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Erstes Buch

1

Der Kadett im Regiment Gardes-du-Corps, Friedrich Freiherr von der Trenck, stand inmitten seiner Quartierstube, die nichts weiter aufwies als zwei Betten und Tisch und Schrank und Stühle aus Tannenholz, und betrachtete seine neue Uniform. Deren Stücke lagen ausgebreitet auf einem der Betten, beleuchtet von zwei Kerzen, die der junge Herr rechts und links entzündet hatte, und ihre Pracht kontrastierte beinahe anstößig mit der kahlen Umgebung.

Es lagen dort ein Rock aus scharlachrotem Samt, mit reicher silberner Fransenarbeit verziert und sowohl vorne als auf dem Rücken mit einem großen, leuchtenden Silberstern bestickt, ferner ein Hut aus feinem, schmiegsamstem Filz mit breiten silbernen Tressen und hochragender schneeweißer Feder, silberne Sporen, eine silberne Feldbinde und, als Hauptstück, ein eleganter Küraß, ein Brustharnisch, der völlig mit massivem Silber überzogen war und ganze Strahlenbündel, ein wahres Feuerwerk von Silber, in die braune Freudlosigkeit der Kommißkammer hinaussandte.

Es war der Hochbegriff einer Galauniform, stoffgewordener Traum eines Knabenherzens, und der hier im Hemd, Kniehosen und Strümpfen vor seinem Bett stand und den Schatz enthusiastisch betrachtete, war denn auch beinahe ein Knabe, wenig über siebzehn.

Er war ungewöhnlich groß und vom vollkommensten Wuchs, in den Schultern breit, schmal in den Hüften, Hände und Füße stark und doch adelig gebildet, mit einem ebenmäßigen und feinen Gesicht, das vom Leben noch ungezeichnet war, aber von Natur aus geprägt mit dem Siegel des Geistes und der Leidenschaft. Dieses Knabenantlitz konnte bedeutend scheinen, und es mußte beunruhigen, denn im Blick der weitgeschnittenen Augen, in den Linien des reichen Mundes, sogar im Muskelspiel der Wangen war etwas Maßloses, das dem jugendlichen Frieden der breiten und glatten Stirn schicksalhaft widersprach.

Maßlos war auch in diesem Augenblick die Freude, der er sich hingab. Er stand da mit unersättlichen Augen und preßte, um sich zu bändigen, so fest seine Fäuste ineinander, daß ihm die Knöchel weiß wurden.

Ja, dies war nun die Uniform eines Offiziers bei den Gardes-du-Corps, die schönste und prächtigste in ganz Europa, und sie kostete weit über tausend Taler, der Silberharnisch allein schon über siebenhundert. Um diese Prunkmontur zu beschaffen, war er vor drei Wochen, gleich nachdem er eingestellt und als Kadett vorläufig eingekleidet worden, mit der täglichen Post nach Berlin hinübergefahren, ohne Urlaub, was dem Unkundigen schlecht hätte bekommen können. Um sieben am Morgen fuhr er ab und stand um zwölf in der ihm unbekannten, weitläufigen Stadt, der die noch lückenhaft bebauten Plätze und Avenuen ein Aussehen gaben ähnlich dem eines Menschen, der zu weite Kleider trägt. Aber er hatte sich zurechtgefunden. Er hatte seinen Purpursamt bei Prager in der Spandauer Straße gekauft, die Fransen dazu bei Pailly Unter den Linden, das Tressenwerk und die Feldbinde im Ephraimschen Hause am Mühlendamm. All dies trug ein Lohndiener hinter ihm her zum empfohlenen Schneider. Den Harnisch aber und die Sporen hatte er An der Stechbahn bei Frommery bestellt. Heute nun waren die fertigen Stücke alle zusammen hier angelangt. Da lagen sie und strahlten.

Auf der Silberwölbung des Panzers zuckte und flackerte plötzlich das Licht. Trenck wandte sich um, nicht ganz ohne Hast. Aber es war nur sein Stubengenosse, von Rochow, der eintrat. Die Herren schliefen paarweise beisammen in der Kaserne, so wenig komfortabel war das Leben in der Leibeskadron des vornehmsten Regiments in Preußen.

Der Leutnant kam heran. Er sah zart, vornehm und klug aus und mochte zwanzig sein. »Oh, ich störe in der Andacht«, sagte er mit einer sympathisch belegten Stimme, »du hältst Gottesdienst vor deiner Zukunft, wie ich sehe.«

Trenck, in Verlegenheit, gab keine Antwort.

»Ich möchte dich nur aufmerksam machen, lieber Trenck, daß du diese hübschen Sachen noch eine Weile in den Kasten schließen mußt, denn Panzer und Silberzeug sind noch nichts für kleine Kadetten.«

»Ich nehme an«, sagte Trenck wenig verbindlich, »daß die Sachen nicht sehr lange im Kasten liegen werden.«

»Da nimmst du vermutlich etwas Falsches an. Man hat dich hier bei den Offizieren einquartiert, das ist eine ungeheure Ehre, zweifellos. Aber vom Schlafen bei den Offizieren bis zum Offizierwerden ist immerhin ein Schritt. Also gib nur acht, daß deine Achillesrüstung nicht blind wird!«

Trenck antwortete wieder nicht, und als der andere nach ihm hinblickte, sah er ihn finster und rot vor Zorn. Er trat auf ihn zu.

»Trenck, ich bitte dich ernstlich, nimm dich zusammen! Du kannst doch nicht solch ein Gesicht ziehen, wenn sich ein Kamerad einen Scherz mit dir macht – ein Vorgesetzter, müßte ich eigentlich sagen«, fügte er verdrossen hinzu. »Ins Bett jetzt, es ist zehn vorbei.«

Sie beschäftigten sich schweigend mit ihrer Toilette. Im wesentlichen bestand sie darin, daß sie ihre ganze Unterkleidung, Hemd und Strümpfe, aber auch die Kniehose, mit einer genau gleichen Garnitur vertauschten. Als sich der Offizier eben seinem Lager zukehren wollte, fühlte er von rückwärts Trencks Hand auf seinem Arm.

Er wandte sich um, sah den jungen Menschen an und lächelte.

»Es ist ja alles gut«, sagte er höchst liebenswürdig. »Nur bezähme dich um Gottes willen! Schlaf wohl.«

Sie löschten das Licht und streckten sich auf die sehr kurzen und unbequemen Ruhestätten hin, Trenck auf der seinen mußte sich förmlich zusammenkrümmen. Sie lagen in fast vollkommener Stille, selten einmal scholl aus den Ställen unter ihnen ein Klirren oder ein Wiehern oder ein Hufschlag herauf. Von draußen kam kein Laut. Um diese Stunde bewegte sich in ganz Potsdam kein Mensch mehr auf den Straßen umher, es war so gut wie verboten. Auch keinerlei Helligkeit drang durch das vorhanglose Fenster herein, der Mond war noch nicht aufgegangen, und die Stadt war ohne Beleuchtung.

»Ist es nicht eigentlich unwürdig, daß wir hier so ohne Licht liegen müssen?« fragte Trenck nach einer Weile, da er an Rochows Atemzügen erkannte, auch jener liege noch wach.

»Es ist Befehl, also ist es nicht unwürdig.«

»Ist es nicht unwürdig, daß dort überm Kanal der Kommandeur uns beaufsichtigt und es meldet, wenn nach zehn Uhr noch ein Fenster hell gewesen ist?«

»Er hat den Befehl, also ist es nicht unwürdig.«

»Ach, Rochow, rede nicht so tugendhaft! Du bist ja doch von unsern sechs Herren der allerkritischste. Meinst du, ich weiß das nicht?«

»Solche Beobachtungen schicken sich nicht für einen Kadetten.«

Diesmal war Trenck nicht beleidigt. Rochow vernahm im Dunkeln, wie er sich emporstützte auf seinem Strohsack.

»Aber ich kann dich versichern«, rief er herüber, »daß ich als blutjunger Student, als ein halbes Kind, in Königsberg hundertmal mehr Freiheit genossen habe.«

»Woraus man vielleicht nur schließen muß, daß halbe Kinder noch nicht auf eine Universität gehören.«

»Oh, ich war auch der einzige. So jung wie ich war keiner, bei weitem nicht.«

»Liebster Trenck, das weiß ich ja alles, du hast ja die Güte gehabt, mir das mehrfach zu erzählen. Ich weiß, wer mein Stubengenosse ist! Ich weiß, daß sie dich mit dreizehn Jahren schon immatrikuliert haben und daß du der Benjamin warst unter dreitausend Studenten. Ich weiß auch, was du alles studiert hast: Jus und Mathematik und Philosophie und Naturwissenschaft, und daß du vier Sprachen sprichst und daß du mit vierzehn dein erstes Duell gehabt hast, weil dir die Nase eines Herrn von Wallenstein nicht gefiel ...«

»Wallenrodt!« korrigierte Trenck.

»O Vergebung: Wallenrodt. Und daß du voriges Jahr öffentlich zwei gelehrte Disputationen durchgefochten hast und daß du ein großes, großes Licht bist. Und nur eines weiß ich nicht: warum du, mit solchen Gaben ausgerüstet, nichts Besseres zu tun gewußt hast als dem ersten besten Wink zu folgen und hier in unser Strafregiment einzutreten.«

»Strafregiment!« rief Trenck und merkte gar nicht, daß er den Standpunkt wechselte. »Das erste Europas!«

»Herr Baron sind in superlativischer Laune. Gleich das erste Europas! Jedenfalls das geplagteste. Jedenfalls das einzige Garderegiment, in dem die Offiziere täglich drei Stunden lang beim Pferdeputzen dabei sein müssen, jedenfalls auch das einzige, bei dem sie in Hosen und Strümpfen schlafen, weil so ziemlich jede Nacht zwei- oder dreimal Alarm geblasen wird.«

»Ganz sicher das einzige, Rochow. Aber warum? Doch nur, weil diese eine kleine Truppe die Muster- und Pflanzschule der ganzen preußischen Reiterei sein soll – darum wird von uns das Riesige gefordert, darum wird einem nicht einmal der Schlaf gegönnt. Wer das Höchste nicht leistet, soll ausscheiden, beim geringsten Verstoß wird er davongejagt.«

»O ja«, sagte Rochow.

»Aber wer es leistet«, schloß Trenck kindlich verzückt, »wer seinen Mann steht, wer sich bewährt, der wird dereinst auch General und Feldmarschall.«

»Bravo, Trenck, so ist's recht. Hier wird jeder Feldmarschall!«

Aber Trenck ließ sich nicht beirren. Sein Innerstes kehrte sich hervor, sein Ehrgeiz, seine ungemessene Ruhmsucht.

»O Rochow«, sagte er laut und pathetisch in das Dunkel hinein, »das war schon ein Glückstag für mich, als der Baron Lottum nach Königsberg kam. Es gibt doch Fügungen. Bei meinem Großvater mußte er zu Mittag speisen, und ich war dabei!«

»Wie heißt dein Großvater eigentlich?«

»Es ist der Gerichtspräsident von Derschau.«

»Ah, Beamtenadel!«

Trenck schluckte hinunter und sprach in kaum gemäßigtem Tone fort: »Er war selber noch so jung, der Herr von Lottum, und doch schon General, Generaladjutant, so glänzend erhoben. Er sah mich, ich gefiel ihm, er machte mir Aussichten. Gleich war ich bereit. Eine Gloriole flammte vor mir.«

»Eine silberne Rüstung vermutlich.«

»Ich kann darüber nicht spotten hören, Rochow. Du lachst ja vielleicht, aber für mich ist der Ruhm noch etwas Großes, bei dessen Namen es mich schauert. Bedenke doch, wie wir beide es getroffen haben: beide so jung, im vordersten Regiment der Monarchie und, Rochow, daß wir's nur aussprechen – unter wessen Augen, unter wessen Fahnen!«

»Ja, ja.«

»Unter den Fahnen des ersten Monarchen der Welt.«

»Schon wieder des ersten.«

»Des jüngsten, des überraschendsten, des genialsten. Des Königs, dessen erste Tat es war, unter den staunenden Augen der Welt mit kühnem Griffe von dem uralt-übermächtigen Feind sich sein Recht zu holen.«

»Nun, sein Recht ...«

»Sein Erbe!«

»Nun, sein Erbe ...«

»Du machst Scherz, Rochow. Du kannst das nicht anzweifeln.«

Rochow antwortete nicht sogleich, aber Trenck hörte ihn in der Dunkelheit gutmütig ein wenig vor sich hin lachen. Er ließ sich Zeit. Endlich sagte er in ziemlich leichtem Ton:

»Ach weißt du, bester Trenck, das mit dem Recht und mit dem Erbe, das überlassen wir doch besser den Gelehrten, die werden das in zweihundert Jahren schon untereinander ausmachen. Er war kühn, und es ist ihm geglückt, mehr brauchen wir nicht zu wissen.«

»Eben«, sagte Trenck befriedigt.

»Aber meine Gedanken kann ich mir trotzdem machen, nicht wahr? Zum Beispiel ist es doch sonderbar, daß ich, der Herr von Rochow, jetzt nicht aufstehen darf, wenn es mir Spaß macht, und ein wenig in der Stadt Potsdam spazierengehen, die von Rechts wegen mir gehört.«

»Wie?«

»In der eigentlich ich König bin.«

»Rochow«, sagte Trenck etwas verdrießlich, »was redest du eigentlich?«

»Du bist gelehrt, Trenck, du hast öffentlich disputiert, aber du bist doch nicht gelehrt genug. Brandenburgische Geschichte scheinst du nicht gelernt zu haben. Sonst müßtest du wissen, wem der erste Hohenzoller, der hier ins Land kam, die Stadt Potsdam hat abnehmen müssen. Einem Rochow, lieber Trenck, einem Rochow!«

Trenck saß aufrecht im Bett. Ganz schwach waren seine Umrisse erkennbar. »Das ist ja wahr«, sagte er aufgeregt. »Das habe ich in meinen Gedanken nie zueinander gebracht. War das wirklich einer von den deinen?«

»Natürlich«, sagte Rochow behaglich. »Und jetzt liege ich hier als ein kleiner Leutnant unterm Befehl der gleichen Hohenzollern und darf nicht einmal Licht anzünden!«

Licht sollte ihnen werden. Denn im gleichen Augenblick wurde drunten auf der Straße, gerade unter ihrem Fenster, eine Fackel entzündet, und ein scharf schmetterndes Trompetensignal zerriß zugleich mit diesem Flammenschein die Nacht.

Der Alarm! Da war es, das Schrecknis, das beinahe allnächtlich und mehrmals oft die Anwohner am Kanal nicht nur, sondern die ganze Umgebung zu willkürlichen Stunden aus dem Schlafe riß, da war sie, die Plage der Offiziere, der Mannschaft, der Pferde. Wo immer man im Quartier lag, hier in Potsdam, in Charlottenburg oder sonstwo – denn die Leibeskadron war gewissermaßen ambulant, und wo der König war, da war sie –, nirgends blieb man damit verschont. Der junge Fürst, den man bewachte, schien seiner Elite-Truppe nicht das Recht auf menschliche Schwachheit zuzugestehen.

Die beiden jungen Menschen, Trenck und sein Freund, der Herrscher von Potsdam, waren in ihrer nun brandhell erleuchteten Kammer auf die Füße gesprungen und machten sich fertig mit eiligen Griffen. Oh, gut noch, daß man nicht eingeschlafen war. Denn aufzucken etwa aus erstem Schlaf und mit taumelnden Sinnen nach den Monturstücken tappen, immer aufs neue war das Gewalt und Qual. Ohne ein Wort fuhren sie in ihre hohen Stiefel und in ihre Dienstuniform, die handbereit lag, ein Griff galt der Feldbinde, einer dem Hut, sie nahmen den Degen und stürzten davon.

Trenck, sonst immer der Raschere, blieb heute zurück. Zu Füßen seines Bettes auf dem Boden lagen sauber hingeschichtet die Galastücke, und auf der Silberwölbung des Panzers tanzte und flackerte blutig das Fackellicht. Er mußte hinschauen. Aber schon stolperte auch er durch den Korridor, schwang sich im Finstern die knarrende Treppe hinunter und lief durch die rückwärtige Pforte hinaus.

Jetzt war es wirklich kein Vorzug, daß er Offiziersquartier hatte. Die Offizierspferde nämlich standen drüben im königlichen Reitstall an der Mammonstraße, und so war es ein doppelter Weg bis zum Schloß, und wer nicht binnen acht Minuten vom Erklingen des Signals an gekleidet und gewaffnet und gesattelt dort vor der Rampe, der sogenannten Grünen Treppe hielt, der flog unweigerlich auf vierzehn Tage in Arrest, und wem das zweimal geschah, der durfte seinen Ehrgeiz begraben.

So kam es, daß allnächtlich, wenn der König in Potsdam war, die Einwohner gewisser Straßen, der Berliner Straße nämlich, des Altmarkts und der Schwertfegergasse, den Anblick genießen konnten, wie die Abkömmlinge stolzer Geschlechter Preußens in Abständen hintereinander herrannten, gehetzt, vom Schlafe gleichsam noch dampfend, sporenlärmend und stolpernd und stampfend in den noch schlecht sitzenden Stiefeln. Aber es öffnete sich kein Fenster mehr, das Schauspiel war lange banal.

Trenck kam zum Reitstall, da stand sein braunes Pferd schon rittbereit vor dem Tor. Er sah nach der Gurtung, denn keine Nachtstunde bot Gewähr, daß nicht ein anderer höchst kritisch nach ihr sah, er schwang sich auf und – o Zauber des Muß! – er hielt vor Ablauf der Frist mit brausenden Schläfen an jener südwestlichen Ecke des Schlosses.

In drei Gliedern war die kleine Schar angeordnet, 150 Mann in rotem Rock und weißer Weste, gleichmäßig beritten auf braunen Pferden. Die sechs Offiziere hielten vor der Front. Der Kadett Trenck, eingereiht in das zweite Glied, tastete unsicher an sich herum, und endlich wußte er, was ihn beunruhigte: in der Hast hatte er den neuen Hut erwischt, der ihm nicht zukam, seinen Galahut mit den breiten Borten und der hochstehenden Feder. Nun, es war zu spät, mochte denn alles seinen Lauf gehen.

Tiefste, vollkommene Stille auf dem ungeheuren Paradeplatz. Die Spätherbstnacht war kalt, doch klar. Überm Schlosse seitlich stand der volle Mond. Im ersten Stockwerk waren eine Anzahl Fenster erleuchtet, dies war vermutlich das einzige Licht, das in Potsdam jetzt brannte.

Der Posten, ein Garde-du-Corps auch er, präsentierte mit klappendem Griff. Oben war die Mitteltür gegangen. Der König kam die Rampe herunter.

Er war im Gesellschaftsanzug aus Goldbrokat, an dem im Mondlicht große Brillantknöpfe blitzten. Vermutlich hatte er Gäste. Den modisch kleinen Hut trug er unterm rechten Arm, und die reiche Haarwelle, die ihm Stirn und Schläfen umgab, war elegant gerollt und sorgsam gepudert. Für einen Unwissenden hätte es aussehen können, als amüsiere sich hier ein beliebiger Elegant unter den Rokokofürsten damit, seine Leibwache auch des Nachts zu schikanieren, sich an ihrer Schlaftrunkenheit und an der eigenen Willkür zu weiden, während er auf wenige Minuten aus seinen strahlenden Salons zu ihnen niederstieg. Doch über solche Einschätzung hatte sich der junge Herr in Brokat ein für allemal hinausgeschwungen, durch seinen Eroberungskrieg vor zwei Jahren nämlich, auf den Europa noch immer mit offenem Munde zurückschaute.

Er nahm die vorschriftsmäßige Meldung des Kommandeurs entgegen, dankte und schritt zwischen den Gliedern hindurch. Aber sein Abschreiten war heute Formalität, das war sofort fühlbar, er hatte nichts auszusetzen, die Pünktlichkeit genügte ihm diesmal, er blickte freundlich umher. Dennoch schien er etwas zu suchen.

»Kadett von der Trenck«, sagte er und blieb vor ihm stehen, »absteigen, mitkommen!«

Trenck zitterten die Füße im Bügel. War es der Tressenhut? Er überließ sein Pferd dem Mann zur Linken und folgte, taumelnd beinahe, dem König. Unbeweglich hielt die Reiterfront. Friedrich grüßte leicht und ging zwischen der Sphinx aus Stein und dem präsentierenden Posten die Rampe hinauf; der Kadett, zweifelnden Schrittes, zog hinterher. Als sie durch den Mitteleingang oben das Schloß betraten, vernahm Trenck ein kurzes Kommando und gleich darauf das Trappeln der abreitenden Eskadron.

2

Der ungeheure, leere und hallende Saal, in den man unmittelbar von der Rampe aus gelangte, lag in braunem, wolkigem Dunkel, nur an der rechten Schmalwand, dort, wo eine Tür zu ferneren Gemächern offenstand, brannte in einem Kandelaber ein einziges Licht und schickte schwache Strahlen in jener Ecke umher; rötlich glänzte an der Wand ein Stück Marmor auf, bleich schimmerte weißer Marmor am Boden, und als der König rasch vorüberschritt und die bewegliche Luft das Kerzenlicht aufflackern machte, ward für einen Augenblick auch ein riesiges Wandgemälde teilweise aus der Dunkelheit gerissen: ein zackiger Ausschnitt davon wurde sichtbar, und Trenck sah einen Fürsten, thronend auf seinem Triumpfwagen, von vier weißen Hengsten gezogen, von Minerva geleitet und Herkules.

Durch die Wand, welche dieser Triumphzug schmückte, folgte Trenck dem Führer. Kein Diener war sichtbar. Ein ziemlich leeres großes Zimmer wurde durchschritten, wiederum nur sparsam erleuchtet; ein kolossaler Schatten lief mit dem eleganten König über die getäfelte und gemalte Wand.

Im nächsten Zimmer machten sie halt. Es war ein kleiner, wohnlicher Raum, fast gleichseitig, die Decke leicht gekuppelt, der Boden quadratisch parkettiert. Die Wände bestanden aus einem besonders schönen braunen Material, das gewiß Zedernholz war, aber wie Schildpatt wirkte, silbernes Palmen- und Lorbeergezweig zog sich darüber hin. Zwei große silberne Armleuchter brannten. Ein hoher Spiegel war eingelassen, sein Rahmen war Silber. Ein kleiner Sekretär mit einem Sesselchen davor, ein ovaler Tisch und einige Stühle machten die ganze Einrichtung aus. Alle Sitze waren mit silberfarbenem Tuch überzogen. Eine lichtbraune Tür, vom gleichen silbernen Rankenwerk überspielt, führte in ein Nebenzimmer, aus dem sich Gespräch und leises Lachen und Kristallklirren vernehmen ließ. Selbst diese Laute wirkten silbern, und sie vermischten sich für den jungen Trenck, der salutierend auf der Schwelle stehengeblieben war, mit dem Schmuck, der hier schimmerte.

»Gut, gut«, sagte Friedrich. »Türe schließen, näher kommen! Sie sprechen Französisch?« fuhr er fort, bereits in dieser Sprache. »Sie waren mir empfohlen. Sie tun jetzt drei Wochen Dienst, haben Sie in dieser Zeit irgendwelche Verstöße gegen die Disziplin begangen?«

Trenck wollte verneinen.

Friedrich hob die Hand: »Ich meine natürlich: abgesehen von der Fahrt ohne Urlaub gleich zu Anfang.«

Trenck biß die Zähne zusammen.

»Sie waren damals nicht unterrichtet. Aber sonst ist nichts vorgekommen?«

»Nein, Sire.«

»Sie haben sich da elegante Sachen machen lassen, ein wenig vor der Zeit –« und er deutete leicht mit dem Kopf nach Trencks Galahut – »sind Sie so wohlhabend?«

»Sire, mein Vater hat mir unser Stammgut Großscharlach vererbt. Es bringt tausend Taler im Monat.«

»Das nenne ich reich. Ihre Mutter lebt noch? Wo ist sie?«

»Meine Mutter hat den Oberstleutnant Grafen Lostange geheiratet. Sie leben in Breslau.«

»Ah? Wann hat Ihre Mutter geheiratet?«

»Im Jahre, als mein Vater starb: 1740.«

»Das war«, sagte Friedrich, mit einer sehr merkwürdigen Höflichkeit, »im selben Jahre, in dem auch mein Vater starb.«

Trenck stand und horchte. Diese menschlichen, ja intimen Worte, so unerwartet, so unerklärlich, sie hoben den ungeheuren Abstand auf, der den absoluten Herrscher von seinem jüngsten Soldaten trennte. Die Nachtstunde kam hinzu. Es trat ihm gewaltig ins Bewußtsein, was hier mit ihm geschah, und der Atem blieb ihm aus.

Der König sprach wieder. Er sprach ziemlich schnell, in einem Französisch, das ihm als seine wahre Mutter- und Haussprache mühelos und elegant vom Munde ging, mit hoher, klingender Stimme; ein eigentümlicher Reiz lag darin, daß er das R nicht völlig rein, sondern weich gerollt, ein wenig nach Art der Engländer oder eines Kindes formte.

»Hören Sie, Trenck«, sagte er, »ich habe Sie mir ein wenig angesehen. Sie können schießen, fechten können Sie auch, Entfernungen schätzen auch, einen Körper haben Sie, als könnten Sie Ihr Pferd nach Hause tragen, wenn es sich den Fuß verstaucht, und den Fuß wird es sich bestimmt verstauchen, wenn Sie so tollkühn darauf losspringen wie vorgestern drüben bei Glienicke. Also das Zeug zu einem Soldaten haben Sie, zu einem Reiter ganz gewiß.«

Trenck flammte vor Glück.

»Aber«, sagte Friedrich, »das ist noch nicht viel. Ich höre da wunderbare Dinge über Ihren Verstand und Ihr Gedächtnis. Sie haben bereits studiert, gleich von der Ammenbrust weg vermutlich. Also, was wissen Sie?«

Er wartete keine Antwort ab auf diese recht allgemeine Frage. »Passen Sie auf«, fuhr er fort und nahm vom Schreibtisch ein Blatt Papier, »ich werde Sie fragen. Aber nicht so wie ein Professor im Examen, hübsch nach der Schnur, sondern holterdiepolter.« (Er sprach auch dies französisch aus, ganz weich: oldredipoldre.) »Ich habe hier eine Liste, es sind die Rekruten vom Regiment Prinz Heinrich, 39 Namen. Wie lange brauchen Sie, um die auswendig zu lernen?«

»Fünf Minuten, Sire.«

»Ah? Nun, hier ist die Liste. Mühlehof, Renzel, Badenhaupt, Scholz ... Es ist gut geschrieben.«

Er reichte dem Kadetten das Blatt hin, nahm Akten zur Hand, lehnte sich mit gekreuzten Beinen leicht gegen den Schreibtisch und war, seinem Gesichtsausdruck nach, im selben Augenblick auch schon völlig absorbiert.

Trenck übersah ohne Furcht die Liste. Auf sein Gedächtnis konnte er sich verlassen, dem König war kein Märchen erzählt worden.

Mit angehaltenem Atem und mit saugenden Sinnen las er die Namenreihe, jedes Lautbild schlug er sich gleichsam ins Gehirn und ging zum nächsten. Beim zweitenmal aber war es nicht mehr der einzelne Klang, den er ergriff, sondern der Zusammenhang mit den Nachbarn, die Lautkette, der Rhythmus. Dann ließ er sein Papier sinken und ging an die Reproduktion.

Er arbeitete methodisch. Plötzlich sah er im Spiegel den König, in ganzer Figur, wie er mit gekreuzten Füßen am Schreibtisch lehnte und las. Unter einem Zwang betrachtete er ihn, mit einer Art von zweitem Bewußtsein, Seelenkräften, die durch sein gewaltsames Memorieren nicht gebunden waren.

Was er zuerst wahrnahm im Spiegel, war eine Einzelheit an Friedrichs Anzug, eine auffallende und beinahe anstößige Inkorrektheit. Der König trug zu seinem schönen Gesellschaftskleid, zwischen dem Galarock aus Goldbrokat und den weißseidenen Strümpfen, ein Paar Reithosen, einfache, ziemlich abgenutzte Hosen aus ganz derbem, blauem Tuch. Sie wirkten wie ein gewagter und etwas finsterer Witz.

Trencks Blick glitt nach aufwärts, er umfaßte, während sein Hirn in krampfhafter Mühe an den Soldatennamen arbeitete, des Königs Brust, mächtig breit und gewölbt unter der Seide, ganz unverhältnismäßig heldenhaft, gemessen an der kleinen und zarten Gestalt, er umfaßte die Hände, die das Schriftstück hielten, weiße, schmale Hände, Frauenhände beinahe, und machte halt bei dem geneigten Antlitz.

Das Leben im Freien, Feldzug und Manöver, Ritte durch Sonne und Wetter hatten dies Antlitz gefärbt, es war braunrot, wie es dem Kriegsmanne ziemt. Dabei aber war es ein kleines und feines Gesicht. Die Augen, gesenkt auf das Dokument, konnte Trenck nicht sehen, aber die hochgeschwungenen dunklen Brauen, Erbteil aller Brandenburger, betrachtete er, den schönen Ansatz des Haares, die sonderbar gerade Linie, von Stirn und Nase gebildet, das runde entschiedene Kinn und, zwischen noch weichen Wangen, den weichen Mund, dessen Winkel jedoch abwärts gezogen und schon scharf markiert waren, wie von Leid oder von Enttäuschung oder einfach von körperlichem Ungemach, denn seine Gesundheit war ja nicht die stärkste.

Das Gesicht im Spiegel hob sich empor. Die gespiegelten Augen hafteten plötzlich in Trencks Augen. »Nun also?« sagte der König und streckte, im Spiegel, fordernd die Hand aus nach der Liste.

Trenck war zusammengefahren. Er war allein gewesen mit dem Spiegelbild und hatte die Gegenwart vergessen. Doch er bekam sich sogleich in die Gewalt und begann: »Mühlehof, Renzel, Badenhaupt, Scholz, Teller, Sadewasser, Köpek, Janiken, Lange, Sokowski, Butzer, Gradolf, Steinkeller, Zindler ...«

Bei diesem Namen Zindler, dem vierzehnten in der Reihe, stockte der Kadett. Auf einmal verband er mit dem Klang einen Begriff, und zwar den Begriff von etwas Furchtbarem.

Es war aber dies. Im Regiment Prinz Heinrich hatte zwei Tage vorher ein Offizier dem Rekruten Zindler ein Auge ausgeschlagen. Dann hatte er ihm ein Acht-Groschen-Stück hingeworfen und geschrien: »Da ist das Geld für die Fensterscheibe!«

»Zindler«, wiederholte Trenck, »Zindler« und schwieg. Er wußte nicht weiter.

Der König wandte ihm den Blick zu und sagte sofort: »Dieser Soldat bekommt eine Pension von mir. Der Offizier liegt in Eisen.«

›Bin ich denn Glas?‹ dachte Trenck.

»Genug hiermit, andere Proben! Die Namen der Planeten!« Und Friedrich begann mit leichten Tritten ein wenig vor ihm auf und ab zu wandeln. »Die römischen Kaiser von Titus an! Die Namen der Eumeniden! Die Musen! Die Bilder des Sternkreises! Die zwölf Arbeiten -« Trenck fiel ihm fast schon ins Wort, ehe der Name des Herkules ausgesprochen war.

»Was wissen Sie von Literatur? Kennen Sie Racine, kennen Sie Boileau, kennen Sie Pradon, kennen Sie Corneille? Beweisen Sie es! Rezitieren Sie Verse von Corneille! Wie, die über den Tod? Ah, das ist eine lustige Wahl.«

Und Trenck, ohne Deklamation, immer im eiligsten Tempo, begann:

Lebe Dein Leben mit Todesmut,
Tod ist die Kerkertür dieser Welt,
Und sie führt in ein Nachtgezelt,
Drin es sich tief und herrlich ruht ...

Er kam nicht weiter. Es öffnete sich jene Tür, hinter der es so silbern tönte, und eine junge Dame erschien auf der Schwelle. Trenck sah auch sie wiederum im Spiegel, im selben Spiegel, in dem er den König gesehen hatte. Er verstummte.

Inmitten ihrer ungeheuer gebauschten starrseidenen Röcke sank die junge Dame in eine tiefe, offenbar scherzhaft gemeinte Reverenz und sagte mit einem entzückend kindlichen Ausdruck von Bitte und Drolerie dies eine Wort:

»Sire!«

Sie war die Abgesandte der so lang harrenden Gäste. Hinter ihr tat sich in Silber und Zartgrün und Rosa, von Licht überrieselt, überflimmert, als ein wahrer Himmel von Heiterkeit und zierlich geschwungener Pracht das große Festzimmer auf.

»Ich komme, ich komme, Amélie«, sagte der König. »Ihr seid ja zu fünft, liebe Schwester! Ich habe nur wenige Minuten.«

Sie sank lächelnd abermals in ihre Beugung zurück, wundervoll und kostbar anzusehen mit ihrer schmalen türkisfarbenen Taille, die aus der schweren Pracht der Röcke aufwuchs, der leuchtenden Brust und dem blühenden Halse, mit ihrem hellen, frischen, lebensvollen Gesicht unter der schneeig gepuderten Haarwoge, diesem schönen Gesicht, das den gezeichneten Zügen des Bruders ähnlich war. Ein Hauch von verwöhnter, gepflegter Jugend wehte von ihr durchs Zimmer.

»Das Jus haben Sie ja auch studiert«, sagte der König sofort, als die Tür sich geschlossen hatte, und tat vielleicht nicht zufällig diesen Schritt hinüber auf das dürrste Wissensfeld. »Das Erbrecht nach Justinian gefälligst! Es gibt da vier Grade von Erben. Wie heißt der Merkspruch?«

Und der Siebzehnjährige, sich aus einer Bezauberung reißend, sekundierte sofort:

»Descendens omnis succedit in ordine primo,
Ascendens propior, germanus, filius eius,
Tunc latere ex uno ...«

»Ich höre an Ihrer Betonung, daß Sie Latein besser verstehen als ich. Das ist gut. Ein Krieger sollte den Caesar lesen können, so bequem wie das Exerzierreglement. Man hat zuviel Ablenkung. Als ich König wurde, wollte ich ernstlich damit beginnen. Aber dann wurde ich sogleich abgelenkt.«

›Als ich König wurde?‹ dachte Trenck. ›Wie spricht er zu mir? Ich bin siebzehn Jahre. Er wurde abgelenkt. Ja, statt römische Geschichte zu lesen, hat er preußische Geschichte gemacht.‹

»Preußische Geschichte«, sagte Friedrich, so als denke er einfach die Gedanken des anderen weiter, »muß ein preußischer Offizier natürlich noch besser kennen als die Geschichte Roms. Wie kam diese Stadt Potsdam an mein Haus?«

Trenck starrte auf diesen König. Den engte kein Vorurteil ein. Der schrieb sein Besitzrecht nicht Gottes Gnade zu. Der sprach vom Anfang der Herrschaft wie ein anderer Mensch von dem Tage spricht, an dem sein Vater sich einen Pelzrock gekauft hat. Der Abend war zu viel für Trencks Knabenkopf, zu viel Denkstoff wurde ihm zugemutet. Er blieb stumm. Er gefährdete sein Examen. Er stammelte: »Sire ...«

»Wissen Sie es nicht? Sie brauchen nur Ihren Schlafkameraden zu fragen.«

»Sire, ehe die Stadt Potsdam dem Hause Hohenzollern anheimfiel, stand sie unter der Botmäßigkeit der Herren von Rochow.« Trenck leierte, er sagte seine Schullektion her. »Als der Burggraf Friedrich Verweser von Brandenburg wurde, mußte er Potsdam ... mußte er Potsdam ...«

»... mußte er Potsdam dem Herrn von Rochow mit Gewalt aus den Händen reißen«, ergänzte Friedrich. »Ich sehe, Sie wissen es. Jetzt setzen Sie sich dorthin und zeichnen Sie eine kleine Skizze dieser Stadt Potsdam auf, möglichst genau.«

Dies war die schwierigste Aufgabe. Trenck entledigte sich ihrer, indem er alle Geländekenntnis zusammennahm, die ihm von seinen Ritten und Übungen geblieben war. Aber er brachte die komplizierte Halbinselgestalt der Siedlung mit ihren Verzweigungen und Wassereinschnitten doch nur leidlich zuwege.

»Ja, ja, ja«, sagte der König, wie er das Papier in Händen hielt. »Sie hätten allerdings kenntlich machen müssen, daß die Stadt überall mit Wall und Graben befestigt ist, nur hier im Süden an der Havel einfach mit Palisaden.«

Dies war mehr als milde. Offenbar war der König mit seinen Gedanken nicht bei dem Blatt. Er ließ es auch einfach zu Boden fallen, ging zwei Schritte auf den jungen Menschen zu und sagte:

»Trenck, ich habe Sie prüfen wollen, um die Wundergerüchte über Sie ein wenig zu kontrollieren. Ein König soll nichts glauben. Es ist angenehm, zu sehen, daß Sie ein Gedächtnis haben wie der römische Redner Hortensius und daß Sie von Corneille etwas wissen und von Justinian und vom alten Herrn von Rochow. An und für sich ist das noch nichts. Sie sind aber aus dem Stoff, aus dem man Männer macht. Ich will einen aus Ihnen machen.«

Trenck atmete nicht.

»Sie beginnen erst zu leben. An Jahren sind Sie noch ein Kind. Sie haben eine lange Bahn vor sich. Ich will Ihr Leben für mich haben. Sie fahren gut dabei. Aber bewachen Sie sich. Hüten Sie sich. Halten Sie sich. Ich kenne Ihre Wutanfälle, Ihre Zweikämpfe. Meine Erkundigungen waren kaum nötig, es steht alles in Ihrem Gesicht zu lesen. Ihre Zukunft ist höchst gefährdet. Wäre sie es nicht, so wäre sie auch nicht so voller Taten – die möglich sind. Seien Sie hart mit sich, Trenck, härter noch, als es der Dienst verlangt. Seien Sie auch aufrichtig mit mir! Sie können es sein. Seit ich König bin, habe ich noch kein Gesicht gesehen, das mir so gefällt wie Ihres.«

Trenck war auf ein Knie gesunken, mit niedergebeugtem Haupt. Es war keine bedachte Geste. Zu mächtig senkte sich diese Stunde auf seinen Knabennacken. Friedrich sah auch, daß die Bewegung echt war. Er ließ ihn ruhig liegen.

In verändertem Ton fuhr er fort, leicht und angenehm geschäftsmäßig. »Ich mache Sie zum Offizier, Herr von der Trenck. Ihre Ausrüstung ist meine Sorge, senden Sie die Rechnungen an die Hofstaatskasse in Berlin. Sie können sich morgen zwei meiner Pferde aussuchen. Greifen Sie dreist zu, es dürfen schöne Pferde sein. Wir werden viel zusammen reiten. Sie tun Adjutantendienst bei mir. Guten Abend.«

Trenck war aufgesprungen, außer sich. Er wollte reden, danken, beteuern. Aber Friedrich winkte nur einmal gnädig mit der Hand und ging. Der Lichtabgrund aus Silber, Meergrün und Rosa öffnete sich für einen Augenblick, aufschwirrendes Rufen und Grüßen empfing den König, die türkisfarbene Taille der Schönen schien vorzuleuchten, und sogleich war alles verschwunden.

Trenck ging hinweg, auf nicht ganz sicheren Füßen.

Ungeheure Stille im Schloß. Im Marmorsaal war die eine Kerze erloschen, aber in breiten Bahnen flutete Mondlicht ein durch die Riesenfenster und erhellte bleich den gewaltigen Prunk. Trenck, im Gehen, wandte sich um nach dem Bilde des Siegreichen. Es war nun sichtbar in seinem ganzen Ausmaß. Aber blaß und als ein Gespenst thronte der Kurfürst auf seinem Wagen, und totenhaft, geistergleich anzusehen, schienen Minerva und Herkules ihn anderswohin zu geleiten als zum Triumph.

Trenck stieg die Rampe nieder. Der wachthabende Soldat, der Sphinx aus Stein gegenüber, sehr groß anzuschauen im Mondlicht, machte sich fertig zum Salut, unterließ ihn aber, da er den Kadetten erkannte. Der Mann blickte ihm nach, wie er dahinging auf dem breit gedehnten, leeren Paradeplatz, der weiß beschienen war. Er taumelte, er überquerte den Platz in einem großen Haken, er schlug auch gar nicht die Richtung ein nach dem Garde-du-Corps-Quartier, es sah aus, als habe er sich spät in der Nacht in des Königs Hause bezecht.

Es war bitter kalt, und er hatte kein Überkleid, aber er fühlte das nicht. Er gelangte durch die Mammonstraße, er hörte im Vorbeiwandern drinnen im Reitstall des Königs Pferde, die er morgen reiten würde, mit den Hufen gegen die Mauer schlagen, er überschritt, immer einsam im Mondlicht, den Kanal auf der Breiten Brücke, bog ab und stand bald an der Stadtmauer. Wie aufwachend beschaute er das verschlossene Jägertor, auf dem oben eine Tiergruppe gegen den magisch erhellten Nachthimmel sich abzeichnete, der Hirsch, der von Hunden gestellt wird. Nun erst schlug er den Heimweg ein, vorbei am großen Bassin. Er ging, den innern Sinn in starrer Entzückung auf ein helles Phantom gerichtet.

Er sah nicht den König, er blickte auch nicht, Glorienträumer, der er doch war, in seine Zukunft, die das Gefallen des Herrschers so phantastisch, so über alles Hoffen weit vor ihm auftat. Die Ergriffenheit, die ihn aufs Knie genötigt hatte, war dahin, von der Entscheidungsstunde im Schlosse war nichts übrig in ihm als ein Augenblick, als ein Anblick. Er sah sie – in der türkisfarbenen Taille, aus der mit allem betörenden Zauber der Jugend Brust und makelloser Hals sich aufhoben zum blühend schönen Antlitz unter schneeiger Krone. Es war fast das Antlitz des Bruders, das ihm da erschimmerte im gleichen Spiegel, es waren, weitgeschnitten und von dunklem Stahlblau, seine Augen – aber ihr Strahl war ganz ohne Härte; es war, seltsam gerade, ungebrochen, die gleiche Linie von der freien Stirn zur Nase – aber ganz ohne Strenge bei ihr, von einer erregenden Pikanterie; es war derselbe wohlgebildete, feine und verwöhnte Mund, dem man die Beredsamkeit ansah – aber nicht umzeichnet von Kerben der Enttäuschung oder der Trauer oder der Krankheit. Sie erschien ihm, die Schwester dieses Königs, die Tochter von Königen, als das Weib selber, als die vollkommene Lockung des Geschlechts.

Er war, früh herangereift, bis zum heutigen Tage nichts anderes gewesen als ruhmbegierig. Sein Vater, in Ostpreußen Landeshauptmann, alter Soldat mit achtzehn Narben, der sich zu früh verabschiedet glaubte, seine Mutter, aus dem Blute hoher Beamter, hatten diese Leidenschaft in ihm genährt. Der schöne, hochbeanlagte Knabe war in ihrem provinziellen Zirkel nicht viel weniger gewesen als ein Wunder, alle Kräfte seiner Seele wurden auf ehrgeizige Ziele gesammelt. Nun trug ihn die eine Nachtstunde höher hinauf als jemals sein Traum. Aber vermessen von Schicksals wegen, geschlagen mit dem Durst nach Schicksal von allem Anfang an, streckte er in dieser selben Nachtstunde zum erstenmal die Arme nach dem Weibe aus, nach diesem Weibe, der Schwester dieses Königs, der Tochter von Königen.

Von der Kanalseite her hatte er das Quartier erreicht, ward eingelassen und stieg blinden Auges die knarrende Treppe hinauf; dann stand er in seiner Stube, in die durch vorhanglose Scheiben das Mondlicht stark einflutete. In seiner Bezauberung vergaß er die Tür zu schließen und schritt traummäßig vorwärts, den Blick in die geisterhelle Nacht gerichtet, aus der ihm, mit dem Strahl des Gestirns, der Umriß der plötzlich Geliebten entgegenfloß.

Da krachte es, dröhnte und tönte unter ihm, unheilvoll laut in der Nachtstille. Mit seinem schwer gestiefelten Fuß war er auf die Silberwölbung des Panzers getreten und hatte sie zerstampft.

Rochow saß aufrecht im Bett, vom Monde weiß, und rief ihn an, mit schlafschwerer Zunge.

3

Der Garten stieß an die Spree. Sein Uferstück wurde rechts und links von zwei Lusthäuschen begrenzt. Vor dem einen saß auf einem Schemel Trenck der Adjutant und wartete auf den König.

Überm Flusse hatte er den Mühlendamm vor sich mit Spazierwegen und Gärten und einzelnen, verstreuten Häuschen. Es war ländlich still, nur das Klappen einer Baumschere war vernehmbar und von jenseits des Wassers das Lachen zweier Spaziergängerinnen, dem man anhörte, daß sie rein nur aus Jugend und Albernheit lachten.

Man befand sich in Monbijou, dem Sitz der verwitweten Königin, den sie mit ihren beiden noch unvermählten Töchtern Ulrike und Amalie teilte. Es war ein hübsches, einstöckiges Fürstenhaus, ein wenig außerhalb der Stadt gelegen, von Friedrichs sohnlicher Zuvorkommenheit elegant erweitert und vom etwas verspielten Kunstgefühl der Königin mit vielen reizvollen Kleinigkeiten ausgeschmückt. Friedrich, im vierten Jahre König, ohne Lieblingswohnung noch, ja ohne rechte Stätte, kam mitunter von Potsdam oder Charlottenburg herüber, um der Mutter seine Achtung zu bezeugen. Heute aber war er bei der jüngeren Prinzessin angesagt worden, ausdrücklich bei ihr, denn das schwedische Eheprojekt sollte bereinigt werden. Die Unterredung hatte soeben begonnen.

Trenck, zu seinem Kummer, hatte das Schloß nicht mit dem König betreten.

Seit jener Prüfungsnacht, die länger als ein Jahr schon zurücklag, war er der Prinzessin nicht öfter ansichtig geworden als zwei- oder dreimal und auch da aus großer Entfernung. Er begleitete den König zumeist nur auf den militärischen Ritten, zudem war er vom allgemeinen Dienst nicht dispensiert, und dieser Dienst war anspruchsvoll. Morgens um vier Uhr begann das Exerzieren, in acht Tagen hatte man mitunter keine acht Stunden Ruhe. Physisch und an Mut wurde das nahezu Unmögliche verlangt. In dem einen Jahr hatte er beim tollen Springen drei Pferde verloren, einmal hatte er sich den Arm und einmal den Oberschenkel gebrochen. Sonst aber ging es ihm vortrefflich. Schon im vergangenen August war er, ein Achtzehnjähriger, bei den schlesischen Kavalleriemanövern als Instruktionsoffizier verwendet worden.

Die Zuneigung des Monarchen blieb ihm gewahrt, ja Friedrichs frühe, augenblickliche Sympathie für den jungen Menschen, aus dem Herzen und den Nerven stammend wie jede wahre Vorliebe und keiner Erklärung weiter unterworfen noch bedürftig, hatte sich im Umgange verstärkt. Er sah einen Jüngling, von der Natur zum militärischen Helden so vorgebildet wie zum Mann von Geist und Welt, es war ihm lieb, einen Adjutanten neben sich zu haben, dem für den Ernstfall gewiß das Äußerste zuzumuten war, und mit dem er sich im Sattel, in einer Exerzierpause, unterhalten konnte wie mit einem Gelehrten in seiner Bibliothek – aber nicht mit einem Gelehrten von der pedantischen deutschen Art: dieser junge Krieger verstand jede Andeutung, er langweilte ihn nicht. Auch einigen Mitgliedern seiner Akademie hatte er ihn empfohlen, Leuten, die er hochschätzte, Jordan, selbst Maupertuis, und er hörte mit Vergnügen, daß sein Schützling sich in diesem anspruchsvollen Zirkel taktvoll und, auf bescheidene Art, ebenbürtig bewege. Friedrich, sonst in Belohnungen mäßig, ja karg, freute sich auf die erste Gelegenheit, diesen jungen Menschen auszuzeichnen, der doch eigentlich noch nichts getan hatte.

Die Unterredung mit der Prinzessin fand statt in einem der links vom großen Speisesaal gelegenen Wohnzimmer, einem mit karmesinrotem und russischgrünem Damast heiter tapezierten Raum. Mit einem kleinen, höflichen Bedauern blickte der König durch das hohe Fenster nach seinem Adjutanten hinüber, der dort am Fluß in seiner roten Uniform wartete und las. Er würde längere Zeit zu warten haben, denn die Unterredung mit der Prinzessin Amalie verlief nicht so einfach und ohne Hindernis, wie der König gedacht hatte. Die Prinzessin wollte nicht recht, die Krone von Schweden verlockte sie wenig.

Er wunderte sich. Er kannte seine Schwester als sanft, liebenswürdig und enthusiastisch; die Einwände, die sie vorbrachte, schienen eher aus dem Kopf einer banalen Hofpuppe zu kommen. Er hörte ihr zu, mit leicht zusammengezogenen Brauen, und blickte dabei unverwandt auf ein niedriges Glasschränkchen hin, zwischen dessen goldenen Kanten seine Mutter reizende Kleinigkeiten aufgehäuft hatte. Mechanisch musterte er die Sammlung und sonderte, kunstgewohnt, das Nichtige vom zierlich Kostbaren, das aus Meisterfingern stammte.

Die Prinzessin sagte: »Ich muß Ihnen sogar gestehen, lieber Bruder, daß ich diesen Heiratsplan nicht völlig begreife. Finden Sie die Partie so glänzend, finden Sie sie auch nur anständig? Wer ist denn dieser Adolf Friedrich? Ein kleiner Prinz, dem Tausend nach zu finden in Deutschland, Bischof noch dazu, protestantischer Bischof von Lübeck – ich kann doch nicht annehmen, daß ihn gerade dieser Titel meinem skeptischen Bruder empfohlen hat?«

»Was ihn mir empfiehlt, Amélie, ist, daß er in ein paar Jahren König von Schweden sein wird. Du heiratest keinen Bischof, sondern einen künftigen Souverän.«

»O Frédéric, verzeihen Sie. Ein Souverän! Ich habe mich da ein wenig informiert. In Schweden gibt es keinen Souverän, in Schweden gibt es eine Art Anarchie, der hohe Adel treibt, was er will, und der König ist eine Puppe.«

»Der König ist, was seine Frau aus ihm macht. Eine Dame von deiner weiblichen Klugheit, deiner Fähigkeit, dich anzupassen, deinem persönlichen Zauber –« er verneigte sich scherzhaft leicht gegen sie – »wird auf die Häupter dieses stolzen Adels mehr Einfluß gewinnen als ein neuer Gustav Adolf. «

»Sie sind liebenswürdig, Frédéric, aber sind Sie auch ganz aufrichtig? Sie haben noch eine unverheiratete Schwester. Ulrike besitzt mehr Energie wie ich, sie hat einen männlicheren Verstand, sie ist zehnmal so ehrgeizig ...«

»Eben dieser Charakter eignet sich durchaus nicht für den schwierigen Platz. Die Mission ist ein wenig delikat. Und außerdem ...«

Aber er schwieg. Es erschien ihm sonderbar, beinahe lächerlich, daß er hier dem jungen Mädchen politische Aufklärungen erteilen sollte, um sie gefügig zu stimmen. Wenig entsprach das seiner Art. Er schaute überlegend auf die Sammlung im Glasschränkchen hin. Seine Augen glitten von einem zierlichen Objekt zum andern.

Viel Entzückendes hatte seine Mutter nach dem Tode des sparsamen Gemahls da zusammengebracht: kleine goldene Etuis waren da, getrieben und gehämmert, Bildnismedaillons, Kästchen, Scherenfutterale, Flakons, Schreibtäfelchen, Kalenderchen aus Seide und Brokat, Pudermesserchen, goldene Pulverdöschen, Lichtscheren so klein, als sollten sie in einer Puppenstube die Lichtchen putzen, daumenlange Figuren und Büsten aus Elfenbein, Koralle, Perlmutter, winzige Uhren in Gehäusen von Lapis, Kristall oder Onyx, und fünfzig andere bezaubernde Nichtigkeiten aus Bernstein, Achat, Schildpatt und Gold, deren Gebrauch sich schwer angeben ließ, und die auch eigentlich gar keinen hatten.

Er blickte davon auf. »Außerdem«, sagte er anknüpfend, »habe ich Ulrike schon dem Thronfolger von Rußland verweigert.«

»Und darum muß nun ich ...«

»Darum kann ich sie jetzt nicht dem von Schweden geben.«

»Und weshalb haben Sie Ulrike nicht nach Rußland gehen lassen?«

»Weil ich nicht will, daß meine Schwester bei der nächsten Palastrevolution erwürgt wird. «

»Aber haben Sie nicht die russische Kaiserin schon durch diese Weigerung tödlich gekränkt?«

»Du weißt, daß ich Ersatz gefunden habe.«

»Wen? Dieses kleine Mädchen von Anhalt-Zerbst?«

»Sie war willkommen. Ihr Vater ist mein General. Sie wird mein Werkzeug sein.«

»Frédéric«, sagte sie schmeichelnd und ergriff seine Hand, was er sich ein wenig erschrocken gefallen ließ – »Frédéric, Sie haben so viele Generale, können Sie für den Thron von Schweden nicht eine andere Tochter finden?«

»Es ist unmöglich, Amélie, daß wir hier Scherz miteinander treiben.« Er entzog sich ihr und stand auf. Höfisch erhob sie sich, zugleich mit dem Monarchen. »Rudenskjöld erwartet mich drüben im Großen Schloß im Appartement meiner Frau. Ewig kann ich ihn auch nicht warten lassen. Es ist nicht so amüsant bei ihren Tees. Und er will meine Antwort morgen nach Stockholm schicken. «

»Ich möchte gar nicht gerne von hier fort«, sagte sie leise, »ich ängstige mich. «

»Wie denn? Du willst doch nicht ewig ohne Gatten und ohne Stellung hier in dieser Villa sitzen?«

»Ich ängstige mich«, wiederholte sie. »Es ist mir zumute, als sollte ich in die Barbarei ziehen.«

»Nun, was die Barbarei betrifft«, sagte er leichthin, »so sollte eine preußische Prinzessin da nicht in Ängste geraten. Auf diesem Felde sind wir nicht so bald zu schlagen. Vielleicht erinnerst du dich, daß unser seliger Papa die Leute eigenhändig in den Straßen durchzuprügeln pflegte – es ist mir unbekannt, ob das auch in Stockholm so gehalten wird. In meiner Kinderzeit gingen die Leute abends auf Stelzen zu Hofe, so schmutzig war es – in Stockholm ist es sicher nicht halb so schmutzig. Also was die Barbarei anbetrifft ...«

»Frédéric«, sagte sie ganz leise, »hören Sie auf, mit mir zu spielen. Sie haben mich lange verstanden. Ich mag diesen Adolf nicht.«

»Du kennst ihn ja gar nicht!«

»Ich habe mir sein Bild beschafft.«

»Ah?«

»Ja, und zwar nicht irgendeine geschmeichelte Miniatur, sondern einen Stich nach einem Gemälde, das ihn in ganzer Figur zeigt. Ich kann Ihnen sagen, Frédéric, das ist eine Figur. Seine Beine sind so kurz – er kann meinen Fächer als Spazierstock benützen. Außerdem hat er ein pflaumenweiches Mündchen und kreisrunde Schafsaugen. Ich finde, mein Bruder, mit einem Wort, daß Sie schlecht für mein Glück sorgen.«

Das war in einem schmeichelnden und rolligen Tone gesprochen und offenbar bestimmt, Friedrich zu erheitern und zugleich zu rühren; Amalie kannte ihre kleinen Wirkungen. Aber diesmal versagten sie.

»Für dein Glück«, sagte er ziemlich finster und unverbindlich und blickte von ihr weg, seitlich dorthin, wo der Gobelin des Kaminschirms ihm eine Darstellung aus dem Leben Alexanders zuwandte. Er sah den König, wie er der Frau und der Tochter des Darius Gnade gewährt. Es war auffallend, mußte Friedrich denken, wie stark nach links geneigt der Mazedone sein Haupt trug. Alle Darstellungen aus allen Jahrhunderten zeigten ihn so.

»Für dein Glück!« sagte er noch einmal und schwieg sodann.

»Ja, mein Bruder.« Und leiser setzte sie hinzu: »Gerade Sie sollten doch eine solche Mahnung verstehen.«

Auf diesen Hinweis antwortete er mit keiner Silbe, keinem Blick. »Mach einen Gang mit mir durch den Garten!« sagte er, so als wäre ihm für das, was er zu äußern hatte, dieses kleine und kosige Kabinett nicht der rechte Raum. »Nimm eine Contouche um! Wir haben März.«

Amalie, gehorsam, schellte der Kammerfrau, ließ sich von ihr das mantelartige Kleidungsstück umlegen und band es über der Brust zu. Sie traten nach rückwärts hinaus in den Garten, der hier, vom Flusse abgekehrt, sich in noch größerer Ausdehnung erstreckte.

Es war noch nicht spät am Tage, vielleicht vier Uhr. Vogelzwitschern war in der Luft, von irgendwoher hörte man das Klappen der Schere, die die Hecken beschnitt. Sonst war alles ganz still. Die Geschwister schritten auf den breiten Wegen dahin, die mit Meersand bestreut waren, Amalie trippelnden Ganges, der nicht ihr eigentlicher war, aber die Mode schrieb außerordentlich hohe, fast stelzenartige Absätze vor, und auch der vorne flach anliegende Reifrock hinderte das Ausschreiten, der König sehr festen, aber wenig eleganten Schrittes: er ging wie ein Reiter. Übrigens war er nicht im Besuchsanzug, sondern in Uniform, im Rock seines ersten Garderegiments zu Fuß, blau mit prachtvoller Stickerei.

Er begann: »Die Gründe also, weshalb ich diese Heirat wünschen muß, sind diese ...«

»Geben Sie mir noch einen Augenblick, Frédéric! Müssen Sie es wirklich von mir verlangen?«

Er blieb stehen, blickte streng vor sich nieder und sagte, hart gestikulierend, mit fester und lauter Stimme:

»Höre nun gefälligst zu! Ich bin schrecklich allein in Europa. Du stellst dir wunders vor, was ein König von Preußen ist. Nun also, was ist er denn? Vor dreiundvierzig Jahren fiel es unserem Großvater, der ein einfältiger, eitler Mann war, ein, er müsse König werden. Warum? Weil sein Nachbar, der Kurfürst von Sachsen, König von Polen geworden war. Gut, er wurde nun auch König, und zwar über ein bitterarmes Land mit sehr wenig Menschen. Zu diesem Titel, zu dieser hohlen Form müssen wir Späteren erst die Machtstellung, den Inhalt erkämpfen. Und darum ...«

»Darum«, sagte sie leise, »soll ich nach Stockholm?«

»Darum habe ich, gleich nachdem ich zur Regierung kam, mit einem Handstreich die neue Provinz genommen. Das war leicht, das war ein Spiel. Aber ich habe mir keinen Augenblick eingebildet, daß es dabei bleiben würde. Die Theresia will ihr Schlesien wieder haben. Ein großes Bündnis ist gegen mich geschlossen, meine Spione haben mir die Abschrift gebracht. Ich bin ganz allein. Wo soll ich Stärkung finden?«

Er schwieg einen Augenblick, fast als erwarte er eine Antwort. Aber da die Prinzessin nichts sagte, fuhr er fort:

»In Deutschland vielleicht? Wo ist dieses Deutschland? Es sind dreihundert kleine Narrenstaaten mit Geldsorgen, es können auch vierhundert sein, wenn du alle die Speckfeld, Holzapfel und Ratzeburg dazurechnest. Deutschland? Jawohl! Der König von Polen ist auch Herr in Sachsen, der König von Dänemark ist auch Herr in Oldenburg, der König von England ist auch Herr in Hannover. Der Bayer Karl ist deutscher Kaiser – daß er es ist, verdankt er mir und Frankreich. Er weiß aber nicht, wo er des Nachts ruhig schlafen soll, so mächtig ist er. In seinem Stammland haust Habsburg. Die Panduren unter Trenck –« er verstummte kurz, so als kreuzte sein Hirn ein Gedanke – »der Bandenführer Trenck hat ihm die Städte verbrannt. Jetzt marschieren sie an den Rhein. Ist man dort fertig, dann kehrt man sich gegen mich und nimmt mir Schlesien. Hat man Schlesien wieder, dann ist es aus, und Habsburg tut mit mir, was es mag. «

Er sah auf und nahm wahr, daß der Blick seiner schönen Schwester mit vollkommener Unbefangenheit seitlich auf ein Rasenstück gerichtet war, in dem die ersten Krokusse durchbrachen. Er sagte, scharf akzentuierend:

»Das ist dir gleichgültig. Es scheint dir eine Läpperei, was aus meinem Königreich wird. Amélie, ich gebe dir nicht Unrecht. Es gibt einen Standpunkt, von dem aus das eine Läpperei ist. Der Laufkäfer dort ist so wichtig wie die Königin von Ungarn, und eine schöne Melodie ist wichtiger. Aber Fürst sein heißt: vor solchen Gedanken wissend und freiwillig die Augen verschließen. Fürst sein heißt: so tun, als ob es solche Gedanken gar nicht geben könnte. Es gibt sie nicht! Hörst du? Für dich jedenfalls nicht. Ich verbiete sie dir! Ich hoffe«, sagte er leise und ziemlich bösartig, »durch diese Bemerkungen deine Aufmerksamkeit wieder erlangt zu haben. Mir bleibt«, fuhr er sachlich fort, »als einziger Bundesgenosse der König von Frankreich. Aber liefere ich mich ihm ohne Rückendeckung aus, dann bin ich nicht sein Bundesgenosse, sondern sein Vasall. Der König von Frankreich hat zwanzig Millionen Untertanen und ich zwei. Was ich zunächst einmal haben muß, ist ein Dreibund mit Rußland und Schweden.«

»Und darum?« fragte sie leise, genau wie zuvor.

Er zuckte die Achseln und lächelte. Da er die Schwierigkeit überwunden glaubte, fing er unwillkürlich wieder an, zu gehen. Er wandte sich seiner Schwester zu, freundlich, und sagte in leichterem Ton:

»Mein Gott, Amélie, du tust wahrhaftig, als verhängte ich über dich ein abscheuliches Los. Aber was verlange ich eigentlich? Sollst du an ein süddeutsches Jammerhöfchen wie die arme Wilhelmine? Als erster preußischer Prinzessin bestimme ich dir ein würdiges, ein historisches Schicksal. Erlaube, daß ich dir etwas erzähle. Vor ein paar Tagen war in meinem Einlauf der römische Staatskalender. Ich blättere ein bißchen und finde mich da ganz einfach als Marchese aufgeführt. Der Papst anerkennt uns nicht! Ja, da lachst du. Aber der Papst ist eben gewohnt, mit Jahrtausenden zu rechnen, und wir schneiden schlecht ab bei ihm mit unseren dreiundvierzig Jahren. Nicht das Haus Brandenburg ist es, ganz unter uns, das im Begriff ist, eine Mißheirat zu schließen. Ich glaube auch nicht, daß deine Schwester Ulrike außer sich geraten wird vor Freude ... Aber es geht nicht mit ihr. Sie ist hochmütig und eigensinnig. Nichts überlegt sie recht, nichts läßt sie reifen, vor Affekt verliert sie immer gleich den Schlaf. Während du, meine Schöne ...«

Er sprach lächelnd weiter auf sie ein, Herr seiner nervösen Ungeduld, seine Mittel mit Bedacht wählend, liebenswürdig, mäßig und klug. Sie waren die große Allee bereits drei- oder viermal auf und nieder gegangen und bogen nun um das langhingestreckte, schmale Gebäude in den vorderen Teil des Gartens ein. In einiger Ferne leuchtete, unten am Wasser, der scharlachrote Rock des Adjutanten.

Er saß dort und las in einem ledergebundenen kleinen Buch, das er aus der Schoßtasche genommen hatte. Es war ein französischer Plutarch, das Leben Alexanders. Vor fünf Jahren, als Kind, hatte er das zuletzt gelesen. Nun gefiel es ihm nicht mehr. Er hatte die ganze Schwärmerei eines jungen Offiziers für seinen Kriegsherrn, der ihn bevorzugt, und maß an Friedrich die Figuren aller antiken und neuen Helden. Er fand diesen Alexander ein wenig uninteressant; tapfer gewiß – aber Tapfersein verstand sich von selbst, so gut wie Reitenkönnen und Durstaushalten –, dabei prahlerisch, treulos und abergläubisch, was Trenck, dem Sohne seines Jahrhunderts und Friedrichs Begleiter, als eine besondere Schande erschien. Ohne Grausamkeit war er auch nicht: Philotas, Parmenion, die Edelknaben in Baktra wurden hingeopfert, Kleitos, der ihm einst das Leben gerettet hatte, im Weinrausch getötet. Trenck stellte sich Friedrich vor bei solcher Untat. Aber vielleicht war Friedrich der erste wahrhaft gerechte Monarch in aller Geschichte! Begeisterung schwellte sein Herz. Hätte es Friedrich vielleicht an der Feldherrnkraft gefehlt, stürmend nach Asien vorzudringen, oder vielleicht an der genialen Phantasie, um eine Verschmelzung europäischer und asiatischer Menschengesittung zu planen? Aber wenn er diesen Plan gefaßt hätte – Friedrich wäre nicht das Mißgeschick begegnet, auf der Schwelle der Verwirklichung plötzlich zu sterben und solch ein Reich ratlos verwirrt zurückzulassen. Der Leutnant Trenck war nahe daran, dies dem großen Alexander als Schuld oder Torheit zuzurechnen. Und sah er genau zu, so hatte ihn an Plutarchs gesamter Schilderung nur eines gepackt: die Angabe, daß der große Alexander sein Haupt auffällig nach links geneigt trug. Gerade so trug es sein König.

Er mußte über sich selber lächeln und wurde wieder ernst. Er legte einen Brief als Merkzeichen zwischen die Seiten, schloß das Buch und schaute vor sich hin. Eine lautlose Weile verstrich.

Er hatte den Band in der Hand behalten, nun wollte er ihn wieder in seiner Tasche unterbringen. Dabei streifte das hervorstehende Lesezeichen gegen das Uniformtuch und raschelte. Trenck wurde rot vor sich selbst. Er hatte diesen Brief noch gar nicht gelesen; dabei kam er von seiner Mutter. Aber Trenck fühlte sich dieser kühlen Dame recht fremd, während seines Manöveraufenthalts in Breslau hatte er ihr eine ziemlich zeremonielle Visite gemacht. Wieso schrieb sie ihm eigentlich? Er löste das Siegel. Das Schreiben war kurz, ohne Bedeutung war es nicht.

Frau von Lostange teilte ihm mit, daß sein Vetter, der österreichische Pandurenoberst Franz von der Trenck, ihn, Friedrich, zum Universalerben eingesetzt habe. Es war geschehen, als der Pandur schwerverwundet in Bayern darniederlag. Der Brief riet, diese Mitteilung achtsam im Auge zu behalten, denn die Erbschaft des Österreichers sei ungemein beträchtlich, man rede von riesigen Ländereien, die ihm Habsburg verliehen habe, und von gewaltiger Kriegsbeute.

Trenck, sehr entgegen dem mütterlichen Rat, vergaß fast augenblicklich, was er gelesen hatte. Dieser Cousin, ein wilder Mordbrenner übrigens und als Verwandter wenig präsentabel, war so fern, dieses Erbe lag an der Drau und an der Save und also fast im Monde. Zudem war der Pandur jung und schon wieder gesund. Und noch viel jünger war er, Friedrich von der Trenck, neunzehnjährig nämlich, in der Gunst seines Monarchen, großen Dingen zweifellos zubestimmt. Auch was mit Geld zu bezahlen war, hatte er reichlich. Sein Stall war berühmt, sieben Bediente liefen für ihn. Ihm blieb nichts zu wünschen, oder doch nur eines, was kein Pandur ihm geben konnte.

Er sprang auf, er zerknitterte den Brief in der Linken, er hielt den Hut von sich ab in vorschriftsmäßigem Winkel: der König und die Prinzessin waren um eine Hecke gekommen und gingen nahe an ihm vorbei.

Sie waren in lebhaftem, freundlichem Gespräch. Der König, seiner Sache nun völlig sicher, sprach mit Einzelheiten von Amaliens Zukunft und schwedischer Aufgabe.

Amalie widerstrebte nicht ernstlich mehr. Sie war zwanzig Jahre alt und früh reif gewesen. Auf ein Glück zu hoffen war töricht, war beinahe klein und kindisch. Und an äußerer Erfüllung, was sollte da kommen? Der Lilienreif Frankreichs? Die Krone von England?

Trenck stand salutierend neben dem Gartenhaus. Es war, vom Schloß aus gerechnet, das linke. Unmittelbar daneben führte der Weg vorbei.

An dieser Stelle entschied sich das Schicksal der Prinzessin Amalie von Preußen und sein eigenes. Es war der zwölfte März des Jahres 1744, halb fünf Uhr am Nachmittag.

Sie sah ihn, sie erzitterte, sie grüßte ein wenig mit dem Haupt und schritt mit dem König weiter.

In geringer Entfernung nahmen sie Platz auf einer Bank. Anständig, höfisch wäre es von Trenck gewesen, sich aus dem Sehkreis der Geschwister zu verlieren. Aber das vermochte er nicht.

Mit einem Entschluß wandte sich Amalie ihrem Bruder zu. Sie war um einen Schein blasser über dem feinen Gewirk ihrer Contouche.

»Wir reden und reden, Frédéric«, sagte sie, »und wir vergessen das Wichtigste.«

»Das Wichtigste?«

»Mein Gewissen. Damit ich auf den Thron von Schweden gelange, wäre ein Glaubenswechsel nötig.«

Er schaute sie an, mit einem Flimmern der Ungeduld in den Augen.

»Willst du mir einreden, daß dir der Übertritt von der kalvinischen zur lutherischen Kirche Skrupel verursacht?«

»So große, daß ich ihn nicht vollziehen kann.«

»Ich fühle mich in der heitersten Weise in die Tage unseres Vaters versetzt. Damals saß immer der Prediger Franke mit uns bei Tische, der ödeste und traurigste Griesgram von der Welt. War er eigentlich Lutheraner oder war er Kalvinist? Jedenfalls war außer Bibelsprüchen bei ihm eigentlich alles verboten. Ich glaube mich an verwegene Grimassen zu erinnern, die meine Schwester Amélie hinter seinem Rücken schnitt.«

»Damals war ich ein Kind.«

»Und heute als erwachsene Dame machst du dir ernstlich Sorge darüber, ob es heißen muß: Brot und Wein ›sind‹ Leib und Blut Christi, oder nur ›bedeuten‹?«

Amalie sandte einen raschen Blick nach Trencks scharlachrotem Kleide hinüber.

»Der Hauptpunkt«, sagte sie unbeirrt, »ist die Lehre von der Prädestination.«

»Ah?«

»Nach unserer kalvinischen Anschauung gibt es keinerlei menschliche Freiheit, nur der Ratschluß des Höchsten gilt. Alles ist vorbestimmt.«

»Also auch dir der Thron von Schweden. Wozu reden wir noch?«

Aber dann stand er auf, ging mit kleinen Schritten vor ihrer Bank hin und her und sagte, ohne seine Schwester anzublicken, das Folgende:

»Ich sehe zu meinem Kummer, daß dich diese Kindereien wirklich bewegen. Ach, Amélie, ich wundere mich. Das, wahrhaftig, hätte ich nicht vermutet. Seit zwei Jahrhunderten streiten sich über solche Dinge die Gelehrten – und leider nicht nur die Gelehrten, ein Ozean von Blut ist für diese Haarspaltereien geflossen. Es gab eine Zeit, da hatten die Städte Lindau und Memmingen über die Verwandlung von Brot und Wein ihr besonderes Bekenntnis. Jawohl, in Memmingen entschied man damals ganz anders über die göttlichen Dinge als etwa in Ulm. Und dabei –« ein Lächeln trat in seine Züge, der Ärger verging, er wurde warm beim Reden – »dabei ist der Standpunkt von Memmingen doch vielleicht ein wenig klein in diesen Fragen, was meinst du? Ihr Frommen tut immer, als stündet ihr auf du und du mit eurem Gott. Nehmen wir doch getrost einmal an, er existiere, meint ihr denn wirklich, euer Auge reiche bis zu ihm? Was sind wir denn alle mit unseren Kronen und Thronen und Heeren und Plänen? In Ägypten hat es zehntausend Jahre lang Könige gegeben. Nun, wenn euer Gott lebt, will ich dir sagen, so hat er das gar nicht wahrgenommen. Das ist vorübergezuckt vor seinem Auge. Ach, vielleicht hat er diese ganze Erde noch gar nicht wahrgenommen. Was würdet ihr sagen, ihr Guten, wenn nun diese ganze Welt mit allen ihren Planeten und Sternen nichts anderes wäre als ein einziges riesiges Tier: die Sonne sein Auge und der Mars eine Kralle und der Saturn sein Nabel und unsere glorreiche Erde samt Lindau, Ägypten, Kalvin und Zoroaster nur eine Warze oder ein Muttermal – und das ganze ungeheure Tier wieder nur eines unter vielen, ein Sternentier unter Sternentieren, in einer großen, strahlenden Herde ...«

Er hatte zuletzt mit schallender Stimme gesprochen, in einer sehr sonderbaren Art von Begeisterung. Über Garten und Fluß und jenseitige Fluren hatte er weit fortgeschaut. Nun, bei einer Wendung, sah er die Schwester an.

Sie saß und starrte nach Trenck, versunken, verzückt, völlig hingegeben. Sie hatte ihm gar nicht zugehört.

Er begriff augenblicklich und ganz. Ohne auch nur seinen Satz zu beenden, ohne ein einziges vermittelndes Wort, drehte er ihr den Rücken zu und ging. Trenck mußte folgen.

Die Prinzessin Amalie hatte sich erhoben. Mitten in der Allee stand sie da, schlank aufwachsend aus ihren gewaltig gebauschten Röcken, und sah ihnen nach.

4

Am rückwärtigen Parkeingang wartete mit den Pferden der Reitknecht. Der Weg von Monbijou zum Großen Schloß war ganz kurz. Es dämmerte bereits. Die wenigen Begegnenden rissen den Hut vom Kopfe, zwei alte Leute sanken ins Knie.

Es ging an der Spree entlang, dann auf der hölzernen Kavaliersbrücke über den Fluß. Vom Lustgarten her gelangten sie in den eigentlichen Schloßhof, stiegen zum zweiten Stockwerk hinauf und betraten durch einen Vorsaal das Appartement der regierenden Königin.

Es bestand aus fünf Räumen und war bescheiden. Auf den Saal folgte eine Galerie, auf diese zwei ziemlich große, quadratische Salons, dann noch ein enges Zimmer, darin die Souveränin schlief. Alles war etwas eilig und billig möbliert worden, auch rauchten die Kamine.

Dennoch war hier der Hof. Hier fanden sich an regelmäßigen Empfangstagen die Minister, die Gesandten und Hofleute ein, hier wurden die Fremden von Rang vorgestellt. Für Friedrich, den alles Zeremoniell in hohem Grade langweilte, war das bequem. Er benutzte diese Berliner Wohnung als Treffpunkt, wenn er irgendein Staatsgeschäft persönlich zu bereden hatte. Mit seiner Gemahlin eine Nacht unter demselben Dach zu bleiben, vermied er durchaus; sie war so gut wie verstoßen. Bezog sie im Sommer das Landhaus, das er ihr angewiesen hatte, in Schönhausen, nahe beim Dorfe Pankow, so bekam sie ihn überhaupt nicht zu Gesicht. Er war noch niemals dort gewesen.

Der Heiduck in der Galerie war aufgesprungen, wollte voraneilen, wollte melden. Aber der König winkte ungeduldig, er hatte bereits geöffnet und stand im ersten Salon. Trenck, unfreundlich bedeutet, blieb zurück.

Er fing an, stürmisch hin und wider zu schreiten im aufgepeitschten Rhythmus seines Blutes und seiner Gedanken. Seit dem Aufbruch von Monbijou hatte er nichts recht wahrgenommen, nicht das kalte Schweigen des Königs auf dem Herritt, nicht die Behandlung eben jetzt. Er fühlte nur immer wieder die Blicke der Schönen und Nichterreichbaren, er spürte wieder jene schwere und wollüstige Gelähmtheit, die es ihm unmöglich machte, sich in schicklicher Weise aus ihrem Sehkreis zu entfernen. So klirrte er auf und nieder über das Parkett der kahlen Galerie, und die Blicke des Heiducken folgten ihm, ratlos.

Drinnen bei der Königin war in der Tat Empfang. Achtzehn oder zwanzig Personen waren in den beiden Wohnräumen versammelt. Man saß im Schein von grünen Wachskerzen beim Spiel. Übrigens waren diese L'hombre-Partien berüchtigt wegen ihrer Bürgerlichkeit. Es wurde um Groschen gespielt.

Alles stand hastig auf, die Königin trat ihrem Gatten entgegen und sank in die vorschriftsmäßige Reverenz. Er verbeugte sich.

Elisabeth Christine war eine Dame von dreißig Jahren, ziemlich groß, von einiger Fülle und durchaus nicht sehr häßlich. Ihr Teint leuchtete vor Gesundheit und war zart dabei, das aschblonde Haar hatte Perlenglanz unter der leichten Puderung. Doch über den matten blaßblauen Augen lagen allzuflach die Brauen, und ihr kleiner Mund zeigte im hilflosen Lächeln schiefstehende und gelbe Zähne. Schlecht angezogen war sie auch. Die Farben von Reifrock und Übergewand waren zu laut und schlugen sich. Auch gab es heute eine störende Einzelheit: die hölzerne Längsschiene nämlich, die Planchette, vorne ins Schnürmieder eingeschoben, um die Mittelpartie des Körpers in gerader Linie zurückzupressen, sie saß nicht korrekt und stach unter dem grellblauen Damast der Taille scharf und grotesk hervor.

Der König bemerkte dergleichen nicht. Er hatte es sich abgewöhnt, diese Fürstin, die er als Zwanzigjähriger hatte heiraten müssen und die immer aussah wie eine Landpfarrersfrau in der Stadt, auch nur kritisch noch zu beschauen. Sie war eine von Herzen gütige und keineswegs törichte Frau. Aber er sprach niemals mit ihr ... In der Hofgesellschaft hielt man den Atem an. Es waren Wetten abgeschlossen. Seit mehr als zwei Jahren hatte der König nicht mehr das Wort an seine Frau gerichtet. Würde das ewig währen? Handelte es sich um einen förmlichen Entschluß? Es war Übereinkunft, daß schon das einfachste Grußwort, die banalste Formel als Gespräch gelten sollte. Aber der König war heute so stumm wie stets. Er hatte sich verbeugt, dabei blieb es.

Elisabeth Christine, bleich geworden, trat zwischen ihre beiden Ehrendamen zurück. Die Wahl dieser Ehrendamen zeugte für die schlichte Reinheit ihres Herzens. Sie waren beide, Fräulein von Hertefeld wie Fräulein von Tettau, ganz außergewöhnlich schön: herrisch schön, dunkel, hochgewachsen und gefährlich die Tettau, die helle weiche Hertefeld von einer Pikanterie und Anmut, die an jedem anderen Hofe etwas bedeutet hätten. Aber Friedrich sah sie gar nicht an, er wußte wahrscheinlich kaum, wie sie hießen. Es wehte um diesen jungen, berühmten König eine unsinnliche und kalte Luft, es stimmte zu diesem Eindruck, daß er seit kurzem sein Galakleid nicht mehr trug, sondern sich beinahe stets in der Infanterie-Uniform bewegte. Er sah gut aus darin, dennoch wirkte es frostig.

»Herr von Rudenskjöld, ich bitte«, sagte er in die Stille hinein. Der Gesandte Schwedens trat hervor. Im gleichen Augenblick begann die Gesellschaft sich in den zweiten Salon zurückzuziehen, man gruppierte sich dort; lautlos, wie von ungefähr, wurden die Flügeltüren geschlossen. Der König und Rudenskjöld standen allein zwischen den verlassenen Spieltischen, wo die Karten unordentlich lagen.

»Wann haben Sie in der Heiratsangelegenheit zuletzt an Ihr Kabinett geschrieben?«

»Donnerstag, Sire.«

»Ohne Zweifel haben Sie dabei von meiner jüngsten Schwester gesprochen? Ich erinnere mich, Ihnen gesagt zu haben, daß eine so liebenswürdige und anpassungsfähige Dame in Schweden, wo die Königsmacht wenig gefestigt sei, gut am Platze sein werde.«

»Euer Majestät haben mir das gesagt. Aber alles befand sich ja noch im Stadium erster Erwägung. Ich war schon glücklich, das grundsätzliche Einverständnis Eurer Majestät nach Stockholm mitteilen zu können.«

»Sie haben also noch keinen Namen genannt?«

»Den Namen einer Prinzessin? Nein, Sire.«

Friedrichs Miene erheiterte sich. Dieser schwedische Baron, ein noch jugendlicher Herr von sehr wachem und verläßlichem Aussehen, hatte ihm seit jeher gefallen. Mit Wohlwollen blickte er ihn an und sagte pointiert, im Ton eines Mannes, der weiß, daß seine Pointe verstanden werden wird:

»Sie werden also schreiben, daß in Schweden, wo die Königsmacht wenig gefestigt sei, eine energische und zielbewußte Dame ihren rechten Platz finde, zumal an der Seite des Prinzen Adolf Friedrich, eines so liebenswürdigen und anpassungsfähigen Fürsten. Darum, so schreiben Sie, Rudenskjöld, sei anzunehmen, daß die Erhebung meiner Schwester Ulrike zur Kronprinzessin in Stockholm willkommen sein werde.«

Rudenskjöld verneigte sich mit der klugen Andeutung eines Lächelns – genau soweit angedeutet, als es von ihm erwartet wurde. Dann, so als wäre dies alles noch offiziell, noch vor Zeugen gesprochen worden, fragte er ernst, leise und schnell:

»Und Rußland? Und die Kaiserin?«

Friedrich antwortete: »Das läßt sich einrichten. Die Kaiserin ist sehr zufrieden mit der Prinzessin von Anhalt. Toben wird unser Freund Bestuschew, aber ihn kann man umgehen. Es gibt Wege. Ich werde noch heute nacht aus Charlottenburg nach Moskau schreiben. Auf Wiedersehen!«

An der Tür drehte er sich um. »Eines noch, Rudenskjöld: der Termin. Nicht später als Juli, keinesfalls! Der August, so fürchte ich, wird mich schon auf Reisen sehen. Begreifen Sie mich? Als mein künftiger Bundesgenosse dürfen Sie mich begreifen.«

Er ging, ohne sich von seiner Frau im mindesten zu verabschieden. In der Galerie schloß Trenck sich an und klirrte hinter ihm die Steintreppen hinunter. Der König selbst ging lautlos, er trug niemals Sporen.

Der Reitknecht wartete im Hof mit den Pferden. Ein paar Kutschen standen da. Zwei Öllaternen brannten.

Draußen vorm Schlosse war alles ganz öde und still. Außer wachestehenden Soldaten bemerkte man keine Seele. Unfertig und traurig erstreckte sich die Repräsentationsstraße ins Ungewisse. Rechts und links standen in ungeheuren Abständen die prunkvollen Bauten der Dynastie: das drohend gewaltige Zeughaus, die schöne Oper, im vorigen Jahr erst vollendet, der Palast des Markgrafen von Schwedt, der Marstall, nach einem Brand erst halb wieder erstellt. Dazwischen nichts. Weite, unbebaute Flächen, über die der abendliche Märzwind daherblies.

Ein mächtiger Entwurf das Ganze, nicht mehr noch. Sie fühlten es beide, während sie zwischen den Reihen kümmerlicher Linden dahinritten. Trenck erinnerte sich an den Tag, da er zum Einkauf der neuen Uniform heimlich zuerst nach Berlin herübergekommen war – wie ein Mensch, der zu weite Kleider trägt, war ihm die Stadt damals vorgekommen. Friedrich aber, mit tiefem Unbehagen, gedachte seines eigenen Wortes vom Nachmittag: daß er verurteilt sei, dem Königsnamen, den ein Prahler sich zugelegt, nachträglich einen Inhalt zu erkämpfen. Es war so. Auch der Purpurmantel schlotterte, wie diese zu weit geschnittene Stadt.

Sie hielten am Carré, vor dem Brandenburger Tor, einem höchst einfachen, niedrigen und plumpen Bauwerk. Der Unteroffizier leuchtete ihnen ins Gesicht, schrie schreckerfüllt sein Kommando, die fünf oder sechs Soldaten, Leute vom Regiment Kalckstein, traten ins Gewehr, einer schlug verspätet einen unsicheren, nicht taktfesten Wirbel; sie waren hindurch und ritten im Wald.

Denn der sogenannte Tiergarten, der sich hier vor den Mauern meilenweit ausdehnte, war ein Wald, ein wild und regellos bewachsenes Gelände, in dem die Hirsche und Füchse frei herumsprangen. Sehr sicher war es keineswegs hier, und unbewaffnet wagte sich kein Mensch nach Einbruch des Dunkels heraus. Aber kaum ein Bürger war ja dazu genötigt. Charlottenburg, das dürftige Ackerstädtchen, vom ersten König künstlich gegründet und dann schnell wieder verkommen, war für niemand ein Ziel.

Dorthin ritten sie jetzt. Die Straße war schnurgerade quer durch den Wald gehauen, anderthalb Gehstunden weit. Sie war in äußerst schlechter Verfassung, im tiefen Sand sanken die Pferde ein bis über die Fessel. Rechts und links standen in mäßigem Abstand Pfähle für Lampen; einst, zu jenes Friedrich Zeit, war bei den Auffahrten des Hofes diese Waldstraße des Nachts erleuchtet worden. Aber die Lampen waren verrostet und zerschlagen, seit dreißig Jahren hatte keine gebrannt. Es gab keine glänzenden Auffahrten mehr. Der Reitknecht hatte eine Fackel entzündet, er ritt schräg vor dem König und dem Offizier und erhellte ihnen den Weg.

Die halbe Strecke lag hinter ihnen. Ein Wind hatte sich erhoben, und die Bäume rauschten um sie. Endlich, der ›Stern‹ war passiert, jene Stelle, von wo nach verschiedenen Richtungen Pfade durch den Forst geschlagen waren, endlich richtete Friedrich das Wort an seinen Begleiter:

»Die Ordre für morgen! Wiederholen Sie sie!«

Trenck antwortete sofort:

»Ein Regiment Kürassiere und zwölf Kompanien Infanterie marschieren von Berlin nach Potsdam, in Schöneberg macht die Infanterie halt, Gräben werden an den Dorfausgängen gezogen, Feldwachen werden aufgestellt, fünf Eskadrons feindlicher Husaren versuchen einen Überfall, sie dringen ein, das Feuer der Infanterie schlägt sie zurück, indessen kommt das Kürassierregiment heran, die Husaren eilen ihm entgegen, beunruhigen es, zerstören die Brücke, über die es kommen muß, überfallen mit blankem Säbel die Nachhut, erfolgreiches Karabinerfeuer der Kürassiere, bewegtes Reitergefecht bis an die Tore von Berlin.«

»Mit dieser Ordre reiten Sie um drei nach Berlin zurück.«

Schweigen wiederum. Windstöße nur durch die Äste, Keuchen der Pferde, dumpfes Geräusch der Hufe im Sand. Der König hatte sein Tier in Galopp gesetzt. Minuten vergingen.

»Wie sind Sie denn verwandt mit ihm?«

Trenck blickte im Jagen nach Friedrichs Gesicht. Es war geradeaus gerichtet und rot beleuchtet. Er hatte nicht verstanden und suchte nach einer schicklichen Form, um zu fragen.

»Mit dem Panduren!« sagte der König höchst ungeduldig.

»Er ist mein Vetter, Sire.«

»Ihr leiblicher Vetter?«

»Jawohl, Sire.«

»Da haben Sie einen sauberen Vetter. Einen Mordbrenner!«

Trenck schwieg.

»Wann haben Sie ihn zuletzt gesehen?«

»Noch niemals, Sire.«

»So«, sagte Friedrich. »Und stehen mit ihm durchaus in keiner Verbindung?«

»Er hat mich zu seinem Erben eingesetzt.«

Friedrich brachte sein Pferd zum Stehen. Der Reitknecht, nicht angerufen, galoppierte weiter, und sie hielten im Dunkeln.

»Zu seinem Erben! Ein Straßenräuber! Mein Feind! Wann haben Sie das erfahren?«

»Heute.«

»Ah, heute! Und wo?«

»In Monbijou.«

»Ah, in Monbijou. Und was gedenken Sie zu tun?«

»Gar nicht zu antworten, Sire.«

Sie waren wieder dicht hinter dem Reitknecht. Sie trabten. Offenbar hatte der Wind sich gedreht, von der Fackel wehte eine schwarze Rauchfahne auf sie zu. Trenck sah, daß Friedrichs Wange vom Ruß fleckig wurde. In der Ferne erschienen ein paar öde kleine Lichter.

Plötzlich beugte sich der König nach links, gegen Trenck hin, und deutlich, in einem scharfen, kalten Flüsterton, zischte er ihm zu, auf deutsch:

»Nehm' Er sich gut in acht! Der Donner und das Wetter wird Ihm aufs Herz schlagen!«

Der Wald war zu Ende. Sie langten an.

5

Franz Freiherr von der Trenck, Schöpfer und Anführer des Corps der Panduren, war ferne irgendwo in Kalabrien zur Welt gekommen. In südlichen und östlichen Ländern wurde er groß, schon in seiner Knabenzeit abenteuerlich umhergeführt von den Kriegswirren, die damals den ganzen unseligen Erdteil fast ununterbrochen erzittern machten.

Es erwuchs, unter so wilden Umständen, vom Vater her aus dem reichen Trenckischen Blute, von der Seite der Mutter aus schwerem russischem, ein Mensch von gewaltigen Fähigkeiten, ein tollkühner Soldat und bedeutender Führer, ein Ruhmsüchtiger, Habgieriger und Wollüstling von mythischem Ausmaß, ein Mars und ein Scheusal. Er war der Mann, an der Spitze von ein paar Tausend barbarischer Reiter den Krieg um die österreichische Erbfolge von seinem Gange abzubiegen; aber in seinen Greueltaten, aus Gewinnsucht und Grausamkeit begangen, tobten unmenschliche Höllentriebe ein letztes Mal zur Oberfläche empor, dieser stiftsfähige preußische Edelmann hauste in deutschen Ländern wie kein Attila und kein Mélac vor ihm, und die Flüche von Völkerstämmen heulten ihm nach auf seinen Zügen.

Über ihn hatte die Natur alle ihre Gaben gehäuft. Ein riesengroßer, herrlich gewachsener Mann – dieser Vorzug war ein Erbteil aller Trencks -, schön von Gesicht und von einer, bei so gewaltiger Männlichkeit, betörenden Gewandtheit, ja Grazie, stand er da als ein Fürst des Lebens. Seine Stärke war die der Helden aus den primitiven Geschichten der Menschheit. Er war abgehärtet bis zum Äußersten, er widerstand der Cholera wie den Nachtwachen in Eis und Sumpf. Einmal, als er dem Russen gegen den Sultan diente, rannte ihm ein Tatar den Speer durch den Leib – Trenck ergriff den hervorstehenden Schaft, brach ihn ab vor den Händen des Tataren, gab seinem Gaul die Sporen und kam glücklich davon.

In jeder militärischen Kunst galt er schon in den Jünglingsjahren als der erste Meister. Sein unbetrügbares Auge kannte sogleich jedes Terrain, jede Höhe und jede Entfernung. Er war ein großer Taktiker und wäre ein Stratege gewesen.

Das Freicorps der Panduren, so gefürchtet, so bedeutsam unter Habsburgs Truppen, war ganz allein sein Werk. Er schuf es auf besondere Weise und aus besonderem Material.

Um nämlich eine Mußezeit zwischen zwei Kriegszügen auszufüllen, hatte er sich's zur Aufgabe gesetzt, die Räuberbanden in Slawonien auszutilgen; mit dem Rade, mit Spießruten wütete er gegen sie ohne Unterschied.

Eines Tages auf der Jagd hört er Festmusik aus einem abgelegenen, einsamen Haus. Er ist durstig, er geht hinein und findet eine Hochzeit bei Tisch. Mit dem Rechte des Herrn nimmt er Platz und hält mit, er weiß nicht, daß dieses Haus ein Zusammenkunftsort der Bandenführer ist. Der Tür gegenüber sitzt er am langen, schmalen Tisch, da treten zwei schwer Bewaffnete ein, riesenhaft von Gestalt.

Er kennt sie als Häupter. Er ist ihnen der Todfeind. Sein Gewehr lehnt entfernt an der Wand. Einer der Räuber sagt:

»Trenck! Wir haben dir nichts getan, und du verfolgst uns grausam. Aber wir denken anders als du. Friß dich satt mit uns. Nach dem Essen wollen wir zwei dort hinausgehen, jeder mit dem Säbel in der Faust, da werden wir sehen, wessen Sache gerecht ist.«

Sie setzen sich Trenck gegenüber und essen und trinken fröhlich mit. Er aber zieht heimlich seine beiden Pistolen hervor, richtet sie unterm Tisch auf den Bauch seiner Gegner, drückt ab, packt den Tisch, stürzt ihn auf sie und entspringt, sein Gewehr ergreifend. Von draußen blickt er zurück. Einer der Männer wälzt sich im Blut, der andere, schwächer verwundet, arbeitet sich wütend unter Holz und Geschirr und Speisen hervor und rennt ihm nach. Trenck läßt ihn ruhig herankommen, schießt ihn nieder, haut ihm den Kopf ab und bringt die Trophäe zu seinen Leuten nach Hause.

Durch diesen Handstreich gegen ihre besten Führer hat er die gefährlichen Banden entmutigt, und wie er bald darauf zum Kriegsdienst gegen Franzosen und Bayern wirbt und einen Generalpardon auswirkt, werden diese selben Räuber der Kern seines Corps. Über Menschen also ist er gesetzt, die von Gewalttat zu leben gewohnt sind, die den Galgen nicht scheuen, Unterordnung kaum kennen, über Menschen, die nur durch Hoffnung auf freie Sättigung aller Lüste und durch tollkühnes Beispiel sich anfeuern und halten lassen.

Trenck war der Mann für sie. Beim ersten Zusammenstoß mit dem Feind, bei Linz, erraufte er sich an ihrer Spitze blutigen Lorbeer. Schon der Anblick seiner Panduren schreckte. Halbnackt unter ihren brandroten Mänteln, mit Bärten und Zopfflechten, hockten diese neuen Hunnen auf ihren zottigen Gäulen, in der Faust den Säbel, das Gnadenstoßmesser quer im viehischen Maul.

Klug, wachsam, mutig bis zum Absurden, heimtückisch dann wieder wie keiner, wußte der Oberst jeden Vorteil zu nutzen; alsbald war er in der ganzen Armee Habsburgs bekannt und berühmt. Prinz Karl, der Feldmarschall Khevenhüller, vertrauten ihm blind, Maria Theresia begann ihn mit großartigen Dotationen zu bedenken. Schließlich besaß er mehr als 50 000 Hektar in Slawonien, ein Königreich. Sein krummer Säbel fegte vor der Armee her und schuf ihr Raum. Von Österreich stürmte er vor nach Bayern.

Ein Wüten begann, ohnegleichen in neuer Geschichte. Bayern und Franzosen liefen schon, wo sie einen roten Mantel erblickten. Es wurde gemordet, zerstört und geplündert, das Beste von allen Schätzen erraffte sich Trenck. Tat einer seiner Offiziere einen ergiebigen Fang, so ward er wieder und wieder mitten ins feindliche Feuer geschickt, so lange, bis sein Oberst ihn beerbte.

Die Methoden des Dreißigjährigen Krieges wurden erneuert, dem Reichen pumpte man Jauche in den Schlund oder röstete ihm am Ofen die Füße, bis er das Versteck vermuteter Gelder bekannte. Die Bauern wurden mit abgeschnittenen Ohren und Nasen nach Hause geschickt, Frauen auf dem Rücken ihrer gefesselten Männer geschändet und dann ins Feuer geschleudert, kleine Kinder aufgespießt und den Hunden zum Fraß vorgeworfen. Die Stadt Cham ging völlig in Flammen auf, Deggendorf, Vilshofen erfuhren die rote Wut dieser Teufel, Bayern bezahlte es etwas teuer, daß sein Kurfürst gegen den Willen der Theresia als Karl VII. die römische Krone trug.

Trenck vergrößerte seine Reitermacht – sie wird unüberwindlich. Im Rheinkrieg erobert er am diesseitigen Ufer bei Philippsburg die Schanzen, schwimmt mit einer Handvoll Panduren über den Strom, überfällt auch drüben die Festung, haut selbst den Kommandanten nieder, faßt als erster Posto im Elsaß und ermöglicht so, er ganz allein, der Armee Habsburgs den Rheinübergang. Er war, der scheußlich-gewaltige Mensch, eine Figur der europäischen Geschichte geworden, Maria Theresias schlimmster Trumpf, unter so viel erhobenen Schwertern der vorzückende Krummsäbel, auch gegen Friedrich.

Im persönlichen Umgang war er liebenswürdig, ein Gesellschafter von besonderem Reiz. Italienisch und Französisch sprach er so elegant wie Ungarisch oder Englisch, er liebte Scherz, zeigte sich schlagfertig mit Takt, seine Stimme und sein musikalisches Gefühl waren so geschult, daß sich ihm jede Opernbühne gerne geöffnet hätte, seine literarischen Fähigkeiten gingen über das bloß Herkömmliche bestechend hinaus: die Formen dieses vor Bosheit, Gier und Tücke halb irren Schlächters zeigten die feinste Urbanität.

Sein Äußeres freilich hatte sich mit einem Tag zum Abbild seines wahren Wesens verwandelt. In Bayern nämlich, zur Zeit seiner gräßlichsten Taten, kam er beim Plündern mit dem Licht einem Pulverlager zu nahe, das Faß flog auf, versengt, halb gebraten, ward er zu Boden geschleudert. Seit damals war sein Gesicht, von der Natur so schön, so regelmäßig angelegt, völlig verzerrt und verzogen, durch Narben und tief eingebrannte schwarze Pulverlöcher entstellt, eine Teufelsfratze über dem roten Mantel.

Dies war Friedrich von der Trencks finster berühmter, leiblicher Vetter, Trenck der Pandur.

6

Der Weiße Saal, prunkvoll und hoch, umstellt mit den Marmorbildern der brandenburgischen Kurfürsten, war von tausend Wachslichtern hell, die eine außerordentliche Hitze erzeugten. Man hatte Hochsommer. Die Trauung der Prinzessin Ulrike mit Adolf Friedrich von Schweden sollte gefeiert werden. Er war nicht selbst gekommen, ein Spezialgesandter hatte den Bruder Ulrikens, August Wilhelm, gebeten, die Vermählung durch Prokuration vorzunehmen.

Man war versammelt. Dem Throne gegenüber, unter einem rotsamtenen Himmel, stand der Altar. Der Hofmarschall gab das Zeichen mit seinem Stabe, die Vorhänge nach der Galerie gingen auseinander, und das Paar betrat den Saal. In vollkommener Stille, acht Pagen in den schwedischen Farben hinter sich, taten sie einen Rundgang, verbeugten sich vor dem König und wurden dann von dem Seelsorger der verwitweten Königin, der ein Lutheraner war, mit kurzen Worten eingesegnet. Bruder und Schwester tauschten die Ringe, genau in diesem Augenblick ertönte von den Wällen her ein dreifacher dumpfer Salut der Geschütze.

Sie waren beide ganz in Weiß, aber präsentierten sich ungleich. Der Prinz, unbrandenburgisch hochgewachsen, braun von Haar, blau von Augen, mit träumendem, schwärmerischem Gesichtsausdruck, schien behindert zu gehen und wirkte überhaupt verlegen und scheu; die kleine Ulrike, ziemlich voll für ihren Wuchs, zeigte eine strenge und sichere Miene, ihre weiße kleine Nase trug sie sehr hoch, es war dieser Nase anzusehen, daß die Prinzessin etwas mühsam Atem schöpfte.

Auf einer Estrade, die ganz aus massivem Silber bestand, war ein Orchester versammelt. Plötzlich, mit Paukenkrach und Trompetengeschmetter, brach hier Musik los, und in so barbarischer Klangfülle begann die traditionelle Feierlichkeit bei Vermählungen im brandenburgischen Hause, der Fackeltanz.

Zwölf hohe Würdenträger, sechs Minister und sechs Generalleutnants, brennende Wachskerzen in den Händen, standen zur Zeremonie bereit. Paarweise vollführten sie den Umgang. Ihnen folgte als siebentes Paar das neuvermählte. Nach Vollendung der ersten Tour näherte sich die Braut dem König und forderte ihn zur zweiten auf. Nach dieser zweiten verneigte sich der Bräutigam vor der regierenden Königin und erbat ihre Begleitung. Wieder von der Seite der Prinzessin folgte der Rundgang mit dem ersten der rechts vom Thron gereihten männlichen Brandenburger, wieder von der Seite des Prinzen der Rundgang mit der ersten der links vom Thron gereihten fürstlichen Damen. So aber ging es fort in lähmender Hitze, beim Lärm der Trompeten und Kesselpauken, der maßlos war in dieser Akustik, so ging es sehr lange fort, denn mehr als zwei Dutzend Mitglieder des königlichen Hauses standen im Halbkreis angeordnet, und die Minister und Generale, recht unlustig in ihrer Rolle, schoben langsam die Füße, und niemand sonst war im geringsten beschäftigt bei dieser leeren Vorführung, und jedermann kannte sie zudem von früherer Gelegenheit her, mit Ausnahme der schwedischen Sondergesandtschaft, deren Anteil aber auch ziemlich bald sich zu mindern schien.

Nicht weit vom Altar stand der Botschafter Graf Tessin, ein prachtvoller Herr in mittleren Jahren, neben ihm seine erstaunlich häßliche, aber sehr vornehme Gattin, an deren Seite sich mit freundlich verschlossener Miene Rudenskjöld hielt, ferner die Schönheit der Schönheiten, Tessins Nichte, Fräulein Sparre, und bei ihr, um sie, hinter ihr, die sechsunddreißig jungen schwedischen Barone und Grafen, die mit zur Brauteinholung gekommen waren, eine überaus glänzende Suite für die Fahrt über die Ostsee: alle die jungen Horn und Taube und Wrangel und Bielke und Posse und Fersen und Brahe und Lieven.

Schon während der zweiten Runde, der mit dem König, fand sich Graf Tessin veranlaßt, seiner wundervollen Nichte vorsichtig zuzuflüstern, soviel er erkenne, sei dieser Fackeltanz kein Tanz, sondern im besten Fall eine Prozession, und er habe zwar im Laufe seines Lebens manches Öde gesehen, aber so etwas Langweiliges gebe es gewiß im höfischen Ritual der ganzen Erde nicht, nicht einmal in China oder in Spanien – da erlitt die hoffnungslose Zeremonie auch schon eine Unterbrechung.

Prinzessin Ulrike hatte den König, wie es Brauch war, bei der Hand gefaßt, aber er hatte sofort wieder losgelassen und wandelte nun so mit seinem Reitergang hinter den lichtertragenden Granden einher. Er war im Hofkleid aus blauem Samt, aber dieses Hofkleid konnte nicht recht für voll gelten, es war mit beinahe kränkender Genauigkeit der Uniform nachgeschnitten; eigentlich war es eine Uniform aus Samt. Ulrike schritt mit unaussprechlich stolzer Miene, denn dieser Augenblick, genau dieser, der überlieferte Rundgang mit dem königlichen Bruder, war ihr größter und schönster, war der Gipfelpunkt ihres Daseins, ihre eigentliche Hoch- und Glanzzeit, und sie wußte das klar und erfüllte sich ganz mit dem Gedanken und kehrte stark nach außen, was triumphierend in ihr lebendig war.

König Friedrich machte gerade kein unfreundliches Gesicht, er sah nur völlig isoliert aus, äußerst neutral, mit anderen Dingen beschäftigt, in diesem Saal nicht eigentlich anwesend. Plötzlich, als gäbe es nichts Natürlicheres, blieb er stehen, berührte den als Übernächster vor ihm gehenden General von Wreech an der Schulter und trat seitlich mit ihm aus dem Zuge heraus.

Alles geriet in Unordnung. Die Prinzessin, Tränen der Empörung in ihren kalten Augen, war stehengeblieben, aber die vier vordersten Paare schritten weiter, die Musik schmetterte fort, und es bedurfte der Bemühung des diensttuenden Hofmarschalls, um notdürftig das Arrangement zu retten. Die Musikanten schwiegen endlich, wobei ein Paukenmann in lässiger und komischer Weise nachdröhnte. Dann herrschte eine vollkommene Stille von hoher Peinlichkeit. Der König sprach mit dem General von Wreech, er gestikulierte, aber er sprach leise; es gab nichts zu hören. Endlich, nach langen Minuten, kehrte er mit unbefangener Miene an die Seite seiner Schwester zurück, worauf das Getöse der Musikbande gehorsam sogleich wieder einsetzte und der morose Akt, fortan nicht mehr gestört, sich mit gigantischem Stumpfsinn seinem Ende zuwälzte.

Nach dem Fackeltanz fand große Hoftafel in den sogenannten Paradekammern statt. Die königliche Familie speiste allein für sich im mittleren dieser Prunkräume, dem Rittersaal, an einer runden Tafel. Nach rechts und nach links hin hatte man durch weit geöffnete Flügeltüren den Blick frei in die übrigen Gemächer; dort war für die Hochzeitsgesellschaft gedeckt, im Schimmer von Kerzen und Silber. Denn von Silber strotzte diese Repräsentationsflucht, dick und schwer war es allenthalben angebracht. Dies war so der Geschmack des verstorbenen Königs gewesen, und vielleicht weniger noch sein Geschmack als seine Art, Kapital anzuhäufen. Ungeheure Schenktische erhoben sich an der Wand, etagenweise beladen mit massivem Gerät, in der Mitte jeder Eßtafel ruhte auf breitem silbernem Lager das Schaugericht, ein ganzer gebratener Eber oder ein Pfau oder ein Hirsch mit starkem Geweih. Keine Vorhangstange, kein Feuerbock im Kamin, die aus anderem bestanden hätten als aus dem puren Metall.

Im Rittersaal aber, an der Tafel des Königs, war alles aus Gold. Man speiste von Tellern, die ein Entzücken waren, nicht durch Kostbarkeit allein, sondern mehr noch durch die sanft geschwungene und gebrochene Wellenlinie ihres Umrisses. Bestecke und Armleuchter waren ebenso schön und ebenso golden. Auf goldenen Riesenschüsseln wurde angerichtet, und zwar auf vielen Schüsseln zumal, denn man servierte nach Gruppen. Immer kamen eine Anzahl Gerichte zugleich auf den Tisch, erst nur lauter Gesottenes, dann nur lauter Gebackenes, dann nur lauter Gebratenes. Es sollte, so schien es, einfach alles Eßbare geben, was zu erdenken war. Übrigens wechselte man die Teller nicht. Erst vor dem Dessert gab es neue. Auch standen keine Gläser auf dem Tisch, vielmehr verlangte jeder vom Diener seine Sorte Wein und bekam sie im Glase.

Man war nicht heiter im Kreis des Königs. Gezwungenheit herrschte. Friedrich war alles eher als ein Familienvater, man war nicht gewohnt, um ihn vereinigt zu sein. Am wohlsten schien sich noch die verwitwete Königin zu befinden. Sehr stark und imposant, mit ihrem fetten, gescheiten Gesicht, saß sie da in einer schwarzen Samtrobe, die mit Hermelin ausgeschlagen war, schwitzte und ließ es sich schmecken. Noch immer genoß sie sehr bewußt das Glück, nicht mehr den polternden und bigotten Ehemann an ihrer Seite zu fühlen, sie erfreute sich am Respekt des schon berühmten Sohnes und empfand es angenehm, nun heute aufs neue Königsmutter und bald wohl Ahnin von Königen zu sein.

Sonst aber war eigentlich keiner vergnügt an der für riesenmäßigen Appetit besetzten Tafel. Die männlichen Verwandten nicht, weil Friedrichs Gegenwart einer stillen, bösen Kritik für sie allezeit gleichkam. Der Prinz August Wilhelm im besonderen nicht, weil seinen Sinn die Komödie einer Heirat durch Prokuration bedrückte und lästig beschäftigte. Die Kronprinzessin Ulrike nicht, weil vermeintlich ihrem Glück und ihrem Rang zu wenig Ehre erwiesen wurde, weil nicht sie, sondern auch heute Friedrich der allgemeine Blickpunkt war, und vor allem, weil ihre jüngere Schwester nicht, wie sie gehofft, geschlagen und zerschmettert erschien, sondern sehr gelassen bei Tafel saß und zudem so schön, daß es geradezu ein Skandal war. ›So schön‹, dachte Ulrike ganz wörtlich, ›sieht eine Prinzessin nicht aus, das ist lasterhaft und unfürstlich.‹

Sie war in der Tat noch schöner geworden, sie befand sich auf jenem Höhepunkt einer weiblichen Existenz, auf den der Betrachter mit einem tragischen Schauer blickt: er schauert vor Abstieg und Ende. Ihr feines Gesicht war um einen Schein voller geworden, voller, kaum merklich zwar, auch ihre ganze Gestalt; selbst ihre Hände, auffallend edel in ihrer Form, hatten sich ein wenig gefüllt und zeigten nun eine sinnliche, zärtliche Glätte und Blüte. So saß sie da, in einem wunderbar einfachen Kleide aus Meergrün und Silber, zwischen zwei wahrlich unangemessenen Kavalieren, einem ihrer Seitenverwandten von Schwendt nämlich, einem Herrn mit kühner Adlernase, der sich aber vornehmlich mit Essen abgab, und ihrem Brüderchen Prinz Ferdinand, einem schwächlichen und ängstlichen Kinde, so saß sie und handhabte schweigsam ihr goldenes Besteck.

Höchst unbehaglich fühlte sich auch heute die regierende Königin. Daß Friedrich nicht das Wort an sie richtete, verstand sich von selbst, keine Wetten wurden hierüber mehr abgeschlossen. Aber das Schlimme war, daß seit neuem der übrige Hof, mit dem sie doch häufiger in Berührung kam, dieses Beispiel nachahmte und die gutherzige ländliche Dame mit schweigender Mißachtung behandelte. Auf eine Aufmerksamkeit der Königin-Mutter oder Ulrikens hätte sie lange warten können. Am freundlichsten zeigte sich sonst noch Amalie, denn Schönheit und Grazie stimmten sie zum Mitgefühl mit der armen Benachteiligten; aber heute schien sie still mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt und sprach auch nicht mit ihr.

Sie hatte sich große Mühe gegeben, um beim heutigen Feste würdig zu erscheinen, und in der Tat war ihr blaues Samtkleid im ganzen auch ohne Tadel. Aber was ihre Coiffure betraf, so mußte wohl der Teufel selbst sie beraten haben. Denn nach einer Mode, die heute schon fast verschollen und jedenfalls abgeschmackt war, trug sie ihr hübsches Haar ganz hoch frisiert, so hoch, daß es von innen durch eine Art Drahtgestell in der Form gehalten werden mußte. Dieses Gebäude war überreichlich mit lang hervorstehenden Brillantnadeln geschmückt; was aber leider ebenfalls hervorstand, das war eine Ecke jenes Gestells aus Draht, und wenn es auch Golddraht war, die Wirkung wurde dadurch nicht verbessert. Sogar der schüchterne kleine Ferdinand mußte lachen, wenn er seine Schwägerin ansah.

Man war beim Dessert angelangt. Zehn, zwölf Platten und Schüsseln zugleich wurden auf den Tisch gesetzt, das Hauptstück aber war ein ungeheurer Aufbau aus Gefrorenem, ein Staatswerk des Hofkonditors, welches, nach Farbe und Form wirklich getreu, das schwedische und das preußische Wappentier darstellte, den Löwen und den Adler. Die Schöpfung wurde maßvoll bewundert, und der Markgraf mit der Hakennase tat sogar zum erstenmal den Mund auf und schickte sich an, einen Vortrag über die Kunst der Eisbereitung zu halten, die neu war und die man, wie er zu sagen wußte, dem französischen Barometermacher Réaumur verdankte – als ihm der König, der bisher nicht weniger stumm, aber anders stumm als er gewesen war, mit einer Handbewegung das Wort verbot. Eine zweite Handbewegung veranlaßte die aufwartenden Diener, die Flügeltüren zu schließen und zu verschwinden. Der Gesprächslärm aus den anstoßenden Räumen drang nur noch als ein gedämpftes Brausen herein, die königliche Familie saß ganz allein in einem erwartungsvollen und ziemlich ängstlichen Schweigen.

Friedrich blickte sich unzufrieden um und sagte:

»Ich werde vermutlich keine Gelegenheit mehr haben, die Familie versammelt zu sehen, ehe ich abreise. Verzeihen Sie darum gütig, meine liebe Mutter, wenn ich jetzt unsere Angelegenheiten regle. Vor allem wünsche ich, daß in meiner Abwesenheit sparsam gelebt wird. Es kommen höchst schwierige Zeiten, und ob wir diese hübschen Dummheiten wiedersehen« – er schlug mit dem goldenen Löffel gegen einen goldenen Tafelaufsatz, daß es klang – »ist recht unsicher, wir werden vom Kapital leben. Also Einschränkung gefälligst und genaue Rechnungslegung? Dir, Ulrike« – er sah sie an, wenig brautbrüderlich – »wünsche ich Glück, vor allem aber wünsche ich dir Mäßigung. Du kannst mir viel nützen auf deinem neuen Posten – und Schweden auch«, fügte er mit schwer deutbarem Gesichtsausdruck hinzu. »Du hast Ehrgeiz und bist vergnügt, daß du Königin wirst, aber Königin sein ist gar nichts, von fünfhundert Königinnen meldet die Geschichte nicht ein Wort. Der Verstand, um dich in ihr Buch einzuzeichnen, ist dir von Geburt zuteil geworden, nun zügle dich auch noch, überlege dreimal, ehe du sprichst, und vor wichtigen Worten schließe dich in dein Zimmer ein. Sonst lernen die Schulbuben einmal nichts von dir als dies: sie war eine Schwester des Königs von Preußen und machte Skandal.«

Ulrike wollte antworten, mühsam holte sie Atem durch ihre kleine weiße Nase, bedachte aber dann, daß sie heute zum letztenmal gezwungen sei, dergleichen hinzunehmen, und schwieg, mit Anstrengung. Der König sprach bereits weiter, hatte sich jetzt dem Prinzen August Wilhelm zugewandt.

»Du, mein Bruder, wirst mich auf meiner Reise vor dem Feind begleiten. Du weißt, was deine Pflicht ist, wenn ich falle. Ich habe jetzt durch Rundschreiben an meine Behörden bekanntgemacht, daß du als mein Nachfolger zu betrachten bist. Um dies auch äußerlich zu bezeichnen, heißt du fortan ›Der Prinz von Preußen‹. Ich verleihe dir einen grammatikalischen Artikel« – er lachte ein wenig – »diese Art von Geschenken entspricht am besten unserem ökonomischen Zustand. Auf Schwierigkeiten wirst du nicht stoßen im Fall meines Todes, denn meine Frau erwartet kein Kind, ich werde nie eines haben.«

Dies war furchtbar grausam. Die arme Königin brach unvermittelt in Tränen aus. Kinderhaft unaufhaltsam flossen sie ihr aus den matten blauen Augen, und sie schneuzte sich mit lautem Ton. Friedrich runzelte die Brauen. Alles betrachtete ihn mit Scheu und Staunen. Da war es wieder, das Unheimliche, Unerklärbare in seinem Wesen, das immer dann hervortrat, wenn es sich um Dinge der Ehe, des Geschlechtes, der Liebe handelte. Eine bewußte Abkehr, ein hohnvolles Verneinen, ein wahrer Ekel war dann an ihm zu spüren, etwas namenlos Erkältendes, wovor man erschrak.

»Du, Amélie«, sprach er weiter, »hast erklärt, daß du dich nicht zu verheiraten wünschest. Das ist mir recht, ich habe nichts dagegen. Aber versorgt mußt du sein, und da dir kein irdischer Bräutigam paßt, habe ich den himmlischen für dich bemüht. Das wird dir, denke ich, willkommen sein, bei den religiösen Neigungen, die dich so durchaus erfüllen.«

Die ganze Familie blickte verwundert auf die schöne Amalie, denn hiervon hatte noch niemand etwas gewußt. Amalie öffnete groß die Augen. »Ich verstehe nicht recht«, sagte sie leise.

Er hob die Hand. »Sogleich. Erst ich, dann du! Als Äbtissin eines Klosters wärest du an deinem Platze, wie mir scheint. Aber wir sind ja evangelisch in Preußen, und manche von uns sind sogar kalvinisch und legen Wert darauf, und Klöster haben wir keine. Aber geistliche Stifte haben wir doch, zum Beispiel das Stift Quedlinburg, und dort, liebe Schwester, wirst du Äbtissin werden. Zunächst Koadjutorin, ich habe mich erkundigt, aber mit der Zeit wirst du schon avancieren. In ein paar Monaten wird man dich einkleiden.«

»Einkleiden?«

»Oh, du kannst dich gleich wieder ausziehen und brauchst auch nicht in Quedlinburg zu wohnen. Komm du nur wieder nach Monbijou. Die Einnahmen aus dem Stift sind ganz beträchtlich, und als Gegenleistung brauchst du nur ewige Reinheit zu geloben, was einer Dame mit deinen Grundsätzen nur Vergnügen machen kann.

Meine liebe Mutter«, schloß er und war schon aufgestanden, was alle ihm hastig nachtaten, »geben Sie mir die Erlaubnis, mich zurückzuziehen. Ich danke Ihnen für die Ehre und Freude Ihrer Anwesenheit.«

Er begab sich durch den Seitenausgang hinunter in sein Appartement, wo ihn die Sekretäre mit der Arbeit erwarteten. Beinahe zum erstenmal übernachtete er in diesem Haus. Übrigens war für die ganze Familie heute hier im Großen Schloß Logis besorgt worden.

Nach Friedrichs Aufbruch stand man erst eine Weile ziemlich benommen und stumm beieinander, dann besann sich die alte Königin auf die Forderung des Moments, sie klatschte in die Hände, die Flügeltüren gingen auf, der Dienst erschien, und zeremoniös geleitet zog man durch die Gemächerflucht zurück in den Festraum.

Bildergalerie, Kleine Galerie und Weißer Saal waren von den Dienern wieder in Ordnung gesetzt worden, an den Wänden reihten sich die geladenen Gäste, die Musikkapelle nahm von neuem ihre Aufstellung, der Ball begann.

Er war ein langsames Flimmern von Seide, Brokat, Puderfrisuren und Diamanten, ganz ohne einen Mißton männlicher Strenge, denn die Herren trugen ja genau die schimmernden Stoffe, die frohen Farben, den unbedenklichen Schmuck der weiblichen Toilette. Tänze der Gelassenheit, der ruhigen Anmut wurden getanzt, Gavotte, Branle und Chaconne. Der Graf Tessin, von Versailles her ein Meister in der Kunst, wurde ausersehen, mit der Prinzessin-Braut ein Menuett vorzuführen, ganz allein unter dem riesigen Kronleuchter der Mitte tanzten sie. Mit viel Würde, Anstand und Grazie wurde der schwierigen Aufgabe genügt, wobei der schwedische Herr höchst liebenswürdig und mit einer unfaßbaren Andeutung von Ironie das seine tat, während die kleine Ulrike unter ihrem neugeschenkten Diadem um eine Spur zuviel bewußte Hoheit zeigte.

Sonst tanzte niemand vom Hofe. Weit voneinander entfernt waren die Damen placiert, zwischen zwei Stühle war immer ein leeres Taburett eingeschoben, um den richtigen Abstand für die gewaltigen Röcke zu bezeichnen. Schön und still in ihrer Flut aus Meergrün und Silber saß die zukünftige Äbtissin und bot sich den Blicken dar. Ihr gerade gegenüber, auf der Schwelle zwischen Saal und Galerie, für sich allein, hoch aufragend in seinem Galarot, stand Trenck. Es war Sitte, daß ein Offizier der Leibgarde bei Hoffestlichkeiten im Saal die Wache hielt, ihn hatte das heute getroffen. Übrigens gab es nichts zu bewachen, er war Dekoration. Zwischen Amalie und ihm dehnte sich ungeheuer das Parkett, und von wenigen Personen wurden zur langsam schmetternden Musik die würdevollen Übungen absolviert.

Dann, nach einer mäßigen Weile, ging der Hof, unter Vortritt von Zeremonienmeistern, Kammerherren und Pagen; und nun wurde der Ball zum Ball. Neue Gäste noch waren heraufgeströmt über die Treppe vom Lustgarten her, denn sehr viele hatte man erst nach der Tafel geladen, es war plötzlich drückend voll, ein Summen, Plaudern und Werben erhob sich, es wurde mit Lust getanzt.

In der Stadt, in der Gesellschaft, kannte man die Allemande längst, in diesen Saal hier drang sie heute zum erstenmal. Nach dem zelebrierenden Schreiten der Gavotte und Chaconne wirkte sie beinahe revolutionär, mit ihrem Wiegen und Drehen nach leichter, melodiöser Musik. Fräulein Sparre in ihrer souveränen und etwas frechen Art schickte einen der schwedischen Kavaliere zu Trenck hinüber und ließ ihn fragen, was er denn so wichtig und allein da mitten im Balle zu schaffen habe und ob es ihm etwa zuwider sei, ihr die Ehre zu schenken. Er begab sich zu ihr, lehnte ab mit Worten feiner Schmeichelei und kehrte auf seinen Dienstposten zurück.

Das Gewühl wurde immer größer, die Hitze auch, es war unsicher, ob nur Geladene erschienen waren, man kontrollierte heute, am dynastischen Freudentag, an den Eingängen nicht allzu streng. Die Stimmung war fröhlich.

Eine Stunde nach Abgang des Hofes geschah dem Herrn von der Trenck dies. Er fühlte sich berührt an seiner linken, bekleideten Hand, die er auf den Rücken gelegt hielt. Es war, als ob ihm ein Schmetterling durch die Hand geflogen wäre, nicht mehr. Aber dann sah er, daß man ihm ein Papier zugesteckt hatte. Er entfaltete den winzigen Zettel. Er sah einen scharf gezeichneten Plan.

»Salle Blanche« stand deutlich zu lesen, eine Ausgangstür war markiert, der Korridor durch eine lange Linie bezeichnet, »Escalier« hieß dann das zweite Kennwort, ein Pfeil wies die Richtung nach oben, wieder folgte ein Gang, eine Biegung, noch eine, und der Weg brach ab mit einem scharfen senkrechten Strich. Für den willigen Blick formierte dieser Strich, zusammen mit der Linie des Korridors, ein klar erkennbares A.

Trencks ganze Seelenkraft war in seinen Augen versammelt, er wußte diesen Plan auswendig, kaum daß er ihn angesehen hatte. Das Pauken- und Trompetengeschmetter der Ballmusik aber, die eben einen Tusch blies, vernahm er nur noch als einen einzigen, gleichförmigen, hoch summenden Ton.

Er zweifelte gar nicht. Irgendein Hoffräulein konnte ihn necken, irgendein Kamerad konnte seinen Scherz mit ihm treiben – ihm fiel das nicht ein. Er stand Posten, er war im Dienst – das war vergessen. Er verließ den Saal durch jenen Ausgang, der ihm gewiesen war.

Einige Diener standen vor den Festräumen, dann kam niemand mehr. Ein langer Gang streckte sich vor ihm aus, in dem es ganz kühl war. Die schmale Steintreppe führte nach oben, in ihrer Höhe brannte ein kleines Licht in einem Wandblaker. Im oberen Stockwerk herrschte Dunkelheit, tiefer und tiefer, je mehr er sich von dem kleinen Licht entfernte. Die erste Biegung. Er war totenallein. Ihm drang ins Bewußtsein, wie laut er daherkam mit seinen Sporen, und er bemühte sich, den Lärm zu dämpfen. ›Man sollte gar niemals Sporen tragen‹, dachte er, ›der König trägt nie welche, weil er sein Pferd nicht plagen will. Aber jetzt fängt er Krieg an, und viele Tausende sterben.‹ Es waren nicht die Gedanken eines Offiziers bei der Garde, es waren irre Gedanken. Die zweite Biegung. Ein Band von Licht fiel über den Korridor, die Tür ging lautlos auf.

Amalie war in einem weißen, weiten, weichen Kleid. Sie war völlig bleich und zitterte stark. Sie sah ihm ins Gesicht, mit einem saugenden, starren Blick. Ihre Augen waren ganz weit offen dabei, plötzlich füllten sie sich mit Tränen. Sie breitete die Arme aus und stürzte ihm an die Brust, so gewaltsam, daß sein Silberharnisch unter ihrem weichen Leib erdröhnte.

7

Man stand in Böhmen.

Immer Berg und Tal, Pässe auf Pässe, unendlicher Wald, wenig Ortschaften nur, mit tschechischer Bevölkerung, die arm war, bigott katholisch, voller Haß gegen die Preußen. Öfters fand man Dörfer von allen Bewohnern verlassen, die Ställe und Scheunen ausgeleert, die Brunnen verschüttet. Die Märsche waren schwierig, auf den elenden Wegen hügelauf, hügelab kamen Geschütze und Wagen nicht vorwärts, die Zufuhr litt.

Der Soldat bekam nichts zu essen, Seuchen brachen aus, der Typhus, die Ruhr. Jeder spürte die Hoffnungslosigkeit der Unternehmung, die Desertion nahm überhand. Auch aus dem Hinterland kamen betrübende Nachrichten, doch kamen sie spärlich, denn die Korrespondenz mit Friedrichs Hauptquartier stockte.

Im August hatte er Potsdam verlassen. Der Beginn dieses zweiten Kampfes um Schlesien war rasch und günstig gewesen. Prag wurde erobert, Tabor, Budweis, Frauenberg fielen. Ganz Böhmen wäre sein gewesen, hätten nicht die Bundesgenossen versagt.

Er hatte auf Frankreich gerechnet, aber Frankreich, im Elsaß befreit, verließ ihn. Er hatte auf Schweden gerechnet, aber so schnell wirkte die neue Intimität sich nicht aus. Er hatte auf Rußland gerechnet, aber im entscheidenden Moment erhielt sein Feind Bestuschew dort von neuem die Macht. Er hatte auf Sachsen gerechnet, auf Sachsens Furcht vielmehr; aber die Furcht ward überwunden, und Sachsen fiel ihm in den Rücken. Er sah sich allein der gesamten Macht seiner Feinde gegenüber.

Der junge Friedrich von der Trenck hatte anstrengende, doch glückliche Wochen. Er war viel um den König, er besaß seine vollkommene Gnade. Von der Verstimmung schien, seit dem Augenblick des Aufbruchs, nichts zurückgeblieben.

Aber auf kompliziertem Wege empfing er Briefe, Briefe in jener Schrift, die einst die Worte »Escalier« und »Salle Blanche« gebildet hatte, und das erste verkleidete A, Briefe, deren Stil taumelte und sang vor Verlangen und Entbehren.

Das Gewissen schlug ihm nicht. Hatte ihm nicht der strenge und anspruchsvolle Monarch bekannt, daß auch seine Neigung für ihn dem ersten Augenblick, dem ersten Anblick entstammte. Im selben Spiegel waren sie ihm beide erschienen in jener selben Nacht. Sie waren einander ähnlich, so ähnlich einander das Genie und die Schönheit nur sein können. Er liebte die Schöne, und dem Genialen diente er, mit allen unverbrauchten Riesenkräften seiner Jugend.

Er tat den härtesten Dienst. Selten schlief er in seinem Zelt. Er ritt mit dem König. Er rekognoszierte. Er machte Fourage für das Hauptquartier. Immer schwärmte er mit einer Handvoll Reiter im Lande umher.

Die Furcht vor Franz Trenck und seinen Panduren war allgemein; er aber hatte nur den Wunsch, seinem Vetter und Erblasser selbst zu begegnen. Er besaß ein Bild des Gehaßten und war sicher, ihn zu erkennen. Aber er fand ihn nicht. Auf seine Leute stieß er oft. Ihn schreckte kein Rotmantel.

Einmal, in der Gegend von Groß-Beneschau, ritt er mit zwanzig Husaren aus. Ihm begegnete ein Trupp Panduren, doppelt so stark, die einen Fouragezug eskortierten: fünfzehn Wagen zumindest, voll mit Lebensmitteln, mit Stroh und Heu. Trenck überfiel sie, sechs Panduren entkamen, die übrigen alle und sämtliche Wagen wurden als Beute ins Lager gebracht.

Der König saß mit den Herren des Hauptquartiers in seinem Zelt bei Tisch. Trenck meldete sich.

»Lange waren Sie aus«, sagte Friedrich. »Kommen Sie allein?«

»Mit dreißig Panduren, Sire, und fünfzehn beladenen Karren.«

Der König stand auf und ging hinaus, um die Beute anzusehen. Nach einigen Minuten kam er wieder, befahl Trenck mit einer Handbewegung zu sich heran und hängte ihm den Orden Pour le mérite um den Hals, das achtspitzige Emaillekreuz mit den vier Adlern.

»Sie werden weit kommen«, sagte er, »Sie können weit kommen. Haben Sie Verluste gehabt?«

»Nur mein Pferd, Sire. Als ich absaß, schwang sich einer von den Gefangenen darauf und kam davon. «

»Nehmen Sie eines von den meinen. Nehmen Sie den Cerberus!«

Im gleichen Augenblick öffnete sich das Zelt, und ein Trompeter des Obersten Trenck wurde gemeldet. Er brachte das Pferd zurück und einen Brief. Der König las ihn zuerst. Er lautete:

»Der österreichische Trenck hat keinen Krieg mit dem preußischen Trenck, seinem Vetter. Er freut sich, daß der auch ein guter Soldat ist, und macht sich das Vergnügen, ihm sein Eigentum zurückzugeben.«

Friedrich sagte: »Da Ihnen der Vetter Ihr Pferd zurückschickt, brauchen Sie meins nicht.« Und er wandte ihm mit verfinsterter Miene den Rücken zu.

Der Zwischenfall wurde vergessen oder schien vergessen – schließlich hatte Trenck nicht gesündigt –, die Auszeichnung blieb. Sie war außerordentlich; sein Ehrgeiz, geschwellt von seiner Liebesleidenschaft, flog über alle Schranken. Schon fand er es in der Ordnung, daß ihn die Schwester des Königs liebte. Er sah sich an der Spitze einer Armee, zum Marschall ernannt, gefürstet. Der Jüngling blickte sich um in seiner Zeit, er sah Lebenskurven sich erheben, verwegener als die, der er nachstrebte.

Wenigstens war er ein Edelmann. Aber da gab es einen Mann namens Alberoni, uralt mußte er irgendwo noch leben, Sohn eines Weingärtners und selbst Kirchendiener zuerst, dann aber spanischer Staatsminister, Kardinal, beinahe Papst. Da existierte ein Mann namens Bonneval, Soldat unter Eugenius gegen den Sultan, der geht zu den Türken über, wird Mohammedaner, wird Pascha mit drei Roßschweifen und beinahe Großwesir. Da war ein Mann namens Bühren, eigentlich ein Bauer aus Westfalen, der wird Reichsgraf, wird Herzog von Kurland, wird Regent von ganz Rußland ... Unendlichen Glanz sah er vor sich.

Inzwischen stand König Friedrich geschlagen da ohne Schlacht. Durch Krankheit und Fahnenflucht hatte er nur noch die Hälfte seiner Armee. Die Panduren taten ihm furchtbaren Abbruch, sie vernichteten seine Magazine.

An einem Novembermorgen erwartete ihn Trenck vor seinem Zelt. Er kam, übernächtigt und verarbeitet. Etwas an seiner Erscheinung fiel dem Adjutanten auf. Schließlich sah er, daß der König sich die Silberstickerei von der Uniform getrennt hatte, abgerissen vielmehr hatte er sie, die Fäden hingen herunter. Auch das Orangeband seines Ordens trug er nicht mehr. Er stieg zu Pferd und ritt mit Trenck fort, selbst auf Erkundung.

Man stand im Lager vor Kuttenberg. Zwei Tage vorher hatten die Panduren die Stadt Budweis zur Übergabe gezwungen und die preußische Garnison entwaffnet. Nun umschwärmten sie enger und enger das Hauptquartier und störten alle Verbindungen. Der König wollte genau wissen, woran er war.

Sie hatten nicht lange zu reiten. Von einer Anhöhe erblickten sie im kühlen Morgenlicht ein besonderes Schauspiel.

Im Tal hielt der Trenck phantastische Parade. Er selbst, sogar von hier oben an seiner berühmten Riesengröße erkennbar, stand mit ein paar Offizieren beiseit, und an ihm vorbei defilierten hinter dem Roßschweif und der tobenden Janitscharenmusik alle seine Panduren, Raizen, Warasdiner und Talpatschen, angetan mit ihren roten Mänteln, aber närrisch und unglaubhaft geschmückt mit den hohen, spitzen Füsiliermützen der preußischen Garnison von Budweis.

Der König sagte: »Wenn Sie einmal diese Mützen erben von Ihrem Vetter, dann bitte ich sie mir aus.«

Er saß auf, und sie ritten zurück.

Im Lager wiederum böse Nachrichten. Der Rückzug wurde befohlen, Böhmen geräumt, Mitte Dezember war Friedrich wieder in Berlin.

Man fand ihn gealtert, schweigsamer, noch ernster. Aber sofort ergingen die Einladungen zu den Winterfestlichkeiten. Es war nicht Friede, nicht einmal Waffenstillstand, in Schlesien und Sachsen wurde sehr hart gekämpft; um so mehr mußte Zuversicht gezeigt werden. Große Empfangscour war bei der Königin-Mutter angesetzt, Redouten, zwei neue Opern, Galasoupers sollten folgen. Auf Gold freilich würde niemand mehr speisen bei diesen Soupers, das schöne Geschirr war bei Nacht und Heimlichkeit in die Münze gewandert, samt Feuerböcken, Leuchtern und Vorhangstangen aus Silber. Die Geldlage war verzweifelt, bei den Bankiers in London, Basel und Amsterdam war kein Kredit zu bekommen; niemand glaubte mehr an dies Preußen.

An seine Aufteilung glaubte man. Zwischen Österreich, Polen und den Seemächten war sie vereinbart. Der Kaiser starb, Friedrich war sein Vorwand für den Kampf gegen die Theresia genommen, er stand als Aufrührer da. Seine Korrespondenz mit Versailles wurde aufgefangen und kompromittierte ihn schwer. Europa begann über ihn zu lachen. Es war sein härtester Winter.

Es war Trencks herrlichster.

Er hatte sich hervorgetan, man bemühte sich um ihn, man dachte glänzende Partien für ihn aus. Er bemerkte das kaum. Ungeduld brannte in ihm von einem Dunkel zum anderen.

Lag die Eskadron in Berlin oder in Charlottenburg, so war alles leicht. Aber meist war man in Potsdam. Da ritt er denn am Abend heimlich fort, den Reitknecht hinter sich. Die Wache mußte belogen werden oder bestochen. Die Kontrolle war streng, es konnte auf die Länge kaum glücken.

Gestreckten Galopps ging es über die gefrorene schlechte Straße. Die Pferde litten. Hielt man vor der Mauer von Berlin, so begann erst der Umritt dorthin, wo im Osten die Stadt nur mit Pfählen abgeschrankt war. Nicht weit vom Frankfurter Tor befand sich eine Nebenpforte, ebenfalls verschlossen bei Nacht, aber ohne Wache, die Kleine Frankfurter Landwehre. Sie war leicht zu öffnen.

Hier stieg er ab, der Reitknecht mußte draußen im öden Vorland die Pferde bewegen, und er selber machte sich zu Fuß auf den Weg nach Monbijou. Er passierte das Stralauer-, dann das Königs- und das Spandauer-Viertel. Kam der Tritt der Nachtrunde um eine Ecke, so verbarg er sich und schloß den Mund, um durch seinen dampfenden Atem sich nicht zu verraten. Beim Schlosse kroch er durch ein Loch im Zaun, dann lief er gebückt, damit sein Schatten nicht zu weit übern Schnee falle; so näherte er sich, von der Seite, dem Haus.

In einem Zimmerchen, das neben dem Orangeriesaal lag, weitab vom Mittelbau, wo ihre Mutter schlief, erwartete ihn Amalie. Oft hatte sie lange zu warten. Sie saß in dem winzigen, warmen Gemach beim Schein einer einzigen Kerze, blickte auf eine Stelle der Papageientapete und horchte, wenn draußen Schneelasten von den Hecken rutschten. Sie fragte ihn nichts, wenn er kam, sie schaute ihn an mit weit offenen, saugenden Augen und stürzte ihm dann an die Brust, ganz so wie in jener ersten Nacht. Oft verging eine Stunde, ehe sie die ersten Worte sprachen. Und manchmal, war sie vorbei, mußte er auch schon davon, denn Tage gab es, da hatte der Dienst um elf Uhr geschlossen und begann um vier.

Ihr Glück war es, daß die Alarme selten waren in diesem kalten Winter – aus Rücksicht mehr auf die Pferde denn auf die Mannschaft. Auch diese Gefahr freilich hätte ihn nicht gehindert. Er dachte nicht mehr, er war nicht mehr ehrgeizig, alle die einstigen Triebe waren ausgelöscht vom Verlangen. Vielleicht hatte es ihn einmal gestachelt, die Schwester des Königs zu lieben, nun wußte er kaum noch, daß sie es war. Er wußte nur, daß er in den Armen keiner anderen Frau je so glücklich sein würde. Wenn er ihren Hauch einsog, wenn er nur ihre Stimme hörte, eine ziemlich tiefe Stimme, weich, mit einem aufreizenden Bruch in der Mitte, wurden ihm die Hände schwach vor Wollust.

An einem Morgen, nach erschöpfendem Reiten auf Glatteis, kam er in Potsdam zu spät zum Dienst. Der König ließ ihn absitzen und schickte ihn in Arrest zum Ersten Garderegiment zu Fuß. Trenck war guten Mutes, im Glauben, man werde ihn zwei oder drei Tage dahalten. Aber niemand kümmerte sich um ihn. Er spielte Karten mit den Offizieren der Wache und verlor, weil er die Stiche nicht zählte. Schlimm war nur, daß keine Nachricht an Amalie gehen konnte, er wagte das nicht. Aber spät eines Nachts ging die Tür auf, und sie war bei ihm. Er fragte nicht, wie sie das Verwegene möglich gemacht hatte, er öffnete die Arme, und sie fielen miteinander auf das Feldbett hin.

Inzwischen schien man ihn vergessen zu haben. Er hörte, der König sei nach Berlin gegangen. Er hörte, der König sei wieder da. Er hörte, der Aufbruch ins Feld stehe bevor. Man rief ihn nicht, man befreite ihn nicht.

Noch zweimal besuchte ihn die Prinzessin. Beim letztenmal weinte sie. Nicht über den Abschied, sie wußten gar nicht, daß es der Abschied war, es waren Tränen einer tieferen Angst, unaufhörliche. Um drei Uhr verließ sie ihn.

Ein halbe Stunde später wurde er zum König gerufen. Friedrich empfing ihn gnädig, der Haft wurde durchaus nicht gedacht. »Sie fahren mit mir«, sagte der König mit frischer, morgendlicher Stimme.

Die Reisewagen standen vor der Grünen Treppe bereit. Erstes Licht überzog den weiten Platz. Ein frischer Wind ging. Trenck stieg mit dem König ein. Gestreckten Laufes ging es nach Osten. Friedrich plauderte und scherzte. Es war ein Märzmorgen.

8

Es war, als sei Friedrichs Feldherrnbegabung in dieser Winterpause still auf ihren Gipfel gerückt. Was er geleistet hatte, wurde nun offenbar; die Armee war hergestellt, die Vorräte aufgefüllt, die Finanzen geordnet. Bei Hohenfriedeberg gewann er seinen Rang und seine Zukunft wieder.

Ein rasches Morden. Zwei Stunden nach Sonnenaufgang lagen schon achtzehntausend Tote hingestreckt.

Trenck war die Hand durchschossen worden. Er ging nach Schweidnitz, um sie zu heilen. Acht Tage saß er und lernte mit der Linken Buchstaben malen.

»Mein Freund«, schrieb ihm Amalie, »ich verbrenne, ich verdorre. Du wirst eine häßliche Amalie wiederfinden, wie kann ich sein ohne Deine Umarmungen!« Es waren nicht Briefe im blumigen Zärtlichkeitston der Zeit, sondern wilde Rufe, Hilfeschreie beinahe.

»Meine holde Äbtissin«, schrieb Trenck zurück, »das Genie Deines Bruders wird diesen Krieg rasch beenden, von neuem werden wir glücklich sein, und Deine Schönheit wird nicht leiden.«

Übrigens lernte er in diesen Wochen schärfer nachdenken über Krieg und Kriegesruhm, als bei Soldaten Brauch ist. Unendliches Elend sah er um sich. Die Festung Schweidnitz war das Lazarett der Armee, sie war die große Folterbank der Chirurgen, auf der aber tausend Unselige von barbarischen Pfuschern gräßlich mißhandelt und verstümmelt wurden. Die krummen Gassen widerhallten vom Knirschen der Knochensäge und vom Stöhnen der Verzweiflung. Mit unausgeheilter Hand ging Trenck zur Eskadron zurück.

Seine Stelle um den Monarchen hatte Rochow innegehabt. Lautlos, edelmännisch, trat der Ältere wieder vor ihm zurück.

In der Morgendämmerung von Soor stand ein sehr kleines preußisches Heer gegen einen dreimal stärkeren Feind. Großer Triumph. Letzter entscheidender Schlag. Aber als man ins Lager zurückkam, sah man, daß inzwischen Trenck mit den Seinen hier gewesen war. Sie hatten nach besten Kräften gehaust, die Kranken niedergemacht, auf Straßenräubermanier geplündert. Das Königszelt war leer, die Lagerkasse fort, das Eßgeschirr, sogar des Königs zweiter Rock. Nichts war unangerührt geblieben als Friedrich von der Trencks Pferde und Besitz. Sein Packknecht ganz allein stand lebend da und konnte erzählen.

»Wenn dieser Rock hier abgetragen ist«, sagte der König zu Trenck, »dann leihen Sie mir gewiß den Ihrigen!«

Trenck kannte schon den Ton, in dem das gesagt war. Er senkte den Kopf. Eine ungeheure Wut gegen diesen Banditen, der ihn bloßstellte, brannte in ihm. Er würde ihn finden.

Die Gelegenheit war günstig. Der Trenck stand nahe, und man kannte den Ort.

Der stille, kluge Rochow war gewonnen. Es war ein Sonntag, drei Tage nach der Schlacht. Ein Tedeum war angesetzt für den Sieg. Sie würden die Armee allein singen lassen, würden niemand aufs Spiel setzen und zu zweit ausreiten. Der Augenblick, das Glück mußten ihnen helfen.

Trenck machte sich eben fertig in seinem Zelt, da trat der Feldbriefträger ein und brachte ihm einen Brief aus Monbijou, wenige glühende Zeilen. Er küßte den Brief, steckte ihn zu sich und dachte nicht weiter nach über das Sonderbare, daß ihm ein solches Schreiben heute durch die gewöhnliche Feldpost zukam, statt wie sonst auf sicherem und geheimem Wege.

Sie führten, Rochow und er, ihre Pferde fast ungesehen zum Lager hinaus. Stille. Sonniges Herbstwetter. Man glaubte den Sonntag in der Luft zu riechen. Von einem Gegner auch nicht die Spur.

Sie näherten sich Wernsdorf im Jahnsdorfer Tale, immer noch ohne Plan, nur grimmig und ungeheuer entschlossen. Quer über eine Wiese ritten sie im Schritt auf ein kleines Gehölz zu, da fiel ein Schuß. Es klatschte nur, es war ein Pistolenschuß. Aber Rochow war vom Pferd gestürzt, mit offenem Mund lag er da, aus dem Blut quoll. Trenck wollte abspringen, wollte helfen. Da ritt aus dem Gehölz langsam der Feind auf ihn zu.

Es war ein riesengroßer Mann auf einem starken Pferd, den Pandurentschako auf, aber in einem dunklen Rock. Er war schon ganz nahe. Trenck sah das schwarzzerfressene Gesicht. Er hob seine Pistole.

Er zauderte loszudrücken. Es war König Friedrichs Uniform, die der andere trug, der blaue gestohlene Rock. Trenck zielte auf den eingestickten Stern vom Schwarzen Adler an der linken Brust.

Der Pandur hielt. Er tat, als sähe er die angelegte Waffe nicht, grüßte höflich und sagte französisch in einem Ton, als begegnete man sich auf einem Salonparkett:

»Sie werden mich doch nicht totschießen, lieber Vetter, nur um früher mein Geld zu bekommen. Das wäre sehr unschicklich.«

Trenck rief: »Ich bin nicht Ihr Vetter, ich bin nicht Ihr Erbe. Ziehen Sie!« Seine Pistole hatte er fallen lassen.

Der Pandur lächelte, was seinem gezeichneten Antlitz schauerlich stand. »Ich kenne Sie längst durch mein Glas«, sagte er. »Reiten Sie mit mir! Ich hätte Sie brieflich eingeladen, aber das hätte Ihnen Unannehmlichkeiten gemacht. Kommen Sie, kommen Sie«, versetzte er dringender, »es ist mir Ernst. Verlassen Sie diesen König, unter seinem Adler erblüht Ihnen kein Glück. Seien Sie mein Freund, mein Waffenbruder, und bald auch mein Erbe, ich werde jung sterben, ich verspreche es Ihnen.«

»Das wird sehr gut sein für die Welt«, schrie Trenck, »ziehen Sie!«

Er riß seinen Degen heraus und sprengte los auf den Panduren. Der faßte mit großer Gelassenheit seine kurze, massige Waffe, und gar nicht anders, als schlüge er einem unfolgsamen Kind über die Finger, hieb er dem jungen Vetter auf den Degenkorb, ohne sichtbare Anstrengung, aber so gewaltig, daß dem die halbgeheilte Hand wie lahm heruntersank und der Degen entfiel.

»Sie sind ein Tor«, sagte der Pandur, deutlich bedauernd. Dann grüßte er mit nachdenklicher Miene, wandte Trenck den Rücken und ritt hinweg, auf jenes Gehölz zu. Trenck, der ihm nachstarrte, sah, daß in die blaue Uniform hinten ein keilförmiges Stück aus hellerem Tuch eingesetzt war; der Rock des Königs war zu eng gewesen. Trenck vermochte das genau zu erkennen, denn der Pandur ritt langsam, ganz, als könnte ihm nichts geschehen.

Es geschah ihm auch nichts. Trenck, wie betäubt vor Scham, Betrübnis und noch einer anderen, weniger einfachen Empfindung, nahm den armen Rochow vor sich in den Sattel, ergriff die Zügel von dessen Pferd und zog im Schritt ins Lager zurück.

Alles war still zwischen den Zelten. Die Soldaten schliefen nach dem Tedeum. Das Lager war wie eine Kleinstadt am Feiertag.

Mit dem toten Rochow vor sich ritt er zum Standplatz des Königs, um seine Meldung zu tun. Er kam nicht so weit. Ihm trat der Auditeur, Herr von Paulowski, entgegen, und vor ihm stehend, zu ihm hinaufsprechend, verlangte er seinen Degen.

Trenck mußte absteigen. Man bettete den Leichnam beiseite. Ein Trupp Husaren hielt plötzlich um Trenck, er wurde zu einer Kutsche geführt, die mit vier Pferden bespannt hinter den Zelten bereitstand.

Heftig verlangte er den König zu sprechen, man antwortete gar nicht, die ledernen Vorhänge wurden heruntergezogen, es ging fort. Um sich, hinter sich, hörte er vieltoniges Getrappel der Eskorte.

Die Fahrt war lang. Schließlich fuhr man steil aufwärts. Als ihm geöffnet wurde, war es Nacht.

Ein Offizier ohne Hut stand da. Er hatte ein Licht in der Hand und las ein Papier. Trenck erkannte den Torgang, den Hof. Zweimal war er mit eingebrachten Panduren hier heraufgeritten. Er befand sich in der Festung Glatz, ein Staatsgefangener.


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