Irene Forbes-Mosse
Don Juans Töchter
Irene Forbes-Mosse

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Don Juans Töchter

Ein Capriccio

Als ich mit Hilaria aus der Vorstellung zurückkam – es war noch hell und die Amseln flöteten in den Gärten, an deren Mauern wir vorübergingen –, bat sie, ich möge noch ein bissel hinaufkommen, denn heute abend könnte sie durchaus nicht allein sein. Dabei lächelte sie, ihr eigenes, ein bißchen schiefes Lächeln – Pierrot triste – dem nicht zu widerstehen ist und das sie eigentlich für schwerer erfüllbare Anliegen aufsparen sollte – Begnadigung eines Raubmörders zum Beispiel. Bald darauf saßen wir bei Tee und Zigaretten in ihrem Zimmer, Hilaria etwas verkrümmt à la turque auf dem grünen Ripssofa mit geschweifter Lehne, ich daneben auf entsprechendem Sessel den überdies eine gehäkelte Schlummerrolle schmückte, vor uns der ovale Tisch mit rosengemusterter Decke. Denn Hilaria geht immer in das altmodische Haus am Markte, ob es gleich längst von neueren Gaststätten beim Bahnhof überflügelt ist, die sich rühmen »fließendes Wasser in allen Zimmern« zu haben, was im ersten Moment aquariumartige Vorstellungen erweckt. Über dem Sofa an der Wand blickten die Bilder der 10 »hochseligen Herrschaften« auf uns nieder, im Hochzeitsstaat, in Stahl gestochen nach Winterhalters Gemälden.

»Du weißt es zwar, aber du ahnst es doch nicht, was hier alles in mir aufgerührt wird,« sagte Hilaria. »Dieser Heimweg, diese Frühlingsabendluft mit ihren Geräuschen und Gerüchen . . . ja, und dann das Theater. Dieser fürchterliche Vorhang mit den vier berühmten Liebespaaren in den Ecken und die Huldigung der Künste in der Mitte . . . er war ja einst das Tor zur höchsten Seligkeit!«

Hilaria stützte das Kinn auf beide Fäuste, sie saß nun ganz zusammengekauert wie ein geheimnisvoller Götze. Ich kannte diese Stimmungen bei ihr, so eine Art genießerischen Wiederkäuens das freilich manches Mal in Tränen endete. Epikureiseh veranlagt, konnte sie über eine Handvoll Maroni im Muff in Ekstasen geraten, einen ganzen italienischen Kastanienwald mit Sonnenflecken und weidenden Schafen knabberte sie dabei auf – einen Sonnenuntergang wieder nannte sie, träumerisch kostend, glorifiziertes Aprikosenkompott; aber da waren noch andere Oasen der Einbildung, in die sich zu versenken noch leichter war, waren sie doch sozusagen immer verfügbar . . .

Schon als Kind, erzählte sie, wenn sie für irgendeine Missetat von ihrer »bonne supérieure« hinter den Kachelofen gestellt wurde, gewann sie ihres Herzens Bitterkeit solche wohlig-stachelnden Momente ab, indem sie das porzellanene Ungetüm das 11 sie von der Welt der Spielsachen absperrte, aus einem Kerkermeister in einen Beschützer umträumte, einen wohlwollenden Riesen der auf den Namen Fürst Druschkoff hörte. Fürst Druschkoff war ein gewalttätiger, aber gutartiger Russe – breit und grauhaarig, mit kleinen, tiefliegenden Bärenaugen, großen, fürsorgenden Tatzen und einer Baßstimme die einem wohlig im Rückgrat dröhnte, so wie wenn man beim Spazierenfahren über der Wagenbremse saß. Fürst Druschkoff, wenn auch selber diktatorisch, verachtete alle minderen Tyrannen und nahm unweigerlich Partei für ein kleines, zu Unrecht gescholtenes Mädchen, hieß sie unter seine Schlittendecke – natürlich Silberfuchs – schlüpfen und dann flog man über die Schneefelder. Von Wölfen verfolgt, die der Fürst mit wundervoller Nonchalance niederknallte, trank man Kwaß in Tatarenhütten die ganz aus Birkenrinde gemacht waren, Fürst Druschkoff holte Bärenschinken aus dem Schlitten hervor und zum Schluß gab es Krachmandeln und Radieschen, denn alles was Hilaria frenetisch liebte schenkte ihr der verständnisvolle Freund. O wie wohltuend war das, und wie begreiflich, daß sie sich solchen materiellen Vorstellungen hingab, wenn man die bekömmlichen aber entsetzlich uninteressanten Mahlzeiten – Milchreis, Backpflaumen und dergleichen – des schwergeprüften Kindes bedenkt!

»Wie ich dann zuerst ins Theater mitgenommen wurde,« sagte Hilaria, »nahm ich auch das 12 furchtbar ernst. Denn als Kind kommt einem alles glaubhaft und wirklich vor, und was man später als grell und unvermittelt empfindet scheint begründet und selbstverständlich. Ist man's doch gewohnt Unbegreifliches hinzunehmen. Echt schienen mir nicht nur Weinen und Lachen, Abscheu und Liebe der Darsteller, ich war auch überzeugt, daß in den gemalten Wirtshäusern und Pavillons interessante und meist unglückliche Menschen wohnten, daß in den papierenen Wäldern der Wind säuselte und man jene mondbeglänzten Straßen im Hintergrund wirklich wandeln konnte; ja eigentlich war das viel einladender noch als was da vorne laut und deutlich vor sich ging. Und wenn dann der Vorhang zum letztenmal niedergerauscht war und die Leute beim Hinausgehen von dem einen sagten, ›er habe sich diesmal selbst übertroffen‹ und von einem anderen, ›er war heut nicht aufgelegt‹, so stellte ich mir ungern vor, daß diese aufregenden Bösewichter oder triumphierenden Racheengel jetzt, gerade wie wir auch, nach Hause gingen um im Kreis der Ihren kalte Frikandellen und Kartoffelsalat zu essen: nein, jene waren im Hintergrund verschwunden, in dem mondbeglänzten Haus über dessen Balustrade ein roter Mantel hing – dort tranken sie süßen feurigen Wein beim Geschwirr von Gitarren und Geigen, oder wandelten unter Laubengängen wo Trauben niederhingen, zärtlich und behutsam in ihren spanischen Seidenmänteln, wie große, 13 flügelbebende Schmetterlinge. Nein siehst du, sie taten mir leid. Da hatten sie nun geweint und gefleht, oder getanzt über Abgründen, Dolche gezückt und goldklirrende Börsen verächtlich geschleudert . . . und nun sollte es aus sein und sie in den Alltag zurück, wie Marionetten in eine muffige Kiste . . . das konnte nicht sein, und ich fing an ihre Schicksale zu bedenken, ihnen neues Leben einzuhauchen, wie man verklammte Vögelchen anhaucht und verborgen unter der Brust trägt. Nun sah ich nur noch Gestalten auf Treppen und Altanen oder in mondbeschienenen Lichtungen, von riesenhaften Baumwurzeln umgeben: sie sangen und rangen die Hände, sie verschwanden im Traumland.

Daß sie nun auch heute gerade den Don Juan geben mußten! Das war ja eine ganze Welt. Denn damals, als Kind, hatte ich eine Leidenschaft für alles Spanische. Und die wurde ja aus verschiedenen Quellen genährt. Erstens durch Berta. Berta, die, ehe sie den Dienst bei Mama übernahm, zwei Jahre in Madrid gewesen war: als Zofe einer gazellenäugigen Donna Blanca, die ihre Morgenschokolade im Bett trank auch wenn sie gar nicht krank war, die Beneidenswerte. Donna Blanca trug ihr Haar in Schmachtlocken, von denen eine, schwarz glänzend wie ein Aal, nach vorn bis zum Taillenschluß hing den man zu jener Zeit, möglichst eng, an der gottgewollten Stelle markierte. So, ein Malteserhündchen im Arm, war sie in Bertas Album zu sehen. Auch daß Donna Blanca 14 einen Caballero liebte, erzählte Berta; aber nur aus der Ferne, im Theater oder während der Messe, denn er war ihr nicht ebenbürtig; und daß sie Füßchen hatte, vor denen Aschenbrödel ihr Haupt verhüllen mußte. Aber dann starb sie an den Folgen eines Glases Eiswasser, das sie, erhitzt vom Tanzen getrunken hatte . . . ›Mei Blanca selig,‹ sagte Berta und wischte sich die Augen, während sie mir ein neues Kleid probierte das unausstehlich am Halsausschnitt kratzte.

Dann war da Dorés Don Quichotte,« fuhr Hilaria fort. »In zwei großen, roten Lederbänden schwer zu handhaben und mit der mühsamen Feierlichkeit belastet, an der allzu schön gebundene Bücher kranken. Es war eine Offenbarung. Bilder von sonnenheißen, totenstillen Städten, durch deren ausgestorbene Gassen Rosinante und Sancho Pansas Eselchen kleppern; staubweiße Landstraßen mit zerfetzten Kaktushecken, wo Ziegenhirten liegen, Knoblauch kauend; Kathedralen, golddurchglüht und sehr heilig, und die Plätze davor, wo das Volk seine Lustigkeit ausdampft, und die Wurstbratereien, die Zicklein am Spieß einen Scheiterhaufengeruch ausströmen und die schwarzgekleideten Edelleute wandeln, Argwohn im Blick – alles so finster festlich und heißer gewürzt als im leichtlebigen Italien.

Und als drittes kam noch ›Don Juan‹ dazu! Du wirst dich wundern – oder auch nicht –, daß man ein Kind gerade in dieses Stück führte. Aber 15 mein Vater war Musikfanatiker und meinte wohl auch, daß man das Gesungene ja doch nicht versteht. Und so war es auch, und zu Hause erhielt ich keinen Aufschluß. Doch merkte ich bald, daß im Gegensatz zu Donna Anna, Donna Elvira recht stiefväterlich vom Komponisten bedacht worden war. Auch im Zuhörerkreis war Geringschätzung zu spüren, gleich vom ersten Augenblick an, wo sie – als zweiter Sopran von vornherein beleidigt – aus der Sänfte steigt; ihr Kommen und Gehen wurde von den alten Musikkennern, die bei den unsterblichen Melodien mit dem Kopfe den Takt wackelten, mit schadenfrohem Lächeln begrüßt und begleitet. Mich aber erfüllte sie mit Interesse und Mitgefühl. Erstens weil ich zum erstenmal eine Sänfte sah, der sie entstieg im schwarzen, für eine Reise ganz ungeeigneten Samtkleid um unter Zeichen der Verzweiflung eine schrilltönige Arie zu singen. War denn gar niemand da um sie abzubürsten und ihr Limonade zu machen nach der heißen, staubigen Fahrt? Ach und glich sie nicht, von der Seite gesehen, dem armen Fräulein, das uns gegenüber wohnte, Parterre rechts, das ich alle Tage zum Konditor gehen sah, wo es sich ein Stückchen Streuselkuchen kaufte, den es dann, am Fenstertischchen sitzend, behutsam in den Kaffee stippte? So, ganz verlassen, lebte gewiß auch Donna Elvira, so saß sie am Fenster, von wo sie in einem Spiegel die Menschen der Straße kommen und gehen sah; aber zu ihr kam nur in 16 der Frühe das Bäckerkind; nie zog ein Besucher an ihrer dünn meckernden Schelle!

Ja, etwas ganz Zuverlässiges über Spanien habe ich wohl nicht zu berichten, bin ja nie dort gewesen und werde diese schöne Welt verlassen, ohne dort gewesen zu sein. Aber ob das ein so großes Unglück ist? Hast du einmal, zu spät gekommen aus dem Vorraum, hinter geschlossenen Türen eine Oper angehört? Nur einen alten, zeitunglesenden Logenschließer als Gefährten! Wie verheißend klingt's von der Bühne gedämpft heraus! Und dann läßt man dich hinein, und es ist alles laut und deutlich, und man spürt wo der Zauber dünn wird und die Armseligkeit durchscheint.

Was ich aber sonst noch von Spanien weiß, damit meine ich nicht Geschichtsstunde – bewahr' mich –, auch nicht Don Carlos und Posa, die den Keim so vieler deutscher Aufsätze in sich tragen; höchstens die ›sanfte Mondecar‹, die fast wortlos verschwindet, und die Herzogin von Olivarez, die der Eboli mit fischbeingepanzertem Herzen das Ordenskreuz abfordert – ein Atom Mitleid spürt man aber doch –, ja, in diesen beiden hat Schiller etwas vorausgeahnt von Goyas unheimlichem Seherblick, den man aufzuckend erkennt wie einen Geruch, denn Goya, der beschert jenen unheimlichen Herzglucks, den Musik – aber mehr noch Gerüche – so oft erwecken; Bilder sehr viel seltener. Aber vor ihm, vor Goya, steht 17 man mit witternden Nüstern und sagt sich: ja, dies ist Spanien.

Und damit sind meine Quellen erschöpft; alles andere stammt aus dem Traummagazin, wo die chronologischen Unverträglichkeiten friedlich nebeneinander ruhen: Sänften neben Automobilen, zwinkernde Öllämpchen neben elektrischen Taschenlaternen, Damen der Velasquez-Zeit, angetan mit Tellerkrausen und perlgestickten Brustpanzern, und junge Mädchen in Musselinkleidern mit Kamelien im Haar. Gitarren, zart klimpernde Triangel, Hackebrettrhythmus aufziehender Wachen . . . und plötzlich, atemraubend, rauschend, das cis-moll-Impromptu oder der ›flutenreiche Ebro‹. Und aus alledem will ich dir eine Geschichte machen, einen Kuchen backen. Aber damit ein historisch denkender Mensch wie du meine haarsträubenden Anachronismen entschuldigt, will ich gleich in aller Demut auf weltberühmte Muster weisen: jene Hochzeiten von Kana, da die biblischen Leute in venezianischem Prunk, von Mohren bedient, von Wachtelhündchen umspielt, zwischen Säulen sitzen und von Cellinis Schüsseln speisen; oder braune, golddurchdämmerte, wie aus des Herzens tiefster Schatzkammer stammende Bildchen, wo eine kleine, runde Holländerin ihr Jesuskind beim warmen Ofen wiegt und hätschelt, während Vater Josef, der ebensogut Jan oder Hendrik heißen könnte, im Hintergrund Holz spaltet, was den winterlich-schummerigen 18 Eindruck noch erhöht. Und darum, wenn meine Püppchen tanzen, soll dich kein Bedenken stören; und ob auch Gitarrengeklimper und Mozarts Orchester durcheinander schwirrt, ob auch Donna Anna das Menuett summt desselben Meisters, der sie hundert – oder sind's zweihundert – Jahre später unsterblich machen wird, da er ihre im höchsten Schmerz noch virtuosen Triller und Läufe der Welt überliefert, wie er auch die flutenreiche Fechtkunst jenes ewigen Herzbrechers durch nachtwandlerische Glissandos und Trugschlüsse und das Handgemenge verzweifelter Stretti illustriert – es soll dich nicht beirren. Ich kann's doch nur erzählen wie es in mir gewachsen und geworden ist, wie es immer noch entsteht indessen ich's erzähle. Don Quichotte und mei' Blanca selig, die sanfte Mondecar und jene perspektivisch gemalten Sommerpaläste und Hecken und Laubengänge in denen man nur im Traum wandeln kann; sie alle gaben eine Linie, einen Schatten, einen Farbtupfen. Und bei der Überlegung, wie schrecklich es sein müsse eine Mutter zu haben, immer in schwarzem Baumwollsamt und anklagend wie ein Perlhuhn, kamen, ganz ungerufen, den Finger am Mund, vier kleine Mädchen geschritten, die so schrecklich gern ein bißchen Spaß von diesem kurzen Dasein haben wollten, was sie doch nur zaghaft und in Heimlichkeit fertig brachten. Eine alte Dienerin, Consolacion (oder war das Berta?) brachte Limonade und Biskuit, und in einem 19 Garten, der mit Zypressen und gestürzten Säulen etwas kirchhofmäßig geraten war, stand Don Ottavio und sang, korrekt, aber wie das nun einmal seine Art ist, ohne rechten Enthusiasmus.

So, also ja, dazu habe ich dich heraufgelockt in dies Zimmer mit all den netten Horreurs einer Zeit die mir lieb war. Wenn wir nun auch nicht wie zwei alte Türken auf seidenen Polstern ruhen mit Nargilehs, wie man's auf Dattelschachteln abgebildet sieht, so mach dir's doch so bequem als nur möglich, und höre zu, o Herrscher der Gläubigen, denn nun beginnt die seltsame, ja höchst wunderbare:

 
»Geschichte von Don Juans Töchtern
 

Donna Elvira fand in der leider nur allzu bekannten Tatsache, daß ihre Ehe unglücklich gewesen, die Rechtfertigung für den angesammelten Groll, den sie nun, nicht mehr stoßweise, sondern dünn verteilt und gleichmäßig, von sich gab wie Ameisensäure. In der verschlafenen Provinzstadt wo sie mit ihren jungen Töchtern lebte, spielte sie dank ihrem Rang und ihren Beziehungen zu Hof und Kirche eine gewisse Rolle; ja sogar Neid vermochte sie zu entfachen, denn so kümmerlich das Dasein der Dame in Wirklichkeit auch war, es gab da viele, denen es immer noch glänzend erschien. Da nun ihrem Ruf nichts anzuhaben war, mußten 20 ihr Hochmut, ihre grämliche Art, ihre an Filzigkeit grenzende Sparsamkeit herhalten, und Don Juan, der vor Jahren auf plötzliche, nie ganz aufgeklärte Weise umgekommene Gatte, erhielt allmählich die Gloriole eines Märtyrers, eines fröhlich kindlichen Menschen, den diese plattbusige Gouvernante, die nur wenig jünger als er und noch dazu seine Cousine war – ach ja, eine jener unseligen Verwandtenehen, die so oft mit einem Fiasko enden –, durch ihre Selbstgerechtigkeit und freudloses Wesen in ein liederliches Leben und unbußfertigen Tod getrieben hatte.

Der Ehe Elviras und Don Juans waren vier Töchter entsprossen. Ohne Enthusiasmus, mit einer gewissen, seufzenden Courtoisie hatte Don Juan den ehelichen Brückenzoll entrichtet (wie er auch sonst, soweit als möglich, die Wünsche seiner Gemahlin zu erfüllen trachtete), der ihm für einige Zeit die Freiheit sicherte. Ach, allzuoft war sie ihm nachgereist, im Maultiergespann mit Schellengeläut, aber auch in alten, schäbigen, unterwegs aufgelesenen Sänften; ja, aus dem Bauch rumpelnder Postkutschen, wo sie zwischen Krämern, Bettelmönchen und reisenden Nonnen tagelang in Staub und Hitze und Knoblauchgestank eingezwängt gewesen, hatte sie zu seinem Schrecken sich manches Mal herausgeschält: mit ihrem schmalen Zitronengesicht über hoher Halskrause, der knappen, befehlshaberischen Rede und mädchenhaft behenden Gangart; schwarzgekleidet, 21 verstaubt, aber kerzengerade, ohne ein Zeichen der Ermüdung. Welche Beruhigung, sie durch die Sorge um solch kleines, quarrendes Geschöpf ans Haus gefesselt zu wissen!

Die vier Töchter, die, eine immer neue Enttäuschung, statt des heftig begehrten Sohnes gekommen waren, von Donna Elvira mit einer Art verbissener Leidenschaft empfangen und unter Gebeten und Gelübden ausgetragen, waren einander ähnlich wie vier Rebhühnchen von derselben Brut, wie vier Haselnüsse an demselben Zweig. Feingegliedert, bräunlich, mit dem unbewußt erobernden Blick – so von unten herauf – der ein Erbteil des Vaters war, aber um den Mund den rührend entsagenden Ausdruck kleiner Mädchen, die früh gelernt haben die süße Speise an sich vorübergehen zu lassen.

Durch eiserne Sparsamkeit hatte Donna Elvira es vermocht, die beiden älteren in einem ihrem Rang entsprechenden Kloster erziehen zu lassen, dessen Oberin, ihrer weitverzweigten Verwandtschaft angehörig, eine beträchtliche Ermäßigung gewährte. Für Donna Juanita und die kleine Guadelupe hatte es jedoch, dank Mißernten und den Veruntreuungen eines betrügerischen Verwalters, nicht gereicht; in ein bescheidenes Institut aber sie zu tun, wo ihre Töchter zwischen Bürgermädchen gesessen hätten, einer Menschenklasse, die da irgendwo, dunkel und unbekannt, wie Kellerasseln im Finstern wuselte – das war 22 natürlich undenkbar. So hatte denn ein von Monsignor de Guzman empfohlener, langaufgeschossener Seminarist mit peinlich roten Handgelenken in allzu kurzen Rockärmeln den Unterricht der beiden Jüngsten übernommen. Donna Elvira beaufsichtigte denselben. War sie verhindert, saß Donna Pilar an ihrer Stelle, eine sykophantische, freundlich-krötenhafte Verwandte, die trotz ihres Hungerdaseins immer fettleibiger wurde, im Sticken kunstreicher Paramenten ihresgleichen suchte und von Glanzmomenten träumte da ihr der Erzbischof bei Überreichung einer goldglitzernden Stola die violett behandschuhte Rechte zum Kusse reichte.

Donna Elviras Frömmigkeit, durch die tragischen Erlebnisse ihrer Ehe zeitweilig zu Paroxysmen gesteigert, hatte sich seit ihrer Witwenschaft wie Frostblumen auf Fensterglas gleichmäßig und undurchsichtig über ihr Dasein ausgebreitet. Donna Pilar und ein paar ähnliche alte Damen adligen Geblüts, gleich ihr sowohl aus Not wie aus Bequemlichkeit in Zurückgezogenheit lebend, waren ihr einziger, regelmäßiger Umgang. Außerdem kam einmal wöchentlich der schon genannte Monsignor de Guzman zur Schokolade; mit verschleiertem Blick unter schweren Lidern und der geistesabwesenden Art, ein Kreuz in die Luft zu malen, derer, die viel segnen müssen. Ihn begleitete Don Luis de Peon, ein verschimmelter Edelmann, der einst in Elviras Ehe die Stellung 23 des cavaliere servente bekleidet hatte, dessen Versuche aber, diesem offiziellen Verhältnis reelle oder wenigstens romantische Seiten abzugewinnen, an der undurchdringlichen Tugend der Dame abgeglitten waren wie Regen von dem Gefieder einer Krickente. Mit der gewohnheitsmäßigen Ausdauer alter Junggesellen, die so oft mit Treue verwechselt wird, erschien er jeden Mittwoch wenn die Glocke vier schlug, trank Elviras schwarze, stark gewürzte Schokolade und aß schweigend von den kleinen, gerippten Sandtörtchen, die in der Form an die Muscheln erinnernd, mit denen Pilger ihre Hüte schmücken, ihrer Trockenheit wegen stumm verzehrt wurden, da sie leicht Erstickungsanfälle zeitigten. Derweil erzählte Monsignor de Guzman kleine, ziemlich saftlose Geschichten aus der Provinz, ließ sich von der Gastgeberin zu einem Gläschen Amontillado bereden oder zu ein paar blassen, in Branntwein aufgequollenen Weinbeeren, die in gedeckelten Gläsern auf den schwarzen, vom Holzwurm zernagten Schränken des Vorzimmers standen. Der Ehrwürdige de Guzman strömte jenen spezifisch priesterlichen Dunst wie von Zimt, Schnupftabak und kalter Sakristei aus, er vergrub nach jeder Prise sein Gesicht in einem riesenhaften ostindischen Seidentuch und nieste nie unter siebzehn Malen. Seine großen, gutgeformten Ohren hatten von all den gehörten Beichten und anvertrauten Familiengeheimnissen den Ausdruck teilnehmender Aufmerksamkeit übernommen, den 24 man auch bei alten Jagdhunden findet, und den Gebärden seiner schönen, fleischigen Hand merkte man's an, daß sie manch Kinderköpfchen beim Taufakt gestützt, manch reuiges Sünderhaupt beschwichtigt und entlastet hatte. Beide Besucher brachten der glaubensstarken und trotz widriger Schicksale untadelig gebliebenen Wittib dieselbe Ehrerbietung entgegen, die sie einer von Kugeln durchlöcherten Standarte oder einem geschwärzten Gnadenbild dargebracht hätten. Nur noch undeutlich erinnerten sie sich, daß auch Donna Elvira ihre reizvolle, wenn auch flüchtige Stunde gehabt hatte: knospenhaft verschlossen, das schwarze Haar wie mit einer kleinen Witwenschnebbe in die weiße Stirn gewachsen, mit einem seltenen, kostbar wirkenden Lächeln, das plötzlich ein unwahrscheinlich tiefes Grübchen in die Wange grub . . . Doch die Knospe hatte nicht gehalten was sie versprach; so wie es Knospen gibt, die am Strauch vergilben ohne sich aufgetan zu haben. Immer wieder war rauher Wind, waren kalte Regenschauer gekommen; sie war ältlich geworden ohne jung gewesen zu sein.

Der geistliche und der militärische Freund kamen regelmäßig am Mittwoch, dem Schokoladentag, – an anderen Tagen gab es zu den Sandtörtchen nur Eiswasser – und blieben eine Stunde. Aber nie hörte man in dem kühlen, nach verblichenen Räucherkerzchen duftenden Empfangsraum ein lautes Wort, ein herzhaftes Lachen; 25 nur das Klirren der Löffel und leises, gemessenes Gespräch. Durch die Jalousien zwängte sich selten ein Sonnenstrahl, über das zerschlissene Gelb der Stühle, den defekten Goldrahmen gleitend des schwer erkennbaren Heiligen an der Wand, der mit einer Hand auf sein rotes, zerfleischtes Herz deutend, inbrünstig gen Himmel blickte; oder er ließ die kleinen Goldtassen aufleuchten, in denen die Schokolade so dick war, daß die Vermeillöffelchen aufrecht standen, oder blitzte in den Facetten der geschliffenen Karaffe voll Eiswassers, welche Donna Juanita mit der noch eckigen Grazie ihrer vierzehn Jahre den Gästen präsentierte. Der edle de Peon unterbrach seine Schilderung des allmählichen Absterbens einer gemeinsamen Bekannten – »nur eine Zehe noch«, sagte er, »und die berühmt schönen Augen sind lebendig« – und begrüßte das junge Wesen mit der ganzen Feierlichkeit der alten Schule. Noch vor wenig Jahren hatte er dies holde Geschöpf auf den Knien reiten lassen, nun aber sollte es bald in die Reihen der heiratsfähigen jungen Damen treten, zu denen Donna Sol und Donna Ysabel schon seit ein paar Jahren gehörten.

Die Jüngste aber, Maria della Guadelupe, verbrachte ihre Tage in der Obhut der alten Consolacion, wenn sie nicht gerade bei dem verhungerten Seminaristen Unterricht hatte. Jene, die einstige Amme Donna Elviras, war bei ihrem Ziehkind geblieben, als dieses, allen Abmahnungen 26 zum Trotz, den unseligen Ehebund schloß. Consolacion wußte noch so manches aus jener Zeit, als Donna Elvira, ein ernsthafter und selbstgerechter Säugling, schon damals zielbewußt und ohne Lärmen, ihren Willen durchzusetzen verstand; wie sie zum Beispiel in einem Lebensalter da andere Kinder noch wie blinde Kätzchen saugen, die Brust der Amme zurückstieß um nach deren Frühstückstasse zu greifen.

Solche Geschichten, wie auch andere, aufschlußreiche, aus Consolacions ferner, leichtherziger Jugendzeit, wurden abends erzählt, wenn Donna Elvira – ach, allzu selten – sich in der unförmlichen Familiensänfte, von zwei schäbigen Laternenträgern begleitet, nach dem Hause der einen oder anderen ihrer Jugendfreundinnen tragen ließ. Für solche freien Abende hatten die Schwestern eine besondere, nur ihnen bekannte Zuflucht in einem Raum zu ebener Erde gefunden, wo sonst an Herbstabenden die Mägde das Welschkorn aus den Hülsen brachen. Die jungen Damen sprachen scherzweise von Buen Retiro und von Aranjuez, wenn auch die Bezeichnung Rumpelkammer besser gepaßt hätte. Denn da waren bunte, zerbrochene Kacheln und alte Blumentöpfe aufgestapelt, zerrissene Strohmatten lagen umher, leere Vogelbauer, in denen früher die Sennoritas ihre Lachtauben gehalten, hingen von den Wänden, Kisten voll zerflederter Noten und andere voll verstaubter Baupläne und Gutsrechnungen standen in den Ecken. 27

In ihren weißen oder blaßfarbigen Mullkleidern – ach, viel gewaschen und viel geflickt von der alten Consolacion – saßen die Schwestern auf Kisten oder Schemeln um den glimmenden Brasero; mit ihren kleinen, dunklen Häuptern, von zarten Farbwolken umbauscht, glichen sie großen Mohnblumen, wie sie in Märchengärten wachsen. Guadelupe hatte mit Consolacions Beihilfe allerhand Leckerbissen herbeigeschafft: trockene Feigen, mit Fenchelsamen bestreut, Mandeln, vor allem jene schwarzen, klebrigen Weinbeeren, die, in ihr eigenes Laub gewickelt, auf Dächern und Altanen in brennender Sonne gedörrt, in Gärung geraten und rauschartig wirken wie süßer Most. Aber auch kleine, steinharte Knoblauchwürste brachte Consolacion, und die Sennoritas, von der Mutter allzu kurz gehalten und wie junge Jagdhunde ewig hungrig, bissen mit ihren schönen, starken Zähnen hinein.

Ja, auf diese Abendstunde hatten sie sich den ganzen Tag heimlich gefreut. Es war als richteten sich Blumen empor. Die sanften Augen blickten auf, unbewußt verheißend in ihrer bräunlichen Umschattung; die ein wenig heiseren, spanischen Stimmen wurden eifrig, lachten, neckten einander über allerhand kleine Begebenheiten, die, vor der Mutter gehütet, wie ein leises, nur ihnen hörbares Akkompagnement den ganzen Tag begleitet hatten. Sie holten ihre kleinen Habseligkeiten herbei, geschnitzte Kämme, Wachsperlen, seidene 28 Fransentücher, probierten, tauschten, drapierten sich, sagten Verse auf sentimental pathetischen Inhalts, lachten darüber, weil sie nicht eingestehen wollten, daß ihnen der Kitsch so gut gefiel, lasen einander Briefe vor, von Freundinnen aus dem Kloster oder von anderen, die Ehen geschlossen hatten und nun vor ihren staunenden Augen dastanden, rätselhaft und überlegen, oder sogar schon eigene kleine Wickelkinder besaßen, was sehr merkwürdig war, ja, beneidenswert, wenn auch wohl ein bißchen ekelhaft. Da war so manches, was man nicht ganz verstand, und während sie flüsterten und die alte Consolacion, mit den blanken, unruhigen Augen einer Maus, ihrer Neugier manches Flämmchen ansteckte, saß die kleine Guadelupe in einem Haufen raschelnder Maishülsen eingewühlt, mit dünnem Hälschen und großen Augen, jenem Schwesterchen der Scheherazade gleich, das hinter dem Bett des Sultans kauert und Märchen erlauscht die eigentlich nicht für seine Ohren gemeint sind.

Schlug dann die Turmuhr elf, so nahmen sie alle vier ihre Rosenkränze, beteten die vorgeschriebene Anzahl emsig und gewissenhaft ab und stiegen, von aufgestöberten Fledermäusen begleitet, jede mit ihrer Kerze im armseligen irdenen Leuchter, die Treppe empor zu ihren Schlafkammern. Dort standen die schmalen Bettchen, das Kissen wie ein Stein, die gesteppte Decke gelb oder rot, wie ein Brett, über jedem Kopfende ein 29 Buchszweiglein, eingetaucht in das Näpfchen mit geweihtem Wasser. Zu Füßen aber der Betschemel, steinhart auch er und ein Stuhl auf den man säuberlich die gefalteten Kleider legte. Beim Entkleiden wurde nicht gesprochen: der Rosenkranz sollte das letzte Wort behalten. Auch wie eine der anderen das volle, nachtdunkle Haar kämmte und flocht – nur die kleine Guadelupe hatte seit einem Fieber ein geschorenes Köpfchen, das ihr das Ansehen eines kleinen Seminaristen gab –, geschah es in tiefem Schweigen. Später kam dann Consolacion mit ihrer Kerze, hexenhafte Schatten an die Wände werfend, holte die kleinen müden Schuhe und die Mohnblumenkleider, die nun schlaff, wie taubeschwert, über den Stuhllehnen hingen, und zeichnete einer jeden der Sennoritas ein Kreuz auf die Stirn. So, von diesem kleinen Liebesstrahl begleitet, schlüpften sie hinüber ins Traumland.

Aus der Gasse hallten Schritte empor, heimkehrende Trinker und Mandolinenspieler die noch ein wenig vor sich hinklimperten, oder zwei gerieten in Streit, erst böse Worte, dann hörte man's klirren; nun ein Getrappel, eilig, immer zu spät, der Corregidor mit seinen Leuten . . . die Raufbolde waren schon davongerannt. Später dann Donna Elvira, die heimkehrte. Wenn in der Sänfte, so waren es schwere, wiegende Schritte, wie von behutsamen Kamelen, wenn zu Fuß, hörte man das kurze, trockene Tacktack ihrer Absätze. 30 Ein Diener vor ihr, einer hinterher, jeder mit seiner trüben, schwankenden Laterne.

Nun kam sie die Treppe herauf, Consolacion brachte die Limonade, half beim Entkleiden; nun kniete sie auf dem Betschemel, ihre Augen müde und doch brennend erhoben zum Heiligenbild, und dann lag sie, gerade ausgestreckt, mit geschlossenen Füßchen, in dem großen Säulenbett mit den Vorhängen aus fadenscheinigem Damast, lag schmal und dürftig, als stünde es ihr nicht zu, fast auf der Kante des breiten, kalten Lagers, das Licht der ewigen Lampe auf der Stirn, in die das Haar seine kleine, dunkle Witwenzacke vorschob; lag reglos, auf den Schlaf wartend in Verzweiflung, wie sie früher auf Don Juans späten Schritt gewartet hatte; die mageren Händchen gekreuzt über dem Nachtgewand, dem strenggeschlossenen mit zugenestelten Ärmelbünden, dessen Modell im Kloster der »Kleinen Ameisen Mariä« für sie angefertigt worden war.

*

Dort in dem Baum wo die Töchter ihre Zusammenkünfte hatten, waren in einer Ecke auch alle möglichen defekten Notenständer und Musikinstrumente aufgestapelt, die, wenn ehemals Don Juan seine Bankette abhielt, einem kleinen, mutwilligen Orchester gedient hatten. Drüben im Festsaal, auf halber Höhe wie ein goldenes Schwalbennest angeklebt, war der luftige Balkon, wo die 31 Musikanten fiedelten und bliesen, während unten die übermütige Gesellschaft zechte. Der Saal war seitdem, nicht ohne heimliches Rachegefühl, von Donna Elvira zum Vorratsraum degradiert worden, und die tief dekolletierten Göttinnen seines Deckengemäldes wie auch die lüsternen Engelchen über den Türen, die sich mit wohlgepolsterten Sitzteilen auf Wolkendaunen räkelten, blickten fremd und gekränkt herab auf die bäuerlichen Erzeugnisse, die zu bestimmten Terminen an Donna Elvira geliefert und hier aufgestapelt wurden: Wolle von ihren Bergschafen, stäubende Mehlsäcke, Berge von Welschkorn, auch eine besondere Art kleiner, aromatischer Gebirgsäpfel, die das große Treppenhaus mit säuerlichem Duft erfüllten. Ein paar kleine Pachtgüter, deren Existenz er vergessen, oder die zu verprassen Don Juan keine Zeit mehr gehabt, waren der Ursprung.

Donna Elvira und die Töchter bewohnten einen anderen, älteren Teil des weitläufigen Palastes, dessen Fenster nach einer engen Seitengasse gingen; auch das trübselige, gelbe Empfangszimmer befand sich dort. Die Festräume aber, mit ihrem Stuck und Pilastern und heidnischen Apotheosen hatten ihre Fassade nach dem schläfrig-sonnigen Platz hinaus; doch blieben sie verurteilt und verschlossen. Hinter ihren gemalten Tapeten schossen fugenartig die Mäuse, ihr gesterntes Parkett war stumpf und rissig, in den klaffenden Ritzen gingen selbstgerechte Ameisen ihrer Arbeit 32 nach. Selten nur wurden die Rollgardinen hochgezogen, auf den Fenstersimsen lagen zahllos die Leichen der Wespen und Brummer, die während des Lüftens eingedrungen.

Auf dem Platz, gerade unter der Turmuhr, wo die Mittagsonne brütete, war die Hauptwache. Unter gesenkten Lidern hatten Donna Sol und Donna Ysabel längst ermittelt, daß immer am Donnerstag der junge de Silveira sie befehligte. Eine Jasminblüte war auf die heißen Steinplatten gefallen, ein winziges Billettchen hatte den Weg zu den Schwestern gefunden; und nun war der Besuch der Messe mit Herzklopfen verbunden, denn dort im Gedämmer der Säulen konnten sie einem Blick begegnen, der all die Glut, all die Schwermut und Finsternis aufgesaugt zu haben schien der verzückten Jungfrauen und Märtyrer, zu denen sie beteten.

Über dies alles wurde abends in »Aranjuez« geflüstert, wenn's auch ganz hoffnungslos schien, was die Zukunft betraf. Denn Silveira, der arme Junge, er hatte ja keinen Pfennig Geld außer seinem schäbigen Salär; ja, wenn sich nicht bald ein reicher Freier fand, würden Donna Sol und Donna Ysabel wohl der Aufforderung von Tante Äbtissin folgen müssen, die, einer wohlgenährten Spinne ähnlich, inmitten des Klosters Maria de las Nieves saß und junge Fliegen ins Netz lockte. Freilich gab sie sich diese Mühe nur, wenn die Fliegen sozusagen fett waren. Sie, in ihrer Armut, die ihnen bei 33 solchen Überlegungen erst deutlich wurde, konnten noch dankbar sein, wenn sich ihnen, ohne Einzahlung, ohne reiche Aussteuer, ein so adeliger Unterschlupf bot. Denn Maria Nieves war ein hoffärtiges Kloster, ach, schon als Schülerinnen hatten sie dort ihre bitteren Augenblicke gehabt, wenn bei Gelegenheit von Weihnachtsaufführungen, wenn sie Engel oder Hirten darstellten, ihre armseligen, geflickten Hemdchen, ihre grobfädigen Strümpfe sichtbar wurden.

*

Ein paarmal im Winter führte Donna Elvira ihre Töchter ins Theater. Sie hatte dort Anrecht auf eine Viertelloge, das heißt jeden vierten Abend, wenn die Operntruppe Vorstellungen gab, stand es ihr frei, die kleine, ausgebauchte Altane zu benutzen die neben und zwischen anderen gleichen Altanen den ersten Rang umgab; nach spanischer Sitte mit durchsichtigem Gitterwerk versehen, so daß man die Sennoras und Sennoritas bis auf ihre kleinen Fußspitzen bewundern konnte. Was die Caballeros gründlich besorgten, die das ganze Parkett einnahmen und beharrlich den Logenkranz musterten und kritisierten. Vorn saßen Donna Sol und Donna Ysabel, die heiratsfähigen, in ihren weißen, zartbauschigen Abendkleidern, Arme und Schultern von jener erlesenen, leicht grünlichen Tönung eben gehäuteter Zwiebeln, die 34 man bei ganz hochgezüchteten Exemplaren romanischer Rasse findet; im Fächerspiel virtuos, ohne es je gelernt zu haben, wie jedes junge Kätzchen im Mäusefangen; den Blick in den Pausen gesenkt, so verlangte es die Etikette, nur ab und an zuckte ein Augenlid, huschte ein Grübchen über die Wangen. Hinter ihnen, in schäbig gewordenem schwarzem Samt Donna Elvira, die kleine Witwenschnebbe ihrer dunklen Haare in die eigensinnige Stirn gewachsen, ihre Rebhühnchen bewachend mit gefrorenem Lächeln. Neben ihr – nicht immer – Donna Juanita, der dieses Vergnügen noch ungewohnt, so daß sie den ganzen Tag vorher nichts essen konnte und nun plötzlich von Hungergefühlen übermannt wurde bis zur Übelkeit; außerdem auch gepeinigt von dem Bewußtsein allzu kurzer, weißer Zwirnhandschuhe, die sie unter ihren Ellbogen zu verbergen suchte. In den Zwischenakten trug ein todernster Mann, mit dem Ausdruck als ob er das Ableben des Königs zu melden käme, Gefrorenes in die Logen; aber Donna Elvira nahm nur eine Portion für alle drei Töchter und Juanita mußte sich Gewalt antun, daß sie ihr Tellerchen nicht allzu eifrig auskratzte; ach, es schmeckte so gut und war immer so schnell zu Ende!

Die edlen Familien der Provinz, die sich fast alle in dem gleichen Zustand verschwiegener Misere befanden, hatten allerhand Einrichtungen um die Last ehrwürdiger Sitten, an denen sie festhielten, 35 untereinander zu teilen. Man borgte einander zu Tauf- und Hochzeitsfeiern Dienerschaft und Tafelsilber, wenn die schweren Terrinen und Pokale nicht gerade auf dem Leihamt ruhten, ebenso war es hergebracht, daß mehrere Familien gemeinschaftlich Wagen, Pferde und Kutscher hielten. Eine sinnreiche Einrichtung ermöglichte es, die Tür des ehrwürdigen Gefährts auszuwechseln, jede dieser Türen aber trug das Wappen des jeweiligen Insassen. Auch Donna Elvira hatte diesen Ausweg gewählt. Zweimal in der Woche stand ihr das Recht einer Ausfahrt zu. Sonntags aber ruhten die Pferde, an diesem Tage galt es für plebejisch sich an der Korsofahrt zu beteiligen.

In gemessenem Trab fuhr man erst durch die Cala Mayor, wo die besseren Geschäfte hinter klappenden Jalousien ihr Schlummer- und Dämmerdasein führten und unter rotbraunen Sonnensegeln Stühle und Tischchen der Cafés auf Abendbesuch warteten; dann am Kai, am ausgedörrten Flußbett entlang, das sich im Sommer in eine ergiebige Kiesgrube verwandelte, unter gefleckten Platanen in denen bis Sonnenuntergang die Zikaden feilten; weiter, durch deprimierende städtische Anlagen bis zu einem runden Platz, wo es der Etikette entsprach, einige Minuten zu halten, ehe man den Kreis der Rundfahrt beschloß, um ihn noch zweimal zu vollenden. Blumenverkäuferinnen, Eis- und Limonadenhändler hielten dort ihre Waren feil, grünbemalte Stühlchen standen in 36 Gruppen, und in der Mitte, zwischen staubigen Palmen, lächelte feist und doppelkinnig der Stolz der Stadt, die Büste eines vor Jahren hier geborenen Komponisten.

Auf diesem Platz war der Grundstein so mancher Ehe gelegt worden; hier versammelte sich die junge Männerwelt und ließ die heiratsfähigen Sennoritas Revue passieren. In der Mehrzahl arme Familiensöhne, von der strengen Mama mit einem kargbemessenen Taschengeld bedacht, über das sie genaue Rechnung ablegen mußten; hier aber, nachlässig aneinandergelehnt, den Zigarillo im Munde oder an einem Nelkenstiele, einem Veilchen kauend, im Bewußtsein ihrer Unwiderstehlichkeit, mit müden, blasierten Gesten, die sie einem ältlichen, in seiner Heimat unmöglich gewordenen englischen Aristokraten abgeguckt hatten, suchten sie den Eindruck zu erwecken, welterfahrene Lebemänner zu sein, die das Weib gewogen und zu leicht befunden hatten.

Don Juans Töchter saßen dann in neuen hausgeschneiderten Toiletten, meist von einem giftigen Rosa oder scharfen Pistaziengrün, welche Farben Donna Elvira bevorzugte und die ihnen das Aussehen künstlich gefärbter Fondants verliehen, wie gefroren neben und gegenüber der Mutter, die mit ihrer gelben Hautfarbe, verächtlichem Mündchen und hochmütigen Brauen wie ein dreiteiliger Wandschirm wirkte. Man nickte denselben halbversteinerten alten Damen zu, die man auch sonst schon 37 weidlich genoß und am Abend wieder begrüßen würde, wenn sie in ihren vergilbten Hermelinkrägen, schnurrbärtig, alten Wasserspeiern vergleichbar, auf ihren angestammten Plätzen im ersten Rang der Oper sitzen würden. Man tauschte von Wagen zu Wagen Bemerkungen aus, über die Hitze, die Fliegenplage, und allerhand, meist betrübliche Familienereignisse wurden gestreift; die fortschreitende Lähmung von Donna Ines, – ja, ja, nur noch die große Zehe – das Blasenleiden des edlen de Fuentes, der nun doch um Enthebung von seinem Posten gebeten hatte, es war ja begreiflich . . . die Audienzen . . . dann die wieder fehlgeschlagenen Hoffnungen der armen Peñarandas – es war nun schon das drittemal – trotz Wallfahrt . . . Nur selten wagte sich einer der Caballeros heran, von Donna Elviras hochgezogenen Augenbrauen eingeschüchtert, so daß auch Donna Sol und Donna Ysabel nicht wagen durften, die Gardenien und Camelien zu erhaschen, die von der siebzigjährigen aber immer noch hochfrisierten und feurigäugelnden Händlerin Concita auf flachem Korbdeckel feilgeboten, von den jungen Herren an beweglichen Holzscheren in die hochgebauten Karossen gereicht wurden. Dies gab dann Anlaß zu Dank, zu Augenwerfen, zu Geschäker, kurzum zu Annäherungen, und endigte bei einigen, einem bedauerlichen Geist der Neuerung verfallenen Familien in eigenmächtigen Verlobungen der jungen Leute. Dies war in Donna Elviras Augen durchaus 38 verwerflich. In ihren Kreisen hatte bisher eine Heirat stets denselben, streng vorgezeichneten Werdegang. Alte Damen, sowie die Beichtväter der beiden in Frage kommenden Parteien besorgten die Präliminarien. Dann erst, wenn das Ergebnis der gegenseitigen Auskundschaftung befriedigend war, wurde es der Auserkorenen mitgeteilt. Etwas Zureden, kaum ein Druck genügten, sie willfährig zu machen; die einzige Alternative, das Kloster, wurde selten gewählt. Ein alter Notar, der die Geschäfte dieser blaublütigen Familien im Schneckentempo, aber mit gewissenhaftester Genauigkeit besorgte, erschien sodann zur Festlegung der Ehepakten, die unter anderem die Klausel enthielten, die eine wöchentlich mehrmalige Spazierfahrt, wenn nicht im eigenen Wagen, so doch mit eigenem, einzuhängendem Panneau, wie auch den gleichfalls genau formulierten Theaterbesuch der künftigen Ehefrau sicherstellte. Nun erst trat der Erzbischof in Szene, golden, skarabäenhaft, Weihrauchwolken und Lilienduft, Orgelgedröhn und Segen. So war es immer gewesen, und die Ehen die nach neuester Mode die Ouvertüre, das Rezitativ gleichsam übersprangen und sich ohne Übergang in die Liebesarie vertieften, waren gewiß nicht glücklicher als jene nach Vätersitte ernsthaft und bedächtig geschlossenen. Freilich – sie mußte sich an die Brust schlagen – sie selber war den anderen, den eigenwilligen Weg gegangen, und es war dann auch eine böse Fahrt gewesen, zwischen Klippen und 39 Untiefen, erst ein kurzes, fast schneidendes Glück, und dann . . . ach, ihre Jugend, ihr an sich geringes Maß an Frohsinn hatten sich daran verblutet. Je nun, sie war einer der nicht eben seltenen Fälle, wo man für sich revolutionär handelt, ob man auch für andere traditionell predigt. Aber gerade, weil sie solches am eigenen Fleisch erlitten, meinte sie mit doppelter Wachsamkeit verhindern zu müssen, daß der väterliche Leichtsinn, dessen Zauber sie mit eigentümlich nagender Eifersucht in ihren Töchtern spürte, ihr die Zügel nicht aus der Hand riß.

*

Das Theater, eine festlich behäbige Barockpastete, stand an einem kleinen Platz, der durch Steinlauben begrenzt war. Unter deren Bogen hatten Gemüse- und Obsthändler ihre Auslagen, ein Schreiner seine Werkstatt, es gab auch ein kleines Café mit Konditorei, das sich in der Sommerzeit mit Stühlen und Tischen weit in den Platz hinausschob. Tagsüber war er verödet, Tauben pickten, Katzen schlichen und spähten. Aus der Schreinerei hörte man's hobeln und sägen, aus dem Café kam schläfrig Mandolinengeklimper. Abends aber, wenn der Mond den kleinen Platz in Silber tauchte dem sich der Laternenschein am Eingang bescheiden unterwarf, war da ein kurzlebiges Aufflackern; rauschende Kleider, vielversprechende Blicke, klirrende Schritte der 40 Kavaliere die nur eben mit den Brauen über den umgeworfenen Mantelzipfel lugten. Sänften wurden angetragen denen titelreiche Damen entstiegen, lederfarben, mit Schminke hergerichtet, Spitzen und Stoffblumen auf dem gefärbten Haar, wie vergilbte Kartenköniginnen. Sie stießen kleine, scharfe Schreie aus wie gereizte Papageien und redeten zu ihrer Dienerschaft mit der familiären Schwatzhaftigkeit, die nur ein auf jahrhundertealte Tradition gegründeter Hochmut sich erlauben darf.

Die Töchter Don Juans, gleich empfindlichen Barometern die geringste Abweichung ihres eintönigen Lebens verzeichnend, spürten seit Wochen, daß irgend etwas in der häuslichen Witterung anders war als sonst. Ruhelos ging die Mutter von einem Zimmer ins andere, stand am Fenster oder versank in Träumen neben dem glimmenden Brasero, sprach in Flüstertönen mit Donna Pilar und ging frenetisch ihren geistlichen Übungen nach, was den Töchtern immer ein Sturmzeichen war. Stundenlang kniete sie auf dem Betschemel, rührte sich kaum, wurde immer gelber, immer spitzer. Manchmal blickte sie die Kinder an, starr, jäh sich erinnernd, als begegne sie ihnen unverhofft an einer Straßenecke.

Die kleine Guadelupe jedoch, von Consolacion aufs eifersüchtigste betreut, hörte durch sie so manches, was in der großen, rußgeschwärzten Küche geschwatzt wurde, wo einst Don Juans Gastmähler geschmort und geprasselt hatten, jetzt 41 aber nur zwei armselige Feuerlöcher glimmten und der unbenutzte Spieß auf seinem Gestell rostete. Consolacion, die überall ihre Nase hatte, kam auch in die Küche, und was sie dort aufschnappte, trug sie ihrem Liebling zu. Besonders an Tagen, wo Leporello, der die verwitwete Zerline geheiratet, einen Grünkramladen eröffnet hatte und auch als Lohndiener ging, seine Waren in die Küche lieferte, war die Ernte reichhaltig. Donna Elviras Abneigung gegen den einstigen Diener und Vertrauensmann ihres Gemahls, der in so viele unrühmliche Abenteuer desselben verflochten gewesen, grenzte an Abscheu. Aber sie hatte es nicht durchsetzen können, daß ihre Dienerschaft die täglichen kleinen Einkäufe in einem anderen Kramladen besorgte; die unerschöpfliche Quelle angenehm aufregender Klatschgeschichten, die in Leporellos übelriechendem Gemüsekeller rieselte, konnten sie nicht entbehren. War es doch eine unvergleichliche Wonne zuzuhören, wenn er, die öltriefende Hand mit der er soeben ein halbes Pfund Tonfisch aus dem Faß geschöpft hatte, schon wieder nach dem Salami ausgestreckt, einige Lichter auf die skandalösen Ehegeschichten jener die da zahlen setzte, oder mit dem dünngeschliffenen, biegsamen Schinkenmesser in der Luft fuchtelnd Bilder himmlischer Strafgerichte entwarf, wie sie dereinst die Blutsauger ereilen würden. Zerline kam selten ins Geschäft. Außer den drei Kindern, die sie in der Ehe mit Masetto geboren, hatte sie fünf weitere zu 42 denen Leporello sich bekannte. Schlampig und unfrisiert, mit heruntergetretenen Hausschuhen, war sie kein erfreuender Anblick und wurde von dem Gatten mit unverhüllter Geringschätzung behandelt und in die hinteren Bäume verwiesen.

Consolacion aber hielt die Ohren gespitzt, und so erfuhren die Schwestern durch Vermittlung der kleinen Guadelupe, daß ein neuer Gouverneur der Provinz an Stelle des edlen De Fuentes ernannt sei, der hier zu residieren gedenke, und zwar seiner herzleidenden Gemahlin wegen im kleinen Palast der Alcantara, da das Kastell allzu fern und steil gelegen sei. Weiter hörten sie, Don Ottavio gehöre einer guten, wenn auch nicht einer der ersten Familien des Königreichs an; seine Gattin, Donna Anna, sei ihm im Rang weit überlegen. Einstmals viel umworben, sowohl durch ihre blonde Schönheit wie durch eine wunderbare Sopranstimme berühmt, habe ein tragisches Erlebnis ihre Mädchenzeit verdüstert. Consolacion konnte oder wollte sich hierüber nicht näher auslassen. Als Donna Sol, die Älteste, es unternahm, Donna Elvira nach den interessanten Fremden auszufragen, fertigte sie die Mutter, jedes weitere Ausspinnen unterbindend, kurz ab, doch schien es als ob sich dabei ihre Lippen traurig verzerrten und eine Röte der Beschämung ihr Antlitz überzog. Jedoch die Enkelin des bisherigen Gouverneurs, Teresita de Fuentes, eine durch äußerliche Wohlerzogenheit irreführende junge Dame, kam nachmittags zu 43 Besuch. Sie hatte nach Elsternart den ganzen Klatsch schon aufgepickt und eingeheimst, und begann alsbald von den Fremden zu erzählen die in wenig Tagen eintreffen sollten, erzählte von ihrem Reichtum, ihrer Gastlichkeit, und wie Donna Anna besonders für Musik enthusiasmiert sei und alles und alle, die damit zu tun hätten, unter ihre Flügel nähme; ja, Teresitas Mutter hatte gesagt, trotz ihrer vornehmen Abkunft hätte Donna Anna ein gewisses, unerklärliches Etwas wie von einer alternden Primadonna: man begriffe nicht recht, woher. Was ihr Äußeres beträfe, so wäre sie früh verblüht und auseinandergegangen, was nun einmal das Schicksal der Blondinen sei, und durch ihr Herzleiden und allzu geruhsames Leben noch befördert würde. Don Ottavio, wenn auch streng heraldisch gesprochen nicht aus der obersten Schublade, sei durch und durch Edelmann; über seine amtliche Rechtlichkeit herrsche nur eine Stimme. Jedoch ein ziemlich pedantischer Herr, in Gesellschaft etwas ungewandt und ganz der Numismatik hingegeben, was ihn ja nicht gerade unterhaltsamer mache. Das edle Paar sei kinderlos geblieben, und wenn auch in tadellosen Formen, sei das Verhältnis der Eheleute zueinander eher frostig; besonders da Ottavio, wenn auch selber im Besitz eines angenehmen Tenors, das musikalische Dilettieren seiner Gemahlin nicht gutheiße und sich an ihren Trioabenden beinahe ostentativ in sein Münzkabinett zurückzöge. 44

»Was das für ein aufregendes Erlebnis sei, von welchem gemunkelt werde,« fragten die Schwestern. Teresita sagte ausweichend: »Oh, was könne man wissen, es würde wohl ein Einbruch gewesen sein. Annas Vater, der greise Kommandeur sei herbeigeeilt, habe den Räuber gestellt und habe in der Folge – wenn auch nicht unmittelbar an seiner Wunde – das Leben verloren. Aber es wäre der Familie peinlich wenn davon geredet würde, auch sei's ja schon Jahre und Jahre her.«

Diese Unterhaltung hatte vor einigen Wochen stattgefunden. Heute nun sollte sich die Gouverneursfrau zum erstenmal öffentlich präsentieren, in der kleinen, seitlichen Staatsloge der Neugier der Provinz standhalten. Kein Wunder, daß das Theater überfüllt war.

Die Musiker hatten ihre Instrumente gestimmt, es war still geworden, der Dirigent öffnete die Partitur, ergriff den Taktstock, gleich würde das kurze, trockene Aufklopfen ertönen; die kleine atemlose Pause war's, ehe die Musik einsetzt, die wolkenzerteilende. Man hörte ein leises Knistern und Stuhlrücken, eine Tür die behutsam auf und zuging. Hinter dem zerschlissenen roten Samt, der, emporgerafft, ein Drittel der Gouverneursloge schräg überschnitt, sah man nun ein helles Kleid, eine Wangenlinie, ein kleines Ohr, von ringelndem Blondhaar beschattet. Alle Augen, alle Lorgnetten richteten sich dorthin. Weiter zurück, im Halbdunkel, ahnte man Don Ottavios Gestalt. 45 Allmählich, wie sich das Auge an das heruntergeschraubte Licht gewöhnte, war auch ein Arm, eine schöne, weiße Hand zu erkennen, die da einsam und gedankenvoll auf dem roten Samt der Brüstung ruhte. Die Gouverneursloge war nicht wie die durchsichtigen Vogelbauer des Balkons gebaut: mehr wie ein kleines ausgepolstertes Zimmer. Man ahnte den Veilchenduft, den Donna Annas Bukett ausströmte, das auf der Brüstung lag, neben der schönen Hand und neben der von der Theaterdirektion gestellten Wachskugel, die dazu dient, die Flöhe zu fangen, welche in den Logen ihre Brutstätten haben. Nahm man doch dieses Schutzmittel mit südlicher Einfachheit natürlichen Dingen gegenüber hin, galt es doch als durchaus statthaft, ja als ritterliche Pflicht, daß der Caballero, solch blutdürstiges Insekt auf Arm oder Schulter seiner Dame erspähend, sie geistesgegenwärtig durch rasches Aufdrücken des Wachses von dem Quälgeist befreite.

Donna Elvira, zum Erstaunen ihrer Töchter nicht im üblichen Schwarz, sondern mit laubgrünem Taft und kompliziertem Kopfputz angetan, starrte mit brennenden Augen hinüber. Als sei sie ausgedörrt und müsse den Anblick trinken. Und während auf der Bühne edelschreitende Helden ihr Schicksal beklagten und die Götter anriefen, tobten in ihrem Herzen die Furien. Trostsuchend senkte sich ihr Blick auf die Töchter, die vor ihr saßen, bräunlich in ihrem weißen, indischen 46 Musselin, und glitt, wie nach Hilfe tastend, an ihren feinen Genicken nieder, wo das nachtdunkle Haar, allmählich immer heller und flaumiger werdend, die zarten Wirbelsäulen begleitete wie ein honigfarbener Streif. Neben der Mutter saß Juanita, aufgeregt, klopfenden Herzens, ihre weißen Zwirnhandschuhe unter den spitzen Ellbogen bergend. Auch an sie heftete sich Donna Elviras Blick; ach, am liebsten hätte sie heute auch Guadelupe mitgenommen, denn von solch einem Wall gazellenäugiger Töchter, des Vaters Ebenbilder, umgeben, konnte sie da nicht die blonde Verführerin, die unfruchtbar Verblühte, von Herzen verachten? Und alles was sie sonst an ihren Kindern zu Bitterkeit und Strenge gereizt hatte, eben diese jähen, dolchstichjähen Ähnlichkeiten in Stimmfall und Gebärden, vor allem jene eindringliche und ach, so wenig bedeutende Süßigkeit des Blicks (immer war's ja gewesen, als sei nur eben die eine Frau auf der Welt, die ihn gerade reizte, ihn, der doch Unzähligen das Herz zertreten) – alles dies wurde ihr nun hier, auf einmal, zum Anlaß inneren Frohlockens. Ja alle vier trugen sie sein Kennzeichen, ihre Glieder waren in derselben Form gegossen, immer unverkennbarer wurde seine Prägung, die beiden Jüngsten sahen ihm am ähnlichsten. Ach, in verzweifelter Leidenschaft empfangen alle vier, wie sich im Urwald Schlingkraut mit tausend Widerhäkchen um den Eindringling windet, ausgetragen unter 47 Gebeten und Gelübden, wie ein Ringen mit Gott jedesmal; und geboren in Verlassenheit, in ihrem großen Säulenbett, beim Schein geweihter Kerzen die sie vor Tränen alle doppelt sah!

Sie blickte in den Schoß, auf ihre Hände nieder, die plötzlich hilflos waren. Sie kam sich lächerlich vor in ihrem grünen Kleid, dessen Schnitt, sie sah es wohl, anders war als man jetzt die Kleider trug. Heiß war's, oh, so heiß! Sie öffnete den Fächer und fächelte sich. Ihr Kopfputz zitterte; Blumen und tropische Käfer auf Spiralen befestigt. Ja, das trug man wohl auch nicht mehr – aber ihre Diamanten waren ja damals auf dem Leihamt geblieben. Und sie wünschte sich meilenweit von hinnen, wo keine Stimmen, keine Augen sie bedrohten.

Im Zwischenakt kam der getreue De Peon. Der alte Kavalier hatte erraten, welche Gefühle seine ehemals Angebetete bestürmten. Er setzte sich still hinter sie, strömte ruhige, schützende Männlichkeit aus, sprach nur wenig, leise in sie hinein; hier galt es ihren Stolz zu stärken.

Drüben in der Loge nahm Donna Anna Huldigungen entgegen. Jetzt bei heller Beleuchtung sah man sie deutlich. Schultern und Arme göttlich schön, das Antlitz aber hatte den zartedlen Umriß der Jugend nicht bewahrt, die stark gepuderten Wangen waren breiter, die Augen kleiner, matter geworden, wenn sie dem durch dunkles Farben der Lider auch abzuhelfen versuchte. Doch 48 wenn sie lächelte, kamen kleine, flüchtige Mulden zum Vorschein, wie sie das ebbende Meer auf dem Sande zurückläßt, und das war immer noch reizvoll. Sie hatte eine kurzsichtige Art beim Sprechen die Wimpern zusammenzukneifen, und wenn dann beim Lächeln ihre kleinen, feuchten Zähne schimmerten, war da etwas sehr Süßes wie von einem reifen Pfirsich im Tau. Ihre Bewegungen waren ruhevoll, wie akkompagnierend zu Rezitativen, ob sie nun die edle, etwas zu volle Hand zum Kusse bot, oder die Veilchen auf der Logenbrüstung träumerisch streichelte. Die alten Mätzchen – dachte Elvira und fühlte ihre Mundwinkel bitter werden. Sie hatte schon damals Unaufrichtigkeit gewittert; das schwesterliche Mitgefühl, das Donna Anna ihr erwiesen, was war's anders als Komödie gewesen! Vielleicht um sich selber aus der Patsche zu ziehen. Und der Racheschwur an jenem Abend in dem labyrinthischen Garten, zwischen Urnen und Säulen, wo sie in schwarzen Dominos, den anderen unkenntlich, sich fanden, während auf freiem Platz vor der Villa ländliche Tänze getanzt wurden, und Don Juan in seiner ach so würdelosen Popularitätssucht sich unter das Bauernvolk mischte und jene alberne Zerline ins Dunkel der Alleen lockte . . . Alles Komödie! Ging der Tod des alten Kommandeurs jener wirklich so nahe? Er, der zu Schwermut und Mißtrauen neigende Greis, der das späte Kind seines Alters mit Hecken und Mauern umgab wie nur je ein 49 eifersüchtiger Türke! Und dann diese Verlobung, diese Brautschaft! Saftlos wie eine Attrappe. Nein, Anna war keine glückliche Braut. Don Ottavio, ihr vom Vater bestimmt, war nicht der Held ihrer Träume. Er war ihr verordnet wie eine Medizin . . . Und schauernd gedachte Elvira jener ersten, süßfiebernden Wochen, als sie, dem Willen ihrer Eltern, den Warnungen ihrer Freunde zum Trotz, Don Juans Frau geworden war. Rausch . . . Wahnsinn . . . ja – aber sie hatte es doch gehabt. Und sie starrte hinüber zu der blonden, königlichen Frau, die nun wieder ihre Ruhe störte, nachdem so viele Jahre dahingegangen waren, und schätzte sie gering.

Lange hatte Don Juan jene umschwirrt, konnte er's doch nicht ertragen, vor dem Schaufenster zu stehen und nicht zu besitzen, was ihn reizte. Sollte er zum erstenmal seinen Eindruck verfehlt haben? Nun denn, wenn's nicht anders ging, mit Gewalt! Aber jene Nacht, die Nacht des Duells, war sie die erste? Hatte er nicht früher schon den Weg gefunden? Darüber konnte Elvira mit nach innen gerichtetem Blick brüten und versteinern. Dies ganze theatralische Rachegeschrei, diese Primadonnengebärden – warum aufgelöstes Haar! – waren sie echt? War nicht auch Ärger dabei wegen jener koketten Bauerndirne, die sich natürlich in Juans Blicken verfangen hatte wie die Fliege im Honigtopf? Eifersüchtig auf Zerline! War's nicht zum Lachen? Aber nun war sie hergekommen, den 50 mühsam errungenen Frieden der Verlassenen durch Aufstöbern alter Erinnerungen zu stören, sich hier zu spreizen als erste Dame der Provinz, der sie und ihre unschuldigen Kinder huldigen mußten, damit nicht alle bösen Zungen wie ein Hornissennest zu schwirren anfingen. Ein Glück, daß Elviras Rang es verbot, drüben in der Loge vor all den schadenfrohen Augen ihre Aufwartung zu machen. Oh, wie allein, wie preisgegeben sie war! Wären die Töchter nicht gewesen, längst wäre sie in ein Kloster untergetaucht, hätte sich aufgelöst in der Unpersönlichkeit einer Schwester zum Ewigen Schweigen! Wie sagte der Heilige Johannes von Avila? »Wer sich Gott anheimgibt, erhält ein Löwenherz.« Ach, was nützte ein Löwenherz, nur Vergessen wollte sie erflehen.

Indessen blickten Donna Sol und Donna Ysabel, vor allem aber die junge Juanita starr und verzaubert nach der Loge, wo Donna Anna, weiß und golden wie eine große, träge Seerose, sich auftat und von den Fluten der Musik tragen ließ. Sie ahnten dort Luft von einer Welt, die sie bisher nicht erblickt, nur erträumt hatten; etwas süß Duftendes, mit ganz selbstverständlichen Verfeinerungen des Daseins, die sie nicht geahnt hatten bis zum heutigen Tag. Sie mit ihren hausgemachten Kleidern, ihrem armseligen Toilettentischchen – der eine Fuß war zu kurz, oder lag's am unebenen Ziegelboden, man mußte immer ein Klötzchen darunterlegen. – Oh, und ihr irdenes Waschgeschirr, ihre billige Seife 51 und das grünliche Spiegelchen, vor dem sie sich die Haare aufsteckten! Gott, wenn die schöne Frau dort drüben es sähe! Nein, diese himmlische Ruhe, wie sie alle Komplimente und Devotion hinnahm! Diese weiten, leuchtenden Schultern, dieser seidene Schoß! Hatte sie nicht bei aller Würde und Distinktion etwas von einer großen, weiß und goldenen Gluckhenne, die ihre Flügel breit macht? Ihre Seelen dehnten sich wie zum äußersten gespannte Saiten . . . ein Windhauch schon hätte sie zum Klingen gebracht. Wie gut, daß Mama nur ihre Nacken, nicht ihre beseligten Augen sehen konnte, denn sie fände es sicherlich abgeschmackt, sich so für einen ganz unbekannten Menschen zu begeistern.

Auch Juanita war nach vorn gesetzt worden; sie machte sich schmal zwischen den weißen, ausgebreiteten Kleidern ihrer Schwestern, sollte wohl nicht hören, was der alte Peon dahinten mit der Mutter redete. Ach was ging es sie an, sonst hatte sie wohl feine Öhrchen, heute waren sie taub, heute wollte sie nur sehen, sehen, diese schöne, freundliche, breitschultrige Frau da drüben, die so gütig aussah, als ob sie weißes Brot mit Honig verteilte wenn sie mit jemand sprach.

Die Musiker kehrten an ihre Plätze zurück, sie schraubten die grünverhangenen Öllämpchen an ihren Pulten hoch, sie probierten und stimmten, ein Gesumm und Geschwirr, nur ab und zu fuhr das goldene Schlängelchen einer Flöte empor. Die Menschen suchten ihre Plätze wieder auf. Don Luis 52 verabschiedete sich. Aber Donna Elvira bestimmte, daß Juanita bis zum Schluß vorn, zwischen den Schwestern sitzen bleibe. Oh, wären es Söhne gewesen, dachte sie, dann, ja dann, hätte sie ganz mit dem Stolz einer Gracchenmutter triumphieren können über jene, die sich dort, glatt und glau im Stolz ihrer Stellung, ihrer tadellosen Ehe, mit großen Edelsteinen auf der weißen Haut brüstete. Mit einer Handbewegung: »Hier, Sennora, diese sind meine Juwelen,« denn jene – ja, Gott war gerecht und ließ Seiner nicht spotten – war kinderlos geblieben, hatte nie gekannt den Schmerz, der uns Frauen alle gleichmacht, nie die Seligkeit, wenn zum ersten Male Händchen sich in die Brust krallen, um dem schwachen Mündchen beizustehen! Kind des Geliebten! Fleisch gewordene Liebkosung, und sei sie auch aus ungetreuem Herzen gekommen, sie ließ sich nicht mehr auslöschen, lebte fort in Kindern und Kindeskindern, dieses Lächeln, dieser Blick, diese Betörung der Hände, leicht und spielend . . .

Die Sänger hatten sich an der Rampe aufgestellt. Sie sangen das Schlußtutti. Götter und Grazien reichten Sterblichen die Hände. Das Liebespaar stand, endlich vereint, nach Feuer und Wasser, nach Trennung und Gefahr. Geiger, Bläser, Harfenisten gaben ihr Letztes her im großen Jubel des Finale. Langsam senkte sich der Vorhang. Die Vorstellung war zu Ende. 53

*

Donna Anna hatte die Loge mit den drei Mädchen, hinter denen, fahl in ihrem grünen Kleide (wie eine Gießkanne, dachte sie) die Witwe Juans thronte, wohl bemerkt und durch ihre langgestielte Lorgnette beobachtet, die sie mit der naiven Impertinenz der Kurzsichtigen handhabte. Aber als sie den Gazellenblicken der Schwestern begegnete, war das Lächeln auf ihren Lippen erstarrt, denn, ach ja, das waren sie, jene Augen . . . die damals . . . damals . . . sie schauderte. O diese alte widerwärtige Begebenheit, ihr Vater, hitzig, gleich vom Leder ziehend, der andere, der sich wehrte, wer weiß, er wußte wohl gar nicht, gegen wen, es war ja so finster – Degengeklirr, ihre Leute mit Laternen, Sbirren, fliehende Schritte, sie selber mitten drin, aufgelöst von Schrecken und Beschämung, und dann, auf dem kleinen, einsamen Platz, von seinem Diener gestützt, sie argwöhnisch mit rollenden Augen betrachtend, ihr Vater; blutend, fluchend, in Unterhosen, aber immer mit Grandezza!

Dann die Ankunft Elviras; Antipathie auf den ersten Blick – natürlich gegenseitig, so was war immer gegenseitig – und Ottavio der sich als Ehrenretter fühlte und auf den törichten Einfall kam, sich auf dem Gartenfest, verkleidet, verschwörerhaft zu treffen. So ein echt männlicher Einfall, zwei Frauen zusammenzuführen, die so grundverschieden waren und niemals zusammenstimmen konnten. Besonders nun, da sich beide 54 gekränkt, gedemütigt fühlten; und daß jede es von der anderen wußte, war noch das ärgste dabei. Denn wenn Elviras, der verlassenen, der zurückgesetzten Ehefrau Kränkung auch vielleicht am bittersten, so war doch ihr Gefühl der Beleidigung, der Erniedrigung wie eine lähmende Seekrankheit gewesen; denn sie konnte sich ja nicht verhehlen, daß Juan sie einmal bezaubert hatte. Aber wie sie nun, kalt und kritisch nach der Schreckensnacht – oh, ein fliehender Mann hat doch immer etwas entsetzlich Ernüchterndes – mehr und mehr von dem Rattenkönig kitschiger Abenteuer und Intrigen zu hören bekam, aus denen Juans Leben bestand, um so mehr ekelte sie ihre anfängliche Verblendung. Sie . . . sie . . . die Unantastbare, die Amazonenhafte, ihres Vaters Liebling und Jünger – in diesen Hexenkessel hineingezogen! Und der Tod des Alten – nicht an der unbedeutenden Verwundung, sondern an der Erkältung, die er sich – ungenügend bekleidet – bei dem Überfall zugezogen, und die sich ihm wie üblich auf die Nieren geworfen hatte – lag noch heute als tiefer Schatten über ihrem Leben und konnte, wie eben jetzt, plötzlich anwachsen und alles verdunkeln. Was halfen dagegen äußere Ehrungen! Welchen Trost konnte es gewähren, daß sie damals, bei der Enthüllung seiner Reiterstatue, von den Behörden eingeladen und mit Ehrenbezeigungen überhäuft worden war? Was half es ihr, daß eine Straße, die bisher nach einem obskuren 55 Botaniker benannt war, nun den Namen ihres Vaters trug? Armer Papito!

Sie hatte bald darauf den guten Ottavio geheiratet, ohne besondere Neigung, aber weil es im Sinne des Verstorbenen war. Der gute Vivi war auch wirklich ein edler, ja ein vortrefflicher Mensch, von rührender, musterhafter Treue, wenn auch, sie konnte darüber nicht blind sein, außergewöhnlich langweilig. Besonders wenn er von dieser entsetzlichen Numismatik anfing, und dabei hatte sie auch noch den Verdacht, daß er eigentlich nichts davon verstand und von den Antiquaren ausgebeutet wurde wie ein ahnungsloses Kind. Ja, sie hatte ihn schon immer langweilig gefunden. Aber – schließlich – was blieb ihr anderes übrig! Sie hätte den Großmogul geheiratet, nur um aus dem Klatschnest fortzukommen. Heute freilich, nach all den Jahren, sah sie ein, daß es eine Übereilung gewesen, so rasch vor den Verleumdern die Waffen zu strecken. Aber nun mußte sie aushalten. Es gab ja wohl Schlimmeres, aber ein Vergnügen war's gewiß nicht. Schon allein die Mahlzeiten. Zweimal täglich. Das waren also – sie rechnete – siebenhundertunddreißig Mahlzeiten im Jahre und in Schaltjahren noch zwei dazu, also in vierzehn Jahren . . . nein, im Kopfe ließ sich das nicht ausrechnen; jedenfalls eine monströse Zahl. Und all diese Mahlzeiten, mit seltenen Ausnahmen, immer mit Don Ottavio als Gegenüber, nur die silberne Terrine zwischen ihm 56 und ihr. Denn ach, er war ja so tadellos, so treu! Alte Damen verdrehten darüber die Augen und nannten sie beneidenswert. Und die grüne Pfefferschote da drüben dachte gewiß auch so. Wie sie sich angestellt hatte über Don Juans Seitensprünge! Oh, du barmherziger Gott, ahnte sie denn nicht, wie nervenangreifend, wie alle Lebensgeister ertötend die lückenlose Treue eines langweiligen Menschen sein kann? Besonders, wenn er dazu eine Tenorstimme hat. Denn das war auch so eine Illusion vom armen Vivi, daß er immer glaubte, vorsingen zu müssen, ihr sogar zumutete ihm dabei zu akkompagnieren. Wenn nun gar wirkliche Künstler anwesend waren, war's greulich peinlich, wenn er so dilettantenhaft »mit Schmalz« sang, wie die das in ihrem Musikerjargon nannten. Schließlich hatte er's gemerkt, und nun war er immer säuerlich, wenn sie musizierte. Aber dann war diese neue Marotte gekommen, diese Numismatik, und zu etwas war sie doch gut gewesen, er vergaß darüber das Singen.

Arme kleine Mädchen dort drüben im Balkon! Mit dieser Heuschrecke von einer Mutter! Schließlich . . . der arme Don Juan, mit einer solchen Frau, ja und nun war er tot, der Arme, und gegen Tote konnte man doch überhaupt keinen Zorn mehr aufbringen. Um solcher säuerlichen Tugendhaftigkeit zu entgehen mußte einer ja schließlich dem Laster anheimfallen. Wie jene da drüben 57 saß mit dem selbstgerechten Ausdruck, wunderte man sich nicht, daß aus ihrer Familie zwei Großinquisitoren hervorgegangen waren!

Sie fächelte sich, langsam, träumerisch. Worüber hatte Donna Elvira nur so schrecklich sauer zu sehen! Die alten Geschichten? Gott, wurde es ihr denn so schwer, zu vergessen? Hatte sie doch diese süßen, weichen, rehäugigen Geschöpfe übrig behalten! Wenn sie solche Kinder gehabt hätte! Ach, sie wußte nicht, was sie angefangen haben würde vor Glück! Am liebsten sich auf den Teppich gelegt, wie eine Katze, und mit ihnen gespielt, tagelang . . . Aber . . . besser so! Denn, wenn sie Kinder gehabt hätte, würden sie vielleicht Don Ottavios lange Nase gehabt haben, die an der Spitze so schnupperte, wie von einem Waschbär, oder diese nervösmachende Bewegung mit dem Hals, als geniere ihn sein Kragen, oder die gräßliche Art, wenn er kribblich war, mit dem Knie zu wippen, daß der Tisch mit allem was darauf stand zitterte. Fürchterlich, solche Repetitionen elterlicher und großelterlicher Unarten. Man wußte doch nie im voraus, welch schreckliches Echo einem aus Kindern entgegentönen könnte . . .

Noch auf der Heimfahrt ging es so, ziemlich wirr, durch Donna Annas Kopf, sogar während schon die Zofe ihr die Haare zur Nacht in Papilloten wickelte: eine Haartracht, die nicht gerade kleidsam war, aber darauf kam's ja nicht mehr 58 an; und eine Feuersbrunst würde es hoffentlich nicht geben, daß sie unvorbereitet heraus müßte. Gott, diese kleinen Mädchen! Was die für Haare hatten! Die hatten nicht nötig, sie über Nacht zu wickeln. Jugend! Ja, in dem Wort war alles drin. Und sie übersah melancholisch ihr Arsenal von Puder und Schminkdosen, das im Herbste des Lebens in Erscheinung tritt, wie die Zeitlosen im Herbste des Jahres. Ysabel – Sol – Juanita – und zu Hause war ja wohl noch eine Kleine, Jüngste! Aber ihrem armen, liederlichen Vater durften sie schon eine Kerze weihen, denn von wem hatten sie denn die Biegsamkeit, den schwebenden Gang, den Gazellenblick? Von dieser Morchel von einer Mutter gewiß nicht. Nun, sie wollte versuchen die armen Dinger ein bißchen heranzuziehen. Ihnen war gewiß leicht eine Freude zu machen. Verwöhnt sahen sie nicht aus, mit ihren Musselinfähnchen und der Kamelie im Haar wie kein Mensch es mehr trug. Aber es stand ihnen, wie eine seltsam rührende Verkleidung.

Sie sank ins Bett. Himmel, ich sinke ein wie ein Mehlsack, dachte sie. Ich darf nicht mehr so viel Gezuckertes essen, ich werde fett. Sie gab sich keinen Illusionen hin. Ich werde bald aussehen, wie ein gestürztes Blancmanger. Aber all diese Kasteiungen, dieses Zimmerturnen, noch dazu bei nüchternem Magen! Nein, unter solchen Torturen war das Leben nicht wert gelebt zu werden. Da wollte sie lieber dem Schicksal seinen Lauf lassen. 59 Freilich wenn dann aber nachts die Beklemmungen kamen!

Ihr Bett war niedrig und breit. Zu Häupten eine bauschige Raffung aus rotem Kirchendamast. den sie auf einer Auktion ersteigert hatte. Über ihrem weichgepolsterten Priedieu ein Kruzifix; alte, flandrische Arbeit. Ein Glücksfall, bei einem Trödler in einem Gäßchen hinter der Kathedrale hatte sie's aufgestöbert. Die verarmten Familien verkauften in der Stille die herrlichsten Kunstsachen, ohne zu ahnen was für Werte sie darstellten. Himmlisch, so in schönen, alten Dingen zu wühlen! Sie wurde dann ganz haltlos . . . wie ein Jagdhund auf der Fährte. Hatte sie es doch fertig gebracht, den Erzbischof um roten Kirchendamast anzugehen, womit sie ihr Allereigenstes, Allerheiligstes auszutapezieren gedachte. Es fehlte ihr noch ein Stück. Und der Kirchenfürst hatte ihr mit seinem herzgewinnenden Lächeln Hilfe zugesagt. Er war doch einzig, der Gottesmann!

Sie nahm ihr Andachtsbuch und blätterte darin: »Gib Frieden, o Herr« las sie. Frieden? Sie ließ die Hand sinken. Ach, zu viel Frieden, dachte sie, Monotonie. Nein, so bald als möglich wollte sie ihre kleinen, intimen Musikabende wieder einrichten, sonst kam sie um. Sie summte die ersten Takte eines berühmten Menuetts vor sich hin: Tam – tamtamtamtam tamtitam . . . in dem achteckigen Salon mit den musikalischen Emblemen in den Feldern würde es bezaubernd 60 klingen. Ach, Musik! Wie wäre ohne dich das Leben zu ertragen! Beim ersten Zusammenspiel diese leise, belebende Erregung, wie Eindringen in eine Wildnis, in unbekanntes Land . . . hie und da eine Lichtung, wo man sich umsieht, tiefatmend; das war die eine Art des Genießens, mehr aktiv, mehr ihrem früheren Charakter entsprechend, als sie den Vater auf einsame Ritte begleitete, das Für und Wider politischer Pläne mit ihm besprach, oder abends mit ihm kämpfte beim Schachbrett . . . Oder aber lauschend, wenn es wie große Wogen über einen kam und einen mitnahm, willenlos ertrinkend, selig; das war die eine und die andere Weise, Musik zu erleben oder zu erleiden. Am schönsten in wechselndem Auf und Ab.

Sie gähnte. Ein leises Miau antwortete ihr. Concepcion, ihre Angorakatze, rieb sich schnurrend am Bett, wollte hinauf zu ihr. »Armer Engel,« sagte Donna Anna und nahm sie behutsam hoch, »ist's bald wieder soweit?« Denn Concepcion war tragend. Sie schmiegte sich in Donna Annas Arm, mit den Pfoten eine sanfte Massage auf Dero Busen ausübend. Concepcion war weiß, mit blaß orangefarbenen Flecken. Sie sah einer Mehlspeise ähnlich; mit Chaudeausauce. Ja, eigentlich sah sie Donna Anna ähnlich. Und es war auch ein schwesterlicher Ton in ihrem Verhältnis; die eine verstand die andere, ohne daß Worte nötig waren. Wenn Donna Anna das Bleierne des Lebens in 61 ungewöhnlichem Maße überkam, gleich merkte es Concepcion, kam geschlichen, tröstend mit Turteltaubentönen, die sie sonst nur gebrauchte um ihre Kinder zu locken, fuhr ihr mit Plüschpfoten über die Wangen und begann ihre sanfte, hypnotisierende Massage, die von einem leisen, silberspurigen Gesabber begleitet war. Don Ottavio mißbilligte den Kultus den seine Gemahlin mit der Katze trieb; alles Übertriebene, sagte er, müsse sich früher oder später rächen. So tat er auch als höre er's nicht, wenn Donna Anna in dem sinnlosen Kauderwelsch, das Ammen und Kinderwärterinnen geläufig ist, mit Concepcion oder deren Sprößlingen sich unterhielt. Denn Concepcions Wochenbetten, Ereignisse, die mit absoluter Pünktlichkeit zweimal im Jahr eintraten, fanden fast immer in Donna Annas Schlafgemach statt, sogar in ihrem Bett, und dann ging es wochenlang bei ihr zu wie in einer Menagerie, überall trat man auf junge Katzen, und sie, die sonst so Zartfühlende, war von einer an Roheit grenzenden Naturalezza was gewisse Funktionen dieser widerlichen kleinen Raubtiere betraf. Wär's nicht seine eigene Gemahlin gewesen, so hätte er naheliegende, beißende Bemerkungen über die Marotten kinderloser Frauen nicht unterdrückt. Aber so? Was blieb einem übrig, man konnte nur die Achseln zucken. Dann machte Don Ottavio die ihm eigentümliche Halsbewegung, wie von einer Schildkröte, die der Panzer beengt, und ging hinaus. 62

Donna Anna hatte das Buch mit der Bitte um Frieden auf das Perlmuttertischchen gelegt, wo außerdem ihre Limonade stand, ihr Rosenkranz lag, ihr kleines, ambraduftendes Spitzentuch. Sie rieb ihre Wange an Concepcions Kopf und seufzte. Früher hatte sie sich vor dem Altwerden gefürchtet. Wenn sie jetzt daran dachte, kam es sie nicht mehr so schrecklich an. Denn es brachte doch auch Seelenruhe. Oder Apathie. Es kam auf eins heraus. Auch die Langeweile merkte man weniger. Don Ottavio zum Beispiel. Nein, was war es ihr anfangs auf die Nerven gegangen, wenn er bei Begrüßungen die Schultern so hochzog; und beim Essen – besonders bei Geflügel – hatte er gewisse Angewohnheiten, die seine allererste Erziehung in etwas zweifelhaftem Lichte erscheinen ließen. Aber jetzt? Sie sah gar nicht mehr hin; mochte er doch seine Knöchelchen abnagen, wenn's ihn glücklich machte. Und so ging's wohl mit vielem im Leben. Man sah nicht mehr hin.

»Ja, meine gute Concepcion,« sagte sie, »wir wollen schöne Musik machen und die kleinen Mädchen einladen und tüchtig verwöhnen; ich glaube, sie haben es nötig. Du aber sollst darüber nicht zu kurz kommen. Morgen soll Pedrillo Lunge für dich kaufen . . .«

Sie lächelte. Concepcion schnurrte. Ihre Massage wurde langsamer – setzte aus. Auch ihr Schnurren setzte aus. Sie hatte die Augen geschlossen, was 63 ihr den Ausdruck eines selbstgerechten Stiefmütterchens gab. Nun schlief sie ein. Auch Donna Anna schlief ein.

*

Ainsi font, font, font
Les petites marionettes,
Ainsi font, font, font,
Trois p'tits tours et puis s'en vont.

»Nun aber,« sagte Hilaria, »muß ich mein Kaleidoskop schütteln wenn du noch weiter hören willst. Denn es ist ein bissel wirr und undeutlich geworden und muß sich erst wieder zusammenziehen zu Sternen und Beeten. Jetzt eben sehe ich nur Splitter, die aufeinander losfahren oder einander aus dem Wege gehen – wie's schon im Leben so ist. Aber einer, ein topasfarbener, ansehnlicher, schwimmt da im Äther mit der blonden Trägheit einer Dogaressa, ohne sich anzuschließen, denn seine Anziehungskraft wird ihn ohnedem bald genug zum Kern einer neuen Konstellation machen. Er hat auch schon Trabanten, vier zarte Rauchtopase, die seiner Faszination erlegen sind.«

»Ja,« überlegte Hilaria weiter, »wenn man so sitzt, und ein abscheulicher Herbstregen der allzu früh als Armsünderglöckchen den Winter einläutet jeden Lokalpatriotismus wegschwemmt, und nur Sehnsucht übrig bleibt nach heiß beschienenen Terrassengärten, wo gerade jetzt die Zitronen, diese entzückend unberechenbaren, es fertig bringen zugleich Bräute und Mütter zu sein, Blüten und 64 Früchte zu tragen; ja, was kann man besseres beginnen, um all die Sehnsüchte und Regrets und sonstigen nervenangreifenden Rückblicke zu überwinden, als starr, wie hypnotisiert, ins Kaleidoskop zu sehen, seine Sterne tanzen zu lassen, zuzusehen ihrem immer wieder betörenden Ballett: ›Ach, nur einmal noch im Leben?‹

O Italien! Süßes Land der Falschen und der über alles Maß Getreuen! Und was letzteres betrifft, so gedenk' ich da besonders einer kleinen Gärtnersfrau, bei der so ganz wunschlose Stunden waren, auf Treppenstufen gelagert, wo die Eidechsen aus den Steinritzen lugten, das klopfende Herzchen in der Kehle, die goldenen Augen der Sonne zugewandt; wo ich schläfrig dem Rauschen leis klirrender Gießkannen zuhörte, die der Gärtner – Angelo hieß er und war auch einer – in den späten Nachmittagsstunden in die riesengroßen Granaten- und Gardenienkübel entleerte. Die Granaten hatten schon abgeblüht, aber die Gardenien! Es wird als Mangel an Zartgefühl gedeutet, dem Geruch der Gardenien standzuhalten oder gar ihn zu lieben. O wie manches Mal doch habe ich den Kopf in solch blühenden Gardenienbusch vergraben, daß es über mir zusammenschlug, und dabei gedacht: Gott, nur wenn du Überfluß gibst, gibst du Genügen! Ach, Ertrinken! Wie so plötzliche, flutende Stellen bei Chopin, oder ›An den Frühling‹ oder ›Chant d'Amour‹ von Grieg, was man heutzutag nur noch im Kino hört, als 65 Begleitung zu besonders herzbewegenden Situationen. Ja, aber manchmal braucht die Seele Gardenien und ›Chant d'Amour‹, und wenn irgend möglich noch einen Sack Fondants dazu, von Boissier, wenn dieser große Zauberer meiner Kindheit noch bestehen sollte. Denn in jener, meiner ersten phäakenhaften Heimat, lebte ein zierlicher alter Herr, Besitzer einer Villa mit hohem französischem Schieferdach und einer Menge Porträts von Winterhalter, Monsieur Clément Auff'm Ordt, und er war auch Clément, seine Clémence äußerte sich in märchenhaften wattierten Atlasschachteln, in denen überirdische Fondants in den zartesten Pastellfarben eingebettet lagen. Diese Schachteln brachte er uns aus Paris mit und sagte mit einer Grazie, die eines gepuderten und guillotinierten, also durchaus wurzelechten Marquis würdig war: ›Monsieur Boissier vous présente ses hommages et une nouvelle édition de ses œuvres.‹ Ja, das ist nun auch schon lange her.«

»Du weißt ja, ich bin nie in Spanien gewesen,« sagte Hilaria, »ach und ich möchte so gewiß sein, in den Himmel zu kommen, als ich gewiß bin, daß ich nicht mehr nach Spanien kommen werde. So muß ich mir, wo Doré nicht ausreicht, meine Kulissen und Hintergründe aus der Erinnerung an kleine italienische Städte konstruieren, so ganz verschlafene und verwitterte Nester, wo meine Marionetten tanzen können. Empoli vielleicht oder Faenza, Mantua mit dem Duft seiner Sümpfe und 66 den Gespenstern seiner toten Edelfrauen, ja und dann . . . Brescia. Brescia, wo ich, nächst einer fürchterlichen Sammlung eingesperrter und ausgestopfter Vögel in Salzburg, die deprimierendste Ausstellung zu sehen bekam, deren ich mich erinnern kann: eine Art gardemeuble des Risorgimento, Garibaldis rotes Hemd, seine Zipfelmütze, sein Säbel, unzählige Bilder von ihm und den Seinen an den Wänden, in Öl, in Lithographie, in Rötel; auch sein Reisewagen, in den mich der Kustode gegen Verabreichung eines Extratrinkgeldes zu steigen nötigte, und der im Innern so schauderhaft nach Mäusen roch . . . Dann all die glasgedeckten Tische, mit vergilbten Briefen, vergilbten Photographien und Daguerreotypen, die man, wie Badethermometer, schräg halten mußte um sie zu erkennen; oh, so vergilbt, so verblaßt alles, so überzeugend tot. Viel toter als die Cäsaren oder die Borgias und Medicis! Warum wohl? Vielleicht, weil sie uns so nah sind, daß wir einen Zipfel ihrer Schattengewänder noch zu fassen meinen, und ihr Modergeruch uns an die Vergänglichkeit mahnt, der leise auch in unseren nicht mehr ganz neuen Gedanken weht?

Und all dies Schläfrige, Halbtote hat sich vermischt mit jenen Bildern, wo auf weißen, stäubenden Straßen Don Quichotte reitet, gezinnten Mauern entgegen; wo auch Donna Elviras Sänfte getragen wurde, auf ihren verzweifelten Irrfahrten hinter dem Ungetreuen her! Ob ich mich auch gern 67 belehren lasse, daß alles dort ganz, ganz anders sei; aber es soll ja nur ein Spiel sein, ein Bild, in dem ich herumgehe, von seiner Unwirklichkeit überzeugt, wie sich Komödianten über gemalte Brüstungen lehnen oder in Häusern verschwinden, die nur Fassade sind.

Und dann – ich frage dich – ist man denn für seine Träume verantwortlich?«

Darauf zu antworten, hätte zu weit geführt. Und so bat ich sie, weiter zu erzählen, und nach einigem Nachdenken erzählte sie. Suchend, nicht mehr so fließend wie am Anfang, denn sie lauschte wohl im Innern auf das kuriose Gewirr von Gitarren und Erinnerung an längst begrabene Opernouvertüren – wie man sie früher, sagte sie, noch in kleinen, verschlafenen Badeorten zu hören bekam – bei deren Klängen sie ihre Püppchen aus dem Nebel kommen, sich drehen und wieder entschwinden sah.

»Um also auf Donna Anna zurückzukommen,« sagte sie und sah mich mit dem Lächeln eines Fakirs an, der eben aus winzigem Samenkorn einen Mangobaum zum Himmel wachsen läßt – »so hatte diese sich ohne alles Bedenken zu den kleinen Finten herbeigelassen, die sie für nötig hielt um Donna Elvira willfährig zu machen. Denn sie wollte und mußte diese armen gefangenen Vögelchen aus dem Käfig befreien. Und eigentlich fand sie einen raffinierten Genuß an ihrer eigenen Technik. Denn war es nicht eine höchst kunstvolle, ja 68 kitzliche Technik, ähnlich derjenigen einer Spinne, welche eine Wespe zu fangen unternimmt! Kunstvoll in einem Grade, daß sie beinah Selbstzweck wurde, so wie eine vollendete Gymnastik belebt und befriedigt, ganz abgesehen davon, daß sie es uns ermöglicht in Nachbars Garten die Äpfel aus den höchsten Wipfeln herunterzuholen.

Wie ablehnend Donna Elvira auch dreinschaute, wenn Donna Anna immer wieder, harmlos lächelnd, vor ihrer Haustür aus parfümierter Sänfte stieg, sie konnte sich ihrer doch nicht erwehren, denn gegen Watte hilft kein Hieb. Ach, sie fühlte sich versinken im Honig dieser immergleichen Liebenswürdigkeit. Viel zu lebensklug um die argwöhnische Witwe durch Geschenke oder Vergünstigungen zu demütigen, bat Donna Anna dieselbe im Gegenteil um alle möglichen Dienste. Denn sie wußte, daß unter anständigen Seelen der Gebende die stärkere Fessel trägt. Da waren Rezepte von Lavendelwasser und farcierten Pfefferschoten, um die sie bat, ja, und wie brachte Donna Elviras Koch – ach war es wirklich nur die alte Consolacion! – es fertig, daß die Schokolade so dick und dennoch schaumig blieb? Und dann, wo wohnte Donna Elviras Schuhmacher? Freilich, für solche Feenfüßchen – ja in Madrid waren sie unvergessen, neulich noch schwärmte der alte d'Ossuna davon – war's kein Kunststück, gut zu arbeiten. Aber vielleicht würde Donna Elvira beim Meister ein gutes Wort für sie einlegen, denn sie – Donna Anna – 69 mußte ja neben Donna Elvira ihre Füße verstecken. Nein, nein, sie machte sich keine Illusionen . . . pied d'enfant et pied d'éléphant.« So schwatzte sie unaufhaltsam und ein bißchen atemlos, bis Donna Elviras leises, eingerostetes Lachen ertönte. Ach aber nun hatte sie noch eine Bitte: Konnten die lieben Kinder wohl einer alten Frau einen Abend opfern? Sie sollten ihre Mandolinen und Gitarren mitbringen, Donna Anna wollte ein Gartenfest geben – mit Lampions und allen Schikanen; die Springbrunnen sollten tanzen und die Menschen auch . . . das wollte alles bedacht und eingeübt sein. Don Ottavio hätte ohnedies seinen Vereinsabend, Numismatik – nichts als Medaillen und Geldmünzen, in Watte gewickelt, in tausend winzigen Schublädchen. Nicht zu begreifen was Männer für Marotten hatten! Also Punkt sieben. In zwei Sänften würde sie die lieben Kinder abholen und wieder zurückbringen lassen!

Was wollte Donna Elvira machen! Gegen einen Tiger hätte sie gekämpft, dieser süßen Flut gegenüber war sie wehrlos. Sie sah schon allmählich ihre kleine Landzunge überspült, sah es kommen, wie sich die Kinder von ihr lösten und fortgeschwemmt wurden. Oh, wie gern hätte sie wie eine Katze ihre kleinen Mädchen im Maule fortgetragen, alle vier, und sie versteckt, wo keine Donna Anna sie finden und betören konnte!

Guadelupe maulte. Sie sei noch zu jung für Abendgesellschaften, hatte die Mutter gesagt. Ihr 70 kleines Seminaristengesicht war finstergrün geworden vor verschlucktem Ärger. Beim Hinausgehen fuhr Donna Annas ambraduftende Hand über das kurzgeschorene Köpfchen. »Zum Feuerwerk darfst du aber kommen, Lupina,« sagte sie. Ihre Stimme gurrte wie die einer mütterlichen Taube und ihr Blick wandte sich, listig überredend, zu Donna Elvira.

Es war ein gewisses Heldentum zu diesem Besuch nötig gewesen, denn gerade als sie ihre Sänfte bestieg, war eine dieser plötzlichen Beklemmungen gewesen, die sie hilflos ließen, mit blauen Lippen und schräggestelltem Blick. Und eben jetzt fühlte sie es wiederkehren, mahnend, ängstigend . . . war's der Finger des Todes der bald laut, bald leise anpochte: mach' dich bereit? . . . Aber es gelang ihr auch diesmal sich zu bezwingen, und von der eilfertigen Consolacion die in ihr eine Verbündete ihrer angebeteten jungen Damen witterte, und einem schäbigen Livreediener der eben noch in der Küche Parmesan gerieben hatte, geleitet, stieg sie, etwas schwerfällig, die schöngeschweifte Treppe mit den ausgehöhlten Stufen hinab bis zur Einfahrt wo ihre Sänfte stand.

Auf dem Heimweg, vom eintönigen Warnruf ihrer Träger begleitet – Platz da, Platz für die Sänfte der allergnädigsten Frau Gouverneurin! – ging ihr so manches durch den Sinn. Das Leben führt uns allgemach, unmerklich, höher . . . Von den Bäumen unter denen wir wandelten, sehen 71 wir nun die Wipfel; Dächer die uns hüteten, oder bedrückten, erblicken wir von oben, und auch den Kreuzweg wo wir einst standen und wählten, oder auch nicht wählten, getrieben von äußerer oder innerer Notwendigkeit. Und so vieles das unsere jungen Jahre getrübt und vergällt hat, scheint nun winzig klein und ganz unwichtig – und anderes, das wir, befangen und beeindruckt, darüber versäumten, steht nun da mit vorwurfsvollem Blick . . . all das Ungenossene, das Unbekümmerte, Leichtherzige, das doch an unserem Wege stand einmal! Und das Schmerzliche war, daß, bis man zu dieser Einsicht kam, die Jugend dahin war, und das Altern, dieses Todespräludium, begonnen hatte. Ach arme Donna Elvira! Auch sie vergeudete die kurze, kostbare Zeit mit Wiederkäuen unabänderlicher Dinge. Und war denn im Grunde ihr Schicksal so über alles Maß bitter gewesen? Darüber ließ sich noch rechten, was vorzuziehen sei, ein kleines Speilchen nur von einem süßen, wespenbenagten Pfirsich, oder ein ganzer, mehliger Apfel, den uns niemand strittig macht. Sie lachte vor sich hin. Allmählich hatte sich in ihr großes, jeder Emotion durstig geöffnetes Herz eine sonderbare Vorliebe für die arme Elvira eingeschlichen, der sie sich anfangs doch mit kühler Ironie, ja mit Abneigung genähert hatte. Oh, dieses kleine, verschlossene Antlitz, diese gemessene, abweisende Sprache! Aber die blassen Händchen der Witwe konnten plötzlich zucken und in ihre Augen kam – 72 sekundenlang – der flehende Blick eines Wachtelhündchens das ausgeschlossen vor einer Tür kauert. Dann wand etwas Neues, etwas Quälendes seinen Weg durch Donna Annas Herz, und sie erfuhr an sich jene raffinierte Strafe der Nemesis, wenn wir einen Menschen, dem wir unrecht getan, plötzlich entdecken und lieb gewinnen und doch in aller Ewigkeit den Schaden nicht gutmachen können. Ach, unser Zorn ist längst verraucht, und nun foltert der Stachel hilfloser Erkenntnis.

Arme Elvira – mit all ihren hemmenden Bedenken, ihrem Stolz, ihrer Scham vor übler Nachrede, ihrem Nachtragen alter, ranzig gewordener Beleidigungen! Würde sie später einsehen, daß das Zeitverschwendung war? Klatsch? Sie lächelte. Warum sollten die Leute nicht klatschen? Das war nun einmal ihr billiges Vergnügen. Hofmarschälle klatschten über Könige, Bekannte über Bekannte, Bediente über ihre Herrschaft – es war ein Genuß der nichts kostete, und ganz aussichtslos, sich dagegen abzudämmen; Flut und Ebbe war auch dabei – nicht wert, einen Gedanken daran zu verschwenden. O zartes, welkendes Hälschen, dachte sie wieder, kleiner, mühsam lächelnder Mund! Warme Bäder und Ruhe und eine sorgliche Kammerfrau, und viel Sonne, und viel Liebe, das war's, was dir nottat, Elvira!

Die Sänfte hielt, und schwer auf die herbeigeeilten Diener gestützt, ging Donna Anna, leise schnaufend, die Stufen zum Portal hinauf. 73

Als sie dann, die silberne Terrine wie eine Graburne zwischen ihr und ihm, Don Ottavio beim Mittagsmahl gegenüber saß, entwickelte sie, listig vorwärtstastend, ihre Beglückungspläne für die Töchter Don Juans. Es war dies ein spinöses Thema, denn der korrekte Don Ottavio, doppelt korrekt weil er sich nicht ganz sicher fühlte, – denn streng heraldisch gesprochen, gehörte er zum zweiten Mehl, und diese gewisse, selbstsichere Lässigkeit der fine fleur ließ sich nun einmal nicht erlernen – war immer noch säuerlich, wenn seine Gemahlin in ihrer schlampig unbefangenen Art jenen Namen nannte, als sei die Gartenszene unziemlichen Angedenkens ihrem Gedächtnis ganz entglitten.

Heute aber ließ Donna Anna nicht locker. Sie erörterte die traurige finanzielle Lage Donna Elviras mit Ausführlichkeit, sowie die aussichtslose Liebe Donna Ysabels für den jungen de Silveira, dann aber ging sie in der Verstellungskunst so weit, beim schwarzen Kaffee Bewunderung für Don Ottavios Neuerwerbung, eine Goldmünze mit dem Haupt der Pallas Athene, zu heucheln, die sie doch auf den ersten Blick als flagrante Fälschung erkannt hatte – und wußte auch sonst durch klug gewählte Worte über gewisse gemeinnützige Maßnahmen Don Ottavios und dessen zunehmende Popularität in allen Volksschichten, seiner Eitelkeit zu schmeicheln; was, wie sie die Erfahrung gelehrt hatte, ihn jedesmal in die Stimmung eines 74 schnurrenden Paschas versetzte, der sich vor den staunenden Augen der Favoritin nunmehr in seiner ganzen Macht und Großmut offenbaren will. Und so erwirkte sie mit unmerklicher List seine Zusicherung, das Schicksal des jungen de Silveira zu fördern, und auch im Fall ihres Todes diesen edelmütigen Plan nicht fallen zu lassen und überhaupt Donna Elvira in jeder Weise beizustehen. Dies sagte sie in scherzhaftem Ton, denn, mein Gott, wer dachte denn an Sterben? »Aber,« fuhr sie leise gurrend fort, »sollte der Himmel mich einmal abberufen, so könnte ich mir keine liebere Nachfolgerin denken als die schöne, sanfte Donna Sol; ein bißchen jung für meinen edlen Gemahl, werden die Menschen sagen, die nur nach der Oberfläche urteilen, aber ich . . . weiß es besser.« Und sie schlug ihm scherzend mit dem Fächer auf den Arm und trug, innerlich von leichter Übelkeit befallen, in Blick und Lippen einen spitzbübischen Ausdruck zur Schau.

Don Ottavio räusperte sich. Teils geschmeichelt, teils ennuyiert. Denn es war ihm stets unbehaglich, wenn seine Gemahlin scherzte. Sie erinnerte ihn dann, und nicht ganz zu unrecht, an eine tanzende Bärin. Und, einerseits um das Gespräch zu beenden dessen frivole Wendung ihm mißfiel, dann aber auch weil er sich durch Donna Anna als Bittstellerin – sie, die nie um etwas bat – gehoben fühlte, versprach er sein Möglichstes zu tun, und bei seiner Pflichttreue wußte die Gattin, daß 75 versiegelt und verbrieft für ihn nicht bindender gewesen wäre. Auch daß er sein Versprechen bis zum äußersten erfüllen würde, wußte sie. Denn als phantasieloser Mensch nahm er alles buchstäblich, was nicht immer bequem, in diesem Falle aber beruhigend war.

Nachdem das Ehepaar hierauf in bestem Einvernehmen eine Patience oder zwei gelegt hatte, verfügte sich Don Ottavio in sein Arbeitszimmer, wo er von vier bis sechs an einem prunkhaften, bronzebeschlagenen Schreibtisch zu thronen und Bittsteller zu empfangen pflegte, während sich Donna Anna, von mehreren überfütterten Wachtelhündchen umlagert, auf ihrem Divan niederließ, dessen weinroter Kirchendamast ihrem topasfarbenen Haar einen wirksamen Hintergrund bildete. Einen kleinen Taschenspiegel in der Hand, versuchte sie mit Puderquaste, Schwarzstift und Lippenstift, den Unbilden der Zeit zu begegnen, seufzte und schlief ein.

*

Jetzt aber höre ich schon die Schlußkaskade rauschen, die letzte Szene, das letzte Kapitel, den Tod – wie man's nennen will, dem vom Tage der Geburt an der Strohhalm Mensch zuschwimmt. Und es kommen nur noch wenige Bilder, andere muß ich dazu denken, und das Erfundene ist ja wohl nie so gut, wie das Gefundene. 76

Allerhand diplomatische Spinnennetze, von Donna Anna kundig gewoben, an deren Fäden gewichtige Personnagen, herzogliche Ehestifterinnen, Kriegsminister und Kirchenfürsten, ja auch Elviras Seelenberater, der ehrwürdige de Guzman selbst, auf und nieder gleiten, wohlwollend und intrigant. Don Ottavio, der sich in der ihm aufgedrungenen Rolle des Ehestifters und despotischen Wohltäters zuerst unbehaglich, dann aber angenehm gehoben fühlt; vier aufgeregte, beseligte Sennoritas, die ihre Zweitälteste nun mit allem, was sie gemeinsam besitzen, aufputzen; Konferenzen in Aranjuez, zwischen Vogelbauern und Blumentöpfen, Consolacion wie eine alte Zigeunermutter inmitten, die allerhand volkstümliche Illustrationen von Liebesglut und Eheglück zum Besten gibt. Oben aber, einsam und kämpfend, Donna Elvira, die von hochgeborenen Freundinnen bestürmt und von geschäftigen Priestern, ja vom hochwürdigen Erzbischof in Person beraten und ermahnt, das Glück ihrer Tochter nicht ausschlagen möchte, jene schöne, weiße, etwas große Hand aber dahinter errät, die all die Fäden hält und unmerklich ordnet, der sie nun Dank schulden wird und die sie dennoch – dennoch – haßt.

Jene Hand ist aber müde, ist auch etwas geschwollen, so daß sie schmucklos, ihrer eng gewordenen Ringe bar, das Fell der guten Concepcion streichelt, die, von ihren Kindern aufs äußerste drangsaliert, sich auf Donna Annas Liegestatt 77 flüchtet. Heute abend findet das Fest zu Ehren des Brautpaares, Donna Ysabel und Don Alfonso de Silveira, statt; der Kontrakt ist am Nachmittag gelesen und gezeichnet worden, auch Don Ottavio hat ihn gezeichnet, der in wenigen Tagen Brautführer sein wird, da der in Gott ruhende Vater der Braut – Donna Anna lächelt – eben aus diesem Grunde es nicht vermag. Sie muß ein Stündchen liegen und Kräfte sammeln, denn jene plötzliche Schwäche die sie übermannt, mit bläulichen Lippen nach Atem ringend, kommt immer häufiger bei der geringsten Anstrengung.

Am Abend aber empfängt sie, ganz gütige, froherregte Gastgeberin. In fließenden Gewändern aus goldgrünem Damast, wie die Farbe der Sonne in jungem Frühlingswald. Dazu ihr topasfarbenes Gelock, von golddurchwirktem Turban mit zartem Reiherbusch gekrönt, und ihre märchenhaften Perlenschnüre . . . o Fee Miranda, die du den tanzenden Quell, den singenden Baum, den redenden Vogel verschenken kannst! . . .

Donna Elvira in dunkelbraunem, goldgesticktem Samt, diesmal von ersten Kleiderkünstlern gefertigt, wird aufs äußerste geehrt. Der Erzbischof sitzt neben ihr, der alte Valdivieso steht vor ihr, einen Sorbetbecher in den gelben Händen, und spricht von ihrem ersten Auftreten am Hofe und erzählt, Seine katholische Majestät habe noch neulich gesagt, sie sei der Typus der echten, untadeligen Edelfrau. Alle jungen Damen lassen sich ihr 78 vorstellen und küssen ihre Hand. Ein leises Rot steigt in ihre Wangen; sie lächelt schüchtern, kostbar, sieht mädchenhaft aus, trotz ihrem strenggeschnittenen Kleide mit der kleinen Halskrause, auf der ihr schmales Kinn ruht. Donna Ysabel und ihr Verlobter, ihre Schwestern und ihre Freundinnen, Teresa Fuentes und Antonia Valdivieso, sowie einige Caballeros sitzen zusammen bei Eis und Limonade. Es wird geflüstert und gelacht. Juanita und die kleine Guadelupe haben heute lange, weiße Handschuhe angezogen und versuchen, sich recht lässig zu fächeln, als sei das alles gar nichts.

Musik ertönt aus dem Garten. Leise erst, man hört dazwischen die Fontänen rauschen. Man eilt auf die Altane und an die hohen, bis zur Erde reichenden Fenster; die Töne werden stärker – ländliche Weisen, bei denen verkleidete Gäste fröhliche Bauerntänze aufführen. In den Alleen schaukeln Lampions wie Riesenpomeranzen an den Bäumen. Man klatscht, man lacht, die Tänzer verneigen sich, nun kommen sie die Treppe herauf in ihren Kostümen und mischen sich unter die anderen Gäste.

Das Feuerwerk hat begonnen; schlanke, goldene Jungfrauen steigen die Raketen zum Nachthimmel auf, senken müde das Haupt und zerstieben im Augenblick ihrer größten Schönheit. »Wie schön,« sagt Donna Anna, und eigentlich meint sie, »wie beneidenswert!« 79

Nun leuchten bengalische Lichter auf dem Rasen. Silhouetten kommen aus dem Gebüsch, Harlekin und Kolombine, und wie sie alle heißen, treten einen Augenblick ans Licht, machen ein paar Sprünge, ein paar Gebärden und verschwinden im Dunkel der anderen Seite. Donna Anna steht an einem der hohen, schmalen Fenster; sie hat die Arme um Juanita und die kleine Guadelupe gelegt, die sie einfassen wie zärtliche Wappentiere – Antilopen vielleicht. Sie fühlt mehr als sie's weiß, daß Donna Elvira neben ihr, etwas hinter ihr, steht. Da wendet sie das Haupt zurück, zu ihr, der Mutter dieser lieben Geschöpfe, die sie immerzu streicheln möchte, wie junge, liebebedürftige Tiere. »Gnädige Frau,« sagt sie leise, sie sucht nach den Worten, denn dies ist unsicherer Boden und man muß behutsam schreiten, »wie bin ich glücklich, daß diese schöne Feier unter meinem Dache stattfindet. Eine Grundsteinlegung, hoffe ich, zu einem Hause der Liebe und der Fröhlichkeit.« – »Wir wollen es Gott anheimgeben. Sennora,« antwortet Donna Elvira gepreßt. »Manche Ehe, die mit Lachen begann, endete in Tränen . . .«

»Dieser Garten, Sennora,« fährt Donna Anna fort – sie spricht rasch, um ihr flatterndes Herz zu meistern –, »bringt mir die Erinnerung an einen anderen Garten zurück, wo wir einst schwarz verhüllt tanzten, das Herz verfinstert von Gram und Rachegefühl. Sennora, die Zeit spült so 80 manchen Kiesel glatt. Trauer, ja und auch Reue sind oft noch Gast in meinem Herzen, aber von Zorn, von Rache weiß ich nichts mehr. Ich habe jedermann verziehen, wie ich hoffe, daß jedermann, der mir ins Herz blicken könnte, mir verzeihen würde. Und sehen Sie, Sennora, die kleinen Tänzer, die dort aus dem Dunkel ins Licht der griechischen Feuer treten – einen Augenblick nur, um gleich auf der anderen Seite verschlungen zu werden von der Finsternis . . . sie sind mir eine Mahnung. Denn auch wir wissen nicht, woher noch wohin; Geheimnis hinter uns, Geheimnis vor uns, nur dieser eine kleine Augenblick ist unser . . . um zu strahlen . . . vielleicht um zu wärmen . . .« Sie fühlt ihre Augen sich trüben, sie lächelt mühsam dorthin, wo Donna Elvira steht, dann beugt sie sich seitwärts nieder und küßt Juanitas junge, ahnungsvolle Stirn.

»Gewiß, gnädige Frau,« sagt Donna Elvira klanglos, »auch unsere heilige Kirche lehrt uns den Tag zu nützen, ehe die Nacht kommt da keiner mehr wirken mag.«

Donna Anna ist zumute, als poche sie an einem verwunschenen Tor. Wer sagt ihr das Zauberwort es zu entriegeln? Und beinah entschlüpfen ihr ihre Gedanken: »Liebe Donna Elvira, sollen wir uns denn wirklich unser bißchen Leben vergällen zu Ehren Ihres hochseligen Gemahls, der ja, gewiß, ich hab' es erfahren, Frauenherzen zu bezwingen verstand wie kein anderer – im 81 Grunde aber – o seien Sie mir nicht böse – dennoch . . . dennoch . . . ein klein wenig kitschig war!« Aber so etwas spricht man nicht aus, es wäre wohl auch das letzte, um eine tiefgekränkte Gattin zu versöhnen. Donna Anna sinnt und sinnt, ihr Blick ist hilflos, fast verzweifelt: »Ach, Sennora,« beginnt sie, das bengalische Licht glüht wie eine himmlische Feuersbrunst in ihrem Antlitz und verbirgt ihre bläulich werdenden Lippen, »Sie reden von der Kirche, aber ich . . . meinte die Liebe.« In diesem Augenblick bringt sie Donna Elvira ihr Herz dar. Sie wartet – wartet so sehnsüchtig, daß ihr ein Zeichen werde von Verzeihen und Verstehen. Und auf einmal . . . geistert da nicht ein Lächeln, zuckt nicht das tiefe, seltene Grübchen in Donna Elviras Wange, öffnet sich nicht ihr Mund zu einem schwesterlichen Wort?

Aber was jene erwidert, hört Donna Anna nicht mehr, denn sie stößt einen komischen kleinen Schrei aus und sinkt zusammen . . .

Drunten die Musikanten und Feuerwerker verstehen zuerst nicht, was die abwinkenden Hände, die Rufe bedeuten; sie spielen ihre tänzelnden Weisen weiter bis ein paar aufgeregte Lakaien hinuntereilen und ihnen Schweigen gebieten. Da raffen sie die Instrumente zusammen und eilen fort; die Feuer brennen einsam aus, feurig rot und geisterhaft grün, man sieht die Zypressen und Lorbeerwände deutlich wie am hellen Tag; 82 dann werden sie schwächer und schwächer und erlöschen. Bäume und Gebüsch sind wieder zu schwarzen Klumpen geworden, dazwischen liegt der Rasen im Sternenlicht; fahl, zertreten, von ausgebrannten Raketenhülsen besät. Aber im Haus, an den Fenstern vorbei, huschen Lichter.

*

Wissend geworden durch jene traurige Einsicht, die die Menschen fast immer – und immer zu spät – an Sterbebetten überkommt, und die man die Zwillingsschwester der Reue nennen möchte, denn sie sehen einander verzweifelt ähnlich –, bewährte sich Donna Elvira als Pflegerin, Freundin und Christin. Donna Anna aber erwachte nicht mehr aus ihrer Ohnmacht. Die goldene Rakete, der sie schwermütig nachgeblickt, wenige Minuten ehe auch sie niedersank, war ihr zum Vorbild geworden.

Don Ottavio fand Trost in der Gesellschaft Donna Elviras, aber auch die sanfte Sol, ihre freundliche Art zuzuhören und ihre Bereitwilligkeit ihm beim Katalogisieren der Münzen zu helfen, ward ihm teuer. Er beschloß, das für ihn wehmütig gewordene Palais der Alcantara zu verlassen und das eigentliche Kastell des Gouverneurs zu beziehen. Natürlich standen die Zungen nicht still, und es wurde allgemein erzählt, Donna Elvira würde übers Jahr dort an seiner Seite 83 einziehen. Der seelenkundige De Guzman aber, der Donna Sols nie erlahmende Geduld und Freundlichkeit sowie die quellenreine Unschuld ihrer Seele kannte, hatte er sie doch getauft und vorbereitet und in der Beichte ihre rührenden Bekenntnisse und Selbstanklagen entgegengenommen, erkannte, daß sie, als Nachfolgerin Donna Annas, eine ganz andere Zuflucht und Wärmespenderin für ihre zwei kaum dem Kindesalter entwachsenen Schwestern sein und zugleich der ganzen Provinz das Beispiel einer sowohl tiefgläubigen, als auch der hohen Stellung ihres Gemahls sich würdig anpassenden Edelfrau geben würde. Und schließlich – als Mann mußte er auch den armen Ottavio berücksichtigen. Sollte dieser, nachdem er jahrelang das Zusammenleben mit einer künstlerisch veranlagten Gemahlin, einer liebenswürdigen Phantastin aber keineswegs wünschenswerten Ehefrau ertragen, nun an eine so verschlossene, so spinöse Natur wie Donna Elvira geraten, sozusagen einen Igel zum Tag- und Nachtgefährten erhalten?

So ließ der Seelenkenner seine Fäden von unsichtbaren Weberschiffchen hin und her spannen, und nach aller Voraussicht würde binnen Jahresfrist die sanfte Donna Sol auf dem Kastell des Gouverneurs einziehen, wo auch schon die Münzensammlung untergebracht war, für die sie so lobenswertes Interesse äußerte. Auch die Zofe Carmencita nebst den alternden Wachtelhündchen 84 Donna Annas erwarteten dort die neue Herrin. Nur die Katze Concepcion hatte sich vom Palast der Alcantara nicht trennen lassen, dessen gebüschige Gärten der Schauplatz ihres unzüchtigen Wandels gewesen; sie blieb und führte dort ein freies, ja verwildertes Dasein.

Indessen hätte sich der Ehrwürdige De Guzman über einen möglichen Ehebund des verwitweten Gouverneurs mit der verwitweten Elvira keine Gedanken zu machen brauchen. Diese war nunmehr entschlossen, einem Orden beizutreten. Zunächst wollte sie sich nach Maria Nieves zurückziehen. Aber nur auf kurze Zeit. Ihre Seele dürstete nach strengerer Observanz, nach Fasten und Geißelung. Irgend etwas nagte an ihr. Sie konnte jenen letzten Blick, jenes bittende Lächeln der einst so gehaßten Rivalin nicht vergessen. Immer war sie sich als Opfer vorgekommen, ja dies Bewußtsein war ihr teuer gewesen und sie hatte es an sich gepreßt wie die Nonne das Zilizium. Aber nun, da sie alles ohne Zorn, ohne Leidenschaft bedachte, meinte sie zu erkennen, daß auch Donna Annas Anteil am Festmahl des Lebens ein karger gewesen, und: daß die, wenn auch nur flüchtige Neigung eines Heißgeliebten doch wohl schwerer wiegt als die Treue eines ganzen Lebens, wenn der Träger desselben uns kalt läßt. Und sie erkannte, daß es vorschnell sei, andere um ihr vermeintliches Glück zu beneiden. 85

Heiß und rein von allen Nebengefühlen, rein jeder Selbstanklage und darum ohne Bitterkeit, aber untröstlich und unstillbar wie der Jammer eines jungen Tieres das man der Mutter beraubt hat, war der Schmerz, das Weinen Juanitas. Ysabel ließ sich von ihrem jungen Gatten die Tränen wegküssen, Donna Sol fand Trost in Gottes Ratschluß, Guadelupe wurde von der alten Consolacion in Vergessenheit geschwatzt und gehätschelt. Sie ging herum und suchte. Spürte die Verlorene an allen Orten, wo sie sie je gesehen, am Tor des Palazzo, wo sie der Sänfte entstieg, von Bettlern bestürmt, für die sie Gaben und gute Worte hatte, in den öffentlichen Anlagen wo sie langsam, etwas schleppend am Flußufer zu wandeln liebte . . . o und in der dunklen, kerzendurchglühten Kirche zum Dornenkranz, wo nun ihr wappengeschmückter Betstuhl leer blieb! Manchmal übermannte es das junge Geschöpf, und in der Keuschheit ersten Leids lief sie in eins der unbenutzten Prunkgemächer, wickelte sich in einen zerschlissenen Fenstervorhang, der nach Staub roch, und an den Boden gekauert, wo all die toten Wespen lagen, weinte sie mit hohen, überschlagenden Jammertönen, wie ein Hündchen am Wege sitzt und jault, das die Fuhrleute vom Karren verloren haben.

Ach, arme Juanita! Sie war die ihrem Vater Ähnlichste. Von erschreckender Eindrucksfähigkeit. Doch ihm war der Schmerz um Verlorenes 86 niemals so tief gegangen- Bei ihr aber war das Wachs noch neu und zart, und die Erfahrung grub sich ein mit scharfer, unbarmherziger Prägung.

*

»Und nun,« sagte Hilaria, »bin ich am Ende, wirklich ganz am Ende dieser höchst konfusen Geschichte, in welcher Mozart und Doré, Goya und Winterhalter übereinander geraten sind wie die geologischen Schichten einer Baumtorte. Doch noch einmal frage ich, wer kann seinen Träumen kommandieren? Aber nun ist Donna Elvira, für die ich trotz alledem eine kleine Vorliebe hatte, zur Ruhe gekommen; und Donna Anna auch. Jede auf ihre Weise. Ja, und Don Juans kleine Mädchen . . . ich kann wirklich nichts mehr für sie tun. Und nun muß ich schlafen gehen, denn morgen früh ist unten Markt, schon um sechs Uhr fängt's an zu summen wie ein Bienenkorb. Da will ich einmal wieder so recht ertrinken in Maiblumen und Goldlack und Flieder und Gott danken, daß er mir eine Nase gab, denn ihr verdank' ich doch die besten Genüsse dieser Welt.«

 


 


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