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II.

Er wachte dämmrig auf aus langem Schlaf. Diese brandschwüle Nacht, wollte sie denn kein Ende nehmen? Er mußte sehr krank geworden sein. Wüstes Zeug, das ihm geträumt. Weiße Traumstadt in dunklen Bergen. Überwölbte Gespenstergassen. Ein alter Mann vor schmalem finstrem Tor, wie er aus kranken Triefaugen hinauf in den runden kalten Mond starrt. Der ewige Jude zwischen verfallnen Gräbern in einem Tal der Hyänen. Ein versintertes Kellergelaß, Bücher zuhauf unter Spinnweben, eine einsame Goldwage. Hellgrünglühende Quadrate, Kreise und Klammern auf roter Eisenglut. Ein junges Weib in leichter Seide, mit der Sonne bekleidet, steigt, blaß aus pestender Senkgrube herauf. Topheth und Scheol, die Finsternisse. En Soph, der Abgrund. Er versank.

Er zog still durch Ewigkeiten. Es trug ihn hin an ungeheuren Wolkenwänden. Er fühlte sich riesig, sein Atem war Weltallsturm, zwischen den Fingern hielt er als Senfkorn die Erde. Er war Makrokosmus. Er war Atlas, der auf seinen Schultern das Gewölb der Schöpfung trägt. Er war daheim. An seinem Bette saß die Mutter und wehrte den Hesperiden, die nackt mit den goldnen Jugendäpfeln ihn umdrängten. »Schauts, daß ihr weiterkommts, ihr Canaillen, Straßenmenscher! … Wo sich der arme Bub die wieder aufgezwickt hat? … So eine Unverschämtheit, am hellichten Tag in der eigenen Wohnung!« … Aber eins der gelüstigen Fräulein hatte ihm die goldene Frucht auf die Decke gelegt, nun hielt er sie in der Hand und, siehe, es war der Reichsapfel des Paradieses, es war das sphärische Weltengebäude mit seinen beiden Polen von Nacht und Licht, und eigentlich war es einer der riesigen doppelachtseitigen Indianerkrapfen aus dem Café Imperial, der Obersschaum quoll zwischen den Schokoladhemisphären heraus, die gute Tant Luis hatte ihm einen Freßgulden geschenkt, denn morgen sollte er Matura machen und hatte doch gar keine Schuhe an, und in seiner Angst lief er der Tant Luis nach in die Jesuitenkirche zum Segen, dort predigte der Pater Schweighardt vom jüngsten Gericht, und abgrundtief hinter ihm zwischen gewundenen Säulen flimmerte mit ihrem Strahlenrund die Monstranz, das Allerheiligste, das Geheimnis, das Sakrament.

Und Gott der Herr thronete zuhöchst im Saal als ein gleichseitiges Dreieck, Oberschulrat und Vorsitzender der jüngsten Reifeprüfungskommission. Und die Ewigkeit war ein langer grüner Tisch, bedeckt mit handgebundenen Maroquinbüchern, der Ars amandi des Ovid und dem Dekameron und den Denkwürdigkeiten des Casanova und den Gesprächen der Sigeia des alten Meursius, und außerdem mit Goldwagen und braunen Papyrusblättern, darauf ein metallisch glühendes Schriftlabyrinth von Quadraten und Klammern, und mit gestrickten Halsbinden, Piquéwesten, Hemden und seidenen Schnupftüchern, und er hatte noch immer keine Schuhe an, auch keine Krawatte, keinen Frack, kein Hemde, ganz nackt stand er da vor seinen Professoren und Richtern.

Und wie er diese genauer ansah, erkannte er sie auch. Da war Hanna, die sollte ihn aus der Treue prüfen; und da Catherine Flandrin, die prüfte ihn aus der Moral. Und Marette prüfte ihn wie immer auf seine Freigebigkeit; und Adelaide prüfte ihn wie damals aus der Manneskraft; und Ellinor prüfte ihn aus der Mathematik der Liebe; und Lotte prüfte ihn aus dem Gedächtnis; und die große Regine prüfte ihn auf seine Gesinnung. Und das gleichseitige Dreieck strich sich den Bart und verlangte eine Darstellung der Optik des Zielfernrohrs. Er stellte sich nackt an die Tafel und zeichnete schweißüberströmt mit riesigem Tierkreiszirkel und der Weltachse als Lineal den astrologischen Grundriß der Sphären mit dem eingeschriebenen Pentagramm des Lebens. Und das gleichseitige Dreieck runzelte seine Symmetralen und trug die Zensur mit Lysol, in Tefinaq-Schrift, in ein ungeheueres Hauptbuch von handgeschöpftem Van Geldern-Büttenpapier ein … Und dann sollte er Auskunft geben über den kalten und den heißen Schwefel, die sich in ihrer Ehe zu Gold verbinden. Und er sagte, Gold habe ein Atomgewicht von 196 und eine Dichte von 12/19, und das gleichseitige Dreieck runzelte abermals seine Symmetralen, und die große Regine schüttelte am heftigsten den blonden Kopf … Und dann ward ihm eine Karte aufgerollt, die bedeckte den Himmel von Aufgang bis Niedergang, darauf sollte er den Paß des Blutgeldes, den Friedhof der Edlen und das Haus des gelben Herrn zeigen. Er suchte und suchte, ganz klein und nackt lief er in der Karte herum, über schraffierte Höhen, durch grüne Steppenflächen und gestrichelte Sümpfe, und auf einmal war da ein Meridiangebirge und darin eine elende kleine Stadt, die hieß Nishnij-Tagilskoje, er pochte ans Fenster einer armseligen Hütte, und heraus trat Tullia Feodorowna mit dem Smith & Wesson-Revolver in der erhobenen Faust … Er wollte ihr das Eisen zur Seite schlagen, aber er vermochte kein Glied zu rühren, so starrte er vor Kälte und plötzlicher Angst. Langsam hob sich der Hammerdorn, langsam fiel er zurück auf die Patrone, ganz langsam, wie ein Kind dem Mutterleib, entschraubte sich die Kugel der Mündung. Und sie war ein Kopf, diese Kugel, ein ganz kleiner Kopf mit starrem Medusengesicht, tödlich langsam durch Jahrtausende kam sie auf ihn zugeflogen, und nicht ausweichen konnte er ihrem Blick, sie berührte ihn und bohrte sich heiß ein in sein schmerzendes Herz, und er starb daran, und erwachte.

* * *

Wo war das? … Das war nicht im Zypressenhaus am Bosporus. Das war nicht im Parkschloß ob der Orge, tief in eichenbraunglühendem, silberhornschallendem Herbst. Keine Pendule tickte auf porzellanenem Kamin. Keine kühle Wasserkunst melodierte in sommersternüberkreistem Hofgeviert. Er lag auf dem Boden eines Bootes, schwankend getragen von des Pyriphlegeton feurigen Wellen. Ja, er wußte nun: eingeschlafen war er am Steuer, berückt vom Klippensang der Sirenen, widrige Winde warfen sich in die Segel, nun trieb er durch dunkle Engen zum Hades hinab. Und die Wirbel schlugen über ihm zusammen.

* * *

Wieder erwachte er. Seine gestorbene Seele erwachte zur toten Ewigkeit.

Es dämmerte. Er vernahm Stimmen, rhadamantysch Gemurmel. Sie richteten ihn.

Er tastete um sich. Sein Mund war bitter wie von verfaultem Blut. Ein Gefäß kam aus der Ewigkeit heran, ein Trunk an seine geborstnen Lippen. Es war lau und schmeckte schlecht. Nach – nach – – nach Pfefferminz. Ja, nach Pfefferminz. Aber dann kühlte es wundersam den Gaumen. So hatten damals die roten und weißen – die roten und weißen – –

Rot und weiß, Blut auf Linnen … Herbstmorgen. Krähen. Es knallt, da fliegen sie in krächzenden Schwärmen. Zwei schwarze Wagen. Totenwagen. Rauch im Frühdunst der Sichtung. Rauchkreise aus Pistolenmündungen. Rauch und Asche.

* * *

»Willst du etwas essen?«

Das war nicht französisch. Das war – – wo hatte er diese Sprache schon einmal gehört? … In Wien? Ja, auch in Wien. In jener weißen Traumstadt? Ja, auch in der Traumstadt. Traumsprache. Sein heißer Kopf wollte nicht nachdenken. Alles schwamm durcheinander, vorüber, entglitt. Entglitt auf schneller Tiefströmung des Styx. Mündete in Lethe. Lethe? Styx? … Hades.

»Willst du nicht etwas essen?«

Ah. Arabisch. Arabisch war das. Araba heißt ein zweiräderiger Karren. Totenkarren. Araba heißt auch eine Gegend da unten; da hinten ums tote Meer. Totenmeer. Heißt überhaupt: die Steppe. Steppe der Toten. Steppe der Ewigkeit. Asphodelossteppe.

»Willst du nicht etwas essen?«

Ah ja. Warum ließen sie ihn nicht schlafen? Er war ja tot. Die Toten brauchen nicht zu essen. Die Toten haben keine Sorgen mehr. Gold, Liebe, Hunger, alles erledigt. Es war eigentlich ganz schön, tot zu sein. Man lag wie in einem roten Bad. Burgunderrotem Bad. Solch ein Badezimmer hatte er sich eigentlich immer gewünscht. Er tauchte selig unter.

»Willst du nicht essen?«

Warum ließen sie ihn nicht baden? Er mußte sich doch reinwaschen von seinen Sünden. Von denen hauptsächlich, die er nicht begangen. Von den Unterlassungen. Man ißt doch erst nach dem Bad. Das Totenmahl nach dem Bad im roten Lethe. Lethe, das rote Vergessen. Er vergaß.

»Willst du nicht etwas essen?«

Alle tausend Jahre dieselbe Frage. Ein Jahrtausend löste sich von der oberen Schale und fiel als Tropfen erzhallend in die untere. Alle tausend Jahre wachte er auf.

Und nach tausend Jahren sprachen sie immer noch arabisch. Ein verschlucktes, verschlissenes Arabisch. Er antwortete. Aber seine eigene Stimme hörte er nicht. Sie verlor sich im roten Abgrund.

»So gib ihm zu essen.«

Er sah in roter wogender Dämmerung etwas wie eine kauernde Gestalt. Fühlte Nahen jungmütterlicher Wärme. Geduldig sperrte er den Mund auf, wie ein gelber Nestling.

Etwas Lauliches ward ihm hineingestrichen. Brei. Schmeckte schlecht, nach nichts. Aber er schluckte und öffnete wieder den Schnabel.

Nein; doch. Kleister von Hammeltalg und Büffelmilch. Jetzt merkte ers. Hammeltalg, Büffelmilch: Orient. Wo? Und abermals schluckte er. Kinderkrankheitsbrei. Hatte er die Masern?

»Bsacher!« sagte eine leise Stimme; »wohl bekomm es.«

Es klang wie in seinem Herzen. Und er vergaß den Mund wieder aufzutun und schloß sich ein und war begraben.

* * *

Jahrtausende gingen vorüber.

Jahrtausendelang schluckte er willenlos den hineingestrichenen Kindlesbrei, das eingegossene Pfefferminzspülicht. Alle fünfhundert Jahre kam ein Bote der Ewigkeit, kauerte sich hin zu ihm, wünschte »bsacher« und atzte ihn mit Hammeltalg, Büffelmilch, Melissensud.

Dann war wieder Nacht, Schlaf und Grab.

* * *

Aber eines Schöpfungsmorgens schied sich das Licht von der Finsternis. Und er schlug die Augen auf und sah.

Und siehe, Raum hatte sich geschieden aus dem Chaos, und dieser Raum empfing den Tag von einem Türloch her und war vielleicht drei Klafter lang und einen breit und einen Mann mit ausgestrecktem Arm hoch, und roch nach Hammel.

Und siehe, Dinge schieden sich aus dem Raum, und es waren diese Dinge dumpfblinkende Kupferkessel und Blechgerät, aufgehangen in rauhgemauerten Nischen, und eine große Blechlaterne am Haken und ein erdbrauner Mantel daneben, und Gewehre, Taschen und Beutel auf einer erhöhten Pritsche, und etwas, das wie ein Blasebalg und etwas, das wie ein kleiner Herd aussah, und Kürbisflaschen und Tonkrüge und Decken und Matten, und unter solcher Decke aus solcher Matte er selbst.

Er selbst: Ich also. Wer war das eigentlich? … Ich? … Ein Muskel, der noch schlug, ein Schwamm, der noch atmete, ein Schlauch, der noch schluckte und aufsog. Ein pulsierender Schlauch mit Atemschwämmen und zwei Augen. Eine Blase mit mehrlöcherigem Freßende. Das nackte Leben. –

Und horch, Geräusche schieden sich von den Dingen. Diese Geräusche waren Knacken eines Feuers, tiefe Kehlstimmen, dumpfrollendes Knirschen wie von einer Mühle. Dann meckerte irgendwo hinter Mauern eine Ziege, dann stampfte irgendwo im Zwielicht ein Pferd. Dann kam ein Zischen wie von Fett, dann kam ein Klappern wie von Blech, und dann kam der gute alte rechtgläubige Geruch von Hammeltalg.

Und siehe, ein Mensch schied sich hervor aus den Geräuschen: einen erdbraunen Kapuzenmantel trug er und Pantoffeln an den Füßen, ein ergrauender Bart fiel ihm stattlich auf die Brust, ein Auge fehlte ihm und das andere war blau, und eigentlich sah er aus wie eine Mischung von Abd el Kader, Harun al Raschid, Wotan, Moses, Hagen von Tronje, Jehovah, deutschem Oberförster, Rabbi Akiba und Felix Dahn in einer Kreuzung von Lodenwetterkragen und Kaftan.

»Endlich bist du wach. Kannst du reden?«

Das arme Stück Lebensschlauch auf der Matte bejahte mit schwachem Zeichen.

»Sprichst du Schilcha?«

»Schilcha?«

»Unsre eigentliche Sprache. Arabisch sprichst du, das weiß ich. Ich kann aber auch spanisch, wenn du willst. – Doch zuerst sollst du essen.«

Er rief etwas in zärtlich rauhen Worten zum Türloch hinaus. Sogleich erschien der Bote der Ewigkeit mit dampfender Tonschüssel und großem Holzlöffel. Da wandte und erhob sich die arme Blase nackten Lebens auf der Matte und drehte das Kopfende mit den Augen nach dem Licht. Denn Licht ging aus und strahlte voran dem Boten der Ewigkeit, und wie alle greifbaren Engel war er gebildet als ein Weib.

Er hatte hübsche hellbraune Beine, die zu einer ansehnlichen Hälfte aus dem breitgegürteten, knielangen Hemdrock hervorragten; er hatte ein wohlgeratenes, tröstlich lächelndes Mädchengesicht unter schrägbuntgestreiftem Kopftuch; er hatte auch schon etwas wie einen mannbaren Busen und sehr hübsche, rassig geknöchelte Hände; und jetzt kauerte er sich mit seinem leisen »bsacher« hin vor das arme nackte Leben und begann sein barmherziges Werk.

Wieder war es der gute alte rechtgläubige Hammeltalg in seiner bewährten Verbindung mit Hirsengraupe und büffliger Milch; aber diesmal schmeckte der Kleister viel besser als all die Jahrtausende seither, und daran waren nicht allein die wenigen Stücklein zwieblig gebratner Taubenbrust schuld, die dann und wann wie Sterne erster Größe im kleinkörnigen Breigewimmel auftauchten.

Der einäugige Mischling aus Hagen von Tronje und Rabbi Akiba saß derweilen auf mattenbedeckter erhöhter Schwelle an der Stirn des Raumes, sah der Verrichtung befriedigt zu und hegte seinen Bart. Bis dann noch der gelbblaue Melissensud überwunden und der freundliche Bote der Ewigkeit gegangen war, erhob er sich mit Würde und trat an den armen gefüllten Lebensschlauch heran.

»Fühlst du dich nun stark genug, mit mir zu sprechen?«

Das armselige Stück Leben bejahte mit schwachem Zeichen.

»Soll ich spanisch reden?«

»Ich verstehe arabisch.«

»Wir wissen. – Du warst lange krank.«

»Lange krank.«

»Du warst nahe dem Tode. Nahe der Brücke es Ssireth, die den Gerechten zum Lichte führt.«

»Nah dem Tode.«

»Ja; wir hatten dich schon aufgegeben. Du hast in der Hitze irr geredet und geschrien. In einer fremden Sprache, die wir nicht verstehn.«

»Irre geredet und geschrien.«

»Ja; von einem Vollmond fast zum anderen. Du mußt ein starker und gesunder Mann sein, daß du den Tod überwunden hast. – Leidest du noch Schmerzen?«

»Schmerzen?«

»Ja: in deiner Brust, deiner Wunde.«

»Brust? … Wunde?«

»Weißt du denn nicht? Daß du durch die Brust geschossen bist?«

»Durch die Brust geschossen?«

»Du weißt es nicht? … Und wenn Al' Bu Chua, der dich traf, die Kugel vornen abgeschnitten hätte, wie wir es gewöhnlich tun, damit sie besser reißt, wärst du einer, der nichts mehr zu sagen hat. Du hast also Glück gehabt; du bist ein Liebling deines Propheten.«

Das arme hohle Gesicht öffnete die blassen Lippen zu einer Antwort; aber Wort und Stimme verschwammen irgendwo draußen in einem uferlosen Meer.

Der Einäugige strich sich den angegrauten Bart. Wo hatte Einer vorzeiten schon in gleicher Weise einen ähnlichen ehrwürdigen Bart gehegt? … In Bagdad der alte Basirgjan Abu Halylaryn, der neben den seltensten Teppichen auch das schönste Kupfergeschirr feilhielt? … Oder Jahve auf dem Sinai, da er über die zehn Gebote nachsann? … Oder Hagen von Tronje, da er mit dem Spielmann eiserne Nachtwache hielt für sein totgeweihtes Volk? Rabbi Akiba, da er dem kühn zu letztem Kampf hinausreitenden Bar Chochba kummervoll nachsah? … Wotan, da er von Asgard wissend hinabschauete in das Tränental der Menschen? … Der Einäugige hub von neuem an.

»Du wirst wissen wollen, wer ich bin. Ich bin Si Hamd el Maaluki, Scheik dieses Dorfes, Fkih einer Ahruba von zwölf Dörfern und Kaid der ganzen großen Kabila der Beni Uriachel. Die Spanier nennen mich El Valiente. Du wirst von den Beni Uriachel gehört haben. Sie sind die mächtigsten im Rif. Es war gefährlich, ohne Ania, ohne besonderen Schutz einer Ahruba unser Gebiet zu betreten. Du hast schlechte Freunde.«

Hamd el Maaluki, der Allgegenwärtige! … El Valiente, der Mächtige! … Es war ein Name wie aus unermeßlicher Ferne, wie aus Tiefen der Ewigkeit … Hamd el Maaluki, der Jetzige, der Allgegenwärtige … Und er hatte schlechte Freunde … Freunde? … Beni Uriachel? … Fkih – Ahruba – Kabila? … Alles floß durcheinander und versank.

»Das weißt du doch, daß du im Rif bist?«

Rif? … Ja.

»Und weißt du, was das heißt: im Rif sein?«

Wissen, was das heiße? … Nichts wissen.

»Du bist unser Gefangener.«

Gefangener? Gut. Man ist ein Gefangener überall. Auch zwischen Teppichen und parfümierten Kissen. Auch im Zypressenhaus am Bosporus. Auch unter Rechten und Pflichten der Welt. Auch in seinem Genuß … Gefangener? Gut. Gleichgültig, wo. Gleichgültig alles. Man hat ja das Leben. Das schwache, atmende Leben.

»Ja, du bist unser Gefangener. Und daß du überhaupt lebst, verdankst du den Weibern, Müttern und Töchtern. Sie haben dich gepflegt. Du mußt ihnen sehr gut gefallen.« Der Einäugige lächelte hinter seinem Bart. »Und nun wirst du zusehen müssen, wie du dich löst.«

Weiber, Mütter und Töchter? … Verdanken? … Zusehen und sich lösen? … Es war zuviel.

Der Allgegenwärtige erhob sich von seiner Matte.

»Du bist noch zu schwach. Wir können warten. Ainusch, meine Enkeltochter, mag dich weiter füttern und hegen wie bisher. Es soll dir an nichts fehlen. Aber unser Gefangener bist du. Merk es wohl; nicht unser Gast. Der Vater meines Enkelkindes, mein Sohn, Hadsch Smail ben Maaluki war einer der besten Männer im Rif. Er wurde von den Spaniern erschossen, die es gegen uns mit Bu Hamara hielten, dem Verräter, der ihnen unsere Berge verkaufte. Wir hätten ein Recht der Blutrache an jedem Fremden; wir wollen es an dir nicht üben. Aber den großen Blutpreis wirst du dennoch zahlen müssen, anders kommst du nicht heraus aus unserem Gebiet. Und wenn du dich stärker fühlst, sprechen wir weiter. U slam.«

Er nahm eines der Gewehre von der erhöhten Pritsche herab, hängte die riemengeflochtene Tasche unter die linke Achsel und ging nach letztem scharfprüfendem Blicke seines blauen Auges hinaus. –

Si Hamd el Maaluki El Valiente, der Allgegenwärtige, der Mächtige? … Und Ainusch also, die kleine Quelle, hieß der liebe lächelnde Bote aus der Ewigkeit, das allgegenwärtige Weib? …

* * *

Das war schon besser.

Ainusch hatte auf hölzernem Teller eine große Scheibe goldbraunen Wabenhonigs gebracht, frisches Fladenbrot dazu und eine kleine Tonschüssel voll Feigen. Sie kauerte sich auf die Fersen und begann nach leisem »bsacher« lächelnd mit mütterlich sorgfältiger Atzung.

Wohl war der Honig durchzäht und leichtwürzig gebittert von rohem Wildwachs, ein arm Bienchen da und dort hielt sich auch noch sterbend darin auf, und das Brot war nicht vom zartesten – aber die hohen Schokoladenkuppeln des Café Imperial hatten so nicht gemundet wie dies reine Bergmahl, und den Kranken deuchte, als habe er solch süßkräftig Blütenharz heut zum ersten Male genossen.

»Wir hätten dir längst schon Honig und Brot gegeben,« begann Ainusch zutraulich; »aber du warst so tief in Schlaf und Hitze, hast die Augen nicht einmal aufgetan. Du warst sehr krank. Da habe ich dir zuerst Nana-Tee eingeflößt und dann Kusksu. Aber Honig ist gut, iß recht davon, er möge dein Herz erfreuen, hier.«

Und sie brach ein Stück vom Fladen, tauchte es in den wachsdurchkrümelten Seim und schob den Bissen geschickt in den hilflosen Mund ihres großen Nestlings.

Sie hatte sommerblaue Augen und leicht überbräunte Blondhaut. Im Lächeln zog sie wie geblendet die füllige Oberlippe etwas hoch hinauf und zeigte schöne starke Zähne. Ihre kräftigen haselbraunen weitgeschwungnen Brauen wuchsen über der Wurzel ländlich derber Stumpfnase fast zusammen.

»Die Bienen wohnen in einem alten Apfelbaum draußen in der Wiese,« erzählte sie weiter; »wir haben viele Bienenbäume, zu unsrem Hause gehören fünf. Alkedim hat den Honig heute morgen erst für dich herausgeholt, und es haben ihn neun Bienen dabei gestochen. – Möge er dein Herz erquicken und dich stärken; du mußt jetzt viel davon essen; hier.«

Der Beinring an ihrem klaren Handgelenk klapperte gegen den Holzteller, und wieder bot sie einen üppig eingeseimten Bissen dem Munde ihres Pfleglings dar.

»Honig ist gut. Alkedim sagt, von Honig allein könne man gesund werden. Morgen aber bekommst du eine Taube. Al' Bu Chua, der dich traf, will eine für dich schießen. Ich habe es ihm gesagt und Si Hamd el Maaluki auch. Al' Bu Chua schießt am besten von allen. Er schießt mir einen Apfel von der flachen Hand – so – und einer Taube schießt er mit seinem Mausiehr den Kopf weg, daß noch der Schnabel daran bleibt. – Hier, iß, damit du gesund wirst. Wir haben viele Tauben, aber man kann sie nicht fangen.«

Und sie fütterte ihr großes Kind weiter und erzählte dazu, und dem Erwachenden war, als vernähme er in diesen einfachen Geschichten von alltäglichen Tieren und fremden Menschen des Lebens frohe Botschaft zum erstenmal.

Das alles war ungemein spannend und aufmerksamster Teilnahme wert. Fünf Bienenstämme, zu denken: ein angenehmer Reichtum … Es mußten breitausladende Bäume in stillsummenden Bergwiesen sein, ein freundliches Bild. Und wie der unbekannte Alkedim – man sah ein altes Gärtnergesicht, einen weißen Bart und kluge Triefaugen – die Waben aus der stachelheißen Höhlung brach und sich das erboste Volk aus schwitzendem Antlitz streifte … Lauter große frische Neuigkeiten, wie diese herzlich blauen Augen, wie dies etwas schmutzige hochaufgeschürzte Hemd, wie der weiße Beinring an hellgebräuntem Arm, wie dieser ganze junge warme Körper, wie die köstliche Speise, wie der Tag, das Licht, das Leben! … Und er genoß dankbar Kost wie Kunde, er schluckte gehorsam und lauschte sorglos, und nun kam das Obst.

»Wir haben viele Feigen. Sie sind sehr süß, mögen sie deinen Sinn erheitern. Wachsen auch Feigen in deiner Heimat? Si Hamd el Maaluki sagt, deine Heimat sei sehr weit von hier; so weit als Sipta oder Melilla? Reifen da auch Orangen? Wir haben sehr viele Trauben in unseren Bergen. Heute abend bringe ich dir Trauben; sie sind schon ganz reif und stillen den Durst. Oder Granatäpfel? Oder andere Äpfel? Wenn du einmal gesund bist und willst Feigen pflücken, nimm sie vom Baum, der als dritter zur Rechten unseres Brunnenpfades steht; sie sind kleiner aber süßer als alle anderen; der Baum ist sehr alt, mehr als vierzig Jahre, sagt Si Hamd el Maaluki …«

Feigen – Orangen – Granatäpfel – Honig – Schwärme von Tauben – ein Baum, der mehr als vierzig Jahre: – und keine anderen Sorgen … Alles hatte einen ganz neuen Sinn, neue Farben, neuen Wert. All das war bedeutend und von behagsam ruhendem Lebendgewicht. All das lud ein zu ausführlichem Verweilen, zur Einkehr ins Kleinste und Nächste. Hier gab es keine Sehnsucht. Wundersam wohlig, dies Geborgensein in einer unbekümmerten Schwäche.

El Maaluki war vom Türloch her eingetreten und hörte heimlich lächelnd hinterm Bart dem Schwatz seiner Enkeltochter zu. Wie der Oleander vor geringerem Gesträuch blühte sie vor den Schwestern im Duar, und der künftige Werber, war er nicht Scherif aus heiligem Prophetenblut, würde sie mit drei Mausiehr nebst Patronen und hundert Duros Hassani aus der Vormundschaft lösen müssen. –

Das Mahl war beendet; aber der Kranke suchte mit hungrig bittenden Augen. Da kauerte sich El Maaluki an Ainusch' Statt auf die Matte und holte aus dem Mantelbusen ein länglich Päckchen hervor.

»Ich kenne den Durst der Franken; ihr liebt den Dchan wie wir unsern Kif. Von solchem Dchan habe ich noch mehrere Päckchen; ich habe sie einmal in Melilia drunten gekauft, aber der Kif und die Sibsi sind mir lieber. Bsacher, möge er dir wohl bekommen und deine Gedanken erleuchten; denn nun will ich dich einiges fragen.«

Es war türkischer Regietabak dritter oder vierter Güte, der »Tatli-Sert«, wie die ärmeren anatolischen Bauern ihn kaufen, stark und billig. Dazu kramte El Maaluki noch einen dicken Bund echten Houblonpapiers zutage. Aufmerksam beobachtete er, wie die abgezehrten Finger des Gefangenen immer noch geschickt und schnell aus richtig bemessener und sorgfältig verteilter Prise das saubere Rundgebilde rollten. Dann stopfte er selbst mit andächtiger Hingabe seine Sibsi, das kleine Tonköpfchen an dünnem, knotigem, rot und blau verziertem Rohr, und der Qualm von Dchan und Hanf wölkte vermählt zur niedrigen Schilfdecke hinan.

»Die Franken wollen uns den Kif abgewöhnen,« erklärte El Maaluki nach den ersten Zügen; »drüben in Al Dschir und wo die Franken die Herren sind, ist Kif bei schwerer Strafe verboten. Aber die großen Heiligen, die Marabuts in der Wüste berauschen sich selbst in Kif,« fügte er mit wissendem Lächeln hinzu; »und was der Prophet nicht untersagt, das lassen wir uns auch von keinem Franken verwehren. In allem wollen sie klüger sein, die Franken; und betrinken sich selber in dem grünen Wein, den sie Ab Sen nennen. Ich war zwei- oder dreimal in Al Dschir, ich habe es gesehen. Dchan rauchen nur die von uns, die lange mit Franken zur See oder sonst in ihren Diensten waren. Wir pflanzen und ernten selbst Dchan; aber der die Seele klärt und den Mut erfreut, ist der Hanf.«

Er sprach in seinem verschliffenen Arabisch leichthin wie jemand, der einen Kranken ohne Anstrengung unterhalten will. Und die Schnörkelsäulen der Weihrauchopfer von Kif und Dchan stiegen brüderlich zur Decke empor, wölbten allda sich ineinander und baueten aus Dunst, Duft und Dank einen Altar dem gemeinsamen Gotte.

Tatli-Sert, du Süßsauerer, wie hat man in seinem Hochmut so schwer dir unrecht getan! … Lieblicher schmeckst du noch als die heiligen Kräuter von Xanthi und Kawala, freundlich wie erstes Südgewölk nach starrem Winterfrost verdunkelst du die Sinne, die Seele erhebst du auf weiten Schwingen zu des Allerbarmers Thron und den müden Leib erfüllst du feuerstarkem Weine gleich mit neuen kühnen grenzenlosen Vorsätzen! … Und mögen auch Ikindschi und Première und Extra-Extra, mögen von Missiri und aus Makedoniens Flur die blonden Blumen mehr kosten, mögen berühmter und begehrter jene sein als du, du der Armen, Kleinen und Frommen bescheidene Braut: – der Preis dennoch, o Tatli-Sert, du süßsauerer, gebühret dir, wie des blinden Bettlers Gott stärker und reiner ist als der des fettschwitzenden Börsianers aus der Großen Galata-Straße, und das Paradies der Mühseligen, Aussätzigen und Geduldigen größer und fruchtbarer als die kalten Schatzkammern derer, denen schon auf Erden die Freuden des Himmels für ihre schmutzigen Medjidies käuflich gewesen! …

El Maaluki aber klopfte nun seine Sibsi behutsam aus und sah aus seinem blauen Auge den Gefangenen nachdenklich an.

»Ich habe an dich einige Fragen zu richten. Bist du stark genug?«

»Ich hoffe es, dank deiner freigebigen Aufmerksamkeit, o Si Hamd el Maaluki; möge deine Gesundheit lange währen!«

»Auch die deine! … Doch täusche dich nicht. Laß durch Gaben und Pflege dich nicht zu falschen Hoffnungen verleiten. Nicht mein Gast bist du, sondern unser Gefangener. – Nun höre mich an. Du bist Nsrani, Nazarener?«

»Ja. Man hält mich dafür.«

»Was soll das heißen?«

»Ich bin getauft im Namen von Isa Ben Marryam.«

»Wie kannst du da Gemeinschaft machen mit einem Jahudi?«

»Gemeinschaft? … Jahudi? …« Der Wunde lächelte matt im Blauduft seiner Zigarette. »Es sind zwei Beine und ein Kopf, die zufällig Jahudi heißen. Das ist der ganze Unterschied.«

El Maaluki runzelte die struppigen Brauen.

»Was sind das für seltsame Reden? Weißt du nicht, daß Jahudi Jahudi bleibt bis ins vierzigste Glied, auf ewig?«

»Ich weiß es, o Si Hamd el Maaluki, der Herr segne dein Haupt. Aber auch ein Jahudi hat zwei Beine, die gehen, und einen Kopf, der denkt, einen Mund, der ißt, und einen Magen, der hungert. Er ist nur eine Szigara aus anderem Tabak.«

»Denken alle Ungläubigen wie du? Ich verstehe das nicht.«

Der Kranke streckte sich behaglich gerade.

»Höre, o Si Hamd el Maaluki – der Erbarmer öffne dein Auge! … Hier liege ich, der Nsrani; da sitzest du, der Rechtgläubige; irgendwo in seinem Chanus, seinem Kramladen, sitzt der Jahudi und rechnet. Und nun nimm an, o Si Hamd el Maaluki, dessen Güte mich erfreuet, wir alle drei stürben in demselben Augenblick, du der Rechtgläubige, dort der Jahudi und ich hier, der Nsrani. Und wir würden in dasselbe Grab versenkt. Würde da nach vierzig Jahren, o Si Hamd el Maaluki, ein Rechtgläubiger oder ein Jahudi oder Nsrani die Gebeine voneinander unterscheiden können? Würde er sagen können, das ist der unsrige und dieser nicht? … Das ist die Gemeinschaft, o Si Hamd el Maaluki; und dein Dchan trägt meine Seele zu den Pforten der Seligkeit hinan.«

EI Maaluki aber kraute sich finster den Bart.

»Solche Worte habe ich noch nie vernommen. Wir im Rif denken und handeln anders. Wir kaufen vom Jahudi, weil kein anderer uns verkauft; wir beschützen ihn auf seinen Wegen, damit wir einen Kaufmann haben; aber wir machen keine Gemeinschaft mit ihm. Und was du sagst, ist unmöglich. Nie werden ein Nsrani, ein Jahudi und ein Rechtgläubiger in ein gemeinsames Grab versenkt.«

»Doch, o Si Hamd el Maaluki, der Erbarmer erhelle deinen Blick. Unser aller Grab ist die Erde, aus der wir kommen, in die wir gehen.«

El Maaluki dachte mit strenger Stirne nach. Dann hob er das magere alte Wettergesicht.

»Ich habe immer gehört und gemeint, die Nusara und Jahudis hätten unversöhnlichere Feindschaft untereinander als wir mit jedem von ihnen. Und nun sehe ich, daß dies gar nicht wahr ist, daß sie sich vielmehr gegen uns verbünden.«

»Auch dieses ist nicht wahr, o Si Hamd el Maaluki. Verbündest du dich mit dem Jahudi, von dem du kaufst?«

»Wir wollen nicht streiten. Es heißt im Koran: ihr habt eure Religion und ich habe die meinige. – Aber du warst in Gesellschaft eines Jahudi; du hast für diesen Jahudi eine neue Chamasia, eine Fünfschüssige mit einem Dirbin, einem Fernrohr, gezeigt und seinen Gebrauch erklärt. Bist du, ein Nsrani, ein bezahlter Gehilfe dieses Jahudi?«

»Nein. Ich bin niemands Diener.«

»So hat dieser Jahudi gelogen. Er sagte, du seist ein Bu Chamasia, ein Vater von Fünfschüssigen. Du seist ins Land gekommen, um uns einen neuen Mausiehr zu bringen und durch ihn zu verkaufen. – Dieser Jahudi ist Efrem Efrus aus Titaiun, der mit Waffen handelt und Geld gegen hohe Zinsen verleiht.«

»So heißt er.«

»Und bist du wirklich ein Bu Chamasia? Hast du eine Schmiede, in der man Mausiehr macht?«

Der Kranke dehnte sich mit einem lächelnden Seufzer.

»Vorläufig bin ich Vater nur einer Fünfschüssigen. Oder vielmehr – ich war es.«

El Maaluki deutete nach der Pritsche. »Dort liegt sie in ihrer Schkara, bei den unsrigen. Aber sie muß beschädigt sein, denn wir können sie weder öffnen noch abdrücken. Sie ist sehr schön. Mit hundert solchen könntest du dich vielleicht lösen. – Nun höre! Weißt du, was geschehen ist?«

»Was könnte geschehen sein?« fragte der Wunde gelassen; »ich lebe – dank deiner und der Deinen – denen Allah es mit Glück lohnen möge – Fürsorge. Ich lebe – und mehr weiß ich nicht.«

Er dehnte sich schmerzhaft wohlig und bettete den müden Kopf auf die untergerollte Decke.

»So vernimm, und dann denke noch einmal nach über den Jahudi, deinen Freund.«

»Freund? … Ich habe keinen Freund.«

»Ich habe keine Heimat.«

»Wie? … Irgendwo mußt du doch geboren sein?«

»Geboren, in die Welt gesetzt? Oh ja. In Stambul. wenn du von dieser Stadt gehört haben solltest, o Si Hamd el Maaluki.«

»Wie sollte ich nicht gehört haben von Stambul? Es liegt hinter Al Dschir, nicht weit von El Kahira, und dort wohnt der Beherrscher aller Gläubigen. Ist das richtig?«

»Ungefähr.«

»Aber uns beherrscht er nicht, obwohl wir Gläubige sind. Uns beherrscht nicht einmal der Emir ul Mumenin in Fes. Wir beherrschen uns selbst, Allah uns alle. – Aber wenn du in Stambul geboren bist, wieso bist du dann Nsrani?«

»Es leben in Stambul viele Nusara, o Si Hamd el Maaluki. Ihrer mehr vielleicht, als deine ganze tapfere und berühmte Kabila Köpfe zählt.«

»Ist das möglich?«

»Es ist so.«

»Und das duldet der Beherrscher der Rechtgläubigen.«

»Er muß.«

»Muß?«

»Muß. Sonst kommen die Franken und schießen ihm seine große schöne Stadt in einer Stunde in Trümmer.«

»'llah! … So ist er also nicht einmal Beherrscher der Rechtgläubigen allein?«

»Nein. Da reden viele mit. Nicht nur Nusara gibt es in Stambul, sondern doppelt so viele Jahudis und dreimal so viele aus anderen Völkern.«

»'llah! … Er weiß, warum Er das duldet …«

»Einer von Euch war ja einmal in Stambul; vor sechsundzwanzig Jahren. Er könnte es dir bestätigen.«

El Maaluki hob überrascht die Hand mit der erkalteten Hanfpfeife.

»Wie? … Das weißt du?«

»Du siehst.«

»Du weißt von Abhadid, der genannt wurde El Fahhad?«

»Abhadid, Diener des Eisens hieß er? … Und El Fahhad wurde er genannt, der Gepard? Das ist gut.«

»Er wurde so genannt, weil er von einer Spur und Beute nicht wieder abließ. Und du weißt von ihm?«

»Wie du siehst.«

»Woher?«

»Ein andermal.«

»Du bist zu jung an Jahren. Du kannst ihn nicht gesehen haben.«

»Niemals.«

»Du hast von ihm gehört?«

»Wahrscheinlich.«

»Von wem?«

»Du wolltest mir von Efrem Efrus dem Jahudi erzählen, o Si Hamd el Maaluki.«

Der Alte versank in wolkiges Nachdenken. Seine Stirn ward ernst und mißtrauisch. Er sah seinen Gefangenen scharf und stechend blau an.

»Weißt du vielleicht auch – – wer Abhadid el Fahhad war? Gewesen ist?«

»Einer aus dem Rif.«

»Mehr nicht?«

»Nein.«

»Welchen Stammes?«

»Vergessen oder nie vernommen.«

»Ist es vielleicht wegen El Fahhad, daß du in dieses Land gekommen?«

»Du wolltest mir von Efrus dem Jahudi aus Titaiun erzählen, o Si Hamd el Maaluki.«

Im blauen Auge des anderen blitzte es heiß auf.

»Du bist kühn!«

Der Wunde auf der Matte bettete sich sorglos zurecht und rollte an einer neuen Zigarette.

»Würde das Gegenteil mir nützen, o Si Hamd el Maaluki? Ich habe vernommen, daß man im Rif die Kühnheit liebt.«

El Maaluki sammelte sich wieder.

»Du hast recht. Und du bist noch krank und unmächtig. Aber die Wahrheit wirst du mir sagen müssen.«

»Was ist Wahrheit, o Si Hamd? … Wer will Wahrheit erkennen?«

»Du führst seltsame Worte für deine jungen Jahre.«

»Meine Jahre, Si Hamd, sind nicht die des jungen Frühlings, sondern des hohen Sommers.«

»Du kannst vierundzwanzigmal Ramadan noch nicht begangen haben.«

»Noch niemals, o Si Hamd, denn ich bin ein Giaur. Wäre ich aber ein Rechtgläubiger – Allah erleuchte meine Gedanken –, so wäre der nächste Mond des Fastens und der Freude mein fünfunddreißigster.«

»Das kann nicht wahr sein.«

»Es ist leider wahr, o Si Hamd, dessen Güte ich mich empfehlen will.«

»Du hast das Antlitz eines Jünglings, der seinen ersten Bart heranpflegt.«

»Den Ungläubigen scheint die Sonne der Weisheit erst später, o Si Hamd el Maaluki.«

»Es ist kaum zu glauben. So bist du also verheiratet und hast viele Söhne.«

»Weder besitze ich eine Hütte, daß eine Freundin ihrer gebiete, noch erfreuet ein Knabe meine Tage, o Si Hamd el Maaluki. Aus mir ist Saat bisher noch nirgend aufgegangen.«

»Sprichst du im Ernste?«

»In schuldbewußtem Ernste, o Scheik und Kaid. Der Allerbarmer hat mir noch keinen Erben erweckt.«

»So liegt das an den fränkischen Weibern, daß sie nichts taugen.«

»Allah weiß es besser, o Kaid.«

»Und darum hast du den deinigen den Scheidebrief geschrieben?«

»Einer nur, o Si Hamd el Maaluki. In dieser habe ich gleich an den übrigen verzweifelt.«

»Seltsam ist alles, was du da erzählst. Und wo ist also deine Heimat?«

»Ich habe keine.«

»Wo weiden deine Ziegen, deine Pferde?«

»In der Zukunft, o Kaid.«

»Du hast nicht Haus und Hof? Nirgends?«

»In des Einen und Einzigen Barmherzigkeit, o Si Hamd. Sonst nicht ein Dach von Größe dieser Matte.«

»Und zu welchem Volke gehörst du?«

»Zu keinem.«

»Das ist nicht möglich.«

»Du siehst es.«

»Zu keinem Stamme, keiner Kabila, keiner Ahruba?«

»Nein, Allah sei Dank.«

»Du dankst Allah, ein Ungläubiger?«

»Allah ist einer unter Seinen tausend Namen, o Raid.«

»Aber jeder Mensch hat eine Familie.«

»Ich hatte eine: meine Mutter. Sie ist tot.«

»Du hast keine Brüder?«

»Die Vögel unterm Himmel, die so unstet sind wie ich.«

»Und du sagst, keine Freunde?«

»Freundschaft, o Kaid, ist langsam reifende Frucht. Wie kann Freunde haben, der nirgends verweilt?«

»So gleichst du einem Gewehr ohne Patronen. Wer dann ist dir Blutrache schuldig?«

»Das Schicksal in des Allerbarmers Hand, o Si Hamd. Sonst niemand.«

»Und wie kommt es, daß du kein Volk hast?«

»Es gibt ein Land des Namens Austrija, o Kaid. Dort leben fünfzig Millionen Menschen, die alle kein Volk haben.«

»'llah! … Wie ist das möglich? … Wenn ihrer so viele sind, so bilden sie doch ein Volk. Ein großes, ein unbesiegliches Volk!«

»Mit nichten, o Kaid. Ein Wald aus hunderterlei verschiedenen Bäumen, ist er ein Eichenwald, ein Zedernwald, ein Palmenwald? Er ist ein Wald von hundert verschiedenen Stämmen. Und ihr im Rif und die Tuareq von Asdscher und Ahaggar und die Uled Nail von Biskra in Al Dschir, seid ihr zusammen ein Volk, da ihr doch alle zu gleicher Stunde fast gen Mekka betet?«

»'llah! … Du kennst die Tuareq?«

»Ein wenig nur.«

»Sprichst ihre Sprache?«

»Wenige Worte.«

»Es ist fast die unsrige. Die Tuareq heißen auch Imoschagh, und unsere Sprache ist Schilcha. Aber in Figig und im Wadi Draa spricht man Amarsigh, und wer Amarsigh versteht, der versteht ebensowohl Schilcha wie Temahak. – Woher kennst du die Tuareq?«

»Aus ihrer Heimat. Aus Rhadames.«

»Dort warst du?«

»An der großen Stutenquelle von Rhadames, die von den Tuareq Krokodilquelle genannt wird, habe ich manche solche Szigara geraucht, o Kaid.«

»Du, ein Ungläubiger? … Das wagtest du?«

»Nicht als der erste und als der letzte auch nicht.«

»Du warst weitum in der Welt.«

»So weit fast als Mumenin wohnen. Und noch weiter.«

»Ja, du sprichst arabisch wie einer von der Medersa. Warst du auch in der Stadt des Propheten?«

»Beinahe.«

»In Kairouan?«

»Noch nicht ganz.«

»Und kommst also aus dem Lande Austrija?«

»Von überall her.«

»Daheim bist du in diesem Austrija?«

»Mit einem kleinen Teile meines Körpers, o Kaid.«

»Sind alle in Austrija so seltsam von Worten und Gedanken wie du? Ich verstehe dich nicht.«

»Der Allbarmherzige leuchte hinab in die Tiefen deiner Güte, o Si Hamd el Maaluki. Wolltest du mir nicht von Efrus dem Jahudi aus Titaiun erzählen?«

El Maaluki setzte an zu bedachtsamer Füllung einer frischen Pfeife.

»Es ist wahr. Wir haben uns verirrt in den Sandtälern des Gespräches. Aber du bist selbst wie ein Ruh s'sahel, ein Geist der Wüste, der den Wanderer vom sicheren Wege in die Ferne lockt. Du warst in Rhadamas, du kennst die Tuareq, du weißt von El Fahhad!«

»Der Allgerechte stärke deine Geduld, o Kaid. Du wolltest erzählen von Efrus dem Jahudi, der da Geld zu hohen Zinsen verleiht.«

»Das tut er; 'llah strafe ihn bis ins vierzigste Glied. – Aber bist du nicht zu schwach?«

»Die Neugier, o Kaid, erfrischt meine geringen Kräfte.«

El Maaluki hatte die Ladung des winzigen Tonnäpfchens seiner Sibsi in Brand gesetzt. Er trank einen tiefen Zug und begann.

»Ihr waret zuletzt in Taffah, auf dem Markt der Bu Kuia, unserer Nachbarn gegen Abend.«

»Taffah. Ich glaube mich zu erinnern, o Kaid.«

El Maaluki neigte den Kopf.

»Früher waret ihr in Snada?«

»Snada; du sprichst die Wahrheit.«

»Wie seid ihr nach Snada gekommen?«

»Mit einem Tragesel von Aschdir her.«

»Und auf den Märkten von Snada und Taffah hast du deine Chamasia mit dem Glasrohr gezeigt.«

»So ist es, o Kaid.«

»Du hast gezeigt, wie du durch das Glasrohr allein schießt und triffst, ohne zu zielen.«

»Der Allerbarmer gab dem Menschen Verstand zu vielerlei Dingen, o Si Hamd el Maaluki.«

»Der Jahudi aus Titaiun hat dann Bestellungen auf solche neue Mausiehr angenommen. Sie sollten nicht mehr als dreihundert Bseta spaniul kosten.«

»Du bist wohlunterrichtet, o Kaid.«

»Einige der unseren waren auf dem Markte in Taffah und haben euch da gesehen und gehört. Auch wir wollten solche Mausiehr gerne kaufen, die selbst für sich zielen. Es wurde uns erzählt, diese Gewehre hätten ein eigenes Auge.«

»Das ist fast richtig; sie haben sogar mehrere Augen, von denen keines fehlen darf.«

»Das verstehe ich nicht. Aber dann seid ihr über die Berge von Taffah in unser Gebiet gekommen.«

»Wir hofften auf eure Gastfreundschaft, und das Fett euerer Hammel schmolz uns schon auf der Zunge, o Kaid.«

»Unsere Gastfreundschaft wäre euch sicher gewesen; soweit wir einem Jahudi Ehren des Gastes erweisen. – Aber warum habt ihr dann in den Tälern nach anderen Dingen gesucht als nach dem Wege?«

»Es war ein Weg, nach dem wir suchten, o Si Hamd el Maaluki.«

»Findet man Wege im Sande trockener Bäche?«

»Deine Augen sind schärfer als die der neuen Chamasia, o Kaid.«

»Unsere Wächter und Späher beobachteten euch von den Höhen. Auch hast du Steine aus dem Berge gebrochen, mit einem Hammer zerschlagen und untersucht.«

»Du verdienst deinen Namen, Si Hamd el Maaluki; du bist allgegenwärtig.«

»Wir sind auf unserer Hut. Was du da getan, das taten viele schon vor euch, an andren Stellen. Und die im Sande ausgetrockneter Bäche spürten und wühlten, die suchten Wege nicht zu unseren Herzen, sondern zu unsrem Eigentum.«

»Deine Weisheit, o Kaid, ist größer als die mancher Fürsten des Abendlandes.«

»Wir sind mißtrauisch wie El Kundjar, der wilde Eber, der manche Kugel in seiner Schwarte trägt. Bu Hamara, der bezahlte Verräter, verkaufte unsre Berge an Spanier und Franken; sie suchten Blei und sie fanden Blei, das aus unseren Gewehren.«

»Ich habe davon gelesen.«

»Du hast davon gelesen? Wo wird das geschrieben?«

»In den täglichen Büchern des Abendlandes, die man Zeitungen nennt.«

»'llah! … So bekümmert sich das ganze Abendland um unsre Heimat? … Dann hast auch du vielleicht Blei gesucht?«

Der Wunde seufzte lächelnd auf.

»Blei ist ein gar hartes Metall.«

»Das fühlte auch mein tapferer Sohn, als er für Stamm und Gut sein Leben ließ. Was ihr suchet, das soll euch gegeben werden! … Was sammelt ihr Franken euch um unsre Berge wie Geier und Hyänen um ein Aas? Seid ihr Geier und Hyänen? Sind wir schon tot und verfault? Kommt als freundliche Gäste, so wird euch aufgetischt werden vom Besten, das wir haben. Aber laßt in Frieden, was da still in unserer Erde ruht. Denn wer Metall ausgräbt, der gräbt Haß aus und Krieg.«

»Deine Weisheit, o Si Hamd el Maaluki, ist größer als gemeines Menschen Einsicht.«

»Möge sie die eure werden! Du siehst es an dir; nun mußt du dich teuer lösen, und das Leben, das du behalten, ist ein Geschenk des Allbarmherzigen und unserer Weiber, aber nicht das unsrige.«

»Sie, die ich nicht zu nennen wage, sind der Schmuck dieser Welt, o Kaib; aber Efrus, den Jahudi aus Titaiun, ihn habt ihr nicht begnadigt?«

El Maaluki antwortete mit seltsamer Gebärde.

»Du wirst von ihm hören! … Ihr habt euch dann in den Schatten eines Baumes gesetzt und ein großes Papier ausgebreitet und darin gelesen.«

»Der kleine Verstand der Abendländer, o Kaib, kann ohne Papier nicht auskommen und sich nicht zurechtfinden in der Welt.«

»Wir wissen wohl, was Papiere dieser Art, die man über die Knie breitet, zu bedeuten haben: – Gutes nie! … Es sind Papiere, Schriften des Vorwitzes und der Neugier, des Verrats und des Diebstahls.«

»Deine Worte sind härter als deine Hand und dein Herz, o Si Hamd el Maaluki.«

»Was weißt du von meiner Hand und von meinem Herzen? Warte, bis du dich zu lösen hast und die letzte Rechnung gemacht wird.«

»Ich vertraue dem Allerbarmer, der seine Erwählten nicht straucheln läßt auf dem Pfade der Gerechtigkeit.«

»Vertraue nicht zu stark und zu frühe! Und was nutzt dein Vertrauen, da es im Herzen eines Nsrani wohnt? … Warum habt ihr euch keinen Geleitsmann angeworben? Warum wolltet ihr allein sein auf dem Wege durch unser Gebiet?«

»Wir bauten auf euren Ruhm und euere Tugend, daß sie Gewalt gegen friedliche Minderzahl verschmähe.«

»In der Minderzahl waret ihr, aber friedliche Absicht hattet ihr nicht, und das große Papier auf euren Knien bedeutete heimliche Gewalt. In solchen Papieren, welche die Spanier Mapa nennen, sind alle Berge, Täler, Flüsse, Orte, Völker eines Landes verzeichnet.«

»Der Allerbarmer gab deinen Spähern die Augen des Falken, o Kaid. Aber wie sollte man alle Gegenden der weiten Erde kennen wie seine eigene Heimat? Das Leben des Menschen währet kurz, darum bedarf er in der Fremde des Führers und daheim in der Erinnerung.«

»Der beste Führer ist der Freund, und Freunde erwirbt man nicht durch Neugier und Habsucht. – Ihr habt dann im Freien unter einem Johannisbrotbaum übernachtet.«

»Es kann auch ein Korkeichenbaum gewesen sein, o Kaid.«

»Nein, es war ein Johannisbrotbaum, nicht weit über der Sohle eines trockenen Nebentales des Uad Nukhor. Warum habt ihr kein Feuer angezündet?«

»Die Nacht war warm, und wir hatten nichts an den Spieß zu stecken, o Kaid.«

»Es gibt dort viele Tauben, Schweine, auch Bergschafe und noch anderes Wildbret. Du hast eine wunderschöne Büchse, die von selbst zielt und trifft, warum hast du da nicht ein Stück für euren Spieß geschossen?«

»Die Tiere dieser Berge sind euer Eigentum, o Si Hamd el Maaluki. Und ein Jahudi ißt nichts vom Schwein, wild oder zahm, ißt überhaupt nichts, was geschossen ist und nicht nach seinem Gesetze geschächtet. Auch ist der Schuß eines ungemeldeten Fremden kein kluger Bote, o Kaid.«

El Maaluki lächelte im grauen Wetterbart.

»An dem, was du zuletzt gesagt, ist so viel Wahrheit wenigstens wie – Gold in einem Trog voll Flußsand.« Er sah den Gefangenen scharf und ruhig an. »Da du aber mehr nicht eingestehen magst, will ich dir helfen. Wer da schießt, der ruft, und laute Stimme scheut, der hat kein gutes Gewissen.«

»Die Menschen sind fehlbar seit ihrem Sündenfall, o Si Hamd el Maaluki. Sie sind hungrig und wollen essen, sie sind nackend und wollen sich bekleiden, sie frieren und wollen sich ein Dach errichten über ihrem Kopfe. Daher leben sie in einer beständigen Angst, die sie verblendet.«

El Maaluki neigte die Stirn.

»Das hast du wahr gesagt; es ist so. Aber ihr Franken aus dem Abendlande, ihr Nusara und Jahudis seid darum ängstlicher als wir und verblendeter, und euer Hunger kennt keine Grenzen. Auch wir wollen essen und uns bekleiden und ein Dach haben über unserem Herde: – aber schwärmen wir deswegen über fremde Länder wie Heuschrecken über die Saat? … Ihr Franken im Abend- und Mitternachtlande wollt mehr, weit mehr als ihr bedürft zu einem gesunden frohen Leben; ihr seid krank an einem uralten Fluch, und darum will ich Nachsicht üben mit dir und deiner Schuld. – Ihr habt also im Dunkel ohne Feuer genächtigt; am Morgen dann habt ihr noch einmal in dem großen Papier, der Mapa gelesen, und darauf hast du dich von deinem Begleiter getrennt. Was war dein Vorhaben?«

»Da du doch die Gedanken der Menschen liesest wie der Eine und Einzige, oder wie Isa Ben Marryam am Tage des letzten Gerichts, was hätte ich dir da noch zu sagen, o Kaid? … Du erzählst mir die Dinge, die ich selbst in einem langen Schlafe vergessen habe.«

»So will ich dich daran erinnern. Ihr waret zu keiner Stunde allein. – Dein Begleiter mit dem Esel und der Traglast ist im Versteck des Haines zurückgeblieben; du hast deine Fünfschüssige und ihr gläsernes Auge aus den Schuari genommen und bist vorsichtig wie ein Dieb oder schleichender Jäger in einem steilen, ausgetrockneten Graben hinangestiegen. Du rauchtest dabei eine deiner Szigaras, die du dir aus deiner schönen silbernen Büchse gerollt, und in der Hand hieltest du den Hammer, der dort bei den Gewehren auf dem Brette liegt: ist das wahr?«

»Allah und du wissen es besser als ich, o Kaid.«

»Du spähtest fortwährend nach beiden Seiten wie nach scheuem Wilde. Manchmal bliebst du stehen und betrachtetest die Felsen, das Gebüsch, das ausgetrocknete Bachbett, die Hänge und Höhen. Die dich oben begleiteten, mit schußfertigem Mausiehr, sahst du aber nicht. Sie folgten dir wie Geier der Karawane.«

Der Wunde lächelte matt. »Wie der allgegenwärtige Tod dem Menschen.«

»Du sagst recht. Warum also kalte Schätze sammeln, da doch der Geier über unsren Wegen allerorten schwebt? – Dann zogst du ein Papier hervor und lasest darin; bewegtest sogar die Lippen, die Unsrigen haben es genau gesehn. Wir haben das Papier bei dir gefunden; dort liegt es, mit deiner silbernen Dchan-Büchse und deinem schönen neuen Patronengürtel und anderen Sachen zusammen in der Nische. Aber es ist eine fremde Schrift; wir können kaum die des Koran lesen, geschweige denn diese. Doch etwas muß wohl darin stehen wie in einer Mapa der Spanier, von Bergen und Flüssen und Straßen und Orten; denn du blicktest um dich und deinen Weg zurück und die Schlucht hinauf wie einer, der Worte mit Dingen vergleicht. Ist das richtig?«

»Dein Scharfsinn, o Si Hamd el Maaluki, ist ebenbürtig deiner Großmut. Leicht magst du gütig sein, denn du hast nichts zu fürchten. Sorglos sich freuen dürfen deine Freunde und nimmer ruhig schlafen deine Feinde. Möchte ich zu den ersteren gehören!«

El Maaluki lächelte ernst.

»Du hättest es vielleicht werden können. Und statt dessen bist du nun mein Gefangener. – Ihr Franken und Abendländer macht alles mit dem Papier und durch das Papier und für das Papier und merkt nicht, wie sehr dieses euer Papier euch trügt und in die Irre führt, in die Gefahr, in den Tod. Ich habe oft darüber nachgedacht. – Auch dich. Du stiegst deinem Papier nach weiter hinauf die Schlucht, und über dir blieben die Unsrigen und erspähten alles. Du hattest gar nicht Augen für anderes, als was in deinem Papiere verzeichnet steht – 'llah kennt sein Geheimnis. Ein Mähnenbock, den unsere Leute droben aufgejagt, sprang nahe vor dir über die Steine, und du sahst ihn nicht. Einer schlug im Ausgleiten mit dem Lauf seiner Chamasia an einen Felsen, es tat einen lauten Klang, und du hörtest es nicht. Aber unter seinem Tritte löste sich Geröll und sprang dir hart vor die Füße; jetzt endlich wurdest du aufmerksam. Du schautest hinauf und griffest nach deiner Fünfschüssigen. Da war es zu spät. Al' Bu Chua, unser bester und schnellster Schütze, erkannte die Bewegung, erkannte deine Absicht, hob seine Mausiehr, zielte und schoß dich tot.«

Der Erschossene dehnte sich in mattem Behagen.

»Ich glaube, du sprichst die Wahrheit, o Kaid. Der damals durch die Schlucht hinaufstieg in eure Berge, ist wirklich totgeschossen worden. Was da noch lebt, ist der nackte kleine Regentropfen aus verschwundener Wolke. Doch fahre fort, o Si Hamd el Maaluki; du wirst geheißen der Allgegenwärtige, und mir ist, als vernähme ich aus dem Munde eines anderen Allgegenwärtigen die Geschichte meines eigenen Sterbens. Al' Bu Chua also hob seine Mausiehr, zielte und schoß mich tot.«

»Ja; aber er hatte von den Köpfen seiner Geschosse die Spitzen nicht abgeschnitten oder abgefeilt, wie wir es sonst tun, auf der Jagd im Kriege gegen die Spanier und ihre Helfershelfer. Das rettete dich. Sonst wäre deine Brust unheilbar zerrissen. Du stürztest nicht sogleich; du hobst sogar deine Chamasia, und schon wollte Al' Bu Chua dir eine zweite Kugel geben, durch den Kopf – – da schwanktest du, griffst mit der Hand nach dem Herzen – so – und brachst zusammen.«

»Das ist die schönste Geschichte, die ich je vernommen, o Kaid.«

»Du spottest noch?«

»Im Ernste, o Si Hamd el Maaluki.« Der Wunde seufzte ein wenig auf. »Dergleichen hört man nicht alle Tage. Ich bin ganz auf der Seite deines trefflichen Al' Bu Chua. Und dann?«

»Und dann? … Dann sprangen unsre Leute zu dir hinunter in die Schlucht. Du atmetest noch. Sie sahen deine berühmte Chamasia neben dir liegen, nahmen sie auf und bewunderten sie, konnten sie aber nicht öffnen. Es wird doch nichts daran geschehen sein?«

»Ich hoffe, nein.«

»Das gläserne Auge, das die Dinge heranzaubert und für dich zielt, hattest du gar nicht auf dem Gewehr; es lag in einer Faltentasche deines Haik. Fast wäre es von der Kugel getroffen worden; das wäre schade.«

»Allerdings; solch ein zielendes Fernauge aus Glas und Stahl ist mehr wert als ein Menschenleben, o Kaid. Menschen kann man immer wieder umsonst haben; derartige Gläser und Stahlrohre nicht, oder doch nur für schweres Geld. – Und weiter?«

»Zwei oder drei unserer Leute blieben bei dir; die anderen nahmen deine Fünfschüssige und die zielende Röhre und stiegen damit die Schlucht hinunter, nach dem Tale und dem Johannisbrotbaum, wo ihr zur Nacht gelagert. Und was denkst du, daß sie fanden? … Der Jahudi mit dem Esel und der Traglast war fort; nur deine beiden ledernen Schuari lagen noch da im niedrigen Dorngestrüpp.«

»Fort, der Jahudi?«

»Fort. Er hat den Schuß vernommen, ist auf und weg.«

»Und wohin? Die Deinen haben ihn nicht eingeholt?«

»Sie folgten ihm eine Strecke lang. Aber dann ließen sie ihn laufen, was sollten wir mit ihm? Er hat durch seine Geschäftsfreunde vielleicht Schutz bei benachbarten Stämmen, und – wir brauchen sie, die Kaufleute.«

Der Kranke lächelte auf.

»Du hast recht, Si Hamd el Maaluki. – Und dann?«

»Was dann? – Du lebtest noch. Sie brachten dich nach unserem Dorfe, auf einer Bahre von Zweigen und zusammengeschlungenen Dschelelbis. Wir hielten eine große Dschama, eine Beratung. Viele stimmten für deinen Tod; aber was man einem Toten nimmt, ist weniger als was ein Lebender geben kann.«

»Deine Weisheit ist tief wie der Brunnen der Wüste, o Kaid. – Und der Jahudi?«

»Höre! – Du warst doch vor wenigen Wochen erst ins Land gekommen. Einer aus der Rmara hatte dich drunten am Hafen von Titaiun gesehen, als du mit dem Bootsführer verhandeltest. Das sprach sich weiter mit dem Gerücht von deinem Gewehre. Du hast dann aber auch beim Jahudi gewohnt; es wurde bekannt, denn du wurdest eines Nachts in seiner Gesellschaft gesehen. Wir schickten also Boten zu diesem Efrem Efrus: ob er dich lösen und etwas zu deiner Freiheit und deiner Genesung tun wolle? Und was war dieses deines Freundes Bescheid? Er wisse nichts von dir, du hättest dich ihm auf seinem Handelswege angeschlossen, du seiest sehr reich und könntest dich selber loskaufen, und er habe keine Zeit für solcherlei Dinge und für Narren, die aus Übermut blindlings in eine Gefahr hineinrennen … Was sagst du nun dazu?«

»Nichts. Recht hat er, der Jahudi.«

»Recht gibst du ihm, du selbst? … Ich verstehe das alles nicht.«

»Ich auch nicht, o Si Hamd el Maaluki.«

»Er war doch dein Geschäftsfreund? … Durch ihn wolltest du uns doch Gewehre wie deine Chamasia verkaufen?«

»Es hieß so, ja.«

»'llah schaue in die Winkel deiner Gedanken; mir sind sie zu dunkel. Und weißt du auch, daß dieser Jahudi sein Haus in Titaiun verkauft hat? Sein Haus und sein Geschäft und alles? Niemand kann Auskunft geben, wohin er verzieht; selbst seine Schuldner mit ihren Zinsen hat er verkauft an einen anderen Jahudi, einen gewissen Joan da Flores, der einen großen Chanus betreibt in der Sanka der Goldschmiede; an diesen werden sie verwiesen. Seine Frau und was er an Kindern hat und seine Schätze, ganze Schiffslasten schwer, soll er schon vorausgeschickt haben, nach Spanien hinüber, irgendwohin.«

»Ich höre, o Kaid.«

»Und wunderst dich nicht?«

»Verwundern schadet dem Gemüt und der Gesundheit.«

»Das sagst du wahr. – Aber hat dieser Jahudi nicht schon früher gesprochen und Pläne gemacht über einen Verkauf?«

»Gesprochen, zu mir? Nein. – Pläne gemacht? Allah weiß es besser.«

»Und warum bricht er nun so eilig auf? Jetzt gerade, nachdem du gefangen worden bist und verwundet? Ein Jahudi mit seinem großen Handel ist doch kein Araber, der heute seine Chaima hier aufschlägt und morgen dort?«

»Den frage, der in die Herzen der Menschen blickt, o Si Hamd el Maaluki.«

»Euere Herzen sind dunkel und gewunden und voll geheimer Tore, wie die Straßen der Städte, in denen ihr lebt, Franken und Jahudis. Die unsrigen aber sind frei und offen wie diese Berge der Heimat, über deren Grate der Sturm braust. Wenn wir hassen, so schießen wir; und wenn wir lieben, so braten wir den Hammel der Freude. Ihr aber macht es gerade umgekehrt; ich will mit dir nicht rechten. – Und du bist nicht erstaunt?«

»Erstaunt? Nein, o Si Hamd el Maaluki. Staunen ist sehr anstrengend; und ich bin müde.«

»Und was gedenkst du nun zu tun?«

»Insch' allah! … Ihn frage, was er mit mir zu tun gedenkt! Er hat mich hierhergeführt; er wird Rat wissen.«

»Du verdientest ein Rechtgläubiger zu sein; dann würdest du auch nicht vergessen, daß Jahud Jahudi bleibt bis ins vierzigste Glied! – Aber das hilft dir nun nichts. Die Dschama hat dir das Leben geschenkt, das nackte Leben, nicht auch die Freiheit. Du mußt dich loskaufen. Ich will dich fragen: was kannst du bieten?«

»Bieten, ich? … Sehr viel: nichts. Gar nichts. – Sage mir, o Si Hamd el Maaluki, in dessen Händen die Wage der Gerechtigkeit hangt: hat dieser Jahudi aus Titaiun deinen Boten keine Nachricht mitgegeben über Dinge, die vielleicht nicht ihm gehören, sondern einem andern, einem Narren aus Frengistan oder Austrija, der da in seinem Übermut blindlings in eine Gefahr hineinrennt? Von Gegenständen, die der Türke ßanduk nennt, Koffer? Nein?«

»Nichts dergleichen. Er war sehr ungeduldig und in zorniger Eile, und meine Männer mußten sehen, daß sie heil und frei herauskamen aus der Stadt. Wenn er zur Machsehn lief, zur Obrigkeit, und sie anzeigte, so waren sie fil habs, hinter Stein und Eisen. Die Mauren und ihre Machsehn sind nicht gut zu sprechen auf uns freie Ruafa, die wir kein anderes Gesetz kennen als das unserer Unabhängigkeit und unseres guten alten Eigentums. Und wenn der Jahudi verziehen will, so hat er unsere Rache nicht mehr zu fürchten. Du hörst ja, seine Habe war zu großem Teile schon unterwegs nach Spanien hinüber, oder sonstwohin.«

»Und auch von solchen Dingen hat er nicht gesprochen, die sich in der Traglast des geduldigen Hammar befanden, aber nicht eigentlich zu dieser gehörten, sondern zum Gepäck eines anderen, weit dümmeren Esels? … Auch von solchen Dingen nichts?«

»Nein; mit keinem Worte. Du hörst ja: gar nichts wissen wollte er von dir. Er verleugnete dich. Und das war dein Gefährte!« El Maaluki spuckte verächtlich aus.

Da streckte sich der Wundkranke sorglos lang und bettete das Haupt in lächelnder Schläfrigkeit auf die untergerollte Manta.

»Dann, o Si Hamd el Maaluki, sieh du selbst zu, daß einer sich finde zum Loskauf! … Oder, o Kaid, noch besser: berufe zum andernmal die Dschama und beschließet in Rates Weisheit und Allahs Namen und Duft euerer trauten Kifpfeifen meinen Tod. – Denn dann – insch' Allah – habe ich nicht mehr und nichts andres als das nackte Leben!«

* * *

Ainusch brachte die Taube mit frischen Fladen und goldschwer honigsüßklebrigen Wildtrauben und den Grüßen des unfehlbaren Al' Bu Chua: eine Patrone koste zwar viel, viel Geld, aber der Si möge nur bald gesund werden, damit er ihm den Gebrauch seiner selbsttreffenden Chamasia erkläre. Darum sei er froh, daß er von seinem Geschosse den Kopf nicht abgefeilt und der Si also noch lebe. Und er habe eben geschossen, um selbst nicht erschossen zu werden.

Der Wunde lächelte und ließ sich die kleine zarte Mahlzeit behagen. Al' Bu Chua, hatte der Name nicht eine Bedeutung? … Doch, natürlich: – Ali, Vater des Zolles. Des Durchzugszolles! … Sehr sinnreich. Und gab es hier herum nicht auch einen Paß des Blutgeldes? … Aber nein, er wollte nicht nachdenken. Er war zu müde. Nur dankbar dasein und das Kleinste sorglos genießen.

Ainusch hatte die klarsten Sommerblauaugen der Welt. Ihre jungen Schenkel unterm heraufgeschürzten Hemdrock spannten sich muskelprall im Kauern. Im offenherzigen Busen dunkelte schon das liebe Schattental der Wonnen, die sanftgeschwungene Bucht der Seligkeit. Ihr Hals war stark, schön und frei; ihr Wuchs ganz rein, voll und klar; das Paar ihrer Lippen zwar ländlich derb, doch nicht ungeschickt zur Liebe gemacht. Die sinnlichen Lusttöchter der Uled Nail sind schlankrassiger, feinlendiger, von süßeren Giften getränkt und brünstig mit jedem Nerv; aber dieses Kind da hatte Sonne im Blut und Bergwind, und von den geschulten Tänzerinnen der Sündenoase unterschied es sich wie das edelfrische Berberpferd von der hysterischen Rennstute des Abendlandes.

Aber nein, er wollte nicht vergleichen. Auch vergleichen ist nachdenken, ist das gefährlichste Nachdenken sogar. Ganz still wollte er liegen und geschehen lassen; denn nun er nichts besaß als das nackte Leben, was brauchte er weiter zu sorgen und zu spinnen für den folgenden Tag?

Und Ainusch wußte so wunderschön zu erzählen, und all ihre Neuigkeiten waren so wichtig und wert.

Es gab viele viele wilde Tauben in diesen Bergen. Sehr hübsch, sich das gemächlich auszudenken, honigstille Sonnenwiesen mit fruchtlachenden breiten Bäumen hier und da, und darüberhin kreuzten in langschüssigem Flug die abendwolkenblauen Vögel Aphroditens und schwangen sich mit leislachenden Fittichschlägen zur Mittagsrast ein … Ach, und Al' Bu Chua hatte dem versprochenen Braten wirklich den unschuldigen rotbeschnäbelten Kopf weggeschossen! Er war ein Meister, gewiß, dieser Vater des Durchzugszolles und der Schicksale; aber das hätte er lieber nicht tun sollen, denn wozu den holden Gottesfrieden stören um eines nackten armen belanglosen Menschenlebens willen? … Da schritt und rückte vielleicht gerade der Täuberich in goldgrünem Sprenkelschatten auf dem Aste hin und wider und machte tiefgurrende Bücklinge vor seiner Frau Täuberin; und irgendwo hinter einer Dornenhecke kauerte in erdbrauner Dschelabba der allgegenwärtige Tod, den schwarzen Mausiehr in gieriger Faust … Nein, nein, man sollte lieber nicht denken.

Aber die erste Ernte dieses Jahres war ausnehmend gut, harter Weizen, Hirse, Hafer, Mais, dicke Bohnen in Überfluß … Hafer? So haltet ihr Pferde? … Doch, ja, ihrer vierzehn sind beim Dorfe, und nächstens werden es fünfzehn sein, die Stute des Nachbarn 'med 'l Aid geht schon sehr schwer mit ihrer Tracht, es wird vielleicht ein schönes Fohlen, der Vater ist ein berühmter weißer Schimmelhengst der Beni Snassen, die weit drunten gen Scherg, gegen Osten, nach Al Dschir zu wohnen; aber die Stute ist braun, was gibt das nun wohl für eine Farbe? … Und die Beiden, der Kranke und seine junge Pflegemutter, berieten lange, sorgfältig, ausführlich und eindringlich über die vermutliche Farbe des insch' Allah zu erhoffenden freudigen Ereignisses bei Nachbar 'med 'l Aid und einigten sich schließlich auf rot mit etwas weiß darin; das war entschieden sehr hübsch und kam, wie nun der Fremde zu erzählen wußte, bei den prachtvollen, sturmschnellen Kochlanis des fernen Nedjd gar nicht so selten vor … Nedjd? Wo ist das? … Oh, weit, sehr sehr weit; noch weiter als die Stadt des Propheten! … Weiter als Titaiun oder Al Dschir? … Viel, viel weiter; dreißig, vierzig Tagereisen noch hinter den heiligen Städten des Propheten! … Welche Stadt meinst du? Schauen? … Schauen? Nein: – Mekka und Medina an Nabi! … Doch welches Propheten Städte sollen das sein? Unseres Sidi Uriach? Oder des Sidi bu Jakub, des Beschützers der Seefahrer? Oder des Si Bargelil? Ich habe nie davon gehört! … Auch nie den Namen der Namen: Mohammed? … Doch! Sie lachte mit hellen blauen Augen und breiten blanken Zähnen. »Wie nicht? Mein Großvater heißt doch so, und der Älteste des Nachbarn 'med 'l Aid und Nachbar Akstaffin und Nachbar Saian und zehn andere noch im Dorf!« … »So? Und dein Vater – Allah schütze sein Angedenken – war er nicht ein Hadsch, der die geweihten Stätten besucht?« … »Doch, ja, er erzählte. Da verlangten sie Durchzugszoll, und sie zahlten mit Kurtas, mit scharfen Patronen. Aber ich weiß nicht, wo das war. Und so bist du also aus dem Lande Nedjd?« … »Nein, von viel weiter her.« … »So weit als Tandscha?« … »Viel viel weiter!« … »So weit als Dschebl al Tar?« … »Weiter, viel weiter!« … »Dann weiß ich nichts mehr.« … »Allah segne dein junges Haupt und behüte dich vor dem Heuschreckenfraß der Gedanken! … Deine Trauben sind köstlich wie die Früchte des Paradieses, wo Mädchen wie du den gerechten Gläubigen mit ihrem Lächeln erwarten, und gib mir lieber Kunde von den Haustieren, von Aussaat und Ernte, Arbeit und Reichtümern euerer Nachbarn! – Zum Beispiel die weiße Ziege des Nachbar Akstaffin: wie geht es ihr?«

Ainusch lachte und schlug sich klatschend auf die prallen Schenkel, »Woher weißt du, daß er eine weiße Ziege hat?«

»Ich denke es mir. Ich hoffe es.«

»Aber er hat viele weiße Ziegen! Zwanzig!«

»Ah; siehst du! Erzähle mir von diesen zwanzig weißen Ziegen! Ich liebe sie sehr.«

»Eine hat gestern erst ihr Zicklein geworfen. Meinst du die?«

»Freilich meine ich die. Erzähle! … Von der Ziege, vom Zicklein, von der ganzen Familie; und von der guten Ernte, über der Allah der Allerbarmer sein Wohlgefallen freundlich walten lassen möge.«

Und der Kranke rollte seine Zigarette aus dem braunblondderben Tatli Sert, streckte sich mit leisem Seufzer und hörte glücklich und aufgelöst zu.

Schon das Arabische ihres jungen frischen Mundes! Es war die Sprache Tausendundeiner Nacht, denn es war märchenhaft schlecht. Viele Lande der Propheten hatte er geschaut und vieler Gläubigen Rede vernommen; aber hätte er auf seinem Marktfahrerwege sich nicht an die Laute dieser Berge gewöhnt, die reizend gemütliche Verderbtheit der Zunge des Koran, dieses arabische Oberbayrisch in Ainusch' Gaum und Kehle wäre ihm heillos unverständlich geblieben.

»Und wo ist heute dein Großvater, Si Hamd el Maaluki, den meine Seele liebt?« – »Draußen mit den anderen und überwirft das Korn im Wind.« – »Und sie, die ich nicht zu nennen wage, schon weil ich ihren Namen nicht weiß, einst die Gebieterin der Hütte deines Vaters?« – »Ich verstehe dich nicht.« – »Allah schenke dir ewige Jugend! Deine Mutter?« – »Auch sie; alle sind an der Arbeit; sie soll heute beendet werden, denn morgen gehen sie zum Suk, auf den Wochenmarkt.« – »Und du?« – Sie lachte. »Ich? Ich bin doch hier bei dir!« – »Hamdullillah, du Blume der Beni Uriachel! Aber morgen?« – »Morgen? Da bin ich doch auch bei dir! Wer sollte dich sonst füttern?« – »So wirst du alle Tage bei mir sein?« – »Alle Tage, bis du wieder genesen und vielleicht auf der Mastaba oder vor der Hütte sitzen kannst.« – »Dann wünsche ich mir ewige Krankheit, du Blüte vom Orangenbaum des Paradieses.« – »Nein; dann zeige ich dir erst die alten Honigbäume in unseren Wiesen.« – »Du hast recht. Und dann, was meinst du, besuchen wir das Fohlen bei Nachbar 'med 'l Aid und ergötzen uns an seiner Farbe und an seinen ersten Sprüngen.« – Sie schlug in die Hände: »Ja!«

Und dann wurde eingehend beraten, was es auf dem Suk el Arba, dem Montagmarkt, alles zu kaufen und verkaufen gebe. Eine schwere Menge von köstlichen und notwendigen Dingen, oh! … Sie gingen zusammen, Hand in Hand, von Zelt zu Zelt. Großvater Hamd el Maaluki brachte dahin zwei oder drei Maultierlasten von seinem Überschuß an Sermin, Hafer und Srah, Korn. Auch drei Hammel und ebensoviel Ziegen hoffte er mit Nutzen loszuschlagen. Mutter hatte einen großen Topf voll alter, einen zweiten voll süßer Butter und einen dritten voll Honig in Bereitschaft; außerdem vier Hühner und sehr viele, vierzig Eier. Das gab einen schönen Erlös, insch' Allah, hoffen wir es von der Güte des Allbarmherzigen! Denn wenn alles glücklich verkauft war, so kehrten die Bagarla, die Maultiere deshalb nicht ledig und leichten Rückens zurück. Man brauchte Melch, Steinsalz, das kam von weit, sehr weit her und kostete viel viel Geld; man brauchte auch Schmah, Kerzen, davon kostete ein Paket zwei ganze Billein; man brauchte Atsai, Tee, und Zucker und Seife und Riemen und Messer und Nadeln und Teegläser und Draht und Hufnägel, und Kurtas vor allem, Patronen, und Barud, Pulver, und Haubats, Kapseln; und vielleicht brachte Großvater Si Hamd el Maaluki sogar ein buntseidenes Kschar, ein Kopftuch mit, aber das war noch lange nicht gewiß, und dann mußte der Handel besonders reich gefruchtet haben, denn solch ein Stück kostet schier ein ganzes Dorf, und solch ein buntseidenes Kschar war lange schon ihr Wunsch, sie hatte darum in der Grabkirche ihres Heiligen gebetet und ein Pröbchen ihres alten Kopftuchs zum Opfer gebracht, und all die Schwestern und Freundinnen, wie würden sie es ihr neiden, und auch Ketten von wunderschönen farbigen Glasperlen gab es in den Marktzelten der Jahudis, und Armspangen aus Horn, Messing oder gar Silber … Und dem Genesenden flimmerten unterm lieblich plätschernden Schwatz die Lider zu, und Ainusch ward es gewahr und legte für sich selbst den Finger auf die Lippen und erhob sich behutsam und ging still auf jungen Sohlen hinaus.

* * *

Nichts geschah. Langsam versiegte die Wunde. Und die Stute des Nachbars 'med 'l Aid fohlte, und es war ein kleiner Hengst, und er war ganz dunkelbraun und nur ein wenig weißgestichelt; aber vielleicht würde er später rot werden. Und Großvater Hamd el Maaluki hatte vom Suk el Arba ein Kopftuch mitgebracht, aber es war bloß ein wollenes. Und er meinte und erklärte, Patronen seien teuer genug und dem Hause, dem Dorfe, dem Stamme, dem Volke wichtiger als seidene Kschuar. Und zur Atzung gab es heute Honig mit frischem Fladenbrot, und morgen wieder einmal Kusksu mit eingestreuten Sürprisen von Hühnerbrust, und übermorgen denselben getreuen Kusksu mit zwei oder drei Eiern und strenger Ziegenmilch, und nachübermorgen ein herzerfrischendes Kürbissauer mit dicken Bohnen, und immer etwelches Obst zum Nachtisch, brokatschwere Trauben, violettfleischige Feigen, saftrote Melonen, kleine schäumige Äpfel und Salzoliven, und so verging die Zeit.

Die Söhne des heiligen Sidi Uriach waren große Ärzte. Alkedim der Alte hatte ein Wunderpflaster zusammengeknetet, und Ainusch wußte um sein Geheimnis. Es bestand zum einen Drittel aus gereinigtem Wachs, zum anderen aus süßer frischer Butter, zum dritten aus geläutertem Zedernharz. Zunächst sah es bräunlich aus wie Karamel und roch recht angenehm nach Wald und Wiese und allgütiger Natur. Auch die Flecken von Linnen, darauf es verstrichen, konnten unter Umständen Vertrauen erwecken. Wenn Allah es will, schlummern Todeskeime selbst in ausgelaugter Watte und ausgedämpften Gazebinden! … Alkedim kam selbst, von Ainusch geheimnisvoll angekündigt. Er hatte den erwarteten seidenweißen Kurzbart, ein bronzenes Wüstengesicht und tiefe alte blaue Augen. Er sprach kein Wort, schlug Haik und Hemd vom abgezehrten Körper zurück und betrachtete aufmerksam die spärlich nachsickernde Wunde. Dann mußte der Kranke auf jedes der beiden Pflaster spucken, und nachdem er sie mit gelassener magerer Hand auf die Male gelegt, ging der schweigsame Arzt ohne Gruß hinaus.

* * *

Nichts geschah. Aber Pflaster und Speichel wirkten Mirakel, und Si Hamd el Maaluki kam und erzählte alte und neue Geschichten.

Die älteste war, daß er, der Genesende, Gefangener sei und sich lösen müsse. Die zweitälteste, daß der Stamm Gewehre, gute Gewehre, viele Gewehre brauche, und daß also in Gewehren von der Art der Chamasia 'l ain 'd dyrbyn, der Fünfschüssigen mit dem Fernglasauge sich noch am ehesten etwas machen ließe. Die dritte, schon etwas neuere, daß er, Si Hamd el Maaluki el Valiente in seiner Eigenschaft als Scheik und Fkih und Kaid demnächst eine große Dschama einberufen werde, um über diesen anregenden Gegenstand ausführlich zu beraten. Die vierte, daß er für den Gefangenen wirken und die voraussichtlich sehr hohe Forderung der Mehrzahl nach Kräften herabsetzen wolle, schon in Ansehung wertvoller Neuheit des Artikels und begriffener empfindlicher Einbußen, auch erfahrener guter Gesinnung des Kranken; doch möge ihm nun ein festes, verhandlungswürdiges Gebot gemacht werden: dreißig solcher Mausiehr mit Zielaugen und je zweihundert Patronen? … Die fünfte endlich, die spannendste: – aber das war nicht so einfach.

Da war also ein seefahrender Rmari von Geschäfts wegen in Tetuan gewesen und hatte dort von einem gewissen Jahudi in der Sanka der Gold- und Silberschmiede den Auftrag erhalten – doch das ging nicht so schnell.

Denn der Rmari mit seiner Flukka wartete zunächst Mondwechsel und Wind ab und segelte dann gemächlich nach seiner Heimat zurück.

Hier fand er, daß die Herrin seiner Hütte ihn inzwischen um einen zukünftigen Heldensohn bereichert, und nach manchem Tage erst entsann er sich der mitgeteilten Botschaft und gab sie weiter an einen seines Stamms, der mit seiner Flukka nach Addus aufbrach, um hier gegen gewisse heimische Tauschmittel neue Büchsen und zugehörigen Schießbedarf, Zucker, Tee, Kerzen, Seife und Nähnadeln einzutauschen.

Das alles brauchte und verbrauchte aber seine wohlgemessene Zeit; denn der Jahudi in Addus ist durchaus kein anderer als der in Titaiun; und was der Jahudi begehrt, gibt man nicht ohne Feilsch, und was er bietet, nimmt man nicht ohne Widerspruch; und außerdem will man doch seine Ware von allen Seiten besehen, und so hat man seine Sinne bei den eigenen Angelegenheiten, nicht bei fremden, die einen wenig bekümmern; und hätte der Rmari von Uad Uringa nicht ganz zufällig einen von der Bu Kuia auf gleichen Wegen getroffen, die Nachricht aus der Sanka der Goldschmiede zu Tetuan wäre vielleicht spurlos im Sande von Addus versickert.

Die Bu Kuii aber wohnen und herrschen doch quer über den Uad Chis und Uad Nukhor und all die Höhen bis nach Taffah hinauf; sie sind Nachbarn der Beni Uriachel, und da von diesen und ihrem kostbaren Gefangenen und dessen noch kostbarerer selbstzielender Fünfschüssigen durch glückliches Ungefähr die Rede, fiel dem wackeren Rmari der überlieferte Auftrag ein, und er entledigte sich der Last.

Der aus der Bu Kuia nahm sie an sich, in sein Herz und sein Gedächtnis und ritt damit auf seinem Barral in die Heimatberge hinauf; und weil die neue unfehlbare Chamasia, von der ihm schon auf den Märkten erzählt worden, seine eigenen Wünsche lebhaft beschäftigte, vergaß er der Mitteilung nicht und lieferte sie ziemlich pünktlich ab an einen Stammesvetter aus der großen Familie Ulad bu Raman, der auch mit kleinem Überschuß an Weizen, Hafer, Hirse und sonstiger Frucht den großen Suk el Arba, den Montagsmarkt drunten besuchen wollte.

Hier endlich fand der Bu Kui aus der Familie Ulad bu Raman und fand die vielgereiste Botschaft den richtigen, zuständigen Mann, fand sie Si Hamd el Maaluki el Valiente von der Dschara bu Kaimun, und mit ihm und einer Traglast Salzstein und Tee und Zucker und Kerzen und Seife wanderte sie hinauf nach dem Dorfe in goldgrünstillen Bergobstwiesen und trat ein in das dämmerige Krankengemach und ließ sich nieder auf zerschlissner Palmmatte und steckte sich den Kif des Pfeifchens in nachdenklichen Brand, und sah nun so aus:

Joan da Flores, der Jahudi in der Sanka der Gold- und Silberschmiede zu Titaiun, habe von Efrem Efrus, dem Jahudi jetzt unbekannten Aufenthaltes, der ihm Haus, Geschäft und Forderungen verkauft und das Land vor geraumer Zeit schon verlassen, die Güter eines gewissen fremden Efendi zur Aufbewahrung erhalten, selbe auch in Hut genommen: und sei bereit, solche gegen entsprechendes Entgelt, das seien dreißig Duro franßis oder sechsundfünfzig Rialen Hassani, an beglaubigten Überbringer solcher Summe jederzeit auszuliefern – oder gegen bestimmte Vergütung, das wären vierzig Duro franßis zum halben, achtzig zum ganzen Jahr und bei Verzug hundert vom Hundert Jahres- oder achteindrittel vom Hundert Monatszins nebst anlaufendem Zinseszins und Verfall nach drei Halbjahren, weiter zu verwahren.

Das also war die fünfte, stärkste, spannendste und am letzten erwartete Neuigkeit.

»Du mußt dennoch sehr reich sein,« schloß Si Hamd el Maaluki seinen gewissenhaften Bericht; »der Jahudi hat die Gewohnheit, das Dreifache des Erhofften und das Vierzigfache des Gerechten zu fordern. Wer aber so viel fordert wie dieser, der muß wissen, von wem und warum.«

Der Wunde verschränkte behutsam, unter leisem Schmerzaufzucken des Mundes, die Arme im müden Nacken.

»Weder bin ich reich, o Si Hamd el Maaluki, noch weiß dieser Jahudi, warum und von wem er seinen Wucher fordert. Ich – ich habe nichts als das nackte Leben. Das nackte Leben: das ist mein ganzer Reichtum.«

»So sagst du vielleicht, um beim Loskauf billig davonzukommen.«

»Loskauf? … Ich denke gar nicht an diesen, o Si Hamd el Maaluki, Allah stärke deine Seele! … Loskauf! Womit?«

»Was sind das dann für Güter, von denen dieser Jahudi spricht?«

»Es liegen dabei vielleicht Dinge, die dein und deiner Brüder Wohlgefallen erregen mögen, o Kaid. Aber wie soll ich diese selbst aus ihrer Gefangenschaft lösen? Ich habe nichts, als was ihr bei mir fandet. Nehmt meine silberne Tabakbüchse, die euer Auge erquickt! Sie ist zwölf Duro franßis wert. Oder nehmt meine Büchse! Mit ihrem Auge kostet sie hundertfünfzig Duro franßis und mehr.«

»'llah! So viel?«

»Das mindeste!«

»Wir hörten immer: dreihundert Rus rial Hassani, das sind achtzig Duro franßis.«

»Du rechnest gut und schnell, o Kaid; aber es stimmt nicht.«

»Dann könnten wir solche Gewehre niemals kaufen.«

»Schafft mir meine Sachen vom Jahudi! Fünfzehn, sechzehn, achtzehn solcher Chamasias könnt ihr dafür haben.«

»Ist das wahr?«

»Es ist wahr. Und fünfzehn sind mehr als eine.«

Si Hamd el Maaluki sah nachdenksam in seinen Bart hinab.

»Darüber muß ich erst mit mir und der Dschama beraten. – Es sind also fünfzehn solcher Mausiehr, genau solcher, in deinen Säcken und Kisten?«

»Nicht diese, aber das Geld, sie zu kaufen.«

»Vielleicht noch viel mehr?«

»Wer zu viel erwartet, dem wird zu wenig gegeben, o Si Hamd el Maaluki! – Ich weiß es nicht. Schafft mir meinen Kram, und seht selbst.«

Der Alte überlegte.

»Ich will dir sagen: du bist unser erster Gefangener nicht. Früher machten wir Sklaven; jetzt sind uns Gewehre lieber. Sie sind die besten Sklaven, essen wenig und arbeiten viel. – Kannst du nicht einen Brief schreiben, dessen Überbringer man den Betrag auszahlt?«

»Einen Brief? An wen?«

»An deinen Raisul, deinen Gesandten, den Boten deiner Heimat.«

»Meine Heimat hat in Titaiun keinen Raisul.«

»Aber in Tandscha vielleicht.«

»Auch in Tandscha nicht; denn ich habe keine Heimat o Kaid. Es wohnt dort ein Raisul von Austrija; aber wird er für mich ohne weiters viertausend Duro franßis auszahlen?«

»Wieviel nun besitzest du, das du geben kannst?«

»Schafft mir meine Habe und seht selbst! … Es mögen viertausend Duros franßis sein, vielleicht etwas weniger, vielleicht etwas mehr.«

»Ist das alles?«

»Es ist alles, so wahr ich hier liege und die Väter des Sprunges sich an mir erheitern. Und wenn ich euch das gegeben, besitze ich nicht mehr als das nackte Leben.«

Si Hamd el Maaluki stopfte sich eine zweite Sibsi voll Kif.

»Wenn du dann nichts mehr besitzest, wirklich gar nichts: wovon dann kaufst du dir eine Frau?«

»Keiner Blume Duft wird meine Seele laben und freudlos werde ich durch die Wüste des Lebens wandern, o Si Hamd el Maaluki. Keine Freundin wird mit dem Blasebalg fachen die Herdglut meiner Hütte, indem ich solche auch nicht besitze, und meine Nächte werden einsam sein wie die des Löwen, dessen Zähne stumpf und dessen Mähne schäbig geworden. Eine alte zerlumpte Dschelabba werde ich anlegen und Brust und Stirne schlagen mit Nesseln, daß sie Blasen ziehen, und mich also setzen an das Bab Aukla oder Bab Rmus oder Bab Tsuts zu Titaiun in die heiße Sonne zu den Hunden und Geiern, und wenn du dann an mir vorübergehst und hörst das Spiel meiner Gimbri und siehest meine Hand, o Scheik und Fkih und Kaid, so vergiß nicht den Namen des Allbarmherzigen und lege einen kleinen Tautropfen des Mitleids, lege den kleinen Billun der Herablassung in den zerbrochenen Teller, der da als mein einziger und letzter Freund neben mir wohnt im Staube!«

Si Hamd el Maaluki aber lächelte nur flüchtig, fast feindselig.

»Du scherzest; und das kann nur tun, den etwas ganz anderes erwartet, das Gegenteil. Du bist sehr reich.«

»Und du sprichst die Wahrheit, o Si Hamd el Maaluki. Ich bin sehr reich. Reich an Mut, Einsicht und Erinnerungen. Ich nehme es mit allem auf; auch mit den Hunden, den Geiern und der weißen Mittagssonne am Bab Aukla. Auch mit der Armut; auch mit den Vätern des Sprunges, in deren Duldung ich mich hier ernsthaft übe. Denn siehe, o Si Hamd el Maaluki: ich habe in diesem vergänglichen Vorgarten der Ewigkeiten so ziemlich alle Wege beschritten, alle Höhen erstiegen, von allen Früchten gekostet. Darum hätte auch die allerletzte, die bitterste, die des Todes für mich kein Gift mehr; und die Armut hat für mich längst eingebüßt die Macht ihrer Schrecken, seit ich die Krankheit des Reichtums geschaut an allen seinen Gestalten. Denn wo es Allah gefällt, stürzt er den Reichen über Nacht von seidenen Kissen und goldenem Bett in den Staub herab und wo es ihm gefällt, so erhebt er den Bettler vom Bab Aukla mit einem Griff aus dem Unkraut der Abfallhaufen zu den Thronen dieser Zeit. Jener kann nur verlieren: dieser nichts als gewinnen. Und sieh, o Kaid! Wie sollte ich da nicht scherzen und guten Mutes sein? Ich gebe euch alles hin, was ich besitze, für mein nacktes Leben; ich werde es nicht vermissen, denn ich habe verkostet und genossen, und dann ist es eine alte Geschichte, daß der Pantoffel verschleißt, sobald er erst bequem geworden. Nehmt also ihr meine letzten Sorgen und mich lasset frei sein und rein für Allahs unerforschlichen Ratschluß. Wer da besitzet, hat stets noch ein Ende zu erwarten und zu befürchten, das Ende seiner Dinge; wer aber nichts mehr besitzet, nichts mehr als seine Haut und seinen Mut, der steht vor einem neuen Anfang und kann Sultan werden mit jeder Stunde. Wer hat also das bessere Teil, o Si Hamd el Maaluki? Und darf ich da fröhlich und freigebig sein oder nicht?«

El Maaluki hatte seine Sibsi achtlos zu Ende geraucht; nun stand er auf, wie von Unruhe getrieben.

»Aus dir, Nsrani, werde einer klug! … Manchmal ist mir, als verstünde ich dich, dann verstehe ich dich wieder nicht! Und doch weiß ich, daß du heimlich spottest!«

»Du sagst die Wahrheit, o Scheik und Kaid: meiner selbst.«

»Wer begreift solche Reden! … Wenn du dich loskaufen willst mit allem, was du besitzest, so hast du keine Sorgen?«

»Doch, o Kaid! Um euch, die ihr dann die Besitzenden seid.«

»Du kommst mir vor wie einer, auf den man mit Kugeln schießt, und er fängt sie auf mit der Hand und wirft sie zurück.«

»Du bist weise und sprichst abermals die Wahrheit, o Kaid: die Armut ist unverwundbar.«

»Aber da du doch söhnelos bist, wie kannst du so leichten Herzens alles hingeben?«

»Denk nach, o Kaid! … Da es euch gefällt, mir alles zu nehmen: was bliebe jenem?«

»Der Name und die Pflicht der Rache.«

»Name ist Zufall, o Kaid; doch das verstehst du nicht, und Pflicht der Rache ist Einbildung, und das verstehst du erst recht nicht.«

»Ihr Nsrani seid in Wahrheit sehr unglückliche Menschen. Wenn dir dein Geld bliebe, du würdest dir keine Frau kaufen, daß sie dir einen Sohn gebiert?«

»Ich würde wahrscheinlich davon absehen, o Kaid.«

»'llah! … So verdienst du es gar nicht anders. Ein Mann ohne Sohn ist ein Baum ohne Frucht und eine Pfeife ohne Kif.«

»Du betrübst und erschreckst meine Seele, o Kaid, durch solche Gleichnisse. So werde ich hingehn und mich von einer Frau kaufen lassen.«

»'llah! Das gibt es bei euch?«

»In jeder Straße und in jedem Haus.«

»Was geben sie?«

»Je nach Schönheit und Rang des begehrten Gebieters. Je nach eigenem Reichtum. Bis zu tausendmal tausend Duro franßis und mehr.«

»'llah 'l 'llah! … Das ist nicht möglich! So viel Geld hat ja ein Mensch allein gar nicht.«

»Doch, o Kaid. Ich kannte eine, die bot für mich fünftausend mal tausend Duro franßis.«

»Soviel – 'llah! Es ist ja nicht wahr!«

»So wahr, als ich den Vater des Sprunges eben an deinem Halse laufen sehe, o Kaid.«

Si Hamd el Maaluki griff mit benetztem Finger sehr geschickt zu und knickte den angeklebten Vater des Sprunges zwischen braunen Nägeln; in seinem blauen Auge glomm ein seltsames Flackerlicht.

»Und du ließest dich nicht kaufen? Warum?«

»Erstens, weil die Mutter dieser fünf Millionen Duro franßis sehr häßlich und übelriechend war, o Kaid; zweitens weil ich nicht käuflich bin.«

»Ihr Nusara seid ein sonderbares Volk! … So klug, daß in euerem Lande die Weiber sich den Mann kaufen müssen; so töricht, daß ihr einen Preis wie für ganz Titaiun mit allen seinen Jahudis nicht nehmt; und in eurem Reichtum so unersättlich, daß ihr trotzdem in arme fremde Länder euch einschleicht und da nach Schätzen späht und wühlt. – Es ist dein Schaden, hättest du dich kaufen lassen von jener Frau, du lägest heut nicht hier auf dieser Matte als mein Gefangener.«

»Erkenne darin Allahs Weisheit und Güte, o Kaid.« Der Kranke lächelte schläfrig und schloß die Augen. »So kommt ihr zu viertausend Duro franßis und etlichen anderen schönen Dingen; so kam ich zu einer Kugel, zu dem Vergnügen, dir für dein Wohlwollen danken zu dürfen, zu einem neuen reinen Anfang – und zum nackten Leben. Zu einem stattlichen Sohn: mir selbst.« – –

Kein Zweifel, der Fremde war von Geistern besessen, die irr aus ihm redeten. Si Hamd et Maaluki wiegte betroffen und zweifelnd den grauen Kopf, versenkte die erkaltete Sibsi im Busen seiner Dschelabba, erhob sich und ging schonungsvoll hinaus.

* * *

Nichts Großes geschah. Aber die Dschama hatte getagt, viel Kif war in Duftgewölk aufgegangen, und drei ehrenwerte Beni Uriachel brachen mit scharfgeladenen Mausiehr, je hundert Patronen, einem Handschreiben in spanischer und arabischer Schrift und Sprache und einem strammen Säckel voll Münze auf nach Titaiun, nach der Sanka der Goldschmiede, zu Joan da Flores dem Jahudi.

Die drei ehrenfesten, scharfgeladenen Beni Uriachel waren mit Allah gegangen, nach Aschdir und der Mündung des Uad Chis hinunter, wo eine Flukka des weitbeherrschenden Stammes sie aufnahm; die Sehnsucht des Genesenden begleitete sie auf ihren Wegen zu Tal und in die Weite der Zukunft.

Seine Kräfte nahmen zu; er hatte keine Ruhe mehr. Die Väter des Sprunges mehrten sich unheimlich im Filz der Decken, darunter er lag und darauf sein Haupt ruhete. Sie gingen massenhaft Ehen ein und bekamen viele fröhliche Kinder. In der glücklichen Schwäche dämmernder Frühjugend seines neuen Lebens hatte er ihrer nicht geachtet; vielleicht auch hatten sie ihn gemieden wie eine verseuchte Landschaft oder ein sinkendes Schiff. Nun aber der Wundfieberbrand gelöscht und aus der Asche die Flur frisch sich begrünte, eilten sie von allen Seiten herzu und ließen vertrauensvoll sich nieder. Und mit ihnen kamen noch andere Gäste des Frühlings, inwendig zwitschernde Stare und eilende Wolkenschwärme von Gedankenvögeln und das Kleinvolk der unrastig hüpfenden neckischen Wünsche.

Damit fing es an, daß Ainusch eines Tages die Hände auf die Schenkel schlug und ihn aus blauen Sommeraugen anlachte:

»Nun hast du bald einen Bart wie Si Hamd el Maaluki, der Großvater! … Und als du uns gebracht wurdest, da hattest du gar keinen!«

Bart? … Das klang beunruhigend. Daran hatte er wahrhaftig nicht gedacht. Darauf hatte er in seiner sorglosen Dankbarkeit gänzlich vergessen. Er führte die Hand über Wange und Kinn. Das mußte furchtbar sein.

»Vernimm mein Wort und meinen letzten Wunsch, du Friedenstaube des Allerbarmenden! Besitzet ihr Mütter der Holdseligkeit jenes Glas, das eure Jugend erfreut, einen Spiegel?«

Ainusch verstand. »O ja, wir haben einen Spiegel. Großvater hat ihn vor zwei Jahren aus dem Suk el Arba gekauft, für acht Billein. Er ist ein wenig krank, aber dennoch kannst du deinen Bart darin sehen. Du bist nun noch viel schöner als früher. Jetzt siehst du bald aus wie ein Ben Uriachel.«

Sie sprang und holte hellachend das Putzgerät. Wie ein Ben Uriachel! … Immer wieder betastete er scheu die schwüle Stachelwildnis auf Kinn, Wangen und Lippen … Auri sacra fames, quid non cogis mortalia pectora! … Dämonische Gier nach Gold, was vermagst du nicht alles über die Menschenbrust! … Soweit war es im Kaukasus, im Sudan, am Uralsee nicht einmal gekommen.

Was Ainusch brachte, bestand aus etwas Blech und einigen darin noch haftenden Scherben: das allergewöhnlichste Fünfkreuzergemächt der europäischen Jahrmarktsbuden, der Groschenspiegel, wie er der lieblich errötenden Käuferin von Mandelseife und Korallenbrosche zwecks genauerer Würdigung ihrer Schönheit zugewogen wird … »Und dafür gab Si Hamd el Maaluki, dein Großvater, den meine Seele liebt, wieviel Billein? Drei, sagtest du?« … Sie klatschte auf ihre lachenden Mädchenschenkel. »Drei? … Acht! Aber es ist auch ein schöner Spiegel, nicht wahr? Früher war er noch viel schöner, aber da kam Kaddusch, der mußten wir ihn leihen, als sie aus der Vormundschaft gelöst wurde und Hochzeit machte. Da wollten andre ihn auch haben und sie schlugen sich darum, und nun ist er nicht mehr so schön wie vorher. Aber doch ist er noch der größte und beste im ganzen Duar, und wir müssen ihn oft hergeben.«

Nein, man brauchte nicht zu verzweifeln. Und wenn sie ihm alles wegnahmen bis auf die letzte Pikeekrawatte: er setzte sich einfach nach Aschdir oder Addus und handelte mit Spiegeln. Geschäfte in Spiegeln und Taschenfeiteln bargen vielleicht mehr Gold als der ganze – Djebel Hamam … Djebel Hamam? Wo hatte er diesen Namen schon einmal vernommen? Das tauchte stumm herauf aus dunklen Tiefen der Vergangenheit. Lebte das in wirklicher Erinnerung oder war es nur ein Traum? … Nein, irgendwie wirklich mußte das einmal gewesen sein, denn da stand myriadenborstig das Volk der Zeugen, der Bart. Auf den Hängen des Djebel Hamam, des schimmernden Sagenberges in Fernen der Fata Morgana war dieser Wald gewachsen. Und das schwache Oberlicht vom Türloche her genügte nicht zu wissenschaftlich genauer Aufnahme des Bestandes.

»Ainusch, du Schmetterling meines Frühlings, du Nachtigall in den blühenden Dornenhecken meiner Seele, sprich zu mir ein Wort der Erkenntnis und des Trostes und sage mir an: Sind wir allein im Hause?«

Ainusch nickte verwundert. »Ganz allein. Die andren alle sind an der Arbeit, werfen noch einmal das Korn auf den Tennen im Wind und dreschen und pflügen und säen.«

»Deine Botschaft erquickt mein Herz wie Tau der Frühe den schmachtenden Garten; möge geraten, was sie säen und allen gedeihen, was sie geerntet. Du aber, du Tochter der Unsterblichkeit, du vernimm meine Bitte: gehe hin und entzünde das Licht der Gnade in jener Laterne mit Hülfe des Allerbarmers. Si Hamd el Maaluki wird es nicht sehen und daher nicht zürnen; es ist von Allah gewollt und vorgezeichnet im Buche der Ewigkeit, daß jene Kerze jetzt brenne: denn meine Augen werden dunkel.«

Ainusch gehorchte. Ihrem Pflegling zu Gefallen hätte sie Haus und Hof angesteckt. Aber er führte bisweilen solch seltsame Reden im lächelnden Munde.

Nun hielt sie ihm die Leuchte und sah in selbstvergessner Spannung gedeihlich lauchrülpsend zu, wie er aus den Scherbenzacken sein Ebenbild zusammensuchte.

Insch' Allah, wie es Gott gefällt! … Dies aber konnte keinem Gotte gefallen. Ein hohles fremdes Gesicht, eingesunkne Augen, die wie gefangene Tiere hinter dem Gitter der Wimpern funkelten, und als Oase in all dieser Verödung ein gänzlich unbekannter Bart, bei dem sich nächstens in Ehr und Treuen schwören ließ! … Auri sacra fames, quid non cogis mortalia pectora? … soweit konnte das verruchte Gold das Ebenbild Gottes vertieren? … Es war furchtbar. Dieser Spiegel mit seinen Scherbenklingen durchbohrte siebenschmerzlich sein Herz. Und von seiner Fahrnis, fand sie jemals den Weg in diese Berge, würde er fünferlei bestimmt aus der Lösungsware vorbehalten: die Schermesser, die letzte europäische Seife, den Rasierspiegel, den blonden Dachspinsel und das kleine Schaumbecken … Einmal noch sich so recht flaumglatt schaben, einmal noch sich von oben bis unten unter sämigen Lavendelgischt setzen, ach! und sprudeln, striegeln und spülen, und dann meinetwegen die frischgesäuberte Kehle quer durchschneiden und sterben! … Er seufzte auf und nahm Abschied von seinem erschreckenden Ebenbild. Nein, mit der Gimbri und dem zerbrochenen Bettlerteller am Bab Aukla war es vorläufig noch nichts. Den letzten Gipfel der Dankbarkeit hatte er noch nicht erklommen.

»Ist er nicht schön, unser Spiegel?« fragte Ainusch arglos; »ich glaube, er ist der schönste unter den Beni Uriachel und vielleicht der schönste im ganzen Land.«

»Schön ist er wie die Träne des Himmels im Kelch der liebenden Blume,« gab er ganz gedankenlos zu; »möge er lange noch deine Jugend erfreuen.«

Sie rülpste hingebungsvoll und zärtlich.

»Und siehst du nicht aus wie ein Ben Uriachel mit deinem Bart?«

»Groß ist deine Güte, du Tochter der Verheißung, noch größer aber ist die Schönheit der Beni Uriachel, und ich verzweifle daran sie jemals zu erreichen.«

»O doch. Du bleibst bei uns, für immer, und wirst ein Ben Uriachel.«

»Allah belohne dich mit sieben starken Söhnen! Aber wie weit ist das Wasser von euren Hütten entfernt?«

»Ein Bach fließt drunten im Tal, und wir hier droben haben mehrere gute Brunnen, die niemals versiegen. Warum fragst du?«

»Weil des Menschen Trachten Eitelkeit und Neugier ist von Anbeginn bis ans Ende seiner Tage. Das aber verstehst du nicht, du Quell der Lieblichkeit. Sprich mir von den zwanzig weißen Ziegen des Nachbars Akstaffin und von eurem Korn, das da blond im Winde schimmert; plätschre mich in Schlaf, du Bach des Friedens, daß meine Augen vergessen, was sie geschaut.«

Er streckte sich und schloß die Lider. Als er sie einmal zwinkernd öffnete, sah er Ainusch, wie sie noch immer neben seinem Lager auf den Fersen kauerte und ihrer eigenen Spiegelung sich ernsthaft und angespannt hingab. Sie wies sich die Zähne, netzte mit dem Finger ihre Brauen, stubste und rümpfte die Nase, schnitt Gesichter, blies die Backen auf und zeigte die Zunge. Zwischendurch stieß sie gegen ihr Bild herzhaft und zwiebelig auf und mitunter griff sie und kniff sie ganz unmißverständliche Verteidigungsfalten ins Hemde.

Das alles war sehr tröstlich und anheimelig. Nicht unter Göttern weilte man, sondern bei Menschen. Wenn sie sich nur ein klein wenig mutiger waschen wollte, das gute Kind; zuweilen duftete es etwas überwürzig von ihr her. Vielleicht sagte ers bei Gelegenheit; vielleicht auch nicht. Friede denen auf Erden, die noch reinen Willens sind. Menschen mit Spiegeln und Flöhen sind ja ohnehin schon fühlende Mitmenschen. Man ist nicht so ganz allein mit seinen Schwächen und Schmerzen.

Er schlief ein und stürzte durch Traumtiefen in einen paradiesisch wilden Garten hinab. Eigentlich sollte er ja alle Rippen und Wirbel gebrochen haben. Doch er fand sich nur nackt, und nach kurzem Enttäuben und Besinnen kostete er von den Früchten der Bäume. Sie waren nicht so saftgroß und tafelmäßig ansehnlich wie das Spalierobst zahmer Anlagen; aber sie schmeckten belebend aromatisch, und ihre herbe Frische stillte den Gaumen besser als das schale Zuckerwasser verzüchteter Birnen.

Waren sie das, die Äpfel der Hesperiden?

* * *

Er hatte sich an die Türschwelle geschleppt. Die Welt drehte sich ja ein wenig, aber es ging. Einmal mußte der Anfang gemacht werden.

Nun erst sah er sein Gefängnis.

Die Welt da draußen war noch kein eigentliches Draußen, sondern nur ein leidlich viereckiger Lichthof, ein Raum unter einem Loche der Bedachung. Aus der Türe sprang ein kleines rohgemauertes Geviert vor, die Mastaba; er erkannte sie wieder. Rohe Rundpfosten stützten das hereinragende Schilfdach und bildeten eine Art umlaufender Galerie. Eine Verkleinerung und Verbauerung des allorientalischen Han, nichts weiter: das Warenhaus der Städte, die Herberge der Nester zur Hütte geschrumpft und verwildert. Drüben in dämmernder Ecke erhob sich etwas wie eine gute alte Handmühle. Jenseits gähnte ein Türloch in einen schwarzen, unerforschlichen Raum. Der Genesende kauerte sich verängstigt auf die Schwelle; wieviel Väter des Sprunges mochten dort drüben wohnen und warten? … Allerlei Gerät lehnte und hing an den rauhgetünchten Lehmwänden; neben der Handmühle lag Frucht hochangeschüttet unterm Überdach. Es war heiß und still und roch nach Stall, Hühnermist, Spülicht, ungelüfteten Kleidern und einer chemischen Verbindung von ranzigem Hammeltalg mit Asche. Draußen irgendwo in goldgrüner Spätsommersonne krähte ein Hahn; eine Glucke mit eigelbem Kleinvolk kam durch niedrigen Türweg würdevoll hereingeschritten und stattete dem Gefangenen ihren Besuch ab. Dankbar versunken im Gewölk einer herben Zigarette sah er den dotterblonden Flaumwinzlingen zu, wie sie auch schon um ihr täglich Korn und bißchen Leben sich mühten und aufregten und doch beim geringsten Schrecklaut unter den gravitätischen Füßen der Alten zusammenschossen. Ist ein merkwürdig Ding um das armselige vulkanische Eintagsinselchen Dasein im Ozean der Ewigkeit. Das wird, gerinnt, begrünt sich, strengt sich furchtbar an, speit Feuer und Rauch gen Himmel und versinkt ziemlich wirkungslos im Abgrund. Man sollte vielleicht lieber nicht drüber nachdenken. Aufwachen, frühstücken, baden, sich ankleiden, seinen Spaziergang machen, zu Mittag speisen, ein paar Kapitel lesen, Kaffee trinken, von angenehmer Höhe dem Sonnenuntergang zuschauen, zu Abend essen, und schlafen gehen, wenn der Sandmann gekommen.

Ein nacktlicher Gickerich trat auf und übte mit geschlossenen Augen seinen jungen lyrischen Tenor. In einem halben Jahre, mein Lieber, bist du vielleicht schon vielfacher Ehemann und massenhafter Papa, in zwei Jahren bist du ein ausgereifter Ehrenmann von Sporen und Würden, in drei Jahren bist du ein unverträglicher alter General a. D., den man um früherer Verdienste willen gerade noch duldet, und in vier Jahren spätestens kommst du unters Messer und in den Topf und gehst ein in den allgegenwärtigen Stoffwechsel und wirst vergessen. Aber das weißt du noch nicht, sonst würdest du dich jetzt nicht so blähen und dir nicht so wichtig vorkommen mit deinen künstlerischen Vorbereitungen zur sogenannten Liebe.

Die Tiere wenigstens waren überall dieselben, unter ihnen war man überall daheim. Und eigentlich auch unter den Menschen; unter denen zumal, die, dem Tiere am nächsten, Lebens Wirklichkeit und Not, das nackte Leben am wenigsten verleugnen. –

Si Hamd el Maaluki kam mit seiner Sippe, einem ganz alten und ganz schmutzigen, einem ziemlich alten und ziemlich schmutzigen Weibe, zwei halbwüchsigen und halbschmutzigen Bengeln, einem viertelwüchsigen und dreiviertelschmutzigen Göhr unerfindlichen Geschlechtes, und Ainusch.

»Du bist ganz erwacht? Das ist gut. Wenn du erst bei Kräften bist, sollst du uns den Gebrauch deiner Chamasia zeigen. Dies hier ist die Gebieterin meiner Hütte, und das ist Fetum, Witwe meines Sohnes, den die Spanier erschossen haben, als er die Heimat gegen die und Bu Hamara, den Verräter – Allah schände sein Angedenken – verteidigte. Aber sie beide sprechen nicht arabisch. Darum habe ich dir Ainusch zur Pflege gegeben. Spricht sie es nicht gut? Sie hat es von mir und Alkedim lernen müssen, denn von einem Mauren verlange ich natürlich viel höheres Brautgeld als von einem Rifi, und wir brauchen viele gute Gewehre. – Heute bauen wir unsere Matamir. Wärst du schon gesund, könntest du uns helfen. Es gibt viel Arbeit im Dorfe und oft zu wenig Hände.«

Und er, der sich das luftige, springquellträumige Sommernachtshaus unter den Zypressen des Bosporus erdichtet, der in so manchen Palästen gewohnt und auf so manchem märchenbunten Teppich seinen Kef gepflogen, er mußte jetzt zusehen und lernen, wie man in den Räuberbergen des armen Rif das warmwindgetrocknete Dreschgut in seine gemauerten Säcke eintürmt.

Warum nicht? Das nackte Leben, das Sorgen und Bergen und innerste Meinen des Menschen bleibt dasselbe überall.

Und was nun folgte, war wichtiger als die Entstehung eines deutschen Romans oder die neue Schreckensoper, darum die Weiber und Kritiker Krämpfe kriegen und die ganz Schlauen eine neue eindringliche Mode spinnen.

Stoff und Inhalt dieses uralten Romans bestand zunächst in mehreren stäubigen Sackwuchten, die Si Hamd el Maaluki mit seinem Harem höchstselbst zum dämmrigen Türgang hereinschleppte. Aber das war vorerst noch die zweite, dritte oder vierte Niederschrift, der entscheidende Ent- und Hinwurf; die Form des Liedes vom ewigtäglichen Brot sollte nun festgelegt und nach altbewährten Gesetzen aufgebaut werden.

Die beiden halbschmutzigen Jungen gingen und brachten zwischen sich eine Mulde voll Lehm; das Ewigweibliche war gegangen und brachte eine zweite Mulde voll Kleinkies. Inzwischen hatte Großvater Si Hamd el Maaluki auf dem erhöhten Gang unterm Überdach vier hochkeglige Drahtkörbe aufgestellt, und die Alte fegte den rohen Unterbau mit einem Reisigbesen sorgfältig rein. Drüben in der schwarzen Höhle aber erflackerte indes goldrot ein Feuer, trauter Duft von Hammeltalg durchzog Heim und Haus, und Ainusch' schlanke Mädchengestalt bewegte sich geheimnisvoll vor dem Flammenschein. Zweierlei Werk begann.

Lehm und Kies wurden zu gewissen Teilen fleißig durcheinandergeknetet; es erinnerte irgendwie an ein altes Kupfer vom babylonischen Turmbau. Aus Stein und Lehm bestand schließlich auch dieser, und hätte König Nimrod weiland aus seinem hoffärtigen Weltwunder ein vernünftiges Kornmagazin gemacht, die Völker hätten am Ende nicht gestreikt und die Arbeit niedergelegt und wären nicht auseinandergelaufen, und die Ruafa redeten heute noch das schönste hochdeutsch und die Deutschen das fließendste Temahak oder Schilcha. Kunst geht nach Brot, Wärme und Regendach, und Si Hamd el Maaluki el Valiente hatte für die gütigen Elemente verständigere Verwendung als der unselige Großkitschkönig in Mesopotamien, dieser Urahnherr der Siegesallee.

Die Mischung war bereit, und es ging rüstig ans eigentliche Schaffen. Unähnlich anderen rechtgläubigen Eheherren legte Si Hamd el Maaluki selbst Hand an, mit Kelle, Fingern und Streichspatel, wunderbarlich war es zu schauen, wie auf dem Gerüst des Drahtkorbes sich der Dom dieses Kleinspeichers erhob; es gibt doch nichts Schöneres, als anderen Menschen bei ihrer Arbeit zuzusehen. Zwischendurch fahndete und schabte Si Hamd el Maaluki wohl auch in den unzugänglichen Faltengründen seiner Dschelabba – hoffend vielleicht, daß in glücklichem Ungefähr der Vater des Sprunges dem Lehm anhaften werde – und einmal erfrischte er sich zum Werke durch kurz unterbrechendes Gespräch:

»Ihr Franken seid so kluge Leute und wißt alles am besten. Aber warum tragt ihr so enge Kleider? Ihr könnt euch doch gar nicht bequem kratzen, wenn es notwendig wird!«

»Wir trachten diese Notwendigkeit zu vermeiden, o Kaid. Wir sind vom Allerbarmer vernachlässigt und ärmer als ihr um das, was euch immer beißt.«

»Das kann nicht wahr sein. Zweie sind allgegenwärtig: der Allgerechte und der Vater des Sprunges.«

»Groß ist die Schärfe deines Gedankens, o Si Hamd el Maaluki; allein ich spreche die Wahrheit. Der Vater des Sprunges findet nicht jederzeit Geschmack an unserem bitteren Blut.«

»Das kann nicht wahr sein. Das gibt es gar nicht. Und das wäre auch nicht gesund. So wäret ihr ärmer auch um zwei Freuden: die des Kratzens und die einer gelungenen Blutrache.«

»Du sagst es, o Kaid. Allah gab uns einen langen Winter und häufigen Mangel an den Freuden, die du mit Recht schätzest. Du aber künde, o Si Hamd el Maaluki: wozu dienen die Türlöcher, die du am Fuße deiner Türme offen gelassen? Den Mäusen oder der Lüftung?«

»Du kennst unsere Matamir nicht, Ainusch hat es mir schon erzählt und wir alle waren sehr verwundert. Du wirst es sehen, und wenn du dich gelöst hast und kehrst in deine Heimat zurück zu den Frauen, die sich Männer kaufen, so kannst du sie es lehren.«

Dieser Si Hamd el Maaluki, wie er jetzt emsig fortkleisterte, war ein prächtiger Mensch und Feind, und hätte er einmal dieses verdammte Geschäft aus dem Spaße gelassen, man hätte mit ihm verkehren mögen wie mit einem gescheiten Nachbar Oberbürgermeister. Auri sacra fames, vermaledeite Sucht nach Gold und Geld, alles verhunzt du, Männer und Völker und Ehen und Künste und Götter und die Natur!

Die vier seltsamen Turmkuppeln waren vollendet; Si Hamd el Maaluki wusch die Hände in einem Zuber, nahm auf der Mastaba Platz und lud seinen Gefangenen mit gastlicher Gebärde zur Teilnahme am aufgetragenen Mahle ein. Es gab nur den bewährten Kusksu in Ziegenmilch und für den Genesenden zwei gesottene Eier; aber Ainusch wünschte leise »bsacher« und kauerte sich erwartungsvoll neben die volle Tonschüssel: ob denn das möglich sei, daß sie ihren Nestling fürder nicht mehr atzen solle?

»Nun siehe,« sagte Si Hamd el Maaluki – »wärst du bei Arabern gefangen, sie würfen dir einen abgenagten Hammelknochen zu, und deine Schultern wären wund von der schweren Schleppgabel um deinen Hals, und du müßtest längst arbeiten wie ein Sklave. Und hier wirst du gepflegt wie ein Gast, und das ganze Dorf denkt an dich, und meine eigene Enkeltochter sitzt dir zu Füßen. Wie geht das zu?«

»Sollte es mir je vergönnt sein, die Heimat wiederzuschauen, so werde ich das Lob der Ruafa verkünden von Aufgang bis Niedergang, o Si Hamd el Maaluki. Und ich wüßte selbst nicht, daß ich Gefangener, wenn du nicht die Güte hättest, mich zuweilen daran zu erinnern, o Kaid.«

Der Alte lächelte.

»Das ist notwendig, wir erwarten hohes Lösegeld von dir und viele Vorteile.« Er stieß aus tiefster Seele auf und begann seine Sibsi zu stopfen, »von euch Franken weiß ich und ist es bekannt, daß ihr alles tut um des Geschäftes willen und nicht leicht etwas umsonst. Das haben wir von euch gelernt. Wir Ruafa müssen uns Heimat und Freiheit mit Blut und teuren Gewehren von euch erkaufen. Ihr seid unersättlich; die ganze Welt durchwühlt ihr nach Gold und Eisen. Warum sollten wir nicht auch unseren Nutzen bedenken, da ihr ihn von allen Zeiten schmälert und gefährdet?«

»Deine Worte, o Si Hamd el Maaluki, verdienten gewoben zu werden mit Goldfaden in kirschrote Seide und aufgehangen an allen Wänden des Abendlandes. Aber wenn auch der Vater des Sprunges nicht immer heimisch ist in den Falten unserer engen Gewänder: es gibt einen anderen Vater der Unruhe, nach dem wir uns kratzen und dessen giftiger Biß uns nicht schlafen läßt, daß wir unstet wandern durch die Nacht unseres Lebens. Und dieser Vater des Unfriedens ist der Jahudi.«

Si Hamd el Maaluki steckte den Kif in Glut. »Warum dann fangt ihr nicht und knickt ihn – so, zwischen den Nägeln, daß euer Blut sie färbt?«

»Die Gesetze unserer Länder verbieten uns, den Jahudi als jenen Gast anzusehen, dessen wahrer Name verschwiegen sei.«

»So sind eure Gesetze von Toren erfunden und von Narren bestätigt.«

»Dein Urteil, o Si Hamd el Maaluki, sollte in Stein gemeißelt werden über den Pforten des Abendlandes. Aber ihr selbst, warum knickt ihr nicht den, der euch beißt und bekriecht und euer Blut trinkt?«

»'llah! wir brauchen ihn!«

»Warum braucht ihr ihn?«

»Er ist, der von uns kauft und uns verkauft.«

»Du sprichst wahr, o Kaid; er verkauft euch, euch selbst, und er braucht euch wie der Vater des Sprunges den warmen Garten des Menschenkörpers.«

»Wir können ohne Gewehre und Patronen, Tee und Kerzen nicht leben.«

»Ich weiß es, o Kaid; es ist überall auf der Welt dasselbe.«

»Aber wir vermischen uns deshalb nicht mit dem Jahudi, wie ihr es tut. Wir nehmen nicht seinen Glauben, seine Gebräuche und seinen Geruch an wie ihr. Wir sind Ruafa und kennen keinen anderen Herrn als uns selbst und unsre Heimat. Wir pflügen unsre Äcker, wir dreschen unser Korn, wir erschießen unsre Feinde, wir schützen unsre Berge: und der stinkende Krämer dort ist der Jahudi – und die Krieger, Helden, Jäger und Herren, das sind wir!«

Gefährlich blitzte es im blauen Auge des Alten; im Kampfe, in wilder Hochpaßschlacht mochte das ein heißer Feind sein.

»Wahr sprichst du und mir zum Herzen, Si Hamd el Maaluki; aber bedenke, unsrer im Abendlande sind viele, es können nicht alle Krieger, Helden und Herren, Bauern und Jäger – es müssen etliche auch Krämer, und unzählige müssen Knechte der Krämer sein. Wer aber erst einmal Krämer, der ist Genosse des Jahudi geworden; er gewöhnt sich an das Geschäft und vergißt den Unterschied. Und wer als Knecht dem Krämer dient, der dient in Wahrheit schon dem Jahudi, und wer dem Jahudi dient, der wird diesen seinen Herrn mit und ohne und gegen sein Wissen schützen wie sein Dach und seine Korntruhe. Denn siehe, o Kaid, alle Menschen singen das Lied des Brotes, das sie nährt, aller Sucht und Sorgen geht nach Brot, und wer Brot, der hat Patronen, und wer Patronen, der hat das Übrige.«

Der Scheik strich seinen grauen Wetterbart; wie er so dasaß, einäugig, braun, hager, falkenscharf die Nase, buschig und streng die Brauen, jäh und stolz die breite Hochstirn, glich er doch eher einem der altnordischen Heldenkönige der Edda als dem Schulzen eines marokkanischen Räuberdorfes. Wo hatten diese Menschen, wo hatte dieses Volk seinen blauen Blick her, tief im Löwengebirge, im berberischen Atlas?

»Warum aber sind euer so viele? Was vermehrt ihr euch wie die Heuschrecken? Siehe uns: wir vermehren uns nicht, und dennoch sind wir glücklich. Was ist besser: es sind dreie und die werden satt an einem Brot – oder es sind zwölfe und keiner kann davon leben und sterben? Ich sage dir: drei Starke und Zufriedene sind mehr als zwölf Schwache und Kranke. Es ist mir von euch erzählt worden. Euere Ärzte pflegen und retten jeden Elenden. Wozu? Ihr behütet und hegt jedes mißgeborene Kind; warum? Was sollen euch die Krüppel, die Lahmen und Blinden? Laßt verenden, was dazu bestimmt ist und nicht recht leben kann, und drängt euch nicht vor den Beschluß des Allerbarmenden. Wollet ihr barmherziger sein als dieser selbst? Eure Barmherzigkeit ist schlecht, grausam, vorwitzig und töricht. Denn so nehmt ihr den Gesunden das Brot vom Munde und macht auch sie schwach und elend. Wie sollen dann euere Weiber kräftige Söhne gebären? Wie wollt ihr mit solchen Kindern die Heimat verteidigen gegen den Feind? Was leben kann und soll, das lebt von selber; und was von selber nicht leben kann, das gehört dem Tode und der Güte des Allgerechten. Warum pflegt ihr nicht die Blutrache? Sie ist gesund und erhält den Menschen wachsam und beweglich. Euer Vorwitz wird euch böse Früchte tragen; siehe selbst, ihr müsset Krämer werden und dem Jahudi dienen und euch mit ihm vermischen. Ihr habt nicht mehr Raum, Brot und Geld in eueren Ländern und müßt hinausziehen und sehen, wo ihr es von andern, Klügeren, erbettelt oder stehlt. Und eines Tages werdet ihr übereinander herfallen und euch erschlagen und auffressen; das ist der Lohn eurer Torheit. Ich will nicht mit dir rechten; ihr habt euren Glauben und wir haben den unsrigen. Aber der euere erscheint mir schlecht, denn ich sehe seine Früchte und das Ende, zu dem er euch führt.«

»Noch seid auch ihr nicht am Ende, o Si Hamd el Maaluki. sondern dort seid ihr jetzt, wo wir vor tausendfünfhundert Jahren gewesen.«

»Weh euch, daß ihr nicht da geblieben! Euch wäre besser in euerer Haut.«

Der Gefangene lächelte auf die Zigarette herab, die er aus dem herben Brauntabak mit wenigen Griffen gerollt.

»Es hat in unseren Landen vor einigen dreißig Jahren einen weisen Marabut, einen Prediger gegeben, der lehrte in vielen großen Büchern ungefähr dasselbe, was du mir vorgehalten, o Kaid. Aber er wurde nicht verstanden, verschmäht von vielen, verlacht von den meisten, für wahnsinnig erklärt von allen, und starb in trauriger Nacht seiner Seele.«

»Weh euch, daß ihr ihn nicht vernommen und ihm nicht gefolgt! Von Wahnsinn besessen seid ihr selbst; denn ist es nicht Wahnsinn, hundert Ziegen zu weiden auf einer Wiese, die für zehn noch nicht reicht? … Und du sprichst von tausendfünfhundert Jahren; zu dieser Zeit sind wir in diese Berge gekommen, nach einer alten Sage. Haben wir uns deswegen verändert? Sind wir Knechte geworden und Krämer? Haben wir uns deshalb vermehrt wie die Väter des Sprunges in den Sägespänen? Für uns gibt es nur ein Ende, das unsrer Freiheit in den Bergen; damit beginnen wir, damit hören wir auf. Zu Knechten und Krämern werden wir uns nie hergeben – bloß um des nackten Lebens willen.«

»Du sagst, o Si Hamd el Maaluki, was die Besten unserer Völker auch zu allen Zeiten gelehrt und gedichtet haben. Aber siehe, die Zeit gleicht einem Strom; sie führt Felsen und Völker mit sich fort, glättet sie und zermürbt sie und setzt sie draußen im Tiefland ab als milden fruchtbaren Schlamm. Was weißt du, wieviel die Jahre und Jahrhunderte von euren eigenen Bergen unmerklich schon hinweggespült? … Du sprachst von einer alten Sage, o Kaid: vor fünfzehnhundert Jahren wäret ihr in dieses Land gekommen. Was hat es für Bewandtnis damit?«

Si Hamd el Maaluki spuckte aus und rülpste aus gesättigter Tiefe.

»Es ist eine Überlieferung. Unsre Großväter hatten es von ihren Großvätern, und diese wieder von den ihren, und so weiter bis ins vierzigste Glied. Den Ursprung kennt keiner; aber da ist eine alte Schrift in Felsen gehauen, und niemand kann sie lesen.«

»Schrift in Felsen gehauen?« Der andre zog die Brauen hoch und hielt die glimmende Zigarette überrascht beiseite. »Wie sagtest du, o Kaid? Eine Schrift in Felsen gehauen, eine alte Schrift? … Ist – ist das vielleicht der ›Fels der Inschrift‹?«

Nun erstaunte der Scheik.

»'llah! … Du kennst ihn?«

»Kennen? Nein; wie du siehst.«

»Aber weißt von ihm?«

»Du hörst es.«

»Woher?«

»Durch die Vorsehung, o Kaid.«

»'llah! … Das ist wunderbar! Du weißt von Abhadid, genannt el Fahhad, du weißt vom ›Fels der Inschrift‹? Wer bist du eigentlich?«

»Ein kleines Sandkorn in den Wanderdünen der Ewigkeit. – Siehe, es erhebt sich der rote Sturm, schichtet die Hügel, verändert die Täler, stürzt die alten Gipfel und baut neue aus dem Tiefsten empor: und fegt dir in einer Wolke von Millionen anderer vielleicht gerade dies eine Sandkorn ins Auge, daß es sich einbohrt und einschwärt und du erblindest.«

El Maaluki sprang halb auf. »Auch das weißt du?«

Der Gefangene lächelte. »Ich kenne die Wüste, ich kenne die Tuareq. Viele von ihnen sind frühzeitig blind oder geschwächten Gesichts, von dem vierzigsten Jahre sind ihre Augen getrübt oder verhornt, und viele unter ihnen sind einäugig.«

El Maaluki beruhigte sich. »Nun, da du es erklärst, verstehe ich deine Gedanken. Aber manchmal scheinst du mir wie allwissend; ihr Franken seid gefährliche Menschen. Ich verlor mein Auge auf einem Ritte von Insalah herauf durch die Areg von Timmimun. Der Gebli wehte beinahe drei Tage, und im heißen roten Sande war noch Salzstaub der Sebcha von Gurara. Ich trug keinen Schleier; wir Ruafa in unseren grünen Bergen sind daran nicht gewöhnt und wissen auch nichts vom Gebli, der dort Brunnen und Palmengärten verschüttet. So kam ich um die Hälfte des Lichts; aber nun brauche ich das fehlende Auge beim Zielen nicht mehr zu schließen; wenn du willst, schieße ich dir auf hundert Schritte deine Szigara unter der Nase weg. Könnt ihr Franken das?«

»Unsere Sinne sind blöde von langer Knechtschaft, von den langen Wintern und dem dichten Rauch unserer Länder, o Kaid; wir dürfen uns nicht mit euch messen, und das ist gut.« –

Hamd el Maaluki erhob sich zur Arbeit. Die aufgebauten Lehmtürme waren fast getrocknet; nun wurde in ihrer Höhlung ein ganz kleines Feuerchen aus vollkommen trockenem Holze entfacht und unterhalten, der Brand eines festen Topfgehäuses. Durch das handgroße Loch in der Kuppel zog der dünne Rauch gehorsam ab.

El Maaluki trat noch einmal zu seinem still zuschauenden Gefangenen zurück.

»Du hast mir nicht gesagt: was weißt du vom ›Fels der Inschrift‹?«

»Wenig, o Kaid und Walter der Großmut. Daß er im Uad Soda, im schwarzen Tale sich befindet – weiter nichts.«

»'llah! … Uad Soda, das weißt du auch? Woher das?«

»Gleichfalls aus einer alten Sage, o Si Hamd el Maaluki.«

»Was für einer Sage? Warum gleichfalls?«

»Weil du doch selbst von einer alten Sage sprachst und von einer alten Schrift.«

»Das ist auch wahr; es ist die steinerne Schrift im Uad Soda, die niemand lesen kann. Und deine Sage?«

»Es geht ein Gerücht, daß im Uad Soda unterm Feld der Inschrift vorüber ein Weg hinanführt nach dem Aghelad ed Dya, dem Paß des Blutgeldes – –«

»'llah! …« El Maaluki wich auffunkelnd zurück.

»– nach dem Tanut el Jansar, dem Brunnen des Lebens und des Sieges – nach dem Mkabar esch Schörfa, dem Friedhof der Edlen – –«

»Mensch, hör auf! Schweige! …« Der Alte, plötzlich außer sich vor Erregung, griff und zerrte den Wunden wild an der Schulter; aus seinem bärtigen Antlitz brach es heiß wie Feuerwind. »Weißt du denn, was du sprichst?«

»Ich weiß es nicht, Si Hamd el Maaluki, das Übel der Ungerechtigkeit bleibe dir fern! Laß mich los, du tust mir weh; ich bin wehrlos.«

»Was geht mich das an? Und wenn ich dich töte! … Ich sollte es tun! … Weißt du denn, was du sprichst?«

»Du siehst mich erstaunt. Ich nenne nichts als Namen.«

»Aber was für Namen! Woher hast du sie?«

»Aus jener alten Sage; du hörst es zum drittenmal.«

»Woher die Sage?«

»Von der Vorsehung, die den Fall auch des welken Blattes und den Flug der Flaumfeder im Winde vorschreibt.«

»Was für eine Sage soll das sein?«

»Es gibt sehr verschiedene Sagen, o Kaid. Von großen Königen – gefallenen Helden – unsterblichen Taten – von Riesen und kunstreichen Zwergen – –«

»Die Wahrheit will ich wissen!«

»Ich auch, o Kaid. Denn ich kenne sie nicht. Wer kennt sie?«

»Ausflüchte! … Du wirst schweres Lösegeld zahlen müssen!«

»Müssen? … Kein Mensch muß mehr als er kann.«

»Du bist in unserer Gewalt. Wir können dich jederzeit noch töten. Du bist gefährlich.«

»Wie jeder Mensch jedem anderen, o Kaid. Nicht mehr, nicht weniger.«

»Spotte immer! … Wir im Rif sagen: A Rifi hennaja – ein Rifi schweigt. Und Menschen, die reden könnten, machen wir verschweigen. Auf ewig.«

»Dennoch forderst du von mir Schwatzhaftigkeit?«

»Das ist etwas ganz anderes.«

»Es ist nichts anderes. Ein Mann schweigt im Frieden und in der Gefahr.«

Der Alte hatte sich im Kreuzen der Fragen und Antworten schon wesentlich beruhigt. Er war jäh wie blauheißer Götterzorn; nun sah er bewundernd auf seinen Gefangenen herab.

»Ja, ein Mann bist du! … Wärst du ein Gläubiger, ein Rifi, du würdest bald ein berühmter Krieger. Du wirst es mir nicht sagen?«

»Sagen, was, o Kaid?«

»Woher du all dieses weißt: Namen, die niemand wissen kann und darf?«

»Du sprachst es selbst schon aus, Si Hamd el Maaluki: die Franken bekümmern sich um alles. Ihre Neugier ist ohne Maß.«

»Das ist sie; ihr seid wie die wandernden Ratten, wie die Ameisen, wie die Hyänen. Steht denn auch das in eurer Mapa? Es ist unmöglich.«

»Nicht in der gewöhnlichen Mapa. Aber eine alte Mapa gibt es, darin ist der Fels der Inschrift verzeichnet wie der Paß des Blutgeldes und der Brunnen des Sieges.«

»Sprich leise; schweig; das darf kein Ohr hören!« El Maaluki sah sich vorsichtig um; die Frauen waren vors Haus gegangen, Kalk zur Tünchung der gebrannten Topftürme und einzuspeichernd Saatgut zu holen. »Nenne keine Namen! Was ist das für eine alte Mapa?«

»Ich kann sie dir nicht zeigen; ich besitze sie nicht.«

»Wo ist sie? Wer besitzt sie?«

»Ein Mann in fernen Landen.«

»Wo?«

»Das weiß ich selbst nicht.«

»Du hieltest ein Papier mit fremder Schrift in deiner Hand; was bedeutet dieses?«

»Ich will es dir gerne verraten, o Kaid: es ist eine Abschrift aus jener Mapa.«

»'llah! … Und weißt du denn, wo du dich befandest, als der Schuß dich traf?«

»Nein, Si Hamd el Maaluki; jene alte Mapa und meine Abschrift sind sehr unvollständig.«

»So sollst du es erfahren. Du warst im Uad Soda.«

»Ah!«

»Ja. Genau unterm ›Fels der Inschrift‹.«

»Davon sah ich nichts.«

»Er ist hoch droben im Berge; vom Tale aus kann ihn nur sehen, wer ihn kennt. Dort läuft ein Pfad durch die Klippen; auf diesem Pfade verfolgten und begleiteten dich unsere Leute.«

»Das ist sinnreich.«

»Sie konnten dich längst niederschießen. Du hättest es verdient. Was suchtest du im Uad Soda?«

»Was ich suchte, o Kaid? … Den Weg hinan. Den Weg zur Höhe.«

»Zur Höhe? Da liegt der ›Paß des Blutgeldes‹. Dorthin?«

»Du sagst es, o Kaid. Und wie du siehst, habe ich ihn auch erreicht und gefunden.«

»Wie meinst du das?«

»Nun? … Habe ich nicht Blutzoll gezahlt? … Habe ich nicht aus dem Brunnen des Sieges getrunken?«

»Ich verstehe dich nicht. Du erhieltest die Kugel, du sitzest noch schwach und wehrlos hier, bist mein Gefangener und wirst dich mit schwerem Golde loszukaufen haben. Wo trankst du da aus dem Quellbrunn des Sieges?«

»Dennoch, o Kaid. Ist denn das nicht die Höhe? Wenn einer stirbt und wird wieder geboren, ist das nicht der Sieg?«

»Deine Rede ist dunkel. Du wirst mir noch Rechenschaft geben müssen. Für jetzt aber will ich sorgen, daß die Gefahr nicht länger unter meinem Dache wohnt.«

El Maaluki trat in die Kammer und kehrte mit den zusammengefalteten Blättern zurück, die er vom Bord aus der übrigen Beute genommen. Eingebräunte Blutflecken bedeckten und verklebten die Schrift.

»Ist das deine Mapa?«

»Nicht die Mapa selbst, sondern was wir einen Auszug nennen.«

»Hier, sieh her! Das werde ich nun verbrennen!«

»Getrost tu das, o Si Hamd el Maaluki, der Friede des Allerbarmers bleibe bei dir! … Weder mein Herz verbrennt darin noch mein Kopf.«

»Euch Franken wäre es heilsam, wenn ein großes Feuer käme und verzehrte all euer Papier! Ihr wäret gesünder davon und hättet Frieden, und euere Nachbarn auch. Wie die Flamme jetzt diese Blätter verschlingen wird: so frißt die falsche Klugheit der Bücher an euren Herzen und Köpfen.«

»Du sprichst die Wahrheit, o Kaid; dasselbe habe ich erkannt und liebe nun deinen Kusksu, deine Lehren und deine Enkeltochter mehr als alles Papier des Abendlandes.«

»Du spottest; aber lache nicht zu früh! … Nun wirst du dich mit doppelt so hohem Preise zu lösen haben.«

»Weder spotte noch lache ich, o Kaid; denn meine Seele ist schwer von Sehnsucht und hat nur noch einen Wunsch und Gedanken.«

»Deine Freiheit, ich kann es mir denken. Aber bis dahin fällt noch viel Frucht von den Bäumen.«

»Mögen sie euch gedeihen und erfreuen, diese Früchte! … Indessen nicht nach der Freiheit krankt mein Gemüt, o Kaid: denn wer ist frei auf Erden? … Ich befinde mich wohl hier unter deinem Dache, nichts fast fehlt mir zur Zufriedenheit, und was die Väter des Sprunges betrifft, würde ich mich sogar mit weit weniger begnügen –«

El Maaluki sah seinen Gefangenen nachdenklich an, fast mitfühlend.

»So hast du wohl Verlangen nach einem Weibe?«

»Auch dieses nicht, o Kaid, der Allgerechte vergelte deine Teilnahme mit der schönsten Huldin des Paradieses! … Denn was ist ein Weib, o Si Hamd el Maaluki? Ein Gefäß der Vergänglichkeit! … Nein, nicht nach verwelklichen Blüten und ihrem Tau dürstet mein Gemüt: sondern nach Dingen, die dauerbar sind und getreu wie euere Berge selbst, nach kühlem Stahl und quellklarem Kristall.«

»Du sprichst wieder seltsam, daß kein Mensch es verstehen kann. Was willst du?«

»Bald wird es dich so seltsam nicht mehr dünken, o Si Hamd el Maaluki. Siehe, eines Tages – insch' Allah – werden deine kühnen und berühmten Krieger auf drei oder vier Maultieren heranbringen die Reste meines Daseins, jene irdischen Vergänglichkeiten, die Joan da Flores der Jahudi in der Sanka der Gold- und Silberschmiede zu Titaiun für mich – oder für euch vielmehr – kostspielig und getreulich aufbewahrt. Sie seien euer, diese Dinge, deren ich mich ersättigt und die in deinem glücklichen Dorfe unvergeßliches Aufsehen und Unfrieden vielleicht sogar erregen werden – sie seien euer! … Dreierlei aber gewähre dein einsichtiges Wohlwollen, daß ich es ausnehme und vorbehalte von dieser Beute oder Lösung, nenne es wie du willst; und dies ist, darum meine Seele sich härmt und mein Herz sich quält und meine bangen Augen suchen.«

»Was machst du für verdrehte Worte? Sprich wie ein vernünftiger Mensch!«

»Meine Vernunft, o Kaid, wird erst wiederkehren, wenn ich noch einmal im Besitze jener letzten irdischen Güter bin. Siehe, o Si Hamd el Maaluki, ich habe erzählen hören von einem unglücklichen Könige dieser Länder, der, vom Feinde rettungslos bedrängt, um drei Henkersgeschenke bat: ein Stück Brot, seinen wühlenden Hunger zu stillen, einen Schwamm, seine heißgeweinten Augen zu kühlen, und eine Harfe, zu ihrem Saitenspiel sein Leid und seinen Untergang mit letztem Liede zu besingen. Also bitte auch ich: um meine Schermesser, mir noch einmal Wangen, Kinn und Lippen zu verjüngen; meine Seife, mich noch einmal nach Herzenslust zu waschen; und meinen Spiegel, mich noch einmal als gesäuberten Menschen zu sehen und Abschied zu nehmen von meinem einstigen Ebenbild. Dann will ich gerne sterben oder deine Ziegen hüten oder mich auffressen lassen von den Vätern des Sprunges.«

El Maaluki lachte, lachte wirklich in seinen ernsthaften Graubart.

»Bist du nicht ein Narr? Mutig scheinst du manchmal wie ein rechter Mann; dann sprichst du weise wie ein Schriftgelehrter von der Medersa; und dann auf einmal, wenn man es gar nicht erwartet, kommst du mit solchen Possen.«

»Dieses, o Si Hamd el Maaluki, rühret daher, daß der Mut und die Weisheit beisammen in engster Kammer wohnen und die Narrheit dazwischen in ihrer Mitte. Der Narr allein ist immer beides zugleich, mutig und weise.«

El Maaluki trat an die Tonkegel, aus deren Kratern immer noch der warme Glast stieg.

»Aus dir werde einer klug! Du wirst mir noch viel zu erzählen haben. Man möchte den ganzen Tag lang mit dir im Gespräch zubringen und dich von Zeit zu Zeit immer wieder töten. Und über deine Mapa und deine Sage wirst du mir Rede stehen; ich glaube nicht daran. Und die Geschichte von unserem König El Emir kennst du also auch. Was hast du nicht alles in deinem Kopfe! Wäre Nützlicheres darin und ehrliche Arbeit in deinem Herzen, wir hätten dich willkommen geheißen in unserem Duar und dir unsre fettesten Hammel gebraten. So aber wirst du dich mit hohem Preise lösen und furchtbare Schwüre leisten müssen, und noch weiß ich gar nicht, ob das genügt; denn nicht ich habe darin zu entscheiden, sondern die Dschama. Und in solcher Gefahr denkst du an deine ungläubigen Schermesser und Dinge der unmännlichen Eitelkeit! Ihr Franken könntet ein starkes und gesundes Volk sein; statt dessen seid ihr Toren. Das kommt von eurem Papier. Tätet ihr damit wie ich hier mit diesem, das dich ins Unglück geführt, so wäret ihr frei. Hier!«

Das Weibergesind kam mit Arbeit, Sackwucht und Kalkmulde, und der Gefangene bei seiner Zigarette sah gelassen zu, wie Zufall und Zweck, Zukunft und Ziel, Hoffnung und Schicksal, das Zypressenhaus am Bosporus und die Großmacht der Firma Efrem Efrus Raub der Flammen wurde und zu Loderasche verflog im Krater eines hintermarokkanischen Matamir.

* * *

Es ging aufwärts ins neue Leben. Ainusch und die Sonne kamen wieder zu ihrem Recht.

Die Kugel aus dem Mausiehr des treffsicheren Al' Bu Chua hatte zolltief unterm rechten Schlüsselbein gefaßt und war zollbreit neben dem Schulterblatt wieder aus den Rippen getreten. Der Schuß kam steil von vorne, ein glücklicher Zufall. Dreißig, zwanzig Bogengrade nur zur Seite, und der Stahlmantel zersplitterte das Rückgrat oder durchbohrte das Herz, und dann gab es keine Ainusch und keinen Kusksu und keine Sonne, und dann war ewiger Friede.

Sie hatten ihn im blutdurchschwemmten Haik und zusammengeknoteten Dschelelbis weit über die Berge getragen, nach dem Duar. Alkedim besah den Schaden und stillte die Blutung mit dem Gluthauch erhitzter Eisen. Kaum daß die ausgesengte Wunde eiterte; und nun, unter erneutem Pflaster schloß sie sich mit rosenrotem, runzligem Membran.

Eines Tages tastete sich der Genesende behutsam durch den dunklen Türgang, der aus dem Lichthof ins Freie führte.

Er hatte lange auf der Schwelle gesessen und über nichts nachgedacht. Still war es im Hüttengeviert, die ganze Familie auf Arbeit. Aber von draußen krähte bisweilen ein Hahn, und das klang wie aus goldgrünem Frühherbstmittag, wenn Mähestahl rauscht und Wespen summen und reife Frucht schwer und erfüllt in den Rasen schlägt, ein Tropfen vollbrachten Lebens.

Er hörte eine Weile dankbar zu und schloß die Augen über innerem Bild. Dann raffte er sich auf und schlurfte langsam hinaus.

Die Wunde, ja, die war am Heilen. Aber wie schwindelschwach noch und wie steif, und ach! wie verwahrlost der neue Mensch!

Und dann der erste Trunk Sonnenluft, und dann Landschaft, Leben und Licht.

Zum zweiten Male kam er aus Blutes schwüler Tiefe zur Welt; zum zweiten Male schenkte Allgegenwart ihm das nackte Leben.

So also sah Wiedergeburt aus; und so Marokko!

Dort lagen ein paar grobe Feldsteine. Er kauerte sich hin und atmete und war nichts als ein kleines Leben im großen Geschehen.

Weite friedliche Berghonigwiesen; drunten ein anmutiges Tal; drüben blauduftverklingende Höhen; breite alte Obstbäume, lachend mit tausend kleinen Äpfeln; rings in der Trift die weißen Wandböschungen weithinverstreuten Weilers; hoch droben in gebüschiger Halde die Hirtenstille weidender Ziegen; Duft von Frucht und Wachs und Brotkorn und Gras und Erde und Wärme und unschuldigem Tier; und war das nicht Marokko und der Garten der Hesperiden, so konnte es ebensogut etwas anderes sein, ein Winkel Sizilien oder ein Stück Schweizer Vorland, eine Gotteshandvoll gesegneten Bulgariens – oder ein Traum.

Hähne krähten Mittag von Hof zu Hof, die goldbraune Glucke mit den zwölf Gelbkücken stattete dem stillen Gaste ihren Besuch ab, und zwei ungeschwänzte Jünglinge übten sich in gegenseitiger Anstarrung und Flattersprung für den Ernst des Liebeslebens.

Alles war neu und bedeutend, verheißend und erfreulich; aber der Wiedergeborene schloß die Augen in Behagen und Scham vor der Fülle des Lichtes und gab sich fast wunschlos hin.

Wenn nur der Bart nicht gewesen wäre, diese Flechte von Schmutz, die ihm das Warmbad der Verjüngung verunreinigte. Aber vielleicht ward alles noch einmal gut.

Vielleicht: man lebt von der Hoffnung. Von Hoffnung und Brot, von der Hoffnung auf Brot, vom Brote der Hoffnung.

So saß er sonnengetränkt und wartete. Wartete auf irgendetwas, unbewußt. Daß er sich beblüte und begrüne und erfülle. Wartete nicht einmal: war nichts als Pflanze, stummes, dankbar geduldiges Dasein.

Viertakt der Tennen wehte auf im warmen Honigwind, der mit den blauen Mittagstauben über die fruchtstille Trift strich. Derselbe dumpfuralte Viertakt überall und allerzeit, von den Tagen und Liedern Ägyptens bis in Völker und Sorgen dieser Stunde: wie der Schlag des armen kleinen Menschenherzens unter allen Verkleidungen derselbe geblieben … »Hi-ten nu-ten, hi-ten nu-ten, nau-ich …« sangen sie am gelben Nil der Thutmosis und Usertesen; »Vater unser, Vater unser, täglich Brot, täglich Brot! …« heißt es im Werken und Flehen auf der großen Gottestenne der Christenheit.

Und was läßt sich mehr beten – und Wahrhaftigeres?

Und die Sonne als Ra und Helios und Sol invictus und Ahuramazda geht auf und unter über Pyramiden, Antike, Parsen und Brahmanen, über Juda, Christentum und Islam, und das arme schwache Menschenherz und das heilige Brot bleiben dasselbe bis ans Ende aller Irrtümer, Vertröstungen und Tage. –

Er schlug die Augen auf; unhörbar Nahen, eine freundliche Gegenwart weckte ihn aus seinen Träumen.

Ainusch kam auf leichten Sohlen, das grobe Hemd geschürzt bis zum halben Schenkel, über der Achsel die Harke. Ihre Blausommeraugen lachten jung im schweißblanken Gesicht, ihre Brüste zitterten leis im offenen Busen.

»Hier bist du? So bist du schon ganz gesund?«

»Ich bin es, da ich deines Anblicks genieße, du Tochter der Vorsehung.«

»Bist du nicht hungrig?«

»Nach deiner Nähe nur und deiner Stimme, Beschließerin du des Kummers und Pförtnerin der ewigen Freuden.«

»Ich weiß nicht, was du da meinst. Hamd el Maaluki sagt, du redetest oft sonderbar, halb wie ein großer Gelehrter von der Sauya, halb wie ein Narr. Wir pflügen und säen. Ich bin gekommen, dir etwas zu bereiten. Al' Bu Chua hat in den Bergen einen großen Vater des falschen Blickes geschossen.«

»Wer ist das, dieser Vater des falschen Blickes? Wieder ein Franke?«

Sie lachte.

»Wie du sprichst! … Einen Kundschar, einen großen Eber. Seine Zähne sind so lang!« Sie wies das Maß der Wehr einfachheitshalber gleich mit dem ganzen aufgekrümmten Unterarm. »Al' Bu Chua sagt, man kann ein schönes Halsband daraus machen. Aber jetzt sollst du essen.«

Sie sprang schlank und halbnackt zur Hütte hinein, kam wieder hervor und durchstöberte in emsiger Suchjagd wie ein Wachtelhündchen die Hecken und Haufen des Gehöfts. Der Mann in der Sonne sah ihr glücklich zu. Bei diesem Kinde war man besser aufgehoben als in all den Kissen und Künsten erkalteter Kultur.

Sie brachte ihm drei Eier. »Sieh, sie sind ganz frisch und warm von der Sonne und riechen noch nach der Henne. Die mußt du essen, damit du stark wirst und mit Al' Bu Chua auf die Jagd gehen kannst. Dann bringst du mir Zähne vom Vater des falschen Blickes mit, und ich trage sie um den Hals. Al' Bu Chua hat gesagt, er möchte gerne sehen, ob auch ein Ungläubiger gut schießt.«

Dann wurde Tafel gehalten in heller heißer Bergluft: Eier und Wabenhonig mit Bienen darin und frischen Fladen, und Ziegenmilch und Obst, ein reines, homerisches Mahl. Und Tauben gurrten dazu im Wiesenmittag und alter Dreschtakt wehte im Höhenwind, und das Hühnervolk kam ehrfürchtig zu Gast, und ein dürrer grauer Hund saß mit einemmal fadenspinnend in Steinwurfweite, und hinter rohgeschichteter Mauer sammelten sich mehr und immer mehr blauäugiger nasenbohrender Gesichter. Ainusch aber kauerte etwas schmutzig und sonnennackt zu Füßen ihres Herrn und sah genügsam zu ihm auf und freute sich mit lachenden schweißblanken Augen.

Das Mahl war beendet, Zigarette spann Traumgewölk, Ainusch begann.

»Sage, bist du wirklich ein Ungläubiger?«

Der Mann in der Sonne lächelte auf die Unschuld herab.

»Manche Gläubige nennen mich so.«

»Aber warum?«

»Weil der Allerbarmer tausend Namen hat, du Tochter und Enkelkind der Allgegenwart.«

»Ich verstehe das nicht. Bist du ein Jahudi?«

»Schlimmer.«

»Si Hamd el Maaluki sagt, du bist ein Nsrani.«

»Das wird am Ende wahr sein.«

»Wie ist das, Nsrani?«

Er wies nach dem Lichte empor. »Es ist ein anderes Land unter derselben Sonne.«

»Das verstehe ich nicht. Wo ist dieses Land? In Al Dschir?«

»Es liegt zu Füßen eines Berges, der heißt Golgatha.«

»Ein großes Land?«

»Groß vor der Welt und klein vor dem Allerhöchsten.«

»Hat es viele und gesunde Herden?«

»Das ganze Land ist eine einzige Herde.«

»Das verstehe ich nicht. Auch viele Dörfer?«

»Vielzuviele.«

»Warum? Auch eine Stadt?«

»Vielzuviele Städte. Beinahe nur Städte und keine Weide mehr dazwischen.«

»Wie kann das wahr sein? Gibt es da eine heilige Stadt?«

»Drei ganz heilige sogar. Nasira heißt die eine, die zweite El Kuds, und Rumi die dritte.«

»Wohnt da auch ein Großscherif wie in Uesan?«

»Und was für einer! Er geht in weiße Seide gekleidet, und seine Dschami ist siebenhundert Ellen lang, und sein Haus hat siebentausend Gemächer.«

»Siebentausend, wieviel ist das?«

»Viel mehr als vierzig, euer höchster Inbegriff.«

»So muß der Großscherif von Nsrani ein sehr reicher Mann sein. Hat er viele Frauen?«

»Keine einzige.«

»Wie kann das wahr sein?«

»Es ist wahr. Aber die schönste Jungfrau der Welt ist seine Braut, und sie heißt Meryam. Sie trägt ein Gewand ganz aus Gold, Silber und Perlen, aus Tau und Sternen, und es dienen ihr elftausend andere Jungfrauen und neun Geschlechter von lichten Knaben, und wenn sie von Nasira, ihrer Heimat, nach Rumi reist, den Großscherif zu besuchen, so tritt sie in die Sichel des Mondes und läßt sich durch die Wolken tragen über Länder und Meere.«

»Das verstehe ich nicht; aber es muß sehr schön sein. Und der Großscherif, wie heißt er?«

»Der jetzige heißt der Fromme; der vorige aber hieß Si 'r Rad, der Herr des Donners, oder El Fadl, der Großmütige: der Löwe.«

»Und wann wird er Meryam kaufen und heiraten?«

»Das steht im Buche der Vorsehung: wann er eingeht in ihr Haus.«

Sie dachte nach.

»Sage, ist das auch wahr?« fragte sie dann harmlos; »bist du wirklich nicht beschnitten? … Warum lachst du?«

»Weil ich mich freue, du Taube des Friedens. Weißt du das auch von deinem Großvater, den meine Seele liebt?«

»Ja, er hat es meiner Mutter gesagt, und alle Mädchen im Dorfe reden davon und fragen mich. Ist das wahr?«

»Es sind andere Feste, die von den Nusara, andere, die von den Muminin gefeiert werden, du Blume vom Baume Uriach. Jeder opfert sein Bestes und tut ab das Schädlichste, das ihn ärgert.«

»Das verstehe ich wieder nicht.«

»Jeder Stamm, jede Kabila hat ihre Heimat und Sitten. Im Abendlande zum Beispiel fragen die Frauen nicht nach dem Bairam der Männer.«

Das verstand Ainusch und schwieg eine Weile.

»Wie sind eure Frauen?« fragte sie dann; »alle so schön und reich wie Meryam? Und wann heiraten sie?«

»Der Allgerechte verleiht nicht allen dasselbe. Auch im Abendlande gibt es karge Äcker und fette. Diese werden gerne gepflügt, jene nur von den Armen und in der Not.«

»Si Hamd el Maaluki sagt, du hast kein Weib und keinen Sohn. Ist das wahr?«

»Es hat dem Erbarmer bisher so gefallen; bei ihm ist die Wahrheit.«

»Und warum willst du nicht bei uns bleiben? Unsere Frauen haben alle kräftige Kinder.«

»Der Mensch bleibt auf Erden nicht wo er will, du Tochter des Frühlings: sondern wohin der Allgütige ihn stellt und pflanzt. Gefällt es ihm, daß ich bei euch bleibe, so wird er es wirken. Mißfällt es ihm, so wird er mich wieder fortführen, wie er mich hierher geführt, in dieses Land, diese Berge, in diese Hütte, auf diesen Stein in der Sonne.«

»Das verstehe ich nicht.« Sie kehrte beharrlich und klug zu den irdischen Dingen zurück. »Hamd el Maaluki sagt, du wirst dich mit viel Geld loskaufen müssen, mit allem, was du hast, und auch dann vielleicht gibt die Dschama dich nicht frei.«

»Insch' allah, wie es im Buche der Vorsehung geschrieben steht; nicht wie Si Hamd el Maaluki will und die Dschama oder ich: sondern wie ein größerer Allgegenwärtiger es beschließt, der Kaid des Lebens und der Ewigkeit und ein höherer Rat.«

»Das verstehe ich nicht. Warum sprichst du oft wie ein Marabut? Si Hamd el Maaluki sagt, du bist ein gefährlicher Mensch. Eigentlich müßte man dich töten wie Al' Bu Chalia, die Hyäne. Aber da wäre ich sehr traurig. Und das glaube ich nicht.«

»Und warum nicht, du Quell der Hoffnung? Dein Großvater ist ein weiser Mann; auf ihn höre.«

»Du siehst doch gar nicht so aus. Ich fürchte mich nicht vor dir. Ich bin gerne bei dir. Ich freue mich immer auf dich.«

»Sei bedankt für den Honig des Zutrauens, du Bringerin der Süßigkeit, und sei bedankt für all den Tau deiner Fürsorge. Aber sieh, ich bin jetzt arm und habe nicht dir zu schenken, nicht einmal ein seidenes Kschar, geschweige denn ein Gewand aus Perlen und Sternen wie das von Meryam.«

Sie dachte nach, einen verwehten Halm zwischen den Zähnen.

»Ich höre gerne, was du mir sagst. Ich verstehe es oft nicht. Du redest in einer anderen Sprache. Aber ich höre es gerne, und dann muß ich es meinen Freundinnen erzählen, und wir können es alle auswendig und lachen. Sie nennen mich jetzt immer den Vorhof der ewigen Freuden oder die Pförtnerin des Paradieses.«

»Was du auch in Wahrheit bist, du – Apfel vom Baume der ewigen Jugend.«

Sie grinste vergnügt in die Sonne.

»So bleib doch bei uns. Du kannst dir eine schöne Hütte bauen und Argui und Kundscharat schießen und die Gimbri spielen, und wirst Vater vieler starker berühmter Söhne.«

»Insch' allah, wie der Allwissende es geordnet hat. Vielleicht schläft die Mutter meiner Kinder noch in fernen Ländern.«

»So kauf mich von Si Hamd el Maaluki und nimm mich mit dir, daß ich Meryam in Tau und Perlen und den Großscherif in weißer Seide sehe.«

»Deine Heimat, du Lilie des Rif, ist anders als die unsere, das Abendland. Du würdest sterben vor Sehnsucht und Einsamkeit; dort wohnen böse kalte Menschen, die wie Spinnen und Schlangen sind. Und siehe, jedem ist seine Heimat die schönste und einzige.«

»Dann hast du wohl auch Sehnsucht nach der deinen?«

»Nein, du Brunnen der Barmherzigkeit; denn siehe, ich habe keine.«

»So bleib bei uns.« Sie sagte es ganz tief und einfach, sah in halbem Lächeln in seine Augen empor und legte ihm die lichtbraune Mädchenhand zutraulich aufs Knie. »Ich werde sehr traurig sein, wenn du dich loskaufst und gehst fort. Bleib bei uns.«

Die Tauben gurrten im Mittag der Bergwiesen; ein Raubvogel schrie hoch droben in flammender Ewigkeit; die Hähne krähten; ein Apfel fiel aus dem Laub des nahen Baumes, schlug hart von Ast zur Erden, rollte und blieb liegen; im warmen Traumwind pochte ferndumpf der Dreschtakt der Tennen, das kleine alte unsterbliche Menschenherz.

Sie schwiegen in stiller Sonne. Dann begann Ainusch:

»Wie heißt du?«

Der Mann lächelte auf das Mädchenkind herab. »Es ist ein fremder Name, was willst du damit?«

»Ich muß dich doch nennen können.«

»So gib du selbst mir einen Namen nach deinem Lande und deinem Herzen, wie ich dir ihrer so viele gegeben.«

»Solch einen hast du schon.«

»Und wie lautet der?«

»Einige nennen dich Bu Chamasia, den Vater der Fünfschüssigen. Aber das gefällt mir nicht. Du mußt einen schöneren haben. Ich werde nachdenken. Aber wie heißt du, so wie ich Ainusch?«

»Wie du Ainusch? … René.«

»El Neh?«

»Re–né.«

»El Neh? Das verstehe ich nicht. Das heißt doch gar nichts? Was kann das heißen?«

Der Mann in der Sonne seufzte wie erlöst auf; leicht strich seine Hand über die der kleinen Freundin.

»Was das heißt, du Dattel des Paradieses, du Mandelkern vom Baume des ewigen Frühlings? … Das heißt es, was ich bin. – Der Wiedergeborene.«

* * *

Das Amt Alkedims des Alten war zu Ende. Wunde ward Narbe, Heilung Gesundheit, das neue Leben begann.

Das neue Leben in einer neuen Welt. In einer neuen Welt mit vielen neuen Wegen.

Immer weiter führten sie, diese Wege.

Erst bis zu jenem breiten Apfelbaum dort in der Wiese; dann bis zu jener Oleanderhecke am steinigen Hohlweg; dann bis zu jenem Ölbaumhain dort im Sonnenhange; und endlich bis auf jene Höhe der weitausgemuldeten Dorftrift, wo der Berg zwischen zwei Tälern gegen fernes Dunkel von Wäldern und einsame Gipfel hinanwächst.

Es waren große Entdeckungsreisen, immer aus engerer Welt in eine weitere, in ihrer zehn, hundert, unzählbare, in die Unendlichkeit. Es war wie in der ersten Kindheit, da aus jeder Straße des Lebens unausdenkbar viele neue sich auftaten, Reiche der Wunder, der Träume, der Geheimnisse, der Gerüchte, der Verbote, der grenzenlosen Gefahren und Möglichkeiten.

Und es war gleichzeitig ein heller Morgen der überraschenden und rührenden Wiedersehen: wie beim Auspacken einer großen Frachtkiste, die man jahrelang verschollen geglaubt.

Es war eine zweite erste Jugend; das nackte neue Leben zum zweitenmal. –

Und auch an Wundern und Geheimnissen, an Verboten, Gerüchten und Gefahren fehlte es nicht.

Gleich das erste Wunder war dies neue genügsame Wiedererleben selbst und seine unbeschwerte Dankbarkeit. Und das zweite die Landschaft.

Diese Landschaft im Nächsten und Engsten: weiße niedrige Flachhütten, freundlich verstreut in einen Garten voll Gnade, Bergwind, Obst, Honigduft und Atem und Geschenken Gottes. Wiesentrift und Halde weiteten sich still zu dunkleren Höhenwäldern hinan; über den First des buchtumfangenden, mit Hain und Busch anmutig geschmückten Hügels grüßte der blaue Sonnendunst ferner Gipfel.

Es gab keine Grenzen, keine Namen, keine festen Wege, Ziffern und Hausnummern; es gab nirgends Schrift und Gesetze, Warnungen und Anschläge, Kundmachungen und öffentliche Gehässigkeit.

Es gab keine der vermeinten Wohltaten der Bürgerlichkeit und Verbürgerung, als Kanäle, Pflasterung, Straßenbeleuchtung, Zäune, Turmuhren und Zeitungen; es gab aber auch keine der darauf gesetzten Strafen, als da sind Magistrate, Steuerämter, Polizisten, Gerichtsvollzieher, überhaupt Kanzleien, Leihämter, Krankenkassen – und die Pflicht, all das Zeug und Gesindel zu erhalten, und all die Hast, Sorge und Angst.

Alles war wie anvertraut dem guten Willen, welcher der weiseste Hirte ist über den Völkern, und der reinen einfältigen Wirklichkeit, die das Schwache und Schlechte sondert vom Guten und Starken und das Kranke vertilgt und das Gesunde befreit zu Lust und Tugend und Dauer.

Eine Landschaft des goldenen Zeitalters war das, das ohne Richter und Schlichter und Satzung und Erztafeln der Drohung aus freiem Ermessen die Treue pflegt und das Recht. Und hier irgendwo mußten die drei nackten Abendfräulein gewohnt und das Jugendgold ihrer Liebesäpfel bewacht haben; das war der Garten der Hesperiden, und vielleicht hausten sie auch schon in solch niedriger Friedenshütte mit Schilfdach und inwendigem Lichthof und auspostiertem Backofen, und die Geschichte mit dem alten lendenkräftigen Sohn des unverbesserlichen Göttervaters und der Alkmene trug sich überhaupt ganz anders zu als man die reifere Jugend glauben machen muß, das Roman-Originalmanuskript ist uns nur beim alexandrinischen Autodafé verloren gegangen oder es schlummert, von wenigen wissenden Mönchen insgeheim abgeschrieben und klüglich pro domo verwahrt, als Palimpsest unter irgendeinem scheinheiligen Traktat von Vergänglichkeit alles Irdischen und daherrührender Moral oder unter einer schwergelahrten Streitschrift über die Trinität.

Dieses aber war der wahre Hergang: in einer dieser Hütten am Hang, in Wiesensonne, Honigduft, Taubenbalz, ewiger Blüte und Frucht wohnten die schönen nackten Schwestern in holdseliger Dreieinigkeit, erfreueten sich ihres guten alten Goldbaums, der aus ihrem Innenhof wuchs und das Dach überzweigte – daher denn noch heut die Hausungen der Hyperboreer um ein Loch herum aufgeführt und dies Loch Mrah, Frauenplatz heißet – erfreueten sich also ihres guten alten Schatzbaumes, hießen vielleicht Kallipyge, die Schöngesäßige, Skamandreia, die Männerermüdende, und die Wohlgebuchtete, Eulimene, wurden selbst in Keuschheit und ewiger Jugend behütet vom vielscheusalköpfigen Polizeidrachenhund Ladon, molken die nie versiegende silberne Ziege Argyreia, eine Schwester der Amalthea, bewahrten güldschimmernd Korn in ihren Matamir und hatten keine Sorge.

Aber da kam eines Abends, als ferne Helios in den blauen Okeanos hinabschmolz, ein großer Schatten das liebliche Gartental heraufgestiegen, und diesem gewaltigen Schatten folgte ein Mann, der trug wie ein heimkehrender Holzknecht die Keule müde geschultert und ein Löwenvlies mit Tatzen und Mähnenkopf über der linken Achsel und war für die drei einsamen Fräulein am Fenster stattlich zu schauen in seiner nackten Muskelpracht, und blieb endlich vor der Hütte stehen, wischte sich den Schweiß von der Stirne, sah noch einmal auf die eindämmernden Abendtäler zurück und klopfte dann bescheidentlich an: »Ich bin von Eurystheus, meinem Herrn Gevatter zu Tiryns geschickt und soll fragen, ob Sie vielleicht die Hesperiden sind?« Aber da kam ihm gleich Ladon der schuppige Drachenhund zwischen die Beine gebelfert, und jener nahm bedächtig die Keule von der Schulter und schlug den lästigen Kläffer tot. Denn da er auf seiner weiten Reise durch Kaukasus, Arabia, Ägypten und Libyen so vieles schon totgeschlagen an Riesen und Untieren, Giganten und Wegelagerern, war er hoch in Übung, und es kam ihm auf einen Drachen mehr oder weniger nicht an, und daher gibt es noch heut im Rif keine Polizei.

Da war große Freude bei den drei schönen einsamen Fräulein, und sie nahmen den rüstigen Helden gastlich auf. Eulimene die Wohlgebuchtete lief gleich in den Stall, die silberne Argyreia zu melken; Skamandreia die Männerermüdende ging aus auf Suche nach Eiern, so die Meleagriden, die Perlhühner, da und dort in Spreu und Streu gelegt; Kallipyge aber die Schöngesäßige brach indes einen Matamir ein und mahlte das Goldkorn auf achatner Handmühle zu griffigem Mehl, und der reisige Recke ergötzte sich hilfreich an ihren griffigen Rundungen. Und dann war alles beisammen, ein Kuchen von hundertzwanzig Eiern ward gebacken und gefüllt mit Mus unvergänglicher Liebesäpfel, und der Halbgott Mensch setzte sich nieder zum lecker bereiteten Mahle, und die lieblichen Fräulein pflegten sein, und er mußte erzählen von seinen Taten und Fahrten, und dann begab sich allerhand, und über dreiviertel Jahr waren die drei schönen Schwestern so fröhlich und frei nimmer, und daher stammt dies Volk der Hyperboreer. –

Einer wenigstens stammte sicher in geradester Linie von Herakles ab, und das war Al' Bu Chua, der Vater des Durchgangszolles.

René hatte endlich seine Bekanntschaft gemacht, oder erneuert: – dieser Menschenbaum mit dem blondlichen Bart und den lachenden blauen Augen im braunen Gesicht, der sollte ihm eine Kugel durch den Leib geschossen haben?

Al' Bu Chua hatte einen zweijährigen Mähnenbock erlegt; es war immerhin ein Tier von vielleicht neunzig oder hundert Pfunden, aber er trug es an geschultertem Knüppel geschränkt wie ein leichtes Kaninchen oder eine kanaanitische Traube, von den steil aufragenden Läufen des Wildes, vom Stocke, von Riemen und Gürtel des Jägers hing noch ein Dutzend von Perlhühnern und Hasen, und mit all dem wanderte er spielend über die Landschaft hin wie ein talüberschreitender Riese. Er verstand kein noch so kleines Wort Arabisch, aber seine blauen Augen lachten, als Ainusch ohne viel Aufwand etwas wie eine Vorstellung mittelte.

»Al' Bu Chua sagt, du sollst ihn nicht für einen schlechten Schützen halten, weil er dich nicht genau ins Herz traf und totschoß,« dolmetschte sie harmlos; »deine linke Seite war nicht frei, und in den Kopf konnte er dich nicht schießen, weil dein Gewehr da im Wege war, und das wollte er nicht beschädigen.«

Es war ein erfrischend wahrhaftiges Volk; aber sich selbst mußte man erst noch darin üben.

»So sprich zu ihm, du Oase: ich danke, daß er etwas von mir übriggelassen hat, daß ich ihn und dich sehe und seine Kräfte bewundere.«

Es ging mit einiger Vergröberung, und der gewaltige Al' Bu Chua lachte wie ein Kind übers ganze braune Antlitz.

Da schrillte der Schrei eines Raubvogels hoch durch den Abend über der dörflichen Wiesentrift; königlich still auf golden durchflammten Schwingen ruhte der Götterbote in Blauglut des Äthers. Der Enak deutete grinsend empor, zog seinen Mausiehr mit dem freien Arm in die Schulter, erstarrte im Steilaufzielen zu Erz – der stahlharte Knall gellte, der ausgebreitete Vogel erhielt einen Stoß, schlug um, schoß mit aufsträubenden Fittichen erst schräg, dann senkrecht nieder, stürzte dumpf auf und blieb liegen; heller Flaum verwehte im Wind. Ainusch sprang hurtig zu wie ein Hund und brachte die breitklafternde Beute heran; es war der große Bartgeier; die Kugel hatte die Brust dicht unterm Halse durchbohrt; der Schuß eines Meisters.

Es gab noch ein Glück auf der Welt. Das Korn auf der Büchse dieses Menschen hatte nach dem Herzen hier innen gesucht – und noch hoffte und schlug dieses Herz und war gefüllt mit dem Blut eines neuen Bundes. Das schöne adelgrimme Geschöpf da war eingegangen zum ewigen Urlicht, in den Anfang der Dinge; würde nicht aus sich selbst wiedergeboren werden, war kein Gefangener, war still und erlöst … Wer hatte es besser?

»Bedeute Al' Bu Chua, daß seine Kugel unabänderlich und unbeirrbar ist wie der Wille des Allumfassenden. Und daß es also der Wille des Allerbarmers ist, wenn ich noch lebe und das sagen und staunen kann.«

Und der Enak war mit der Dolmetschung offenbar zufrieden. Denn er strahlte mit blauen Augen wie ein großes gelobtes Kind, löste zwei Perlhühner aus seiner Beute und hielt sie dem Opfer seiner Schießkunst ungefüg ehrlich hin.

»Er meint, du sollst sie nehmen, er schenkt sie dir, weil du selbst noch nicht auf die Jagd gehen kannst, damit du bald kräftig wirst und vielleicht doch noch zu einer Frau und starken Söhnen kommst …«

Ainusch wechselte noch weitere fremde Rede und Gegenrede mit dem Riesen, und dann lachte auch sie mit verdunkeltem Gesicht; Al' Bu Chua grinste wie nach getanem guten Werk, rückte die Last auf der Schulter ein wenig zurecht und ging weitschrittig wie ein Jote über die kleine Landschaft hinab nach dem Abendfrieden des Dorfes. – –

Diese blauen vollen Augen, dies löwenblonde Haar, den hellen Sonnenbrand der weißen Haut: wo hatte dies Volk des Propheten solche Farben her? Blau und blond war alles, was nasenbohrend und neunzehntelnackt vor den Hütten schwärmte und immer irgendwie von fern um die Wege des seltenen Gastes stand, gaffte, rannte, kratzte und floh. Kam das vom löwenblonden Löwenwürger und den Hesperiden? War auch dies eine der Großtaten des Vielgeprüften, lichtes Halbgötterblut zu den Hyperboreern verpflanzt zu haben? … Oder kam es von El Emir dem Rätselhaften, dessen der alte Maaluki nur einmal dunkle Erwähnung getan? … Wer war er überhaupt, dieser El Emir? … Ainusch wußte nicht Bescheid, und El Maaluki als Schlichter und Stammeshaupt war gerade unterwegs bei anderen Dorfgemeinden. Ainusch kannte nur den Stammesheiligen Sidi Uriach, und auch den bloß von frommem Hörensagen, und außer ihm noch den frommen Sibi Bu Hassan; der aber schlief in weißem Kuppelgrab unterm dünnen Schatten lichten Ölbaumhaines und ruhte aus von seinen Predigtwanderungen und verrichtete nur dann und wann noch ein kleines Wunder.

Es war ein lieber stiller Platz, und oft rastete der Wiedergeborene am leisen Born, der da unter den Wurzelbuchten eines alten Ölbaums als perlender Spiegel aus der Tiefe trat. Hier schwangen die karminfüßigen Tauben des Mittags sich zur Tränke ein, und das schmale linde Bächlein führte dann ihren Flaum am weißen, windschattenüberrieselten Grabkapellchen des weiland Wanderpredigers vorüber, in die goldnen Sonnenwiesen hinaus.

Wer war dieser El Emir? … Und was für Bewenden hatte es mit dem Fels der Inschrift, die keiner mehr lesen konnte? … Und mit der Sage, danach diese Blondblauen vor anderthalb Jahrtausenden in das Land gekommen? … Und wo schlummerte das Gold, das verruchte heilige Hesperidengold, zu dem doch alle Straßen von Fes und Figig, Tetuan und Oran: aus allen Winden, von allen Meeren, aus allen Wüsten und Oasen führen? … Und wo legte nun Efrem Efrus seine Gebetsriemen und Netze? … Und wo harrte Bianchas gelobter junger Leib des krummen oder strebsamen Bräutigams? … Und wie würde er selbst je herausfinden aus diesem Garten der Hesperiden, dahin ein anderer habgieriger Eurystheus, dieser erstgeborene Gevatter des armen arischen Halbgottes Herakles ihn geschickt wie einst der fromme gesalbte David den zweifellos arischen, arisch dummen Urias? … Dieser kluge und doch ewig betrogene Eurystheus, der ganze Völker mit furchtbaren Waffen ausrüstet, daß sie ihm ihre Schätze bewachen, und dann andere in eben diese Waffen hineintreibt! … Wie würde er je wieder herausfinden? …

Aber nein, er wollte nicht nachdenken. Nicht nachdenken, das war so schön. Das war das nackte reine Leben. Der alte Heilige da in seinem weißen Kuppelgrab denkt auch nicht mehr nach. Dafür verrichtet er Wunder. Das kann man vielleicht nur, wenn man das verderbliche Nachdenken sein läßt. –

Aber über irgendetwas muß der Mensch nachdenken; er kann nicht zurück zu den Glücklichen des Paradieses, die nur zwei Vorstellungen leben, Weib und Wild, Bauch, Ich; er ist kein Instrument Gottes mehr, sondern selbst schon Künstler.

Bildet sich das wenigstens ein.

Über irgendetwas muß man nachdenken. Zum Beispiel über die weiße Grabkapelle des alten Wanderpredigers. So friedlich und lieb ruht sie da im dünnen grünlichen Schattenlicht ihres kleinen Ölhaines: wie der klare silberbärtige Leichnam des Klausners, aus dessen Mund eben mit letztem Gebet die Seelentaube gen Himmel aufgeflogen. So möchte man auch dereinst schlummern; so möchte man schon bei warmen Lebzeiten wohnen, still, sauber und hell im Engen. Es stand einst ein Arkadenhaus aus Marmor, Stuck und Fayence unter den Zypressen und Platanen des Bosporus, der gelben Mittagswolke und den Burgen Asiens gegenüber; Kochlanis aus dem Nedjd stampften da in ausgekacheltem Stall; eine Rosenwasserfontäne melodierte kühlend unterm Sternenkreis heißer Sommernächte; vier auserlesene Charitinnen dienten der Liebe und den Launen der Jahreszeit. Aber siehe, man kommt auch mit weniger aus und findet schließlich Gefallen am bescheidenen Grabtempelchen eines hintermarokkanischen Heiligen, dessen Ruhm über sein Heimatstal schwerlich hinausgedrungen. Man kommt auch mit weniger aus: – und der da drin, der an der Wahrheit ist, er lehrt es.

Über irgendetwas denkt es nach in einem, von Kopf zu Herzen, von Herz zu Kopfe, ein ewiges Paternosterwerk. Hunderte solcher kalkweißer Kapellenwürfel verzieren dieses Land; an Quellen stehen sie, im Idyll der Haine, auf friedlichen Höhen und an Kreuzwegen, wie die lieben Kruzifixi, die in Reichen katholischer Poesie Straßen, Arbeit und Schicksale der kleinen Menschenkinder segnen und bewachen. Heidnisch nennen das die dummen kalten Protestanten, und dafür singt ihre liebe Christengemein' mordsmäßig falsch in die armen Ohren ihres Herrgotts, dessen Allgegenwart und Allmacht sie ohnedies auf eine Kanzleistunde wöchentlich beschränkt; heidnisch würden sie wahrscheinlich auch diese Stätten der Einfalt und Andacht schimpfen und dabei gar nicht merken, wie sie sich ins eigene Grab hinein verbohren und an ihnen der Fluch vorwitzigen Verstandes sich erfüllt. Denn der Mensch ist aus Menschenfleisch und Menschenwunsch gemacht und wird ewiglich lieber und leichter glauben an eine bunte Madonna aus Lindenholz und einen Sankt Florian oder Sankt Antonius oder Sankt Sidi Bu Hassan als an einen Herrgott von zehn bis elf Sonntagvormittags und die dürren biblischen Kundmachungen und einen Pastor mit weißem Latz, Weib und sieben fleischlichen Kindern.

Und diese kleinen weißen Totenhäuser der Heiligen heißen Kubbur, und Kubba in der Einzahl, und daher kommt die Kuppel, und Millionen sprechen es wichtigtuerisch aus und nach, und keiner denkt an des Wortes Heimat. –

Mittags kamen die Tauben, die rotfüßigen, auf lautfächelnden Schwingen zur Tränke in goldgrünem Flimmerschatten; des Abends aber kamen die Frauen, Mädchen und Mütter, das Weib.

Mit unverschleierten Gesichtern und Wünschen kamen sie, müd und nachdunstend von der Arbeit; sie alle trugen nichts als die grauverschwitzte, hochaufgeschürzte Farasia, das Hemd des Alltags, grobe Gürtung aus Resten von Mehlsacktuch, und um das Haupt den bunten Bund, das Kschar. Das war der Süden, wo der Mensch betet, wie er eben von seiner Not, von seiner Pflicht, von seinem nackten Leben her zu Gott und Glaube kommt und nicht an bestimmtem Tage zu bestimmter Stunde sich einen schwarzen Pulverturm auf den Kopf setzt, mit Gesangbuch und Gesinnung schmückt und darauf sinnt, daß er beim Empfange, bei der Matinee des Herrn Geheimrats Zebaoth gehörig bemerkt werde … Das war wie im alten fröhlichfrommen Wien, wo die weißbemehlten Jungen mit liebem warmem kipfel- oder semmel- oder paunzerl- oder beugelförmigem Täglichbrot in Körben und auf Blechen und die blanken Wäschermädeln mit blühfrischen Unterröcken auf den Tragstangen von einem Turmtor zum anderen quer und kreuz durch den riesigen Dämmerdom gehen, vor dem Geheimnis des Hochaltars ein klein wenig sich beugen und besprengen, die Früchte ihrer Arbeit, Kipfel wie Unterröcke, von allgegenwärtig allmächtiger Liebe segnen, weihen und durchdringen lassen und dann wieder hinaustreten in den hellen, strömenden Tag, seine Hoffnungen, seine Lust und Gefahr … Das war der Süden, wo der Mensch harmloser und glücklicher ist in Gebet und Gedanke und dennoch klüger, und wo er auch nicht anders stirbt und anderer Staub von ihm übrigbleibt nach weniger äußerer Ordnung und mehr Flöhen und Gemüt, nach mehr Schönheit, Geist und Freude und weniger Anstrengung.

Das weiße Grabkapellchen des Heiligen empfing sein Licht von mehreren rohvergitterten Fensterlöchern. Hier, in diesen Nischen und Gittermaschen legten die hilfesuchenden Töchter Uriachel ihre Weihegeschenke nieder. Freilich, keine silbernen oder wachsbossierten Beine und Herzen waren es wie zu Mariazell oder Alt-Ötting oder Lourdes, nicht einmal frische Brote oder Eier oder andere Früchte vom grüngoldnen Baume des Lebens; mit kleinen schmutzbunten Flicken von Kopftüchern und Gürteln, mit Hemdläppchen, ausgefallenen Zähnen und grünspanbekrusteten Patronenhülsen mußte der in Allah ruhende Sidi Bu Hassan sich begnügen, und die niedrigeren Zweige selbst der Ölbäume waren bedeckt und beblümt mit geheimnisvollen, armseligen Symbolen menschlicher Wünsche und Triebe. Aber der Wundertäter in seinem Gruftwürfel war ja unermeßlich reich, er hatte die Anschauung des ewigen Lichtes, er hatte die Gärten und Wunschmädchen des Paradieses, was brauchte er da getrieben Geschmeid und schmelzvergängliche Plastik? Auf das Herz sah er und die Nöte derer, die zu ihm kamen, und fuhr freundlich fort in seiner stillen Wohltat, und manchmal schnäbelten Täubrich und Taube auf dem Pinienapfel, der den Pol der Kuppel mit gutmütiger Anspielung schloß. –

Das Dorf hatte keine Straße, keinen Platz, keinen Zusammenhang; es bestand aus willkürlich verstreuten Gehöften und Weilern, und von seinen Bürgern und Töchtern bekam man deshalb dann und wann nur, am Brunnen, an Kreuzwegen, durch Zufall das eine oder andre Exemplar zu sehen. Die Kinder glichen einander bis zur Unkenntlichkeit; blau und blond, bohrten sie alle staunend in ihren Nasen, rudelten sie sich hinterm Fremden her, waren sie äußerst freigebig mit ihrer Blöße. Auch die Mädchen zeigten gewisse Neigung zum Kommunismus der Schönheit; René kannte ihrer nun schon einige, das war Sirma, das war Aischa, das war Kheira, aber weit über die Namen hinaus reichte der Unterschied nicht. Kheira trug ein hürnen Armband und kleine silberne Ringe in den Ohren, Aischa ein silbern Armband und hürnene Ohrringe, Sirma mußte sich mit Horn zu beiderlei Schmuck bescheiden, aber dafür mochte ihr Kschar einst leuchtend rot gewesen sein: – und sommerblaue Augen lachten aus allen diesen derbhübschen Berggesichtern, all diese warme Haut unter Bräunung von Sonne und anderweitiger Natur war eigentlich weiß, und wenn Kheira und Aischa ihr Haar auch mit angeknoteter schwarzer Halbseide um eine Elle verlängerten, so war doch der Urwuchs rechtschaffen und unleugbar blond, flächsern, rötlich oder holzbräunlich blond, als sei der neblige deutsche Norden seine Heimat und nicht dies südliche Tal dreifacher Ernte und verschwenderisch freiwilliger Frucht.

Das waren sie also, die sich so lebhaft um das Blühwerk seiner Sprache und sein körperliches Seelenheil bekümmerten! … Selig die Einfältigen: denn ihrer ist das Himmelreich schon auf Erden.

Der Gefangene bewegte sich frei, ein Hirsch in weitläufigem Gatter; so kam er auch mit den Männern zusammen, aber da sie kaum Arabisch sprachen, blieb der Meinungstausch auf Höflichkeit der Gebärden und gegenseitige Anschauung beschränkt.

Es waren große, freie, sehnighagere Gestalten, Wikinger in braunen Kapuzenmänteln, jägeräugig und goldbraun gebartet, schwertgrimmes Heldentum im Blick, Jähzorn um Brauen und Stirne, tiefe Gutmütigkeit um die Lippen. Dies Volk, wo hatte es seine Farben her, seinen Nibelungenwuchs, seine Gelenke und Knöchel, lange nicht so überrassig wie die Glieder vollblütigen Arabers oder des Mauren aus altedlem Geschlecht, dennoch klar und fest und schmalgespannt ohne jede Spur von Verschwammung oder törichter Zucht – wo hatte dies Volk das alles her, Farbe, Antlitz, Gliedrung, Umriß? … Keine Kartoffeln, keine Kohle, kein Pflaster, keine Schuhe, keine Ärzte, keine Kanzleien: Bergsonne dafür, Freispiel der Kraft, Höhenwind in Lunge und Blut, karge reine Lichtnahrung, Auslese durch Übung und Kampf, Schule des nackten Lebens – das war schon etwas. Etwas: nicht alles. Zu jedem Baume, ob verkrüppelt oder hochschäftig, in Engverbund aufgetrieben oder wildfreiwüchsig, gehört eine Wurzel. Wer waren diese Leute? Ihre Sprache klang rauh, dem Temahak der Tuareq verwandt, hart und gedrängt voll der Mitlaute.

»Wie kommt es, daß dein Großvater Arabisch und selbst Spanisch spricht, als der Einzige hier im Dorfe?«

»Er ist doch Fkih.«

»Fkih, was heißt das, du Brunnen der Klugheit?«

»Er kann schreiben und die heiligen Bücher lesen. Darum ist er auch Kaid, denn er kann mit den Städten und den Richtern des Sultans und auch mit den Spaniern beraten, wenn es notwendig ist. Aber er ist nicht der Einzige. Alkedim kann auch Arabisch und Spanisch, und sogar eine andere Sprache, die ein fremder Sultan redet.«

»Türkisch? Die Sprache des Beherrschers aller Gläubigen, des Padischah?«

Sie horchte auf. »Ich glaube. Si Hamd el Maaluki sagt, du bist auch von dort.«

»Stambul? … Willst du von mir Türkisch lernen, scheker kutußum?«

Sie lachte ihm ins Gesicht, »Was hast du gesagt?«

»Zuckerdose habe ich gesagt. Ob ich dich Türkisch lehren soll, scheftalym, kebaby tatlydschyk bademim?«

»Was sprichst du?«

»Meinen Pfirsich, meine kleinsüße geröstete Mandel habe ich dich genannt. Willst du sie lernen, diese Sprache des Beherrschers aller Gläubigen? Sie ist lieblich wie Rosenwasser, sie schmeckt wie Blüte der Akazien, in heißem Schmalz ausgebacken und mit duftendem Zucker bestreut.«

Sie klatschte auf die Schenkel. »Was du alles weißt und kannst! … Aber wozu soll ich das lernen? Du kannst doch Arabisch und wirst auch unsere Sprache bald verstehen. Und es nimmt mich doch keiner von dort zur Frau.«

»Alles Leid bleibe dir ferne! … Doch wozu hast du dann Arabisch lernen müssen? Meinetwegen?«

»Da warst du doch gar nicht hier? … Aber einer aus den Städten, ein Maure müßte mehr für mich geben als ein Rifi oder gar ein Uriachli selbst.«

»Und darauf freust du dich, du Lichtstrahl der Wahrheit?«

»Si Hamd el Maaluki sagt, Mädchen und Frauen seien genug im Stamme, Männer zu wenig. Und er braucht viele Gewehre und Patronen.«

»So wirst du also auf den Dächern von Tetuan deinen Pfefferminztee trinken; Heil dir und Friede!«

»Aber meine Mutter Fetum will es nicht; ich auch nicht.«

»Warum nicht, du Angebinde der Gnade? Die Mauren sind schöne Männer.«

»Aber nicht so schön wie du!« sagte sie ihm frei und harmlos ins Gesicht.

Dann schwieg sie. Spätsommerwind ging warm über das Gras. Früchte fielen.

Wenn sie sich nur ein klein wenig lebhafter wüsche und täte ab von sich, was zuviel an Schicht, Fremdgeziefer und unnötigem Gedünst! … Aber was wollte er sagen, er mit seinem starrenden Bart und seinem stillzehrenden Heimweh nach Seife? … Sehnsüchtig schaute er in den goldgrünen Abend hinab, das Land der Seife mit der Seele suchend. Aber die drei wackeren Uriachli mit den gelben Koffern der Erlösung kamen immer noch nicht. So: und Alkedim der Meister der Pflaster und des Schweigens war in Stambul gewesen? … Allah ist groß, und unerforschlich sind seiner Vorsehung Wege! … Und man durfte nicht undankbar sein. Man hatte ja Ainusch, man hatte eine gesunde Menschenseele, man hatte das nackte Leben.

* * *

Allabendlich fast kam eine hagere ernste Frau an die Grabkapelle des Heiligen, betete still an der weißen Mauer und brachte stets dasselbe kleine Opfer dar: eine grünspanbekrustete Patronenhülse. René beobachtete, fragte vorsichtig und erfuhr:

»Das ist Ethel. Sie betet um einen Sohn.«

»So ist sie ungesegnet, ein unfruchtbarer Acker wie ich?«

»Nein, sie hat einen Knaben; aber der gilt nicht.«

»Alle Betrübnis bleibe ihr erspart! … Ich will nicht gefragt haben.«

»Er gilt nicht, weil er noch zu klein ist.«

»Dann plage sie keine schlimmere Sorge; er wird wachsen wie andere auch.«

»Dennoch gilt er ihr nicht. Er ist ungeboren. Al' Bu Schuscha wurde von zwei Branis erschossen, und noch hat sein Blut keinen Rächer gefunden.«

»Groß ist deine Güte, du Morgenröte; aber wer ist Al' Bu Schuscha, um den meine Seele trauert?«

»Er war ihr Beschützer und Herr und der Vater ihres Knaben.«

»So mag sie frohlocken und den Allerbarmer preisen; hat sie doch ein Pfand ihres verlorenen Glückes.«

»Ich verstehe nicht, was du meinst. Wie soll sie frohlocken, da ihre Tränen ungetrocknet sind wie Al' Bu Schuscha's Blut?«

»Wer aber soll all die Trübsal dann endlich trocknen?«

Ainusch war ganz ernsthaft. »Der eben, der noch nicht als ihr Sohn gilt. Sie hält ihn hart; niemals darf er in der Hütte schlafen; er hat keinen Namen; niemand spricht mit ihm: bis er eines Tages das Gewehr nimmt, hinausgeht und den Vater rächt.«

»Aber was kann er denn dafür?«

Ainusch kaute und sog an einer ausgerauften Wiesenblume.

»Desto eher wird er es tun. Dann erst ist er wirklich geboren.« – –

Geist vom Geiste, der wirkliche Welten erobert? Geist des alten Sparta, des alten Rom, der Cimbern und Teutonen? Dieser oder der Geist von Golgatha, Geist der Wirklichkeit oder der Wahrheit, welcher bleibt endlich der Sieger? – – –

Nicht nachdenken und von gesunder Erde weg in bodenlose Wolken sich verirren: es ändert doch nichts am täuschenden Spiel der großen Wage. Einfach da sein, sich sonnen und warten, bis der Sandmann kommt. Bis Gott Vater im Himmel den Sternendeckel über der großen Spielzeugschachtel schließt – gute Nacht! …

Aber das Fleisch ist schwach und sehnt sich bisweilen nach wachsgelber Seife von Roger & Gallet und englischen Rasiermessern.

Und Abend für Abend verglomm goldgrün in den Tälern, amethysten auf letzten Höhen: und immer noch kamen sie nicht, die Boten des allbarmherzigen Gottes.

Alles Nachdenken kommt vom Warten. Warten auf Glück, Warten auf Antwort, Warten auf Erfüllung, Warten auf den Geldbriefträger: Glauben, Hoffen, Zweifeln, Verzweifeln. Das ist der Weg hinauf und hinunter, mit den beiden Endstationen: Himmel und Hölle.

Und René bemühte sich, zu lernen vom alten Wanderprediger, der da so stillgenügsam in seiner einfachen Grabkapelle schlief. Er stellte sich ihn vor Seele und Augen: ehrwürdig weiß, braunverrunzelt und tiefgeduldig, demütig und wohltätig, wie all die Marabuts aus den Sauyien, den Klöstern und Orden der Wüste. Dreißig, vierzig Jahre lang war er von Oase zu Oase, von Ksor zu Ksor gezogen, von Tafilelt nach Mdaghra, von Mdaghra nach Figig, von Figig nach El Abiod, von Abiod nach Arouat, von Arouat durch Glut und Stein südwärts zu den ketzerischen, ungläubigen Beni Mzab, von den Beni Mzab zu den Uled Bu Hammu, von den Uled Bu Hammu zu den Beni Gil, von den Beni Gil zu den Beni Dscherir, von den Beni Dscherir zu den Dui Menia: früh schon erblindet durch das heiße nackte Felsgestrahl der Hammada, Allgegenwart des Sandes und Feuerwind; unermüdlich dennoch in Gebet und Eifer und unscheinbarer Tugend. Auf bescheidenem Esel folgte er der Gafla durch Areg und Serir, Totentäler der Dünen und Flammenflimmer von Schotter und Ewigkeit; durch Höllengassen gestaffelter Wadis voll Geripp und Geier und Eisenschmelz; durch kochenden Glast der Halfawiesen und gespenstische Mondnächte, da der kleine Mensch mit seiner Fracht und Sorge selber wie auf dem Kraterboden längst versteinten Gestirnes dahinzieht …

Der Letzte war er immer an Brunnen und Schlauch, der Erste bei Wohltat und Almosen. Von zerdörrten Lippen wies er den Trunk an den Bedürftigeren zurück: sein harrten die unversieglichen Quellen des Paradieses. Hunderten, die weit in der großen Wüste vom Schlafe des Lebens zum Tode erwacht, betete er gen Aufgang hin die Eröffnende; Tausenden war er der Rufer von unsichtbaren Türmen der Einsamkeit; mit ihm, in ihm wanderte der Koran als Führer der Gläubigen durch die Schrecknis der Steine; er war das lebendige Wasser in den schmachtenden Tälern der Welt; aus seinen Tiefen quoll den Verzweifelten der getreue Strom des Trostes, der Weisheit und Verheißung; wo die anderen nach letztem Gebet noch um das Feuer von Kamelmist saßen und sich die alten Geschichten erzählten von Uled Sebeirat und Ubeirat, vom verrufenen Berge Idhinen und seinem Geisterschloß, vom gewaltigen Abd el Kader, von Gaffilen, die in der grünen Salzseife der Sebchas versunken, von Daud und Kheira, dem versteinerten Liebespaar: kauerte er still abseits unter den großen Sternen, und durch den Halbschlummer seiner Hände glitt der murmelnde Rosenkranz.

Er war unermeßlich reich, denn er war arm wie der schwärige Bettler vor dem Tore. Er war allsehend wie der Allerhaltende, denn er war blind. Er war ein Riese an Kraft, denn seine abgezehrten Arme vermochten niemand wehe zu tun. Er trug ein Panzerhemd aus undurchdringlichem Stahl, denn sein Mantel war zerschlissen und seine Brust offen unter verfaserten Lumpen. Er saß täglich satt an voller Tafel des Schwelgers, denn ihm genügten zwölf Datteln zur Nahrung, und inwendig in ihm grünten Oasen unerschöpflicher Frucht. Er hatte vieltausend Söhne, denn niemals hatte er fleischlich ein Weib berührt. Er war unsterblich, denn er hatte längst sich getötet, sein irdischer Mensch lag begraben tief im heißen Sande von El Erg, und die klingenden Dünen im Winde, Meere des Geschehens wanderten drüber hin.

Als aber auch das innere Licht in ihm dunkler ward und zu flackern begann und nur das Allinnerste noch hell brannte, fügte der Allgütige, daß sein Diener des zweiten Todes starb, auf dem Wege von El Abiodh nach den Palmengärten von El Arouat, der Zweihügligen.

Er hatte sich einer kleinen Gafla angeschlossen, die mit Goldstaub, Elfenbein und Straußenfedern von Insalah nach Algier ging. Der Gebli kam, der dunkelglutrote Sandsturm, verschüttete die Brunnen und verwischte die Straßen; und nach dem Gebli kamen die Beni Mzab, die Ungläubigen vom fünften Bekenntnis, die Ketzer, sprengten die verschmachtete Gafla, töteten, raubten, ließen den unbrauchbaren Heiligen ohne Hügel und Sure liegen und verschwanden auf hohen Meheris mantelwehend in ehern flimmernder Wüste.

So starb nun der Diener des allbarmherzigen Gottes drei ewige Feuertage, drei schaurige Sternennächte lang in versteinerter Einsamkeit, und die Dünen klangen im Klagewind, und die Geister weinten durch die Totentäler, und der Wandersand flüsterte unterm Tierkreis auf langsamem Wogenwege zum Meer, und des Heiligen letzte Dattel, daran er träumend sog, war die tiefinwendige Frucht des Gebetes, sein Trank war der Sickerquell der demütigen Zuversicht, und all sein Leben nur noch ein Entschlummern von Bewußtsein, eine Leuchte in letztinnerster dämmernder Herzzelle.

So fanden ihn am vierten Tage fromme Männer der Riata, die von Tasa her nach El Abiodh zur Sauya des Sidi Scheikh pilgerten. Erst wollten sie einen Hügel über den Toten schichten und die Eröffnerin für ihn gen Ausgang beten; aber dann entdeckten sie noch Spuren von Wärme an seinem abgezehrten Körper, und als sie seine Lippen genetzt und den Saft zerquetschter Dattel ihm eingeflößt, erwachte leiser Odem in seiner eingesunkenen Brust.

An Rosenkranz und am Schmuck der Armut erkannten sie den Marabut; sie erinnerten sich daran, wie sie selbst eines solchen bedurften, daß er die Jugend beten lehre und unterweise in der Weisheit des Koran, kehrten um und führten ihn sanft mit sich in ihre umwölkten Berge.

Nun hatten aber die Riata seit alters Fehde mit ihren mächtigen Nachbarn, den Söhnen des Sidi Uriach, den Weitgebietendsten im Rif. Das ward dem blinden Greise kund, und zu einer großen Dschama, die über Krieg und Grenzen beriet, erschien er gestützt auf zwei Männer und ermahnte seine Kinder in beweglichen Worten zu Friede und Milde. Der Same keimte, der Keim trieb Wurzel; auch Beni Uriachel hatten die Predigt der Liebe vernommen, und als es zu Verhandlungen und Austrag kam, stellten sie nur das eine Beding, daß der Meister ihnen ausgeliefert werde, damit er sie lehre und heile und in ihren grünen Hochtälern sinkenden Abends genieße. Ungern gingen die Riata auf solches Begehren ein; allein in der Blutschuld waren sie, und damit sie erlöst würden von Haß und Vergeltung, gab der Heilige selbst sich für sie hin. So kam er in die Wiesen und Dörfer der Beni Uriachel, ward allgemein geliebt und verehrt, lebte in sanftem Verlöschen noch drei Jahre, ward entrückt, und seine Seele kehrte heim zum Allerbarmer.

Das war das Leben des Sidi Bu Hassan, des Wundertäters, der nun in weißem Kuppelgrab unter schwermütigen Ölbäumen ruhte: eine Legende, gesponnen aus Bildern, Erinnerungen, Fäden verklungener Wirklichkeit. –

Eines Morgens ging René frühe schon in die schöne reine Landschaft hinaus. Weiße Friedenswolken lagen still auf kühleren Höhen der Ferne; aus den Tiefen verdampfte Tau zu Weihrauch und blendendem Sonnendunst. Es war wie irgendwo in Bergen der großen europäischen Heimat: nichts von den durchglühten Steinen, Dornen, Skorpionen und Giften des Südens. Nur die Menschen waren hier andere, stärker und besser, noch nicht angeseucht von Neugier, Nachahmung, Habgier und Aufwand fremder Gäste und Feinde aus dem Sumpf. Menschen in unschuldiger Nacktheit ihres Lebens, ohne Maske, ohne große Religion, ohne Pflichten, ohne Gespenster, frei.

Ein unvergleichlicher Gnadenhimmel, den der Tausendnamige diesem unzugänglichen Gaue geschenkt: ewigen Frühling in ewigem Sommer, ewigen Sommer mit ewigem Herbst, ewige Frucht aus ewiger Blüte, ewige Fülle in ewiger Ernte. War das nicht wahrhaft das Paradies der Hesperiden, die auch Drei gewesen in Einer, eine Dreieinigkeit ewigjunger Jahreszeiten, verschlungene Dreieinigkeit von Verheißung, Hoffnung und Erfüllung? …

Nun schoß schon das dritte Korn dieses Jahres in Ähren, sagte Ainusch; oder war es das erste? Immer noch oder schon wieder bräunten sich die süßen kleinen Feigen in riesigen Bäumen; Gärmostgeruch faulender Äpfel zog mit dem Honigduft über die immergrünen Bergwiesen; goldbraunklebrige Edelwildtrauben strotzten dem Wanderer aus jedem durchrankten Hain entgegen; Schiffsladungen von Mandeln, Nüssen, Johannisbrot verkamen unbeachtet und ungenossen und gingen zur Urmutter Erde ein. was war das für ein Land! …

Ein nordgemäßigter Süden, ein südversüßter Nord; eine Vermählung und Erfüllung aller Wünsche; eine Versöhnung aller Geister, Utopia.

Sonne mittäglicher Provinzen durchwärmte die Berge und ihre Oleandertäler, Regenschatten der Höhen milderte den Strahlenbrand; heißer Sengwind der Wüste wurde von den Wäldern aufgefangen und mit Tau durchtränkt; Nordsalzfeuchte vom Meere her ward von Luftgenien aufgesogen und weise unter all das anvertraute Leben verteilt.

Ja, hier konnte man unter Umständen sogar ein ganz leidlicher Christ werden; denn dazu gehören außer den Evangelien noch reichtragende Olivenbäume, wilde Honigwaben und die Tugenden berechtigter Sorglosigkeit. Bei siebenmonatlicher Ofenheizung und häufigen Mißernten muß das bestvorsätzliche Christentum entwürdigende Kompromisse mit anderen Weltanschauungen eingehen.

Im Grunde aber brauchte man hier erst recht kein Christentum; denn hier gab es keine Not.

Höher hinauf in und hinter den Bergen war es freilich anders – erzählte Ainusch. Dort saßen die Beni Bu Chennus und sahen so ziemlich sieben Monate lang nichts anderes als kaltgraue Wolken und geröstete Eicheln, dämpften steinaltes Brot immer wieder auf und berechtigten so zu den schönsten Hoffnungen. Und liebten wahrscheinlich dennoch ihre Heimat wie der Tuareq seine Wüste und der Eskimo seine Winternacht in Tran und Eis, und jeder Mensch seine Haut – und was dazu gehört an Sonne, Wasser oder Tätowierung. –

Langsam ging er durch frühen Wiesensonnendunst gegen die Morgenhöhen hinan. Hähne krähten, Bienen summten wie im Spätsommer heimatlicher Fruchtgärten. Heimat? … wo war Heimat? … vielleicht überall; vielleicht nirgends; vielleicht hier.

Was ist Heimat? Die zufällige Meridianlänge und Parallelbreite der Geburt, mit ein paar dazugehörigen Bäumen, Häusern und Menschen? … Also Pera, und die Zypressen und Türme des Bosporus … Oder die Schulbank mit den dazugehörigen ersten Herzensängsten, Tanzstunden, Küssen und Schwüren? … Also Wien und sein Stephansturm, seine Indianerkrapfen und die hochwürdigen Herren Patres am Schottentor, die Krieau und der tausendmädlige Walzerwald! … Oder die Muttersprache? … Also alles Volk zwischen Adria und Baltenmeer, Malmedy und Inowraclaw! … Oder ein Menschenherz? Oder ein Glaube? Oder eine Aufgabe? Oder irgendein uneingestandenes Geheimnis? Oder ein Klima, eine Farbe, ein Himmel, eine Leibspeis, eine Kultur, ein Buch, ein Adagio, ein Bett, eine Stimmung, ein Stil, eine Einbildung? … Oder die Wahrheit höchstselbst, die stille lächelnde Wahrheit des nackten Lebens? …

Er war fast frei; niemand kümmerte sich feindselig um ihn. Dennoch dachte er nicht an Flucht. Das hatte keinen Sinn. Auch nicht an die Listen und Gewalten einst gelesener Abenteuerromane. Diese Gefangenschaft war ja keine unwürdige. war weniger Gefangenschaft als irgendwelche mitteleuropäische Bürgerlichkeit. Er hatte die schönste und gesündeste Landschaft der Welt, er hatte den weiten Himmel, er hatte unendlich viel Zeit, er hatte keine Sorgen; was kann der Mensch da besseres tun als seines nackten Lebens sich freuen, wie der Allerbarmer es ihm läßt?

Eines Abends hatte er mit Ainusch oben auf dem Sattel der Wiesen gesessen, den sehnsüchtigen Blick nach Nord, dem Haupttal und seiner Markstraße gewandt: ob vielleicht der Herr der Welten sein sich erinnerte, und es kamen – insch' Allah – die drei getreuen Uriachli mit den Saumtieren und den gelben weitgereisten Koffern und den Rasiermessern und Seife und – o Vermessenheit – einem irgendwie abendländischen Hemd … Aber nichts zeigte sich, und die ermüdete Hoffnung trat von ihrem Fenster leisaufseufzend in Dämmerung zurück.

Fremde Fringillen schlugen in mütterlich stillen Obstbäumen, Tauben kreuzten, weicher Bergwind strich schwermütig durchs Gras, Schatten eines heimkehrenden Raubvogels zog über die Trift hinweg, aus fernem Duar pochte in altem dumpfem Dreschtakt das Menschenherz. Ainusch schwieg und sog an einer Blume; er schwieg und rauchte eine Zigarette von Gnaden seines Gastfeindes; beide schwiegen und ließen sich vom späten Sommer umspülen – was sollten sie sich groß sagen? …

Landschaft ist alles; gen Süd die quarzig vielfarben anschwellenden Höhen und Verschneidungen; unter sinkender Sonne drüben der weithinabklingende Berg im vielfältigen Mantel seiner Wälder und Halden; fern gen Nord in der Talkimme das sanfte Ausblauen zu Hügeln und Tiefland und einer Ahnung von Meer; hier diese köstlich luftige Wiesenhochweite mit ihrem Park von lichten Ölhainen und dem obsteingenisteten Duar in ihrem Schoß; und mitten in solchem Paradies des Schöpfers eigenstes unschuldigstes Kind, frisch vom Sechstagewerk, Fleisch von Weiberfleisch, mandelbraun in genügsamem Naturhemd, darin so mancher Vater des Sprunges – was liegt daran? …

Adel ist alles; und dieser hochspannige Fuß hatte nie Asphalt betreten, nie den hochstolligen Zwangshuf getragen, dieser Mund hatte nie über Literatur gesprochen, nie am Absinth der sogenannten Kultur genippt, diese Lunge hatte nie Kohle geatmet, dieser junge, innerlich reine Leib nie eine Kartoffel berührt – und dieser ganze Rohstoff von Holdseligkeit stammte in gerader Linie von Herakles und den Hesperiden ab: konnte man es besser haben? …

Er sah den Gebirgen zu, wie sie im Sinken der Sonne aus der Haldentiefe heraus sich beschatteten und ihre Höhen topasen, hyazinthen, amethysten erglommen. Da traf aus der Verklärung her ein spitzes Aufblenden seinen Blick, wie von gewendeter Pflugschar oder Fensterglas oder den Scherben eines Weinbergs.

Aber dort drüben, in der Dornweide der Ziegen, gab es keine Äcker mehr, Fensterscheiben nicht im ganzen Rif, mit einem Weinberg hat ein ehrlicher Muselmann nichts zu schaffen, und daß eine sterbliche Eva mit etwaigem Spiegel dort in bukolischen Freilichtstudien sich erging, hatte keine rechte Wahrscheinlichkeit.

Er zeigte Ainusch den immer wieder aus vesperlicher Fernglut aufstechenden Strahl: am Ende, hamdullillah, waren das die blanken Messingschloßplatten seiner Koffer, Und schon sah er die teure Fracht auf Saumtierrücken überm Abgrund wilder Geierschluchten hinschwanken. Aber nein –

»Unsere Wächter,« sagte Ainusch freundlich; »das sind unsere Späher, ihre Gewehre funkeln, man sieht es weit.«

»Wächter? … Späher? … habt ihr Krieg oder Blutfehde?«

»Jetzt nicht. Aber Späher müssen doch immer draußen auf Wacht sein.«

»Die stellt ihr aus?«

»Wir alle. Jede Dschara, jedes Duar, jeder Stamm.«

»Wie heißt eigentlich dieses euer Duar, du Abendröte? hat es einen Namen?«

»Das weißt du nicht? Freilich: Dar el Kaid.«

»Mein Verstand ist langsam wie die Ente zu Lande und der Adler im Wasser, du Gazelle. Erzähle mir mehr noch. Ich liebe deine Heimat, wie heißt zum Beispiel jener Berg, der letzte hinauf im Tal?«

»Das ist doch der Djebel Azrek, der Blaue.«

»Der Blaue, er sei mir gegrüßt! Und der dort, der mit der Scharte, mit dem Schatten in der Flanke?«

»Das ist doch der Djebel Lakhdar.«

»Und der drüben, der honigfarbene?«

»Was du ihnen für Namen gibst! … Das ist ja der Djebel Ksel; dort wohnen böse Geister.«

»Sie bleiben dir ferne! … Nun, und der hier vor uns, der breit wie ein alter Löwe im Abend ruht?«

»Was du alles sprichst! … Das ist doch unser Berg! Den kennst du nicht? Das ist doch der Djebel Hamam.«

Djebel Hamam, Berg der Tauben! … hatte nicht einst ein Mensch gelebt, der diesen Djebel Hamam gesucht und daran gestorben? … War das in einem früheren, behafteten Dasein? … ›Das ist doch unser Berg: der Djebel Haman‹ … Wie seltsam das klang! Wie aus längstvergessenem uraltem Lied, wie aus einem Traum … Er stand auf, ihn zu schauen mit allen Sinnen. Sein Abendschatten fiel lang über die Wiese hinab.

Das also war er. Der Berg der Fata Morgana: das also war er.

Feierlich lag er überm Frieden der Täler, von seligem Blauschmelz durchglommen wie die geheimnisvolle Einsiedlerinsel des alten Tiberius, ihr ähnlich selbst an Gestalt, ein wachender Löwe, ein verschwiegener Sarg. Das also war er, der Unnahbare, von vieltausend Gewehren, von vieltausend Herzen, von einem ganzen Volke behütet, ein Heiligtum! … Und daran sollte die Ruchgier der Kultur und ihrer schmutzigen Handlanger sich vergreifen? …

»Das also ist der Djebel Hamam! …« Sein Gedanke war Wort geworden; Ainusch sah aus ihrem Kauern zu ihn hinauf.

»So kennst du ihn also doch?«

»Ich habe von ihm gehört.«

»Er ist innen von lauterem Gold bis in den Gipfel. Manchmal sieht man es durch die Felsen schimmern, ganz deutlich. Ich habe zuerst daran gedacht; aber das sind die Gewehre unserer Männer, die ihn bewachen.«

»Wenn er wirklich aus Gold ist, tun sie wohl daran.«

Sie schwieg zu ihm hinan; er redete mit einem Male so ernst; er gab ihr gar keinen seiner tausend hübschen Namen.

»Si Hamd el Maaluki erzählt, du hast auch das Gold aus unserem Berge stehlen wollen. Darum hat Al' Bu Chua auf dich geschossen, und darum bist du hier.«

»Deine Gedanken sind schnell und gerade wie der Flug der Taube, die dort über die Wiese nach dem Ölbaumhaine streicht.«

Sie dachte eine kleine Weile nach.

»Aber warum?«

Da wandte er sich ihr zu.

»Weil ich euch nicht kannte, du Bote des Friedens. Weil ich das Gold nicht gesehen, wie es hell durch die rauhen Felsen schimmert. Darum.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Es möge dich nicht grämen, du Tochter der Wahrheit und Gerechtigkeit. Ich selbst habe ja erst angefangen, es zu wissen und zu begreifen. Aber komm, laß uns gehen; denn siehe, ich schäme mich vor jenem Berge.«

Sie sprang vor ihm her die Trift hinunter. Nun war sie sehr zufrieden. Gazelle, Abendröte, Tochter der Wahrheit und Gerechtigkeit, Bote des Friedens: – viel Neues gab es zu lernen, zu merken und zu belachen. Sirma, Aischa und Kheira werden die Augen verdrehen vor heimlichem Neid. – – –

An diesem pfirsichkühlen Morgen stattete René dem Ölbaumhain seines Heiligen einen stillen Pilgerbesuch ab.

Er war ja nun wirklich sein Heiliger geworden, dieser unbekannte Sidi Bu Hassan, der da in weißem Grabkapellenwürfel unter rotüberhangenem Sarkophag den Schlaf der Wundertäter schlief. Er hatte sein Leben wiedergeschaffen, er hatte den toten Namen beseelt, er, der Ungläubige, war vielleicht sein gläubigster, verdientester und dankbarster Verehrer in ganz Dar el Kaid.

Die frische Frühsonne schien flach durch die spärlichen Äste und das matte Laub; große Spinnennetze glitzerten überm quecksilbrigen Bach, und hinter diesem Spinnenmaßwerk, an dem von zarten blassen Schatten schräg übergitterten Gruftkirchlein stand etwas Weibliches und verrichtete sein Gebet.

Es war Ainusch.

Ainusch trug seit einigen Tagen eine Verschönerung und Verlängerung ihrer Reize, bestehend aus angeflochtenem Kunstzopf von schwarzer Halbseide. Es hob ihre Erscheinung nicht, aber das änderte wenig an der Sitte, weniger noch an ihrem Stolz, und der Wille war gut. Der Erste, dem sie ihren Zuwachs gezeigt, war ihr Pflegling gewesen, und sie klärte ihn auch gleich über den Zweck der Unternehmung auf.

»Das bedeutet, daß ich jetzt aus der Vormundschaft gelöst werden kann.«

»Der Allbefruchter erfreue dich mit sieben starken Söhnen! … Und wer ist es, der gefesselt werden soll mit dieser Kette der Wonnen?«

Sie verstand erst nach bündiger Erklärung. »Das weiß ich nicht, Hamd el Maaluki will, ein Maure aus der Stadt. Aber Fetum meine Mutter ist nicht einverstanden. Ich auch nicht.«

Das hatte sie schon einmal verkündet. Das Drama hatte seinen Kern und Keim.

Und nun stand sie dort vor dem Angesichte des milden blinden weißbärtigen Heiligen und klagte ihm ihre kleine Seelennot, und schließlich sprach sie das Amin einer unvergeßlichen Tat, sie sägte sich mit einem alten Sikkin ein spannlanges Stück von ihrem Stolze und Zopfe der Heiratsfähigkeit ab, schlang einen Knoten darein und legte diese bedeutsame Liebesgabe dem einflußreichen Diener Gottes zu Füßen.

Der Beobachter zog sich zartbehutsam zurück. Man soll Menschen in ihren heiligsten Gefühlen, bei ihren geheimsten Nöten und Entblößungen, in ihrem nackten Leben nicht stören.

Das Bild eines anderen Sommermorgens trat ihm vors Gedächtnis. Dort war ein schlummernder Leib unverhüllt gewesen: hier war es eine schlummernde Seele.

Froh und leicht auf taugewaschenen Beinen sprang Ainusch nach dem Dorfe hinab. Der Zeuge sah ihr mit stillem Innenlächeln zu. Der verkürzte Ehezopf, sonst unterm Gürtel durchgezogen, schlug im hochauffedernden Laufe. Es mußte doch etwas Bängliches sein, so ganz klein, arm, barfuß, bittstellig und schwachbehemdet vor dem Antlitz eines großen Heiligen zu stehen. –

Aber etliche Tage danach, als sie mitsammen bei den weidenden Ziegen hoch droben in der Abendwiese saßen, fragte er sie nach dem Helden seiner Legende.

»Erzähle mir, du Freude der Täler; erzähle mir von Sidi Bu Hassan, dem Wundertäter.«

»Du kennst ihn nicht? Du weißt nichts von ihm? Eure Frauen und Mädchen beten nicht zu ihm?«

»Er hat nur ein Grab und einen Leichnam, du Taube vom Djebel Hamam, und diese gehören den Auserwählten des Herrn, den Beni Uriachel. Aber gerne würde ich ihn der Frömmigkeit unserer Töchter empfehlen, auf daß sie sich bessern; darum, du Mund der Weisheit, öffne dich und sag mir Kunde von ihm.«

»So hast du nie von ihm gehört? Er ist doch berühmt! viele Weiber kommen von weither zu seiner Rauda.«

»Ihre Wünsche seien erhört; fern bleibe ihnen Betrübnis. Aber das vermehrt nur noch meine Neugier. Er war blind und weißbärtig.«

»Blind und weißbärtig?«

»Ja. Sein Augenlicht war erloschen, aber ihm brannte die inwendige Leuchte; sein Haar war gebleicht, aber ihm blühte die ewige Jugend des Paradieses.«

»Ich verstehe nicht.« Sie sah ihn in blaulachendem Staunen an. »Er war doch ein Neger!«

»Ein – Neger?«

Sie klatschte auf ihre strammen Schenkel. »Das weißt du gar nicht? Er war der Sohn eines Negers und einer aus Ghardaia. Er war sehr groß und stark, und wo er schlief, wurden Söhne geboren. Darum ist er berühmt. Darum beten wir an seinem Grabe.«

»So war er gar nicht Marabut?«

»Das weiß ich nicht; ich weiß nur das. Wir beten zu ihm um Männer und Söhne.«

Er saß in betäubtem Schweigen. Dann seufzte er auf. Die Legende löste sich auf in flimmernden Wüstenglast. Einfache Wirklichkeit siegt. Auch der Prophet hatte die Damen erfolgreich geschätzt, einen Himmel nicht des Harfenspieles, sondern der Liebesfreuden gebaut und die Offenbarungen des Koran zu beträchtlichem Teile nicht in der Einsamkeit, sondern im Frauenhause empfangen, was ist da zu machen? Das Leben will das nackte Leben, nicht den Tod. –

* * *

Von diesem Tage aber würde in Dar el Kaid gesagt und gesungen werden bis in die fernsten Geschlechter.

Stricke von Palmfaser spannten sich in offenem Dreigeviert von Baum zu Baum des Maalukischen Obstvorgartens. Und an diesen Stricken fand der überraschte Morgenwind eine Weide, wie sie ihm in diesen Bergen noch nicht geboten worden. Und an diesen Palmettoleinen wehten und flatterten Dinge, wie sie kein sterblich Auge, kein Traum des Rif noch geschaut.

Die Dorfgemeine war in Vollzahl versammelt. Es war eine Dschama aller Altersklassen und Jahrgänge. Die billigsten Stehplätze behauptete die liebe Nasenbohrjugend, von völliger Nacktheit aufwärts bis zur Schule der Exhibitionisten. Daran reihte sich das Volk der Mütter und Töchter, mit Harpen, mit Frischfladenteig an den Händen, mit allen Sinnbildern des Fleißes, der Arbeit und Frauentugend. Dahinter staffelte schwergewaffnet mit Büchsen und Flegeln das starke Geschlecht.

Die Backöfen erkalteten. Der Brotteig dörrte in der Mulde. Die Tennen waren verstummt. Pflug und Webstuhl, Spindel, Hippe, jeglich Gerät feierte. Der Feind hätte einbrechen und das ganze Land samt Djebel Hamam ohne Schuß und Streich erobern können. Und in der Mitte dieses Gevierts von starrem Staunen und Pflichtvergessenheit auf einem Feldstein saß tiefgelassen der Schuldige, der Franke, der Gefangene, hatte das Gesicht zweifingerhoch voll Schaum, sah kaum noch aus der Seifensahne heraus, und Ainusch in sonniger Hochgeschürztheit stand bei ihm und grinste stolz in die Runde, und dann mußte sie einen zwiefarbenen Lederriemen straffen, daran er sein blitzendes Schermesser auf- und niederstrich, und dann gar zu seinen Füßen niederkauern und ihm einen riesenrunden Wunderspiegel vorhalten: und nun begann er – ia wajih, o Schmach, o Schande, o Traurigkeit – anstatt des ungläubigen Haupthaars die gottgewollte Zierde der Männlichkeit abzuschaben.

Das alles vor dem Hause eines Mannes, der Scheik war, Fkih obendrein und sogar Kaid: – ein unerhörtes Ereignis.

Das weißblitzende Messer rauschte, und der Franke strich den borstengespickten Gischt gleich am Hemde seiner Spiegelhälterin ab. Davon allein schon würde man in Dar el Kaid noch nach siebenhundert Jahren erzählen.

Unruhige Gerüchte waren am Vorabende schon ausgegeben worden. Ein Knabe von elf Jahren, dessen seltner Name Mohammed oder Hammed oder Hamd in der ehrfürchtigen Überlieferung noch spätferner Geschlechter fortleben würde, hatte die Ankunft der drei Landsleute, ihrer Tragtiere und fremdartiger Last zuerst bemerkt und war von seinen Ziegen weg unter Waffengeschrei nach dem Duar gelaufen. Und wirklich: im mildverklärten Schein der Spätnachmittagssonne ritten die gelben Koffer auf gepaarten Mauleseln das goldgrüne Heimattal herauf. Die Geleitsmänner grüßten ihre Höhen mit frohen Schüssen; die Heldenschaft vor Dar el Kaid antwortete mit gleichen Stimmen, und aus diesem willkommenen Anlaß entwickelte sich ein förmliches Gefecht, ein Lab el Barud, ein Pulverspiel. In Fluten von Widerhall knatterte das Begeisterungsfeuer die Talhänge hinab, und schon vermutete René Ausbruch nachbarlicher Feindseligkeiten. Da aber zog die Flotte der weitgereisten Eingeholten stolz um die letzte Wendung, und im scheidenden Sonnenstrahl aus der Paßscharte des Djebel Hamam blitzten freudenhell die messingnen Schloßplatten. Thalatta, Thalatta! … Meer der Kultur, der Zivilisation, der Reinlichkeit! … Die Stunde der Befreiung, die Todesstunde des Bartes war gekommen! …

Und alles lebte noch, nichts war des Diebstahls gestorben. Da der klirrwuchtige Patronensack – nur gut, daß Österreich und Deutschland nicht einerlei Kalibers sind, ihr Väter der Fünfschüssigen! – da die Schkara mit Schermessern, Spiegel, Schaumbecken und Seife! … Vater Joan da Flores in der Sanka der Gold- und Silberschmiede zu Tetuan war treu wie das Gold, das man ihm dafür gab.

Die drei wackeren Uriachli hätten manches zu erzählen gehabt. Widrige Winde und Mondwechsel hatten sie lange zurückgehalten; dann hatten sie ihre Flukka mit der kostbaren Fracht gegen seeräubernde Beni Iteffk verteidigen müssen; schließlich waren zwischen ihnen und weglagernden Temsamanis scharfe Schüsse gewechselt worden. Aber niemand hörte heute auf solch alltägliche Geschichten. Denn daß die Franken, die Nsrani ihre Habe in solchen Kasten von gelbem Leder, Holz und Messing mit sich führten und daß man so etwas zu sehen, vielleicht gar zu behalten bekam, das war unerhört neu, ein Ereignis wie nicht der erbittertste Krieg und die heißeste Bergschlacht. Und die Kunde von solchem Geschehen wurde atemlosen Laufes von Hütte zu Hütte getragen, und hätte das Oberhaupt der Senussia oder der Großscherif von Uesan oder der Sultan von Fes höchstselbst für den kommenden Tag seinen Besuch in Dar el Kaid angekündigt, diese Nacht der Vorfreuden hätte auch nicht länger gewährt.

In der Dämmerung schon begannen die ersten Aufklärer gegen das Maalukische Haus vorzugehen. Aber noch rührte sich nichts. Allein der Allgerechte gibt seinen wahren Gläubigen Zeit und Geduld aus unerschöpflichem Vorrat; man konnte warten. –

René hatte den ganzen Abend lang über einer schweren Frage vergrübelt. Koffer und Kultur waren nun da, allein in diesem Hause wohnte der allgegenwärtige Vater des Sprunges; wie sollte man ihm, dem mächtigsten aller Sultane, der Weißwäsche liebt wie sein Leben, das Bürgerrecht verwehren? Und ausgepackt, ein großes Wiedersehen mußte doch gefeiert werden, nicht wahr, auch das nackte Leben braucht zuzeiten irgendeinen Höhepunkt, von dem aus man weiter über seine Wege in die Zukunft sieht …

Da trat das freundliche Heimatsbild frühlingsbewegter Wäscheleinen vor seine Erinnerung: so konnte der Vater des Sprunges für kurze Frist wenigstens um das Neuland betrogen werden, dessen er wahrscheinlich schon mit großem Auge harrte. Ainusch, du Ziel und Pforte des Daseins, gibt es bei euch Wäscheleinen? … Sie lachte ihn groß und mitglücklich an und verstand ihn nicht; das war verzeihlich. Ainusch, du Perle aller Scherifenlande, vernimm mein Wort: gibt es bei euch Stricke? … O ja, wir machen doch selbst welche und verkaufen sie auf dem Suk el Arba, Stricke aus Palmfaser! … Ausgezeichnet; Palmfaser; das ist noch etwas ganz anderes wie unser zweideutiger Meister Hanf; Ainusch, du Sure aller Suren, du Liebling aller Heiligen und Propheten, das wird gemacht; Stricke aus Palmfaser, dann soll Dar el Kaid ein Bairamfest schauen, davon die nächsten vierzig Geschlechter zehren! … Er war ganz erregt; seine Augen leuchteten; so froh hatte sie ihn noch nie gesehen. Er trat um die seltsamen gelben Lederkisten herum, befühlte und liebkoste sie von allen Seiten, rückte sie zurecht, zerrte an den Platten von gelbglänzendem Blech. Was aber bedeutete all das bunte Papier, das kreuz und quer übereinander die Flanken dieser Truhen bedeckte? … Das, du Preis der Himmel, sind Hamen der Funadik, Herbergen, in denen ich schon geschlafen habe. In Alexandria, in El Kahira, in Port Said, in Heluan, in Smyrna, in Beirut, in Al Dschir: weißt du, wo all diese Stätten der Freude liegen? … Das wußte sie nicht; doch, Al Dschir, ja; aber das ist sehr sehr weit! … Und El Kahira achtmal so weit, und Smyrna noch einmal so weit als El Kahira, und andere Städte noch einmal so weit als Smyrna! Die Welt ist groß, du Seele des Tales! … Sie dachte nach; ein Schatten zog über ihr Gesicht, über ihr armes Herz; so weither war er gekommen, so weitfort also wollte er wieder ziehen? Sidi Bu Hassan, habe ich dir nicht ein schönes Drittel meines stolzen Brautzopfes geopfert? Soll das umsonst geschehen sein? Ich würde ihm doch einen kräftigen gesunden Sohn gebären! Aber er freute sich so sehr; es lachte in seinem ganzen Gesicht; heute war er völlig genesen, nun brauchte er ihren Kusksu und sie selbst nicht mehr. Und Si Hamd el Maaluki hatte doch gesagt, daß in diesen Truhen das Loskaufgeld gebracht würde. Und sie hatte doch keine Stimme im Rat. Und sie mit sich nehmen, das wollte er nicht. Er dachte an eine andere, eine Tochter seines eigenen Volkes. Alles Übel bleibe ihm ferne; nie fehle ihm der Honig zum Brot noch der Hammeltalg zum Kusksu. Und sie freute sich an seiner hellen Freude, die ihr so schöne neue Namen geschenkt, Sure der Suren, Liebling des Propheten, Preis der Himmel. Das mußte sie Sirma, Aischa und Kheira gleich erzählen, bevor sie es wieder vergaß; und in welcher Städte Funadik er schon geschlafen; und wie weit das war; so fand sie einigen Trost.

Auch Si Hamd el Maaluki, der vor einigen Tagen zurückgekehrt, lächelte leis aus seinem blauen Auge: welch ein töricht Volk, diese Franken! … Und die alte gartenerdbraune Kahena selbst und die fleißige Fetum betrachteten scheu, aus geziemender Ferne, die Dinge, die morgen kommen sollten. Und ihnen allen war, als bedeute das den Vorabend einer unbestimmten Trauer. Der Fremde hatte ihnen niemals wehe getan, hatte ihnen manchmal bei ihrer Arbeit an Mühle und Herd freundlichstill zugelächelt, sie waren es nun schon gewohnt, ihn auf der Mastaba oder auf einem Feldstein im Garten sitzen und seine Szigara rauchen zu sehen. Er gehörte zu Dar el Kaid, wie ein zugelaufener Ziegenbock oder zugestandener Hund.

Und auch Si Hamd el Maaluki hegte hinterm grauen Barte geheime Gedanken. –

Die Frühsonne, als sie über den Honigdunst der Wiesen erwärmend hereinschien, sah Dinge, wie sie solche in diesen Bergen vorzufinden nicht gewohnt war. Über Trümmern geschlagener Heere, über einsam erkaltenden Opfern der Blutrache war sie schon aufgegangen: niemals noch über einer Vereinigung von lavendeldurchdufteten französischen Frackhemden, rotsaffianenen Schnupftuchbehältern, hintermarokkanischer Halbnacktheit, Wäscheleinen von Palmgeflecht, Pikeewesten und einer rifischen Flachhütte auf einem und demselben Punkt der irdischen Landkarte.

Ainusch, was sagst du dazu, du Rohseidene, du Battistene, du Rotsaffianene? … Käte, du Unvergeßliche, hättest du je gedacht, wo dein nie getragener Halsbindenschlauch aus Foulard und gutem Willen einst im Morgenwinde wehen würde? … Ja, Madame, der Schuß damals im herbstlichen Krähengehölz hat sozusagen einen Nachbarn bekommen – was liegt daran? … Und du lebst immer noch, du rätselhaftes Gelbgebild aus Atlas und tragischer, furcht- und mitleiderregender Geschmacklosigkeit? Verfolgst du mich durch alle Welten, du Erinnye der Liebe? Deine Stunde ist gekommen! Aus Atlas bist du, in den Atlas gehörst du, im Atlas sollst du bleiben und büßen dein Leben lang! … Ainusch, du Auserwählte unter den Berufenen, sprich, wie stünde dir das? Als Schurz? Nein, auch in der Rache soll man nicht gleich bis zum Äußersten gehen. Aber so, zum Beispiel als Kschar, als Kopftuch! Komm her; echter Seidenatlas, Ainusch; hier, gib den braunen Finger; hier fühle! Und zum Gesicht – laß ansehen – nun ja, gelb und blond und mandelbräunlich, das ist ja schlimm; aber wir sind nicht in Paris. So – soo! … Patent. Schade, daß du das nicht verstehst. Hier, der Spiegel, betrachte dich; die Lieblingsfrau des Großscherifen, wenn er eine hat, blüht so lieblich nicht im Schmuck ihrer Jugend. Du lachst? Du bist einverstanden? Ainusch, du Beherrscherin des Kusksu, diese Zier, deren Herkunft und Rang dir Allah verhülle, sie sei dein, auf ewig dein! Besseren Lohn zwar verdient deine mütterliche Fürsorge; er soll dir noch werden; dies aber nimm als erste Morgengabe huldvoll an! …

Und Ainusch war ganz Lachen vor fassungsloser Seligkeit und war ganz Staunen ob all der duftenden Buntheit, die da vor ihren blauen Sommeraugen den Tiefen der Ledertruhen entstieg, und der frische Frühwind, da er von den Bergen niederstrich, lachte und staunte mit, und allmählich lachte und staunte das ganze blaublonde Dar el Kaid.

Und dann war endlich alles den Lüften der Hesperiden geoffenbart, und es geschah, daß inmitten dieser wimpelnden Schaustellung der Franke sich ganz gelassen niedersetzte, aus einem kleinen Becken Schaum im Gesichte schlug, sein Schermesser zückte und schamlos vor allem Volk den angesehensten Teil seiner Behaarung zu entfernen begann.

»Der Franke barbiert sich! … Er barbiert sich den Bart!« … Die Kunde wurde durch Läufer verbreitet, und wer noch auf dem Felde war, ließ den Pflug in der Furche, die Garbe im Korn und kam, des nimmerwiederkehrenden Schauspiels teilhaftig zu werden.

Ainusch aber, grinsend vor halbverlegenem Stolz, hielt den Spiegel eisern fest im Rahmen ihrer jungen Hände. Zehn scharfgeladene und zielende Mausiehr hätten sie nicht irregemacht in dem, was sie für ihre Fahnenpflicht ansah. Die Splitter des ihr anvertrauten teuren Glases hätte sie mit verblutendem Leibe gedeckt wie den Geliebten. Ihr Blick schielte hin und her zwischen dem geschickten Handwerk ihres Meisters, unter dessen rauschenden Messerstrichen die Haut ganz blaß und glatt wieder zum Vorschein kam, und dem aufgestaffelten Halbkreis der Zuschauer; und hätte sie ein drittes blaues Auge gehabt, mit diesem hätte sie an der Stirne herauf nach dem neuen Kopfputz gespäht, diesem Kschar sondergleichen im ganzen Rif, an Wert und Bedeutung mindestens ebenso hoch wie die grüne Rehsa der Scherifen. Daß der Herr und Gebieter, der ja eigentlich ihr Gefangener war, die beschäumte Klinge an ihrer Hemdschulter abwischte, merkte sie gar nicht.

Hamd el Maaluki war aus dem Hause getreten und sah mit ernstem Lächeln all diesem Beginnen zu. Sind diese Franken bei all ihrer Klugheit nicht doch närrische Menschen? Mutig und vielzuvielwissend, wollen sie den Weibern gleichen, lassen lang die Behaarung des Hauptes wachsen und vertilgen dafür die Zierde der Männlichkeit! …

Aber diesem hier konnte man nicht recht feind sein.

Es war wie er einst ihm gesagt: er fing die abgeschossenen Kugeln auf und warf sie lächelnd zurück. Und mit all dem, was hier zum Vorschein gekommen, würde er sich wohl loskaufen können. Aber darauf war El Maalukis Sinn nicht gerichtet. Fremder Tand ist ein schleichendes Gift; träge Eitelkeit der Weiber kommt davon, und bei trägen und eitlen Weibern verderben die Männer. Si Hamd el Maaluki hatte es gesehen in den Städten der Mauren und gleich allen seinen Vorgängern wachte er streng darüber, daß Schmuck und Trödel nicht zu gemein werde in seinem Stamm. Frauen und Mädchen in Titaiun und Uesan und Tandscha und Melilia und die der Kbail in Al Dschir färbten ihre Nägel rot mit Hennah und ihre Brauen und Wimpern und Lider schwarz mit Khol und behängten sich dichtstrotzend mit goldschwerem Geschmeide und salbten sich mit Wohlgerüchen: aber ihre Männer waren faule Krämer geworden, saßen auf ihren Dächern, zitterten um ihre schönen Häuser und wußten sie dennoch nicht zu verteidigen … Und dann sollte dieser fremde Gefangene auch nicht nackt in seine Heimat zurückkehren von den Hütten der Ruafa. Es hieß bei den Spaniern und Franken, alle Ruafa seien Räuber. Sie waren es oft gewesen; sie konnten es immer noch sein; sie waren oft dazu gereizt und gezwungen worden; mit dem Schrecken des Raubes verteidigten sie ihre Freiheit. Dieser hier aber sollte erfahren, daß auch die Dschaffa, das Gastrecht heilig ist unter den Dächern dieser Berge. Warnen wollte er ihn vor Wiederholung seines Vorwitzes und dem Willen der Dschama ihr Recht geben, doch nicht ihn mit nackter Hilflosigkeit strafen. Denn er hatte sich mit Alkedim unterredet und wußte mehr als –

Ein heller Aufschrei, das Gelächter von ganz Dar el Kaid unterbrach seine geheimen Pläne und Gedanken.

Scheu vor seiner Gegenwart und Ehrfurcht vor seinem Hause hatte das Volksgeviert bisher weit von den Palmfaserschranken ferngehalten. Aber der junge Morgenwind dieser Berge hatte seine Launen; das vorgefundene Spielzeug hatte ihn übermütig gemacht. Nach listiger Stille blies er plötzlich mit heiterer Stoßkraft an, die französischen Battisthemden und anderweitig Linnengehäuse wurden anschaulich gebläht, ein gewisses Falbseidentuch mit Plattstichbuchstaben aber raffte er auf, trug es hoch, hielt es einen Augenblick in unsichtbarem Griff – und warf dann das Zeichen seiner Sultansgnade lässig unter die begehrlich aufgestreckten Hände, der aufjuchenden Sirma gerade übers Gesicht.

Das wäre deutlich genug gewesen. Aber auch andere hielten sich für eigentlich gemeint. Sirma kriegte ihre Not. Balgerei ballte sich. Sie verteidigte ihr Recht mit Nagel und Zahn. Aischa trug einen breiten Biß überm Handgelenk davon. Kheira blutete aus der Nase, und ihr Kschar löste sich vom wild herumpeitschenden Heiratszopf. Aber auch Sirma hatte Einbußen erlitten, und die schwersten das falbseidne Tüchlein selbst, in dessen fleißig Monogramm die unabweisbare Ellinor einst all ihre blaubandumdutzendten Gefühle gezwirnt. Das änderte wenig an Wert und Gewinn; aber nun mischte sich noch ein entschlossener Verteidiger ein, und das war Ainusch.

Sehen, was geschehen – den Spiegel hinwerfen, daß er strahlig zersprang – und sich in den Knäuel stürzen wie der Gepard unter das Neidgesindel der Schakale … Sirma hatte sich um diese Zeit mit Klauen und Kiefern durchgeschlagen; zwar nur noch einen zweiflügeligen Fetzen einstiger Falbseidenpracht hielt sie im Griff, aber auch diese Beute schleppte sie davon, wie der lahmgeworfene Straßenköter den geraubten Rinderdarm. Dahin stob ihr Lauf, verfolgt von Gejohl und Gelächter; doch wie sie in vermeinter Sicherheit sich wandte, sah sie eine schlanke Gestalt in hohem Satz über die nächste Steinwehr fliegen, und weiter floh sie mit ihrer an Stelle Helmbusches wehenden Trophäe. Zwei weißen Katzen gleich rannten sie durch das grüne Geländ der Morgenwiesen, quer die Trift, um das ganze weitverstreute Dar el Kaid herum, wie einst Hektor vor Achill am männerermüdenden Skamander. Das Gelächter aber widerhallte aus den Bergen, daß alle die Hirtengötter aus ihrem Frühschlummer aufschraken, Hunde bellten, Hühner kakelten, Hähne entrüstet krähten. Die Jagd verschwand auf ausgetretenem Brunnenpfad jenseits gegen das Tal.

So endete diese Schaustellung des nördlichen vor südlichem Abendland, und es war gut, daß die Schermesserklinge eben vorher den letzten Zug getan.

Nach einer Weile erschien hochatmend und strahlend die Siegerin, Ainusch. Sie blutete; ein Ohrläppchen mit dem eingezogenen Reif von Silberdraht war ihr durchgerissen. Aber in ihrer Hand trug sie nahezu drei Viertel des Falbseidentuches mit dem Monogramm, darein vor manchem Jahr eine nordischsittliche Jungfrau blaßblaue Liebe zum nämlichen Manne hoffnungsvoll verstichelt.

Es war hohe Zeit. Der Siegerin harrten neue Aufgaben. Den größten Kessel des Hauses sollte sie über Feuer setzen, denn der Herr und Gebieter begehrte sich in dampfheißem Wasser zu waschen. Ein unverständlicher Wunsch, aber die Franken haben immer dergleichen überraschende Torheiten im Kopf.

Lange währte es, ehe das Volk von Dar el Kaid auseinanderging. Si Hamd el Maaluki bewachte indessen die Palmleinen mit ihrer bunten leichten Last, davon der Franke einige Stücke mit sich ins Haus genommen. Von Zeit zu Zeit lauschte Ainusch gegen das Geviert des Lichthofes hinein: ja, er wusch sich wirklich, er wusch sich ganz und gar. Wozu aber wusch sich dieser Ungläubige, da er doch vorher kein Gebet gesprochen, noch eine Mahlzeit gehalten, noch irgendeine gottgefällige Handlung verrichtet? Oder wollte er von sich waschen die Sünde gegen Ihn, den Einzigen und Alleinigen, der dem Manne den Bart gegeben, daß er sich unterscheide vom Weibe?

Endlich verlief sich Dar el Kaid nach seinen Pflügen und Herden; die aber ausharrten wurden belohnt. Denn plötzlich trat ein ganz neuer und fremder Mensch aus dem Dunkel der niedrigen Hüttentür, ein schöner glatter Jüngling in lichtem leichtem Gewand. Ainusch erschrak selig bis ins aufbangende Herz hinein; ihr Mund blieb offenstehn. Das war nicht mehr ihr Pflegling, das war nicht mehr ihr Freund und Gefährte – das war einer, der vom Himmel herabgestiegen, von den Andschelusen, den Erzengeln einer, Dschebrail oder Asrail! Linnen, weißer als Winterschnee der Gipfel, trug er, einen Mantel für jedes Bein und die Dschelabba ganz kurz, kaum bis auf die Schenkel reichend; ein Tuch von leuchtender Seide schlang sich verknotet um seinen Hals, und süßer Wohlgeruch hauchte von ihm wie von den Blumen des Paradieses, denen er sie so oft verglichen. Asrail aber hielt zwischen den Kleinfingern der Linken die aufgeklappte silberne Tabaksdose, daraus er sich mit gelassener Fertigkeit seine Szigara rollte, seine Augen und Lippen lächelten wie nie, und mit ruhiger Anmut schöpfte er den Gruß des Friedens und der Ergebenheit aus Herz und Stirne erst gegen Si Hamd el Maaluki, dann gegen Großmutter Kahena und Mutter Fetum, endlich, mit besonderem Lächeln und schmelzendem Blick, gegen sie selbst.

Sie verstand nicht, was das bedeute. Sie schlug die Hände vors Gesicht und rannte blindlings ins Haus. –

Der Morgen, der diesem Tag folgte, glich in etwas der heiligen Osterfrühe.

Zukünftige Frauen und Mütter zwar noch waren es, die zeitig in der Dämmerung heimlich hinausgingen zu verborgenem gutem Werk, und all ihre Spezerei war, was sie an blaugeäderter Seife hatten irgend auftreiben oder entleihen können. Allein bei ärmlichen Mitteln führte fromme Absicht sie zu den reinigenden Fluten der Wahrheit, gegebenem hohen Beispiel folgten sie, und selbst da sie sich trafen und einander erkannten, freueten sie sich nach überwundenem Mißtrauen in Lachen und Frieden der einträchtigen Arbeit. Und hatte der kleinhelle Bergbach und hatten die Abwässer der Brunnen nie noch soviel Soda mit blasigem Schaume zutal in den großen Kreislauf der Dinge und durch Felsgeröll hinaus gegen das mütterlich allverstehende Meer geführt wie an diesem Spätsommermorgen.

Eine aber war unter den Schwestern, die suchte ihren begrabenen Heiland, den Heiland im blutigen Mantel. Denn vor dem Auferstandenen bangte ihr, und sie fürchtete um ihn. –

* * *

Der aber, dem dies alles galt, hatte um diese Zeit schon ernste Beschlüsse hinter sich. Nun war er rasiert; nun trug er noch einmal ein frischkühles Hemd und seidene Socken; nun stand er gewaschen und duftend auf seinem eigenen Boden; nun war er verhandlungsfähig; nun konnte er sein Angebot machen.

Also neunzehntausendsiebenhundert Franken waren es, alles in allem; er hatte die Ziffer selbst nicht mehr genau gewußt. Wenn er das hingab, blieb ihm nichts als das bißchen äußerer Mensch, die Freiheit, das nackte Leben – und ein sogenanntes Reich der unbegrenzten Möglichkeiten.

Dreitausendsiebenhundert Franken behielt er für sich, auf Gut oder Bös oder umgekehrt, zu neuem Anfang, zu standesmäßigem Ende, als Sterbekasse. Sechzehntausend bot er für seine Freiheit. Freiheit? Sogenannte Freiheit. Man kann alles anders sehen. Nun wurde es am Ende doch wieder irgendeine Jüdin. Mußte ja nicht gerade eine Tochter Israel sein. Geld allein genügt zum Juden. Der Mensch wird jüdisch durchs Geld. In der Bundeslade erliegt das Konto. Darüber ließe sich viel sagen. Aber jetzt hatte er keine Zeit dazu. Ein Hauf Geld und ein dickes Habenbuch mit zwangsläufiger Liebe zu irgendeinem Stück Weiberfleisch. Sechzehntausend Franken also. Es waren Briefe verschiedener Kredite. Si Hamd el Maaluki sah sich das Papier, das Geld vorstellen sollte, mißtrauisch an.

»Was wollen wir damit? Ich kann das nicht lesen.«

René erklärte. Aber der Alte blieb fest bei seinem ruhigen Argwohn.

»Wir brauchen wirkliches Geld, hartes Geld, das man fühlt und hat. Was ist Papier? Ihr Franken macht alles mit dem Papier. Ihr glaubt daran; wir nicht. Ihr seid Knechte des Papiers. Darum seid ihr blind und taub. Wenn Chamasia oder Mausiehr auf einem Papiere geschrieben steht, kannst du damit schießen? Ein gegebenes Wort ist mehr als Papier. Das Papier kommt vom Jahudi. Gib wirkliches Geld, soviel als dieses Papier wert sein soll. Wir können nicht lesen und rechnen. Wir sind freie Ruafa, nicht Franken oder Jahudis.«

René erklärte noch einmal, vergebens. Der Alte blieb bei seiner Entscheidung. Er hatte ja recht in seiner weisen Einfalt. Wie sollten diese Leute Kredit flüssig machen und wo? Der Jude in Tetuan oder Melilia kniff und feilte und riß ihnen elf Zwölftel davon ab. Und in Tanger stießen sie auf die Behörden.

Das war mit keinem Mittel zu machen. Was sollte geschehen? Si Hamd el Maaluki übernahm die Führung der Verhandlungen.

»Geld ist nicht alles, was wir von dir verlangen. Von deinen Schätzen der Eitelkeit« – er wies mit ernstem Lächeln nach der weißbunten Beflaggung des Gehöftes, die leiser jetzt im warmen Mittagswinde schwankte – »von allen diesen Dingen, die dir wertvoll scheinen und sind, begehren wir nichts. Du magst davon verschenken, was du entbehren kannst; doch sei nicht allzu freigebig, wenn du willst, daß wir Männer deiner nicht als eines Gefangenen, sondern wie eines Freundes gedenken. Seide und Wohlgerüche verderben die Herzen; allzuviel davon schon zeigen die Jahudis auf den Märkten, und vielleicht wissen sie, was sie damit tun. Waffen und Arbeit sind uns wichtiger als farbiger Tand, der verschleißt und Gier und Gift in den Herzen zurückläßt. Weh der Freiheit, wo die Weiber mit Gewand und Geschmeide sich brüsten! Siehe die Mauren in den Städten: Krämer und Schreiber sind sie geworden gleich den Jahudis, und ihr Schwert ist eingerostet in seine Scheide. Ja, sie sind reicher als wir in unseren Bergen; deshalb auch würde ich Ainusch mein Enkelkind einem Mauren vermählen, denn wir bedürfen der Waffen und Patronen zum Schutze unserer Freiheit und Heimat. Reicher sind sie als wir, sie essen täglich Fleisch und kleiden sich in kostbare Stoffe: aber sind sie darum glücklicher? Können sie sich noch wehren gegen Spanier und Franken und Inglisi und alle, die ihr Land besitzen, teilen und rauben wollen? Wie lange dauert es noch, und sie sind Knechte, wie ihr Knechte seid des Jahudi und des Papiers! Und sind die Weiber in Austrija und den Ländern, deren Namen ich nicht kenne, auch schon stolz mehr auf Tracht und Schmuck denn auf starke tapfere Söhne, dann gleichet ihr dem Baume, der im Frühjahr zwar reich und stolz blühet, im Sommer aber bringt er nur geringe und herbe Frucht; er wird umgehauen, man wärmt sich die Hände an seinem Brande und pflanzt einen besseren.« El Maaluki sprach heute seltsam feierlich und in seiner harten Mundart selbst gewählt. »Daran dachte ich, als ich deinen bunten Tand sah und wie du dich seiner freutest. Mir gilt meine alte Dschelabba hier mehr; sie hat viel Feuer gesehen. Ein Mann in zerlumpter Dschelabba ist mehr wert als ein Weib in Seide und Gold; und hundert Helden in zerrissenen Dschelelbis sind mehr Volkes als hundertmal Tausend, deren Mäntel neu und deren Herzen zerlumpt und zerrissen sind. Du aber bist ein Mann; darum wäre es schade um dich.« El Maaluki brach ab und begann wie an anderer Stelle von neuem. »Doch nicht davon wollen wir sprechen; sondern davon, wie du dich loskaufen sollst. Nicht mit solchem Papier, das täuscht und lügt: mit hartem reinem Gelde. Aber nicht Geld allein ist es, was wir verlangen. Ich habe es schon gesagt. Ich verlange mehr, und gibst du das, so wird alles andere für dich leichter werden.«

René hatte höflich zugehört. Sie saßen in stiller Fruchtwärme vor der Hütte, unterm weitausschattenden Feigenbaum.

»Deine Rede, o Kaid, ist weise wie deine Jahres; sie sollte unseren Völkern in Stein gemeißelt und in die Herzen gegraben werden. Doch was ist es, was du verlangst?«

El Maaluki sah seinen Gefangenen aus blauem wissendem Auge ernsthaft an.

»Die Wahrheit.«

»Wahrheit? … Was ist Wahrheit, o Kaid?« René warf seine Szigara weg und zog seine Knie hoch unter umschränkenden Händen. »Schon einmal habe ich dich das gefragt. Wer will sich vermessen, die wahre Wahrheit zu erkennen?«

»Das sind Ausreden; so mag Papier sprechen, der Mund darf es nicht. Es gibt eine Wahrheit des Mannes. – Wie kamst du zu uns, in dieses Land, in diese Berge, in den Uad Soda, wo dich die Kugel anhielt?«

René sah kurz und herrisch auf.

»Wie, wenn ich dir darauf antwortete: es gibt eine Wahrheit, es gibt aber auch ein Schweigen des Mannes.«

»Ich würde es achten, aber es macht die Dinge schwerer und schlimmer für dich.«

»Beschließe alles nach deinem Gutdünken, o Kaid. Ich bin in deiner Hand.«

Si Hamd el Maaluki blieb ganz ruhig; er stopfte seine Sibsi mit dem Fingerhütlein voll Kif.

»Dennoch weiß ich, was du verschweigst. Ich brauche die Wahrheit gar nicht erst, denn ich habe sie.«

»So hat Allah deine Gedanken erleuchtet und dir geholfen.«

»Allah der Allerbarmer durch den Mund eines anderen. Du schweigst, um einen Verräter nicht zu verraten. Du bist ein ganzer Mann. Darum bin ich nicht zornig auf dich.«

»Der Allgütige schütze die Wage deiner Gerechtigkeit.«

»Er hat es getan; du siehst. Oder« – El Maaluki machte eine abwartende Pause, während er den angebrannten Kif in helle Glut zog – »oder schweigst du nur, weil du das Gold des Djebel Hamam nicht aufgeben willst? Du wirst es niemals finden.«

René lächelte.

»Groß ist die Schnelligkeit deiner Gedanken, o Kaid. Aber sei beruhigt darüber: ich habe es gefunden, dieses Gold, ich suche es nicht mehr.«

»Was meinst du damit? Das kann nicht sein!«

»Ich habe das Gold deines Volkes gefunden, o Si Hamd el Maaluki. Und das ist mehr, als wenn der Djebel Hamam bis in den Gipfel hinauf mit geschmolzenem Golde gefüllt wäre wie ein Matamir mit Korn.«

»Ich verstehe dich nicht. Sprich wie ein Mann zum Manne.«

»So will ich es dir anders sagen, o Kaid. Ich suchte Gold – und habe ein Volk gefunden, dem ich auch nicht ein Gerstenkorn wegnehmen würde. Nicht ein Stäubchen, das man mir nicht freiwillig gibt.«

El Maaluki, den grauen Kopf über die qualmende Sibsi gesenkt, dachte nach.

»Euch Franken und Jahudis ist nicht aufs Wort zu trauen. Ihr sprecht wie Papier, ihr haltet heimlich doch zusammen. Meinst du das aufrichtig?«

»Du kannst es prüfen, o Kaid. Ich weiß jetzt, wo der Djebel Hamam liegt, ich kenne sein Geheimnis. Hast du auch jenes Papier verbrannt, seine Schrift steht doch geschrieben in meinem Kopfe und in meinem Herzen. Unsere klugen Männer würden das Gold des Berges finden, und ruhte es dreihundert Klafter tief im Gestein. Und unsere Heere, o Si Hamd el Maaluki, würden euch mit Eisen und Feuer überschwemmen wie Heuschrecken mit ihrem Fraß die Ernte; sie zählen nach tausendmal Tausenden, nach Millionen, und würden auch viele fallen durch eure sicheren Kugeln, würden noch so viele verderben an eurer Tapferkeit, schließlich müßtet doch ihr erliegen und würdet aufgerieben bis zum letzten Mann und ausgelöscht aus den Namen und Geschlechtern der Erde.«

El Maaluki strich verhalten den Bart. »Weißt du auch, was du da sprichst? Weißt du, daß du sehr kühn bist?«

»Ich weiß es. Ich zeige euch die Gefahr. Eigentlich solltet ihr mich unschädlich machen. Töten.«

»Ich verstehe.« El Maaluki spie wie bekräftigend den bräunlichen Kifsaft in den Staub. »Du könntest auch anders reden. Hegtest du böse Absicht, so schwiegest du. Wären wir nicht Feinde, wir könnten Freunde sein.«

Der Franke lächelte in überlegener Ruhe. »Und warum sind wir Feinde, o Kaid? Ist es notwendig?«

»Ja, warum? Der Jahudi ist schuld. Bekenne die Wahrheit!«

»Wozu, da du sie selbst doch weißt, o Si Hamd el Maaluki?«

El Maaluki stand auf. »Ich will dir etwas sagen. Wenn ich dir Einen bringe, der dir die Wahrheit vors Gesicht hält, wirst du auch dann noch leugnen?«

»Ich leugne nicht, o Kaid; aber ich bin kein Weib und kein Verräter.«

»Besser, du wärst ein Verräter, als du ließest dich verraten! … Gut; du sollst das Antlitz eines Mannes sehen, dessen Name du kennst. Er mag dir die Zunge lösen.«

El Maaluki ging; René rauchte ruhig eine frische Zigarette der Erwägung. Wo war Efrem Efrus? Die Dolche dieses Landes hatten lange Klingen. Er wollte Madame nicht eine zweite Nacht zu einem Sukkeß der Trauer und des Schreckens bereiten. Wie aber fand er je wieder heraus aus diesen gastlichen Bergen? Das war eigentlich gleichgültig.

EI Maaluki kehrte zurück; der mit ihm kam, war der schweigsame weißbärtige Alkedim. René hatte es zum voraus gewußt. Dieses Volk, wo hatte es seine Farben her, diese Gesichter aus fernfrüher, nebelumsponnener Zeit?

El Maaluki stellte vor. »Weißt du, wer das ist?«

»Wie sollte ich es nicht wissen? Es ist Alkedim, der Vater des Pflasters und des Honigs, der mich geheilt und durch die Hand deines Enkelkindes gespeist hat. Allah der Tausendnamige wird ihm die Wohltat auch an einem Ungläubigen vergelten.«

El Maaluki lächelte befriedigt.

»Du sagst ganz richtig, wer das jetzt ist. Es ist Alkedim, auf dessen Rat wir alle hören; denn wer selten spricht, der verkündet Weisheit. – Aber ahnst du auch, wer das einst war?«

René sah gelassen und freundlich zu den beiden Alten auf.

»Wie sollte ich nicht, o Kaid? Der da vor mir stehet, war einst kein andrer als Abhadid, der Diener des Eisens, genannt El Fahhad, der Gepard, der von einmal gefundener und angefallener Spur nicht abließ, bis er sein Opfer geschlagen: und führte die Fährte auch aus diesen Bergen bis nach Stambul, der Stadt des Beherrschers aller Gläubigen.«

* * *

Es währte einige Zeit, bis sich alles aus dem Staunen herausgefunden.

»Woher errätst du das?« fragte El Maaluki. »Bist du allwissend?«

»Ich habe einen Kopf und hier nichts anderes zu tun, als mit diesem Kopfe nachzudenken, o Kaid.«

»Euer fränkisches Nachdenken ist furchtbar! … Wie kamst du darauf?«

»Du selbst hattest mir den Namen genannt, o Kaid. Ich wußte ihn vorher nicht. Du fragtest mich auch, ob ich Herkunft und Aufenthalt dessen kenne, der einst Abhadid el Fahhad geheißen. Da ahnte mir schon mehr. Und dann erzählte mir dein Enkelkind Ainusch, Alkedim sei vor vielen Jahren einst in Konstantinopel gewesen und verstehe die Sprache des Padischah.«

»Es sind immer die Zungen der Weiber,« grollte El Maaluki, »und nun bekenne: woher hast du Kunde, daß einer von uns einmal in jener Stadt Aufenthalt genommen hat?«

»Wenn du das noch fragst, wozu dann hast du mir Alkedim oder Abhadid el Fahhad vor Augen gestellt, o Kaid?«

Da begann El Fahhad selbst. Seine Stimme war tief und schön, erzklar und furchtlos.

»Sage lieber: weißt du, wer der Mensch war, in dessen Herzen ich damals vor sechsundzwanzig Jahren meinen Sikkin stecken ließ?«

»Ich weiß es. Es war José Costa, ein Jahudi aus Titaiun.«

»Ein Jahudi, ein Dieb und schlimmeres noch! … Wo ist die Schrift, die ich ihm verpfändet und die er mir gestohlen?«

»Frage Allah; er lenkt die Wege der Menschen.«

Die beiden Alten wechselten Blicke. El Fahhad hob die Hand und ließ sie wieder fallen.

»Es ist wahr: er kann es nicht sagen. – – Hast du die Schrift gesehen?«

»Wäre ich sonst hier?«

»Hast du sie also gelesen?«

»Wäre ich sonst hier?«

»Das konntest du?«

»Allah hat es zugelassen.«

»Besitzest du sie?«

»So wie jeder Gläubige die Fatha besitzt, die Eröffnerin. In Kopf und Herz, nicht in Tinte und Papier.«

»Wer dann besitzt die Schrift selbst?«

»Kann ich es wissen? Menschen sind sterblich, Papiere verbrennlich, Absichten Sterblicher wandelbar.«

»Wie kam jener andere Jahudi dazu?«

»Ich war nicht zugegen; und die Menschen lügen.«

»Hältst du mich für einen Mörder?«

»Was kann dir daran liegen? … Mörder sind wir alle, die wir Menschen von gleichem Fleisch und Blute sind. Seit den Tagen der Beni Adam leben wir in ewiger Blutrache.«

El Fahhad sah still an sich herab, als wartete er auf Antwort einer inneren Stimme. In seinem verschwiegenen Bronzegesicht zuckte keine der hundert Runzeln. Dann setzte auch er sich in den gründlich durchspiegelten Schatten des Feigenbaumes.

»Weißt du denn, was für Bewenden es hat mit jener verlorenen Schrift?« begann El Maaluki.

»Es wurden mir Dinge gesagt, die wahr sein können, aber nicht wahr sein müssen.«

»Kanntest du denn die Zeichen?«

»Es war Tefinaq: die Zeichenschrift der Tuareq.«

Die beiden Alten tauschten einen Blick.

»Kannst du dir denken, weshalb die Schrift in Tefinaq abgefaßt war?«

»Sie sollte nicht jedem lesbar sein. Tefinaq bereitet selbst dem Kundigen Schwierigkeiten. Es ist eine Schrift der hundert Wege, wie El Areg, die Wüste der Wanderdünen.«

»Wenn du das weißt, so mußt du auch wissen, daß sie nicht durch ehrlichen Handel in die Hände der Jahudis kam.«

»Durch Verpfändung, meine ich?«

»Ja, Verpfändung, aber welch eine! El Fahhad möge es dir sagen, wenn er will.«

Der alte Fahhad sah aus herbstlicher Mittagsstille auf; seine magere Hand zog eine Ausebnung durch die warme Luft.

»Unheil ist immer zuhanden, es schläft nur: Fluch dem, der es weckt! Laßt Vergangenes vergangen sein; bittet lieber Allah, daß seine Weisheit das Kommende zum Guten wende. Was nützt es, von Dingen zu reden, die nicht mehr zu ändern sind? Jedes Blatt erreicht die Erde, und sei der Baum noch so hoch; jede Rache wird einmal begraben, sei sie noch so alt und heilig; jeder Weg hat irgendwo ein Ziel, und führte er durch die Wüste und über das weite Meer. Was gelten Worte, wo Taten reden? … Es war vorzeiten Goldes viel in diesem Lande; aber Gold verdirbt den Mann, denn wer kaufen kann, verlernt zu kämpfen. Laß Schätze in der Erde; denn hebst du sie, sie tragen Unfrieden und Unzufriedenheit in deine Hütte. So war es mit den Geschlechtern und Völkern unserer Heimat: uneins untereinander wurden sie über dem Golde, und über Neid und Nachbar vergaßen sie den fremden Feind. Darum ward das Gold von wenigen Söhnen der Weisheit geraubt und geborgen; Blut floß dabei, wie wenn ein krankes Glied vom Leibe geschnitten wird, aber besser ists, ein böses Auge werde mit Gewalt ausgerissen und ein Haus zwischen zwei Erben verbrannt, als daß ein ganzer Mensch und ein Volk daran verdürbe.«

»Dies ist die alte Sage; wir wissen nicht, wieviel davon wahr ist und wieviel ersonnen. Aber sie hat sich erhalten bis auf unsere Zeit, und daher stammt die Rache zwischen den Söhnen Uriachel und den Nachbarn, Temsaman und Beni Bu Jahia und Taferlit und Riata. Sie alle waren Brüder und Kinder eines Vaters, des großen Kaid Qezr er Rih. Jeder begehrte den Schatz für sich allein, deshalb ward er ihnen genommen und tief im Berge vergraben. Das ist die alte Sage; sie steht gehauen in den Fels der Inschrift, aber niemand vermag die Zeichen zu lesen.«

El Fahhad spie gelassen in den Staub und sank auf den Fersen in sich zusammen, als habe er nun alles gesagt.

Qezr er Rih? … Seltsamer Name. Sturmburg, Turm der Winde konnte das ebenfalls heißen. Ein Name immerhin, etwas Haltbares im Nebelgespinst der Überlieferung … Aber nach einiger Zeit fuhr der alte Gepard von selbst fort:

»Das ist die Sage. Seit jener Zeit sind wir arm. Das Gold wurde genommen, daß wir nicht dran Schaden erlitten. Und besser ists, arm, fröhlich und tapfer zu sein im Eisen, als reich, krank und feig in schimmernden Schätzen.

»Es heißt, es gibt eine Schrift, darin verzeichnet steht der Weg zum vergrabenen Horte und der Platz, wo die Weisen unsres Volkes vorzeiten ihn in den Berg versenkt haben. Einer von ihnen hätte sich in ein furchtbares Tier verwandelt, in eine Schlange, eine riesige eiserne Eidechse, die Feuer speit; so bewacht er die Stätte, das Grab des Goldes, kein Mensch kann eindringen in seinen versengenden Atem, und wenn er den Rachen auftut und im Zorne Flammen bläst, dann braust der glutrote Gebli über die Wüste, der brennende Sandsturm, der die Wege verlöscht, die Brunnen verschüttet und den Wanderer begräbt. Früher war alles Land von Timbuktu bis Al Dschir ein einziger großer Palmengarten, und das lebendige Wasser strömte überall aus tausend Quellen; heut ist da die Hammada, El Areg, wo Geier und Gerippe die Straße durch die Dünentäler weisen, und El Tanescruft, die Hölle aus glühendem Stein und Scherben.«

EI Fahhad spie wieder vor sich hin. »Es gibt da oben in unseren Bergen einen Ort, der wird genannt Mkabar esch Schörfa, Friedhof der Edlen. Man findet dort viele Gebeine und Schädel – es heißt, von den Helden, die den Hort suchten und umgekommen sind im Feuerhauch des Drachen … Ich weiß es nicht …« El Fahhad spuckte unverwandt vor sich hin … »Denn es geht auch die Sage von einer großen Schlacht. Da wurde unser Kaid El Emir von einem anderen Kaid namens Bu al Zar besiegt, und viele der Unsrigen fielen im Kampfe.«

René hörte gespannt zu; mehr als das Gold des Djebel Hamam, mehr als jene verschollene Schrift, mehr selbst als sein eigenes Schicksal interessierte ihn dieser rätselhafte, aus Dünsten ferner Vergangenheit immer noch herüberdämmernde El Emir. Durch ihn kam irgendwie System, kam Geschichte ins Halbdunkel der Mär; wer war das? … Und dann die Erzählung vom flammenspeienden Schatzdrachen; der Wächter der Hesperiden und ihres goldgrünen Lebensbaumes? … War das möglich?

El Maaluki saß still in seinen Bart vergrübelt; der alte Gepard hatte die scharfen blauen Augen geschlossen wie ein in der Sonne schlummerndes Raubtier. Dann, nach langem Sinnen und inwendigem Horchen, zog er wieder seinen gleichsam ausebnenden Strich durch die Luft.

»Jene Schrift ist verschwunden, kein Lebender, keiner der Großväter, keiner der Großvätersahnen hat sie je gesehen. Maalesch, es schadet nichts! … Wir haben, was wir brauchen; wer aber mehr hat, denn er bedarf, der ist nicht Herr mehr, sondern Sklave! … Es gibt Schriften, die für Töchter jener verschollenen Mutter gelten; ich weiß es nicht. Du hast ihrer eine in Händen gehalten; sie sind in fremden alten Geheimzeichen abgefaßt; die Eingeweihten nur können sie lesen. Wie, daß es dir gegeben war?«

»Es sind die Zeichen, deren sich die Kundigen der Tuareq noch heute bedienen. In Al Dschir gibt es Felsen und Grabsteine, die mit solchen Zeichen über und über bedeckt sind.«

El Fahhad schloß die Lider wie in schwermütiger Mißbilligung.

»Ihr Franken seid ein Volk von Hyänen. Alles wendet ihr um und um und durchwühlt ihr, Gräber selbst und Tote! … Wozu? … Lebt ihr länger mit aller eurer Weisheit und Neugier als andre Menschen? … Könnt ihr mit hinübernehmen zum Allerbarmer, wonach ihr Zeit eures kurzen Lebens gescharrt? … Meinet ihr, der Allbarmherzige wird euch richten nach eurer eitlen Klugheit oder nach euren Taten? … Seid ihr glücklich? … Glücklicher als wir in unseren Hütten? … Wäret ihr nicht so schädlich als Räuber und Diebe und Bringer des Unfriedens, einen Verständigen könnte eurer jammern!«

»Allah entzünde in dir das Licht der Milde, o Fahhad! … Noch sind wir Schüler; seit wann mißt man den Lernenden nach dem Meister?«

»Meister ist keiner, als der zum anderen Leben erwacht ist; der Gestorbne erst kennt aller Dinge Grund durch den Allerschaffenden. Aber wahr sagst du das Eine: wie vorwitzige Kinder seid ihr, die mit offenem Feuer unterm Strohdach und mit geladnen Gewehren spielen. Ich will nicht mit dir rechten; das Unglück bleibe bei euch!« Der Alte spuckte dattelbraun aus, wie um drohende Gefahr zu bannen. »Das geht uns nichts an, was ihr über euch selber bringt; ihr mögt eure Berge untergraben, daß sie über euch zusammenstürzen, und die Matamir eurer Häuser mit Schießpulver füllen statt mit Korn. Aber ebensowenig gehen die Völker anderer Länder und die Länder anderer Völker euch etwas an. Der Allerbarmer gab euch das Eure; seht zu! – Ich will deine Neugier befriedigen, damit du lernst. Du hast jene Tochter der verlorenen Mutterschrift gesehen und entziffert, was hast du daraus erfahren?«

»Daß es einen Paß des Blutgeldes gibt, einen Brunnen des Sieges, einen Friedhof der Edlen, einen Vater und eine Mutter und ein Haus des gelben Herrn.«

El Fahhad antwortete mit einem Zeichen der Befriedigung. »Und weißt du auch, wer der Vater ist und wer die Mutter?«

»Es steht geschrieben: ein einsamer Berg, der Vater, und eine Schlucht, die Mutter. Es sind also Namen.«

»Namen, ja, für die Zeit der Irdischen; aber kennst du nicht ihren Sinn?«

»Es läßt sich manches dabei denken, o Fahhad; belehre mich.«

»Ich will es tun, damit du sehend werdest. Der Vater, das ist nach alter Lehre der lichte Himmel; die Mutter, das ist die dunkle Erde. Aus der Vermählung beider aber wird das Gold geboren, das Licht vom Himmel ist und dennoch Stein von der Erde: dem Erkennenden ein Bote und Sohn des ewigheiligen Sonnenfeuers, dem Blinden nichts als kaltes Metall.«

»Ich verstehe, o Fahhad; tief wie ein Brunnen der Oase ist eure Weisheit; führe mich weiter! … Dann hat es mit Hain und Grab des Friedens, mit dem Brunnen des Sieges, mit dem Paß des Blutgeldes, mit dem Tale des weißen und des schwarzen Wassers wahrscheinlich gleiche Bewandtnis?«

»Du errätst es. Der Bach des weißen Wassers kommt her aus dem hellen Haine des Friedens; es ist ein Ölbaumwald hier drunten in unseren Wiesen, du kannst ihn besuchen, er trägt diesen Namen seit vierzig Geschlechtern, die Bäume sind alt wie die Berge, es heißt, sie stammen noch aus den Tagen unseres Kaid El Emir. Wer aber das Gold sucht, der verläßt das Tal des Friedens und seine Flur; er muß zur Linken steil hinansteigen in die schwarze Schlucht, in den Uad Soda, wo dich die Kugel traf.

»Du hast gelesen vom Fels der Inschriften; du sollst ihn sehen. Du hast dann gelesen vom Grabe des Friedens: auf dem Wege zum Golde liegt der Friede begraben. Wer diesen Weg wählt, der muß durch den Engpaß des Blutgeldes: du hast es aus eigenem Leibe bezahlt. Droben aber ist das Land der Wolken und Abgründe; im Nebel verlieren sich die Wege, und nur der aus dem Brunnen des Sieges geschöpft, der ist gefeit gegen den giftigen Atem des großen Drachen und gegen die Geister der Tiefe, die seinen Schritt umlauern, den schmalen Pfad in Nacht und Dünste hüllen und mit täuschenden Stimmen rufen, daß er stürzt und seine Gebeine unbestattet in der Einsamkeit vermodern.«

Der Alte spuckte aus und schloß wieder die Augen; René schwieg ehrfürchtig. Dann aber wagte er die letzte Frage:

»Und das Haus des gelben Herrn?«

»Ich wußte, daß du darauf wartetest,« versetzte El Fahhad gelassen; »ich ließ dich warten, daß dein Herz spreche. Es geht die Sage, der Djebel Hamam sei ganz durchschmolzen von feurigem Golde. Das ist nicht wahr; und gut so, daß es nicht wahr ist. Das Gold, das wir besitzen und dessen wir bisweilen bedürfen, müssen wir in harter Arbeit gewinnen, wie das Brot, das wir essen, wie den Mantel, den wir weben. Aus dem Sande einiger Bäche müssen wir es waschen, und für den Erlös der Mühe von vielen Wochen, einen kleinen Beutel voll Staub und Grieß, gibt der Jahudi uns einige gute Gewehre, die wir gebrauchen zum Schutze unserer Freiheit und Heimat. Das ist alles, was übriggeblieben vom Hause des gelben Herrn und vom Horte des Djebel Hamam; aber auch dieses Wenige ist uns heilig, denn es ist unser Schatz und unser Eigen, und gerade darum, weil es wenig ist, hüten wir es wie unseren Augapfel und werden wir es verteidigen bis auf den letzten Tropfen Blut. Das lasset ihr Franken euch gesagt sein!«

El Fahhad stand plötzlich auf; aus seinen alten stillen Augen blitzte das blaue Feuer.

»Das lasset ihr Franken und Jahudis euch gesagt sein! … Einer hat es lernen müssen von meinem Sikkin; er ist eingegangen durch den Paß des Blutgeldes in die Ewigkeit, wo die schmale Brücke über den Abgrund der Nacht führt; möge der Allerbarmer ihm gnädig sein! … Und ich würde es wieder tun: ich mit dieser meiner eigenen Hand! … Und hätte ich ihn damals nicht gefunden, ich wäre ihm noch heut auf Ferse und Spur! … Er hatte mich betrogen; ich wollte Blutgeld bezahlen, daß endlich Friede sei zwischen Beni Uriachel und Temsaman und daß sie gemeinsam gegen die Fremden kämpften. Nach altem Brauch mußte ich deswegen auf einige Zeit außer Landes gehen, bis der Handel geschlossen war; so konnte ich den Preis nicht in Gold selbst bieten, denn unser Gold wächst nicht wie die Feige hier im Baum, die man bricht. Damals war ich Scheik und Kaid einer Dschara der Beni Uriachel. Außer mir war das Geheimnis wenigen Erben nur bekannt; wenige Hände aber ernten nur wenig. Darum also ging ich zum Jahudi. Er wollte mir das Geld nicht darleihen ohne hohen Zins und ein sicheres Pfand. Er hatte schon Gold von uns genommen für Gewehre, Schießpulver und andere Ware; er hat wahrscheinlich auch gehört vom Djebel Hamam und der alten Sage; darum verlangte er Gold zum Pfand. Ich konnte es ihm nicht geben; sonst hätte ich doch sein schmutziges Geld gar nicht gebraucht. Da gab ich ihm denn die Schrift, die uns heilig ist wie das Gold selbst, und ich habe sie ihm gegeben ohne Wissen der anderen Erben des Geheimnisses. Denn ich war ohne Sorge: wie sollte er sie lesen, und selbst wenn er sie hätte lesen können, wohin führten ihn die Namen, die keiner außer den Eingeweihten kennt? … Als ich dann zurückkehrte und ihn aufsuchte, noch lange vor der Frist, da war er fort. So kam es an den Tag, und ich konnte Scheik und Kaid nicht länger sein, denn ich hatte das Heiligtum des Stammes preisgegeben, das anvertraute Gut verraten, an den schlimmsten Feind, den Jahudi. Aber die Schrift und meine Rache mußte ich haben, sonst war ich ausgestoßen, heimatlos und ohne Ehre für immer. Ich fand die Fährte, ich folgte ihr, ich spürte den Hund auf in der großen fremden Stadt, ich lauerte ihm auf und statt Geld und Zins gab ich ihm, was er verdiente: den Sikkin! …« Die Freudenfeuer einer grimmen Befriedigung leuchteten im Blick des Alten, seine magere Hand öffnete und schloß sich mehrmals, wie krallend um den Hals des Opfers. »Aug um Auge, Zahn um Zahn, Tod um Trug! … Es war in einer Herbstnacht. Er hatte mich gesehen und erkannt. Ich wußte es. Es war in einer dunklen Straße, wo er bei Freunden wohnte. Da trat ich aus dem Schatten in den Mondschein heraus, drosselte ihm die Kehle und stieß ihm die Klinge ins Herz.« El Fahhad stand wie in aufglühendem Wiedererleben seiner Tat. »Es war köstlicher als die erste Stunde bei der Braut oder der erste Bissen nach strengem Fasten.« Langsam verlosch er. »Aber die Schrift fand ich nicht bei ihm. Und nun bist du hier. So fällt die Frucht vom höchsten Baume schließlich zur Erde.« Er brach ab. – –

Das war die Erzählung Alkedim's des Alten, der einst Abhadid, Diener des Eisens, und El Fahhad, der Gepard geheißen und gewesen.

René vermied jede zudringliche Frage; El Fahhad kauerte sich auf seine Fersen, spuckte dattelbraun in den Staub und versank.

Und dann kam das Wort wieder an El Maaluki als den ersten Sprecher des Stammes.

»Du hast vernommen. El Fahhad und ich, wir zürnen dir nicht. Du warst ein Hammer und nicht die schuldige Hand. Die Wahrheit hast du uns nun gegeben; mehr brauchen wir nicht. Aber die Freiheit können wir dir nicht schenken; du mußt sie erkaufen, durch Geld und Beweise. Sieh zu, daß die Duros, die deine Papiere da versprechen, in unsere Hände gelangen, nicht als betrügerisches Papier, sondern als hartes reines Geld. Bis dahin bleibst du unser Gefangener. Aber wir wollen dir deine Haft erleichtern. Ich allein kann es nicht tun; bei der Dschama ist die Entscheidung. Doch ich weiß, es sind alle dir freundlich gesinnt, und lieber wäre ihnen der Gast als der Feind. Vielleicht wird dir die Dschama die kleine Dschaffa, beschränktes Gastrecht gewähren. Du magst dann auf unserem Gebiete tun und treiben was dir gefällt; niemand wird dich hindern, alle werden dich beschützen und auf ihrer Mastaba aus dem eigenen Kessel bewirten. Nur täusche dich nicht und versuche uns nicht zu täuschen! Versuchst du zu entfliehen, so wirst du den Aghelad ed Dya, den Paß des Blutgeldes zum zweiten Male durchbrechen müssen, und dann trifft eine abgefeilte Kugel deinen Kopf oder dein Herz.« –

An diesem Tage noch ward zu Dar el Kaid in französischer wie arabischer Schrift und Sprache ein Briefdokument gegeben, Inhalts: Schreiber dieses befinde sich in freundlichem und angenehmem dennoch sicherem Gewahrsam bei den Beni Uriachel hoch in den Weidegründen der marokkanischen Alpen; und wolle Empfänger freundlichst ersucht haben, beigeschlossene Kredite schnellstens hartgeldflüssig beim spanischen Konsul zu Tetuan für Vorzeiger gleicher Unterschrift zu mobilisieren … An den österreichischen Geschäftsträger in Tanger, Hochwohlgeboren … Anbei: zwei Kreditbriefe des Credit Lyonnais und einer der Banque Impériale Ottomane … Um Antwort durch Überbringer wird gebeten.

René las die Urkunde El Maaluki vor; der strich nachdenklich den grauen Wetterbart.

»Davon verstehe ich nichts. Wir sind keine Jahudis. Du selbst mußt wissen, was dir dient. Rufst du uns Feind auf den Hals, so rufst du dir den Tod auf den eigenen Kopf. Aber« – – und der ernste Alte lächelte geheimnisvoll – – »viele werden wünschen, das Geld deiner jahudischen Papiere da käme nie und du bliebst auf ewig unser Gefangener.« –

Unterm auferstandenen Reisekram fand René auch ein altes, längst vergessenes Berlockpetschaft, neapolitanisch blauer Lasurstein in schmalem Goldbügel. Weiß Gott ja, das hatte ihm die Tant Luis einmal geschenkt, zur Firmung damals, als er zum Spenser die ersten langen Hosen trug und unterm bischöflichen Backenstreich an die nachmittäglichen Indianerkrapfen des Café Impérial dachte. Es stammte eigentlich vom verstorbenen Onkel Rudi, aber die Buchstaben stimmten, und die kleine fünfperlige Krone des altösterreichischen Hofratadels stand ihnen ganz ausgezeichnet. Wehmütig betrachtete René das altmodische kleine Gedenkstück, das so oft zur Hofburg, zum Ministerium des Inneren, hie und da nur unter Widerstreben zum Ballhaus, öfter schon zum Hofopernballett, zur goldenen Schnepfen, zum schön ordentlich geometrischen Schönbrunner Park aus- und eingegangen und dann vereinsamt und herrenlos zurückgeblieben beim letzten Ausflug hinaus durch den graunassen Herbst nach Simmering … Was hatte es bei den guten herzensruhigen k. k. Akten geahnt von marokkanischer Schweiz und Tefinaq und Temahak und den krummen Wegen nach Dar el Kaid, das auf den fleißigsten Karten des k. k. militärgeographischen Instituts und dem kartographierten Mundus politicus des Ballhauses schwerlich zu finden! … Guter Onkel Rudi in der weißen Exzellenzweste, der du die Eisenbahn wie alle überflüssige Dampfmacherei auf den Tod was nicht hast ausstehn können und kaum je herausgekommen bist über Mariazell oder Reichenau oder allerhöchstens Aussee – du wenn du wüßtest! … Und gar wissetest, wie recht du gehabt! … Schaut nix heraus bei all dem Dampf! … Die Herren Kollegen und Hofräte von Dar el Kaid, Exzellenz El Maaluki, Minister des Äußeren, und Exzellenz El Fahhad, M. d. Ä. d. R. und derzeit ohne Portefeuille, sagen ganz das gleiche! … Und, liebe Tant Luis und Ew. Eminenz Herr Fürsterzbischof, die wahre Firmung empfängt man erst dann, wenn man vom lieben Gott selber eine bezogen hat und nach vielen Irrungen dahintergekommen ist, wie gescheit der selige Onkel Rudi und das ganze selige alte Österreich eigentlich war! …

Ainusch in gelbatlasnem Kopfschmuck verruchter britischer Herkunft, strahlend vor Glück, Schönheit und Neugier, sah hochgespannt zu, wie man von erbrochenen Siegeln uraltverjährter Briefe den Lack zusammenbröckelt, die Splitter zu einem Klümpchen verschmilzt, davon wieder einen pechflammigen Sudguß auf zusammengefaltet Papier niederträuft und in verstrichenes Rotwachs Initialen und Treuverdienstkrone einer in Gott ruhenden erbösterreichischen Exzellenz abdrückt.

Und weil sie vom seligen Onkel Rudi so wenig wußte wie dieser in seinem Grabe draußen von ihr, sagte sie einfach:

»Siehst du, so hat Sidi Bu Hassan mein Gebet und mein Opfer doch erhört! Er ist ein großer Wundertäter.«

»Welches Gebet und welches Opfer, du Tautropfen in der Blume meines Herzens?«

»Ich habe doch ein großes Stück von meinem Zopf hingegeben! … Und ich habe dazu gebetet, du mögest auf immer bei uns bleiben!«

* * *

Die Dschama hatte getagt; die Dschama hatte beraten; die Dschama hatte bewilligt. Der Gefangene war frei. Frei in dieser neuen fremden Heimat; frei mit seinem jungen nackten Leben.

Er konnte gehen, wohin und soweit es ihm beliebte. Ging er aber über die unsichtbare Kette von Stahl hinaus, die diesen Garten der Hesperiden von allen Seiten sperrte und bewachte, so wurde er totgeschossen. Das war dann seine Sache.

Aber dies junge nackte Leben war viel zu schön. Man hatte keine eigentliche Sorge mehr. Es gab Landschaft, tägliches Brot, südsüßes Obst auf allen Wegen – und nichts zu verlieren.

Von einer klippigen Bergstufe hoch ob dem Wiesendorfe sah man über Matten, Wäldern, Hügeln und Dunst fern draußen den blauen Strich des Meeres.

Oft an verklärten Nachmittagen saß der Freigefangene auf dieser Warte; aber so angestrengt er spähte und das Land seiner Völker mit verschiedenen Seelen suchte, das vorschriftsmäßige Heimweh wollte sich nicht einstellen.

In Dar el Kaid gab es kein Steueramt. In Dar el Kaid gab es keine Zeitung. In Dar el Kaid gab es kein Postamt. In Dar el Kaid gab es keine mitteleuropäische Zeit. In Dar el Kaid gab es keine Literatur. In Dar el Kaid gab es keine andere Pflicht als die der ehrlichen Selbsterhaltung. Und die wurde hier leicht genommen und leicht gemacht. Die drei schönen Ahnfrauen dieses Volkes waren zwar tot, aber von ihrer und ihres Liebhabers göttlicher Herkunft zeugten immer noch die tausendfruchtigen Segnungen des Allerbarmers, hatte er gleich inzwischen aus Opportunitätsgründen den Namen Allah angenommen.

Wie aber soll man aufrichtiges Heimweh haben nach Ländern, wo die Selbsterhaltung darin besteht, daß man Steuerbeamte, Heere, Legationssekretäre, Straßenbahnen, Gasrohre, Wasserleitungen, pensionierte Oberstleutnantswitwen und Wohltätigkeitsanstalten mit zu erhalten hat? Wo man überhaupt gar kein Mensch ist, sondern nur das armselige Hautepithel oder Muskelatom an einem riesigen Sammelmenschen, dem Staatmenschen, dieser furchtbaren juristischen Person! … Wo man längst nicht mehr lebt, sondern lediglich zu zahlen und darauf zu achten hat, daß die eigene werte Zahlkraft nicht im allgemeinen Straßengetümmel des Marktes niedergerannt und überfahren wird! … Nein, unter den Feigenbäumen von Dar el Kaid war es schöner; da wohnte noch Vernunft; hier konnte man Christ sein ohne ausdrückliches Christentum; so hatte es der Galiläer vielleicht überhaupt gemeint; nun, und über das schwierige Kapitel der Nächsten- und Feindesliebe konnte man ja zu gelegener Stunde weiterreden. Blutrache ist schließlich auch etwas Schönes und Gesundes; wen man liebt, den züchtigt man. –

René mußte lächeln, wenn er so von stiller Nachmittagshöhe dieser fremden Berge auf seinen Weg zurücksah. Für einen verwöhnten Menschen hatte er sich im Grunde gehalten, und nun saß er zufrieden bei braunen Wildhirtinnen unter weißen Weideziegen, aß heldenmäßigen Kusksu und erfreute sich stundenlang an den unscheinbarsten, verächtlichsten Dingen, am Fall der Früchte, am Sammeln der Bienen, am stumpfsinnigen Alltag der Hühnerbrut, am Heranwachsen eines fremden Fohlens, am Gang der Handmühle, am Aufbau der Speicherkegel, an all den kleinen, unbedeutenden Atemzügen eines geringen Daseins … War das immer noch die stillgenügsame Dankbarkeit des Genesens? … Oder hatte da unbemerkt ein inwendiger Zeiger seinen Kreis geschlossen? … War der Weg aus dem zypressenstillen Jahreszeitenhause nach den Hütten von Dar el Kaid vielleicht nur einen ganz kleinen Schritt weit? … Ein bloßes Umwenden? … Gab es das, ein Erwachen aus tieferschöpfter Kultur zu unschuldigen Anfängen? … Abend und Morgen begegneten sich da einem gemeinsamen milden Feuer. Was ein Mensch zur Kultur braucht, hier fand er es in reinster Gestalt: Freiheit, Ferne, Landschaft, klares Quellwasser und der Götter Segen. Alles übrige ist für die Gärenden, die nach Geschlechtern erst müd, still und weinklar geworden sind.

Aber am schönsten war es, über all dergleichen gar nicht nachzudenken, sondern von Ainusch zu lernen, wie man glücklich ist.

»Sprich zu mir, du Liebling der Wundertäter: früher, als ich noch nicht bei euch war, wenn du hier oben deine Ziegen weidetest, was triebst du da?«

Sie sah ihn an und lachte. »Was? … Nichts.«

»Nichts. Wie macht man das? Sag es mir, du Botin der höchsten Weisheit, daß ich es lerne.«

»Ich verstehe dich nicht. Nun! Man sitzt und schaut.«

»Und dabei warst du zufrieden?«

»Das verstehe ich wieder nicht. Wie soll man nicht zufrieden sein?«

»Du bist eine Königin an Weisheit, Ainusch. Man sitzt und schaut. Und was denkt man so dabei?«

»Wie? … Ich weiß nicht. Man denkt nichts. Ist es denn nicht schön bei uns?«

Man denkt an nichts – ist es denn nicht schön bei uns? … Recht hast du, Ainusch, und tausendmal klüger bist du als deine Schwestern im kalten dummen Abendland, deren ganzes Sinnen und Spielen und Fragen und Forschen ja doch nur verstohlen lüstern um einen Punkt kreist …

Aber Ainusch hatte etwas nachzutragen.

»Ja, doch; manchmal, da fällt es mir ein, ob wohl die verirrte Ziege des Nachbars Akstaffin sich finden wird? … Und welche unter unseren Ziegen wohl am nächsten zickt? … Oder ob mir der Großvater vom Suk el Arba ein seidenes Kopftuch mitbringt? … Aber nun habe ich eins, nicht wahr, das deine, schöner als alle.«

Recht so, Ainusch. Seine Ahnfrauen soll man nicht verleugnen.

»Und jetzt habe ich manchmal darüber nachgedacht, ob du wohl bei uns bleibst?«

»Allah hat es gewollt, für eine Weile; alles ruht in seiner Hand. – Und wenn du erst einmal einem Manne in seine Hütte gefolgt sein wirst, Ainusch, was wird dann mit dir?«

Sie lachte. »Ich verstehe dich nicht! … Dann werde ich eben seine Frau sein und ihm Söhne gebären und backen und mahlen und arbeiten wie alle anderen.« –

Meine Herren Brüder und Tageszeitungen im fernen Abendland! … Junge Dame aus feiner alter hintermarokkanischer Familie, tadelloses Vorleben, hübsch, jung, schlank, gesund, naturliebend bis zum Äußersten, aufrichtiger, hingebender, treuer Charakter, sofortige Mitgift: ›will Söhne gebären und backen und mahlen und arbeiten wie alle die anderen‹ … Gefällige Zuschriften unter – wie übersetzen wir dich in abendländischen Wohlklang, Ainusch? – unter »Fontana del Valiente«, Anonymes Hirtenfeuer, Diskretion unnötig …

Bist eine gute Partie, Ainusch; ernstlich. –

Eines Tages machte El Maaluki eine seltsame Eröffnung.

»Du bist nun gesund. El Fahhad und ich haben uns unterredet: wir wollen dir den Fels der Inschrift zeigen, vielleicht kannst du sie lesen.«

Da wagte René eine Frage.

»Dein Vertrauen ehrt und beschämt mich, o Si Hamd el Maaluki. Aber nun sage mir auch: wer war Qezr er Rih, euer großer Kaid? Und wer El Emir?«

»Wir können dir nicht mehr sagen als du schon weißt. Qezr er Rih führte uns in dieses Land und gebot über ein weites Reich, vom Djebel al Tar bis nach Al Dschir. El Emir aber, der letzte Großkaid, wurde besiegt, mußte fliehen, und seither sind wir ohne gemeinsames Haupt in viele Kbail zersprengt. Vielleicht kannst du es vom Fels der Inschrift erfahren; wir vermögen die Zeichen nicht zu lesen.« –

Am anderen Morgen, nach erstem Gebet und Imbiß, brachen sie zu dritt auf. Es war eine schweigsame und lange Wanderung auf rauhen Jägerpfaden, über myrthenumbuschte Höhen in fahlglitzerndem Frühschein, durch rebendurchrankte Bergwälder und dornverstrupptes Geklipp; jenseits der stillen Schattentiefe in blauem Sonnenduft der Djebel Hamam, dann und wann durch eine Kimme der Talungen ahnungsvoll herüberschimmernd die Ferne zum Meer – und daheim auf dem Hügelgrat der Wiesenhalde eine weiße Hemdgestalt, luftig im bergtaukühlen Morgenwind. René sah häufig zurück, und ihm war, als erkennte er über Wegstunden weithin das gelbatlasne Kschar, geboren in einem großbritannischen Jungfrauenherzen, gestorben und auferstanden auf einem marokkanischen Jungfrauenkopf.

Von Zeit zu Zeit blitzte es nadelhell auf in der sonnblendigen Dunstwand der gegenliegenden Hänge. René kannte das nun schon; Stahl war das, getreuer wachsamer Gewehrlaufstahl, rundgedrehter Gußstahl mit einem Längsloch, und in diesem Schraubloch hockten zusammengestaucht einige siebenhundert Sekundenmeter, etliche dreihundertfünfzig stahlbleierne Meterkilogramme und so beiläufig dreitausend Atmosphären, Hüter der Freiheit, der Heimat und ihrer Schätze. Väterlich fürwahr hatte Efrem Efrus gesorgt für den Djebel Hamam. Sein Werk war es; er hatte die Berge mit Mantelhartstahl armiert; er hatte die Dörfer dieses sagenhaften Hochlandes zu einem trutzstarrenden Waffenplatze militarisiert; nun genoß er die Frucht seiner fünfundzwanzigjährigen Arbeit, die das Böse gewollt und mit poetischer Gerechtigkeit das Gute geschafft. Der Hort der Hesperiden konnte sicherer schlummern als mancher europäische Fürst in seinem Bette.

Sie kamen an mehreren Spähposten vorüber; es waren Leute aus Dar el Kaid, aber auch aus umliegenden Weilern derselben Dschara. Hamd el Maaluki sah sich nach seinem Freigefangenen um.

»Du siehst. Der Weg hinaus führt durch den Tod. Wir wollen nicht töten; aber noch viel weniger wollen wir uns töten und bestehlen lassen.«

Sie stiegen in das Tal hinab, wo der freundliche Bach rein und leis durch Oleanderhaine rauschte; immer noch lag duftender Schatten in der Tiefe.

»Der Uad Mellen,« erläuterte El Maaluki; »erkennst du dort jenen Johannisbrotbaum? Da hattet ihr zur Nacht gelagert.«

Sie kletterten nun steil auf rauhem Ziegenpfad durch Myrthicht und Dorn des Hanges hinan; zur Linken versinkend blieb eine finstere Schlucht.

»Der Uad Soda, wo dich die Kugel und die Strafe für deinen Vorwitz traf; besser, sie hätte den anderen getroffen, dessen Herz falsch ist und voll Schuld. Sieh nun selbst, wie ihr zu keiner Stunde ohne Wächter wart! Hundert Augen und gespannte Büchsen verfolgten euch. Schau dort über uns den Weg im Berge! Dort lagen die Unsrigen hinter Felsen verborgen. Das ist der Rif.«

Sie erreichten den schmalen, gut kenntlich ausgetretenen Steig, der aus dem Hange des Gebirges in den düsteren Graben hineinwendete.

René blieb eratmend stehen; die Anstrengung verursachte ihm doch noch Beschwer. Er trug seinen weitgereisten Jägeranzug, sämischgraue Lederhosen zu englischem Gürtelrock; aber die Ruafa in ihren faltenschlagenden Dschelelbis waren ihm trotz Tracht und Jahr an Fedrigkeit weit überlegen. Ja, an Wunden um Goldes willen altert und versteift man schnell – auri sacra fames, quid non cogis mortalia pectora! …

Die Bergzüge von Dar el Kaid, mit ihren Löwenköpfen, ihren waldbemähnten Nacken und wiesenkahlen Rücken lagen nun jenseits, hoch überwacht vom Djebel Azrek und dem tief schattengescharteten Djebel Lakhdar und dem Djebel Ksel in bernsteinklarem Spätsommerglanz; um nacktes quarznes Schroffgefels letzter namenloser Ferngipfel schwebte leis goldner Weihrauch, aus geheimnisvollen Schluchten blaute es wie kühler Wasserstaub. Selig, die da mit ihren stillen treuen Waffen frei und sorglos hoch ob den schwülen Niederungen der Welt saßen und solche Heimat bewachten als die ihre!

El Maaluki führte weiter. Der Blick seines alten blauen Auges hatte einmal, flüchtig nur, Höhen und Himmel überstreift. Wie er auf schwindelschroff vorspringender Klippenkanzel so dagestanden, aufrecht, breit und hager, streng und kühn, den grauen Wetterbart vom Bergwinde durchspielt, die braunen Sehnenfäuste überm Eisen der aufgestützten Büchse verschränkt: – nein, das war nicht Mose mit ehernem Gesetz in versengten Händen, das war nicht Saladin der Ritterliche, das war der Almohaden und Abencerragen und des ganzen Morgen- und Mittagslandes keiner – das war leibhaftig, das war in braunem Räubermantel wiedergeboren jener andre Einäugige, eines großen Gottes nachgelassener Lohn und letzte Heldenwerdung, das war Er, der mit dem von Alzey die grausig ahnungsvolle Schwertfidelwache gehalten und dann in Blut und Brand allein den letzten Kampf seines Volkes ausgekämpft … Das war er, der Treuste unter den Trotzigen, der Größte unter den Grimmigen, Nordlands letzter Strahl und Schild und Streich: Hagen. –

Drunten rauschte tobelnd Gewässer; jetzt blieb El Maaluki stehen.

»Hier lag Al' Bu Chua, als er nach deiner Brust zielte; da unten gingst du gegen den Bach hinauf. Du warst auf dem richtigen Wege, ich will es dir heute sagen; aber nimmermehr hättest du dein Ziel erreicht.«

»Und der Fels der Inschriften?«

El Maaluki wies mit der Hand ins Geklipp empor.

»Sieh über uns! Wir sind zur Stelle.«

René beugte den Kopf zurück. Eine mächtige kahle Felstafel, von Regenrinnen durchrunzelt, stand steil aus dem Hang zum schmalen Pfade an. Von Zeichen wie die einer Schrift war nicht das geringste zu erkennen.

»Du siehst es nicht?«

»Meine beiden Augen sind schwächer als dein halbes Gesicht, o Kaid; ich erblicke Spuren vieler Himmelstränen, die hier abgerieselt, aber keine Schrift.«

»Wirklich, du siehst es nicht? Allah! Ich würde es in bedeckter Mondnacht sehen.«

»Heil sei dir und Gesundheit wie bisher; aber ich bin blind; ich sehe dort den Raubvogel hoch über dem Spalt der Schlucht; aber eine Schrift sehe ich nicht.«

Hamd el Maaluki trat behutsam gegen den Rand zurück.

»Sie muß da sein! Sie war immer da, seit vierzig Geschlechtern; sie ist schon da in unseren alten Geschichten.«

»Geduld, o Kaid! Welcher Gestalt sind die Zeichen?«

»Striche, Pfeile, Lanzen. Man sieht es doch! Hier!«

»Striche ja; keine Schrift.«

»Es muß Schrift sein. Die Zeichen stehen in Reihen.«

Da warf El Fahhad, der bisher geschwiegen und Feigen aus seiner Kapuze gegessen, nach gelassenem Ausspucken sein Wort ein: »Von drüben.«

»Das ist wahr.« El Maaluki führte weiter vorauf, der Schlucht entgegen. »Hier haben wir gelinderen Umweg.«

Und nun standen sie jenseits auf gleichem Jägerpfad in selber Höhe, und wieder wies El Maaluki nach der schrägen grauflimmernden Felstafel.

»Siehst du nun? Das muß doch Schrift sein! Lies, wenn du kannst; wir würden es dir danken.«

René hatte sich auf einen Steinblock gesetzt; lange, angespannt starrte er hinüber.

Die Entfernung war die gutes Büchsenschusses, zweihundert Schritte vielleicht. Das Sonnenlicht fiel jetzt steiler in die Poren, Auswitterungen, Narben des Gebirgskörpers.

»Das muß doch Schrift sein!«

Ja, Schrift mußte das sein, und war Schrift. Mit hellen Leisten und dunklen Schattenkanten traten die Zeichen riesig aus dem Gefels: Balken, Haken, Pfeile, Lanzen, Anker und Angeln. Schrift mußte das sein, und war Schrift, und was für eine!

Ein ander Lesen von Berg zu Berg, als damals im gelben Laternenschein der Hyänennächte zu Tetuan; ein Lesen, diesen Zeichen und ihrer Herkunft gemäß, frei aus dem ersten Antlitz der Natur; Zeichen, die voreinst wirklich gelesen worden, nicht entziffert, sondern aufgelesen, wie eben Orakelwurf sie fügte …

Sieben Reihen übereinander, gröblich ins Gestein gewetzte Balken, Fahnen, Widerhaken, Klammern, Pfeile und Bügel … Fern rauschte dunkeldurchstürmt tiefer heiliger Heimatwald.

»Nun?« fragte El Maaluki; »siehst du es von hier?«

»Ich sehe.«

»Und, der du so klug und belehrt bist, kannst du es lesen?«

René erwachte aus horchendem Traum. »Höre, o Si Hamd el Maaluki! Wie nanntet ihr jenen Kaid, der euch in dies Land geführt?«

»Sprichst du von Qezr er Rih?«

»Von eben diesem. Woher kamet ihr mit ihm?«

»Es heißt in unseren Sagen: aus Mitternacht.«

»Eure Sagen künden die Wahrheit.«

»Steht das dort geschrieben?«

»Ja, das steht dort geschrieben; doch anders als du es meinst. Heißt es nicht auch, daß Qezr er Rih einen großen Schatz mitgebracht, auf vielen Schiffen, ungezählte Ladungen schwer?«

»'llah! … Das ist wahr! … Auf Schiffen von Mitternacht her kam Qezr er Rih, und unter Gold und Silber sanken fast die Boote! … Das steht dort geschrieben?«

»Ja, auch das steht dort geschrieben, und noch weit mehr. Und wo ist nun dieser Schatz?«

»Was wissen wir? Verloren; du hast es ja vernommen.«

»Wenn er verloren ist, so siehe darin vergeltende Strafe, o Kaid; dieselbe Strafe, die du so oft den diebischen Franken und Fremden zugedacht und deren auch eure alte Sage gedenkt. Denn jener Schatz, o Si Hamd el Maaluki, war geraubt!«

»'llah! … Das kannst du heute noch wissen?«

»Ich weiß es, und jeder unterrichtete Franke weiß es. Er war geraubt den Bürgern einer Stadt, die heute noch steht und Rom heißt. Rom im Lande Italia.«

»Davon habe ich nie vernommen. Auch das steht dort geschrieben?«

»Ja, auch das, o Kaid; und nicht nur dort drüben steht es geschrieben, sondern in den Schicksalsbüchern der Völker des Abendlandes. Mit Zeichen des Blutes und des Feuers steht da eingegraben der Name dessen, den ihr Qezr er Rih nennt; sein wahrer Name aber, der heute noch Erinnerung des Schreckens erweckt, heute noch nach zweimal und dreimal vierzig Geschlechtern, sein wahrer Name, o Kaid, war Geiserich.«

Hamd el Maaluki stand still vor Staunen.

»Das liest du von jenem Felsen dort ab?«

»Der Allerbarmer behüte dich vor schlimmerer Botschaft, o Kaid; um jenes Geiserich oder Qezr er Rih willen wird kein Sikkin mehr sich zur Blutrache erheben. Aber euer Qezr er Rih hatte Erben und Sippe; und diesen seinen Erben ward die Gewalt und das Recht geraubt von einem, den ihr El Emir nennt und der in unserer Sprache Gelimer heißt. Über ihn schickte ein mächtiger König aus fernem Aufgang seine Heere und seinen tapferen Feldherrn Belisar, den ihr anders aussprecht. El Emir und sein kühner Bruder Tzazon wurden besiegt in heißer Schlacht an einem Orte, der damals Trikameron hieß; Tzazon fiel wie ein Held, El Emir aber floh mit dem Reste seiner Krieger in diese Berge. Aber auch hier fand er keinen Frieden und keine Rettung, denn der Emir al Ma jenes mächtigen Königs hatte Sipta erobert, wo heute die Spanier sitzen, und ein anderer Führer bedrängte und umsperrte El Emir so eng in seiner letzten Zufluchtsstätte, daß an Durchbruch nicht mehr zu denken war. Und hier ist es dann geschehen, daß euer armer El Emir den Feind um drei Geschenke der Gnade bat, um ein Stücklein Brot zur Stillung seines Hungers, um einen Schwamm zur Trocknung seiner Tränen, und um eine Harfe, zu ihrem Spiel den Untergang seines Volkes zu besingen.«

El Maaluki hatte in tiefem Staunen zugehört; El Fahhad aber, der sich auf seine Fersen gekauert, wandte plötzlich den heißblauen Blick seiner alten Augen gegen den Erzähler.

»Und weißt du am Ende auch, wer Omar gewesen, der gepriesenste der Helden?«

»Omar nicht, o Fahhad; Oamer hieß er, er war der mutigste und schönste Mann eures Volkes, und er wurde von El Emir in den Kerker geworfen, geblendet und dann erdrosselt.«

Die beiden Alten sahen einander an: »Wirklich; er weiß alles.«

»Ihr Franken seid ein unbegreifliches Volk,« sagte El Maaluki; »wäret ihr nur so klug wie unterrichtet, ihr wäret glücklich.«

René lächelte. »Sage von nun an nicht mehr ›ihr Franken‹, o Kaid; denn Franken, das wisse, seid ihr ja selbst.«

»Wir?«

»Ja, ihr. Eines Stammes seid ihr mit den Völkern, die unsere Länder bewohnen.«

»Das kann ich nicht glauben.«

»Und doch ist es so, o Si Hamd el Maaluki; der Allgerechte öffne deinen Blick. Wo im ganzen Maghrib, in diesen Bergen und in der ganzen unendlichen Wüste wohnen noch Stämme, deren Haar und Augen von gleicher Farbe sind wie die euren?«

»Du irrst. Blaue Augen findest du auch unter den Kbail von Al Dschir und selbst unter der Tuareq.«

»Das ist mir bekannt, o Kaid. Aber all diese Blauäugigen stammen von den Resten jener Völker, die einst unter Qezr er Rih, unserem Geiserich, und El Emir, unserem Gelimer die Länder von den großen Schotts bis nach Tandscha beherrscht haben. Und von ihren Besiegern, denn auch diese waren zum größten Teile Franken verschiedener Stämme und Namen.«

El Maaluki schwieg lange; El Fahhad spuckte von Zeit zu Zeit in die Tiefe hinab; drüben in der schrägen, grauflimmernden Felstafel stand schattengekerbt die uralte, ausgewitterte Schrift.

Dieselbe Schrift, in der einst das erste germanische Buch geschrieben worden, die Silberbibel des Ulfilas: Runen.

Wie viele Betten hatte sich die Blauflut des ungeheuren, unzähmbaren, undämmbaren Völkerstromes in ihrem reißenden Gefäll gegraben, und wie viele dieser Abflüsse waren unter fremden heißen Himmeln versandet, verdunstet, verschlammt, versumpft! … Die prachtvollen flügelbehelmten Ostgoten, auf der iberischen Halbinsel drüben Westgoten und Sueven, in Italien die Langobarden, in Sizilien, Apulien, Syrien die Normannen – und hier in Mauretanien, wo Roms Gewalt selbst immer wieder gefährliche Grenzwälle gefunden, die Vandalen.

Die Vandalen, die berüchtigten, die geschmähten Mörder der marmornen Antike: die langgelockten, versengend kühnen, dann unter Salben, Saitenspiel und Wollust verweichlichten Vandalen: – nun wohnten sie hier im grünen Heimgarten ihrer Berge, friedlich in ihrer Armut, kriegerisch in ihrer Freiheit, die letzten Germanen auf Erden. –

»Und kannst du mehr noch aus jener Schrift dort drüben lesen?« fragte El Maaluki; seine Stimme klang laut in die Felsenstille der Wildnis hinein. »Kannst du die ganze Schrift lesen, wie jene andere?«

»Nicht die ganze, und nicht einen Teil von ihr,« sagte René erwachend; »die Zeichen erkenne ich, denn es sind die Zeichen unserer eigenen Väter; die Sprache aber ist verschollen unterm Sand der Zeiten, gleichwie das Gold begraben liegt im wandernden Schutt der Bäche.«

»Und das ist gut,« erwiderte El Maaluki ernst; »laß Schätze in der Erde und laß Vergangenes vergangen sein! … von Schätzen nimm nur soviel, als du zu friedlichem Leben bedarfst, von der Vergangenheit nur soviel, als dir zur Weisheit dient. Sonst sammelst du Haß und Neid in dein Haus, und wer über Vergangenem nachsinnt, der verliert den ruhigen Schlaf. – Sieh dort die Wolken, wie sie aufsteigen hinterm Djebel Lakhdar, und den Djebel Azrek, wie nahe und dunkel er scheint: die kleine Regenzeit ist nicht mehr fern.«

* * *

Nun gab es kein Rätsel mehr zu lösen; nun gab es nichts mehr als geduldiges Warten, stumpf oder freundlich, je nach Laune und Befinden; und nun kam die Regenzeit. –

Sie kam mit fahler Schwüle und dunstiger Stille und dann mit einem Gewitter, das elf Tage lang währte und sich staute und nicht mehr herausfand aus den Bergen.

Droben in den Torschluchten zwischen Djebel Lakhdar und dem honigfarbnen Djebel Ksel hatte sichs zuerst gesammelt, taubenblau mit alabasternen Kuppeln, die sich hoch und höher über drohenden Abgründen in die Himmel wölbten. Die Berge schienen zu schwitzen, die Sonne schwamm in goldgrauem Gespinst; und dann kam heißer Sturm die Grate heruntergefegt, und ihm folgten Donner und Flammen und Regen und Nacht.

René genoß das hohe Schauspiel; es szenierte kunstgerecht zu dieser Welt, wie er sie jetzt erkannt. Er saß unter blonden Germanen an heiligen Herdes Lohe, und über den Strohfirst hin schnob mit Roß und Troß und Hussa und Ho das heulende Wütenheer. Und wenn das neun Tage und Nächte so fortmachte, so wurden die Väter des Sprunges allesamt jämmerlich ertränkt.

Er rekapitulierte im Stillen, was er je von Vandalen gehört, gelesen und gewußt. Andalusien, Numero eins, trug in absehbare Ewigkeit hinein ihren Namen. Und aus Schlesien, aus den Regierungsbezirken Breslau, Liegnitz und Oppeln waren sie gekommen. Im Geschiebe der großen Wanderung gelangten sie hinter Westgoten und Sueven her nach Hispanien, und dort saßen sie in den rauhen Bergen Galiciens, bis Eifersucht römischer Statthalter ihnen die Tore in die Weltgeschichte aufriß. Der lahme, schweigsame, tief hinterhältige Bastard Geiserich eroberte Sevilla und Cartagena, setzte über die Säulen des Herkules, raffte Alanen, Mauretanier, Donatisten und alle Unzufriedenen an sich, brach mit Feuer und Fraß in die Kornkammern des Reiches ein und belagerte den heiligen Augustinus in seiner Bischofsstadt Hippo zu Tode. Emporien sanken in Schutt und Asche, Paläste wurden geplündert und ausgebrannt, die Kirchen splitternackt ausgeraubt, die athanasische Geistlichkeit hingeschlachtet, Sümpfe von Blut und Kohle zeichneten den Weg des furchtbaren Heerkönigs, von Karthago aus rächte er in unersättlichen Beutezügen Hamilkar, Hannibal und Hasdrubal; auf den Ruinen zweier Reiche errichtete er den Thron des Barbarenschwertes. Klug und still sah er von seinem Adlerhorste aus zu, wie Rom in Verzweiflungskämpfen wider Heunen, Germanen und Byzanz immer tiefer in hundert Schlingen sich verstrickte, und als er endlich auf den Hilferuf der unglückseligen Kaiserin Eudoxia mit seinen wilden Räubermannen vor Ostia landete, da kehrte er nicht wie einst die Gottesgeißel vor den flehentlichen Bitten des Statthalters Petri um, sondern er gab der Götter ewige Marmorstadt, ihre Schätze und Frauen mit kaltverschränkten Armen vierzehntägiger Schatzung preis. Rom hatte Karthago zertreten; Geiserich der Vandale zertrat die Antike; sein Volk aber ward von den Erben der Antike, ward von Byzanz, ward vom thrazischen Bauernsohn Belisar und dem Heruler Pharas zertreten und zersprengt: denn die Weltgeschichte ist die Geschichte einer ewigen Blutrache. –

Draußen wuchteten die Donnerlasten durch die Berge, Odhins Wildheer dröhnte mit Blitz und Sturm über die heroische Landschaft hin. Im kleinen Lichthof gurgelten flammendurchspiegelt die Wasser; auf der Mastaba aber, hinter der Traufe des Schilfdaches saßen die Männer bei Rauch und Rat, und René unterhielt sich damit, vandalische Geschichte vandalischen Hörern selbst vorzutragen.

Ainusch hockte auf den Fersen dabei, die Hände auf die immer noch halbnackten Mädchenschenkel gelegt, und hörte aus großen blauen Vandalenaugen zu. Wie sollte er sie fortan nennen? Thorismunda, Bloßhilde, Flohberge, Schenklinde, Hemdtraute oder Riechhildis?

El Maaluki und El Fahhad, die beiden alten Adalinge, hörten schweigend und aufmerksam zu. Blitze grellten, Donner schlugen, Berge hallten, Sturm schüttelte draußen die Welt. Als der Erzähler mit des unglücklichen Gelimer Ausgang und seinem letzten Spruche geendet, stopfte El Maaluki seine Sibsi nachdenklich mit duftendem Kif.

»Eitel fürwahr ist alles,« gab er zu, nachdem er den ersten Zug der Weisheit eingesogen; »eitel ist alles, was nicht zum nackten Leben notwendig ist, und eitel ist auch solches Wissen. Denn wozu dient es? Wie können Völker und Menschen je einander Freund werden, wenn sie all ihr Tun in stetem Gedächtnis behalten? Wie kann in seiner Armut je zufrieden sein, wer da weiß, daß seines Großvaters Großvater einst reich gewesen? Wie kann je vergessen und begraben, wer da bedenkt, daß des Nachbars Urahn den seinen erschlagen und beraubt? Unser Sprichwort ist: Laß Vergangenes vergangen sein; bittet lieber, daß Allah das Kommende zum Guten wende.«

»Das sagst du, o Kaid; der du mit den Deinen der Blutrache pflegst, die wir selbst nicht kennen?«

»Ihr kennt sie, noch besser kennt ihr sie und fleißiger pflegt ihr sie als wir; ihr nennt es nur mit anderem Namen. Sind wir des Rächens und des Blutes satt, so zahlen wir den Blutpreis, und das Geschehene ist ausgelöscht; ihr aber gebt statt des Blutpreises bloß ein Papier und nicht ein Herz mit seinen geheimen Gedanken und Wünschen, und wenn es euch gefällt, zerreißt ihr das Papier und fangt die Feindschaft von vorne an. Ists nicht also?«

El Fahhad aber spuckte in den Regenschwall hinaus und hockte sich enger auf den Fersen zusammen.

»Wir töten und rauben, um zu leben; ihr aber lebt, um zu rauben und zu töten. Das ist der Unterschied.«

Und er schloß Augen und Lippen und sprach kein Wort mehr. – –

Aber die Geschichte von Geiserich und Gelimer machte trotz ungünstiger Witterung ihren Weg durch ganz Dar el Kaid, und am anderen Abende schon kam erster Widerhall.

»Es ist schlimm, daß du unsere Sprache nicht kennst. Sonst müßtest du deine Erzählung der ganzen Dschama vortragen.«

»Du häufst Ehre auf mein Haupt, o Si Hamd el Maaluki: der Friede sei Herr deines Hauses! … Doch dachtest und sagtest du nicht gestern erst das Gegenteil?«

»Deine Geschichte enthält Gutes und Böses, wie jeder Mensch in seinem Herzen; das Gute ist zur Nachahmung da, das Böse zur Warnung. Hast du nicht erzählt, wie Qezr er Rih, den du anders nennst, karg und rauh war, enthaltsam und hart, und darum ein großer Held? Und wie seine Nachkommen die Künste der Städte lernten, sich salbten und in kostbare Gewänder kleideten, ihre Tage bei Weibern zubrachten statt in Waffen und deshalb unterlagen? Das ist gut zu hören, und solche Geschichten sind es wert, daß sie nicht vergessen werden. Und hast du nicht auch erzählt, als jenes Volk zum erstenmal vom Djebel al Tar herüberkam, da war es arm an Schätzen, aber stark; und als es alles Gold der großen Stadt geraubt hatte, da war es reich und begann zu verderben?«

»So wird uns berichtet.«

»Das muß Wahrheit sein; denn das ist Wahrheit, daß Reichtümer den Menschen wie die Völker weder glücklicher machen noch besser. Darum behalte für dich, was du in deinen ledernen Kasten dort verwahrst, und gib nicht böses Beispiel.«

»Was für böses Beispiel, o Kaid?«

El Maaluki lächelte. »Du gabst es schon; weh uns, wenn alle Frauen sich alle Morgen mit Seife waschen und sich schmücken im Wetteifer um unser Wohlgefallen, statt zu arbeiten und ihr Teil an unserem Leben zu tragen und starke Söhne zu gebären! … Seit du dich an jenem Tage in deinen Wohlgerüchen gebadet, sterben die Fische unserer Bäche, und die Mütter müssen die teure Seife vor ihren Töchtern verbergen.«

René mühte sich nicht zu lachen. »Reinlichkeit, o Si Hamd el Maaluki, hat noch keinem Menschen und Volke je geschadet; sie verlängert die Gesundheit und damit das Leben.«

Allein der Alte war mit diesem Einwand nicht zufrieden. »Wir sind uns gesund genug und leben uns lange genug; und sollen die Weiber länger leben als wir Männer, die wir für Freiheit und Heimat fallen? Ich weiß nicht, was du Reinlichkeit nennst; aber wer sein Kind liebt, der sehe, daß diese Reinlichkeit innen sei und nicht außen, und daß diese Reinlichkeit nicht Eitelkeit heiße oder schlimmer! … Ist es nicht besser, ein ganzes Volk sei reinlich als ein einzelner Mensch?«

»Ich würde sagen, du hast recht, o Kaid; allein es ist ein zweiter Sinn in deinen Worten, den ich nicht erkenne.«

»So will ich dich fragen: ist es nicht besser, ein ganzes Volk sei gesund und von langem Leben als ein Einzelner? … Bedenke: eine Feige macht noch keinen Sommer und keinen Feigenbaum; aber ein Sommer macht viele Feigen und läßt den ganzen Baum gedeihen.«

»Ich verstehe; du sprichst die Wahrheit.«

»Ich weiß es, daß ich sie spreche; möchtest auch du sie annehmen und beherzigen. Wie war es in unseren Kriegen und Fehden, in den Kämpfen gegen die Spanier, gegen Bu Hamara – den Hund, den Verräter – gegen Feinde unserer Freiheit und Heimat? … Was sagten da die Weiber? … Gebt uns die Mausiehr, wir wollen schießen, da wir keine Männer haben! … Wo sind sie, die Helden, die bei Frauen Mut haben und Männer fürchten? … Nehmt Steine, wenn ihr nicht wißt, wozu Gewehre dienen! … So sprachen unsere Weiber, wenn einer der Gefahr den Rücken wandte; sie schleppten uns Patronen heran, sie brachten uns Speise und Trank in die Felsen hinauf, hinter denen wir lagen und schossen … Ein solches Volk, siehe, ist gesund und wird lange leben, und mit ihm der Einzelne, Mann oder Frau. Wenn aber die Weiber nicht mehr Patronen tragen und die Krieger laben und mit erhobenen Steinen und Zuruf hinter den Kämpfenden stehen, sondern sich mit Seife waschen und schön sein wollen anstatt nützlich und treu zu sein, dann ist es um Freiheit und Heimat bald geschehen, dann ist es schade um jeden Schuß Pulver und jeden Blutstropfen, der hingegeben wird für die Kinder solcher Mütter! Darum solltest du nicht böses Beispiel geben, nicht mit der Tat und nicht mit der unbedachten Zunge.«

»Auch mit der Zunge, o Kaid? … Ich bewundere deine Weisheit; ich fürchte für deine Feinde und beglückwünsche deine Freunde; aber verderblicher Reden bin ich mir nicht bewußt.«

»Und doch führst du sie auf den Lippen und säest uns Zwietracht und Unkraut! … Oder wüßtest du nicht, daß Weiber schwatzen?«

»Alles Unheil der Welt ist von Weiberschwatz gekommen, erzählen die Sagen.«

Hamd el Maaluki lächelte. »Diese Sagen erzählen die Wahrheit: Weiber schwatzen; die Männer müssen es fühlen. Wozu gibst du einem Kinde Namen, bei denen du dir nichts denkst, deren es sich prahlt, die andre ihm neiden und von ihren Männern auch vernehmen möchten?«

René steckte sich vergnügt seine Zigarette an. »Aus Dankbarkeit, o Si Hamd el Maaluki, der du der Großvater meiner kleinen Nährmutter bist. Und von wem sonst habe ich die Sprache der Blumen gelernt als vom heiligen Buche des Propheten?«

Hamd el Maaluki sah in stillem Lächeln vor sich hin.

»Ihr Franken seid leichtsinnig; es gehe dir hin! … Aber wir sind keine Araber und keine Mauren; wir sind Ruafa, und du selbst sagst, wir Blauäugigen seien ein anderes Volk. Wir lieben die Wahrheit, die Heimat, die Freiheit; wir verachten die Lüge und mißtrauen dem süßen Wort. Aber hüte dich vor dem Neide der Weiber, alt oder jung; an Weiberneid ist manch guter Krieger schon vor seiner Zeit gestorben. Und wir haben nicht Zeit und Verstand, über Namen zu sinnen, die der Eitelkeit des Ohres schmeicheln. Eh die Frau geboren hat, ist sie die Liebste; dann ist sie Mutter.« – –

Das war das Gespräch dieses Abends. Es regnete und donnerte weiter; und wieder saßen sie auf der Mastaba bei kleinem Holzkohlenfeuer, und Hamd el Maaluki begann von einem wichtigen Gegenstand.

»Du hast uns den Gebrauch deiner Chamasia noch nicht erklärt, wir haben es vergessen. Wieviel sagtest du, kostet ein solches Gewehr mit eigenem Auge?«

»Hundertzwanzig Duros franßis in seinem Vaterlande.«

»Wir geben hundertzwanzig Duros Hassani für eine Mausiehr mit hundert Patronen.«

»Eine Chamasia wie die meine mit eigenem Glasauge wird bis hierher fünfhundert Duros Hassani kosten.«

»'llah! Das ist viel Geld!«

»Es ist viel Geld. Aber der Jahudi wird sich noch dreihundert Hassams draufzahlen lassen.«

»Das ist zuviel für uns. Dann kann nicht jeder in der Dschara oder Kabila eine solche Chamasia haben, und daraus entsteht Neid und Haß.«

»Ich würde dir zu solcher Waffe auch nicht raten, o Kaid. Sie ist sehr empfindlich, bedarf sorgfältiger Pflege und großer Aufmerksamkeit.«

»Und kannst du weit damit schießen?«

»Je nach dem Ziel; je nach Luft, Wärme, Wetter, Wind und Licht.«

»'llah! Was macht das aus?«

»Viel, o Kaid.«

»Wir wissen nichts davon; wir schießen und treffen.«

»So seid ihr glücklich.«

»Wie weit triffst du einen Menschenkopf?«

»Auf vierhundert Schritte.«

»Das können wir auch, für weniger Geld.«

»Eure Sinne sind schärfer wie die unseren. Ihr seid jung und wach; wir sind alt und schläfrig.«

»Das verstehe ich nicht. Aber weißt du etwas von Gewehren?«

»Einiges.«

»Wie kommt es, daß manche Gewehre nach einiger Zeit nicht mehr so genau schießen wie zu Anfang?«

»Das hat vielerlei Gründe, wie der Verfall des Menschen. Meist ist es Rost.«

»Du hast nichts zu tun. Willst du nicht einmal die Gewehre unseres Dorfes ansehen?«

»Ich bin euer Freund und Diener, o Kaid. Ein Gewehr zum Spielzeug ist mir lieber als ein Spielzeug zum Gewehr.«

»Das ist das Wort eines Mannes. Du wirst morgen Beschäftigung haben.« – –

Die Beschäftigung war da. Zwölf Mauserbüchsen standen zusammengelehnt in trockenem Winkel des kleinen Lichthofes. René eröffnete seine ärztliche Praxis.

Es waren zumeist stark mitgenommene, immerhin noch gebrauchstüchtige Waffen verschiedener Jahrgänge, etliche darunter mit veralteter Rahmenladung, andere von neuester Konstruktion. Ainusch hockte auf den Fersen zu Füßen ihres geliebten Herrn und sah aus blauen Hemdtrautenaugen hochgespannt zu, eine werdende Walküre des Mauserzeitalters.

»Ainusch, du Verheißung des Propheten – –«

Zu spät, schon war es heraus, und gerade diesmal etwas ganz Neues.

»Ainusch, du – – Ainusch, bringe mir eine lange Hühnerfeder; aber steif muß sie sein.«

Ainusch ging gehorsam auf Suche. Bald erklang Schmerzgeschrei einer gegriffenen Eierlegerin, die nicht mit Unrecht Schlimmeres argwöhnte. Siegreich und beutebeladen kehrte Ainusch zurück. Was würde daraus werden und welchen Namen empfing sie zum Lohn?

»Ainusch, du Erhörung des – – Ainusch, ich danke dir.«

Nein, so ging das nicht weiter. Der Rhythmus der Gespräche war grausam zerstört.

Er suchte und fand in seiner fahrenden Habe ein Döschen mit Waffenfett und ein vernickeltes Schraubkännchen mit Öl. Dazu der Schraubputzstock aus der Kolbenkappe seiner eigenen Büchse und ein Nestchen Werg: es konnte beginnen.

Ainusch starrte aus stummen Augen. Das verstand er auch? Völlige Zauberei: mit einem einzigen Griff zog er die Mausiehr in zwei Teile auseinander. Und diese geheimnisvolle orangegelbe Salbe – und diese spiegelnde Büchse – und dieser Stab, den er aus kleinen Stäben zusammendrehte – –!

Lieber Regenhimmel, das sah freilich gut aus. Rost von hinten bis vorne. Und darunter wahrscheinlich auch Blei und Nickel und Ausbrennungen und weiß der Scheitan was für Krankheiten noch. Und damit schießen diese Menschen da Tauben, Perlhühnern und sogenannten Nächsten den Kopf weg und Geier aus turmhohem Abend herunter! Selig die Einfältigen; denn sie wissen nicht, wo es fehlt.

Beharrlich und fleißig striegelte der einstige Besitzer einer Zypressentraumvilla am Bosporus im rostverkrusteten Drall einer hintermarokkanischen Mauserbüchse herum. Vom maroquinhandgebundnen Vangelderndruck des Petronius zum Schießschornstein irgendeines Rifräubers: das war freilich ein weiter Weg. Von odysseischen Blaufahrten in der Aegaeis bis zu hephaistischer Schlosserfron im Garten der Hesperiden: das war selbst schon eine Odyssee. Der Wert Marokko wenigstens blieb in diesen Gleichungen stehen, ein Trostgrund. Und die gute kleine Kalypso dieser Landschaft hockte auf ihren nicht ganz rosigen Fersen dabei und sah angestrengt zu: ein zweiter. Und wenn die Ruafa mit ihrem Schießzeug nicht menschlicher umgingen, dann mochte man als Jahudi in Tetuan oder Melilia mehr als einen ganzen Bosporus voll Villen an ihnen allein verdienen: eine Sünd und Schande.

Und der einstige Schüler der guten Väter am Schottengymnasium, der einstige Theresianist, Orientalist, Arbiter elegiantiarum und Liebhaber, Liebling, Kenner, Verächter der Welt saß da unter den Vätern des Sprunges auf dörflicher Mastaba hinter der Traufe marokkanischer Regenzeit und arbeitete hingebungsvoll für Freiheit und Heimat uraltvandalischer Beni Uriachel, von denen er bis vor wenigen Monden keinen Buchstaben gewußt.

Die Jahudis in Tetuan und Melilia sollten wenigstens ein klein wenig zu Schaden kommen durch ihn. Und wenn sie nur zehn Perzent an dieser Kurpfuscherei verloren; das war seine Rache.

So. Leidlich drittelblank. Morgen nachsehen und nachfegen. Noch den Verschluß ölen, Zylinder, Zubringerfeder, Abzug, das Äußere; Numero eins, fertig. Ja ja, Ainusch.

Hat doch irgendwie einen goldenen Boden, das Handwerk. Nicht Groschen und Dukaten; damit allein ist er nicht gepflastert. Über die Leistung, die beruhigende Versachlichung, das Liebesverhältnis der Seele zum stillen, treuen, geduldigen Ding, Metall oder Holz oder Gewebe oder Leder: das ists. Diese reine, schuldlose Freude an einer schuldlosen Welt außerhalb unserer eigenen Vorstädte, Schutthalden, Abfallhaufen, Exerzierplätze, Reklamezäune, Baugründe und sonstigen verdächtigen Quartiere; dieses nützliche Tun ohne Leidenschaft; dieser heimliche sanfte Weg zu irgendeinem Feierabend; das machts. Man hat irgendetwas getilgt, Rost, Brand und Blei aus der Seele einer inwendigen Waffe; man hat einen Schuß Erbsünde redlich ausgeschwitzt; man hat seiner selbst vergessen und ist durch das kleine Gleichnis ein paar Schritte näher der Ewigkeit gerückt; man hat für ein paar glückliche Stunden auf alle Vorteile verzichtet und ist gerade im geschmähten Handwerk göttlicher Künstler und Kind gewesen; verstehst du das, Ainusch? Nein, denn du brauchst es gar nicht. Du selbst bist Künstlerin; denn was Sentimentalität bedeutet, wirst du erst in dreitausend Jahren ahnen, wenn Kultur, Literatur, Gesetz, Sitte, Religion, Mode und Not deine arme Seele von allen Seiten her eingesintert haben.

Sieh, Ainusch, so ist die Sache: hier haben wir Mauserbüchse Numero drei; ein braver aber in aller Unschuld schwer vernachlässigter Gegenstand, der für gewöhnlich der Beseitigung lästiger Mitmenschen dient. Das wollen wir für eine Viertelstunde vollkommen vergessen; das geht uns hier gar nichts an. Aber daß der Drall da von Rost und Blei starrt, das geht uns an; das gehört nicht hierher; wir denken nicht daran, daß mit solch verrosteter Büchse der hinderliche Nebenmensch nicht mit wünschenswerter Sicherheit entfernt werden kann, sondern daran, daß Rost und Mantelhartstahl sachlich nicht zusammengehören. Der Trennung dieser beiden Dinge wollen wir uns itzo widmen; aus rein gegenständlicher Teilnahme und rein gegenständlicher Mißbilligung. Wir wissen nicht, wem diese Büchse gehört und wollen es gar nicht wissen, denn das könnte uns am Ende beeinflussen: angenommen zum Beispiel, daß aus eben dieser Bohrung ein gewisser Al' Bu Chua uns vierzehnsiebenzehntel Gramm stahlgepanzerten Bleis durch edle Organe geschossen hätte? … Keine Namen also, bitte; Namen sind Vorurteile. Der Eigner vorliegender Waffe geht uns nicht im geringsten etwas an. An der Trennung von kohlenstoffreichem Harteisen und gewissen nicht hinzugehörigen Oxyden arbeiten wir, nicht an einer Person oder Persönlichkeit, außer der eigenen, soweit eben diese Arbeit ihr zugute kommt. Der Persönlichkeit wohlverstanden, nicht der Person; Person ist äußerliche Geldtasche; Persönlichkeit ist inwendiges Taschengeld. Wir spekulieren auf einen ganz kleinen Anteilschein an Glück und Ewigkeit durch Verzicht auf Zeitlichkeit und Genuß. Wir werden für unsere Arbeit keinen Groschen erhalten, aber ein bißchen Freude und Frieden. Siehst du, Ainusch? … Und schon klärt sichs da drin. Was vorhin noch ein schwarzes Loch war, das ist jetzt ein schimmerndes Schraubgewind. Das ergötzt uns. Man ist ein klein wenig Schöpfer und Herr; spaltet Licht und Finsternis aus dem Chaos; man gestaltet. Immer heller tagt es im schwarzen Eisen. Nun können jene vierzehnsiebenzehntel Gramm Blei wieder ihre Wege hinaus in die Welt nehmen, unter die Mitkreatur. Daran dürfen wir natürlich nicht denken. Müssen uns sagen: wir leben. Müssen daraus folgern: wir kämpfen. Müssen erkennen: Kampf will Tod. Müssen uns trösten: Tod ist Auferstehung. Und so weiter in ewigen Spiralen, genau wie im Drall da drinnen, der sich mit Zügen und Feldern um eine gedachte Achse dreht. Welche ist unsere Achse? Und aus welchem Rohr wurden wir Mikro- in den Makro- und wir Makro- in den Megistokosmos hinausgeschossen? Wo endet diese Flugbahn? War der Schuß überhaupt gezielt – und wer der Schütze? … So. Gebrauchsfähig. Nun mögen jene vierzehnsiebenzehntel Gramm Stahlblei wieder mit sechshundertfünfzig Initialmetern ins Weltall hinausrotieren und ihren Kampf mit Anziehungskraft und Luftwiderstand aufnehmen. Führung und Leistung einigermaßen gesichert; Reibung und Gasdruck beträchtlich verringert. Ja, siehst du, Ainusch, du Ahnungslose. Durchgang durch Rost und Schorf erschwert, Reibung vermehrt, Verbrennung dahinter erjäht, Feuergott durch Widerstand gereizt, Spannung gesteigert, Sprengung des ganzen Krempels eminent begünstigt – alles vergängliche ist nur ein Gleichnis … Und nun wollen wir noch einmal nachsehen, was hier auf dem scheintoten eisernen Gleichnis Visier heißt und an lebendiger Kreatur Trieb, Instinkt, Temperament, Charakter, Lebensweisheit, Idee, Ideal, und so weiter, was du natürlich nicht ganz verstehst, Ainusch, du Unschuld. Nämlich da draußen in der häßlichen Welt gibt es zwei niederträchtige lehrreiche Dinge, Anziehung und Widerstand. Sonst hätte mans ja leicht und lebte ohne weiters ewig. Ist aber nicht der Fall, soviel Dichter und Denker sich darum bemüht haben, Prometheus mit der Fackel, Herakles mit der Keule, Kant mit dem Zopf und noch viele andere Märtyrer. Von Anfang bis Ende stößt unser hoher Weg auf Widerstand, und je heftiger wir dagegen anbohren, desto empfindlicher rennen wir an. Unser Stahlblei da saust mit sechshundertfünfzig Sekundenmetern Hoffnung, Glaube und Liebe aus dem dunklen Mutterleib der Büchse in den Raum hinaus; aber siehe, noch hat es keine hundert Meter zurückgelegt, da sind ihm Hoffnung, Glaube und Liebe schon auf fünfhundertsechzig Meter zusammengeschwunden. Mit etwas weniger Hast und Aufregung und etwas mehr Eigengewicht, ein klein bißchen weniger Ungestüm und etwas mehr eigener inwendiger Querschnittsbelastung hätte es sich erfolgreicher durchgeschlagen; ein Gramm mehr Erfahrung und von Haus aus neunzig Meter weniger Temperament, so hätte es jetzt noch, nach hundert Metern vier Fünftel statt zwei Drittel seiner ursprünglichen Lebenskraft. Ja ja; aber Widerstand bleibt deshalb doch und lähmt allmählich auch den Zahmeren; und drunten wartet mit ihrer stillen Anziehungskraft die offene Mutter Erde des Flugmüden, daß er wieder eingehe in ihren Schoß, und sieht gelassen zu, wie wir schon längst nach ehern schweren Gesetzen gegen sie hin fallen, da wir noch frei zu schweben meinen. All unser Weg und Werk, mein Kind, die sogenannte Wurfbahn, ist nichts als eine mehr oder weniger krumme Heimkehr; besteht aus einer ununterbrochenen Kette von Resultanten zwischen Flug und Fall, Stieg und Sturz, Wunsch und Wirklichkeit; aus Kompromissen, mein Kind, aus Zugeständnissen an die unüberwindliche Notwendigkeit. Und ein Kiesel wirft sich weiter als ein Ballen Seidenpapier, und siehst du, das ist nun das Visier, die Fiktion, die Illusion, die wir unserer Lebenswaffe aufsetzen, daß sie uns mit einer Täuschung zur Elevation unseres Willens zwingt; sonst fiele er viel zu früh ermattet zur Erde, und all unser Beginnen wäre vergebens. Ich zum Beispiel habe meine Mündung nach dem blauen Bosporus und auf eine gewisse Zypressenvilla gerichtet und traf infolge dieser Überhebung den wenigstens grünen Rif mit seinen Beni Uriachel, neuentdeckten Vandalen, Flachdachhütten und Halbnacktmädchen; der liebe Gott selbst nahm sich am sechsten Tage sein eigen Ebenbild zum Modell, und was ihm gelang, war der arme Teufel von Mensch. Baruch Spinoza hat eine geometrische Ethik geschrieben; sollten wirs nicht mit einer ballistischen Philosophie versuchen, was meinst du, Ainusch, Quell und Auge der Erkenntnis? Warte nur und lache mit deinem vandalischen Unschuldsblick; in dreitausend Jahren bist du auch so weit und weißt nicht mehr aus und ein vor Gedanken, Fragen, Zweifeln und Leid. Und nun ist Numero drei in Stand, dein Herr Vetter oder Nachbar mag damit wieder nach lebendiger Kreatur schießen, Perlhühnern, Bartgeiern und vorwitzigen Franken; wir haben keinen Groschen verdient, aber einige Fernsicht gewonnen, haben uns versachlicht und vertieft, und das ist des Handwerks geheimer goldener Doppelboden, davon sie in Europa längst nichts mehr wissen; und nun kommt Numero vier daran, von vorne bis hinten ein einziger rauher Rostschlot, als hätten Jahrhunderte von Blutrache hier drinnen geschlafen, und schau, dies unheimliche Brandzeichen auf dem Kolben, ein krummer zugespitzter Strich mit einem ganz kurzen Querbalken, was soll das bedeuten? …

Donner grollten im Grau hoch über den Wiesengrund; der volle Regen rauschte; Hamd el Maaluki kam in triefender Dschelabba und sah befriedigt den Fortgang des nützlichen Werkes; und als der Abend über das Gurgeln und Plätschern des Lichthofgevierts niederdämmerte und die fahlblauen Blitzscheine eines neugesammelten Gegengewitters ins Dunkeln hereinblendeten, war ein bescheidenes Stück Arbeit selbstlos getan.

Si Hamd el Maaluki staunte. »Ihr Franken wißt und versteht und könnt beinahe alles.«

»Sag nicht Franken, o Kaid; sag lieber Almanen oder Dschermanen oder Beni Austrija. Und was das Wissen und Können angeht: der den Menschen erschaffen, wird auch erkennen, was dem kranken Menschen fehlt. Also ists mit den Gewehren.«

»So bist du also in Wahrheit doch ein Bu Chamasia, ein Vater der Fünfschüssigen?«

»Das nicht, o Kaid; aber ein Abd Chamasia, ein Diener der Fünfschüssigen war ich lange genug. Und wer ganz und gar Diener ist, der ist auch ganz und gar Herr.«

»Das ist wieder eine deiner Reden. Aber deine Künste solltest du uns lehren.«

»Ich bin bereit.«

»Wir leben von der Waffe für die Waffe, denn wir leben durch die Waffe für Heimat und Freiheit. Wir brauchen gute und viele Gewehre.«

»Dann solltet ihr der Waffe aber auch die Liebe schenken, die sie als Freundin verdient. An einem gut gepflegten Gewehr verliert der Jahudi in Titaiun oder Melilia mit den Jahren viele Duros Hassani, die ihr gewinnt.«

»Ist das wahr?«

»Es ist wahr, o Kaid. Keinen haßt der Krämer mehr als den, der die große Kunst des Erhaltens übt.«

»Das mag so sein; allein wir sind unbelehrt.«

»Ich habe dir schon einmal gesagt: und wüßte ich um den alten Schatz im Djebel Hamam, kein Körnchen davon würde ich mit heimlicher Hand nehmen.«

»Was soll das heißen?«

»Das soll heißen, daß ich euch mit meinen Kräften helfen will, euren Djebel Hamam, eure Freiheit und Heimat zu verteidigen. Gegen den Jahudi, gegen den Franken, gegen den Fremden, gegen die ganze Welt. – Wie viele Chamasias kauft ihr im Jahre?«

»Warum fragst du? … Viele. Nach einem Jahre schießt keine Chamasia mehr so genau, wie wir es brauchen.«

»Das ist ein Irrtum, Si Hamd el Maaluki; der Herr erleuchte deinen Blick. Eine Chamasia wie eure hier kann fünf und acht und zwölf Jahre lang ihrem Herrn getreulich dienen, ohne daß sie ihn je im Stiche ließe. – Du siehst, wieviel ihr dem verhaßten Jahudi schenkt.«

»Kann das wirklich wahr sein? Ich habe dergleichen noch nie gehört. Die alten Etnaschia, die Zwölfschüssigen, dienten und dauerten länger, aber die Chamasia, die Mausiehr, solange sie jung ist, schießt viel genauer.«

»Das hat seinen Grund, den du heute noch nicht verstehst, o Kaid. Das Eine jedoch merke dir wohl: gut gereinigt ist halb getroffen. Für weniger Geld könntet ihr dreifach so viele gebrauchstüchtige Mausiehr in euren Dörfern haben.«

»Wenn das wahr ist, so hat Allah dich zu uns geführt.« Der Blick im Auge des Alten funkelte kriegerisch. »Dann mag dem Jahudi in Titaiun verziehen sein.« – –

Es regnete fort; immer neue Wetter schichteten sich über die Berge herein. Die Hütte El Maalukis aber war zum Arsenal und ihre Mastaba zum Hörsaal geworden.

Professor El Neh Bu Chamasia trug vor; der Kaid selbst machte den Dolmetsch; ein Dutzend Ruafa hockte staunend im Halbkreis, lauschte staunend dem Kolleg und vergaß darüber selbst der getreuen, niemals alternden Geliebten, der Sibsi.

So, meine Herren, zieht man den Kolben aus der Hülse: hier der einfedernde Sperrhaken, hier der Abzug, hier der Ihnen allen zur Genüge bekannte Sicherungsflügel, nicht wahr? … So, meine Herren, wickelt man Werg um einen Putzstock oder vielmehr um dessen Spiralkopf, nicht wahr? … Und so, meine Herren, fährt man mit dem ölgetränkten Polster in der Bohrung geduldig auf und ab, bis der Drall glücklich wieder zum Vorschein kommt … Was, meine Herren, bei täglicher Pflege und ein klein wenig Liebe und Dankbarkeit und Gewissenhaftigkeit gar nicht erst notwendig ist … Und wenn Sie, meine Herren, Ihren werten Bedarf in meinem Vaterlande Österreich statt beim geschätzten deutschen Nachbarn und Konkurrenten decken und den rostsicheren Edelstahlen der Poldihütte oder der Böhlerwerke Ihre freundliche Aufmerksamkeit schenken wollten, so hätten Sie überhaupt keine Sorge mehr, und die Herren Jahudis in Titaiun und Melilia können einpacken und gehn! … Und dies, meine Herren, und Ainusch meine Dame, ist eine sogenannte Laufbürste; sie wird an Stelle des Wergkopfes hier oben aufgeschraubt und dient sowohl der Entfernung ganz grober Rückstände als gleichmäßiger Fettung des Inneren … Und wenn Sie vielleicht die Gewogenheit hätten, aus steilen Mantelzügen nicht auch der Abwechslung halber Weichbleigeschosse zu verfeuern, so würden Sie Ihre Waffe außerordentlich verbinden und gleichzeitig die Herren Jahudis in Titaiun und Melilia erheblich schädigen … Ich danke Ihnen, meine Herren.

Ainusch aber, Pedell dieser technischen Hochschule, war von nun an stolz bis zur Unerreichbarkeit. Sie hatte Ihn gesundgefüttert; sie trug das Kschar von Seinen Händen; sie schlief mit Ihm unter einem Dach; sie allein konnte täglich über Ihn und Seine Worte und Taten Auskunft erteilen; sie war in Wirklichkeit die erste Dame von Dar el Kaid. –

Das Kolleg wurde Gewohnheit. Die Hörer wechselten. Tagsüber pflog der Herr Professor seiner waffentechnischen Studien. Gegen Abend, wenn es dämmerte und Pfefferminzduft des Tees durch die Aula zog, wurde die Mastaba aus einer Werkstatt zum Katheder umgewandelt. El Maaluki machte geduldig und getreulich den Dolmetsch zu Nutz von Heimat, Freiheit und Volk. Aber das war schon nicht mehr unbedingt notwendig. Bu Chamasias Kolleg war so populär, daß auch neue Hörer gewissermaßen ungeschriebene Kollegienhefte in das Auditorium mitbrachten. Das Ereignis trieb Wellenkreise weit über Dar el Kaid hinaus. Trotz wilden Wetters kamen Gläubige von hohen Bergweilern heruntergestiegen, alle bewaffnet bis über die blanken Zähne. Bresthafte, Rostbeladene, Federbrüchige, verbleite wurden zu Füßen des Meisters niedergelegt, daß er ihnen die Hand auflege und sie heile. Was immer an Laufseelen krank und finster und bedürftig, Aussätzige, Oxydierte, mit inwendigen Brandblasen Behaftete, Heisere und Erblindete sammelten sich um den Wundertäter. Stundenweit pilgerten sie über Täler und Höhen, die Gnade der Besserung und das Wort des Wissens zu empfangen. Oft faßte der trocken überdachte Umgang des Lichthofes gar nicht mehr die Zahl all der Schüler und Jünger, denn auch solche, die des Unterrichtes schon genossen, kehrten immer wieder zum Quell der Erkenntnis zurück. Die nasse Wolle der Dschelelbis dampfte, Feuerschein vom Herde her spiegelte auf braunen Bartgesichtern, in blauen heißen Vandalenaugen. Und die Pfannen und Töpfe dieser Hütte hatten eine Reihe von fetten Tagen.

Denn selten kam ein Gast, Lernbeflissener oder Hilfesuchender ohne große oder kleine Gabe. Gerne hätte der Meister sich des Überflusses erwehrt; doch er kannte Sitten und Gefühle des Morgenlandes, wo das Geschenk die dargebotene Hand bedeutet. Bald war es ein Säckchen mit einem halben Dutzend Eiern in grobem Mehl; dann war es ein Näpfchen voll ausgeschmolznen Hammeltalgs oder ein rußiger Topf voll besonders alter, besonders ranziger, besonders köstlicher Butter. Nachbar 'med 'l Aid glaubte die Zierde von Dar el Kaid mit einem schönen jungen Hahn ehren zu sollen; Nachbar Akstaffin brachte das eine Mal einen ganzen Stoß von kleinen würzigen Ziegenkäsen, das andre Mal einen gewaltigen Napf mit frischem Herbstwabenhonig, das drittemal ein kleineres Gefäß voll echter frischer Süßbutter, das viertemal einen namhaften Beutel voll Kif – denn die Akstaffins sind reich und lassen sich nicht lumpen. Ärmere aus entlegenen Hochweilern holten nur einen gutgemeinten Fladen aus ihrer Schkara oder eine Handvoll Nüsse aus ihrer Kapuze; andere brachten schüchtern eine riemengeflochtene Tasche, eine Kalebasse, ein Paar derber Lederpantoffel eigener Erzeugung, ein strohgefülltes kleines Mattenkissen zum Vorschein; und einer, den die anderen Brahim l' Isilami nannten, bewies in Küstenländern gewonnene kühle Kennerschaft aller menschlichen Wertbeziehungen, indem er seinen guten Willen eingesäckelt in solidem königlich spanischem Münzkupfer neben die zarteren Liebesgaben wuchtete.

Allein er mit allen anderen wurde verdunkelt von dem in jedem Hinblick überragenden Al' Bu Chua, dem mittelbaren und gottgewollten Verursacher all dieser Zustände.

Al' Bu Chua erschien eines Tages riesig klafternd, triefend und vergnügt, lud von seiner Schulter ein doppelzentriges Läuferschwein, als wäre es ein gemeiner zehnpfündiger Hase und warf das Wildpret lachend unter die aufkreischende Weiblichkeit.

»Er hat den Vater des falschen Blickes heute erst geschossen, für dich,« übersetzte Ainusch.

»Und was soll ich damit beginnen, du Regenbogen?«

»Essen!« erklärte sie fröhlich, auf den ungeheuerlich ragenden Al' Bu Chua deutend, der diesen notwendigen Lebensakt mit unmißverständlichen Stopfgebärden beider Fäuste versinnlichte und dazu ein blankbezahntes Höllentor in seinem Barte auftat.

»Essen? Ich allein? Dieses ganze – –« Er verschlang rechtzeitig das unreine Wort. »Fern bleibe Ärgernis deinen Ohren.«

»Wir helfen dir. Wir essen gerne Kundschar. Al' Bu Chua selbst auch. Wir sind dann deine Gäste.«

»Ihr? … Aber hat der Prophet nicht – –?«

Sie klatschte sich vor Vergnügen auf die Schenkel.

»Aber welchen Teil? Weißt du das nicht? Das Ganze kann unmöglich verboten sein. Und der verbotene Teil ist nicht genannt. Sagt Al' Bu Chua. Wir essen oft Kundschar.«

»Allah gab euch Weisheit, den besten Erklärer seines Gesetzes. Groß wie dieser Vater des falschen Blickes ist meine Freude und mein Dank. Sage, du Beere der Süßigkeit, sage Al' Bu Chua, daß ich diesen Braten mit eigenen Händen bereiten werde, insch' Allah.«

Das war wieder etwas ganz Neues. Er konnte Gewehre heilen; er konnte auch braten. Schneller als der regenschwere Herdrauch zog die Runde von diesem Beschlusse durch die ganze Wiesenbucht von Dar el Kaid. Der Ungläubige, der Vater der Fünfschüssigen, würde den Vater des falschen Blickes selbst braten! Er nahm sich jeden anderen Tag den Bart mit dem Schermesser ab; er wusch sich mit heißem Wasser und Wohlgerüchen; er verrichtete Wunder an kranken Mausiehr; er konnte die Schriften und Sprachen aller Völker und Zeiten lesen; er würde selbst Hand anlegen an den Kundschar! Diese Franken sind ein furchtbarer Stamm.

Aber zunächst mußte das strenge Wildpret drei volle Tage und Nächte in frischer Luft hangen. Ein neues Rätsel. Und inzwischen saß der Vater der Fünfschüssigen weiter auf der Mastaba und arbeitete an der Rüstung der Beni Uriachel von Dar el Kaid.

Noch einer war unter den Spendern gewesen, ein finsterer, schöner, verschlossener Knabe. Er kam an jedem der Abende, kauerte sich bescheiden in den hintersten Winkel und hörte aufmerksam den Übersetzungen El Maalukis zu. Eines Tages aber brachte er ganz zaghaft ein sehr kleines Beutelchen, darin eine Handvoll Mehl und ein einziges Ei. In hastiger Scheu setzte er die geringe Gabe dem Lehrer zu Füßen; dann war er unter den anderen verschwunden.

Von Ainusch erfragte René das Geheimnis.

»Das ist er,« erklärte sie einfach.

»Er, wer?«

»Er, der noch keinen Namen hat. Der sich seinen Namen erst holen muß. Der noch gar nicht geboren ist.«

»Ich verstehe dich nicht, du Angebinde.«

»Erinnerst du dich nicht? Der Sohn von Ethel, der Witwe Al' Bu Schuschas, des Ungerächten. Sie ist sehr arm.«

»Ich will das Geschenk einer armen Witwe nicht annehmen. Gib es ihr zurück.«

»Willst du sie beleidigen?« Ainusch war mit einem Male ganz ernsthaft. »Sie würde es dir nie verzeihen, und der ganze Stamm wäre böse auf dich. Du hilfst ihr zu einem Sohn; sie ist dir dankbar.«

* * *

So war man denn auf vielen Umwegen über Weiber, Welten und Wünsche ganz richtiggehend zu Brot und Arbeit gekommen. Und die Arbeit machte Spaß. Und die Eier und Mehlbeutel, die Näpfe voll Hammeltalg, frischer und ranziger Butter häuften sich zu wahrem Wohlstand. Handwerks goldener Boden wuchs sichtbarlich herauf.

Aber viel fehlte zu vollem Gelingen. Werkzeug vor allem. René hatte ein altes, vielkünstereiches Schweizer Ordonnanzmesser unter seiner Fahrnis hervorgekramt. Die zwölf Register dieser Stahlorgel erregten das Staunen von ganz Dar el Kaid. Drei schneidende Klingen, eine Schere, eine Säge, ein Konservenschnabel, eine Ahle, ein Schraubenzieher, ein Korkzieher, eine Feile, ein Bohrer und ein Patronengreifer, und alles miteinander an einem Heft! … Dennoch, trotz Schrauber und Feile und Bohrer, welch ein armseliges Gerät! Ein Schraubstock vor allem fehlte; und dann eine richtige zweihiebige Feile, die ordentlich ausholte und griff; und ein Hammer da und Zangen dort und ein Krätzer und Schmirgel und ein Putzstock mit Kugellager! … Man robinsonierte eben so dahin; und manchem Kranken konnte man nur durch das älteste aller ärztlichen Mittel helfen.

Da war die Mausiehr eines gewissen Bu Riad, ein unheilbares armes Geschöpf; Verschluß und Schloß gerade noch erträglich in Gang; aber der Drall verschlissen, verbrannt, verbleit, verrostet, narbenzerfressen; und das Korn auf seinem Sattel bis zu einem kleinen schiefen Buckel zusammengeschunden und verklopft. Auch der Kolbenhals war zu Harm gekommen und vom praktischen Bu Riad einfach mit aufgenageltem Blech armiert worden; die Stelle der Schwanzschraube vertrat ein halbzöllig hervorragender Rostnagel; vom Bügelblech überm Abzug fehlten neun Zehntel. Der Heilkünstler gab sich alle Mühe und Pflicht mit dem desperaten Invaliden; aber was ihm gelang, war höchstens eine schwache Aufklärung der inneren Verhältnisse, die Erweckung eines matten Scheins von Zügen und Feldern. Bu Riad, ein heiterer Mann, zeigte sich dennoch höchlich zufrieden mit diesem verzweifelten Erfolg. Er lud das Magazin mit scharfen Patronen, trat in das Hüttentor und spähte nach irgendeinem geeigneten Probeziel. Dort, etwa hundertfünfzig Schritte fern, hing eine verworfene Kalebasse; Bu Riad deutete hin, schlug an, zielte ganz kurz, schoß, und die Scherben splitterten vom getroffenen Gefäß. Anderen Tags aber schickte der beglückte Schütze ein vollbusiges Perlhuhn, dem der weißrote Nacktkopf sauber vom Halse getrennt; die Mausiehr sei wieder in bester Ordnung, hier zum Dank der Beweis … Bu Riad, dein Glaube hat dir geholfen; jage und schieße in Frieden! …

Aber ohne chirurgisches Besteck kann keine Klinik bestehen; allen half der Glaube allein nicht, und in vielen Fällen geriet das bessere Gewissen des Heilkünstlers in Verlegenheit.

Die ganze Sache machte ihm stillen Spaß, und so sehr versachlicht hatte er sich durch müßige Spielerei, daß er unversehens mitten im heiligen Ernst der Arbeit stand.

Er liebte sie, diese seine tägliche Arbeit; er hätte sie nicht mehr recht entbehren können.

Mit oberflächlicher Reinigung vernachlässigter Bohrungen hatte er begonnen; und jetzt wollte er schon vorschriftsmäßig schmirgeln und polieren, frischen und läutern, löten und härten, feilen und treiben, schrauben und schneiden.

Es war eine Kunst; es war die Kunst des nackten Lebens; es war die Kunst, die aus dem nackten Leben sachte wieder aufwärts führt zu den fernsten und letzten und gefährlichsten Gipfeln.

Auf seinen Wunsch brachte Si Hamd el Maaluki alles zusammen, was an Werkzeug in Dar el Kaid irgend aufzutreiben: ungefüge Zangen, zyklopische Hämmer, einen vulkanischen Ambos, einen längstverstorbenen Schraubkloben, ein gewaltiges Zwittergerät zwischen Feile und Säge, einen zweiten Bastard zwischen Keule und Schleifstein, ein paar Faustvoll verrosteter Schrauben und Nägel, einen Hebel, der vor Jahrhunderten vielleicht ein Stemmeisen gewesen: die Mastaba der Hütte verwandelte sich aus Werkstatt und Hörsaal zur mittelalterlichen Folterkammer.

Der Wille war gut, der Behelf schwach wie der athletisch plumpe Glaube frühchristlicher Büßerheiliger. Mit einem Gewürzkörnchen Liebe kommt man dem Himmel näher als mit tausend Psaltern und dreitausend blutigen Geißelstreichen; sieben Zoll feinen hartgreifenden Korundstahls waren hier wundertätiger als die drei Zentner rohen, ungezähnten, verwilderten Eisens.

Aber man muß zu Aposteln nehmen, was man eben findet; und der Meister von Dar el Kaid behalf sich recht und schlecht mit den Mitteln des Landes, dem er das Heil der sparsamen Erhaltung und Pflege predigte. –

Inzwischen war der Vater des falschen Blickes vorschriftsmäßig bratenreif geworden. Der Lehrer, Wundertäter und Meister gab seinem Werkgerät einen Sabbath und verwandelte sich zum Koch.

Die Nachricht vom Fall feurigen Eisenhagels oder vom Einbruch flammenspeiender Riesenheuschrecken konnte sich nicht schneller ausbreiten. Heute wird der Kundschar gebraten! … von Ihm selbst! …

Wie damals am Frühmorgen der öffentlichen Entbartung versammelte sich viel Volkes um die Hütte, darin so Bedeutendes sich vollzog.

Man vernahm mit Staunen: Er häutete mit Al' Bu Chuas Beistand den Vater des falschen Blickes und zerlegte ihn eigenhändig in drei Teile, den Rücken und die Keulen. Ainusch kam heraus und verkündete geheimnisvoll: Er löst den Speck ab und schneidet ihn in Scheiben! … Sie kam wieder, Finger auf den Lippen: Er hat die Speckscheiben mit Salz eingerieben, auf Zweige gespießt und hoch über ein rauchendes Feuer gehängt! … Alles Mundwasser von Dar el Kaid lief zusammen und zog lange Strähne. Ainusch kam wieder heraus und strahlte vor Stolz und Wichtigkeit: ich soll recht viel Äste von Zedern bringen, damit das Feuer stärker raucht! … Ganz Dar el Kaid ging auf Jagd nach Zedernästen. Es wurde Mittag. Dichter Qualm schwebte im Regendunst über der Hütte des neuen Bundes. Ainusch kam auf ehrfürchtigen Zehenspitzen herausgeschlichen: Er bohrt Löcher ins Fleisch und stopft den Speck hinein! … Sie kehrte wieder und flüsterte hinter vorgehaltener Hand: Er schneidet Stücke vom Fleisch und reibt sie mit Salz und spießt sie auf einen so langen Ast, immer ein Stück Fleisch und eine Scheibe Speck aus dem Rauch! … Sie erschien noch einmal, ganz aufgelöst in Vorfreude: Es wird gebraten! … auf dem Aste über einem kleinen offenen Feuer! … Er dreht den Ast in zwei Gabeln, so! … und bespritzt den Braten mit Wasser und beschmiert ihn mit Butter! … und den Rahm von saurer Milch will er auch dazu haben! … Und in die herbstfeuchte Wiesenbucht von Dar el Kaid schlug überwältigender Duft nieder, und alles was irgend Hund in der ganzen Dorfschaft, saß wedelnd und fadenspinnend und knurrend um die Hütte der Freuden, und Al' Bu Chua erzählte anderen Morgens, er werde von nun an täglich zwei Kundscharat schießen, denn einer allein sei unter so bewandten Umständen zu wenig, auch begreife er nicht, wovon diese klugen Ungläubigen sich eigentlich nährten, er allein habe gern und leicht ein Drittel verspeist, Si Hamd el Maaluki und El Fahhad zusammen ein anderes Drittel, die Weiber und Kinder zusammen ein Viertel und der Ibn Austrija selbst den Rest, ein handgroßes Stückchen nur. –

Der Vater des falschen Blickes war eingegangen in den ewigen Umlauf der Dinge, es regnete und donnerte weiter, kürzer wurden die Tage, kühler die Abende, und der Meister von Dar el Kaid sah sich vor der Notwendigkeit neuer Künste.

Immer noch harrte rifische Wehr seiner hilfreichen Liebe, und das unentbehrliche Waffenfett zusamt dem lösenden Öl war über Gebühr schnell verbraucht worden.

Verbraucht bis zum letzten Strich und Tropfen; und über Gebühr und gegen den Zweck. Denn Waffenfett ist kein kosmetisches Latwerg.

Ainusch hatte eines Tages angezeigt gefunden, ihre Fingernägel und Lippen mit der schönen orangegelben Salbe festlich zu schmücken, wie die Maurinnen der Städte es mit Hennah tun.

Ihre Bestrebungen hatten nicht den still erhofften Erfolg. Der Herr und Meister lachte ganz anders, als sie es erwartet.

»Ainusch, du Tochter der Hauptsünde, der Neugier, wie oft hast du diese Schminke des Todes schon angelegt?«

Sie grinste verlegen.

»Wie oft, bei Leben oder Tod?«

Ihre Augen wurden groß. »Heut erst.«

»Und wann?«

Ihr Lächeln erstarrte. »Vor einer Stunde.«

»Und weißt du, was du getan? … Diese Salbe frißt den Rost vom harten Eisen. Um wieviel eher frißt sie das Rot von deinen Lippen und das Leben aus deinem Körper! Danke dem Allerbarmer, wenn er dich nicht mit lebenslanger Häßlichkeit und Malen bestraft.«

Sorgfältig und ernsthaft strich er mit einem Hölzchen das schöne gelbe Fett wieder von ihren Nägeln und Lippen ab und sammelte es in seiner kleinen Büchse. Sie zitterte vor Angst. Was sollte sie den Freundinnen sagen, denen sie sich schon in der geneideten Bemalung gezeigt? …

Aber auch mit der Möglichkeit ewig-weiblicher Mißbräuche war es nun zu Ende, und der Vater der Fünfschüssigen mußte auf neue Mittel sinnen.

Öl ist im allgemeinen Öl. Oliven sind hier daheim. Olivenöl ist wahrscheinlich nicht das richtige, aber fett ist es auch. Man hätte sich mehr mit Chemie beschäftigen sollen. Immerhin, einiges lag ja noch verstaubt in Winkeln der Erinnerung umher. Wie war das eigentlich? Woraus bestand das Teufelszeug von rauchschwachem Pulver? Aus Pflanzenfaser und irgendwas Saurem. Schwefelsäure oder Salpetersäure, das war ja jetzt ganz egal. Warum die Geschichte eigentlich brennt und knallt, blieb allerdings unerfindlich. Aber es ist einmal eine Tatsache. Wenn aber Salpetersäure dabei, dann ist der unsichtbare Rauch wahrscheinlich auch so irgendwie salpetersauer. Herrgott ja, non scholae sed vitae discimus! … Aber wer in allen Welten hätte damals, auf dem Schottengymnasium und später im Theresianum an den Rif und solche Möglichkeiten gedacht? … An Indianerkrapfen dachte man damals, bis zum Xenophon hinauf wenigstens; dann an Indianerkrapfen und Zigaretten; und vom Cicero aufwärts an Zigaretten und Tanzstunden und was so dazugehört in Seide und Battist! … Also wie war das? Salpetersauer, Salpetersäure. Und richtig, ja, in irgendeiner Fachzeitung hat man einmal gelesen, daß auch die Zündhütchen so irgendwie sauer verbrennen. Knallsauer, chlorsaures Kali, undeutliche Vorstellungen. Sauer auf jeden Fall. Und von Säuren geht eine dunkle alte Sage, daß sie vom Allerschaffer zu ewigem Durste nach Wasser verdammt sind. Saugen und ziehen Wasser an, wo sies nur zu riechen kriegen. Aha, da haben wir schon die Bescherung. Wasser besteht ja angeblich aus zwei Teilen Wasserstoff und einem Teil Sauerstoff. Also schon wieder etwas Saures. Eisen aber und Wasserstoff kennen einander gar nicht, schauen einander überhaupt nicht an. Eisen und Sauerstoff kennen dafür einander umso besser und nur zu gut; das ist ein altes illegitimes Verhältnis, eine der vielen unerwünschten Liebschaften des losesten und unwiderstehlichsten aller Elemente. Und so wird die Geschichte wahrscheinlich sein: Salpetersäure und Eisen machen einen Vertrag miteinander: die Salpetersäure bezieht für beide zusammen das Wasser, sie hat die Mühe und die Spesen, sie erhält dafür den verfügbaren Wasserstoff, das Eisen den Anteil Sauerstoff und das gesamte Risiko. Wenn dieses sehr hoch, was gehts die Säure schließlich an? Daß das Eisen seinen heißgeliebten Sauerstoff so schlecht verträgt und das bißchen Salpeter schon gar nicht, was kann sie dafür? … Das ungefähr ist das stille Alltagsdrama im Inneren solch solid scheinenden Stahllaufes. Das ist die Berufstragik des Laufstahls. Ja, die Säuren, das sind Biester, hoffnungsvolle Mädchen bringen sich damit um, und anderen Morgens muß der Bürger aus der Frühstückszeitung in den Kaffee weinen, wenn er sowas Ergreifendes liest.

Aber auch die bissigen Säuren sind nicht unangreifbar. Sie haben ihre schwachen Seiten. Es gibt in der Chemie eine Familienpartei der Montecchi und eine der Capuleti. Die Montecchi, das sind die Säuren, die Capuleti aber, das sind die Basen. Der wissenschaftliche Name schon deutet die heimliche Verwandtschaft an. Und das ist nun die alte tragische Geschichte, daß auch hier die Montecchi's nichts von ihrer eigenen Sippe lieben wollen und können, und die basischen Capuletis ebensowenig. Kein chemischer Romeo heiratet eine Montecchi, keine basische Julia einen Capulet. Über Haß und Fehde hinweg kokettieren sie miteinander, verlangen sie leidenschaftlich zueinander, und sperrt man sie barmherzig zusammen in eine Kammer, so erzeugen sie in heißer Umarmung ein neutrales Salz, gleichwie Konservativ und Rotradikal bei etwas Vernunft und Gunst zu einem gerührten Liberalismus kristallisieren. Also mit Basen macht man salpetergeladene Vettern, mit Laugen macht man Säuren zahm. All das dämmerte jetzt langsam aus Tiefen des Gedächtnisses herauf. Nun ja, lieber Herrgott von Wien, man hat auch seinerzeit seinen Krist oder wie die verdammte Schwarte schon hieß, durchgebüffelt und sich fürs Abitur mit Formeln und Begriffen vollgestopft. Und wär nicht die hastige Angst hinterher gewesen, man wüßte heute mehr von dem ganzen Krempel. Die hastige Angst nicht und ein klein wenig mehr Würze. Der gute verhaßte alte Borstmayr, häßlich wie Thersites, die Gesichtsbehaarung ein ewiger Übergang von Hochstoppel zum Bart, die Nase zur Kröte entartet, auf dem was da Weste hieß ein halbes Frühstück, das linke Stück von dem was da Fuß darstellte, unabänderlich in einem zugehakten Filzschuh – der gute verhaßte alte Borstmayr, wenn er sich so mit gespitzter Kreide vor die sorgfältig gewaschene Tafel hinstellte und seinen Vortrag begann: »Oißo, das Kailißaksche Xsetz, das is so – und das Marjotsche Xsetz, das is halt so …« – und die schwarze Fläche dicht mit vollkommen unverständlichen und unerläuterten Formeln bedeckte … »Oißo, das lernens jetzt bis zum Samstag, das Kailißaksche und das Marjotsche Xsetz.« Und da sollte man heute, nach so vielen eigenen Experimenten, nach so vielen selbsteingegangenen Verbindungen und Scheidungen noch wissen, was Basen eigentlich sind?

Die Regenluft war schwer vom niedergeschlagenen Dunst des Dorfes und der Hütte, des Herdes und der anstoßenden Stallung, in deren Pferch die beiden kleinen Kühe, die Ziegen und Schafe sehnsüchtig nach der gewohnten Freiweide brüllten, meckerten, blökten. Auch das gehörte zum nackten Leben; es führte den Menschen sachte wieder zum Unentbehrlichsten und zu den Uranfängen der Musik zurück. Ohne Gestank kein Dünger, ohne Dünger kein Brot, ohne Brot keine Musik. Aber diese Wahrnehmungen und Gedankengänge hatten noch eine andere Wirkung. Der Robinson der Chemie mußte plötzlich, mußte fast zwangsläufig an andere Orte, an einen ganz bestimmten anderen Ort denken, wo es ähnlich gerochen. Und mit eins wußte, sah er ihn auch schon, diesen Ort: die jauchenbraun durchschwitzten Salpetermauern eines gewissen Vorhauses, eines Vorhauses in Mellach, im Judenviertel von Tetuan. Im Judenviertel, wo man nachts auf schleimigen Frühgeburten ging und Skolopender und fahlblaue Darmkraken sich in der Monddämmerung verkrochen. Da war es bei den Vandalen in Dar el Kaid, bei gesunden traulichen Kühen und Ziegen immerhin gemütlicher. Aber ja, was hatte er damals gerochen? Wie hatte sein Bewußtsein es genannt? Ammoniak! Und was war Ammoniak? Eine Base. Ganz bestimmt. Dafür hatte er einen unwiderleglichen Beweis, der besser in seiner Erinnerung haften geblieben als alle Formeln des verhaßten alten Borstmayr. Da war der kleine Trauteneck, der sich später bei einem Hindernisreiten in Nizza das Genick gebrochen und damals schon in Zeichnung und Wort nur drei Dinge kannte, Pferde, Uniformen und Weiber. Den rief einst der verhaßte Borstmayr unversehens aus seinen Zukunftsträumen auf: »Trauteneck, sagens mir amal, oißo was is Ammoniak?« … Worauf der kleine Trauteneck die empfangene Einflüsterung folgendermaßen wiedergab: »Ammoniak ist eine Cousine.«

Die zur Zähmung des salpetersauren Romeo erforderliche Julia war gefunden. Ammoniak. Man nahm einfach Ammoniak. Das ist sowas ähnliches wie Salmiak. Salmiak, mit dem man verschiedene Dinge putzt. Aha, putzt! Stimmt schon. Man kann also auch Salmiak nehmen, Salmiakgeist. Der riecht ja so wunderschön, putzt den Menschen bis ins Gehirn hinauf. Seiner leibhaftigen Cousine Vikki hatte er einmal solchen Salmiakgeist in einer künstlich wiederhergestellten Parfümflasche verehrt. Dafür kriegte er eine Mordswatschen. Das war noch im Zeitalter des Xenophon, vor den Tanzstunden und zarteren Gefühlen. Was aus der Vikkerl geworden sein mag? Sie war sehr hübsch und wurde immer hübscher, tanzte wie ein seliger Geist und ging Sonntags in die Dreiviertelzwölfuhrmesse zur Michaelerkirche. Eigentlich hätt er die Vikkerl heiraten sollen; schad. Dann säß er heut vielleicht nicht im Rif unter den letzten Vandalen. Aber er saß nun einmal da, und die Frage war: wo kriegt man Salmiakgeist her?

* * *

Das große Herbstgewitter hatte nachgelassen. Es regnete und donnerte nicht mehr den ganzen Tag; es regnete und donnerte nur noch täglich.

Aber die Wiesen verjüngten sich noch einmal mit kühlem Grün, und die Tage wurden schwermütig kürzer und die Schatten dieser Welt länger, und als René eines weinklaren Nachmittags durch frühen Tau zur Wiesenhöhe hinanging, siehe da schimmerte Djebel Azrek der Sommerglutblaue, da leuchtete Djebel Lakhdar der steile Schattengeschartete, da blendete Djebel Ksel der Honigbraune fern zwischen den Kimmen ansteigender Züge alpenrein in nacktem jungem Schnee.

Das ist die Zeit, da in der Heimat alles zu Ende geht und von neuem beginnt. Die Ferien sind aus und die ersten Butterbirnen fallen. Die Sommerfrische ist vorbei und jedes tröstet sich mit einer neuen Liebschaft. Die Ernte ist eingebracht und der neue Spielplan wird beziehungsreich mit dem Don Carlos eröffnet. Die Menschheit sondert sich in Stadt und Land und jeder geht an seine eigentliche Arbeit und seinen eigentlichen Genuß. Laub rieselt in stiller Nebelnacht, die Schwalben rüsten, vom Mädchen reißt sich stolz der Knabe und wirft sich in die dornige Wildnis der taciteischen Germania. Die Saat wird bestellt, die Alten denken sacht ans Sterben, die Jungen ans Tanzen und Heiraten, soweit das Vorbedingung ist, und mit ihnen aller rollte die alte treue Erde durchs Tor der Herbstnachtgleichen in die Winterbahn hinein.

Und eines Tages würde auch hier alles zu Ende sein. Leben ist Abschiednehmen. Man nimmt Abschied von seiner Kindheit, von seinem Spielzeug, von seinem klein bißchen Gott und Angst, von seinen Vorabenden, von seinen Einbildungen, von seinen Herz-, von seinen Seelen-, von seinen Leibesliebsten, von seinen Zähnen, von seinen Überzeugungen, von seinen Haaren, von seinen Zweifeln, von seinen Schlipsen, von seinen Lastern, von seinen Pantoffeln, von seinen Gewohnheiten – nichts bleibt übrig als das nackte Leben, und schließlich nimmt man Abschied auch von diesem und vom ganzen Abschiednehmen selbst. –

In Überstunden der letzten Tage hatte er eine besondere Fleißarbeit geleistet.

Er packte den Duveyrier, er packte Papier und Schreibgerät aus und machte sich ans Rekonstruieren.

Nicht einmal Ainusch durfte ihm zusehen. Er saß und sann, und sann und verglich, und verglich und schrieb, und schrieb und sank in Erinnerung. Und endlich war es fertig.

Was hatte Er nun? Ainusch kauerte bang von ferne. Sie wußte, daß diese Franken, daß diese Beni Austrija durch Papier miteinander sprechen können. Taten das auch die Mädchen und Frauen? Sprach Er durch Papier mit einer anderen, einer Tochter Seiner Heimat? Sie hatte Sidi Bu Hassan doch solch schönes Stück ihres Zopfes geopfert. Sie würde hingehn und dem Heiligen ihren ganzen Heiratszopf zu Füßen legen, daß er das Wunder wirke.

Er aber dachte nicht an die heimlichen Nöte hinter diesem Hemde. Sorgfältig übertrug er das gewonnene Werk auf ein reines Blatt Papier, und als Abends Si Hamd el Maaluki und El Fahhad sich zum Dämmerkif auf die Mastaba hinhockten, überreichte er ihnen lächelnd das Schriftstück.

Es war ein Geviert von Klammern und Balken, Strichen und Punkten: eine Urkunde des Gedächtnisses aus dem Gedächtnis zum Gedächtnis. Die verpfändete, gestohlene, verlorene Schicksalsschrift in sauberem Tefinaq, kein Zeichen zuviel, kein Wort zu wenig, der Führer zum geheimen verschollenen Goldhort des Djebel Hamam.

Der alte Fahhad starrte wie gebannt in die Zeichen hinein, Hamd el Maaluki aber staunte in ernster Mißbilligung.

»Sind in dir siebentausend Teufel oder siebentausend Andschelusen? Du bist ein gefährlicher Mensch. Eigentlich sollte man dich nie wieder loslassen.«

»Es steht in deiner Macht und Laune, o Kaid.«

»Ich habe dir deine Freigabe versprochen und halte mein Wort. Aber du bist nützlich und gefährlich zugleich. In allen Dörfern erzählt man sich von dir und deinen Künsten. Man wünscht, du wärest der unseren einer. Und da du so Nützliches weißt und kannst, warum verschwendest du dich auf solch müßige Dinge?«

»Ich wollte dir eine Freude bereiten, o Kaid.«

»Es ist mir keine Freude zu wissen, daß nichts aus deinem Gedächtnis ausgelöscht werden kann. Aber ihr könntet den ganzen Djebel Hamam umstürzen, ihr würdet dennoch nicht finden, was ihr sucht und begehrt. Der Schatz, von dem hier die Rede, ist längst entrückt und versunken, auf daß wir arbeiten und kämpfen und nicht in Schmuck und Seide und Reichtümern verfaulen wie die Krämer der Städte.«

»Laß Begrabenes begraben, Vergangenes vergangen sein, und laß die Schätze in der Erde,« sprach nun auch El Fahhad, nachdem er braun aus seinem weißen Bart gespuckt; »jede Frucht erreicht die Erde, wie hoch der Baum auch sei. Der Hort, den Qezr er Rih geraubt, wurde der Sage nach von unseren Weisen verborgen; das Volk selbst wurde geschlagen und zersprengt; das Gold verschwand aus den Bergen; die Urschrift ging verloren; Blutrache entstand um Erbschaft der Schätze; um Blutrache mußte ich die Abschrift dem Jahudi verpfänden; um der Abschrift willen mußte ich selbst weit in die Fremde gehen und wieder Blutrache üben; durch eben diese Blutrache kam die Schrift in andere Hände; diese Hände ergriffen dich und haben dich hierhergeführt; unsere Hände wehrten dir und nahmen dich gefangen; unsere Hände haben dich gepflegt und geheilt; und nun bist gerade du es, der uns die Schrift, das gestohlene Gut wiedergibt und meine Schuld sühnt.« Der Alte senkte das Haupt und schloß wie von langem Schauen ermüdet die Augen. »Allah weiß alles besser und am besten. Bitten wir ihn, daß er kommendes zum Guten wende.«

»Amin,« sagte El Maaluki ernsthaft; »die Schrift ist uns nicht mehr nütze; was sie uns berichtet, das wissen wir selbst; es ist aus vergangenen Zeiten, da das Gold sich noch nicht verborgen hatte vor den Menschen. Heute müssen wir darum arbeiten wie um die Frucht der Felder, und das ist gut. Denn wo das Geld auf den Bäumen wüchse gleich den Feigen, was wäre es dann wert und wo wollte einer seine Heimat und Freiheit verteidigen? … Aber ich sehe deinen Sinn, und der ist uns nütze. Denn ein guter Sinn ist mehr wert als alle Schriften und alles Papier und Gold der Erde.« –

So war wieder eine Frage gelöst und ein Schritt auf dem letzten Wege getan. Aber die Boten aus Tanger waren noch lange nicht da und waren vielleicht sobald nicht zu erwarten, und ein ganzer Höllensud von Säuren und Basen brannte und ätzte am unbefriedigten Gewissen, und irgendetwas mußte unternommen werden.

Si Hamd el Maaluki wußte allerdings nicht genau, was Salmiak sei. Bis Dar el Kaid waren die Geheimkünste des mittelalterlichen Arabien nicht vorgedrungen.

Aber sobald er den guten Zweck erfahren, erklärte er sich bereit, den notwendigen Al Mak sofort in jeder Menge und um jeden Preis zu beschaffen. Wo man dergleichen erhalte?

René dachte nach. In Melilia, beim Arzneikrämer.

Hamd el Maaluki sah kein Hindernis. Er würde sogleich zwei bewaffnete Boten nach Melilia jagen. Wenn die Gewehre davon gesund wurden, war ihm kein Geld zu teuer, kein Weg zu weit.

So kam es, daß René all sein Spanisch zusammennahm und den unbekannten Diener Äskulaps in Melilia mit einer Bestellung erschütterte, die es verdiente, im »Telegrama del Rif« abgedruckt zu werden. Dergleichen war noch nicht vorgekommen: einen halben Liter Salmiak, zwei Kilogramm chemisch reiner Vaseline und ein halbes Kilogramm venezianischer Seife.

Es war dem Adepten zu Dar el Kaid eingefallen, daß Vaseline eigentlich der geeignetste Träger all dieser Ingredienzen sein müsse und daß gewisse Öle beim Gebrauch wie Seife schäumten. Seife aber hat irgendwie etwas mit Lauge und Soda oder dergleichen zu tun und schadet überhaupt nirgends.

Die Boten gingen, die Boten kamen. Es hatte viel Geld gekostet, zehn ganze Perseten. Aber die Latwergen waren da, der Salmiak roch vorschriftsmäßig nach Menagerie und stechender Kälte, die Vaseline war gelb und die Seife weiß. Wie diese Stoffe sich vereinigen sollten, davon hatte René keine Ahnung. Aber der Versuch ist der Vater der Wissenschaft. Berthold Schwarz hatte auch keine Ahnung vom Schießpulver, und dann war auf einmal kein Haar mehr in seinem Gesicht.

Verdächtige Düfte lagerten über dem herbstlichen Dar el Kaid. Ainusch sah wie gewöhnlich gespannt zu. Was macht Er wieder? Aber das Spicken des Wildschweinbratens hatte ihr besser gefallen.

Er nahm nach kühnem Gutdünken vier oder fünf Eßlöffel voll der gelben Salbe, zerließ sie überm gelinden Feuer, gab einen Schuß vom Salmiakgeist und eine Prise feiner Seifenspäne daran und hielt den blinzelnden Kopf weit weg. Denn wenn gewöhnliche Pflanzenfaser mit Salpetersäure losgeht, wenn Salpeter mit Holzkohle und Schwefel, knallt und schießt, warum sollte Vaseline mit Salmiak und Seife nicht diese Berge einstürzen machen? Angeblich konnte man ja sogar mit Milchzucker Häuser in die Luft sprengen, und wenn man mit Glyzerin Großfürsten, Straßenzüge und Eisenbahndämme nihilisiert, warum nicht mit einem anderen Öl oder Fett? Wann der Teufel will, geht sogar eine Butten los, sagte der alte Nestroy. In den gutmütigsten Menschen entwickeln sich unter gewissen Einflüssen verheerende Sprengstoffe, und aus der Geschichte der ehelichen Chemie kennt man viele warnende Beispiele.

Aber es roch nur furchtbar und explodierte nicht. Allmählich beruhigte sich der Schaum der Dinge. Die Pfanne ward weggesetzt, die Mischung erstarrte zu etwas, was eigentlich noch immer wie Vaseline aussah.

Der Meister ging streng wissenschaftlich zu Werke. Bevor man ein Ei vier Minuten lang pflaumenweich kocht, muß man erst wissen, was ein Ei ist, was vier, was eine Minute, was kochen und was pflaumenweich. Ein Stück Eisen aus dem Maalukischen Hausrat wurde gereinigt und geglättet, der Verbrennung einer darüber geleerten Ladung Blättchenpulver und hierauf, nach leichter Behandlung mit der Versuchspomade, den ungünstigsten Einflüssen, der Nacht, dem Tau, dem Regen, dem Weltwasser ausgesetzt. Die geschützte Fläche blieb blank. Kleine Rostblüten ließen sich mit dem neuen Dekokt – oder nennt man das Emulsion oder Präparat? – leicht entfernen. Das Renol war erfunden. Der Rif hatte seine Industrie. Wenn er von diesen Bergen schied, hinterließ er ihren Söhnen ein patentiertes Verfahren. –

Aber immer noch fehlte viel zu voller Ausstattung der Reparaturwerkstätte. Er würde wohl einmal hinüber nach Europa fahren und geschwind ein paar notwendige Dinge holen müssen. Ja, einmal fuhr er, insch' Allah – aber er wollte vorderhand noch gar nicht dran denken.

Hier gab es viele Väter des Sprunges und keine Zeitungen und manche kleine Unzulänglichkeit; in Europa gab es stellenweise weniger Flöhe und das Wasser floß aus Kranen und man konnte telephonieren oder Moden mitmachen, aber das bezahlte man teurer als bloß mit Leib und Leben, das man hier vielleicht in den Bergen ehrlich verlor. –

René hatte sich unter spielend ernster Arbeit schon wieder ein neues Spiel ersonnen. Diese blauäugigen Blond- und Grau- und Weißbärte waren doch Vandalen; wie konnten sie also El Maaluki, El Fahhad, Akstaffin und Ibrahim und Jussuf und Achmed und Ali heißen? Er gab ihnen Namen aus eigener innerer Machtvollkommenheit. Si Hamd el Maaluki, das war natürlich Hagen; El Fahhad der Gepard, das war bis auf weiteres und besseres Hildebrandt, der eisgraue Waffenmeister. Al' Bu Chua, keine Frage, das konnte nur der wiedererstandene Ecke sein, der ragende Riese, der damals den Berner im tirolischen Urwald so blindwütig angefallen und dem feuerschnaubenden Helden dann doch erlag und gar noch den Eckesachs, das gute harte Schwert lassen mußte. Ainusch aber, wo gab es im ganzen Rosengarten deutscher Sage irgend Maid oder Liebste oder Frau, die Ainusch glich? Ainusch kommt von Ain, und Ain ist das Auge sowohl als der Born, der Quell, des Wassers himmelsspiegelnder Blick; und bis ihm der Name irgendeiner germanischen Quellnymphe einfiel, blieb Ainusch eben Ainusch, der Bote der Ewigkeit, der Vorhof des Paradieses, der Regenbogen, die Blume von Dar el Kaid, der Brunnen kindlicher Weisheit, Hemdtraute, Flohberge, Bloßhilde, Schenklinde, Riechhildis, was ihm eben gerade auf die Zunge oder in den Sinn kam.

Und nun begab es sich eines Abends, daß er dem einäugigen Hagen und dem eisgrauen Hildebrandt und der hochmithorchenden Hemdtraute von deutscher Heldenmär zu sagen anhub.

Das kleine Feuer knisterte und warf große geheimnisvoll webende Schatten an die düster überflackerten rauhen Wände des Lichthofgevierts; draußen rauschte wieder der tägliche Herbstregen; im Stallpferch regte sich das träumende Hausgetier; Stahl von Klingen und Rohren funkelte ahnungsvoll aus roterdämmertem Dunkel; und der Erzähler begann mit dem stählernen, mit dem golddurchwirkten, mit dem nordmeergrauen, mit dem waldtiefen, mit dem hifthornhallenden, mit dem blutbrandverlodernden Nibelungenlied.

Er sagte es, wie es ihm von Kopf und Herzen kam; nicht streng nach dem Gedicht des verschollenen Meisters, sondern im Zug der älteren Sagen. Wie der Gott des Feuers einst den Otter in seines Namens Tiergestalt durch einen Steinwurf getötet; wie die Götter Buße zahlen mußten an Hreidmar, des Erschlagenen Vater; wie Loki den kleinen Antwari als Lachs aus dem Strome fischte, wie er ihm den uralten Hort nahm und zuletzt noch den Zauberring abstreifte; wie der Zwerg Schatz und Diebe verfluchte; wie auch der Ring noch zum Blutgeld hinzugefügt werden mußte, da ein Schnurrhaar des Otters unbedeckt aus dem Golde hervorsah; wie dann Regin und Fafnir ihren Vater Hreidmar erschlugen; wie Fafnir den Schatz erraffte und als flammenspeiender Flügeldrache auf Gnitaheid bewachte; wie Regin als künstereichster aller Schmiede tief in den Wäldern hauste und des Helden und der Klinge harrte, die den schuppengepanzerten Drachenbruder erlegen würden; woher endlich Siegfried kam, wie der Balmung gefunden und geschweißt ward, wie Fafnir sein siedeheißes Schwarzblut über den jungen Helden ergoß und ihn hörnte, und wie der Fluch Antwaris von Mord zu Mord und Graus zu Graus weiter seinen Weg nahm … und Hagen el Maaluki und Hildebrandt el Fahhad hörten erst ernsthaft, dann immer aufmerksamer, endlich in glühender Teilnahme zu; das Hausgetier regte sich in seinen Träumen; das kleine Feuer knackte und raunte; Herdrauch zog durch kiengeschwärzte Hundingshalle; Eisen funkelte düsterspiegelnd; ferne Donner rollten verloschen über die Berge; und als Siegfried mit lang herausragendem Speerschaft ermordet im blutgeröteten Waldklee am Lindenborn lag, hielt El Maaluki es nicht länger aus.

»Recht ist ihm geschehen! Warum hat er geredet? Ein Mann soll nicht reden! … Aber die beiden Weiber hätte man mit ihm zusammen umbringen müssen; so, so!« Er zückte den Sikkin und dolchte wütend in die Luft. »Das Maul derer, die Zwietracht säen, stillt man mit der Klinge! … Sprich weiter! … Hat man die Weiber umgebracht?«

El Fahhad spuckte ins Feuer. »Jede Frucht fällt zur Erde, wie hoch der Baum auch sei. Es ist die Geschichte des Goldes. Ich hätte es genommen und wieder ins Wasser geworfen.«

»Aber zuerst muß man die Weiber töten!« rief El Maaluki zornig; »alle Habsucht kommt von ihnen, Neid und Lüge und Verrat. Ein Mann kauft sich Waffen für sein Gold, ein Weib Schmuck und Wohlgerüche, daß sie den Mann verblende. Und was sind das für Männer bei euch, die ihrer Weiber nicht Meister werden? Sie müssen schon ganz verfault sein in Schätzen und seidenen Teppichen.«

»Das ist Goldes Fluch und Werk,« sagte El Fahhad.

»Ich – ich hätte ihr alle Rippen im Leibe zerbrochen!« verschwor sich El Maaluki erregt; »dort in der Kammer, wie du erzählst, da hätte ich ihr alle Knochen im Leibe gebrochen und den Kopf eingeschlagen! … Das wollte ich sehen!« Der Alte flackerte vor Entrüstung. »Was sind das für Männer bei euch! Weiber schlägt man und kleidet sie in Lumpen, daß sie nicht hoffärtig werden und unglücklich und wir mit ihnen! Damals schon, als sie sich stritten, m'sch' Allah, hätte man sie bis auf den Schurz ausziehen und zusammen unter ein Joch spannen und Wasser aus dem Tale heraufziehen und vor dem Pflug und der Peitsche gehen lassen sollen, m'sch' Allah, dreißig heiße Tage lang! … Da hätten sie sich anders besonnen! … Der einzige rechte Mann unter all diesen ist der Einäugige, der den Schwätzer erschlug.«

Der Erzähler lächelte. »Er gleicht dir, o Si Hamd el Maaluki. Ich habe bei deinem Anblick von Beginn an seiner gedenken müssen. Aber die Geschichte ist noch lange nicht zu Ende!«

Und der Skalde am niedrig lodernden Herdfeuer sagte weiter von Herrn Siegfrieds letzter Heimkehr und Frau Kriemhildens schneidendem Wehschrei und Brünhildens schauriger Lache, daß die Hähne aufkrähten aus der Nacht; und wie dann Hagen den Hort im Strome versenkt – –

»Recht hat er getan,« sagte El Fahhad und spuckte ins Feuer; »so machten es auch unsere Weisen vorzeiten!«

– – und von Kriemhildens zweiter Brautschaft und der Heerfahrt zu den Heunen und Hagens finsterer Warnung – –

»Er ist der einzige Mann unter ihnen allen,« erklärte El Maaluki; »und sie gingen dennoch, die Toren?« Seine Hände krauten erregt im grauen Bart. »Wir Beni Uriachel sind nicht so einfältig! Wenn wir Blutrache hätten mit den Temsamanen oder denen von der Gelaia, und sie lüden uns ein, m'sch' Allah! … Jeder mit zwei Mausiehr und zweihundert Patronen, so kämen wir, und nicht anders!«

– – und von Herrn Ruedeger dem Bechelarner, dem Werten, und von Gotelind und Dietlind (Dietlind! … so heißt du, Ainusch! …) und Gernot und Giselher dem Kind und Volker dem Spielmann und Dankwart dem Schnellen und von Ankunft und Empfang auf König Etzels Burg –

»Sie gingen in eine Falle!« sagte El Maaluki mit rauher Stimme; »da kommt keiner mehr lebendig heraus! … Alle werden sie umgebracht! … Sie verdienen es, für ihre Torheit!«

Und nun kamen die grausen Kämpfe in der Halle, Ströme von Blut über die Treppe herab, nun sprühten die Funken von Schilden und Schwertern, Volker fiel und Dankwart und Ruedeger und Iring und Gernot und Giselher, Brand und Tod, Rauch und verkohlende Leichen, und niemand mehr blieb übrig von so vielen Völkern und Männern als Etzel mit seiner finsterbleichen Königin, Dietrich der Unbesiegbare und sein Waffenmeister, Hagen der Unbesiegte mit dem furchtbaren Balmung und Gunther sein schnöder Herr, feig wie die Schuld.

El Maaluki warf kein Wort mehr ein; doch er atmete schwer, sein Blick glomm, seine Hand krallte um den Sikkin und wühlte unstet im Bart. Ainusch Dietlind saß mit offnem Munde; ihr Antlitz strömte. El Fahhad aber hatte die alten Augen geschlossen und den gesenkten Kopf im Kauern auf die Knöchel gestützt: als säh er lauschend in sich hinein, in einen Widerschein vorferner Urvergangenheit.

Und nun kams an Herrn Dietrich, daß er in schwerem Kampf wider sein eigen Herz den Eckesachs mit dem jaspisgeknauften Balmung mußte kreuzen und das lichte Blaufeuer von seinem Munde lohte wie von den hallenden Schwertern; und daß er dem müden Hagen grimme Wunde schlug und in keuchender Umarmung ihn fesselte; und dann noch Gunther den König überwand und gebunden der grausen Schwester zuführte mit schwermütiger Bitte um das Leben der beiden Helden … Und Frau Kriemhild, wahnsinnig von Blutrausch und Rachsucht, haut erst ihrem leiblichen Bruder und hernach dem todbitteren Hagen das Haupt vom Rumpfe, und wie das Herr Hildebrandt sieht, der eisgraue Waffenmeister, hält ers länger nicht aus, reißt seinen Stahl und spaltet dem fluchbeladnen Weibe den Schädel bis in den weißen Hals. Und El Maaluki tat einen tiefen Atemzug, als wär er selbst mit blutiger Not dem Brand der Halle entronnen, und sein Auge leuchtete auf.

»Endlich! … M'sch' Allah! … Aber nicht mit dem Schwerte! … von vier wilden Pferden hätte man sie zerreißen lassen sollen und das Herz herausschneiden und den Hyänen hinauswerfen in die Nacht!«

»Das ist einer anderen geschehen,« schloß der Erzähler; »zweien ist es geschehen, einer greisen Königin und einer jungen und morgenschönen. Brunhild hieß jene, diese Swanahild, und ein andermal will ich dir von ihnen sagen, denn auch sie gehören zu euren eigenen Ahnfrauen.«

Das war die Mär von der Nibelungen Not zu Dar el Kaid. Der Regen rauschte; das Feuer sank zusammen; große Schatten wuchsen und fielen an den Wänden; Waffenstahl funkelte aus der Herddämmerung; El Fahhad kauerte noch immer wie ein träumender Büßer der Wüste, die alten Augen geschlossen, das gesenkte Haupt in die Knöchel der Hände gestützt.

* * *

Das war der Nibelunge Mär zu Dar el Kaid, und anderen Tags äußerte Ainusch ihre Meinung.

»Si Hamd el Maaluki mein Großvater war sehr wild und aufgeregt. Aber ich würde es auch so machen wie die Frau, von der du erzählt hast. Und Ethel auch.«

»Du würdest Blutrache nehmen für den Herrn deines Leibes und Herdes, du Tautropfen der Seligkeit?«

Sie sah ernsthaft drein.

»O ja. Ich kann auch mit einer Mausiehr schießen. Wir alle können es. Aber die Geschichte kann ja gar nicht wahr sein. Ich habe darüber nachgedacht.«

»Und warum sollte sie nicht wahr sein, du Walterin der Weisheit?«

Sie lachte wieder und schlug sich auf die jungen Schenkel.

»Wie soll das wahr sein, daß ein Weib ihrem Manne widersteht? Dazu wird sie doch genommen und aus der Vormundschaft gekauft, daß sie ihm starke Söhne gebiert! … Und sie freut sich doch, wie alle! … Darum kann es nicht wahr sein; du hast es doch nicht selbst gesehen. – Ich würde dir gewiß viele und starke Söhne gebären,« setzte sie unbefangen anpreisend hinzu. –

Aber auch Hamd el Maaluki gingen die riesigen Schatten der Nibelungen in der Seele um.

»Kennst du noch mehr solcher Geschichten?«

»Noch viele. Ich muß mich besinnen.«

»Besinne dich. Könnten doch unsere Männer dich verstehen! Da du alles in der Welt weißt, warum sprichst du nicht unsere Sprache?«

»Ich kenne kein Buch, daraus man sie lernen könnte, o Kaid. Es ist eure Schuld; ihr duldet keinen Fremden.«

»So lerne die Sprache von uns! Wir lernen sie auch nicht aus totem Papier, sondern vom Munde. – Es werden auf diesen Abend viele aus dem Dorfe kommen, dich zu hören. Besinne dich bis dahin. Du kannst immer ein kurzes Stück mir erzählen, ich erzähle es dann weiter. – Noch eins will ich dich fragen: was ist mit dem Golde geschehen?«

»Es liegt noch heut im Strome, wo der Einäugige es versenkt hat.«

»So seid ihr reich! Was kommt ihr dann in unsere Länder, Gold zu suchen und das Wenige zu stehlen, das wir besitzen und selber brauchen?«

»Niemand kennt die Stelle; jener hat sein Geheimnis nicht verraten; sie ist verlassen auf immer.«

»So seid ihr umso reicher; denn wer Gold auf seinen Schultern trägt, der geht gebückt; wer aber gebückt unter Last geht, der kann nicht schießen. Der Reiche hat keinen Schlaf; und wer keinen Schlaf hat, der sieht selbst am hellen Tage nicht seine Feinde, denn seine Augen sind blöde. Jener hat euch von aller Sorge erlöst; ihr seid frei. Was müht ihr euch um soviel eitle Dinge? Ihr habt keinen Neid zu fürchten, nicht den der Nachbarn, nicht den eurer Frauen untereinander. – Was ist mit der anderen geschehen?«

»Sie kehrte zurück in ihre Heimat nach Mitternacht.«

»Man hätte sie von Anbeginn dort lassen sollen. Es ist gut, wenn auch die Frauen stark und wehrhaft sind. Aber sie sollen dem Manne nicht widerstehen, sondern ihm dienen. Eine Mutter tapferer Söhne ist das köstlichste Gut auf Erden. Aber Weiber muß man in Zucht halten, denn von ihnen zuallererst verdirbt ein Volk. Siehe selbst: an diesen beiden sind viele Völker zugrundegegangen. Ein Weib kann man immer wieder haben, einen starken und mutigen Mann, ein gutes Pferd, ein gutes Gewehr nicht. Um seine Mutter mag man alles wagen, um Weibertränen nichts. – Wer herrschte dann über die Länder, da alle Männer gefallen waren?«

»Es kamen andere Völker.«

»Und all das um zwei Weiber, die man hätte aufs Feld jagen und schwer bei hartem Brot arbeiten lassen müssen? Ihr Franken und Beni Austrija seid Toren. Lerne von uns, daß du es den Deinen sagst: sonst werdet ihr verbrennen und verbluten wie jene. Und erinnere dich anderer eurer alter Geschichten; von Weibern nicht, sondern von starken Helden: das hört man gerne an Abenden der Regenzeit.« –

Viel Volkes war gekommen und kauerte bescheiden rings unterm pfostengestützten Umgang des Lichthofes: der riesige Al' Bu Chua, Akstaffin und 'med 'l Aid die Nachbarn, Brahim l'Isilami, Männer, Greise, Knaben, darunter auch der finstere verwilderte Junge, der damals seine geringe Gabe so scheu hingelegt und dann sich in den letzten Winkel verkrochen, der Sohn des Ungerächten.

Der Erzähler begann, Si Hamd el Maaluki übersetzte in kleinen Abschnitten. Es ging beschwerlich wie ein langhinverzettelter Zeitungsroman, aber es ging, und viele blaue Augen leuchteten feuerspiegelnd aus dem Dunkel der Kapuzen nach dem Skalden hin.

Er hatte tagsüber bei gemächlicher Arbeit seinen Stoffen nachgesonnen und all die uralten Lesebücher der Kindheit rekapituliert, jene vernünftigeren Lesebücher der sogenannten Unterklassen, darin noch von anregenderen Dingen die Rede, als von den Xenien und den Jahren der Wahlverwandtschaften und all dem tödlich gleichgültigen Zeug. Davon, aus dem Wilhelm Meister oder aus sonstiger naiver und sentimentalischer Dichtung hätte er nach mehrtägiger Anstrengung auch nicht eine Zeile wiedergeben können; die Prachtexemplare der Sage aber lebten von selbst ewig wie Achill oder Odyß oder Hannibal und Scipio ober Simson und Goliath oder die saftigsten unter den zwölf Aposteln. Er sah das Buch noch vor sich, daraus er einst mit stillglühendem Eifer die schönen alten Mordgeschichten gelesen; es war kein eigentliches Lehrbuch, sondern ein solches, wie man es gelegentlich braven Schülern schenkt, es war rot gebunden und eng gedruckt und mit vielen spannenden Bildern geschmückt. Wie wußte man zu unterscheiden zwischen Balmung und Mimung und Nodung und Eckesachs und Nagelring und Durindart und all den Ruhmesschwestern, um deren Werk und Wert man so oft gebangt, auf die man heimlich gewettet, für oder wider die man leidenschaftlich Partei genommen! … Und was blieb übrig von Wilhelm Meisters theatralischer Sendung? Nicht eine Schuhschnalle.

Er hatte sich für den Sagenkreis des Berners entschieden; der war kein großer strenggeschlossener Dom, sondern eine Burg mit vielen Türmen und Türmchen und Erkern und Zugängen, in fröhlich mutwilligem Nacheinander entstanden; da konnte man getrost weglassen ober hinzufügen oder unterbrechen und überspringen. Auch hatte er gleich seine lebendigen Beispiele zur Hand; Hildebrandt den Alten verglich er El Fahhad, für Herrn Dietrich wählte er einen kräftigen blondbärtigen Mann, der ihm Dschedd Maziq genannt worden, und da er die schöne Aventiure von Ecken Ausfahrt zu sagen anhub, wies er auf Al' Bu Chua als den Vertreter des achtzehn Schuh langen waldüberschreitenden Riesen in der goldflammenden Otnitbrünne.

Ecke ward vom feuerschnaubenden Berner nach furchtbarer Zwieschlacht überwunden und ehrenvoll in ein Heldengrab gelegt; aber der Kampf fand unerwartete Fortsetzung und Wiederholung. Dschedd Maziq und Al' Bu Chua hatten sich schon während des unentschiedenen Ringens der beiden Recken scheel und immer scheeler angesehen und einander die breiten Zähne in den Bärten gebleckt; rauhe Worte flogen herüber und hinüber und bellten in die Erzählung hinein; die Sikkin funkelten; wie Ecke dem teuren Berner die Wunden auseinanderzerrt, grinste und höhnte Al' Bu Chua; da Dietrich Ecken zum dritten Male wirft und sein Schwert Nagelring durch den Schlitz der Goldbrünne bohrt, sprang Dschedd Maziq frohlockend auf; da Ecke in seiner Todesnot sich noch einmal bäumt, klafterte auch Al' Bu Chua gegen den spottenden Sieger empor; und nun streiften sie beide sich die Ärmel von den braunen Armen, Dolche blitzten rot im Feuerschein, Gebisse fletschten sich gehässig an, Parteien hetzten darein, es sah aus, als sollte beider werter Degen heißes Blut in den nächsten Augenblicken sich miteinander vermischen, das kleine Hofgeviert zur Bühne, die Bühne Natur, Dichtung, Wahrheit werden.

Mit Mühe nur und bewaffneter Drohung brachte El Maaluki die beiden erbosten Darsteller zur Wirklichkeit zurück. Er schlug an und schoß im unsicheren Flackerlicht Al' Bu Chua als dem Gefährlicheren und Gereizteren die Klinge des Sikkin dicht über der Faust weg. Mörtel spritzte umher; Al' Bu Chua stand mit schartigem Stumpf. Das wirkte. Grollend hockten die Helden sich wieder auf die Fersen. Eine Weile schnitten sie einander noch Gesichter, dann söhnte neue Teilnahme sie miteinander aus. Der Erzähler hub von frischem an mit der Geschichte von Heime dem blutjungen Bauernburschen, der da auszog, dem Berner zu stehen und zu gehören. Allein vor Verteilung der ferneren Rollen hütete er sich wohl; an rifische Einfühlung und Regie mußte man sich erst gewöhnen. –

Der Regen hatte aufgehört; hoch überm Rauchloch des Hundingdaches schwammen die Herbststerne im Sturm gegen zerschlissenes Gewölk; und der, über dessen schlummernder Wehr sie einst aus wühlendem Alpenföhn geschimmert, der Berner als riesiger Schatten mit Heime und Wittich und Wolfhart und dem steirischen Dietleib und Ilsan und Hildebrandt seinen Degen, kam unsterblich aus Nordland her übers Meer und stieg heraus nach dem Garten der Hesperiden wie damals zu König Laurins Rosenburg, und trat herein in rote Herddämmerung und Ruch von Zederkien und schritt durch die Seele eines verschollenen, verlorenen, versprengten Brudervolkes. –

Ainusch brachte ein zierlich geflochtenes Körbchen mit Nüssen, kleinen Herbstäpfeln, zwei kleinen Ziegenkäsen und drei blanken bräunlichen Eiern.

»Das schenkt dir Ethel. Mehr hat sie nicht. Aber sie wird dir immer dankbar sein.«

»Ethel, du Botin der Geheimnisse? … Ethel, dankbar, wofür?«

»Der Sohn ist geboren: durch dich.«

»Sohn geboren, durch mich?«

»Er horte deine Geschichten, nahm die Büchse des Vaters und zog aus, ihn zu rächen. Das Gewehr mit dem eingebrannten Zeichen des Sikkin, weißt du noch? Ethel hat nun einen Sohn; er ist in die Berge gegangen.«

* * *

Man hatte sich auf Bu Chamasias Büchse mit dem gläsernen Zauberauge besonnen. Nun sollte er die Waffe endlich vorführen. Aber Hamd el Maaluki wollte von dieser kostspieligen Neuerung nichts wissen.

»Das ist zu teuer für uns arme Ruafa. Wir hatten uns darauf gefreut, denn man ist seinem Feinde gerne überlegen; und ein Feind ist jeder Nachbar. Aber wir zahlen schwer für unsere Mausiehr die hundert oder hundertundzwanzig Duros Hassani, die der Jahudi dafür nimmt. Wie können wir dann jeder eine Chamasia wie die deine kaufen, da sie noch ein vielfaches mehr kostet? Und daß einer allein ein solches Gewehr besitzt oder einige wenige solche Büchsen haben, wäre noch schlechter als Rost auf altem Eisen; denn der Neid ist der Vater alles Übels.«

Die Begeisterung für die fremdartige Zauberwaffe war nichtsdestoweniger groß, und viele blaue Augen brannten begehrlich nach dem schönen, sorgfältig gearbeiteten Meisterstück. Größer aber noch war das Erstaunen, als die Krieger einer nach dem anderen durch das Zielrohr geblickt und die Welt in klarer Nähe vor sich sahen, das Gelbe im Auge des Huhnes drüben, jeden Apfel samt Krotz und Warze in den Bäumen auf der Wiesenhöhe. Das war wunderbar. Das war unbegreiflich. Aber was bedeutete der schwarze Balken mit dem Faden und dem Punkt genau in der Mitte? Wo kam das her? Und vor allem, warum ließ diese Chamasia sich nicht abdrücken, so sehr man zog und zerrte?

Darauf hatte René gerechnet. Er ließ seine Büchse, nachdem er sie vor aller Augen scharf geladen, durch die Hände der ganzen Dorfschaft gehen. Keine Gewalt half. Al' Bu Chua hängte sich mit seiner ganzen Kraft an den Abzug, aber das Schloß blieb starr stehen. Er legte den Sicherungsflügel nach rechts, nach links herum: das Schloß stockte wie festgefroren in seiner Spannung. Verwundert, zornig fast gab der Riese das ungehorsame Gewehr dem Besitzer zurück.

René ließ ein Ziel wählen. Dort, der hell herausleuchtende Apfel! Warum nicht? Es mochten einige hundertundfünfzig Schritte sein. Der Schütze ließ sich gelassen nieder, stützte den linken Ellenbogen aufs Knie, löste unmerklich die Geheimsperre, stach ein, zielte sorgfältig und schnellte den stahlgellenden Schuß ab; der Äpfel zerspritzte in kleine Späne. Lauter Beifall lohnte das Gelingen des Probestücks.

Aber dort das kleine weiße Huhn unterm übrigen Geflügel! Hamd el Maaluki wies das Opfer, der Eigentümer verschenke es für einen Treffer. Das Gehöft lag jenseits der Wiesenbucht, die Entfernung betrug sicherlich dreihundert Schritte, warum nicht? Rene stellte die Scheibe auf zweihundertfünfzig Meter ein, hielt das Atmen an, zielte sehr gewissenhaft, faßte mit dem Visierpunkt an und stach den Feinschuß ruhigen Herzens ab. Gelb, Braun und Schwarz drüben stob kakelnd auseinander, der weiße Fleck blieb auf der Stelle. Ein Junge sprang hin und holte das arme ermordete Haustier; es war durch den Flügelbug und mitten durch den Leib geschossen. Die Kunst, die man hier für die notwendigste des Lebens hielt, war noch nicht gänzlich verlernt.

Das Erstaunen wuchs, als der künstereiche Bu Chamasia gemächlich den vorhin unbeweglichen, wie eingeschraubten Verschluß aufzog und die noch unverschossenen Patronen in seine hohle Hand aussprudeln ließ. Er konnte alles. Er machte alte Gewehre wieder neu und schoß und traf mit Gewehren, die kein anderer Mensch zu bedienen vermochte.

Ainusch aber war stolz wie eine Mutter von zwölf Heldensöhnen. Das war Er. Er, der sie den Regenbogen und die Hüterin des Paradieses nannte. Er war der Meister. Sie allein konnte mit Ihm sprechen. Als Ben Uriachel wäre Er der Erste des ganzen Stammes, vielleicht brauchte sie den Rest ihres Kunstzopfes doch nicht zu opfern.

Die Unternehmung artete in ein allgemeines und ungeordnetes Scheibenschießen aus. Die Beni Uriachel wollten sich von einem Ungläubigen nicht übertreffen lassen. Nach allem Möglichen und Unerwarteten wurde gefeuert, nach alten Töpfen, auffallenden Steinen, nach Stämmen, nach Scherben zerbrochener Teegläser, in denen der Ben Austrija nicht ohne Rührung gute derbe böhmische Ware wiedererkannte, nach Früchten, gerollten Kürbissen, ausgedienten Kalebassen, vorbeifliegenden Vögeln, nach allem fast, was nicht gerade Mensch war: und zum Schlusse dieses immer wilderen, immer hitzigeren Pulverspiels sogar auf wirkliche Menschen.

Al' Bu Chua, seines Ruhmes unersättlich, jagte einen Knaben mit einem angefaulten Kürbis die Wiese hinan, daß er das Ziel abrollen lasse. Noch hatte der Junge nicht sechzig Schritte durchlaufen, da legte der Riese blitzschnell an, zielte flüchtig und riß Feuer. Der Knabe griff mit der freien Hand nach dem Scheitel, ohne im Rennen einzuhalten oder die Frucht fallen zu lassen; er grinste nur einmal vergnügt herum und setzte seinen Weg fort. Al' Bu Chua aber fletschte den übertrumpften Ben Austrija freundlich an.

»Ob du auch das könntest,« übersetzte Hamd el Maaluki; »ob du auch das kannst: einem Menschen im Lauf den Kopf zu streifen, ohne ihn zu verletzen, so, daß er nur einen Druck der Kugel spürt? … Sieh selbst: nicht einen Strich wirst du an der Haut finden.«

»Aber einmal kann es doch mißlingen,« wandte der noch nicht ganz durchrifte Ben Austrija ein; »und dann seid ihr um einen Mann und eine Hoffnung ärmer.«

Der Kaid lächelte. »Wir alle stehen in Allahs Hand. Wenn Er will, wird der Knabe von einer Schlange gebissen, wenn Er will, fällt ein glühender Stein vom Himmel und erschlägt das Kind auf dem Lager. Allah befiehlt, daß wir unsere Kinder zu Männern erziehen, die uns gleichen; sonst hätte Er uns nicht so werden lassen, wie wir sind. Wir härten unsere Knaben ab, daß sie ins Feuer sehen, fliegender Kugeln nicht achten und vom Tode den Lohn erwarten, das Paradies. Tut ihr desgleichen.« –

Das Pulverspiel entwickelte sich zum improvisierten Volksfest. Die Reicheren opferten im Aufwallen der allgemeinen Freude je einen Hammel; offene Feuer loderten vor der Hütte des Kaid unter den Sternen. Die ganze Bucht der taukühlen Nacht duftete lieblich nach schmorendem Talg; das Bild des Herakles zwischen dem brandroten Arktur und der schmelzweißen Wega stand freundlich segnend über den Tälern der kraftvollen Enkel, dem Garten der Hesperiden.

Ben Austrija, Ehrengast mehr als Gefangener, gab durch Hamd el Maalukis Mund die uralte Geschichte von Hildebrand und Hadubrand zum besten; dann aber trat das Künstlerkabarett von Dar el Kaid auf, Audd und Gimbri und Rabek zirpten zu eintönigen Liedern, und der Kammermusik folgte die Symphonie mit großem Orchester von Zupfkörper, quirlender Chaita, großer und kleiner Trommel, alten Hufeisen, Pfeifen aus leeren Patronen und umgekehrten Blechtöpfen. Es war ein bedeutender und vielversprechender Eindruck, von solchen Anfängen, wo schon im Primitiven eine deutsam nach rhythmischem Pathos ringende Musikalität Altes überwindend zum absoluten Klangethos mit dissoluter Eigengebärde des Tonalen hinstrebte, ließ sich noch manche Werdung erwarten. Die Futurität solcher Neustrebigkeit erschloß sich allerdings nicht so sehr aus Entbindung von stofflichen Inhalten und Erschöpfung des rhythmischen Plasma als aus Zweidimensionalflächigem der Tonalität bei Bewußtheit der Ablehnung klassizistischer Atavismen. Es war musikalische Flächenraumkunst. Mozart, Beethoven, Schubert hätten hier eine Menge lernen können; dann wären sie nicht bloße Etappen geblieben. Das Berliner Kunstghetto allerdings war auch darüber schon hinaus.

Und Ainusch servierte den pfefferminzduftenden Tee.

Dann kam die große Glanznummer.

Der kleine stämmige Brahim l'Isilami und Al' Bu Chua der Riese entstiegen ihren Kapuzenmänteln. Was sie Hemden nannten, schürzten sie weibisch hoch; auf die haarige Heldenbrust bauten sie sich hochwölbige Kunstbusen.

In dieser Vermummung eröffneten sie zu Darmgezirp von Audd und Gimbri und treibendem Dumpftakt der Trommel den Tanz der Tänze, den Tanz des Bauches.

Gelächter des Volkes dröhnte zu den taukalten Sternen hinan, und als erst der untersetzte Brahim und dann der ungeheure Al' Bu Chua wie in höchster Verzückung zitternder Wollust die Augen schloß und selig bauchnachzuckend verlächelte, da erbebte der Berg bis in seinen Schoß hinab unter brüllenden Donnern des Beifalls. Es war überwältigend, und man stellte mit Genugtuung fest, daß selbst der Ibn Austrija sein heimliches Vergnügen nicht unterdrücken konnte.

»So tanzen die bezahlten Weiber der Städte,« erklärte El Maaluki; »die Krämer und die Reichen sehen es für ihr teures Geld an und erholen sich dabei von ihren trägen Frauen. Uns aber ist es gerade gut genug zum Spott.«

Die Parodie ging soweit, daß die beiden Tänzer vor dem Ben Austrija als dem vornehmsten Zuschauer niederknieten, um sich hennahduftenden Nailijahs gleich den gemünzten Lohn auf die von süßem Brunstschweiß perlende Stirne kleben zu lassen.

Sterne kreisten und versanken, neue kamen herauf, Feuer verkohlten, Audd und Gimbri verzirpten, Nacht stieg, Hammeltalgrauch verwehte gegen die schlummernden Gebirge, ein rostiger Topf war einsam zurückgeblieben vom ganzen Orchester – das Fest war zu Ende. – – – –

Man hatte vermessentlich daran gezweifelt, ob der Ibn Austrija mit seiner verzauberten Büchse auch Wild zur Strecke bringen könne.

Das Wetter war noch einmal hell geworden, von Ferngipfeln her hauchte es stählern klärend in erneutes Grün und Wiesensonne des Gartens ewiger Jugend.

Das ist die Zeit, da der große alte Schütze im grauen Nebelbart die Sehne seines Bogens wachst und seine Pfeile prüft und den Buntschuh schnürt und den Zweig mit roter Beere hinters Hutband steckt. Das ist die Zeit des Jägers, und ein Drittel der Wehrmannschaft von Dar el Kaid rüstete zu frischem Weidewerk auf Keiler und Sau, und der Ibn Austrija mit der verzauberten Augenbüchse sollte seine Künste und seinen Mut beweisen.

Taufrüh in fahler Dämmerung brach man auf mit Waffen und Hunden. Djebel Azrek und Djebel Lakhdar grüßten gespenstisch mit weißen Häuptern aus erbleichender Ferne. Es ging in die Tiefe dichter Eichendickungen; um freier Bewegung willen ließ man die Kapuzenmäntel zurück. Mit Sikkin und Beil mußten die Führer den Pfad ins Gezäh von Palmett und verranktem Zwergwuchs bahnen. Taudurchschauert erreichten die Jäger eine kleine Lichtung im Hange, hier hatten Sauen frisch gebrochen; die Hunde windeten gierig, mit gesträubten Kämmen in den unsichtigen Niederwald hinein.

Sie wurden gelöst. Die Schützen standen zuhauf mit entsicherten Mausiehr, den Sikkin quer zwischen den Zähnen oder in der Linken. Morgenstille; der Tau fiel; ein Raubvogel schrie hoch in aufleuchtender Frühe. Was würde der Ibn Austrija beginnen? Er rauchte gelassen seine Szigara, die verzauberte Büchse hing ihm gleichgültig auf der Achsel, der lange schwarze Augenstiel war mit seinen Lidern von gelbem Leder geschlossen.

Da gab es Laut im verworrenen Eichenfilz. Andere Hälse schlugen drein, immer mehr, immer schärfer und zornfroher. Das Gejaff schwoll zu wildharmonischem Geläut, das Geläut sammelte sich zur Ball. Das schwarze Wild war gefunden und gestellt.

Die Ruafa rannten durcheinander, warfen sich mit Dolchen und Gewehren in den Strupp und heulten lauter noch als ihre Meute. Hamd el Maaluki nur und der alte Fahhad waren beim Ibn Austrija auf der Lichtung stehengeblieben, aber der Kaid brüllte mit den anderen in heißer Begeisterung.

»Hinaus, du Ungläubiger! … hinaus mit dir, daß wir sehen, wieviel Kugeln Platz haben in deinem gefräßigen Bauche! … Gott gibt den Sieg! … Bleib stehen, du Jahudi, du Nazarener! … Bleib stehen, du Unbeschnittener, du Vater des falschen Blickes, du Vater des schlechten Gewissens, daß wir deine Zähne zählen und deine Augen sehn! … Bei Gott ist die Gottheit! …«

Knüppel wurden geworfen, Steine aus dem Hang, Pause, ein Hund jaulte auf, ungeordnete Schüsse knallten durcheinander: und plötzlich brach eine grobe Sau aus, gesträubte Federn und wutweißer Blick, sie rannte den Kaid um und überschlug sich am Bande der Dickung drüben ins Stockholz hinein.

Der Ibn Austrija hatte seine Büchse ganz gemächlich von der Schulter genommen und, blauqualmende Zigarette im linken Mundwinkel, das Wild mit gelassen hingeschwungenem Schusse aufs Gebräch gestellt. Die Sau wurde nicht wieder hoch. Der Stahlbleibolz war ihr, Blatt und Hals anpflügend, unterm Gehör schräg durch den schweren Schädel gegangen.

Allein die Jagd war noch nicht zu Ende. Hamd el Maaluki erhob sich ohne Schaden; ein Hauptkeiler hätte ihn im Vorbeibrechen vielleicht auf den Tod geschlagen. Die Hatz ging weiter, jenseits des Kessels im Hange hinauf. Sie kam zum Stillstand, und das nachstürzende Gebrüll häufte sich um sie her. Hamd el Maaluki ließ sich keine Zeit, dem Ibn Austrija für die schnelle Rache zu danken. Flammende Leidenschaft riß ihn fort, und selbst der greisenweiße Fahhad eilte, mit der Büchse hoch überm Haupte fuchtelnd, auf den Standlaut zu. Um den Ibn Austrija kümmerte sich niemand.

Er rollte sich gelassen eine frische Zigarette und untersuchte zunächst seine Beute; eine starke Bache von vielleicht dreihundert Pfunden – nun ja, im Kaukasus sind sie noch stärker. Der Schuß, ganz anständig. Büchse und Munition hatten ihre Pflicht getan; das Zielfernrohr hatte er gar nicht erst benutzt, sondern einfach dem Gefühl nach hinter dem schwarzen Kasten hergeschossen. Nach guter alter Sitte legte er einen Eichenbruch auf das hohe Wild. Dann suchte er sich gemächlich einen Weg nach dem Standlaut, der mit Schüssen und Chorgebrüll wechselnd im Hange drüben hin- und herzog. Es war wahrscheinlich ein ganz schwerer alter Basse, der sich den Kötern ohne weiters stellte und das bißchen Geschrei, Geschieß, Gegaff weniger fürchtete als feige Flucht. Ein anständiger Kerl, mit einem Wort.

Noch einmal rückte der Standlaut weiter, und jetzt in einem Horst von höheren Korkeichen hatte er das ganze schöne Bild vor sich. Wie von Rubens und Snyders gemalt: der weißgeifernde Schwarzkeiler, grausig klappernd mit dem Gewaff, halb eingeschoben in das Gedick, jede Borste gesträubt, ordentlich wutschielend der kleine Blick, handlang fast die blendenden Gewehre, daran die Haderer schnatternd schliffen … Und um den Hochedlen her das Geschwärm und Giftgekläff und Rotgehechel der Köter – jetzt schnappte einer zu weit vor, aufheulend flog er in die Luft und blutig in die anderen hinein – und dann das Gebrüll und Geschimpf und blindlings vergeudete Schreckgeschieß – unerschrocken trotzte der Alte all der Furie, Scharlachschaum troff ihm vom Gebräch, riesig und dunkel hielt er sich im Anschwarm belfernder Übermacht …

Prachtvolles Bild, tragisches Gleichnis – aber Leid und Schmach mußte ein Ende gemacht werden.

Der Jäger wählte einen Stamm zu sicherndem Anstreichen und löste die Lederkapseln von den Linsen des kostbaren Instruments, hier war der fein ausgezirkelte Schuß vonnöten; die Optik trat in ihr Recht. Nein, ihr Ruafa, die ihr ausgezeichnete Schützen und verwegene Helden seid, aber keine überwältigenden Jäger vor Allah, euren Lieblingen soll nichts geschehen!

Behutsam suchte der schwarze Punkt ein Ziel, einen Fleck verletzlichsten Lebens. Tapferer dort, du sollst nicht leiden! Aber immer wieder sprang es bunt mit Gejaff und Geschnapp vor den kleinen Knotenfaden im Glas. Die Ruafa heulten und brüllten wie einst ihre vandalischen Vorfahren in barditusdröhnender Schlacht der Völkerwanderung. Aber in den Knäuel zu schießen wagte keiner; das Leben eines Saufinders war mehr wert als das eines Menschenkindes. Und niemand ahnte das vergrößernde Glasauge, das dort hinterm Stamme hervorlauerte. »Gott gibt Sieg! … Bei Gott ist die Gottheit! … Komm her, du Ungläubiger, wenn du Mut hast! … Komm her, du Jude! … Komm her, du Nazarener, daß wir dich beschneiden! … Im Namen des Allbarmherzigen Gottes!« … Da knallte es stahlgellend ins Chaos hinein. Der riesige Basse sackte dumpf zusammen und war im Augenblick unter wütenden Bissen begraben. –

Es ließ sich nicht ändern: der Ibn Austrija war nun einmal Held des Tages. Die Ruafa grinsten Anerkennung; das war ein Schuß gewesen, der beinahe an ihre eigene Meisterschaft heranreichte. Wieder begehrten sie die Waffe zu sehen, die solches verrichtet; an ihr mußte es doch liegen. René überließ sie ruhig ihren fruchtlosen Bemühungen und trat an den gefällten Keiler heran. Hauptschwein, seine sechs Zentner gering; aber im Kaukasus waren sie doch noch mächtiger.

Die Hundschaft von Dar el Kaid hatte viel Haar gelassen. Ein Opfer seines Berufes war gleich auf der Anhatz geblieben, zwei andere lagen geschlitzt im Verenden, die meisten übrigen schweißten aus ehrenvollen tiefen Wunden. El Fahhad bewährte die Weisheit seines Alters. Mit Dorn und Faser der Aloe vernähte er den Winselnden die tiefsten Schmarren; Al' Bu Chua mußte die Patienten halten. Überall knurrte und leckte und hechelte es. Der Sieg war teuer erkauft.

Hamd el Maaluki trat an den Schützen heran.

»Du bist ein großer Jäger wie du ein ganzer Mann bist. Jeder Rifi wäre stolz auf den Schuß, den du getan; man wird davon erzählen an den Feuern der Wächter und an Sommerabenden der Dörfer, wenn die Audd klingt und der Kif aus der Sibsi qualmt.«

René lächelte.

»Allah gib die Ehre, o Kaid; Er hat dem Menschen Verstand und durch den Verstand Waffen wie diese geschenkt. Bei Ihm ist der Sieg.«

»Du sprichst Wahrheit und hast die Weisheit der Bescheidenheit. Dafür will ich dir eine andere Wahrheit sagen: hüte dich vor dem Neide, der das gefährlichste ist unter allen Übeln. Du bist ein Mann, dem nichts fehlt; wem aber nichts fehlt, der wird gehaßt von denen, die zu wenig haben. Die Raben jagen den Adler. Ehrgeiz ist gesund wie Salz; wenn er aber bitteren Geschmack annimmt, ist er giftig.«

Mit Brocken roh angebratenen Wildbrets wurden die Hunde genossen gemacht. Dann schlug man Keiler und Sau aus der Schwarte, der Erleger erbat sich den Schädel des erlegten Bassen, um das Gewaff sorgfältig auszulösen, Al' Bu Chua belud sich freundschaftlich mit der geringen Last, und im Schmuck dieser Siegeszeichen, gefolgt von der winselnden lahmen Hundschaft, trat die Jägerei den Heimweg an.

Ainusch aber wuchs und blähte sich vor Stolz. Er hatte die beiden Väter des falschen Blicks getötet, Er allein! Er, der sie den Regenbogen nannte, die Morgenröte, die Gase, den Quell und die Blume! … Er, zu dem allein sie sprechen konnte von allen Schwestern in Dar el Kaid! … Sie trug sein Kschar, sie hatte Ihn heilgefüttert, sie allein war gewürdigt Seiner Nähe! … Nichts, darin Er nicht der Erste wäre, hoch über allen Beni Uriachel! … Er wußte Gewehre gesund zu machen; Er wußte zu braten und zu kochen; Er wußte Dinge zu sagen wie kein anderer; Er wußte schöne Geschichten zu erzählen; Er war ein unvergleichlicher Schütze und der Meister unter allen Jägern! … Eines nur fehlte ihm: ein Sohn.

Ein Sohn aus ihrem Schoß.

Das mußte Sidi Bu Hassan irgendwie in Ordnung bringen.

* * *

Tage der Trauer waren gekommen über Dar el Kaid.

Der graue Herbstregen fiel, kalt wehte es von den Nebelbergen herunter, man saß dankbar an kleinem Glimmfeuer und wärmte sich die Hände.

Und die Boten waren zurückgekehrt aus Tanger und sie brachten schwere Sacklast an gemünztem Geld und sie brachten die Kunde, daß sie Ethels Sohn, den Neugeborenen, den Rächer seines Vaters, am Wege liegend gefunden, den Todesschuß mitten durchs Herz.

Noch keine zwei Tage war die Leiche kalt, und doch seien die braunen Geier schon aufgeflogen von begonnenem Fraß.

Sie beteten Fatiha und Totensure gen Hufgang, häuften Steine über den jungen Bruder und zogen dann eilig weiter ihrer Straße mit der gefährdeten Fracht.

Nun würde jeder Wanderer seinen frommen Stein auf den Hauf setzen, der Kegel wuchs, und in vierzig Jahren war der Ruhm des Heiligengrabes weit verbreitet unter Freund und Feind.

Die Büchse mit dem Brandmal des Sikkin im Kolben, Patronen, Dolch, Schkara und Sobat waren vom Feinde erbeutet worden. Wer dies gewesen, Gegenrächer oder Mörder, Allah wußte es allein.

Die Boten hatten keine Zeit, die längst verwehte Spur aufzunehmen. Der tote Knabe selbst warnte sie vor längerem Säumen. Ihm war nicht mehr zu helfen, zur Widerrache blieb immer noch Frist genug; wo Mausiehr hinter Felsen enger Talklausen lauern, soll man mit Säcken gemünzten Silbers nicht leichtfertig verweilen.

Sie reisten trotz ungünstiger Jahreszeit nur des Nachts und in blasser Frühe; die Tage verbrachten sie mit dem Tragtier in wachsamem Versteck.

Und nun waren sie da, und viele viele Duros waren da, und ein Brief vom Raisul des Ibn Austrija war da, und das alles machte den nimmermehr lebendig, der jung verloschen fern in wildem Oleandertal unter fremden Steinen schlief und nicht aufwachen wird bis auf den Tag des Gerichtes.

Ethel sprach kein Wort, der Quell ihrer Augen blieb trocken. Dunkel und starr saß sie auf der Schwelle ihrer Hütte.

Sie sei aus fremdem Südstamme nach Dar el Kaid gekommen, wußte Ainusch; darum waren ihre Augen so groß und finster, ihr Haar so schwarz. Und darum fand sie keinen Rächer für ihr eigen Blut.

Aber ihr eingeborner Sohn war als Mann gestorben. Was sollte sie da weinen? Weinen mögen, deren Knaben vor geladnem Gewehr ins Finstre sich verkriechen.

Anderen Tages war sie verschwunden. Brahim l'Isilami hatte sie zuletzt gesehen, da sie ihn um seine alte Steinschloßflinte, Pulver und Kugeln bat; er gab ihr das Verlangte.

Eine Hütte war leer geworden in Dar el Kaid, eine Herdstelle erkaltet und herrenlos. –

Schwermütig freute sich René an der Gefälligkeit seines Landsmannes und einstigen Amtsgenossen.

Wieder eine Welt, von der er scheiden sollte; und einen dieser Welt hatte er selbst hinausgewiesen in die ewige Nacht.

Der gute Name allein hätte genügt, schrieb der kaiserlich-königliche Kollege; der gute Name allein hätte genügt, die begehrte Summe ohne allen Papierkredit in harten Metallfluß zu bringen.

Schließlich gehörte es ja zu den Pflichten des Staates und seines Geschäftsträgers, seine Angehörigen mit eiserner Gewalt oder silberner Güte aus gelegentlichen kleinen Gefangenschaften zu befreien.

Eigentlich war er sehr leichtsinnig, der gute Herr Kollege, und eigentlich waren diese Beni Uriachel hochanständige, grundehrliche Burschen. Man hätte sie getrost irgendwo im alten Europa als Kassenboten anstellen können, mit dem Vorzug, daß ihr Gebiß und sonstiges Zubehör ihnen gewiß Ansehen verschaffte. Aber wahrscheinlich wäre dann ihre rauhe Unschuld unter die Räder der großen Kreuzungen gekommen.

Zehntausend Franken in gutem Gold, fünftausend Franken in schweren Talern, in Beutel verschnürt und kaiserlich-königlich eingesiegelt, hatten sie treu und froh in ihre Berge hinaufgeschleppt. Das war beinahe unwahrscheinlich. Mit einem Drittel all dieses Metalls kam man weit fort in die Welt, wohin keines Mausiehr Kugel mehr reicht und keines Kaid Gewalt mehr langt.

Hamd el Maaluki aber lächelte zum Staunen des Ibn Austrija.

»Ist Ehrlichkeit bei euch so selten? … Und was hülfe es ihnen? … Es ist keiner ohne Weib und Lohn. Ich wähle meine Boten. Soll es von dieser heißen: die Witwe des Ungestorbenen, der gestohlen hat? … Und von diesem: der Lohn des Diebes? … Das ist das Pfand, das sie bindet. Sie denken unterwegs an ihre Frauen und Kinder, sie erzählen sich in der Fremde von ihren Söhnen, sie freuen sich auf Heimkehr und Wiedersehen und bleiben auf dem Pfade des Gerechten. Man sagt, wir seien Räuber; nun siehe selbst.«

»Aber ihr hättet auch denken können, es sei ihnen etwas zugestoßen. Manche kehren nicht zurück; wir wissen es.«

»Jener war ein Knabe, diese sind Männer, wer sich vor dem Löwen fürchtet, der stirbt vielleicht am Stich des Skorpion oder eines rostigen Nagels. Ohne Gottes Willen geschieht nichts. Und kann dies schwere Silber über die Berge fliegen wie ein Vogel? Konnte nicht auch mir etwas zustoßen, wenn ich es holte? Einmal mußte es kommen, und nun ist es da, bismillah.«

Ja, da war es. Einen langen Nachmittag zählten El Maaluki, El Fahhad und El Ne Bu Chamasia Ibn Austrija an Talern und Dukaten. Es mochte den wackeren Kollegen in Tanger ein schönes Stück Arbeit gekostet haben, bis er das zusammengekratzt und mobilisiert, wo unter den törichten Menschen, ihren Knechten, diese Gelben und Mondweißen schon geweilt, wieviel Segen und wievielmehr Unheil ist schon angerichtet, der Vielnamige wußte es. Der da kam aus Paris, wo er zuletzt im Seidenflorstrumpf einer gewissen Fanchette Chateaublanc, die eigentlich ganz gemein Jeanne Durand hieß, gewohnt; der da brachte Grüße aus Marseille und gehörte zum Preis einer nach Algier verkauften Erzieherin reiferer männlicher Jugend; der da hatte lange in Sisteron im Sparschatz eines armen alten Fräuleins aus dem zweiten Kaiserreich gelebt, bis er der allerletzte unter seinesgleichen gewesen und gerade noch zu einem zitternden letzten Einkauf und zum Sarg und zu einem Begräbnis dritten Ranges gelangt.

Vor Hamd el Maaluki aber waren sie alle gleich. Er strich sich befriedigt den Bart und wägte dann und dann eine der Münzen auf dem Finger.

»Das ist Geld. Geld muß gelten. Was ist Papier? Es kann gelten und kann nicht gelten.«

»Du siehst, daß es galt, o Kaid. Siehe die Zeugen und vernimm ihre goldenen und silbernen Stimmen.«

»Ich vernehme und sehe. Dein Papier war gut. Was aber geschieht, wenn eines Tages die Krämer und Wechsler in den Städten sagen: das Papier ist nichts wert, ich gebe nichts dafür! Kann ich dann solches Papier essen? Es brennen in der Laterne? Damit schießen? … Was brennt und vom Winde so leicht getragen wird, kann nicht Geld sein. Du mußt es rasch durch deine Hände laufen lassen wie böse Reden durch deine Ohren.«

Daran ließ sich nichts ändern; der Lehrstuhl für die Doktrin vom öffentlichen Kredit mußte zu Dar et Kaid noch erst errichtet werden.

»Besser weit, langsam und schwer unter Silber und Gold gehen als kurz und schnell mit einem Stück Papier,« sprach Hamd el Maaluki; »wer gar nichts gebraucht, der ist der Glücklichste, aber wer nackt nicht gehen mag, der sehe, daß sein Mantel von guter Wolle sei. Dieses Stück Silber wird dasselbe sein zu Anfang und zu Ende einer Reise von Tanger nach Timbuktu und soweit dein Meheri oder Kaidar oder dein Wunsch dich trägt. Ein Blatt Papier aber wird vielleicht nicht dasselbe bleiben von Titaiun bis Sibta, einen Tag weit über die Berge. Denn ein Papier kann nichts sein als ein Versprechen, und die Versprechen derer, die auf Papier schreiben, sind ungewiß wie die nächste Stunde. Wie kann einer in Titaiun versprechen können für einen in Dschebl al Tar? Wie kann einer in Uesan halten an einem Versprechen aus Al Dschir? Sicher ist nur, was man hat, denn dieses verspricht sich selbst. Papier ist der fliegende Vogel in der Luft; Silber aber ist das erlegte Perlhuhn in der Pfanne. Honig fließt langsamer denn Wasser, aber du kannst dich nähren von seiner Süße. Ein Stein ist schwerer als ein Flocken Wolle; diesen trägt der wind, doch jenen kannst du werfen, daß er sein Ziel erreicht.«

El Fahhad aber spuckte fast verächtlich aus.

»Geld ist auch dieses nicht. Gilt es dem Einsamen in der Wüste, wenn ihn hungert und dürstet? Kann er es essen oder trinken? Geld ist da nur das Brot, die Frucht, die Dattel, das Wasser, der Brunnen, der Schlauch: diese aber kommen von Gott. Und wenn einen hungert und dürstet in der Einsamkeit: und da ist kein Brunnen, und sein Schlauch ist schlaff und die letzte Dattel aufgezehrt: und es begegnet ihm einer mit vollem Schlauch und einem Beutel voll Datteln hinterm Sattel: kann er sich da stillen aus jenes anderen Born ohne dessen willen und sich sättigen aus dessen Vorrat ohne seine Gewähr? … Was ist da Geld? … Und wenn eine große Not ausbricht und kein Brot mehr wäre in der Welt vor Dürre oder Regen oder Fraß: wer wird da auch nur eine Handvoll seines letzten Kornes geben für alles Gold und Silber? … Und es versiegte alles Wasser, wer wird dich aus seinem letzten Kruge laben für all deine Schätze? … Was ist Geld? Ich habe darüber nachgedacht. Auch dieses hier, Gold und Silber, ist Geld nur solange du dafür zu essen findest und zu trinken und dich zu kleiden und dein nacktes Leben zu erhalten. Und du wirst dafür zu essen haben und zu trinken und deine Blöße zu decken nur solange die Weiber der Städte sich damit schmücken, den Männern um die Wette zu gefallen, und solange noch Brot und Wasser auf der Welt da ist für alle. Hört dies aber auf und die Not bricht an, dann ist auch Gold und Silber nicht mehr als Papier; du kannst es nicht essen, nicht trinken, nicht brennen, nicht zum Mantel weben. Es ist tot; nur was von Allah kommt, das ist lebendig. Und Allah ist der Allerbarmer im Barmherzigen, der dem Bedürftigen gibt und den Lechzenden labt und den Nackten bekleidet; und Allah ist der Richter im Starken, der den Krämer erschlägt und den Wucherer erwürgt und dem Geizigen seinen Überfluß entreißt; und Allah ist der Vater im Säemann, der die Erde pflügt und das Korn streut und die Ernte sammelt. Barmherzigkeit, gerechte Gewalt und Arbeit, diese drei; sie sind das lebendige Geld, das gelten wird bis ans Ende.« – –

El Fahhad hatte für irdisches Münzmetall die milde Verachtung des Weisen; Ainusch aber den herzhaften Haß der Jugend.

Ganz verloren drückte sie sich in Hütte und Hof herum. Nun war alles zu Ende. Die Welt war grau. Nun würde sie von einem anderen aus der Vormundschaft gelöst werden, einem Mauren vielleicht, einem Scherifen oder gar nur einem Ibn Uriachel. Alles war verloschen. Warum hatte Sidi Bu Hassan mit seiner Fürbitte nicht Räuber und Feinde über die Boten geschickt? Was lag ihr an Duros und Realen, da sie da drinnen in die Beutel zurückzählten und von denen das ganze Dorf sprach!

Schließlich aber flüchtete sie doch wieder zum weißen Grabwürfel des bewährten Wundertäters im Ölhain. Und das Liebste, was sie besaß, gab sie hin für Erfüllung ihrer zornigen Wünsche.

Möge Allah sie unfruchtbar machen für jeden anderen; möge er sogar Ihm den Sohn versagen aus einer anderen Schoß!

Das war schon Fluch mehr als Gebet. Aber Ainusch meinte es ernst.

Sie riß sich den seidenen Bund aus der schönen britischen Kathedralenstadt Winchester vom Kopfe, warf ihn dem Heiligen vor die Füße und wünschte sich begraben unter einem Hauf von Steinen, irgendwo in den Bergen.

* * *

»Ich kann dich nicht halten,« sagte Hamd el Maaluki zu seinem freien Gast; »du kannst gehen, du magst bleiben – galt dein Papier, so gilt mein Wort. Marhaba, du bist uns willkommen – baid el bel' alik, alles Üble sei fern von dir.«

Da half nun kein Heiliger mehr. Sidi Bu Hassan der Lendenstarke aus Mohrenblut versagte den Dienst. Es war kein Verlaß mehr auf Ruhm und langbewährte Kräfte.

Denn die große Regenzeit durfte nicht abwarten, wer mit zwei schweren Gehäusen und so viel eingebildeter Unentbehrlichkeit durch wilde Täler reist.

Schon schwanden die Tage, kühler wurden die Sternennächte über den Wiesen, der Schütze kam aus dem Abend herauf, und über den quarzenen Bergen der Ferne webte Winters weltbranddurchglommener Blaurauch.

René wollte zum Scheiden eine große letzte Verteilung seiner irdischen Habe veranstalten. Es war Stimmung darin. Alle Schwere ließ man zurück, ganz frei und seraphisch leicht zog man ins neue Leben hinaus. Al' Bu Chua würde die bewußte Pikeeweste und das schicksalsgetränkte Frackhemd erhalten, Brahim l' Isilami den Halsbindenschlauch aus altgoldner Strickseide, El Fahhad die silberne Tabaksdose; Si Hamd el Maaluki aber als einem anderen Hagen seiner Burgunden war der neuumgestaltete Balmung zugedacht, die fernhintreffende Zauberbüchse samt ihrem Zielauge und Geheimnis – und dir, Ainusch, dir, du Pförtnerin des Gartens der Hesperiden, alles was du erwählst und begehrst!

Und ihnen allen hinterließ er ja das Arcanum von Vaseline, Salmiak und venezianischer Seife, und in diesen letzten traurigen Tagen lehrte er El Maaluki und El Fahhad den Pflasterkundigen die Bereitung der Wundersalbe, und auf einem Blatt Papier rezeptierte er ihnen noch einmal alle Ingredienzien zusammen zu ewigem Gedächtnis und Vorweisung beim jeweiligen Äskulapiden zu Melilia; und dann unterwies er sie noch im Gebrauche der Putzschnur, ein Senkel schmolz er ihnen aus Blei ans Musterstück und einen Schoner zum Schutz gegen Mündungsweite klempnerte er aus einer alten Revolverhülse zusammen; und so schlingt man geschmiertes Werg in den aufgedröselten Strick, und so macht mans zweimännisch, und so, mit einer Schlinge und einem Haken in der Mauer, kann mans zur Not auch alleine machen; und die Schnur muß um Allahs willen ganz gerade durchs Rohr laufen und nirgends darf sie einseitig anscheuern; und ihm war, als sollte er verantworten für eine ganze große Familie von Kindern, für ein ganzes Volk und seine Wehrkraft und Sicherheit.

So irgendwie muß einem König zumute sein.

Ach ja, und hätte er ein Schock oder noch besser ein Gros guter schöner Kernseifen hier, auch die würde er verteilen, und bliebe er länger, das dalmatinische Flohkraut würde er einführen und zu hoher Kultur bringen.

Das war es schließlich, was jener Herr Staatsminister und Geheimerat, Exzellenz, in Fausti Maske von Freiheit, Leben, täglicher Eroberung, tüchtigem Jahr, freiem Grund und freiem Volke, gewissen Erdentagen, Augenblicken, Spuren und Aeonen gesagt, gemeint und gedichtet. Zwischen Sumpf, Pfuhl, Seife und Flohkraut besteht schließlich nur ein stofflicher und ästhetischer Unterschied, und den heimlich lächelnden Mephisto hat jeder bessere Kulturmensch als Merker in sich. – –

Hamd el Maaluki aber gebot diesen Stimmungen Einhalt.

»Behalte diese Dinge, die dir nötiger sind als uns und verdirb unser Volk nicht mit Gefallen an nutzlosem Tand! Die Männer eitler Weiber werden bald zu Krämern und Wechslern; die Männer aber haben eitel zu sein auf die Fruchtbarkeit ihrer Frauen, auf die Zahl ihrer Söhne, auf ihre Waffen, auf ihre Kraft, auf die Zahl der erlegten Feinde. Des Übels Wurzel ist der Neid, der aus weibischer Eitelkeit kommt. Er ist der Funke im Dach und der fressende Rost auf der Klinge. Was soll ich mit einem Gewehr, dessen Patronen nicht dieselben sind wie die der Mausiehr? Kann es mir im Gefechte dienen, wenn ich die eigenen Kugeln verschossen habe? Und was ist ein Gewehr ohne Patronen? Ein Mann ohne Freunde, ein Vater ohne Söhne, ein Schlauch ohne Wasser, ein Mensch ohne Verstand, ein Volk ohne Waffen! Und was soll ich mit einem Gewehre, das mir Neid aufs Haus zieht wie Fleischgeruch die Hunde? Behalte das Deine und wende es an wie wir das Unsrige.«

Und dann brachte er verhohlen eine stramme, leisklirrende Beutelwucht zum Vorschein.

»Es soll nicht heißen, wir hätten dir nichts gelassen als das nackte Leben. Ich weiß, ihr in euren Ländern könnt euch nicht nähren ohne die Früchte, die unter der Erde wachsen. Du kamst um Gold und mußtest Gold dafür geben; du gabst Gold und Silber und sollst Gold und Silber dafür mitnehmen.«

Er schnürte das ansehnliche Säckel auf und setzte es dem scheidenden Gaste vor Augen.

Es war jungfräulich Gold, in Sand, in Grieß, in Körnern und Schroten, schieres sonniges Urgold, unvermängelt durch Härtung, Zuschlag, Kopf, Schrift und trügerisch Menschenwerk; und Silber dazwischen, in krausstarren Drahten, in Moosen, in Ästen und dünnen Adergerippen, rohgediegen aus der Bergwäsche wie es gewachsen, unverdorben durch Zweck und Dienst: alles in allem ein Schatz von vielleicht doppeltem Werte des Lösegeldes.

Hamd el Maaluki lächelte zufrieden und strich den wettergrauen Nibelungenbart.

»Ich und El Fahhad, siehe: wir hätten dir das Lösegeld erlassen, denn du warst uns lieb geworden durch deine Dienste und Kenntnisse und durch deinen guten Sinn. Aber wir durften es nicht tun, wegen der Dschama; diese entscheidet, und gemünztes Gold können wir gut gebrauchen. Der Geheimnisse der Berge aber sind wir Eingeweihten allein Herr, und wir kommen nicht zu Schaden durch diesen Tausch, denn am reinen Golde betrügt der Jahudi uns jedesmal, vom gemünzten aber kann er uns nichts abhandeln. So ist uns beiden gedient, dir, der du Gold gesucht, und uns, die wir Mausiehr noch viel höher schätzen als dieses gelbe Metall, aus dem man keine Gewehre schmieden und keine Kugeln gießen kann. Und so, daß beide zufrieden sind, so soll es immerdar sein zwischen Freunden. Du aber laß dich nicht im Lande sehen mit dieser Gegengabe – und wenn du wiederkehrst, so komm nicht als heimlicher Dieb, sondern als offener Gast, daß wir dir unseren fettesten Hammel schlachten und dich feiern, und nicht eine nächste Kugel besser trifft! … Dies ist das Geschenk des Djebel Hamam an dich; ihr Franken und Beni Austrija und ihr alle aber lasset euch nicht gelüsten nach unseren Rechten und unserem Eigen! Denn für jedes solche Körnchen Goldes würden eurer Tausende sterben und unbegraben verfaulen als Fraß der Geier und Hyänen unserer Berge. Wir sind keine Herde wehrloser Schafe und keine Krämer, die um ihre Häuser und Bäuche zittern. Unserer sind mehr als ihr ahnt, jeder von uns hat als Bestes seine Büchse, und jeder von uns stirbt für Heimat und Freiheit! … Das lasse dir gesagt sein und sage es jedem, der dich fragt! U slam – und damit Friede und Schluß!« – – – –

Fünf scharfbewaffnete Uriachli unter keines Geringeren als Al' Bu Chuas weithinschattender Führung sollten den entsühnten Gastfreund, seine Habe und die beiden Tragtiere sicher bis unter die Mauern von Melilia geleiten. Denn der Weg nach Tetuan war weiter und bedenklicher, im nahen Addus legte keines von den großen Schiffen an, der Seereise auf leichter Flukka war die Jahreszeit nicht günstig, und bis Melilia, bis ans Grab ihres Namensheiligen genüber den Forts Purissimia und Concepcion reichte die Macht der Beni Uriachel, des weitgebietendsten und einflußreichsten unter allen Stämmen des Rif.

Und Nachbar 'med 'l Aid stellte dem Ibn Austrija seine edle Stute Bukra, das beste Pferd dieser Berge, zur Verfügung. Und übernachten würde man zunächst in befreundeten Dörfern der großen Kabila, dann im heiligen Schutze verschiedener Saujen, bei eiserner scharfgeladener Obhut von fünf Maanijis war überhaupt kaum etwas zu besorgen, und, insch' Allah, in vier oder fünf Tagen konnte die kleine Hammar ihr Ziel erreicht haben. Dann wartete der Ibn Austrija höchstens noch vier oder fünf, vielleicht aber auch nur einen oder zwei Tage auf seinen Vapor, und aber eine Nacht später war er schon in Spanien, nahe seiner eigenen Heimat.

So war alles eingerichtet und geordnet, die Koffer waren gepackt, zutiefst der unselige Duveyrier mit allem übrigen betrügerischen Papier, die messingblanken Schloßplatten waren angesperrt, und noch einmal ging all die Fracht an Seide und Linnen, Battist und Pikee ins windige Weltleben hinaus – wohin? …

Shepheards Hotel – Grosvenor Hotel, London – Bauer-Grünwald, Venedig – Tokatlian, Pera – Kraemer Palace, Smyrna – Meißl und Schadn, Wien – International, Nizza – Europe, Continental, Monopol, Grand, Atlantic, Astoria, Esplanade, Bristol, Savoy, Vier Jahreszeiten, Greif, Imperial, Royal – wehmütig betrachtete René all die bunten mondänen Denkzettel seiner Odyssee … Und Dar el Kaid? Er hatte einen Gedanken, den letzten oder vorletzten an dieser Stätte. Wie sollte dieses gastliche Haus heißen? Hercule, zum Riesen, zu den Hesperiden, zum Heros, zum Djebel Hamam, zum nackten Leben? Aber die beiden Alten waren ja selbst Schriftgelehrte, sie sollten ihre Kunst beweisen. Ein Blatt Papier wurde schnell zurechtgeschnitten, Rohrfeder, bräunlicher Schreibsaft, oft verdünnt, oft wieder eingedickt, und die zwei Graubärte mußten unter mitleidigem Lächeln willfahren. – Was sind sie doch für Kinder, diese Franken und Beni Austrija! …

Dann wurde noch Ainusch zwangsweise herangeholt. Sie kam, düster, verloschen, verstockt. Sie konnte nicht schreiben. Aber Er, der sie einst den Regenbogen genannt und den Boten der ewigen Freuden, Er befeuchtete ihren Daumen mit dem Schreibsaft und drückte diese Tughra unter die Denksprüche der beiden Kenner. So. Das Siegel der jungen lebendigen Weisheit unter die Worte der verschwiegenen Vernunft. Ainusch floh. Nun trieb Er gar Seinen Spott mit ihr. Und einst hatte Er sie doch die Pförtnerin des Paradieses und den Vorhof der Seligkeit geheißen, und wie hatte sie Ihn gefüttert und Sein gepflegt und mit Ihm gelacht! … Und welch einen Sohn hätte sie Ihm geboren! …

Was hatten die Alten ihm mitgegeben auf den Weg durch neue Welten und Weiten?

»Baid el bela alik – alles Üble sei ferne von dir. – Si Hamd el Maaluki el Valiente.« So stand da in heldenmäßig ungefügen Schnörkeln und Schleifen.

Und darunter in zierlicherer, fast schmucker Schrift: »Laß Schätze in der Erde; denn hebst du sie, so tragen sie Unzufriedenheit in deine Hütte. – Hafid Abd al Hadid al Fahhad al Kedim.«

Nein, das sollte kein Regen verwaschen; darüber sollte kein europäisch roher Hausdiener oder Eisenbahner seinen Kleister schmieren; kein greller Renommierzettel, kein Schein mit gleichgültigen Wageziffern und toten Ortsnamen sollte diese Urkunde entehren. René sperrte noch einmal den gelben Koffer auf, mit goldklarem Edelharz der Zeder klebte er das kostbare Blatt ins Innere des Deckels – wo noch überall und wie oft und wie lange noch würde er durch jede neue Ankunft und gleich das erste Nachthemd an Dar el Kaid und seine Bedürfnislosigkeit gemahnt werden! …

Dann schloß sich lederne, blauweißgestreifte Nacht über einem ausgelebten Kapitel eigener Odyssee. – –

Was sind sie doch für Kinder, diese Franken und Beni Austrija! … Männer an Taten der Waffe, an Künsten, Wissen und Fertigkeiten: – Kinder aber im Spiel mit Tand und den nutzlosen Dingen der Vergänglichkeit! – –

Und nun kam das Letzte, das Schwerste, die härteste und unvermeidlichste unter den Herkulesarbeiten: mit angelegtem Gewand sich wieder einmal eine Haut vom Körper und mit der besten aller Lieben, der Gewöhnung, ein Herz aus lebendigem Leibe zu reißen.

Du Matte dort in traulicher Flohdämmerung, darauf ich zum neuen nackten Leben erwacht und genesen; du Mastaba, auf der ich so viele Gespräche geführt, Belehrungen empfangen, Hammeltalg verschwelgt, Mausiehr gedoktort, alte Heldenschatten beschworen und Hoffnungen gewägt; du Lichthofgeviert, du trautes mit deinem Abzugsgitter als Nabel und deinem pfostengestützten Dachüberfang; o ihr Matamir, die ich euch hier erst kennen gelernt, ihr gebrannten Lehmkegel der Zuversicht, ihr Türme des häuslichen Vertrauens, ihr Mutterbrüste, darin des Kornes goldschimmernder Born schläft; und du Handmühle dort in deinem Winkel, die du mich so oft mit deinem Grunzen, Schnarchen und Knarren warmer Mitmenschennähe versichert; und ihr trauten Pfannen und irdenen Töpfe, daraus eine gewisse bräunliche Hand den Kusksu mir eingelöffelt und den Honig mit Fladenbrot in den Schnabel gestopft; und du Stallpferch zur Linken mit deinem lieben stechenden alländlichen Aushauch; und du Torweg, aus dem ich zum ersten Male wieder ins Licht des Lebens hinausgetreten; und du Feldstein und ihr Palmfaserleinen, und du guter und getreuer Feigenbaum, und ihr Hecken von Feigenkakteen, und ihr honigsommerstillen Fruchtwiesen, darüber bläulicher Taubenflug in aufträumendem Mittagswinde gekreuzt; und du Talbucht von Dar el Kaid, und du alter schwarzer lendenstarker Wundertäter in deinem ölbaumumflüsterten Grabwürfel; und ihr Hütten alle und ihr mütterlich breiten Obstbäume und du ganzer goldgrüner Hesperidengarten ewiger Jugend; und du geheimnisvoll weithinruhender blaudurchglühter Djebel Hamam, du golddurchschmolzener, du Bergphantom über den Oasen meiner Fata Morgana, du Wiege, du Sarg, du riesiges Grab, du Schicksalsweiser der Völker und des Irrenden; und ihr quarzglimmernden Sagengipfel alle, du schneehaldiger Djebel Azrek in fernster Scharte und du schattengekerbter Djebel Lakhdar und du topasener Djebel Ksel, die ihr mit den Drachen euerer Klüfte einsam über der brennenden Wüste des Jenseits wacht; und du wackrer getreulicher Atlas, der du seit des Halbgottes Trug immer noch das Weltengewölbe auf deinem Nacken festhältst, daß es nicht kristallzerscherbend hinabstürze auf uns Menschenkinder, die wir mit unseren kleinen mutwilligen Schiffen zwischen deinen gespreizten Beinen zuversichtlich hinausfahren ins atlantische Blau – –

Und ihr Mitmenschen alle in Dschelabba und Sobat und Rehsa, ihr Abd Mausiehr, ihr Diener der Waffe, ihr Hüter des Goldes, ihr Züchter der Väter und Mütter des Sprunges, ihr großen und kleinen Kinder, ihr Weisen und Einfältigen, ihr sogenannten Räuber, die ihr eigentlich gar keine Räuber, ihr sogenannten Berber, die ihr in Wahrheit gar keine Berber, sondern blondblaue Vandalen, ihr sogenannten Kabylen, die ihr in Wahrheit die letzten reinen und anständigen Germanen seid – –

Ihr Klugen und Guten, die ihr nichts wißt von Europens anmaßlichen Sogenanntheiten; ihr Verständigen, die ihr nichts wissen wollt von Europens vielzuvielem Papier und öffentlichem Kredit und sonstigen Betrügereien; ihr Glücklichen, die ihr nichts ahnt von Wasserspülung, Post, Telephon, Zeitungen, Theatern, öffentlicher Wohltätigkeit, Vereinswesen, Eisenbahnen, Beamten und Steuern; ihr Seligen, die ihr die letzte Bitte des Vaterunser gar nicht erst auszusprechen braucht; ihr nackten Bekleideten; ihr schmutzigen Reinen; ihr Könige in geflickten Kapuzenmänteln; ihr Begnadeten, die ihr dem, der euch nicht paßt, jederzeit Tritt und Kugel geben könnt; ihr, die ihr an der Wahrheit seid, ohne dazu erst sterben zu müssen; ihr Lilien und jungen Raben des tausendnamigen allbarmherzigen Gottes – –

Si Hamd el Maaluki, der du mir damals einäugig und wetterbärtig aus purpurner Fieberdämmerung heraufgewachsen, daß ich dich für eine Kreuzung aus Jahve und Wotan gehalten, der du mich beherbergt und gespeist, der du mich belehrt und bekehrt, der du mich mit dem Tabak deiner Weisheit und mit der Wohltat deines Tabaks erfreut; und du, Abhadid el Fahhad al Kedim, der du schweigend an mein Wundlager getreten und mich auf das Wunderpflaster speien lassen und so oft vor tieferkennender Bede dattelbraun in Staub oder Feuer gespuckt, dessen Schicksal mit dem meinen so geheimnisvoll verwoben, der du der Vaterbaum bist von dieser Frucht meines Lebens, der du damals vor sechsundzwanzig Jahren still und finster unter deiner Kapuze auf der großen Galatabrücke gestanden, Entschluß und Dolch unterm Mantel; und du, Al' Bu Chua, du Rübezahl dieser Berge, du Talüberschreitender, der du deines Geschosses Spitze nicht nach rifischer Regel abgefeilt und mich dafür bis nach Melilia betreuen mußt; und ihr blonden und schwarzen Hühner, die ihr mich manchmal in der Einsamkeit meines Genesens freundlich aufgesucht; und du, Nachbar Akstaffin, dessen zwanzig weiße Ziegen mir einst in wohliger Schwäche lieber und wichtiger gewesen als alle Erkenntnisse der Menschheit; und du, Nachbar 'med 'l Aid, dessen Fohlen zu hohem Ruhme gedeihen und dich zu unsterblichen Taten tragen möge; und du Sirma, und du Aischa, und ihr Blumen alle, möge der Bach drunten in den Oleandern oft noch weißschäumig gehen mit den Abseifungen euerer Leiber; und ihr Ganz-, ihr Halb-, ihr Viertel- und Dreiviertelnackten dieses Paradieses, möge die Schlange der Neugier nie euer Ohr bekriechen, daß ihr vom Apfel der Unterscheidung nascht und hinausgestoßen werdet in die Disteldornwildnisse von Philosophie, Juristerei, Hygiene und Mode – –

Und du, Ainusch, du aber vor allen anderen, du Regenbogen aus Urlicht über den chaotischen Finsternissen der Welt, du Botin der Ewigkeit und ihres wahren nackten Lebens, Eröffnerin du der Suren des neuen Schicksalsbuches, Beschließerin du des Bundes mit Gott, Menschheit und sonstigen schönen Begriffen –: du aber, Ainusch, du Lachende, du Kurzgehemdete, du weithinduftende, du Jungmütterliche, du Unschuldige, du Wiesensonnendurchwärmte, du blondes, blaustrahlendes Vandalenkind – –

Aber sie, der all dies Scheiden galt, sie war nicht da.

Ainusch war verschwunden.

Alles war bereit. Der Tag sank über stillen Herbstmittag hinaus in schneewindgeklärte Bergvesper: Ainusch kehrte nicht wieder zurück.

Niemand hatte sie gesehen.

Sie war nicht bei den Ziegen droben im Klippengebüsch; sie war nicht bei ihrem Heiligen im ölbaumflüstrigen Hain.

Sie war fort.

Hamd el Maaluki lächelte.

»Die Gedanken der Weiber sind eitel; sie müssen ihren Meister finden. Sie wird Gebieterin einer Hütte oder eines Hauses werden, wird sorgen, arbeiten, dienen und, insch' Allah, Söhne gebären. Es kann ein Feigenbaum nicht Eicheln tragen, ein Löwe nicht Herden hüten. Du aber vergiß unser nicht. Mögen deine Ziegen reichlich melken und deine Palmen nie Durst leiden! Seuche und Unfruchtbarkeit verschone dein Vieh; deine Orangen seien groß wie Kürbisse und süß wie Datteln von Arouat! Der Allbarmherzige erfreue dein Herz mit sieben tapferen Söhnen. Hör nicht auf Reden und sieh nicht auf Blicke derer, die um dich eifern; sondern die nimm zur Frau, die deinen Wohlstand mehrt, nicht mindert. Niemals geh aus mit ungeladenem Gewehr; laß keinen hinter dir gehen, es gehe denn dein bester Freund hinter ihm. Nimm Stumme, Taube und Verschnittene zu Dienern; sonst wirst du nie wissen, wessen deines Weibes Kinder sind. Trau nicht Reden der Geliebten zur Nacht noch traue Reden der Bedürftigen, die dich im Reichtum sehen. Des Sommers schlafe zu Mittag, in der Nacht des Winters; denn das sind die Zeiten, da auch dein Feind schläft. Wo du einen Stein hebst, denke, daß durch Allahs Willen ein Skorpion darunter wohnen könnte. Wo Toren zu dir sprechen, nimm Wasser in den Mund und behalte es darin, bis sie gegangen sind. Streng und barmherzig sei am rechten Ort; wer krankem Löwen ein Pflaster legt, der wird zerrissen. Alles möge mangeln deinem Hause, nur Patronen nicht; denn mit Patronen kannst du alles wieder herbeischaffen. Alles magst du hingeben, Weib, Kinder, Hütte, Heimat, Mantel und Matte: aber deine Waffe nicht! Denn mit deiner Waffe kannst du alles verteidigen und wiedererobern. Es ist kein Gott außer Gott; es ist kein Glück und Gut außer der Wehr. Denke daran! Ein Mann mit seiner Waffe ist der Stärkste außer dem Einen, bei dem der Sieg ist! … Mit dem Listigen streite nicht, sondern töte ihn. Hunde laß im Straßenstaub, Adler in der Luft; sonst werden diese kraftlos und jene hochmütig. Dem wahren Freunde steh immer bei, wäre er auch schuldig. Erreichst du mehr als du begehrst, so sei gefaßt auf vieles, was du verachtest. Unheil ist immer da; es schläft nur bisweilen. – Wir werden uns deiner in Liebe erinnern. Nach Gewittern schöpfe nicht aus seichten Brunnen. Ohne Waffe tritt nicht aus der Tür. Dein Gewehr sei dir das nächste in Schlaf und Wachen. Möge es dir niemals an Patronen fehlen; dann hast du alles andere! … Baid el bela alik – alles Üble bleibe dir fern. As saalaamu aaleikumi – der Friede sei mit dir!« – – – – –

Keine Karawane, ob kleine Harnrnar oder große Gafla, die ihre Reise mit einem Morgenrot anträte. Und führt das erste Stück Weges auch nur die letzte Tagesstunde weit in die Nachbarschaft, Vorstadt oder Dorf, nach des Unerforschlichen Willen und geltendem Wüstengesetz bleiben Erstaufbruch, Glück und Maghrib, Abendgebet unerschütterlich verbunden.

Auf Schroffwänden firngehaldeter Ferngipfel leuchtete noch quarzner Widerschein; Schwalben auf ihrer Südreise kreuzten niedrig über den Wiesen, der alte Djebel Hamam ruhte noch in seligem Glutblau – aber in den Tälern lag schon Dämmerkühle, leis stieg dunkles Erkalten gegen die Häupter der Erde hinan, der Garten der Hesperiden verlosch, und aus Tiefen der Gebirge braute der brandige Winterrauch vom Feuer des täglichen und jährlichen Weltenendes.

Gleich im nächsten befreundeten Weiler war für Gast und Geleit Quartier gemacht worden. Dort zog die Fracht den verdunkelten Talgrund hinab; langsam folgte der Reiter auf seiner kleinen energischen Stute. Hinterher trollte das Fohlen durch Wiesentrift, Palmett und Ginstergebüsch.

Vielerlei Gedanken, Schattenbilder zogen durch seine inwendige Landschaft, von der sogenannten Seele über das sogenannte Herz zum sogenannten Verstande. Von vielem hatte er Abschied genommen auf den Wegen seiner Odyssee; von Dar el Kaid, vom Garten der ewigen Jugend, von einer Oase ohne Zeitungen, Behörden und Juden noch nicht. Und für ihn gab es kein Ithaka, das in südblauer tyrrhenischer Flut seiner Heimkehr harrte. Narben trug er, aber keine Eurykleia wird ihn daran erkennen; Frauen gab es in der Welt genug, aber keine Penelope webt ihm den Teppich des Willkommens. Ja, mit sogenannten offenen Armen werden sie alle ihn empfangen; aber wo ihrer so viele, wo ist da Heimat und vertrauliches Ausruhn? Als ein Gefangener war er frei; als Freier wird er nun gefangen sein. Und eines Tages wird auch Hamd el Maalukis Gold dahingeronnen sein, wo aller edle Metallfluß schließlich versickert, und das Ende bleibt dann doch wieder die reiche Jüdin. Oder sollte er einen Kramladen auftun und in betrüblichem Stumpfsinn wohlhabend werden? Was hatte er gelernt? Lesen, schreiben, rechnen, spotten, genießen, Frauen und Jungfrauen verführen, eine gute Karte spielen, einen tadellosen Frack tragen, eine saubere Kugel schießen, ein paar Sprachen schwatzen, höflich und anregend sein, bummeln, verachten, wählen, tanzen, reiten, in den blauen Tag hinein leben und das Allerbeste dem Besten vorziehen. Und glücklich sein? War er überhaupt jemals glücklich gewesen? In der Kindheit, ja, wenn dieses und jenes vorbei oder jenes und dieses angenehm bevorstehend war. Und später? Damals, ja, als Ainusch ihm von den weißen Ziegen des Nachbars und vom wichtigen Fohlen und von den alten Honigbäumen erzählte und er nicht nachzudenken brauchte. Und damals, als er auf der Mastaba saß und vieljährigen Rost aus dem Schießgerät ganz unwahrscheinlich fremder zufälliger Mitmenschen herausputzte. Und damals, als ihm die große Mischung gelang. Und damals vielleicht, als er das Tefinaq der Schicksalsschrift Zeichen für Zeichen in die Sprache geographischer Tatsachen übertrug. Da war er glücklich und zufrieden gewesen. Warum? –

Und immer schwerer, immer reifer wurden diese Gedanken in ihm, je weiter die Wege aus dem Quarzgebirg hinausführten gegen das Meer.

Gesenkten Kopfes ritt er hinter dem Schutzgeleit her. Der Aushauch Europas wehte ihm kalt entgegen. Eisenhauch der Maschine, Grufthauch der Stahlkammern und Goldkeller, Pesthauch kranker, bewußtlos mechanischer Menschen.

Weiber, soviel ihrer er wollte. Und woran werden sie denken in seinen Armen? An den nächsten Hut, an die kommende Mode, an den anderen, an irgendeine Sensation.

Freunde, so viele er ihrer begehrte. Und woran werden sie denken im Essen von Salz und Brot? An den Nutzen, an das mögliche Geschäft, an irgendeinen Vorteil.

Krämer und Juden; Hamd el Maaluki hatte recht.

Was ist das Köstlichste auf Erden? Alles, was aus freiem Willen kommt und geschieht.

Gibt es das noch in Europa? – – – – – –

Sie hatten die letzte Nachtberge seit Morgen hinter sich, Melilia mit seinen runden Forts und seinem weithinausblauenden Mittagsmeer war schon in Sicht, da kehrte er launisch um.

Al' Bu Chua staunte. Was hatte der Ibn Austrija wieder im Sinn? Aber er folgte mit Geleit und Fracht.

Und nun ritt er auf der unermüdlichen Stute voran, froher mit jedem Aufbruch, unbekümmert um die scharfgeladenen Mausiehr im Rücken.

Am fünften Tage des Heimweges kamen die trauten Vesperhöhen, Triften und Hänge, leuchtender Djebel Azrek, schneegehaldeter Djebel Lakhdar mit seiner Schattenscharte wieder in Sicht.

Roß und Reiter waren der kleinen Karawane weit voraus im verlöschenden Tal. Hinterher trollte frisch auf langen Beinen das Fohlen.

Da stand droben auf freiem Mattengrat eine Gestalt, dunkel eingeschmolzen in die ätherische Chrysolithglut des Abends.

Das war nicht Hamd el Maaluki. Das war nicht El Fahhad.

Im kühlen Spätwind schlug das kurze Hemd. Klar zeichnete sich der zarte Schattenschnitt gegen den grünverglimmenden Himmelsgrund.

Sie stand, als wartete sie seit vielen Jahreszeiten schon seiner Heimkehr.

Da gab er der Stute die Fersen, als sei es zu spät, als fürchte er ein faunisches Lachen aus der Dämmerung.

In scharfem Galopp nahm er den Berg.

Die junge Gestalt war verschwunden. Er holte sie ein.

»Ainusch, du Abendröte einer Reise, die nun zu Ende ist! … Wanderung im Winter ist beschwerlich. Siehe, ich habe kein Dach für die lange Zeit des großen Regens. Und wenn du mir versprichst, dich niemals mit Moschus zu besprengen, niemals die Salbe des Wunders auf Lippen und Nägel zu verschmieren, dich häufig zu waschen und den Kusksu weniger häufig anzubrennen wie in den letzten Tagen, so will ich euer Gast sein und mit dir auf den Frühling warten und dich aus der Vormundschaft lösen und mitnehmen in meine Heimat.«

Sie sah ihn störrisch aus der Dämmerung an.

»Ich verstehe das nicht.«

Er lachte. »Du wirst es vielleicht noch lernen, du Quell des Entschlusses und der Überraschungen. Und jetzt spring voran und melde deinem Großvater, daß du meinen Geist gesehen hast.«

Eine Weile noch stand sie unschlüssig. Dann aber schmolz etwas in ihr durch, und aufjuchend auf nackten langen Beinen, mit wimpelndem Hemdschurz und schlagendem Zopf rannte sie gegen das entschlummernde Dorf hinab.

Vor Hamd el Maalukis vertrauter Hütte sprang er aus dem Sattel. Der Alte im Nibelungenbart sah ihn aus blauem Auge mißtrauisch an.

»Hast du etwas vergessen?«

»Du sprichst die Wahrheit, o Kaid. Ich habe vergessen, daß ich von euch so bald nicht scheiden kann und noch über den Regen euer Gast und Freund sein und eure Mausiehr instandhalten muß. Wer soll das sonst tun? Wozu dient ein verrostetes Gewehr? Es ist ein kranker Freund, der nicht mehr hilft. Mein Schuß sei der eure und euer Bedarf sei der meine.«

Da trat der Alte von der Türe zurück und öffnete mit großer Gebärde gleichsam Herz und Haus.

»Marhaba, du bist uns willkommen. Es ist spät, aber heut noch soll dir der beste Hammel geschlachtet werden, und die Feuer der Freude sollen brennen bis Mitternacht, daß alle Nachbarn es sehen. Denn das Gute darf man nicht verschieben. Es kommt selten.«

* * *

Ethel war nicht wiedergekehrt. Ihre Hütte stand leer. Und der einstige Traumbesitzer des Zypressenhauses am blauen Bosporus fand, daß nichts unterhaltender sei als persönliches Wiedererleben der ganzen sogenannten Weltgeschichte vom Pfahlbau bis zum zwanzigsten Jahrhundert.

Es war eine Art Mutterschaft, Phyllogenese in der Ontogenese. Oder so ähnlich hieß es doch. Aber das war hier unwichtig. Wichtig war, daß die Säge gut griff und daß der kleine Brahim l'Isilami sich auf deren Schliff und Schränkung verstand.

Brahim l'Isilami war der Zimmermann von Dar el Kaid, durchaus kein Schwärmer, und mit ihm schloß René nahe Freundschaft.

Brahim l'Isilami war nur Zimmermann, Rifi, Ibn Uriachel und seiner fernen Herkunft nach Vandale, aber von ihm konnte man mehr und besseres lernen als von noch so vielen europäisch graduierten Mitläufern des eigenen Lebens.

Das Schönste aber war doch die Selbsterfindung. Die Erfindung, die man selbst machte, und die Erfindung des eigenen Selbst.

Die Pfosten des Umgangs, morsch und schief, mußten durch neue ersetzt werden. Ausmessen, Zurechtsägen und Einziehen solcher Stütze, was war das für ein Genuß. Direkt ästhetisch. Man schlief hinterher, als hätte man ein Königreich erobert; und besser.

Aber der Ehrgeiz des Bauherrn ruhte nicht. Nach Regen, Sturm, Schnee, vielen alten Geschichten und Bergen von Kusksu war Frühling in den Garten der Hesperiden gekommen. Schwalbe zog gen Nord mit trächtigem Taugewölk der Hochgipfel, und an das verwaiste Männergemach von Ethels Hütte wurde ein neues raumes Hochgelaß gesetzt, das Schilfdach des Hauptbaues um Mannesmaß überragend.

Dar el Kaid staunte. Die Bauordnung von Jahrhunderten wurde durchbrochen. Mehr noch. Auch die Mauer des rüstig wachsenden Beihauses. Löcher von Ellengeviert blieben offen; was sollte das bedeuten?«

»So kann ich hinausschießen, o Kaid,« erklärte der Bauherr; »siehst du den Vorteil?«

»Ebensogut kann ich dir hineinschießen. Das ist gefährlich.«

»Ein offenes Fenster ist wach, ein vermauertes schläft,« entgegnete der kühne Neuerer; »wer ist leichter zu überraschen, der Wache oder der Schlummernde?«

El Maaluki gab sich zufrieden. Diese Franken und Beni Austrija hatten immer absonderliche Dinge im Kopfe und dazu noch triftige Reden.

Brahim l'Isilami aber war ganz Haupt und Herz am Werk. Er verstand und wurde verstanden, und heraus kam ein wohnliches Gehäuse.

Wie macht man einen Fußboden? Zu dumm, über soviel Parkett ist man von einer Lebensstation zur anderen gewandert, polyglott parlieren, über Theater, Tanz, Politik und sogenannte Philosophie kann man plaudern, und wie man einen Fußboden macht, das weiß man nicht.

Man denkt jedenfalls zuerst nach.

Das Zeug liegt irgendwie hin und her, aber wie und warum und worauf? Da findet man zufällig eine ausgetrocknete Honigwabe. Dies saubere, ordentlich geometrische Bienenvolk! Wie sie sich aneinanderfügen, diese Polygone! Halt! Idee! Man zersägt Rundstämme, schwartet die Einzelstücke leidlich polygonal und spitzt sie an einem Ende zu. Natürlich, so was Ähnliches ist ja auch Mosaik. Man versuchts. Sieht ganz nett aus. Man erweitert den Versuch. Wird immer netter. Und schließlich ist das ganze Wohngeviert mit Holz ausgepflastert, und das letzte Drittel kann schon auf Schönheit Anspruch erheben. Zweites patentiertes Verfahren: Naturparkett. Dar el Kaid wirkt erzieherisch. Robinson. Glück erfinderischer Kindheit. Denken, lernen, schaffen, ausführen, vollenden, genießen, zufriedensein, Erlösung.

Und das Ganze wird mit richtigen, in Scharten eingelassenen, geduldig behauenen Balken von schierem Zedernholz überrüstet, und auf diese Balken wirkt Dschedd Maziq, Dachmeister von Dar el Kaid, sein regendichtes, sanft nach außen abschrägendes Faschinengeflecht. Darauf kommt Erde mit Sand und Rasen und dem Bauherrn plötzlich ein Einfall, und die ganze Dorfjugend muß tagelang Pech scharren und sieht furchtbar aus.

Aber man bringt nur wenig zustande, und das ist wieder einmal ein Glück; denn nun hat dem Erfinder der Dichtung gedämmert, daß Pech aus gewissen Anlässen auch wunderschön brennt und daher zu Fackeln, Christenverfolgungen und dergleichen benutzt wird.

Und dann kommt vom Djebel Azrek herunter ein schweres Frühlingsgewitter mit glutweißen Blitzadern und Donnerschlacht, Himmel birst, Regen fällt als rauschende Nacht, und siehe, auch das rasengedeckte Faschinendach hat von all dem Schwall nicht ein Tröpflein durchgelassen.

Dafür aber wird jetzt zwischen Gebälk und Blockparkett ein starker, vierkantiger Zedernpfosten als Säule eingespannt und jedseits mit eingezinkten Schrägspreizen verstrebt. Der einstige Leser maroquinhandgebundner Vangelderndrucke und der einfachere Brahim l'Isilami werken einträchtig daran in unverzagtem Schweiß, drei gemessene Vierzehnstundentage lang. Es kostet Nägel, Haut und Schönheit; aber dann steht auch die Säule, das Ganze riecht nach frischem Bleistift wie weiland Salomonis zusammengebettelter Wunderbau, und zween abgekochte und gebleichte Schädel von Mähnenböcken werden als germanisch-heidnisch stimmungsvoller Zierat an die Stütze genagelt. So. Und damit ist jener notwendige erste Schritt wieder einmal getan. Der Schritt von schierer Nützlichkeit zur Kunst, vom Naiven zum Sentimentalen, vom Trieb zur Bewußtheit, von der Not zur Lust. Der Schritt, der getan werden muß, damit es immer wieder eine Übersättigung, einen Absturz und einen unverdrossenen neuen Anfang gibt.

Aber nächstens werden wir Ziegel brennen, ihr Beni Uriachel! Brennt ihr aus Ton und Sand eure Matamir, so kann man ebensogut saubere Ziegel backen. Dann pflastern wir den Umgang des Lichthofes und bauen einen schönen festen Herd. Und dann vergrößern wir unser Heim durch einen – wie heißt das schon, Holz mit Ziegel dazwischen – richtig: Fachwerkbau. Fachwerkbau. So ähnlich sehen Oberförstereien und ähnliche Stimmungshäuser aus. Fachwerkbau. Mit umlaufender Holzgalerie. Vorn die Aussicht über Dar el Kaid und Djebel Hamam, hinten kann Ainusch die Wäsche trocknen. Wir schrecken vor nichts mehr zurück. Wir sind gewachsen. Ein Mensch mit seinem Verstand kann alles. Wir planen schon so etwas wie gewölbte Unterkellerungen; wozu wüchsen bei euch die Trauben wild wie bei uns Eicheln und Tannenzapfen? Also der Fachwerkbau kriegt natürlich einen Giebel. Mit gekreuzten Widderköpfen. Unter der Luke der Luftkorb mit den Ziegenkäsen, darunter der weißbleckende Schädel eines kapitalen Mähnenbockes oder auch eines Gaules. Auf der Galerie wird Kaffee und der selbsterkelterte Sauternes getrunken. Und, Ainusch, du mußt Guglhupf backen lernen. Die Hauptsache darin sind die Rosinen. Alles übrige findet sich schon hinzu. Man nimmt Rosinen und backt einen Guglhupf drum herum. Auch im sonstigen Leben macht mans am besten so. Die Rosinen müssen das Feststehende und Apriorische sein. An den Rosinen muß man festhalten. Dann kommt schließlich immer irgendein Guglhupf zustande. – – – – – –

Ein seltener Gast dieser Berge, ein Panther hatte sich gespürt und den Herden empfindlichen Besuch erwiesen. Die beste Büchse von Dar el Kaid zog aus gegen den Würger.

Eine junge Ziege, die noch angstvoll nach der Mutter meckerte, wurde im Busch angebunden. Anderthalb Tage lauerte der Jäger am Riß. Am zweiten Abend kam die große bunte Katze, Tiger an flammender Blutgier, Schlange an geschmeidiger Stille. Zwischen Schulter und Hals fand der Punkt seinen Todesfleck; im stahlgellenden Blitz sprang das schöne Tier hochauf und fiel erschlaffend lang ins Palmett.

Eigentlich eine Gemeinheit, soviel Göttlichkeit so geringem Nutzen zu opfern. Aber das tut ein jedes, von der Magenblase bis hinauf zum Halbgott Mensch. Denn im Anfang war der Magen.

Der Sieger kehrte heim. Dreiviertel Dar el Kaid kam ihm entgegen, erwartete und empfing ihn. Aber nicht mit Pauken und Zymbeln wie Juda weiland den Makkabäern: sondern mit einer großen geheimnisvollen Nachricht.

»Die Gebieterin deiner Hütte weint!«

Er trat hinein, das frische Pantherfell überm Arm. Sie weinte nicht mehr. Sie lag still und bleich in ihrem Blut, und an ihrer Brust hielt sie ein braunes nacktes Leben, einen neuen Menschen, den heiß erbetenen Sohn.

* * *

Efro Efrosini hatte im schwarzverräucherten Café Specchi Kaffee, Kipfel und Kurse gefrühstückt. Nun brach er auf. Ein guter Geschäftsmann frühstückt eigentlich nur das Kursblatt der Zeitung und liest nebenher Kaffee und Kipfel; das währt nicht lange, denn das Leben, Gott, es ist kurz, und man muß seinen Vorteil sehen. Und ist man in Triest, so behält man bei alledem Börsenhelm und samtüberschlagenen Paletot gleich auf und an, so ist man stets auf dem Posten. Außerdem gibt man gar kein Trinkgeld.

Efro Efrosini ging nach dem Hafen. Es war einer der Tage gutartiger Borasca, da das Meer sich nur still und türkisgrün vom Lande wegkrümmt. Aber ein guter Geschäftsmann kennt weder Bora noch Borasca noch Schirocco noch Tramontan: denn Gold und War, Gott, sie wollen ihren Weg nehmen bei jedem Wind.

Ein großer schwarzer Dampfer war in feierlichem Bogen hereingefahren und hatte angelegt. Efro Efrosini achtete auf die Ware und gebärdete und sprach und redete und verhandelte mit den Facchini, die Schiff und Fracht mit offenen Händen belagerten, und hatte nicht Gewahr der absonderlichen Wüstengestalt in weißem Mantel, die dort unter anderem bunten Volk an der Mole landete.

Plötzlich aber ward er allgemeiner Aufmerksamkeit inne, sein Blick wurde angezogen, er sah und erstarrte.

Das war ein Rifi.

Wenn er auch den weißen Haik trug statt dunkler Dschelabba, es war dennoch ein Rifi.

Das blutige Gespenst José Costas stieg vor ihm aus dem kalten grünen Meere herauf. Das Geschick José Costas erfüllte sich nun an ihm. Sein Vorabend, sein Sukkeß der Ewigkeit war gekommen.

Schon fühlte er Dolchkälte in seinem Herzen.

Nun war er nicht mehr sicher, nie und nirgends.

Der im weißen Wüstenmantel kam immer näher. Efro Efrosini starrte wie der Singvogel nach der Schlange.

Aber man war ja in Österreich. Hier gab es Polizei, Gendarmen, Gerichte; hier herrschten geordnete Verhältnisse.

Der im Wüstenmantel sah ihn stechend an. Scharf wie ein geschliffener Sikkin.

Efro Efrosini wandte sich zur Flucht. Dort stand ein Mann der Hafenpolizei, diesen wird er anrufen und ihm sagen: verhaften Sie diesen Menschen, sind wir hier in Konstantinopel?

Da folgten bedrohlich rasche Schritte und eine Hand holte ihn ein. »Nun, Monsieur?«

Efro Efrosini fuhr herum. Ein Berg fiel auseinander über seinem Herzen. Sein Mund stand offen.

» Ma – ma que ze – – Gott über die Welt! … ist das nicht der Efendi?«

Der Rifi lächelte.

»Wir haben uns beide ein wenig verändert. Sie nicht zum Vorteil, Monsieur; das Morgenland steht Ihnen entschieden besser. Sie sollten dahin zurückkehren. Und Mademoiselle Biancha?«

Efro Efrosini mußte sich die Begleitung gefallen lassen.

»Ja, ich bin Rifi geworden. Ich sage Ihnen, die Herren Flores und Rosas und Palmas verdienen seither beträchtlich weniger. Alles Gold ist verschluckt worden von den Bergen. Aber der Kaftan und der schöne lange Bart und der siebenarmige Leuchter und das Haus im Mellach standen Ihnen weitaus besser, Monsieur. Und Mademoiselle Biancha?«

»Gott, nu, was wird sein mit ihr?« Efro Efrosini dachte heimlich an nichts anderes als an Befreiung. »Sie ist verheiratet, der Mann hat ein gutes Geschäft, sie leben glücklich in Saloniki.«

»Das freut mich zu hören. Hat er krumme Beine?«

Efro Efrosini sah den unheimlichen Gast unsicher an.

»Weiß ich? Sieht man auf die Füß oder sieht man auf Geld und Geschäft? … Aber der Efendi wird mich jetzt entschuldigen. Bleibt der Efendi lange?«

»Nur bis zum bekannten Nachtexpreß nach Wien, und darum entschuldige ich gar nichts, Monsieur. Sie werden mich ins alte Hotel de la Ville begleiten, in zwanzig Minuten bin ich gewaschen und besuchsfähig, und dann werden Sie mich zu Madame führen, daß ich ihr die Hand küsse und ihr danke.«

Und Efro Efrosini mußte gehorchen.

Der furchtbare Rifi sperrte ihn mit sich ins Zimmer ein und begann freudig und mitteilsam seine Säuberung.

»Ja, Monsieur; wer hätt sich das gedacht? Sie sind Europäer geworden und ich Afrikaner. Einmal wars anders. Ich schlage einfach vor, wir tauschen überhaupt. Europa kriegen die Juden, wir nehmen Asien und Afrika. Einverstanden? … Übrigens, wie sind Sie damals nachhause gekommen?«

Efro Efrosini in Börsenhelm und Kurspaletot gebärdete.

»Gott nu, wie? … Wenn ich hör schießen in meiner nächsten Näh, werd ich mich auch umbringen lassen? Ich hab Haus und Frau und Kinder; der Efendi redet leicht.«

René lachte wasserüberperlt ins Handtuch.

»Haus und Frau und Kind hab ich jetzt auch; und das verdanke ich Ihnen.«

Efro Efrosini erschrak.

»Der Efendi wird nicht sagen, er hat Haus und Frau und Familie im Rif?«

»Warum nicht? Mitten im Rif sogar. Schöner und besser und freier und fröhlicher als irgendwo in eurem alten verstunkenen Europa. Bei den berüchtigten Beni Uriachel, die eigentlich Vandalen sind, die letzten reinen Germanen.«

Efro Efrosini saß verständnislos.

»Das kann der Efendi?«

»Das kann ich und noch viel mehr. Ich kann zum Beispiel meinen Beni Uriachel erzählen, daß Sie in Triest sitzen, daß ich Sie gefunden habe, wie Sie immer noch über der alten Tefinaqschrift brüten – –«

Er schloß mit einer furchtbar deutlichen Dolchgebärde.

Efro Efrosini aber streckte beide Handflächen weit aus.

»Der Efendi soll sie haben! … Er soll sie haben! … Er soll nix reden davon! … Froh will ich sein, wenn ich nix mehr seh von dem verfluchten Papier! … Was kann ich schon verdienen daran?«

»Ihre Ruhe, Monsieur; indem Sie mir diese unsere liebe alte Urkunde freiwillig und verständnisvoll aushändigen. Erinnern Sie sich noch unserer Nächte auf dem Dache? Der Hyänen im Tal der Gräber? Der Schüsse der Blutrache in den Bergen? So, und jetzt bringen Sie mich zu Madame. Und trösten Sie sich! von all dem Gold des papierenen Djebel Hamam bekämen Sie all Ihrer Lebtag auch nicht eine Erbse groß zu sehen. Dafür haben ja Sie selber gesorgt mit Ihren Mausiehr; nun, und ich setze Ihr Werk nur in etwas anderem Geiste fort.« –

Madame hatte immer noch ihr schläfrigsüßes Pomadenlächeln. Und weil sie eine Frau war, erkannte sie auch in Triest augenblicklich den vermummten Gast.

Der Ibn Uriachel beugte sich über die fette Hand.

»Ich habe Ihnen manches zu danken, Madame. Eine Frau; einen stattlichen Herrn Sohn, der jetzt schon mit faulen Äpfeln schmeißt und auf dem Ziegenbock reitet; ein selbstgebautes Landhaus; zwei prachtvolle Vollblüter von den Beni Snassen; und eine beträchtliche Erweiterung meiner Kenntnisse von Gott, Welt und Menschheit.«

Die gute Dame wußte nicht, was sie damit beginnen sollte. Sie lächelte entsagend und huldvoll.

»Es geht Ihnen also gut?«

»Ich bin vielleicht einer der wenigen Menschen, denen es wirklich gut geht, Madame. Wir haben keine Post, kein Theater, keine Mode, keine Zeitungen, keine Steuern, keinen Staat, keine Behörde, keine Literatur, wir sind ein Volk und tun so ziemlich, was wir wollen, und darum geht es uns ganz ausgezeichnet.«

Er wurde gnädig zum Frühstück geladen und nahm mit der alten gelassenen Selbstverständlichkeit an. Efro Efrosini aber zog sich in seine persönliche Sicherheit zurück. Ein Mensch in Haik oder Burnus war ihm hierzulande nun einmal unsympathisch.

»Der Efendi bleibt und erzählt meiner Frau. Gott, sie kommt so wenig in die Welt. Zweimal ist sie gewesen in der Stagione, aber was hat sie schon für Freude ohne das Kind, die Biancha, Gott. So wird man alt und einsam.«

»Auch den – anderen habe ich nicht vergessen, Madame,« begann René, indem er sich zum duftenden Kaffee den goldblanken Honig auf die Semmel strähnte; »Sie hatten recht, wie Frauen bekanntlich immer. Die Liebschaften eines Gottes, erinnern Sie sich? Ja, und dieser sogenannte Gott lebt nun mit einer sogenannten Göttin, die in allem so nackt und frei ist, daß man sie nicht mehr Mensch nennen kann. Nackt und frei, das sind nur zweie, Tiere und Götter. Und beide kennen den – anderen nicht. Den gewissen – Menschengott.«

Und da Madame nicht recht wußte, was darauf zu erwidern, begann er von der Wirklichkeit zu erzählen.

»Madame, mein Hofstaat! … Sklaverei war abgeschafft oder, sagen wir, eingeschlafen; habe sie wieder eingeführt. Denn wer die Freiheit liebt, braucht Sklaven. Habe drei, zwei männliche, einen weiblichen. Der weibliche: eine arme Prostituierte aus dem Taalah von Tetuan, Madame. Als Gouvernante nach Algier verkauft und so weiter. Aufgelesen, mitgenommen. Drei Tage lang Pomade und Schminke abgestriegelt; kam zum Vorschein ein altes Weiblein. Ist ganz zufrieden, muß fleißig arbeiten, erholt sich in unserer Alpenwiesenluft. Dann: österreichischen Landstreicher, war überall auf der Welt, finde ihn auf der Marina in Melilia, pack ihn auf, mach ihn zum Sklaven. Kann, weiß alles, Hundsfott, Ziegelbrennen, Bierbrauen, Seifekochen, Tausendsassa; hat ihm nichts gefehlt als ein Herr mit scharfgeladenem Gewehr. Spaltet jetzt Holz, mauert, striegelt Pferde, sieht keinen Ausweg, erholt sich, vertragen uns großartig.«

Madame hörte aufmerksam zu. »Und der dritte?«

»Bin ich selbst.«

»Sie?«

»Ich. Mit Ihrer Erlaubnis, Madame. Auch ein Landstreicher, der einen Herrn mit scharfgeladenem Gewehr brauchte. Habe mich nämlich in zwei geteilt. In einen Meister und einen Knecht; ein scharfgeladenes Gewehr und einen Leibeigenen. Kannte ich früher nicht; bekommt mir ganz ausgezeichnet. Ihr Kaffee noch immer erstklassig, Madame. Ja, bitte, danke. Der ganze Witz, daß man nur sich selbst gehorcht und irgendein Recht zum Befehlen erwirbt. Zum Beispiel: durch Freude an der Arbeit. Aber das langweilt Sie, Madame. Habe zwei Vollblüter, Agra und Siwah, Braun und Grauschimmel, beide wie Höllenfeuer. Dutzend Ziegen, mehrere Dutzend Schafe, zwei Milchkühe, Hühner, Wiesen in Bergsonne, rote Oleandertäler, Obstparadies, Waffen, Freiheit. Schön, schön das, Madame.«

»Und Sie kehren nicht zurück nach Europa?«

»Zurückkehren, falsches Wort, Madame. Wie ich mich jetzt sehe, war ich in Europa gar nicht daheim. Nicht in diesem Europa. Das Beste von Welt und Leben kann man beinahe überall haben; aber dort nur, wo mans ungetrübt hat, dort ist man zuhause. Keine Vertierungspflicht – alles gesagt, Madame. Aber hätte ich Biancha geheiratet – war nahe daran, Madame –, dann säße ich heute in einer üppig langweiligen Zypressenvilla am Bosporus, hätte fremdes verhaßtes verachtetes Geld und keinen Frieden zwischen Überdruß und Faulheit und bösen unruhigen Launen.«

Und dann sprachen sie noch von allerlei Dingen dieser und jener Welt, und dann kam Efro Efrosini von seinen Geschäften zurück, und dann küßte der Ibn Uriachel Madame noch einmal in alter höfischer Ritterlichkeit die strotzende Hand, und dann reiste die vielgewanderte Tefinaqschrift im Wiener Nachtexpreß durch Pulverschneewehen hohlschwellender Bora über den Karst gen Norden.

* * *

Die gute Tant Luis war längst dem guten Onkel Rudi hinaus gefolgt zu den Marmorstelen und Kreuzen und Bäumen ewigen Lebens; aber noch lebte die gute ängstlich gefühlvolle Tant Serafin irgendwo im Dunstkreis der Jesuitenkirche, verzehrte still und dankbar ihre Exzellenzwitwenpension und war des Tods erschrocken, als eines Morgens die Tür aufging und ein leibhaftiger Araber zum Frühstückskaffee hereintrat.

Tant Serafin griff unwillkürlich nach ihrer schwarzen schmelzbesetzten Haube, wie ein Mann nach seiner Wehr und ein Diener Gottes nach dem Kruzifix. Aber das Seltsamste und Unbegreiflichste: dieser schreckliche Mordgast, dieser Araber sprach ein prachtvoll lässiges Hofballwienerisch, so unverfälscht, als käm er gradwegs aus der Herrengasse oder aus der Wieden oder aus der Dreiviertelzwölfermeß in der Michelerkirchen.

»Küß die Hand, Tant Serafin. Stör doch nit? Ja, also natürlich, du tust mich nit erkennen. Ich bin der René.«

Tant Serafin sank mit gefalteten Händen auf den Stuhl zurück.

»Jessus! … Renerl!«

Der Araber lachte. »Renerl, richtig, so hast mich ja immer genannt. Also, liebe Tant, vor allem: Krieg ich ein Kaffee? Ja? Dann schön. Aber wart. Sie, meine Liebe!« … Er wandte sich an das piksaubere Mädchen in Schwarz und Weiß, »habens nur keine Angst, Sie – Mizzi oder Leni oder Rosa oder Hermin oder wies schon heißen. Also passens auf. Da habens ein Gulden. Tant, du erlaubst. Und jetzt gehens hinunter zum Bäcken und kaufens ein Haufen Kipfel und Butter und so was der Mensch halt gern ißt. Und den Rest bhaltens. Servus.«

Tant Serafin aber konnte sich gar nicht fassen. Immer wieder hielt sie sich an ihrer Haube fest.

»Ja, Renerl! Ja, Renerl! Ja, wo kommst denn du her? Und so – –«

»Nit aus der Höll, Tant, beruhig dich. Bloß aus Afrika. Dar el Kaid tuts dorten heißen.«

»Ja, Renerl! Wie kommst denn dahin?«

»Wie man halt sowohin kommt. Per Schub vom lieben Gott. Schau, die alten Miniaturen! Alle noch da! Geh, Tant, ein paar davon mußt mir schon mitgeben.«

»Mit – –? Ja, Renerl? Gehst denn wieder zurück?«

»A freilich, Tant. Bin bloß auf Bsuch da.«

Er setzte sich behaglich in den hereinströmenden Sonnenschein.

»Ja, aber Renerl! … Ja, und wie gehts dir denn da?«

»No, ausgezeichnet. Besser als euch allen zusammen.«

»Ja, aber Renerl! … Und was machst denn da?«

»Leben, Tant. Essen, schießen, jagen, reiten, Menschen umbringen …«

»Renerl! … Ja, aber – – ja, wohnst denn auch da?«

»No freilich, Tant. Und wie!«

»Bei die – bei die Araber?«

»So was Ähnliches. Siehst ja. Ah, da sinds ja, Lenerl oder Mizzi oder Helen oder Hermin oder wies schon heißen. So, bravo. Da, da habens noch ein Gulden für die Besorgung.«

Er frühstückte mit tiefem, gelassenem Genuß. Die Tante sah kopf- und haubenschüttelnd zu.

»Ja, aber Renerl, Renerl! … Und willst denn immer da drunten bleiben, bei die Araber?«

»No freilich, was denn sonst? Komm mit, Tant Serafin. Eine Idee! Großartig! Schenkst dem Staat deine Pension! … Komm mit!«

Nun mußte Tant Serafin selbst lachen.

»Ja, aber Renerl! Ich bei die Araber! …« Sie wurde ängstlich. »Was sind das – Heiden?«

»Na ja. Halt so was Ähnliches.«

»Ja, und du, Renerl?« Sie hielt sich mit den schmalen langen Wachshänden an der Haube fest.

»Ich? … Na, ich – ich bin, was ich halt immer gewesen bin.«

Die Umschreibung beruhigte sie. Aber nun ward es heikel.

»Ja, Renerl – tust du da ganz allein wohnen?«

»Allein? A keine Spur! Wer soll mir denn kochen und so?«

»Ja, Renerl! … Bist denn da unten – verheiratet?«

»Verheiratet?« Er lachte vergnügt. »Was verheiratet! … Weiber haben tu ich.«

»Renerl!«

»No, natürlich! Orient, ich bitt dich. Afrika! Hast doch schon ghört.«

»Wei – – ber?« Die Tant wurde ganz zag. »Ja, Renerl? … Wie – wie viele denn?«

Er tunkte sein Kipfel in den Kaffee und blinzelte zur Decke hinauf.

»Ja, wart. Wie viele? Das kann ich so auswendig nicht sagen. Da muß ich selber nachrechnen.« Er zählte wie an den Fingern und murmelte. »Na – so eine neunzig herum werdens halt sein.«

Tant Serafin faltete erschrocken die Hände.

»Renerl! … Neun – –«

»Na ja.« Er zuckte gelassen die Achseln. »Es wird mir halt so durchschnittlich alle vier Tag was geboren. Das macht grad einundneunzig ein viertel.«

»Renerl!« Die alte Dame war tieferschüttert. Er suchte sie zu trösten.

»Ja, Tant, bei euch hierzuland, nit wahr, da sagt mans halt nit. Das is der ganze Unterschied. Und ich bins halt auch meinem Ansehen schuldig.«

»Deinem – Ansehen.«

»No ja, natürlich. Das ghört sich so. Männer sind bei uns rar. Wir werden alle Augenblick erschossen.«

»Renerl! … Ja, aber – – kannst denn du für alle diese Kinder sorgen?«

»No ja, ein bißl schwer. Mit die Kleider, verstehst. Also, Tant, aber daß wir von was anderem reden: ich bleib nit lang, wie gehts dir denn, brauchst was, kann man dir helfen?«

Sie schüttelte die Haube. »Nein, Renerl. Ich komm ganz schön aus mit der Pension. Bleibt noch was übrig.«

»Na, freut mich. Und ein paar Miniaturen krieg ich?«

»Ja, Renerl! … Willst denn wirklich zurück?«

»Freilich; muß. Denk, die neunzig Kinder aufs Jahr!«

»Ja, aber Renerl! … Und was sind denn das für – – Weiber?«

»No, so allerhand. Schwarze, weiße, gelbe, braune; Kinder kommen auch scheckige vor. Will jetzt grad ein paar resche Wienerinnen kaufen.«

»Renerl!«

»No, was denn? Doch besser, als daß dahier auf den Strich gehen und verludern.«

Die arme alte Dame schüttelte den Kopf.

»Bleibst denn noch lang, Renerl?«

»Na, so eine drei Wochen vielleicht. Und jetzt muß ich gehen. Komm noch einmal nachschauen. Eine Massa zu tun, Advokaten, Bank, bins gar nimmer gewöhnt. Adio, Tant, dank für Aufnahm und Frühstück, küß die Hand. Ja, richtig: die Vikkerl – wie gehts denn der?«

»Sie ist doch glücklich verheiratet, Renerl. Hat drei Kinder.«

»Sinds auch von ihrem Mann?«

»Aber Renerl!«

»Na, nix für ungut. Also ich komm noch einmal. Bet halt ein bißl für meine arme Seel. Und die Miniaturen, gelt? Such mir welche aus, die du nit brauchst. So daß man weiß, wie einmal ein alter Österreicher ausgschaut hat. Küß die Hand, Tant, adio.«

Und fort war er.

Die gute erschütterte Tant Serafin aber betete wahrhaftig selbigen Nachmittags in der kühlen Dämmerung der Jesuitenkirche eine lange Litanei für den abwegigen Neffen, kaufte sodann vierundzwanzig Knäuel schönster weißer Merinowolle und begann im goldnen Lampenschein noch dieses Abends, der gewohnten Patience tapfer entsagend, die unbekannten jährlichen neunzig Großneffen im fernen rauhen Afrika liebreich zu behäkeln. – – – –

René sah und suchte noch einmal Europa: und fühlte und fand es nicht.

Aus dem Goldschatz reichlich mit Mitteln versehen, reiste er im Dreieck nach Berlin, nach Paris – aber die Welt, die er einst in müßig genießender Verachtung durchwandert, war alt und häßlich wie eine abgeschminkte Dirne und verloschen.

Ein paar hübsche Beine da und dort – aber was gilt das schon am andern fahlen Morgen? …

Er besuchte die großen Rennen, Derby im Frühlingsflor, Grand Prix – greller Blödsinn.

Er ging mit Vorsatz in Theater und Konzerte, Oper, Tragödie, Schauspiel, Komödie, Posse, bis zum Ballett herunter – keine Kunst, sondern im Gegenteil Angst vor Kunst, Mode, verzweifelter Kitzel, Bildungspanik, Aufwandschau, stilisierter Merkantilismus, Amerikanismus der Größen und Ziffern, planlose Götzenanbetung journalisierter Massen: und nirgend ein Gott.

Er las die schönen und weisen Bücher, die seither berühmt geworden. Keine Stoffe mehr, nur mühsam marktschreierische Verrenkung; keine Form mehr, nur wilder plebejischer Rohstoff.

Gespenster, vierte und fünfte Dimension, Indien, Fakire, Kabbala und Franz von Assisi waren also augenblicklich Mode. Der Jude lobte diese nützlichen Scheidewasser als Wein, die öffentliche Meinung glaubte ihm, die Masse der öffentlichen Meinung.

Bildende Kunst: in offener Verblödung.

Er schaute noch einmal die alten Meister zu München, Dresden, im Louvre; verglich und griff sich ans Herz und Kopf: – Und ihr wollt noch Menschen sein? … Seht diese Götter und fühlt euch? … Merkt ihr denn nicht?

Und die Weiber: stinkender Fleischmarkt. Verwesung. Bacchanal der Bäuche, Beine und Blähungen. Totentanz der Liebe. Scheusälig. Gosse, Kloake, Kanal.

Und all das hatte er einmal irgendwie mitgemacht.

Auch er war einer von den faulen Allesverkostern gewesen. Ohne Pol, ohne Liebe, ohne Heimat, ohne Vertrauen. Dieses Europa war einmal sein Vaterland. Er verstand es nicht mehr. Einer von beiden abgestorben, jeder für den anderen. Er aber sehnte sich zurück nach seinem nackten Leben.

Nach seinen stillen Honigwiesen unter blauem Mittagstaubenflug, nach den quarzig durchleuchteten Bergen, nach dem freien Schneewind der Hochgipfel, nach dem roten Blütenbrand der Oleandertäler, nach den weißen Ziegen hoch im Würzkraut der Klippen, nach der ruhigen Wacht des Djebel Hamam, nach dem dünnen Gezirp von Audd und Gimbri an sommernächtigem Hammeltalgfeuer, nach El Fahhads dattelbraunem Spuck und Spruch, nach El Maalukis graubärtiger wehrhafter Weisheit, nach Waffen und Wild, nach Ritt und Sturm, nach Ainusch.

Er hatte alles mögliche geliebt, von der Fürstin ab- und aufwärts bis zur Dirne. Er hatte alles versucht und genossen, Großstadt, Schloß, Landedelsitz, Bad im Norden, Glücksspiel im Süden. Und bei sogenannten Barbaren, im Paradiesesschoß rauher unentdeckter Alpen, am paradiesisch einfältigen Herzen eines Tieres, einer Göttin fand er seine Heimat. –

Zwei Lebensinseln noch sah er, die ruhig standen in der ahnungsvoll schwellenden, verdunkelten Flut: die der Bauern und die der Klöster. Er war Gast bei altersher befreundeten Zisterziensern, freute sich der friedlichen Arbeit der weißen Brüder, ergötzte sich an ihrer uralten, feinen, tiefgebräunten, sorgfältig verheimlichten Kultur, trank mit Abt und Prior und Bibliothekar eine hohe Kanne allinnersten Herzweines an verschnitztem Eichentisch, erzählte manches und wurde schmunzelnd verstanden.

Und draußen mähte und säete, pflügte und pflanzte der Bauer von Ewigkeit zu Ewigkeit; und so eine Mischung von Mönch und Bauer, Jäger und Krieger war er ja nun auch. –

Europa aber war schwerkrank geworden. Das Gift troff ihm aus hundert Schwären und Beulen.

Europa stieß böse Dünste aus. Dumpf hämmerte zyklopische Tiefe, drohende Vorbeben schauderten über die Welt, in klaffenden Schwefelspalten stieg das glühende Magma.

In Wien von nichts anderem die Rede als von Skutari und von dem verschlagenen Nikita der schwarzen Berge und dem unterirdisch fortglimmenden Balkanbrand.

»Ein falscher Schuß da unten, und ganz Europa fliegt in die Luft,« sagte ein alter Herr vom Ballhausplatz; »ganz Europa nichts wie ein Pulverturm, ein einziges Munitionslager. Wenn da einmal einer seine Zigaretten oder sein Zündhölzel hinwirft, na, ich dank. Ganz recht habens; ging auch zu die Botokuden, wenn ich bloß dürft.«

Am Quai d'Orsay aber war man in warnender Unruhe.

»Diese deutsche Milliardensteuer, wissen Sie, was das ist? C'est la guerre! Und ihr in Österreich: habt ihr denn Sadowa ganz vergessen?«

Für Wien fürchtete er; Paris ekelte ihn an; in Berlin aber wurde er zornig und grob.

»Mit solchen Weibern, mit einer solchen Presse, mit solcher Industrie im Rücken wollt ihr Krieg führen? Saugt euch schwammvoll mit französischer Kunst und Mode, mit russischem Geist und Gift, mit amerikanischem Eiswasser und englischer Schwefelsäure: und damit wollt ihr Kriege führen gegen diese ganze Welt, die euch haßt? Seid ihr wahnsinnig?«

Aber für wahnsinnig wurde er gehalten. Besonders als er ganz freimütig und boshaft übertreibend von seiner Heimatwildnis, von ihren Freiheiten, von seiner Rückkehr erzählte.

Einer der sehr korrekten hochverknöpften Herren vom Auswärtigen Amt setzte sein Einglas in den Kopf und erlaubte sich kühlen Zweifel.

»Tja; das mag ja wohl sein. Mal ganz nette Abwechslung. Aber schließlich, auf die Dauer – –«

Er lächelte mitleidig und hob sein perlendes Glas verhohlen gegen einen häßlichen, wahnsinnig gewordenen Damenhut, der im mildbunten Dämmerschein einer Ecktischlampe des großen weißgoldnen Speisesaales saß.

»Nun ja, ihr Österreicher da drunten …«

Aber da wurde der Österreicher von da drunten recht ungezogen.

»Ja, wir Österreicher von da drunten! … Wir Österreicher von da drunten haben keine rechte Heimat; darum müssen wir uns eine suchen und schaffen. Jeder die, die ihm am besten paßt. In Berlin schon einmal bestimmt nicht. Ich, ein König mit Königen, sollte da ein Knecht sein unter Knechten, ein Ochs unter Ochsen, ein Jud unter Juden? Da bedank ich mich!«

Nun wurde auch der Preuße scharf. Alte Borussenquarten glühten aus der Vergangenheit seines kragengestützten Kopfes hervor.

»Sie gestatten wohl, daß wir ganz wesentlich anders denken.«

»Von mir aus. Nur denken nennts das nicht. Denken kann und soll bloß, der ein Organ dazu hat.« –

Aber hinterher, auf dem abkühlenden Heimweg lachte er auch dieses seines letzten Zornes.

Er hatte weite Bergsonnenwiesen, er hatte zwei Vollblüter, er hatte seine verläßliche Waffe, er hatte sein Haus, er hatte Landschaft, er hatte Freiheit, er hatte Luft, er hatte Ainusch, er hatte das nackte Leben: – er konnte lachen. – – –

Er kehrte nach Wien zurück und kaufte ein. Drei Zielfernrohrbüchsen in Reserve, zehntausend Patronen dazu, bei irgendeinem Antiquar der Wollzeile die sieben Bände des alten allwissenden Buches der Erfindungen mit den schönen belehrsamen Holzschnitten und gutherzigen Vignetten, das unsterbliche Lebenswerk der seligen Katharina Prato, Österreichs größter Dichterin, allerhand Buntkram für reifere und unreifere Jugend von Dar el Kaid, eine ganze Kiste Toiletteseifen, Küchengerät, Unterwäsche, zwei Petroleumlampen, Rasiermesser, Spiegel, Schokolade kriegt man in Spanien drüben billiger, noch dies und jenes unvergängliche Buch, eins von deutscher Heldensage, die Nibelungen, die Gudrun, den Ekkehard, die Carmina Burana, den Faust, den Kohlhaas, die Edda, Papier und Federn, Putzstöcke, Flohkrautsamen, Öle und Fette in Zentnern, einen ganzen Wunschzettel an Ware, eine ganze Karawane an Last – –

Das war sehr hübsch. So als luftiger Araber noch einmal im Gummiradler durch das alte Wien zu fahren, die Leut mit unverfälschter Mundart zu überraschen und massenhaft dreckigen Geldes auszugeben.

Zum Schlusse hob er noch das Erbtafelsilber aus dem Stahlkeller seiner Bank. Das gehörte nach Dar el Kaid, wo Gold und Silber wild wächst. Die Herren hinter den Schaltern starrten ihn groß an und vergaßen Kurse und Wechsel. Er mußte sich langwierig ausweisen. Schließlich wurde sogar Polizei geholt. Die Geschichte kam in die Zeitungen. Er wurde über den Rif interviewt. Er log die stinkende Journaille in allen Farben an. Auf der Straße zeigten sie mit dem Finger nach ihm: der Araber! … Der Schack Lebodih! … Der Kaiser der Sahara! … Er wurde populär, wenn er in leuchtendem Burnus, in der behaglichen Traumwolke seiner selbstgerollten Zigarette aus feinem Kir durch all das Farbengewühl den Graben hinaufging, sprangen die Fiaker von ihren Kutschtritten und stießen und grobten sich um den seltenen Gast. Denn erstens war er nobel, und zweitens verstand er was von Rösser, und drittens gehörte es nachgerade zum Renommee, den Araber gefahren zu haben, und viertens erkannte man in ihm den alten Kunden. »Der? … Uje! … Wie viele Nobelfuhren ham mir zwa gmacht, nach der Rohrerhütten, zur goldenen Schnepfen, nach der Krieau, zum Praderspitz! … Da warst du no gar net auf der Welt, mei Liaber! … Da hat dei Großmutter selig no in d'Fatschn gmacht! … Der – wie der no im Theressianum gwesen is, da war er dir schon a ganz a Ghauta! Mei Liaber!«

Ein Araber, natürlich, daß der von Rössern was verstehn muß. Da fahrens no net mit de stinketen Atamabüi, Furzhutschn ölendigen. Und dem sah mans an: der fuhr auch nie in so einer jüdischen Banzinkanon', und das rechnete man ihm hoch an.

»Gnä Herr, tatens kan Paradkutscher brauchen da drunt bei Ihna? Tat Ihnar Zeugl ßauber in Ordnung halten.«

Aber nein, in Dar el Kaid brauchte man keine Paradekutscher. Leider, leider, mein lieber Sechshundertelfer! Aber Rösser, sag ich Ihnen, Rösser, höcher gehts nimmer!

Der Sechshundertelfer blinzelte vertraulich. »Und Mäderln gelns, Gnäherr?« Er schnalzte und beschrieb mit der Peitschenfaust eine flache Schleife. »Gleich a vier, fünf? Das is a Leben!« –

Und dann wurde René der Trafikenschreck der Reichshauptstadt, kaufte Kir und Flor und Pursitschan und Herzegowiner vielzentnerweis auf, kaufte zum Schluß noch sechs feinere Mauserbüchsen für die nächsten Stammesfreunde und unzähliges Zubehör an Gerät und Werkzeug und tausenderlei und machte seinen Abschiedsbesuch bei der guten Gefühlstante Serafin.

Er fand sie, als sie gerade das siebenunddreißigste Wolljäckchen für die unbekannte ausgedehnte Großneffenschaft fertiggehäkelt hatte und das Kunstwerk ihrer Liebe prüfend über die Altersbrille hinweg ansah.

»Ja, Tant Serafin! hast denn das im Ernst geglaubt?« Er war fast gerührt. »War doch vergißmeinnichtblauer Blödsinn!«

»Ja, aber Renerl!« Die ehrwürdige Dame starrte ganz entgeistert. »Jetzt hab ich mich doch schon darauf eingerichtet.«

»Ja, aber liebe gute Tant! Ein solches Stück vielleicht zum Andenken! Aber das Übrige schenkst armen Wiener Kindern, keine Sorg, ich ersetz dirs.«

»Ja, Renerl! … Wie denn? … Du hast doch gesagt –«

»Liebe gute Tant! Eine sogenannte Frau hab ich, eine einzige. Und die laßt dich recht schön grüßen und dir die Hand küssen. – Hat mir grad heut ein Brief geschrieben.«

Ganz konnte ers doch nicht lassen.

Und nun war die gute Gefühlstante ganz ausgesöhnt mit Marokko und Vorsehung und Welt, und die unbekannte Nichte nahm in ihrem Herzen gleich einen warmen breiten Platz ein.

Und die Miniaturen und Silhouetten auf Goldgrund hatte sie auch schon bereitgelegt, und als René nach einer gemütlichen allerletzten Altwiener Jause aus geblümten Tassen von ihr schied, mußte er auf alle Fälle seine Adresse, Melilia postlagernd, hinterlassen.

Draußen hob er der schwarzweißpiksauberen Mizzi oder Rosa das runde Kinn, sah ihr in den braunen Augenschmelz, drückte einen Kuß auf die warmen Wiener Lippen, setzte sich in den Gummiradler, in die erste Klasse des Triester Nachtexpreß, und verließ das eigentliche Europa. –

Er reiste über Stambul. Dort harrten verjährte, vielleicht längstverschollene Kisten voll sterblicher lächerlicher Fahrnis seiner entscheidenden Lebenswende.

Nun war sie gekommen, und die Kisten waren wirklich noch da.

Noch einmal sah er die imposanten Silhouetten der Suleimanieh und Bajezid gegen heißen Spätabendgrund, noch einmal den Genueserturm von Galata, den friedlichen Zypressenwald über den Rotgiebeln von Skutari, Türme und Platanentiefen des blauen Bosporus, die gelbe Mittagswolke über Asien, die große heilige Brücke mit ihren armen und reichen Bettlern, verkleideten und nackten Aussätzigen, mit ihren Trägern und Lasten … Dann schiffte er sich ein, phäakische Seligkeit der Marmara, Ruinen und Pinien des Hellespont, Kythera in aphrodisischer Hyazinthglut: zwischen dem Eiland der Venus und dem asketischen Anachoretenberg des Matapan, zwischen diesen beiden Ufern europäischen Lebensstromes zog der Dampfer in die Zukunft hinaus. Europa versank. – – –

In Gibraltar schiffte er um. Auf unverdächtigen Fischerfelukken brachte er die kostbare Fracht unterm schläfrig wachenden Alhusemas vorbei nach dem Mündungshafen des Uad Chis, nach Aschdir, auf Tragtieren unter Bedeckung scharfgeladener Mausiehr in seine Berge.

Zuerst die Dschara, dann die Ahruba, zuletzt erst Haus und Weib und Kind: so will es rifisches ungeschriebenes Gesetz, das für Männer gemacht ist, nicht für Gefühle.

»Marhaba, du bist uns willkommen,« sagte Si Hamd el Maaluki; »ich habe geglaubt, du würdest nicht wiederkehren aus deiner Heimat. Nun sehe ich, daß du einer der Unsrigen geworden mit Kopf und Herz und Hand. Marhaba, dein Eintritt sei gesegnet.«

Ainusch aber hatte im Vertrauen seiner geharrt. Sie stand nicht auf von der Matte, ihn zu begrüßen. Denn an ihrer braunen Brust lag in sattem, milchtrunkenem Schlaf ein nacktes neues Leben: ihr zweiter Sohn.

* * *

Noch einmal trat ihn Versuchung an: diesmal in der tragischen Maske der Pflicht.

Eines Tages im heißesten Sommer kam über die Märkte aufregende Nachricht von Melilia: drüben in El Ropa, bei den Franken, bei den Beni Austrija sei ein Mord geschehen, der Großsultan erschossen worden, Beni Austrija und Franken rüsteten zu schwerer Blutrache.

Und wenige Tage später schickte der Militärgouverneur von Melilia, ein höflicher und ritterlicher Herr, der vom geheimnisvollen Ibn Austrija und seinem Aufenthalte vernommen, Eilboten vom Stamme der Beni Said in die Berge.

Sie brachten einen Brief, sie brachten Zeitungen. Und der Ibn Austrija las und verstand. Der Ausbruch war da. Was er vorm Jahre in allen Nerven gespürt, gewittert, gerochen, gefürchtet, im Zorne fast gewünscht: nun war es da.

Die Welt erdonnerte, der Tag verlosch, glühender Aschenregen begann zu fallen.

Wenn der Senhor aus naheliegenden patriotischen Gründen nach Österreich zurückkehren wolle, schrieb der Militärgouverneur, so stehe er ihm mit allen seinen amtlichen und gesetzlichen Mitteln – und noch darüber hinaus – durchaus zur Verfügung.

Spanien und Habsburg, das gehörte trotz allem irgendwie zusammen.

René sattelte Siwah, die kleine starke behende Grauschimmelstute, hing die Büchse über, gürtete sich mit Patronen und Geld und ritt einsam durch Bergwälder und Felsenglut nach Melilia hinunter, vier Tage weit.

Vier Tage weit; was konnte in vier Tagen alles geschehen!

Er wies den Brief des Militärgouverneurs vor und wurde bewaffnet in die sommerschmelzweiße Stadt eingelassen.

Der alte Herr war ganz Höflichkeit und Teilnahme. Ein großes Unglück, ein internationales Unglück, eine Katastrophe. Und selbstverständlich sei er bereit – mit einem italienischen Dampfer etwa – Italien sei ja vorläufig noch neutral – allerdings, ob es dabei bleiben werde – –

René erbat sich Bedenkzeit, versprach Wiederkehr, setzte sich in ein Café des Palmengartens, las alle erreichbaren Zeitungen.

Rußland! … Frankreich! … England! … Serbien! … Der offene Wahnsinn.

Die Würfel waren schon jetzt gefallen. Mit Mitteleuropa war es vorbei. Im Westen: französische Rachsucht mit englischer Zähigkeit versteift – im Osten der slawische Abgrund, in den hunderttausende seiner eigenen Kinder naturgemäß zurückstrebten – und an den verborgensten, allinnersten Hebeln all dieser mobilisierten Staatsmaschinen die Juden.

Und wenn die Nibelungen im Ost bis nach Moskau, im West bis nach Paris durchschlugen und durchsiegten: sie wurden dennoch erschlagen bis auf den letzten Mann. Denn ihr Feind war der Schwarzalb, dem sie einst den Hort geraubt: der Jude – und die Riesen, die ihm dienten. Die Riesen der Industrie, der Mode, des Luxus, der Presse, der Denksäure, des Papiers, des Geldes, der Kunst, der Ideen. Alle kreuz über quer gemeinsam am Werke der Zerreißung unschuldiger Kraft, der Zermürbung alter allzudauerhafter Pfeiler, der Zerrostung allzuscharfer blanker Waffen, der Zerlöcherung starrer weiser allzufester Dämme. Kraft, Pfeiler, Waffen, Dämme, da gab es nicht genug zu verdienen. Die Wasser mußten getrübt werden. Man brauchte eine Sintflut. Sie war da.

Er meinte es zu vernehmen, das telephonische Frohlocken des Kapitals von Staat zu Staat: Unsere Stunde ist gekommen! … Wir sind nicht Feinde; wir tun nur so; wir stehen nur jeder an einer Ecke, an einer Zugschnur des großen Drahtnetzes! … Und das sirrende Drahtnetz schloß sich über Europa und seinem blutigen Menschenknäuel.

Er ging hinaus nach der Marina.

Weither über sonnenblaues Mittagsmeer dröhnte die große Schlacht.

Die Millionen des Abendlandes, der sogenannten Christenheit, waren von Wahnsinn befallen worden, infiziert durch Trunk aus vergifteten Brunnen, durch Versprühung virulenten Tollgeifers. Würgten, bissen, schmähten, logen einander tot. Die Abrechnung war gekommen.

Europa hat es verdient. Jede Frucht erreicht die Erde, wie hoch der Baum auch sei. Hatte das auch hier seinen Sinn? Hatte nicht dieses Europa an fremdem Gut, an fremden unschuldigen Völkern sich versündigt? Ist es nicht reich geworden an fremdem Gold, hat es sich nicht übermästet und übervölkert an fremder Frucht? … Räuber, die einander um Beute totschlagen.

Lange stand er und lauschte, als vernähme er leiblich den Donner der geknechteten Elemente, das grausige Aufrauschen des Stahles, das Gebrüll der befreiten Zivilisationsbestie.

Die kleinen flachen Wellen schlugen unschuldig gegen den Steindamm; die heiße Luft war voll Glück und seliger Einfalt.

Weit draußen zogen braune krumme Felukkensegel friedfertig über die See: Ruafa aus der Gelaia, die genügsam nach Polypen und Quallen fischten.

Er setzte sich auf die Brüstung, rollte und entzündete sich eine Zigarette, briet still in der Sonne und blinzelte über das Meer.

Etwas vom alten Geiste erwachte in ihm.

Daß Weib und Kind ihn nichts geschert und daß er in flammender Begeisterung unter die Fahnen geeilt, so würde es in schlechten Romanen heißen. Aber das war Kitsch und Mißbrauch schöner deutscher Worte.

Denn Österreich, sein altes todkrankes ausgelebtes Österreich war erledigt. Nicht besiegt: aber erledigt. Gehorsam und greisenkindisch stolperte es da mit in ein Abenteuer hinein. Der Krieg, den es führen sollte, war ein Nationalkrieg; und einen Nationalkrieg kann ein aus zehn oder elf Nationen bestehender Staat nicht gewinnen.

Nein, er blieb. Sie hatten ihn verlacht und angezweifelt wegen des nackten Lebens, mit dem er da oben in seinen unwahrscheinlich hintermarokkanischen Bergen sich zufrieden gab. Sie selbst würden bald nicht einmal das mehr haben. Sein sogenanntes nacktes Leben war ihm lieber als der armselige Rest, der ihnen blieb von all ihrer Tünche und Fassade. Sein nacktes Leben war ein neuer gesunder Anfang. Ihre Nacktheit aber wird kein Leben mehr sein, sondern die Blöße eines fahlen unbegraben verwesenden Leichnams.

Sein nacktes Leben war ein Lernen und Wachsen aus reinigender Verjüngung herauf. Ihr nacktes Leben wird das des schorfbedeckten Bettlers sein, nach dem jeder geekelt mit dem Fuße stößt, dessen Schwären die Hunde lecken, mit denen er sich in die Abfälle teilt.

Nein, er blieb. Anerbieten und Gesinnung des ritterlichen Militärgouverneurs in Ehren: aber er blieb.

Er hatte ein Volk, das er liebte; er hatte sein Haus, das er selbst gebaut; er hatte Weib und Kinder ohne Falsch; er hatte seine Berge und sein Paradies; er hatte seine Heimat, die er verteidigen würde bis zur letzten Patrone.

Für Hamd el Maaluki, für Var el Kaid, für seine honigstillen Bergsonnenwiesen, für den blauerglühenden Djebel Hamam, für seine roten Oleandertäler, für Ainusch, für sein nacktes freies Leben wird er sich ohne Überlegung totschießen lassen und totschießen. Für Tschechen, Galizianer, Slowenen, Großmannssüchte, Tangoweiber, verrückte Dichter und Mißmusikanten, verhetzte Arbeiter, Journaille und kreuzspinnendicke Juden aber nicht. Nein.

Natürlich: wenn jeder so dächte. Nun, ich denke einmal so. – –

Da draußen, fern im Blendschmelz, zog ein dunkler Dampfer mit seiner Rauchfahne nach Ost. Glückliche Reise: ich bleibe. Bleibe, wohin der Allerbarmer mich verfügt. Denn Allah weiß es bekanntlich besser.

Ich bleibe. Und wahrscheinlich gibt es ohnehin ein bißchen Dschihad, und für diesen Fall sind wir wohlgerüstet. Die algerische Grenze nicht weit, da kann euch mancher kleine Dienst erwiesen werden. Eine gute Büchse und ein voller Patronengurt selbständig am rechten Platze sind euch nützlicher als eine subordinierte Nummer unter Millionen.

Aber mit euch, in euren eignen Gliedern, Kinder, führe ich keinen Krieg. Dazu seid ihr mir zu faulig, zu anbrüchig, zu verseucht. Seid nicht mehr die eiserne Wut von dreizehn, nicht mehr die schlichten Erbswurstsieger von siebzig-einundsiebzig. Ihr sauft mir zuviel Sekt und Rhein und Mosel, Kinder; freßt mir zuviel Austern, Kaviar, Trüffeln, Gänselebern und Kartoffeln; spielt mir zuviel Karten; vergiftet euch zuviel an Weibern; lest mir zuviel Zeitungen; seid zu erotisch, zu skrophulös, zu hungrig und zu satt; seid mir viel zu üppig, elend und anspruchsvoll geworden. Nein, Kinder, auf die Art erobert man keine Welt. Sieger sind immer karg, gesund und hart; am besten siegt sichs aus reiner, gleicher, gemeinsamer Not. Nein, Kinder, gemeine Sache mach ich nicht mit euch; hab euch beobachtet, hab mich in euch erkannt, war selbst einst so einer, bin selber erst zur Not genesen. Aus meinem nackten Leben heraus will ich Krieg führen gegen eure Feinde; aber nicht mit euch, eure Weiber, eure Industrie, eure Presse im Rücken. Ihr habt mir zu starke Bedürfnisse und zuviel zu verlieren; und das sind die Brocken, an die euch der innere Feind die Fallen legt. –

Er ließ Siwah bei reichlicher Gerste und Datteln einen Tag lang rasten. Am anderen Morgen ging er noch einmal nach der Marina hinaus. Dort drüben lag Europa, einst das Hellas der Welt. Dort wütete der peloponnesische Bruderkrieg. Und dort überm Atlant lauerte die große Republik, Europas künftige Zwingherrin, das amerikanische Rom.

Er nahm Abschied. Nun würde er Europa nimmer wiedersehen.

Er kaufte einen Kranz Trockenfeigen und ein paar Handvoll Datteln für wenige Kleinmünze. Dann sattelte er die zähe hurtige Siwah, schlug sich die Büchse schräg übers Kreuz, saß auf und ritt, nach rifischer Weise die Früchte aus der Kapuze speisend, gelassen am weißen Kuppelgrab des Sidi Uriach vorüber, durch Krautweide, Halfa und staubiges Aloenstaudicht gegen seine quarzflimmernden Berge hinan. –

U slam!

* * *

Anhaltische Buchdruckerei Gutenberg, G. Zichäus, Dessau.

 


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