschengeschlechte zum beliebigen Verschlusse!

Teufel. Herr Baron, ich beschwöre Sie, befreien Sie mich aus dem Käfige, befreien Sie mich von dem Schulmeister! Er neckt mich in einem fort, läuft mit mir durch Dick und Dünn, kitzelt mich mit langen Nesseln, streut mir in jeder Minute dreimal Sand auf den Kopf –

Schulmeister. Es ist der Teufel, Herr Baron, er hat es verdient, er hat es verdient! Passen Sie auf! Ich will jetzt mein Hauptexperiment mit ihm versuchen! Er soll das Gesangbuch essen und mir hintendrein Pfötchen geben! (Er hält dem Teufel das Gesangbuch hin.) Iß! (Der Teufel sträubt sich.) Iß, Himmelhund, iß!

(Der Teufel sträubt sich noch gewaltiger.)

Ein Diener (kommt). Eine junge, schöne Dame, der Tracht nach eine Russin, erscheint auf dem Hausflur, man weiß nicht wie!

Teufel (jauchzt) O das ist meine Großmutter! das ist sicher meine Großmutter! ein russisches Pelzkleid hat sie angezogen, weil sie sich zu verkälten fürchtet!

Rattengift. Sie irren sich, Herr Teufel! Der Bediente spricht nicht von Ihrer Großmutter, sondern von einer Dame, welche noch jung und schön ist!

Teufel. Du Tropf! Als ob meine Großmutter alt und häßlich wäre! Weißt du nicht, daß wir Unsterblichen ewig jung bleiben? Wenn ich jedoch demohngeachtet alt und runzlig geworden bin, so ist mein spezieller Gram über die Erfindung der Rumfordschen Suppe schuld daran.

(Des Teufels Großmutter, eine blühende Frau im modischen russischen Winteranzuge tritt herein und begrüßt die Gesellschaft mit einer stummen Verbeugung.)

Des Teufels Großmutter. Schulmeister, entlassen Sie meinen Enkel aus dem Käfig und verlangen Sie für diese Gefälligkeit, was Sie wollen.

Schulmeister. So verlange ich, Euer Durchlaucht, daß er mir Pfötchen gibt!

Des Teufels Großmutter. Gib Pfötchen!

(Der Teufel gibt dem Schulmeister Pfötchen, worauf ihn dieser aus dem Vogelbauer losläßt.)

Des Teufels Großmutter. So, lieber Enkel! Sei lustig! Das Scheuern in der Hölle ist vorbei! Du kannst gleich mit mir heimkehren; der heiße, dich wieder erwärmende Kaffee dampft schon auf dem Tische.

Teufel. Vortrefflich, Großmütterchen, vortrefflich! Aber zum Kaffee habe ich gern etwas zu lesen! – Schulmeister, haben Sie vielleicht die Schriften des Professors Krug bei sich, insbesondere diejenige, welche den neuesten Stand der griechischen Sache betrifft?

Schulmeister. Ja, man hat mir heute faule Heringe geschickt; – vermittelst derselben faulen Heringe (indem er mehrere Pakete herauszieht) kann ich Ihnen auch noch mit den Erzählungen von van der Velde, mit den sämtlichen Werken der ertrunkenen Louise Brachmann, und wenn ich nicht irre, sogar mit dem Westöstlichen Divan und Wilhelm Meisters Wanderjahren von Goethe aufwarten.

Teufel. Ei, welch ein Haufen gedruckten Zeugs! – Großmutter, hast du keinen Bedienten bei dir, der ihn uns nachträgt?

Des Teufels Großmutter. Freilich; ich habe den Kaiser Nero mitgenommen; er steht draußen an der Treppe und putzt die Reitstiefeln, welche ich dir mitgebracht habe.

Teufel (ruft). Nero, Nero!

Der römische Kaiser Nero (tritt ein, in Livree, die Reitstiefeln des Teufels in der Hand). Was beliebt Eur Gnaden?

Teufel. Her mit den Reitstiefeln! (Er zieht sie sich an; – zu Nero.) Was treibt dein Kamerad Tiberius?

Nero. Er liegt auf der Bleiche und trocknet seine Wäsche.

Teufel. Da tut er klug! – – Hier, guter Nero, – nimm den Stand der griechischen Sache unter den linken und die poetischen Werke der Louise Brachmann unter den rechten Arm, und trag sie uns nach!

Nero. Ganz wohl, Eur Gnaden!

Teufel (zu der Gesellschaft, schelmisch lachend). Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen!

(Er, seine Großmutter, und Nero mit den Büchern unter dem Arme, versinken.)

Schulmeister. Was war das, Herr Baron?

Baron. Das frage ich Sie, Herr Schulmeister!

Rattengift. Mir geht die Idee zu einer naiv-verrückten Ballade auf: »Nero putzt des Teufels Reitstiefeln!«

Baron. Verwunderst du dich denn nicht, Liddy?

Mollfels. Liddy und ich haben nicht gehörig darauf geachtet!

Baron. Das lobe ich; so geziemt es Verliebten! (Zu einem eintretenden Bedienten.) Ist unsere Kutsche unverletzt?

Der Bediente. Keine Menschenseele hat sie berührt.

Baron. So hol mir den Flaschenkorb, der sich darin befindet. (Der Bediente ab.) Wir wollen uns zur Restauration einige Terrinen Punsch machen!

Schulmeister (fällt aus den Wolken). Herr Baron, wie vernünftig Sie sind!

(Der Bediente bringt den Flaschenkorb.)

Rattengift (am Fenster). Aber wer kommt dort noch mit der Laterne durch den Wald? Es scheint, daß er seinen Weg hieher richtet!

Schulmeister (ebenfalls am Fenster). O so schlage der Donner darein! Kommt mir der Kerl mit seiner Laterne noch spät in der Nacht durch den Wald, um uns den Punsch aussaugen zu helfen! Das ist der vermaladeite Grabbe, oder wie man ihn eigentlich nennen sollte, die zwergigte Krabbe, der Verfasser dieses Stücks! Er ist so dumm wie'n Kuhfuß, schimpft auf alle Schriftsteller und taugt selber nichts, hat verrenkte Beine, schielende Augen und ein fades Affengesicht! Schließen Sie vor ihm die Tür zu, Herr Baron, schließen Sie vor ihm die Tür zu!

Grabbe (draußen vor der Tür). O du verdammter Schulmeister! Du unermeßlicher Lügenbeutel!

Schulmeister. Schließen Sie die Tür zu, Herr Baron, schließen Sie die Tür zu!

Liddy. Schulmeister, Schulmeister, wie erbittert sind Sie gegen einen Mann, der Sie geschrieben hat! (Es klopft.) Herein!

(Grabbe tritt herein mit einer brennenden Laterne.)

(Der Vorhang fällt.)


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