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Das Lippe-Thal.

it Nordkirchen sind wir auf das Gebiet der Lippe übergegangen, obwohl hier und in Cappenberg, dem Punkte, der uns zunächst wegen seiner Lage und seiner Geschichte anzieht, noch im Münsterlande. Wir wandern von Nordkirchen gen Süden durch Waldung und über Hügelreihen, bis die Höhe von Cappenberg uns in eine Gegend von ganz verschiedenem Charakter versetzt. Die Natur scheint reicher hier, die prächtige dunkle Kastanienallee zur linken Seite der Abtei läßt uns in eine tiefe Waldschlucht hinabblicken, unten in dem Thale mit seinen Gebüschen und holzreichen Fernen sehen wir Gruppen alter Eichen, Wiesen, ruhende Heerden, so malerisch, daß wir an Ruisdaels Bilder gemahnt werden. Die Aussicht oben vom Balkone des Gebäudes selbst ist so schön, die Landschaft so reich und warm, daß wir ein Stück des »merry Old England« vor uns zu haben glauben und auf den Richmond-Hügel in Surryshire uns versetzt wähnen können.

Betreten wir den Schloßhof: eine Rasenfläche mit Blumenparterres und ausländischen Stauden füllt ihn, ringsumher liegen Gebäude, dahinter, dem Eingang gegenüber, die Abteikirche und wie mit weiten Flügeln sie beschützend das Hauptgebäude, hoch, geräumig, aber ohne architektonischen Schmuck.

Cappenberg war einst eines der reichsten Klöster Deutschlands. Früher als sächsische Feste von Karl dem Großen besetzt, wurde sie darauf der Haupthof einer Grafenfamilie, die, nach aufgelöstem Heerbann, mit ihrem Gefolge von Dienst- und Lehnsmannen von bedeutendem Gewicht in den Wirren der Sachsenkriege mit Heinrich IV. wurde. Aber obwohl ihre Stellung sie zu Fehden und Blutvergießen zwang, hatte doch seit je ein frommer Sinn in ihrem Hause geherrscht: Graf Hermann ward sogar als Wunderthäter geehrt; in seinen Enkeln Gottfried und Otto, den letzten Grafen, kehrte erhöht die Denkart Hermanns wieder; sie entsagten allem, was die Geburt ihnen gegeben, dem unermeßlichen Reichthum, dem Glanze ihrer Verbindung mit dem Geschlechte der fränkischen und hohenstaufischen Kaiser (ihre Mutter Beatrix war eine Hohenstaufentochter, Otto hob als nächster Schwertmage den hohen Rothbart über die Taufe), und machten ein Kloster aus ihrer festen schönen Burg. Das ist eine merkwürdige Geschichte, die uns lebhaft in die Zeiten zurückversetzt, wo ein Peter von Amiens, ein Fulco von Neuilly auf ihren Eseln die Lande durchzogen, um die Idee der religiösen Hingebung zur rücksichtlosen Aufopferung von Gut und Blut zu steigern, wo der Himmel in enger Wechselbeziehung mit der Erde seine Boten zu ihr hinab sandte, wie sie seine Diener zu ihm hinauf.

Die Knaben Gottfried und Otto wurden mit zwei Schwestern und einer Base Gerberge von einem Priester Wichmann in strenger Gottesfurcht erzogen. An dem südlichen Abhange des Berges, den ihre Stammburg krönte, stand von schattigen Buchenwipfeln überzweigt eine Kapelle der heiligen Jungfrau: dorthin führte der Lehrer die Kinder, wenn sie in's Freie schweifen wollten, und fesselte durch seine Legenden von der minniglichen Königin der Engel ihre jungen Herzen. Als sie erwachsen waren, nahm die Base Gerberge im Kloster unsrer lieben Frauen zu Münster den heiligen Weihel; Gottfried aber nahm, als er Graf geworden, die schöne Jutta von Arnsberg zum Gemahl und führte sie unter glänzenden Ritterspielen auf Cappenberg ein. Er liebte sie und ließ sich dort von ihr fesseln, bis der Name des großen Norbert, der in Köln eingezogen war, ihn in die heilige Stadt am Rheine lockte. Es war im Jahre 1122, als Graf Gottfried die Predigt des wunderbaren Mannes anhörte, der, die Flammen eines Apostelgeistes ausathmend, durch den Hauch seiner Rede das fromme Herz des Gebieters von Cappenberg wie weiches Wachs zerschmolz. Gottfried war frohen Muthes, mit hochflatterndem Zimier in das Thor der vielthürmigen Stadt eingeritten; er verließ sie gesenkten Hauptes und mit vom Sündenbewußtsein beklommener Brust: er wollte aus seinem Hause ein Kloster stiften, und all sein Gut dazu thun und selbst ein Mönch werden und sein Weib von sich senden; er muß ein starker Mann gewesen sein, als er es der blonden Jutta sagte. Anfangs lachte man seines Planes, dann wurde Otto, sein Bruder, heftig; Jutta weinte; und als er dennoch darauf bestand, da, sagt der Chronist, hatte der arme Gottfried viel zu leiden, der Bischof Theodorich von Münster schalt es Unsinn, das Stift der besten Markburg zu berauben, Gottfrieds Diener begannen an ihres Herrn Verstande zu verzweifeln, und die Vasallen, die wohl ihre beiden Hände beim Homagium einem jungen Helden, einem Sohne Wittekinds kniend in die seinen legen, aber nicht vor feisten Mönchen sich bücken wollten, sagten geradezu, er sei wahnsinnig geworden. – Aber waren die Menschen auch dem frommen Beginnen entgegen, Gottfried blieb standhaft und gefestet durch höhere Offenbarungen. Der Base Gerberge, die unterdeß Abtissin geworden, war im Traum ein glänzender Jüngling erschienen und hatte ihr in's Ohr geraunt: »Wie schön wäre Cappenberg zu einem Gotteshause!« Durch die Säle von Cappenberg selbst schritt nächtlich der heilige Augustinus, als wolle er Besitz ergreifen für die Kirche. Endlich ritt eines Tages ein schlichter Mönch auf einem Esel in den Burghof ein. Der Thorwart hätte gewiß die Zugbrücke vor ihm aufgezogen, hätte er das graue Männlein gekannt; aber er errieth zu spät, wen er eingelassen, als er seinen Gebieter in namenloser Freude ihm entgegeneilen sah: es war Sankt Norbert selbst, der also demüthig angeritten kam. Damit war die Sache entschieden: der schlichte Mann hub an zu predigen und siehe, die widerstrebendsten Gemüther wurden weich und über den zornigen Otto selbst kam der Geist, daß er seines Bruders Eifer zu überstürmen schien. Nur der armen Jutta mußte die Einwilligung abgedrungen werden. Den Bischof Theodorich stimmte ein Verweis seines Metropoliten von Köln um, und so gab denn auch er seine Einwilligung und weihte mit großer Feierlichkeit unter der Assistenz des Heiligen als ersten Propstes das Schloß den Prämonstratenser-Mönchen zum Kloster ein, trotz des Tumultes der hörigen Leute, welche die Mönche verjagen und Gottfried als Wahnsinnigen gefangen nehmen wollten. Ein Frauenkloster ward zu gleicher Zeit am Fuße des Berges errichtet, das Jutta, Beatrix, die Schwester Gottfrieds, und eine Adelheid, Gräfin von Oldenburg, bezogen.

Zu jener Zeit aber war ein wilder gewaltsamer Mann in Westphalen, aus dem Geschlechte der alten Grafen von Westphalen zu Werk, mächtiger noch, als die Grafen von Cappenberg; es war Graf Friedrich der Streitbare von Arnsberg, dessen Faust mit dem Schwerte verwachsen schien, dessen Burgen nicht stille wurden von dem Jammern Bestrickter in seinen Verließen. Der gerieth in großen Zorn, als er vernahm, was auf Cappenberg sich begeben, daß man seine Tochter Jutta in's Kloster gesteckt und daß die Kirche haben sollte, was jener als Witthum ausgesetzt war: mit Rossen und Reisigen lag er eines schönen Morgens vor dem neuen Kloster, und drohte, er wolle den heiligen Norbert mit sammt seinem Esel an einen Wagbalken aufhängen, um zu sehen, wer schwerer sei. Die Mönche oben, die Norbert von Prémontre herübergeholt hatte, bereiteten sich zum Tode vor, denn daß man rasch die Thore verriegelte und die Zugbrücken aufzog, versprach wenig Schutz, weil keine streitbaren Männer da waren, auf den Mauern zu stehen. Nur Gottfried blieb ruhig: er trat seinen rauhen Schwiegervater an und sagte ihm keck in's Gesicht: »Ihr scheint zu glauben, Ihr wäret im Mittelpunkte der Welt und alles müsse nach Eurem Willen sich um Euch bewegen; der liebe Herrgott selbst ist vor Eurem Schwerte seiner Güter nicht sicher. Was macht Ihr aus allem, was Ihr Euer Eigen nennt? wie seid Ihr mit der einzigen Tochter Eures Bruders verfahren, so Ihr grausam unter Schloß und Riegel habt gehalten?« Dann schüttelte er ihm den Bart und sprach: »Lieber Herr! Ihr seid jetzt noch ein großer reicher Mann, ein Fürst der Welt, aber Euer Haar und Eure Wangen sind gebleicht, mögt wollen oder nicht, auch Ihr müßt sterben und den steifen Nacken in den Staub beugen. Bestellt Euer Haus, daß Ihr nicht jenseits zu den Untersten gerathet.« Friedrich lachte, aber er zog ab mit seinen Gesellen und wandte sich an den Kaiser; dieser jedoch bestätigte 1123 die Stiftung und Gottfried konnte eine Zeitlang ruhig der Vollendung seines Werkes leben. Er warf den gräflichen Schmuck von sich, nahm die Tonsur, pflegte der Kranken, betete in Thränen gebadet; in halb ritterlicher, halb mönchischer Kleidung schritt der schöne kräftige junge Mann mit großen leuchtenden Augen ( oculis stellantibus) voller Anmuth, voll süßer Gabe der Rede, durch die Reihen seiner Mönche, die ihn wie einen Heiligen verehrten. Als ihm einer derselben klagte über die Strenge der Disciplin, da sprach er: »wißt Ihr, was die Fährleute thun, so über den Rhein setzen wollen? Sie stoßen den Kahn eine gute Strecke stromaufwärts von dem Orte ab, an dem sie jenseits landen wollen, und doch haben sie Mühe, mit guten Ruderschlägen das Ziel zu erreichen.« Der heilige Norbert sagte von Gottfried, wie man sage, daß ein abgehetzter Hirsch einen andern für sich aus seinem Lager austreibe, und dieser nun für ihn vor der verfolgenden Meute seinen Lauf beginne, so habe ihm, dem Müden, die Vorsehung den Grafen Gottfried erweckt.

Unterdeß hatte Jutta still in ihrem Klösterlein die Tage verlebt, bis sie plötzlich von einem Ritter, den die Chronik Franco nennt, entführt wurde. Gottfried sah den Räuber und stürmte ihm, wie er war, wehr- und waffenlos nach; als er ihn eingeholt, da legte jener die Lanze ein und wollte ihn durchbohren; aber betroffen von der Ruhe des Grafen, der ihm fest entgegentrat, wandte er still sein Roß und ritt mit seiner Beute weiter. Gottfried griff nun zu dem verlassenen Waffengeräthe wieder und hub sich mit Allem, was von Mannschaft um ihn war, in den Stegreif. Doch erst über dem Rheine holte er Franco wieder ein und brachte Jutta in ihre Clausur zurück: aber als er heimkam, da war noch eine Taube mit einem Myrthenzweige aus der Arche geflogen und kam nicht gleich jener zurück; seine Schwester Beatrix war von einem Ritter von Erpenrode entführt. Im Jahre 1125 zogen Gottfried und Otto nach Prémontre und ließen sich mit großem Pompe zu Akoluthen im Orden einweihen, legten die Gelübde ab und lebten nun ganz der Erfüllung klösterlicher Pflichten. Sie stifteten noch sieben Gotteshäuser aus ihren zerstreuten Gütern, von denen übrigens die Bischöfe von Mainz, Köln und Münster große Stücke an sich rissen; zwei Schlösser und Ortschaften tauschte Herzog Friedrich von Schwaben von seinem frommen Vetter für Reliquien ein.

Die reiche Erbschaft des Grafen von Arnsberg, der, wie die Mönche erzählten, zur Strafe plötzlich über Tafel aus einander geborsten sein soll, schlug Gottfried aus: was bedurfte er des Reichthums? seine Nahrung bestand oft Tage lang aus Wasser und Brod: schon früher hatte Gottfried gesagt, er gäbe nicht eine Feder seines Helmes für all den Reichthum seines Schwähers. – »Wahrhaftig, Bruder, was soll ich dir weiter sagen, dieser Mann saß auf festem Grunde,« pflegte ein alter Mönch zu sprechen, wenn er, der in seiner Jugend den Grafen gekannt, nach ihm gefragt wurde. –

Es war in einer der letzten Nächte des Jahres 1126 als die Abtissin Gerberge, die stets mit besonderer Liebe an dem Vetter gehangen, plötzlich die Thür ihrer Zelle sich öffnen sah und der fromme Graf vor ihr Lager trat: erstaunt richtete sie sich auf: es glänzte ein goldnes Diadem auf seiner Stirne, ein wunderbares Leuchten ging von seiner Gestalt aus, sie fragte: »wie gehst du so gekrönt einher?« Da antwortete er: »ich bin ohne Gericht in den Palast des großen Königs aufgenommen und wie seinen Sohn hat er mich gekrönt mit dem Diadem seliger Unsterblichkeit,« und auf seiner Krone las sie die Worte: »der Herr hüllte mich in das Kleid des Heiles und schlug um mich den Mantel der Seligkeit und setzte wie einer Braut die Krone mir auf.« Darauf verschwand die Gestalt: bald nachher aber kam die Kunde, zu Ilmstedt in der Wetterau sei in jener Nacht Graf Gottfried in seinem dreizigsten Jahre in seines Bruders Otto Armen verschieden. Er ward zu Ilmstedt, einer Norbertiner-Propstei, die er gestiftet, begraben und in die Zahl derjenigen gerechnet, welche die Kirche beati nennt; später ließ sein Bruder die Hälfte seiner Hülle nach Cappenberg bringen. Das Denkmal über seinem Grabe zu Ilmstedt findet sich abgebildet in Möllers Sammlung der merkwürdigsten altdeutschen Baudenkmale. Eine schöne silberne Schaale, ein Pathengeschenk von Friedrich Barbarossa, ist nach der Aufhebung des Klosters an die Großherzogin von Weimar gekommen, wo Göthe sie lithographiren ließ und an mehrere Gelehrte sandte, um deren Ansichten über ihren Ursprung zu erfahren. Cappenberg ward 1803 säcularisirt: der Geist ihres Stifters ruhte nicht mehr auf ihren im Wohlleben entarteten Bewohnern und es war Zeit, daß des streitbaren Arnsbergers Prophezeiung sich erfüllte: »solche Burg kann nimmer der feige Mönch bewohnen, man wird sie einst wieder von dannen treiben und ein edler Ritter wird ihre Stelle einnehmen.« Dieser edle Ritter war der Reichsfreiherr von Stein, »der deutschen Ehre Eckstein«, der das alte Besitzthum Graf Gottfrieds als eine neu errichtete Standesherrschaft zur Dotation vom Könige Friedrich Wilhelm lII. erhielt. Stein hatte schon früher seine Wirksamkeit Westphalen gewidmet. Er wurde 1784 zur Leitung der westphälischen Bergämter und der minden'schen Bergcommission berufen und nahm seinen Wohnsitz in Wetter an der Ruhr. Daneben wurde ihm auch die Aufsicht über das Fabrikwesen in der Grafschaft Mark übertragen. Durch diplomatische Aufträge wurde er im folgenden Jahre diesem Kreise wieder entführt; im November 1788 kehrte er jedoch zurück als Director der Kriegs- und Domänenkammern zu Kleve und Hamm und besonders mit der Leitung des Fabrikwesens, dem Wasserbau am Rhein und an der Ruhr und dem Wegebau beauftragt. Das größte Verdienst, welches er sich während seiner Wirksamkeit in Hamm erwarb, war die Vollendung der seit Jahren bereits in Angriff genommenen Schiffbarmachung der Ruhr, um den Salzreichthum und die Kohlen der Mark den Niederlanden zuzuführen. Stein bereiste, bevor er Hand an das große Unternehmen legte, Salinen in Süddeutschland, den Neckar und mehre schiffbar gemachte Flüsse in Südfrankreich. Sogar an eine Verbindung von Ruhr und Lippe durch eine Wasserstraße dachte er. Außerdem sorgte Stein während seiner vierjährigen Amtswirksamkeit für die Herstellung von 20 Meilen neuer Chausseen in der Grafschaft Mark, wobei er das Werk mit einem Eifer betrieb, daß er bisweilen bis zu 10,000 Thalern aus eigenem Vermögen an Vorschüssen hergab. Eine andere große Wohlthat war die Verwandlung der drückenden Accise in eine feste, den Verkehr nicht mehr lähmende Steuer, welche Stein in der Mark im Jahre 1791 durchsetzte. Er blieb bis zum November 1793 in Hamm, dann siedelte er als Kammerpräsident nach Kleve über; 1796 aber kehrte er nach Westphalen als Oberpräsident aller preußischen Besitzungen diesseit der Weser zurück.

Im Jahre 1804 schied er aus Westphalen, um nach den Befreiungskriegen zurückkehrend sich in Cappenberg niederzulassen, und nun wieder den wesentlichsten und förderlichsten Einfluß in unseren Provinzialangelegenheiten als Landtagsmarschall aus zu üben. Daneben war er hier thätig für die Herausgabe der Monumenta Germaniae historica. Er starb auf dem von ihm zu einer Schloßwohnung umgeschaffenen Cappenberg im Jahre 1831. Der Standesherrschaft Besitzer ist heute sein Enkel, ein Graf Kielmannsegge.

Von Cappenberg führt uns der Weg durch die Ebene über die Lippe, einen Fluß, der hier so hübsche Ufer hat, wie ein bebautes fruchtbares, doch nur wenig hügelichtes Land sie einem Flusse zum Geleit geben kann. Dem Alterthumsforscher ist diese Luppia und ihr Stromthal von hoher Bedeutsamkeit; Spuren von Römerstraßen und Lagern, merkwürdige alte Umwallungen, Alterthumsreste vielfacher Art, die bei Ufer- und Straßenbauten gefunden werden, Alisni oder Aliso und andres beschäftigen hier den, der es liebt, dem dürftigen Schimmer aus grauen Jahrhunderten nachzugehen. Für uns haben sie nichts Verlockendes; wir wenden uns der spätern Zeit zu, aus der die Geschichte mit hellern Fackeln herüberleuchtet, wir ziehen ein in den Gau Borotra, und betreten den Kern der »rothen Erde«, den Punkt, der zuerst die Erbgrafschaft, später das Gebiet der freien Reichsstadt Dortmund war. Es ist viel gestritten worden, was der Name »die rothe Erde« bedeute, und es ist schwer, den Obmann dabei zu machen. Der Gau Borotra wird auch terra borotra genannt; könnte nicht daraus terra rotra und endlich rothe Erde geworden sein? – Am gegründetsten ist wohl die Meinung, welche rothe Erde als verstärkten Ausdruck für Erde überhaupt nimmt, und die Gerichte auf rother Erde oder auf alter freier Malstätte, den im Hause, in Kammern gehegten gegenüber stellt. Denn nur, wo von der Fehme gesprochen wird, findet sich der Ausdruck, der am Ende so unerklärt bleiben wird wie der »Fehme« oder »Vem« selbst, trotz der vielfachen Herleitungsversuche, zu deren Mehrung wir geltend machen, daß »Wehm« und »Wihm« auf niederdeutsch ein Querholz heißt, zum Aufhängen von Wintervorräthen, und Wehmgericht also Galgengericht wäre. Uebrigens werden Gerichtsstellen vielfach roth genannt: porta, turris rubea, so in Goslar, Magdeburg, Würzburg.

Wenn wir nun unter den Linden NachtragDie alte Vehmlinde hat sich erhalten bis zum 12. Juli 1871, an welchem Tage ein Sturm den westlichen Theil abriß, so daß jetzt nur noch ein dürftiger Rest steht. Die Hauptstücke sind auf der Aula des Gymnasiums zu Dortmund aufgestellt. und zu dem steinernen bemoosten Tische an der Nordseite der Stadtmauer von Dortmund treten, wenn die Bank sich uns zeigt, wo der Freigraf einst gespannt und gehegt und Acht gesprochen, die Weidenschlinge und das Schwert vor sich, die Schöffen an seiner Seite und den Umstand der freien Männer im Kreise umher geschaart, dann eröffnet vor Vieler Augen sich eine schauerlich dunkle Perspective in düster erleuchtete Gewölbe, wo auf blutige Marterwerkzeuge der grelle rothe Schein der Fackel fällt, wo die grauenhaften Gestalten der Richter mit hohler Stimme hinter Larven her die verbotenen und heimlichen Gedinge halten, um Frevel zu bestrafen oder noch größere zu begehen. Leider jedoch müssen wir, um eine richtigere Vorstellung von den Vehmgerichten zu geben diese ganze Theater-Maschinerie, dies ganze schauerliche Coulissenwerk aus dem »Käthchen von Heilbronn« und »Anna von Geyerstein, die Tochter des Nebels,« zusammenreißen Leider ist, seitdem dies geschrieben wurde, von der Alles entwurzelnden Zeit auch die alte Vehmlinde niedergerissen. Die ganze Malstätte schwand vor den Eisenbahnanlagen. und hell über die nächtlichen Gespenster des Romans die Sonne leuchten lassen, mit klarem Schein, wie sie blinken mußte, falls der Freigraf vor aller freien Männer Augen an der Kreuzstraße, wo drei Wege sich schieden, ein ächtes Ding hegen durfte.

Der Geist dieses denkwürdigen Instituts war kein andrer, als der des ganzen Mittelalters, auf dessen Boden es erwachsen; es war der Geist ritterlicher Ehre und strenger Gerechtigkeit ohne Ansehn der Person, seine Tendenz Erhaltung alter strenger Sitten und Tugenden, Heiligbewahrung von Manneswort und Treue; die Ehre vor allem war der Grundpfeiler des Instituts, Gott, König und Recht der Wahlspruch. Es leidet keinen Zweifel, daß das Fehmgericht in den Jahrhunderten seiner Blüthe eine wahre Segnung für Westfalen und die Nachbarlande gewesen ist: wo die Treuga Dei, wo der Kirche Gebot, der Religion mahnende Stimme, des Papstes Bannstrahl, des Reiches Acht und Aberacht, des Kaisers Landfrieden ohne Wirkung blieben auf die unendliche Rohheit, die maßlose Willkür unzähmbarer Gemüther, da rief der Fehme Ladung, des Freigrafen Spruch die demüthigste Angst hervor: wem in der Mitternacht die drei Späne aus dem Burgthor gehauen worden, der wußte, daß ihn die Strafe ereile, vor der es keine Flucht, keine Gnade gab. – Herzog Adolph von Schleswig war vor den freien Stuhl geladen: »wenn Ihr hingeht«, sagte Herzog Wilhelm von Braunschweig, sein bester Freund, zu ihm, »so werde ich als Freischöffe an den nächsten Baum Euch hängen müssen, oder baumle selber!« und Herzog Adolph bat den Rath des mächtigen Lübeck, ihn zu bestricken, daß er nicht gehen dürfe. Der Graf von Wernigerode ritt unter freiem Geleit mit Bischof Albrecht von Magdeburg und beider Rittern einst über den Heerweg; da begegneten ihnen die Westphälischen Schöffen, nahmen den Grafen aus der Schaar heraus und hängten ihn »darumb er viel Unheil geübet hätt,« wie die Chronik sagt. So hatte jeder »feldflüchtige treulose und hängmäßige« Mann einen unbestechlichen Richter zu fürchten.

Alles Recht jener Zeit ward gelähmt durch Verschleppung und Endlosigkeit des Verfahrens, durch Mangel der strikten Vollziehung; die Fehme nur sprach nicht allein, sie übte auch Recht; die Bedingungen solcher Wirksamkeit waren natürlich rasche Procedur und strenge Ausführung. Das war in jener Zeit etwas Unerhörtes; der langmüthigen Gerechtigkeitspflege des Jahrhunderts gegenüber wirkte sie wie eine übermenschliche und wenn sie allein durch die Kraft des in ihr lebendigen Geistes Wirkungen sichtbar machte, die ganze Schaaren von Reisigen in langen Fehden nicht erzielten, wie die Bestrafung mächtiger, auf den Schutz von Burgmauer und Vasallen trotzender Herren, so mußte sie freilich schon in den Augen der Zeitgenossen etwas gespenstisch-dräuendes und schreckhaftes bekommen; mancher Wandrer mochte ein Kreuz schlagen, wenn er durch den stillen Tann schritt, und plötzlich an einen Ast gehängt ein Leichnam ihn angrinste, und das darunter im Stamme des Baumes steckende Messer von der Rächerhand der Fehme sprach. Unsere Freischöffen sind eine Art romantischer Verkörperung der classischen Erinnyen, der »guten Göttinnen, vor denen kein Entrinnen war.« Die höchste Blüthe mag die Fehme im 15. Jahrhundert erreicht haben; da wagte es der Freistuhl zu Wünnenberg Kaiser Friedrich III. und seinen Kanzler, Bischof Ulrich von Passau, vor sich zu heischen, um Leib und Leben und höchste Ehre, bei Strafe, daß er sonst für einen ungehorsamen Kaiser zu erachten; da waren über 100,000 Freischöffen über ganz Deutschland verbreitet, und in ihrer Zahl zu sein rechneten die mächtigsten Fürsten sich zur Ehre; doch der eigentliche Sitz war und blieb Westphalen; der Dortmunder Stuhl bildete eine Art Revisionsinstanz und an ihm oder im Baumhofe vor dem Schlosse zu Arnsberg kamen die Freigrafen zum Kapitel zusammen. Die völlige Aufhebung des Instituts fällt in unser Jahrhundert; zu Gehmen, wo das fortwährend in alter Weise bestandene Freigericht erst 1811 von der französischen Gesetzgebung aufgehoben wurde, sollen noch vor 50 – 60 Jahren die Freibankbauern die Bank gespannt und heimliches Gericht gehegt, auch sich standhaft geweigert haben, ihrer Losung: »Stock, Stein, Gras, Grein,« Bedeutung aufzudecken; auf ein breites Schwert, das sie Kaiser Karls Degen nannten, legten sie den Schöffeneid ab: dem Stuhlherrn treu, hold und gewärtig zu sein, alles was femwrogig, Straßen-Mühlen-Mähre sei, anzubringen und die Fehme Niemand zu offenbaren. – Als die Mißbräuche der Fehmgerechte einerseits, die gelehrte Rechtspflege der Legisten und Canonisten, die Errichtung des Reichskammergerichts, die Carolina u. s. w. andrerseits die Verdrängung der Fehme bewirkten, da verwandelten sie hie und da, besonders im Fürstbisthume Paderborn sich in »Land- und Rügegerichte« (Wrögerichte). Diese erhielten sich bis 1763, den Synodalgerichten der karolingischen Zeit ähnlich und wie sie von unsrer früheren Justizpflege verschieden, weil auf die Anklage des vereideten Schöffen hin vom Freigrafen über das gerichtet wurde, was von schlechten gesetzwidrigen Handlungen, »so freien Stiftes Wröge (Rüge, engl. wrong) war« jener gehört hatte und anbrachte. –

Schwerer als den Zeitpunkt der Blüthe und des Verfalls der Fehmgerichte anzugeben, ist es die Entstehung des Instituts aufzuhellen. Die Fehme behauptete, Karl der Große habe sie eingesetzt; man findet die Verbrechen, über welche sie ursprünglich zu richten hatte, als Entweihung der Kirche, Apostasie vom Glauben, Raub und Gewaltthätigkeit u. s. w. beinahe gleichlautend in den Kapitalarien Karl's des Großen aufgezählt, als unter Königsbann gehörend, d. h. in die Sphäre der richterlichen Gewalt fallend, welche im Namen des Königs von den Grafen in den alten sächsischen Gerichten freier Männer ausgeübt wurde: wenn nun noch Wigand in seinem gediegenen Werke über das Fehmgericht die unleugbare Verwandtschaft der freien Stuhlgerichte mit den altsächsischen Freigerichten der Karolingischen Zeit in den Personen des Richters, des Frohn, der Schöppen, der Wissenden oder des Umstandes dargethan hat, so schließt man wohl mit Recht, daß die Fehme nichts andres als eine eigenthümliche Entwicklung der Einrichtungen Karl's des Großen sei, eine Fortsetzung jener Freigerichte im alten Sachsen, und daß sich nicht an ein bestimmtes Datum ihre Einsetzung knüpfen lasse; noch im 13. Jahrhundert haben sie die Natur kaiserlicher Landgerichte und bestehen coordinirt mit den landesherrlichen Gerichten, die Freigrafschaft neben der Gaugrafschaft, nur höheren Ranges sich haltend, wie der Kaiser, der den Freigrafen einsetzt, einen höhern Rang hat in der Ordnung der sieben Heerschilde als der Landesherr. – Der Krebsschaden des Instituts war der Mangel an einer feststehenden materiellen Rechtsnorm; es wurde gerichtet nach altem Herkommen, nach Ekko von Repgow's Sachsenspiegel, nach den besondern Ueberlieferungen jedes einzelnen Stuhles; diese widersprachen sich aber oft schnurstracks in ihren Satzungen; an einem war Recht, was am andern Unrecht war, und so verlor das Institut an Würde, es begann Willkürlichkeiten, griff in fremde Jurisdictionen über, verletzte päpstliche und kaiserliche Privilegien ( de non evocando) und wenn auch der oberste Stuhlherr dadurch sich veranlaßt sah, vom Kapitel der Freigrafen in Arnsberg sogenannte Reformationen (1437 und 42) vornehmen zu lassen und zu geschriebenem Recht zu machen, so wich doch mehr und mehr der alte Ehrfurcht gebietende Geist der Fehme; um so weniger konnte sie der gelehrten Rechtswissenschaft, die seit dem 12. Jahrhundert von den oberitalischen Schulen eines Irnerius und Accursius aus über Deutschland Macht bekam, widerstehen, und wurde endlich selbst vor das Hoch-Noth-Peinliche Gericht Kaiser Karl's V. gestellt und zum Tode verurtheilt. Durch dieses Gesetz wurde der Inquisitionsprozeß als der von nun an deutsche festgestellt, und das alte Anklage-Verfahren der Freigerichte behielt nur noch ein precaires Dasein von der Langmuth jener Zeiten und dem rührenden Zuge deutscher Gemüthlichkeit, nicht gern zu begraben, was lange gelebt hat, und wäre es auch seit Jahren gestorben.

Weit bestimmter als das materielle war das formelle Recht der Fehme; die übergroßen Förmlichkeiten sind immer ein Zeichen von der innern Halt- und Rathlosigkeit einer Gesetzgebung; so mochte auch der Freigraf um so sorgfältiger alle Vorschriften bei der Hegung des Gerichts beobachten, um so genauer darauf sehen, daß der Frohn jedes Wort der alten Reime dabei hersage, je mißlicher ihm die Entscheidung der Sache selbst schien. Der Freigraf wurde von dem Stuhlherrn (Dynasten, Stadt, Stift u.s.w. oberster Stuhlherr ward nach Heinrich's des Löwen Sturz 1180 der Erzbischof von Köln als Herzog von Westphalen) eingesetzt; die Schöffen aber wurden aus dem Stande der Freien, der Freibankbauern von den Fehmgenossen selbst unter vielen Förmlichkeiten angenommen, und mit den Heimlichkeiten bekannt, wissend gemacht. (Daß, während überall in Deutschland der Stand der Freien beinah völlig ausging und im Laufe der Zeit sich in Ministerialen und Schutzhörige und Cerocensualen u. s. w. verwandelte, in Westphalen so viel alte Freie auf angestammter Wehre sich erhielten und bis auf späteste Zeit Namen und Rechte zu behaupten wußten, ist ein Umstand uns so eigenthümlich, wie das Fehmgericht selbst, dessen Existenz er bedingt und mit dem er zeugt, wie fest und tief in die rothe Erde jede Wurzel dessen, das einmal Leben gewonnen, dringt.) Jene Heimlichkeiten der Fehme bestanden in einem Freischöffen-Gruß: Eck grüt ju lewe Mann, wat fange ji hie an? – der Wissende erwiederte: Allet Glück kehre in, wo de Fryenscheppen syn; ferner in drei geheimen Alphabeten, Erkennungszeichen bei Tische, einem Nothwort: »Reinir dor Feweri,« und der Losung, die oben angeführt wurde; die Verletzung wurde durch Ausreißen der Zunge und andere Grausamkeiten gerächt. Zum Gerichte gehörten außer dem Freigrafen sieben Schöffen, ein Frohn und oft auch ein Schreiber. Der Freigraf hegte mit ihnen entweder ein offenes Gericht, wo Keinem der Zutritt verwehrt war, oder ein Stillgericht, ein geschlossenes, heimliches, wobei nur Wissende den Zutritt hatten; dieses heimliche aber bedeutete nur das Geschlossene, Besondre, Vertraute; so kommt das Wort oft vor, ein hessischer Fürst nannte seinen Amtmann: »lieber heymelicher und getruwer«; »Gerhard von Nassawe und lyse frawe von Meerenberg« schlossen einst »eine Heimlichkeit und eine Ehe.« Beide Arten von Gerichten wurden nun aber entweder an gewissen bestimmten Tagen nach alter Sitte gehegt und hießen dann »ungebott oder echte Ding«; oder der Freigraf gebot eine Zusammenkunft der Schöffen zum Stuhle; sie hießen dann »gebotene«, »verbotene« Gerichte: Verbotung war so viel als Vorladung und der Fronbote war der Verboter; judicia vetita ist also eine absurde Uebersetzung.

Die Fehme hörte schon in den früheren Zeiten ihres Wirkens auf, über Streitigkeiten des Privatrechts zu entscheiden, und beschränkte sich auf die peinlichen Fälle; rasches Verfahren machte hier vorzugsweise die zusammengebotenen Gerichte nöthig und so bekam das ganze Institut den Namen der verbotenen Gerichte.

Bei der Hegung selbst hatte vor allen der Freifrohn viel mit zu reden. Der frygreve sall (waffenlos und nüchtern) up den freien Stoel sitten gan und begynnen des alsus: Ich fragen dich frifrone, off des wal dach und tyt sy, dat ich in Stat und Stoel uns gnedigsten hern des Romschen Keysers ein hillig ding und gerichte hege und spanne to rechte under konix banne? Der Freifrohn bejaht dies und heißt hegen mit eyme swerde und strycke oder fehle dair by; der Freigraf schließt darauf die Unwissenden aus by deme banne und hogesten Wedde as by der weedt (Weide) und reype (Strick) und verbietet alle »Dingslege« oder Störung; wer dagegen fehlt, sich einschleicht, »belustert«, den, gebietet der Freifrohn dem Grafen, sollt ir noymen mit syme kristlichen namen und binden eme syne hande vur to samen und doin eme eyn seyl oder weedt umb synen hals und hangen ene an den erstenn boym, den ir dan da gehaven mogen.

Die Klagen wurden nun angebracht, die Ladungen verfügt, erschienene Angeschuldigte verhört, die Urtheile von den Schöffen, den eigentlichen Richtern in unserm Sinne, aus der Rechtsquelle geschöpft »gewyset,« (vielleicht auch daher Wyser, Wissende?) von dem Freigrafen ausgesprochen, von dem Umstande, den Standgenoten, fryen scepenbaren Mannen, gebilligt oder gescholten. Der Eid zweier oder dreier Schöffen gegen den Angeklagten galt als voller Beweis; doch konnte der Verklagte durch seinen Eid und den von sechs Eideshelfern sich wieder reinigen, dann wieder überführt werden durch den Eid von vierzehn Eideshelfern des Klägers, u. s. w. Dies hieß übersiebnen. Die Bitte um Revision einer abgeurtheilten Sache mußte eingeführt werden von dem Verfehmten mit einem Strick um den Hals, einer Königsmünze in der Hand, und unter Fürsprache zweier Schöffen. Dann konnte die Acht von ihm genommen werden. Die Acht selbst aber, welche der Freigraf über den Verbrecher aussprach, (der nicht etwa auf handhafter That, »hebender Hand, blinkenden Scheines, gichtigen Mundes« von zwei Schöffen ertappt und dann auf der Stelle gehangen war,) lautete also: Den beclageden man mit Namen N. den neme ich hir up und uit dem vreden, uit den rechten und frieheid, as die Paiste und Keyser gesatt hebn – – – in dem lande to westfalen und werpe ene neder und sette ene uit allen vreden in den hogesten unvreden und ungnade und make en unwerdich, achteloß, rechtloß, vredeloß und unbequeme, und wyse synen hals dem reype, synen lychnam den vogelen und dieren in der luft to verteren und bevele syne seyle gade von hemele in syne gewalt und sette syne lene und gut ledich den heren, dair di van rorende sint, syn wiff wedwe, sine kinder weysen. – Der Freigraf nahm dann den Weidenstrick, bog ihn und warf ihn aus dem Gerichte hinaus und der sämmtliche Umstand spie aus: gelich off men den selven vort ter selven stonthenge. – Doch ist die Formel nicht feststehend und immer gleich.

Der Freistuhl zu Dortmund ward als der oberste betrachtet, die Kapitel kamen bei ihm wie in Arnsberg zusammen, Kaiser Sigismund ließ sich 1429 bei ihm wissend machen; er hieß der Spiegel, des Königs und des heiligen Reiches heimliche Acht und Kamer; wir sehen einen Erbgrafen von Lindenhorst ihn hegen, der als alter Karolingischer Graf ohne Landesherr zu werden oder zu einem Landesherrn in untergeordnete Verhältnisse zu treten, fortfuhr, unmittelbar im Namen des Königs zu richten; er war der Großrichter des Reiches und in seine Hände legte der Kaiser bei der Krönung zu Aachen den Eid ab, »daß in seynem Herzen beslossen sein söllent alle Recht u. s. w. – mit mereren Worten, als dann ainem jeglichem Romischen Kunig durch den Erbgrafen us Westphalen zu Auche in den aid gegeben wirrt.« – Der älteste Freistuhl bei Dortmund ist der »an dem Königshofe unter der Linde,« die Stelle, auf welcher wir uns befinden; als aber 1343 der Erbgraf Conrad von Lindenhorst seine halbe Grafschaft dem Rathe von Dortmund verkaufte und dieser nun Stuhlherr wurde, verlegte er den Malplatz in die Stadt auf den Markt; nach einem halben Jahrhundert aber fand man es für gut, wieder hinauszuziehen an den Stadtgraben unter die Linden. Als am Ende des 15. Jahrhunderts die Grafen von Lindenhorst ausstarben, kam die Freigrafschaft völlig in den Besitz der Stadt. Ihr letzter Freigraf starb erst in diesem Jahrhundert.

In ältesten Zeiten war die Villa Trotmünde am Hellwege ein Königshof, den Karl der Große durch einen Grafen verwalten ließ: eine unbegründete Sage nennt den ersten Grafen Trutmann und erklärt daraus den Namen; im Mittelalter und in neuerer Zeit brauchte man den lateinischen Namen Tremonia, die »mit drei Mauern umgürtete«, wobei die gelehrten Erklärer den Umstand, daß die Stadt keine dreifachen Mauern hatte, als unwesentlich nicht berücksichtigten. Aus dem königlichen Hofe wurde im Laufe der Jahrhunderte eine kaiserliche und freie Reichsstadt, wichtig durch hervorragende Theilnahme an der Ausbildung des altsächsischen Städterechts, das in Westphalen seine vornehmsten Quellen fand – ein Umstand, der, wenn auch der Zug des Verkehrs mit dem Ostseelande und der Deutsche Ritterorden die äußern Veranlassungen zur Uebertragung des soester und dortmunder Stadtrechts bis nach Dorpat und an die fernsten Küsten des Baltischen Meeres boten, doch darauf hindeutet, daß wir im Westphälischen Volke des Alterthums ein vorzugsweise ausgebildetes Rechtsgefühl, ein überlegenes Rechtsbewußtsein zu suchen haben. Wie die alten Römer waren die Söhne Westfalahs Rechtsnaturen mit aller Sprödigkeit und harten Consequenz solcher Charakterrichtung – und diese letztern Eigenschaften hat ja »das zähe Volk der rothen Erde« zum Theil noch heute nicht verloren. – Die erste Aufzeichnung des Dortmunder Statutarrechts fällt in die Mitte des 13. Jahrhunderts, ist also die älteste in allen westphälischen Städten; der dortmunder Rath aber bildete eine Art Oberhof im Lande zwischen Weser und Rhein, an den wiederholt von andern Städten, wie Wesel, Paderborn, Höxter, zumal aber von den näher gelegenen Orten Berufungen geschahen.

Im Jahre 1005, dann wieder 1016 hielt Kaiser Heinrich II. mit seiner Gemahlin, der heiligen Kunigunde, sich in Dortmund auf. Im letztern Jahre erschien hier vor dem Kaiser der große Präsul der paderbornischen Kirche, der gelehrte und gepriesene Bischof Meinwerkus, und erhob Klage wider seine eigene Mutter. Sie habe sich auf's neue vermählt mit Balderich, Grafen von Kleve, und seinen, des Bischofs, Bruder Dietrich, ihren Sohn erster Ehe, meuchlerisch ermorden lassen. Trotz aller Vorstellungen der Fürsten drang der heilige Mann darauf, daß seine leibliche Mutter zum Tode verurtheilt werde, was denn auch geschehn und vollzogen worden wäre, wenn nicht der Erzbischof von Köln ihr Gnade erwirkt hätte. – Im Jahre 1152 hielt der Rothbart einen Einzug in Dortmund. –

Auf der Reise, welche Kaiser Karl IV. im Jahre 1377, wie wir schon früher, in Enger, sahen, durch Westphalen machte, hielt er drei Tage lang in Dortmund Hof. Die alte freie Reichsstadt bot Alles auf, ihn würdig zu begrüßen und zu beherbergen. An der Grenze des Stadtgebiets empfing ihn der Magistrat mit den Reitern und Armbrustschützen der Stadt; an einem weißen Stabe wurden die Schlüssel der Thore vorgetragen und dem Kaiser überreicht. Als Karl unter Glockenklang, unter Zinken-, Kesseltrommeln-, Geigen- und Pfeifenspiel in die Stadt einritt, führten die zwei Bürgermeister in voller Rüstung sein Roß am Zügel: vier Rathsherren trugen den Baldachin über ihm. Voran ritt der Herzog von Sachsen als Marschall mit dem Schwerte; im langen Zuge wurde der silberne Schrein des heiligen Reinold, umringt von Schülern mit grünen Kränzen, getragen. Auf der Hauptstraße, »die rein gefegt war«, heißt es in der Chronik, standen rechts die Männer, links die Weiber Dortmunds in ihren besten Kleidern, bis zu St. Reinold's Kirche. Der Kaiser wohnte im Hofe Johann's von Wickede, des Patriciers, der mit dem Recht begnadet wurde, kaiserlicher Majestät den Steigbügel zu halten. Eine Inschrift an seiner Herberge, sowie ein besonderes Vorrecht des »Stegrep- (Stegreif)hofes« erinnerte noch lange an den erlauchten Besuch. Der Reichsmarschall aber hatte beim Einzug das Stadtthor nicht hoch und breit, die Straßen nicht weit genug gefunden, um seine Lanze querdurch zu führen, und hielt nur für eine Geldsumme den Befehl zurück, Alles niederzureißen, was, wie er behauptete, in solchem Falle sein Heeresrecht sei.

Im Jahre 1378 am 16. Jan. erschien auch des Kaisers Gemahlin, Elisabeth von Oesterreich, in Dortmund. Ihr zu Ehren wurde auf dem Rathhause banketirt und nach der Tafel »ein Tanz gemacht«, wie die hohe Frau es gewünscht. – Von demselben Jahre 1378 an umtobte eine gewaltige Fehde die Stadt Dortmund. Heinrich von Hardenberg, Ritter, hatte von einem dortmunder Juden Geld geborgt und bei adeligen Ehren und eidlich die Rückzahlung gelobt. Dennoch ließ er den Verfalltag vorübergehen, ohne zu zahlen. Der Jude beschuldigte ihn deshalb der Ehrlosigkeit. Der gestrenge Ritter verlangte dafür des Juden Bestrafung. Da jedoch Bürgermeister und Rath nicht sofort Miene machten, den unglücklichen Hebräer für sein Verbrechen zu rädern und zu viertheilen, so ergrimmte der edle Heinrich und hatte stracks eine stattliche Anzahl von Vettern und Bundesbrüdern in den Sattel gebracht, welche der Stadt die Absage sandten.

Aber die alte »Tremonia« hatte feste, bis auf den Tag noch nie bezwungene Thürme und die Bürger hatten gar derbe Fäuste. Räthlicher, als an den Mauern die Köpfe einzurennen, schien es, sich mit List ihrer zu bemächtigen. Nun war einer unter den Verbündeten, Rotger von Gisenberg, der früher lange in der Stadt als deren Kriegsoberster heimisch gewesen und der das Herz einer Patricierwittwe, Agnes von Virbeke, zu gewinnen wußte, daß sie zusagte, am St. Michaelistage in der Morgenfrühe wolle sie zwei Wagen, einen mit Heu, den andern mit Holz beladen, zu ihrem Gebrauche in eines der Thore kommen lassen; unter dem Heu aber sollten Bewaffnete der Verbündeten versteckt liegen und der Wagen mit Holz sollte unter dem Fallgitter halten, damit man es nicht niederfallen lassen könne. In dem Augenblick wo dieser Wagen an der richtigen Stelle sei, wollte Agnes vom Thurme mit einem weißen Tuche winken, die Bewaffneten sollten hervorspringen und die Thorwache niedermachen, von außen unterdessen die Ritter heraneilen. Als nun der bestimmte Tag gekommen, begab Agnes sich in der Frühe zum Thorthurm. Das Thor war noch geschlossen. Die Bürger hatten solange nächtliche Wacht gehalten, daß sie sich in den Morgenstunden für den versäumten Schlaf schadlos hielten. Agnes sandte deshalb zum Bürgermeister, um von ihm die Schlüssel erbitten zu lassen. Mittlerweile hat sie sich oben in die Wohnung des Thorwächters begeben; dieser wird fortgesandt, unter dem Vorwande, er solle der edeln Frau Fleisch in der Fleischhalle kaufen gehen. Unterdeß kommen Arnold, ihr Sohn, und Konrad von Lindenhorst, des Grafen von Dortmund Sohn, zu ihr. Die Thorschlüssel werden gebracht. Lauschend vernehmen die Drei im obern Thurmgemach, wie die schweren Thorschlüssel klirren, wie Ketten und Riegel rasseln. Dann wird es still. Das Thor ist geöffnet! sagt Agnes leise, und hastig läßt sie ihr weißes Tuch aus des Thorwarts Fenster flattern; aus dem Hinterhalt brechen sogleich die versteckten Männer hervor und laufen mit ihrem Kriegsruf auf das Thor zu. Aber zu früh! Das Thor war aufgeschlossen worden, doch noch waren seine schweren Flügel nicht aufgeschoben gewesen, noch starrte es mit seinen festen Eisenplatten den Anstürmenden entgegen. Die Lauscher da oben im Thurm hatten sich getäuscht. Die Bürger waren aber schnell in ihrem Rüstzeug bei der Hand; die Verräther wurden noch in der Wohnung des Thorwarts bestrickt. Man machte schnelle Justiz mit ihnen. Noch am selbigen Tage wurden Arnold und Konrad von Lindenhorst auf dem Markte enthauptet. Agnes aber wurde mit Ketten auf ihrem Holzwagen festgeschnürt und mit demselben zu Asche verbrannt!

Mit doppelter Erbitterung entbrannte die Fehde. Aber über den verbündeten Rittern waltete Misgeschick. Rotger von Gisenberg gerieth in die Gewalt des Raths und wurde als Verräther, weil er der Stadt durch Diensteid verpflichtet gewesen, erwürgt. Heinrichs von Hardenberg Haupt fiel wegen eines andern Handels, in den er verstrickt, zu Köln unter des Henkers Beil. Mit den Andern wurde der Span beigelegt; aber im Jahre 1388 trat der verbrannten Agnes ein Rächer im Grafen Engelbert von der Mark auf; er sagte der Stadt Fehde an, weil Agnes ohne Prozeß gerichtet sei – vielleicht stand sie in einem Lehnsverhältniß zu den Grafen von der Mark – und zugleich sandte Friedrich von Saarwerden, Erzbischof von Köln, den Absagebrief. Mit zahlreichen und mächtigen Verbündeten rückten Beide ins Feld; es galt, und das war der Fehde eigentlicher Grund, die Reichsunmittelbarkeit der Stadt zu brechen und statt des stolzen Kaiseraars ihr des kölnischen Erzbischofs schwarzes Kreuz ins Wappen zu setzen. Aber die Stadt rüstete unverzagt aus allen Kräften, schanzte und schoß aus ihren neugegossenen Geschützen, daß sie ihrem Sohne, Bruder Barthold Schwarz, dem geborenen dortmunder Kind, das etwa 80 Jahre früher zu Freiburg das Pulver erfunden, alle Ehre machte. Zwei Jahre lang widerstanden die Bürger siegreich den Stürmen, der Blokade, aller Uebermacht gewaltiger Streitkräfte, und gingen, als man endlich Frieden schloß, am 20. Nov. 1389 mit neugekräftigter Unabhängigkeit aus der großen Fehde hervor.

Diese Unabhängigkeit hat Dortmund von da an ungebeugt und unangetastet erhalten. Daß sie Hansestadt war, brauchen wir kaum zu erwähnen. Schon ihre Lage wies sie auf lebhaften Handelsverkehr hin: die vortheilhafte Stellung mitten auf dem von den zwei Parallelflüssen Ruhr und Lippe gebildeten westphälischen Mesopotamien, und zwar zwischen denjenigen Stellen gerade, wo die beiden Flüsse ihr am weitesten nach Süden vorgeschobenes Knie bilden und wo auch ihre größere Schiffbarkeit beginnt, wo also Orte entstehen mußten (Lünen und Herdecke), deren Wechselverkehr sich in Dortmund kreuzte oder von hier aus beherrscht wurde.

Auch in der Gelehrtengeschichte Westphalens ist Dortmund nicht ohne Bedeutung. Es trat früh zur reformirten Lehre über, wie Hamm, Soest und der größte Theil des sogenannten Hellwegs; im 16. Jahrhundert führten seine Bürger jährlich zwei Tage nacheinander unter großem Zulauf auf dem Markte »schöne Comödien und Actiones aus der biblischen Geschichte« auf. Auch besaß Dortmund ein berühmtes Archigymnasium. Gute Druckereien waren in der Stadt, wie denn hier der berühmte Medicus Bernhard Thurneyser zum Thurn die Kupfertafeln zu seinen Werken » Archidoka« und » Quinta essentia« drucken ließ. Dann knüpft sich an die Stadt ein für die deutsche Literatur und den deutschen Buchhandel bedeutsamer Name: der von Friedrich Arnold Brockhaus, Gründer der Firma F. A. Brockhaus, welcher am 4. Mai 1772 in Dortmund geboren wurde. Die ausgezeichneten Köpfe, welche Westphalen hervorgebracht hat, haben zumeist außerhalb ihrer Heimat die Gründer ihres Glücks werden müssen, so auch Brockhaus: er kam früh nach Holland, errichtete 1805 zu Amsterdam eine Buchhandlung, kehrte aber nach der französischen Besitznahme Hollands 1810 nach Deutschland zurück und rief hier, zuerst in Altenburg, dann seit 1817 in Leipzig, durch seine Thätigkeit und Umsicht eine ganze Reihe von einflußreichen literarischen Unternehmungen ins Leben.

Das beachtenswertheste Baudenkmal ist die St. Reinoldskirche – dem tapfersten der vier Söhne Haimon's geweiht, von deren Riesenpferd man in der Kirche noch ein Hufeisen und einen Wirbelknochen zeigt. Die vier Haimonskinder sind nämlich geborene Dortmunder: »200 Jahre vor Karl dem Großen«, versichert das zu Antwerpen 1518 gedruckte » Chronicum belgicum«, »lebte zu Dortmund Graf Heimo, der mit Frau Aya, des Königs der Agrippinen (Kölner) Tochter, vier Söhne erzeugte: Reinold, Rütger, Olivier und Adalbert. Diese stritten mit ihrem Oheim Karl, König der Agrippinen, gegen die Hunnen und Gothen. Sie wurden gefangen und für ihren christlichen Glauben zu Tode gemartert. Reinold liegt zu Dortmund, Adalbert zu Corbeja in Frankreich begraben.« Eine andere Sage, wie das edle Haimonskind in Köln erschlagen und seine Leiche nach Dortmund gebracht sei, enthalten Gisbert Frhrn. Vincke's »Sagen und Bilder aus Westphalen«, S. 308. Besonders der Chor der Reinoldskirche ist ein schöner und stattlicher Bau, eine Schöpfung der ausgebildeten Gothik, vollendet um 1450, als würdiges Denkmal der Blütezeit eines mächtigen deutschen Gemeinwesens. Das Schiff dagegen stammt aus der ältern romanischen Epoche. Die Kirche ist außerdem reich an guten Glasmalereien und plastischen Kunstwerken und Schnitzarbeiten, die mit löblicher Sorgfalt erhalten sind. Auch die uralte Marienkirche ist architektonisch beachtenswerth, sie besitzt treffliche Altargemälde aus der Zeit von 1522 – 43. Die katholische, ehemalige Dominikanerkirche enthält die großen Altargemälde der Dortmunder Meister Victor und Heinrich Dünwegge, die, zwei Hauptnamen der westphälischen Kunstschule, doch nicht mehr auf der alten idealen Höhe stehen, sondern von dem Realismus der Niederländer bereits völlig beherrscht sind. Die Dünwegge lebten um 1520 in Dortmund. Kugler wirft in seiner »Geschichte der Malerei« ihnen sowie den westphälischen Malern ihrer Zeit eine empfindungslose und grelle Zusammenstellung der Farben bei sonst kräftigem Colorit vor; doch stehen sie den kölner Meistern jener Periode im Ganzen nicht nach, wenn sich auch gerade bei ihnen am schlagendsten der große Rückschritt beobachten läßt, den die Kunst seit den Zeiten des unvergeßlichen Meisters von Liesborn in Westphalen durch die realistische Tendenz gemacht hatte.

Dortmund spielte, sahen wir also, als freie Reichs- und Hansestadt, als eine Art Mittelpunkt des Verkehrs für den märkischen und westphälischen Adel und durch seine Einwirkung auf die altdeutsche Rechtsentwicklung eine bedeutsame Rolle in unserer Geschichte, und doch eine weit bedeutsamere spielt es für die industrielle Entwicklung der Gegenwart. Im Mittelpunkt eines vielfach verschlungenen Eisenbahnnetzes und zahlloser Kohlenzechen hat seine Bevölkerung sich in unglaublicher Weise vermehrt, sein und des benachbarten Hörde (Herrmannshütte) Fabrik- und Handelsthätigkeit einen wahrhaft staunenswerthen Aufschwung genommen. Wenn von dem außerordentlichen Fortschreiten unserer industriellen Bedeutung, unserer Kohlen- und Eisenproduktion geredet wird, so sind Dortmund, das unferne Bochum und Essen die Punkte, auf die wir mit besonderer Befriedigung über die großen Ergebnisse der Arbeit und des Gewerbfleißes eines rührigen und unternehmenden Stammes hinweisen können. Vor allem ist dabei die Ausbeutung der Erfindung des Gußstahls, die in Essen und Bochum so riesige Verhältnisse annimmt, hervorzuheben – sie hat Fabrik-Etablissements hervorgerufen wie es keine größeren in der Welt gibt; während mit einem andern in Hamm geschaffenen westphälischen Fabrikat, den Drähten für Telegraphie, heute die Erdkugel sich umspinnt.

Von Dortmund führt uns die Straße über das salzreiche Unna nach Werl, dem Stammsitze der alten Grafen von Westphalen, die, von den Carolingern eingesetzt (Rhidag um 833 ist der älteste), die Vorfahren und Ahnherrn einer Unzahl großer Fürstenhäuser wurden, der Grafen von Arnsberg, Dassel, Ravensberg, Altena, von der Mark, Aremberg, Cleve u. s. w. Vergl. die Stammtafel bei A. Fahne, Geschichte der Westfälischen Geschlechter. Köln 1858.) Dann gelangen wir durch eine ebene Landschaft, welche der »Hellweg« heißt, nach einer andren freien und des Reiches Stadt; es ist Soest, das einst so mächtig und blühend war, als noch der Schlüssel im rothen Felde seines Wappens auf meerdurchkreuzenden Gallonen als Flagge wehte, als noch statt 10,000 an die 40,000 stolzer Bürgerseelen hinter diesen zerbröckelnden Mauern wohnten und siegreich sich behaupteten gegen ein wüthend stürmendes Heer von 60,000 Kriegern. Jetzt liegt der stille Ort wie ein gebrochener Krieger, wie ein letzter, schattenhaft vor uns auftauchender Ueberrest einer tapfern Schaar, hinter seinen halb geebneten Wällen da; die Macht der Hanse ist dahin, ihm hat man seine letzten Waffen, die sechsunddreißig Thürme, die acht hohen Thore, die starken Bastionen entrissen; es ist das alte Soest nicht mehr, es hebt seine Thurmspitzen und die zackigen übergrünten Giebel seiner Kirchen, ein anderes Vineta, aus der Tiefe verrauschter Jahrhunderte empor, wie die versunkene Stadt sie hebt aus dem Grunde der Meerestiefe. Die Häuser sind unansehnlich jetzt, weite Gehöfte und Gärten füllen den Raum, der einst bewohnt und belebt war: nur der Markt und der daran stoßende Domplatz sind freundlicher und von bessern Häusern umgeben; unweit davon liegt in der Mitte der Stadt ein bedeutender, nie gefrierender Teich. Die fruchtreiche Landschaft ringsumher von ungefähr 4 Quadratmeilen Größe, die einst der Stadt Gebiet bildete, heißt die Börde, wohl von »bören,« heben, (wo man die Frucht, die Gefälle hebt).

Die Geschichte von Soest hat einen trefflichen Darsteller in F. W. Barthold gefunden, wie keine andere westphälische Stadt, etwa Möser's unvollendetes Werk ausgenommen. Der rühmlich bekannte Geschichtschreiber rollt in seiner Einleitung ein Bild von der mittelalterlichen Herrlichkeit Soest's vor uns aus; er zeigt uns die alten Hoven am Teiche und Kolke, wie sie im Laufe viel hundertjähriger Wandlungen der Geschichte um ihre »Alde Kerke« zur Stadt anwachsen; wie sie aus den rheinischen Niederlanden über Köln und Dorstadt, von der Mündung der Maas und Schelde kommende wanderlustige Friesen, die Erben römischer Gewerbe, als Lehrer veredelnder Thätigkeit und Vorbilder reisiger Kaufmannschaft gastlich empfangen; wie dann »Susats« Wollenweber, Gewandschneider und Brauer mit bewundernswürdigem Spürsinn den einzigen Punkt der deutschchristlichen Welt entdecken, von wo aus auf gefahrvollen Wegen über fried- und geleitloses Land, über unbekannte Meere zu den gepriesenen Reichthümern der nördlichen und östlichen baltischen Küsten zu gelangen ist; wie sie »Hädaby« – Schleswig entdecken; wie Kaufleute von Susat, Dortmund und Bardewiek aus dem Busen der Schlei sich mit ihren heimischen Erzeugnissen in den hohen Nordosten gewagt, den Grund gelegt zur deutschen Kaufmannsgesellschaft auf Wisby in Gothland, und den Verkehr mit Nowgorod angeknüpft und wie endlich Susat, eines der ältesten Glieder, die welthistorische Hansa gründen geholfen. Das Gedächtniß des uralten Handelswegs haftete zu Soest bis in neuerer Zeit am Namen der »Schleswicker«, der vornehmsten Kaufmannsgilde, welche in der »Rumeney« ihre alten Feste feierte, während »Saal« und »Stalgadumb« andere Aemter und Zünfte aufnahm. – Die Entwicklung einer gemäßigten Volksherrschaft auf vergleichungsweise friedlichem Wege war es, was Soest beistand, seine Mittaghöhe zu erklimmen, in jenem vierzehnten Jahrhundert, wo die fromme und weise Stadtgemeinde das bewundernswürdige Werk Johann Schindlers, die herrliche Kirche »Unsrer lieben Frau zur Wiesen« ausbaute und ein heimischer Meister das Prachtwerk des Patroklusschreins herstellte. Nach solcher Höhe, nach dem großen Kampfe des fünfzehnten Jahrhunderts, in welchem der Abfall von der Oberhoheit des Kölnischen Stuhles sich vollzog, begann dann der Niedergang, der nach den Reformations-Kämpfen im Innern der Stadt zur allmählichen Verödung wurde. Am Ende des 17. Jahrh. war Soest schon das wegen seiner kothigen Gassen verrufene größte Dorf Westphalens, gegen Ende des 18. Jahrh. zählte die Stadt, die 1447 einem Heere von mindestens einem halben Hunderttausend widerstanden, nur 3800 Seelen! Da war denn auch schon begonnen, das äußere Gepräge der geschichtlichen Bedeutung und Eigenthümlichkeit hinweg zu tilgen: Pfarrkirchen, prangende Thore mit uralten Heiligthümern, die Elvricksporte (Ulrichspforte), die Stätte sagenhaft schauerlicher Freistühle, die Wehrthürme wurden abgetragen und zerstört! –

Unter den geschichtlichen Eigenthümlichkeiten Soest's ist die Art seiner Entstehung nicht die geringste. Alle deutschen Städte verdanken ihre Entstehung entweder alten römischen Kolonien oder Municipien, so zumeist die Städte an Donau und Rhein, von Wien bis Köln. Oder sie bildeten sich um Königliche Pfalzen und Villen, wie Frankfurt, Nürnberg. Andere wurden als Grenzvesten angelegt, entstanden um Bischofssitze, um Residenzen. Soest allein wuchs durch eigene, innere treibende Kraft aus einer Siedelung von freien Bauernhöfen empor – von etwa sechs oder sieben, die in urältester Zeit schon einen gemeinsamen Namen erhielten: Sosat, Sosacium – nach dem quellenreichen Teich und dem Soestbach der Stadt, wie Barthold erklärt. Denn Sod, Saut (verwandt mit Sud und Sieden) heißt ein Brunnen, so daß die ältesten Ansiedler die Sodsaten, Sautsassen genannt werden mochten.

Ein wenig räthselhaft ist, wie schon im Mittelalter die Bürger von Soest ihre Stadt verknüpften mit der großen deutschen Heldensage. Der alte Skalde, der im 13. oder 14. Jahrhundert aus deutschen und nordischen Sagen die Wilkina- und Niflungasaga zusammenwob, beruft sich als auf seine Quelle auf die Erzählungen von Männern aus Bremen, Münster und Soest; er nennt den Sitz Etzels im Hunnenlande Susat, und daran lehnte sich früh die Behauptung, Soest sei der Schauplatz des Untergangs der Nibelungen: man verlegte daselbst an die Burgmauer des Holmgartens die letzte Mordschlacht zwischen Hunnen und Nibelungen, und wies den Schlangenthurm, worin König Günther als Etzels Gefangener endete, die Iringswand, das Hagenthor nach; der Schlangenthurm soll nördlich am Osthoferthore gelegen haben, auch soll ein Nibelungenfeld auf der Börde vorhanden gewesen sein. Der hundshagensche Codex des Nibelungenliedes soll die Randbemerkung enthalten, daß Bürger von Soest das Gedicht zuerst an den Rhein gebracht hätten. Ist das Alles auch eine »Sage«, so dient es doch zur Bekräftigung der Annahme, daß die deutsche Heldensage auf dem geschichtlichen Boden der brukterischen, sigambrischen und fränkischen Stämme erwachsen sei; es zeigt wenigstens, daß sie hier sich vorzugsweise lebendig erhielt. –

Der älteste Ueberrest der Vorzeit, den Soest besitzt, ist ein wohlgefügtes, starkes Mauerwerk von neun Fuß Dicke, das, von rothbraunen Spuren verschiedener Feuersbrünste geschwärzt, noch in der Nähe der alten Kirche zu finden ist und ein Ueberbleibsel einer Burg Wittekinds genannt wird. Ein andrer Engernherzog, Brun, soll das erste Kirchlein inmitten der Sosatenhoven erbaut haben. Da über den Ursprung jener Burg nichts ermittelt ist, mögen wir sie immerhin dem alten Sachsenheerführer zuschreiben und annehmen, daß sich ihre Entstehung aus den Zeiten der großen Sachsenkriege herschreibe. Jedenfalls ist sie wohl die älteste Mauerburg zwischen Weser und Rhein – schon 1178 war sie »nur noch von Eulen und unreinen Thieren bewohnt.« Damals schuf Erzbischof Philipp von Heinsberg den alten »Thurm« zu einem Hospital um.

Aus der Geschichte Soest's erwähnen wir noch, daß der Frankenkönig Dagobert dem Erzbischof Lambert von Köln die Hoven »am Teiche« und ihre Mark geschenkt (etwa 626), daß Cunibert dort ein dem heiligen Petrus geweihtes Kirchlein – die alte Kirche – gebaut hat, daß Erzbischof Bruno, Kaiser Otto's I. Bruder, sich Sosat zum kirchlichen Mittelpunkt des westphälischen Theiles seines Sprengels ausersah. Er hatte 960 den Leichnam des Ritters Patroclus, den er vom Bischofe Ansgisus von Troyes zum Geschenk erhalten, nach Köln gebracht – dort in Troyes war der heilige Ritter, ein Gallier, der unter Kaiser Aurelian den Martyrertod erlitten, Jahrhunderte hindurch andächtig verehrt worden; diese Reliquie beschloß der Erzbischof nach Soest zu überführen, »einen Ort Sachsens, der reich war an weltlichen Gütern, voll an Volk, weit und breit den Sachsenstämmen, ja dem gesammten Reiche wohl bekannt, allein fast noch ohne Kunde des Mönchslebens.« Zur Aufnahme der heiligen Gebeine hatte Erzbischof Bruno ein Münster gegründet und ein Chorherrnstift dabei errichtet, und am 9. Dez. 964 fand die feierliche Niederlegung Statt. Der steigende Einfluß der Erzbischöfe Kölns bewährt sich dann in dem folgenden Jahrhundert; sie weilten früh und oft in Soest, empfingen dort den Besuch Heinrichs III. und Heinrichs IV., und Heribert soll um 1014 eine bischöfliche Pfalz erbaut haben – vielleicht ein Umbau der alten Wittekindsburg. Am meisten treten Erzbischof Anno's II. und Philipp von Heinsbergs Beziehungen zu Soest hervor, bis dieses sich inmitten des 15. Jahrhunderts durch einen gewaltigen Kampf der Abhängigkeit entschlug.

Die Entwickelung des Soester, für den Germanisten so wichtigen Rechtes fällt hauptsächlich in das 12. und 13. Jahrhundert. Das älteste Gesetzbuch ist lateinisch geschrieben, aber nicht lange nachher schrieb man die Fortbildung dieses statutarischen Rechts in alt plattdeutscher Sprache auf, fügte nach und nach neue Satzungen hinzu und bekam so die »alte Schrae« (Skra bedeutet im Isländ. und Skandin. Schrift), welche bis ins 16. Jahrhundert gegolten haben soll; um diese Zeit wurde sie von einem Stadtschreiber Jasper van der Burg auf die Seite geschafft, wovon der alte Vers sagt:

De Schrae will wy wetten, der Borger Recht,
Verklagen Mester Jaspar, der Stadt Diener und Knecht,
Dat he uns hefft vorentholden manche Tyt
Der Borger Privilegia und Plebiscyt. –

Dies wurde Veranlassung, daß man die »neue Schrae« aufsetzte; unter den Städten, welche sie annahmen, sind Hamburg und Lübeck, das sie wieder an andre meist nordische Städte austheilte, vor allen zu nennen. Auffallend in dem Soester Gesetzbuch sind die vielen Vergehen, die der Magistrat durch »ein Voder Wiens« sich brüchten läßt.

Seine vielen Privilegia und Rechte ließ Soest sich von den Schutzherrn durch pacta ducalia bestätigen, und verstand es, sie unangetastet zu wahren. Das wurde Graf Dietrich von Moers, der stolze Churfürst-Erzbischof von Köln und Bischof von Paderborn im 15. Jahrhundert inne. Fehden mit seinen Nachbarn, ein nutzloser Zug gegen die Hussiten nach Böhmen hatten ihn in Schulden gestürzt; er hoffte sie zu decken durch eine starke Schatzung seiner Lande und begann damit, alle Einwohner und alles Eigenthum aufschreiben zu lassen. Das ging in seinen andern Besitzungen ohne Zwist vor sich, die Westphalen aber verstanden die Neuerung übel und wollten nichts von des Bischofs Schreibereien und Schatzungen wissen; sie waren nie so beschrieben worden und ihre Väter auch nicht – und sie werden noch jetzt unwirsch, wenn man sie beschreiben will; darum warfen sie barsch die Schreiber zum Thore hinaus. Der ehrenreichen Stadt Soest fürsichtiger Rath aber wurde gebeten, wie er schon oft gethan, den Zwist der Städte mit dem Fürsten beizulegen. Deshalb und weil Soest grade am wenigsten von des Churfürsten Schatzung hören wollte, suchte dieser heimlich die Soester zu bestechen; er schlug vor, sie sollten die Schatzung zugeben, dann solle auf ihrem Rathhaus ein eiserner Kasten die gesammten Einkünfte aufnehmen und jeder dritte Pfennig der Stadt zufließen. Das war ein verlockendes Anerbieten, aber Soest's Bürger waren zu ehrlich, des Landes Sache zu verrathen. Da hetzte der Bischof den Soestern Feinde auf und bezeigte sich überall tückisch und treulos gegen sie; das Domkapitel von Köln erwies sich unmächtig, ihnen den Frieden zu schaffen; der Bischof bewog benachbarte Städte und Fürsten, in das Gebiet der freien Stadt einzufallen; endlich sandte er als oberster Stuhlherr in Westphalen drei Freischöffen nach Soest mit dem Mandat, es solle kein Recht und Gericht mehr in der Stadt sein; und die Bürger sollten wieder von allem Gut den Zehnten an die Geistlichkeit geben. Das wurde den Bürgern zu viel; sie richteten einen Bund mit Münster, Osnabrück, Paderborn und Lippstadt auf, beschlossen Leib und Leben für ihr Recht zu opfern und setzten den merkwürdigen lakonischen Absagebrief an den Churfürsten auf:

Wettet biscop Dierich von moers, dat wy den vesten junker Johan van Cleve lever hebbet alß juwe, unde werd juwe himet abgesagt.
Dat. Soest, a. d. 1444.

Damit begann die berühmte Soester Fehde, die Westphalen auf's schrecklichste verwüstete und alle seine Dynasten und Städte in die blutigsten Wirren riß. Es war eine der vier großen Episoden des erbitterten Kampfes der Fürstengewalt wider das auf der Bahn der Selbstbefreiung mächtig sich entwickelnde Bürgerthum; ein Kampf, der gerade am erbittertsten um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts aufloderte, als die Fürsten und der Adel, in fortschreitender Verarmung durch schlechte Wirthschaft und Fehdewesen, vom reichen Bürgerthum überflügelt zu werden begannen, und der zu jenem höchsten Ehrentag der Eidgenossen bei St. Jakob (1444), zu dem Siege der Nürnberger bei Pillenreut (1450), zu der Ueberwältigung von Mainz durch den Erzbischof Adolf (1462) und zu unsrer großen Soester Fehde von 1444 bis 1449 führte.

Soest sah sich leider von den großen Städten Westphalens, mit denen es einen Bund aufgerichtet, schmählich verlassen, es blieben nur die Dynasten von Lippe, Hoya und Hohnstein auf seiner Seite, nur die Stadt Lippstadt der allgemeinen Sache treu. Den kräftigsten Beistand erhielt es jedoch von Junker Johann von Cleve, genannt »Johannken mit den Bellen«, weil er nach Burgundischer Sitte Wams, Hosen und Schnabelschuhe mit silbernen Schellen (Bellen) geziert trug. Mit ihm schlossen die Bürger Soest's einen Schutzvertrag und leisteten ihm dafür die Erbhuldigung. Es war am 20. Juni 1444, als der streitbare Mann, Johann von Blankenstein, Drost zu Wetter, und der Ritter Konrad Stecke mit 80 Gewappneten in Soest einrückten; sie verkündeten des Junkers Ankunft auf den nächstfolgenden Tag; an diesem langte der blühende Held, nicht angetastet durch die Lauerer des Erzbischofs, der bereits die Grenzbäume und Landwehren der Stadt zu zerstören begann, um Mittag vor Soest an, begleitet von 2800 Reisigen auf Hengsten mit »Bellen« geschmückt. Ehrerbietig eingeholt, ward er folgenden Tags mit seinen Räthen und Rittern auf's Rathhaus geführt, wo jener Vertrag mit ausgestreckten Fingern zu Gott und allen Heiligen beschworen wurde. Die Fehde begann mit Sengen, Brennen und Verheeren; ein erster Versuch wider die Stadt, unternommen von der Stiftsmannschaft von Köln, blieb ohne alles Ergebniß. Ueber die Zerstörung friedlicher Dörfer und Höfe, die Berennung und Niederreißung einzelner Burgen und Wartthürme, wie der Schlösser Heide-Mühl, Welschenbeck, Körtlinghusen, erhoben sich die Kriegsthaten nicht; und so zog sich die Fehde hin, ohne daß ihr der Erzbischof Dietrich eine andre Wendung zu geben vermochte, als er im Sommer 1446 mit seinem ganzen Kriegsaufgebot in der Börde erschien und bei Sassendorf sein Lager aufschlug. Es erfolgten nur neue Verwüstung der Flur und eilf Tage hindurch kleine Scharmützel unter gewaltigem Gekrache der Bombarden und Handbüchsen, welche den Feind hübsch fern von den Mauern hielten. Der Spätherbst brachte endlich den Soestern einen entschiedenen Sieg. Der gesammte Stiftsadel von Köln und die Reisigen ihm verbündeter Städte waren am 28. Okt. auf der Haar in der Stille zusammengestoßen, um die Stadt Soest zu überrumpeln; sie näherten sich frühmorgens unter starkem Nebel unbemerkt dem Grandwiger Thore; da bemerkte der Thürmer die Gefahr und stürmte die Bürgerschaft auf, die nun unter ihrem Anführer, Ritter Konrad Stecke und den Clevischen Hauptleuten und ihrem Bürgermeister den Weichenden so gewaltig zusetzte, daß Herr Dietrich von Burtscheidt mit dem Stiftsbanner das Weite suchte und die verfolgenden Soester 140 Gefangene machten, darunter 29 Edelleute und drei Bürgermeister waren; auch 130 Pferde wurden erbeutet – auf der Wahlstatt aber lagen gefallen Graf Philipp von Nassau, ein Graf von Wittgenstein, Probst zu St. Gereon in Köln, und viel andre vornehme Herrn. An Beute und später an Lösegeld brachte dieser Tag den Soestern nicht weniger als 38,000 Goldgulden ein.

NachtragDie Schlacht vom 28. October feiert das beste der von der Soester Fehde handelnden Volkslieder. Wir lassen es in einer Paraphrase des alten Textes, der in L. Uhlands »Alte hoch- und niederdeutsche Volkslieder«, Stuttgart 1845, Bd. II. S. 964 zu finden ist, folgen:

Nun sollt Ihr vernehmen, was jüngst geschah,
An dem Samstag, der uns im Felde sah;
Der Nebel lag über den Landen;
Die Kölnischen rannten wider die Stadt,
Bischof Dietrich führt' ihre Banden.

Da läutete die Glocke Sturm,
Der Wächter rief herab vom Thurm:
»Die Kölner sind angekommen;
Nun laßt uns rücken zum Kampf in's Feld,
Der Kampf nur kann uns frommen!«

Johann der Rothe, ein junger Mann,
Sprach muth'gen Sinn's die Bürger an:
»Nun folget mir alle mit Treuen;
Ruft Gott den himmlischen Vater an,
Daß wir die Kölnischen bläuen;
Hauedurch, führ du den stärksten Hauf!
Wohlan, nun stoßt uns die Thore auf!« Der plattdeutsche Name des angerufenen Wackern lautet: »Hauwe-dardorch.

So zogen sie aus, es währte nicht lang,
Bis manche Gleve in Stücke sprang;
Dann griffen sie nach den Klingen
Und schlugen manchen schweren Schlag,
Die Feinde zum Falle zu bringen.

Ritter Diedrich von Witten, der stolze bat:
»Liebe Herrn, laßt mir das Leben in Gnad'!«
Johann von Schede gab sich gefangen:
»Wir stritten wie tapfere Degen thun,
Doch das Glück ist nicht mit uns gegangen!«

Mein Junkherr von Büren, ein Edelmann,
Rief kecken Rufs Dirk Burscheit an:
»Den Graf von Wittgensteine,
Wir wähnten, wir stünden bei Freunden heut,
Nun stehen wir hier alleine!«

Herr Steffen von Laer im Blute roth
Lag da mit allen Knechten todt.
Wulf von Uffeln blickte voll Grimm's umher, –
Er hatte so hoch sich vermessen,
Wie Schafe zu jagen der Soester Heer,
Nun hat er das Prahlen vergessen. –

Vir nobilis, ein Dynast.

Fußnote aus technischen Gründen im Text wiedergegeben. Re für Gutenberg

Inmitten dieser Kämpfe wurden mancherlei – im Ganzen vierzehn – Sühneversuche in verschiedenen Städten gepflogen, die sämmtlich ohne Ergebniß blieben; einmal auch erbot sich Erzbischof Dietrich, er wolle sich allein mit dem Junker von Cleve schlagen, im offenen Felde oder in einer Stube, ohne Rüstung oder gewappnet, was Junker Johann freudig annahm, »obgleich ihm die Sache an einem Priester fremd dünkte.« Nun aber entzog sich der Erzbischof wieder seinem Wort. Er hatte unterdeß andere Mittel, Soest zu demüthigen, gefunden: er hatte nicht allein die Bischöfe von Minden und Hildesheim und Münster auf seiner Seite, und die Kurfürsten von der Pfalz und von Sachsen, Herzog Wilhelm von Sachsen, Kurfürst Friedrich II. von Brandenburg, Herzog Wilhelm von Braunschweig und zahlreiche andere mächtige Herren, selbst die freie Stadt Dortmund, die sammt und sonders Soest die Fehde ansagten, für seine Sache gewonnen; er hatte jetzt auch noch ein Heer hussitischer Söldner aus Böhmen an sich gezogen, die Herzog Wilhelm von Sachsen angeworben, und die, als dieser ihrer Dienste in seinem Lande nicht mehr bedurfte, sich nicht hatten heimsenden lassen wollen, so daß Herzog Wilhelm, um ihrer entledigt zu sein, sie dem Bischof von Köln wider seine Ungehorsamen anbot. Der Bischof nahm bereitwillig ihren Dienst an, und so führte Herzog Wilhelm am 2. Juni 1447 9000 Böhmen zu Pferde mit ihren Trabanten und 10,000 zu Fuß, zusammen über 30,000 Mann bei Höxter und Holzminden über die Weser, weithin seinen Heerzug mit grauenhafter Zerstörung bezeichnend.

Aber auch der Junker von Cleve verstärkte sein Heer; er hatte an Burgund einen Helfer gefunden, außerdem standen ihm märkische Städte bei: so kam es, daß des Erzbischofs Macht sich an den Mauern von Lippstadt und Soest brach. Nachdem dieser einen großen Theil Westphalens, das Lippische und das linke Weserufer hatte verheeren lassen, stürmte er zwölf Tage lang vergeblich das vom Junker von Cleve vertheidigte Lippstadt, zog dann auf Peter-Pauls Tag 1447 vor Soest und hub an, die Mauern zu beschießen und Sturmleitern von mächtiger Größe zu fertigen. Drinnen aber, wo der junge Herzog mit 800 Reisigen angekommen, trug man St. Patroklus' Gebein umher und las an den vier Enden der Stadt ein Stück der vier Evangelisten ab; dann begann das Stürmen; zu Hunderten klimmte das wilde Volk des Bischofs die Leitern hinan; aber die Bürger wichen nicht, die Weiber traten in ihre Reihen, und was jener schwirrende Bolzen und Taraß- und Hackenbüchsen verschonten, das stürzte der Weiber glühender Brei und brodelndes Wasser in die Gräben hinunter. So kam es, daß alle Anstrengungen der Belagerer, die man, wohl übertrieben, auf 80,000 angibt, nichts halfen, auch nachdem sie das vor der Stadt liegende Walburgisstift erstürmt, daß endlich des Bischofs ganze Heerrüstung fruchtlos blieb und sein Volk nach vier Wochen sich getümmelvoll auflöste: die Böhmen fanden keinen Unterhalt mehr, erhielten vom Bischof ihren Sold nicht und dieser ergriff zuletzt vor ihnen selbst die Flucht und rettete sich nach Geseke. Nun begann der kleine Krieg wieder, bis 1449, wo man zum Frieden sich einigte; Herzog Johann von Cleve und Herzog Adolph, sein Vater, wie die Gesandten von Soest kamen dazu nach Köln, Papst Nicolaus V. sandte den Cardinal Johannes Sancti Angeli zur Verhandlung und dieser wußte es dahin zu bringen, daß man dem Papste die Entscheidung der Frage anheimstellte, wessen von nun an Soest sein sollte; dieser entschied, sie bleibe für immer in der Schirmherrschaft des Herzogs Johann und seiner Nachkommen: das bestätigte auch Kaiser Friedrich III. und so hatte Dietrich von Moers umsonst sich arm gemacht und geworben an ungeheuren Rüstungen, und die Soester hatten ihr Recht gewahrt und ihren Kopf durchgesetzt, keine unnütze Schreibereien in ihrem Gebiet dulden zu wollen. Von dieser Soester Fehde bewahren Gedichte und Volksgesänge das Andenken: unter andren eine plattdeutsche Art Reimchronik und ein Gedicht: »wu Korttelinkhusen gewunnen ward,« von einem fröhlichen Gesellen, der dabei war, »Wrischer Mai genannt.« – Als 1609 der letzte Herzog von Cleve, Johann Wilhelm, starb und ein Theil seiner Lande von Johann Sigismund von Brandenburg besetzt wurde, kam auch Soest unter dessen Herrschaft. Es sank aber seit dem 16. Jahrhundert immer mehr von seiner Höhe und Macht; vorzüglich hart bedrängte es der 30jährige Krieg; der grimme Herzog Christian von Braunschweig, die Spanier, die Italiener, die Kaiserlichen wechselten sich in dem Verheerungswerke ab. Zu jener Zeit hat auch Simplicissimus, der abenteuerliche, zu Soest im Quartier gelegen; er geräth dort in ein altes Kellergewölbe, wo er durch zwei Pistolenschüsse eine Oeffnung in das Mauerwerk bricht und einen reichen Schatz von Edelsteinen, köstlichem Geräth und vielen Münzen findet; man erzählt ihm dann, es sei längst gemeine Sage im Land, daß ein eiserner Trog voller Geldes in dem Gemäuer sei, den ein schwarzer Hund hüte, zusammt einer verwünschten Jungfrau; nur durch einen fremden Edelmann, der in's Land komme und den eisernen Trog mit einem feurigen Schlüssel aufschließe, könne sie erlöst werden, wer aber von fahrenden Schülern oder Teufelsbannern noch bei Mannsgedenken danach ausgegangen, dem habe das gräuliche Ungeheuer nach überstandener schrecklicher Angst den Bescheid mitgegeben, Niemand könne den Schatz heben, der nur einmal Weibermilch getrunken: »vor wenig Jahren wäre ein Mägdlein mit etlichen Geißen des Orts auf der Weyde gewesen, als ihr aber eine davon entloffen und in besagtes Gemäuer kommen, hätte ihr das Mägdlein nachgefolget: zu demselben seye die Jungfrau kommen, und hätte es gefragt, was es da zu schaffen habe, und demnach das Mägdlein geantwortet: Es wolle seine Geiß wieder holen, hätte die Jungfrau demselben ein Körblein voller Kirschen gewiesen und gesagt, so gebe und nimm dort von dem, was du vor dir siehest mit sampt deiner Geiß, komme mir aber nicht wieder und siehe dich auch nicht umb, damit dir nichts arges widerfahre; darauf seye das Mägdlein erschrocken und habe in solcher Angst sieben Kirschen ertappet, welche, sobald sie vor das Gemäuer kommen, zu Gold worden.« Eine andre Soester Sage erzählt von einem Ritter Themo, der Tag und Nacht seine Zeit mit Würfeln und Dobbeln zugebracht; zu dem tritt eines Abends ein Unbekannter mit einem Säcklein voll Geld in's Haus und begehrt zu spielen: Ritter Themo langt freudig den Becher mit den Würfeln her, aber er wirft unglücklich, Wurf nach Wurf, bis er zornig den Unbekannten den leibhaftigen Satan schilt: und siehe, was Ritter Themo nicht erwartet hatte, der fremde Herr faßt ihn wirklich beim Kragen und fliegt mit ihm durch die Decke und das Dach des Hauses und hoch in die Lüfte; die Dachziegel fand man mit blutigem Gehirne besprützt, wohin aber sein Körper gekommen, das hat Niemand bis auf diese Stunde erfahren.

An Soest knüpft sich der Name eines geistreichen Satirikers, der Guardian der Minoritenmönche war und Gerwyn Haverland hieß; er schrieb eine (1539 gedruckte) Art von Komödie: »Eine gemeine Bicht oder Bekennung der Predikanten tho Soest«, deren scharfe Stacheln sich gegen die Anhänger der Reformation richteten. Ein für die Geschichte der Kunst ungleich wichtigerer Name ist der des Soester Goldschmieds, Malers und Kupferstechers Heinrich Aldegrever (Trippenmacher). Er ward 1502 in Paderborn geboren und zog gen Nürnberg, um von Meister Albrecht Dürer die Schilderei und den Kupferstich zu erlernen; auf seinen Reisen nannte er sich Albert von Westphalen; deshalb hat man ihn auch Albert genannt und zwei Künstler Aldegrever angenommen; doch stammen die Bilder, welche ihn zum ersten der sogenannten »Kleinmeister« in der Kupferstecherkunst nach Albrecht Dürer machen, von dem einen Meister Heinrich, dessen Hand außerdem die Kirchen seiner Heimath mit großen trefflichen Gemälden im Stile seines Meisters geschmückt haben soll. Sein Monogramm ist A G. Nach dem Geschmacke seiner Zeit sind seine Arbeiten mitunter an cynische oder satyrische Stoffe gewendet, was ihrer Erhaltung geschadet hat. Es war offenbar eine große Verbitterung gegen die kirchlichen Zustände seiner Zeit in ihm; er scheint in seinem religiösen Radicalismus sich sogar der Wiedertäuferlehre zugeneigt zu haben. Wir haben mehrere Bilder König Johanns von Leiden von ihm, auch scheint er die Stempel für dessen schöne Silberthaler geschnitten zu haben. Zu den berühmtesten seiner Bilder gehört die Bürgerhochzeit, woraus zugleich der Wohlstand Westphälischer Patrizier in jener Zeit erhellt: keiner der Frauen- und Männergestalten fehlt der reiche Schmuck von schweren Ketten und Perlenschnüren; die Männer tragen Siegelring, Degen, Dolche und künstliches Wehrgehenk über den reichgeschlitzten Wämsern, die Frauen ein sonderbares Kopfzeug und lange Schleppkleider mit kostbaren Bügeltaschen an zierlichem Gehänge. Auf einem andern Blatte, welches Titus Manlius, den Römerhelden, darstellt, zeichnete Aldegrever ein Mordinstrument, das man überrascht als eine Guillotine erkennt, die übrigens öfter auf Bildern aus frühern Jahrhunderten (z. B. in Cat's Gedichten, Folioausgabe, Amsterdam 1658) vorkommt.

Es ist wahrscheinlich gemacht worden, daß Soest einst auch eine Kunstschule für Architectur, eine Bauhütte besessen habe; eine gewisse Eigenthümlichkeit, die in schlichter Würde sich charakterisirt, kehrt in den meisten seiner schönen Baudenkmale wieder und spricht für eine unabhängige Entwicklung der Kunst innerhalb der Mauern der denkwürdigen Stadt. Der Dom des heiligen Patroclus oder die Münsterkirche zeugt am unverkennbarsten davon; er repräsentirt die Kunst des 10. und 11. Jahrhunderts (Erzbischof Bruno von Köln ließ im Anfange des 10. Jahrhunderts den Bau beginnen) und zeigt besonders an der Westseite die höchste Vollendung des sächsischen Stiles, der seine Bogen im Halbkreise schlug und durch die schwere Gewalt seiner Massen imponirte; die Arkaden dieser westlichen Fronte sind eines der schönsten Denkmale dieses Geschmacks: wunderbarer Weise befindet sich über ihnen, in Sankt Patrocli Schutz gestellt, die Rüstkammer der Stadt, wo Armbrust und Pfeile noch jetzt der wehrhaften alten Zeit Gedächtniß erhalten. Im Innern der Kirche wurden früher die Gebeine jenes Heiligen in einem kostbaren Kasten mit schönen Skulpturarbeiten (jetzt in Berlin) gezeigt, außerdem war ein wunderthätiges Bild da, »der große Gott von Soest,« Karl's des Großen Pathengeschenk an Wittekind, wie man sagt. – Noch glänzender ist die Kunst des 12. und 13. Jahrhunderts in Soest repräsentirt; da hatte man die schweren sächsischen Bogenformen verlassen, in der lichten Spitzbogenform strebte die Kunst höher himmelan, wie dies fortwährende Entfalten zu immer höher strebenden Gebilden, dies kraftvolle Besiegen, dies stolze Niedertreten der Materie überhaupt die schönste Eigenschaft der mittelaltrigen Architectur ist. Der Grieche fand in jonischer und corinthischer Säulenstellung eine schöne Form für den Geist, der seinen vollendetsten Ausdruck darin bekam; aber was Anfangs eine klare Crystallisation gewesen, ward ihm bald eine Versteinerung und das organische Wachsthum seiner Kunst bekam eine todte Blüthe in jener vollendeten Form, die mit sich selbst zufrieden von weiterem Fortbilden abließ: daher kommt es, daß, wer eine corinthische Säulenstellung, einen hellenischen Tempel aus der Blüthenperiode gesehen hat, sie so ziemlich alle sah. Anders bei unsrer Kunst; das Streben nach einer höhern Vergeistigung des Stoffes ließ jede neue Schöpfung lichter, schlanker, schöner sich gestalten: nennen wir doch den Haupt- und Mittelpunkt jedes Kunstwerks dieser Art, um den das andre sich gestaltet, die Säule, eine Strebe, das nie Rastende, zu Geist und Himmel Emporziehende des Werkes anzudeuten. Es giebt in unserer Heimath kein Gebäude, worin dieser Charakter deutscher Kunst glänzender sich ausspräche, als die Kirche der heiligen Maria zur Wiesen in Soest. Sie soll von einer Gräfin zum Dank für die Heimkehr ihres Mannes aus den Kreuzzügen erbaut und 1343 vollendet sein. Johannes Schandler wird der Meister genannt. Das Schiff ruht auf acht schlanken Säulen und hat die vollendetsten Verhältnisse: gen Osten schließen es drei Chöre, wovon der mittelste wahrhaft prachtvoll durch seine reichen Verzierungen und wunderbar schönen Glasmalereien in schmalen Fenstern von 70 Fuß Höhe ist. Das Ganze ist nicht groß, aber von imposanter Höhe: diese tritt um so auffallender hervor, als das reiche Gliederwerk der Pfeiler, ohne Unterbrechung durch Knäufe und Gesimse, in fließendem Zusammenhange an den Gurten der Decke entlang läuft. Die Kirche ist in neuerer Zeit einer Restauration unterworfen, die ihre ganze Schönheit hervortreten läßt. Schön ist auch das südliche Thor mit seinen zarten feinen Arbeiten. Soest besitzt noch mehrere sehenswürdige Baudenkmale, die Peterskirche z. B. und die Marienkirche zur Höhe, die ein Versuch zu sein scheint, bis zu welchem Grade der Willkür alle Symmetrie sich verleugnen lasse. –

Wir haben hier noch eines höchst merkwürdigen alten Baudenkmals aus der Nähe von Soest zu erwähnen. Folgt man der Straße, die südwärts gen Arnsberg führt, so erreicht man halbwegs zwischen beiden Städten den Weiler Drüggelte oder Drüchelten und findet hier eine kleine achteckige Kapelle von höchst zierlichen Formen; zwölf Säulen von verschiedener Stärke tragen das Gewölbe, das in einer kleinen Kuppel ausläuft; an einigen der Kapitäle finden sich Sculpturen, an einem drei Köpfe, an einem anderen Rosetten. Diese Kapelle, heißt es, sei die älteste Kirche im Lande, ja, sie sei noch ein Heidentempel gewesen; auch soll durch eine der schmalen schartenartigen Lichtöffnungen am Johannistage die Sonne just beim Aufgange ihre ersten Strahlen werfen, wie an dem Tempel der Morgenröthe zu Jüterbog, in welchen die Sonne zur Zeit der Tag- und Nachtgleiche hineinschien. Die Kapelle ist ohne Zweifel ein Baptisterium aus der Karolingischen Zeit; man könnte den Stil – si fas est parva componere magnis – dem des Münsters zu Aachen vergleichen; werthvoll würde jedenfalls die genauere Feststellung ihres Ursprunges sein!

Der Weiler Drüggelte liegt am rechten Ufer der waldreichen Möhne, der wir hier, trotz ihrer hübschen Partien z. B. bei Mülheim, nicht folgen dürfen – wir würden sonst weiter aufwärts an dem von Rüthen und Beleke kommenden Gewässer die Marmorschneidemühlen und Schleifereien von Allagen aufsuchen, wo schöner Sauerländischer Marmor von ausgezeichneter Qualität und manigfaltigster Färbung (den besten bringen die reichen Brüche von Mecklinghausen bei Olpe – Kremergel- oder Kramenzelstein nennt ihn dort das Volk – hervor) in geschmackvollen Formen für den Gebrauch hergerichtet wird. Wir haben uns wieder nordwärts zu wenden den hübschesten Ufer-Partien unserer Lippe zu, die wir in der Gegend des freundlichen Dörfchens Lippborg mit seinen hügelichten Wald- und Ackerfluren finden. Haus Assen liegt hier, am rechten Ufer des Flusses, eine Strecke landeinwärts, der romantische Sitz der Grafen von Galen, wie ein altes Schloß aus einer Eichendorffschen Novelle, mit den blaubeschieferten Thürmchen über dichte Waldesgipfel emporragend; es ist eng aus Ziegelsteinen zusammengebaut, in einem wunderlichen eckigen Stile, und muß einer Zeit angehören, welche die alten Felsenburgnester mit Belfried und Zugbrücke unnöthig gemacht hatte, aber noch nicht wagte, in geräumigen, weit und bequem gedehnten Flügeln jeder Gefahr mit offener Brust und wehrlos zu trotzen. Doch ist es in neuerer Zeit bedeutend erweitert. – In der Nähe ist Herzfeld, ein Dorf, welches die Erinnerung an die heilige Ida weiht. Sie war eines Grafen Egbert, aus dem Gefolge Karls des Großen, Krankenpflegerin im Frankenlande geworden; als er genesen, bat er die sanfte und fromme Base des großen Karl, ihm in seine Heimath zu folgen, und sie willigte ein und zog mit ihm, viele Tage lang, bis sie an die Lippe kamen; da rasteten sie, als es Abend geworden, weil es ihr wohlgefiel in den schönen Waldungen umher. In der Nacht aber offenbarte ihr ein Traum, wie sie die Stätte wählen solle zu einem Gotteshause und einer Gruft, darin einst sie und ihr Gemahl ruhe. Als sie nun auf ihres Mannes Hauptsitz, der Hovestadt angekommen, ließ sie die Waldung lichten, ihr zahmer Hirsch trug die Steine zum Bau und bald erstand eine Kapelle, bald auch das Dorf, das nach dem Hirsche genannt wird; noch heute sieht man tief in dem Bette des Flusses den grünen Weg, welchen die Heilige mit ihrem Saumthiere wandelte. In der Kapelle selbst ist Ida abgebildet, wie sie unter einem Baume ruht und das treue Thier, den Kopf in ihren Schooß gelegt, frommen Auges zu ihr aufschaut. Sie ruht in dieser Kapelle, in der Verschollenheit eines stillen Dörfleins, obwohl sie die Stammmutter der mächtigsten deutschen Fürsten-Häuser, auch der preußischen Dynastie geworden ist.

Nach langer mühseliger Fahrt, am Stifte Cappel und Lippstadt, dann an der Mündung der Alme in die Lippe vorüber, wo Elsen liegt, am wahrscheinlichsten des Drusus und unsrer Alterthümler viel umstrittenes Aliso, erreichen wir die Quellen der Lippe endlich am südwestlichen Abhange des Lippischen Waldes, wie dieser Theil des Osnings genannt wird. Das nahe Lippspringe besitzt Ruinen eines, wie man behauptet, alten Sitzes der Tempelritter. Wir wissen aus dem Poeta Saxo, daß Karl der Große, »an den Quellen der Lippe« gelagert, einer großen Menge Sachsen die Taufe ertheilen lassen und an derselben Stelle eine Burg erbaut hat. Wenn nun der Lippearm, an welchem sich unsre Tempelherrnburg erhebt, seit je der Jordan heißt, so liegt die Vermuthung nahe, daß die Burg das castrum super Lippiam Karls gewesen, das hellströmende Gewässer aber aus jenen Tagen der Sachsenbekehrung, wo es als reinigende Tauffluth gedient, den Namen führe. Um so mehr, als vielfach uralte Burgen, deren Herstammung im Laufe der Zeiten ungewiß geworden, den Tempelrittern zugeschrieben wurden. Die Güter der letztern wurden bei deren Auflösung dem Orden der Johanniterritter übergeben, – da wir diese jedoch in Lippspringe als Nachfolger der Templer nicht finden, und über Tempelritter in Lippspringe auch nichts in unsern Urkunden enthalten ist, so wird ihre Anwesenheit dort mehr als fraglich. Gewiß ist, daß die Burg dem Domkapitel zu Paderborn gehörte, in mancherlei Pfandbesitz ausgethan wurde, und daß ein kleiner Ort sich umher bildete, der 1400 städtische Rechte erhielt.

Im 14. Jahrhundert beherbergte die Burg einen Herzog Heinrich von Lancaster, der mit 400 Lanzen auf einem Zuge gegen die heidnischen Preußen begriffen war: es ist nicht wahrscheinlich, daß der ritterliche Brite eine vortheilhafte Idee von Westphälischer Gastlichkeit heimgebracht habe, denn er wurde hier in der öden Senne vom Grafen von Rittberg, von Hunold von Plettenberg und Johann von Padberg überfallen und um alle Habe, Gold, Silber, Waffen und Kleidungsstücke gebracht. – Seit dem dreißigjährigen Kriege wurde die Burg dem Verfalle überlassen, mit ihr verfiel allmählich die kleine Stadt umher, bis dieser ein neuer Aufschwung bereitet wurde durch die 1832 gemachte Entdeckung der Heilkraft des jetzt vielbesuchten dortigen Gesundbrunnens, einer Quelle, deren Hauptbestandtheile schwefelsaure Salze sind. Die Heilwirkungen der jetzt mit Bade- und Gasthäusern und Anlagen umgebenen »Arminiusquelle« sollen sich namentlich an Brustkranken bewähren.

Von Lippspringe machen wir nach Paderborn den Umweg über Neuhaus, um einen Blick auf die Burg zu werfen, welche seit ältester Zeit der Bischöfe von Paderborn Hauptwohnsitz war, an der Pader, Alme und Lippe Zusammenfluß – schon um 1281 machten wider dasselbe als ihres Bischofs Feste die Bürger von Paderborn einen Ausfall und zerstörten es bis auf den Grund. In seiner jetzigen Gestalt gehört es meistentheils dem 17. Jahrhundert, der Zeit des Bischofs Theodor von Fürstenberg an und dient heute als Kaserne.

Die Stadt am »Born der Pader« – aus 143 Quellen fließt dies Gewässer zusammen – ist der Sitz des ältesten Bisthums in Westphalen. Karl der Große hielt hier schon 777 den ersten großen Reichstag im Lande der Sachsen, hier erschienen die Gesandten der Emire von Saragossa und Huesca vor ihm, um seine Hülfe anzuflehen gegen den Kalifen Abderrahman. Das war die Veranlassung seiner Sarazenenkämpfe an den Ufern des Ebro, die Veranlassung jener Abenteuer seiner Paladine, welche die Sage des Mittelalters und die Poesie zu einem üppigen Arabeskengewinde verschlungen haben, durch dessen farbig glühendes Blüthen- und Blätterwerk das keck behelmte Ritterhaupt Bojardo's und das schelmische Poetenauge Ariosto's uns anlächeln. Im Jahre 799 bewirthete der große Herrscher in dieser Stadt den Papst Leo III., der flehend und klagend über sein treuloses Römervolk, das den heiligen Mann mißhandelt hatte, zu ihm kam; das war die Veranlassung zu Karls Römerzug im Jahre 800, zu seiner Krönung in der St. Peterskirche, zu der ersten Erneuerung des abendländischen Kaiserthums und der ganzen Römischen Reichs-Herrlichkeit deutscher Nation. – Der Apostel dieser Gegend und des Patergau's war der heilige Sturmio geworden; Karl ließ eine Salvatorskirche an der Pader erbauen, wohl die erste im Sachsenlande, und stiftete ein Bisthum hier (795), das in den ersten Jahren dem Bischof von Würzburg untergeben wurde. Der erste Bischof war Hathumar. Zur Ausstattung wurden unter andren die Dienste vier alter sächsischer Familien geschlagen, welche die vier Säulen und edlen Meier des hohen Domstifts hießen; es sind die von Flechten (jetzt von Haxthausen) und die von und zu Brenken noch davon übrig. Unter den Bischöfen nach Hathumar muß der selige Meinwerkus genannt werden; er war Verwandter und Hofkaplan Kaiser Otto's III. und eine Art Sixtus V. unter den Prälaten Paderborns, thätig, lebhaft, witzig, eifrig in seinem Berufe; einen großen Wirkungskreis hätte vielleicht seine viel eingreifende Lebhaftigkeit verwirrt, aber er war ganz der Mann, um ein unwirthliches Land voll einer rohen Bevölkerung zu lichten, zu cultiviren, geistig und physisch aufzuregen. Die Menge der Schenkungen, welche er dem frommen Kaiser Heinrich II. und seiner jungfräulichen Gemahlin Kunigunde für die Kirche abzugewinnen wußte, geht in's Unglaubliche. Heinrich II. war zu wiederholten Malen in Paderborn, und ließ hier seine Gemahlin durch Meinwerk feierlich krönen. Im 16. Jahrh. verursachten Reformationsversuche lange und für die Bischöfe verdrießliche Wirren in der Stadt Paderborn, die jedoch der endliche Sieg des Katholicismus beilegte. Die aristokratischen Verwaltungsgrundsätze des Magistrats veranlaßten im Anfange des 17. Jahrh. den denkwürdigen Bürgeraufstand, welcher einen Liborius Wichards zum unumschränkten Gebieter machte, bis er vom Fürsten nach einer kurzen Belagerung der Stadt 1604 gefangen und hingerichtet wurde.

Eine Zeit so wilder Gährung, wie die Reformation sie in Münster hervorrief, hat Paderborn nicht zu erleben gehabt; von der schweren Noth der Zeit blieb es jedoch auch nicht verschont und namentlich hatte es Unsägliches im dreißigjährigen Kriege zu leiden. Die Drangsale wurden eingeleitet durch das Einrücken des tollen Bischofs von Halberstadt, des Herzogs Christian von Braunschweig, 1622, der durch seine Banden zusammenplündern ließ, was immer für sie zu bekommen war, und der den schönen reichen Domschatz völlig ausleerte. Der heil. Liborius ist der Patron der Paderborner Diöcese. Die Gebeine desselben sind im Jahre 836 aus Frankreich nach Westphalen übertragen und sollen hier viele merkwürdige Wunder bewirkt haben. Deshalb hatte man sie denn auch in einen kostbaren, ganz von Silber geschmiedeten Kasten eingesargt. Daß dieser mit zwölf Silberstandbildern der Apostel geschmückte Kasten den Zärtlichkeitsbeweisen des tollen Christian ebenfalls nicht entging, brauchen wir nicht zu erwähnen – er ließ seine bekannten Thaler mit der Legende: »Gottes Freund, der Pfaffen Feind« daraus schlagen. Die Gebeine aber schenkte er einer Rheingräfin, einer gebornen von Croy, welche sie dem Fürstbischofe zurückgab; die Familien von Westphalen und von Nießen haben dann den heutigen aus feinen Harzthalern gemachten und vergoldeten Liboriuskasten anfertigen lassen, der mit seinen vielen Figuren und Zierrathen ein merkwürdiges Stück Goldschmiedearbeit ist. Den Meister gibt die Inschrift an: Düsse Arwet heffe ick, Hans Drake Goltschmit tom Dringenberge maket von luter Dalers, asse hi bilagt sind, Anno 1635.

Paderborn ist reich an denkwürdigen Kirchenbauten. Da ist zuerst ein Rest einer Gerolds- oder Marienkapelle aus den Tagen Karls des Großen, neben welcher Bischof Meinwerkus zweihundert Jahre später durch griechische Bauleute eine zweite, die Bartholomäuskapelle, aufführen ließ. Im Jahre 1014 hatte Meinwerk den Kaiser Heinrich II. nach Rom begleitet und von daher nicht allein griechische (d. h. wohl unteritalische) Bauleute, sondern auch dreizehn Benedictiner aus Clugny in Frankreich mitgebracht, die in ihrer Heimath die höhere Technik des Bauens kennen gelernt hatten und nun mit jenen die Bußdorfskirche und das Kloster Abdinghof bauten und die Bartholomäuskapelle aufführten. Das kleine (nur 38 Fuß lange) Gebäude dieser letztern hat außerordentlich schlanke und kühn emporsteigende Säulen und drei Schiffe. Vgl. W. E. Giefers, Der Badeort Lippspringe. Alle Merkmale der Bartholomäuskapelle, deren Structur eine ebenso solide als tüchtige Technik zeigt, passen durchaus in jene Zeit, in welcher man allmählich aus dem altchristlichen Stile zum romanischen überging, und es ist daher das kleine, reizvolle Gotteshaus noch eben dasselbe, welches Bischof Meinwerk im J. 1017 aufführen ließ. Und somit hat sich in Paderborn ein Bauwerk von einer für jene Zeit seltenen Zierlichkeit und künstlerischen Durchbildung in unverändertem baulichen Zustande bis auf den heutigen Tag erhalten. Im J. 1600 wurde die Kapelle dem Jesuiten-Collegium incorporirt, gehört aber jetzt zum Dome.

Gleichzeitig mit der Bartholomäuskapelle ließ der bauliebende Meinwerk das Kloster und die Kirche von Abdinghof durch die Benedictiner von Clugny aufführen, von denen jenes jetzt als Kaserne benutzt wird. Schon gegen Ende des Jahres 1022 waren beide der Vollendung nahe gebracht, als plötzlich das Chorgewölbe der Kirche einstürzte. Er weihete deshalb zur einstweiligen Abhaltung des Gottesdienstes die Krypta unter dem Chore ein, welche allein von dem ganzen Werke noch übrig und sehr sehenswerth ist.

Von der unter Meinwerk erbaueten Kreuz-Kirche ist nichts mehr übrig, als noch ein Theil der Grundmauern. Sie wurde nämlich schon im J. 1058 ein Raub der Flammen. In den Jahren 106978 ließ der Bischof Poppo eine neue Kirche über der von den Flammen verschonten Krypta aufführen, welche sich, obschon mit manigfachen Umgestaltungen, bis jetzt erhalten hat. Im J. 1165 verlor sie nämlich das Dach und die flache hölzerne Decke. Nun wurden zwei Reihen starker Pfeiler im Hauptschiffe längs den Arcadenbögen aufgeführt – vier derselben in den Ecken der Krypta durch das Gewölbe derselben hindurch – und über denselben ein romanisches Kreuzgewölbe angelegt. Auch wurde damals das Mauerwerk der beiden Westthürme um zwanzig Fuß erhöht.

Die Kirche von Abdinghof ist unlängst der evangelischen Gemeinde in Paderborn überwiesen und in ihrer romanischen Gestalt wieder hergestellt. Auch die beiden Thürme erheben wieder ihre schön geformten Spitzen und bilden eine Zierde der Stadt.

An den südlichen der beiden Thürme lehnt sich ein interessanter Vorbau an, welcher, nach seinen zierlichen Formen zu schließen, wenigstens ein halbes Jahrhundert später entstanden ist, als das Gewölbe der Kirche. Er umschließt ein erhöhetes Gemach von quadratischer Form, welches mit vier romanischen Kreuzgewölben bedeckt ist, die theils auf schlanken Ecksäulchen, theils auf einer mitten in dem Quadrate sich erhebenden starken Säule aufsetzen. Das Klostergebäude ist in ebenso verschiedener, aber späterer Zeit entstanden, wie die Kirche, welche eins der größten und würdigsten Baudenkmäler des romanischen Stils der Diöcese bildet. Ebenfalls in ganz verschiedenen Zeiten entstanden ist der Dom. Die erste Kirche zu Paderborn ließ Karl der Große schon im Jahre 777 bauen – wie schon oben bemerkt wurde – und nannte sie Salvator-Kirche. Aber schon im folgenden Jahre wurde sie bei dem Aufstande der Sachsen wieder zerstört. Als der Papst Leo III. 799 Paderborn besuchte, war eine Hauptkirche von ausnehmender Größe noch im Bau begriffen; nur die Krypta scheint vollendet gewesen zu sein, da der Papst einen Altar in derselben zu Ehren des Martyrers Stephanus einweihete und Reliquien von diesem Heiligen in denselben niederlegte. Erst unter dem zweiten Bischofe von Paderborn, Badurad, welcher im Jahre 804 auf Hathumar folgte, wurde die Domkirche vollendet, welche jedoch im Jahre 1000 ein Raub der Flammen ward. Gleich darauf legte der damalige Bischof Ruthar den Grund zu einem neuen Dome, aber er starb schon 1009 und sein Nachfolger, der schon mehrmals erwähnte Meinwerk, welcher die Anlage zu klein fand, bauete einen größern, prächtigern Dom, welcher im Jahre 1015 eingeweihet wurde. Aber noch kein halbes Jahrhundert hatte derselbe gestanden, als er im Jahre 1058 durch eine große Feuersbrunst großentheils vernichtet ward. Innerhalb zehn Jahren ließ Bischof Imad denselben wieder herstellen, und weihete ihn im Jahre 1068 ein. Und wieder war kaum ein halbes Jahrhundert verflossen, als auch das Werk Imad's durch Feuer zerstört wurde, nämlich im Jahre 1133. Jedoch in zehn Jahren schuf Bischof Bernhard I. einen neuen Dom, der an Festigkeit und Größe alle frühern übertraf. Und dieser Bau, der 1143 vollendet ward, ist im Ganzen noch vorhanden, obgleich er manche Abänderungen erlitten hat. Die ungewöhnlich große Krypta ist mit Kreuzgewölben überdeckt, welche auf ziemlich schlanken Säulen ruhen. Das Capitäl derselben ist das kubische und die gut geformte attische Basis hat schon das Eckblatt, das jedoch noch sehr einfach gehalten ist. Sie ist um 1133 erbauet.

Von dem Dome Imad's sind noch übrig der untere Theil des großen Hauptthurmes so wie die an denselben sich anschließenden untern Theile des Hauptschiffes und der beiden Nebenschiffe, in deren südlichem jetzt der Taufstein steht. Diese westlichen Theile der Nebenschiffe geben sowohl die ursprüngliche Breite des Domes, als auch die Höhe und Breite der Nebenschiffe in ihrer ganzen Länge an.

Als aber 1133 Imads Werk durch Feuer zerstört war, bauete Bernhard I. ein größeres und festeres. Er ließ nämlich unmittelbar vor den eben beschriebenen Theilen ein westliches Querschiff aufführen, mit dem nördlichen einfacheren und dem südlicheren reichgeschmückten Portale, und erweiterte die Seitenschiffe bis fast zur Breite des westlichen Kreuzschiffes. Auf die mächtigen Pfeiler wurden romanische Kreuzgewölbe gestützt.

Nach dem Brande von 1263 führte man die Seitenschiffe zu gleicher Höhe mit dem Hauptschiffe auf und setzte auf den romanischen Unterbau gothische Gewölbe. Ebenso setzte man in die durchbrochenen Wände große gothische Fenster. In dieselbe Zeit fällt auch die Entstehung des nördlichen Theiles des westlichen Querschiffes, während der südliche Theil in die Mitte des 11. Jahrhunderts zu setzen ist.

Auch der große Westthurm hat eine mehrmalige Umgestaltung erlitten. Ursprünglich war er sehr niedrig und mit vier Giebeln versehen, zwischen welchen sich eine ebenfalls niedrige Spitze erhob. Als der Dom ein gothisches Gewölbe erhielt, erhöhete man die Giebel, und führte zwischen denselben eine schlanke gothische Spitze auf. Da diese jedoch vom Feuer zerstört ward, füllte man den Raum zwischen den Giebeln ganz aus, setzte neue Giebel darauf und dann eine Spitze, die der jetzigen Busdorfer ähnlich war. Diese wurde am 11. Januar 1815 durch einen Blitzstrahl vernichtet und man gab darauf dem alten colossalen Thurme das jetzige jämmerliche Dach, indem der östliche und westliche Giebel ganz, die beiden andern theilweise abgebrochen wurden.

Ehe wir den Dom verlassen, müssen wir noch auf einige sehenswerthe Arbeiten an und in demselben aufmerksam machen. In dem nördlichen Flügel des Kreuzschiffes steht der frühere Hauptaltar, der im 15. Jahrhundert im gothischen Stile mit großer Sauberkeit und Vollendung ausgeführt ist. Auf dem Chore an der südlichen Wand findet sich das Grabmal des Bischofs Rotho aus dem Jahre 1399. Der Bischof liegt mit gefalteten Händen oben auf demselben, in einfachem Gewande, mit trefflich gebildeten Zügen. Das Ganze verräth einen hochbegabten Meister.

An einem Wandpfeiler des Chores zeigt sich ein Marmorrelief von altromanischer Arbeit, die Anbetung der Weisen darstellend, das Meinwerk aus Italien mitgebracht haben soll. In dem Ganzen herrscht eine gewisse Lieblichkeit des Ausdrucks; die Gesichtsbildung ist noch antik gehalten. – Unter den kostbaren kirchlichen Geräthschaften des Domes sind bemerkenswerth ein uralter Kelch im romanischen Stile und ein Ostensorium im gothischen, sowie ein Reliquienkästchen in Niello-Arbeit im 11. Jahrhundert ausgeführt.

Nach dem Dome muß zunächst die Busdorfs-Kirche genannt werden, ebenfalls von Meinwerk gegründet und zwar nach dem Vorbilde der Kirche des heil. Grabes zu Jerusalem, von welcher das Maß durch den Abt Wino von Helmershausen geholt war. Aber von Meinwerk's Anlage scheint nichts erhalten zu sein. Den ältesten Theil bildet das viereckig abgeschlossene Chor mit den rundbogigen Quergurten und Kreuzgewölbe, das aller Wahrscheinlichkeit nach gegen Ende des 12. Jahrhunderts entstanden ist. Die übrigen Theile der Kirche gehören dem 14. Jahrhunderte an, wie sich aus den noch nicht entwickelten gothischen Formen schließen läßt. Das Aeußere der Kirche, welches durch den Thurm ein stattliches Ansehen erhält, ist durch einen schlechten Vorbau im Rococo-Stile entstellt. Hinter dem Hochaltare findet sich ein schönes Sakramentshäuschen, das jedoch schon der spätern Gothik angehört. Die Kirche besitzt eine sehenswerthe gothische Monstranz und verwahrt in einem zinnernen Sarge die Gebeine ihres Gründers, des seligen Meinwerk, welchen im Jahre 1803 bei der Aufhebung des Klosters Abdinghof hier eine Ruhestätte angewiesen wurde. Auch die Casel, in welcher derselbe beerdigt wurde, so wie sein Bischofsstab hat sich erhalten und wird im Busdorfe aufbewahrt. Endlich besitzt die Kirche einen siebenarmigen Candelaber, dessen Fuß mit Arabesken und Thierfiguren geschmückt ist. Die Arbeit ist ziemlich roh und gehört dem Anscheine nach dem 11. oder 12. Jahrhunderte an.

Aelter als der Busdorf, wenngleich nicht der Anlage, so doch dem baulichen Zustande nach, ist die Gokirche, die älteste Stadtpfarrkirche. Ihre Erbauung fällt in die Mitte des 12. Jahrhunderts. Sie wird durch zwei Reihen von Pfeilern in drei Schiffe getheilt, von denen das südliche noch seine ursprüngliche Form behalten hat, das nördliche aber zu gleicher Höhe mit dem Hauptschiffe aufgeführt ist.

Soviel über die ältern Baudenkmäler der Stadt Paderborn. Wer Interesse an neuern Bauwerken hat, der besuche die schöne Jesuitenkirche, welche im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts erbauet ist.

Wir fügen diesen Angaben über die Kirchenbauten der Stadt, die wir einem für die Geschichte seiner Heimath rühmlich thätigen Autor verdanken, nur noch hinzu, daß sich seit 1860 ein Dombauverein gebildet hat, dessen thatkräftigen Bemühungen es gelungen ist, durch umfassende Restaurationsarbeiten die schöne und großartige Kathedrale Paderborns, die zu den größten kirchlichen Bauten Norddeutschlands gehört, in allen ihren Theilen zur vollen Geltung zu bringen. Es heißt von den Kathedralen Westphalens:
      Der Dom zu Paderborn ist prächtig,
      Der zu Münster ist mächtig,
      Und der zu Minden andächtig.

Unter den ruhmwürdigen Namen, welche sich an unsre Stadt knüpfen, nehmen drei seiner Bischöfe den ersten Rang ein; zuerst Oliver, der gelehrte Cardinal und Bischof von Sabina, der 1227 als Fürst zu Paderborn starb; dann Theodor von Fürstenberg, erwählt 1585, der Wiederhersteller der bürgerlichen Ordnung in seinem durch die Folgen der Reformation zerrütteten Lande, der Stifter einer 1614 in Paderborn gegründeten Universität, endlich Ferdinand von Fürstenberg, erwählt 1661, der, in Rom gebildet, sich als lateinischer Dichter hervorthat und jene Monumenta Paderbornensia verfaßte, welche von so großem Werthe für die Geschichte seines Landes sind. Sein Beichtvater war der als Geschichtsschreiber berühmte Jesuit Nikolaus Schaten. Auch Friedrich von Spee lebte lange zu Paderborn: Gobelin Persona ward 1358 hier geboren, und ist einer der bedeutendsten in der großen Reihe gediegener Historiker Westphalens, welche mit dem Annalisten von Corvei beginnt und in Heinrich von Herford, Diedrich von Nyem, Werner Rolevink, Levold von Northof, bis auf Stangefol, Kleinsorgen, Kindlinger, Steinen, Möser etc. hinabgeht. Der älteste Dichter und Geschichtsschreiber Deutschlands, der fünf Bücher Annalen über die Thaten Karls des Großen schrieb, der berühmte Poeta Saxo, soll unter Kaiser Arnulph ein religiöses Leben in Paderborn geführt haben. – Unter den Künstlern Paderborns haben sich Anton Isenhout als Kupferstecher, Fabricius, J. G. Rudolphi und Stratmann als Maler einen Namen gemacht, als Bildhauer Gruninger.

Wir haben in dem Landstriche, den wir zuletzt durchwanderten, uns die romantischen Elemente aus alten Geschichtbüchern suchen oder sie wie immergrünes Lauch und Steinbrech von sächsisch oder romanisch ausgemeißelten Steinen zusammenlesen müssen und diesen doch kein volles farbiges Gewinde abgewonnen: wir konnten dazu ja nicht einmal mehr mit dreister Hand in den hochblühenden duftigen Weißdorn greifen, der einst seit Jahrhunderten mit Krone und Zweigen um die Mauerquadern der St. Georgskirche in Soest sich rankte, gleich einer ewig blühenden Sage um ein verwittertes Denkmal aus verschollenen Tagen. Aber getrost! wir stehen an der Schwelle einer Landschaft, wo die Helle der blühenden Gegenwart uns lohnen wird für die Wanderung durch die dämmerigen Räume der Geschichte, wo die Romantik keine Art von Allraunwurzel mehr ist, die unter verschüttetem Gemäuer gefunden wird, sondern von der lichten Sonne ihren Schmelz wach küssen läßt und uns entgegen duftet aus dem farbigen Epos einer schönen Gotteswelt. Nur haben wir erst noch einen Blick zu werfen auf die Wevelsburg und die schöne Kirche zu Büren und das alte Gotteshaus Bödeken.

Die Wevelsburg ist der interessanteste Punkt in der Nähe Paderborns; hart an den grünen Ufern der Alme erhebt sie auf einem felsigen Hügel ihre Dächer und Thürme und die alten Mauern, mit denen sie im Grundriß die auffallende Gestalt eines Dreiecks bildet, was bei mittelaltrigen Burgen, die sämmtlich dieselbe Grundanlage mit Vorburg Hauptburg und Belfried zeigen, sehr auffallend ist. Nur Mansfeld und Falkenstein im Harz werden als ähnlicher Construction im Dreieck gefunden. Daß der Name nicht herrührt von der Lage auf vorspringendem Bergwipfel ist wohl ebenso sicher, als daß er nicht gegeben wurde durch einen Wevel von Büren; denn die Höhe, welche die Burg trägt, ist keine Felsenspitze, kein Wipfel, und ein Wevel von Büren existirte nicht. Man darf annehmen, daß ihre Entstehung dem Anfange des 10. Jahrhunderts, der Zeit der großen Hunneneinfälle angehört: am wahrscheinlichsten war sie eine wider diese errichtete Feste. Man findet eine Stunde nördlich von der Wevelsburg eine alte Lagerumwallung, die schon 1348 die »Hunnenburg« genannt wurde, und ein alter Chronist des 12. Jahrhunderts sagt ausdrücklich, daß die »Wifelesburg« zur Zeit der Hunnen erbaut worden. Das in der Folgezeit verfallene Castell wurde 1124 von Graf Friedrich dem Streitbaren von Arnsberg, den wir bei Cappenberg kennen lernten, zur Burg ausgebaut. Die Sage will nun, daß dieser gewaltthätige Graf den in Cappenberg gefangenen heiligen Norbert hier auf der Wevelsburg eingekerkert gehalten, sie entstand jedoch durch eine mißverstandene Stelle des Kölnischen Geschichtsschreibers Gelenius. Es wird nichts desto weniger in der Burg der Kerker des heiligen Norbert, das »Norbertsloch«, noch heute gezeigt.

Die Herrschaft Wevelsburg ging nach des Arnsbergers Tode an die Grafen von Waldeck über, wurde von ihnen 1301 an das Stift Paderborn verkauft und von diesen den Büren, den Brenken zu Lehen gegeben oder verpfändet, bis Bischof Theodor von Fürstenberg sie endlich im Jahre 1589 von »den von Bewern und sehligen Alharten von Brenken nachgelassener Wittiben« für 3536 Goldgulden wieder einlöste. Seitdem blieb sie fortwährend im Besitze der Paderborner Kirche. Theodorich ließ auch die gänzlich verfallene Burg von Grund aus neu aufführen, und zwar fester und schöner als sie je gewesen war. Er verwendete dazu die Summe von 36,000 Thalern, ohne daß die Arbeiten und Fuhren, welche im Frohndienst geleistet worden, gerechnet wurden. Im Jahre 1604 wurde der Bau begonnen, 1607 vollendet. Im Jahre 1646, gegen den Ausgang des dreißigjährigen Krieges, in welchem die Wevelsburg noch einen festen Platz bildete, wurde sie von einer Abtheilung kaiserlicher Truppen besetzt. Dies veranlaßte die Schweden, unter dem General Krusemark, nach dem Abzuge der Kaiserlichen sie theilweise zu zerstören. Zwar erfolgte eine Restauration durch Theodor Adolph von der Reck, Fürstbischof von Paderborn: doch wurde diese nicht ganz durchgeführt. Das Gebäude diente den Fürsten von Paderborn zuletzt als Sitz eines Rentbeamten, der die Gerichtsbarkeit und Polizei-Verwaltung über das Amt Wevelsburg hatte. Am 11. Januar 1815 schlug der Blitz in den größten Thurm, und das Feuer verzehrte das innere Holzwerk bis auf den Grund, so daß nun dem völligen Verfall eine breite Bresche geöffnet ist.

Ehe wir von den verwitternden Mauern der merkwürdigen Feste Abschied nehmen, müssen wir noch der Sage von Kurt von Spiegel, welche sich daran knüpft, gedenken. Die Spiegel waren Erbmarschälle von Paderborn. Eines Tages war Kurt von Spiegel mit seinem fürstlichen Herrn von der Wevelsburg aus auf die Jagd geritten; aber da ihm das Glück nicht günstig war, so daß er ohne Beute heimkehren mußte, schoß er in Mismuth und frevler Verwegenheit, um doch etwas zu treffen, einen armen Layendecker vom Dache der Wevelsburg herunter. Wegen dieser That flüchtig mied er das Land, bis eine neue Bischofswahl seinem nahen Verwandten die Inful gab... doch, lassen wir das nachstehende Gedicht erzählen:

 

Kurt von Spiegel.

O frommer Fürst, warum ließest so hoch
Deines Marschalks frevelen Muth du steigen?
War's sein kecker Witz, der dich betrog,
Seine edle Gestalt, seine Anmuth im Reigen?
O frommer Bischof, was hast du gethan!
Unschuldiges Blut, es klagt dich an,
Um zu spätes Wort, nach zu langem Schweigen.

An der Wevelsburg schallt Waldhurrah,
Des Rosses Flank schäumt über den Bügel,
Es keucht der Hirsch und dem Hirsche nah,
Ein flinker Dogge, keucht Kurt von Spiegel;
Von des Thurmes Fahne begierig horcht
Der arme Laydecker und unbesorgt,
Hält in der Hand er den rothen Ziegel.

Da horch! Halali! die Jagd ist aus,
Des Hirsches einzige Thräne vergossen‚
Ein Hörnerstoß durch des Waldes Haus
Zum Geweide lädt die zott'gen Genossen,
Und bald aus der Zweige grünem Geleit
Die Treiber so stumm, die Ritter so breit
Ziehn langsam ein mit den stöhnenden Rossen.

Der Spiegel spornt sein mattes Thier:
»Verfluchte Bestie, du hast mich bestohlen!«
Da sieht er, an des Thurmes Zimier,
Den armen Laydecker auf schwanken Bohlen;
»Ha! murrt er, heut weder Schuß noch Fang,
So kam ich nicht heim mein Lebenlang,
Ich möchte mir wohl diesen Spatzen holen!«

Der Decker sieht, wie er starrt empor,
Und will nach dem ärmlichen Hütchen greifen,
Da sieht er drunten blinken das Rohr,
Da hört er den Knall und die Kugel pfeifen;
Er ist getroffen – er schwankt, er dreht,
Mit Ziegel und Bohl und Handwerkgeräth
Nieder er kollert zum Rasenstreifen.

Und der Bischof schaut wie ein Tuch so blaß,
Er klemmt sein Roß, seine Augen blitzen:
»Marschalk!« – stöhnt er – die Stirne wird naß,
In die Zügel presst er der Finger Spitzen;
Dann fährt auf die Wang ein glühend Roth;
»Kurt von Spiegel!« ruft er, »das bringt Dir den Tod,
Greif't ihn, greift ihn, meine Treiber und Schützen!«

Doch der Spiegel lächelt und niederschaut,
Er lächelt auf die bleichen Vasallen:
»Mein gnädigster Herr, nicht allzu laut,
Eure Worte möchten im Wind verhallen!«
Dann wendet er rasch, im gestreckten Lauf
Durch's Thor er donnert, die Brück' hinauf,
Und hinter ihm klirrend die Gitter fallen. – – –

Verhallt im Dome zu Paderborn
Ist des Bischofs Sterbegeläute‚
Und wieder im Dome zu Paderborn
Den andern Herrscher man kor und weihte.
Stumm fährt das Thal, die Felder hindurch
Der neue Bischof zur Wevelsburg,
Den stummen Truchseß an seiner Seite.

Und als er über die Zugbrücke rollt
Und sieht den mächtigen Thurm sich strecken,
In seinem Busen ein Seufzer grollt,
An seiner Inful welch brand'ger Flecken, –
Des Spiegels Blut in dem Stammbaum hell!
Leis seufzet er auf; dann spricht er schnell:
»Herr Truchseß, laßt unsre Tafel decken!«

Die Becher kreisen, – des Rheines Saft,
Die Nichten und Muhmen, die frohen Damen,
Der Vasallen Neigen, des Witzes Kraft
Fast von der Stirn ihm die Falten nahmen.
Da horch! im Vorsaal, ein Tritt in Eil',
Auf geht die Thür und, eine Säul',
Der Kurt von Spiegel steht in dem Rahmen!

Wie starrt der Bischof so todesbleich, –
lm weiten Saal keines Odems Hallen –
An's Auge schlägt er die Hand sogleich,
Und läßt sie langsam zu Seite fallen;
Dann seufzt er tief und hohl und schwer:
»Kurt! – Kurt von Spiegel, wo kommst du her? –
Greift ihn, greift ihn, meine Vasallen!« –

Kein Sünderglöckchen geläutet ward,
Und kein Schaffot ward aufgeschlagen,
Doch sieben Schüsse, die fielen hart,
Und eine Messe, die hört man jagen.
Der Bischof schaut auf den blut'gen Stein,
Dann murmelt er sacht in sich hinein:
»Es ist doch schwer eine Inful zu tragen!«

Man zeigt auf der Wevelsburg noch die Spuren der Kugeln, die bei des Kurt Hinrichtung gefallen. Das Innere des Gebäudes ist jetzt zum größten Theile wüst, auch der gewaltige, 72 Schritt lange, mit Wandmalereien al fresco geschmückte Rittersaal, dessen Balkon eine herrliche Aussicht das Almethal hinauf bietet. Er liegt im obern Geschosse des westlichen Gebäudes; in dem südlichen Flügel ist der Eingang zum Verließe, dem »Norbertsloch«, wo schwere eiserne Ketten und Ringe in den 10 Fuß dicken Mauern eingeklammert sind.

In nächster Nähe der Wevelsburg liegt eine der bedeutendsten ehemaligen Klosterstiftungen Westphalens. Das kleine Waldthal, in welchem, zwischen dicht zusammentretenden Bergwänden geschmiegt, die Bautheile und Ruinen des einst so reichen Stifts Bödeken sich erheben, ist vielleicht der Sagen- und Legendenreichste Fleck der ganzen » Westphalia sancta, beata et pia«. Um Sankt Meinolphus aber, den ersten Heiligen der Diöcese, den frommen und gelehrten Freund des heiligen Badurad, des zweiten Bischofs auf dem Stuhle von Paderborn, bewegt sich der größte Theil dieser durch ihre Kindlichkeit oft rührenden Wundergeschichten. Auf einem seiner Einbrüche in's Sachsenland belagerte, so sagt die Legende, der große Karl die Burg Fürstenberg auf dem unfernen Sintfelde, den Sitz eines Adalings. Die Feste wurde erobert, der Burgherr fiel, seine Witwe, welche den christlichen Glauben angenommen und Wichtrud hieß, irrte flüchtig und verlassen in der doch zu ihrem Eigen gehörenden, aber durch den Krieg verheerten Gegend umher. Und in der Nähe des Ortes, wo später die Wevelsburg gebaut wurde, nicht eine Stunde davon entfernt, im Waldthal unter einer schattigen Linde genas sie eines Knäbleins, das später in der Taufe Meinolph genannt wurde. Diese Linde aber ist bis auf unsere Tage lebend und grün geblieben, der uralte Stamm hat durch einen neu aufgesprossenen Baum sich eine Fortdauer geschaffen, und so ist die Meinolphslinde wohl der älteste, wie die Eichen zu Eckendorf und bei Hüsten, die Kastanie zu Vornholz die schönsten Bäume unseres Landes sind.

Die Geburt des Heiligen mag in das Jahr 793 fallen; 797 hatte die Mutter Wichtrud ein Asyl in einem ihrer Besitzthümer gefunden, von dort aber vor einem gewaltthätigen Schwäher sich zu dem Frankenkönige nach Paderborn flüchten müssen. Dieser sicherte ihr seinen Schutz zu und ward, da sie ihr Kind zugleich in den Schooß der Kirche aufnehmen ließ, der Pathe des vierjährigen Knaben, den er dem Bischofe Hathumar zur Erziehung übergab. Meinolph wurde in Würzburg erzogen; dann von Hathumars Nachfolger unter die Cleriker seiner Domkirche aufgenommen, ward er dessen Freund und beständiger Genosse. So ganz der Kirche und ihren Aufgaben gewonnen, entschloß sich Meinolph, auf seinem väterlichen Erbgute ein Kloster zu stiften. Noch bevor er an die Ausführung dieses Vorsatzes schritt, begab er sich gen Aachen, des dort weilenden Kaisers Ludwig Genehmigung und Förderung für seine Schöpfung zu erbitten. Dann entstand die Frage nach dem zu wählenden Orte. Viele seiner Güter waren durch den Krieg zerstört, an anderen Stellen fehlte der Schutz vor der Bedrohung durch einbrechende Horden; da kam ihm eine jener Wunder-Erscheinungen zu Hülfe, die uns die Legende von beinahe jeder großen Klosterstiftung unseres Landes berichtet; hier das himmlische Leuchten eines überirdischen Lichtes, das ein Hirt zu wiederholten Malen in dem engen Thale erblickt, Ganz so heißt es in dem angeblich dem 13. Jahrhundert, wohl wahrscheinlicher dem 14. angehörenden niederdeutschen Manuscript vom Leben der heiligen Thiatilde und der Stiftung von Fredenhorst: »Et geschach, als de vorgescreven heerde (Hirt) in der hutten sleip und tho der myhdder nacht van vruchten uth den slape voer umme syner swyne willen, sach he eyn groet schone lecht, dat over de ganßen horst und dor den bussch luchtede, dar nu is eyn schon kloster getymmert. De heerde ward serr verscriket unde vruchtede. De heydensche mester Aristotiles secht: Sympelen und unnoseln lude ys van naturen, dat se nyne grote Dynghe begripen, und se sollen tho allen tyden vruchten vor dat gene, dat en bevolen is. So dessen heerde dede u. s. w. welches, zwischen dem Hirsch- und Staelberg an der einen und dem Oster- und Blockenberg an der andern Seite eingeschnitten, sich gen Süden zum Kirchberg erstreckt, an dessen Fuße die Meinolphslinde steht. Und als dann Meinolph selbst hinauswandert an den Ort, da wird ihm dieselbe Erscheinung zu Theil – und noch mehr, einige Zeit darauf, als der Heilige das Thal besucht, da erblickt er vor sich einen ruhenden Hirsch, der sein vielendiges Geweih emporrichtet; und als der Hirsch ihm sich zuwendet, »do wort he gewahr enes Cruces, dad de hert twischen sinen hörnen droeg; dat was noch klarer dan gereiniget gold«. – Die Erbauung des Klosters fällt in's Jahr 817. Meinolph besetzte es mit einer Anzahl frommer Jungfrauen, die wohl nach der Regel des heil. Chrodegang lebten; sie führten den Namen Canonissen erst in späterer Zeit. Der weiteren Geschichte des Heiligen und seiner Stiftung können wir hier nicht folgen, und von den vielen Sagen, die an den Einen wie die andere sich knüpfen, erwähnen wir nur der sinnigen von der ehernen Schelle, die noch heute sich in der neuen Kapelle des Heiligen zu Bödeken befindet. Dies Glöcklein nämlich, das Meinolph als Altarschelle gedient hatte, kündete im Kloster Bödeken, sowie in Corvei die Lilie, den Tod der Klosterfrauen an; wenn eine derselben abgerufen werden sollte aus dieser Zeitlichkeit, erklang es hell und laut, ohne daß eine menschliche Hand es berührt hätte, und jegliches Mal verschied nicht lange darauf eine der Klosterjungfrauen. Um das Jahr 1400 war das Kloster in tiefen Verfall gerathen; die Bande der Zucht hatten sich gelöst, die Schirmvögte und Edlen umher hatten die Besitzungen an sich gerissen, nur die Abtissin mit einer Magd war noch da, aber statt in dem verwüsteten Kloster lebte sie in einer Bauernhütte; in dem Kloster aber hausten die Bauern und stellten in der Kirche ihre Pferde ein. Endlich schritt der Bischof Wilhelm (von Berg) wider diesen Stand der Dinge ein und übergab das verwüstete Gotteshaus den regulirten Chorherren von der Windesheimer Congregation, durch deren eifervolle Bemühungen nach und nach der Stiftung Sankt Meinolphs ihr alter Glanz zurückgegeben wurde. 1803 wurde Kloster Bödeken säcularisirt. Der kostbare und kunstreiche silberne Kasten, der des Heiligen Gebeine enthielt, wurde von Paderborn, wohin er gebracht worden, 1806 nach Magdeburg »gerettet«, um dort den Franzosen in die Hände zu fallen und nie wieder zu kehren; und bald auch wurde das Werk der Zerstörung des zur Domaine umgewandelten alten Gotteshauses begonnen. Diese Zerstörung ist mit einem wahrhaft gehässigen Vandalismus betrieben worden; man hat niedergebrochen, mit Pulver gesprengt, zerschlagen und vertilgt, aus bloßer stupider Zerstörungswuth ohne irgend ersichtlichen Zweck, wie blos in der Leidenschaft, Schutt und Trümmer zu sehen. Statuen, Bilder, Bücher, Pargament-Codexe mit Miniatur-Malereien, alles ist vernichtet und zerstört worden. Nur die Ruine des Chors steht noch, freilich mit durch Sprengschüsse zerschlagenen Gewölben. Das Volk erzählt, auch dieser Bautheil sei dem Verderben geweiht gewesen, ihn abzubrechen sei schon der Mauermeister bestellt worden; er habe auch mit seinen Gesellen die Arbeit begonnen, da sei er hinweggescheucht worden, als er am Altare Sankt Meinolphs Wunderglöcklein plötzlich heftig habe läuten hören, und sei abgezogen, um nicht wiederzukehren. Erst in neueren Jahren hat man mit der Wegräumung des Schuttes begonnen, so daß sich die Größenverhältnisse und die Anlage der alten Kirchengebäude erkennen lassen. Die ebenfalls zerstörte Kapelle unter Sankt Meinolphs Linde aber ist neu auf dem alten Fundamente aufgebaut und zieht alljährlich fromme Beter in das stille hübsche Waldthal. –

Von der Wevelsburg wandern wir weiter aufwärts der Alme nach, die, an Erpernburg und dem Städtchen Büren vorüber, durch ein frisches Wiesenthal zwischen freundlichen bewaldeten Anhöhen, ein klares spielendes Gewässer die sanften Ufer entlang führt. Büren mit seinem großen Collegiatgebäude und der schönen Kirche, mit dem nahen Frauenkloster Holthausen an einer Gruppe von alten Baumwipfeln, macht einen aristocratischen, eine Art von Rococo-Eindruck durch den Stil der genannten Gebäude aus dem vorigen Jahrhundert, der seine vollendetste höchste Zierlichkeit eben in jener Kirche ausgeprägt hat. Sie zeigt den italienischen Geschmack, wie man ihn damals ins Französische übersetzte, und ist ganz überwölbt von einer hohen Kuppel, welche der nadelspitze Thurm zu überragen Mühe hat; von dem der Stadt zugewendeten Hauptportale herab segnet die Statue der heiligen Jungfrau unsern Eintritt, zur Seite prangt verheißend das Hagiograph der Gesellschaft Jesu, deren Kirchen ja bekanntlich alle durch Pracht und Reichthum sich auszeichnen. Das Innere ist so imposant durch seine edlen Formen, wie blendend durch den Reichthum und die Frische der Zierrathen, nicht groß und doch geräumig genug, um zwei Pfeilerreihen schlanke Seitenhallen bilden zu lassen. Gewölbe und Seitenwände sind mit lebhaften Freskogemälden bedeckt, die Scenen aus dem Leben der heiligen Jungfrau darstellen, jedes mit seinem Gypsrahmen in Cartoucheform, wie man es in den Sälen fürstlicher Schlösser findet: Thüren mit vortrefflicher Schnitzarbeit, reiche Vergoldungen und was nur zierlich, blank und freundlich machen kann, ohne durch Ueberladung dem Eindrucke der edlen Verhältnisse zu schaden, geben der Kirche das vornehm Glänzende, daß sie uns als eine geschmackvolle und prächtige Schloßkapelle in vergrößertem Maßstabe vorkommt. – Das Collegium zu Büren ist eine Stiftung des letzten Sprossen der einst mächtigen Freiherrnfamilie von Büren, die mit dem Jesuiten Moritz 1661 erlosch; er hatte die Hälfte seiner Herrschaft dem Orden vermacht; dieser erwarb die andere Hälfte durch Kauf, konnte aber nach langem Hader mit Bischof und Adel erst 1714 den Bau des Collegiums beginnen. Die Kirche ist aus noch späterer Zeit und gehört der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts an; das Collegium ist jetzt zu einem Schullehrerseminar umgeschaffen worden.

Die Alme bildet an ihrer Quelle, über dem Dorfe Nieder- und Oberalme, ein Thal, welches man als das schönste und reizvollste im Gebiete der Lippe anerkennen wird, wenn man die düstre und doch so belebte und blumichte Schlucht betritt, in der Wildheit und Reiz, in seltnem Grade verschmolzen, um die Formen der phantastisch kühnen und fast zierlichen Steinzacken und Zinnen schweben. Immer höher, immer steiler rückt die Thalschlucht um uns zusammen – vor, neben, um uns nichts als Felsgestalten, wie aus einem Märchen entlehnt; in dem tiefen Kessel die Alme der Erde entbrodelnd und schäumend und wie ein wildgewordenes entsprungenes Roß sich ungestüm in die Räder mehrerer Mühlen stürzend, welche die Schlucht mit einem endlosen, vom Wiederhall verstärkten Gesause füllen; noch tiefer hinein, und die Felsen scheinen fast zusammentreten zu wollen, schroff, dunkel, zumeist gespalten, wie mit gothischen Spitzen und Fialen geschmückt. Neben den düstern Rissen und Einsenkungen steht desto greller der Sonnenstrahl auf den ihm erreichbaren Vorsprüngen und hervortretenden Wänden, und läßt unten das sprudelnde Gewässer der Alme in tausend Funken aufblitzen. Wo die Seiten der Berge minder schroff und mit Erdreich bedeckt sind, da läßt der Schutz der Felsenwände die üppigste Flora keimen, und die Blüthe des wilden Leberkrauts überzieht im Lenz einen der Abhänge so dicht, daß er von fern wie eine lichtblaue Wand herüberleuchtet. Am Eingange des Thals scheint das Dorf Alme wie auf der Flucht begriffen vor seinen wilden Schrecknissen und schon halb den Hang hinangeklommen; über ihm steigt auf ihrer breithingelagerten Felswand die Tinne empor, früher eine feste Burg, in deren Resten sich jetzt ein Edelhof angesiedelt hat, wie eine junge Falkenbrut im überjährigen Neste – hier ein Thurmüberrest – dort ein Stück schuß- und feuerfesten Gemäuers, dazwischen das spätere Bauwerk, immer noch wie eine Burg aussehend und mit einer mittelaltrigen Miene coquettirend.

Früher (urkundlich noch 1399) lagen da oben auf der »Zinne« Schloß, Burg und Stadt Alme. Jetzt liegt unten im Thale am andern Ufer des Flusses und dicht am Gewässer, mit Teichen und vortrefflichen Gartenanlagen umgeben das Hauptherrnhaus der Herrschaft, die mit ihren vier Rittersitzen, ihrem Areal von 11,500 Morgen zu den größten geschlossenen Grundbesitzungen der Mornarchie gehört. Sie liefert unter andern Producten vorzügliche Marmorarten. Einst ein Besitz derer von Meschede ist sie durch eine Erbtochter an die von Bocholtz übergegangen, die in der Mitte des vorigen Jahrhunderts das Schloß ausbauten; dies zeigt im Innern einen schönen, reich mit Holtzschnitzereien geschmückten gothischen Speisesaal mit den Ahnenbildern der Familie, eine Gemäldesammlung, deren Perle ein Bild von Lukas Cranach »Christus unter den Kleinen« ist, eine Waffensammlung, alterthümliches Geräth und jeglichen Zubehör zu solch einem großen Herrensitze.

Der Weg führt uns von hier über Brilon, eine graue düstre Stadt, in der der alterthümliche Giebel und die Säulenhalle des Rathhauses unsre Aufmerksamkeit fesseln, über öde Bergflächen, aus denen ein kleiner Fluß, die Aa, so gewaltig aus dem Grunde fährt, daß man wenigstens einen Rhein en herbe vermuthet, bis man ihn nach kurzem Lauf nach und nach seine Gewässer, wie in ihre Löcher schlüpfende Ratten, in die Erde kräuseln gesehen; dann nach Antfeld, dem vielleicht vollkommensten Rococo-Edelhof im Lande, in dessen Gärten noch grüne Truthähne alljährlich mit Taxusnadeln mausern. Hier aber haben wir ein andres Flußgebiet betreten, das Plateau von Brilon ist Wasserscheide zwischen Weser, Ruhr und Lippe und aus dem Gebiete des letzteren Flusses habe ich nur noch zum Schlusse eine Sage mitzutheilen, welche sich an den Lutterberg, in der Nähe der Wevelsburg, knüpft.

 

Das Fegefeuer des Westphälischen Adels.

Wo der selige Himmel, das wissen wir nicht,
Und nicht, wo der gräuliche Höllenschlund,
Ob auch die Wolke zittert im Licht,
Ob siedet und qualmet Vulcanes Mund;
Doch wo die westphälischen Edeln müssen
Sich sauber brennen ihr rostig Gewissen,
Das wissen wir alle, das ward uns kund.

Grau war die Nacht, nicht dumpf und schwer,
Ein Aschenschleier hing in der Luft;
Der Wanderbursche schritt flink einher,
Mit Wollust athmend der Heimath Duft;
O bald, bald wird er schaun sein Eigen,
Schon sieht am Lutterberg er steigen
Sich leise schattend die schwarze Kluft.

Er richtet sich, wie Trompetenstoß
Ein Hollah ho! seiner Brust entsteigt –
Was ihm im Nacken? ein schnaubend Roß,
An seiner Schulter es rasselt, keucht,
Ein Rappe, – grünliche Funken irren
Ueber die Flanken, die knistern und knirren,
Wie wenn man den murrenden Kater streicht.

»Jesus Maria!« – er setzt seitab,
Da langt vom Sattel es überzwerg –
Ein ehrner Griff, und in wüstem Trab
Wie Wind und Wirbel zum Lutterberg!
An seinem Ohre hört er es raunen
Dumpf und hohl, wie gedämpfte Posaunen,
So an ihm raunt der gespenstige Scherg:

»Johannes Deweth! ich kenne dich!
Johann! du bist uns verfallen heut!
Bei deinem Heile, nicht lach' noch sprich,
Und rühre nicht an, was man dir beut;
Vom Brode nur magst du brechen in Frieden,
Ewiges Heil ward dem Brode beschieden,
Als Christus in froner Nacht es geweiht!« –

Ob mehr gesprochen, man weiß es nicht,
Da seine Sinne der Bursch verlor,
Und spät erst hebt er sein bleich Gesicht
Vom Estrich einer Halle empor;
Um ihn Gesumme, Geschwirr, Gemunkel,
Von tausend Flämmchen ein matt Gefunkel,
Und drüber schwimmend ein Nebelflor.

Er reibt die Augen, er schwankt voran,
An hundert Tischen, die Hall entlang,
Edle Geschlechter, so Mann an Mann;
Die Gläser rühren sich sonder Klang,
Die Messer regen sich sonder Klirren,
Wechselnde Reden summen und schwirren,
Wie Glockengeläut, ein wirrer Gesang.

Ob jedem Haupte ein Wappen fast,
An dem ein schwellender Tropfen hängt,
Und fällt er nieder, dann zuckt der Gast
Und einen Moment sich zur Seite drängt;
Und lauter, lauter dann wird das Rauschen,
Wie Stürme die zornigen Seufzer tauschen,
Wie in der Klippe die Fluth sich fängt.

Strack steht Johann wie ein Lanzenknecht.
Nicht möchte der gleißenden Wand er trau'n,
Nicht wäre der glimmernde Sitz ihm recht,
Wo rutschen die Knappen mit zuckenden Brau'n –
Da muß, o Himmel, wer sollt' es denken!
Den frommen Herrn, den Friedrich von Brenken,
Den alten stattlichen Ritter er schaun.

»Mein Heiland, mach ihn der Sünden bar!«
Der Jüngling seufzet mit schwerem Leid;
Er hat ihm gedient ein ganzes Jahr,
Doch ungern kredenzt' er den Römer ihm heut!
Bei jedem Schlucke sieht er ihn schüttern,
Ein blaues Wölkchen dem Schlund entzittern,
Wie wenn auf Kohlen man Weihrauch streut.

O manche Gestalt dämmert ihm auf,
Dort sitzt sein Pathe, der Metternich,
Und eben durch den wimmelnden Hauf
Hans vom Spiegel, der Schenke, strich;
Prälaten auch je vier und viere,
Sie blättern und rispeln im grauen Breviere
Und zuckend krümmen die Finger sich.

Und tief im Saale, da knöcheln frisch
Schaumburger Grafen um Leut und Land,
Graf Simon schüttelt den Becher risch,
Und reibt mitunter die knisternde Hand:
Ein Knappe naht, er surret leise, –
Ha, welch ein Gesummse im weiten Kreise,
Wie hundert Schwäne am Klippenrand!

»Geschwind den Sessel, den Humpen werth,
Den schleichenden Wolf Der schleichende Wolf ist das Wappen der Familie Asseburg. – geschwind herbei!«
Horch, wie es draußen rasselt und fährt!
Barhaupt stehet die Massonei.
Hundert Lanzen drängen nach binnen,
Hundert Lanzen und mitten darinnen
Der Asseburger, der blutige Weih!

Und als ihm alles entgegenzieht,
Da spricht Johannes ein Stoßgebet:
Dann risch hinein! – sein Ermel sprüht,
Ein Stral ihm über die Finger geht,
Voran! – da »Sieben« schwirren die Lüfte,
»Sieben, sieben, sieben,« die Klüfte,
»In sieben Wochen, Johann Deweth!« –

Der sinkt auf schwellenden Rasen hin
Und gegen den Mond hebt er die Hand,
Drei Finger die rieseln und stäuben hin,
Zu Asch' und Knöchelchen abgebrannt.
Er rafft sich auf, er rennt, er schießet,
Und ach, die Vaterklause grüßet
Ein grauer Mann, von Keinem gekannt.

Der lächelt nimmer, nur des Gebets
Mag pflegen er in dem Klosterchor,
Denn »sieben, sieben« flüstert es stets,
Und »sieben Wochen« ihm in das Ohr.
Und als die siebente Woche verronnen,
Da ist er versiegt wie ein dürrer Bronnen,
Gott hebe die arme Seele empor! Eine ganz ähnliche Sage findet sich: Memoires de la Duchesse de Nevers, T. II. Chap 14.


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