Irene Forbes-Mosse
Berberitzchen und Andere
Irene Forbes-Mosse

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Liselotte

An Lillsmoer

 

Sie hatte oft und lange vor sich hingeträumt und sich ausgemalt, was nun wohl das Schönste wäre, das einem widerfahren könnte, was sie erwählen würde, wenn das Schicksal, ein geheimnisvoller Kaufmann, sie in sein Schatzgewölbe führte und zu ihr spräche: »Nun wähle, was du willst, aber vergiß das Beste nicht.« Und sie wußte ja, im Märchen, der arme einfältige Sohn, er, der von allen ausgelacht wurde und doch die höchste Weisheit besaß, er wählte die ewige Seligkeit . . . Aber das würde sie nicht wählen, sondern »Treue dem Unglück«, das sollte ihr Los sein; mit dem ersten unbeirrten Griff würde sie das herausgreifen, die matte, edle Perle zwischen all dem glitzernden Gestein . . . Treue dem Unglück, ja, irgendeinem Menschen folgen bis zuletzt und darüber hinaus.

Sie fand es grausam von der englischen Regierung, daß sie den Witwen verbot, auf myrrhengetränktem Holzstoß dem Gatten ins Jenseits zu folgen, und lange bewahrte sie das Gedicht vom Gott und der Bajadere im Sinn, wie ein Fläschchen seltenen Rosenöls, an dem sie heimlich, in stillem, seligem Verständnis roch. Die schönsten Liebesgeschichten, in denen diese Saite nicht erklang, ließen sie kühl, 164 und schwesterlicher als alle schillernden Melusinen war ihr die biblische Ruth, die still wartend zu Boas' Füßen lag, dem steinernen Windspiel gleich auf dem Denkmal des Ahnherrn.

Das Leben war wie Wandern zwischen den Hecken im Irrgarten. Man konnte recht gründlich phantasieren. Oft war's, als hörte man Stimmen, fernhallende Hufe im Wald . . . Man sah den blauen Himmel über sich, aber es war kein Ausblick: man mußte die große, glühende Sommerwelt draußen auf Treu und Glauben nehmen. Bisweilen kam ein Schmetterling und zitterte auf dem heißen Kies, und Reseda und Levkojen wehten aus den nahen Armeleutsgärtchen herüber, wie bescheidene Nachbarskinder durchs Gitter grüßen. Aber bei jeder Wendung des Weges war's ein Atemholen, als müßte man sich auf etwas sehr Schönes vorbereiten: irgendein Ritter Georg, der da aus der Hecke hervortreten würde, den sie sich gramvoll, mit vielen Narben und unendlicher Geduld im Blick vorstellte, als habe ihm der Unverstand der Welt schlimmer zugesetzt als Dorngestrüpp und Drachenzahn. Oder es war ein verfolgter Nihilist – sie hatte eben die Memoiren Krapotkins gelesen, heimlich, auf dem Heuboden 165 – den sie in die Verbannung begleitete, wo sie ihm in tiefster Armut (denn o, sie waren ja so schrecklich arm!) mit ihrer Hände Fleiß ein anmutiges Heim erschuf. Wie sie es sich ausmalte! Da waren Primeltöpfe auf den Fensterbrettern und an den Wänden tannene Regale (wie im Inspektorzimmer, man scheuerte sie mit Sand und Seife), auf denen lauter verfemte Bücher beisammen standen, Edelmut und Empörung ausstrahlend. Und sie kochte wunderbare, unbestimmte Gerichte, so was man in Märchen mit »Beeren und Wurzeln« bezeichnet, »Er« las ihr vor an langen Winterabenden, und sie saß ihm zu Füßen und flickte seinen Winterpaletot, der schon ganz vertragen war. Oder aber sie wurde gefangen und sollte sein Versteck angeben, sie wurde gefoltert und blieb standhaft, und dann mußte sie an seiner Statt in die Bergwerke, aber sie wußte, er war frei!

Bei Napoleon harrte sie aus in St. Helena, wie alle ihn verließen, und an Heines Schmerzenslager saß sie, wie die Mouche, von der sie freilich damals nichts wußte, dieser letzte Abendfalter, der um das sterbende Licht tanzte, daß es noch einmal aufknisterte, eh' es zerstob.

Aber es war doch immer das nämliche Motiv, 166 das durch all ihre Abenteuer tönte, Liebe dem Einen, der verlassen war, aber besser und stärker sein sollte als sie: wie die Hingabe eines feinfühlenden Hundes, der beim leisesten Klang der einen Stimme erzittert, die ihn beglückt und beherrscht.

Trotz aller Ausflüge ihrer Einbildungskraft in die alte und neue Heldengeschichte aber, war sie doch im Leben, was man so ein liebes gutes Tierchen nennt, und vergaß das Gewöhnliche nicht über dem Außergewöhnlichen, wie jenes Fräulein, das vor lauter Agitation für den Tierschutzverein das eigne Kanarienvögelchen verhungern ließ: nein, ihr Herz hatte Platz für Nahe und Ferne, für Zweifüßler und Vierfüßler, ohne Unterschied der Konfession, wie es in Tante Züstrows Aufruf zur Kleinkinderbewahranstalt hieß. Wie das Mädchen im Märchen von den Sterntalern hätte auch sie gern ihr Hemdchen weggeschenkt und nie gedacht, sich dessen zu schämen oder zu rühmen.

Sie besann sich auch nicht lange, ihr Jawort zu geben, als Herr von Freymann kam und um sie warb. »Der arme Freymann,« sagte Papa und hatte damit Liselottens Opfermut, der wie ein Jagdhund auch im Schlaf die Ohren spitzte, sofort geweckt – »er ist nicht mehr jung, etwas schwerhörig, hat sich stets 167 alles versagt, den Geschwistern zuliebe; na, und die alte Freimann, Gott hab sie selig, war eine schwierige Dame. Im übrigen, mein Kind, von Beeinflussung darf hier nicht die Rede sein. Aber er ist ein Ehrenmann; freilich, der Adel ist neu . . .« setzte Papa, der selbst auf eine lange Reihe aristokratischer Adlernasen zurückblickte, etwas leutselig hinzu.

Die Brautzeit war ja nun ganz anders, als Liselotte gedacht hatte. Es wurde alles so schrecklich gründlich besprochen; Tanten und Cousinen aller Grade, die wie vergessene Winterkleider aus Mottenkisten aufzuerstehen schienen, kamen angereist, oder schrieben lange Briefe mit lila Tinte, tausend Fragen, dreifach über Kreuz wie zur Zeit unerschwinglichen Briefportos. Das wollte alles beantwortet sein. Aber auch sonst. Es kam die Schneiderin aus der Kreisstadt, Fräulein Rehmagen, die alle Nadeln, die sie sich nicht wie ein verzückter Derwisch in den prallen Busen spießte, beim Anprobieren im Munde hielt und nur durch unartikulierte Töne auf Bemerkungen antwortete. Und dann »der junge Mann aus Bielefeld«, der wie das Mädchen aus der Fremde ein glücklich liebend Paar auf Meilen witterte und mit Wäschekatalogen bombardierte. Das Aussuchen der 168 Tischtücher war besonders weihevoll; denn die waren ja »fürs ganze Leben«, gerade wie die Ehe selbst. Die Proben wurden gegens Licht gehalten und der Faden geprüft, und man sprach erschöpfend über »Sternchenmuster« und »das mit der Farnkrautbordüre«.

Tante Züstrow, deren Leben seit langer Zeit im ruhigsten Ticktack ging (die beiden Höhepunkte der Pendelschwingung wurden mit dem Missionsfest im Sommer und dem winterlichen Schweineschlachten erreicht), befand sich in einem Zustand leise gackernder Aufregung. Daunen kontra Roßhaar, Leinen kontra Baumwolle wurde mit entsetzlicher Dipplichkeit erörtert; dazwischen aber immer wieder, wie ein Wagnersches Leitmotiv, die wahre Weiblichkeit und die Mission der deutschen Frau; man kam nicht zur Besinnung.

Liselottens Mama konnte ihr bei all diesen Riten nicht zur Seite stehen; sie lag schon lang unter den Hortensienbüschen in dem kleinen umgitterten Begräbnisplatz im Schloßpark. Es existierte kein Bild von ihr, nur eine blasse, vergrößerte Photographie hing, mit einer Kreppschleife verziert, über Papas Ripssofa, unter dem Zwölfendergeweih und dem 169 Bild vom alten Fritz. Es war eine Aufnahme aus ihrer Brautzeit gewesen: sie hatte ein dunkles, geblümtes Kleid an mit vielen kleinen Falbeln; das Haar war künstlich geflochten und aufgetürmt, und ein paar steife Locken hingen über die Schultern; das hatte etwas Gipsernes, was nicht zu dem weichen Gesicht mit vielen kleinen Schatten und Mulden paßte; dem Blick konnte Liselotte, auch wenn sie ganz dicht davor auf dem Sofa kniete, nicht begegnen; er war auf eine Alabasterschale voll künstlicher Früchte gesenkt. Mamas Jugend war in die Zeit der Perlstickereien, der geschweiften Mahagonimöbel und klimpernden Kristallkronen gefallen, die nun auch schon anfängt halbrührend herüberzuwinken. Die Tochter konnte sich bei dem Bilde, das ihr nicht entgegensah, wenig denken: es war wie eine Verkleidung. Und auch Tante Züstrow wußte von der verstorbenen Schwägerin nicht viel zu erzählen; sie gehörte zu den Menschen, die ohne Beobachtung, ohne rechtes Mitgefühl, jahrelang mit einem andern freundschaftlich zusammenleben können, und doch am Ende keinen einzigen sprechenden Zug von ihm bewahrt haben; es ist wie ein Mangel an Ortssinn. Hier und da aber, von Freunden oder von den alten Leuten auf dem 170 Hof hörte das Mädchen kleine Züge aus dem Leben der Mutter: wie sie gut mit den Alten gewesen, wie sie die Tafeln mit den Medaillen der Gefallenen in der Kirche mit Blumen bekränzt und dem alten Pastor ein duftendes Sträußchen auf die Kanzel gelegt hätte; wie sie mit den melkenden Mägden zweistimmig gesungen abends im schummrigen Stall, und daß sie einen alten, verkommenen Landstreicher wochenlang vor Papa, der doch Amtsvorsteher war, in einer Scheune verborgen gehalten und ihm heimlich unter ihrem großen Umschlagetuch Essen zugeschmuggelt hatte. Ebenso hatte alles vierbeinige Vagabundentum ihre Sympathie. Auf den breiten, gelbfleckigen Steinfliesen vor dem Herrenhaus lagen damals immer allerhand aufgelesene Hunde und Katzen blinkernd in der Sonne. Einer sehr jungen, undogmatischen heiligen Elisabeth war sie ähnlich, und ein Tropfen Künstlerbluts, fröhlichen, süddeutschen Winzerbluts, war auch in ihr gewesen und hatte sie den leicht entwurzelten Wesen zugesellt, die der Kummer vernichtet, ob sie auch nie der Sorge die Herrschaft einräumen, weil sie nun einmal meinen, »que les roses sont plus utiles que les choux«. Das äußerte sich in allerhand gutmütigen kleinen 171 Pierrotstreichen, dem Schicksal und den Menschen gegenüber, auch in weichem Nachgeben und sich doch nie für besiegt halten. Aber lange hatte es nicht gewährt, und als sie starb, war's leicht und sozusagen zierlich geschehn, wie sich eine Blume loslöst, vermutlich »weil die Zeit erfüllet war«.

Aber wenn Liselotte zufällig dies und das über sie erfuhr, war's ihr jedesmal, als sähe sie plötzlich, am Ende einer langen Zimmerflucht, ihre eigenen Augen, ihren eigenen tiefroten Mund, aus trübem Spiegelglas ihr entgegenlächeln.

Herr von Freymann ertrug die für einen älteren Mann etwas schwierige Verlobungszeit mit Fassung, ja nicht ohne Grazie. Er fand wohl im stillen manches auszusetzen, wollte aber doch nicht ins Erzieherische verfallen. Und da er, von seinen dienstlichen Arbeiten her, dank den schönen Hilfswörtchen »indessen«, »verhältnismäßig«, »zugegeben, daß« und ähnlichen Notbrückchen zwischen der innersten Meinung und dem allenfalls Erreichbaren ganz leidlich zu voltigieren verstand, so rettete er während des fünfwöchigen Noviziats seine Würde, ohne doch seine Liebenswürdigkeit aufzugeben.

Liselotte, die kleine verträumte Ameise, hatte schon 172 zu lange an dem Mosaikbilde ihres Helden gearbeitet, als daß sie bereit gewesen wäre, seinen Umriß zu verändern. Und sie meinte auch, gerade jetzt manch Goldkorn, manch Glimmerschieferchen zu finden, das in die eine oder andere Fuge paßte. War der Verlobte abwesend, so kamen allerhand Gestalten geschritten, der Ritter Georg und Lord Nelson, als er die berühmte Parole ausgab, aber auch Napoleon, verlassen auf Sankt Helena, und der père Damien, der den Aussätzigen den Wein und das Brot seines Erbarmens schenkte, ach und noch so viele andere, die Mut und Leid und Güte auf hohe Gipfel geführt . . . und sie verglich, und änderte, hier eine kleine Linie, dort einen weicheren Schatten, ein schärferes Licht hinzufügend, bis das Bild komplizierter und verschwommener wurde. Dann aber, ihrer Umgebung, der wogenden Felder gewahr werdend, fuhr's ihr wie ein feiner Schauer über die Brust und in die Fingerspitzen, und nun sah sie nur noch Boas, wie er durchs hohe Korn schritt und ihr einen Blick zuwarf, vor dem sie sich selbst wie eine reife Ähre neigte. Wenn er dann aber wirklich kam, freundlich und aufmerksam, mit dem bescheidenen Blick eines Schwerhörigen, der die andern nicht gern bemüht, mit der 173 nachlässigen Eleganz seiner gutsitzenden, etwas abgetragenen Röcke, den schöngeformten, gebräunten Händen, die so gut Bescheid wußten mit Sattelzeug und Waffen – dann war er ihr doch wieder fremd, wenn auch auf eine angenehm aufregende Weise, und sie raffte, vor sich selbst errötend, ihre Phantasien wie Spielzeug zusammen und stopfte sie alle in ein tiefes Schub, als ob sie rasch Ordnung machte für fremden Besuch. – Ihre Brüder schwärmten für Freymanns Jagd und Hunde und Gewehrstube; sie meinten, der Schwager sei ein famoser Kerl und »riesig ulkig«. Da sie aber auch von riesig ulkigen Grabsteinen sprechen konnten und einen anomalen Schafsmagen, der, in Spiritus konserviert, das Bureau des Inspektors zierte, mit demselben Ausdruck belehnten, so hatte das brüderliche Lob für die heimlichen Luftgebilde des Bräutchens nicht viel Wert.

Eigentlich kamen sie sich, während die Ouvertüre spielte, nicht viel näher. Sie traute sich nicht recht mit ihren Ideen heraus, er schien so erstaunt über dies und jenes, was sie vorbrachte, und hatte dann solch begütigende Art, die sie ein bißchen an Wellmann, den alten Diener, erinnerte, wenn jemand einen Rotweinfleck auf das Tischtuch machte. Sie hatte ja 174 – es war schwer zu sagen woher – die Angewohnheit, auch den ältesten, zum eisernen Bestand gehörigen Grundsätzen kleine, lauernde Püffe zu versetzen, als seien es Schneemänner, die man auf ihre Festigkeit prüfen müßte, mit der stillen Überzeugung, daß sie doch schließlich mal zu Wasser würden. Aber nun war ihr zumute, als hielte ihr jemand fortwährend die Ellbogen fest, und sie fühlte, wie sie dasselbe schuldige, aber begütigende Gesicht machte wie der junge Teckel, wenn er, an einem verschleppten Pantoffel nagend, unter dem Sofa hervorgezogen wurde. Dann kam sie sich feige vor, und nun sagte sie etwas viel Ärgeres, so ganz was Dummes, das sie eigentlich gar nicht meinte. Herrn von Freymann waren diese Raketenkugeln seiner künftigen Gattin, im Tete-a-tete, ganz amüsant, und er begriff ja, daß Tante Züstrow und die Mission der deutschen Frau, und Papa mit seinen Anekdoten aus dem Kriege 1866 und seinem ewigen Inspektorsärger für Krapotkin und Genossen eine günstige Folie bildeten.

Aber trotz seiner liebenswürdigen Art, ihre kleinen Ausbrüche hinzunehmen, durchzuckte es sie wohl manches Mal, daß da eine feindliche Säure sei, von der ein Tropfen genügen könnte, ihre schönsten 175 Phantasiekristalle aufzulösen; als sei es in ihr nur das Anmutige, Mädchenhafte, und daß sie in Schein und Wirklichkeit unberührt war, eine noch herbe, edle Spalierfrucht, das Zufällige also, was ihn anzog, nicht die heiße Quelle ihres Wesens, das was der Gott in der Bajadere ahnte und erlöste . . .

Und doch versuchte sie manches Mal, ihm diese oder jene kleine Laune zu opfern; ihr Herz war ja wie eine reine, erwärmte Wachstafel, die nur begehrte sein Siegel zu tragen und zurückzustrahlen in Treue, denn er war ja Er, sie wußte es gewiß: er war so, wie sie ihn liebte . . . Weil sie ihn liebte? Vielleicht; aber so genau dachte sie ihre Gedanken nicht aus; wer gerne anbetet, findet überall die nötigen Götter; es gibt ja auch Leute, die den Drang haben, überall Aussichtspunkte anzulegen, und es gelingt ihnen fast immer.

Herr von Freymann legte dieser Zeit der Ouvertüre nicht allzu viel Bedeutung bei. Ihm schien es, als ob alles ganz korrekt vor sich ginge, nach dem altbewährten Schema vom jungen, unerfahrenen Mädchen, das mutwillig, aber vertrauensvoll zu dem führenden und verantwortlichen Mann emporblickt; dem alles Unangenehme, Unschöne ferngehalten 176 wird; dessen Pflichten anmutig sind und für dessen Bildung die sorgfältig gejäteten Klassiker und einige modernere, belletristische Werke mit optimistischem Einschlag genügen. Die Wirklichkeiten kommen dann später, mehr oder minder sturzbadmäßig, die Wogen glätten sich aber, und das Leben richtet sich ganz behaglich, nachmittagssonnenmäßig ein. Vor allen Dingen sei der Mann »ritterlich«; ja aber noch mehr: – Herr von Freymann hielt, im Gegensatz zu Papa, eine maßvolle Frauenemanzipation für berechtigt – die Frau kann ihm, durch verständnisvolles Eingehen auf seine Ziele und Zwecke, eine Gefährtin, ja, ein guter Kamerad werden. Ihm schwebten allerhand Verbesserungen auf seinem Gutshof vor, Arbeiterwohnungen mit freundlichen Gardinen und eingerahmten Kunstwartbeilagen an den Wänden . . . Liselotte sollte sehen, daß man, auch ohne Anhänger Krapotkins zu sein, sozial wirken konnte.

Sie aber war nicht geschaffen, an ihrem unbewußten, leidenschaftlichen Verlangen nach Hingabe Kritik zu üben. Hie und da ein Gefühl des Fremdseins, wie eine vorüberziehende Wolke ihren Schatten wirft über einen grünen Haferschlag; das war alles. Es war Sommerszeit, und jedermann so gut 177 und freundlich mit ihr; nicht der Augenblick, um zu grübeln und auf Undeutlichkeiten zu achten. Sie ließ sich gern zerstreuen, es gehörten keine schwarzen Künste dazu; ihr eignes, leichtes, rotes Blut war der alleinige Hexenmeister.

So kam der große Tag heran, und sie ertrugen schüchtern, aber freundwillig all die Sitten und Unsitten, mit denen menschliche Hochzeiten belastet sind, und von denen die Tierlein des Waldes und die Lilien im Felde nichts wissen.

Als der alte, zur Feier des Tages neubezogene Landauer vorfuhr, dessen Spritzleder wie eine Aalhaut glänzte und leider auch ähnlich roch, da war es Liselotte trotz mancher kleiner prosaischer Mißtöne doch zumute, als führe sie nun in den großen Zauberwald, von dem sie, seit sie denken konnte, so merkwürdig oft träumte; und als sollte sie ihn nun auch Herrn von Freymann zeigen, der ihr mit seinem liebenswürdigen Lächeln folgen würde, ohne zu sprechen, es sei denn, um sie auf Wurzeln und Steine im Weg aufmerksam zu machen, was ihr auch eigentlich das Liebste war; denn wenn er schwieg, schien er dem Ritter Georg viel ähnlicher. So ein großer sonnendurchfleckter Buchwald war's, an den sie dachte, 178 wo die Stämme rein und schimmernd, ohne sich zu drängen, im Dämmer emporragten; ohne Unterholz, nur seltsame Pilze wuchsen zu ihren Füßen, und glatte Schlängelchen raschelten über den dürren Laubteppich der verstorbenen Jahre; bisweilen auch kroch ein goldbäuchiger Salamander über den Weg ins blühende Moos mit den stäubenden Hütchen an haardünnen Stengeln. Aber dann, am Abhang, wo die jungen Tännlinge ihr erstes harziges Kreuzchen zum Himmel streckten, da fand die Sonne ihr Recht . . . da blühten die hohen Fingerhutstauden in der Glut und öffneten den Hummeln ihre heißen Mäulchen, und gaben ihnen Honig, wo die Apotheker Gift finden. Das Erdbeerlaub rötete sich am Fuß der alten Baumstümpfe, und flammige Wölkchen standen am Himmel und warteten auf das Abendgold . . . und das Zittergras wisperte in der kaum bewegten Luft . . . An diesen Wald dachte sie, in welchem all die netten Märchenleute ihrer Kindheit ganz natürlich schienen, viel natürlicher als Menschen mit Kleidern und Hüten und Sonnenschirmen.

Wenn Herr von Freymann in diesem Augenblick für Allegorien Zeit und Sinn gehabt hätte (er hatte sie aber nicht, denn er kämpfte mit Tanten, 179 Handgepäck und einer leichten Rührung), so würde die Zukunft – der Wirklichkeit gewiß weit mehr entsprechend – ihm eher als eine schattige, gut geharkte Allee erschienen sein, vielleicht mit elektrischer Tram und hie und da einer harmonischen Ruhebank zum Niedersitzen: denn Herr von Freymann hatte es, wie's bei phantasielosen Menschen vorkommt, fertig gebracht, Pflichtgefühl und Egoismus in seiner Lebensführung ziemlich gleichmäßig zu befriedigen; dabei war er nun freilich nie vierspännig gefahren, hatte aber auch nie im Straßengraben gesessen.

Freymanns reisten zunächst nicht weiter als bis zur nächsten größeren Stadt. An der kleinen Bahnstation nahm die neugebackene gnädige Frau zärtlichen Abschied von Schröder, der sie reiten und kutschieren gelehrt, und dem sie oft die Mäuse, welche Mamsell in der Speisekammer gefangen, in den Haferkasten gesetzt hatte, »damit die armen Tiere doch auch einmal wüßten, was Überfluß sei«. Schröder hatte sehr blaue Augen und sehr abstehende Ohren, Papa sagte immer: »Na, wenn die Kracken im Sande steckenbleiben, denn kann ja Schröder segeln« – und er wand sich vor Verlegenheit, als Herr von Freymann seinerseits ein paar gütige Worte hinzusetzte. 180 Dann trat Liselotte zu den bejahrten Rotschimmeln, die im Herbst, stundenlang im Kreise gehend, die Dreschmaschine in Bewegung setzten. Die dornenvollen Glanzmomente ihres Daseins waren, wenn sie die Herrschaft zur Bahn fahren mußten; es wurde dann, auf der Chaussee, ein kleiner, munterer Trab von ihnen erwartet. Liselotte küßte ihre weichen, schnuppernden Nüstern, in denen der warme Atem in silbernen Tröpfchen niedergeschlagen war, und war auf einmal furchtbar deprimiert; es war viel schlimmer, als Papa und Tante Züstrow Lebewohl zu sagen.

»Wie reizend sie ist« – dachte Herr von Freymann, »aber doch noch ein rechtes Kind.« Und das, was ihm bisher besonders reizvoll geschienen, berührte ihn plötzlich etwas peinlich.

Die alte Kersten, die am Eingang der Station ihren kleinen Stand hatte, wo sie staubige Aniskuchen und lauwarmes Himbeerwasser feilbot, kam auf die junge Frau zugehumpelt und überreichte mit Glucksen und Knixen einen Strauß aus Levkojen und Löwenmäulchen. Herr von Freymann holte etwas Geld aus der Tasche. »Ich will wechseln«, sagte er, und kam gleich zurück, ein Zweimarkstück in der Hand, 181 das er der Alten schenkte. Liselotte wurde auf einmal so seltsam kühl zumute. Boas würde ja wohl überhaupt kein Portemonnaie gehabt haben, und der arme Nihilist nur ein leeres, aber doch meinte sie, ihr Ritter Georg, ihr Mosaikritter, würde am Tage des höchsten Glücks in die Tasche gegriffen und gegeben haben, was da war, und wenn es Gold gewesen, ei, desto besser für alle. Ihre Märchenstimmung war dahin, und im Kupee fielen ihr nur noch allerhand komische Vorkommnisse des Tages ein: das wunderbare Oberhemd vom Kandidaten Körnchen, dem Hauslehrer ihrer Brüder, das mit Girlanden von Rosenknospen bestickt war, und Tante Ludmilla, die eine gußeiserne Jardiniere geschenkt hatte und alle Gäste hinführte, das Horreur zu bewundern . . . Onkel und Tante aus Berkow hatten einen Eisschrank gestiftet. »Sie müssen sehr praktisch veranlagt sein«, meinte Herr von Freymann. »O das ist noch gar nichts,« sagte Liselotte, »letzte Weihnachten hat Tante dem Onkel eine Jauchpumpe geschenkt, ordentlich aufgebaut mit Tannenzweigen.« Aber das gestickte Sofakissen von Tante Lottchen, Papas alter Jugendliebe, die ihm als Terzianer bei seinen Schulaufsätzen geholfen, schoß doch den Vogel ab: Auf 182 bläulichem Grund, der das Wellengekräusel eines Teiches darstellte, schwamm in scharfer Profilierung eine dicke, zart abschattierte Gans, mit rotem Schnabel und starrem, gelbem Auge. Und unter dem grünen Schilfkranz war in Silberperlen gestickt:

»Wenn müde Du vom Kiele meiner Schwingen,
Soll dir mein Flaum Ruh' und Erquickung bringen.«

Als sie dann im Hotel zu Abend aßen, beschlich Liselotte immer wieder die Empfindung, als ob sie »Essen« spielte, wie als Kind im Garten mit Pastors Lenchen und Annemarie. Man bot einander Gras und Steinchen an, auf Lindenblättern serviert, und große Gänseblumen stellten Spiegeleier vor, aber natürlich aß man nicht davon. Herr von Freymann sah so fremd aus im schwarzen dinnerjacket, wie verjüngt, aber gar nicht mehr wie Boas. Er war so freundlich, seine angenehme Stimme hatte einen wärmeren Klang und ging ihr durch und durch. Stimme und Hände waren, was sie sich immer zuerst merkte, und ihre Neigungen und Abneigungen wurden stark davon beeinflußt. Aber auf beiden Punkten genügte Herr von Freymann ihren Ansprüchen. Ja, wie sie seinen geschickten Händen zusah, die eben ein Rebhuhn tranchierten, dachte sie beglückt, wie 183 behutsam er neulich einen Feldarbeiter, der sich mit der Sense geschnitten, verbunden hatte; an dem Tage hatte sie sich so seltsam erleichtert gefühlt: ja, er war doch ganz gewiß so, wie sie ihn sich immer gedacht hatte. Wenn er sie nur nicht immer Charlotte nennen wollte; sie mußte an Frau von Stein denken, und an Schillers Gattin, und an so komische Worte wie »trefflich« und »scharmant«. Aber Herr von Freymann hielt darauf; seine verstorbene Mutter hatte auch Charlotte geheißen, und er sah es als ein gutes Omen an, daß seine Gattin denselben Namen trug. Wie aufmerksam er war, und er hatte solch nettes Lachen, wenn er ihr immer wieder die Serviette aufhob, die ihr fortwährend von den Knien glitt. Sie fühlte etwas Dickes in der Kehle, wie Tränen, als hätte sie irgendein Unrecht an ihm gutzumachen. Es war ihr eng zumute, als säße ein fester Reif um ihr Herz, und ihre Seele versuchte sich zu spannen in zitternder, schmerzlicher Septime. Sie würde bitterlich geweint haben, wenn sie jetzt Musik gehört hätte.

Nach dem Abendessen, zu dessen Schluß sich Herr von Freymann etwas sarkastisch über den allerdings fürchterlichen schwarzen Kaffee ausgesprochen hatte, setzten sie sich in das verlassene Lesezimmer und 184 blätterten im neuesten Kladderadatsch und einigen alten Jahrgängen der Fliegenden Blätter. Die Auswahl erinnerte an die Lektüre, mit welcher Zahnärzte ihre harrenden Klienten zu erheitern suchen. Herr von Freymann beugte sich über seine junge Frau, und der feine, unschuldige Duft ihrer Haare stieg zu ihm auf. Plötzlich durchzuckte es ihn, »eigentlich weiß ich doch nichts von ihr und sie nichts von mir«. Sie strich ihm mit dem kleinen Finger über die Hemdbrust und sagte: »Deine Oberhemden sind immer so schön blank«, worauf sie furchtbar rot wurde. Sie fand es auf einmal doch recht unheimlich, mit dem fremden Mann auf dem Samtsofa zu sitzen, hinter dem wallartigen Tisch, und das Herz klopfte ihr unruhig wie ein gefangenes Eichkätzchen. Die Zeitungen knisterten, und durch die schweren, staubigen Vorhänge hörte man das Rollen der Wagen, die vorüberfuhren, in die Nacht hinein, und es waren lauter unbekannte Menschen, die darinsaßen.

Die schwarze Marmoruhr schlug zehn. Herr von Freymann verglich sie mit seiner Taschenuhr: »Wenn du dich zurückziehen willst, Charlotte, ich werde noch ein Weilchen die Zeitung lesen.« 185


Nun stand Liselotte in ihrem langen, weichen Nachtkleid am Fenster und sah hinunter auf den Marktplatz. Ein paar Laternen brannten, und zwischen den beschnittenen Bäumen rauschte ein zopfiger Brunnen: irgendeine Göttin, oder war's eine christliche Tugend, zu deren Füßen die Bauernfrauen an Markttagen ihren Salat wuschen und ihre Blumen besprengten. Ein paar verspätete Soldaten eilten vorbei, und ein kleiner Hund lief heulend über den Platz und klagte die Welt an. Durch die Bäume ging ein Säuseln, und am Himmel flatterten zerrissene Wölkchen: es würde wohl noch regnen in dieser Nacht. Sie faltete die Hände um die Fensterklinke und lehnte sich fest an, als wollte sie sich das Fensterkreuz tief in die Brust drücken. Ihr Haar, das von Natur ganz schlicht war – »Otterköppchen« war Papas Kosenamen für sie –, hatte man ihr zur Feier des Tages künstlich gekräuselt und frisiert; das hing nun in weichen, abstehenden Wellchen um Stirn und Wangen.

Sie dachte nichts Bestimmtes, wie sie so stand, sie fühlte etwas Ähnliches wie im Sinfoniekonzert, letzten Winter, als da – nach zauderndem, wie um Atem ringendem Modulieren der Holzbläser alle 186 Violinen leise einsetzten mit dem zweiten Thema und es ihr wie schauernde Erlösung durch die Glieder fuhr; ja, oder wie sie im letzten Frühling, im ganz jungen Vorfrühling war's, durch den Park ging, wo alles noch kahl war und es nach Erde und toten Blättern roch – aber so verheißungsvoll, ganz anders als im Herbst –, und wie sie plötzlich unter den jungen, dürren Eichen die Tazetten gesehen hatte, die ihre bläulichgrünen Keime so mutig hinaussteckten in die Märzluft. Einmal auch, da hatte sie auf hohem Berg den Sonnenaufgang erwartet: diese Stille, die Nebel im Geklüft, an den Abhängen empor, alles wie wartend, daß ein Zauber gelöst werde. Ein paar fremdartige Vögel, mit Sturmhäubchen auf dem Kopf, flogen zwischen dem Geröll auf und fuhren hinab in den Nebeldampf mit kurzen, schrillen Schreien, die die Stille noch fühlbarer machten. Aber dann, die Thronbesteigung, der rote Sonnenball, so langsam, so unaufhaltsam, wie ein Urteilsspruch – die Tränen waren ihr in die Augen geschossen. Und dort, wie bei der Musik und bei dem Geruch der Frühlingserde war ihr zumute, als gäbe ihre Seele ein Versprechen, das sie nur fühlen, nur ahnen konnte, denn nachzusprechen vermochte sie es nicht. 187 Denn wenn sie's versuchte, kamen nur abgerissene Sätze über ihre Lippen, ähnlich denen, die sie als Kind vor sich hinsprach, wenn sie, in unerklärlichem Einsamkeitsdrang, sich auf dem Kornboden versteckte, wo die braunen Balken in der Dämmerung versanken und nur manchmal ein schräger Sonnenstrahl in einem Spinngeweb aufglühte. Dort hatte sie auf der Erde gesessen, die Hände um die Knie geschlungen, und hinaufgestarrt in den Sonnenstrahl und wie im Traum gedacht . . . gesagt: »Ich will sehr gut sein, ich will niemanden je betrüben.«

Und wenn ihr von heut ab einer dabei hülfe, wie leicht wäre es dann, wie könnte sie je auch nur ungeduldig sein! Es wäre wahrhaftig keine Heldenarbeit, alles so schön und verständlich und leicht, wie die Violinen und der Frühling und der Sonnenaufgang. Dann, wenn das Ende des Lebens käme, stünde man beisammen wie zwei Bäume im Winter, stolz und blätterlos, an denen kein einziges Zweiglein geknickt ist. Das ganze feine Netzwerk der Äste und Ästchen würde sichtbar: das ganze innere Gerüst des Lebens, alle Gedanken, aus denen Taten, aus denen Glück und Schmerz geworden, schmucklos geoffenbart 188 am klaren Himmel, und da sollte nichts sein, dessen man sich zu schämen brauchte . . .

Und dann ging sie und setzte sich auf den Rand des Bettes und sah hinunter auf ihre nackten Füße: die waren weiß und schöngebildet, sie freute sich darüber.

Im Nebenzimmer hörte sie Schritte sich der Türe nähern, da wurde ihr das Herz so seltsam still.

»Jetzt wird er hereinkommen« – dachte sie – »und meine kalten Füße an seine Brust drücken und sagen: du mein geliebtes Kind! . . . und dann« – und ihre Augen wurden ganz groß und hell, wie überlaufende Brunnenschalen – »dann werde ich sagen: laß mich zu Füßen dir schlafen, diese eine, schöne Nacht« . . . Und sie zog die Fußspitzen zurück und starrte in die Luft, und ihre Zähne leuchteten zwischen den sehnsüchtigen Lippen.

 

Ende

 


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