Ludwig Fulda
Der heimliche König
Ludwig Fulda

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Dritter Aufzug

Dieselbe Dekoration

Die ganze Halle ist mit Bannern und Blumengewinden festlich ausgeschmückt. Der Vorhang der Galerie ist geschlossen

Erster Auftritt

Godo (und) Elinod (einen Korb neben sich, sind beschäftigt, an den Schmuck der Kapellentür die letzte Hand zu legen, indem sie eine Rosenguirlande befestigen). Kaplan (sieht zu. Dann) Herzog, Jovelin. (Später) Leibarzt. (Während dieses Auftrittes hört man von Zeit zu Zeit aus der Tiefe herauf das dumpfe Geräusch grabender Schaufeln)

Kaplan So recht. (Zu Elinod) Und jetzt noch Rosen ausgestreut
Mit voller Hand! Hier Rosen auf die Schwelle
Und Rosen auf die Stufen zur Kapelle.
Noch mehr! Wir dürfen, da wir uns gebaren,
Als ob ein König Hochzeit fei're heut,
Am allerwenigsten mit Rosen sparen.

Elinod (die seiner Weisung gefolgt ist, zeigt ihm den Korb)
Der letzte Korb ist leer. Es blieb im Garten,
Hochwürdigster, kein Beet, kein Strauch verschont;
Nun müssen wir auf neue Schossen warten
Zum Schmuck des Brautgemachs im Honigmond.

Kaplan (ihr väterlich die Wange streichelnd)
Schon gut, mein frommes Kind; es ist genug. 99

Herzog (kommt durch den Vorhang der Galerie)
Geordnet steht im innern Hof der Zug!
Kaplan, seid Ihr bereit?

Kaplan                             Durchaus bereit,
Euch mit dem Herrscherhause zu verschwägern.

Herzog So winke, Godo, nun den Sänftenträgern.
        (Godo ab durch die Galerie)
Und meine Tochter?

Elinod                           Schon im Hochzeitskleid.

Herzog Bescheidet sie hierher! (Ihr nachrufend) Sie soll sich sputen.

(Elinod mit dem Korb ab rechts Mitte)

Jovelin (ist in freudiger Erregung durch den Vorhang der Galerie eingetreten, wirft einen Mantel ab)
O, welch ein Tag, ihr Freunde! Welch ein Tag!
Die Stadt ein aufgescheuchter Taubenschlag,
Die Straßen überschwemmt von Menschenfluten.
Vermummt schwamm ich hindurch, um zu erlauschen,
Wie schon des Fests Erwartung sie verzückt;
Kein Antlitz, dem nicht Frohsinn aufgeprägt,
Kein Haus, von dem nicht heit're Wimpel rauschen;
Sogar der Armut Hütten reich geschmückt!
Soweit mich mein Gedächtnis rückwärts trägt,
Hat nimmer solche Lust geherrscht im Reiche,
Und . . . (Er horcht auf) Welch ein Dröhnen, wie aus tiefer Kluft?

Kaplan Geraint und Limors graben für die Leiche
Das Grab da drunten in der Ahnengruft. 100

Jovelin (beruhigt)
Ach so. – Kurz, schwerlich wird uns alsobald
Ein solcher Tag zum zweitenmal beschieden.

Herzog Deshalb, noch eh' das Eisen wieder kalt,
Mit wucht'gem Hammer müssen wir es schmieden.
Laßt nur den Festlärm sich zum Taumel steigern,
Zum Rausch, der jeden Widerstand erstickt:
Heut kann das Volk dem König nichts verweigern,
Auch wenn er ihm die schwerste Prüfung schickt.
Drum . . .

Leibarzt (kommt verstört von links vorn)
              Seneschall, vernagelt ist der Sarg.

Herzog Was habt Ihr denn? Ihr wankt.

Leibarzt (sich niedersetzend)                 Ach, mich verwirrte
Ein Hirngespinst. Als ich den Toten barg
Im engen Schrein, erschien mir's just, als klirrte,
Jawohl, als klirrte was in meiner Nähe,
Und wie mit leichtem Schreck ich aufwärts spähe,
Da war es mir – lacht mich nur aus! – mir war,
Als ob, von inn'rem Leben plötzlich rege,
Die goldne Rüstung drohend sich bewege.

Jovelin (scherzend)
Der Geist des großen Artus offenbar.

Herzog Seltsam!

Kaplan             Ihr träumtet. 101

Herzog                               Niemand ist gefeit
Vorm atemraubenden Umfassen
Der stets gespenstigen Vergangenheit;
Doch uns wird sie fortan in Frieden lassen,
Da wir noch heut mit kräft'gem Ruck und Stoß
Abschütteln werden ihre starre Klammer,
Den Sarg verwahrend in der Erde Schoß,
Die goldne Rüstung in der Rumpelkammer.
Und nun . . .

Zweiter Auftritt

Vorige. Sigune (im Brautschmuck, von rechts Mitte). Elinod (folgt, ihr die Schleppe tragend).

Sigune                 Hier bin ich, Vater.

Jovelin                                             Zauberbildnis,
Das uns mit überird'scher Glorie blendet!

Leibarzt Die Fee Morgan erschien aus ihrer Wildnis.

Kaplan Ein lichter Seraph ward herabgesendet.

Herzog (zu Sigune)
Wohlan! Das Hochzeitspaar dem Volke zeigend
Soll nun der Brautzug abgemess'nen Schritts
Die Stadt umwandeln. In die Sänfte steigend,
Rechts von der Puppe nimmst du deinen Sitz.
Der Sänfte folgt vom höfischen Geleit
Nur der Kaplan, damit nicht vor der Trauung 102
Des Herrscheramts gewohnte Weltlichkeit
Ablenke von der göttlichen Erbauung.
Leicht hast du's, alle Herzen zu gewinnen;
Da sich dein starrer Bräutigam nicht rührt,
So giltst du schon, wenn du nur huldvoll blickst,
Ein wenig lächelst und ein wenig nickst,
Als liebenswürdigste der Königinnen.

Sigune Genau nach deiner Vorschrift sei's vollführt.
Erst aber möge diesem edlen Kreis
Kund werden mein Entschluß, den du gebilligt:
Ja, wißt, als ich in dieses Spiel gewilligt,
Gab ich mein schönstes Recht nicht preis,
Mein Frauenrecht, zu lieben und zu leben.
Denn weil ein Ehemann, der leider starb
Am Tag, bevor er um mich warb,
Auf Treue keinen Anspruch kann erheben,
Und weil's mir nicht genügt, vermählt zu scheinen,
Drum soll die Kirche heut zur gleichen Frist
Mich nebenher mit einem Mann vereinen,
Der zweifelsohne noch lebendig ist.

Jovelin Vortrefflich!

Leibarzt                   Wundervoll!

Jovelin (auf Sigune zutretend)           Prinzeß, ich muß
Zu diesem vielversprechenden Entschluß
Euch meinen unbegrenzten Beifall schenken.

Leibarzt (ebenso von der andern Seite)
Der Glückliche, dem solch ein lockend Amt
Ihr anvertraut, wird sich nicht lang bedenken. 103

Jovelin Es müßt' ein Mann sein, dessen Herz erkenntlich
Und leidenschaftlich Euch entgegenflammt.

Sigune Fraglos.

Leibarzt           Ein Mann, der Euch so ganz unendlich
Ergeben war' und bliebe wie kein zweiter.

Sigune Gewiß.

Jovelin           Der überdies als Eingeweihter
Verschwiegenheit verhieße.

Sigune                                     Selbstverständlich.

Leibarzt Dann darf ein so beschaffener Mann wohl hoffen . . .

Jovelin Dann wird Euch sicherlich die Wahl nicht schwer.

Sigune Nein; denn ich habe sie bereits getroffen.

Jovelin So nennt ihn uns!

Leibarzt                         Ja, sagt, wer ist es?

(Elinod hat auf einen Wink Sigunens die Tür rechts Mitte geöffnet, Peredur erscheint auf der Schwelle)

Sigune (auf Peredur zeigend)                           Der!

(Elinod ab rechts Mitte) 104

Dritter Auftritt

Vorige (ohne Elinod). Peredur.

Jovelin (zurücktaumelnd)
Wie?!

Leibarzt (ebenso)
          Was?!

Sigune                 Den Helfer, der in Todesgrauen
Den rechten Weg zur Rettung euch empfahl,
Erwähl' ich mir zum heimlichen Gemahl.
Mit ihm soll mich der Priester heute trauen.

(Sie schreitet auf Peredur zu und reicht ihm die Hand, während die Höflinge links abseits um den Herzog eine Gruppe bilden)

Kaplan (zum Herzog)
Das billigt Ihr?!

Herzog                   Wer auf ein großes Ziel
Hinsteuert, wäge Kleines nicht zu kleinlich;
Und da der Mensch ihr nun einmal gefiel . . .

Jovelin Sie tat, bei Licht beseh'n, sehr klug daran:
Für einen halbwegs wohlgebor'nen Mann
Wär' eine solche Stellung doch zu peinlich.

Leibarzt Ja, der Gespons zu sein zur linken Hand,
Erheischt ein starkes Maß von Selbstbegnügung.

Kaplan So freu'n wir uns, daß dieser da sich fand
Als schlichtes Werkzeug einer höhern Fügung.
        (Er geht auf Sigune zu) 105
Prinzeß, wir müssen uns der Allmacht neigen,
Die so beredt aus Eurem Willen spricht.

Herzog (zu Sigune)
Doch nun vor allem denk' an deine Pflicht!

Sigune O ja, nun werd' ich in die Sänfte steigen.

(Jovelin hat den Vorhang der Galerie aufgezogen. Dort steht die Sänfte, deren vordere geöffnete Tür von Godo gehalten wird. Sigune zu Peredur)

Auf Wiedersehn, mein Liebster.

(Sie geht schnell nach hinten, spricht in die Sänfte hinein, zu der für die Zuschauer nicht sichtbaren Puppe)

                                                Hoher Gatte,
Hier bin ich, Eure Braut und Eure Magd.
Der Platz, den Eure Huld mir gab zu eigen,
Scheint mir so hehr, daß ich ihn nur verzagt
Und zitternd einzunehmen mir gestatte.

(Sie steigt in die Sänfte. Godo ist ihr behilflich, schließt die Tür hinter ihr, winkt dann in die Kulisse. Gleichzeitig beginnt drunten eine heitere Musik. Vier Träger eilen herbei, fassen die Sänfte und tragen sie ab durch die Galerie. Der Kaplan schreitet würdevoll hinter ihr her. Die zurückbleibenden Höflinge machen tiefe Verbeugungen. Sigune wirft aus dem Sänftenfenster Peredur verstohlene Kußhände zu. Kurze Zeit darauf hört man von unten lautes Freudengeschrei, das sich, ebenso wie die Musik, allmählich entfernt)

Vierter Auftritt

Herzog. Jovelin. Leibarzt. Peredur.

Herzog (mit Jovelin und Leibarzt nach links vorn gehend)
Die Saat ist reif!

Jovelin                     Nun wohl, Herr Königsschwäher,
Laßt uns beraten, ob . . .

Peredur (ist ans Fenster vorn rechts getreten, schaut hinaus)
                                      Ein hübsches Fest. 106

Jovelin (auf Peredur deutend)
Der tut schon wie der Fink in seinem Nest.

Leibarzt Was fängt man mit ihm an?

Herzog (zu Peredur)                         He, du, tritt näher!

Peredur (sich umwendend)
Wer? Ich?

Herzog             Ja, du.

Peredur (treuherzig)       Hier bin ich, Euer Gnaden.

Herzog Hm, reden wir nun einmal frei und frank.

Peredur Top, reden wir! Das kann gewiß nichts schaden.

Herzog Du bist nun gleichsam hier – wie soll ich sagen –
Du bist am Hof gelitten.

Peredur (mit Kratzfuß.)           Schönen Dank.

Herzog Da muß das Ding doch einen Namen tragen.

Peredur Was für ein Ding?

Herzog                             Nun, daß du hier zugegen. 107

Peredur Kann nicht in einer und derselben Hürde
Man vielerlei geduld'ge Schafe hegen?

Herzog Du wirst belehnt mit irgend einer Würde . . .

Peredur Herr, macht Euch keine Mühe meinetwegen.

Herzog Man sprengt zum Beispiel aus, daß deine Kunst
Den halb schon aufgegeben König heilte . . . .

Leibarzt (protestierend)
Unmöglich!

Herzog (nach einem mißbilligenden Blick fortfahrend)
                  Und aus ganz besond'rer Gunst
Er dir dafür den Ritterschlag erteilte.

Jovelin Den Ritterschlag?!

Herzog (auffahrend)           Wer hat hier zu bestimmen?
Ihr oder ich?

Leibarzt             Wenn Ihr mein Amt besetzt . . .

Jovelin Wenn's gar so billig wird, emporzuklimmen . . .

Herzog Der König, merkt's euch, ist mein Eidam jetzt!

Peredur (begütigend)
Ihr Herrn, ich bitt' euch . . . 108

Herzog                                     Wahrlich, wir ernannten
Schon manchen bei geringerem Verdienst!
        (Zu Peredur)
Der König, dem du dessen würdig schienst,
Befördert dich zu seinem Leibtrabanten,
Zu seinem Truchseß, Mundschenk oder . . .

Peredur                                                           Nein,
Laßt ab davon! Ich müßte mich verlachen
Und Ihr vielleicht Euch selber obendrein,
Wenn Ihr den Bock zum Gärtner wolltet machen.
Ein hergelaufner Mensch, ein Vagabunde,
Vom Wind gezeugt, geboren hinterm Zaun,
Der könnte so viel Ehre nicht verdau'n
Und bleibt am besten hübsch im Hintergrunde.
Laßt mich im Dunkel nur, dem ich entstammte,
Und seid gewiß, mein Ehrgeiz plagt Euch nie.
Vollauf zufrieden bin ich mit dem Amte,
Das Eurer Tochter Liebe mir verlieh.

Leibarzt Sehr wohl gesprochen.

Jovelin                                     Ja, durchaus vernünftig.

Herzog Doch wenn man stetig hier am Hof dich sieht?

Peredur Herr, niemand soll mich seh'n, nicht heut noch künftig.
Just wie der König, der von hinnen schied –
Obgleich ich sonst ihm gar nicht ähnlich bin –
Will ich versteckt mich halten vor den Leuten 109
Und auch für Euch nichts anderes bedeuten
Als den geheimen Mann der Königin.

Herzog Nun ja, das läßt sich hören; aber . . .

(Geräusch von draußen)

Jovelin (aufhorchend)                                   Still!

Herzog Was?

Jovelin         Lauscht nur!

Herzog                             Schwatzend wartet im Gedränge
Man auf des Zuges Rückkehr.

Jovelin                                         Nein, so schrill,
So wenig festlich klang es . . .

Leibarzt                                       Lärm der Menge,
Der klingt bald so, bald so.

Fünfter Auftritt

Vorige. Godo (durch die Galerie).

Godo                                       Herr Seneschall . . .

Herzog Was gibt es?

Godo                       Bis zu meines Tores Pfosten
Drang einer bösen Märe Widerhall.

Herzog Nun? 110

Godo           Boten aus den Dörfern gegen Osten,
Herbeigestürmt in atemloser Eile,
Verwandeln rings die laute Lust in Zittern.

Herzog Was melden sie?

Godo                             Daß kaum noch eine Meile
Von hier entfernt auf staubumhülltem Pfad
Mit einem stattlichen Gefolg von Rittern
Der Angelsachsenherold prunkend naht.

Jovelin Schon jetzt?!

Leibarzt                   Er ist nicht säumig.

Herzog (Godo entlassen)                           Mag er kommen!

Godo Ach, Herr . . .

Herzog                     Was noch?

Godo                                         Noch habt Ihr nicht vernommen,
Welch' Angstgerücht von Mund zu Munde schwirrt.

Herzog So sprich!

Godo                   Der Herold habe sich gebrüstet,
Daß er die Menschensteuer fordern wird.

Peredur (näher tretend)
Die Menschensteuer?! 111

Herzog (zu Godo)               Geh! Wir sind gerüstet.

(Godo ab durch die Galerie)

Sechster Auftritt

Herzog. Jovelin. Leibarzt. Peredur.

Jovelin Den Teufel auch! Man hat es zwar gewärtigt;
Und doch . . .

Herzog                 Seid unbesorgt. (Ein Pergament hervorziehend)
                                            Auf diesem Blatt
Hab' ich des Königs Aufruf schon gefertigt,
Und augenblicks erfahre drauf die Stadt,
Daß er noch einmal ohne Widerstreit,
Weil nie des Friedens köstlich Gut zu teuer
Erkauft kann werden, die verfall'ne Steuer
Dem Nachbarreich entrichten wird.

Peredur (mühsam seine Erregung bezähmend) Verzeiht . . .
Verzeiht, ihr Herrn! Ich habe wohl nicht recht
Verstanden?

Jovelin               Was will der?

Peredur                                 Auf diesem Blatte,
Da steht, so hoff' ich, daß der nimmersatte
Landräuber sich zum letzten Mal erfrecht,
Von unsern Vätern, Müttern als Tribut
Zu fordern ihr leibhaftig Fleisch und Blut,
Und ihm die Lust vergällt soll werden heute, 112
Den König anzuschau'n wie seinen Knecht
Und Kinder dieses Volks wie seine Beute!

Herzog Wer fragte dich, vorlauter Schwäger? Störe
Die Staatsgeschäfte nicht! Verlaß uns jetzt!
        (Zu den Höflingen)
Noch eh' der Herold . . . (Zu Peredur, der sich nicht rührt)
                                      Hörst du nicht?

Peredur                                                       Ich höre.

Herzog Dann tu', was dir befohlen.

Peredur                                         Wenn jedoch
Was andres draufsteht . . .

Jovelin                                   Wie? Du zögerst noch?

Peredur Dann bleib' ich, bis ihr dieses Blatt zerfetzt
In tausend Schnitzel!

Jovelin                           Wahrlich, das ist heiter!

Leibarzt Sein Glück stieg ihm zu Kopf.

Jovelin (höhnisch)                                 Hast du vorhin
Nicht selbst uns kundgetan, daß du nichts weiter
Hier sein willst, als der Mann der Königin? 113

Leibarzt (ebenso)
Der Mann im allereigentlichsten Sinn?

Peredur Ganz recht, ihr Herrn. Doch wenn vor Freund und Feind
Der König, dessen Weib sie scheint,
An Wunden kaum vernarbt und nie geheilt,
Soll rühren wie mit einem Feuerbrande;
Wenn hier gewürfelt wird um Ehr' und Schande
Des Thrones, den die Königin nun teilt;
Wenn hier sich's fragt, ob sie fortan für jeden,
Der heut' sie froh begrüßt und ehrfurchtsvoll,
Mitschuldig eines Frevels werden soll,
Dann hat ihr Mann ein Wörtchen mitzureden.

Leibarzt Das fehlte noch!

Jovelin (schadenfroh)         Nun, Herzog?

Herzog                                                 Ich bin starr!
        (Zu Peredur)
Wie kannst du wagen, ausgemachter Narr,
Den reiflichen Beschluß der Kronberater
Zu hemmen mit verwirrtem Redeschwall?
Weißt du nicht, wer ich bin?

Peredur                                     Mein Schwiegervater.

Herzog Ich, Herzog Urgan, ich, der Seneschall,
Ich, der ich wachend über Wohl und Wehe
Des Reiches hier anstatt des Königs stehe,
Verbiete dir kraft meiner Amtsgewalt,
Uns deine Gassenweisheit auszukramen. 114
        (Mit gebieterischer Gebärde)
Geh! (Zu Jovelin, ihm das Pergamentblatt reichend)
        Jovelin, tragt Sorge, dies alsbald
Bekannt zu geben in des Königs Namen.

Peredur (in den Weg tretend)
Und in des Königs Namen sag' ich: Halt!

Herzog Was – du?!

Peredur                 Jawohl, ihr Herrn, die Zeit ist um,
Da sich der König regungslos und stumm
Drein fügte, wenn ihr hinter ihn verkrochen,
Vorschützend seines Willens Machtgebote,
Nur euren eignen Willen ausgesprochen.
Jawohl, er lehnt sich auf; er widerstrebt!
Aus diesem Blatt, euch folgsam, spricht der Tote;
Ich aber sprech' im Namen deß, der lebt;
Im Namen deß, der herzhaft auferstand,
Um heute, da sein Hochzeitstag erschienen,
Den Ruhmeskranz, den man voraus ihm wand,
Durch seine Taten endlich zu verdienen;
Im Namen deß, den schreiend um Erbarmen
Die Not aus tiefem Winterschlaf geweckt;
Im Namen deß, zu dem mit tausend Armen
Sich seines Volkes letzte Hoffnung streckt;
Im Namen deß, der frei vom Erdenstaube
Nur noch als Leitstern auf uns niederstrahlt,
Nur als das lichte Bildnis, das der Glaube
Mit frommen Farben sich von ihm gemalt.
Ja, dieser hebt nun seinen Herrscherstab
Auch über euch, des Throns bewährte Stützen,
Und ich, der ihm das Leben gab,
Will ihn, will meinen König vor euch schützen. 115

Herzog (mehr und mehr verblüfft)
Mensch, wer – wer bist du?!

Jovelin                                       Fragt Ihr noch? Ein Schüler
Der allerschlimmsten Meuterer und Wühler,
Gedungen als ihr Werkzeug . . .

Peredur                                           Weit gefehlt!
Der Zufall hat zum Werkzeug mich erwählt:
Blind, wie er selbst, nicht ahnend wo und wie,
Hab' ich als einer aus dem großen Haufen
Von ungefähr mich hier ins Schloß verlaufen,
Geradewegs von meinem Weidevieh.
Noch vor drei Tagen hütet' ich die Herde,
Und wie sich jeder Nerv in mir gespannt,
Damit kein Wolf, kein Geier sie gefährde,
So hüte, dacht' ich, unser Fürst sein Land.
Doch nun zerriß vor meinem Blick der Schleier;
Nun red' ich, wie mein sehend Aug' es heischt,
Weil ich nicht dulden will, daß Wolf und Geier
Mein hirtenloses Vaterland zerfleischt.

Jovelin Droht uns der Wicht?

Herzog (mit gespielter Sicherheit) Weshalb noch hört Ihr ihn
Und zögert, meinen Auftrag zu vollzieh'n?
Die Macht ist unser, und er soll's erfahren!
Drum unbeirrt . . .

Peredur (dringlicher)       Habt acht, ihr Herrn, habt acht!
Sie steht auf schwanken Füßen, eure Macht.
Ihr morscher Zügel war' euch schon entschlüpft, 116
Hätt' ich ihn nicht noch einmal festgeknüpft.
Zwar schwor ich, das Geheimnis zu bewahren;
Jedoch ich tat noch einen andern Schwur.
An jenem Tage, da vor fünfzehn Jahren
Dem allzu treuen Volk die gleiche Schmach,
Die heut ihr wollt erneuern, widerfuhr;
An jenem Tage, da der Schergenschwarm
Auch in die Hütte meiner Eltern brach,
Ihr Liebstes ihnen reißend aus dem Arm,
Um über die verbrannten, kahlen Steppen
Des Höllenzinses Opfer fortzuschleppen,
Und mir vor Augen von der Hügelkante
Mein kaum noch mündiges Geschwisterpaar
Den letzten fleh'nden Blick zur Heimat wandte,
Da ließ mein Vater mich, so klein ich war,
Mit hochgehobner Schwurhand ihm versprechen,
Am Feinde, der dies Land zum Sklavenmarkt
Herabgewürdigt, einst, wenn ich erstarkt,
Des Bruders und der Schwester Los zu rächen.
Ihr seht, ihr Herrn, auch dieser Schwur ist heilig;
Drum seid gewarnt, bevor ihr übereilig
Mich einen von den beiden zwingt zu brechen.

Jovelin (schreit)
Verrat! Verrat! Hört ihr's, er plant Verrat!
Der Weg, den tückisch er als Rettungspfad
Uns anpries, führt in eine Mördergrube!

Peredur Wenn ihr Verrat am König übt, ja, dann
Üb' ich Verrat an euch!

Herzog (schäumend, zieht sein Schwert)
                                  Versuch' es, Bube!
Versuch's! Du bist in unserer Gewalt. 117

Peredur Das wird sich zeigen!

Herzog                                 Zweifelst du daran?
Nur einen Schritt, so liegst du stumm und kalt,
Von diesem Stahl durchbohrt, hier auf den Dielen!

Peredur Und Eure Tochter? Steckt nur wieder ein!
Ihr wißt ja doch, um welchen Preis allein
Sie sich entschloß, die Königin zu spielen.

Jovelin Um diesen schwerlich!

(In der Galerie erscheinen die vier Träger wieder mit der Sänfte, gefolgt von Kaplan, Limors, Geraint, stellen sie hin und gehen gleich wieder ab)

Peredur (nach hinten sehend)       Fragt sie selbst! Hier kehrt
Sie just zurück von ihrem Hochzeitszuge.
Fragt, ob sie sich dem ausgeputzten Truge
Noch schweigend fügt, wenn mich man schweigen lehrt.

Jovelin Ja, fragt sie, Herzog, ob die Niedertracht
Sich hinter ihren Röcken soll verschanzen!

Siebenter Auftritt

Vorige. Sigune r(entsteigt mit Hilfe des) Kaplans (der Sänfte, diese wird von Limors und Geraint auf einen Wink des Kaplans durch die Tür Hintergrund links fortgetragen).

Herzog (dringlich)
Sigune . . .

Sigune (nach vorn kommend)
                Stiller kommt, als wir gedacht,
Mein Brautzug heim. Mit Jauchzen, Fiedeln, Tanzen 118
Umscholl der Festlärm anfangs meine Bahn,
Zum Jubelsturme wachsend, als ich sachte
Nachhelfend meine Puppe nicken machte;
Doch dann . . .

Kaplan (erläuternd)   Die Kunde von des Herolds Nah'n . . .

Sigune (auf Peredur zugehend)
Zur Trauung also! – Liebster, komm!

Herzog (tritt ihr in den Weg)                       Geduld!
Willst du dich einem Rasenden vermählen?

Sigune Wie?

Herzog       Dieser Mensch, kaum daß ihn deine Huld
Emporgezogen, wagt uns zu befehlen,
Dem Hof ins Antlitz schleudernd Schimpf und Hohn!

Jovelin Verraten will er uns!

Leibarzt                             Durch frevles Drohn
Will er die Herrschaft aus der Faust uns winden!

Sigune Mein Freund, ist's wahr?

Peredur                                     Für mich begehr' ich nichts;
Ich sprach für dich. Im Schatten deines Lichts
Unsichtbar, unerkennbar zu verschwinden,
Ist aller Ruhm, nach dem ich lüstern bin.
Ich sprach für deinen König, Königin, 119
Und jetzo sprich du selbst, ob du gewillt,
Zu schau'n, daß man im Adlerflug ihn hemme;
Ja, sprich, ob er, der als dein Gatte gilt,
Ein Held soll heißen oder eine Memme.

Jovelin (zu Sigune)
Hört Ihr's?

Sigune (sich an die Höflinge wendend)
                Was will er?

Jovelin (reicht ihr das Pergament)
                                  Diesen Aufruf hindern.

Leibarzt Uns zwingen, daß wir unsern Überwindern
Den durch Vertrag uns auferlegten Zoll
Mit jähem Friedensbruch versagen.

Herzog In einen mörderischen Krieg uns jagen.

Kaplan Verhüt' es Gott!

Sigune                         Das freilich wäre toll.

Peredur Sigune . . .

Herzog                   Wenn ich nicht bereuen soll,
Daß diesen Störenfried von deinen Gnaden,
Dem weder Zucht noch Ehrfurcht innewohnt,
Um deinetwillen ich bisher geschont,
Dann, meine Tochter, steure nun dem Schaden,
Bevor . . . 120

Sigune             Ihr Edlen, nehmt ihr's gar so schwer?
Hat Jugendglut euch niemals fortgerissen?
Den überlaßt nur mir! Wie solch ein Bär
Gezähmt wird, glaub' ich etwa noch zu wissen.

Herzog Du haftest uns für ihn.

Sigune                                   Lenkt eure Schritte
Getrost zum Schloßaltan, und in die Wogen
Der Menge ruft nach alter, heil'ger Sitte,
Artus des Zehnten Trauung sei vollzogen.

Herzog (greift nach dem Pergament in ihrer Hand)
Doch diese Schrift . . .

Sigune                               Behalt' ich hier.

Herzog                                                     Weswegen?

Sigune Das Siegel meines Gatten ist darin.
Wem eher ziemt es, als der Königin,
Dem Volk des Königs Ratschluß darzulegen?

Herzog Du wirst . . ?

Sigune                     Ja.

Herzog                         Wann denn?

Sigune                                             Beim Empfang der Sprecher. 121

Herzog Ich halte dich beim Wort.

(Er geht mit Jovelin, Leibarzt und Kaplan ab durch die Galerie)

Achter Auftritt

Peredur. Sigune.

Sigune (sich ihm nähernd, mit zärtlichem Vorwurf)
                                              Ei, sag', was fiel
Dir bei, du höchst gefährlicher Verbrecher?
Ich find' an unsres Hoffens kühnstem Ziel
Dich mit dem ganzen Hofstaat im Gefechte . . .

Peredur Sigune, ja, du flochtest nicht zum Spiel
Den Kronreif dir ins Haar! Ein kostbar Pfand
Für deine jungen Herrscherrechte,
Frei schaltend hältst du's hier in eig'ner Hand.
Nun wirst du deinem Kämpfer dich verbünden
Und als dein erstes Wort herab vom Thron
Dem Volk des Königs echten Ratschluß künden,
Nicht den gefälschten hier!

Sigune                                   Du machst mich staunen.
Hab' ich doch einen bessern Liebeslohn
Von dir erwartet.

Peredur                     Wie?

Sigune                               Sind dies die Launen,
Dies die verliebten Sorgen, die der Braut
Am Hochzeitstag ein Freier anvertraut? 122

Peredur Die Stunde drängt! Wenn du mich liebst . . .

Sigune                                                                     Fürwahr,
Du Böser, das verriet ich allzu deutlich
Von neuem dir, als ich der Sänfte bräutlich
Entstieg, mit dir zu schreiten zum Altar.
Auch deine Wange, glaubt' ich, werde glüh'n
Von eitel Glück, dein Aug' in hellem Schimmer
Mir keinen andern Wunsch entgegensprüh'n,
Als daß uns Priesterspruch vereint für immer;
Und du . . .

Peredur             Jetzt gilt es einem größren Werke:
Mit welchem Vorsatz nahmst du dieses Blatt?

Sigune (das Pergament beiseite legend)
Nichts mehr davon!

Peredur                         Antworte mir!

Sigune                                                 Ich merke,
Du bist schon vor der Hochzeit meiner satt.

Peredur Niemals erschienst du mir begehrenswerter.

Sigune Und blickst so kalt mich an? Und stehst so weit?

Peredur Zwei Willen kreuzen sich wie blanke Schwerter:
Erst wähle deinen Platz in diesem Streit! 123

Sigune Berufen warst du nicht, ihn zu beginnen.

Peredur Berufen, ihn zu enden, bist nun du.

Sigune Gedenkst du gar, mit mir ihn fortzuspinnen?

Peredur Weich mir nicht aus!

Sigune                                 Setz mir nicht länger zu!

Peredur Dein Vater oder ich! Wem folgst du? Rede!

Sigune Dir folg' ich, führst du mich ins Brautgemach;
Doch folg' ich ihm, wenn er sich sträubt, ein Reich,
Das ohne König ist und mürb und schwach,
Gestürzt zu seh'n in hoffnungslose Fehde
Durch eines Tollkopfs wilden Torenstreich.

Peredur Schwach sind des Reiches Häupter; doch die Seele,
Das Volk, ist stark! – Zerreiß dies Blatt . . .

Sigune                                                             Mir scheint,
Auch mir erteilst du nun Befehle?

Peredur Zerreiß es!

Sigune                   Träumst du? 124

Peredur                                     Mittendurch entzwei!
Du zögerst?

Sigune               Wahrlich, das ist Raserei.

Peredur Tu's!

Sigune           Nein, o nein, so war es nicht gemeint!
So nicht, als ob ich darum jede Schranke
Nach freier Wahl des Herzens überschritt,
Daß kaum erwählt mein Trautgesell zum Danke
Als mein Gebieter mir entgegentritt.
Ich, zum Gehorsam nicht geschaffen, mahne
Dich zur Vernunft, und hoffe, du begreifst,
Was für ein Wahn . . .

Peredur                             Du selber warst im Wahne,
Wenn du geglaubt, ich tanze, wie du pfeifst.

Sigune Vergaßest du, wie hoch zu mir empor
Ich dich gehoben?

Peredur                     Traun, am Schilfgestade
Kam just ich hoch genug mir vor;
Und du, so deucht mir, stiegest nicht aus Gnade
Die vielen Mal hinab zu meinem Fluß:
Wo zwei sich Liebe spenden, Lieb' erwidern,
Da gibt es kein Erheben, kein Erniedern;
Denn Gleichheit stiftet schon der erste Kuß.

Sigune (will ihn unterbrechen)
Jedoch . . . 125

Peredur             Und weil man nicht im Schloß mich zeugte,
Wie dich . . .

Sigune (stärker)     Jedoch . . .

Peredur                                 Drum eben wär's verrucht,
Falls ich auf Kosten jener dir mich beugte,
Aus deren Mitte du mich ausgesucht.

Sigune (heftig)
Jedoch . . .

Peredur           Tu, was ich dir gesagt!

Sigune                                               Erbittre
Mich nicht zum Grimm!

Peredur                               Fach nicht den meinen an!

Sigune (weicht unwillkürlich zurück)
Du Werwolf, meinst du, daß ich vor dir zittre?
        (Fast weinend)
Ich bin die Königin!

Peredur                         Und ich dein Mann.
Du wolltest nicht in Weichlingsarmen ruh'n;
Du wolltest einen Mann; du hast ihn nun.

Sigune Noch bist du's nicht! Noch nicht!

Peredur                                                 Wie du beschließest.
Ich drängte mich nicht auf, du wirst's gestehn: 126
Ich kam hierher, weil du mich holen ließest,
Und reut's dich – gut, so werd' ich wieder geh'n.

Sigune (erschreckend)
Du willst . . .

Peredur               Jawohl, wenn dir die Lust gebricht,
Dich einem festen Griff und Sinn zu fügen,
Dann mußt du mit der Puppe dich begnügen:
Die nickt, so oft es dir beliebt; ich nicht.

Sigune So geh' doch! Geh'!

Peredur                             Leb' wohl.

Sigune                                               Ist's denkbar? Wird
Es dir so schmählich leicht, mich zu verlassen?

Peredur Ja, Königin, ich werde wieder Hirt.

(Er wendet sich zum Gehen)

Sigune Bleib, sag' ich dir!

Peredur                           Was willst du noch?

Sigune                                                           Dich hassen!

Peredur Drum rufst du mich zurück?

Sigune                                             Dich martern, töten!

Peredur So rettet nur die Flucht mich. 127

Sigune                                               Hör' noch!

Peredur                                                               Nein.

Sigune Fliehst du, spring' ich durchs Fenster hinterdrein.

Peredur (zurückkommend)
Warum gehorchst du nicht?

Sigune                                     Der Unmensch fragt!
Soll ich vorm Vater, soll vorm Hof erröten,
Weil ich getan, was würdig einer Magd?

Peredur Je nun, wenn's lieblicher dir klingt,
Sag, daß du's nicht getan, jedoch gelitten.
        (Er geht auf das Pergament zu)
Gib!

Sigune (es schnell ergreifend)
      Niemals! Nie! Will sehen, wer mich zwingt!

Peredur Ich! (Er entwindet es ihr nach kurzem Kampf und zerreißt es)

Sigune (aufschreiend)
              O! –

Godo (kommt durch die Galerie, meldet)
                      Des Volkes Abgesandte bitten . . .

Sigune (wütend, zu Peredur)
Wart nur! (Zu Godo)
                Führt sie herein!

(Godo ab durch die Galerie) 128

Peredur                                   Bescheidentlichst
Muß dein geheimer König nun verschwinden;
Sein Ohr jedoch wird hören, was du sprichst.

(Er verbirgt sich, für die Zuschauer sichtbar bleibend, hinter der Gardine der Tür links vorn)

Sigune Auch ohne Schrift werd' ich die Worte finden . . .

Peredur (bedeutsam)
Ich harre!

Neunter Auftritt

Vorige. (Durch die Galerie kommen rasch) Herzog, Jovelin, Kaplan, Leibarzt; (kurz darauf) Florant, Frimutel, Garel, Schaffilor (und einige andre) Bürger.

Herzog (tritt zu Sigune)
              Die Verkündigung geschah:
Von Stund' an teilst du gültig Thron und Rang
Des Herrschers. (Flüsternd)
                        Ward er kirre?

Sigune (ihre Erregung bemeisternd, mit leicht zitternder Stimme)
                                              Zum Empfang
Bin ich gewappnet.

Herzog (mit Betonung)     Völlig?

Sigune (einen Blick nach der Gardine sendend)
                                        Völlig – ja!

(Sie steht vorn links, unfern der Gardine; der Herzog rechts von ihr. – Die Abordnung tritt, von Godo geleitet, ein, stellt sich dem Hofe rechts gegenüber) 129

Florant (vortretend)
O Königin, von Eurem eignen Lenze
Gekleidet in so lichte Lieblichkeit,
Daß alle Rosen dieser Hochzeitskränze
Sich neigen rot vor Scham und blaß vor Neid,
Wer dachte wohl, daß durch ein arg Verhängnis
Am Freudentag, den unser heiß Gebet
Seit manchem Jahr herbeigefleht,
Die rücksichtslose Stimme der Bedrängnis
Zum Throne müss' erheben ihren Ruf
In Eurer Untertanen erstem Gruße!
Doch unser Todfeind läßt uns keine Muße:
Straßauf schon sprühn die Funken unterm Huf
Der Rosse seines reis'gen Botenschwarms,
Und schreckvoll hallt bis an des Reiches Grenzen
Die Frage: Wird ihm unser Fürst gestatten,
Uns neuen Wermut zu kredenzen
Im oft geleerten Becher unsres Harms?

Herzog Die Königin wird ihres hohen Gatten
Entscheidung euch verlesen.

Sigune                                       Ja, merkt auf!
Der König hat zum Heil des Staats beschlossen . . .

(Ein Trompetenstoß)

Garel (durchs Fenster blickend)
Seht nur! Der Herold und sein Reiterhauf,
Da sind sie schon und springen von den Rossen.

Peredur (hat sich in seinem Versteck so weit vorgewagt, daß er, für alle andern durch die Gardine verdeckt, für Sigune, die am weitesten vorn steht, sichtbar geworden ist, und sucht sie mit den Augen zu beherrschen)

Sigune (wie zwischen zwei Feuern, blickt bald auf ihn, bald auf ihren Vater, rafft sich gewaltsam zusammen)
Und also kundtun läßt er seinen Landen,
Daß er . . . daß ihr . . .

Herzog (flüsternd)               Du stockst?! So lies doch; lies!

Sigune (mit neuem Anlauf)
Daß er um euretwillen . . .

Herzog (wie oben)                     Was ist dies?!
Wo hast du denn die Schrift?

Sigune (flüsternd)                         Sie kam abhanden.

Herzog (ebenso)
Wie?! Wer . . . ? Du krochst vor ihm zu Kreuz?!

Florant                                                                   Was lähmt,
O Herrin, Euch die Zunge?

Sigune                                     Nichts! Vernehmt . . .

Godo (kommt durch die Galerie, meldet)
Der Herold König Egberts.

Sigune                                     Ich . . .

Herzog (flüsternd)                                 Zu spät!
Nun kannst du dir die Mühe sparen.
        (Laut, zu Godo)
Führt ihn herein! (Godo ab. – Zu den Bürgern)
                          Ihr wackren Leute, geht! 131

Schaffilor Noch eh' wir wissen . . .

Herzog                                         Bald sollt ihr erfahren . . .

(Murren unter den Bürgern)

Florant Nein, Klarheit bringen müssen wir dem Volke;
Drum schickt uns nicht gleich Überzähl'gen fort,
Wenn wie der Blitzstrahl aus der Wetterwolke
Herniederzucken soll ein Schicksalswort!
Laßt vor der prahlerischen Fremdlingsschar
Für Thron und Reich uns in die Schranken treten!

Herzog (zwischen den Zähnen)
In Teufels Namen!

Zehnter Auftritt

Vorige. Cynewulf (mit einem Gefolge von geharnischten angelsächsischen) Rittern (durch die Galerie).

Cynewulf (vortretend)     Dem erlauchten Paar,
Wenngleich man uns zur Hochzeit nicht gebeten,
Vermitteln wir vorab die Segensspenden
Und Wünsche König Egberts, unsres Herrn.

Sigune (mit Beherrschung)
Der König mein Gemahl und ich entsenden
Dafür ihm schuld'gen Dank und werden gern
Euch unsres Festes Gastlichkeit erweisen,
Sobald ihr dieses rauhe Kleid von Eisen
Vertauscht habt mit geziemenderem Putz. 132

Cynewulf Frau Königin, uns lag der Skrupel fern,
Ob Euer Fest ein solches Kleid verpöne;
Denn wir erschienen nicht zu Schmaus und Reigen,
Vielmehr um unter sich'rem Waffenschutz
Zweihundert Töchter und zweihundert Söhne
Des Britenlands von ihrem Heimatherd
Mit uns hinwegzuführen als leibeigen.

(Bewegung und Gemurmel unter den Bürgern)

Sigune Und hierzu wählt ihr grade diesen Tag?

Cynewulf Dreitäg'gen Aufschub haben wir gewährt,
Weil König Artus krank darniederlag.
Zur Überlegung ließen wir ihm Zeit,
Wie zur Genesung, und er selbst bekundet
Aufs augenscheinlichste sich als gesundet
Vor aller Welt, indem er heute freit.
Deshalb, wir hoffen's, wird er diesmal nicht
Vasallenmund zu seinem Schallrohr küren,
Nein, wird, um selbst für sich das Wort zu führen,
Uns gönnen, ihn zu schau'n von Angesicht.

Herzog Er bleibt unnahbar!

Cynewulf                           Dann, Frau Königin,
Eröffn' er uns durch Euch nun klar verständlich,
Was ja bereits wir wissen ohnehin.

Sigune Was wißt ihr? 133

Cynewulf                 Daß er tut, was unabwendlich,
Und ohne lang zu markten und zu geizen,
Mit Würde sich dem trift'gen Anspruch fügt,
Dieweil des Mächtigeren Zorn zu reizen
Der Schwächre meiden muß.

Garel                                         Empörend!

Frimutel                                                       Schändlich!

Florant Er lästert unsren Landesherrn!

Schaffilor                                           Er lügt!

Cynewulf (sich umwendend)
Wer untersteht sich . . .

Herzog (zu den Bürgern)         Schweigt!

Florant                                               Laßt sie nicht länger,
O Herrin, Euren hohen Gatten schmähn;
Sagt ihnen, daß ein Hauch von ihm die Dränger
Hinweg wie Spreu wird in die Winde wehn!

Herzog Noch einmal, schweigt!

Cynewulf                                 Hat hier man so viel Mut,
Wir halten jederzeit ihm gern die Wage;
Für König Egbert steh' ich hier und frage:
Gibt oder weigert man uns den Tribut? 134

Herzog (zu Sigune, flüsternd)
Gewähr' ihn!

Peredur (ebenso)   Weiger' ihn!

Florant                                 Dem Überfrechen
Ins Antlitz schleudert einen Donnerkeil!

Cynewulf Frau Königin, wird Antwort mir zu teil?

Sigune (gequält)
Ich . . .

Cynewulf     Sprecht!

Sigune (mit innerem Zusammenbruch)
                          Ich kann nicht für den König sprechen!

(Allgemeine Bewegung)

Cynewulf Wie?!

Garel, Frimutel Was?!

Herzog                       Ich aber kann's und sag' Euch

Florant                                                                   Nein,
Ihr nicht und niemand außer ihm allein!
Ihr dürft nicht reden jetzt und er nicht schweigen!
Hielt er bis heut sich einsam abgekehrt
Von allen, die mit Gut und Blut sein eigen,
Wir haben seine Scheu geehrt;
Jetzt aber, vor den übermüt'gen Schergen
Des Feindes, jetzt, vorm Unheil, das uns droht, 135
Jetzt, vor des Vaterlands gehäufter Not
gibt's kein Verriegeln mehr und kein Verbergen.
So wahr ihn Gott zum Herrscher uns verlieh,
So wahr geweissagt Sänger und Propheten,
Er werde glorreich aus der Wolke treten,
Ruft laut sein Volk ihm zu: Jetzt oder nie!

Cynewulf (höhnend)
Wer weiß? Er schläft vielleicht, und niemand wagt,
Ihn aus dem süßen Schlummer wachzurütteln.

Florant Ihr, Herrin, der er heut wohl nichts versagt,
Bestürmt ihn, daß er diesen dreisten Bütteln
Selbst Rede steh', die Hand am Schwertesknauf!

Peredur (mit leuchtenden Augen, flüsternd, zu Sigune)
Er soll es! Helf mir Gott, ich weck' ihn auf!

(Von allen andern unbemerkt, schnell ab links vorn)

Florant Eilt! Laßt Erwartung nicht uns tödlich foltern!

Herzog Beendet euer müßiges Geschrei!

Cynewulf Wir finden, daß mit gutem Grund sie poltern,
Und stimmen schon aus Neugier ihnen bei.
Hervor mit eurem unsichtbaren Helden,
Von dem so viele dunkle Sagen gehn,
Von dem die Barden so viel Wunder melden,
Und den bisher kein Auge recht gesehn!
Warum, wenn Wahrheit steckt im lauten Lobe,
Das bis zum Überdruß im Ohr uns hallt, 136
Erscheint er nicht in leiblicher Gestalt
Und gibt uns die so lang verheiß'ne Probe?
Warum nicht legt er, unser kräftig Mahnen
Erhörend, sein verstaubtes Erbstück an,
Die goldne Rüstung seines großen Ahnen,
Die nach der Fabel keiner tragen kann,
Als er allein?

Florant               Nicht Fabel ist's! Nur er,
Dem Stamm des ersten Artus echt entsprossen!

Cynewulf Mag sein; doch fast bedeucht uns, da seither
Noch niemals man ihn sah von ihr umschlossen,
Als wäre sie sogar für ihn zu schwer.

(Lautes Murren der Bürger)

Florant O Schimpf und Schmach!

Cynewulf                                   Würd' er sich sonst verstecken?
Packt ein mit eurer alten Ammenmär'!
Sie kann wohl Kinder, doch nicht Männer schrecken.

Florant (mit verzweifelter Zuversicht)
Die goldne Rüstung tragend wird zu Staub
Er euch zermalmen!

Cynewulf (hohnlachend)   Frühstens wohl, ihr Toren,
Am jüngsten Tag; denn heute bleibt er taub.

Florant (mit Entschluß)
So müssen wir zu seinen eignen Ohren
Den Weg uns bahnen!

(Er will mit den Bürgern zur Tür links vorn) 137

Jovelin (zum Herzog, flüsternd) Alles ist verloren.

Florant (zu den Höflingen)
Gebt Raum!

Herzog               Zurück!

Cynewulf                         Ich frage, mit Verlaub,
Zum letztenmal . . .

Peredur (erscheint oben auf dem Altan, von der abendlichen Sonne beschienen, in der goldenen Rüstung, mit geschlossenem Visier. In der erhobenen Hand das Königsschwert haltend, schreitet er während des Folgenden langsam die Stufen herab)

Garel (ihn zuerst bemerkend, fast sprachlos)
                              Ha, dort . . .

Florant                                             Was?

Garel                                                         An der Brüstung . . .

(Alle blicken empor. Allgemeiner Aufschrei der Überraschung, des Schreckens, der Freude)

Bürger, Ritter (tumultuarisch)
Der König! –

Die Bürger           Heil!

Cynewulf (zu den Rittern, murmelnd)
                            So täuschten wir uns doch!

Florant (triumphierend)
Wie dünkt Euch, Herold? Seht Ihr nun die Rüstung?
Daß er sie tragen kann, verneint Ihr's noch?

Leibarzt (knieschlotternd und zähneklappernd)
Weh uns, das ist des großen Artus Geist! 138

Schaffilor (zu den Rittern)
Haha, wie rasch die Kläffer doch das Bellen
Verlernen, wenn der Leu die Zähne weist!

Kaplan (gleich dem Leibarzt von Panik ergriffen)
Flieht!

Jovelin (ebenso)
          Rette sich, wer kann!

(Leibarzt, Jovelin, Kaplan eilen durch die Tür Hintergrund links davon)

Herzog (ihnen nachrufend)             Ihr Memmen, weilt!

Sigune (überwältigt und hingerissen, zum Herold, auf Peredurs erhobenes Schwert deutend)
Da habt Ihr meines Gatten Antwort! Eilt,
Sie König Egbert zu bestellen!

Cynewulf (ebenfalls sein Schwert hochhebend)
Verlaßt Euch drauf!

(Er geht mit seinen Rittern ab durch die Galerie)

Elfter Auftritt

Sigune. Peredur. Herzog. Florant. Garel. Frimutel. Schaffilor. Bürger. (Abenddämmerung).

Florant                         Fürwahr, sie sollen's büßen,
Daß dir, erhabner König, sie mißtraut!
        (Mit allen Bürgern vor Peredur niederkniend)
Wir aber dürfen endlich dir zu Füßen,
Den Blick von Freudentränen übertaut,
Ja dir den angestammten Führer grüßen,
Wie wir in langem Traum ihn vorgeschaut.
Ob dein Gestirn auch stetig Jahr um Jahr 139
Vor unsrer Liebe sich verbarg im Dunkeln,
Wir wußten, daß in desto hellerm Funkeln
Es aufgehn werd' am Tage der Gefahr;
Und wenn wir drum den Stürmen unser Haupt
Niemals gebeugt, so heftig auch sie grollten,
Heut wird uns überreich von dir vergolten,
Daß unbeirrbar wir an dich geglaubt.
Laß, deine Briten führend in die Schlacht,
So deines Ahnherrn heil'ge Waffentracht
Voran uns leuchten, und unwiderbringlich
Zerschellt an ihr des Feindes Übermacht:
In diesem Zeichen sind wir unbezwinglich!

Sigune (ergriffen)
Ja, tragt ins Volk des Königs Aufgebot!
Getrost nun dürft ihr seiner Kraft vertrauen.

Florant Aus Eures Hochzeitstages Abendgrauen
Sprüht uns empor der Zukunft Morgenrot!

(Florant, Garel, Frimutel, Schaffilor und Bürger in großer Bewegung ab durch die Galerie)

Zwölfter Auftritt

Herzog. Sigune. Peredur. (Während des Folgenden bis zum Schluß des Aufzugs von außen her freudiges Getöse, immer mehr anschwellend; zuletzt kriegerische Musik)

Herzog (zu Peredur)
Du bist am Ziel; frohlocke nur, du Fant!
Ich, den allein du nicht vermocht zu blenden,
Muß wehrlos zuschau'n, mit gebundnen Händen,
Wie sich entfacht ein ungeheurer Brand.
Mag denn uns allen überm Kopf zusammen 140
Das Bauwerk stürzen, dem ich Halt verliehn –
Wer sie geschürt hat, meistre nun die Flammen! –
Nur noch ein Letztes bleibt mir zu vollziehn.

(Ab links vorn)

Dreizehnter Auftritt

Sigune. Peredur. (Es wird allmählich Nacht; nur auf Peredurs Rüstung blitzt noch ein Strahl der scheidenden Sonne)

Peredur (das Visier aufschlagend)
Sigune . . .

Sigune (kniet vor ihm)
                Hier, mein König, sieh mich liegen,
Hier auch dein Weib sich dir zu Füßen schmiegen,
Von glüh'nder Scham die Wangen überloht
Und doch vom Aufgang stolz'ren Glücks beschienen.
Befiehl, du Starker, und ich will dir dienen,
Will folgen deinem Stern bis in den Tod!

Peredur Mit Feuertrank noch einmal mich zu laben,
Eh' mich des Krieges wilde Flut umschäumt,
Komm an mein Herz! (Er zieht sie empor)

Sigune                             Das Volk und ich, wir haben
Den Mann gefunden, den wir uns erträumt.

Vierzehnter Auftritt

Vorige. Herzog (kommt von links vorn zurück. Ihm folgen, noch zögernd und ängstlich) Kaplan, Jovelin, Leibarzt.

Sigune (sie bemerkend)
Kaplan, zur Trauung nun! 141

Peredur                                 Sodann zum Streit!

Herzog Und hinterm Brautzug einer neuen Zeit
Geh'n wir die unsrige begraben.

(Er winkt in die offen gebliebene Tür zurück. Während Sigune und Peredur hinter dem Kaplan Hand in Hand zur Kapellentür schreiten, kommen von links vorn Limors und Geraint mit Fackeln; dicht dahinter die vier eingeweihten Diener, den Sarg des Königs tragend. Der Vorhang fällt) 142


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