Gustav Freytag
Marcus König
Gustav Freytag

 << zurück weiter >> 

2. Der Herr Magister.

Marcus König galt für den reichsten Großhändler der Stadt, er war Herr eines Landgutes mit befestigtem Hause, er besaß Wälder, Wiesen und Mühlen nicht nur im Stadtgebiet, auch jenseit der Brücke in Polen, ihm gehörten mehrere Bordinge und Frachtkähne auf der Weichsel und man wußte, daß er in Gesellschaft mit großen Kaufherren aus Danzig und Lübeck weit über die See handelte. Wer in sein Kontor, »die Kammer«, trat, erkannte, daß der Hausherr sich viel in der Welt versucht hatte; neben den Schränken mit Handelsbriefen und Warenproben hingen zwei halbe Rüstungen aus schwarzem Eisenblech, wie die Seefahrer im Kampfe zu tragen pflegten, darunter ein Feuerrohr, Piken und Enterbeile, an der Decke zusammengerollte Wimpel und Flaggen verschiedener Schiffe; in der Ecke lehnten gewaltige Wurfspeere, welche der Nordländer zum Streit gegen Seeungeheuer gebraucht, und zwischen ihnen das riesige Horn eines Ungetüms. Auch das Marienbild, welches über dem Weihkessel an der Tür hing, war mit einem Rosenkranz von großen roten Korallen umgeben, die nur im Südmeer erfischt wurden. Die oberen Stockwerke des Hauses, die Keller und die Speicher in dem langen Hofe waren mit Kaufmannsgut gefüllt, dort lagerte Kupfer und Pelzwerk, Wachs und Honig der Ostländer, aber auch die köstlichen Waren, welche aus dem fernen Westen herzugefahren wurden, süßer Wein und Gewürz, teure Gewebe, Samt und goldgemusterte Stoffe aus Flandern und Genua. Dennoch war es ein stilles Haus und eine kleine Dienerschaft, mit welcher der reiche Mann seinen Handel betrieb. In der Kammer saß nur ein Gehilfe ihm gegenüber, Bernd Gusek, ein demütiger Mann, welcher »der Lieger« hieß, weil er eigenen Anteil an vielen Geschäften hatte und das Vorrecht, gleich dem Herrn mit der Marke der Handlung zu zeichnen; er war wohlbekannt in allen Oststädten von Lemberg bis Danzig und galt unter den Polen soviel als der Herr selbst. Ein niedriger Seitentisch war für Georg aufgestellt, der als Gesell in der Handlung diente. Im Hofe und in den Speichern aber wirtschaftete mit einigen Packern der Hausknecht Dobise, ein Unfreier vom Gute des Hausherrn. Sonst wußten die Neugierigen weniger von dem reichen Marcus zu erzählen als von andern Brüdern des Artushofes. Denn er war nach dem Tode seiner Hausfrau viele Jahre auf Handelsfahrten in der Fremde gewesen, während seine unverheiratete Schwester ihm den einzigen Sohn erzog. Erst als die Schwester starb, war er heimgekehrt, ein ernster, schweigsamer Herr, der sich stolz hielt gegen die Bürger, aber auch unter den Brüdern des Artushofes, wo er von seinen Vorfahren her einen Ehrensitz an der vornehmsten Bank innehatte.

Am Tage nach dem Teufelstanz schrieb Marcus in der Kammer über Geschäftsbriefen, auch Georg, der seiner Haft entledigt war, saß mißvergnügt auf dem Schemel, als der Ratsbote eintrat und den Hausherrn mit seinem Sohne vor den Rat lud. Die alte Magd reichte dem Herrn klagend seinen Hut: »Das wird für Euch ein saurer Gang. Sonst, wenn Lischke, der Bote, in das Haus kam, hielt er gern bei der Küchentür an, er saß auf dem Schemel nieder und erwartete, daß ich ihm ein Glas Danziger zutrug, heut sah er feindselig um sich und wich vor dem Schemel zurück, wie ein Kater vor dem heißen Rost.«

Nicht nur der Diener war in Aufregung, auch die Herren des Rates saßen steif in ihren Stühlen, und sogar der älteste Bürgermeister, Burggraf Friedewald, der allen ehrwürdig war mit seinem langen weißen Haar und dem freundlichen Antlitz, begann feierlicher als sonst: »Bevor der Rat Euren Sohn straft, Herr Kumpan, muß ich Euch vorhalten, daß heut Barthel Schneider mit seinem Gesellen eine Anzeige vor uns gebracht hat. Als er gestern in später Abendstunde bei Eurem Hause vorbeiging, hat er nahe an Eurer Wand über sich in der Luft eine schwarze scheußliche Gestalt gesehen, die ihm als der leibhaftige Teufel kenntlich wurde. Diese Gestalt hat sich in der Luft überschlagen und gegen die redlichen Männer, den Schneider und seinen Gesellen, so greulich gebrüllt, daß beide entsetzt auseinanderfielen, bis sie auf dem Boden lagen. Von dort, sagt Barthel, habe er noch gesehen, daß der böse Geist an Eurem Hause in die Höhe flog, wobei sein Schwanz immer länger wurde, bis er endlich in Eurer Giebelluke verschwand. Der Geselle sagt aus, daß er ein unmenschliches Gelächter vernommen habe und daß oben erwähnter Schwanz, welcher gerade herabhing, am Ende gekrümmt gewesen sei wie bei einem Fleischerhunde. Ungern teile ich Euch das mit, da Ihr als ruhiger und gottesfürchtiger Mann bekannt seid, doch Euch selbst wird nicht verborgen bleiben, was viele meinen, daß der Frevelmut Eures Sohnes und sein Spiel mit dem Teufel dem Bösen Zugang in Euer Haus bereitet habe. Arges Gerücht aber verdirbt den besten Mann, und des Rats Verpflichtung ist unter anderem auch, Beunruhigung christlicher Seelen zu verhindern, deshalb werdet Ihr wohltun, unverzüglich die frommen Väter zu laden, damit sie dem Bösen Euer Haus verleiden, und werdet fortan Eure Hausgenossen in strenger Zucht halten, damit das Geräusch in der Stadt wieder gestillt werde und unsere und Eure Ehre im Lande nicht durch schädliches Gerücht gekränkt.«

Marcus warf einen forschenden Blick auf seinen Sohn, der betroffen an das Seil des Dobise dachte, und schwieg eine Weile, wie einem bescheidenen Manne schicklich war, wenn ihm Gewichtiges in das Ohr klang. Endlich begann er: »ich bedanke mich bei einem ehrbaren Rat für die Vermahnung und ich werde zur Stelle bei den ehrwürdigen Dominikanern um die Hilfe der Heiligen anhalten. Ich selbst habe in meiner Kammer, wo ich gerade besser als mit weltlichen Dingen beschäftigt war, einmal ein fernes Brummen vernommen und mich dabei beruhigt, daß es vom Markt herkomme. Gegen die Aussage des Barthel Schneider vermag ich nichts vorzubringen, er ist aus der Neustadt und deshalb geneigt, von unserer Altstadt Unfreundliches zu vermelden, und er ist zwar bekannt als ein redlicher Mann, aber nicht als ein herzhafter. Einen ehrbaren Rat bitte ich nur, wohlmeinend zu erwägen, daß der nächtliche Spuk nach Aussage nicht in meinem Hause sichtbar wurde, sondern außerhalb, und wenn er sich unter meinem Dach verloren haben soll, so mögen vielleicht die Erschrockenen dies nicht deutlich gesehen haben, zumal die Nacht finster war.« Darauf wandte sich der Burggraf gegen Georg und strafte diesen stärker mit Worten: »denn obwohl die Maske des Teufels in der Fastnacht von Thorn nicht unerhört ist, so bleibt sie immer bedenklich, vor anderen für junge Gesellen des Artushofes; und obwohl das Vexieren mit Schweinsblasen und Lederkolben ebenfalls gebräuchlich ist, so ist dabei doch billige Rücksicht zu nehmen auf fremde Gäste und zumeist auf heilige Männer. Beide aber sind durch den Narrentand gekränkt worden, und der Rat muß Euch, weil Ihr den Frieden der Stadt durch Wort und Gebärde geschädigt habt, zu einer starken Pön verurteilen, zumal uns allen wohl bewußt ist, daß Ihr nicht zum erstenmal wegen Ungebühr vor dem Rate steht. Da Ihr öfter gemahnt worden seid und doch nicht Ruhe haltet, so muß der Unwille der Stadt um so größer werden.«

»Hochgebietender Herr Burggraf,« antwortete Georg mit aufrichtigem Kummer: »mich selbst verwundert sehr, daß gerade ich zuweilen das Unglück habe einen Anstoß zu geben, denn ich möchte gern in Frieden leben. Wenn die anderen Vögel davonfliegen, an meinen Federn haftet das Pech, daß zuletzt der Bote des Rats seine Mütze über mich wirft.«

»Wollt Ihr damit sagen,« versetzte der Bürgermeister, »daß Ihr von anderen angestiftet seid, so mögt Ihr in diesem Fall vielleicht Eure Strafe mildern, wenn Ihr die Rädelsführer angebt.« Und als der alte Herr so sprach, zuckte trotz der strengen Worte doch ein Lächeln um seinen Mund. Georg errötete über die Zumutung: »Ihr wißt selbst, hochgebietender Herr, daß mir nicht ziemen würde, einen meiner Gesellen zu verraten oder gar das Urteil, welches gegen mich gefällt ist, andern an den Hals zu reden.«

Da Herr Friedewald dasselbe wußte und auch daran dachte, daß die andern Teufel zum Teil Söhne von Ratsherrn gewesen waren, so begnügte er sich zu sagen: »wenn Euch der Rat nach dem Namen Eurer Kumpane fragen wollte, würdet Ihr ihm die Antwort nicht weigern, diesmal geht die Klage gegen Euch allein. Dagegen ist wieder dem Rate berichtet, daß ein Bäuerlein von den Stadtgütern mit einem eisernen Flegel gefährlich gegen Eure Genossen losgeschlagen und daß der fremde Pole Euch mit gezückter Waffe angefallen hat. Beide haben den Frieden der Stadt gebrochen, das Bäuerlein, welches uns angehört, wird nach Gebühr gerichtet werden, und gegen den Polen steht Euch selbst eine Klage zu wegen des Hiebes, welcher dem Vernehmen nach zweizöllig und blutig war. Da der Pole als Gast der Stadt anwesend ist und sich als fremd in unserm Brauch und Recht bekannt hat, so will der Rat ein übriges tun und Eure Strafe erlassen, wenn Ihr davon absehet, den Gast zu verklagen.«

»Ich denke, gebietende Herren,« versetzte Georg, »mein Recht mir selbst von dem Pietrowski da zu holen, wo der Friede der Stadt mir nicht die Waffe bindet.«

»Ich merke,« sagte Herr Friedewald strafend, »daß Ihr geringe Ursache habt, friedliche Gesinnung vor uns zu rühmen. Wahrt Euch auch auf fremdem Grunde vor Händeln und Rache, damit der Stadt nicht Euretwegen neue Sorge entstehe. Heut aber entnehme ich aus Euren Worten, daß Ihr der Klage entsagt. Fertigt die Vergleichung zu Papier, Stadtschreiber.«

Als Vater und Sohn das Ratszimmer verließen und der Vater schweigend mit gesenktem Haupt über den Markt schritt, dachte Georg reuig, daß er sehr zornig sein müsse und der Kummer des Alten tat ihm von Herzen weh. Erst als sie vor ihrem Hause standen, sah Marcus nach der Höhe und sprach seinen Sohn scharf anblickend: »Dort hängt der Haken mit dem Seil aus der Luke, sage dem Dobise, daß er ihn zur Stelle einzieht; ich gehe zu den Predigermönchen.«

»Herr Vater,« bat Georg, »warum wollt Ihr nicht bei unserem Pfarrer von St. Johannes Hilfe suchen, was kümmern uns die Mönche in der Neustadt.«

»Sie kümmern uns, weil sie gegenwärtig die Herrschaft unter den Geschorenen führen. Der Pfarrer von St. Johannes ist beargwöhnt als ein Unzufriedener.«

Kurze Zeit darauf bewegte sich ein heiliger Zug von der Neustadt über den Markt, zwei Predigermönche, vor ihnen die Knaben mit Lichtern, der Sakristan mit Wedel und Sprengkessel, ein junger Bruder mit dem großen Buche. An der Tür empfing der Hausherr die hilfreichen Gäste, die Knaben zündeten die Lichter an, welche der Wind ausgeblasen hatte, und die Mönche umschritten feierlich die versammelten Hausgenossen, sprachen die lateinischen Gebete und besprengten die Knienden mit dem Weihwasser, wobei Georg ohne Freude erkannte, daß der Zorn des Pater Gregorius ihm das ganze Gesicht mit dem Wedel bestrich. Als die Menschen notdürftig gegen die Einwirkungen des Satans geschützt waren, durchzogen die Brüder das Haus, forderten in jedem Raume den Bösen auf, zu entweichen, sprengten und räucherten in jede Ecke. Der Demütigste von allen war Dobise, er hatte sich aus eigenem Triebe ein Wachslicht angezündet, das er mit gesenktem Haupt und gefalteten Händen vor sich hertrug, er murmelte das Ave Maria, dessen er mächtig war, unablässig vor sich hin und benutzte jede Gelegenheit sich auf die Knie zu werfen.

Als alles nach Gebühr vollendet war, führte der Hausherr die Brüder zur Wohnstube, wo bereits der Weinkrug mit den Bechern stand, er bedankte sich wieder ehrerbietig wegen Säuberung seines Hauses und empfahl sich und die Seinen dem Gebet der Mönche. »Und jetzt bitte ich, daß die ehrwürdigen Väter eine Stärkung nicht verschmähen.«

»Noch haben die Heiligen nicht die Sühne, welche sie sich begehren müssen nach der Kränkung, die einem Geweihten zugefügt wurde,« versetzte Pater Gregorius feindselig abweisend.

»Mein armer Sohn ist bereit, sich jeder Buße zu unterwerfen, welche Ihr ihm auflegen werdet.«

»Wenn er an drei Festtagen vor dem andächtigen Volke büßend befunden wird, nicht auf den Stufen des Altars, sondern auf dem Fußboden, nicht auf seinen Knien, sondern ausgestreckt, und wenn er darauf gebührlich opfert, so mag die Kirche ihn seiner Sündenschuld erbarmend entledigen.«

Das Antlitz Georgs rötete sich und er ballte die Faust, aber der Vater hob die Hand, daß er schweige. »Wenn er auch tut, was Ihr frommen Väter ihm auflegt, so weiß ich doch, daß Euer Gebet heilkräftiger für ihn sein wird, als seine eigene Buße, und vor allem möchte ich Euren guten Willen erwerben. Deshalb flehe ich, daß Ihr als Zeichen günstiger Meinung nicht verschmäht, von diesem Sekt zu trinken, welcher das Beste meines Kellers ist.«

Pater Gregorius ergriff nachlässig den Wedel, sprengte um den Wein, wobei er sich hütete, Wassertropfen in den Trunk zu werfen, leerte vornehm das Glas und wandte sich dann mit stillem Gebet vor das Muttergottesbild in der Nähe der Tür. Als Dobise, welcher dort unter den Knaben stand, die neue Andacht des großen Mannes sah, hielt er es für nützlich, ihm wieder zu leuchten und warf sich mit seiner Kerze vor den Füßen des Mönches zu Boden. Unterdes nahm Marcus den andern Bruder, der dem Wein volle Ehre erwiesen hatte, ans Fenster und sprach bekümmert: »ich bitte Euch, ehrwürdiger Bruder, mir zu sagen, wie ich den guten Willen unseres Vaters gewinnen kann; gern würde ich ihm meine Verehrung erweisen, damit er des Mutwillens nicht mehr gedenkt und fortan mit treuer Gesinnung für mich und meinen Sohn zu bitten vermag. Denn hart ist die Buße, welche die Heiligen meinem armen Georg auferlegen wollen und gern vermiede ich die Unehre.«

»Vielleicht,« versetzte der Mönch wohlwollend, »wenn Ihr ein ansehnliches Faß von demselben Wein an unserer Pforte abladen ließet, würde mein Bruder besseres Vertrauen gewinnen.«

»Ein ansehnliches Faß,« wiederholte Marcus erstaunt, »Ihr wißt, daß dieser Wein nur in kleinen Tonnen aus Welschland zu uns kommt. Doch bin ich bereit, gegen Abend zwei Legel nach St. Nikolaus zu schaffen, diese soll mein Knabe selbst überbringen.«

Der Mönch winkte mit einem Blick des Einverständnisses und die frommen Brüder verließen das Haus im Zuge, nachdem sie die Hausbewohner gesegnet hatten.

Georg trat mit flammendem Blick vor den Vater. »Niemals unterwerfe ich mich der Buße des boshaften Mannes.«

»Wer länger gelebt hat als du, der erkennt, daß alles seinen Preis hat. Am kostbarsten aber ist der Zoll, den wir auf dem Wege in jenes Leben zu entrichten haben. Gibt jemand den Pfaffen ein Recht über sich, so darf er sich nicht wundern, wenn sie den Vorteil unmäßig benutzen. Denn die Geistlichen, wie sie auch sein mögen, haben die Macht jedem in diesem und noch mehr in jenem Leben zu schaden oder zu nützen. Kein Kaiser und kein König vermag ohne ihre Hilfe und Fürbitte zu bestehen, und die von St. Nikolaus sind, obgleich schärfer als andere in Thorn, doch noch nicht so unersättlich als größere, und kluger Sinn vermag sie noch zu gewinnen. Und ich sage dir,« fuhr er befehlend fort, »du wirst dich vor ihnen demütigen, sie aber werden, wie ich hoffe, dir die öffentliche Unehre erlassen.«

Als Georg gegen Abend mit Dobise den Wein vor der Klosterpforte abgeladen hatte, senkte er, seinen Stolz mühsam bändigend, vor dem Pater das Haupt und bat mit höflichen Worten, die er sich mühsam überlegt hatte, um Verzeihung. Der finstere Blick des Paters glitt auf die Tönnlein herab und wurde etwas freundlicher, so daß er dem Sünder nur als stille Buße auflegte, an drei Tagen eine vorgeschriebene Anzahl von Gebeten vor jedem Altar der Klosterkirche zu sagen. Mit diesem Bescheid ging Georg mißmutig heim.

An einem der nächsten Tage saß Georg in der dunkeln Hinterstube des Hauses und berechnete die Unkosten, welche eine Kiste Samt und Brokat von Venedig bis zur Ankunft in Thorn verursachen würde. Die Arbeit rötete ihm die Wangen und da er sich mehrmals in das Haar gefahren war, stand es ihm aufgeregt um den Kopf, er sah zuweilen auf ein Rechenbrett mit wunderlichen Zeichen und war unzufrieden mit dem Schreiberohr, der Tinte und der schweren Rechnerei. Unvermerkt war der Vater herangetreten; als Georg das Rohr weglegte und tief aufatmete, ergriff er das Blatt und sah die Rechnung durch: »Samt und Brokat haben klein Gewicht, das konntest du wissen,« tadelte er, »auch hast du vergessen, daß die Herrschaft von Venedig dem deutschen Kontor beim Zoll zehn Prozent vom Werte der Ware nicht in Rechnung bringt. Die Berechnung über Augsburg ist richtig, der Danziger nimmt die Lagermiete nach dem Wert der Ware, sobald er die Kiste unter sein Dach bringt und es ist deshalb unsere Sache, mit dem Bordschiff bei der Hand zu sein, damit wir vom Deck einladen.« Das Blatt weglegend, fuhr er fort: »Wie lange ist es her, seit du die lateinische Schule von St. Johannes verlassen hast?«

»Drei Jahre, Herr Vater, und ich mußte länger dort sitzen als ein anderer, ich war der größte Schüler und die kleinen Schützen lachten, wenn ich einmal nicht Bescheid wußte,« versetzte Georg mit ehrlichem Abscheu.

»Ich habe mit Bürgermeister Hutfeld, deinem Paten, deinethalb gesprochen; einiges, was er mir sagte, vermag er mit guten Gründen zu stützen; jetzt sitzest du im Artushofe unter den jüngsten, ich denke, du hast den Willen, einen Ehrensitz zu erwerben.«

»Ich will der Stadt keine Schande machen, Herr Vater.«

Marcus nickte. »Es kommt eine neue Zeit, und wer jetzt über das Wohl der Stadt verhandeln will mit den Polen oder auch fern im Reiche, der muß des Lateinischen mehr mächtig sein, als du bist. Gern hätte ich dich an die Oder nach Frankfurt geschickt, damit du dort bei den Juristen das Recht lerntest. Aber die Handlung konnte dich nicht entbehren. Noch andere Knaben aus dem Artushofe sind in derselben Lage, daß die Väter sie im Hause nicht ganz missen wollen. Darum haben einige von uns vereinbart, euch dem neuen Magister der Johannesschule in der Art zu übergeben, daß ihr gesondert von den andern in Stil und lateinischer Kanzlei belehrt werdet. Es wird dem Magister sowohl durch Geld als auch durch Getreide gutgemacht werden.«

Georg vernahm bekümmert diesen Befehl, aber im nächsten Augenblick erhellte sich sein Gesicht, und mit größerer Freudigkeit als der Vater erwartet hatte, antwortete er: »ich bin willig, Herr.«

Am Nachmittag saß Konrad Hutfeld wieder seinem Schwager gegenüber, diesmal in besserem Einvernehmen; beide in der Absicht, den geladenen Magister zum lateinischen Lehrer ihrer Söhne zu werben. Der Gelehrte wurde eingeführt und begrüßte geziemend die beiden. »Hochansehnlicher Kaufherr und Wirt, namhafter Herr Bürgermeister, es geschieht auf Grund einer Aufforderung, daß ich hier eindringe. Gern bin ich bereit, zu vernehmen, womit ich meinen günstigen Herren zu dienen vermag. Sind hier auch meinerseits Bitten statthaft, so wollte ich mit gebührendem Respekt anheimgeben, daß der Ofen in der mir überwiesenen Schulstube qualmt und daß meine Schützen Rauch schlucken, was ihre Aufmerksamkeit nicht befördert und auch mir erschwert, in dem schwarzen Dampf die Übeltäter zu erkennen, obgleich dies wegen der Abrechnung am Samstage notwendig ist.«

Der Bürgermeister stellte Abhilfe in Aussicht; der Magister nahm auf dem bereitstehenden dritten Stuhle Platz und empfing den Wein, welcher ihm von dem Hausherrn eingeschenkt wurde. Er kostete, setzte erfreut ab, leerte das Glas und rief: »Dieser Rivesalt hat lange Jahre in einem guten Keller gelegen.«

Da lächelte der Hausherr ein wenig und der Bürgermeister machte den verabredeten Vorschlag. Doch der Magister vernahm die Zumutung ohne Freude: »Ungern nehme ich erwachsene Jünglinge in die Lehre, noch unlieber teile ich ihnen besondere Stunden zu, denn selten lernt etwas Ordentliches, wer gewöhnt ist am Abend mit der Laute durch die Gassen zu ziehen und auf das Frauenvolk an den Türen zu blicken.«

»Dennoch würdet Ihr manchen durch diese Gefälligkeit verpflichten, der Euch von Nutzen sein kann,« mahnte Hutfeld, verletzt durch die kühle Haltung.

»Es ist nicht meine Sache, gebietender Herr,« versetzte der Magister, ihn steif ansehend, »als Lehrer anderen angenehm zu sein, sondern die Knaben, welche ich lehre, sollen mir angenehm werden, das will sagen, sie sollen etwas Ordentliches lernen, denn das ist die Freude des Lehrers; wollen sie das nicht, so kränkt mich die verlorene Zeit, selbst wenn die Faulen, mit Verlaub zu sagen, Söhne eines Bürgermeisters sind.«

»So mögt Ihr mit mir reden,« antwortete Hutfeld mit Haltung, »nachdem Ihr Eure Schüler als träge erkannt habt, jetzt rate ich doch, die Sache erst zu versuchen.«

Der Magister fühlte, daß er zu eifrig gewesen war und diese Erkenntnis bändigte den Stolz, den er als Feldherr im Kriege gegen bäurische Unwissenheit gewonnen hatte; er fuhr ruhiger fort: »Auch was Ihr von der Zulage zu meiner Besoldung gesagt habt, kann mich nicht locken. Wenn ich Eure alten Knaben in meine Lehre nehme, so tue ich es nur auf meine Bedingungen.«

»Nennt diese,« mahnte Hutfeld.

»Zunächst nehme ich sie nur auf Probe und ich selbst bestimme am Ende des Vierteljahres das Geld, welches jeder zu zahlen hat; wer nichts lernt, zahlt doppelt, und wer mir Freude macht, weniger; denn bei den Schlechten habe ich Ärger und Mühe.«

»Ihr habt recht, Herr Magister,« lobte Marcus, dem die Gesinnung des Alten gefiel, »um das Schulgeld wollen wir also nicht streiten.«

»Noch bin ich nicht fertig,« fuhr der Magister ungerührt fort, »ich nehme keinen Knaben an, den ich nicht vorher gesehen habe, denn wir Schulmänner lesen aus den Linien des Gesichtes manches, was die Eltern nicht erkennen.«

»Einer wenigstens ist zur Stelle,« sagte Marcus aufstehend und rief in die Kammer nach seinem Sohne.

Georg trat eilig ein in dem Wams, das er in der Schreibstube trug, und grüßte den Paten; als sein Blick auf den Magister fiel, errötete er ein wenig, denn er erkannte sein Opfer vom Fastnachtsspiele. Da der kleine Magister die hohe Gestalt sah in voller Jugendkraft, die Stirne von blonden Locken umgeben, stellte er sich dicht vor den Jüngling und stützte die Arme unter. Sein scharfer Blick wurde heiter: »Einen so langen Bacchanten habe ich noch niemals unter meinem Zepter gehabt,« begann er endlich und lachte so laut, daß er schütterte und sich beugte, und daß Georg von der Fröhlichkeit angesteckt wurde. »Doch wie geschieht mir,« unterbrach sich der Magister, »diesen Lateiner habe ich bereits gesehen; richtig, er ist es,« und er faßte ihn am Wams und schüttelte ihn. »Ihr wollt den Teufel spielen, Ihr seid in der höllischen Kanzlei schlecht bewandert, meint Ihr, ich habe vergessen, daß Ihr in Eurer Rede ut mit dem Indikativ konstruiert habt? Ihr werdet Eurem Lehrer Not machen.« Er wandte sich kurz ab und setzte sich stracks auf seinen Stuhl.

Jetzt lächelte auch Hutfeld und frug, um die Verhandlung zu enden: »Wollt Ihr es nicht dennoch mit ihm und den andern versuchen?«

»Die Frage ist jetzt, gebietender Herr Bürgermeister, ob er es mit mir versuchen will.« Er sprang wieder vor Georg und sprach, mit dem Finger gegen die eigene Brust stoßend: »ich gehe nicht in die Häuser, um die Söhne reicher Leute zu unterrichten, wie ein verlaufener Bettelmönch; wer bei mir lernen will, der muß zu mir kommen, und wer in meine Lehre eintritt, der wird mein Schüler und ich werde sein Meister. Lasse ich vor dem Schüler, welcher bereits ein Jüngling ist, meinen Stock in der Ecke, so muß der Schüler seinen Hochmut zu Hause lassen! Willst du ein Lehrling werden in der Grammatik und in den Skriptoren, so mußt du mir die Ehre eines Herrn zugestehen und von mir den Gruß annehmen, den ich meinen Knaben gebe; denn nur in der Zucht gedeiht die Lehre. Wollt Ihr das nicht, Junker, so bleibt zu Hause oder lauft als Teufel durch die Gassen, wie es Euch gefällt.«

Da der Gelehrte Georg als Knaben anredete, hob sich dieser trotzig, aber im nächsten Augenblick beugte er das Haupt und sprach: »ich will, mein Herr Magister.«

Der Magister wandte sich wieder kurz um und setzte sich: »Wenn die andern nicht ärger sind, als dieser hier, so will ich's versuchen.«

Dem Bürgermeister gefiel die Art des Fremden gar nicht, doch er bedachte, daß derselbe als ein gelehrter Mann und trefflicher Lehrer empfohlen war, und so wurde zuletzt mit höflichen Worten eine Schule für Knaben des Artushofes verabredet.

Der vornehmen Schüler sollten außer Georg noch zwei sein. Der eine war Matthias Hutfeld, der nächste Vetter Georgs; doch bestand zwischen ihnen keine Herzlichkeit, denn Matz sorgte lieber für sich selbst als um andere; er war ein rundlicher Gesell, der in engen Kleidern daherging wie ausgestopft, hatte ein milchweißes Gesicht mit roten Backen, große wasserblaue Augen unter weißlichen Brauen und trug sein hellblondes Haar zu einem Kolben geschnitten, der ihm die Stirn bis zur Mitte verdeckte. Er hielt sich für einen sehr hübschen Knaben und weil sein Vater mächtig war, galt er auch bei vielen Mädchen dafür. Da er vorsichtig Händel und gemeine Gesellschaft mied, so wurde er als wohlgezogen gerühmt und hatte gute Aussicht, dereinst in die Ratsschuhe seines Vaters zu treten. Ein besserer Gesell war Philipps Eske, Sohn des dritten Bürgermeisters, ein langer hagerer Knabe, der sich gern zu Roß mit der Stechstange sehen ließ, er sprach wenig und es war ihm lieb, wenn Georg für ihn dachte, denn er hielt treu zu diesem. Beim Abendtanz im Artushofe suchte er mit seiner Tänzerin hinter Georg zu stehen und sprang genau wie sein Vormann, nur daß er wegen seiner Hagerkeit die Glieder in scharfen Ecken hob; er trieb auch wie Georg die Musika und strich am liebsten die Standgeige, das Bassettel, mit einem starken Bogen, der zum Krähenschießen brauchbar gewesen wäre; seine Kunst war nicht groß, aber ihn freute mehr als alles das Gebrumm der dicken Saiten. Der Magister merkte in den ersten Stunden, daß Philipps die lateinische Weisheit seines Freundes Georg bewunderte und gern einige Körnlein davon für sich aufpickte, und er änderte ihm deshalb den Vornamen in Pylades.

Da die Decke in der Schulwohnung von St. Johannes eingefallen war, weil der vornehme Rat lange die Zudringlichkeit des Regens mißachtet hatte, so wurde jetzt über einen Neubau verhandelt und der Magister mußte mit einer andern Behausung vorliebnehmen, welche nach einiger Mühe bei einem Diener des Rates beschafft wurde. Es war der ganze Oberstock des Hauses: eine große Stube, in welcher vorläufig die Schule abgehalten wurde, daneben eine Studierkammer für den Magister und auf der andern Seite der Treppe die Wohnstube, Kammer und Küche. Anna freute sich über das gute Gelaß, zumal auch der Ratsdiener und dessen Frau sich als dienstfertige Leute erwiesen. Das Haus lag unweit der Stadtmauer zwischen Altstadt und Neustadt, aus den Fenstern der Vorderseite sah man auf einen stillen Platz mit zwei alten Linden, von der Hinterseite auf einen ummauerten Raum, in welchem Karren und Feuertonnen des Rates bewahrt wurden. Seitwärts lag ein ungeheurer Schutthaufen wie ein Berg, aus welchem ein geborstener Turm und Mauertrümmer ragten. Das war die Stätte der Ordensburg, welche die Thorner vor sechzig Jahren zerstört hatten, weil sie ihnen eine verhaßte Zwingfeste geworden war. Aber auch die Umgebung der wüsten Stätte war durch Frauensorge ein wenig verschönt. Hinter dem Hause hatte die Ratsbotin, ohne daß die Herren vom Rat widersprachen, allmählich bei den Feuertonnen einen kleinen Garten angelegt mit einer schönen Sommerlaube, sie zog dort nicht nur rankende Bohnen, auch wohlriechende Kräuter und Blumen, und ein großer Fliederstrauch in der Ecke, welcher noch aus der Ordenszeit stammte, war in der ganzen Stadt rühmlich bekannt, so daß Frau Lischke alljährlich Kampf mit den Kindern hatte, wenn diese über die Mauer klommen, um die heilkräftigen Blüten abzureißen. Und als sie an einem warmen Tage des März ihrem Gaste die kleinen Beete wies, aus denen das erste Grün hervorsproß, vertröstete sie gutherzig: »In einigen Wochen ist alles grün, und Euch, Jungfer Anna, soll der Garten immer geöffnet sein und auch die Laube, wenn Ihr einmal den Sitz unter Blumen begehrt, wie junge Fräulein gern tun.«

So richtete Anna mit gutem Mute die neue Behausung ein. Und eines Mittags rief ihre Stimme fröhlich über den Flur: »Herr Magister!«

»Quid vis, Annule?« antwortete der Magister aus der Schulstube, »denn einem Ringe kann ich dich vergleichen, den mir der grundgütige Gott an den Finger gesteckt hat zur Ehre und Freude meines Lebens.«

»Will der Herr Vater mir helfen die Truhe in die Kammer tragen?«

»Sogleich, meine Tochter, ich muß nur erst den wilden Dampf hinaussenden, welchen diese teutonischen Buchschützen in dem Museum zurücklassen.« Er kam eilig heraus, rückte die Truhe und fuhr lächelnd fort: »doch habe ich auch einige glatte und wohlgeputzte Patricios, ich denke, es wird ihnen sauer, an der beklexten Schulbank zu sitzen. Es sind lange Götzen darunter, vorab dieser Georg Regulus, dem du auch schon begegnet bist; in Wahrheit ein hübscher Junge und nicht ganz übel im Wollen, wenn auch nicht stark im Können. Hast du dir ihn betrachtet?«

»Nein, Herr Vater,« versetzte Anna kurz, »mir kommt ein Schauder, wenn er die Treppe heraufkommt, und ich sehe ihn in Gedanken immer, wie seine Larve gegen uns die Zähne fletscht. Ich sorge, Vater, sein Eindringen in die Schule bedeutet nichts Gutes.«

»Possen,« versetzte der Magister überlegen. »All' dieser Satyrkram wird ohnmächtig in dem Raume, in welchem die oberen Götter walten: Jupiter, Phöbus, Apollo und die herzerhebende Minerva. Hat der Gesell dich geängstigt durch das Brüllen seiner Teufel, so ängstige ich ihn durch den Accusativus cum Infinitivo, diese Konstruktion ist allen Teufeln lästig.« Er trat an den Tisch, auf welchem Anna das einfache Mittagsmahl zurecht gesetzt hatte und faltete die Hände, während die Tochter den Tischsegen sprach. »Wenn wir allein sind,« ermahnte er, seinen Stuhl rückend, »habe ich nichts dagegen, daß du dein Sprüchlein in gemeinem Deutsch sagst, wenn aber arme Schüler mit uns essen, so fordere ich des guten Beispiels wegen das angenehmere Latein, denn nicht umsonst will ich dich darin unterrichtet haben. Wie?« fuhr er erfreut fort, »sogar ein schönes Stück Fleisch? schade, daß ich das während der Schule nicht gewußt habe, denn unter meinen Schützen sind einige armselig.«

»Eßt es nur lieber selbst, Herr Vater, denn Ihr habt die größte Mühe.«

»Natürlich,« stimmte der Magister essend bei. »Der Lehrer darf sich auch nicht vergessen,« und behaglich fuhr er fort: »Im ganzen hoffe ich, Kind Anna, daß uns das Leben hier wohl gedeihen wird.«

»Beruft es nicht, Vater,« mahnte die Tochter, »wir kennen noch wenig davon.«

»Unsinn,« entschied der Magister vergnügt, »wir wissen, daß wir dreißig Schock erhalten und ziemliches Holz, wenn auch nicht ganz reichlich. Die Schulstube mag in Zukunft zu klein werden, aber unsere Wohnung ist hell und es ist eine ruhige Stätte. Der Hauswirt sagte mir etwas von dem Steinhaufen nebenbei, daß darin zuweilen Ungetüme poltern, ich aber merke, auch dies Geschlecht nächtlicher Schatten erweist seine Achtung vor dem Musensitz, welcher hier eingerichtet wird; wenigstens habe ich gestern, als ich am späten Abend in meiner Kammer las, von den Steinen her ganz wohlklingende Musik gehört. Wenn die Kobolde so artig zwischen dem Gestein umgehen, habe ich nichts dawider.«

Die Tochter sah finster auf den Teller, auch sie hatte die späte Musik gehört und mußte der Warnung gedenken, welche die Hauswirtin gleich in den ersten Tagen vertraulich gegeben hatte: »Hütet Euch zumeist vor den stolzen Knaben aus dem Artushofe. Denn diese werden leicht unverschämt. Wie sie zur Fastnacht als Teufel springen, so schwärmen sie auch des Abends in den Gassen und suchen Eingang durch Liebeslieder und Saitenspiel, wo ihnen eine Jungfer gefällt. Dann gibt es zuweilen Lärm mit den Wächtern und uns armen Weiblein entsteht üble Nachrede.«

Trotz dem weiblichen Widerwillen klang auch ferner aus den Steinen der zerstörten Burg das Spiel einer Laute; niemand wußte, wer der Spieler war, auch der Ratsdiener schüttelte unsicher den Kopf. Denn von Mauer und Graben umgeben lag der Burghof nahe am Strom zwischen Altstadt und Neustadt, den Schlüssel zu der einzigen Pforte bewahrte Lischke selbst, in der Dämmerstunde schloß er ab und sperrte die Trümmer für jedermann. Und obgleich er vertrauter mit den Schrecken des Platzes war als andere, hinderte auch ihn die Furcht vor den Unholden, in der Finsternis unter den Steinen zu suchen. Nur aus seinem Hofe hatte er einmal dunkle schwebende Schatten erkannt. Wer sich aber auch die Mühe gab, dort im Nachtwind die Saiten zu rühren, eines Gewinns konnte er sich nicht rühmen, denn das Haus verriet nicht, daß es sich um diese luftige Artigkeit kümmerte, kein Fenster wurde aufgesperrt, kein Licht erschien in der Nähe der Scheiben und kein Frauenkopf wurde sichtbar.

Georg öffnete zögernd die Pforte der Dominikanerkirche, um seine Buße an den Altären abzutun; er meldete sich, wie Brauch war, bei dem ab und zu gehenden Bruder Sakristan, dieser nickte gleichgültig mit dem Kopf, sah noch zu, wie der Büßer in einer dunklen Ecke an den Stufen des Altars niederkniete und verschwand dann in einem Nebenraum. Als Georg die dicke Weihrauchluft atmete, wurde ihm fühlbar, daß er im Hause und unter Herrschaft der Heiligen war, er faßte seinen Rosenkranz, neigte das Haupt und begann mit gutem Willen die Gebete. Aber die ehrfürchtige Stimmung hielt nicht vor, die Kugeln glitten langsam durch die Finger, er begann die Augen um sich zu werfen, starrte auf die künstlichen Blumen, welche die Landleute gestiftet hatten, auf den dunkeln Trauerbehang, der über den Altar gebreitet war, und ihm fiel der Handel ein und die Fäßlein mit Sekt, durch welche er sich die mäßige Buße verschafft hatte. Da kam ihm das Lachen an und zugleich ein Zorn gegen die Mönche. »Den Wein trinken Gregorius und Pankraz miteinander aus, möge er ihnen den Schlund verbrennen. Das ist nicht recht und wird nimmer recht. Wahrlich, die Heiligen gehen mit bösem Beispiel voran, wenn sie durch ihre Büttel, die Mönche und Pfaffen, Bestechung nehmen, wie manche unserer Herren vom Rat tun. Das meiste nimmt, wie man hört, der heilige Vater selbst, wenn er um Ablaßgeld die Türen des Himmels öffnet.« Er sah mißfällig auf eine arme Frau, die heranschlich, sich am nächsten Altar auf die Stufen warf und die Hände rang. »Das Weib kenne ich, ihr Sohn sitzt im Turme, weil er zur Fastnacht das Eisen schwenkte, um sich gegen die Schweinsblasen meiner Teufel zu verteidigen. Man sagt, der Hieb mit dem Flegel wird ihm die Hand kosten, gewiß schreit sie deshalb zu den Heiligen. Warum hob der Tor seine Waffe gegen Stadtkinder. Wäre er wie der Pole Pietrowski, so würde er frei ausgehen. Wohl dem, der reich ist, die armen Leute mögen sehen, wie sie in diesem und jenem Leben zurechtkommen. – Vielleicht kann ich dem Vater Gregorius einen Possen spielen. Ich weiß, daß er gern ein frommes Weiblein besucht, es wäre gut, ihm aufzulauern, wenn er einmal in der Dämmerung von ihr weicht.« Dieser Gedanke machte ihn eine Weile lustig, bis ihm einfiel, daß die Rachsucht an diesem Orte eine neue Sünde sei; und er fing wieder an, die Kugeln des Kranzes zu bewegen. Da vernahm er in seiner Nähe leisen Tritt, er sah auf, ob Vater Gregorius komme, sich an seiner Demütigung zu weiden, aber er drückte sich tiefer in die dunkle Ecke, denn an die Stufen des Altars trat eine verhüllte Magd, es war Jungfer Anna. Seine Andacht hatte ein Ende. Er blickte scharf nach dem holden Angesicht, das sich einst im Zorn über ihn gerötet hatte. Sie war ihm noch nie so schön vorgekommen; mit gefalteten Händen stand sie vor dem Altar, nicht gebeugt, wie sonst die Frauen pflegten, denn sie sah über das Kruzifix weg nach der Höhe, sie bewegte auch nicht betend die Lippen, sondern sprach ihre Bitte ganz still. Georg sah aus seiner dunkeln Tiefe zu ihr auf und ihm kam etwas wie Ehrerbietung vor solcher Andacht. »Sie hält sich auch vor den Heiligen fremdländisch,« dachte er; »ich höre, daß es Ketzer gibt, welche den Bildern die gebührliche Demütigung weigern,« und er erschrak bei dem Gedanken, daß sie zu diesen Verdammten gehören könne. Nicht zum erstenmal kam ihm die Sorge, denn er hatte bereits bemerkt, daß auch der Magister sich auffällig gegen die Werke der Pfaffen verhielt. Einst als während der Lektion auf der Straße das Glöckchen tönte und Georg mit den andern Schülern sich schweigend über die Bücher neigte, tat der Lehrer, als vernehme er nichts von dem Wandeln des Allerheiligsten, sondern erklärte die Worte Augur und Haruspex und erzählte aus dem alten Rom: wenn zwei solche Männer einander begegneten, vermochten sie sich des Lachens nicht zu enthalten. Und Georg dachte wieder, daß Gregorius und sein Geselle einander auch angeblinzt und gelächelt hätten, als der Wein in das Kloster gerollt wurde. Die aber jetzt vor ihm stand, war sicher fromm.

Als sich Anna vom Altar abwandte, erhob sich auch Georg, sah auf die liegende Frau und ging mit leisen Schritten zum Ausgang, wo er sich an dem Weihbecken aufstellte, ihm schlug das Herz und seine Verlegenheit war größer als seit lange, da er auf Anna zutrat. Das Mädchen fuhr zurück und sein furchtsamer Blick las in ihren Augen leider Schrecken und Abneigung. Mit stockender Stimme begann er: »Da ich wegen der neulichen Teufelei hier bin, um die Heiligen zu versöhnen, so möchte ich auch Euch, liebe Jungfer, bitten, daß Ihr mir verzeiht, wenn ich Euch in der Fastnacht kränkte, ich versichere Euch von Herzen, es reut mich sehr, daß ich Euch unhöflich an den Mantel gerührt habe.«

Anna wollte ihm streng entgegnen, aber weil er mit niedergeschlagenen Augen demütig vor ihr stand, antwortete sie nur: »Tut es Euch leid, so darf auch ich als Christin Euch verzeihen.«

»Reicht mir die Hand,« flehte Georg, »zum Zeichen, daß Ihr mir nicht mehr böse seid.«

Diese Gunst konnte ihm Anna nicht gewähren, obgleich er verschüchtert aussah; sie zog die Hand zurück und sprach hastig: »laßt mich gehen, Junker, redet nicht zu mir im Heiligtum und nicht auf der Straße, dann werdet Ihr mir besser gefallen; denn Ihr wißt selbst, Eure Nähe kann mir nicht frommen.«

Der arme Georg dachte, daß er gern in ihrer Nähe weilen und ihr sehr gern gefallen wollte und ihm kam ein verzweifelter Einfall. »Dennoch bitte ich Euch, mir einen Augenblick Gehör zu geben. Der Sohn jener Frau, welche dort vor dem Altare fleht, sitzt im Turme und ist in Gefahr, wegen desselben Fastnachtsfrevels seine Hand zu verlieren, weil er gegen mich und meine Gesellen die Waffe gehoben hat. Als ich Euch bei dem Altare sah, fiel mir ein, daß Ihr vielleicht der Frau helfen könntet. Denn wenn sie den Mönchen eine ansehnliche Spende opfert, so werden diese ein Fürwort beim Rate einlegen, weil der Sohn sich nur als guter Christ gegen solche gewehrt hat, die er für Teufel hielt. Ich darf der Frau die Anweisung nicht geben, denn die Mönche wollen mir nicht wohl und könnten sie ausfragen; darum flehe ich, sprecht Ihr zu der Armen.«

»Wenn die Mönche nur gegen Spende ihr Fürwort geben, wie kann ich der Frau helfen, da ich so wenig das Geld habe wie sie?«

»Gerade deshalb ersuche ich Euch, daß Ihr dieses hier in ihre Hand legt, damit sie es zum Opfer trage,« und er bot ihr ein großes Goldstück, ein Patengeschenk des Bürgermeisters, welches er als Opfer für sich selbst mitgenommen hatte.

Diese List Georgs erwies sich als Ungeschick, denn Anna trat zurück und lehnte mit einer Handbewegung das Geld ab. »Wenn die Mönche um Geld ihre Fürbitte gewähren, so ist dies ein Unrecht vor unserem lieben Gott, und mein Gewissen sagt mir, daß ich nicht dazu helfen darf. Wisset aber, Junker, daß es Eure Pflicht ist, nicht durch andere der Frau etwas in das Ohr sagen zu lassen, sondern selbst Mühe anzuwenden bis zum Äußersten, damit ihr Sohn entledigt werde. Unrecht ist es, wenn Ihr ertragt, daß der Arme Euretwegen in Not kommt, denn jedermann wird sagen, daß Ihr schuld seid an dem Unglück des Bäuerleins.« Sie nahm ihr Gewand zusammen und verließ das Heiligtum.

Georg sah ihr betroffen nach und murmelte: »Mich soll's nicht wundern, wenn ihr im Rücken zwei Flügel herauswachsen.« Er trat hinter den Pfeiler und überlegte, endlich schlich er mit unhörbarem Tritt in die Nähe des Altars, an dem die Frau noch immer jammervoll über ihrem Rosenkranz kauerte. Plötzlich vernahm diese eine flüsternde Stimme von der Seite über sich: »Weib, willst du Gnade finden, so wandle von hier zu dem frommen Bruder Gregorius, flehe ihn an, daß er beim Rate für deinen Sohn spricht. Denn der Teufel geht umher wie ein brüllender Löwe, und dein Sohn ist nur in Not gekommen, weil er als frommer Christ gegen einen Teufel das Messer gezückt hat. Damit die frommen Väter erkennen, daß die Heiligen dir gnädig sind, so empfange hier, was du der Kirche opfern sollst.« Ein großes Goldstück fiel klirrend auf die Stufen des Altars. Das Weib, welches bei dem ersten Laut sich niedergestreckt hatte, fuhr auf, als das Metall klang und faßte das Gold, hob es entzückt gegen den Altar, sprang auf und lief dem Kloster zu. Georg aber stahl sich schnell nach Hause: »ich hoffe, Bruder Gregorius merkt nicht, daß ihm von der einen Seite abgeht, was ihm von der andern zukommt. Wenn ich meine Büchse ausfege, finde ich immer noch, was mich zur Not von den Habgierigen löst.«

Die Frau stammelte vor den Mönchen einen verwirrten Bericht von der himmlischen Stimme, die sie gehört und von dem Engelsantlitz, das sie einen Augenblick über sich am Altare gesehen, sie wiederholte, so gut sie vermochte, die Worte und bot das Geld. Die Mönche schüttelten den Kopf, erforschten das Weib kreuz und quer und prüften das Goldstück. Da sie sahen, daß die arme Frau nicht täuschen wollte, so überlegten sie, wer der Geber sein könne und es ist wohl möglich, daß sie auf Georg rieten. Aber sie erkannten auch, daß der Vorfall wunderlich und ihrem Kloster nützlich sei, darum beschlossen sie nach langer Erwägung, die Sache mit Vorsicht auf sich zu nehmen, und geleiteten die Frau nach dem Rathause. Dem Rat gefiel im Grunde gar nicht, daß die Predigermönche durch ein Wunder die Stadtjustiz hindern wollten, auch erschien ihm seltsam, daß die Heiligen mit dem Goldstück sich gewissermaßen selbst ein Geschenk machten. Dennoch wurde die Fürbitte des Pater Gregorius mit Achtung angehört; denn dieser sprach bescheidener als wohl sonst und stellte die Angelegenheit gänzlich der Weisheit des Rates anheim. Zuletzt wurde, nachdem die Mönche abgetreten waren, die Sentenz gefällt, daß das Bäuerlein seine Hand auf den Klotz legen, und daß Hans Buck, der Scharfrichter, die Schneide des Beils darüberhalten und dann wegziehen solle, damit der Bauer gnädiges Recht erhalte und die Unehre fühle, doch ohne Leibesschaden.

Konrad Hutfeld sah genau auf das Goldstück, bevor es in die Kutte der Mönche fiel, doch schwieg er und billigte den Beschluß. Nur der Stadtschreiber Seifried wollte seine Verachtung nicht bergen, als er am Ende halblaut frug, ob er den Vorfall unter der Rubrica Gaunerei oder Gewalttat gegen den Rat in das Stadtbuch eintragen sollte, und erst ein strafender Blick des Burggrafen wandelte ihm die spöttische Miene. Die Thorner liefen in hellen Haufen zu, um Hans Buck mit seinem Beil zu sehen; die Predigermönche aber hatten den größten Vorteil, denn um den Altar, auf welchem das Engelsgold aufgestellt wurde, war seitdem ein Gedränge von Betenden und alle, die in Not waren, lauschten nach dem Klange eines Geldstücks. Doch der Engel hatte keines mehr, das er zu werfen vermochte.

Georg ging am nächsten Tage zufrieden in seine Schule, er sah nach dem Zeiger der Uhr auf St. Johannes, um ein wenig vor der Zeit einzutreffen. Denn er hatte bereits gemerkt, daß Anna zuweilen vorher im Museum des Vaters beschäftigt war; entwich sie auch schnell, wenn ein Schüler nahte, so hatte er doch bei solcher Gelegenheit die Freude, sie zu grüßen und in ihre Augen zu sehen. Auch heut glückte es ihm, denn Anna trat aus dem Raume, als sie seinen Tritt auf der Treppe hörte; aber als er ihr mit höflichem Gruß zu sagen wagte: »dem Bauer ist es wohl gelungen, er hat seine Faust gerettet,« da versetzte sie traurig: »wenn Ihr meinen Vater fragt, wird dieser Euch sagen, daß es vielleicht noch größere Sünde war, den Engel zu spielen als den Teufel.«

»Der Junge ist doch mit seiner Mutter ganz voll von Met und Bier aus der Stadt gefahren, mit Semmeln und Würsten beladen, die ihm als Ehrengeschenk wegen des Wunders von den Leuten zugetragen wurden.«

»Ein anderer aber hat das Heiligtum gemißbraucht zu losem Streich und die Mönche und Stadtleute in falschem Glauben bestärkt, und er trägt die Verantwortung, wenn die Seelen in ihrem Irrtum verhärtet werden.« Damit ließ die Eifrige den Verdutzten stehen. Er schlug auf den Pfosten der Treppe, auch seinerseits unwillig und dachte: »ihr ist nichts recht; nie habe ich eine Jungfer gekannt, welche eine so scharfe Bürste führt. Ich weiß nicht, warum ich mich um sie kümmere, es gibt wohl noch andere, welche freundlicher gegen mich sind.«

Er bestand den Tag schlecht in der Lektion und die ärgerliche Gemütsstimmung hielt bis zum Abende an. Denn als Anna spät in ihre Kammer kam, hörte sie wieder die Laute aus dem wüsten Gestein eine bekannte Weise spielen und sie vernahm zum erstenmal, daß der Lautenspieler auch zu singen vermochte, – nicht schlecht – die Worte klangen undeutlich, aber ihr war wohlbekannt, daß sie lauteten: »Ich armes Käuzlein kleine, wo soll ich fliegen hin, ich muß mich von dir scheiden, ganz traurig ist mein Sinn, es geschah mir nie so Leides. Ade, ich fahr' dahin.«

Da setzte sie sich auf das Bett, schlug die Arme übereinander und sang den letzten Vers leise vor sich, so daß niemand als sie selbst etwas davon vernehmen konnte: »Ade! er fährt dahin. – Ich merke, er wird nicht wiederkommen,« sagte sie, indem sie ihr Haar löste und in Gedanken die langen braunen Flechten durch die Finger gleiten ließ.

Es blieb auch wirklich mehrere Abende still, und Anna dachte jedesmal, wenn sie zur Nacht ihr Haar aufband: es ist gut, daß der Gesang zu Ende ist. Aber die Zufriedenheit dauerte nicht lange, denn am nächsten Sonnabend, als sie in ihre Kammer getreten war und gerade vor sich hinsummte: »Ich armes Käuzlein kleine,« wurden die Geister wieder unruhig, und diesmal erklang nicht nur die Laute, sondern auch die Pfeife und ein Bassettel. Sie sprang vom Bett und eilte an das Fenster, aber sie fuhr sogleich zurück und dachte ärgerlich, daß sie die Dreistigkeit ruhig ertragen müsse. Da rührte sich's auch im Museum und der Magister rief in den Flur hinaus: »Hörst du die Geister lärmen, mein Kind? Einer spielt gar das Bassettel.«

»Ich höre, Vater,« antwortete Anna bekümmert, »was werden die Leute sagen?«

»Sie werden wohl wieder ein Wunder daraus machen,« versetzte der Magister in guter Laune, »kannst du dir denken, was die Musika soll?«

»Ich weiß es nicht, Herr Vater, wir sind ja fremd hier.«

»Das ist richtig,« sagte der Magister. »Sollten unter meinen Schülern einige sein, welche mir und dem Museum zu Ehren dies Nachtstück aufführen? Das war sonst nicht die Art meiner Schützen; aber jede Stadt hat ihre Bräuche, und ich habe unter ihnen bereits zwei Musensöhne zur Strafe notiert, welche ihre Lust so wenig bezwingen konnten, daß sie während der Lektion auf einem Kamme bliesen.«

»Vater, ich glaube nicht, daß diese es sind.«

»Jedenfalls muß der mit dem Bassettel ein starker Gesell sein; ich möchte wissen, wie sie das Instrument über Wasser und Steine hinaufgebracht haben.«

Unten bellte ein Hund, die Hoftür öffnete sich und der Ratsdiener drang in den Hof in nächtlicher Tracht mit einer großen Schlafmütze und einem Feuerrohr, hinter ihm seine Frau, welche die Laterne hielt, aber den mutigen Gatten am Bund seiner Beinkleider zurückzog. »Wer erkühnt sich, wer unterfängt und wer unterwindet sich, den Frieden der Nacht zu stören?« frug Lischke gegen das Gemäuer, doch hörte man seiner Stimme die Aufregung an. Er rief umsonst, die geisterhaften Musiker fuhren fort, ganz versunken in ihre Kunst, die liederliche Weise zu spielen: Wer hier mit mir will fröhlich sein, das Glas will ich ihm bringen, trink, mein liebes Brüderlein, so wird dir's wohl gelingen. Der Ratsbote, welcher sich bis dahin hinter dem Zaun des Gartens gedeckt hatte, drang kühn noch einen Schritt vor und rief wieder gegen die wüste Stätte: »seid still oder ich feuere,« und er hob sein Rohr. Da schwieg die Musik einen Augenblick und eine hohle Stimme tönte gewaltig zurück: »Der Rat hat alles Schießen in der Stadt verboten,« und sogleich ging der Lärm weiter. Lischke setzte verdutzt das Rohr ab und sagte, sich zu seiner Frau umwendend: »Sie wissen Bescheid und sie haben recht.«

Oben lehnte sich der Magister zum Fenster hinaus und lachte laut: »Laßt sie gewähren, Herr Hauswirt, ich freue mich der Ehre,« und er rief ihnen den Vers eines lateinischen Dichters hinüber, in welchem die stygischen Schatten aufgefordert werden, sich in den Orkus zurückzuziehen.

Das Erscheinen des Magisters und die lateinische Beschwörung bewirkten, was dem Ratsdiener nicht gelungen war, die Musik verstummte plötzlich. Die Lauschenden vernahmen nur noch den Abendwind, der über den Strom wehte und sahen nichts als ragende Trümmer und oben die kleinen Sterne, welche durch die Wolken blinzten. Der Hund bellte noch einmal gegen die Ruinen und Lischke ging laut scheltend in das Haus zurück. Der Magister schloß zufrieden das Fenster. »Den Virgil vermochten sie nicht auszuhalten, er hat sie verscheucht; er soll noch manchem von ihnen schrecklich werden.«

Anna aber sprach in der Kammer zu sich selbst: »das kann und darf nicht so fortgehen und es muß dem Dreisten verboten werden. Doch gegen den Vater traue ich mich nicht davon zu reden, da ich doch nichts Sicheres weiß und ich fürchte seine Heftigkeit.« Da kam ihr wieder der Rat zu Hilfe. Denn die trotzigen Neustädter, welche weniger Mitleid mit nächtlichen Musikanten hatten als die in der Altstadt, und außerdem jetzt durch die Erscheinung von Teufeln und Engeln aufgeregt waren, trugen eine Klage über Unruhe in dem verwünschten Schloß aufs Rathaus; und weil der Rat sich um alles kümmerte, was das Gemüt der regierten Bürgerschaft aufregen konnte, so wurde Lischke als Hüter der Stätte ernsthaft ermahnt, dies Getöse junger Gesellen zu stillen. Als der Diener nach Hause kam, war er wegen der Ermahnung widerwärtig gegen seine Frau und sprach strafend: »ihr Weiber fürchtet die Geister, wo gar keine zu finden sind, auch der Rat meint gerade wie ich, daß es nur Unruhstifter sind und sie sollen den Ernst erkennen.« Das klagte wieder Frau Lischke gegen Anna: »Meiner ist ganz wild und der Rat hat ihm erlaubt, wenn sie nicht gutwillig weichen, das Rohr zu gebrauchen; wandeln sie in Fleisch und Bein, so mögen sie den Schaden tragen. Selbst wenn Georg König zu ihnen gehört.«

Anna frug erschrocken: »warum denkt Ihr auf diesen?«

»Weil er bei jedem Schabernack geschäftig ist,« versetzte die Wirtin, »und schlimmer als andere im Gassieren und Anlachen der Mädchen und Frauen.«

Die Miene Annas wurde sehr streng, und die Wirtin, welche selbst eine zierliche Frau war, fuhr verschämt fort: »Auch Euch hat er gekränkt und Ihr seid nicht die einzige, denn voriges Jahr beim Vogelschießen wagte er sogar im Vorübergehen seinen Arm um mich zu schlingen und ich glaube, er hätte mich geküßt, wenn ich mich ihm nicht entwunden hätte. Doch durfte man ihm das nicht so übel deuten, denn er war gerade frohen Mutes, weil er einen glücklichen Schuß getan hatte. Und die Bürger halten ihm auch mehr zugute als anderen.«

Da erkannte Anna aufs neue, daß der Schüler ihres Vaters ein gefährlicher Hausgast war, den ein Mädchen sich fernhalten mußte; sie hatte die Absicht gehabt, der Wirtin eine vertrauliche Warnung für Georg anzuempfehlen, aber die Art, in welcher Frau Lischke von der Dreistigkeit des Gesellen gesprochen hatte, mißfiel ihr heimlich, und sie bedachte seufzend, daß sie selbst ihm die Musik wehren müsse. »Noch dies eine Mal rede ich mit ihm und nicht wieder.«

Deshalb geschah es, daß sie ihm begegnete, als er in die nächste Lektion kam, und da er sie mit leuchtenden Augen grüßte, begann sie leise: »Mein Vater und ich sind fremd hier, und es liegt uns daran, die gute Meinung der Thorner zu gewinnen; wir werden sie aber verlieren, wenn in den wüsten Steinen neben uns zur Nachtzeit Musik gemacht wird, wie seither öfter geschah. Da Ihr in der Stadt wohlbekannt seid, so werdet Ihr für die Ruhe und den guten Ruf meines lieben Vaters und aller Hausleute sorgen, wenn Ihr den Anstifter erkundet und ermahnt, daß er unsern Nachtfrieden nicht mehr stört.«

Georg sah zu Boden, endlich frug er ergeben: »Sagt mir nur, ob Euch das Lautenspiel auch lästig wäre, wenn es von niemanden vernommen würde als von Euch allein.«

Anna erschrak über die dreiste Frage und antwortete tonlos: »Ja.« Da zuckte ein so tiefer Schmerz über sein Gesicht, daß sie fast die kurze Antwort bedauert hätte, er wich zurück und sprach mit mühsam gedämpfter Bewegung: »Die Musik soll Euch nicht mehr stören.« Gern hätte sie ihm für die Bereitwilligkeit gedankt, aber sie fand nicht Worte und schied mit stummem Gruß.

Seitdem hielten die Geister Ruhe und Lischke triumphierte über ihre Furcht. Georg aber stampfte mit dem Fuße heftig auf den Boden, als er die Schule verließ: »Es gedeiht nimmer zwischen ihr und mir und ich will gar nicht mehr an sie denken.«

Bevor er seinen Entschluß ausführte, beschwerte er sich noch einmal bei seinem Vertrauten Philipps: »Sie spricht anders und sie hält sich anders wie unsere Mädchen.«

»Sie ist aus Kursachsen,« erklärte Lips.

»Sie hat auch andere Gedanken. Keine unserer Jungfern hat so stolzen Sinn und so vornehme Art.«

»Soll ich dir meine Meinung sagen,« entschied Lips, »sie ist eines Magisters Kind, Topf wie Kessel, sie ist eine Schulmeistersche.«

»Dir stände besser an,« rief Georg, »wenn du sie mit einer Herzogin verglichst.«

»Eine Herzogin, die ich gesehen habe,« antwortete Lips, »trug einen Schleppenpelz und blies über beide Achseln. Das ist nicht nach meinem Gefallen. Wie ich gewachsen bin, so tanze ich. Mir ist die Jungfer am liebsten, die mich haben will, so wie ich bin.«

»Sie gleicht einem Heiligenbilde,« klagte Georg wieder, »kannst du dir ihre Augen denken, daß sie holdselig anlachen, kannst du ihren Mund denken, wie er küßt? Und kannst du dir denken, daß sie abends die Tür öffnet?«

»Warum nicht,« versetzte Lips.

Da aber fuhr Georg zornig auf ihn los. »Willst du an so etwas denken?«

»Das ist ja deine Sorge,« entschuldigte sich Lips. »Aber darf ich dir einen Rat geben, denke auch du nicht mehr an die Fremde, denn sie macht dich ärgerlich. Und wenn meine Geige bei der nächtlichen Reise über Graben und Mauer zerbricht, dann werden alle Ständchen in Thorn ein jämmerliches Ende finden. Darum sage ich, schlag' sie dir gänzlich aus dem Sinn.«

Das versprach Georg aufs neue. Und es wäre ihm vielleicht gelungen. Aber die Jahreszeit war dazu nicht geeignet. Es kam ein Mai, so lind und froh, wie er im Nordlande seit Menschengedenken nicht gewesen war. Die Vögel sangen wunderschön, die Sonne lachte und die Bäume blühten, alle Locken flogen in dem warmen Hauch, durch alle Sinne drang die Wonne des Frühlings in die Seelen und die jungen Gesellen und die Mädchen schwangen sich in Wohlgefühl und Überkraft dahin wie zum Tanze. Das war keine Zeit einen roten Mund zu vergessen und zwei tiefblaue Augen, und am wenigsten wollte das ihm gelingen, der jeden Tag in die Gefahr kam, die Geliebte wiederzusehen. Oft wenn Georg unglücklich darüber grübelte, daß eine, welche schöner war als alle andern, ihn in der Stille mit Abneigung betrachtete, fielen ihm die Worte ein, mit denen sie ihn gescholten hatte, dann sprang er leicht wie ein Ball über die Gasse und rief: »Solch hohen Mut und solch redliches Herz gibt es nicht weiter auf Erden,« und war auf kurze Zeit so froh, als ob ihm die fremde Jungfrau einen Kranz von Rosen aufgesetzt hätte. In der Schule aber war er in dieser Zeit nicht gerade lustig und hielt sich stiller als sonst. Aus diesem Benehmen erriet Anna endlich, daß es nicht mehr nötig war, ihn durch Strenge abzuschrecken, und sie vernahm auch ohne Widerwillen, wenn der Magister einmal Georgs Vortrag lobte. Denn der Magister ließ seine Patrizier gern Reden aus dem Livius memorieren und vortragen. Dann ergriff er seinen Stock und setzte sich mit übergeschlagenen Armen vor sie hin. »Hier sitzt euer Konsul Fabricius. Da ihr dereinst als Oratores vor dem polnischen Senat eure Worte stellen sollt, so sorgt jetzt, daß ihr vor dem römischen Rate wohl besteht.« Wenn nun Anna in Küche und Flur beschäftigt war und die Stimme Georgs hörte, so unterbrach sie die Arbeit, um zu vernehmen, ob er auch gewichtig und ohne Stocken die schweren Worte herausbrächte, ja es geschah, daß sie die Küchentür öffnete und harrte, bis er an die Reihe kam. Dann stand sie an dem Pfosten gelehnt und lauschte mit vorgebeugtem Haupt, und wenn der Magister zuletzt urteilte: satis bene, flog ein Lächeln über ihr Gesicht und sie nickte zufrieden.


 << zurück weiter >>