Ludwig Fulda
Die Zwillingsschwester
Ludwig Fulda

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Vierter Aufzug

Dieselbe Dekoration. Es ist Abend. Die Vorhänge der Loggia sind zugezogen. Kerzenbeleuchtung.

Erster Auftritt.

Orlando. (Dann) Angiolina.

Orlando (kommt mit Hut und Degen hinter den Vorhängen der Loggia hervor, in fieberhafter Unruhe und Ungeduld; er sieht sich um).
Noch immer nicht?! –
        (Er legt Hut und Degen auf den Tisch, eilt zur Thür rechts vorn, sucht sie zu öffnen.)
                                  Verschlossen, nach wie vor.
        (Er pocht.)
Renata! – Hörst du nicht? – Dringt an dein Ohr
Nicht meiner Sehnsucht Ruf? – (Lauschend.)
                                              Nichts. – Unerträglich!
Ein solcher Tag nach einer solchen Nacht,
Die schlaflos ich verseufzt auf meinem Lager . . .
        (Wieder pochend.)
Renata, hör! – Du marterst mich unsäglich. –
Oeffne!

Angiolina (von innen).
            Wer klopft? 196

Orlando.                       Ich bin's.

Angiolina (öffnet und tritt heraus).     O, der Herr Schwager!

Orlando (enttäuscht).
Ihr! – Und wo bleibt das Fräulein? Schon halb acht!
Hat sie nicht selbst gehört, daß ich sie rief?

Angiolina.
Ich glaube nicht.

Orlando.                 Warum seit gestern meidet
Sie dieses Zimmer? Ist sie krank?

Angiolina.                                         Sie schlief
Heut Nacht sehr wenig, lag bis morgens wach . . .

Orlando (erfreut).
Ah!

Angiolina.
      Weil sie drum an heft'gem Kopfweh leidet,
Zog sie sich in ihr innerstes Gemach
Zurück.

Orlando.     Geht's noch nicht besser?

Angiolina.                                       Doch! Sie hofft
Zur Tafel zu erscheinen.

Orlando                               Was? Nicht eher? 197

Angiolina. Nein.

Orlando.             Sagt ihr, daß mit Ungeduld schon oft
Ich nach ihr fragte, wie ein Postensteher
Hier warte . . .

Angiolina.             Gut. (Ab rechts vorn.)

Orlando.                       Und daß . . .
        (Angiolina hat, scheinbar, ohne ihn noch zu hören, die Thür zugeklappt. Er geht hin und her.)
                                                  O Höllenpein!
Noch einmal harren – harren ohne Ende!
Ich fiebre . . . (Es pocht rechts hinten.)
                      Hat's da nicht geklopft? (Es pocht wieder.)
                                                          Herein!

Zweiter Auftritt.

Orlando. Parabosco. (Zuletzt) Lelio.

Parabosco (eilig und aufgeregt von rechts hinten).
Da bin ich, Freund.

Orlando (zwischen den Zähnen).
                            Auch das noch!

Parabosco.                                         Sagt behende:
Was hat sie Euch erwidert? 198

Orlando.                                 Wer?

Parabosco.                                       Nun, sie.
Wetter, vor Hoffnung, Furcht und Liebeswahn
Hab' ich heut Nacht kein Auge zugethan.
Wie nahm sie's? Kann sie Neigung zu mir fassen?
Wann werden wir Verlobung feiern?

Orlando.                                               Nie!

Parabosco. Was – nie? Versteh' ich recht? Sie schickt mich heim?

Orlando. Ihr sollt gefälligst sie zufrieden lassen.

Parabosco. 'nen Korb? 'nen schnöden Korb? Und einem Mann
Wie mir? Ich wäre minder starr und stutzend,
Wenn Ihr gesagt: die Welt geht aus dem Leim.
Giebt's Freier meinesgleichen denn im Dutzend?
Und mir 'nen Korb? Verzeiht, ich zweifle dran.

Orlando. Wie?

Parabosco.       Nein, so schnell läßt meines Vaters Sohn
Von einem Weib sich nicht ins Bockshorn jagen.
Ihr traft vermutlich nicht den rechten Ton,
Habt sie durch Ueberrumpelung erschreckt,
Nicht prüfend erst Fühlhörner ausgestreckt . . . 199
Wie konnt' ich auch 'nem andern übertragen,
Was mir allein geziemt? Ein Narrenstreich!

Orlando (höhnisch).
So fragt sie selber doch!

Parabosco.                         Jawohl, sogleich.
        (Er will nach rechts vorn.)

Orlando (ihn aufhaltend).
Jetzt könnt Ihr sie nicht sprechen.

Parabosco.                                       Nicht? Weshalb?

Orlando. Sie ruht sich aus.

Parabosco.                       Und ich von diesem Alp
Noch eine zweite Nacht hindurch beklommen?
Das wär' zu viel verlangt. Drum werdet Ihr
Begreifen, wenn . . .

Lelio (wieder in reisemäßiger Ausrüstung, kommt, scheinbar atemlos, von rechts hinten).
                                Herr . . .

Orlando (starr).                               Lelio – du hier?!

Parabosco. Mit einem Wort, ich werde wiederkommen.

(Ab rechts hinten.) 200

Dritter Auftritt.

Orlando. Lelio. (Zuletzt) Ghita, Sandro, Pietro.

Orlando. Du hier!

Lelio.                   Ich . . .

Orlando.                         Bist du's wirklich? Oder blendet
Mich Höllenspuk? Hab' ich nicht gestern erst
Zurück dich wieder nach Florenz gesendet?

Lelio. Gewiß.

Orlando.       Und gab 'nen wicht'gen Brief dir mit
An meine Frau?

Lelio.                     Ja.

Orlando.                     Dacht' ich nicht, du wärst
Schon halbwegs dort? Und nun . . .

Lelio.                                                   Ja, Herr, ich ritt
Spornstreichs von hinnen; aber . . .

Orlando.                                             Was?

Lelio.                                                           Die Reise
Ward unversehns mir auf erwünschte Weise
Verkürzt. 201

Orlando.         Wieso? Wodurch?

Lelio.                                         Rovigo lag
Schon hinter mir; auf wohlbekannten Wegen
Trabt' ich Ferrara zu, das nicht mehr weit . . .
Da, plötzlich – heut am frühen Vormittag –
Wer kommt mit florentinischem Geleit
Um eine Waldesecke mir entgegen?

Orlando. Wer?

Lelio.               Eure Gattin.

Orlando (fast sprachlos).       Meine . . .

Lelio.                                                 Selber schon
Begriffen auf dem Heimweg.

Orlando.                                   Was? Schon jetzt?!

Lelio. Ja.

Orlando.   Meine Frau . . !

Lelio.                               Die Sehnsucht nach dem Jungen
Hat ihr so niederträchtig zugesetzt,
Daß, eh noch die geplante Frist entflohn,
Sie sich von ihrer Mutter losgerungen
Und hurtig aufbrach, gradeswegs nach Haus. 202

Orlando (leise für sich, mit einem Blick nach der Thür rechts vorn).
Verwünscht!

Lelio.                 Gefolgschaft leistend macht' ich kehrt;
Sie schickte mich mit Sack und Pack voraus . . .

Orlando (wie oben).
Grad heute! –

(Pietro ist mit Gepäckstücken von rechts hinten aufgetreten, geht nach links.)

Lelio (ihn bemerkend). Pietro, Ghita soll sich sputen.
        (Pietro ab links hinten. – Zu Orlando.)
Denn ihres Sandro Willkommgruß begehrt
Die Herrin schon am Thore zu empfangen.

Orlando (verstört).
Sie kommt . . !

Lelio.                     Ja, Herr, Ihr müßt nur fünf Minuten
Noch zähmen Euer stürmisches Verlangen!
Dann . . .

Orlando (hastig).
              Und den Brief?

Lelio.                                   Den Brief legt' ich natürlich
In ihre eigne Hand, ganz nach Geheiß.

Orlando. Und sie – sie las ihn? 203

Lelio.                                     Dreimal, sehr ausführlich.

(Ghita mit Sandro von links hinten.)

Ghita. Flink, flink! Die Mutter kommt.

(Ghita, Sandro, Pietro ab rechts hinten.)

Orlando (vor sich hin).                         Sie kommt und weiß . . !

Lelio (lauschend).
Hört Ihr den Hufschlag? (Er eilt nach hinten.)

Orlando.                             Ist sie's? (Für sich, ratlos.)
                                                Was beginnen?
Ich . . .

Lelio (ist zur Loggia geeilt, späht, die Vorhänge lüftend, hinaus).
            Fackelschein . . . Sie hält im Hofe drinnen,
Grüßt Sandro, herzt ihn . . .

Orlando (für sich).                       Ihr entgegeneilen?
Nach alledem, was in dem Brief ich gestern
Ihr schrieb? Unmöglich! – Oder mich einstweilen
Vor ihr verbergen? Bin ich eine Memme?
Nein! – Und Renata?! Blitz, wenn die zwei Schwestern
Sich hier begegnen, das wird hübsch! – Mit beiden
Was fang' ich an? – 204

Lelio.                             Herr, nun . . .

Orlando (für sich).                                 Verdammte Klemme!

Lelio (von der Loggia herabsteigend).
Nun kommt sie.

Orlando (mit Entschluß).
                        Einerlei! Mag sich's entscheiden!

Vierter Auftritt.

Orlando. Lelio. (Von rechts hinten) Giuditta, Sandro. Ghita (und) Pietro (folgen. Letzterer bringt weitere Gepäckstücke und legt sie im Hintergrund ab; Lelio ist ihm dabei behilflich. – Später) Angiolina.

Giuditta (in Kleidung, Erscheinung und Auftreten wieder genau wie vor ihrer scheinbaren Abreise im zweiten Aufzug, trägt Sandro auf dem Arm).
Ja, Liebling, ja, nun trennen wir uns nimmer.
Hab' ich doch hart genug dafür gebüßt!

Orlando (sie bewegungslos anstarrend).
Die Stimme . . . 's ist unglaublich!

Giuditta (geht auf ihn zu; kühl und gemessen).
                                                  Sei gegrüßt,
Orlando.

Orlando (wie oben).
              Blendet mich ein Augenflimmern? 205

Giuditta. Was ist dir? (Zu Lelio, auf die Gepäckstücke deutend.)
                          Fehlt nichts, Lelio?

Lelio.                                                     Will sehn.

(Er zählt mit Pietro nach.)

Orlando. Haltung und Gang, Bewegung und Gesicht . . .
Bist du . . . bist du Renata?

Giuditta (stets kühl).                   Leider nicht.
Nur deine Frau. –
        (Zu Sandro.)
                          Schätzlein, schon werden schwer
Die Augenlider dir. Mußt schlafen gehn.
Den Gutenachtkuß geb' ich dir nachher.
        (Ghita führt Sandro ab links hinten.)
Denn wir, Orlando, hätten jetzt wohl wichtig
Zu sprechen miteinander.

Angiolina. (von rechts vorn).     Herr . . .

Orlando (erschrocken, eilt zu ihr).             Was ist?

Angiolina. Das Fräulein läßt Euch fragen, ob es richtig,
Daß ihre Schwester angekommen.

Giuditta (mit fester Stimme).                 Ja. 206

Orlando. Sagt ihr, ich bäte sie, noch kurze Frist
Sich drinnen zu gedulden . . .

(Er spricht leise mit ihr weiter.)
(Pietro geht mit den Gepäckstücken ab links hinten.)

Lelio (kommt zu Giuditta in den Vordergrund links).
                                            Alles da.

Giuditta (schnell und leise).
Auf deinen Posten! Jeden Augenblick
Kann sie zur Stelle sein. Empfang sie, führe
Sie heimlich durch die Hinterthüre,
Vom Flur in jenes Zimmer dort
        (nach rechts vorn deutend)
                                                und schick
Als Zeichen für den glücklichen Vollzug
Mir Angiolina.

(Lelio macht eine zustimmende Gebärde und geht ab rechts hinten.)

Fünfter Auftritt.

Giuditta. Orlando.

Giuditta (sich zu Orlando wendend).
                        Hörst du nun?

Orlando (bedeutet Angiolina, sich zu entfernen, macht die Thür hinter ihr zu).
                                              Ich höre.
Vorsorge traf ich, daß man uns nicht störe. 207

Giuditta (mit bitterem Lächeln).
Verstehe schon.

Orlando (tritt näher, sie verwirrt anschauend).
                        O, dieser Sinnentrug,
Den ich vergeblich zu bemeistern trachte . . .

Giuditta. Vermeide dieses peinliche Gebiet!

Orlando. Die Aehnlichkeit ist größer, als ich dachte.

Giuditta (ihm seinen Brief vorhaltend).
Hier schreibst du nur, wie groß der Unterschied.

Orlando. Ich . . .

Giuditta.             Laß zuvörderst mich auf deinen Brief
Dir Antwort geben. – Zwar betrübt mich tief,
Daß jener Stern, der mit so hellem Funkeln
Mein armes Lichtlein wußte zu verdunkeln,
Die einz'ge Schwester ist, an der bis heute
Mein Herz in Lieb' und Sehnsucht hing,
Auf deren Gruß ich jahrelang mich freute,
Und die mir nun zugleich mit dir verloren ging.
Doch was du hier vom Grund und Anlaß schriebst,
Hat nicht unvorbereitet mich getroffen;
Denn längst vor meinem Blick lag traurig offen
Die Sicherheit, daß du mich nicht mehr liebst,
Und daß die erste beste Huldgestalt
Dich leicht aus meinen Armen werd' entwinden. 208

Orlando. Ich bin erstaunt, dich so gefaßt zu finden.

Giuditta. Hast du geglaubt, ich wolle mit Gewalt
Den Flüchtling wieder in den Käfig zerren?
O nein, ich bin so grausam nicht gesinnt,
Um deinem jungen Glück den Weg zu sperren.
Zu meinem Troste bleibt mir ja mein Kind.

Orlando. Das Kind?!

Giuditta.                   Mein Sandro.

Orlando.                                         Wie? –

Giuditta.                                                     Der bleibt vereint
Mit seiner Mutter.

Orlando.                     Sandro . . .

Giuditta.                                       Denn mir scheint,
Auf ihn wirst du mich kaum verzichten heißen,
Und wolltest du's, ihn dürfte keine Macht
Des Himmels und der Erde mir entreißen.

Orlando (ernst).
Daran, fürwahr, hab' ich noch nicht gedacht . . .

Giuditta. Indes, du willigst ein? 209

Orlando.                                 So selbstverständlich
Bedünkt es dich . . .?

Giuditta.                         Gewiß.

Orlando.                                     Er ist mein Sohn,
So gut wie deiner.

Giuditta.                   Das ist freilich wahr;
Jedoch vor deiner neuen Liebe Thron,
Die ja – so schriebst du – namenlos, unendlich,
Bringst du wohl gern solch kleines Opfer dar.

Orlando. Klein?!

Giuditta.             Fiel nicht der unbändige Geselle
Dir oft zur Last?

Orlando.                 Ich war ihm dennoch gut.

Giuditta. Und wär' dies Zeugnis deiner ersten Glut
Nicht ihr, die künftig tritt an meine Stelle,
Im Aug' ein Dorn?

Orlando (mühsam).       Gesetzt, ich stimme bei,
Dir ihn zu lassen, dann . . .?

Giuditta                                   Dann bist du frei. 210

Orlando. Ich wußt' es ja, du hast den Jungen immer
Weit mehr geliebt als mich!

Giuditta.                                 Das kann dir nun
Gleichgiltig sein.

Orlando.                 Und du – was willst du thun?

Giuditta. Schon morgen früh, beim ersten Tagesschimmer,
Nehm' ich mein Büblein bei der Hand und scheide
Auf immerdar von diesem Haus und dir.

Orlando. Völlig unangefochten von dem Leide
Der Trennung?

Giuditta (kalt).         Ja.

Orlando.                       Giuditta, warst du hier
Nicht glücklich einst?

Giuditta.                         Sei du's fortan mit ihr!

Orlando. Erwarten durft' ich nach fünfjähr'ger Ehe,
Daß dir zum mindesten es schwerer fällt . . .

Giuditta (ihm den Brief wieder vorhaltend).
So schwer wie dir. 211

Orlando.                     Und morgen früh, sag an,
Wo denkst du hinzugehn?

Giuditta.                               Was liegt dir dran?

Orlando. Antworte mir: wohin?

Giuditta.                                 Ei nun, ich gehe . . .

Orlando. Wohin?

Giuditta.             Von dannen, in die weite Welt.

Orlando. So kränkend schnell, so kalt gäbst du mich preis,
Nur um vereinsamt in die Welt zu wandern?

Giuditta (scheinbar verlegen).
Ja.

Orlando.
      Nein, das machst du mir nicht weis.
Schau mir ins Auge! – Liebst du keinen andern? –
Du schlägst den Blick zu Boden? Du bist stumm?

Giuditta. Wozu die Frage noch, da wir uns trennen?

Orlando. Ah, du gestehst . . ! 212

Giuditta.                               Ich wüßte nicht, warum
Ich jetzt nicht ruhig dir es darf bekennen.

Orlando (atemlos).
Was? Was?

Giuditta.           Gleichzeitig stürzte das Gebot
Des Schicksals dich und mich in gleiche Not:
Auch meine Seele liegt in neuen Banden . . .

Orlando. Du liebst! – Und darf ich fragen: wen?

Giuditta.                                                           O ja.–
Ein Mann, den ich schon lang nicht ungern sah,
Hat endlich seine Liebe mir gestanden . . .

Orlando. Genug! Kein weitres Wort brauch' ich zu wissen;
Denn seinen Namen rat' ich nun allein!

Giuditta (ehrlich erstaunt).
So?

Orlando. Dieser Mann heißt Valla.

Giuditta (sucht ihre Heiterkeit zu verbergen).
                                              Kann wohl sein.

Orlando. Ha, nun begreif' ich alles! Das der Grund,
Weshalb du gar so plötzlich warst beflissen, 213
Die Mutter zu besuchen. Euer Bund
War hier in meinem Haus schon abgekartet,
Florenz das Stelldichein. Von ihm erwartet
Gingst du dorthin, ja, bist ihm nachgereist! –
Nicht wahr, ich rate gut?

Giuditta.                               Bewundernswert.

Orlando (immer zorniger).
Wirklich? Der Mensch war so wahnsinnig dreist,
Die Hand nach meiner Gattin auszustrecken,
Und bebte nicht vor meinem Schwert?!

Giuditta. Nun denn, ich muß dir eine List entdecken:
Er ahnte nicht, als er von hier verschwand,
Daß ich ihm folgen würd'; ich kann's beteuern.
Doch als ich in Florenz ihn wiederfand,
Da hab' ich, halb aus übermüt'gem Scherz,
Halb, um geheim zu leuchten in sein Herz,
Vielleicht auch, um den Mut ihm anzufeuern
Zur Beichte, die mit wackrem Widerstreben
Bis dahin er vermied als unerlaubt,
Mich ihm für meine Schwester ausgegeben.

Orlando. Und das – das hätt' er dir geglaubt?!

Giuditta. Er hat's geglaubt.

Orlando (verächtlich).         Ha! 214

Giuditta.                                 Glaubt's noch heut sogar.

Orlando. Daß du Renata seist?

Giuditta.                                 Er schwört darauf;
Und mit Renata will er zum Altar.

Orlando. Solch einem Schwachkopf giebst du dich zu Kauf?

Giuditta. Die Lieb' ist blind.

Orlando.                             Du . . . (Er unterbricht sich, lauscht.)
                                                Still! –

Giuditta.                                                     Was ist?

Orlando.                                                                   Geräusche
Am Thor . . .

Giuditta.               Ich höre nichts.

Orlando.                                     Es klang mir fast,
Als wäre noch ein später Gast
Hereingeritten.

Giuditta.               Kaum.

Orlando.                         Wenn ich mich täusche,
Dann war's der Zorn, der mir im Ohre sauste, 215
Daß dieser Bube, den ich hier behauste,
Daß der, daß du, daß ihr . . . O, mich erstickt
Die Wut! Den ziehst du vor, du, die zuerst
Mich liebte, mich! Bist so von ihm bestrickt,
Daß du mich fortwirfst wie 'ne Austerschale
Und unserm Herde kühl den Rücken kehrst!

Giuditta. Das muß ich doch, wenn ich ihn zum Gemahle
Mir nehmen will.

Orlando (außer sich).   Statt meiner den! O Hohn!
Aus meinem Haus in seins – und mit dem Jungen,
Mit meinem Jungen! Ah, mir geht allmählich
Ein Licht auf. Hat er ihn nicht damals schon
Als Spielgenoß mit Netzen sacht umschlungen,
Der künft'ge Pflegevater? Schändlich! Schmählich!

Giuditta. Wenn er ihn lieb hat, um so besser.

Orlando.                                                     Tücke,
Betrug, Verrat! O Weiber – falsche Schlangen!
Du brachst die Treue, hast mich hintergangen,
Getäuscht, geprellt!

Giuditta.                     In deinem neuen Glücke
Wirst du's verschmerzen. 216

Orlando.                               Ich . . .
        (Sich an den Kopf greifend.)
                                                  Bin ich besessen?
Mein Kopf im Wirbel . . . alles kreuz und quer!
Die eine hier, da drinnen unterdessen
Die andre . . .

(Angiolina ist von rechts vorn eingetreten.)

Giuditta (ihr lebhaft entgegen).
                      Schickt Euch meine Schwester her?

Angiolina. Ja, sie . . .

Giuditta.                   Sie wünscht, mit mir sich auszusprechen?

Angiolina. Voll Ungeduld.

Giuditta.                         Sagt ihr, ich käm' im Nu. –
        (Angiolina ab.)
Orlando, schilt nicht weiter; das Verbrechen,
Des du mich zeihst, begangen hast's auch du.
Als Freunde wollen wir die Hand uns reichen
Beim Abschied, und das Weib, dem ich muß weichen –
Wart nur, ich selber führe sie dir zu.

(Ab rechts vorn.) 217

Sechster Auftritt.

Orlando. (Gleich darauf) Valla.

Orlando (allein; ihr nachrufend).
Giuditta! – Nein! (In fassungsloser Gedankenflucht.)
                          Renata! – Sandro! – Wenn . . .
Valla, der Schuft! – Ich will . . . Was will ich denn?
        (Stärker.)
Was will ich denn? An meinem Hirne nascht
Ein Heer von Käfern bohrend, kneifend, schabend;
Mich packt der Wahnsinn – (schreiend) Wahnsinn!

Valla (von rechts hinten mit fröhlicher Lebhaftigkeit eintretend).
                                                                          Gutenabend.

Orlando. Valla!! –

Valla.                   Nicht wahr, da seid Ihr überrascht,
Mein Gönner?

Orlando (im Zorn erstarrend).
                      Das ist beispiellos! –

Valla.                                                   Ja, schaut,
Ich selbst ließ mir nicht träumen, schon so schnelle
Zurückzukehren über diese Schwelle,
Und gar noch als Begleiter meiner Braut.

Orlando (knirschend).
Gleich mitgekommen! 218

Valla.                               Reich hat Gottes Güte
Mir Eurer Schwiegermutter Haus gesegnet;
Denn dort ist mir Messinas schönste Blüte,
Die Zwillingsschwester Eurer Frau begegnet.
Vom jähen Strahl der Leidenschaft entzündet,
Fand in Renatas Augen wundersam
Erwiderung, Gewährung ich verkündet,
Und jetzt, nachdem ihr Schwur mein Glück entschied
Jetzt hab' ich als besorgter Bräutigam
Sie selbst hierhergeführt.

Orlando (hat vom Tisch seinen Degen ergriffen und aus der Scheide gezogen).
                                      Schamloser, zieht!

Valla. Wie? Was?

Orlando.             Zieht, sag' ich, oder dieser Degen
Durchbohrt Euch wie 'nen tollen Hund.

Valla. Wollt Ihr nicht erst mir anvertrau'n, weswegen?

Orlando. Ha, leugnet Ihr etwa, daß längst Euch kund,
Wem Ihr bis in mein Haus Geleit zu geben
Die Frechheit hattet?

Valla.                             Eurer Schwägerin,
Die nun den Willkommgruß empfängt hier neben
Von ihrer Schwester. 219

Orlando.                         Ausflucht ohne Sinn!

Valla. Mein Wort . . .

Orlando.                   Handgreiflich jämmerliche Flause!
Denn meine Schwägerin weilt hier im Hause
Neun Tage schon.

Valla.                         Ihr seid gewaltig irre . . .

Orlando. Und jene, die zur Braut Ihr Euch erlast,
Ist meine Gattin.

Valla.                       Großer Gott, Ihr rast!

Orlando. Zieh, Bursche; sonst . . .

Valla.                                           Für diesen Fieberwahn
Ein mörderisches Schwertgeklirre?!

Orlando. Du wagtest, Schurk, begehrend ihr zu nah'n!

Valla. Ich Eurer Frau? So könnt Ihr sie verlästern –
Und mich?

Orlando.         Du hast sie mir gestohlen! 220

Valla.                                                     Greuel!

Orlando. Hast bübisch sie verführt!

Valla.                                             O, welch ein Knäuel
Von Aberwitz! Wer könnte die zwei Schwestern
Verwechseln?

Orlando.               Du!

Valla.                           Gern will ich ja gestehn:
Daß durch Geburt Renata ward begnadet,
Auffällig Eurer Gattin gleich zu sehn,
Hat ihr in meinen Augen nicht geschadet . . .

Orlando. Zum letzten Male, zieh!

Valla.                                         Doch wenn die zwei
Im Elternhaus nicht unterscheidbar waren,
So lehrte mich ein Blick, daß mit den Jahren
Viel von der einst'gen Aehnlichkeit zerrann,
Und jetzt . . .

Orlando.               Du Feigling, deine Faselei
Mach' ich mit einem kurzen Wort zu Schanden:
Giuditta selbst hat alles eingestanden!

Valla. Sie selbst! Zum Teufel, das begreif', wer kann! 221

Orlando. Du ziehst nicht?! Warte . . . (Er dringt auf ihn ein.)

Valla.                                               Halt, blutgier'ger Thor!
        (Er zieht.)
Nicht wehrlos läuft man Tigern in den Rachen.
Ihr sollt Renata nicht zur Witwe machen
Schon vor der Hochzeit!

Orlando (mit ihm den Degen kreuzend).
                                    Los denn!

Valla.                                                 Seht Euch vor.
Auch ich besuchte meine Fechterschulen! (Sie fechten.)

Siebenter Auftritt.

Vorige. Giuditta.

Giuditta (kommt von rechts vorn; entsetzt).
Allmächtiger – was seh' ich?! (Sie stürzt vor.)
                                            Haltet inne!
Orlando! Valla! Hört doch! Seid ihr taub?

Orlando (sie bemerkend, ficht weiter).
Ah, zitterst du für deinen Buhlen?

Valla (zu Giuditta).
Er tobt. 222

Giuditta (sich zwischen beide drängend, zu Orlando).
            Halt ein!

Orlando.                   Du hoffst vergebens, glaub',
Daß er lebendig meiner Hand entrinne.

Giuditta. Hör . . .

Orlando.               Aus dem Weg!

Giuditta (zitternd, zu Valla).             Ich wähnt' Euch meilenfern;
Erst jetzt erfuhr ich . . .

Orlando (zu Valla).               Vorwärts!

Valla.                                                 Herzlich gern.
Doch wenn's Euch Frau Giuditta nun beeidigt,
Daß Euer Grimm auf gänzlich falscher Fährte,
Daß niemals ihr ich meine Lieb' erklärte,
Nein, ihrer Schwester nur?

Giuditta.                                 Ach, Ihr verteidigt
Euch ungeschickt! Denn zehnfach fürchterlich
Wird nun sein eifersücht'ger Grimm entbrennen.
Er selber – fragt ihn, ob es Lüge sei –
Liebt meine Schwester nur und nicht mehr mich,
Will sich um ihretwillen von mir trennen . . . 223

Orlando (schreiend).
Zum Henker, nein, ich liebe alle zwei!

Valla. Gott, bin ich in ein Narrenhaus geraten?
Er kennt sie ja noch gar nicht, hat bis jetzt
Sie nie gesehen . . .

Orlando.                       Bomben und Granaten,
Ich – ich Renata nie gesehn! Herbei,
Herbei mit ihr, damit sie dem Patron
Mit einem Schlag sein Truggeweb zerfetzt.
        (Er geht nach rechts, laut rufend.)
Renata, komm herbei!

Giuditta (die Thür rechts vorn öffnend).
                                  Hier ist sie schon.

Achter Auftritt.

Vorige. Renata (von rechts vorn. Ihre große Aehnlichkeit mit Giuditta muß, soweit irgend möglich, ins Auge fallen, braucht aber – der Schilderung Vallas gemäß – nicht auf die Spitze getrieben zu sein).

Orlando (ihr entgegen).
Renata . . . (Er sieht sie, prallt zurück.)
                  Was?

Renata.                     Mein lieber Schwager . . . 224

Orlando.                                                         Wie?!

Valla. Renata, sag ihm nur . . .

Orlando.                                 Wer ist denn die?
'ne dritte Schwester?

Giuditta.                         Nein, beim ew'gen Licht,
Drillinge hatte meine Mutter nicht!

Renata. Ich bin Giudittas einz'ge Schwester – eben
Hier angelangt . . .

Valla.                         Da hört Ihr's.

Orlando (läßt seine Blicke fassungslos von einer zur andern schweifen).
                                                Aber wo,
Wer, welche, wen . . .?

Giuditta.                             Du meinst?

Orlando (mit aufdämmerndem Verständnis). Ah – du – das – o! – –

(Er sinkt, wie vom Blitz getroffen, auf den Diwan, den Kopf in den Kissen vergrabend.)

Renata. Was ist ihm denn? 225

Valla.                               Was hat sich hier begeben?

Giuditta. Bei Tische werd' ich Eurer sehr gerechten
Neugier genugthun.
        (Sie drängt beide zur Thür links vorn.)
                              Geht voran!

Valla (zögernd).                                 Jedoch . . .

Giuditta (auf seinen bloßen Degen deutend).             Steckt ein
Und überlaßt es ruhig mir allein,
Mit diesem Herrn den Zweikampf auszufechten.

(Valla und Renata ab links vorn.)

Neunter Auftritt.

Orlando. Giuditta.

Giuditta (nähert sich ihm langsam, sich an seinem Anblick weidend. Nach einer kleinen Pause).
Orlando – ganz verstummt? – Dein Zorn entwichen?

Orlando (stöhnt, ohne sich zu rühren).
O! –

Giuditta (streicht ihm mit der Hand über den Kopf).
          Sag, Orlando, wird's dir mählich klar,
Wer deine neue Flamme war? 226

Orlando (wie oben).                       O, o!

Giuditta. Für wen du mir den Laufpaß gabst?
Wen ohne Zaudern du wirst ehelichen,
Sobald uns zwei geschieden hat der Papst?

Orlando (wie oben).
O, o!

Giuditta. Das Weib, das deine durst'ge Seele
Von lebenslanger Sehnsucht ließ genesen,
Das nach des Himmels heimlichem Befehle
Von Anfang dir bestimmt war und erlesen,
Die Sonne, die das Mondlicht überstrahlt,
Die dir ein Glück verheißt von ew'ger Dauer
Und dich zu schwärmen zwingt mit süßem Schauer
Selbst für ein Muttermal, das nur gemalt?

Orlando (den Kopf ein wenig emporhebend).
Das überleb' ich nicht.

Giuditta.                           Ei, was für Reden!

Orlando (mit dem Versuch, sich aufzuraffen).
Neun Tage lang, arglistig, ungerührt,
Hast du mit fein verschlungnen Spinnefäden
Stets an der Nase mich herumgeführt!
Warum denn nur? Warum? 227

Giuditta.                                   Das fragst du noch,
Du, der mit solchem Ueberdruß das Joch
Der Ehe trug, ja, mit so viel Beschwerden
Des Scharfsinns hat gesucht, mich los zu werden,
Den Reisewunsch, den ich nur vorgeschützt,
Gierig ergreifend, um inzwischen,
Von deinem edlen Mentor unterstützt,
Nach Herzenslust im Trüben hier zu fischen?

Orlando (versucht zu widersprechen).
Nein, ich . . .

Giuditta.             Und Lisa?!

Orlando (vernichtet).             Du – du wußtest . . .?

Giuditta.                                                             Alles.

Orlando (bewegt).
Giuditta!

Giuditta.       Nun?

Orlando (vor ihr hinsinkend).
                        Hier liegt dein Opfer. Lache
Zur Krönung deiner unbarmherz'gen Rache
Mich tüchtig aus! Ich hab's verdient, und lahm
Vom Rückschlag seines abgrundtiefen Falles
Krümmt sich mein Stolz vor dir in bittrer Scham.
Gieb ihm mit raschem Gnadenstoß den Rest:
Verzeih, verzeih mir! 228

Giuditta.                         Merkst du nun, wie thöricht
Ein Männerherz? Wir Frau'n gleich Epheuranken,
Wir klammern am erwählten Halt uns fest
Mit zäher Treu'; doch ihr, wie schwaches Röhricht,
Neigt jeder Windsbraut euch mit stetem Schwanken.
Wahllos nach immer neuem Naschwerk späht ihr;
Kein Schmaus zu derb für eure Flattersucht –
Und eine nur von allen Frau'n verschmäht ihr,
Die eigene – bis in geborgter Schale
Sie sich verwandelt zur verbotnen Frucht.

Orlando (sich erhebend).
O nein, die Schale nicht, es war der Kern.
Erobert hast du mich zum zweiten Male,
Weil in dir selber wohnt ein Doppelstern.
Hab' ich doch nur dein halbes Licht gekannt,
Bis mir der Trug, der mich umfangen hielt,
Die Zwillingshälfte leuchtend zugewandt!
Von heut an mußt du mir auf Lebensfrist
Zwei Liebchen gönnen: Jene, die du bist,
Samt jener anderen, die du gespielt.

Giuditta. Du irrst; auch spielend war ich nur die eine,
Die vormals du geliebt hast und gefreit;
Jedoch 's ist wahr, daß allzulange Zeit
Sie dir geleuchtet nur mit halbem Scheine;
Das andre Halb war ihrem Kind geweiht.
Von sicherm Reichtum sorglos eingelullt, 229
Ward sie dir fremd, nicht nur durch deine Schuld.
Und so besitz' ich nun, dich zu verdammen,
Nur halbes Recht; denn erst als todesbang
Ich meine Herrlichkeiten, Stück um Stück,
Hingleiten sah zu jähem Untergang,
Da rafft' ich das geteilte Licht zusammen
Und stritt als Ganze für mein schwindend Glück.

Orlando (sie zärtlich an sich ziehend).
Geliebte, hast ja gestern schon erprobt,
Daß ich auf Gnad' und Ungnad' unterlegen!

Giuditta. Drum halt' ich heute, was ich dir gelobt:
Dein Weib zu sein, auch ohne Priestersegen.

Orlando. Und konntest mich noch über einen Tag
So martern!

Giuditta.           Ach, ich selbst erkauft' es teuer.

Orlando. O, welche Nacht war das! Gefoltert lag
Ich in der Hölle.

Giuditta.                 Nur im Fegefeuer.
Denn hätt' ich gestern nicht in raschem Fliehn
Den Riegel vor die Thür gezogen, 230
Dann hättest du mich mit mir selbst betrogen,
Und das – das hätt' ich niemals dir verziehn.

Orlando (hingerissen).
O, du! –

Zehnter Auftritt.

Vorige. Parabosco.

Parabosco (von rechts hinten hastig eintretend, geht geradeswegs auf Giuditta zu).
              Fräulein, verzeiht so späte Störung!
Entschuldigt sie mit meiner Sinnbethörung:
Ich bet' Euch an, seit ich zuerst Euch sah.
Wollt Ihr die Meine werden? Sprecht ein Ja!

Giuditta. Daß mich ein solcher Mann zur Gattin wählt,
Beglückt mich tief.

Parabosco (zu Orlando, triumphierend).
                              Da habt Ihr's!

Giuditta.                                           Schade nur,
Daß nicht fünf Jahre früher ich's erfuhr!

Parabosco. Wie?

Giuditta (sich an Orlando anschmiegend).
                    Leider, leider bin ich schon vermählt.
        (Parabosco sperrt Augen und Mund auf.)
Vorläufig bleiben wir noch ungetrennt; 231
Doch leg' ich jemals diese Stellung nieder,
Sollt Ihr der erste sein, der . . .

Parabosco (begreifend).                   Sakrament!

Orlando (Giuditta umschlingend).
Nachbar, mit einem Wort, kommt nicht bald wieder!

(Während Parabosco dem Ausgang zueilt, fällt der Vorhang.

 


 


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