Johann Christoph Gottsched
Sterbender Cato
Johann Christoph Gottsched

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Die vierte Handlung

Erster Auftritt

Cato und Portius.

Cato
Und Cäsar ist nicht hier? Mein Sohn, was meinest du?
Was man nicht halten will, das sage man nicht zu.
Doch so entzieht er mir den Anblick, der mich kränket,
Mein Herz entsetzet sich, sobald es an ihn denket.
O wären wir nur bald mit Schild und Spieß versehn,
Da sollt ihm schon sein Recht durch meine Faust geschehn!

Portius
Indessen hat er doch das Bubenstück entdecket,
Womit Pharnaces sich nun abermal beflecket.

Cato
Vergebens zeigt er mir den Meuchelmörder an,
Da ich sein eignes Tun ihm nicht verzeihen kann.
Die Bosheit hat ihn selbst zu heftig angestecket!
So sehr hat zwar mein Haß sein Gutes nicht verdecket,
Daß ich nicht sehen sollt, daß er voll Großmut ist.
Es schreckt ihn in der Tat kein Drohen, keine List.
Im Felde sieget er, doch kann er auch verzeihen;
Und wär es Rom erlaubt, ein einzig Haupt zu scheuen:
Vielleicht würd er allein der Ehre würdig sein!
Jedoch er reißt Gesetz und Recht und Ordnung ein
Und sucht das Sklavenjoch auf deren Hals zu dringen,
Die auch wohl Könige vom Thron zu steigen zwingen.
An diesem Triebe nun nach Herrschaft, Macht und Reich
Ist niemand in der Welt dem stolzen Cäsar gleich.
Das machts, daß ich nach ihm mit Zorn und Abscheu blicke!

Portius
Allein, was gibt man ihm vor Antwort mit zurücke?

Cato
Man schlägt ihm alles ab! O Himmel! Wie gesetzt
War unsrer Römer Mut! Wie hab ich mich ergetzt,
Als alle ganz beherzt dem Frieden widerstanden,
Den sie der Freiheit Roms so unanständig fanden.
Ihr Herz war unverzagt und voller Rachbegier;
Wie brach der Heldenmut aus jeder Stirn herfür,
Und was erregte nicht des Vaterlandes Liebe
In jedes Bürgers Brust vor tugendhafte Triebe!

Portius
Auch ich, mein Vater, bin mit Faust und Stahl bereit
Und lege den Versuch von meiner Tapferkeit
Vor Euren Augen ab, um Euch und Rom zu schützen.

Cato
Vor Rom allein, mein Sohn, laß deinen Degen blitzen,
Vor deinen Vater nicht. Und fiel ich ungefehr:
So bleibe du gleichwohl in steter Gegenwehr!
Und zeige Cäsarn einst, daß Cato auch im Grabe
Vor aller Tyrannei den größten Abscheu habe.
Du weißt, daß Hannibal, als er ein Knabe war,
Auf seines Vaters Wort bei Opfer und Altar
Den schweren Eid getan, uns Römer stets zu hassen;
Dich will ich Cäsars Haß und Tod beschweren lassen!

Portius
Ich bin bereit dazu, dieweil ichs schuldig bin.
Doch sagt mir, sollte wohl der Parther Königin
Aus Rom entsprossen sein?

Cato
Wo hast du das vernommen?
Denn von dir selbst ist dirs gewiß nicht eingekommen.

Portius
Pharnaz entdeckte mirs als eine Heimlichkeit
Und sagte, wie mich dünkt, daß Ihr es selber seid,
Von dem die Nachricht kommt.

Cato
Was ist dir dran gelegen?
Erkundigst du dich auch vielleicht der Liebe wegen?
Hast du dich auch vergafft? Ach! Wisse Portius,
Daß man im Kriege nicht ans Lieben denken muß.
Komm, hilf mir erstlich Rom und seine Freiheit retten!
Alsdann erinnre dich der sanften Liebesketten.
Wiewohl, es ist umsonst! Ob sie gleich römisch ist,
So geht es doch nicht an, daß du ihr Freier bist.
Dort kommt sie selber her, du sollst es bald erfahren.

Der andere Auftritt

Cato. Portius. Arsene. Phenice.

Arsene
Mein Herr, ich komme her, der Römer Blut zu sparen.
Ich eile Cäsars Schritt aus Lust zum Frieden vor;
Drum gönnet meinem Wunsch nur ein geneigtes Ohr.
Mein Unglück wird so lang als Roms Verderben währen.
Das Bürgerblut erweckt mir gar zu viele Zähren.
Sobald der Tod den Pfeil auf Eure Krieger zückt,
So wird er, wie mich dünkt, in meine Brust gedrückt.
Ich muß die Römer mehr als meine Parther lieben.
Vielleicht tu ich zuviel mit den verkehrten Trieben!
Ich bin als Königin den Königsfeinden hold,
Die ich, nach meiner Pflicht, recht tödlich hassen sollt.
Mein Herz empört sich stark und murrt so sehr darwider,
Als trät ich die Natur und ihr Gesetz darnieder.

Cato
O liebten sich doch auch die guten Römer so!
So würden wir nach Schmerz und Unglück endlich froh.
Ihr habt ein größer Herz als Königinnen haben,
Es liegt was Römisches in Eurer Brust begraben.
Arsene, glaubt es nur, ja macht es offenbar,
Der Götter Fügung selbst erklärt es schon für wahr.

Portius (seitwerts)
Das hab ich nur gewünscht! Pharnaz hat nicht gelogen!

Arsene
Mich dünkt, das ganze Heer ergreift schon Schwert und Bogen.
Der Stillstand ist bald aus! Drum, Herr, verlängert ihn:
Seht, Cäsar will sich hier um meine Gunst bemühn.

Cato
Prinzessin, was war das?

Arsene
Ich will sein Herze lenken,
Der Himmel scheint mir ja ein großes Reich zu schenken:
Der größten Ehrbegier genügt an meinem Thron;
Und so bezwing ich denn auch Cäsars Herze schon!
Alsdann soll er nebst mir der Parther Reich regieren,
Und Rom wird keinen Zwang von seinem Zepter spüren:
Der Friede soll die Frucht von meiner Liebe sein.

Cato
Was hör ich! Welch ein Schmerz nimmt Geist und Glieder ein!
Ihr liebet Cäsarn selbst? O Himmel! Was für Plagen
Soll meine Tugend noch erdulden und ertragen?
Das Glück versucht an mir fast alles, was es kann,
Weil ihm mein Widerstand vielleicht zu weh getan.
Ihr Götter! War der Schimpf nicht groß genug zu nennen,
Sie durch die Krone schon verunehrt zu erkennen?
Und muß es gar geschehn, daß des Tyrannen Bild
Durch zarte Liebesglut ihr Innerstes erfüllt!

Arsene
Was macht Euch so bestürzt? Was kann Euch so bewegen?
Kann das, was ich gesagt, so viele Wut erregen?
Was hab ich denn versehn, daß mich der Zorn betrifft?
Erklärt Euch!

Cato
Nimm und lies; es ist Arsacens Schrift.

Arsene
Mit Zittern faß ich hier des Vaters eigne Zeilen:
Es scheint ein harter Fall mein Herz zu übereilen.
(Sie öffnet den Brief und liest.)
Es würde grausam sein, wenn ich erblassen sollte
Und Eure Tochter Euch noch länger bergen wollte:
Durch ihre Tugenden ist sie der Ehre wert,
So ihr durch Eure Huld und Liebe widerfährt.
Erkennt denn Euer Blut und liebt es in Arsenen;
Und will sie meinen Thron und Purpur nicht verhöhnen,
So nehmt doch ihrer Hand der Parther Zepter nicht:
Indem ihr Regiment der Welt viel Guts verspricht.

Portius
Was hör ich? Kann es sein? Die Schwester Portia,
Die man vor tot geschätzt, steht in Arsenen da?

Portia
Wer? Ich des Cato Kind? Welch plötzliches Entsetzen!
Dies Glück ist herrlicher als Kron und Thron zu schätzen.
Mein Vater! Süßes Wort! so mir viel schöner klingt,
Als was ein Königreich vor stolze Titel bringt.
Die Regung der Natur bewog mich, Euch zu lieben,
Ein unbekannter Trieb hat mich hieher getrieben.
Ihr wißt, wie deutlich sich mein Herze schon entdeckt,
Obgleich das Schicksal mich in fremden Schmuck versteckt.
Itzt regt sich das Geblüt mit freudigem Ergießen;
Bezwingt Euch denn, mein Herr, mich in den Arm zu schließen,
Und seht mich doch einmal mit Vateraugen an!
Verbannt den alten Schmerz! Der Zorn sei abgetan!
Bestrafet nicht an mir die Fehler des Geschickes,
Und würdigt Euer Kind doch endlich eines Blickes!

Cato
Ich hab es wohl gespürt, daß dich mein Schmerz bewegt.
Es war ein heimlich Band in unser Blut gelegt:
So heftig regten sich die eingepflanzten Triebe!
Und kurz, ich fühlte selbst die zärtste Vaterliebe.
Allein, ein Königsthron ist viel zu schlecht vor dich;
Und Cäsarn hold zu sein, der größte Schimpf für mich.
Auf! edle Römerin, besiege Lieb und Ehre
Und zeige, daß dein Herz dem Cato angehöre!

Portia
Ach, allzuschwerer Sieg! Wie hart fällt beides mir!

Portius
Was säumt denn Portius? Dies Glück gehört auch dir.
Ja, Schwester, laßt auch mich in Eure Arme fallen
Und seht in meiner Brust ein Bruderherze wallen.
Ich war Euch auch geneigt als einer Königin
Und wünschte: Wäre sie doch eine Römerin!
Nun ist es zwar entdeckt, doch anders, als ich dachte:
Indem ich schon auf Euch ganz andre Rechnung machte.

Portia
Ach! Bruder, liebet mich hinführo brüderlich!

Cato
Was bist du so bestürzt? Wohlan, entschlüße dich!
Du seufzest? Schäme dich! Willst du dein Blut beflecken?
Und deines Vaters Haus in Schimpf und Schande stecken?
Ihr Götter! Welch ein Schmerz!

Portia
Mein Vater, laßt mich doch!

Cato
Ich bin dein Vater nicht, wo Cäsars Liebe noch
In deiner Seelen brennt. Ersticke solche Flammen!

Portia
Wie konnt ich Cäsars Huld und Liebe doch verdammen?
Ich wußte ja noch nicht, wer mich zur Welt gebracht:
Das Schicksal hat mir selbst dies Unglück zugedacht!

Cato
Der Tränenstrom verrät die Schwäche deiner Seelen,
O! kannst du nicht einmal die Zärtlichkeit verhehlen:
So nenne dich hinfort nur meine Tochter nicht
Und komme mir durchaus nicht mehr fürs Angesicht!

Portia
Ach! Herr, kaum hab ich Euch als Vater kennenlernen,
Und Ihr wollt mich von Euch schon wiederum entfernen?
Ich Unglückselige! Der Götter Grausamkeit
Hat mich bisher verwaist; Ihr geht noch eins so weit.
Sagt, muß ein Römer denn, um Rom getreu zu scheinen,
In seiner Seelen gar die Menschlichkeit verneinen
Und unempfindlich sein?

Cato
Was sagst du? Rede nun!
Sprich, soll denn die Natur der Tugend Eintrag tun?

Portia
Und muß die Tugend denn Natur und Trieb ersticken?
Wiewohl, es ist zu hart, Euch niemals zu erblicken!
Verbindet, wenn Ihr könnt, was Rom, was Vaterland,
Was meine Liebe will, durch ein beglücktes Band!
Wo nicht, so will ich doch die schnöde Flamme dämpfen,
Ich will mein eigen Herz und Cäsars Glut bekämpfen:
Ihr Götter! hört es an, ich bin ganz eifersvoll
Zu zeigen, wer ich bin, so hart mirs gehen soll!

Cato (er umarmet sie)
Nun nenn ich dich mein Kind. Aus solchen Tugendproben
Erkenn ich mein Geblüt. Ich will und muß dich loben!

Portius
Mein Vater, Cäsar kommt: Ich gehe...

Cato
Bleibe du;
Du gleichfalls Portia; hört unsern Reden zu.

Der dritte Auftritt

Cäsar. Cato. Portius. Portia. Phenice.

Cäsar
Nun, Cato, soll ich itzt die Gnade herrschen lassen?
Wie? Oder soll ich noch das scharfe Rachschwert fassen?
Was wünscht der Römer Rat?

Cato
Dir, was du ihm gedroht,
Das ist, den Untergang; wo nicht, sich selbst den Tod.
Der Krieg, der Krieg allein soll uns den Ausschlag geben:
Doch niemand will von uns die Freiheit überleben.
Indessen glaube nicht, daß dieser Mauren Kreis,
Daß uns nur Utica so kühn zu machen weiß,
Daß wir uns ganz verzagt in Turm und Wall verschanzen
Und du ganz Afrika mit Adlern magst bepflanzen.
Nein, wir erwarten dich und deinen Angriff nicht.
Sobald nur morgen früh das erste Tageslicht
Die Welt bestrahlen wird, so soll durch Glut und Eisen
Sich lauter Mord und Wut in deinem Lager weisen.
Bereite dich dazu!

Cäsar
Meint Ihr, daß Cäsars Macht
Euch nicht bestürmen kann, eh Ihr vom Schlaf erwacht?
Mein Vorsatz war bisher, der Römer Rest zu schonen;
Allein, da Stolz und Grimm so reichlich bei Euch wohnen,
Als schwach die Kräfte sind: So seid Ihr schuld daran,
Wenn ich die Blitze nicht zurückehalten kann.
Ihr zwingt mich, Utica und alles zu verstören!
(Zu Portien.)
Prinzessin, laßt mich nur kein hartes Wort mehr hören!
Man will den Frieden nicht, man schlägt mir alles ab;
Was nützt der Vorschlag nun, den ich aus Großmut gab?
O Himmel, wenn du doch den Frevel strafen wolltest!

Portia
Du trotzest einen Feind, den du verehren solltest,
Und kennst doch weder ihn noch seine Kräfte recht:
Doch wisse, daß sein Arm noch deinen Hochmut schwächt.
Es steht ihm jemand bei, den du verehren müßtest,
Ja den du scheuen solltst, dafern du ihn nur wüßtest!

Cäsar
Wer ist der Gegner denn, den Cäsar scheuen soll?

Portia
Ich selber bins.

Cäsar
Seid Ihrs?

Portia
Vernimms erstaunensvoll,
In diesem Cato ist mein Vater selbst vorhanden!

Cäsar
Ihr scherzet, wie mich dünkt; hab ich Euch recht verstanden?
Ihr wollt bald Königin, bald Catons Tochter sein:
Das ungereimte Ding will mir durchaus nicht ein!
Nein, ich begreif es nicht.

Portia
Es muß dir fremde dünken:
Ich selber wußt es nicht und wollt in Ohnmacht sinken,
Sobald ich es erfuhr. So grausam ist mein Glück!
Ja, Cäsar, so ergrimmt ist dein und mein Geschick.
Du liebtest mich, ich dich. Nunmehr erfolgt die Reue,
Indem ich mich beschämt vor meinem Siege scheue.
Da, wo ich Ruhm gesucht, da find ich lauter Schimpf:
O Schicksal! brauchest du denn niemals größern Glimpf,
Und muß ich heute denn sogar an mir erleben,
Daß Lieb und Unschuld stets einander widerstreben?

Cäsar (bald zu Portien, bald zum Cato)
Was? Sieht man unsre Lieb als ein Verbrechen an?
Warum verdammt man sie, da sie doch nützen kann?
Der Himmel sucht dadurch die Römer zu verbinden;
Drum solltet Ihr die Glut noch mehr und mehr entzünden.
Warum zertrennt Ihr doch, was selbst der Himmel paart?
Es scheint, der Friedensschluß ist bloß für uns gespart.

Cato
Viel lieber wollt ich sie nicht vor mein Kind mehr achten
Und sie, ja mich zugleich als Opfertiere schlachten.
Nein, Cäsar, glaube nicht, daß mich dein Vorschlag trügt,
Weil mir Pompejens Fall noch stets im Sinne liegt.
Der ward dein Tochtermann, doch dies vermeinte Glücke
War seines Unfalls Grund: Die Eh ward ihm zum Stricke.
Gesetzt also, daß ich den Beifall geben wollt,
Daß Cäsar Portien zur Gattin haben sollt:
So würde doch dein Herz ganz unersättlich bleiben
Und seine Kronensucht aufs Allerhöchste treiben;
Mich aber hätte dann die Schandtat sehr befleckt.

Der vierte Auftritt

Cato. Cäsar. Portia. Portius. Phenice und Domitius.

Domitius
Ein unverhoffter Fall hat Burg und Volk erschreckt.
Pharnaces brach ins Schloß mit Waffen und Soldaten,
Sein Herz und Antlitz brennt nach lauter Freveltaten:
Ich hab ihn selbst gesehn; er war schon vor der Tür.
Allein, es störten ihn drei Römer oder vier:
Man sah mit gleichem Mut Arsenens Diener streiten,
Wiewohl ihr Widerstand hat wenig zu bedeuten.

Portius
Ich will der erste sein, der den Verräter schlägt
Und, wenn er nicht entläuft, ihn kalt darniederlegt.

Cato
Ich eile selber hin und schone nicht des Lebens.

Domitius
Es hat nicht mehr Gefahr, drum eilet ihr vergebens.
Pharnaz ist schon erlegt und seine Scharen fliehn:
Nur Marcus, Euer Sohn!

Cato
Wie? Warum nennst du ihn?
Hat er mein Haus befleckt? Ist er verzagt gewichen?
Hat er aus Blödigkeit sich furchtsam weggeschlichen?
O Himmel! Welch ein Schimpf!

Domitius
Nein! Herr, sein Heldenmut
Erwies ein römisch Herz und Catons tapfres Blut.
Er kam erhitzt darzu, als schon die andern fochten,
Und hat sich selbst dabei den schönsten Kranz geflochten.
Pharnaces drang auf ihn mit bloßem Säbel ein,
Doch alle seine Wut schien ganz umsonst zu sein:
Weil ihm kein Hieb, kein Stoß nach Herzenswunsch gelungen,
Bis Eures Sohnes Schwert ihm durch die Brust gedrungen.

Cato
Den Göttern sei gedankt! Allein, was säumt er nun,
Mir den befochtnen Sieg auch selber kundzutun?

Domitius
Vernehmt nur den Verlauf: O dörft ich es nicht sagen!
Indem Pharnaces fällt, will er das Letzte wagen
Und stößt, da Marcus schon mit neuen Feinden ficht,
Von hinten nach ihm zu.

Portia
Verdammter Bösewicht!
So mußt du doch bei mir zum Brudermörder werden!

Cato
Vollführe den Bericht.

Domitius
Drauf sank er tot zur Erden
Und starb mit ihm zugleich. Doch starb er als ein Held,
Indem Pharnaces sich Verrätern beigesellt.
Mich dünkt, man bringt Euch schon den Leichnam hergetragen.

Cäsar
Pharnaces hat sich selbst durch Trug und List geschlagen:
Denn die Verräterei bestraft sich allezeit.
So macht es Cäsar nicht. Nein, Treu und Redlichkeit
Soll in dem Treffen selbst den Überwinder schmücken.
Nun, Cato, es ist Zeit, vor Utica zu rücken.
Ihr schlagt den Frieden aus, drum rüstet Euch zur Schlacht:
Die Götter haben mir die Lorbeern zugedacht!
Ihr, Portia, lebt wohl! Doch werd ich heute siegen,
So soll mein Degen gleich zu Euren Füßen liegen.

Portia
Geh, Unmensch! Geh, Tyrann! Du bist ein Wüterich!

(Cäsar und Domitius gehen ab. Portia folgt mit Phenicen, doch an der andern Seite.)

Der fünfte Auftritt

Cato. Portius. Phocas. Artabanus. Die Bedienten, so den toten Leichnam getragen bringen.

Cato
Ihr Freunde, legt nur hier den Körper recht für mich,
Damit ich sehen kann, wie er im Blute lieget,
Und aus der Wunden Zahl, wodurch man ihn besieget,
Sein Lob erhellen mag. Willkommen, liebster Sohn!
Nun spricht dein Vater auch durch dich den Feinden Hohn.
Komm her, mein Portius, wie schön ist es zu sterben,
Wenn wir durch Tugenden uns Tod und Grab erwerben?
Wer stürbe nicht gleich ihm vor unser Vaterland!
Begrabe mich dereinst zu seiner rechten Hand,
Daß unsrer Asche Rest beisammen kann verwesen.
Ihr Freunde, welch ein Schmerz ist hier bei euch zu lesen?
Wie kömmt es? Trauret ihr, da meines Hauses Pracht
Aufs Allerhöchste steigt? Das hätt ich nicht gedacht!
Es wär ein Schimpf für mich, wenn in den letzten Zügen,
Darin die Freiheit liegt, mein Haus allein gestiegen,
Mein Glück gewachsen wär.

Artabanus
O welch ein großer Mann!
Desgleichen wohl die Welt nicht viele zehlen kann.

Cato
Es scheint, ihr könnet euch der Tränen nicht erwehren,
Da nur ein Jüngling fällt. Rom, Rom erfodert Zähren!
Der Götter Meisterstück, der Helden Vaterland,
Die Herrscherin der Welt, die mit gerechter Hand
Tyrannen niederschlug und den geplagten Landen
Die Freiheit wiedergab, Rom ist nicht mehr vorhanden!
O Freiheit! O Verlust! O edle Vaterstadt!

Artabanus
Welch eine Redlichkeit, die ihn erfüllet hat!
Den Sohn beweint er nicht; um Rom vergießt er Tränen!

Cato
Die ganze Welt muß sich an Cäsars Joch gewehnen,
Wo Mond und Sonne scheint, was wir bisher bezähmt,
Das alles hat sich schon zur Sklaverei bequemt
Und will vor Cäsars Ruhm sein eigen Blut nicht schonen.
Die tapfern Fabier, die großen Scipionen,
Ja, selbst Pompejus focht vor Cäsars Ruhm allein.
Kurz, alles, alles muß des Räubers Beute sein!
O wundergroßes Rom, wie sehr bist du verfallen!

Phocas
Mein Herr, itzt rettet nur Euch selber, samt uns allen.
Es ist schon hohe Zeit!

Cato
An mich gedenkt nur nicht:
Ich bin nicht in Gefahr, ob alles fällt und bricht.
Der Himmel läßt mich nicht in Cäsars Hand geraten,
Es sei der Wüterich ein Herr von hundert Staaten;
Doch soll es nicht geschehn, daß er sich rühmen darf,
Daß er auch mich besiegt. Nichts ängstet mich so scharf
Als euer aller Heil, ihr wertgeschätzten Freunde!
Wie schütz ich immermehr euch alle vor dem Feinde?

Phocas
Vielleicht verzeiht er uns, wenn wir um Gnade flehn!

Cato
Ganz recht; drum tut es nur und sagt ihm: Was geschehn,
Das komme bloß von mir. Sagt auch, ich ließ ihn bitten,
Auf eure Tugend ja den Grimm nicht auszuschütten.
(Zum Artaban.)
Um Euch, mein Artaban, und um der Parther Reich
Ist mirs von Herzen leid! Was rat, was helf ich Euch?

Artabanus
So lange Cato lebt, so will ich mit ihm leiden.

Cato
Kommt her, umarmet mich, bevor wir uns noch scheiden;
Und wird gleich Portia nicht eure Königin,
Dieweil sie römisch ist und ich ihr Vater bin:
So unterwerft den Staat nur billigen Gesetzen,
Und laßt durch keine Macht des Landes Wohl verletzen.
(Zu seinem Sohne.)
Tritt näher, Portius, du hast es selbst erblickt,
Wie Ehrfurcht, List und Trotz mir oft das Ziel verrückt
Und wie ich widerstrebt. Itzt siehst du mich auch weichen,
Da keine Hoffnung ist, den Endzweck zu erreichen.
Geh hin, verbirg dich nur auf das Sabiner Feld,
In deinen Vatersitz, wo mancher große Held,
Wo unser Ahnherr selbst, nachdem er oft gesieget,
Nach alter Römer Art sein eignes Land gepflüget.
Da lebe tugendhaft, verborgen, schlecht und recht;
Sei fromm, den Göttern treu, doch keines Menschen Knecht:
Denn wo das Laster herrscht, da sind die höchsten Würden,
Die man bei ihnen trägt, die ärgsten Sklavenbürden.

Portius
Ihr ratet mir fürwahr ein solches Leben an,
Das ich von selbsten schon unmöglich hassen kann.

Cato (zu allen)
Ihr Freunde, lebet wohl! Wollt ihr nicht alle trauen,
Könnt ihr nicht schlechterdings auf Cäsars Gnade bauen:
So wißt, daß allbereit die Schiffe fertig stehn.
Ihr könnt, sobald ihr wollt, damit zu Segel gehn.
Mehr kann ich itzt nicht tun, euch insgesamt zu retten;
Eilt, denn der Sieger kommt und droht euch schon die Ketten!
Lebt wohl, zum letztenmal! Wenn wir uns wiedersehn,
So wird es zweifelsfrei an einem Ort geschehn,
Wo uns kein Cäsar wird in unsrer Ruhe stören
Und wo wir nichts von Macht und von Tyrannen hören.
(Er kehrt sich nach dem Toten.)
Daselbst geneust mein Sohn, der für die Freiheit starb,
Der Tugendliebe Lohn, den er sich hier erwarb.
Da trägt er nun den Kranz, der seine Schläfe zieret!
Da stimmen alle die, so hier die Welt regieret,
Den Menschen wohlgetan, der festen Wahrheit bei:
Daß ihr Bemühen nicht umsonst gewesen sei!

(Ende der vierten Handlung.)


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