Autorenseite

 << zurück 

Drittes Buch

1

Die Schlacht stand. In Ermattung, wie auf ein gemeinsames Kommandowort, ließen beide Heere die Waffen sinken. Ein Schweigen trat ein, ungeheuer und schrecklich nach vielstundenlangem Getöse. Plötzlich keine Feldmusik mehr, kein Rattern der Trommeln, kein Rufen der Kommandeurs, kein Brüllen der Korporale. Ein letzter Donnerkrach aus russischem Geschütz durchschlug noch die Luft, dann begann der dicke, stinkende Kartätschenrauch über Flächen und Höhen sich langsam zu heben und zu zerteilen, und im Fieberlicht des glühenden Augustnachmittags wurde dem Auge des Königs das Gelände sichtbar.

Er hielt zu Pferd auf dem Rande des Mühlbergs. Er brauchte kein Glas. Ganz nahe und deutlich lag alles beisammen. Die Schlacht stand, sie stand genau da, wo sie vor zwei Stunden gestanden hatte. Als er bei Roßbach siegte und bei Leuthen war in zwei Stunden alles entschieden gewesen. Dies heute war anders.

Er drehte langsam spähend den Kopf hin und her. Zur Linken, ein paar hundert Schritt weit entfernt, rauchten noch immer die Trümmer von Kunersdorf, das die Russen in der Vornacht verbrannt hatten. Die Kirche allein stand noch aufrecht, geschwärzt, mit leeren Fenstern. Mitten durchs Dorf hin zog sich ein breites und langes Wasser, ein riesiger Tümpel, darin Tierleichen herumtrieben, Monturstücke und verkohlte Balken. Jenseits des Dorfes stand spärlich preußische Infanterie.

Nach rechts hin, im Westen, war Sumpf und Moor, eine wässerige Ebene, mit Busch und Gehölz nur mager bestanden. Die Oder schimmerte bleiern am Rande, langhingewischt, farbenlos erschienen jenseits des Stromes die Mauern und Häuser von Frankfurt.

Geradeaus jedoch, dem Mühlberg genau gegenüber, in starker Stellung, vorzüglich verschanzt, standen die Russen. Der Judenberg hieß dieser Höhenzug. Nur eine kleine Schlucht trennte die Heere: der Kuhgrund.

Er war vielleicht fünfzig Schritt breit, ein Nichts von einem Einschnitt, kaum mehr als ein Hohlweg. Um diesen Erdriß, eine Furche wie zehn tausend gleiche landauf, landab, ging seit Stunden die Schlacht. Diese Rinne konnte die gewaltige, die gefürchtete preußische Armee unter dem Kommando ihres schon legendären Führers nicht nehmen. Aber diese fünfzig Schritt mußten genommen werden. War dieser Kuhgrund und der jenseitige Hügelhang sein, dann führte er endlich den großen, vernichtenden Schlag. Dann rang er Soltikow und Laudon auf einmal zu Boden, dann zerschlug und zersprengte er dies aus zwei Nationen vereinigte Heer, dann hielt er Daun an der Kehle, der südlich bei Guben stand, dann befreite er den Kern seiner Staaten von Invasion, dann beschützte er das bedrohte Berlin, dann jagte er solchen Schrecken nach Moskau und Wien, daß endlich, endlich, im vierten Jahr dieser höllischen Qual, ein leidlicher Friede in Sehweite kam. Nur diese fünfzig Schritt mußte er nehmen.

Aber sie waren nicht zu nehmen. Nächstens, dachte er, außer sich, werden wir ja so hinüberkönnen auf diesen Judenberg, nächstens muß ja die ganze Schlucht aufgefüllt sein mit Toten. Tote lagen auch um ihn und vor ihm. Von seinen Stabsoffizieren und Adjutanten waren viele gefallen, denn der Ort war dem feindlichen Feuer höchst exponiert. Man hatte ihn fortgebeten von hier, vielmals und flehend, und er hätte folgen dürfen, denn natürlich war es vollkommen gleichgültig, ob er hier stand oder um ein weniges weiter rückwärts; aber ein primitives, ziemlich verkehrtes Anstandsgefühl ließ ihn ausharren.

Die Schlacht stand und schwieg. Er blickte geradeaus. Von den Österreichern sah er nichts. Die Russen aber waren so nahe, daß er mit bloßem Auge ihre Regimenter an der Uniform unterscheiden konnte; er hatte ja in diesen Jahren Gelegenheit gehabt, die Kleiderordnungen verschiedener Armeen gründlich kennenzulernen. Musketiere von Uglitsch, Narwa, Pskow und Wologda standen da drüben. Ein Schwindel faßte ihn. Uglitsch, Narwa, Wologda ... Er wußte nicht genau, wo diese Garnisonen eigentlich lagen, am Weißen Meer vielleicht, an der Wolga, im Uralgebirge, in Asien: fünftausend Meilen weit war dieses Heer durch Wüsten zusammengekommen, Asien hatte man zusammengerufen gegen ihn, Menschen, die gar nicht wußten, wer König Friedrich war und wo sein Land lag. Und nun sollten sie fünfzig Schritt weit zurück, und alles wäre gut!

Nichts war geschehen. Und doch konnte er siegreich heißen bis jetzt, und er hatte Taten von den Seinen verlangt und erlangt, vor deren gräßlicher Größe es ihn schauderte.

Er war krank. In seiner linken Hand meldete sich reißend und zwackend die Gicht. Aber auch sein Magen, seine Eingeweide waren in Unordnung, seit Wochen auf diesen eiligen Märschen hatte er unregelmäßig und kaum gegessen. Fieber mußte er auch haben, sein Mund und sein Schlund waren ganz ausgedörrt. Freilich wütete ja die Sonne wie nie, es war der heißeste Augusttag seines Gedenkens, brütend windstill, die Luft kam ihm vor wie kochendes Blei. Meilenweit Sümpfe und Lachen, aber kein Tropfen trinkbares Wasser. Ja, kein Soldat dieser beiden Armeen hatte seit dem frühesten Morgen einen Tropfen Wasser gekostet.

Dreizehn Stunden nun währte das Elend. Sein Heer hatte kaum recht geschlafen. Um zwei Uhr war man aufgebrochen und war im Dunkel lautlos vorgerückt. Er hatte gleich bemerkt, daß seine Erkundung nicht zureichte, seine Gewährsleute hatten ihn schlecht unterrichtet, das Gelände war viel schwieriger, als er wußte, es war heillos kompliziert. Die Wege im Wald vielfach verschlungen, schmal und verwahrlost, das ganze Gebiet durchzogen von Bächen und Gräben, voller sumpfiger Flächen und Lachen. Die »faule Laacke«, der »faule See«, die »Schweinebucht« sagten die führenden Bauern, es waren Namen, die trostlos schon aufs Gemüt fielen wie Vorahnung kommenden Unheils. Von dem Hauptübel aber hatte er gar nichts gewußt: ein breiter, flacher, schmutziger Strom nämlich sickerte mitten durch die bewachsene Gegend daher, das »Hühnerfließ«, ein brackiges Wasser, das beinahe ohne Gefälle in faulen Windungen der Oder zurann. Auf dieses Hühnerfließ stieß er im ersten Dämmer mit seinen schweren Kanonen. Es ging nicht weiter. Das dichte Unterholz trat bis an den Fluß heran, die schwerfälligen Geschütze, mit zwölf Gäulen jedes bespannt, konnten nicht wenden, im unsicheren Licht gab es Gedränge, Verwirrung und Streit. Als der König die Lage erkannte und sah, daß man ausschirren, jede Kanone auf dem wurzeldurchwachsenen Boden mit Händen umdrehen und einen weiten Umweg einschlagen müsse, entsank ihm beinahe der Mut. Er war im Begriff, auf die Schlacht zu verzichten. Er zögerte. Dann gab er doch den Befehl.

So war es später Morgen geworden, ehe der Kampf begann. Acht Bataillone hatten den Mühlberg erstürmt, eben jene Erhöhung, auf deren Rand Friedrich jetzt stand. Mit einer Präzision und einem Zusammenhalten wie auf dem Exerzierfeld waren diese Grenadiere die Hänge hinaufgeeilt, mit einem mechanisch klappenden Heldenmut, der Grauen und Übelkeit erregen konnte. Ströme von Kartätschen- und Flintenkugeln empfingen die Stürmer, nahezu sicherer Tod. Aber sie kamen ans Ziel. Mehr als hundert Geschütze und eine wichtige Stellung waren genommen. Eine ungeheure Tat. Sie blieb ohne Folgen.

Denn noch immer war die Artillerie erst teilweise zur Stelle, die eroberten Kanonen aber, von fremder Konstruktion, dienten den Preußen zu nichts. Auch das Fußvolk ihres linken Flügels hatte sich in dem höllischen Gelände verirrt und traf langsam erst ein; so mußten wieder und wieder die Truppen des Zentrums und des rechten Flügels eingesetzt werden, immer die gleichen, schwächer an Kopfzahl bei jedem Ansturm und im glühenden Tage matter und matter.

Es geht um den Kuhgrund, es geht um den Abhang. Mit Klingenhieben und Stockschlägen werden die Erlahmenden von den eigenen Führern vorwärts und dann in die Höhe getrieben, immer vergeblich, der Totenwirbel von hundert Trommeln rollt und rumpelt zwischen den Hängen, die gellende Feldmusik zerreißt das Herz und berauscht es dabei, Fluchen, Wutgeschrei und Jammergeheul der Zerstoßenen, Zerschossenen, Zerstampften rast und klagt ohne Ende.

Friedrich wartet. Die drüben sind an Zahl doppelt so stark, und noch hat er sein Heer nicht beisammen. Offizier auf Offizier schickt er aus. Ihm scheint, daß die kostbarste Zeit seines Lebens ungenützt verrinnt.

Die Luft stinkt vom Pulver, es lärmt und tobt in den Lüften. Denn ziemlich dicht hinter ihm, etwas erhöht, stehen preußische Geschütze, Vierundzwanzigpfünder, die unablässig feuern, und mit dem Donnergekrach einer fliegenden Schmiede sausen die schweren Geschosse über ihn weg.

Und plötzlich, ohne rechte Ursache, mit einemmal, trat jene Stille ein. Die Schlacht stand.

In diesem Augenblick ritt ohne Eile auf einem Grauschimmel ein noch jüngerer Herr auf den König zu, parierte, nahm seinen Hut ab und wartete.

Der König sagte mit dumpfer, verquollener Stimme:

»Was wollen Sie hier, Seydlitz? Ich denke doch, Sie stehen drüben am Stadtforst.«

»Euer Majestät – jawohl.«

Er sagte nicht mehr, und Friedrich verstand. Er lenkte sein Pferd nach einer Stelle, wo niemand war. Seydlitz folgte.

Er war in untadeligem Anzug, die Seitenlocken schneeig gepudert, mit Kunst rasiert, elegant wie nur je ein Kürassier auf dem Paradeplatz. Quer über seinen dunkel blinkenden Brustpanzer lief das Orangeband des Ordens vom Schwarzen Adler.

»Nun, was?« fragte Friedrich.

»Majestät, wir müssen aufhören.«

Eine Pause. Dann sagte der König: »Das wundert mich aus Ihrem Munde.«

»Eben darum, Majestät, haben mich die anderen vorgeschickt.«

Das sollte heißen: ich, Seydlitz, habe bekanntlich die Attacken von Roßbach und von Zorndorf geritten, ich bin, nicht wahr, ein wüster, verrückter Draufgänger, zu meinem bloßen Vergnügen reite ich zwischen sausenden Windmühlenflügeln durch – wenn einer wie ich gegen deinen Befehl hier herüberkommt und sagt: ›Es geht nicht weiter‹, dann wirst du dir's gefälligst überlegen.

»Aufhören?« wiederholte Friedrich. »Unser linker Flügel ist noch gar nicht im Feuer gewesen.«

»Aber er ist viele Stunden umhermarschiert. Es ist zu heiß.«

»Bei den Russen ist es nicht kühler.«

»Drei Viertel von denen haben den ganzen Tag auf der Erde gelegen. Jetzt stehen sie auf, rufen guten Morgen und fangen erst an. Und kein Österreicher war noch im Gefecht!«

»Wo stehen die überhaupt?«

»Man sieht sie nicht.«

»Und Sie glauben, Seydlitz, die drüben werden uns ruhig abziehen lassen, wenn noch solche Reserven da sind?«

»Wir denken es alle, Euer Majestät.« Und leiser setzte er hinzu: »Die haben's ja nicht so nötig, zu kämpfen, wie wir.«

»Das ist wahr«, sagte Friedrich und sank ein wenig zusammen. Stille. Schweres Besinnen. Die Waage schwankte.

Aber er konnte nicht abbrechen. Die Generale hatten gut reden. Nicht auf ihnen lag die Verantwortung, lag diese gräßliche Last. Er hatte es heute hier gewagt, er konnte nicht aufhören und es morgen oder in zwei Wochen noch einmal wagen. Sein Hirn schwelte, ihm war ganz schwindlig. Dies war ja nicht eine Schlacht unter Schlachten, ihr Generale, dies war die Entscheidung, dies mußte sie sein. Endete hier nun der Kampf, so stand er da mit dezimiertem Heer, und nichts, gar nichts war erreicht. Ihn trennte eine Straßenbreite vom Sieg und vom Frieden. Ganz sicher – war die erst erobert, die und der Abhang, dann machten sie Frieden. Ihr Heer lief davon, und aus Wien und aus Moskau kamen Kuriere und baten um Frieden. Und wurde es anders, und zwang er es nicht, so gab es doch wohl eine Kugel für ihn. Eine gute russische Kugel, die riß ihn um, und er lag da und wußte in Ewigkeit nichts. Ein Ende, ein Ende!

Wie ein Schlafender hockte er auf seinem Pferd, die Augen geschlossen. Nun schlug er sie auf, blickte groß in die dunstige Helle, die plötzlich weh tat und fremd war, und sagte mit leidender, sanfter Stimme:

»Nein, nein, Seydlitz, was Sie da sagen, das geht nicht. Reiten Sie nur wieder zu den Schwadronen, vielleicht brauch' ich Sie bald.«

Und von da an ging alles schlecht.

In der Kampfpause hatten die Russen ihre Batterien auf dem Großen Spitzberg verstärkt. Das war ein Ausläufer des Judenbergs, eine mäßige Kuppe, doch beherrschend, gefährlich. Der linke Flügel, vollzählig nun, wurde vom König zum Angriff auf diese Stelle angesetzt. Zu gleicher Zeit wollte er selbst, während die russische Artillerie so beschäftigt war, mit den Seinen nochmals den Sturm versuchen.

Alles geht schlecht. Die vom ewigen Marsch erschöpften Truppen sind gezwungen, sich in Kunersdorf zwischen Trümmern und Wasser zu formieren, in Unordnung brechen sie hervor, in Unordnung, matt schon von Anbeginn, stürmen sie; sie werden niederkartätscht, und das Geschützfeuer wütet von neuem nach der Seite des Königs.

Schon bleibt ihm an unvernutzten Kräften nur noch die Reiterei. Mit sechzehn Schwadronen wird Seydlitz herbeigerufen. Am nordwestlichen Hang des Mühlbergs eilen sie vor, am Kuhgrund schwenken sie ein und stürzen sich auf den Feind. In Auflösung weicht der.

Da bricht in den Rücken der Seydlitzschen Reiter österreichische Kavallerie. Es ist Laudon, der bisher ganz still und verdeckt in einem Einschnitt des Judenbergs gehalten hat, Laudon mit riesigen frischen Massen von Dragonern, Husaren und Chevaulegers. Sie reiten und feuern und hauen ein wie die Teufel, auf engem Grund können die Preußen nicht wenden, Seydlitz selbst wird verwundet. Aus nächster Nähe fährt ihm ein Pistolenschuß schief durch die linke Hand, die Knochen sind zermalmt, die Hand hängt herunter als ein blutender Fetzen, vom tobenden Schmerz und vom Blutverlust wird er ohnmächtig. Man bringt ihn fort. Die Preußen, des Führers beraubt, fluten zurück.

Schreck und Verzweiflung. Der junge Friedrich Eugen von Württemberg umreitet mit seinen Dragonern aus Treptow auf schwierigem Waldgelände die Flanke der Russen. Sein Wagnis gelingt, schon hält er an günstigem Ort, erhöht hinter dem feindlichen Fußvolk. Gewaltige Minute, Moment zu entscheidender Tat: er mit seinen paar hundert Reitern kann vielleicht den Tag noch retten. Er hebt seinen Degen, er blickt sich um, da sieht er, daß er völlig allein ist. Sein Regiment ist ihm nicht gefolgt. Er empfängt eine Wunde am Fuß, blutend, ein Gehetzter, entkommt er.

Inzwischen hat sich die Lage um den König vollends zum Bösen gewendet. Der Kuhgrund ist voll von Russen, schon dringen sie zu ihm empor. Vom Spitzberg Kartätschen, von jenseits vernichtende Salven. Ihm sind zwei Pferde erschossen, eben will er das dritte besteigen, einen Schimmel, da trifft ihm mit ganzer Gewalt eine Flintenkugel die Hüfte. Die Hüfte muß zerschmettert sein, aber er fühlt keinen Schmerz. Er greift hin mit seiner gesunden Hand, ein goldenes Etui in der Westentasche hat ihn bewahrt.

Ihm ist mit einemmal fast heiter zumute. So kommen sie doch endlich zu ihm, die runden Freunde! Mitten im Donnerlärm hört er, was Duhan ihm einst in der Knabenzeit beigebracht hat, ganz deutlich sieht er den Guten im Potsdamer Lehrzimmer, sieht seinen erhobenen Finger, sein mildes Gesicht: Exitus patet – Cato hat das gesagt, tröstlich und schön. Versagen die Flinten, so hat er ja noch seinen Tubus mit Gift. Er tastet danach. Aber das gläserne Röhrchen ist vom Anprall zerrieben, die Westentasche ist naß. Auch die Kugel ist naß, er zieht sie hervor, er wirft sie weg.

Die Russen erscheinen über dem Rand. Es sind Leute aus Kasan und aus Kiew. Willkommen, ihr Herren!

»Nein, ich brauche kein Pferd mehr«, sagt er zu seinem Adjutanten von Wendesen, da sieht er erst, daß Wendesen tot ist. Und stapfend, den rechten Arm erhoben, ohne Degen, denn das erschiene ihm lächerlich, geht er inmitten der Seinen vor gegen den Grund, anfeuernd, rufend. Aber da merkt er, daß er statt vorwärts nach rückwärts kommt, er wird gedrängt, geschoben, über die Hügelhöhe geht es zurück, den Abhang hinunter gegen Kunersdorf.

Es ist das Ende. Es soll nicht das Ende sein! Neben ihm ringt ein Fahnenträger gegen die rückflutende Bewegung. Er erkennt das Tuch, es ist die Fahne vom Regiment Prinz Heinrich. Er faßt den Schaft, er macht sich Raum, er dringt wieder vor, er ruft:

»Kinder, Kinder, kommt! Verlaßt euren König nicht, euren Vater nicht! Seid brave Soldaten!«

Aber was er ruft, hat keinen rechten Klang. Brave Soldaten, denkt er mitten im Chaos, was sind's für Soldaten! Das ist ja kein preußisches Heer mehr. Brave Soldaten – ich habe ja nicht mehr gewußt, woher sie noch nehmen! Brave Soldaten – zum Dienst gepreßt, brave Soldaten – Überläufer von drüben, brave Soldaten – Sträflinge aus meinen Zuchthäusern, brave Soldaten – arme, elende Opfer! Oh, daß ich hier laufen und lügen muß! Ein inbrünstiges, zehrendes Verlangen nach dem Tode füllt ihm die Brust. Ringsum sinken aufbrüllend die Seinen. »Gibt's denn keine Hundskugel für mich!« sagt er starren Gesichts zum Oberst von Steinwehr, der dicht neben ihm läuft, da fällt Steinwehr durchschossen aufs Antlitz. Geschlagene preußische Kavallerie, die sich um Kunersdorf herum in Sicherheit bringt, kommt aus dem Staub und Pulverdampf der Ebene heraus, im Nu ist die eigene Infanterie überritten. Alles ist aus.

Da sieht der König ganz nahe beim Dorf fünf leichte Geschütze. Verlassen stehen sie da zwischen ihren Schanzkörben, schußbereit, mit voller Munition. Und mit Winken und Rufen und Bitten und Drohen bringt er es fertig, ein paar hundert Leute noch um sich zu sammeln, Artilleristen sind auch darunter, ihm selber ist jeder Handgriff bekannt, und so deckt er den Rückzug der Seinen, läßt vorgehen, läßt feuern, läßt die Rohre hierhin und dorthin richten. Die Verfolgenden stutzen, sie halten. Die flüchtigen Preußen erreichen das Hühnerfließ. Wer dort erst hinüber ist, ist auch gerettet.

Dann schickt er langsam, in kleinen Trupps, seine Leute fort. Nun hat er noch hundert, noch fünfzig, bald wird er allein sein. Aber wie unversehens seitlich ein Kosakentrupp auf ihn losbricht, helfen ihm zwei seiner Offiziere fast gewaltsam aufs Pferd und greifen in seine Zügel.

Es geht nach Norden durch die flüchtenden Trümmer seiner Armee. Dumpf und stickig der Abend. Leiterwagen mit Wunden und Sterbenden werden passiert, die umgeworfen haben im Wald.

Beim Dorfe Ötscher liegt hart am Strom eine Hütte. Man hat sie geplündert, sie ist ganz leer, nur ein wenig Stroh ist noch da. Er geht hinein. Er legt sich hin auf das Stroh.

2

Die beiden Fenster sahen auf die Schiffsbrücke hinaus. Eines davon war zerbrochen. Noch immer war es schwül, aber Windstöße kündigten ein nächtliches Gewitter an. Über den vollen Mond trieben Wolkenfetzen, es wurde abwechselnd hell und ganz dunkel. In diesem zuckenden Licht sah Friedrich den Zug der Verwundeten sich über die Brücke nach Reitwein schleppen, wo die Lazarette waren. Über das breite Wasser trug ihm der Wind das Jammergeschrei der Opfer zu, die dort vom Eisen der Feldschere zersägt und zerschnitten wurden.

Meldungen kamen. Hier im Winkel zwischen dem Warthebruch und der Oder stauten sich die Reste der geschlagenen Armee. Nur wer verwundet war, durfte über den Fluß. Alle die anderen todmüden Menschen wurden von den todmüden Adjutanten in Klumpen gesammelt und auf die kleinen Anhöhen bei Ötscher geführt. So formte man in der Nacht noch neue Bataillone, ein Viertel so stark – ein Zehntel so stark wie die alten.

Friedrich hörte die Meldenden an und entließ sie; es war nicht einmal sicher, ob er sie anhörte. Beim Schein einer Stallaterne schrieb er:

»Mein lieber Minister von Finckenstein, ich bin gezwungen worden, das Schlachtfeld zu räumen. Von einem Heere von 48 000 Mann habe ich noch dreitausend. Ich glaube, daß alles verloren ist. Retten Sie die königliche Familie nach Magdeburg!«

Dies wurde expediert. Ein Musketier kam als Wache vor die Tür. Nun blieb er allein.

Entsetzliche Wahrheit: die Armee war vernichtet, von Sachsen und Schlesien war er abgeschnitten, der Kern seiner Staaten lag dem Feinde offen, der Weg nach Berlin war frei. Und er selber war krank.

Die Gicht hatte nun alle seine Glieder ergriffen. Es waren Schmerzen, wie er sie niemals gekannt hatte, reißend und zuhackend mit satanischer Kraft, unüberbietbar. Diese Schmerzen waren eine Wohltat für ihn. Solange sie wüteten, verschlangen sie jeden Gedanken, machten sie taub, rissen sie die Wirklichkeit in ihren höllischen Strudel, und alles, die Hölle selbst, war besser als diese Wirklichkeit. Aber setzten sie aus und gaben ihn frei, dann trug ihm der Sturm von jenseits die Rufe der Gemarterten ins Ohr.

Und dies war nicht zu ertragen. Auch nach seinen Siegen hatte er sie ja schreien und stöhnen hören. Aber da war wenigstens etwas erkauft mit so viel Leiden. Da konnte er sich sagen: zu ändern ist es nicht, sie bluten und klagen, doch ich habe zum Frieden einen Schritt vorwärts getan, ihre Kinder werden dafür in ruhigem Wohlstand ihren Acker bauen. Aber jetzt, aber heute!

Ja, nun war es soweit. Ein Staat von drei Millionen widerstand nicht den hundert Millionen Europas. Es war aus.

Er fieberte schon wieder hoch. Mit der Gicht hatte das nichts zu schaffen. Es mußten in seinem Leibe geheime Entzündungen sein, umsonst schlug nicht immer wieder die Flamme in seinem Blute auf und verzehrte ihn fast, um dann rasch niederzubrennen und ihn fröstelnd, kraftlos zurückzulassen. Sein Kopf glühte. Wie noch Widerstand leisten gegen zerstörende Gedanken! Qual über Menschenmaß: er sah sich in dieser Nachtstunde selber so, wie der Haß seiner erbittertsten Feinde ihn malte.

War er selbst es denn noch? Wo war der Mensch seiner Jugendjahre hingeraten? Wo waren die einst geliebten Begriffe: Gerechtigkeit, Milde, Gesittung? War er es nicht, der seine Laufbahn mit dem ›Antimacchiavell‹ begonnen hatte, der geharnischten Streitschrift gegen alles, was Treubruch hieß, Willkür, ungerechter Krieg? Welche Gewalt denn hatte ihn getrieben, so gegen das eigene Bekenntnis die Habsburgerin anzugreifen und einen Krieg zu beginnen, der alles war, was er selber verwarf: ungerecht, willkürlich, treulos? Er war Garant ihres Reiches gewesen wie alle Fürsten. Und alle blieben ruhig, als der römische Kaiser starb, alle hielten seiner Tochter den Vertrag – er, er ganz allein hatte am Janustempel das Tor aufgestoßen, das sich nun nicht wieder schloß.

Er vergaß im Fieber, was er doch wußte. Er vergaß, daß Ansprüche auf Schlesien da waren, halb vergessen zwar, doch gültig verbrieft. Er vergaß die schlechtgezügelten Begierden der anderen, uralte Rivalitäten, stets sprungbereiten Neid. Nein, sein Beispiel allein, das eines ruhmbegierigen, für sein Land gewalttätigen jungen Fürsten hatte die Gewissen beschwichtigt! Und nun standen alle auf gegen alle, Frankreich, Spanien, Neapel gegen England, Rußland und Holland. Nicht in Deutschland und Böhmen allein strömte Blut, auch in Italien, den Niederlanden, in Finnland – durch seine Schuld. Auf sein Haupt das Blut von Dettingen, Fontenoy und Roucoux, auf sein Haupt das Blut der Bergschotten, die bei Culloden hingeschlachtet wurden, auf sein Haupt, auf sein Haupt! Er delirierte in seiner Qual, er verlor sich ... Ja, damit Preußen groß werden könne, darum verspürten Länder das blutige Elend, die den Namen Preußen nicht kannten. Über die Meere hinüber leckte der Brand. Damit Preußen groß werden könne, darum kämpften braune Männer an der Küste Bengalens, darum skalpierten einander rote Männer an den großen Seen in Nordamerika.

Aber Preußen konnte nicht groß werden. Er wußte es jetzt. Preußen, dies Land mit der spröden Erde, in der nichts wuchs, mit seinen wenigen Menschen, ohne Hilfsmittel, fast ohne Küste. Preußen neben Frankreich, neben Österreich? Er hatte das arme Sandland vergewaltigt, ein Siebentel der Bevölkerung hatte er ständig beim Heere gehalten mit unerbittlicher Disziplin. Preußen war nur der Schaft gewesen für seine Waffe. Diese Waffe war heute zerbrochen.

Ja, im vierten Jahre war er nun völlig umstellt, all die zerreibende Mühsal, die unendliche Kunst, sie waren vergebens gewesen. Und sein Hirn rollte die furchtbar vertraute Bilderreihe dieses Krieges ab, die Tatenliste, das blutige Auf und Nieder, zu jäh, zu unerträglich für irgendein menschliches Herz. Den schweren, unerwartet zähen Beginn in Sachsen, den zu teuer erkauften Sieg vor Prag, den zerschmetternden Strahl von Kolin. Dann trug ihn die Welle hinauf, hoch bei Roßbach, höher bei Leuthen und Zorndorf. Finsternis wieder und Unheil: der dumpfe Nachtschlag von Hochkirch, die Wunde von Kay, der Stich von Bergen, und nun hier, ganz nahe der Hauptstadt, in Sumpf und Dreck das Ende, das Ende.

Ein wütender Schmerz zerriß ihm die Hand. Seydlitz fiel ihm ein, dem die seine als ein triefender Lappen heruntergehangen war, durch seine Schuld, Friedrichs. Hätte er doch gehört auf den Tollkühnen, der zum Abbrechen riet! Aber nein, nein, die Fahne genommen und gerufen: »Kinder, verlaßt euern Vater nicht!« Er krümmte sich bei der Erinnerung. Ja, da jammerten sie über den Strom, die Kinder, die zerfetzten Kinder, die verstümmelten Kinder, unter den Messern der Pfuscher. Und Seydlitz selber hatte er vielleicht umgebracht.

Alle hatte er ja umgebracht, die mit ihm ausgezogen waren, die Besten sah man nicht mehr. Was war Schwerin für ein Mann gewesen – er lag bei Prag, Sterbohol hieß der Ort. Und Winterfeldt hingesunken bei Moys, und Keith durch den Mund geschossen bei Hochkirch, und bei Kay Wobersnow, und Puttkamer heut und Itzenplitz heut. Er sah sich als Sämann allen Unheils, fiebernd wütete er gegen die eigene Brust. Schläge, die ihn selbst am grausamsten getroffen hatten – sich gab er an ihnen die Schuld. Bis in die eigene Familie hinein hatte er getötet. Seinen Bruder, den Thronfolger, hatte er heimschicken müssen vom Kriegsfeld, und nach einem Jahr war er gestorben vor Kummer. Heinrich, der nächste Bruder, haßte ihn. Amaliens Leben war vernichtet. Wen hatte er noch? Die Mutter tot – gestorben sogleich nach Kolin, die Schwester in Bayreuth tot – qualvoll geschieden genau in der Schreckensstunde von Hochkirch. Allein, allein, er war allein, und oh, welche Erlösung, welch unausdenkliche Seligkeit, nun auch zu sterben, keinen Morgen mehr zu erleben nach dieser Nacht!

Er stand auf, rasch, die Gichtschmerzen hinderten nicht. Schmutzig, mit Stroh an der Kleidung, ganz klein und zusammengefallen stand er da in der Hütte, in der nichts war als ein paar Glasscherben von dem zerschlagenen Fenster und an einem Nagel die Laterne. Ja, er ging! Die Welt kümmerte ihn nicht, sie würde seinem Lande bessere Bedingungen gewähren, wenn der Gehaßte nicht lebte. Jetzt ging er hinaus und ergriff das nächste Gewehr, das am Boden lag. Und lag keines da, so floß dort die Oder. Nur ein Ende, ein Ende!

Ein Offizier trat ein, von der Wache nicht aufgehalten. Es schlug ihm die Tür aus der Hand, denn draußen brach krachend das Unwetter los. Der Offizier war jung. Friedrich kannte ihn nicht.

»Majestät«, rief er freudig, »jetzt sind auch noch drei Kanonen gekommen!«

»So«, sagte Friedrich, »drei Kanonen sind gekommen.« Er hörte sich selber laut lachen, und dabei merkte er, daß ihm die Tränen stromweise aus den Augen liefen.

Ein Krampf war gelöst. Das Fieber war fort. Er konnte nicht fliehen.

Aus seinen Ketten, der Wille des Schicksals war deutlich, würde er einst, ohne je mehr zu leben, ausgedient in sein Grab fallen.

3

An der Wand ist aus Ziegelsteinen eine Art Schemel in die Höhe gemauert, das ist der Sitz bei Tage und das Bett bei Nacht. Das Fenster ist ganz oben nahe der Decke angebracht, eigentlich ist es nur ein vergittertes Luftloch, und da der Kerker tief zwischen den Wällen steht, so hat er auch im Sommer nur ein bleiches Tageslicht. Winters aber scheint die Sonne gar nicht in diesen Graben, und es ist ewige Nacht.

Niemand kann glauben, daß der Gefangene hier lange leben wird, sein Käfig ist zu feucht. Ein kleiner Ofen zwar ist da, aber im ersten Jahr sitzt Trenck doch förmlich im Wasser, vom ungeheuer dicken neuen Gewölbe tropft es beständig auf ihn herab.

Sechzig Pfund schwere Fesseln lasten auf ihm. Er trägt Handschellen, zwischen denen eine lange, geschmiedete Stange läuft, nie kann eine Hand die andere berühren. Die Stange wieder ist mit dem eisernen Reif verbunden, der um seinen nackten Leib liegt. Den linken Fuß schließt eine massige Kette aus Holz an die Mauer, zwei Schritte läßt sie ihn tun nach jeder Seite.

Niemand spricht zu ihm. Niemand gibt ihm Antwort. Keine Regung, kein Vorgang, kein Laut. Ablösungsrufe ganz selten, kaum Schritte der Wachen draußen auf dem lehmigen Grund. Toteneinsamkeit. Ein Grab.

Was er zu tun hat, ist einfach. Immer vierundzwanzig Stunden hat er auf den Augenblick zu warten, da von der Zitadelle her der Mittagsschuß vernehmbar wird. In diesem Augenblick beginnt es an den Schlössern zu rasseln, erst schwach, dies ist die Tür vom Graben zur Kasematte, dann lauter und klirrend, dies sind die zwei inneren Türen. Sie bleiben offen, bis der erstickende Mauerdampf sich verzogen hat, der sonst die Laterne auslöscht. Dann sieht er erst einen Sträfling mit geschorenem Kopf hereinkommen, der nimmt das bedeckte Gefäß und trägt es davon. Dann sieht er den alten Korporal hereinkommen, der setzt ihm einen Krug mit Wasser hin und zerschneidet auf einem Holzteller das schwarze Kommißbrot. Endlich sieht er den Major hereinkommen, ernst, mit einem galligen Ledergesicht, stumm besieht er den Raum, in dem nichts zu sehen ist, hebt und befühlt die Ketten und geht. Mit ihm geht die Laterne. Verhallender Lärm. Ein neuer Kerkertag.

Bald zu Anfang hat man ihm seine Kleider vom Leibe geschnitten. Er trägt ein grobes Hemd mit offenen Nähten, das ihm alle vier Wochen unter den Ketten zusammengebunden wird, Kommißhosen, auf beiden Seiten zum Knöpfen eingerichtet, einen blauen Kittel, dicke Socken, Bastpantoffel.

Sein Bart wächst lang. Das ist ihm ein Greuel. Von allem abgetrennt, was atmet, in feuchter Nacht, hat er nichts Menschliches nahe als das eigene Gesicht, keine lebendige Form als die Einbettung seiner Augen, die Rundung seines Kinns, die Linie seines Mundes; ihnen tastet er nach. Und nun ekles Gestrüpp, hartes, stechendes. Es wird ihm zur Qual, es wird ihm zum Wahn. Und eines Abends geht er daran, sich den Bart auszureißen.

Es tut weh, um den Mund besonders, wo die Nerven so zahlreich enden. Aber kaum ist die Arbeit ein wenig vorgeschritten, so fängt er an, den Schmerz zu genießen. Es ist ja ein freiwilliger Schmerz – Grund genug, ihn gelinde und sogar unterhaltend zu finden. Die Nacht verfliegt. Am Morgen ist er glatt, er blutet aus tausend Poren.

Das Verfahren wird ihm zum Segen. Er mißt nach ihm seine Zeit. Denn ein Monat vergeht, ehe die ausgewurzelten Haare neu wieder hervorkeimen: in diesem Monat genießt er die Glätte seines Gesichts. Und ein zweiter Monat vergeht, ehe seine Finger wieder neu zufassen können: diesen zweiten Monat verwartet er. So teilt er die Ewigkeit ab.

Es plagt ihn, daß er nicht reinlich sein kann. Sich waschen in Ketten ist schwer. Auch erhält er nur dreimal im Monat Waschwasser und ein Tuch.

Er gewöhnt sich daran, lieber jeden fünften Tag seinen Trunk zu entbehren. Im Sommer ist das ein grausamer Verzicht, oft wird er schwach und trinkt, statt sich zu reinigen.

So führt er, mehr und mehr, ein Dasein nur im Leiblichen. Die geistigen Bremsen in seiner Natur werden locker und geben nach. Wenn zu Beginn die Augenblicke der Verzweiflung kamen, so überwand er sie durch angespannte Besonnenheit, er wollte nicht toben, er wußte: dies Gewölbe blieb stumm, und ein Ausbruch von Wut und Empörung ließ ihn für Tage zerbrochen zurück.

Jetzt gibt er sich hin. Er hat Stunden der Raserei, von ungeheurem tierischem Wüten, in denen er Füße, Hände und Leib sich wund reißt. Einmal, mitten in solch einem Anfall, spürt er, wie in seinem Kopf etwas springt, er will reden, will sich in menschenverlassener Angst noch selber vernehmen, aber er hört sich nur stammeln und murren wie einen Blöden, er spürt es: der Wahnsinn bedroht ihn, ihm wird ganz elend und schwach, er taumelt, er sinkt hin auf den Steinschemel, rasselnd.

Drei Sommermonate dauert die Krisis, drei Monate ist er ein kranker Gefangener in schweren Banden, ohne Bett, ohne Erquickung, ohne Menschenhilfe und Trost. Schwarzes Brot bleibt seine Nahrung, vergebens bittet er um einen Schluck Suppe. Kein Arzt, kein Freund, kein gütiges Wort, nur tobender Kopfschmerz, Übelkeit, Fieberglut. Er verliert fast die Hälfte seines Gewichts, Fesseln und Kleidung schlottern an seinem Gerippe. Er bleibt am Leben. So schwach ist er geworden, daß er sich eine Stunde lang besinnt, ehe er einmal von seinem Sitz sich aufhebt. Die Hauptqual aber ist ein zehrender, brennender Durst, kaum hat er getrunken, sind ihm Mund und Schlund schon wieder wie Leder. Sein erschöpftes Gehirn gerät auf die Vorstellung, daß er, Trenck, gewiß schlimmer Durst leide als andere Menschen, von der Tränke schreibe sich nicht umsonst schon sein Name.

Eines Tages ist die Visitation eben da gewesen. Er wartet mit siecher Ungeduld, bis die Schritte verhallt, die Türen abgeschlossen sind, denn mit einem Rest seiner Würde will er nicht sehen lassen, wie haltlos gierig er trinkt; auch ist es ja schön, nun die Erquickung zur Stelle ist, sie sich auf Minuten noch zu versagen. Jetzt ist er allein mit dem Labsal, jetzt umfaßt er den Henkel. Aber der geglättete Ton ist feucht, ihm zittert die Hand, sie gleitet ab, der Krug stürzt auf jene steinerne Platte und bricht.

Er wirft sich auf die Knie, das verströmende Naß aufzuhalten, aufzusaugen, die Ketten reißen ihn zurück, das Wasser ist verronnen.

Es ist ein glühend heißer Augusttag, ein Tag, an dem auch draußen in der Welt, auf Blachfeld und Hügel mancher verdurstet. Und er, gebunden, verlassen, kann niemand rufen und leidet die Wüstenqual, bis er endlich in Schlaf fällt. Da träumt er Entsetzliches. Er träumt, daß er einen Mann erschlägt und ihm die Adern aufreißt, um sein Blut zu lecken. Und er weiß auch, wer der Mann ist.

Er wird gesund. Er kommt zu Kräften. Er muß vom Geschlecht der Vorweltriesen sein. Aber ein tiefer Schauder ist ihm geblieben. Oh, leben, draußen, als ein Taglöhner, ein Kärrner, leben in Sumpf und Moor, in einem der Brüche, die der König urbar machen läßt! Nur atmen unterm Himmel, in freier Luft, nur sich ausstrecken können, wenn man müde ist, nur trinken können, wenn Durst kommt, nur nie wieder so einsam verschmachten müssen und Träume erleiden wie der Kannibale!

Da traten im unterirdischen Gleichmaß seines Daseins zwei Ereignisse ein.

Erst erfuhr er, daß Krieg sei. Er erfuhr es aus ein paar kurzen Worten, die der inspizierende Major dem Korporal hinwarf. Der Offizier verstummte sogleich, ärgerlich über sich selber warf er den Kopf zurück; aber Trenck hatte verstanden.

Krieg also doch. So war eingetroffen, was er in der Moskauer Kanzlei deutlich hatte heranrücken sehen. Aber Krieg gegen wen? Nur gegen die Kaiserin? Oder war Rußland dabei? Wie lange schon? Wie wehrte sich Friedrich? Wieder also war die Welt in unbändiger Bewegung, wieder war Raum für den Mann, sich zu wagen und Großes zu tun, und er, angeschmiedet, hockte im Geviert von acht Fuß auf seinem Ziegelschemel.

Aber wo war Amalie inmitten solcher Entscheidung? Geflüchtet an eine Grenze? Ruhig im Schloß zu Berlin? Als regierende Äbtissin auf ihrem Stift? Gewiß, sie plante für ihn, arbeitete für ihn. Im Chaos des Krieges war Hilfe, Befreiung weit eher möglich als in ruhiger Zeit. Abenteuerliche, in Halbgestalt wogende Gedanken füllten sein Hirn. Der abenteuerlichste aber war nicht darunter, er, der Wirklichkeit war: daß die Freundin zehn Minuten Weges von ihm entfernt lebte, drüben am Domplatz inmitten des geflüchteten preußischen Hofes, und dort nichts wußte von ihm.

Wenige Tage später trat das zweite Ereignis ein. Der Korporal ließ nach dem Brotschneiden sein Messer liegen.

Ein kurzes Messer, stark und scharf! Mit der Schnelle des Lichtstrahls ist in Trenck schon der Plan fertig. Die Türen des Kerkers bestehen aus Holz: er muß die Schlösser ausschneiden und so entkommen.

Aber er ist ja gefesselt. Er wird, er wird frei sein! Mit seiner rechten Hand umfaßt er die Stange und zieht und reißt aus der Schelle die linke heraus. Das Blut gerinnt ihm unter den Nägeln, das Gelenk ist zerschunden, er spürt keinen Schmerz. Die Rechte befreit, und nun die Fußkette fest um sich selber gewickelt und mit ganzer Gewalt weggesprengt von der Mauer. Die Kette hält. Beim viertenmal reißt sie. Vom Fußgelenk sickert es rot durch den Strumpf. Er spürt keinen Schmerz.

Die erste Tür ist aus weichem Holz. Nach ein paar Stunden Arbeit ist das Schloß herausgeschnitten. Er gelangt vor die zweite.

Die zweite Tür ist aus hartem Holz, es muß Eiche sein oder Esche. Er müht sich in völligem Dunkel hier, langsam, behutsam. Endlich steht er in der Kasematte.

Er tappt umher. Zu seiner Linken ist die Tür nach dem Graben, vor der die Wachen gehen. Aber rechts – o gütiges Schicksal! – rechts ist ein anderer Ausgang, und der muß hinaufführen zum Wall. Das ist die Freiheit.

Er kennt die Festung, er kennt ungefähr die Lage der Schanze, zweimal ist er mit dem König in Magdeburg gewesen. Dieses Tor geöffnet, zum Wall hinauf, die Elbe entlang, die Elbe überquert, und in einer Stunde ist er in Sachsen. Gummern heißt dort der erste Ort.

Aber leise nur jetzt! Und ausgesetzt, wenn die Schildwache näher kommt! Ihm werden die Hände unsicher vor Glück. Eben steckt wieder die Klinge im Spalt, sie sitzt fest, er zieht. Da zerbricht sie und fällt hinaus.

Er hält den Griff in der Hand. Ein wenig Eisen ist noch daran, ein scharfes, zackiges Stückchen, nicht mehr als ein Fingernagel breit ist.

Er geht zurück auf seinen Platz. Es ist Nacht geworden über der Arbeit, ein Mondstrahl fällt durch das Luftloch schräg herein und beleuchtet seine zerbrochenen Ketten.

Er sitzt ganz still. Er rast nicht. Aber was niemals geschehen ist in den fünf Jahren dieser furchtbaren Haft: er weint. Die Tränen tropfen auf seine zerschundenen Hände und brennen.

Da geschieht mit ihm das seltsamste Wunder. Es erbarmt sich seiner der Geist. Diese letzten Jahre hat er im Tierischen gelebt, ganz den Notwendigkeiten des ewigen Augenblicks hingegeben. Nun bricht mit einem Strahl jene andere Welt in ihn ein.

Er weint und klagt wie ein Kind und blickt auf die Kerkertür, die dort aufgebrochen, klaffend, ins Dunkle führt. Da hört er Worte in sich, eine Strophe:

Lebe Dein Leben mit Todesmut,
Tod ist die Kerkertür dieser Welt ...

Sein Weinen versiegt. Er steht auf. Nein, er ist nicht genötigt, das ganz Unerträgliche zu ertragen, der Rest Eisen an seinem Messergriff ist genug, ihm die Adern zu zerschneiden. Der Ausweg ist offen. Er ist frei.

Und mit seinen verwundeten Händen gräbt er die Kostbarkeit ein neben dem Stein, dort, wo er sie auch in Ketten wird erreichen können. Er gräbt sie tief ein, er verwischt mit Sorgfalt die Stelle, er setzt sich nieder und wartet gefaßt.

Lebe Dein Leben mit Todesmut,
Tod ist die Kerkertür dieser Welt,
Und sie führt in ein Nachtgezelt,
Drin es sich tief und herrlich ruht.

Es sind die Verse aus der Prüfungsnacht im Potsdamer Schloß, die Verse aus der Sekunde, die über sein Schicksal entschieden hat. Denn in jener Sekunde ging eine Tür auf, und er sah zum erstenmal die Prinzessin, erscheinend aus einem elysischen Abgrund von Silber und seligen Farben.

Und nun bricht es hervor, lang angestautes Erinnerungsgut, in ganzer Frische wie von einem Eisraum bewahrt. Wahllos, eilig, übereifrig bringt sein Zaubergedächtnis, von der langen Rast nur gestärkt, ihm alles herbei.

»Die römischen Kaiser!« kommandiert der König, und die Namen der Kaiser stürzen hervor, die Eumeniden, die Bilder des Sternkreises, die Planeten. Und weiter, o lächerliches Wunder, die Namen der 39 Rekruten vom Regiment Prinz Heinrich: Mühlehof, Renzel, Badenhaupt, Scholz – und wieder stutzt er bei jenem Zindler, dem auf dem Exerzierplatz ein Auge ausgeschlagen worden ist, und mit einem Erschauern fällt es ihm ein dabei, daß diese 39 Rekruten inzwischen gewiß alle miteinander tot oder zu Krüppeln geschossen sind, die ganze wilde und schreckliche Zeit kommt mit hervor, in die er hineingeboren ist, und der wilde und wechselnde Anteil, den sein eigenes Dasein an dieser Zeit genommen hat, die Taten- und Leidenliste seines Lebens, dies zuckende Auf und Ab, zu jäh, zu unerträglich beinahe für ein menschliches Herz ... Und es war Morgen, ohne daß er es merkte, und es war Mittag, ohne daß er es merkte, und die Visitation war da, ohne daß er es merkte, und die Entdeckung.

Aufruhr in der Schanze, Nachricht zum Kommandanten, Entrüstung, Beratung, strengere Maßnahmen.

Die Türen werden geflickt und ganz mit Eisen beschlagen. Drei Tage lang sitzt er bei offenem Kerker, von Musketieren mit schußbereiter Waffe bewacht. Seine Bande werden erneuert, und ein breites Halseisen kommt hinzu, das ihm entsetzlich den Nacken preßt, so daß er es noch im Schlaf mit der Hand stützen muß.

Aber es scheint, als wolle man ihn überhaupt nicht mehr schlafen lassen. Jede Viertelstunde ruft ihn jetzt die Schildwache an: Trenck! Trenck! und er hat zu antworten. Nach einigen Wochen hilft sich seine Natur, und er antwortet im Schlaf sein »Hier«.

Dennoch, allem zum Trotz, die Jahre lichtlosen Unglücks sind vorbei. Er leidet. Aber mit jenem einfältigen, mutigen Vers hat der Geist seine Lücke gerissen, und in strahlendem Zug rückt seine Fülle ein ins Bewußtsein. Fülle des Geistes, Fülle der Dichtung. Einmal, nach vielem anderen, spricht er den 130. Psalm, das ›De profundis‹. Nicht aus Frömmigkeit spricht er es, er ist nicht fromm, aber in diesem Ruf nach Erlösung ruft und erlöst sich auch sein gequältes Gemüt. Er gräbt mit Macht in den Tiefen seiner Erinnerung nach, er versenkt sich und findet. Er findet den Psalm so, wie ihn Corneille gedichtet hat: »Aus tiefer Schreckensnacht, in die mein Tun mich warf ...« Er erhorcht ihn so, wie ihn Piron gedichtet hat: »Es ruft mein armes Herz ...« Er zwingt ihn so herauf, wie ihn Racan gedichtet hat: »So hast du mich denn ganz verlassen ...« Er wühlt ihn aus untersten Schichten zum Licht, so wie ein alter Sänger ihn gedichtet hat, Marot, der schon zweihundert Jahre tot ist:

Aus Herzensgrund mein Schrei
Dringt auf zu Deinem Thron!

Lange hat er gebraucht, bis er das alles beisammen hatte, die Visitation war mehr als einmal da in der Zeit. Gestaltetes Elend tröstet ihn über das wirkliche fort, bitter und schön. Nun schläft er ein, mitten am Tage, glücklich erschöpft.

Eine Welt hat sich aufgetan. Gesänge aus der Henriade spricht er vor sich hin, ohne zu stocken; er hat dies Gedicht immer geliebt, weil es den Aberwitz religiöser Verfolgung verfolgt, weil er Voltaires lebendige Entrüstung mitspürte über Blutdurst und Grausamkeit. Er gelangt zu den Alten. Er hört die ›Tristien‹ Ovids, die Lieder aus der Verbannung, vom öden, barbarischen Gestade. Er vernimmt, Vers auf Vers, das dritte Buch des Lukrez, das Lob der Todesruhe nach aller Mühe und Qual, das Hohe Lied von der Seligkeit des Nichts. Er ruht nicht, es ruht nicht in ihm, bis Satz um Satz auch Plutarch ersteht, das Leben Alexanders, und wieder verweilt er an der Stelle, die vom geneigten Haupt des Mazedonen spricht, und wieder erblickt er ein anderes vor sich in gleicher Haltung, eines, das ihm bitter vertraut ist. Vers auf Vers, Satz nach Satz, Autor um Autor. Er ist wahrhaft betäubend unterhalten.

Aber alles bleibt Wort und Klang und sättigt nicht ganz. Es treibt ihn sinnlich zum Gegenstand. Eines Tages liegt auf dem Stein vor ihm ein Brettnagel, vielleicht hat ihn der bedienende Sträfling verloren. Trenck nimmt ihn auf, er schärft ihn und beginnt, ins weiche Zinn seines Trinkbechers eine Zeichnung zu ritzen.

Er illustriert einen Vers, jenen ersten, vertrautesten. Die Todespforte zeichnet er ein, Flammen und Schwerter vor ihr, hinter ihr ein breites Ruhelager, mit Bäumen darüber, die Schatten spenden.

Leicht fällt es nicht, er kann ja den Becher nicht halten mit seiner Hand, er muß ihn festklemmen zwischen den Knien. Gebückt arbeitet er. Schließlich, bei einer Visitation, nimmt man den Becher fort und ersetzt ihn.

Er graviert aufs neue, in unbeholfenen Figuren stellt er sein Schicksal dar. Er selber kniet da in Ketten, sein Herz in der erhobenen Hand, und vor ihm, mit der Fackel der Hoffnung, steht sie, so lebendig und schön, als nur ein Ungeübter mit einem Nagel auf Zinn sie umreißen und lobpreisen kann. Auch dieser Becher verschwindet. Und eines Tages, wortlos, wird ihm eine große Vergünstigung gewährt: er darf Licht brennen.

Gefahr für die Augen – denn der Kerzenschein bricht sich und blendet auf dem weißen Metall. Gefahr schon längst für die Denkkraft – denn seit so viel Jahren hat Trenck keine andere Wirklichkeit vor sich gesehen als die Mauer, und mit Vergewaltigung seiner Phantasie muß er jeden Gegenstand aus sich selber hervorpressen.

Aber sein Eifer wächst nur. Kaum schläft er mehr. Was er treibt, wird zur Kunst. Und als eines Mittags ein neuer Wachoffizier ihm zusieht und den Mund auftut und sagt: »Ihre Becher sind wahrhaftig berühmt in der Welt«, da genießt er den seltsamsten Sieg. Oh, er ahnt, was das heißt. Er ist verborgen hier und verscharrt, und harte Strafe trifft sicherlich jeden, der draußen auch nur seinen Kerker nennt, die Welt soll meinen, ihn habe irgendwo die Flut dieses Krieges verschlungen. Und jetzt redet er doch und tut sich doch kund!

Eines Tages beginnt er ein altes Bild nachzuzeichnen, das er oftmals in der Jugendzeit in einem Kalender gesehen hat, ein Bild ganz und gar nicht nach modischem Geschmack: den Ritter, der gelassen seines ernsten Weges zieht, vom treuen Hunde begleitet, unbekümmert um die gräßlichen Fratzen von Teufel und Tod. Trenck arbeitet lang an dem Becher, er liebt ihn. Und wie das Bild fertig ist, ritzt er oben an den Rand, dort, wo die Burg aufragt, sein Trenckisches Wappen ein, mit der Trenckischen Devise: Toujours le même!

Er ist zufrieden, nur mit dem Antlitz des Ritters ist er nicht zufrieden. Sich selber hat er darstellen wollen. Aber er kennt ja sein eigenes Gesicht nicht mehr. Und wie er den Becher recht betrachtet, blickt unter der Eisenhaube ein ganz anderes Männergesicht fest vor sich hin: eines mit eigentümlich gerader Linie von der Nase zur Stirn, mit weitgeschnittenen Augen und hohen, brandenburgischen Brauen.

4

»Trenck, Trenck!«

»Hier.«

»Trenck, Trenck!«

»Hier!«

»Trenck! Trenck! Trenck!«

»Hier, sag ich, zum Teufel! Du hörst es doch, elender Kerl, ich bin da!«

Sie zitterte, sie hielt sich kaum auf den Füßen. Die ungeheure Aufregung dieses nächtlichen Unternehmens hatte sie fast schon zerstört, das heimliche Verlassen des Hauses am Domplatz, der Weg in der Sänfte, das Verhandeln mit den bestochenen Soldaten, der Gang durch den nassen Wallgraben im Dunkel der Märznacht. Und nun stand sie hier, getrennt von ihm nur durch die Mauer, und sandte nach so viel Jahren zum erstenmal ihre Stimme zu ihm, und da hielt er den Ruf für den Anruf der Wache.

»Trenck«, rief sie noch einmal, »hör mich. Ich bin's, Amalie!«

Ein Aufschrei, laut und wild, und ein Klirren, wie wenn ein geschirrter Kriegsgaul sich schüttelt. Dann aber, dann, innig, inbrünstig, beseligt, verzückt, voll aller Kraft der Sehnsucht und des Leidens, ihr Name: Amalie, Amalie! Immer wieder und wieder.

»Geliebter«, rief sie heiser empor, »mein Freund, meine Seele, mein Armer!«

»Amalie, du sprichst verändert. Was fehlt dir? Du bist erkältet.«

Dies aber, diese erste Frage aus solchem Kerker, aus solcher Not erschütterte sie über ihre Kraft. »Ja«, sagte sie noch, »ich bin erkältet, das nasse Frühjahr ...« Dann lehnte sie die Stirn gegen die Mauer und ließ ihren Tränen den Lauf.

Es war so. Er hatte es gleich gehört. Ihre Stimme, so wohllautend einst, so betörend, im Gesange so süß, berühmt in der Welt, sie war dahin. Sie war das erste gewesen, was ganz verloren ging in der Krankheit, im unaufhaltsamen Verdorren. Die Stimme ein heiserer Mißlaut und die Augen halb blind und der dürftige Körper mit Mühsal noch aufrecht, so glich sie ganz einer alten Frau, einer Erloschenen.

»Amalie«, rief Trenck, »bist du noch da? Ich hör dich nicht mehr. Öffnet dir keiner die Kasematte?«

»Ach, Trenck, das wagen sie nicht. Aber reichst du nicht auf bis zum Fenster? Kannst du dich nicht zeigen?«

»Ich? Hör zu, wie ich kann!« Und er vollführte mit seinen Eisen eine wilde Musik.

Aber da geschah ihr das Schrecklichste: sie freute sich. Der Mann ihres Lebens rief ihr mit seinen Ketten sein erbarmungswürdiges Schicksal zu – und sie mußte dankbar und froh sein, daß diese Ketten ihn hielten, denn so sah er nicht, wie häßlich und alt sie geworden war.

»Trenck«, rief sie, »um aller Gnade willen, wie lange quält man dich so?«

»Sieben Jahre.«

»Sieben Jahre, in diesem Loch! Und wie lebst du? Wie trägst du's?«

Eine Stille. »Ich bin zufrieden«, sagte er dann.

»Und bist noch gesund?«

»Ich war krank. Jetzt ist es besser. Ich lebe im Vergangenen bei dir. Sprich von dir!«

»Nicht von mir! Trenck – hoffe!«

»Das tu' ich. Dich hoffe ich wiederzusehen.«

»Ich arbeite für dich. Ich mache dich frei!«

»Deinen Mund werde ich wiedersehen, dein Haar, deinen Hals ...«

»Seit fünf Monaten erst weiß ich dein Schicksal. Ich habe gleich alles getan, glaub es nur, Trenck!«

»Deine Brust halte ich wieder in meiner Hand! Deinen Rücken fühle ich wieder mit meinen Armen ...«

Sie gab es auf, den Strom von Verlangen einzudämmen, der aus dieser Gefängnisluke zu ihr herabrauschte. Sie stand da in der zugigen Nacht, die Kapuze der dicken braunen Contouche übers Haar gezogen, ein verkrümmtes Weiblein, gestützt auf die Hornkrücke ihres Stockes.

»Man hat uns auseinandergerissen«, rief Trenck, »aber was gewesen ist, kann niemand fortnehmen. Dich, dich, dich habe ich besessen, die beglückendste Geliebte, die höchste Verlockung des Geschlechts, so weich, so klammernd, so herzverzehrend! Geliebte! Deinen Atem werde ich wieder haben, und die Feuchtigkeit deines Mundes!«

»Trenck«, rief sie hinauf, so stark sie nur konnte – und es klang wie der Schrei eines Habichts über der Öde –, »sie haben mir nur eine halbe Stunde gegeben. Gleich muß ich wieder in meine Sänfte ...«

»Woher denn bist du gekommen?«

»Von drüben.«

»Von Berlin?«

»Nein, von drüben.«

»Aus deinem Stift? Aus Quedlinburg?«

»Aber von hier drüben, Trenck! Wir wohnen am Domplatz. Wir sind ja alle seit zwei Jahren in Magdeburg.«

»Unmöglich!«

»Dort auf dem Wall bin ich spazierengetragen worden, zehn Schritt von dir, ganz unwissend. Und dann eines Tages bei Tafel haben sie deinen Becher herumgezeigt.«

»Welchen?«

»Den du gezeichnet hast. Ein Ritter war darauf und dein Wappen. Oh, Trenck, Trenck, der Gedanke könnte wahnsinnig machen: du so ganz nahe bei mir, und ich hab' es nicht gewußt!«

»Jetzt bist du bei mir und wirst wiederkommen.«

»Hoffe es nicht! Die Soldaten fürchten sich sehr. Sie fürchten die Spießruten.«

»Man muß sie bezahlen.«

»Das habe ich getan. Aber auch drüben im Palais ist es schwer, wir wohnen alle so nahe beieinander, und alle passen sie auf, die Königin, die Heinrich, die Voß ...«

»So erzähle mir rasch! Ich weiß nichts. Wie steht der Krieg?«

»Besser. Die Zarin von Rußland ist tot.«

»Also ist nur noch Krieg gegen Österreich?«

»Und gegen Frankreich, Trenck. Und gegen Sachsen. Und gegen Schweden. Und gegen das Reich. Aber Preußen steht noch und hofft. Nur arm ist es und ganze Provinzen verwüstet, und alles, alles ist tot.«

Ihr kam ein Gedanke. »Wärst du in Freiheit gewesen, Trenck, auch du lebtest heute nicht mehr.«

Er lachte, und es klang herzbeklemmend. »Nun, man hat mich gründlich gerettet! Eisen am Hals, Eisen an der Hand, Eisen um den Leib, man hat an alles gedacht.«

Den Namen des Königs nannte er nicht.

»Hör zu, Trenck. Der Friede wird kommen. Beim Frieden wirst du frei. Die Kaiserin muß es verlangen.«

»Die hat mich vergessen.«

»Sie wird erinnert.«

»Durch dich, Amalie?«

»Von mir weiß sie nichts. Aber ich habe in Wien gearbeitet.«

»Bei wem? Beim Hofkriegsrat?«

»Ach, Trenck, der Hofkriegsrat! Die haben nicht ihr Ohr. Ihr Ohr hat nur einer.«

»Kaunitz.«

»Ach, Kaunitz, Geliebter ... Nein, ein Mensch ohne Namen, ein Bedienter, der am Morgen ihr Schlafzimmer heizt.«

»Ein Märchen, Amalie.«

»Meine Gewährsleute sind ernste Männer. Vertraue nur! Es sind Staatsverträge begründet worden durch den Menschen.«

»Ein geheimes Genie?«

»Ein Diener mit Mutterwitz einfach. Ein drolliger Savoyarde. Wenn sie ausgeschlafen in ihrem großen Bett liegt, in guter Laune, und zusieht, wie im Kamin die Funken aufspringen, dann darf er sprechen.«

»Und da spricht er von mir?«

»Nicht immer, Geliebter. Er ist schlau. Manchmal spricht er von dir, öfters, zu günstiger Stunde. Da erzählt er von dem Rittmeister Trenck, von seinem Verdienst, seinen Leiden.«

»Man belügt dich, Amalie! Man nützt dich aus!«

»Man belügt mich nicht. Und mag man mich ausnützen! Der Savoyarde wird freilich reich. Die frommen Einkünfte aus meinem Stift fließen nach Wien. Meine Damen in Quedlinburg essen schon schlecht.«

Sie lachte mißtönend. »Harre nur aus, Trenck! Man gibt dich frei. Man kann der Kaiserin beim Friedensschluß ihre erste Bitte nicht abschlagen.«

Den Namen des Königs nannte sie nicht.

»Man gibt mich frei«, sagte Trenck, »und dann seh' ich dich wieder.«

»Wünsche es nicht!«

»Das nicht wünschen!«

»Wünsche es nicht. Ich bin dein Unglück.«

»Mein Glück und mein Stern! Wenn alles noch einmal vor mir läge, ich liebte dich wieder.«

»Es gibt vielleicht einen Himmel ...«

»Es gibt keinen Himmel, Amalie. Diese Erde, auf der wir leiden, ist unsere einzige Heimat. Wäre es anders – was wäre dann Tapferkeit! Ich liebe dich.«

Neben Amalie stand plötzlich ein Soldat. Sie schrickt auf vor Schreck. Im Lehm des Wallgrabens war er lautlos herangekommen.

»Fräulein, Sie müssen fort«, sagte er, »die Zeit ist herum.«

»Noch zehn Minuten!«

»Die anderen warten.«

»Geliebter«, rief sie, »sie holen mich, und ich habe dich nicht gesehen.«

»Fräulein – voran!«

»Hast du kein Licht, Trenck?«

»Du kannst mich doch nicht sehen. Ich bin zu tief unten.«

»Zünde es an!«

Eisengeräusch, Knistern, ein Lichtschein. Sie trat zurück.

Und nun erschien ihr dort drinnen, verzerrt und verzogen, mit einer seltsam geraden Linie von der Nase zur Stirn, Trencks riesiger, zuckender Schatten. Es war nicht sein Gesicht, aber es kam doch von seinem Gesicht.

Dies war die kurze Begegnung der Prinzessin Amalie von Preußen mit Trenck, nach sechzehn Jahren der Trennung.

5

In Hubertusburg war mit einem Friedensvertrag von äußerster Schlichtheit der Kampf der sieben Jahre abgeschlossen worden. Es blieb ganz einfach alles, wie es gewesen war. Friedrich fuhr nach Hause zurück.

Der Weg aus Schlesien nach Berlin führt hart am Felde von Kunersdorf vorüber. In der Frühe des 30. März kam er dorthin, ließ halten und stieg zum Mühlberg hinauf. Er hatte geglaubt, kräftig steigen zu müssen, aber nach ein paar Schritten stand er oben, dies war ja kein Berg, dies war kaum ein Hügel. Er ging vor bis zum Rande und blickte sich um.

Ländliches Schweigen herrschte im frischen Morgen. Nur von links her, vom Ort herüber, klangen Hammerschläge: sie bauten Kunersdorf an der gleichen Stelle wieder auf, obwohl es eine Stelle ganz ohne Vorzüge war. Rechts sah er die Oder und die Mauern von Frankfurt. Geradeaus aber, geradeaus lag der Judenberg.

Ja, jetzt konnte man bequem dort hinüber. Er schloß die Augen und versuchte, den glühenden Augustnachmittag wieder in sich heraufzuführen, die Höllenstunden mit hundertfachem Donner, wilder Musik, Geschrei der Stürmer und Sterbenden; mit Erwartung, Vernichtung, Todesverlangen und Flucht als der letzte.

Es war vergeblich. Er sah nichts. Zwar vergessen hatte er den Gefechtsort keiner Kompanie und keines Geschützes. Aber es war alles nicht mehr wahr, er glaubte nicht mehr daran. Das dort der Judenberg? Das hier der Kuhgrund? Ein Kind konnte ja seinen Ball da hinüberwerfen und nachlaufen und ihn gleich wieder holen. Um dieses Waldsträßchen war es gegangen? Was für ein leerer, abscheulicher Wahnsinn! Gleich neben sich sah er eine zerstörte junge Buche, zehn Jahre alt mochte sie gewesen sein, als das Geschoß sie traf. Sie sah aus, als hätte der Blitz sie zersplittert, vielleicht war es auch so, es ließ sich mit Gewißheit schon nicht mehr sagen. Er wartete noch eine Weile. Als nichts in ihm sich begab, stieg er den Hang hinunter und setzte sich wieder in seine Kutsche. Vor Abend wollte er in Berlin sein.

Ehrenpforten überall, Ansprachen, Gesang und Hochrufe. Was Gepränge sein sollte, war karg und kläglich im ausgebluteten Land. In Fürstenwalde, am Eingang zum Städtchen, erwarteten ihn die Schulknaben in römischer Tracht und sangen. Über ihre nackten Beine, durch die dünnen, billigen Gewänder blies der Märzwind. Er dankte freundlich. Aber wie der Ort durchfahren war, standen die gleichen Knaben am Ausgang und sangen das gleiche. »Kinder, seid ihr schon wieder da?« rief er und schüttelte den Kopf, und dies war das erste Mal heute, daß er etwas empfand, nämlich ein wenig Rührung, Erbarmen und Langeweile.

Ja, nun kehrte er also, nach Widerstand und Sieg gegen einen Erdteil, in seine Hauptstadt heim, die er sechs Jahre lang nicht mehr betreten hatte. Der Gedanke an jenen früheren Einzug kam ihm, und er erschrak. Damals hatte er sich gewehrt gegen den Jubel, hatte ihn nicht mächtig werden lassen in sich, weil es ihm verächtlich schien, die Wonnen des Augenblicks auszukosten. Heute hätte er gerne im Augenblick gelebt, gerne hätte er sich hingegeben, aber nun war alles ausgebrannt und erstorben in ihm, nichts regte sich mehr. Er saß da in seinem alten Kittel, auf dem Kopf den Hut mit der zerrissenen Generalsfeder, die Füße in fuchsigen Reiterstiefeln, er saß da, die Hände auf den Knien, die Augen geschlossen, und ließ sich werfen von der schlechtgefederten Kutsche.

In Taßdorf, nur zwei Stunden noch von Berlin, wurde neuer Vorspann genommen. Nachricht war hierher gelangt, daß die Hauptstadt sich aus allen Kräften zum Empfang gerüstet habe, am Frankfurter Tor warte auf den König ein von der Bürgerschaft dargebotener Prunkwagen, mit goldbehängten Rossen bespannt. Wie er das hörte, meldete sich augenblicklich das Widerstreben, der Widerwille in ihm, freilich aus ganz anderen Ursachen als damals vor sechzehn Jahren. Besser wäre es, erst bei Nacht anzulangen ...

Herr Nüßler, Landrat des Kreises Niederbarnim, frei und klug von Gesicht, trat hervor und hielt seine Rede. Er beglückwünschte den König zu seinen herrlichen Siegen und zum endlich errungenen, glorreichen Frieden. »Mögen Eure Majestät«, sagte er, »in Gesundheit und Glück zu unser aller Segen noch viele Jahre über uns regieren!«

Friedrich nickte mechanisch mit dem Haupt. Es war ganz richtig: er hatte viele Siege errungen, und Friede war jetzt auch. Er wußte auch noch, was er gelitten hatte – aber er spürte es nicht mehr. Er wußte, daß er sich freuen müßte – aber er freute sich nicht. Er wußte, daß ewiger Ruhm ihm nun leuchtete aber sein Gemüt erhellte er nicht.

Herr Nüßler war noch nicht fertig. Umgeben von seinen Bauern begann er, die Lage seines Kreises darzustellen, der von den Russen völlig ruiniert worden sei. Es fehle am Nötigsten.

»Das will ich des Näheren hören«, sagte Friedrich, und er stieg aus.

Sie betraten das Posthaus, eine Stube dort zu ebener Erde, in der es nach Tabak und nassen Kleidern roch. Es brannte schon Licht.

»Also«, sagte Friedrich, »was fehlt Ihnen alles für Ihren Kreis?«

»Pferde zur Bestellung der Äcker, Roggen zu Brot und Sommersaat.«

»Roggen für Brot und Sommersaat kann ich geben, aber mit Pferden kann ich nicht helfen.«

»Vergebung für meine Freiheit, Majestät! Es hat Ihnen gefallen, der Neumark und der Provinz Pommern Artilleriepferde zuzusagen. Nur für das arme Niederbarnim will niemand sprechen. Wenn Eure Majestät uns nicht gnädigst beistehen, so ist Niederbarnim verloren.«

Der Landrat schwieg. Von draußen schauten die Bauern durchs Fenster. Friedrich wanderte im Zimmer umher mit seinem von der Gicht steif gewordenen Gang. Vor einem Bild, das neben dem kalten Ofen hing, blieb er stehen.

»Was ist das hier, Nüßler?«

Es war ein billiger Farbendruck, schlecht gerahmt, und er stellte ihn selber dar, mit Hut, Ordensstern und Silberschnur, in der blauen Uniform, die er immer trug und auch jetzt.

»Soll das mein Gesicht sein?«

»Euer Majestät«, sagte Nüßler, »es gibt in Preußen kein Dorf und auch in den feindlichen Ländern sicher nicht viele, wo kein solches Bild hängt.«

»Das habe ich nicht gefragt. Ist das mein Gesicht?«

»Es ist gewiß schlecht getroffen«, sagte der Landrat, »ein grobes Pfuschwerk.«

Der König blickte ihn an. »Haben Sie Papier und Stift? Dann schreiben Sie einmal auf: wieviel Roggen für Brot, wieviel Sommersaat, wieviel Pferde. Aber nur das bitter Nötige, Nüßler! Ich habe nichts mehr.«

Er wanderte wieder durchs Zimmer. Zur anderen Seite des Ofens hing ein kleiner Spiegel, ein Stückchen Glas, wie es die Dienstmägde in ihren kalten Kammern hängen haben. Der König nahm vom Tisch das Licht und trat davor hin.

Er betrachtete sich. Er sah die hohlen Wangen, die im zuckenden Strahl der Kerze zwei schwarzen Löchern glichen und über denen die Augen größer und starrer erschienen, er sah den tief und schief heruntergezogenen Mund, die Zahnlücken. Unter dem alten Filzhut kamen ungepudert zwei Locken hervor, die linke schon ganz ergraut, die andere noch dunkler. Er sah – und er hielt den blechernen Leuchter näher und höher vors schlechte Glas – das Altershaupt seiner Legende.

 

Der Mittagsschuß dröhnte von der Zitadelle. Der Major trat ein, heute als erster. Er nahm seinen Hut ab und sagte:

»Herr von der Trenck, es ist Befehl von der höchsten Stelle gekommen, Ihre Fesseln zu lösen und Ihnen ein besseres Zimmer zu geben.«

Trenck sagte leise: »Ich danke Ihnen, daß Sie mich vorbereiten wollen. Gewiß bin ich frei?«

»Ja«, sagte der Major. »Sie sind frei.«

Und das war alles. Die Handwerker waren schon zur Stelle, um ihn loszuschmieden. Trenck saß ganz still, streckte erst seinen Fuß vor, dann seine Arme, das Halseisen ward aufgeschlossen, der Leibreif entfernt. ›Gleich werde ich die Sonne wiedersehen‹, versuchte er zu denken, ›den hohen Himmel, das Gras, es ist Sommer, frei, frei, ich bin frei.‹ Aber das alles klang nicht in ihm, lebte nicht, trockenen Herzens vernahm er das Hämmern und Feilen der Schmiede. ›Es ist Amalie, die mich frei macht‹, sagte er sich vor, ›Amalie, Amalie‹, da stand er schon unbeschwert da, und der Major lud ihn ein, ihm zu folgen.

Er blickte sich um. Er hatte nichts mitzunehmen. Neun volle Jahre hatte er in dieser Höhle verbracht, und da war kein Ding, das ihm zugehörte. Dies war ein seltsamer Umstand. Er bückte sich ungelenk, hob ein Stückchen Kette auf, das auf der Steinplatte lag, und wollte es mitnehmen. Aber an der Tür warf er es fort. Der Major blickte ihn mitleidig an.

Den Laternenträger voran gingen sie durch die Kasematte. Trenck war ziemlich fest auf den Füßen, nur schleppte er sie ein wenig, um seine Pantoffel nicht zu verlieren. Der Weg kam ihm lang vor. Endlich stand er in einem Wachtlokal, einer Art Schreibstube. Am Tisch saß ein General.

Der General stand höflich auf. »Herr von der Trenck«, sagte er, »erlauben Sie, daß ich meinen Glückwunsch ausspreche. Der König hat Befehl gesandt, Sie sogleich über die sächsische Grenze zu geleiten.«

Trenck verneigte sich.

»Ich bin angewiesen, Ihnen dreihundert Dukaten Reisegeld auszuzahlen. Wohlanständige Kleidung liegt bereit. Der Wagen wartet.«

In diesem Augenblick wurde sich Trenck bewußt, daß er starken Hunger verspürte. Sein Magen war gewohnt, sich auf vierundzwanzig Stunden mit dem einen Kommißbrot zu begnügen, aber länger durchaus nicht. Er sagte mit einem Lächeln: »Mein Herr, wundern Sie sich nicht über meine Bitte. Ich würde gern etwas essen.«

Der General sagte ernst: »Ihre gewöhnliche Kost steht auch heute zu Dienst. Für mehr habe ich keine Ermächtigung.«

»So bitte ich um mein Brot«, sagte Trenck.

Man brachte es ihm, aber unzerteilt heute. Er setzte sich, schnitt und aß. Mehrere Offiziere der Garnison waren herzugetreten und betrachteten ihn schweigend.

Als er fertig war, sagte der Kommandant:

»Ich bin nun noch verpflichtet, Ihnen den Eid abzunehmen.«

»Welchen Eid?«

»Den gewöhnlichen.«

»Sprechen Sie ihn mir vor, mein Herr. Alle Punkte, die ich zusagen kann, will ich beschwören.«

»Sie schwören, sich an niemand zu rächen!«

»Das schwöre ich.«

»Sie schwören, die preußische Grenze niemals zu überschreiten!«

»Das schwöre ich – auf Lebenszeit des regierenden Königs.«

»Den Vorbehalt kann ich nicht zulassen.« Ein Schweigen. Der General bedachte sich. »Ich will ihn doch zulassen«, sagte er dann.

»Sie schwören, von nichts, was Ihnen geschehen ist, öffentlich zu sprechen oder zu schreiben!«

»Ich schwöre es – auf Lebenszeit des regierenden Königs.«

»Sie schwören, keinem Herrn jemals mehr zu dienen, nicht als Soldat und nicht als Beamter! Sie schwören das auf Lebenszeit des regierenden Königs.«

»Ich schwöre das«, sagte Trenck, »für ewig und immer!«

»Sie sind frei«, sagte der General und setzte seinen Hut auf.

Im Nebenraum lagen auf einem Tisch die Kleidungsstücke bereit, ein unauffälliger Reiseanzug aus gutem Tuch, seiner Körpergröße im Maß entsprechend. Mit ungeübten Bewegungen legte er alles an. Von draußen schauten Soldaten durchs Fenster.

Das Hemd aus weicher Leinwand empfand er als Wohltat. Aber um den Leib verspürte er einen Druck, und der linke Fuß schmerzte im Schuh. Besonders aber tat ihm die Halsbinde weh. Er schlang sie ganz lose und kam nicht zurecht.

Sein Blick fiel auf einen kleinen Spiegel neben dem Ofen. Er trat davor hin. Der Spiegel hing niedrig, Trenck mußte sich bücken. Und da sah er, im unebenen billigen Glas, das Gesicht eines alten Mannes mit weißem Haar.

6

Das Tal der Erlauf entlang, die bei Pöchlarn in die Donau fällt, ritten an einem Hochsommernachmittag zwei ungewöhnlich gekleidete Männer. Die Bauern auf den Feldern beschatteten die Augen mit der Hand und blieben minutenlang untätig.

Der erste Reiter, ergraut schon, mit blühendem, vollem Gesicht, trug zum braunen Frack einen großen, runden Filzhut, unter dem offen und ungepudert sein Haar hervorhing. Außerdem aber, und dies war niemals erschaut worden, waren seine Hosen lang, sie reichten als Röhren oder Walzen bis hinunter zum Knöchel und waren mit Stegen befestigt. Keine Spur von Seide oder Samt am ganzen Anzug, und doch war er offenkundig ein Herr, denn er ritt voran und ritt auch das bessere Pferd, einen kleinen, muskulösen Hengst von Isabellenfarbe. Wer sich aber von der ruhigen niederösterreichischen Landschaft weit erstaunlicher abhob, das war auf dem Schimmel hinter ihm sein Diener, ein ziemlich mageres, braunhäutiges Geschöpf, gekleidet in einen langen, farbig verschnürten Rock und umgürtet mit einem Seidenwulst, darin Pistolen steckten. Auf dem Kopf trug dieser Mensch einen bauschigen grünen Turban.

Sie waren von der Donau her zwei Stunden talaufwärts geritten, nun fragte der vordere Reiter nach dem Weg – mit einem Tonfall, in dem unter fremdem Geröll ein noch ziemlich frisch gebliebenes Schwäbisch hervorquoll. Sie bogen nach linkshin ins Land ein und nahmen die Richtung auf Zwerbach.

Bei sinkendem Dunkel kamen sie vor das Schloß. Es war unbewacht, das Tor stand friedlich weit offen. Im geräumigen Innenhof, den gelbgestrichene, ziemlich niedrige Gebäude umschlossen, nahm ein Knecht ihre Pferde in Empfang.

Vier Fenster zu ebener Erde waren erleuchtet. Von seinem Exoten gefolgt, stand der Mann im Frack mit zwei Schritten gleich bei der Tür, klinkte auf und sah sich unmittelbar vor dem Familientisch.

Stumm fragend, wie auf Kommando, wandten sich alle Köpfe nach ihm hin. Aber vom oberen Tischende erhob sich riesengroß und weißhaarig Trenck, trat auf den Unerwarteten zu und bot ihm die Hand. »Willkommen, Schell«, sagte er gleichmütig und gar nicht so, als wären dreißig Jahre der Trennung und des Schweigens vergangen, »das hier ist meine Frau, und das sind meine zwei ältesten Kinder. Setz dich zu uns und iß!«

Die Hausfrau, eine ruhige, etwas zu volle Blondine, hatte sich gleichfalls erhoben, und Schell küßte ihr umständlich beide Hände, die Knaben aber, neun und elf Jahre alt, beachteten ihn gar nicht, sondern starrten verzückt auf den bunten Diener dort an der Tür.

Trenck folgte dem Blick. »Du kommst aus Asien?« sagte er freundlich.

»Aus Asien«, wiederholte ganz leise der älteste Sohn.

»Das ist ein weiter Weg«, sagte lächelnd Frau von der Trenck, »der Asiate wird hungrig sein.« Und auf ihren Wink führte der aufwartende Diener den Fremdling fort nach der Küche.

Man hatte eben begonnen, die Suppe zu essen. Vor Schell wurde ein Teller hingesetzt, und alles nahm ruhig seinen Fortgang.

»Du weißt, Hendrikje«, sagte Trenck, »er ist jener Freund, der mich in Glatz aus der Festung befreit hat.«

»Ich bin der Mann, Madame«, sagte Schell in seinem weitgereisten Schwäbisch, »der sich blödsinnigerweise beim Springen das Bein brach und den Ihr Gemahl dann auf seinem Rücken davongeschleppt hat.«

»Ich weiß beides«, antwortete sie freundlich, »die Absicht und den Hergang.«

Ein Schweigen folgte, wie es sich einstellt, wenn zwar Unendliches zu erzählen wäre, aber keine Brücke täglichen Umgangs die Gemüter verbindet. Schell saß in seiner enthaltsamen Tracht und genoß das kräftige Abendbrot, das nach der Landesart zubereitet war. Es gab ein Krenfleisch mit gutem Gemüse und zum Nachtisch »böhmische Dalken«, eine Speise aus gebackenem Hefeteig mit Pflaumenmus, süß und wohlschmeckend.

»Ist das ein ungarischer?« fragte er und hob sein Glas in die Höhe. »Ich weiß doch, mit dem hast du Handel getrieben.«

»Nein, das ist ein Manhartsberger«, antwortete Trenck, »schmeckt er dir?« Er selbst trank mehr Wasser als Wein.

»Und die gnädige Frau ist also eine Holländerin?«

»Nicht ganz. Ich bin aus Aachen, Herr von Schell.«

»Ah? Ja, daß du in Aachen gewohnt hast, Trenck, das weiß ich. Du bist sehr berühmt in der Welt.«

Trenck gab keine Antwort. Minuten schien es, als höre er gar nicht, was gesprochen wurde. Er hatte die Gewohnheit angenommen, schweigend vor sich hin zu schauen, so als suche er dort etwas am Boden, auch stockte er häufig mitten in seiner Rede und schien zu warten, daß ihm die ferneren Worte von irgendwoher diktiert würden. Eine spürbare Scheu trennte die Seinen von ihm. Man entschloß sich nicht leicht, ihn anzureden. Die Gegenwart eines, der sehr viel gelitten hatte, schuf sich ihr eigenes Gesetz. Selbst in seiner Kleidung sprach sich sein Schicksal aus. Er saß aufrecht und stattlich an seinem Tisch, ein schöner alter Mann mit seinem dichten weißen Haar, aber in einer Tracht, wie sie an Landedelleuten sonst nicht gesehen wird. Er trug einen langen Schlafrock aus schwarzer Seide, der ganz lose saß. Nichts engte oder schnürte ihn ein, äußerste Empfindlichkeit gegen jeden Druck an Leib, Hals und Gelenken war ihm geblieben.

Äußerste Empfindlichkeit auch gegen jede Einengung an Gemüt und Gewohnheit. Sie bestimmte sein Dasein. Aus ihr erklärten sich alle Schritte, die er seit seiner Befreiung getan hatte: Schell, der behaglich mithielt am bürgerlichen Tisch, wußte manches davon, und manches erfuhr er jetzt noch ...

Kein Zufall war es gewesen, daß sich der Befreite gerade Aachen zum Wohnsitz ausgesucht hatte, die unabhängige Stadt, das Heilbad, den Treffpunkt einer internationalen Welt. Inmitten solch fluktuierender Freiheit war ihm wohl. Und kein Zufall war es auch, wenn er sich, jeden Vorurteils ledig, den freiesten aller Berufe zugewandt hatte, der Literatur und dem Handel.

Niemand wunderte sich, als er zu schreiben begann, der Adel der Zeit war ja literarisch. In Erzählungen, Gedichten und Staatsschriften verströmte Trenck, was sich in stummen Jahren aufgestaut hatte; man kaufte und las ihn. Daß aber ein stiftsfähiger Edelmann mit 300jährigem Wappen sich zum Handel herbeiließ und begann, das westliche Europa mit seinen Ungarweinen zu versorgen, das befremdete anfangs doch heftig, und mancher Standesgenosse schob es einfach auf eine Gemütsstörung, die in Trenck von seinen Leiden her zurückgeblieben sein müsse.

Von einem Kaufmann hatte er jedenfalls wenig, wenn er in seinen losen Gewändern, alles überragend mit seinem Eishaupt, in die Kontore von Amsterdam und London eintrat, und es war nicht ganz leicht, über den Preis eines Erlauers oder Ruszters mit einem Manne zu verhandeln, dessen geheimnisvolles Geschick schon überall zum Mythos wurde und dem es mitten in einem Abschluß vielleicht einfiel, stumm vor sich auf die Erde niederzuschauen, um erst nach Minuten ohne alle Verlegenheit in der Unterhandlung fortzufahren.

Solche Eigentümlichkeiten hinderten nicht, daß sein Unternehmen blühte, bald besaß er in Brüssel und Paris, in Hamburg und London eigene Magazine, es wurde Sitte, sich allenthalben an gepflegter Tafel mit seinem Wein zu bedienen, und lebhaft besprach man es, als bei einem Festmahl mit Pariser Freunden der große amerikanische Franklin aus einem Trenckischen Zinnbecher, gefüllt mit Trenckischem Wein auf das Blühen der Völkerfreiheit trank.

Einige Jahre nach seiner Niederlassung in Aachen hatte er sich mit Fräulein de Broe verheiratet, der Tochter des ehedem in dieser Reichsstadt regierenden Bürgermeisters. Er schloß die Verbindung ohne Leidenschaft, und er schloß sie erst, als ihm endgültig die Hoffnung genommen war, mit Amalie jemals ein Wiedersehen herbeizuführen. Niemals sprach er von diesen Dingen, und auch der heiter mitschmausende Schell hörte davon kein Sterbenswort ...

Trenck hatte sich unablässig gemüht. Nach Preußen konnte er nicht, so entwarf er Reisepläne für die Geliebte. Da war kein für Amalie bequem gelegener Grenzort, den er nicht flehend, beschwörend für eine Zusammenkunft vorgeschlagen hätte. Als das nicht fruchtete, vergaß er die Vorsicht und verwarf die Gefahr, sehenden Auges war er bereit, aufs neue das Fürchterliche zu wagen, der geschworene Eid galt ihm nichts, er bot an, er wolle heimlich, bei Nacht, in Maske nach Berlin kommen, einmal doch müsse er sie wiedersehen, müsse er ihr danken, ihre Knie umfassen ... Ihm wurde liebreich geantwortet, aber immer ganz resigniert, immer abmahnend, und endlich mußte er erkennen, daß Amalie sich nicht wiedersehen lassen wollte.

Augenzeugen berichteten ihm vom preußischen Hof ... Er verstand. Er mußte sich fügen.

Fräulein de Broe wurde ihm eine vorzügliche Gefährtin. Sein Haus, sein Tisch waren berühmt. Wer immer Namen und Rang besaß unter den Aachener Fremden, stellte sich ein. Franklin war sein Gast, der General Laudon nahm Wohnung bei ihm, und Aufsehen rief es hervor, als auch der preußische Minister Herzberg, der Unterzeichner des Friedens von Hubertusburg, einen nahen Verkehr mit ihm aufnahm und täglich auf der Promenade mit dem Gefangenen seines Königs im Gespräch sich sehen ließ ... Trenck duldete Gesellschaft mehr, als daß er sie suchte. Der Unterricht seiner Kinder beschäftigte ihn. Er führte, in geachteter Sicherheit, das Dasein eines vornehmen Handelsherrn.

Da überraschte er eines Tages die Stadt Aachen und jene ganze niederrheinische Gegend mit dem ersten Heft einer Wochenschrift, darin mit scharfen Waffen Krieg begonnen wurde gegen alles, was Pfaffentum und Aberglaube hieß. Der Priester war dortzulande die herrschende, die unangreifbare Macht – Grund genug offenbar, ihn anzugreifen für diesen seltsamen Kaufmann.

Ein Sturm brach los gegen ihn: in Aachen selbst, in Lüttich, in Cleve, in Maastricht, in Köln wurde öffentlich von der Kanzel herunter gegen ihn gepredigt, fanatisierte Landbewohner überfielen ihn auf offener Straße, es focht den wenig an, der sich mit unbeschwerten Armen frei zur Wehr setzen konnte. Er drang durch. Sein Blatt, ›Der Menschenfreund‹ geheißen, ward selbst eine Macht. Aber in dem Augenblick, als der Widerstand überwunden war und die Zeitschrift begann, ein modisches Ziel der Neugier zu werden, verlor Trenck die Freude an ihr. Dies war nicht seine Sache.

Der Zudrang von Fremden zu seiner beredeten Person wurde ihm lästig. Der kosmopolitische Kurplatz schien ihm für die Erziehung seiner vier Kinder nicht der beste Boden zu sein. So begann er auf seinen frühen Plan zurückzuschauen: auf eigener Erde wollte er den Abend seines Daseins verbringen, als ein Gutsherr.

Rückgabe seiner preußischen Güter war bei Lebzeiten Friedrichs nicht zu erhoffen. So fuhr er denn eines Tages ostwärts, statt wie sonst häufig nach Westen, und kam mit der Nachricht zurück, er habe in Niederösterreich Grundbesitz erworben, die Herrschaften Zwerbach und Grabeneck nämlich, nahe der Donau, dazu das Amt Knoking und den freien Sinzenhof, alles zusammen für sechzigtausend Gulden.

Das scheine ihr billig für so viel Land, sagte die völlig erstaunte, gefügige Frau von der Trenck.

Billig sei es wohl, erwiderte Trenck, dafür seien aber die Güter auch vollkommen ruiniert. Das Schloß in Verfall, die Meierhöfe verwahrlost, der Viehstand viel zu gering, das Wirtschaftsgerät unbrauchbar. Er rechne bei Heilung der Schäden auf tätige Mithilfe seiner Frau.

Die werde er haben, aber verwunderlich bleibe es doch, daß er sich gerade Güter in solchem Zustand für sein Leben ausgesucht habe. Worin denn eigentlich ihr Vorzug bestehe?

»In der Freiheit«, antwortete Trenck, und ein Zug von Trotz, Leiden und Ungeduld wurde sichtbar an ihm, »Zwerbach liegt ganz allein. Keine große Straße führt durch die Gegend. Niemand kommt zu einem. Ja, dort wird man frei sein!«

Trenck traf in Zwerbach eine quer- und hartköpfige Bevölkerung an. Die hochfahrende Unfähigkeit des vorigen Herrn hatte die Bauern verdorben. Sie blieben nicht so. Diesem neuen Mann mußte man gehorchen, der ohne Härte so gebietend verschlossen erschien, dem riesenhaften Greis, dessen Bewegungen verrieten, daß er noch kein Greis sei, und von dessen fabelhaftem Lebensgang auch zu dem stumpfesten Taglöhner noch ein undeutliches Echo gedrungen war. Bei aller Arbeit tat er gewaltig mit, die nützliche Mühe in freier Gegend schien seine Freude zu sein, alle sahen gern, wie er gleich ihnen mit leidenschaftlichem Behagen den Wasserkrug an die Lippen setzte. Er hatte die Gerichtsbarkeit auf den Gütern, und seine Art, so milde als unbetrügbar, sein stilles und zähes Bemühen um gerechte Schlichtung, gewannen ihm die letzten Widerstrebenden. Auch lebten sie besser, lebten behaglicher. Denn mit den Gemütern zugleich fügte sich auch der schlechtbestellte, unwillig gewordene Boden, und bei seinem Herreiten hatte Schell eine volle Ernte um sich gesehen – unabschreitbar weithin dichtährigen Roggen, langgrannigen Hafer und gelbleuchtenden Mais.

»Bloß Weizen habt ihr scheint's keinen?« fragte er, in Erinnerung vermutlich an seine reiche württembergische Heimat.

»Das ist der Kummer meines Mannes«, sagte Frau von der Trenck, »der Boden gibt ihn nicht her, er ist nicht bindig genug.«

Sie stand auf und wünschte eine unterhaltsame Nacht. Die Kinder verneigten sich vor dem Vater. Aber an der Tür drehte der kleinere Knabe sich schnell noch einmal um, lief zurück, und rotgeworden, als sei er sich eines Übergriffs wohl bewußt, fragte er:

»Vater, ist das auch wirklich der Herr, den Sie im Winter durch den Fluß getragen haben?«

»Der bin ich schon«, sagte Schell und zog ihn am Haar. »Aber damals bin ich nicht so dick gewesen wie heute. Sonst hätte dein Vater es nicht gekonnt, wenn er auch stark ist!«

7

Der Diener schob bequemere Sessel ans Tischende heran und setzte neues Getränk auf.

»Was macht denn mein Mustapha?« fragte Schell.

»Er hat gegessen, gnädiger Herr, aber nicht mit uns aus derselben Schüssel. Jetzt schläft er.«

Sie blieben allein. Die Fenster standen offen gegen die warme Nacht.

»Dein Mustapha ist ein indischer Moslem, nicht wahr«, sagte Trenck. »Aber du selbst, scheint mir, kommst aus Amerika? Ich habe an Herrn Franklin deine Tracht gesehen.«

»Jetzt komme ich aus Indien, Trenck, aber ich war auch in Amerika. Sie ziehen sich gescheit an dort drüben. Da bleibt sich's gleich, ob die Straße schmutzig ist oder sauber, ob es windet oder stille Luft ist.«

»Und wohin reitest du jetzt?«

»Ich will einmal nach Konstantinopel hinunter. Ich meine, es gibt Krieg bei den Türken.«

»So? Ich glaube nicht.«

»Ja, ja. Eure Kaiserin und die Russin, die wollen die Türkei miteinander aufteilen. Das wird sich der Sultan nicht gefallen lassen. Mein Mustapha freut sich schon.«

»Aufteilen? Rußland verlangt die Krim, und die bekommt es.«

»Auch möglich. Jetzt bin ich einmal auf dem Wege. So ein paar hundert Meilen machen mir nicht mehr viel aus.«

Sie tranken. Ein feuriger Tokayer stand gelb und schwer im Glas. Schell stürzte ihn begeistert hinunter. Der Hausherr nippte nur. Aus einem großen Krug goß er sich Wasser ein.

»Und jetzt erzähl einmal, Trenck! Zwar das Wichtigste weiß ich. Stell dir vor, mitten in Kanada habe ich dein Bild gesehen, das, auf dem du in Ketten aufrecht stehst, du weißt schon.«

»Ja, ja«, sagte Trenck mit Abwehr.

»Dir hat man schon scheußlich mitgespielt, alles, was recht ist!«

»Das ist vorbei.«

»Und warum eigentlich – warum? Tatsächlich, an ihren Schanktischen, mitten im Urwald, haben die Trapper davon geredet.«

Trenck antwortete nicht.

»Du hast mir doch damals erzählt, was sich der Doo für einen Grund ausgedacht hat! Der war vielleicht gar nicht so dumm.«

»Der Doo ist ein Narr.«

»War ein Narr, Trenck, war! Du glaubst vielleicht, der lebt noch ...«

Aber Trenck hatte nur eine Handbewegung, die das alles weit hinter ihn schob. »Was hast du denn eigentlich in Indien gemacht?« fragte er ablenkend.

»Nun, was ich überall gemacht habe. Gelebt halt und mich herumgeschlagen.«

»Für die Engländer?«

»Gegen, Trenck, gegen! Nein, die Engländer sind mir zu fad. Du wirst vielleicht schon von Haidar Ali gehört haben – Freund der Franzosen und indischer Freiheit? Dem sein Offizier war ich. Er wohnt an einem Ort namens Mysore. Dort hab' ich ein schönes Haus gehabt.«

»Und?«

Schell lachte. »Nun, das Gewöhnliche. Etwas mit einem Weib. Aber nobel diesmal, Trenck, mit einer von Haidars Frauen selber! Du weißt doch, wegen sowas habe ich schon damals ins Glatzer Strafregiment müssen. Strafregimenter haben sie dortzulande nicht, die wollen immer gleich« – er zeigte nach seinem Hals. »Da bin ich schnell fort zu unseren guten Freunden nach Paris. Aber dort war mir's zu langweilig.«

»In Paris?«

»Ja, das ist nichts für mich. Wissen, um neun Uhr kommt der Barbier, und mittags gibt's wieder Hühnchen, und am Abend beim Billard stehen wieder der Toussaint und der Cadignac, und die Weiber haben feste Taxen, und es passiert einem nichts deswegen – nein, der Mensch muß wissen, wo er hingehört, darauf kommt's an.«

»Das ist wahr.«

»Da bin ich auf und davon, und wie ich ins Reich komme, da habe ich mir gedacht: so, jetzt reitest du einmal schön langsam die ganze Donau hinunter. An der Donau liegt allerlei, was dich angeht.«

»Die Türkei. Aber doch ziemlich weit unten.«

»Ja, aber weiter oben, habe ich gedacht, da sitzt der Trenck. Und ganz oben, nahe beim Ursprung, da liegt der Ort, wo ich her bin.«

»Nun, und wie war es denn dort?«

»Wie's war? Ungefähr so wie bei dir. ›Guten Abend, Schell, setz dich zu uns und iß!‹ Bloß bezahlen hab' ich's dort müssen. Hör einmal, Trenck«, sagte er unvermittelt und blickte sich um, »Karten spielst du wohl immer noch nicht?«

»Karten? Was für Karten?«

»Was für Karten! Landkarten meine ich nicht. Daß ein Mann wie du dafür nichts übrig hat!«

»Gar nichts, wahrhaftig.«

»Du hast unrecht. Es gibt nichts Schöneres. Ein verrückter Schlag nach dem andern, und alles am Tisch in der warmen Stube. Ich sage dir: hätt' ich bloß immer Geld genug gehabt und die richtige Partie – ich hätte nicht brauchen in der Welt umherziehen und Krieg suchen. Aber heutzutage spielen die Leute ja alle wie Bäcker und Schneider. Vom Zauber des Schicksals wissen sie nichts.«

»Ach, Schell, dein Zauber des Schicksals ...«

»Sag nichts dagegen! Gerade du darfst das nicht. Man hat keines, wenn man's nicht liebt.«

»Jedenfalls bin ich nun fertig damit.«

»Meinst du?«

»Schau dich um«, sagte Trenck. »Ein Gutsbesitzer, vier Kinder, kein Amt, das Alter, die Ruhe.«

»Nun, vielleicht. Aber dein Schicksal lebt doch!«

»Soll das ein Bibelspruch sein?«

»Wieso? Die Prinzessin meine ich.«

»Davon wird nicht gesprochen.«

»Immer noch nicht? Du bildest dir vielleicht ein, ich hätte nichts mit Prinzessinnen gehabt in meinem Leben!«

»Du verträgst immer noch nichts«, sagte Trenck, »daran hat sich auch nichts geändert.«

»Soll ich vielleicht nüchtern bleiben bei so einem Wiedersehen? Da müßte ich ja ein Rüpel sein! Übrigens, deine Amalie, die ist jetzt auch nicht mehr achtzehn. Komisch ist das ... Weißt du, Trenck, wenn mich nicht manchmal die Gallenblase drückte, dann würde ich gar nicht merken, daß Zeit vergangen ist. Mir ist immer, als wär' ich noch gerade so wie vor dreißig Jahren.«

»Du wirst dich kaum täuschen.«

»Das meinst du auch wieder unfreundlich, Trenck! Aber ein Mann, der mich mitten im Winter, mitten im eiskalten Winter ...«

»Ich meine«, sagte Trenck, »du gehst jetzt schlafen.«

»Das hast du auch schon in Glatz immer gesagt. Eine andere Flasche hast du wahrscheinlich nicht mehr?«

»Kaum. Die Knechte sind zu Bett.«

Trenck rückte an seinem Stuhl. »Ich werde dir leuchten«, sagte er. Sie stiegen die Treppe zum ersten Stockwerk hinauf. Schell tappte laut und stützte sich krachend aufs Geländer.

»Sei nur nicht so laut. Die Kinder schlafen!«

»Deine Frau schläft auch, Trenck, warum sagst du gar nichts von deiner Frau? Ein hübscher Brocken ist sie, so blond und sauber. Geschmack hast du!«

»Paß auf, daß du nicht hinfällst.«

Sie hatten das Zimmer erreicht. Trenck ließ seinem Gast die Kerze da und wollte gehen.

»Und keine Umarmung, Trenck, nach so viel Jahren?«

»Du hast doch selber gesagt, dir wär's, als läge gar keine Zeit dazwischen. Denk, wir wären in Glatz!«

Er stand schon draußen, da ging die Tür wieder auf, und Schell kam ihm nach mit dem Licht. »Trenck, Trenck«, rief er laut in den hallenden Korridor hinein, »das vom Doo muß ich dir doch noch erzählen!«

»Laß doch dem seinen Frieden.«

»Den hab' nämlich ich umgebracht!«

»So. Wo denn? In Indien?«

»Wie du daherredest! Damals gab's noch gar kein Indien. Nein, ich war Offizier in Venedig, und eines Abends, im Ridotto, da kommt er herein ...«

»Ist das ein Freudenhaus?«

»Jawohl, ein Spielhaus. Du weißt auch gar nichts! Das ist ein ganz prachtvolles Spielhaus, das schönste auf der Welt. Da sitzen in großer Gala und Wolkenperücke die Patrizier und halten die Bank. Achtzig Tische, kann ich dir sagen! Da möcht' ich wieder hin.«

»Also – Doo?«

»Ja, der Doo, der setzt sich mir gegenüber und merkt, wie ich Glück habe. Und da wird er gleich frech und sagt, ich habe betrogen.«

»Hattest du denn betrogen?«

»Ja, natürlich. Aber ich sag' ihm das Nötige! Nun, er kriegt Angst und läuft mit so einem italienischen Fluch zur Tür hinaus, ich ihm nach, auf die Gasse, und dort an der Ecke, du weißt schon, wo es zur Frezzeria hinübergeht, da pack' ich ihn, er gleich heraus mit dem scharfen Stecken, fechten kann er auch nicht, nun, Gott befohlen, das war ein großes Schwein ...«

8

Der Doktor Selle, alt, kahl und sehr mager, in einem langen dunkelgrünen Rock, trat an den Lehnstuhl heran. »Wie haben Euer Majestät geruht?«

»Geruht, Selle? Wenn man etwa einen Nachtwächter braucht in der Stadt – ich würde gut dazu passen.«

Wochen hindurch ist er nicht mehr im Bett gewesen, im Liegen wird seine Atemnot sofort unertragbar. Seitdem der berühmte Zimmermann wieder hat heimreisen müssen, ohne ihm helfen zu können, weiß er Bescheid über sich: es ist die Brustwassersucht, die ihn umbringt.

»Erlauben Euer Majestät, daß ich untersuche?«

»Ich kann alles selber sagen, Selle. Von unten her hat es die Hüften erreicht, und oben drückt es am Zwerchfell. Jetzt steht schon Wasser im Herzbeutel. Der Neffe kann sich freuen.«

Der Neffe ist sein Nachfolger Friedrich Wilhelm, ein schwerer, dumpfer, platt gemütlicher Mensch; der König hat ihn niemals um sich geduldet.

»Ist er drüben in Potsdam?«

»Um Vergebung, wer, Euer Majestät?«

»Um Vergebung wer! Wie mag man so seine Lügen verschwenden! Ich kann euch ja doch nichts mehr tun.«

Selle weiß in der Tat sehr genau, daß der Kronprinz drüben im Stadtschloß wartet. Er weiß auch, daß fünf Schritte von diesem Sterbestuhl, gleich an der rückwärtigen Rampe der Villa, Tag und Nacht ein Reitknecht hält, um auf den ersten Wink mit der willkommenen Nachricht dort hinüberzusprengen.

Der König hatte die Augen geschlossen. Ganz unstofflich schmal und klein sah sein gelbes Gesicht aus den Kissen hervor. Auf einmal überfiel ihn wieder der Husten, der kurz bellende, krampfige Husten, dessen Zwischenpausen ein lautes Rasseln und Röcheln schauerlich füllte; es war ein Geräusch wie von schleifenden Ketten. Schöning, der Kammerhusar, eilte aus seinem Winkel herzu, ein alter, dürftiger Mensch, dem die knapp anliegende, farbige Tracht gespenstisch stand. Fragend sah er den Arzt an. Auf einem Tischchen standen Arzneien beisammen, Riechsalze und Brechmedizinen, auch Instrumente für den Aderlaß und in Eis eine Flasche Champagner. Aber Selle schüttelte verstohlen den Kopf. »Heut oder morgen«, sagte er leise unter der Tür zum Konzertzimmer und ging.

Unglaublich, wie nach einem solchen Dasein die Organe sich hielten. Seit Tagen nun schon dieser Todeshusten! Der erfahrene Arzt sah das Lungengewebe vor sich, deutlich, als wäre es auf die Wand gemalt, er sah es durchsickert und geschwellt von glasigen Ergüssen, die von Stunde zu Stunde neue Zellen der Atmung entzogen. Mit einem Stickfluß würde es zu Ende gehen ...

Im Krankenzimmer ist es warm. Heftig strömt die Augustsonne durch die unverhangenen hohen Fenster. »Besser zudecken«, sagt Friedrich zum Diener. »Jetzt kannst du bald spazierengehen. In mir ist es schon kalt wie im Grabe.« Und er lächelt schief mit seinen bläulichen Lippen.

An der Gangtür wurde leise gekratzt. Es kam im Arbeitsrock der Kabinettsrat Laspeyres.

»Zwei Schreiben, Euer Majestät, durch spezielle Boten.«

»Staatssachen?«

»Private.«

»Das ist nichts. Also?«

»Von Ihrer Majestät der Königin aus Schönhausen. ›Mein geliebter Gemahl ...‹«

Friedrich unterbrach und diktierte: »›Gnädige Frau, ich bin Ihnen verbunden für Ihre Wünsche. Aber mein Unwohlsein ist heftiger geworden und hindert mich, Ihnen zu antworten.‹ Das zweite!«

»Von der Herrnhutischen Brüdergemeine in Berlin.«

»Ach Gott, Laspeyres, die wollen mich retten!«

»Mit Zittern und Ehrfurcht für den Allmächtigen können wir Eurer Königlichen Majestät nicht länger verhalten, das größte und notwendigste Kleinod, das alle Schätze übertrifft und Allerhöchstdieselben allein vollkommen glücklich macht, aus tiefster Hochachtungsliebe vorzustellen. Es ist der Glaube, den Gott wirkt ...«

»Genug«, sagte Friedrich. Aber dann fügte er hinzu: »Man muß den Leuten höflich antworten, sie meinen es gut.«

»Jawohl, Euer Majestät.«

»Ist sonst gar nichts mehr da?«

»Eure Majestät haben den ganzen Einlauf ja schon in der Morgenfrühe erledigt.«

»Adieu.«

Es ist so, er arbeitet noch. Ach, seine Staaten sind fast zu klein für die viele Zeit, die dem Schlaflosen bleibt, und die Tage verschleichen. Niemand kommt zu ihm, auch von den Geschwistern wagt sich keines hier herauf, Heinrich nicht, Amalie nicht, Ferdinand nicht, der Gedanke, diesem Sterbenden einen Krankenbesuch abzustatten, wäre grotesk, ist unmöglich. Lesen kann er auch längst nicht mehr, und die Stimme seines Lektors Dantal ist ihm unausstehlich geworden. Selbst die paar Herren, die in den Gastzimmern der Villa wohnen, werden nicht mehr gerufen. Sie haben vordem seine Tischgesellschaft gebildet, aber nun nimmt er nichts mehr zu sich, ›und‹, hat er geäußert, ›ich kann sie nur beim Essen vertragen‹.

Er beginnt, sich zu seiner Unterhaltung die heutige Staatspost ins Gedächtnis zurückzurufen. ›Geschäfte wie ein Gutsbesitzer‹, denkt er, ›wie ein Hausvater.‹ Erst hat es sich da um einen Plan gehandelt, in Niederschlesien Leinsamen zu ziehen. Dann hat ihn der Butterverbrauch der Stadt Berlin beschäftigt – ja, die Zufuhr war mangelhaft, und schließlich mußten die Leute doch auch noch Butter zu essen haben, wenn er tot war. Aus dem Grabe kam seine Hand heraus und strich sie ihnen aufs Brot. Die Vorstellung belustigte ihn, er unterhielt sich seltsam in diesen Tagen ... Dann hat er eine Untersuchung angeregt darüber, ob auf den Krongütern im Osten nicht die Bauern aus der Leibeigenschaft entlassen und als Eigentümer auf ihre Scholle gesetzt werden könnten. Und alsbald mündeten seine Gedanken da, wo sie jetzt immer zu münden pflegten, bei dem großen Werk, dessen Vollendung er nun nicht mehr erlebte, der Justizreform.

Sie war ja in tüchtigen Händen. Sein Kanzler Carmer war wohl der Mann, den großen Entwurf zum guten Ende zu führen – aber wie kläglich doch, wie beschämend für ihn selbst und für allen Menschenehrgeiz und -willen, daß sein ganzes Leben nicht ausgereicht hatte, dies Höchste und Beste völlig zu tun. Wer bürgte ihm, daß nicht der schlaffe, stumpfe Nachfolger böswilliger Einflüsterung erlag, eigennützigen Zureden seiner Weiber und Kreaturen, daß er nicht die geschaffene Rechtssicherheit wieder zerstörte, nicht zurückgriff zum Schlimmsten: zu Willkür der Krone und Kabinettsjustiz.

Wie immer, wenn er sich diesem Punkt näherte, und das geschah oft, versuchte er abzubrechen. Kabinettsjustiz, nein, er hatte sie nicht geübt, niemals, beinahe niemals, und wenn es denn doch einmal geschehen war, was alles lag auf der anderen Schale der Waage – tausendstimmige Chöre deckten die eine anklagende Stimme zu! Chöre von armen Rechtsuchenden, denen er auf raschem und einfachem Wege, ohne ruinierende Sporteln, zu klarem Spruche verholfen hatte, Chöre von Bauern, die er vor Übergriffen des Adels geschützt, Chöre von Verbrechern aus Not oder Leidenschaft, denen er menschliches Urteil erwirkt hatte. Und ein ungeheurer segnender Chor von vor der Folter Bewahrten – aus seinem Lande nicht nur, sondern aus allen den Ländern, die seinem berühmten Beispiel gefolgt waren. Durch sein Verdienst wurden nirgends in ganz Europa mehr zu Ehren des Rechtes Menschen zerrissen, zerrenkt, zerbrannt und zerschnitten.

Die Bilder der Qual wogten trübe vor ihm. Die Begriffe glitten ineinander. Am eigenen Leibe spürte er Messer und Zangen. Ihm fiel etwas ein, was er lange hatte aussprechen wollen.

»Schöning, Schöning!« rief er mit Keuchen.

Schöning kam.

»Wenn ich tot bin, sollt ihr aber nicht manschen mit mir!«

»Manschen, Euer Majestät?«

»Ja, gar nicht manschen, Schöning! Nicht mich aufschneiden, nicht sezieren, nicht einbalsamieren. Einfach liegen lassen und mit dem Mantel zudecken!«

»Jawohl, Euer Majestät.«

»Ah, ihr tut dann doch, was ihr mögt. Gib mir zu trinken.«

Und während er ihn in die Höhe stützte und ihm das Glas mit trübem Fenchelwasser an die Lippen brachte, mußte der Diener denken, wie ganz diese Weisung, nach dem Tode nur ja nicht an seinen Körper zu rühren, zu der seltsamen Schamhaftigkeit stimmte, mit welcher der König im Leben diesen Körper verborgen hatte. In vieljährigem nahen Dienst hatte er, Schöning, den König niemals entkleidet gesehen.

»Das tut gut«, sagte Friedrich und seufzte auf nach dem Tranke. »Jetzt bring mir die Sachen!«

Die Sachen waren seine Kostbarkeiten und Merkwürdigkeiten. Seitdem er nicht mehr las, unterhielt er sich öfters damit, sie hervorzunehmen und anzusehen.

Schöning stellte den Kasten auf ein Taburett, ganz dicht neben Friedrichs rechte Hand. Es war ein großer Kasten, lang, breit und tief, innen war er mit Samt ausgeschlagen, und hier lag nun sehr vielerlei durcheinandergehäuft, lauter Dinge, die der König in seinen gesunden Tagen völlig vergessen gehabt hatte. Wenn er jetzt da hineingriff, zurückgelehnt in den Stuhl und ohne erst hinzuschauen, hatte er jedesmal ein kleines Vergnügen der Überraschung.

Das erste, was er hervorzog mit seiner mageren Hand, waren ein paar große grüne Steine, die einen roh, die anderen geschliffen, schlesische Chrysoprase, Geschenke der eroberten Provinz. Er klirrte matt ein wenig mit ihnen und ließ sie dann über die Kissen hinunterrollen, die seine Beine bedeckten. Dann kam ihm etwas Zackiges, Ungestaltes in die Finger, und als er es ansah, waren es zwei fremde Orden, deren Seidenbänder sich ineinander verwickelt hatten: der russische Andreas mit dem schräg gekreuzigten Leibe des Heiligen und der schwedische Seraphinenorden mit den Engelsköpfen. Er ließ das fromme Doppelgebilde seitlich zum Boden hinunterhängen, schaukelte sacht ein wenig damit und ließ es dann fallen.

»Schöning«, sagte er, »habe ich eigentlich gar keinen Hosenbandorden aus England?«

»Gekommen ist er schon einmal, Euer Majestät. Aber Euer Majestät haben damals geäußert, den könne man doch nicht tragen, da krieche einem gleich die Langeweile das Bein herauf.«

»So. Ja, jetzt kriecht mir etwas anderes das Bein herauf.«

Das nächste, was er ergriff, war eine Tabaksdose, ein reiches, nicht besonders geschmackvolles Stück aus Bergkristall, Topasen und Gold, das er offenbar einmal aus seiner Sammlung ausgeschieden hatte. Mit Anstrengung klappte er es auf, ein Restchen Spaniol war noch darin geblieben, und es roch aromatisch und streng. Wann hatte er eigentlich zum letztenmal geschnupft? Nicht viele Tage war es her. Nach allem anderen, nach der Musik, der Literatur und dem Gespräch mit unterrichteten Leuten, hatte ihn dieser Lebensreiz als der letzte verlassen. Ach, vielleicht war der würzige Kitzel überhaupt das Beste gewesen, was man im Leben gehabt hatte!

Er faßte noch einmal zu und behielt ein rundes Päckchen in der schon ermattenden Hand. Langsam zupfte er die Hülle fort. Ein in Smaragden gefaßtes Medaillon kam zum Vorschein, das Miniaturbildnis einer sehr schönen, blühend jungen Dame, die nach vergangener Art frisiert und gekleidet war. Gleichgültig sah er es an und erkannte es nicht.

 

Er starb in der Nacht.

Als im frühesten Lichte die ersten kamen, um den Toten noch einmal zu sehen, da lag er im Konzertzimmer auf seinem Feldbett, auf dem Kopf einen kleinen Hut, der mit einer Serviette um das Kinn befestigt war, mit einem alten blauen Seidenmantel und darunter einem Pelzhemd angetan, den besten Stücken seiner Garderobe. Die Füße staken in großen Gichtstiefeln. Zwei Diener wehrten mit grünen Zweigen die Fliegen von dem Antlitz ab.

9

Trenck kam die Treppe im König von Portugal herunter. Vor der Tür wartete der bestellte Mietwagen, und der Sohn des Wirts, der junge Ziesen, stand bereit, um dem Herrn beim Einsteigen behilflich zu sein. Trenck hatte auch schon seinen Fuß auf dem Tritt, da besann er sich, schloß wieder den Schlag, entlohnte den Kutscher, grüßte und ging zaudernden Schrittes davon. Die beiden schauten verblüfft dem riesigen alten Mann nach, wie er da in seiner sonderbar losen schwarzen Kleidung, ein kleines Paket unterm Arm, die Burgstraße hinunterging, und der Kutscher deutete mit einem ordinären Grinsen sogar nach der Stirn.

Am Abend zuvor war Trenck in Berlin angekommen, König Friedrich war im August gestorben, aber bis jetzt, bis in den Januar hinein, hatte es gedauert, ehe Trenck aus dem Kabinett des Nachfolgers die Erlaubnis erhielt, wieder preußischen Boden zu betreten. Und dabei war kein feindlicher Wille im Spiel! Man wußte vielmehr, daß Friedrich Wilhelm es liebte, seinen Vorgänger möglichst laut ins Unrecht zu setzen, und nach Briefen, die Trenck zugekommen waren, eröffneten sich sogar gute Aussichten auf Freigabe seiner preußischen Güter. Aber alles nahm hier jetzt Zeit, viel Zeit in Anspruch. Niemand wachte mehr. Und jedes Gesuch wanderte durch zwanzig nicht immer ganz reine Hände.

Er war ungeduldig gewesen. Am späten Abend noch hatte er ihr, zu der er kam, einen Boten geschickt. Und nun befiel ihn dieses Zagen ... Einen Aufschub noch, einen Weg zu Fuß, eine Viertelstunde! Eben fuhr der Kutscher an ihm vorüber, unverschämt pfeifend und peitschenknallend.

Dies war die Burgstraße. Ja, hier war er vor bald einem halben Jahrhundert einmal mit dem König geritten – sie kamen von Monbijou, aus dem Garten von Monbijou, und dort drüben im Großen Schloß, dessen unregelmäßige Mauern jenseits des Flusses emporragten, war Empfang bei der regierenden Königin gewesen. Da kam auch die Brücke, sie war jetzt aus Stein. Er machte halt auf ihr, legte sein viereckiges Paket auf das Geländer und blickte in das ziehende, ziemlich schmutzige Wasser. Ein Äpfelkahn kam unter dem Bogen hervor, der Schiffer hantierte mit seiner Stange, und ein kleines Kind, in rote Wolle verpackt gegen die Januarkälte, lag zwischen den Äpfeln und schrie. Obstgeruch wehte herauf. Trenck war es taumelig zumut. Er ging auf die Linden zu.

Gleich zur Rechten stand eine Kirche, die vordem nicht hier gewesen war. Ja, unter Friedrichs Regierung waren sogar Kirchen gebaut worden. Öde Plätze, Baulücken sah Trenck gar keine mehr. Sie schlotterte jetzt nicht mehr, die Stadt, wie ein zu weit geschnittener Mantel.

Unter den Linden bewegte sich munteres Leben. Viele Wagen fuhren, aber es waren nicht mehr die Wagen von ehedem. Elegante Gefährte erschienen fast keine darunter, es hatte keines mehr als zwei Pferde, und alle waren von nüchternem, sachlichem Bau. Es kam Trenck auch vor, als ob auf dem Bürgersteig alle Menschen rascher gingen als vormals, es trug sich auch niemand mehr farbig, Braun und Grau und Schwärzlich herrschten vor in der Kleidung, und Stoff war keiner verschwendet. Dagegen sah Trenck schöne Kaufläden. Wo früher einfach ein Warenbrett auf die Straße herausgeklappt wurde, so daß die Käufer im Freien verblieben, da sah er jetzt breite Glasscheiben, mit Lampen dahinter, um das Schaufenster am Abend noch zu erleuchten. Immer häufiger blieb er stehen und blickte sich um, wie ein neugieriger Fremder, sehr bemüht, sich zu betrügen über die wilde Bangigkeit seines Herzens.

Als er die Neustädtische Kirchstraße überschritten hatte und schon nahe vor sich das alte, niedrige Brandenburger Tor sah und dahinter die Wipfel des Tiergartens, hielt er einen Passanten an, berührte den Hut und wollte fragen. Er brachte aber kein Wort hervor, und viele ließ er vorbeigehen, ehe er sich von neuem entschloß. Diesmal war der Angeredete ein besonders schlicht und töricht aussehender junger Mensch. Offenen Mundes wies er schräg über den Damm auf ein massives, zweistöckiges Gebäude, das dort in breiter Front an der Straße gelagert war. Trenck dankte, wobei ihm wiederum die Sprache versagte, und ging mit starken Schritten, blaß wie ein Toter, auf das Palais zu.

Im Torgang erwartete ihn ein Diener. Er trug eine höchst elegante, sonderbar neue Livree. Durch das leere, hallende, prunkvolle Treppenhaus geleitete er Trenck zum zweiten Stockwerk hinauf und öffnete ein kleines Zimmer ganz am Ende des Ganges. Trenck glaubte zuerst, es sei leer.

Er legte sein Paket auf ein Möbelstück nieder und verharrte nahe der Tür. Er fror und er zitterte. Es war ein Gefühl, das ihm wenig vertraut war: er fürchtete sich entsetzlich. Ein tiefer Seufzer machte ihm die gepreßte Brust frei. Da bewegte sich etwas am Fenster. Er trat hinzu.

Schwarz gekleidet und ganz zusammengesunken saß da in der Nische vor einem kleinen Tisch ein uraltes Wesen: auf gebrechlichem, dem Grabe zugeneigtem Leib ein beinernes schmales Köpfchen, von einer schwarzen Haube bedeckt. Eine Hand streckte sich Trenck ein wenig entgegen, die in ihrer elfenbeinernen Abgezehrtheit mehr einer Kralle glich. Ungeheuer groß, hilflos stand er neben dem winzigen Geschöpf.

Eine Art rauhes Raunen drang zu ihm herauf, er beugte sich tief hinunter, um zu verstehen. »Es ist gut«, sagte sie, »daß du endlich kommst, es dauert nicht lang mehr.«

»Sie haben mich nicht früher hergelassen«, flüsterte er und fühlte die Tränen kommen. Und während er das sagte, sank er schon auf die Knie, faßte ihren Rocksaum, rauhes, hartes Tuch, und drückte seinen Mund darauf. Ein fader Geruch stieg aus dem schwarzen Gewebe. Er neigte sich immer tiefer, so daß er fast ganz schon auf der Erde lag, und nun fing er an zu weinen, wie er niemals geweint hatte, nicht einmal als Kind, in vollen, schwer und endlos hervordrängenden Tränen. Einmal fühlte er über sich einen leichten Hauch, er wußte nicht, was es war, und blickte nicht auf. Aber es war ihre Hand, die nicht herunterreichte zu ihm und die sich schwach, liebkosend über seinem Haupt bewegte.

»Komm jetzt«, sagte sie endlich, mit heiserer Mühe, »laß dich ansehen, Trenck! Komm ganz nahe zu mir! Ich bin fast blind.«

Er hob seinen Kopf in die Höhe und näherte die Augen ihrem Gesicht. Er erschrak bis ins Innerste. Denn was er da vor sich sah unter der schwarzen Haube, das war, bis zum Spuk, bis zum Grausigen ähnlich, das Antlitz des alten Königs, wie er es aus hundert Bildern kannte, das hohle, kleine, entkörperte. Schief eingesunken der Mund, lang hervorstechend die spitze Nase, in den Wangen tiefe Löcher, starr, hart und blau, glasig vorgewölbt die riesigen Augen. Nichts von einem Weib war mehr an dieser Maske als das Gebilde aus schwarzer Spitze und schwarzen Bändern, das sie häßlich bekrönte. Dies war die Frau seines Lebens.

»Trenck«, sagte sie, »Trenck, ich hätte dich nicht dürfen kommen lassen. Nein. Aber vierzig Jahre ... Einmal doch noch!«

Und auch aus ihren Augen liefen langsam zwei Tränen.

Er stammelte: »Geliebte!« und fror vor der gespenstischen Lüge.

Sie sprach: »Sei nur nicht traurig. Das dort nimm!« Und mit dem beinernen Kinn deutete sie auf das Tischchen vor ihr. Da lag das Medaillon.

Er griff danach, gierig, wie hilfesuchend. Unwandelbar blühend schimmerten in seiner Hand die weichen, lockenden, schönen Züge.

»Behalt es«, sagte sie, »es gehört immer dir. Ich bin sonst nicht reich ... Abt in Quedlinburg kannst du nicht werden.«

Und dieser Scherz, dieser Nachhall einer heiteren Seele, die er einst an ihr gekannt hatte, war so schauerlich aus diesem Mund, daß er von neuem in lautes Weinen ausbrach.

Dann war eine lange Stille. Sie hielten beide die Augen geschlossen, sie die ihren, die nicht mehr sahen, er die seinen, die nicht mehr sehen sollten. Sie sprachen nicht, was konnte gesprochen werden! Es war ganz einerlei, wie lange man schwieg, die gleiche Ewigkeit zog ihr und ihm durch die Brust. Trenck hatte sein Haupt auf ihr Knie gelegt, ganz sacht erst, denn unter dem schwarzen Stoff fühlten ihre Glieder sich so unirdisch an, als könnten sie das Gewicht seines Hauptes nicht tragen. Aber endlich ruhte er doch. Es war so still wie bei zwei Schlummernden.

Später dann, viel später erst, sprachen sie wieder. Er hatte sich einen Stuhl dicht neben den ihren gerückt, und sie flüsterten.

»Und deine Frau«, sagte sie, »deine Söhne? Sie sind froh? Sind gesund?«

»Ja«, sagte er, »sie sind zufrieden.«

»Große Mädchen hast du auch schon?«

»Ja, erwachsene. Die älteste ist neunzehn Jahre.«

»Neunzehn! Ich hätte sie um mich haben können.«

»Um dich?«

»Hofdame bei mir, warum nicht. Aber ich brauche jetzt niemand mehr. Es dauert noch Tage, weißt du.«

Er widersprach nicht. Das alles hatte hier keinen Sinn.

Er richtete sich auf, er machte seine Stimme frei und sagte fest:

»Amalie, alles ist lange vorbei. Er ist tot. Aber unser Leben ist vernichtet worden von ihm. Warum nur, warum – weißt du es?«

»Warum, Trenck! Ein menschlicher Geist sollte nicht über Menschenmaß sein.«

Eine Stille. Dann sagte sie wieder: »Es ist so. Die Natur nimmt ihre Rache. Wen sie zu groß macht, dem nimmt sie auch zuviel. Mein Bruder, der König, war ohne Glück.«

»Er hat das Glück gehaßt.«

»Ja, Trenck. Und wie mußt du sein Andenken hassen!«

Er antwortete nicht. Er stand auf. Er trug den Gegenstand herbei, den er mitgebracht hatte, und entfernte die Hülle. Es war ein Buch.

»Was ist dies, Trenck?«

»Mein Leben, Amalie. Ich habe es aufgezeichnet. Möge es Unglückliche trösten, Unkluge leiten!«

»Ich werde es nicht mehr lesen können. Gib, ich will es wenigstens anrühren.«

Aber als Trenck gegangen war, gegangen nur, um am Abend wiederzukommen, ließ sie sich doch ihr Augenglas reichen, die seltsame Brille mit den längsgeteilten, gewölbten Gläsern, und der Diener mußte ihr das Buch ganz dicht vors Gesicht halten. Mit unirdisch dünnem Finger schlug sie es auf, und sie las die Widmung. Die Widmung lautete:

An den Geist
Friedrichs des Einzigen,
Königs von Preußen,
in den elysäischen Feldern.

10

Allerdurchlauchtigster Großmächtigster König!
Allergnädigster Herr!

Ew. Majestät haben huldreich erwogen, die Familie des verstorbenen Freiherrn Friedrich von der Trenck in den Grafenstand Preußens zu erheben, um so in den Gemütern der Nachkommen die Erinnerung an ein hartes Geschick zu mildern, das den Verstorbenen unter Ew. Majestät hochseligem Vorgänger einstmals getroffen hat. Da jedoch über das Ende des Freiherrn Darstellungen im Umlaufe sind, die eine solche, wenn auch den Söhnen zugedachte Erhöhung bedenklich erscheinen lassen könnten, so ist der unterfertigte Staatsminister mit der Einziehung zuverlässiger Nachrichten und der Aberstattung eines Gutachtens gnädigst beauftragt worden.

Der Freiherr von der Trenck hat sich, Allerdurchlauchtigster Herr, in der Tat im Jahre 1793 nach Paris begeben, angelockt von dem trügerischen Blendfeuer der französischen Staatsumwälzung und von den Heilsversprechungen, die von dort her über die ganze Welt ausgingen. Der nahezu Siebzigjährige verließ Familie und Besitz, überzeugt vermutlich, dort in Frankreich als ein sogenanntes Opfer des Despotismus mit offenen Armen empfangen zu werden.

Nicht Sucht nach Beifall allein darf aber als Beweggrund dieses Schrittes angenommen werden, der verstorbene Freiherr war ja durch sein erlittenes Schicksal und zumal seit Veröffentlichung seiner Lebensgeschichte in ganz Europa ohnedies eine bekannte und vielbesprochene Figur. Vielmehr lebte er offenbar der Überzeugung, es sei seines Amtes, die Franzosen über das, was wahrhaft freiheitliche Tugend und Zucht sei, durch Rede und lebendige Gegenwart eindringlich zu belehren. Leicht ist dabei zu ermessen, wie bereit man in Paris sein mochte, solche Belehrung entgegenzunehmen, von Seiten eines Mannes, der ein Preuße und ein Adeliger war.

Der alte Mann geriet denn auch, wie Wohlmeinende ihm das vorausgesagt, als verdächtig in die Hände des hassenswerten Robespierre, er wurde gefangengesetzt und mußte am 25. Juli 1794 vor dem revolutionären Gerichtshof erscheinen. Die Anklage, die gegen ihn vorgebracht wurde, war doppelt. Er sollte, hieß es, der preußischen Regierung als geheimer Agent gedient und sollte zweitens seine Mitgefangenen zu einem gemeinsamen Fluchtversuch aufgestachelt haben.

Den ersten Vorwurf – unentschuldbar in den Augen jener blutgierigen Radikalen – wußte er zu entkräften. Es brachte einen Eindruck hervor, als er an seinen Handgelenken die Narben der Fesseln vorwies, die ihm von Ew. Majestät hochseligem Vorgänger auferlegt waren. Aber weit entfernt, sich um seiner Rettung willen zu Schmähworten hinreißen zu lassen, sprach Trenck in seiner Verteidigungsrede gemäßigt und mit Ehrerbietung von jenem Fürsten. Dennoch wagte das Gericht diesen ersten Vorwurf nicht aufrechtzuerhalten. Und hätte der Freiherr den Entschluß aufgebracht, auch den zweiten Anklagepunkt zu bestreiten, so wäre er sicherlich gerettet gewesen. Mehrere Richter waren ihm günstig gesinnt, und schon ein Aufschub des Urteils hätte zu seiner Bewahrung genügt. Denn nur drei Tage später fiel auf dem Blocke das Haupt des Robespierre selber, und jener ganze blutige Spuk war zu Ende.

Aber Trenck verschmähte es, zu lügen. Ein höchst seltsamer Trotz, wie er ihm sein Leben lang eigen gewesen, ein ungestümer, unkluger Drang, dem Schicksal die Stirn zu bieten, legte ihm verderbliche Worte in den Mund. Sich zu befreien, erklärte er, sei jedes Eingekerkerten natürliches Recht. Er wurde zum Tode verurteilt.

Was nun, Allergnädigster Herr, das huldreich angeforderte Gutachten betrifft, so vermag der unterzeichnete Minister bedeutende Bedenken gegen eine Erhebung der von der Trenckschen Familie in den Grafenstand nicht zu ersehen. Wie immer die Herzensempfindungen des Freiherrn Friedrich gewesen sein mögen, so ist er jedenfalls vor den Augen der Welt gestorben als ein Opfer der fluchwürdigen Revolution, die den gerechten Abscheu Ew. Königlichen Majestät und aller Gutdenkenden bildet, und er ist, was anzumerken gnädigst gestattet werde, durchaus gestorben als ein Held.

Um zwei Uhr am Mittag wurde der Spruch des Gerichts gefällt, um vier Uhr wurde Trenck mit 29 anderen Verurteilten bereits zum Richtplatz gefahren. Zuvor übergab er noch mit Empfehlungen der höchsten, rührendsten Sorgfalt seinem Freunde, dem Grafen Bayluis, jenes smaragdenbesetzte Medaillon, das in großer Jugendschönheit eine verstorbene hohe Dame des Königlichen Hauses darstellt und das vor einiger Zeit auf gewissen Umwegen in den Besitz Ew. Majestät gelangt ist.

Aufrecht, so berichten die Augenzeugen, stand Trenck neben seinem Henker auf dem Karren und sang. Unter deutlichen Zeichen des Mitgefühls blickte das Volk am Wege auf den mutigen Greis. Am Fuß des Blutgerüstes angelangt, zeigte er erst recht die Kraft seiner Seele, seinen unbeugsamen, mächtigen Willen. Denn obwohl ihm, als dem Ältesten, das Recht zuerkannt wurde, im Tode voranzugehen, so lehnte er dies doch ab, um, wie er sich ausdrückte, jedem seiner Mitopfer wenigstens einen Moment der Wartensqual zu ersparen. Ein Haupt nach dem anderen fiel. Die Arme gekreuzt, die Augen fest auf das blutige Schauspiel gerichtet, sah Trenck unbewegt zu, wie es sich neunundzwanzigmal wiederholte. Hoch über alle ragte, mit flatterndem Haar, seine riesige Gestalt. Als er allein noch übrig war, ging er unaufgefordert die Stufen hinauf, das ganze Gerüst dröhnte unter seinen wuchtigen Schritten. Oben angelangt, überblickte er ruhig die Menge. »Franzosen«, rief er noch aus, ehe er sich niederlegte unter das Beil, »wir sterben unschuldig. Unser Tod wird gerächt werden durch euch! Stellt die Freiheit her, indem ihr die Ungeheuer opfert, die sie schänden!«

Ich ersterbe in tiefster Ehrfurcht

Ew. königl. Majestät alleruntertänigster Knecht
von Alvensleben
Staats- und Kabinettsminister


 << zurück