Irene Forbes-Mosse
Don Juans Töchter
Irene Forbes-Mosse

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Traumkinder

M. Bertuch pinxit

I.

Das sind des Jahres fröhlichste Tage, wenn die Februarsonne an den Dächern leckt, wenn der Schnee wie aus lachenden, überlaufenden Augen niedertropft und auf jedem verschneiten Rasenplatz tausend kleine Löcher einsickern, durch die das fahle Gras des Vorjahrs dringt; wenn am feuchtblauen Himmel die Krähen ziehen, »krah, krah, die Eiszeit ist vorüber«. Ach, wie liegt die Sonne freundlich auf den Fenstersimsen, und wenn die Türen aufgehen kommt Geruch von lebendiger Erde und lebendigem Wasser hereingeströmt: Frühlingsflut – Frühlingsflut . . .

An solchen Tagen scheint es so recht und an der Zeit, wenn eine junge Frau versonnen durch die Zimmer geht, noch nicht schwerfällig und behutsam wie sie später gehen wird, aber anders doch als sie sonst wandelte. Ein bißchen unsicher und plötzlich erbleichend beim Geruch der Hyazinthen, den sie ehedem liebte, oder wenn sie in die Küche tritt und die Frau, die jede Woche kommt, steht da und seift Küchentücher ein . . . oh, – oh, wie gräßlich, dieser Seifendunst . . . und sie preßt das Taschentuch an den Mund. Frau Laube hat mit ihrem Wachtmeister, der nunmehr 90 bei der Polizei ist, fünf gesunde Buben gehabt. Junge Frau, junge Frau, sagt sie und lächelt. Die Gnädige wird rot, es kommt etwas Aufmerksames in ihren Blick, eine ratlose, kleine Falte zwischen den Brauen, die zuckend gegeneinander streben wie die Antennen eines Schmetterlings; ist es nicht, als lauschte sie einem unhörbaren Ticken? Frau Laube beugt ihr braunes, erhitztes Gesicht über den Bottich. Sie kommt in viele Häuser, hat manches gesehen und gehört, das Femgericht das in jeder herrschaftlichen Küche seine Sitzungen hält, hat ihr wenig Illusionen gelassen über »die Leute, welche zahlen«. Aber wenn die Köchin Frieda anfängt, die Herrschaft durch die Zähne zu ziehen, so antwortet sie nur, alle Schuld gleichsam verteilend: »Nun ja, wir sind allzumal Sünder und ermangeln des Ruhms«. Denn sie ist eine bibelfeste Frau, alle Sonntag geht sie in die große Kirche, wo die Orgel so dröhnt, daß es im Rückgrat prickelt; nicht zu dem neuen Prediger der Theaterstücke schreibt, zu dem die feinen Leute gehen, nein, zu dem alten, hartkantigen, der kein Titelchen vom Glaubensbekenntnis erläßt, vor dem die Konfirmanden und Brautpaare zittern, der aber an Sterbebetten so große Zuversicht ausströmt und die Seelen der Scheidenden wie ein alter, gewissenhafter Zugführer bis zur Grenzstation geleitet. Frau Laube hat junge Damen gekannt, die, kaum daß sie ihrer Sache gewiß waren, allen Frauen ihrer 91 Bekanntschaft, sogar ihr, die Neuigkeit verkündeten; die von ihren Beschwerden erzählten, als seien das unerhörte Dinge, noch nie dagewesene; und andere wieder, die ihr Geheimnis hüteten, ganz heimlich kleine Schuhe strickten, mit selig verträumtem Blick. Sie weiß nicht, wie sie Christine einreihen soll. Denn die hat ja so viele Jahre gewartet und ist durch die schönen, leeren Zimmer gegangen, hat Klavier gespielt und Bücher gelesen, bis ihr Gähnen zu Seufzen und ihr Seufzen zu Gähnen wurde. Das hat Frau Laubes Herz manches Mal mit Mitleid erfüllt, denn sie . . . oh, wenn die kleinen Wachtmeister ausgeblieben wären, da hätte sie gar nicht leben mögen, denkt sie. Und da müßte nun doch die gnädige Frau anders dreinschauen, siegesbewußt, und spazierengehen, wie sich's gehört, mit einer Mantille, am Arm von ihrem lieben, guten Mann. Aber sie behält ihre Gedanken für sich; die blonde Köchin ist ihr von Anfang an zuwider gewesen, sie hat ein loses Mundwerk, so eine Berliner Pflanze; Frau Laube ist aus Beeskow, dort sind die Menuchen anders und haben noch Respekt vor Gottes Weltordnung – nein, die Frieda braucht nichts davon zu wissen, jedenfalls von ihr wird sie's nicht erfahren, und der Kutscher, das junge Blut, mit dem redet sie überhaupt nicht über die Herrschaft, da ginge ja die Welt aus dem Leim. Bliebe nur die Jungfer Pauline mit dem kühlen Blick, die immer so leutselig tut, und dabei ist sie doch 92 nur besseres Zimmermädchen, nicht Fisch, nicht Fleisch, ein Grenzfall, sagt Schutzmann Laube, gerade wie die Freikonservativen. Aber Pauline redet nur das nötigste mit einer Waschfrau und tut gräßlich vornehm, streckt beim Kaffeetrinken den kleinen Finger in die Luft, so eine Gans! Nun, wie Gott will! Und Frau Laube nimmt den Schöpfer und gießt heißes Wasser zu.


Derweil hat der Gegenstand dieser Betrachtung sich entschlossen, auszugehen. Rasch, sie nimmt sich kaum Zeit, den Mantel hakt sie erst zu, wie sie die Treppe hinuntergeht. Auf einmal ist er vor ihr aufgetaucht, der finstere Gemüsekeller, zu dem ein paar Stufen hinunterführen; Mohrrüben und Kartoffeln vor der Tür; und innen gibt es Sauerkraut und Dörrobst, aber auch Seife. Scheuersand und Petroleum, und eigentlich riecht es gräßlich. Aber gestern, im Vorübergehen, hat sie dort einen Augenblick stillgestanden und hinuntergeblickt, und seitdem verfolgt sie die Erinnerung an jenen braunen Dattelfelsen. Keine vornehmen Datteln, feuchtklebrig und erlesen in flachen Schachteln, auf deren Deckel ein fetter Türke mit der Wasserpfeife auf Quastenkissen gelagert, die Originalpackung verbürgt, nein, trockenste Dattelmumien zu einem einzigen Felsblock zusammengepreßt; nach Augenmaß, wie aus einem Steinbruch, wird die gewünschte Menge losgemeißelt. Oh, das Wasser strömt ihr im Munde 93 zusammen, sie bekommt heißhungrige Augen, sie muß, ja, sie muß davon haben, gleich, sie könnte Diebstahl begehen wenn es nicht anders ginge. Kaum hat sie ihre graue Papiertüte erhalten so kann sie's auch keine Minute länger erwarten, trägt sie hinüber, dort wo am Kanal die grüne Oase ist, mit Bänken und Rhododendron und einer Sandsteinfigur, setzt sich hin und ißt und ißt . . .

Ein alter Herr geht vorüber, groß und hager, er hält den Hut in der Hand, läßt die Februarsonne sein volles, weißes Haar bescheinen, er sieht mit blauen Augen brüderlich zum blauen Himmel auf, dann geht sein Blick zerstreut über Christine, bleibt aber haften und wacht langsam auf, wie beim Erkennen einer seltenen Blume. Nur zögernd geht er weiter. Nun kommen zwei Chinesen des Wegs. Komisch, Chinesen sieht man immer zu zweit, gerade wie barmherzige Schwestern. Diese sind wohl Diener oder Schreiber, von der Gesandtschaft drüben. Die haben sich da am Wasser, mit einer Trauerweide und ein paar gehelmten Enten, etwas Heimatliches geschaffen, und wenn erst die Mandelbäumchen blühen werden sie auf Filzsohlen wie auf Katzenpfoten im Garten gehen und Tee aus kleinen, henkellosen Tassen trinken. Und eine Zeile glitzert auf, die sie irgendwo gelesen: »Da sprach zu ihr der Maler Shinto-Ku: Soll ich dir ein Bild malen von einer klitzekleinen Zwergkiefer, oder befiehlst du einen alten, uralten Zwetschgenbaum?« 94

Wenn doch einer der vornehmen Chinesen käme und spräche: »Meine Dame, brauchen Sie eine Zuflucht? Treten Sie ein, wandeln Sie zwischen Bambus und Weiden, nehmen Sie dies goldgeflochtene Körbchen und füttern Sie die Enten. So – wir machen das Gittertor zu und – das weiß jedes Kind – eine Gesandtschaft ist keiner Polizei, keiner Gewalt unterstellt; niemand darf Sie vertreiben wenn Sie hier eingekehrt sind. Gastfreundschaft aber ist die Tugend des Orientalen, und im Namen unseres erhabenen Konfutse heiße ich Sie willkommen!«

Ja, aber es kommt kein Chinese; und nun muß sie wohl nach Hause gehen, oh, ihr ist so bleiern matt zumute. Nach Hause, dort wartet ein Abgrund, früher oder später, einmal wird sie hineinstürzen, da werden schneidende Worte sein, Trümmer, Trümmer, sie, die niemandem weh tun kann! Oh, nicht denken, nur nicht denken. Sie schiebt es weg, Zins auf Zins, und wenn der Verfalltag kommt, wird sie alles bezahlen.

 

II.

Nun ist Christine ein paar Straßen weitergezogen, denn sie ist inzwischen krank gewesen, erst zu Haus und dann in der Klinik, jetzt aber wohnt sie im Fremdenheim von Fräulein von Hoppenrade, das besonders auf Nervöse und Erholungsbedürftige eingestellt ist, und das ist ja ein weiter Begriff. 95 Einmal war eine Dame angereist der man sonst gar nichts anmerkte, aber plötzlich bekam sie ihren Anfall und bildete sich ein, sie sei eine Teekanne und äußerst zerbrechlich. Den einen Arm stemmte sie in die Hüfte, das war der Henkel, mit dem anderen markierte sie schwanenhälsig die Tülle; Fräulein von Hoppenrade hatte die größte Not gehabt, sie wieder los zu werden. Jetzt aber waren die Bewohner alle geistig normal, das heißt durchaus korrekt und langweilig.

Christinens Hausstand ist in der Auflösung, dort auf der Etage waltet Herr Adumeit, der Riese vom Speditionsgeschäft, da hätte es keinen Sinn, die Hoppenradesche Zuflucht zu verlassen. Ja, der Hausstand löst sich auf, sie steht fernab und sieht zu, ähnlich wie die Familie des Schweizer Robinson, die vom Strand aus die Bestandteile des Wracks vorüber schwimmen sah, die Hühnerkörbe, die Hundehütte und die Betten. (Was Robinson père natürlich zum Abhalten einer Andacht anregte: »après quoi nous louâmes le Très-Haut«; denn tugendhafte Franzosen, und wie nun erst, wenn sie aus Genf sind, reden immer im passé défini.)

Christine bewohnt ein großes Zimmer mit Loggia, die mit Efeuwänden und gesprenkelten Petunien »ein Stückchen Natur in die Steinwüste zaubert«, wie sich Fräulein von Hoppenrade ausdrückt, wohl um dem naheliegenden Einwand zu begegnen, das Zimmer sei durch den Vorbau in ein beständiges Halbdunkel getaucht. Als Christine ankam, 96 wurden in der breiten, geschäftigen Straße, in welche diese viel stillere mündet, Veilchen verkauft, sie selbst hatte einen Veilchenstrauß in der Hand, wie sie in Begleitung der damals noch unentbehrlichen Schwester Dora (in lavendelfarbigem Kattun, raschelnd von hygienischen Grundsätzen) und des verbindlich lächelnden Fräuleins von Hoppenrade zu ihrer Etage aufgefahren war. Bald kamen dann Flieder und Narzissen, und nun lagen Rosen in den Körben der Blumenweibchen; etwas matt, denn die plötzliche Hitze erdrückte sie. Die Bäume standen staubig und unfroh, bis ein Regenschauer sie durchspülte, es war ein melancholischer Höhepunkt, und hier draußen überkam einen oft das Gefühl, als sei die große Stadt eine kleine Stadt geworden, als seien die Auffahrten von Botschaftern und Fürstlichkeiten in gläsernen Galakutschen etwas gespensterhaft Mottenfräßiges, nur Geträumtes; man sei wieder ein Schulkind in den Ferien und bloß auf der Welt, um Kirschen zu essen und in der Hitze zu schlafen, wenn draußen die Spatzen schirpten, oder am Ufer hin und her zu gehen, wo die düstergrünen Äste unbewegt zum Wasserspiegel niederhängen. Ach, aber immer das Weinen in der Kehle, das beinah unbezwingliche! Es müßte einer schon von Herzen glücklich sein, um diese Verlassenheit, dieses Totsein, das so viel toter und verlassener ist als Brügge oder Mantua, nur als Hintergrund zu empfinden und nicht als traurig drückende Last . . . 97

Die gedämpfte Glut durch niedergelassene Jalousien, der Schlummer des ganzen Hauses, vom hemdärmeligen Portier auf seinem Wachstuchsofa unter der Familiengalerie, und dem Bureaufräulein mit einem Band Tovote an ihrem Fensterplatz, bis zu der Inhaberin, Ella von Hoppenrade, welche sich Bielschowskys Goethe vorgenommen, aber schließlich, charakterlos bei diesen Wärmegraden, nach dem »Katzensteg« gegriffen hatte – dies währte nun schon seine zugemessene Zeit. Jetzt kamen die abendlichen Wasserwagen gefahren, man roch den mehligen Staub, den die Wasserstrahlen hochtrieben, und fühlte erlöst das Rauschen und Sprühen auf dem Asphalt. Rolljalousien gingen rasselnd hoch, irgendwo trillerte ein Kanarienvogel, und nun begann auch vereinzelt das Surren der Rollschlittschuhe, das sich am Abend zu immer vielstimmigeren Fugen verdichten würde.

Es muß Teezeit sein, dachte das Bureaufräulein, legte seufzend Heinz Tovote in die Schmugglerhöhle hinter dem Kachelofen, wo auch eine Puderbüchse und eine Stange Lippenpomade verborgen waren, und gab ihrem Ruschelhaar einen Schubbs nach vorn. Der Portier rekelte sich ein letztes Mal auf dem geigenden Wachstuchsofa, fuhr in den Rock und nahm seinen gewohnten Platz unter dem Fenster ein, wo er wie ein Ameisenlöwe in seinem Trichter lauerte. Auf dem Sims über ihm bildete ein altdeutscher Bierkrug mit zwei rosenroten Muscheln und einem Nadelkissen in Gestalt eines 98 Fliegenpilzes ein farbenfrohes Stilleben; darüber hinweg sah er Beine und Füße der Vorübergehenden. Fräulein von Hoppenrade aber in ihrem Kemenat rückte ihr Häubchen zurecht – der »Katzensteg« wanderte zurück in den Bücherschrank – und legte ihren Mund in die gewohnten, wehmütigen Falten – Wohlwollen mit beschränkter Haftpflicht – die der Beruf erforderte.

Die kränklichen Damen kamen nun auch, teedurstig, die altdeutsche Holztreppe herabgetrippelt, in die Halle, wo der Samowar kopfwehverheißend dunstete. Von den Wänden kündeten holzgebrannte Sprüche allerhand in einem Fremdenheim nicht recht angebrachte Wahrheiten: »Eigner Herd ist Goldes wert«, »Klein aber mein«, und dergleichen. Ein lahmer Offizier, der die fünffache Bemutterung der sonst unbeschäftigten Damen stillduldend ertrug, gehörte auch zu den Stammgästen; dann gab es noch Passanten: Frau von Bolkenhagen aus der Priegnitz, deren rosablonde Töchter an kalten Kalbsbraten erinnerten, Geistliche, die zu Missionsfesten und Synodalversammlungen reisten, dann und wann einen Abgeordneten der äußersten Rechten.

Christine lebte für sich. Erst war es ihre körperliche Schwäche gewesen, nun ihre Scheu, die eine Mauer um sie baute. In aller Höflichkeit hielt sie sich fern; nur Fräulein von Hoppenrade kam bisweilen mit der Hartnäckigkeit der Pflichtbewußten zu einer ziemlich farblosen Unterhaltung. Noch immer würdevoll, aber mit den ersten Anzeichen 99 von Schneeschmelze. Es wurde natürlich ausgiebig über Christine geklatscht. Sehr zum Leidwesen der Hoppenrade. Diese war von begreiflicher Ängstlichkeit was den Ruf ihrer Gäste betraf, ein junges Unternehmen war so leicht gefährdet. Und in dieser Nachbarschaft mußte man rigoros sein; waren nicht vor kurzem erst in nächster Nähe zwei Fremdenheime geschlossen worden, wovon das eine nichts anderes als eine verkleidete Spielhölle gewesen war, während in dem anderen – Nackttänze aufgeführt wurden? Aber wie die Wasserlilie über Morästen ihren Kelch zur Sonne hebt, so strahlte die »Pension Niedersachsen« makellos mitten im Sündenpfuhl. »Und so soll es mit Gottes Hilfe bleiben,« sagte Fräulein von Hoppenrade und warf durch den Kohlendunst des Samowars einen Blick auf Gustav Richters Königin Luise, die da so hoheitsvoll und unberührt, mitten im Sturm, die Stufen herabschritt. Doch es lag etwas Anspruchloses, fast Kindliches in Christinens Wesen, was ihr alterndes Herz, wie eine verschrumpfte Rose von Jericho die unversehens in laues Wasser gerät, durch ein leises, langsames Entfalten erwiderte. Darum versuchte sie den Gerüchten entgegenzutreten, die besonders durch Frau von Bolkenhagen während des Teestündchens, gleichsam als pikante Brötchen, in Umlauf gesetzt wurden.

»Was wollen Sie,« sagte sie begütigend, »erst der Fehlschlag ihrer Hoffnungen, dann obendrein 100 die Lungenentzündung . . . da kann sie doch unmöglich schon jetzt dem Gemahl nachreisen – noch dazu Rom, bei dieser Glut.«

»Nun,« sagte die Bolkenhagen, und ihre Wampe zitterte, »die Bronchitis, denn es war keine Lungenentzündung, bestes Fräulein Ella, hat sie sich doch selber zuzuschreiben. Im dünnen Nachthemd – noch elend von der ersten Affäre – sich nachts auf den Balkon zu setzen, im März, heißt doch wahrlich Gott versuchen.«

»Baronin« – die Stimme der Hoppenrade war scharf, sie haßte es, Fräulein Ella genannt zu werden, als ob sie eine »Stütze« sei –, »wer kann in die Herzen blicken! Ich meine doch, diese einsame und immer noch leidende Frau sollte vor allen Dingen gesund gepflegt werden.« Mehr wagte sie nicht zu sagen, denn die Bolkenhagensche Verwandtschaft war begütert und weit verzweigt, und ihre Kundschaft für das Fremdenheim »Niedersachsen« von Bedeutung.

Auch heute trank Christine den Tee allein auf ihrer Loggia. Da stand ihr Liegestuhl und ein Tischchen mit Büchern; noch immer hatte sie nachmittags etwas Temperatur, sagte der Arzt, der, freundlich und ahnungsvoll, fast täglich auf eine kurze Visite kam. Ihr schauderte vor den zurückkehrenden Kräften, vor dem Fortmüssen, dem Entschlüssefassen, so oder so, jetzt wo ihr doch alles gleichgültig war. Für sie war die Krankheit gekommen wie mit Mutterarmen, hatte sie in 101 Schlaf gelullt, bsch – bsch –, o du gutes, du gütiges Fieber – aber wie rasch liefen die Tage und Wochen, und es konnte nicht immer so bleiben.

Gegenüber auf den Balkonen und Loggien erschienen nun die Hüterinnen der verlassenen Wohnungen, zogen die Markisen hoch und taten an den Petunien und Pelargonien ihre Pflicht. Drinnen in den Stuben tickte wohl keine Uhr mehr; nur der Kanarienvogel lebte in den toten Räumen sein Gefangenendasein weiter und fand keinen großen Unterschied. Es gab doch wohl nichts Einsameres, Verschlafeneres als diese Sommereinsamkeit hier am Rande der großen Stadt, mit dem fernen Rollen von Wagen und Bahnen und dem Säuseln bestaubter Baumkronen. Ach wie leer war alles geworden in den paar Monaten! Damals . . . o damals war die Angst gewesen, aber auch das süße, quälende Hoffen. Wenn sie sich nachts in ihren Kissen aufstützte – sie war ja Gott sei Dank allein – und mit großen, überwachen Augen an der Seite ihres Bettes hinuntersah, da sah sie . . . es . . . sie sah es zweijährig, so daß es gerade an ihr niederes Bett hinaufreichte, es hatte große Augen, resedagrün, wie ihre eigenen (seltsam, immer sah sie's mit ihren eigenen Zügen, nicht mit jenen anderen, geliebten) und – wie sie – einen kleinen, sehr roten Mund. Und es legte sein Händchen auf die ihre, ja sie erkannte ihre eigene kleine Kinderhand, und sie sagte leise, hintereinander: »Süßes, süßes« . . . Und nun? Es fing alles an zu flimmern, kühl fuhr 102 ihr's übers Herz, sie griff sich an die Brust, an den Leib, es war nicht mehr bei ihr . . .

O jene schreckliche Nacht! Ganz allein war sie gewesen, hatte Pauline erlaubt ein paar Tage nach Hause zu fahren, und die Köchin oben in ihrer Kammer, zu der ging ja keine Klingel. Ganz allein, erst während des wilden Zerreißens, und dann war sie, ohne Beistand, beinahe verblutet, wäre gern verblutet, denn was sollte ihr das Leben, nun ihr dies Einzige genommen war! Ach, gut war's, die Lebenskraft von sich gehen zu fühlen, sie hatte die Augen geschlossen und hoffte, sie nie, nie mehr öffnen zu müssen. Aber früh um fünf hörte sie die Tür gehen, das war der Kutscher, Franz Selenka, der zum Stall ging, zum Füttern. Unwillkürlich klingelte sie, zwei-, dreimal, endlich zeigte sich sein junges, erstauntes Gesicht an der Türspalte. »Selenka,« sagte sie, »gehen Sie bitte ganz rasch, holen Sie mir Frau Laube.«

Frau Laube kam; sie hatte nichts Gutes geahnt und gleich einen Arzt mitgebracht. Er war gut und freundlich, wenn auch an sehr andere Patienten gewöhnt. »Kleine Frau,« sagte er, »das ging um ein Haar.« Und an Frau Laubes Schulter gelehnt, von ihr gehalten und gestützt, hatte sie noch Schlimmes erduldet. Nu – nu, das geht vorüber, sagte die Frau und streichelte sie. Sie roch nicht unangenehm, nach dem Dunst eines warmen, arbeitenden Körpers, hatte dunkelumschattete Augen wie eine freundliche Häsin, und an den Wangen 103 entlang einen Flaum, wie ihn Rotbuchenblätter im Frühling haben. Frau Laube, Frau Laube! Die starken, hilfreichen Hände, die mächtige geblumte Nachtjacke an der immer ein paar Knöpfe fehlten, solche Zuflucht! Und nun war diese Zuflucht nicht mehr da! Vor acht Tagen hatte sich Christine aufgerafft und war ins Krankenhaus gefahren. Da lag Frau Laube klein und zerschmolzen, ein Altweiberhäubchen über ihrem schwarzgrauen Zigeunerhaar, die schrumpligen Waschfrauenfinger nun glatt und blaß zu beiden Seiten hingestreckt. Diese grausige Krankheit die so oft gerade die Starken und Tüchtigen überfällt, hatte sie klein gekriegt. Sie hatte zu wenig daraus gemacht, gemeint, es seien »die Jahre«; die mahnenden Schmerzen, das plötzliche Schwachwerden – sie hatte die Boten nicht verstanden. Und wie sie nun auch an ihr herumhackten, es war zu spät und diente wohl nur jüngerem ärztlichem Nachwuchs zur Belehrung. Schutzmann Laube, starr wie Andersens standhafter Zinnsoldat, die jungen Laubes, die schon in der Wiege Militärmützen getragen hatten, wie sie auch Wache standen unbeirrt, der Tod schob sie zur Seite und holte Frau Laube fort aus ihrem Wirken als Mutter vieler Söhne und Waschfrau vieler Leute.

Wieviel Liebe begegnet uns doch im Leben, dachte Christine; unverhofft, wie man Erdbeeren findet im Walde! Ihr Leben hatte Zeiten kalter Dürre gehabt, wo es sie anblies, gleichgültig und 104 fremd; aber die Wärme einfacher Menschen hatte plötzlich dazwischen gestanden, wie ausgesät von unsichtbarer Hand. O Zwiegesang, wenn solche Neigung plötzlich erwachte, in ihr und auch in dem anderen, denn so etwas war ja nur möglich wenn es gleichzeitig war. Aber vielleicht zwang sie die anderen dazu? Auf Reisen oder auch nur im Vorübergehen in der Straße hatte sie diese Gewalt ihrer Augen erfahren, wie sie fremde Augen bannten und bezwangen. Da war eine ganze Galerie; freundliche Kofferträger und Hausdiener, geplagte Familienmütter denen sie mit wärmstem Interesse zuhörte, stupsnasige Straßenjungen mit denen sie lachte, blasse Ladnerinnen denen sie mit einer Rose, einem heiteren Buch den Tag verschönt hatte . . . es waren da kleine, verschwiegene Abenteuer: einmal in der Straßenbahn, die alten, kümmerlichen Dämchen die mit einem häßlichen Kranz aus Fichtenzweigen und Papierrosen zum Friedhof fuhren; beim Hinausgehen hatte sie ihnen ihren schönen, großen Rosenstrauß auf den Schoß gelegt . . . ach und jene Arme, deren leichtfertiges und doch so trauriges Gewerbe ihr deutlich auf die Wangen gemalt war, damals, in dem Café . . . sie hatte ihr Taschentuch fallen gelassen und da hatte sich Christine gebückt und es aufgehoben und, ihr zulächelnd, hingereicht; die andere blickte auf, finster, mit einem höhnischen Ausdruck – da sah sie, wie Christinens Augen sich füllten, und auf einmal war da etwas Süßes, Unbeschreibliches 105 zwischen den beiden. Ja so war sie durchs Leben gegangen, so war nun einmal ihre Art, und Oskar hatte zornig gesagt, wenn du auch tot wärst, du würdest noch im Sarge die Leute zu umgarnen wissen. Und eben jetzt war es Ella von Hoppenrade, die, vom Schicksal geknufft und herumgepufft, ihrem Herzen ein Reiseetui von bestem gestepptem Rindsleder erworben hatte und nun doch erlebte, wie es leise darin zu rumoren begann.

*

Christine konnte den Besuch im Krankenhaus nicht verwinden. Die Menschen dort waren ihr vorgekommen wie Eingefangene die auf ihre Hinrichtung warten. Unendliches Mitleid mit Frau Laube weckte als Ober- und Untertöne Mitleid mit dem zartverkümmerten Fräulein von Hoppenrade, das so schrecklich genau rechnen und nach außen doch sorgenlos tun mußte; mit blassen Kindern in der Straße, die gar nicht wußten wie eine frisch gemähte Wiese riecht und wie ein Graben voll großer Sumpfvergißmeinnicht aussieht. O und die Tiere erst! Kettenhunde, Tag und Nacht angebunden, im Winter vor Kälte winselnd, während sich die Menschen in warmen Betten dehnen, und im Sommer verschmachtend bei umgeworfenem Wassernapf, von Ungeziefer gepeinigt in nie gereinigter Hütte; Güterzüge, vollgepreßt mit Schlachtvieh; tagelang rollten sie durch die Glut, 106 in der Nacht, auf den Stationen hallte ihr durstiges Blöken. Aber niemand ging und tränkte sie. Ach und die Erinnerung an Salzburg überfiel sie mit Schaudern, beinahe wie etwas Unsauberes. Dort, im Mirabellgarten, wo all die schrecklichen Käfige sind voll fremder und einheimischer Vögel, hatte sie den Kuckuck gesehen; seit zwei Tagen gefangen, den Kopf ans Gitter gepreßt, am Boden hockend mit bebenden, ausgebreiteten Flügeln. »Ob der Wärter ihn nicht freilassen wollte, ganz heimlich, sie würde ihm zwanzig Kronen dafür geben« – o wie böse war Oskar gewesen; das sei Beamtenbestechung, sie würde sich und ihm die größten Unannehmlichkeiten zuziehen – ganz kalt war ihr geworden, als zöge ihr jemand eine Binde von den Augen. Und als er sie am Abend wie üblich in die Arme schließen wollte – denn sobald es Nacht wurde, war bei ihm jeder Hader vergessen –, hatte sie ihn ohne alle Überlegung von sich gestoßen und gesagt, er solle sie allein lassen.

Ja, das war der Anfang gewesen; wenn es dann auch noch Jahre gedauert hatte! Und in ein anderes Bild flüchteten sich ihre Gedanken und dabei füllten sich ihre Augen mit Tränen, nun sie, erinnernd, Weißdornduft umgab, und sie in die warmen, blauen Augen sah, die bei jedem Unsinn mittaten, und so lieb . . . so lieb . . . waren. Da war die Eule in dem Wirtshausgarten. Man hatte ihr eine schreckliche, enge Höhle gemacht und ein Drahtgitter davorgespannt. Bei Tage schlief sie, 107 aber die Kinder neckten sie und ließen ihr keine Ruhe. Und wenn die Nacht kam, versuchte sie die Flügel auszubreiten und mußte es aufgeben, wie einer in allzu enger Tür seinen Regenschirm nicht aufspannen kann. Ach sie wollte hinaus in die weiche Finsternis, auf Jagd gehen, mit ihresgleichen durch die Äste schlüpfen . . . sie war von Läusen zerfressen, es stank in dem engen Kerker, gleich daneben war der Abort; o feierlicher Vogel, der sonst auf den Baumkronen Tau und Sternenlicht trank! . . . Und da war Er nachts aus dem Fenster geklettert und hatte das Gitter mit der Zange aufgerissen, und die Eule war an ihm vorbeigehuscht, fast unhörbar . . . Und den Kettenhund Pompon, der für so böse galt und doch nur so schrecklich unglücklich war, wie er den losmachte und mitnahm beim Spazierengehen; Pompon hatte sich in ein Lamm verwandelt und wurde nun bei Tage nie mehr angebunden. Oh, das war alles gut, was von dir kam, dachte sie, liebe Hand, könnt' ich dich noch einmal küssen! . . .

Sie trat an die Brüstung der Loggia. Gegenüber war fast die gleiche, die Häuser waren wohl alle zur selben Zeit gebaut; dorthin wanderten ihre Blicke oft, und allmählich war's zu stummer Sprache zwischen ihr und dem dünnen, schlaksigen Jungen geworden, der dort Kaffee trank und Aufgaben machte, und am Abend zu Nacht aß, was ihm eine wie aus Holz geschnitzte Person mit vergrämten Mundwinkeln zwischen die Bücher stellte. 108

Armer Junge, dachte Christine, was mochten das für Eltern sein, die ihn hier allein in der Glut sitzen ließen! Keinen Hund, keine Katze hatte er, die ja so viel trostreicher sein können als Eltern; nur eine große Schildkröte setzte er manchmal vor sich auf den Tisch und reichte ihr mit einer Hand Salatblätter, während die andere das Buch hielt aus dem er memorierte. Aber eine Schildkröte ist doch kein Trost, und wenn man sie auch streichelt, sie weiß nichts davon.

Vor ein paar Tagen hatte sie nun durch die Post einen Korb früher Sommerbirnchen erhalten; eine Freundin, die zu ihr hielt, wenn auch mit Betonung der mütterlich-bekümmerten Note, hatte ihn geschickt. Den größeren und besseren Teil hatte sie hübsch in Blätter verpackt und mit dem Gefühl verschwiegenen Abenteuers drüben abgegeben, zum Staunen der vergrämten Dame, welche ihr mit eingebundenem Kopf und wild flackerndem Blick die Tür öffnete und wenig oder nichts zu verstehen schien. Nur, daß ihr junges Gegenüber Manfred hieß, Manfred von Hoven, erfuhr sie bei dieser Gelegenheit (in Gedanken hatte sie ihn Melancholy Jack genannt), aber tags darauf machte sie seine persönliche Bekanntschaft, denn er war nicht umsonst Mitglied der Verbindung »Präriewolf« und hatte mit geübter Spürnase die Herkunft des Birnenkorbs bald ausgekundschaftet. Nachmittags um fünf stand er mit einem Bund süß duftender Federnelken vor ihrer Zimmertür. 109

Mit Handkuß und einer gewissen schlaksigen Grazie fand sich Mani, wie ihn seine Freunde nannten, nun öfters bei ihr ein, und allmählich hatte sich Christine aus Erzählungen und zufälligen Bemerkungen ein Mosaikbild seines Lebens zusammengesetzt, an dem sie noch immer träumerisch änderte und rückte. Alles freilich wußte sie nicht.

Manis Eltern waren vor sechs Jahren in ein Land gezogen, das gewiß schön war, denn es gab dort Papageien und Gürteltiere; diese gediehen außerordentlich in dem Klima. Aber für europäische Kinder, besonders für so nordische, dünnhäutige, mit blau durchschimmernden Schläfen war es nichts, und so mußte Mani zurückbleiben. Wenn nun in der Schule von solchen fernen Ländern die Rede war, saß er schamhaft mit roten Ohren da, denn seine Kameraden begegneten ihm mit neidischem Hohn, weil er sozusagen mitreden konnte; bekam er doch Briefe mit den fabelhaftesten Postmarken beklebt. Im stillen aber genoß er es, wenn von Sandelholz, Palmkernen und Indigo die Rede war, und letzteres hielt er lange Zeit für einen Leckerbissen, ähnlich wie Gummibonbons, aber gewiß viel kostbarer, denn der Lehrer schlürfte immer so, wenn er das Wort aussprach und mußte allemal erst schlucken, ehe er fortfahren konnte, mit einem Ausdruck als wollte er sagen: »Nicht für uns, zu teuer.«

Jene erste Zeit verbrachte Mani in der Villa von Tante Lydia, Papas Schwägerin. Dort ging es 110 schrecklich ordentlich zu. Der Garten war wie gefegt, und es durfte sich kein Gänseblümchen auf dem Rasen zeigen; das unerhörteste aber wäre ein Maulwurfshügel gewesen; doch davon sprach man nur wie von einer nicht auszudenkenden Möglichkeit. Es waren auch ein paar Cousinchen da, aber sie glichen kleinen, artigen, weißen Mäusen und hatten etwas in der Nase, das sie stockschnupfig machte. Ja, sie waren schauderhaft wohlerzogen. Dafür sorgte Miß Roberts. Nach einer längeren Pause, während der die langen illustrierten Briefe, die Manis Mama regelmäßig schickte, mehrere Wochen ausgeblieben waren, kamen rasch hintereinander eine Anzahl Briefe und Telegramme, aus denen hervorging, daß eine Seuche Vater und Mutter, wie auch das neugeborene Schwesterchen, aus dem Papageienland in den himmlischen Garten verpflanzt hatte. Mani erhielt einen neuen, aus schwarzem Cheviot angefertigten Matrosenanzug der in den Achselhöhlen einschnitt, und Miß Roberts schenkte ihm einen gemalten Spruch mit einem Schäfchen und einer Passionsblume. Die Mutter der kleinen Cousinen küßte ihn, doch war sie trotz mehrerer Kinder im Küssen merkwürdig ungeschickt; als ob ein Specht pickte, und Mani fühlte sich hölzern dabei und entwand sich ihr.

Dies war das erste Bild in seinem Guckkasten. Dann machte es knips, und er saß im Dunkeln; und dann machte es wieder knips, und er war bei Herrn und Frau Major Lautenschläger, oder Onkel 111 Paff und Tante Pienchen, wie sie sich von ihm nennen ließen. Im Regiment aber wurde Onkel »Paukenschläger« genannt, was auch besser zu ihm paßte. Warum Mani gerade zu ihnen kam, erfuhr er nicht. Es waren gute Schulen in der kleinen Stadt und das Leben sehr billig, Tante Spechtmeise hatte es sich wohl so ausgedacht; hier war er nun und hier fürs erste blieb er.

Damals erwartete Onkel Paff täglich seine Beförderung und der Zustand war vulkanisch. Wenn mittags der Postbote klingelte, fuhr sich Tante Pienchen mit der kleinen verarbeiteten Hand ans Herz. Sie war eine zierliche Frau mit blanken, braunen Augen und erinnerte an ein ausgestopftes Eichhörnchen das anfängt schäbig zu werden. Onkel Lautenschlägers Stimmung war besonders gereizt, weil sein Gegenmajor auf dieselbe Rangerhöhung wartete und eine Gelassenheit zur Schau trug, die vielleicht nicht echt war aber erbitternd wirkte. Zwischen beiden Herren bestand eine Antipathie, unabänderlich wie gewisse chemische Gegensätze. Jeder suchte dem andern gegenüber seine Eigenart doppelt zu unterstreichen. Onkel Paff seine Bärbeißigkeit, sein Rivale aber die tadellosen Formen des ancien régime, deren verlorenes Rezept er gefunden zu haben glaubte. In der Taufe hatte er den Namen Adolar erhalten. Namen verpflichten. So fühlte er sich als Protektor der Künste, saß in den Malerateliers und redete von Komposition und Chiaroscuro, oder hielt den ersten 112 Liebhaber auf der Straße fest, um ihm die Widersprüche im Charakter Hamlets zu erklären. Mit einem phänomenalen Gedächtnis begabt, war er mit Zitaten angefüllt wie eine Weihnachtsgans mit Kastanien. »Denn wie sagt unser alter Horaz?« – oder »Wie schon der Dichterfürst bemerkte« – und dann prasselte es nieder auf die erstaunten Zuhörer. Onkel Paff aber behauptete – sehr zu Unrecht –, Adolar bereite sich mit Hilfe von Büchner und Brockhaus vor, und Adolars Gattin hätte die Rolle des Schleppers und brächte mit Geschick das präparierte Thema aufs Tapet.

Mit besonderem Hochgenuß trug Onkel Paff seine Verachtung für Adolars vornehme Allüren zur Schau. Dieser liebte es, als vollendeter Weltmann seine Unterhaltung mit kleinen französischen Lichttupfen zu schmücken. So pflegte er seine Frau mit den Worten »Baronne, votre équipage vous attend« (es handelte sich um eine der ziemlich schäbigen Droschken, die das Städtchen aufzubieten hatte) zum Aufbruch zu mahnen. Worauf alsbald Onkel Paffs Kommandostimme ertönte: »Pauline Lautenschläger, marsch – marsch, unsere Elektrische geht in zehn Minuten.«

Bei Onkel Paff blieb Mani zwei Jahre. Er erlebte den Schreckenstag, als ein blauer Brief allem Hangen und Bangen ein Ende machte, worauf Onkel den Rock mit dem engen Kragen, in den er es fertig brachte auch noch den Serviettenzipfel zu stopfen, ablegte, sich in einen graugrünen 113 Jägersmann mit Hirschhornknöpfen verwandelte und mit seinem Schnauzer Strupp stundenlange Wanderungen unternahm, wobei er jeder Ameise sorgsam aus dem Wege ging und in tiefer Brust einen schweren, stillen Kampf ausfocht; denn Adolar war Sieger geblieben. Sie zogen nun in eine kleinere Wohnung und die Einrichtung ihres Wohnzimmers wurde vom neuetablierten Zahnarzt erworben: Die Salongarnitur aus braunem, gepreßtem Samt, der Tisch, auf dem Goethes Frauengestalten von Kaulbach und die illustrierte Bibel von Schnorr eine weinbekränzte Alabasterschale flankierten, das Nußbaumvertiko und sogar die Säule mit dem Hochzeitsgeschenk eines befreundeten Altphilologen, eine Clythia aus Elfenbeinmasse, welche Tante Pienchen eigentlich froh war loszuwerden, denn sie fand sie unanständig und hatte überhaupt die mit Mißtrauen gepaarte Aversion gegen Busen, die bei mageren Frauen nicht selten ist . . . sie alle zogen schwankend von dannen auf Dienstmann Schuchardts kleinem Umzugswagen, in einen Raum wo Menschen künstlich-stoisch oder natürlich-feig ihrer Folterung entgegensahen. Nur der Glasbehälter mit den Goldfischen begleitete Lautenschlägers in das neue Heim. Pienchen liebte Tiere über alles, und da Strupp jeder Katze das Lebenslicht ausblies und Onkel Paff Vögel in Käfigen nicht duldete, blieb sie auf das Aquarium angewiesen. Außerdem besaßen sie noch eine Schildkröte, inoffensiv und 114 langweilig, welche Mani von Zeit zu Zeit mit Onkel Paffs Säbel aus ihrer Einsiedelei unter dem Kleiderschrank hervorschieben mußte; dann wurde sie auf die Küchenwage gesetzt und Tante konstatierte, wie bei einem Säugling, ob das Futter bei ihr anschlug oder nicht.

Nachmittags wenn Onkel Paff mit Strupp wanderte, war es nun so still im Haus. Keine Ordonnanzen, keine Besucher mehr. Tante saß an ihrem Fensterplatz hinter den Schiefblattpflanzen und nähte. Sie hätte ja nun ihre Ruhe genießen können. Aber es fehlte ihr etwas. Wie einem Eisenbahnschaffner auf Urlaub das Schnaufen und Stampfen der Lokomotive. Drunten im Gärtchen, wo das niedliche Reh aus gebrannter Tonmasse im Grase lag, schlichen Katzen durchs Gebüsch und spähten nach brütenden Vögeln. Pienchen, die dem Verein »Vogelschutz« angehörte, war durch dessen Satzungen verpflichtet solchen Raubtieren Fallen zu stellen oder giftige Brocken auf den Weg zu streuen. Aber sie war auch Mitglied des Vereins für herrenlose Hunde und Katzen, und so sah sie sich einem Dilemma gegenüber das sie vermittelst einer Knarre zu lösen suchte, die sie heftig aus dem Fenster schwang, sobald sich eine Katze zeigte. Doch das alles störte ihren Nachmittagsfrieden.

Dann aber kam Onkel Paffs Krankheit. Er magerte furchtbar ab und bekam schlimme Beine, und alles, worauf er Lust hatte, durfte er nicht essen. Strupp schlich trübselig herum, die weiten 115 Wege hatten aufgehört. Auch Onkel Paff wurde der Tag lang, denn er war nie ein großer Bücherfreund gewesen, und der Tabak schmeckte ihm auch nicht mehr. So vertrieb er sich die Zeit indem er Schweinchen und kleine Jäger aus Eicheln anfertigte, die nach Jahren noch, ihrer Lanzen und Beine teilweise verlustig, an Garnrollen gelehnt, auf Tantens Schreibtisch standen. Aber dann war es auch damit nichts mehr, und eines Tages, plötzlich, wenn auch nicht unerwartet, kam die Ablösung, und Onkel Paff mußte sich melden beim himmlischen Appell. Eigentlich paßte er nicht in den ihm zugewiesenen Himmel, schon wegen der ewigen Sanftmut, und dann, du lieber Gott, bei seinen Ansichten! Denn er gehörte zu einem Antisemitenbunde allerblutigster Observanz, und wenn er nun dort oben einem Erzvater begegnete, oder beim Harfenkonzert neben einen Mann namens Jesaias oder Joel zu sitzen kam! Ja, in die ewigen Jagdgründe, mit Strupp an den Fersen, das wäre passender für ihn gewesen. Aber man darf sich ja seinen Himmel nicht aussuchen.

Pienchen zog um, zum letzten Male hoffte sie, vor dem allerletzten Umzug zu dem man keinen Möbelwagen braucht. Sie zog an einen kleinen Badeort im Lippe-Detmoldschen, wo sie eine Freundin hatte, und im Sommer ein Zimmer vermieten konnte – dadurch hatte sie dann schon fast die Miete heraus. Mani aber erhielt die Schildkröte und kam nach der Hauptstadt zu einer 116 Cousine von Tante Spechtmeise, der Malerin Hanna von Schlichtegrell, die hauptsächlich den Landadel porträtierte und nicht viel zu Hause war. Er kam auch aufs Gymnasium, und nun wurde es ernst. In alle exakten und unexakten Wissenschaften wurde er eingeführt, lernte turnen und singen, machte botanische Ausflüge mit der Klasse und zeichnete verstaubte Gipsköpfe und Ornamente ab. Der zürnende Achill und der blonde Siegfried wurden ihm als Ideale fürs Leben dargestellt; dazu lernte er »Liebet eure Feinde« wie auch die peinliche Sache vom Backenstreich und der anderen Wange, und das war ja ähnlich wie Pienchens Dilemma zwischen Katzenverehrung und Vogelschutz; aber er dachte darüber nicht nach, die Hauptsache war, daß man zu Ostern nicht sitzen blieb; so sperrte er den Schnabel auf und schluckte die geistige Mischkost. Antipathisch waren sie ihm alle, diese eitlen bramarbasierenden Helden sowohl wie diese Apostel mit ihrer Demut und Aufdringlichkeit. Später, oh – wie rasch würde er sie vergessen, die einen wie die anderen. Fort wollte er, übers Meer, in fremde, farbige Länder hinein . . .

*

Wie so die Tage und Wochen dahingingen, hatte sich eine stille, fast verschämte Freundschaft gefestigt, die sie verband, die müde, träge Frau, die gern dem Leben vom Ufer aus zuschaute, ohne 117 den Wunsch zu spüren noch einmal seine Wellen aus eigener Kraft zu teilen, mit dem feinen, entwurzelten Knaben, der so vieles komisch fand, still seine Schildkröte streichelnd, ob er auch von der Sinnlosigkeit seiner Liebkosungen überzeugt war. Abends, wenn die ärgste Glut vorüber, gingen sie nun auf Explorationen aus, und da hatten sie zufällig in einer erst teilweis bebauten Straße einen Ort entdeckt, an den sie oft zurückkehrten. Durch einen kühlen Torweg trat man in den großen Hof; rechts und links und über dem Eingangstor waren Künstlerwohnungen und Ateliers, Galerien liefen an ihnen entlang, mit welken Eichenkränzen und gebleichten Pferdeschädeln dekoriert; das sei noch vom letzten Künstlerfest, sagte ihnen die Pförtnerin, eine behäbige Frau mit Puffärmeln, Holbeinhaube und mächtigem Schlüsselbund angetan wie Martha Schwertlein. Zu ebener Erde war eine kleine Bierstube, ein kühler, dunkler Raum, die weißgetünchten Wände mit Skizzen bedeckt. Aber so am Abend war es schöner mitten im Hof unter der blühenden Akazie zu sitzen. Martha Schwertlein brachte Limonade, ihr Sohn in Lederkoller und Barett trug Stühle herbei; es war ein amüsanter Kitsch, zugleich unwahrscheinlich und selbstverständlich wie ein zusammengewürfelter Traum, besonders wenn am offenen Ende des Vierecks, hoch oben, ein Vorortzug durch die blaue Luft puffte, wie aus einer Spielzeugschachtel hervor. Auf den Galerien 118 erschienen Frauen und Kinder der Maler, ruhten in Hängematten und Liegestühlen oder aßen bei farbigen Papierlaternen zu Abend, der Hitze entsprechend in allerleichtester Gewandung, die schönen, kleinen Kinder nackt und sonnenbraun. Dann preßten sich Christinens Hände ineinander und etwas Schmerzvolles zog ihre Lippen flach.

Dorthin und in den Charlottenburger Schloßgarten, wo er sich damals noch in sumpfiger Wildnis, Schilf und Schwertlilien mit tausendstimmigen Froschkonzerten verlor, gingen ihre Abendwege. Im Zoo war's schöner in aller Frühe, dort hatten sie stille Bündnisse mit dem Lemuren, dem Waschbär, dem Wasserschwein und ähnlichen anspruchslosen Geschöpfen; während die großen Glanznummern – wie alles allgemein Anerkannte – keine rechte Teilnahme erweckten. Manchmal wanderten sie auch im Botanischen Garten, der hauptsächlich Stäbe mit weißen Emailleschildern hervorzubringen schien, oder sie gingen ins Palmenhaus, hörten die Feuchtigkeit in warmen Tröpfchen niedersickern und bildeten sich ein, sie säßen im Urwald und müßten nun bald an die Zubereitung ihres Frühstücks aus Kokosmilch und gerösteten Bananen denken. Auf allen diesen Wegen hatte Christine allmählich die kleine Grisaille – Manis Leben – kennengelernt, manches auch – und das gerade war für sie das wirklichste – hineinphantasiert, und nun war es gar nicht mehr denkbar, daß sie vor wenig Wochen 119 tagelang allein gesessen hatte, kein leises Anklopfen ihn ankündigte, der sich schmalhüftig in seiner verwaschenen Leinenjacke zu ihr setzte, nur wenig und zierlich aß und trank, sich in den »Großen Brehm« vertiefte oder einsilbig und doch lächerlich von der Schule erzählte, mit leise spielenden Nasenflügeln, oder auf seiner Mundharmonika einförmige Harmonienfolgen blies oder das von ihm selbst erfundene Stück, das sie die Quadrille der Gürteltiere nannten. Ja, wenn er so dasaß, ihr mehr zu eigen als irgend jemand sonst in dieser Riesenstadt, meinte sie fast, jenes kleine Wesen, das nicht zu Ende gereift war, sei irgendwie in Mani hineingeschlüpft und darum auch sei ihr bohrender Gram so viel leiser geworden. Hätte Mani Eltern oder Geschwister gehabt, wäre er ein glückliches rotbäckiges Kind gewesen, ihre Seele hätte nicht so mit allen Fühlfäden nach der seinen gelangt. Aber so lag ein behutsames Trösten in ihrem Liebkosen, oh, unendlich behutsam, denn sie spürte da etwas Herbes, etwas bei aller Jugend und Unschuld schon auf der Defensive Stehendes, das auch deshalb das Komische im Traurigen aufspürte und sich vor jedem Überschwang verkriechen und schwer wieder hervorzulocken sein würde; denn was sie beide einte war das, was am stärksten bindet, aber auch am empfindlichsten ist: der Geschmack aneinander. Doch ihre Hände waren dünn und leicht, ihr Kuß fast körperlos, wenn sie ihn küßte, o sie verstand 120 es, hineinzuwittern in solche kleine, verwunschene Tierseele, und keine Nymphe aus Dianas Gefolge hätte ein scheues Rehböckchen unirdischer gestreichelt. Wenn sie auch manchmal fast schmerzhaft danach verlangte, ihn einmal nur auf den Schoß zu nehmen, seinen schmalen Kopf an ihrer Schulter zu fühlen und ihn zu wiegen, langsam, lange, wenn am Abend die Rüstern dunkel wurden und das Wagenrollen fern und traurig klang, wie aus einer fremden, versunkenen Stadt.

 

III.

Der Weg geht weiter, und ob man zögert, weil da eine Oase ist die man ungern verläßt, oder weil man sich zu matt fühlt um bergan zu steigen, man schreitet doch, die Zeit nimmt uns bei der Hand, und manchmal hat sie Mutteraugen die freundlich geleiten, manchmal aber ist sie eine strenge Gouvernante die das kleine Mädchen zum Zahnarzt führt.

»La vie devient tellement simple quand on est très malheureux« – las Christine in einem der vielen Romane, die ihr die Frau des Botschaftsrats in großen Mengen lieh und die ihr, der noch Unbelesenen, wie Wunder der Seelenkunde und des Verstehens vorkamen. Der Satz ließ sie nicht mehr los und sie schrieb ihn zwischen Adressen, Telephonnummern und Verabredungen, auf die Rückseite ihres Briefblocks, des wenig 121 verschwiegenen Vertrauten ihrer plötzlichen Einfälle; denn er lag, jedem zugänglich, auf ihrem Schreibtisch, und Oskar hatte die Angewohnheit, beim Vorbeigehen mit gehobenen Brauen einen Blick darauf zu werfen, wie auf eine Fiebertabelle. Ach, dachte sie, jenen Worten nachsinnend, selig in ihrem Leid sind die, welche sich in ihm klären, immer einfacher werden, wie jene großen Freskogestalten die ihren steinigen Weg gehen, ein Wasserkrug, ein kleiner Brotlaib genügend ihrer Notdurft, eine zartgeränderte Blume ihrem Geiste zur Feier, ein Granatapfel, ein pickendes Vöglein ihrer Augen heitere Lust. Und als sie später die Ziegenpfade über den Steinbrüchen Fiesoles kennen lernte und es sie immer wieder dorthin zog, wo die Myrten das Geröll umklammern, bitter duftend in der Dürre, wenn sie über die Hügel Toskanas blickte, wie sie karg und lieblich am Himmel stehen – da kam diese große Einfachheit über sie, schmerzhaft wie Versäumnis. Denn es war ihr nicht gegeben, Fesseln zu zerschlagen, sie hielt still, bis sie verdorrten, abfaulten, abfielen, um dann später die versäumte Zeit zurückzusehnen, im harten Erkennen, daß sie Opfer innerer Schönheit gebracht . . .

Ach, ihr Leben war nicht »simple« geworden durch das Leid; nein, es war ein chinesisches Geduldspiel, Rücksicht auf Rücksicht, Schachtel in Schachtel, und in der allerinnersten eine hohle Nuß, in der eine trockene Erbse klappert. Und war das ringsumher nicht auch so, oft – oft? Ja, war 122 nicht das letzte Greifen und Suchen sterbender Hände auf der Decke ein Greifen nach ungepflückten Blumen, nach Früchten, die ihnen nicht gereift, nach der Liebkosung, die ihnen nicht geworden? Nun ging sie durch eine Welt der Schönheit, aber sie fühlte sich wertlos und gedemütigt; ja, ein schön gewachsener Baum in seinem Einzelstolz konnte sie mit Trauer überkommen. Das alles war in sich vollendet; es hatte das Gesetz erfüllt, nur sie . . . trieb so dahin. Und sie erkannte, daß an diese Marmorwände ihr Leben seine Saugwurzeln nicht klammern konnte; nein, fremd und verschüchtert stand sie mitten drin, wie ein Armer, der unvermutet in einen Saal tritt wo reiche Leute Weihnachtsbescherung halten.

Aber dann waren auch hier die kleinen, bescheidenen Erlebnisse zu Wohltätern geworden, die Christinen durchs Auge in die Seele drangen. Irgend ein schöner sonnenbrauner Mensch, auf seinem Karren ausgestreckt, einen Grashalm kauend, der sich nach ihr umsah und sie langsam, erkennend, anlächelte, bis seine weißen Zähne sichtbar wurden und sie zurücklächeln mußte. Junge Maremmahunde, wie kleine Eisbären, in einem Haufen raschelnder Maishülsen spielend, ein Nönnchen, das, einen grünen Papagei auf der Schulter, Tomaten pflückte, und süße, kleine, braune Mädchen am Rand eines großen Brunnenbeckens sitzend, die ihre winzigen Papierfächer spielen ließen, wie es die kundigste Sennorita nicht besser 123 gekonnt hätte, derweil ein Trupp sonntäglicher Karabinieri an ihnen vorüberschritt, rasch, in schönem Rhythmus, hochgewachsen, festlich, mit der unschuldigen Eitelkeit gut gestriegelter Pferde. Ja, da war vieles, vieles, und alles so am Wegrand, was ihr das Leben leichter machte.

Die römische Saison war vorüber, als sie endlich eintraf – immer wieder hatte sie ihre Abreise verschoben –, die Feste vorbei, die Gesellschaft auseinandergestoben, ans Meer, ins Gebirge, in kühle, weitläufige Villen. Sie trug ihre schönen, neuen Kleider, als gingen sie sie nichts an, auf den kleinen Empfängen der Botschaft oder bei sich in dem düsteren Palazzo, der in einzelne Wohnungen zerteilt an viele ausländische Familien vermietet wurde. Mit einem gewissen Möbelbestand der dazu gehörte. Der große Salon, mit fremdem Hausrat spärlich-feierlich möbliert, mit rotem, fadenscheinigem Kirchendamast an den Wänden, nicht anders als ihn die vorherigen Bewohner, ein junges amerikanisches Paar, verlassen hatten, er war ihr recht so: ganz unbeschwert von Erinnerung. Draußen sprangen die herrlichen Brunnen, die Zeitungsverkäufer schrien ihre Blätter aus, jeden Abend war es wie eine gellende Explosion, die allmählich dann, immer weiter getragen, verhallte, und an den Straßenecken wurden Gardenien verkauft, auf flachen Körben, heftig duftend, mit angebräunten Rändern, wie ein Zuviel der Liebe das eben anfängt ein bißchen widerlich zu werden. 124

Die Menschen die noch da waren kamen ihr freundlich entgegen; aber ohne es zu wollen zog sie einen Schleier um sich, und bald hieß es, sie sei »très-difficile à apprivoiser«. Nur an zwei alte Frauen hatte sie sich enger angeschlossen. Die eine, einst eine Schönheit, führte ein verzaubertes Dasein auf ihrem Dachgarten unter den Sternen; nach tragischem, ihrem Eigenwillen entsprossenem Schicksal, machte sie mit immer noch reizendem Munde kleine, bittere Bemerkungen, über die sie dann selber lachen mußte. Sie hatte in Christinen etwas Verwandtes gespürt und sie aufgenommen in ihren kleinen Kreis weltfremder Menschen, zwischen denen der Kater Fumagalli und eine uralte Kröte Filomene, die unter einem Blumentopf hauste, keine geringe Rolle spielten. An den Wänden ihres Musikzimmers hingen Bilder von Dichtern und Künstlern mit enthusiastischen Widmungen; verstorbene oder sehr alt gewordene. Denn Miß Trelawny war jung gewesen, als Tennysons Königsepos neu war und die Männer ihres Landes alle mehr oder weniger dem Prinzen Consort ähnlich sahen. Aber ihr Leben hatte den damaligen, hausbackenen Idealen nicht entsprochen. Sie war weit mehr jenen mimosenhaften, aber in der Liebe tollkühnen Geschöpfen aus der Zeit Byrons und Shelleys verwandt – créatures farouches –, deren hochmütige Reinheit sich plötzlich, ohne jeden Rückhalt preisgab, mit der weißglühenden Leidenschaft von Heiligen die auf 125 Dornen gebettet der Engel Harfen rauschen hören. Nun war sie alt, fast körperlos, eine kleine Alabasterlampe in der noch immer die Flamme zehrt. In Erinnerungen lebend und sich zermürbend in Mitleid, hauptsächlich um kranke, herrenlose Tiere, die sie auf den Straßen auflas oder von den Nachbardächern an sich lockte. Auf den vielen Irrfahrten ihrer Jugend hatte sie auch Heidelberg und Freiburg besucht; die deutschen Romantiker und der frühe, leidenschaftliche Goethe waren ihr geläufig, und manches Mal bat sie Christine, ihr aus den feinen Lederbändchen vorzulesen, Werthers Leiden, Hoffmann, Tieck und Arnim . . . am liebsten vom Kapellmeister Kreisler und seinen wildtraurigen Sprüngen. Denn am innigsten war sie doch mit der Musik verwoben, es waren dunkle, heimliche Saiten, die mitklangen. Christine mußte vierhändig mit ihr spielen, eine Beschäftigung der das alte, zerbrechliche Wesen mit rührender Hartnäckigkeit oblag. Gluck und Mozart und Rossini . . . was zog nicht alles an ihr vorüber! Wenn Christine dann Abschied nahm, war da etwas in Miß Trelawnys großen, brennenden Augen, wie sie sich, eine kleine Öllampe in der Hand, über das Geländer beugte, das ihr nachging wie ein unerlöster Geist.

Die andere Beschützerin war eine breitschulterige Matrone, die sich in der Ciocciarentracht auf der Spanischen Treppe noch besser ausgenommen hätte als in Brokat und Perlen; in der Art wie sie 126 den Kopf trug und mit dem leisen Nachtmottenpelz an den bräunlichen Wangen, hatte sie gleich beim ersten Sehen Christine an Frau Laube erinnert; auch die großen, breiten, aber schlankgefingerten Hände waren dieselben; nur daß Frau Laube keine solche römische Baßstimme gehabt hatte, und nicht um alles solche großen, schwarzen Zigarren geraucht haben würde, wie es die Prinzipessa unaufhörlich tat. Diese war die Stammmutter einer zahlreichen, mit allen großen Häusern verschwägerten Nachkommenschaft. Unter ihren Enkelinnen waren einige der schönsten und auffallendsten jungen Frauen Roms. Sie wußte in deren Leben genau Bescheid, ihr konnten sie nichts weismachen, aber sie drückte wohlwollend beide Augen zu, wenn sie Unerlaubtes witterte. Faut bien que jeunesse se passe, sagte sie. Aber mit äußerster Strenge hielt sie auf Dekorum. Liebhaber? . . . nun ja . . . die Ehe war eben ein Prokrustesbett, und der Mensch sollte erst noch geboren werden, dem es nicht zu kurz oder zu lang war. Aber eine Ehescheidung, überhaupt ein Skandal, fi donc, nein, da war sie eisern. »Natürlich, tesoro mio, ich rede für uns, bei euch Protestanti ist das alles anders. Ihr eßt ja auch Fleisch am Freitag und tanzt in der Fastenzeit, und eure Preti haben Ehefrauen und taufen ihre Kinder selbst, un' idea buffa! Ja, dann kommt ihr uns mit den Borgias und ähnlichen Geschichten. Sind doch alles Privatsachen gewesen, und das macht 127 den ganzen Unterschied. Und dann, bambina mia, Alexander der Sechste, nun ja, es war gewiß nicht alles korrekt, aber schließlich war er doch un gran simpaticone!« Dann streichelte sie Christine mit ihren herrschsüchtigen und doch milden Händen und fütterte sie mit märchenhaften Bonbons aus einem rosa Atlassack, da die Kleine ja leider ihre Zigaretten verschmähte.

Christine wurde um diese Zeit vierunddreißig Jahre alt; doch erschien sie jünger. Ihre Augen, leicht überlaufend in plötzlicher Erregung; ihr Haar von jenem Braunblond, das in der Sonne licht, im Schatten dunkel scheint – man wußte nie recht, ob sie den Blonden oder Brünetten zuzurechnen sei, – dazu kam, daß ihre blasse Haut, bei Blondinen eine Seltenheit, sich im Sommer bräunte; mit nur wenigen kleinen, dunklen Sommersprossen auf dem Nasensattel. Sie hatte schöne, lange Handgelenke und einen fließenden Gang. »Simpatica,« sagten die Römer. Die Prinzipessa war von einer ihrer jähen, heftigen Neigungen für sie erfaßt worden. Leicht humoristisch gefärbt. Zwischen ihren schönen, amerikanisierten Enkelinnen mit ihrer raschen, selbstsicheren Art nahm sich die Fremde aus wie ein Königskind im Adlernest. Sie war der alten Frau etwas Neues, Unbekanntes, das sie erstaunt kostete und genoß. »Sie ist wie ein hochgezüchtetes Fohlen,« sagte sie; »nur Fohlen haben solch scheues, seidenes Maul; sie gibt Küsse, wie Fohlen sie geben, wenn 128 man ihnen das Gesicht hinhält.« Und über viele Köpfe hinweg lächelte sie ihr zu.

Oskar blieb der Prinzipessa fremd; zwischen ihr und Christine blieb er unerwähnt. Aber manchmal verdunkelten sich die Augen der alten Dame noch um einen Schatten, wenn sie auf der jungen Freundin ruhten. Denn mit dem untrüglichen flair ihrer Cäsarennase hatte sie längst gewittert, daß da nicht alles in Ordnung war.

Auch ein junger Russe war Christinens Freund geworden, welcher sonst die Männer ihres Kreises nicht viel zu sagen hatten. Sie nannte ihn ihren Bruder in Chopin, denn so oft es ihm möglich war, kam er und spielte für sie in dem großen, feierlichen Saal; lauter Sachen die sie als Kind in ihrem sehr musikalischen Elternhause gehört hatte, ohne sich die Namen zu merken. Nun kamen sie an ihr vorbeigezogen und sie erkannte sie wieder, die Impromptus, die große Fantasie, das Andante Spianato . . . Sie saß wie verzaubert und ließ den Tee bitter werden.

Manchmal nahm sie einen Einspänner – Pippo hieß das rasche Pferdchen, und der Kutscher Oreste knallte von weitem mit der Peitsche, wenn er sie auf den Platz treten sah – und fuhr ganz allein in die Campagna hinaus. Hoch, unsichtbar trillerten die Lerchen, so viele waren es, daß es wie Grillengefeil ein einziger vibrierender Ton wurde. Sie ging, träumerisch befreit, die uralte Straße, wo noch an Stellen zwischen dem Gras 129 das Pflaster besteht, sechseckig, schön gefügt wie Bienenzellen, über das die Füße römischer Soldaten gegangen sind. Karabinieri kamen geritten, in wallenden Mänteln, das Gewehr quer über dem Sattel, mit schwarzen geraden Brauen unter dem Zweimaster, wie Abkömmlinge Napoleons; Hirten, die mit ihren Ziegenfellhosen gleich verzauberten Geißböcken aus den Hecken spähten, lachten mit leuchtenden Zähnen, selig über ein paar Zigaretten, Mädchen, wie aus Bronze gegossen, mager, von Fieber verzehrt, wunderschön, mußte sie beschenken und küssen, und mit jedem Schritt streifte sie ein würziges Kraut und trug den Duft am Kleidersaum dahin. Hier, ja hier hätte das Leben einfach sein, der Schmerz in Geduld versteinen können, wie die Grabmäler, an denen sie vorüberfuhr.

Wenn sie dann aber an den Landpartien teilnahm, die von Oskars Kollegen nach diesen selben Orten veranstaltet wurden, fuhr sie mit erstarrter Seele durch das ihr so lieb, so wonnig Gewordene. War's nicht gerade, wie wenn Gleichgültige einen heißgeliebten Menschen loben? Da blieb auch als einzige Abwehr, sich zu verschließen in lächelnde Gleichgültigkeit.

Mit Mani hatte sie zweimal Briefe gewechselt, aber es war ein Stottern geblieben, sie fühlten sich beide nicht wohl dabei; als müßten sie durchs Telephon miteinander reden. So schlief die Korrespondenz wieder ein, sie wußte ja, bald würde sie ihn wiedersehen. Aber sie sammelte allerhand 130 mit dem sie ihm eine Freude zu machen gedachte: römische Katakombenlämpchen die man wirklich anstecken konnte, Eidechsen aus grüner Bronze, Skorpione in Spiritus und eine schreckliche Gottesanbeterin, die in der Haltung an Fräulein von Hoppenrade erinnerte. Auch schöne waschseidene Hemden hatte sie gekauft, wie sie die englischen Knaben hier in der Hitze trugen . . . das würde ihn gut kleiden, mit einem weichen Gürtel um die schmalen Hüften.

Man fand sie ziemlich wunderlich, aber sie war so bereit mit neidloser Bewunderung für die schönen Frauen des Landes, sanft und ehrfürchtig gegen alte Leute – war sie doch während eines Konzerts in der Botschaft aufgestanden und hatte einem weißhaarigen Onorevole einen Stuhl gebracht – da hatte sie bald die schönsten Damen und alle Alten zu Freunden; das waren mächtige Verbündete. Als der erbetene Urlaub kam und sie von den Kollegen zum Bahnhof geleitet wurden, war ihr Wagen ein See von Blumen.

Dieses Jahr aber, mit seiner unvermeidlichen Einteilung, seinem Hin und Her und der Notwendigkeit, immer bereit zu sein den liebenswürdigen Eindringlingen ein heiteres Gesicht zu zeigen, lächelnd und gastfrei, war zur Brücke geworden, die sie und Oskar über eine abgründige Zeit führte, bis sie auf sicheren Grund gelangten. Wo sie dann, nüchtern und sachgemäß, mit verschluckter Bitterkeit seinerseits und ihrerseits mit 131 plötzlichem Ersticken, voneinander schieden. In diesen Stunden empfand sie ähnlich wie damals, als endlich, endlich Mademoiselle sie verließ. Wie die kleine Christine die gefürchtete Erzieherin im Reisekleid, ein schäbiges Täschchen umgehängt, zwischen Koffern und Handgepäck am Fenster stehen sah, noch rasch eine Tasse Fleischbrühe trinkend, die viel zu heiß war, so daß sie nur einen kleinen Schluck bekam; um sie her am Boden zerrissene Briefe und ein verstümmelter Handschuh, dessen Finger zum Zubinden von Kölnischwasserflaschen und dergleichen benutzt worden waren, und gegenüber an der Wand, wo immer Mademoiselles Uhrtäschchen gehangen hatte, ein dunkler Fleck, der den Umriß des abscheulichen Pantöffelchens wiedergab – da war's auch so, plötzlich, über sie gekommen, reuevoll, als müsse sie etwas Unmögliches tun, um alles wieder gutzumachen. Heute wie damals etwas Dumpfes, das erst allmählich erwachen würde – so wie ein eingeschlafener Fuß. Nun hatte sie ihre Freiheit! Aber sie ging schwankend und tastete nach einer geliebten Hand . . . o du rätselvoller Gott . . . und diese Hand war nicht mehr zu fassen.

 

IV.

Die paar altmodischen und zum Teil schäbigen Dinge ihrer häuslichen Einrichtung, an denen ihr Herz hing, lauter von den Eltern und Großeltern 132 stammende Sachen, waren bei einem Spediteur untergestellt worden. Nun sah sie sie wieder. Man mußte einen Hof durchqueren, wo die großen Möbelwagen aufgereiht standen und in den Ställen die schweren Lastpferde auf Zottelfüßen ausruhten; Stroh lag umher, Hühner pickten im Dünger, der Wachhund kam herbei und wedelte, wie sie mit ihm sprach. Dazwischen hantierten Riesen in grünen Schürzen, schwangen Zentnerlasten als sei es Spielzeug, und hatten doch behutsame Finger um mit Zerbrechlichem umzugehen. Es roch nach Pferden und Schweiß und billigem Tabak. Der Oberpacker wohnte neben den Stallungen, hinter weißen Gardinen; er stand vor der Tür und ließ sein winziges Mädelchen auf der Schulter reiten; das sah lieb aus.

Gegenüber der Einfahrt lag das Quergebäude mit den Werkstätten und Speichern. Sie hatte hoch oben ihren eigenen Lattenverschlag mit einem Dachfenster, so war's fast wie eine Stube. Mit all dem Kram ihrer Kinderzeit. Denn ihr Aussteuermobiliar hatte sie nicht beansprucht, es war ihr immer gleichgültig geblieben. Auf den Kisten stand der Inhalt vermerkt. Da war: das Blumenservice, das die Jugendfreundinnen der Mutter zur Hochzeit gemalt hatten, unter jedem Teller ein Mädchenname: Line Malachowski unter der Moosrose, die Nelke hieß Johanna Kerstenbrook, die wunderschöne Marie Apraxine war die Orangenblüte. Das Service wurde fast nie benutzt, 133 denn es wäre wie fahrlässige Tötung gewesen, wenn Else Platow einen Sprung bekommen hätte oder Toni Gregory in Scherben gegangen wäre. In der Kiste daneben war die Gipsbüste der Bacchantin; die stammte noch von der Urgroßmutter, Thorwaldsen hatte sie ihr geschenkt, als sie im großen schaukelnden Reisewagen nach Rom gekommen war. Daheim stand sie auf dem Ofen in Mamas Schlafzimmer, wo es immer so gut roch, nach Vetiver, das man heimlich aus den Polstermöbeln hervorzupfte, die es vor Motten schützen sollte. Wenn die kleine Christine krank war und bei Mama schlafen durfte, war das weiße Haupt mit dem Blätterkranz das erste und letzte das sie erwachend und einschlafend anblickte. Dann war da auch die Kiste mit den römischen Öllampen; zierliche Flamingos aus Messing, standen sie auf einem Bein; die Eltern hatten sie von der Hochzeitsreise mitgebracht, wie auch die Gouacheveduten von Napoli – der brennende Vesuv, der Posilipp mit ragenden Pinien, der Golf mit hingelagerten Fischern -– alle in schwarze Blendrahmen und Goldleisten gefaßt, die daheim auf dem langen Gang hingen der zum Kinderzimmer führte.

Sie setzte sich in einen etwas defekten Kattunsessel mit Malvenmuster. Ja, der stammte aus der Plättstube; wie schön war's, wenn sie frei hatte, darin zu kauern und »Hoffmännchens« zu lesen, während Luise ihre weißen Kleidchen bügelte, die 134 an den Schultern Ösen hatten, durch die man römische Bandmaschen zog. Die Hoffmännchens waren kleine, kartonierte Bücher, ihre Titel gaben Seelenruhe, wenn ihr Inhalt auch noch so folternd war, denn »Gott verläßt die Seinen nicht« und »Ehrlich währt am längsten«. So konnte sie von den traurigsten Schicksalen lesen – die braven Menschen hatten nichts wie Unglück, und schreckliche Verdachtsmomente häuften sich gegen sie an, derweil die Bösen triumphierten – und hatte doch, war's im Herzen oder im Zwerchfell, das angenehm prickelnde Gefühl »Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sie mahlen fein«. Ja, zum Schluß konnte man ordentlich in Gerechtigkeit schwelgen. Aber dann kam allemal ihre kleine Bonne, Clémence, die siebzehnjährig, mit einer robe de mérino noir und den gesammelten Sermons de monsieur le pasteur Hudry aus dem Waadtlande gekommen war, und bestand darauf, Christinens Haare zu waschen, »au camomille«, eine schreckliche Prozedur, die beim Auskämmen stets mit beiderseitigen Tränen endigte. Christine suchte in der Kiste nach den Hoffmännchen; sie konnte sie nicht finden, aber anderes kam zum Vorschein, das schon fast vergessen war: zwei Bände »Fleurs Animées« mit süßlich manieriertem Text und zart kolorierten Stahlstichen unter vergilbtem Seidenpapier, entzückende Damen mit Wespentaillen, die allemal eine Blume verkörperten; und was hatten sie für erlesene Schicksale! 135 Ja, da waren sie, die heißbewunderten: la Pervenche, la Capucine, la Violette des Bois! Und sie blätterte, bis sie die Vielgeschmähte fand, der sie ihren heimlichen Dienst geweiht hatte; denn sie wurde geschmäht, weil sie duftlos war: le Camélia! Und da hatte die kleine Christine beschlossen, sie zum Trost zu ihrer Lieblingsblume zu erwählen, und es war nicht immer leicht gewesen sich zu ihr zu bekennen, wenn die Freundinnen ihre interessanten Lieblinge ins Treffen führten: l'Aubépine, la Belle de Nuit, le Nénuphar! Alte Bilderbücher lagen in derselben Kiste, all die ordentlichen kleinen Mädchen von Oskar Pletsch, die mit ihren Puppen Kaffee tranken oder Salatbeete begossen; auch eine freundliche Mutter, die eine Haube trug, war dabei und ein Vater, der als deutscher Ehemann zu Hause in Pantoffeln ging.

Die Kuckucksuhr hatte sie an die Wand gehängt und zog sie, auf dem Sessel kniend, auf: Ach, dachte Christine, wenn mich die Duchessa di Sermoneta oder die schöne Mrs. de Tracy hier sitzen sähen! Sie würden wohl eher Keilschrift und Hieroglyphen verstehen als das! Und sogar der gute Nelidoff, der so bezaubernd Chopin spielte und sich so unverstanden und unkonventionell vorkam; ja, in einem russischen Nachtasyl, zwischen lauter Samowars und slawischer Verzweiflung, da würde er sich zurechtfinden, aber diese guten, schwitzenden, deutschen Arbeiter mit ihrem Bier und ihren fürchterlichen 136 Zigarren und ich mitten drin – eigentlich ganz zufrieden – nein, das begriff er wohl nimmermehr! . . . Und sie lehnte den Kopf zurück und hörte die Uhr ticken und sog den Geruch der Holzlatten ein, auf denen die Sonne brannte. An der Dachluke spazierte eine Taube vorbei . . . Gott wie einsam, wie verzaubert saß man hier!

Mani hatte sie nicht mehr vorgefunden. Diesmal war's seine Pensionsmutter, die Malerin Hanna von Schlichtegrell, die Christinen die Tür öffnete. Nein, Manfred sei verreist, sagte sie, er verbrächte die Herbstferien an der See, mit dem kleinen Hanssen, dem Senatorssohn. Fräulein von Schlichtegrell malte in größter Eile noch die Orden auf einem soeben beendigten Porträt. Sie war eine ziemlich auseinandergegangene Blondine, die sich fast immer in einem Zustand der Auflösung befand, weil sie ihr Portemonnaie, ihre Schlüssel oder ihr Taschentuch nicht finden konnte, und lebte zwischen eben ausgepackten und wieder einzupackenden Handkoffern ein unstetes Dasein. Der Vergleich mit einem alten, undicht gewordenen Sofakissen drängte sich auf, und auch, verwandt damit, die Erinnerung an jenes schwergeprüfte Fräulein Cunégonde aus Voltaires unsterblicher Erzählung, welches jeden Satz mit den Worten einleitet: »moi, qui ai été éventrée par trois Bulgares« . . .

In zwei Tagen mußte sie fort, es handelte sich um eine Silberhochzeit, diesmal war Mecklenburg 137 ihr Manöverterrain. Sie zog von Schloß zu Schloß, malte ganze Familien, einzeln oder gruppenweise, wie es gewünscht wurde; man erkannte ihre Bilder schon von weitem. Immer lag ein edler Hund zu Füßen des Hausherrn, die Söhne kamen mit Flinten und Jagdtaschen, aus denen die erlegten Rebhühner quollen, oder, wenn sie dazu zu klein waren, schwangen sie ein Schmetterlingsnetz; während die Damen in der anderen Ecke des Gemäldes sich mit Blumen beschäftigten und den Knaben lächelnd entgegensahen. Im Hintergrunde bauschte sich eine Portiere, und etwas Grün-Verschwommenes ließ auf herrschaftliche Parkanlagen schließen. Es waren Bilder tadellosen Familienlebens, und die Nachkommen konnten sich glücklich preisen, von so distinguierten, gutgekleideten Leuten abzustammen. Das Porträt dem sie eben noch die letzten Pinselstriche gab, war das eines Verstorbenen. Sie hatte es nach Photographien gemalt und war sich der Ähnlichkeit nicht ganz gewiß. In solchen Fällen pflegte sie die Beine etwas länger zu machen, als nach dem Vorbild anzunehmen war; das sah elegant aus und freute die Witwe. Die Kinder würden sowieso nicht wissen, wie der Vater ausgesehen hatte. Das wichtigste waren schließlich doch die Orden.

Fräulein von Schlichtegrell hatte die Angewohnheit, während des Malens einen Pinsel oder auch zwei quer im Munde zu halten; es sah aus als 138 apportierte sie. Ihre Augen glitten würdigend über Christine hin. Wie pikant diese vom Süden leicht gebräunte Haut und dazu das aschblonde Haar, so reizvoll angewachsen; an Schläfen und Genick verlor es sich in einem fast silbernen Flaum; unwillkürlich überlegte sie, welche Farbentuben zur Wiedergabe dieses Effekts in Frage kämen. Weiter bemerkte sie Christinens anmutige Handbewegungen; was nicht immer identisch ist mit schönen Händen, dachte die Schlichtegrell, die von Berufs wegen solche Dinge notierte.

»Schreibt Mani bisweilen?« frug Christine, die auf dem kleinen Sofa seitwärts der Staffelei Platz genommen hatte.

»M-m-m,« sagte die Schlichtegrell und nahm den Pinsel aus dem Mund. Sie setzte einen Lichttupfen auf den Roten Adler zweiter Klasse. »Er ist sehr schreibfaul, der gute Junge, nun rudert und segelt er ja wohl den ganzen Tag mit dem kleinen Senatorssohn.«

»Glauben Sie, gnädiges Fräulein, daß Mani – ja wie soll ich sagen – von seinen Verwandten nicht etwas mehr gehätschelt werden sollte? Ja ich weiß, er ist ein scheues Kind, fast abweisend; aber manchmal hat er Augen wie ein kleiner verirrter Hund. Ach nein, liebstes Fräulein, Sie können gewiß nicht mehr tun als Sie tun, aber seine Tante . . .«

»Oh,« sagte die Schlichtegrell weiter malend, »Lydia Hoven gehört zu den Leuten mit 139 wohltätigen Absichten, die es immer fertigbringen, daß andere sie dann ausführen. So was nennt man organisatorische Naturen. Mich stört Manfred nicht im geringsten, wenn auch – sein Stübchen war sonst eigentlich meine Vorratskammer, und nun hab' ich nur noch das Badezimmer, und wenn ich nun meine Tees gebe, muß die Meringentorte und das Weingelee in der Badewanne abgestellt werden, und das ist ja nicht gerade ästhetisch. Aber Gott, er ist ein stiller Junge, ich behalt ihn gern; und Lydia hat nun auch die Genugtuung und bildet sich ein, seine Pension sei mir eine große Hilfe, und andererseits, sie hätte für Mani mütterlich gesorgt. Daß i net lach', wie sie in Bayern sagen. Wenn doch diese Senatorsfamilie mit der korrekten Aussprache ihn ins Schlepptau nehmen möchte. Der Junge träumt ja nur von Krokodilen und Dattelpalmen, dazu könnten ihm sonne Kaffeesäcke schon verhelfen . . .«

Nach diesem Exkurs machte sich die Schlichtegrell über das Johanniterkreuz her.

»Er ist ein einsames Kind, der kleine Mani,« sagte Christine.

»Ja, es ist ihm schwer beizukommen. Anfangs nahm ich ihn in die Museen mit, aber ich hatte es bald los, daß es ihn langweilte. Aber vor jedem Droschkengaul bleibt er stehen und jeden räudigen Hund lockt er an sich.«

»Aber das ist doch gerade sympathisch. Kinder mit Kunsturteil sind ja was Fürchterliches. In 140 Florenz kannte ich einen kleinen Franzosen, dreizehn Jahre alt, der redete von ›la grâce mièvre de Botticelli‹ . . . das kleine Ungetüm!«

»Nun, ich bin bei Giotto und Fra Angelico groß geworden,« sagte die Schlichtegrell und ihre Augen quollen froschartig hervor. »Unsere Wohnung war austapeziert mit den Arundelschen Farbdrucken, und Sonntags war der Besuch der Galerien unser Gottesdienst. Abends las Vater aus dem Cicerone vor oder aus Goethes italienischer Reise.«

Fräulein von Schlichtegrell setzte Lichttupfen auf die Knöpfe des Waffenrocks.

»Liebstes gnädiges Fräulein,« sagte Christine, »wie bewundere ich Sie; mit solchen Büchern hätte man mich jagen können. Nein, Mama las mir aus Tausendundeine Nacht, und entzückende Romane von Friederike Bremer, von kinderreichen Familien, die zur Mitternachtssonne reisten, himmlisch! Nein, sehen Sie, ich finde das nun ganz natürlich, daß Mani mehr für Krokodile ist wie für Cinquecento. Wenn er doch Naturforscher werden könnte und in den Urwald reisen!«

»Ja, wo soll das Geld herkommen,« sagte die Schlichtegrell. »Ich denke mir, Lydia wird die Hanssensche Konstellation ausnutzen, darin ist sie groß, und ihn dort als ›jungen Mann‹ anbringen. Freilich, mit seinem Namen! Aber die Zeiten haben sich geändert, und schließlich, wer guten 141 Kaffee einführt dient auch dem Vaterland. Auch ich« – sie drückte Vandykbraun auf die Palette, denn nun wollte sie die Bartpartie noch einmal vornehmen – »hatte anderes geträumt, als ich noch bei Gussow studierte. Es ist nicht leicht, jahraus, jahrein Gutsbesitzer zu porträtieren. Aber was bleibt mir übrig, ich habe ja auch für Adele Wendel zu sorgen, ja, dieselbe, die Ihnen einmal aufmachte. Sie hat so schwere Depressionen, was wollen Sie, Schülerin von Lili Lehmann, Königin der Nacht – beinah perfekt . . . Aber . . . Schlittenpartie, Erkältung, Knax – Stimme kam nicht wieder. Na, die Verzweiflung! Und dann war auch die Geschichte mit Vanutelli, dem Konzertmeister, Sie wissen ja wohl . . . nicht? Oh, das erzähl' ich Ihnen einmal . . . ja also, totaler Zusammenbruch. Sie mußte in die Anstalt. Aber dann holte ich sie heraus . . . glauben Sie mir . . . Irrenhäuser . . . immer noch ein dunkles Kapitel. Aber nun ist sie bei mir und ich muß sie durchfüttern. Sehen Sie, gnädigste Frau, da kann ich Gott nur danken für den Landadel und all die toten Generale und Johanniter und daß die Witwen so pietätvoll sind.«

Christine ging. Wie war das alles lächerlich und traurig. Lieber kleiner Mani, wenn sie ihm doch zu seinen Kolibris und Krokodilen verhelfen könnte! Aber vorher zu einem flotten Anzug. Er sollte nicht schäbig gehen zwischen den Söhnen der Reeder und Großhändler. Da war ja ihr Armband mit dem Smaragd. Ein Gedanke, von Gott 142 gesandt. Sie besaß einen jüdischen Freund, der solche Dinge verkaufte. Er war ihr ergeben mit der beinahe fanatischen Uneigennützigkeit, die man bei Juden findet, wenn sie Freunde geworden sind. Sie saß gern in seinem Geschäft und ließ sich Schönes von ihm zeigen. Besonders die ungefaßten Steine hatten es ihr angetan. Das war wie bei Aladdin mit der Wunderlampe, wenn er die kleinen Perlmutterschalen brachte, voll geheimnisvoller Opale, meerblauer Aquamarine, und wie sie alle heißen. Sie ließ sich von ihm erzählen, von seinen mühsamen Anfängen, seiner Zähigkeit, seinen Sorgen für Mutter und Geschwister, schon damals als Fünfzehnjähriger; und von seinem großen Hunger in der großen, gleichgültigen Stadt. Es war wie ein Roman. Und dann hatte sie ihm, träumerisch, als sähe sie's in der Ferne geistern, vom Laubhüttenfest erzählt, wie sie's in einem Gehöft im Posenschen hatte feiern sehen: eine kleine Holzaltane auf der Hinterseite des Hauses errichtet, mit grünen Zweigen ganz umsteckt, und drinnen bei Kerzen, Wein und Kuchen saß der jüdische Wirt mit Frau und Kindern, und wer vorbeikam wurde geladen. Ja, da saßen sie und feierten, und die Sterne standen über Wald und Wiesen. »Ich finde das eine schöne Sitte, Herr Mandelbaum,« sagte sie, »wir sollten es alle so machen. Eine Woche im Jahr, wo man ganz still und fröhlich wäre, die Sorgen wegschöbe, ob sie wollten oder nicht, und gut wäre zu Freunden 143 und zu Feinden.« Herr Mandelbaum hatte es längst aufgegeben sein Leben durch rituelle Spitzfindigkeiten zu komplizieren – dazu hatte er wirklich keine Zeit. Aber wie Christine erzählte, tauchten uralte Bilder auf, er saß auf steinigem Felde, und es war Abendrot und er ließ die Herden seiner Väter an sich vorüberziehen . . .

Und er kaufte das Armband und bezahlte es gut.


So ging Christine durch die Lebensspanne die ihr noch gegeben war, und wenn sie auch älter geworden wäre, hätte sich nichts daran geändert. Denn da war etwas zerbrochen; der schöne mittelste Trieb. Der Baum grünt weiter, steckt neue Triebe schüchtern in die Luft; aber der rasche freudige Wuchs ist es nicht mehr. Und all dies Aufmerken auf kleine Dinge am Weg, dies Aufheben kleiner Freuden und ahnende Verstehen geheimen Leids, was ist es anderes als die Hellhörigkeit, das überempfindliche Wittern von Kranken, die dem Stimmklang spielender Kinder unter ihren Fenstern anhören, daß es bald Frühling wird, oder am Duft des Faulbaums, von irgendwoher, den kommenden Regen spüren?

Sich still zurechtfinden in plötzliche Eingriffe, in Verstümmelungen und Verschiebungen der Fähigkeiten, ist den Tieren angeboren. Sie müssen allein fertig werden, und da sieht man sie mit einer lahmen Pfote, einem geknickten Flügel den anderen Gliedern doppelte Arbeit auferlegen. So 144 lange es sich verlohnt. Denn sie kennen die Grenze. Und wo ein Mensch noch lange, halbzertreten, pflichttreu und doch wie schuldbewußt am Tageslicht herumkriecht, verschwindet ein Raubtier, ein krankes Kätzchen, ein Vogel im Gebüsch, in Felsenspalten. So wahrt das Tier seine Würde. Doch es gibt Menschen – sie sind vielleicht heimlicher, inniger als andere mit der Erde, der Flut und Ebbe von Frühling und Herbst verbunden – die es ebenso machen wie die Tiere; im Glück ohne Vorbedacht, aber wenn die Not kommt, mit unbewußtem Abwechseln ihrer Fähigkeiten. Die dann auch, wenn sie fühlen, es verlohne sich nicht mehr, in einen Winkel kriechen, wo das Leben – das eigentliche – zu Ende geht. Denn lebten sie auch im Treiben der Nützlichkeit und des Wohltuns, sie sind doch unsichtbar. Sie können immer noch geben; aber selten, und o so leis, daß sie keiner hört, sagen sie: Gib!

Daß nun Mani vor ihr aus dem Leben mußte, hätte Christine früher wie grausamster Schmerz, wie unausgesetztes Nagen am empfindlichsten Nerv gepeinigt. Aber nachdem sie den Brief gelesen hatte, den Hanna von Schlichtegrell aus Boltzien – sie malte dort das Doppelporträt des Bolkenhagenschen Silberpaares – ihr schrieb, weinte sie wohl in heißer, überwallender Trauer vor sich hin, denn es war ja ihr Traum gewesen, Mani zu der großen Reise, zu den Kolibris und den pfauenblauen Schmetterlingen zu verhelfen, die 145 er beim Tabakshändler so sehnsüchtig bewunderte; doch sein heroischer Tod (wie die schönen Schlußzeilen einer Ballade) gab ihrem Kummer etwas Unirdisches; schon wehte Hauch der Schönheit drüber hin. Bei einer Segelpartie, bei der Rettung seines kleinen Freundes hatte er sein Ziel gefunden.

Nur wenn Christine Manis letzten Brief las, der ihr – etwas unbeholfen, aber man spürte die Freude zwischen den Worten – für alles dankte was sie ihm gegeben, schüttelte sie der Jammer. Ja, sie hatte ihm weiße Flanellanzüge gekauft, weiße Bootschuhe und englische Socken – wie war es so lustig gewesen, sie auszusuchen – und dann noch das Messer mit den vielen Klingen und das Buch vom Australischen Busch. Seine Kinderfreude über diese vergänglichen Dinge, die ihn doch überdauert hatten, das war's, was ihr am wehesten tat. Das Haus der Schlichtegrell, ja die ganze Straße mochte sie nicht wieder betreten. Denn dort hatte er in Verlassenheit gelebt, mit den zwei spöttischen Fältchen am Mund, die nicht in ein so junges Antlitz gehörten. Auch das Künstlerhaus und die Charlottenburger Einsamkeit, den Lemuren und den Waschbär mied sie. Nein, nicht wecken. Er schlief in ihrem Herzen; Seetang im Haar, Sand in den Taschen, wo auch die Mundharmonika und das Messer mit den vielen Klingen rosteten. Sie hatten ihm die Flagge des Segelboots übers Herz gebreitet. Erst 146 wenn sie wieder an neuen, fremden Orten war, wollte sie's versuchen, wie so oft auf einsamen Fahrten in Rom, ihn an ihrer Seite aufzuwecken mit hartnäckiger Inbrunst, bis sie seine magere Knabenhand in ihrer Hand zu spüren vermeinte. Kleiner Mani! Und sie küßte die linde Herbstluft, und ein Lächeln kam und legte sich auf ihren Mund, ungerufen.

 

V.

Christine hatte viele Freundinnen gehabt, und viele hatte sie noch. Solche die aus der Kinderzeit stammten, die ihr zum Geburtstag Primeln und Hyazinthen, Notizbücher und sogenannte Papeterien gebracht und mit ihr Schokolade getrunken und Lotterie gespielt hatten; etwas später andere, mit denen sie zur Schule gegangen war, Offiziers- und Beamtentöchter, wie auch solche aus bescheideneren Zonen, die vielleicht selber nun Hyazinthen- und Primeltöpfe, Papeterien und Notizbücher verkauften. Später noch hatte sie unter jungen und älteren Frauen, hier und im Ausland, sich rasch und ohne besondere Anstrengung Freundschaft erworben. Diese blieben ihr, als ihr äußerer Glücksstern sich neigte, in der Mehrzahl getreu. Es wurde ihnen dies nicht schwer gemacht, denn es war alles lautlos und in anständigster Form vor sich gegangen. Drei feierliche aber nicht unfreundliche Herren hinter einem Tisch mit Wasserkaraffen und Tintenfässern; 147 neben ihr in flatternder Robe ihr Rechtsbeistand, auf der anderen Seite die Gegenpartei, äußerst korrekt, gleichfalls von einem Schutzgeist schwarz umflattert. Der mittelste der Trinität nahm das Wort, er sah einem gutgekämmten, weißen, sehr verbindlichen Fuhrmannsspitz ähnlich: Ich glaube, meine Herren – unüberwindliche Gegensätze – Versöhnungstermine resultatlos – was nützt es – Verlängerung einer Ehe, deren Voraussetzung . . . ich glaube, wir sind uns einig . . . und so weiter. Ja, es war alles ohne Aufsehen erledigt worden, und wenn die Welt auch tuschelte, so tat sie es doch nur leise, denn es ist sehr unbequem, Partei ergreifen zu müssen; will man mit Grundsätzen prunken, so ist man vielleicht genötigt, innerste Sympathie preiszugeben; entschließt man sich aber zu Freundschaft trotz alledem, so kann das das Opfer mancher angenehmen und nützlichen Beziehungen bedeuten. So war man dankbar, daß Nebel jene Irrwege bedeckten, und niemand vermaß sich an ihnen zu zupfen.

Eine nur hatte von Anfang an sich nichts weisgemacht. Aber diese war, trotz angeborenen warmen Herzens, weltklug geworden, das Leben unter vielgestaltigen, oft schwierigen Verhältnissen hatte sie dazu gemacht, und sie wußte, daß ein Wort, im ersten Mitgefühl gesprochen, zum Hindernis werden kann, wenn ein Herz gern vergessen möchte oder, noch später, sich einbilden, etwas sei nie gewesen. So ging auch sie 148 schweigend hinweg über Unabänderliches. Christine nannte diese Freundin Morgiana, denn wie die kluge, bestrickende Schaffnerin des Ali Baba hätte auch sie es vermocht, ihre schlimme Entdeckung geheimzuhalten, zu tanzen und zu singen und dem verräterischen Gast lächelnd den tödlichen Trank zu kredenzen, die übrigen Neununddreißig aber in den Ölfässern zu ersticken, um dann erst, zärtlich lachend, dem Geliebten zu offenbaren, warum und zu wessen Heil sie das alles getan. Morgiana, ritterlich wie ein Samurai, tapfer wie Bayard, skrupellos wie ein Kondottiere und mit Ausflüchten verproviantiert wie der Vater der Lügen . . . und das alles nur, wenn es galt, ihre Freunde aus einer Sackgasse herauszuhauen oder aus einem Labyrinth herauszuschwindeln; denn für sich selbst verlangte sie nichts. Wenn man sie mit einem Bildwerk vergleichen müßte, da war es nur der Löwe von Luzern, der ihr gleich kam, dachte Christine. Denn so, noch im Todeskrampf mit schützender Tatze auf dem Wappen eines Freundes daliegen, das sah Morgiana ähnlich. Und jener erste Satz in Beethovens F-dur-Quartett, mit seinem dunklen Violoncellmotiv und heißpulsierenden Rhythmus, der konnte ihr musikalisches Signalement sein; so, warmblütig ihren Weg gehend, Andante quasi Allegro, im Viervierteltakt. Und hier und da kleine zärtliche Oasen, von denen nur die Intimsten wußten. O wie gut war's, von Morgiana zu wissen, zu wissen, 149 daß sie da war, breitschultrig mit schmalen Hüften, mit guten hilfreichen Händen und Augen wie nasser Schiefer, die immer zuerst lachten, noch ehe der Mund ihnen nachkam; mit einer weißen Strähne mitten im dunklen Haar. Ob sie nun ein junges Pferd zuritt oder Himbeeren einkochte, Kleider für arme Kinder zuschnitt, einem Feldarbeiter den Fuß verband oder rasch, zur eigenen Freude, eine feine Federzeichnung hinwarf; was sie auch anfaßte gelang, und ihre rasche hilfbereite Art, nach kurzer, eiskalter Überlegung, hätte sie befähigt einen Feldzug oder eine gefahrvolle Expedition zu gutem Ende zu führen, Rettungsarbeiten zu leiten oder ein ganzes Waisenhaus mit Mutterliebe zu versorgen und dennoch übrigzubehalten für den Hausbrand. Ja, wenn man auch durch Meilen und Meilen von Morgiana getrennt war, es war gut, Morgiana auf der Welt zu wissen. Und nun kamen die schönsten Briefe von ihr, mit fürchterlichen orthographischen Schnitzern – denn Morgiana »glaubte nicht an Orthographie« – und allerhand Tintenkatastrophen, denn immer war sie gehetzt und schrieb inmitten schwatzender Menschen, die alle etwas von ihr wollten, auf irgendeiner wackligen Tischkante, und schrieb die warmherzigsten Dinge und dazwischen zynische Aussprüche, als sei sie unter jungen Menschenfressern aufgewachsen oder mit Larochefoucaulds herzlosesten Maximen großgesäugt worden; und Christine aus ihres Herzens 150 Einsamkeit – nun Mani nicht mehr da war – sah nach ihr aus wie der Gestrandete nach dem auftauchenden Segler. Ach ja, Morgiana, sie sollte ihr helfen, bei ihr würde das Leben warm sein, vielleicht auch wieder ein bißchen leuchten – sie wollte sich in ihrer Nähe ein kleines Haus suchen, wohin sie den Kattunsessel und die Kuckucksuhr transportieren konnte und auch die Bacchantin, die nun so lange ihren Dornröschenschlaf schlief. Dort wollte sie die Bienen im Buchweizen summen hören und abends die langgestreckten Wolken am gelben Himmel schwimmen sehen.

Morgiana legte sofort als umsichtiger Staatsmann mehrere Eisen ins Feuer, annoncierte in einer Zeitung, daß ein Wunderhaus gesucht würde, und abonnierte auf eine andere, worin Menschen die Wunderhäuser besaßen, solche aus uneingestandenen Gründen wieder preisgaben; außerdem setzte sie eine Anzahl Leute in Bewegung, die, nicht zur Zunft gehörig, die Franktireurs ihrer Truppe bildeten. Einer von diesen, ein Viehhändler, war es denn auch, der sie auf die Fährte des Ideals brachte. »Ein etwas sumpfiges Ideal, Christinette,« schrieb sie, »aber als ich es sah, wußte ich, dies und kein anderes wirst Du erkiesen, wie man, glaub' ich, in Bayreuth sagt.« Und nun folgte die Beschreibung, und es klang märchenhaft und doch vertraut, als hätte Christine es schon einmal gesehen; ein Traumhaus, Wege, auf denen sie sicherlich schon gegangen, Bänke, auf denen sie sicherlich schon 151 gesessen war. Stand es nicht einstöckig und traurig und doch mit anheimelndem Locken mitten in der Ebene, die dort entweder moorig oder sandig war, entweder nur Schilf und Flockblumen, oder nur Buchweizen und Lupinen hervorbrachte, denn bei dem billigen Preis – was konnte es anderes als kümmerlicher Boden sein? War nicht auf der Rückseite ein verwahrloster Garten mit Buchshecken und vermoosten Apfelbäumen, die wenig Äpfel aber sehr viel Schatten gaben? »Drum sind auch die Rosenbüsche krank und voller Blattläuse, nur Veilchen gedeihen hier, sie stehen in Massen an den Mauern. Eine kleine Brücke führt über den Schlammgraben, dann ist man gleich' im Erlenwald«, schrieb Morgiana, »dort soll's im Sommer die fabelhaftesten Froschkonzerte geben, und wenn sie still sind, legen die Nachtigallen los.« Ja, so hatte sie sich's gewünscht, sie sah es alles vor sich. Die Landstraße, mit Ebereschen besetzt, wanderte rotglühend durch die Verlassenheit. »Durch den Wald«, schrieb Morgiana, »ziehen sich Gräben, die müssen im Frühling gelb von Schwertlilien sein und blau von Vergißmeinnicht. Hinter dem Wald sind wieder Felder – die sieben mageren Jahre der Bibel fielen mir ein – und dann kommt das Dorf mit Kirche und Pastor und Apotheker; auch gibt es einen Kramladen, wo man alles kaufen kann, Tinte und Heringe, Holzpantinen und Fruchtbonbons, auch Trauerhüte und Myrtenkränze in Glasschachteln, die hängen die Frauen dann 152 nachher an die Wand in der guten Stube. Es ist wie bei Wertheim, nur kleiner.« Wenn Christinette beim Apotheker telephonierte, könnte Morgiana auf ihrer kleinen Schimmelstute in einer Stunde bei ihr sein. Also, nun sollte sie sich entscheiden . . .

Too good to be true, dachte Christine und telegraphierte: Einverstanden, schließe ab. Denn sie wollte sich den Rückzug abschneiden, sie war mißtrauisch gegen das Schicksal geworden, oder auch gegen ihre eigenen Hände die so gar nicht dazu taugten, die guten Dinge dieses Lebens festzuhalten. Und weil sie die Vergangenheit und die Zukunft immer in einzelnen Bildern vor sich sah – so sah sie sich schon im Novembernebel heimkehrend, silberne Tröpfchen im Haar, und da leuchteten die Fenster so lockend durch den Dunst, ach, es war eigentlich gut, naß und müde zu sein, denn drinnen wartete die Kuckucksuhr und der Malvensessel und gewiß auch ein großer, runder Porzellanofen auf Löwentatzen. Oder im Sommer im verwilderten Garten: ja, die Zentifolien waren blaß, es war zu viel Schatten und der Buchs erstickte sie, Rostschnecken überall, den Bauch beklebt von Sandkörnern. Wenn man den Schneckenweg links immer weiter ging, waren da zwei Rasenbänke, oder waren's Grabhügel, ein kleiner, finsterer Platz, Tannen und Lebensbäume dahinter, da kam die Sonne nur am Abend ganz wenig herein, kein Wunder, daß in dem Gärtchen die Radieschen nur Kraut ansetzten . . . Zwischen den Rasenbänken 153 stand ein kleines, verfallenes Schweizerhaus mit Galerien, ein Häuschen wie für Zwerge, auf dem Giebel war eine rostige Blechfahne aufgesteckt, darauf stand ausgeschnitten »Villa Has«. Das war also die Wohnung der Kaninchen die den Kindern gehörten. Ja, welchen Kindern? Nun, diesen doch, da standen sie ja, bei den Tannen . . . gleich groß, Zwillinge wohl, sieben Jahre mochten sie alt sein, vielleicht mehr, vielleicht weniger, ein Junge und ein Mädchen, in blauen, verwaschenen Ärmelschürzen, wie kleine Fuhrmannskittel, und beide hatten helles, abgeschnittenes Haar, rötlich, das ein wenig lockte, feine, feine Näschen, man sah das Licht durchscheinen, und Augen wie Meerwasser, die Lider gerötet, als hätten sie geweint. Nun saß Christine auf dem einen Grabhügel, die Kinder auf dem anderen, still aneinander gelehnt. Sucht ihr eure Hasen? fragte Christine. Aber die Kinder legten den Finger auf den Mund. Sie sahen sich furchtsam um; da schlich ein weißes, triefäugiges Hündchen durch die Lebensbäume, und eine Stimme, wie ein atemloses Schnaufen rief: »Wo steckt ihr? Wart', wart', ich komme.« Da tat sie ihre Arme auf, die Kinder krochen hinein, sie schloß sie über ihnen zusammen, immer enger, fester; aber dann war nichts mehr da, sie waren in ihren Armen zerschmolzen. Christine sah um sich. Hatte sie geschlafen? Morgianas Brief lag in ihrem Schoß.


154 Am andern Tage fuhr sie zum Spediteur, ohne rechts oder links zu blicken, denn sie kam durch die alten Straßen am Kanal entlang, sie sah die Bäume, die großen Kähne wieder. Mani! Das Herz zog sich ihr zusammen. Nun flatterten die letzten goldgerippten Blätter von den Rüstern, das Wasser trug sie davon.

Diesmal blieb sie nicht lang im Magazin, zog die Kuckucksuhr nicht auf, setzte sich nicht in den Sessel. Der Oberpacker, Herr Adumeit, begleitete sie; sein kleines Mädel war schon ganz verständig, trippelte ernsthaft neben ihm her und ließ Vaters großen, harten Zeigefinger nicht los. Christine gab alle nötigen Auskünfte, besprach den Zeitpunkt, die Kosten . . . dann warf sie einen letzten Blick über ihre kleine Habe. Da sind nun ein paar Kisten, dachte sie, und draußen ist die große, weite Welt, Schönheit und Freiheit, und früher, ja früher . . . Aber schließlich – was ist mir die Akropolis? Aber die Kuckucksuhr, das sind Herbstabende mit einem geliebten Märchenbuch, und kleine, weiße Pelzmotten mit schwarzen Eulengesichtchen, die unter der Lampe spazieren gingen . . . oder es ist Nacht, sie tickt so geduldig, und nun kommt Mama heim vom Ball, ihr weißer Mantel öffnet sich, wie duftet sie so himmlisch gut, und wir küssen einander im Dunkeln, ganz wie besessen . . .

Die Abendsonne glühte in den Spinnweben als sie die Treppe herunterkamen; in den Ställen stampfte ein Pferd. Christine lehnte an einer Kiste 155 im Eingang; diese bleierne Müdigkeit, die sie so plötzlich überwältigen konnte, hatte sie wieder erfaßt. Ach, wenn doch ein freundlicher Riese mich in seine Tasche stecken möchte, dachte sie, und ich wüßte von gar nichts mehr . . . Herr Adumeit war ja nun solch ein Riese, ja, er wirkte wie Schlummerpunsch in seiner himmlisch gleichmütigen Art, sich jede Verantwortung aufzuladen; genau wie früher, als er noch nicht Oberpacker war, sich die schwersten Kisten, Kisten mit kostbarem und zerbrechlichem Inhalt, aufgeladen haben würde. Herr Adumeit wartete. »Ja, also dann, Herr Adumeit, auf Wiedersehen im Riedhaus,« sagte Christine und reichte ihm die Hand; denn aus besonderer Freundschaft wollte der Oberpacker, der sonst nur für Botschafter und Fürstlichkeiten zu haben war, den Transport selber besorgen. Und »Auf Wiedersehen«! sagte sie lautlos in die Runde zu all den Vermummten, der jungen Bacchantin, den römischen Lampen, den »Fleurs Animées«. Aber es wurde ihr eng ums Herz, als drückte eine kühle Hand es langsam zusammen; auf einmal wußte sie – aber warum, hätte sie nicht sagen können –, daß sie nichts von alledem wiedersehen würde.

 

VI.

Im Riedhaus waltete Morgiana mit Tünche und Ölfarbe, und das würde noch eine ganze Weile dauern. »Wo es irgend geht,« schrieb sie, »laß ich 156 die alten Tapeten hängen. Denn ich kenne Deine unbegreifliche Vorliebe für die Monstrositäten der Krinolinenzeit. An Möbeln ist nichts vorhanden, bis auf einiges Niet- und Nagelfeste. Die Tapeten genügen mir. Eine gelbe mit unreifen Weintrauben, an denen Distelfinken picken und sich vermutlich die Cholera holen, eine knallblaue – wie im Goethehaus, es fehlt nur die fürchterliche Juno – und eine grüne mit schwarzen Ramagen wie Alpdrücken, wenn man als Kind Krokodile und schreckliche Männerchens über die Wand laufen sah. Aber Du hast nun mal diese Geschmacksverirrung, so wird Dir's wohl gerade gefallen – sonst ist's ja bald übertüncht.

Sonderbare Dinge über die früheren Bewohner habe ich gehört, aber heut ist keine Zeit zum Schreiben. Unter anderem ein Fräulein Kajetan, die eine unheimliche Krankheit hatte, fortwährend Heißhunger, mußte immer essen, essen und war niemals satt; wie ein Oger. Nun, davon ein andermal. Der Garten, mit einer Unmenge fataler brauner Schnecken, mag im Hochsommer ganz angenehm kühl sein, jetzt eben ist's wie in den Katakomben, mehr für Kellerasseln geeignet. Du wirst da tüchtig ausholzen müssen. Das Ganze erinnert mich an ›Jane Eyre‹; leider kein interessanter Rochester vorhanden. Es müßten noch ein paar schottische Deerhounds her, die nachts den Mond anheulen, und fürs Haus so ein Malteserhündchen mit Triefaugen; das paßt zu den Tapeten 157 der Königin Viktoria. Die schreckliche Kajetan soll auch eins gehabt haben.«

Christine – nun sie des Riedhauses gewiß war – freute sich über den Aufschub. Sie hatte zwei Zimmer am Rüdesheimer Platz als paying guest bei einer ziemlich farblosen Bekannten gefunden, und ihre Wohnstube, die ihr zuerst mit all dem weißen Lack, geblumten Wänden und englischen Landhausstichen allzu wohlfrisiert vorkam, war ihr lieb geworden, denn es war ein Kamin darin und an den kühlen Abenden war es heimlich, davor zu sitzen, wenn das Holz am Verglühen war und neben ihr ein Sträußchen Herbstveilchen so guten Willens duftete. Sie fühlte sich todmüde; mit jedem Tag nahm das zu. Der Gedanke, ihre Schubladen wieder auszuräumen, Koffer zu packen, dienende Geister zu suchen, die sie gezwungen war unter den »Anfängerinnen« zu wählen, die keine hohen Ansprüche stellen – es war wie in einem Engpaß ein Heuwagen, der auf sie zukam. Wenn doch Morgiana hier wäre um alles zu leiten! Aber die hatte jetzt keine Zeit. Sie war ja so über alle Maßen gut, eben hatte sie wieder das ganze Haus voll; alte Tanten und Cousinen, die sonst niemand einlud: ›le salon des refusés‹ nannte sie selber ihr Landhaus. Nein, es war das Menschenmögliche, daß sie alle paar Tage nach dem Riedhaus ritt und die Arbeiter anfeuerte. Denn es hatten sich »Grundschäden« herausgestellt, ein überschwemmter Keller und dergleichen; vor Frühjahr sei an 158 Einziehen nicht zu denken, schrieb sie; Christine möge doch über Winter in den Süden gehen, wohin sie so gut passe, denn sie sei doch eigentlich ein Salamander und eine Schildkröte obendrein, viel zu träge für einen norddeutschen Winter, und gehöre nach Italien wo es so liebenswürdig frisierjackenmäßig zugeht und niemand je Eile hat: già già cara Signora, non si disturbi – und ähnliche angenehm-somnolente Redensarten, die die Uhren ausschalten und die Seelen glätten.

Und da gedachte Christine einer Pension in einem kleinen Vorort von Florenz, sanft hügelan. Die Schwester des Pfarrers hatte sie eröffnet, um der großen Armut ihres Bruders zu steuern. Dicht bei dem Kirchlein, ja dem Kirchlein eingebaut, ein leiser Duft von Weihrauch und Lilien schwebte in den Gängen. Davor ein terrassenartiger Platz, von zwölf Zypressen umstanden, die aber erst von halber Höhe an grün waren, pinselartig, wie Bäumchen aus Spielzeugschachteln. Um drei Seiten zog sich eine niedere Mauer, darauf konnte man am Abend sitzen, während die jungen Leute auf dem Platz Boccia spielten, in den Abgrund blicken wo Olivenwipfel wedelten, oder hinaus in die Weite, in die Hügellandschaft, grau verschleiert. Drinnen bei Siora Giustina war's klösterlich sauber; ein Ziegelestrich, der mit Sägemehl und Leinöl dunkelrot poliert wurde, bis er spiegelte, blaßgetünchte Wände, das hohe, steinharte Himmelbett mit weißem Nesselbehang und Bommelchens – wie 159 das Wochenbett der Heiligen Anna auf alten Freskogemälden –, das Sofa – il divano – auch steinhart, rot mit gelben Ramagen, und die schwarze Madonna di Pompei über der wackeligen Empirekommode. Der Korridor – wo ausrangierte Beichtstühle standen, in denen Siora Giustina ihre Wintervorräte, große Blechtöpfe voll Tomatenpüree, verwahrte, wo Kruzifixe und Prozessionsfahnen an der Mauer lehnten, wie auch die großen Pest- und Begräbniskerzen (höchst unreeller Art, denn sie bestanden aus weißgemaltem Holz, und nur ganz oben wurde ein Wachsstummel aufgespießt) – dieser Korridor führte am anderen Ende in die Sakristei, und wenn die Tür aufging kam ein geisterhafter Seufzer kalten Weihrauchs der in die Zimmer drang.

Ach aber dann, wenn's Winter wurde, gab es nur ein eisernes Öfchen auf krummen Teckelbeinen, als mitleidiges Zugeständnis an die Forestieri, die sich nicht in die Unvermeidlichkeit winterlicher Frostbeulen finden wollten; sein jähes Aufglühen sank ebenso rasch auf Nullpunkt zurück. Siora Giustina gebrauchte den Scaldino, ein irdenes Eimerchen voll Glut und Asche, sie hatte es stets unter den Röcken, während sie saß und die mürben Meßgewänder des Priors ausbesserte; als brütete sie Basilisken aus. Und dann – die Reise – all die Stationen wiedersehen, die wohlbekannten; es kam Müdigkeit, fast Ekel über Christine. Nein, zuviel Unruhe, zuviel Kraftverbrauch. Wie hieß 160 der Spruch, den Mama mit zwinkernden Augen sagte, wenn die kleine Christine, von irgendeiner kindlichen Enttäuschung erschüttert, zu ihr auf die Chaiselongue flüchtete? »Verlaß die böse Welt, komm zu mir in den guten Koffer.«

Und sie kauerte sich aufs neue zusammen in ihre tiefe Sofaecke, mit hochgezogenen Füßen, denn heute hatte sie wieder Schüttelfrost und fühlte sich unbeschreiblich matt; und nahm David Copperfield auf, der ihr vom Schoß geglitten war. Ihre Vermieterin besaß einen Schrank voll solcher altmodischer Bücher, die Christine nicht nur ihres Inhalts wegen las, sondern weil sie Bilder und Stimmungen zurückriefen die sie beim ersten Lesen umgeben hatten. Wie schön gemächlich las sich's darin, und wenn der Regen gegen die Fenster klatschte war's noch besonders schön. Nichts drängte sie rascher zu lesen, ach, das Leben macht so viel rasche, erschreckende Schlüsse, und hier war Verweilen. Dickens wurde nicht mehr so geschätzt wie früher, das hatte sie in englischen Zeitschriften gelesen; was wurde nicht alles an ihm getadelt, seine Übertreibungen, seine Wiederholungen . . . ihr machte es nichts aus: Sie dachte: Mr. Pegotty! . . . und das Herz wurde ihr warm.

Mehr und mehr lebte sie ein Traumleben. Verschloß die Türen nicht, nein, aber lehnte sie doch an. Oder war's vielleicht anders? Wenn von den vierundzwanzig Stunden, die der Tag beschied, die meisten in Schlafen und Träumen hingingen, 161 warum sollte sie die wenigen, die fürs Alltägliche übrigblieben, nicht für Traum halten, die anderen aber für Wirklichkeit? Eine Erkältung mit quälendem Husten ermüdete sie in diesen Tagen ganz außerordentlich, und seit einiger Zeit war da plötzlich ein häßlicher, bohrender Schmerz und noch andere Beschwerden. Wenn sie am Vormittag, endlich angekleidet und schon wieder ruhebegehrend, an ihrem Kamin saß und draußen graues Wetter war, freute sie sich, daß das Riedhaus und mit ihm alle Entschlüsse in die Ferne des nächsten Frühlings gerückt waren. Während einiger fiebriger Tage kam der Arzt, der ihr durch ihre Vermieterin empfohlen war. Er fühlte den matten, unruhigen Puls, verschrieb ihr etwas gegen den Husten und die erschöpfenden Schweißausbrüche. Andere Symptome verschwieg sie. Denn sie fürchtete sich vor energischen Maßregeln, sah ein Sanatorium mit hygienisch raschelnden Schwestern noch einmal sie bedrohen, Dinge, die sie aus dem schönen Duseln reißen würden. Als es ihr besser ging, hörten seine täglichen Besuche auf, nur dann und wann kam er, aus Freundschaft, denn sein Sorgen um sie hörte nicht auf, trotz der Besserung. Er war viele Jahre Schiffsarzt gewesen, hatte an großen Expeditionen teilgenommen, fremdes Land, fremde Völker gesehen und besaß die Gabe, mit wenig Worten eine Landschaft vor ihr aufleuchten zu lassen, seltsame Tiere und Pflanzen hineinzuzeichnen. Sie sah in die Luft, ihr Mund verzog sich ein 162 wenig, Mani winkte ihr zu, blaß, im Vergehen. Auch über Musik sprachen sie miteinander. Wenn er irgend konnte besuchte er die Konzerte. Später, als sie sich besser kannten, rückte sie mit allerhand Anliegen heraus; arme Menschen wandten sich an sie, sie hätte gern überall geholfen, da bat sie ihn um Rat. Auch in eigenen Angelegenheiten. Da waren Zuschriften ihrer Bank über denen sie mit glühender Stirne saß und rechnete. Besonders eine Sorte bereitete ihr Kopfzerbrechen: es sah aus wie eine Treppe und war wie Mäusefangen in einem Labyrinth; am Schluß stand noch etwas besonders Unbegreifliches, das hieß »rote Zahlen« und war auch rot, aber auf der anderen Seite. »Ja, Sie sagen das sei nichts von Belang,« sagte sie verzweiflungsvoll, »aber warum dann so eindringlich mit roter Tinte?« Er nahm die Papiere mit, brachte alles in Ordnung: »Frauen wie Sie, Verehrteste, sollten einen Beichtvater haben, der zugleich Bankdirektor wäre. Damit Sie Seelenruhe hätten. Dann wären Sie bald gesund.«

Sie hatte es gern wenn er im Zimmer war. Er hatte die leisen und zielbewußten Bewegungen geschickter Techniker, die an empfindlichen oder explosiven Dingen Geistesgegenwart und eine leichte Hand erlernten. Manchmal, beim Abschiednehmen, verdunkelte sich sein Blick, stieg eine Röte in seine Wangen. Wenn er dann fort war, schossen ihr Tränen in die Augen. Der Gute! Wenn er ihren Puls fühlte oder ihr die Hand auf die Stirn 163 legte, gleich kam Ruhe, sogar Schlaf. Wie ein Nebel war's. Ähnlich wie wenn der Schuhmacher beim Maßnehmen den Papierstreifen um ihren Spann legte und sacht zusammenzog; das machte auch so schön duselig. Einmal brachte er auf ihren Wunsch seine Violine mit, und sie spielten zusammen Händel und altitalienische Sachen, die dank ihrem feierlichen Rhythmus von ihr bewältigt werden konnten. Aber es war nicht so schön wie sie erwartet hatte; seine Violine war ihr zu nah, zu laut. Heimlich gestand sie sich, daß wenn unten auf dem Platz eine Drehorgel ging, ihr das mehr Freude machte. Dabei konnte sie sitzen und träumen oder Wäsche ausbessern und sich auf den Kaffee freuen, das einzige, was sie immer noch gern zu sich nahm. Bei diesem Wäscheflicken spielten auch wieder Kindheitserinnerungen hinein. Als kleines Mädchen war sie so gern im Leinenzimmer, wenn die Weißnäherin, Fräulein Großpietsch, allmonatlich mehrere Tage dort saß und flickte; wozu sie ungezählte Tassen Kaffee trank. Amalie Großpietsch war brünett, vollbusig und immer guter Laune. Sie brauchte Ausdrücke wie »fesch« und »dalket«, nannte die Vesper Jause und das Abendbrot Nachtmahl und sagte »Servus« wenn sie abends, den schwarzen Rembrandthut etwas schief gesetzt, auf hohen Stöckelschuhen loszog. Sie hatte Schicksale gehabt, als sie in Wien Kammerjungfer war. Das Resultat waren zwei Kinder, Resi und Rudi, die sie manchmal abholten. 164 Diese wurden für Fräulein Großpietschs Nichte und Neffe ausgegeben. Mama nannte sie die kleinen Borgias. Denn Christinchen sollte nicht wissen, daß auch Fräuleins Kinder haben können.

Der Arzt fühlte sich wohl in dem hellen, leise duftenden Raum, wo abends das Kaminfeuer brannte und auf dem Tisch in schönem Glase ein paar Teerosen standen. Wenn er auch weit in der Welt herumgekommen war, hielt er doch an einem ziemlich altmodischen Frauenideal fest. Christinens Mangel an Entschlossenheit schien ihm ganz normal – er war's von seiner Mutter her gewöhnt –, und es freute ihn, wenn er sie beim Stopfen ihrer Strümpfe überraschte oder jedenfalls den Korb mit den Strumpfinvaliden neben ihr stehen sah, auch so, wie's bei seiner Mutter gewesen war; wie es ihm auch gefiel, daß sie »Soll und Haben« las, und daß sie nicht gewohnheitsmäßig rauchte. Sie merkte es wohl, daß seine Hand bereit war sie zu stützen und zu hüten, und manches Mal war sie nahe daran, die Stirn an seinen Arm zu lehnen und ein bißchen zu weinen; gibt es doch solche unheroischen Momente, wo wir uns nicht so sehr danach sehnen, zu lieben, als geliebt zu werden. Aber nein, er würde sie allzu gut hüten, bewahren wollen, und es war der ungebändigte Tropfen in ihrem Blut, der ahnte dunkle Wege in die Nacht, schmerzliche vielleicht, die sie alleine gehen mußte. Nein, frei bleiben und allein; Morgiana war die einzige die ihr nicht die Luft benahm. 165

Gegen Weihnachten wollte diese kommen, wollte Photographien vom Riedhaus mitbringen und Zeichnungen, die sie angefertigt hatte. Unterdessen träumte Christine weiter; besonders am Nachmittag, wenn eine blasse Sonne auf dem Teppich spielte, überkam es sie. Manchmal nur flüchtig, verschwimmend, dann wieder scharf und umrissen. Ob diese Träume nur Minuten, ob sie Stunden währten, es war ihr nicht bewußt, jede Sekunde kann das Traumkaleidoskop schütteln, wenige Pulsschläge machen uns zu Reisenden. Oft tauchten die Kinder auf, blaß und durchsichtig in ihren kleinen Fuhrmannskitteln, bei der Kaninchenvilla oder auf dem Brückchen das zum Erlenwald führte. Manchmal schoben sie eine Schiebkarre voll Gras oder trugen zu zweit an einer Gießkanne, die sie nach ihrem lichtlosen Gärtchen schleppten, die inneren Schulterchen niedergezogen von der Last. Immer aber empfand sie Angst, fühlte die beiden bedroht von einem Unheil; darum ging sie ihnen nach, tat zitternd ihre Arme auf, sie zu bergen. Diese Kinder hatten eine seltsame Art zu lächeln, mehr wie Erwachsene lächeln, die schon viel ausgestanden haben: nur mit dem Mund; die Augen blieben ernst und aufmerksam dabei. Und es dauerte niemals lang, dann kam der kleine Hund, mit weißem Zottelhaar und rotem, tränendem Blick, durchs Gebüsch geschlüpft; als sei er angestellt, ihnen aufzupassen. Und das Traumkaleidoskop zeigte ihr gleichzeitig Fräulein 166 Kajetan, die das unselige Schwein im Stall besuchte, mit einem Stöckchen es betastend, ob es auch fett sei, wie die Hexe den Hansel. Christine nannte die Kinder Jorinde und Joringel, denn die waren ja auch bei einer bösen Zauberin gefangen. Wenn sie lag und träumte, gleich merkte sie's an einem sonderbar süßen Ziehen in der Herzgrube, ob sie kommen würden oder nicht. Einmal, o das war schrecklich, und tagelang verfolgte sie der Alpdruck: sie hatte die Kinder weinen und flehen gehört, sie lief durch die Traumallee aus schwarzen Lebensbäumen, und dort am Ende bei der Kaninchenvilla lagen sie auf den Knien, mit erhobenen Händen, gerade wie die beiden Katzen im »Struwwelpeter« die Paulinchen vor dem Feuerzeuge warnen. Aber wie sollten sie auch nicht weinen und schreien? Da stand Fräulein Kajetan mit großen, geäderten Hängebacken und bösen Käferaugen, die unaufhörlich zwinkerten, was doch sonst kein Käfer tut; sie hatte ein abscheuliches, braunes, glänzendes Kleid an und ein schwarzes Chenillenetz über dem Kopf und hielt die alte, graue Hasenmutter bei ihren Atlasohren in die Höhe. Aber wie Christine auf sie losfuhr um ihr die Häsin zu entreißen, verwandelte sich Fräulein Kajetan in etwas unbeschreiblich Gräßliches: eine große, fette Maulwurfsgrille, und bohrte sich rücklings in die Erde ein; dabei hielt sie die bösen, zwinkernden Äuglein unverwandt auf Christine geheftet, bis sie ganz im Boden versank. An dessen Oberfläche sich nun 167 eine Kette von kleinen Erhöhungen bildete, die unterirdischen Gänge bezeichnend durch die Fräulein Kajetan ihren Weg bahnte. Und das war eigentlich das Allergräßlichste. Als Christine, von Grauen geschüttelt, emporfuhr, stand da ihr Teebrett, und auf der Tasse lag ein Brief von Morgianas Hand.

»Christinette,« schrieb Morgiana, »es sieht schon ganz menschlich aus, wer weiß, vielleicht wird's doch noch fertig ehe der starke Frost einsetzt, und Du kannst Neujahr im eigenen Hause feiern. Gestern ist mir aber etwas so Sonderbares begegnet, daß ich's Dir schreiben muß, wenn ich auch gar keine Zeit habe, denn ich bin mal wieder la ménagère affairée, heute ist zu allem anderen auch noch Tante Wanda mit dem Hörrohr angekommen, aber nicht um die Welt braucht sie's, ich habe schon die Halsschwindsucht vom Brüllen, und dann heißt es immer, ›nein, Mizzi, wenn du dich doch nicht so abeschern wolltest, du machst dich noch krank mit deiner Unvernunft‹ – nun, ich möchte mal sehen, wenn ich es nicht täte, da säßen sie dann alle ratlos da, wie auf einem Floß das den Niagara hinunterschwimmt. Neulich war ich mal so boshaft und versteckte mich ein paar Stunden auf dem Heuboden, mit einem himmlisch unpassenden französischen Roman, und gleich ging das Gepiepse los: Mi—zzi? Mi—i—zzi? Ich fühlte mich sehr sündhaft, aber unbeschreiblich wohl in meinem Versteck . . . Ja, und Du wieder sehnst Dich nach 168 ›geordneten Verhältnissen‹ oder tust wenigstens so . . . nun, ich tauschte gern mit Dir. Meine alte Tante Hofdame, die ja auch zu den Gebundenen gehörte, pflegte von ihrem Beruf zu sagen:

Mein Sohn, das ist das Hochgericht,
Da hacken dich die Raben ins Angesicht,
Da willste hinunter und kannste nicht,
Bidebimmel, bidebammel, bidebum . . .

Aber wahrscheinlich hat die Freiheit auch ihren Haken. Es heißt, der Mensch müßte jährlich sieben Pfund Schmutz zu sich nehmen (übrigens warum: müssen), und so muß wohl ein jeder von uns seine Portion Widerwärtigkeit erleben, sonst ist die Seele nicht genügend durchräuchert, wenn man stirbt . . . Doch zurück zu meiner Erzählung, tu patauges, ma fille, sagte Maria-Pia immer, wenn ich ins Philosophieren geriet. Also die Pastorin Wackernagel (sehr echt, mit einem Netzchen und einer Korallenbrosche), der ich die Schlüssel zum Riedhaus anvertraut habe, erzählte mir, daß ihre Stütze wie auch die Tagelöhnersfrau die ich zum Putzen angestellt habe – denn der Dreck von den Arbeitern ist unbeschreiblich und wird täglich wieder neu – bei ihrer Seele Seligkeit schwören, in dem muffligen Garten Deines Herrensitzes ging es um. Und schon seit Jahren. Denn der Vielfraß, Fräulein Kajetan, die äußerst unbeliebt in der Gegend war, wie auch ihr Hündchen Molly, ein gräßliches, kleines Stinktier, spukten in den 169 Buchsgängen und besonders da hinten bei den Tannen und Thujen; und nun seit einiger Zeit auch der Geist einer jungen, fremden Dame, wohl die Nichte der Kajetan. Dabei hörte ich zum erstenmal, die Kajetan habe eine Zeitlang ein Zwillingspaar bei sich verborgen, Kinder besagter Nichte, die in England als nursery-governess ihr Brot verdiente und wohl streng genommen nicht zu diesem Zuwachs berechtigt war. Es sollen merkwürdig feine, zarte Kinder gewesen sein, mit langen, feinen Gliedern, man hätte sie allgemein ›die kleinen Engländer‹ genannt. Sie wurden Jimmy und Jinny gerufen. Nun hatte die Kajetan doch diesen krankhaften Heißhunger, und alles Geld was die Nichte schickte, ging in ihren eigenen, unersättlichen Schlund. Die Kinder aber seien ganz blutlos gewesen. Sogar ihre Kaninchen hat das Vampir nicht verschont. Und darum müsse sie nun spuken. Was ich auch nur gerecht finde. Nun bin ich doch sehr dafür, daß Du den ganzen Muffelgarten mit Buchs und Schnecken und Kellerasseln abreißen läßt, das Tannengestrüpp und die greulichen Thujen nicht minder; wozu überhaupt diese Kirchhofsbäume in einem Garten – mehr Licht! wie recht hatte Goethe. Mit dem Spuk ist es natürlich Blödsinn, darauf komm' ich noch zurück; aber diesmal halt ich's mit dem mir sonst unsympathischen Heiligen Winfried, der so drakonisch mit den Bäumen verfuhr. Du hast sonst später immerfort Not mit abergläubischen Leuten, besonders hier wo sie alle Spökenkieker sind. 170

Also gestern bin ich bei der Pastorin zum Kaffee, übrigens alles delikat, Berge von Waffeln – eigentlich darf ich über den Appetit der Kajetan nicht reden – zum Schluß Johannisbeerwein, alles so geistlich-sybaritisch wie in Vossens Luise. Die Pastorin brennt natürlich vor Neugierde auf Dich, und da hatte ich – da man immer den Lastern seiner Freunde entgegenkommen soll, denn nichts stimmt sie dankbarer – Deine Photographie mitgebracht. Wie wir sie gerade besehen, kommt Fräulein Herminchen herein, Stütze mit Kummerfalte, so sauersüß, und bringt den zweiten Nachschub Waffeln; kann sich natürlich nicht bemeistern – solche Personen sind immer so widerlich indiskret – und kuckt mir über die Schulter, was ich schon nicht ausstehen kann. Klacks . . . liegt die Waffelbescherung am Boden. Sie ist kreidebleich, rollt die Augen und ruft: ›Ich verswiem, ich verswiem, die junge Dam' aus'n Garten –‹ gänzlich hysterisch. Die Sorte Menschen lassen sich ja immer so gehen. Pastorin bringt sie auf ihr Zimmer und erzählt mir nachher, Herminchen sei in eine ›gellende Lache‹ ausgebrochen, die Wackernagel schwelgte ordentlich in dem Ausdruck, wiederholte es mit Behagen, na also, und ließe sich's nicht ausreden, Du seist die fremde Dame, die in dem Garten umgeht. Da Du nun aber Gott sei Dank unter den Lebenden weilst, so sind ja dem ganzen Kajetanschwindel die Stiefel ausgezogen, oder vielmehr die Hausschuhe, denn das 171 alte Biest soll immer Zeuglatschen getragen haben, denn zu allem anderen litt sie auch an geschwollenen Füßen, ein Glück für die Kinder, da konnten sie ihr entwischen. Nachts ging das Ungetüm in den Milchkeller und soff den Rahm von den Satten, und in aller Frühe holte sie die Eier aus den Nestern, wie ein Iltis. Dieser ewige Hunger soll mit einer Entartung der Magensäfte zusammenhängen, hat mir unser Doktor erklärt, und meist seien solche Menschen knackdürr dabei – die Kajetan freilich soll ausgesehen haben wie eine Qualle. Und immer in braunem Alpaka. Scheußlich. Die armen Kinder sind bei dem Regime immer blasser geworden, es kümmerte sich auch sonst niemand um sie. Da sind sie dann ausgelöscht wie die Lichter; es wird erzählt, sie hätten giftige Pilze gegessen, aus Hunger, das soll aber eine Erfindung der Volksseele sein, die sich immer zu spät entrüstet – jedenfalls sind sie gräßlich vernachlässigt worden. Da schäumt man doch vor Wut! Die Pastorin sagt natürlich, es sei Gottes Wille gewesen, daß sie sterben. Nun, das ist so eine bequeme und beliebte Art, der Vorsehung die eigenen Schlampereien in die Schuhe zu schieben – das nennen sie dann Gottvertrauen. Also nun erlaube mir, all das kranke, vermooste Holz schlagen zu lassen, wir machen einen freien, sonnigen Rasenplatz, mit einem großen, runden Beet Heliotrop in der Mitte, da summen die Bienen so schön drin – und all die Schauergeschichten hören auf.« 172

Hätte Morgiana von Christinens Traumleben gewußt, ja, hätte sie auch nur von der Episode Mani gewußt, was jene aber in unerklärlicher Schamhaftigkeit des Herzens ihr verschwiegen hatte, sie würde den Brief nicht abgeschickt haben. Christinen indessen focht es nicht an. Armer kleiner Jim, arme kleine Jinny! Wie gut, daß ich euch im Traume trösten darf, dachte sie. Euch ein wenig von dem geben, von dem euch hier niemand gab! Und nun werd' ich's noch besser verstehen, da ich euer kurzes Leben kenne! Und oft noch ging sie mit ihnen zwischen den verwunschenen Hecken, saß auf den kleinen Rasenbänken, die wie Grabhügel aussahen, bei der Kaninchenvilla, und rieb sanft ihre Wange an den verwaschenen kleinen Fuhrmannskitteln. Oh, sie mußte behutsam vorgehen, denn sie hatten eine Art, plötzlich in Luft zu zerschmelzen, wenn Christine zu heftig war . . . sie durfte sie um's Himmelswillen nicht erschrecken, nicht verscheuchen aus ihrem armen, kleinen Reich. Aber sie lernte bald, ihren Schritt, ihre Gebärden dem kleinen Geisterpaar anzupassen.

Manis Bild aber wurde undeutlicher, ach, und das ganz Kleine – wo war es hin? War die Erinnerung vielleicht eine photographische Platte, die es vermag, immer neue Bilder aufzunehmen, die früheren aber werden schwächer und schimmern nur noch selten – gütig, ein wenig vorwurfsvoll – hindurch? Waren jene Kinder im Verlöschen, wurden sie zu Traumkindern, und 173 diese Fremden, die sie im Leben nie gesehen, wurden lebendiger dafür? War's treulos, oder war's nur, daß ihr Herz sich denen zuwandte die hier am meisten gedarbt hatten?

Aber eins war gewiß; der Garten durfte nicht verändert werden. Der kleinen Fremdlinge einziger Spielplatz. Wo sie vielleicht trotz alledem ein kleines, blasses Glück gehabt hatten, weil sie schließlich doch lebendig waren . . . und zu zweit. Was sollte ihnen Luft und Sonne? Die würde ihren Augen ungewohnt und schmerzhaft sein. Ach nein – nichts ändern – sie würden's nicht erkennen, würden den Weg zur Hasenvilla suchen und nicht wiederfinden, davonschwinden und niemals, niemals mehr ihre Ärmchen um ihren Hals legen – ihre dünnen Ärmchen . . .

Von alledem schrieb sie Morgiana nichts. Der Löwe von Luzern war bei aller Treue, allem Mitgefühl, für derlei nicht zu haben. Sie würde es nicht verstehen, daß allein sie, Christine, den blassen Kindern ein bißchen Herzblut geben konnte. Nein, meine Allereigensten, kommt zu mir in euern Ärmelschürzchen, wir wollen die Gießkanne am Brunnen füllen, wir wollen euer armes Gärtchen pflegen, und kleine feste Kränze will ich euch binden aus Sumpfvergißmeinnicht, wenn aber ein Sonnenstrahl kommt wollen wir uns hineinsetzen und ich werde eure kalten Händchen reiben, und schlafen sollt ihr, o stundenlang, an meinem Hals, in meinem Schoß . . . 174

Dann verbrannte sie Morgianas Brief, denn sie wollte alles Grausige verbannen, schrieb ihr als Antwort nur eins: den Garten unberührt zu lassen, wie er sei, und bat, wenn irgend möglich, alles für Neujahr bereit zu halten. Denn nun zog sie's so unwiderstehlich dorthin!

Ach aber, daß sie so müde, so unbeschreiblich müde war . . .

 

VII.

Der berühmte Mann drückte auf einen Knopf. Die Empfangsdame kam und half der Patientin beim Wiederankleiden. Sie erfüllte diese Pflicht mit Eleganz, gegebenenfalls mit Leutseligkeit. Sonderbar, dachte Seine Exzellenz, der nach einigem Geplätscher im Nebenraum seine Notizen am Schreibtisch überflog: Frau Annemarie Schmidt, Hausgenossin, das kann alles mögliche bedeuten; Stütze, Erzieherin, verarmte Cousine vielleicht – er warf einen Blick nach dem Untersuchungszimmer zurück – also gut: Frau Schmidt. Ulster, schwarzes Kleid, grauer Filzhut . . . stimmt. Aber dies tadellose Schuhwerk und diese Wäsche! Er behandelte Damen der höchsten Gesellschaft und des Theaters und war imstand, über Dessous zu urteilen. Nun, es werden Geschenke sein, Abgelegtes von der Gnädigen, dachte er. Sehr kultivierte Stimme übrigens, arme Person! . . .

»Ich werde an Frau von Bevern schreiben, verehrte Frau,« sagte er zu der 175 Wiedereintretenden und sah auf die Uhr – in einer Viertelstunde hatte er eine auswärtige Konsultation – »ich muß Ihre Diät und alles übrige bestimmen, das geht nicht im Handumdrehen. Einstweilen bitte ich um reizlose aber nahrhafte Kost, mäßige, sehr mäßige Bewegung, gut durchwärmte Luft – alles andere werde ich schreiben. Gehorsamste Empfehlung, bin leider heute sehr knapp mit der Zeit.«

Er drückte ihr leicht die hingehaltene Hand. »Meinen besten Dank, Herr Geheimrat,« sagte sie. Er sah ihr nach. Arme Person, dachte er wieder. Dann strich er sich über die Stirn. Diese Gabe, in die Zukunft zu sehen, war nicht immer angenehm.

Die Entlassene ging ruhig über den Smyrnateppich des inneren Empfangsraumes, der mit Geschenken dankbarer Patienten ausgestattet war. In der Mitte das Glanzstück, ein großer runder Tisch aus Malachit: erfolgreiche Gallenblasenoperation an einem in seinem Lande außergewöhnlich verhaßten Großfürsten. Schöne Frauenköpfe lächelten von goldbraunen Seidenwänden; auch einige Landschaften und das Porträt eines bekannten Herrenreiters auf seinem berühmten Vollblut hingen dort. Vorhänge und Portieren ebenfalls goldbraun, aber aus Plüsch. Die Marmorbüste der Koryphäe selbst auf roter Porphyrsäule. Das, was man Beleuchtungskörper nennt, in reichster Auswahl. O welch ein Alpdruck, dachte Christine. 176

Im äußeren Wartezimmer war es weniger pompös. Es war dies der allgemeine Fischkasten, aus dem die Empfangsdame mit unfehlbarem Griff die einzelnen Exemplare aushob, die Karpfen von den Forellen, und diese wieder von den unbedeutenden Weißlingen schied. Dann kamen sie in die Sonderabteilungen. Dieser erste Raum war hell und nüchtern möbliert. Vor dem Fenster ein großes Aquarium. An den Wänden Lithographien berühmter Ärzte und Pathologen. Unter ihren bebrillten Augen schwammen die Goldfische gelangweilt durch Tuffsteingrotten aus und ein. Auf kleinen Tischen illustrierte Blätter aller Art. Außerdem sorgten Leberecht Hühnchen, Familie Buchholz und »die jüdische Kiste« für Erheiterung der Wartenden.

Christine verabschiedete sich von der Empfangsdame die ihr etwas säuerlich nachblickte, denn sie hatte eine Mystifikation gewittert, was sie durchaus ungehörig fand. Christine ging gelassen die Treppe hinunter. Ihr Herz klopfte nicht um einen Schlag rascher als vordem. Und doch hatte sie begriffen. Auch ohne den Brief, der morgen an sie gelangen würde. Ihre kleine List war gelungen. Schwarz auf weiß und ohne alle Verschleierungen würde sie erfahren, warum Frau Annemarie Schmidt seit einiger Zeit so überraschend abmagerte, was die unheimlichen Schmerzen bedeuteten, deren Aussetzen immer kürzer wurde, und was diese unbeschreibliche, tödliche 177 Mattigkeit; von anderen, neuen Symptomen abgesehen. Aber auch ohnedem wußte sie genug. Diese Fragen, die, zuerst an auseinanderliegenden Punkten einsetzend, allmählich einen Kreis gezogen hatten (ähnlich wie eine Spinne zunächst den äußeren Grundriß ihres Netzes zieht), dann einen zweiten und dritten, immer enger, bis die Wahrheit nicht mehr entschlüpfen konnte, – ja, wie ein Kesseltreiben, wie das Vorgehen eines erfahrenen Untersuchungsrichters war's gewesen. Lückenlos. Kein Wunder, daß seine Diagnosen berühmt waren. Sie war ganz kalt; staunte nur. Dieser Mann, den sie eigentlich mit Widerwillen aufgesucht hatte, welch ein Dasein führte er! Seine Zeit nur für andere, eingeteilt wie ein Schachbrett; bei lebendigem Leben aufgefressen von der eigenen Berühmtheit. Und immer mußte er Urteil sprechen, Gnade oder Verdammnis. Wie der Tod im Märchen, der sich zu Häupten des Bettes stellt oder an sein Fußende; dessen Spruch unwiderruflich ist.

Sie war die Letzte im Sprechzimmer gewesen, und als sie auf die Straße trat, stand da schon sein Coupé. Der Diener oben sortierte die Abendpost. Ja, einen Blick darüber, die Zigarette angesteckt und dann hinunter und weiter zu den armen, gepeinigten Wesen, den vielen, die gern leben, den wenigen, die gern sterben wollen. In welche Schicksale blickte er täglich mit seinen eisblauen Augen, die so hell waren, daß sie beinah 178 weiß schienen! Zu ihm redeten die flehenden Blicke, die so vieles aussagen wovon kein Wort laut wird. Wenn er dann heim kam, brachte er es fertig, alles wegzuschieben, gleichsam einen leeren Raum zu schaffen in seinem Hirn. Seine Leidenschaft für Kammermusik war bekannt; früher hatte er regelmäßig sein Quartett gehabt und selber den Violoncellpart übernommen; dann bemerkte er, daß es der Feinheit seines Tastgefühls schadete; nun ließ er sich nur vorspielen. Bis spät in die Nacht. Dazu aß er erlesene und stärkende Dinge, am liebsten Kaviar und große Scheiben fast blutigen Rostbeefs. »Mein alter Alliierter läßt mich nicht im Stich,« sagte er: damit meinte er seinen Magen.

Den edlen, französischen Sekt trank der Geheimrat aus großen, weiträndigen Gläsern, in denen seine fleischige Nase verschwand. »Man trinkt auch mit der Nase,« sagte er. Aber er aß und trank abseits, halb verdeckt von einem Wandschirm, denn zu dieser Stunde war seine Nervenkraft aufgebraucht, er war gierig und konnte ein unschönes Schlingen nicht unterdrücken. Aber bald hatte er das Verbrauchte ersetzt, war wieder der kühle, korrekte Meister und sog gemächlich Beethovens Töne in sich ein, kostend und würdigend, wie ein Weinschmecker edle Jahrgänge kostet und schmeckt.

Waren die Künstler und Freunde gegangen, so nahm er ein heißes Bad, aus dem er wie ein 179 gekochter Hummer hervorging, legte sich in sein niederes asketisches Feldbett und las noch eine Stunde lang möglichst sensationelle Detektivromane; das lenkte die Gedanken ab und ruhte am besten aus. Dann schlief er, niemals mehr als sechs Stunden, weich gelöst wie ein junger Hühnerhund, und pünktlich um acht stand er wieder, kühl und weiß gewandet, im hellen, erbarmungslosen Licht unter der Glaskuppel seines Operationssaales.

Unter dem Pflegerinnenpersonal hatte er seinerzeit hohen Seegang erregt; demütige, ja sklavenartige Ergebenheit, Eifersucht und Rachegefühle, wie sie solche Führernaturen umbranden. Seit vielen Jahren arbeitete er daher in seiner Klinik mit Vinzentinerinnen. Ihr Glauben war ihm fremd, aber dessen Resultat, unbedingter Gehorsam, Gleichmut und Selbstbeherrschung, war was er brauchte. Übrigens war von seinen erotischen Erlebnissen nichts bekannt, außer, daß ein schon jahrealtes Verhältnis zu einer nicht mehr jungen, ehemals sehr schönen Frau aus den Kreisen der Großindustrie bestand, das allgemach den Charakter ruhiger, ihrerseits fürsorgender Freundschaft angenommen hatte. Sie trafen sich alle Sommer an der Nordsee, was für die Frau ein Opfer bedeutete, denn ihre Natur verlangte unbedingt nach dem Engadin. Aber ihm wäre es keine Erholung gewesen, in der Ferienzeit alle die Typen aus Berlin W. W. wiederzutreffen, die er 180 schon im Winter allzu reichlich genoß. So mietete Frau Arabella Wedderkopp alljährlich ein kleines Haus auf einer Hallig, das strohgedeckt, aber innen mit jedem Raffinement der Neuzeit ausgestattet war, und verlebte dort mit ihm vier bis fünf Wochen, ruhig, behaglich, und durch die Erinnerung an Vergangenes wehmütig-reizvoll gewürzt. Herr C. F. Wedderkopp tauchte über Sonntag auf. Er war nie störend gewesen. Wenn er kam, wurde Trio gespielt, denn er war ein ganz passabler Geiger und auch Arabellas Technik stand weit über dem gewöhnlichen Dilettantendurchschnitt. Abends gab es einen gemütlichen Skat. Ja im vergangenen Sommer hatte der Skat das Trio mehr und mehr verdrängt. Seine Exzellenz fing an, die Gemächlichkeit vor allen Dingen zu schätzen; es war schon vorgekommen, daß er sich mit umgehängter Genickrolle an den Spieltisch gesetzt hatte. Und Frau Arabella erlebte jene Wandlung, die der kleine schweigsame C. F. Wedderkopp hinter blitzenden Brillengläsern längst erkannt hatte: der Champagner wird zu Tischwein und schließlich zu Kamillentee.

Das dreieckige Verhältnis war der Welt natürlich kein Geheimnis geblieben; es war das alles so zum Überdruß bekannt wie die Anekdoten vom alten Wrangel.

Christine fand den großen Mann antipathisch. Dennoch – er machte ihr Eindruck; ja, er flößte ihr das magnetisierende Grauen ein, das bei 181 Frauen ihres Temperaments auch ins Gegenteil umschlagen kann, und wäre es nicht aussichtslose Quälerei gewesen, er wäre doch der einzige gewesen zu dem sie gesagt hätte: »So, nun martere mich, ich vertraue dir.«


Nun, da sie vor dem Platz stand den sie durchqueren mußte, fühlte sie erst, wie stark die Expedition sie mitgenommen hatte. Ihre Knie zitterten, die Wagen, das Tuten, das Klingeln machten sie schwindlig. Wozu noch sparen! Sie nahm einen Wagen. Aber als sie dann in die Nähe der Landgrafenstraße gelangt war, ließ sie halten und stieg aus. Heute, fühlte sie, würde sie es ertragen können, nein, es war sogar etwas Witterndes über sie gekommen, das wollte aufspüren, wiederfinden, wiedererkennen. Könnte ihr wohl irgend etwas noch wehe tun?

Sie ging die stille, vornehme Straße entlang. Verwandte von ihr hatten früher dort gewohnt, die zweimal im Winter ein ausgezeichnetes, wenn auch allzu nahrhaftes Diner gaben, zu dem immer dieselben alten, teils verknöcherten, teils aufgeschwemmten Exzellenzen erschienen, von denen es – unglaublich genug! – hieß, sie hätten einer rebellisch-liberalen Richtung angehört und seien Bismarcks Ranküne zum Opfer gefallen. Der Onkel versammelte die alten Frondeurs zweimal im Winter an seinem reichbesetzten Tisch. Er selbst, obgleich dem linken Flügel des Freisinns 182 angehörend, beherrschte seine Familie mit einer Despotie, die an Peter den Großen gemahnte. Christine, die damals sehr jung war, hatte gestaunt. Also das sind Rebellen! dachte sie. Sie hatte noch allerhand opernmäßige Vorstellungen: Kalabreser und Dolche und furchtbar viel Edelmut; diese Menschen waren doch alle entsetzlich zahm!

Nun ging sie am Kanal. Die Bäume fast blätterlos; aber die Sonne schien, und ein kleiner Schleppdampfer bugsierte gerade zwei große Zillen, mit Brettern und Backsteinen beladen, stromauf. Nun näherte sie sich schon der kleinen, gewölbten Brücke; und drüben, ganz verlassen, lag die grüne Oase, wo sie damals gesessen und hinübergestarrt hatte nach der chinesischen Gesandtschaft. Jetzt war der Rasen bedeckt mit großen, gelben Ahornblättern. Schade; sie wurden weggeharkt, gerad' ehe der Frost kam. Nein, aber wirklich, nun sie alles wiedersah, es tat ihr nichts mehr weh. »Ne cherchez plus mon cœur, les bêtes l'ont mangé . . .« Nein, nein, so war es doch nicht. Aber wie eingeschlafen war alles, oder vielleicht – kleiner, blasser geworden durch den großen, kühlen Fernblick den sie heute gewonnen hatte . . .

Sie ging weiter. Ein Dienstmann kam ihr entgegen, keuchend, mit einem Karren; sie sah etwas Rosa-Goldenes, Tragantartiges leuchten. Eine große Muschel aus Holz oder Stuck oder war's Papiermaché, und darin saß wie in einem Nest, bis zum Schnabel eingewickelt, was ihm ein 183 katarrhalisches Aussehen gab, ein Schwan. . . etwas über Lebensgröße. Und auf einmal begriff Christine, daß dies Lohengrins Zauberkutsche war, die auf einem Schiebkarren transportiert wurde. Der Mann stand still und wischte sich den Schweiß von Stirn und Hals. Christine lächelte ihn an – sie fühlte, daß sie »ses yeux polissons« machte, wie die Prinzipessa es nannte; aber es war doch unendlich komisch, der Halswehschwan, wie er da hockte. »Ja,« sagte der Mann, als beantwortete er eine Frage, »wir leihen ihn manchmal aus.« Er lockerte die Holzwolle und die Papierwülste, als wollte er einen Prießnitzverband entfernen, und zeigte die gelenkige Einrichtung, die dem Vogel das Nicken ermöglichte; »denn da ist eine Stelle in dem Stück, da muß er nicken,« sagte der Mann. Und Christine sah sie stehen, die feisten, blonden Heldentenore, mit angeklebtem Bart und ausgestopften Waden, und hörte sie singen: Elsa, mein Weib! Und hörte und sah dies wunderbare Gemisch von Pathetik und höchstem musikalischem Können, das sich Wagner nennt und so ganz einem bestimmten Moment der deutschen Seele entsprach, die mit Entzücken auf seine gefühlvollen Leimruten kroch, die wundervolle Kühnheit und Gewissenhaftigkeit seiner Arbeit aber nicht verstand.


Der Brief den ihr der nächste Tag brachte, bestätigte nur, was sie geahnt, gewittert hatte, als der große Mann jene paar letzten Fragen, 184 scheinbar nebenher, an sie stellte. Wie Polarmeerwasser, eisklar, waren seine Augen dabei gewesen, aber zweimal war's, daß bei ihrer Antwort ein Schatten, wie ein Fisch, sie durchzuckte. Und beide Male fühlte sie, jetzt eben war der Nerv der Frage getroffen. Zu spät, schrieb er, doch wolle er versuchen, wenn die Kranke einverstanden, ihr Linderung zu verschaffen. Es würde dies eine Verlängerung des Lebens um mehrere Monate, vielleicht um ein Jahr, bedeuten. Rettung ausgeschlossen. Frau von Bevern müsse mit ihrer Schutzbefohlenen ohne Vorbehalt sprechen; denn auch dieser Eingriff sei ernst. Er bedaure, eine so trostlose Prognose stellen zu müssen. Aber es sei nutzlos, Tatsachen gegenüber und so weiter.

Frau Laube, arme Frau Laube! dachte Christine, und für einen Augenblick standen ihre Augen voll Wasser. Dann schrieb sie Seiner Exzellenz ihren Dank für die rasche und gütige Beantwortung und bat um Mitteilung ihrer Schuld, da sie im Begriff sei, die Stadt zu verlassen. Sie fügte hinzu, sie glaube nicht, daß Frau Schmidt sich der doch aussichtslosen Operation unterziehen würde.

Als Antwort erhielt sie ein gedrucktes Formular. Ein sehr geringes Honorar war darin vermerkt. Denn es handle sich hier um ein Werk der Nächstenliebe. (Für gewöhnlich war sein Satz höher.)

Christine dankte erneut für das Entgegenkommen, gab sich aber die Ehre, einen höheren Betrag 185

184

 

einzulegen, mit der Bitte, den Überschuß der Abteilung für unbemittelte Patienten zuwenden zu wollen.

Ein kurzer, verbindlicher Dank der Koryphäe bestätigte den Empfang des Honorars und des an die Klinik für Unbemittelte überwiesenen Betrags und schloß die Korrespondenz.

 

VIII.
(Das braune Buch)

. . . Ich mußte heut an einen Soldaten denken, den ich liegen sah. Am Schluß eines heißen Übungstags. Ein Kamerad hatte ihm den Tornister unter den Kopf geschoben, die Uniform aufgerissen, man sah die Brust arbeiten, Schweißperlen auf der weißen Haut. Unter einem Apfelbaum an der Chaussee, die Füße im Graben. Zwei Mann waren nach Wasser gerannt, die anderen hockten dabei, es war Teilnahme in den jungen, dummen Gesichtern und wie sie ihm die Füße stützten. Die Luft fing an, ganz wenig zu säuseln, man war so dankbar für jeden Hauch. Die Soldaten brachen Zweige ab und fächelten; über dem armen Jungen war der dunkelblaue Himmel und rote Äpfel im Geäst. Dann kamen die zwei mit Eimern und Kannen. Aber er starb, ohne es zu wissen. Und an Margarethe dachte ich, die den kleinen Kutschersohn aus dem Eise rettete und selbst dabei 186 umkam. Wir nahmen die Blumen weg von ihren schönen, starken Händen, nichts sollte sie verdecken. Und an Mani. Ja, und der Maulwurf, die toten Vögelchen, was ich so auf Waldwegen fand, zwischen modernden Blättern, fast eins geworden mit der Erde, aber da glänzte noch ein Federchen, eine rote, flaumige Kehle . . . es schien mir ganz recht, nicht grausam, daß die Ameisen ihre Brustbeinchen sauber abgenagt hatten; warum soll sich das eine vom anderen im Tode nicht nähren, im Leben frißt so oft das eine das andere auf. Ach, im Freien, mit offenen Augen, so in die Wunde des Abendrots hinein . . . zerschmelzen; nicht drängen, nicht zögern. Aber die Krankheit stiehlt den Stolz aus den Knochen. O Gott, wenn man's kommen fühlt. Und das Geflüster in Krankenstuben! Die Unehrlichkeit. Einer belügt den anderen. Die Gesunden tun hoffnungsvoll und schämen sich ihrer Gesundheit, und die Kranken wollen die Gesunden schonen und tun, als glaubten sie ihnen. Und doch weiß jeder, daß der andere weiß. Wenn dann die Schmerzen kommen, die ganz furchtbaren, wer ist barmherzig, wenn man nur um eines bettelt: so helft doch, daß es ein Ende nehme! Du vielleicht, Morgiana, denn dein Herz ist dein Gewissen . . . aber warum auch noch diese Last auf dich legen? Und so müßte ich daliegen und zum Tier werden. Denn ich kann lange ertragen, aber es müssen Oasen sein; wenn die aufhören, nein, dann ist es unmöglich. Nur 187 ein Gedanke wird noch sein: jetzt kommt die Qual – und jetzt hört sie auf. Aber sie hört nicht auf, sie holt nur Atem, um wieder einzusetzen, doppelt stark. Und wenn auch die Liebsten an mein Bett kämen, ich würde nur denken, still, daß nur der Schmerz nicht aufwacht! Sie werden mich trösten wollen, aufheitern – blödes Wort –, mir Blumen und Bücher bringen. Aber ich? O Gott, nun war ich eine Viertelstunde ohne Qual, die Frist ist um. Die Wärterin mit dem Morphium, nur um die werden sich meine Gedanken drehen. Ein bißchen mehr, Schwester, ach bitte, ein bißchen mehr. All die großen strahlenden Dinge, Liebe, Mut, Kameradschaft . . . nur Worte!

Später. Wo zwei Ströme ineinanderströmen, welcher von beiden empfängt den anderen! Ich aber blieb zurück und trug dich weiter in meinen Adern. Das habe ich gehabt, wer kann es mir nehmen? Und ob du mir auch nicht bleiben konntest, du bist mir doch geblieben. Denn mein Gefallen an dir blieb unvermindert. Nein, das Leben hat ehrlich gespielt. Und mein armes Kleines, wenn ich's nun allein lassen müßte? Nein, so blieb es behütet vor Unverstand.

Abends, in den Straßen, im Gedräng, meinte ich, sein Händchen schon in meiner Hand zu fühlen; es hätte gestrickte Fausthandschuhchen angehabt, ich fühlte seine Fingerchen darin krabbeln. Es und ich, mitten im Gewühl; wenn ich an einem 188 Schaufenster vorbeikam, das mich spiegelte, sah ich auch seine kleinen Beine, so gewiß war ich, es ginge neben mir.


Abends. Wenn hier das Mädchen mir gute Nacht wünscht, sagt sie: Braucht die gnädige Frau noch etwas? Lieber Gott, welch einen Wunschzettel hätt' ich früher gemacht: Sonne, Mond und Sterne. Jetzt lächle ich und sage: Danke, nichts.

4. November. »Das Leben wird sehr einfach, wenn man sehr unglücklich ist.« Ich habe das nicht gefunden. Denn an die Wunden gehen auch noch die Bremsen. Nein, es ist das Glück, das alles einfach macht.


Das schönste war doch, wenn die Tür offenstand und ich hörte ihn daneben alles zurechtlegen für den Aufbruch am nächsten Morgen. Frühmorgens, die Welt im Tau noch, und da gingen wir, verzaubert, wie Geschwister. Immer von neuem – ganz schüchtern. Seine Stimme, sein Schritt, wie haben sie mich begleitet: Und sind doch schwächer geworden, mit der Zeit, beinah verhallt. Und auch sein Gesicht kann ich nicht mehr recht sehen. Aber wenn ich Weißdorn rieche, kommt es über mich.


7. November. Fordern . . . wer kann das? Lieber dem anderen Wasser schöpfen und selber verdursten.


189 Da tickt etwas: eile dich, eile dich! Aber ich kann es nicht mehr einholen. Wie gut, daß Leiden müde macht. Da wird man träge und merkt nicht, was man alles versäumt. Ich habe nie Sehnsucht nach der Mitternachtssonne gehabt oder nach den Pyramiden, oder nach Indien und in Urwälder zu gehen. Es sind die Dinge, die man eben noch erreichen könnte, die einen so quälen. Die Kirschen am niedersten Zweig, wenn man sich auf die Fußspitzen stellt, berührt man sie fast; die sind's, nach denen man verschmachtet; was hoch oben im Wipfel hängt, ei, laß es hängen. Ja, so die ersten Bahnhöfe über der italienischen Grenze, wo Nelken aus den Fenstern hängen und reizend braune, schmalköpfige Geschöpfe lehnen sich heraus, schlampig und unendlich freundlich. Und im eigenen Vaterlande, wie vieles war da, an dem man vorüberfuhr . . . Böschungen, ganz rosa von Schafgarbe, hoch oben ein Landhaus, die Leute nahmen gerade Äpfel ab, sie winkten, der gelbe Abendhimmel stand dahinter, man sah jedes Blatt an den Bäumen; oder Waldwiesen – das Heu lag und duftete – der Zug hielt, es wurde auf eine Kreuzung gewartet – und da, plötzlich in der Stille, hörte man viel tausend kleine Grashupfer ihre Beinchen wetzen. Ein Bahnwärterhaus; Phlox; die Frau sitzt vor der Tür und putzt Salat. Muß man das alles vergessen, wenn man tot ist! Das ist schade, denn dann stirbt es doch eigentlich auch. 190

Später. Damals, als ich so unglücklich war, habe ich auch anderen wehe getan. Wie ein Pferd das die Bremsen peinigen. Damals war's, daß ich immer an einem Schaufenster stehen blieb, wo Abgüsse antiker Bildwerke waren. Oh, der eine, so ruhevoll als sähe man in einen großen Nachthimmel hinein. Wen er vorstellte, weiß ich nicht. Weite, traurige Brauen und ein ganz weicher, junger Mund. Mir wurde so still. In Italien habe ich solche arme Jungens aus den Steinbrüchen kommen sehen, wo sie den ganzen Tag in der Glut geklopft und gemeißelt hatten . . . wenn sie sich ein wenig umwandten und lächelten, oh, entzückend, als ginge plötzlich, geisterhaft, die Sonne auf – man hätte ihre schönen feuchten Zähne küssen mögen!

Morgiana hat Augen wie die Blume »Braut in Haaren«, so graublau, in Wimpern verschleiert. »Liebe im Nebel« nennt man sie in England. Und mich freut's, daß man sie in den großen Schaufenstern der Blumengeschäfte nicht sieht. Ich will nicht, daß sie Mode werden – ich bin eifersüchtig auf sie.

10. November. Der gute Doktor hat mich wohl sehr lieb. So etwas spürt man gleich an der Art wie einer die Tür aufmacht. Er ist so gütig. Er nimmt seine Freunde, wie sie nun einmal sind; en bloc; kritisiert nicht erst lange an ihnen herum. Ärzte sind oft so. Sie sehen viel Jammervolles, das ganz hilflos ist, und wie sich alles verkettet, 191 unentrinnbar; darum sitzen sie nicht zu Gericht. Als er bei den Indianern lebte, war er gewiß auch gut und freundlich mit den kleinen, braunen Squaws und ihren kleinwinzigen Papooschen, die sie auf dem Rücken tragen, festgewickelt wie Räupchen im Kokon. Tagsüber machte er seine großen Ritte, seiner Untersuchungen wegen, und wird dabei viel armen, unwissenden Menschen Trost und Hilfe gebracht haben, denn die kamen ja immer herbeigelaufen mit ihren alten, vernachlässigten Schäden – und abends ist er dann heimgekehrt zur kleinen Squaw im Zelt, und was sie da Gräßliches zusammengekocht hatte, konnte er natürlich nicht essen, da hat er sich etwas anderes gekocht mit seinen guten, geschickten Händen. Nachher haben sie dann vor der Hütte gelegen, er hat geraucht und an tausend ferne Dinge gedacht, bloß ab und zu die kleine Squaw am Ohr gezupft, und die hat dagelegen zusammengerollt wie ein Iltis und hat nur ein bißchen gegrunzt und war eine glückselige kleine Squaw. Ihm war sie gerade recht so; eine kleine, stumme Frau, die nur weich ist.

Einmal kam er, wie ich so fieberte, ich hatte telephonieren lassen, aber es erreichte ihn erst spät. Hier schliefen schon alle. Endlich wurde ihm doch aufgemacht. Da hatte er gleich eine Medizin mitgebracht, recht abscheulich war sie und ich hätte sie sicher weggegossen, aber er stand dabei und paßte auf, daß ich nicht mogelte. Und dann 192 machte er mir zur Belohnung eine wundervolle heiße Limonade. Es war so beruhigend, ihn im Zimmer hantieren zu sehen, präzis und ohne Hast; nicht die geringste Unordnung machte er. Wie er dann wegging mit einem kleinen Lächeln und die Tür so sanft schloß, hab' ich geweint; es wollte gar nicht aufhören . . . wie Verbluten war's. Am Morgen war dann alles Fieber fort.

Mit ihm müßte herrlich reisen sein. Er ist so umsichtig und wird mit allem fertig. Niemals eine Hetz. Und doch nie zu spät. So zwatzlige Männer sind doch wohl das Allerärgste. Die arme Mary Huntington konnte darüber ganz elegisch werden. Sie war immer wie ausgelaugt, wenn sie mit ihrem Mann gereist war. »Wenn ich noch einmal heiraten müßte, so würde es nur ein Angestellter von Cook,« sagte sie. »Denn Herbert so im Kursbuch herumfahren zu sehen, wie eine vergiftete Ratte – es gibt nichts Ärgeres.«

Später. Die Ärzte sagen: das Leben ist heilig. Aber die Qual ist nicht heilig, sie macht uns zu Tieren.

Wieder eine schlimme Nacht. Wenn es ganz arg ist, seh' ich die Kinder nicht. Aber dann gegen Morgen, oh, dann weiß ich, nun kommt der Schlaf, und dann kommen auch sie.

Der arme Herr Laube sagte mir, das sei so grausam in der dritten Klasse: die armen gepeinigten Menschen schlafen meist erst am Morgen ein, aber um halb sechs kommen die Schwestern schon und 193 wecken sie, um sie zu waschen . . . denn um acht beginnt die Ärztevisite. Wäre es nicht besser, die Ärzte kämen am Nachmittag?

14. November. Nach einer bösen Nacht ein sanfter Tag. Alles wie aufgelockert. Es ist noch einmal solch goldenes Wetter gekommen; das sickert sanft in mich hinein. An der Erde liegen, fest eingetreten, goldene Akazienblättchen; wie Dukaten. In Süddeutschland ist dies oft eine so milde, liebreiche Jahreszeit. Dies Jahr auch hier.

15. November. Heute nacht kamen sie wieder. Sie hatten nasse Schuhe, auch die Kittel waren naß. Oh, meine süßen Kerlchen, tut mir doch das nicht an; in den Gräben ist tiefer Schlamm, ihr werdet ausgleiten . . . Sie haben häßliche, plumpe Schuhe, viel zu groß, ihre dünnen Beinchen sind wie Stöckchen hineingepflanzt. Die Wasserrosen hingen trübselig an ihren langen, schleimigen Stielen – es roch nach Sumpf. Ich trocknete ihre Hände ab, ich wollte sie küssen, auf einmal waren sie weg.

16. November. Heute wieder. Sie hatten ein Vokabelbuch, sie wollten lernen. Hier kümmert sich niemand um sie, scheint mir. Es waren englische Vokabeln. The cat sat on the mat – lasen sie. Und: dearest mamma, dearest papa. Ich küßte sie ins Genick, wo ihr leichtes, wolkiges Haar sich lockt. Die Sonne schien gerade darauf. Ihre Haut roch so rührend, wie ganz junge Hühnerchen. Wir saßen auf den Rasenbänken, die wie Grabhügel sind. Eine ganze Weile glaube ich. 194

Später. Mütter vieler Kinder ziehen mich so unwiderstehlich an; als müßten sie mir etwas geben, nach dem mein Herz begehrt. Es lockt mich wie eine offene Haustür, durch die man den Herd brennen sieht. Es muß etwas Körperliches sein; ach, was ist denn im Grund nicht körperlich? Denn ich hab' es auch bei Tieren gespürt. Unsere alte Cora, wenn sie im Stroh lag und ein bißchen seufzte und all die Kleinen ihr keine Ruh' ließen . . . mir war, als hätten wir uns etwas Besonderes zu sagen.

Es ist schon viele Jahre her, da besuchte ich eine Familie auf dem Lande die ich sonst nur flüchtig in der Stadt gekannt hatte. Die Frau empfing mich allein – die anderen waren fortgefahren. Sie war Mitte Fünfzig, groß und stark; an den Wangen – wenn das Licht hinter ihr war – stand ihr ein kleiner Silberflaum . . . so war's auch bei Frau Laube. Liebe Augen hatte sie, braun mit blauen Lichtern und dunkel umschattet; Hasen haben solche Augen. Es wurde Tee gebracht. Sie stellte alles vor mich hin, freundlich-sicher. Ich war einsilbig, wie benommen. Sie erzählte von ihren Kindern und Enkeln. Wir saßen in der Abendsonne, es standen Zimtnelken auf ihrem Schreibtisch. Irgendwo in einem Zimmer übte jemand eine Sonate, die ich früher auch gespielt habe; es klang nur dumpf durch die Wände, aber ich kannte jede Note wieder. Da ist eine Stelle, wo die Melodie ganz harmlos, mit einem kleinen Schritt nur, in eine andere Tonart ausweicht, aber so überraschend 195 doch, es liegt ein Abgrund dazwischen. Die Stelle fühlte ich nahen; ich sah auf meine Hände nieder, ich fühlte meine Augen brennen, wollte nicht aufschauen. Auf einmal sagte die Frau neben mir: LiebesKind! . . . so ein bißchen fragend. Und dann strich sie mir ein paarmal über den Arm und sagte: Nun, nun, so – so. . . nur vor sich hin. Ich schlang die Hände ineinander, ganz fest. – Ich konnte nichts sagen, ich dachte auch nichts. Es war ja alles noch vermummt, wie sollte ich sagen, was mir fehlte! Diese liebe Frau, ich sah sie fast nie und habe ihr auch nie geschrieben; was hätte ich ihr auch schreiben sollen! Aber wie gern hätte ich sie geküßt!

Astern, Dahlien, späte Fuchsien . . . alles vorbei. Nun gibt es überall Chrysanthemen, die nach Pfeffer riechen, man denkt an die üblichen, lieblosen Beerdigungskränze, »aber bitte nicht über sechs Mark«. Die großen, überfütterten Chrysanthemen in den großen, teuren Läden kann ich nicht leiden. Es gibt phantasielose Menschen, die kaufen zwei oder drei solcher Ungetüme, dann wird noch was Grünes, Stachliges dazu gebunden, und dann überreichen sie's einem in Seidenpapier, das nach Holzwolle riecht, mit einer Stecknadel zugesteckt. Und es gibt doch viele liebe Blumen, mit denen gar kein Wesens gemacht wird. Wär' ich der Kaiser, ich ließe die alten Burgruinen in Ruh und baute lieber große, große Gärtnereien, mit lauter entzückenden Blumen und Obst, und das würde umsonst sein; wie Volksbäder. Die Kinder 196 dürften sich ordentlich dumm und stumm dran essen. Und große Karussells ließ' ich aufstellen, auch umsonst, daß die armen Kinder auch sonst noch ihren Spaß hätten. Manchmal, wenn ich nicht schlafen kann, denk' ich mir aus was ich alles täte, wenn ich fabelhaft reich wäre oder fabelhaft mächtig. Oh, bei mir würde es furchtbar gerecht zugehen!

25. November. Heute nacht war's wieder grausig. Immer mehr muß ich von dem Zeug nehmen . . . Bald . . . bald . . .

»Ah, vois-tu, j'ai tant envie de vivre à présent, que je consentirais à finir mes jours une main dans le feu et l'autre dans la tienne!« Ja, das schreibt einer, das glaubt einer, der nicht weiß. Aber ich weiß nun, und es ist nicht wahr; der Schmerz ist stärker.

26. November. Heute war Mani auch dabei. Ganz blaß, hinter den Kleinen. Blasser noch als sie. Ja, was wird nachher sein? Werd' ich wieder mit Jimmy und Jinny sein dürfen? Wenn nur das Gärtchen bleibt wie's ist. Sonst finden wir uns nicht wieder. Oder werden sie aufhören, wenn ich nicht mehr hier bin? Ist es meine Wärme, mein lebendiges Blut, das sie brauchen, das ihnen ihr kleines blasses Leben erhält?

Heute hatten sie alte, ausgewachsene Matrosenjäckchen an, mit Ankerknöpfen; die an den Handgelenken viel zu kurz waren, und auf ihren Kappen stand: H. M. S. Tremendous. Sie sahen so verfroren aus. Wenn es ein Paradies gibt, wo doch so 197 kleine unschuldige Kinder hingehören, warum dann kommen sie immer wieder in das trübselige Gärtchen zurück, wo sie doch so unglücklich waren? O ihr Armen, Armen!

28. November. Wendland soll nicht mehr kommen. Er hat so forschende Augen. Ich muß frei bleiben, frei. Und er wird wohl auch den kuriosen Aberglauben haben, das Leben sei heilig. Ich möchte ihn darüber aushorchen, aber er würde sich Gedanken machen. Ist das auch noch Leben, wenn ein halbzertretener Käfer an der Erde kriecht?

Kleine Operationen, nach denen unsereiner acht bis vierzehn Tage zu Bett liegt, werden an armen Frauen in der Poliklinik ohne Betäubung vorgenommen. Dann dürfen sie ein Stündchen auf einem Ruhebett liegen; und dann kriechen sie bis zur nächsten Elektrischen und fahren nach Haus.

29. November. Liebe Morgiana, der Gedanke an dich ist das einzige Gute, Kühlende. Wie man sich im Kissen eine kühle Stelle sucht um endlich einzuschlafen. Liebe Morgiana, lies alles, dann wirst du verstehen warum ich dir das Riedhaus schenke. Du darfst es nicht weggeben, und laß doch bitte, bitte, das Gärtchen, wie es ist . . .

Später: Salva me, fons pietatis! Diese goldenen, lateinischen Honigwaben. Wohl denen, die da aus und ein gehen.

30. November. Mancher Menschen Leben ist so klar aufgebaut, wie aus einfachem Grundriß eine schöne Kirche wächst; jedes Ornament sitzt recht 198 und lieblich an seiner Stelle wie am Schlehdorn die Blüten. Und der Tod ist dann nur die letzte Erfüllung. Steinerne Rose hoch oben im Licht! Winde umfächeln sie, Schwalben umzucken sie, sie leuchtet unbewegt; Vollendung!

Und andere Leben gibt es, dies und das steht – wer weiß warum – beieinander. Ein Bäumchen, ein alter Zaun, der Weg mit seinen Radspuren, und darüber der Himmel, nicht blau, nicht grau. Schornsteine und Essen rund umher . . . Häuser der Armseligkeit. Aber dann kam ein Frühlingsregen, und wie der vorüber war, brach die Sonne durch, nur auf einen Augenblick, und der Zauber war fertig. Das Bäumchen stand duftverschleiert, der Bretterzaun glühte wie Feuerbalken, die Radspuren hatten sich mit Silber und Rosenrot gefüllt. Da standen zwei im Arbeitskleid und küßten sich und konnten sich nicht lassen. Und der Qualm der Essen, was war aus ihm geworden? Goldener, goldener Dunst am Abendhimmel.

 

IX.

Auf Morgianas Läuten wurde sofort aufgetan. Ein Mädchen mit verquollenem Gesicht, das Taschentuch vor den Mund geknüllt, als ob sie Zahnweh hätte, gab ihr ausgiebig wenn auch undeutlich Auskunft. ›Ja, die gnädige Frau hätte immer so lange gelegen, heut' aber wär' es elf geworden, und immer noch hätte sie nicht geklingelt. Da 199 hätte sie, Auguste, das Frühstück gebracht, aber die Tür sei verschlossen gewesen; da wäre sie zu Frau Professor gegangen und Frau Professor hätte auch geklopft und gerufen – und schließlich hätten sie dann den Schlosser geholt. Sie sei so furchtbar erschrocken, ach die gute gnädige Frau, Frau Professor hätte gleich an den nächsten Arzt telephoniert, ja und auch der Herr Doktor Wendland sei bald gekommen, der hätte gesagt, es wäre nichts mehr zu machen, der andere Herr Doktor wollte noch was versuchen, aber der Herr Doktor Wendland hat gesagt, nein, es ist zu spät, und er ist der Hausarzt und übernimmt die Verantwortung. Der Herr Doktor hat uns dann gesagt, gelitten hat die gnädige Frau nicht, das Herz ist schwach gewesen und mit den Schlafmitteln nimmt einer leicht zu viel und man soll ihr die Ruhe gönnen.‹ Dann erfolgte der bisher zurückgedämmte Tränenstrom.

Morgiana schob das Mädchen, nicht unfreundlich aber mit Bestimmtheit zur Seite. »Sagen Sie Frau Ewers, ich sei hineingegangen. Frau von Bevern stand mir nah; wir sind Jugendfreundinnen. Sie hat mir vorgestern geschrieben, sie fühle sich schlecht, könnte nicht mehr ohne Mittel schlafen. Da bin ich hergekommen . . . ich wollte sie mitnehmen, aufs Land . . .«

Sie ging hinein. Das Zimmer war hell, die weißen, zugezogenen Gardinen verdunkelten es nicht. Außer dem breiten Metallbett und einem 200 weißlackierten, dreiteiligen Schrank, dessen Spiegel mit einem Laken verhängt war, stand nur wenig darin. Zwei große Koffer an der einen Wand, in der anderen die Tür zum Badezimmer nebenan. Ein ganz unpersönlicher Raum, hell und nüchtern, wie in einem guten, etwas asketischen Hotel. Christine, die sonst so rasch den Räumen ihren Stempel aufdrückte, hier hatte sie die Dinge gelassen, wie sie sie vorfand. War es ihr nicht der Mühe wert gewesen? Denn bald wollte sie abreisen; acht Tage um acht Tage gab sie zu . . . ja, und nun war sie geblieben.

Morgianas Augen brannten. »Löwe von Luzern« nannte sie Christine; und sie, der kein Opfer zu groß war in der Freundschaft, hier war sie machtlos gewesen. Behutsam, ach, mütterlich, hob sie das dünne Tuch, das Christinens Antlitz bedeckte. Da lag sie, die Lider bis auf einen schmalen Spalt geschlossen, mit dem fast hochmütigen Ausdruck derer, die niemand mehr nötig haben. Sie, die für die kleinen Spielereien des Lebens soviel Sinn gehabt, die über einem schnurrenden Kätzchen Kunstgenüsse und Alpenglühen verpaßte . . . ja, hatte sie das Glück versäumt, weil sie keinem Locken, keinem Seitenpfad widerstehen konnte? Oder war sie die Klügere gewesen, hatte sie ohne Arg, aber instinktiv verschwiegen, Glück gefunden, wo andere blind waren? Ach, Christinette, nun war sie selber fern und kühl wie die unerreichbaren Gipfel; Antwort gab sie nicht mehr. 201

Morgiana hörte Schritte hinter sich, sie trocknete rasch und stirnrunzelnd ihre Augen. Es war das ihr nur flüchtig bekannte Fräulein von Schlichtegrell welches eintrat, wie immer atemlos und einem ungenau verschnürten Postpaket ähnlich. Die Augen gerötet und die Nase verschwollen, denn die Tränen endigten bei ihr immer in Schnaubfanfaren. Doch war genußreiche Wichtigkeit nicht zu verkennen, als sie Morgiana in durchdringenden Flüstertönen mitteilte, es sei ihr, wenn auch erst nach einigen Schwierigkeiten gelungen, die Erlaubnis zu einer Skizze zu erwirken. Die spätere Ausführung würde sie mit Zuhilfenahme von Photographien herstellen. Sie dächte diesmal an Pastell.

Morgiana lächelte trüb in sich hinein. Gern hätte sie die Wehrlose vor diesem Attentate bewahrt. Doch ähnlich vielen physisch durchaus tapferen Männern, hatte sie eine an Feigheit grenzende Scheu vor jedem Wortwechsel. Sie warf noch einen trostlosen Blick dorthin, wo die Schweigende lag, einen letzten über das Zimmer; ihr Mund begann zu zittern. Und mit der zur zweiten Natur gewordenen Höflichkeit, die im Leben oft unsere einzige Schutzwehr ist, grüßte sie wortlos die Malerin. Dann verbeugte sie sich gegen das Bett. Und ging. Heute abend kam sie wieder, nahm Christine mit, zu sich, in Sicherheit. Dort, bei ihr, angesichts der weiten Ebene, sollte sie liegen, die ihr so unaussprechlich teuer gewesen war.

 


 


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