Johann Wolfgang von Goethe
Tancred. Trauerspiel in fünf Aufzügen, nach Voltaire
Johann Wolfgang von Goethe

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Erster Aufzug

Ratssaal im Palaste der Republik.

 

Erster Auftritt

Die versammelten Ritter, in einem halben Zirkel sitzend.

Arsir Erlauchte Ritter, deren Mut und Kraft
Des Vaterlands Bedrängnis rächen soll,
Mir, als dem Ältesten, erlaubet ihr
Euch zu versammeln, euren Rat zu hören.
Entschlossen seid ihr, mit gesamter Hand
Der Doppeltyrannei, die sich Siciliens
Bemächtigte, die Brust zu bieten, euch
Und Syrakus die Freiheit zu verschaffen.
Die beiden ungeheuren Mächte, die
Sich in die Welt zu teilen lange kämpfen,
Des Orients Monarchen und der Sarazenen
Verwegne Fürsten, beide machen sich
Die Ehre streitig, uns zu unterjochen.

Dem Kaiser von Byzanz gehorchen schon
Messinens Völker; Solamir, der Maure,
Beherrschet Agrigent und Ennas Flur,
Bis zu des Ätna fruchtbeglücktem Fuß,
Und beide drohten Knechtschaft unsrer Stadt;
Doch aufeinander eifersüchtig beide,
Begierig beide solchen Raub zu haschen,
Bekämpften sich und stritten so für uns.
Sie haben wechselweise sich geschwächt,
Nun öffnet sich ein Weg uns zu erretten;
Der Augenblick ist günstig; nützet ihn!
Der Muselmannen Größe neigt sich schon,
Europa lernet weniger sie fürchten.
Uns lehrt in Frankreich Karl Martell, Pelag
In Spanien, der heil'ge Vater selbst,
Leo der Große, lehrt, mit festem Mut,
Wie dieses kühne Volk zu dämpfen sei.

Auch Syrakus vereinigte sich heut
An seinem Teil zu solchem edlen Zweck.
Uneinigkeit und Ungewißheit soll
Nicht länger eure Heldenschritte lähmen.
Vergessen wir die unglücksvolle Zeit.
Da Bürger gegen Bürger aufgestanden
Und, grausam, diese Stadt die eignen Kinder
Ermordet und vertrieben und sich selbst
Entvölkert. Orbassan, an dich ergeht
Mein erster Aufruf: laß uns nun verbunden
Für Eine Sache stehn! fürs Allgemeine,
So wie fürs Beste jedes Einzelnen!
Ja, laß uns Neid und Eifersucht verbannen,
Ein fremdes Joch, das uns gewaltig droht,
Mit Heldenkraft zerbrechen, oder sterben!

Orbassan Nur allzutraurig war der Zwist, Arsir,
Der unsre beiden mächt'gen Stämme trennte
Und der geteilten Stadt die Kraft entzog.
Nun hoffet Syrakus die Orbassans
Mit deinem Blut, Arsir, vereint zu sehen.
So werden wir uns wechselweise schützen –
Und also reich' ich deiner edlen Tochter,
Ein wohlgesinnter Bürger, meine Hand;
Dem Staate will ich dienen, dir, den Deinen,
Und vom Altar, wo unser Band sich knüpft,
Stürz' ich mich rächend Solamir entgegen.
Doch sind es nicht allein die äußern Feinde,
Der Byzantiner hier, der Maure dort,
Auch selbst in dem Bezirk von Syrakus
Sehnt sich ein Teil betrognes Volkes noch
Dem längst vertriebnen Frankenstamme nach,
Man rühmet seinen Mut und wie er sich,
Freigebig, aller Bürger Herz verbunden.
Wen er beraubt daran denkt keiner mehr;
Nur was er gab verwahrt noch das Gedächtnis.

Mit welchem Recht verbreitete der Franke
Sich über alle Welt und nahm auch hier
In unsern reichen Gegenden Besitz?
Coucy! mit welchem Recht verpflanzt er sich
Vom Seine-Strom zu Arethusens Quelle?
Bescheiden erst und einfach, schien er nur
Sich unserm Dienst zu weihen; doch sein Stolz
Und seine Kühnheit machten ihn zum Herrn.
Sein Stamm, der ungeheure Güter häufte,
Erkaufte sich des Volkes Neigung bald
Und über meinen Stamm erhub er sich;
Doch nun sind sie gestraft, sie sind verbannt,
Auf ewig ihres Bürgerrechts verlustig.

Das ist beschlossen; doch das Schwerste bleibt,
Nun dem Gesetz die volle Kraft zu geben.
Ein Sprosse des gefährlichen Geschlechts,
Tancred, ist übrig, der als Knabe schon
Mit seinen Eltern die Verbannung teilte.
Den Kaisern von Byzanz hat, wie man sagt,
Mit Ehren er gedient, und trägt gewiß,
Von uns gekränkt, den tiefsten Haß im Busen.
Vielleicht erregt er gegen uns die Macht
Der Griechen, die schon in Sicilien,
Durch den Besitz Messinas, eingegriffen,
Und denkt vielleicht, durch seinen Einfluß hier,
Uns innerlich zu untergraben. Doch
Wie ihm auch sei! wir stehen einer Welt
Entgegen, die von allen Seiten her
Nach unsern fruchtbeglückten Feldern dringt,
Und uns des reinen Himmels Frohgenuß
Im schönsten Land der Erde rauben möchte,
Nicht mit Gewalt allein, mit List noch mehr.

Laßt gegen den Verrat uns, ohn' Erbarmen,
Als würd'ge Führer einer Stadt entbrennen.
Gebt den Gesetzen neue Kraft, die jeden
Der Ehre, wie des Lebens, ledig sprechen,
Der mit dem Feinde, mit dem Fremden sich
Zu heimlichen Verbindungen gesellt.
Untreue wird durch Müdigkeit erzeugt.
Kein Alter spreche künftig, kein Geschlecht,
Zur Schonung eines Schuldigen, das Wort.
So tat Venedig, wo mit großem Sinn
Mißtraun und Strenge sichre Losung war.

Loredan Welch eine Schande für die Eingebornen,
Daß sie ein Fremder, sie ein Feind so leicht
Durch irgend einen Schein verblenden kann!
Welch ein Verdruß für uns daß Solamir,
Als Muselmann, in dieser Christeninsel,
Ja selbst in dieser Stadt Verräter soldet,
Uns Friede bietet wenn er Krieg bereitet,
Um uns zu stürzen, uns zu trennen sucht.
Wie Mancher von den Unsern ließ sich nicht
Durch Wissenschaft und Kunst betören, die
Der Araber uns zu entkräften bringt.
Am meisten aber, daß ich nichts verschweige,
Neigt sich der Frauen leicht verführt Geschlecht
Den Lockungen des fremden Glanzes zu.
An Solamir und seinen Edlen schätzt
Ein weiblich Auge, lüstern, manchen Reiz,
Des Morgenlandes auserles'ne Pracht
In Kleid und Schmuck, Gewandtheit der Gestalt,
Der Neigung Feuer und der Werbung Kühnheit;
Indes wir der gerechten Sache nur,
Dem Wohl des Staates, Sinn und Arme widmen,
Und Kunstgewerbe ritterlich verschmähn.
Im Siege mag sich unsre Kunst enthüllen;
Mir trau' ich viel, euch trau' ich alles zu.
Besonders aber laßt, gerecht und streng,
Uns gegen der Verräter Tücke wachen;
Ein Einziger zerstöret, leicht und schnell,
Was viele tausend Redliche gebaut.
Und wenn ein Solcher des Gesetzes nicht
Des Unglücks, das er stiftet, nicht gedenkt;
So laßt, wenn er entdeckt ist, im Gericht,
Uns nicht an Gnade, nicht an Milde denken.
Und Syrakus liegt sicher hinter uns,
Wenn wir uns Solamir entgegen stürzen.
Auf ewig ausgeschlossen sei Tancred,
Und ihm und seinem Stamme jede Hoffnung
Der Rückkehr abzuschneiden, werde nun
Des Ritterrates letzter Schluß vollbracht.
Die Güter, das Vermögen, die der Franken
Vertriebner Stamm in Syrakus verließ,
Sei Orbassan verliehen, der für uns
So viel getan, so viel zu tun sich rüstet;
Solch eines Vorzugs ist der Bräutigam,
Arsirens Tochter solcher Mitgift wert.

Roderich So sei es! Mag Tancred doch in Byzanz
Sich jeder Gunst des Kaiserhofes freuen!
Er fordre nichts in unserm Freibezirk.
Gab er sich einen Herrn, so tat er selbst
Auf unsre heil'gen Rechte hier Verzicht.
Er sei verbannt. Der Sklave der Despoten
Kann in dem freien Kreise nichts besitzen;
Der Staat, den Orbassan bisher beschützt,
War schuldig ehrenvoll ihn zu belohnen.
So denk' ich und ein jeder so mit mir.

Arsir Er ist mein Eidam! Einer Tochter Glück
Und Wohlstand bleibt des Vaters heißer Wunsch;
Doch den Vertrieb'nen, den verwais'ten Mann,
Der, ganz allein noch übrig in der Welt
Von einem hohen Stamme, sich verliert,
Nicht gerne hab' ich, zu der Meinen Vorteil,
Der letzten Hoffnung ihn beraubt gesehn.

Loredan Du tadelst den Senat?

Arsir                                       Die Härte nur.
Doch was die Mehrheit immer ausgesprochen,
Ich ehr' es als ein göttliches Gesetz.

Orbassan Dem Staat gehören diese Güter! Mag
Er sie doch auch besitzen und verwalten.

Arsir Genug hievon! Gefährlich immer ist's
Das schon Entschiedne wieder aufzuregen.
Laß uns vielmehr des schönen Bunds gedenken,
Der unsre Häuser fest vereinen soll;
Laß uns die Feier heute noch vollbringen,
Und Morgen sei der Tag beglückter Schlacht.
Da fühle Solamir daß du mit ihm
Um Eine Braut, um Einen Kranz gerungen!
Entreiß' ihm beide, glücklich hier und dort!
Ja, der verwegne Muselmann verlangte,
Zum Friedenspfande, meiner Tochter Hand.
Durch solch ein Bündnis glaubt' er mich zu ehren.

Auf! meine Freunde! – Wenn das Alter mir
Den Ehrenplatz euch anzuführen raubt,
So ist mein Eidam dieser Stelle wert.
Nicht ferne will ich von dem Kampfe sein;
Mein Herz wird neue Regungen empfinden,
Mein Auge blickt auf eure Tapferkeit
Und sieht den schönsten Sieg eh' es sich schließt.

Loredan Du bist es der uns leitet! Hoffen wir
Daß auch das Glück den edlen Kampf begünstigt.
Wir schwören daß ein ehrenvoller Sieg,
Wo nicht, ein ehrenvoller Tod uns krönen soll.

 

Zweiter Auftritt

Arsir. Orbassan.

Arsir Kann ich mich endlich deinen Vater nennen?
Ist, wackrer Orbassan, der alte Groll
In dir verloschen? Darf ich eines Sohns
Gesinnung von dir hoffen, auf dich zählen?

Orbassan Laß uns erwarten daß das Leben uns,
Das uns bisher getrennt, verbinden möge;
Daß, wie wir uns bisher geschadet, nun
Wir unsre Kraft zu beider Vorteil brauchen.
Laß denn Vertrauen zwischen uns entstehn,
Gegründet auf gemeinsames Bestreben,
Den Staat, uns selbst, die Unsern zu beglücken.
Gewohnt von Jugend auf dein Widersacher
Und deines ganzen Hauses Feind zu sein,
In dieses Bündnis wär' ich nicht getreten,
Hätt' ich dich selbst als Feind nicht ehren müssen.
Ob Liebe Teil an diesem Schluß gehabt,
Das laß uns hoffen, aber nicht erforschen.
Amenaidens hohen Frauenwert
Darf jeder Ritter zu besitzen wünschen.
Sie wird nun mein! Mich ihrer wert zu nennen
Muß ich die Feinde dämpfen, Syrakus
Von jeder Not befreien, dir, mein Vater,
Der ersten Stelle hohe Würde sichern.
Das ruft zum Kampfe mich, zur Tätigkeit.
Und unter dem Geräusch der Todeswaffen,
Wenn Liebe spräche, würde sie gehört?

Arsir Wenn sich ein Krieger durch Freimütigkeit,
Durch trockne, derbe Sinneskraft empfiehlt;
So gibt es eine Härte die ihm schadet.
Gefällige Bescheidenheit erhebt
Den Glanz der Tugend, ist der beste Schmuck
Der Tapferkeit. Ich hoffe meine Tochter
Soll deiner Sitte Heldenstrenge mildern.
Sie ging, in früher Zeit, mit ihrer Mutter
Den Stürmen unsers Bürgerzwists entflohn,
Am Hofe von Byzanz die ersten Blüten
Jungfräulicher Gesinnung zu entfalten.
Und blieb ihr Herz der Schmeichelei verschlossen;
So ist ihr Ohr doch diesen Ton gewohnt.
O, laß dir eines Vaters Rat gefallen!
Befremde sie durch Ernst und Strenge nicht!
Ein weiblich Herz glaubt nur an seinen Wert,
Wenn es den rohen Menschensinn bezwingt.

Orbassan Und diese rauhe Schale müßt ihr mir
Zu gute halten, denn ich bin im Lager
Vom kriegerischen Vater auferzogen.
Dort spricht die Tat den Wert des Mannes aus,
Dort lernt' ich biedern Sinn, Entschlossenheit,
Den unverruckten Schritt zum Ziele schätzen.
Und lernt' ich gleich des Hofes Sprache nicht,
Kann ich kein Scheinverdienst, durch Gleisnerei,
Mir eigen machen, und, mit glatten Worten,
Erlogne Neigung jedem Weibe bieten,
So fühl' ich doch die Würde meiner Braut
Vielleicht so gut als man sie fühlen soll;
Und mein Betragen zeige wie ich sie
Und euch und mich in ihr zu ehren denke.

Arsir Ich habe sie berufen, sie erscheint.

 

Dritter Auftritt

Arsir. Orbassan. Amenaide.

Arsir Der hohe Rat, besorgt fürs Wohl des Ganzen,
Der Bürger Stimme, die ihr Herz befragen,
Dein Vater, ja der Himmel, führen dir
Den Bräut'gam zu, dem mit ergebner Pflicht
Und holder Neigung du entgegen gehst;
Dein Wort empfing er aus des Vaters Munde.
Du kennest seinen Namen, seinen Rang
Wie seinen Ruhm, den er als edler Führer
Des Ritterheeres täglich mehren kann.
Daß er zu seinen großen Gütern noch
Tancredens Rechte vom Senat empfing –

Amenaide (für sich)
Tancredens?

Arsir                   – möchte der geringste Wert
Der auserwähltesten Verbindung sein.

Orbassan Wie sie mich ehrt, das hab' ich längst gefühlt;
Nun fühl' ich auch in dieser Gegenwart,
Wie sehr ich mich beglückt zu nennen habe.
O! daß zu deiner Gunst und ihrer Wahl
Auch mein Verdienst um euch sich fügen möchte!

Amenaide Zu allen Zeiten hast du, teurer Vater,
Mein Leid empfunden, wie mein Glück befördert.
Indem du einem Helden mich bestimmst,
So soll nach langes Kampfes wilden Tagen
Durch deine Weisheit Fried' und Freude blühn,
Und deine Tochter soll des Glückes Pfand,
Für unsre Stadt, für unsre Häuser sein.
Die Würde dieser Pflicht empfind' ich wohl,
Den Vorteil auch erkenn' ich wünschenswert;
Doch Orbassan wird einem weichen Herzen,
Das, ach! von Jugend auf, zu sehr belastet
Von manchem Druck unsel'ger Tage war,
Das selbst sich jetzt, in dieser neuen Lage,
Betroffen fühlen muß, vergönnen, sich
An eines Vaters Busen zu erholen.

Orbassan Ich schätze diese Fordrung der Natur;
Ich weiß dein kindliches Gefühl zu ehren,
Dem herzlichen Vertrauen laß ich Raum.
An meiner Seite will ich unsers Heers
Geprüfte Ritter mustern; Wachsamkeit
Auf unsers Feinds Bewegungen empfehlen.
Nur wenn ich eine solche Hand verdiene,
Fass' ich sie mit Vertrauen; unser Fest
Werd' ich mit wahrer Freude nur begehn,
Wenn ich es reich mit Lorbeern schmücken kann.

 

Vierter Auftritt

Arsir. Amenaide.

Arsir Du bist betroffen, und dein starrer Blick,
Von Tränen trübe, wendet sich von mir.
Erstickte Seufzer heben deine Brust.
Und wenn das Herz gewaltig widerstrebt,
Was kann die Lippe Günstiges verkünden?

Amenaide Erwartet hätt' ich nicht, ich will's gestehn,
Daß du, nach solchen Kämpfen, solchem Haß,
Mit der Partei des Orbassans dich je,
Als etwa nur zum Schein, verbinden würdest;
Daß deiner Tochter zitternd schwache Hand
Gefordert werden könnte solchen Bund
Zu kräftigen, und daß mein Arm den Feind,
Der uns so sehr bedrängt, umfassen sollte.
Kann ich vergessen daß der Bürgerkrieg
Des eignen Herds behaglich freie Stätte
Dir wild verkümmert; daß die gute Mutter,
Zwar wider Willen, doch für mich besorgt,
Aus dieser Stadt, nach fremden Ufern zog!
Und teilt' ich nicht, der Wiege kaum entwachsen,
Dort in Byzanz, ihr trauriges Geschick?
Lernt' ich von ihr, der irrenden, verlass'nen,
Verbannter Bürger Jammertage nicht,
Des stolzen Hofs erniedrigende Gnade,
Und Mitleid, schlimmer als Verachtung, tragen?
Herabgesetzt, doch edel ausgebildet,
Verlor ich bald die würd'ge Führerin.
Die Mutter starb, ich fand mich mit mir selbst,
Ein schwaches Rohr, und in dem Sturm allein.
Da leuchteten dir neue, bess're Tage,
Und Syrakus, bedürftig deines Werts,
Gab dir die Güter, dir das Ansehn wieder,
Und seiner Waffen Glück in deine Hand.
Da wichen von den blutbefleckten Pforten
Der Vaterstadt die Feinde schnell hinweg.
Ich sehe mich in meines Vaters Armen,
Aus denen frühes Unglück mich gerissen.
Ach! führt ein größres etwa mich zurück?
Ich weiß, zu welchem Zweck, in welcher Hoffnung
Du meine Hand dem Gegner angelobt.
Bedenke daß ein unnatürlich Bündnis,
Das beiden Gatten Unglück zubereitet,
Verderblich oft dem Allgemeinen wird.
Vergib wenn ich vor dieser Stunde bebe,
Die mir auf unabsehlich lange Reihen
Von Schmerz- und Kummerstunden schrecklich zeigt.

Arsir Laß nicht Erinnerung vergangnes Übels
Der Zukunft weite Räume dir verengen!
Gedenke jetzt wie Syrakus gemurrt,
Als deine Hand, zum Pfande, Solamir,
Des angebotnen Friedens sich bedingte.
Nun geb' ich dir den Helden, der mit ihm
Sich messen, der von ihm uns retten soll,
Den besten unsrer Krieger, der mich sonst
Befeindete, und der uns nun verstärkt.

Amenaide Verstärkt! O, laß dich nicht durch jene Güter,
Die er vielleicht verschmähen sollte, blenden!
Ein Held, so mächtig und so bieder, könnte
Unschuldig Ausgetriebene berauben?

Arsir Der strengen Klugheit des Senates kann
Ich nichts entgegen setzen. In Tancreden
Bestraft man nur den eingedrungnen Stamm
Herrschsücht'ger Franken, die uns längst getrotzt.
Er muß verlöschen.

Amenaide                     Irr' ich, Herr, nicht ganz,
So ist Tancred in Syrakus geliebt.

Arsir Wir ehren alle den erhabnen Geist,
Den Mut, der, wie man sagt, Illyrien
Dem Kaiser unterwarf, sich überall
Wo er sich hingewendet ausgezeichnet;
Doch eben weil er jenem Dienst sich weihte,
Hat er bei uns das Bürgerrecht verwirkt,
Sein reiches Erbe bleibt ihm abgesprochen,
Und wie er flüchtig ist, er bleibt verbannt.

Amenaide Verbannt! Auf ewig! Er?

Arsir                                             Man fürchtet ihn.
Du hast ihn eh'mals in Byzanz gesehen;
Du weißt, er hass't uns.

Amenaide                           Damals glaubte ich's nicht.
Auch meine Mutter hoffte: Syrakus
Sollt' er dereinst beschützen und befrein.
Und als der Bürger, undankbar verirrt,
Sich gegen dich für Orbassan erklärte,
Dich unterdrückte, deiner Güter dich
Beraubte, damals hätte, wie mir schien,
Tancred für dich den höchsten Kampf bestanden.

Arsir Genug, Amenaide! Rufe nicht
Vergangner Tage Schattenbild hervor!
Laß uns von Zeit und Ort Gesetze nehmen!
Tancred und Solamir, Byzanz und Hof
Sind alle gleich verhass't in Syrakus,
Und wirken bald auf uns nicht weiter ein;
Doch deines Lebens nächstes ganzes Glück
Kannst du dir durch Gefälligkeit erschaffen.
Nun sechszig Jahre stritt ich für dies Land,
Ich liebt' es, dient' ihm als ein treuer Bürger,
So ungerecht, so undankbar es auch
Sich gegen mich bewiesen, und ich denke
Noch eben so in meinen letzten Stunden.
Solch eine Denkart zeige mir nun auch
Zu Trost und Hoffnung meiner alten Tage,
Und gehe sicher, an der Hand der Pflicht,
Dem Glück, das dir bereitet ist, entgegen.

Amenaide Du sprichst von Glück, das nirgends mir erscheint.
Zwar seh' ich nicht auf die vergangnen Zeiten,
Nicht auf den Glanz des Kaiserhofs zurück;
Dir weih' ich die Gefühle meines Herzens;
Doch eh du mich auf ewig binden magst,
Laß wenig Tage noch vorübergehen!
Die Gunst ist groß, durch die sich Orbassan
Vom Volk und vom Senat erhoben sieht.
Du eilest, staatsklug, Teil daran zu nehmen;
Und doch ist diese Gunst so leicht verscherzt!
Und die Partei, statt uns empor zu tragen,
Zieht uns in ihrem Sturze mit hinab.

Arsir Was sagst du?

Amenaide               Wenn ich dir, o Herr! vielleicht
Zu kühn erscheinen möchte, so vergib.
Ich leugn' es nicht, das schwächere Geschlecht
Hat an dem Kaiserhofe größre Rechte;
Dort fühlt man sich und waget auszusprechen,
Was in der Republik verboten ist.
Man dient uns dort, hier will man uns befehlen.
Es war nicht immer so! Der Muselmann,
Der eines Weibes edle Rechte kränkt,
Hat in Sicilien zu starken Einfluß.
Auch unsre Helden hat er gegen uns
Herrschsücht'ger, ungefälliger gemacht;
Doch deine Vatergüte bleibt sich gleich.

Arsir So lange du als Tochter dich erzeigst.
Mißbrauche nicht die väterliche Huld!
Du durftest zaudern, aber nicht versagen.
Nichts trennet mehr das festgeknüpfte Band;
Das Ritterwort kann nicht gebrochen werden.
Wohl ist es wahr: ich bin zum Unglück nur
Geboren! kein Entwurf gelang mir je!
Und was ich jetzt zu deinem Glück getan,
Wird, ahnungsvoll, von dir voraus verfinstert.
Doch sei ihm wie ihm wolle! das Geschick
Wird nicht von uns beherrscht und unsern Wünschen,
Und so ergib dich ihm, wie wir es tun.

 

Fünfter Auftritt

Amenaide, hernach Euphanie.

Amenaide Tancred! Geliebter! Sollt' ich meine Schwüre
Um deines großen Feindes willen brechen?
Ich sollte, niedrig, grausamer als er,
Die dir geraubten Güter mit ihm teilen?
Ich sollte – komm, Euphanie! vernimm,
Welch ungeheurer Schlag mein Leben trifft:
Mein Vater gibt mir Orbassan zum Gatten.

Euphanie Wie wird es möglich zu gehorchen sein?
Ich kenne dein Gefühl und seine Stärke.
Nicht des Geschicks Gewalt, des Hofes Reiz
Vermochte, wenn du deinen Weg gewählt,
Dich aufzuhalten, oder abzulenken;
Du gabst dein Herz fürs ganze Leben hin.
Tancred und Solamir empfanden beide,
Für dich entzündet, gleicher Neigung Macht!
Doch der, den du im Stillen, und mit Recht,
Dem andern vorgezogen, der dein Herz
Gewonnen und verdient, wird dieses Herzens
Auch würdig bleiben. Wenn er in Byzanz
Vor Solamir den Vorzug sich gewann,
So möchte schwerlich Orbassan sich hier
Des Sieges über ihn zu rühmen haben.
Dein Sinn ist fest.

Amenaide                   Er wird sich nie verändern.
Ach, aber man beraubt Tancreden hier,
Verbannt ihn, kränkt die Ehre seines Namens.
Verfolgung ist Geschick des edlen Manns;
Doch mein Geschick ist nur, ihn mehr zu lieben.
Und so vernimm: ich wage noch zu hoffen;
Ihn liebt das Volk noch immer!

Euphanie                                       Wie man hört.
Wenn seines Hauses Freunde lange schon
Den Vater und den Sohn vergessen, die
In ferne Lande die Verbannung trieb,
Wenn Große nur dem eignen Vorteil frönen,
So ist das Volk gutmütig.

Amenaide                             Oft gerecht!

Euphanie Jetzt unterdrückt; und wer Tancreden liebt,
Darf lange schon nur im Verborgnen seufzen.
Tyrannisch waltet des Senats Befehl.

Amenaide Nur weil Tancred entfernt ist wagen sie's.

Euphanie Wenn er sich zeigen könnte hofft' ich auch;
Doch er ist fern von dir.

Amenaide                           Gerechter Gott!
Dich ruf ich an –
    Zu Euphanien.
                            und dir vertrau' ich mich.
Tancred ist nah' und wenn man endlich, ihn
Ganz zu verderben, harte Schlüsse nahm,
Wenn Tyrannei sich über alles hebt;
So tret' er vor, daß alle sich entsetzen.
Tancred ist in Messina!

Euphanie                           Großer Gott!
Vor seinen Augen will man dich ihm rauben.

Amenaide Ich bleibe sein, Euphanie! Vielleicht
Gebietet er den Syrakusern bald,
Wie meinem Herzen – Dir vertrau' ich alles;
Doch alles muß ich wagen! Dieses Joch,
Es ist zu schimpflich, und ich will es brechen,
Verraten könnt' ich ihn? und niederträchtig
Der Macht, die ein Verbrechen heischt, gehorchen?
Nein! Männerstärke gibt mir die Gefahr.
Um meinetwillen kam er in die Nähe;
Mich sollte seine Nähe nicht begeistern?
Und könnt' ich einer falsch verstandnen Pflicht
Freiheit und Ehre, Glück und Leben weihen?
Wenn Unglück sich von allen Seiten zeigt
So ist's das größte das mich ihm entreißt.
O Liebe, die du mein Geschlecht erhebst,
Laß dieses Wiedersehn beschleunigt werden!
Laß in der Not uns deinen Einfluß fühlen,
Und schufst du die Gefahr, so rett uns nun!

 


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