Johann Wolfgang von Goethe
Tancred. Trauerspiel in fünf Aufzügen, nach Voltaire
Johann Wolfgang von Goethe

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Zweiter Aufzug

Saal im Palaste der Republik.

 

Erster Auftritt

Amenaide, hernach Euphanie.

Amenaide Die Ruhe flieht und ach! die Sorge folgt!
Vergebens wandl' ich durch die öden Säle.
Hier, in dem Busen, schwanket Ungeduld;
Unstet bewegt mein Fuß sich hin und wider.
Ist's Furcht? Ist's Reue? – Furcht! o, denk' an ihn!
Und sollte dich die edle Kühnheit reuen?
Gefaßt, mein Herz!
    Zu Euphanien, die eintritt.
                              Ist mein Befehl vollbracht?

Euphanie Dein Sklav empfing den Brief und eilte fort.

Amenaide So ist mein Schicksal nun in der Gewalt
Des letzten meiner Knechte, weil ich ihn
Zu einem solchen Auftrag tüchtig finde,
Weil er von Muselmannen stammt, bei uns
Geboren und erzogen, beide Sprachen,
Der Sarazenen Lager und des Bergs
Verborgne, fürchterliche Pfade kennt.
Wird er auch jetzt, so glücklich und so treu,
Messinas Pfort' erreichen, als zur Stunde,
Da er mir dort Tancreden ausgeforscht?
Wird er, wie damals, eilig wiederkehren,
Und allen Dank und allen Lohn empfangen,
Den ihm mein stolzes Herz, mit Freude, zollt?

Euphanie Gefährlich ist der Schritt; doch hast du selbst,
Durch weise Vorsicht, die Gefahr gemindert.
Tancredens Namen hast du jenem Blatt,
Das ihn berufen soll, nicht anvertraut.
Wenn des Geliebten Namen sonst so gern
Die Lippe bildet, sie der Griffel zieht,
Hier hast du ihn verschwiegen, und mit Recht.
Im schlimmsten Falle mag der Maure nun
Den Boten fangen, mag die Zeilen lesen,
Die ihm ein unerklärlich Rätsel sind.

Amenaide Noch wacht ein guter Geist für mein Geschick;
Tancreden führt er her, ich sollte zittern?

Euphanie An jedem andern Platz verbind' er euch;
Hier lauern Haß und Habsucht hundertäugig,
Der Franken alter Anhang schweigt bestürzt;
Wer soll Tancreden schützen wenn er kommt?

Amenaide Sein Ruhm! – Er zeige sich und er ist Herr.
Den unterdrückten Helden ehrt im Stillen
Noch manches Herz. Er trete kühn hervor,
Und eine Menge wird sich um ihn sammeln.

Euphanie Doch Orbassan ist mächtig, tapfer!

Amenaide                                                     Ach!
Du solltest meine Sorge nicht vermehren.
O, laß mich denken, daß ein gut Geschick
In früher Jugend uns zusammen führte,
Daß meine Mutter, in der letzten Stunde,
Uns, mit dem Scheidesegen, fromm vereint.
Tancred ist mein! Kein feindliches Gesetz,
Nicht Staatsverträge sollen mir ihn rauben.
Ach! wenn ich denke, wie vom Glanz des Hofs,
Vom herrlichsten der Kaiserstadt umgeben,
Wir uns nach diesen Ufern hingesehnt,
Wo jetzt Gefahr von allen Seiten droht,
Wo mir Tancredens laut erklärter Feind
Das ungerecht entrissene Vermögen,
Als Bräutigam, zur Morgengabe beut.
Der edle Freund soll wenigstens erfahren,
Wie ihn Parteisucht hier behandelt, wie
Mich sein Verlust in Angst und Kummer setzt.
Er kehre wieder und verteidige
Sein angebornes Recht! Ich ruf ihn auf.
Dem Helden bin ich's, bin's dem Freunde schuldig;
Ach! gerne tät' ich mehr, vermöcht' ich's nur.
Ja, hielte mich die Sorge nicht zurück
Des alten Vaters Tage zu verkürzen,
Ich selbst erregte Syrakus, zerrisse
Den Schleier der die Menge traurig dämpft.
Von Freiheit reden sie, und wer ist frei?
Der Bürger nicht der vor dem Ritter bebt,
Der Ritter nicht der sich von seines Gleichen
Befehlen und verstoßen lassen muß.
Ist denn mein Vater frei? der doch von allen
Der Älteste, des Rates Erster sitzt.
Bin ich es, seine Tochter? deren Hand
Dem alten Feinde meines Hauses nun,
Im klugen Plane, dargeboten wird.
Ist Orbassan darum nun liebenswert,
Weil die Parteien, müde sich zu kränken,
In unserm Bund auch ihren Frieden sehn?
Solch ein Vertrag empört, wie solch ein Zwist,
Des zarten Herzens innerstes Gefühl.
Ein Einziger kann die Verwirrung lösen.
Und er ist nah, er kommt – es ist getan.

Euphanie Und alle deine Furcht? –

Amenaide                                       Sie ist vorüber.

Euphanie Doch mir durchbebt sie heftiger die Brust.
In diesem Augenblicke der Entscheidung
Empfind' ich meine Schwachheit nur zu sehr!
Und du hast nichts von dem Gesetz gehört,
Das der Senat, mit wohlbedachter Strenge,
Noch diesen Morgen erst, erneuert hat?

Amenaide Welch ein Gesetz?

Euphanie                               Es ladet Schand' und Tod
Auf jeden, der mit unsern Feinden sich,
Der sich mit Fremden ingeheim verbunden.
O Gott! dir drohet es, und trifft vielleicht!

Amenaide Laß ein Gesetz von Syrakus dich nicht,
So sehr es immer droht, in Furcht versetzen.
Ich kenne schon den waltenden Senat;
Versammelt sinnt er auf das Beste, will,
Mit Herrscherwort, den Übeltaten steuern,
Und so entspringet weise manch Gesetz;
Gerüstet steht's, Minerven gleich, die sich
Einst aus dem Haupt des Göttervaters hob,
In seiner vollen Kraft, und scheint zu treffen.
Den Bürger trifft es auch und den nicht oft;
Doch weiß ein Ritter, was die Seinigen
Verletzen könnte, mächtig abzulenken,
Und keine Strafe trifft ein hohes Haupt.

 

Zweiter Auftritt

Amenaide, Euphanie, im Vordergrunde, Arsir und die Ritter im Hintergrunde.

Arsir Weh über uns! – O Ritter! wenn ihr mich
Bei dieser Nachricht ganz vernichtet seht,
Bejammert mich! Zum Tode war ich reif;
Doch solche Schande dulden wer vermag's!
    Zu Amenaiden, mit Ausdruck von Schmerz und Zorn.
Entferne dich!

Amenaide             Mein Vater sagt mir das?

Arsir Dein Vater? Darfst du diesen heil'gen Namen
Im Augenblicke nennen, da du frech
Dein Blut, dein Haus, dein Vaterland verrätst?

Amenaide (sich fortbewegend)
Ich bin verloren!

Arsir                         Bleib! und soll ich dich
Mit einemmal von diesem Herzen reißen?
Ist's möglich?

Amenaide             Unser Unglück ist gewiß,
Wenn du dich nicht zu meiner Seite stellst.

Arsir Zur Seite des Verbrechens?

Amenaide                                   Kein Verbrechen
Hab' ich begangen.

Arsir                             Leugnest du das Blatt?

Amenaide Ich habe nichts zu leugnen.

Arsir                                                   Ja, es ist
Von deiner Hand geschrieben, und ich stehe
Betroffen und beschämt, verzweifelnd hier.
So ist es wahr! – O! meine Tochter! – Du
Verstummst? – Ja, schweige nur, damit mir noch
Im Jammer wenigstens ein Zweifel bleibe.
Und doch – o sprich, was tatst du?

Amenaide                                             Meine Pflicht!
Bedachtest du die deine?

Arsir                                     Rühmst du noch
Dich des Verbrechens vor dem tief Gekränkten?
Entferne dich, Unglückliche! Verlaß
Den Ort, den Stand, das Glück, das du verwirkt,
Und mir soll fremde Hand mein Auge schließen.

Amenaide Es ist geschehn!

 

Dritter Auftritt

Arsir, die Ritter.

Arsir                                   Wenn ich, nach dieser Tat,
Nach dem Verbrechen, das sie selbst bekannte,
Nicht ritterlich gelassen unter euch,
Wie es mir wohl geziemte, stehen kann,
Wenn meine Tränen wider Willen fließen,
Wenn tiefe Seufzer meine Stimme brechen;
Ach! so verzeiht dem tiefgebeugten Mann.
Was ich dem Staat auch schuldig bin, Natur
Macht allzudringend ihre Fordrung gelten.
Verlangt nicht, daß ein unglücksel'ger Vater,
Zu euren strengen Schlüssen bebend stimme:
Unschuldig kann sie nicht gefunden werden;
Um Gnade wag' ich nicht für sie zu flehn;
Doch Schand' und Tod auf sie herab zu rufen
Vermag ich nicht. Es scheint mir das Gesetz,
Nunmehr auf sie gerichtet, allzustreng.

Loredan Daß wir, o Herr, den würdigsten der Väter
In dir bedauern, deine Schmerzen fühlen
Und sie zu schärfen selbst verlegen sind,
Wirst du uns glauben; aber dieser Brief! –
Sie leugnet nicht, der Sklave trug ihn fort;
Ganz nah am Lager Solamirs ergriff
Den Boten unsre frische Doppelwache;
Er suchte zu entfliehn, er widersetzte
Sich der Gewalt, die ihm den Brief entriß,
Er war bewaffnet und er ist gestraft.
Das Zeugnis des Verrates liegt zu klar
Vor aller Augen! die Gefahr der Stadt!
Wer sollte hier der wiederholten Schwüre
Vergessen können? wer der ersten Pflicht?
Und selbst die edlen väterlichen Schmerzen,
Sie überreden nicht, so sehr sie rühren.

Arsir In deinem Spruche seh' ich deinen Sinn;
Was auf sie wartet fühl' ich mit Entsetzen.
Ach! sie war meine Tochter – dieser edle Mann
Ist ihr Gemahl – ich überlasse mich
Dem herben Schmerz – euch überlass' ich mich.
Gewähre Gott mir nur vor ihr zu sterben!

 

Vierter Auftritt

Die Ritter.

Roderich Sie zu ergreifen ist Befehl gegeben –
Wohl ist es schrecklich, sie, von edlem Stamme,
So hoch verehrt von allen, jung und reizend,
Die Hoffnung zweier Häuser, von dem Gipfel
Des Glücks, in Schmach und Tod gestürzt zu sehn;
Doch welche Pflichten hat sie nicht verletzt?
Von ihrem Glauben reißet sie sich los;
Ihr Vaterland verrät sie, einen Feind
Ruft sie, uns zu beherrschen, frech heran.
Oft hat Sicilien und Griechenland
An seinen Bürgerinnen das erlebt,
Daß sie der Ehre, daß dem Christennamen,
Daß den Gesetzen sie entsagt und sich
Dem Muselmann, der alle Welt bedrängt,
Im wilden Feuer, lüstern, hingegeben;
Doch daß sich eines Ritters Tochter, sie,
    zu Orbassan.
Die Braut solch eines Ritters, so vergiss't
Und, auf dem Wege zum Altare, noch
Ein solch verrätrisch Unternehmen wagt,
Ist neu in Syrakus, neu in der Welt.
Lass't unerhört das Unerhörte strafen!

Loredan Gern will ich es gestehn, ich bebe selbst,
Indem ich ihre volle Schuld mir denke,
Die nur durch ihren Rang sich noch vermehrt.
Wir alle kennen Solamirs Beginnen,
Wir kennen seine Hoffnung, seine Liebe,
Die Gabe zu gefallen, zu betrügen,
Geister zu fesseln, Augen zu verblenden.
An ihn gerichtet hat sie dieses Blatt!
»Regier in unserm Staate!« – Braucht es mehr
Die gräßlichste Verschwörung zu enthüllen?
Und was noch sonst Verwerflich's diese Züge
Vor uns're Augen bringen, sag' ich nicht
    zu Orbassan.
In deiner Gegenwart, verehrter Mann!
Wir schämen uns wo sie der Scham vergaß.
Und welcher Ritter sollte nun für sie,
Nach altem, löblichem Gebrauche, streiten?
Wer fände sie noch würdig, ihretwegen,
Die keinen Schein des Rechtes vor sich hat,
Sein Blut und seinen Namen zu verschwenden?

Roderich Wir fühlen, Orbassan, die Schmach wie du,
Womit ein fremder Frevel uns getroffen.
Komm! wir entsühnen uns im Schlachtgewühl.
Sie hat das Band verräterisch zerrissen;
Dich rächt ihr Tod, und er befleckt dich nicht.

Orbassan Betroffen steh' ich, das vergebt ihr mir!
Treu oder schuldig sie ist mir verlobt.
Man kommt – sie ist's – die Wache führet sie.
Soll meine Braut in einem Kerker jammern?
Mich trifft, mich reizt die unerhörte Schmach.
Lass't mich sie sprechen!

 

Fünfter Auftritt

Die Ritter im Vordergrunde. Amenaide im Hintergrunde, mit Wache umgeben.

Amenaide                               Ewige Himmelsmächte!
Auf diesem Weg des Elends leitet mich.
Du kennst, o Gott! der Wünsche löblich Ziel;
Du kennst mein Herz! Ist denn die Schuld so groß?

Roderich (im Begriff, mit den übrigen Rittern abzugehen, zu Orbassan)
Die Schuldige zu sprechen bleibst du stehn?

Orbassan Ich will sie sprechen.

Roderich                                   Sei es! doch bedenke:
Gesetz, Altar und Ehre sind verletzt,
Und Syrakus, obgleich mit Widerwillen,
Mit eignem Schmerz, verlangt des Opfers Blut.

Orbassan Mir sagt, wie euch, der Ehre Tiefgefühl,
Wie jeder denkt, und wie er denken soll.
    Die Ritter gehen ab, er spricht zur Wache.
Entfernet euch!

 

Sechster Auftritt

Amenaide. Orbassan.

Amenaide               Was unterfängst du dich?
Willst meiner letzten Augenblicke spotten?

Orbassan So sehr vergess' ich meiner Würde nicht.
Dich wählt' ich mir, dir bot ich meine Hand;
Vielleicht hat Liebe selbst die Wahl entschieden.
Doch davon ist die Rede nicht. Was auch
In meinem Herzen peinlich sich bewegt,
Gefühl der ersten Neigung gegen dich,
Verdruß daß ich der Liebe nachgegeben:
Ertragen könnt' ich nicht entehrt zu sein.
Verraten wär' ich? Sollt ich das mir denken!
Um eines Fremden, eines Feindes willen,
Der unsrer heil'gen Lehre widerstrebt?
Zu schändliches Verbrechen! Nein, ich will
Die Augen schließen, nichts von allem glauben,
Dich retten und den Staat und meinen Ruhm.
Mir werd' es Pflicht, ich ehre mich in dir;
Heut' sah mich Syrakus als deinen Gatten;
Nun steh' ich dem Beleid'ger meines Rufs.
Das Gottes-Urteil ruht in unsrer Faust;
Das Schwert erschafft die Unschuld vor Gericht.
Ich bin bereit zu gehen!

Amenaide                           Du?

Orbassan                                   Nur ich!
Und dieser Schritt und dieses Unternehmen,
Wozu, nach Kriegersitte, mich die Ehre
Berechtigt, wird ein Herz das mir gebührte,
So hoff ich, tief erschüttern und es wird
Mich zu verdienen wissen. Was auch dich
In einen Irrtum augenblicklich stürzte,
List eines Feinds, Verführung eines Fremden,
Furcht mir die Hand zu reichen, frag' ich nicht.
Die Wohltat wirkt auf edle Herzen viel,
Die Tugend wird durch Reue nur gestärkt
Und unsrer beider Ehre bin ich sicher.
Doch das ist nicht genug; ich habe mir
Auf deine Zärtlichkeit ein Recht erworben:
Sei's Liebe, sei es Stolz, ich fordre sie.
Wenn das Gesetz den heil'gen Schwur befiehlt,
Der Schwache bindet, sie in Furcht versetzt,
Und am Altare sie sich selbst betrügen;
Freimütig fordr' ich so Freimütigkeit.
Sprich, offen ist mein Herz, mein Arm bewaffnet.
Bereit zu sterben fordr' ich deine Liebe.

Amenaide Im Abgrund des Entsetzens, da ich kaum
Von jenem Sturz der mich hierher geschleudert,
Mich mit verstörten Sinnen wiederfinde,
Ergreift mich deine Großmut noch zuletzt.
Du nötigest mein Herz zur Dankbarkeit,
Und an der Gruft die mich verschlingen soll,
Bleibt mir nur das Gefühl noch dich zu schätzen.

O! kenntest du das Herz, das dich beleidigt!
Verraten hab' ich weder Vaterland,
Noch Ehre! Dich! auch dich verriet ich nicht.
Bin ich zu schelten daß ich deinen Wert
Verkannte; g'nug! Ich habe nichts versprochen.
Undankbar bin ich, bin nicht ungetreu,
Und redlich will ich sein so lang ich atme:
Dich lieben kann ich nicht! Um diesen Preis
Darf ich dich nicht zu meinem Ritter wählen.

Mich drängt, in einer unerhörten Lage,
Ein hart Gesetz, die Härte meiner Richter;
Den Tod erblick' ich den man mir bereitet.
Ach! und ich seh' ihm nicht mit kühner Stirn,
Mit unbewegtem Busen nicht entgegen.
Das Leben lieb' ich, doppelt war mir's wert.
Weh über mein Geschick! Mein armer Vater! –
Du siehst mich schwach, zerrüttet; doch betrüg' ich
Auch so dich nicht. Erwarte nichts von mir!
Du bist beleidigt und ich scheine dir
Erst schuldig; aber doppelt wär' ich's,
Sucht' ich nun dir und deiner Gunst zu schmeicheln.
Verzeih den Schmerzensworten! Nein, du kannst
Nicht mein Gemahl und nicht mein Retter sein.
Gesprochen ist's, nun richte, räche dich!

Orbassan Mir sei genug mein Vaterland zu rächen,
Die Frechheit zu verhöhnen, der Verachtung
Zu trotzen, nein! sie zu vergessen. Dich
Zu schützen war auch jetzt mein Arm bereit.
So tat ich für den Ruhm, für dich genug,
Von nun an Richter, meiner Pflicht getreu,
Ergeben dem Gesetz und fühllos, wie
Es selbst ist, ohne Zorn und ohne Reue.

 

Siebenter Auftritt

Amenaide, Soldaten im Hintergrunde, hernach Euphanie.

Amenaide Mein Urteil sprach ich – gebe selbst mich hin –
Du Einziger! der dieses Herz verdiente,
Für den ich sterbe, dem allein ich lebte;
So bin ich denn verdammt – ich bin's für dich!
Nur fort – ich wollt' es – aber solche Schande,
Des hochbetagten armen Vaters Jammer,
Der Bande Schmach, der Henker Mörderblicke –
O Tod! vermag ich solchen Tod zu tragen?
In Qualen, schändlich – es entweicht mein Mut –
Nein, es ist rühmlich für Tancred zu leiden!
Man kann mich töten und man straft mich nicht.
Doch meinem Vater, meinem Vaterland
Erschein' ich als Verräterin! Zu dienen
Gedacht' ich beiden, die mich nun entehren.
So kann mir denn in dieser Schreckensstunde
Mein eigen Herz allein das Zeugnis geben.
Und was wird einst Tancred –
    zu Euphanien, die eben eintritt.
                                              Dich seh' ich hier?
Ist einer Freundin Nähe mir erlaubt?

Euphanie Vor dir zu sterben wär' mein einz'ger Wunsch.

Sie umarmen sich, die Soldaten treten vor.

Amenaide Sie nahen! Gott! man reißt mich weg von dir.
Dem Helden bringe dem ich angehörte
Mein letzt Gefühl, mein letztes Lebewohl!
Laß ihn erfahren daß ich treu verschied;
Nicht wird er seine Tränen mir versagen.
Der Tod ist bitter; doch für den Geliebten,
Für ihn zu sterben, halte mich empor!

 


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