Irene Forbes-Mosse
Berberitzchen und Andere
Irene Forbes-Mosse

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Glück in Dornen

Dem lieben Andenken
von E. C.

Ihr Rosen weiß, Ihr Rosen rot,
Nun habet Dank für Euer Blühen,
Für Euer Zögern, Euern Tod
Nach kurzen Tagen ohne Mühen.

Was Euerm süßen Kelch entquillt,
Habt ihr so leicht dahingegeben,
Nun weht der Abend durch's Gefild,
Ihr sinkt zur Erde ohne Beben;
Ihr habet das Gebot erfüllt
Und scheidet ohne Reu vom Leben.

 

Erstes Kapitel.

In jenen Nächten konnte Britta nicht schlafen. Zuerst war's, weil der Mond so hell auf die Diele schien; sie war aufgestanden und hatte sich in den Lichtstrahl gestellt, so weiß, und ihre Füße so weiß; das Herz klopfte ihr, als sei sie einem Geheimnis auf der Spur. Dann war sie dem Strahl nachgegangen bis ans Fenster und hatte hinausgeschaut, festgebannt, als könnte sie etwas versäumen. Der Rasenplatz fahl, wie verbrannt, im klaren Licht; die Baummassen zu beiden Seiten zusammengedrängt, gedrungener als am Tage, und schräg über die weißschimmernden Pfade scharfe, schwarze Striche: die Schatten der Rosenstämmchen, unter denen gesprenkelte Petunien wucherten. Gradaus über die Wiese ging ihr Blick. Dort ganz am Ende war die Südmauer, wo an verwitterten Spalieren die blauen amerikanischen Trauben reiften, duftbestäubt, unter raschelnden rostroten Blättern.

Und über all die sandigen Wege spannen sich kleine rosenfarbne Winden.

In der Mitte der Wiese war das Rondell, in das die Pfade mündeten. Hier stand Fortuna, mit dem 24 moosgrünen Füllhorn, vorwärtsschreitend, als wolle sie dem Rosengestrüpp entgehn, das mit langen, dornigen Ästen den Sockel umrankte und hinaufgriff zu ihrem nackten Knie. – So lange Zeit schon stand sie hier und lächelte, in Sonnenglut und Mondeskühle, wenn der Novembersturm durch die Alleen fuhr oder im Winter alles still lag unter der weichen Beschwichtigung des Schnees. Als der Großpapa ein kleiner Junge war, mit langem Lockenhaar und offnem Hemdkragen und komischem Spenzerchen, wie auf der Silhouette im Gartensaal, hatte sie schon so gelächelt, mit schlankem, gebogenem Hals, mit zurückflatterndem Kleid, ein bißchen eilig, als ob sie nur auf der Durchreise sei . . . und das Glückssymbol hoch über die Dornen haltend, die immer höher wucherten, sich immer gieriger danach streckten.

Britta hatte sich nach diesem nächtlichen Abenteuer – denn sie empfand es als ein Abenteuer – tüchtig verschlafen. Als sie aufwachte, saß Mucki, wie ein frisch erblühter Krokus, an ihrem Bett. In einem berückenden Flanellanzug, weiße Schuhe an den schmalen Füßen, die in fliederfarbenen Socken steckten, die weiten Hosen aufgekrempelt, so daß man die seinen Knöchel und einen Teil des Beines sah. 25 Schlaksig, aber gute Rasse – zu gut vielleicht. Onkel Grahnstedt, der sich darauf verstand, verglich Mucki im stillen mit den allzu rein gezüchteten englischen Hühnerhunden, wo immer drei von fünfen an der Staupe eingingen, oder doch, wenn sie's überstanden, für den Rest ihres Erdenwallens ein schwaches Kreuz behielten.

Wenn Muckis Gesundheit es zuließ, dann studierte er Jura. Wenn alles normal verlief, würde er sich schließlich zu einem Landrat kristallisieren. Diese Laufbahn war ihm nach demselben Prinzip von den Umständen vorgeschrieben, nach welchem junge Mädchen, die zu keinem besonderen Fach Neigung spüren, Stützen der Hausfrau werden.

Aber nun war Mucki schon seit mehreren Monaten daheim. Er hüstelte und wurde so schrecklich leicht müde, worüber er sich weiter keine Gedanken machte. Aber unangenehm war es, daß seine Hände, an denen sich die Nägel seit einiger Zeit seltsam wölbten, sich oft auf der inneren Fläche feuchtkalt anfühlten. Es war ihm gräßlich; immer hatte er sich bei anderen davor geekelt, und nun mußte es ihm selber so gehn.

In den häufigen und immer länger dauernden Pausen, während deren Mucki nicht studierte, hatte 26 er sich eine intensive Bekanntschaft mit allerhand Propheten einer kühl-ästhetischen Lebensweisheit erworben und eine gewisse losgelöste Art über die Nächststehenden zu urteilen angewöhnt. So sagte er auch jetzt, als die Schwester sich erstaunt die Augen rieb, in seiner unpersönlichsten Kennermanier: »Ich sehe dich gern schlafen, Britta, du hast nicht diese barbarische Art, dich zusammenzurollen und bis an die Nase zuzudecken, die ein Überbleibsel aus der Zeit sein muß, als sich die Menschen in hohle Bäume einwühlten.«

Britta lachte. – »Doch, doch, du kannst es mir glauben,« sagte er nachsichtig – »du gehörst zu den Leuten, die auf dem Bett liegen, nicht im Bett.«

Er trat ans Fenster. »Wie wär's, wenn wir nachher etwas ruderten?« fragte er, »ich habe ein paar Bücher, die könnten wir mitnehmen; feine Sachen . . .«

Britta dehnte ihre harten weißen Arme. Sie würde natürlich rudern, und Mucki würde im Boot liegen und Wasserrosen mit langen, glitschigen, übelriechenden Stielen aus ihrem schlammigen Erdreich ziehn, oder über »Einfühlung« reden, das war ja jetzt so ein Schlagwort; nun ja, also rudern!

»Es ist mir recht,« sagte sie, »ich hatte zwar Mamsell versprochen, ihr mit der Wurst . . .« 27

»Britta rede nicht davon. Wenn du dergleichen tust, ist's schon schrecklich genug. Du kannst aber nicht sagen, daß es meinetwegen geschieht, denn ich esse sie nicht.«

»Na also – ich werde mich eilen, Mucki; nur ein Viertelstündchen – wie auf Pastors Sofakissen geschrieben steht, in Stahlperlen, Mucki – fühlst du dein Blut gerinnen?«

Der Bruder wanderte hinunter in das lange, kühle Eßzimmer, wo es immer etwas säuerlich nach Schwamm roch. Tante Gunda war noch nicht erschienen. Aber auf dem kleinen Harmonium unter dem Pfeilerspiegel lagen Bibel und Gesangbuch. Mucki beeilte sich, mit wieselartiger Geschwindigkeit zwei weiche Eier zu vertilgen, denn er hatte ein heiliges Grauen vor dem »Druidenkultus«, wie er die Morgenandacht nannte. Diese Institution bestand erst seit dem Tode von Onkel Henning, den bei dem Gedanken an gemeinsame Familienerbauung mit Mamsell und Böttcher und der hannoveranisch flötenden Kammerjungfer Ida – von Onkel Grahnstedt die Prozessionsraupe benannt – der Schlag gerührt haben würde. Aber nun war Tante Gunda immer tiefer ins Pastörliche geraten. Wenn sie im Herbst die 28 Weihnachtsbesorgungen zu machen hatte, stieg sie im christlichen Hospiz ab und verbrachte dort, in einer Atmosphäre von Missionaren und Raubrittern, deren Namen auf ow oder itz endeten, Tage der Weihe, denen auch der Reiz der Verfolgung nicht mangelte, denn Onkel Grahnstedt, der gänzlich aus der Art geschlagen war, machte sich sowohl über die »Allianz« als auch über den Bund der Landwirte in geradezu empörender Weise lustig.

»Warum wählst du nicht lieber gleich den Sozialdemokraten?« sagte Tante so von oben herab. »Weil das in ihrer Art ebenso fürchterliche Bonzen sind«, sagte Onkel gleichmütig. Es vereinigte sich überhaupt vieles, um Onkel Grahnstedt zu dem zu machen, was uns allen not tut: zu einer täglichen Geduldsprobe, die, wenn sie mit Ergebung ertragen wird, die Allmacht versöhnt, so daß wir mit schwereren Prüfungen verschont bleiben. Wenn er zum Beispiel in dem ihm persönlich angewiesenen Teil des Schlosses die Parkettböden mit grüner Ölfarbe streichen ließ, »weil das ein altes Jägerherz erfreut« – oder seine Zeitung, freisinnigster Richtung, auf allen Gartenbänken liegen ließ (»und wer kann wissen, wohin solch giftiges Samenkorn fallen mag«, klagte Tante Gunda), oder 29 wenn er bei Tisch von ihrer gemeinsamen Urgroßmutter zu reden anfing, welche die Geliebte eines regierenden Herrn gewesen sein sollte und von der das gute Meißner Service stammte. »Aber ihre Schönheit hat sich ja nun leider nicht auf uns vererbt, liebe Gunda.«

Auch liebte Onkel Grahnstedt, wenn das Essen auf dem Tisch stand, »in Gleichnissen« zu reden. Besonders wenn das Gericht »Kohlwickelchen auf polnische Art« erschien, unterließ er es nie zu sagen: »also wiedermal Maulwürfe in Leichentüchern«. Sogar in Anwesenheit des Inspektors! Solche Witze waren doch wirklich nicht angebracht.

Tante Gunda machte dann ihr gekränktes Mondecargesicht und gedachte des »seligen Mandelsloh«, der solcher Rohheit nicht fähig gewesen und dessen Bild, von einer Meute winziger Porzellanhunde aller Rassen umgeben, eine Etagere ihrer Wohnstube zierte: ein schwärmerisch blickender Herr mit dunklem Backenbart, schwarzweißkarierten Beinkleidern und prießnitzartiger Halsbinde, mit dem sie – noch in der Krinolinenzeit – verlobt gewesen.

Auf einen verabredeten Pfiff schlüpfte Mucki hinaus und fand Britta auf der Terrasse, mit einem der 30 herrenlosen Hüte angetan, die im Flur hingen und unter denen nur Onkel Grahnstedts grüne Leinwandmütze und Tante Gundas Monstrum aus Gaze und schwankenden Fliederdolden ein bestimmtes Geschlecht verrieten.

Die Geschwister gingen zwischen den alten, düstern Kastanienbäumen am Fließ entlang bis zu der Stelle, wo dasselbe in den Gartenteich einmündete. Dort lag der graue, rissige Kahn, zwischen Binsen und jungen Erlen, die Jahr um Jahr, Zoll um Zoll weiter in den See hinauswuchsen, so daß das »Angelhäuschen«, welches sich noch in Muckis Kinderzeit auf drei Seiten im Wasser gespiegelt hatte, jetzt ganz von Gebüsch umgeben war.

Britta ruderte quer über den See, bis zu der Stelle, wo das Fließ wieder aus demselben hervorkam, klarer und tiefer als bei seinem Eintritt. Nun konnte man sich treiben lassen, durch Schilf und Binsen erst, wo überraschte Frösche bei ihrem Nahen klatschend untertauchten, dann an Hopfengärten und Gurkenfeldern vorbei, wo große Dillstauden in der Sonne dufteten, später durch Wiesen bis zur Sägemühle. Ganze Strecken lang waren die Ufer mit Erlen und Haseln eingefaßt. Man machte den Kahn an einem 31 Baumstamm fest und saß da in tiefster Einsamkeit. Die Sonne schlüpfte durch die Blätter hinunter auf den klaren, sandigen Grund; winzige braune Fischchen standen stromauf mit goldenen Augen und erwarteten die herabtreibende Nahrung, und die Wellchen machten ein kleines zopfartiges Muster, wo sie sich, leise glucksend, am Bootskiel teilten.

Britta war das alles so selbstverständlich lieb, wie eine Mutter ihrem Kinde lieb ist. Das Behagen daran durchdrang sie wie Erdgeruch, diese Erde war sie, und sie war ein Teil dieser Erde; in dem tiefen Grunde steckte sie mit tausend Fasern, in die linde Luft dehnte sie sich mit tausend Ästchen. Aber Mucki mit all seinen neuen Büchern hatte solche ihr fremde Art dem allen nachzuspüren: er konnte sie plötzlich auf das Beben der Blätter aufmerksam machen, das sie bisher mehr gefühlt als gesehen, oder wie die Strömung an seichten Stellen die schmalen Wassergräser umbog und gleichsam kämmend über sie weglief, – oder er deutete ins Land, wo es sich in langatmigen Wellen streckte, goldgelbe Lupinenschläge und daneben braune, aufgepflügte Ackerstreifen, wo die Eggen hinter den geduldigen Pferden herglitten, von hagern, helläugigen Knechten, mit alten Dragonermützen auf 32 dem Kopf, geleitet. Er sagte irgend etwas über Farbe, über Umriß, etwas, das dem Bild wie einen Rahmen gab und es heraushob und in Brittas Hirn abphotographierte; und war ihr doch, als sei dadurch etwas verloren gegangen, weil sie nun, wenn sie die alten Rotschimmel pflügen sah, nicht mehr an die Pferde selbst dachte, an ihre Heimkehr mit schweren Füßen in den warmen Stall, an das Klirren der Ketten und Schnobern der Nüstern im Dunkel – wenn die Mäuse im Mondlicht nach der Haferkiste huschen und die Katze, zu Stein erstarrt, hinter den Stalleimern kauert – sondern nur an Muckis Blitzaufnahme, die oft von einem treffenden Zitat begleitet wurde. Es war immer ein Lauschen und Schnuppern, wenn er die Dinge beschrieb, oder er zeichnete beim Sprechen mit dem Daumen in die Luft, als fühlte er weichen Ton seinem Druck entgegenschwellen und nachgeben. –

Wenn er ihr von einem Buche sagte: »das ist etwas Feines«, so wußte sie, daß es sich oft nur um ein paar Zeilen handeln würde, die er ihr zwei-, dreimal wiederholen konnte, langsam nippend, als koste er alten Wein. Er fing den schönen Schmetterling, dem sie träumend nachgeschaut, er wußte durch die leise 33 Unterstreichung des beschreibenden Wortes verschwommene Stimmungen in klare Linien zu bannen, wo ihr Gefühl alles in einen Nebel von Zärtlichkeit gehüllt hatte.

Und sie war immer bereit mit ihrer Bewunderung, mit ihrem Nachempfinden; freilich liebte sie auch manches, das vom Bruder als etwas Fremdes, sogar Feindliches empfunden wurde. So fühlte sie ihr Herz sich in Wonne zusammenziehn, wenn große Eilzüge donnernd in eine Bahnhofshalle einfuhren; so liebte sie Marschmusik und Glockengeläut, geflaggte Straßen und lustige, erhitzte Menschengesichter; und wenn um Pfingsten Schulkinder mit Botanisiertrommeln und Blätterkränzen durch den Park zogen und »ich bin ein Preuße« sangen, so bekam sie deswegen noch keine Gänsehaut wie Mucki, der sich bei allen patriotischen Kundgebungen krümmte wie von geistiger Seekrankheit befallen.

»Wenn du nun Landrat bist und mußt im Kriegerverein das Hoch ausbringen?« sagte Britta . . .

Mucki lächelte; er bekam ein paar scharfe Fältchen an den Mundwinkeln, daß er aussah wie ein kranker Jockei mit seinem blassen, bartlosen Gesicht, das oft so namenlos jung und nichtssagend, oft aber alt und 34 voller Doppelsinnigkeit erschien. »Ach, dazu kommt es doch nicht«, sagte er und kratzte seinen hohen Spann, denn die Mücken stachen durch den seinen, fliederfarbenen Strumpf; und dann lachte er, denn Brittas Augen waren angstvoll geworden. »Ich bleib ja sicher stecken, wenn so ein muffliger Bonze mich examiniert, und ich muß die ganze Zeit seine angelaufenen Brillengläser anstarren, und er hat einen Siegelring am Zeigefinger – oder Watte in den Ohren – du weißt ja, da wird mir sofort übel . . . Na und überhaupt hat das alles gute Weile.«

Ja, gute Weile hatte es, denn nun sollten die Geschwister in die Schweiz und den ganzen Winter dort bleiben. Erst wollte Tante Gunda mit und Britta sollte bei Onkel Grahnstedt bleiben, aber Mucki hatte erklärt, dann brächten ihn keine zehn Pferde nach Arventhal, denn Liegehalle und Intensivfütterung sei schon an sich kein Vergnügen, aber Tante Gunda als tröstender Engel, die ihm vorlesen würde, »Quo vadis« und ähnlichen Quatsch, und bei Tisch die Freifrau herauskehren – wie damals in Montreux – wo sie ein Gesicht machte, als ritte sie auf die Reiherbeize mit dem Falken auf der Faust, daß all den Majorswitwen und Justizrätinnen schwindlig wurde – 35 und von »Majestät« sprach, mit dem gewissen Augenaufschlag der Auserwählten aus Potsdam – nein, das konnte er kein zweites Mal überstehn!

Der Arzt hatte ein Einsehen gehabt, und Tante mußte sich mit allerhand pikierten Redensarten in die veränderten Pläne fügen. Am betrübtesten war Onkel Grahnstedt. Er ging so gern mit der Nichte durch die Ställe und Felder – sie fühlte eine Art Mutterstolz, wenn eine moorige Wiese drainiert worden war, anders als Mucki, der über die schönen Sümpfe jammerte, die mehr und mehr ausgerottet wurden. Abends, nach dem Nachtessen, kamen die Geschwister oft noch in Onkels Sanktum, das mit zahlreichen ausgestopften Raubvögeln geschmückt war, die mit gespreizten Flügeln von der Decke herabhingen wie Lampen in einer Moschee. Es waren da auch schwarzlackierte Korbstühle, welche fürchterlich knirschten wenn man sich anlehnte und allgemein gemieden wurden, auch schon deshalb, weil Onkel Grahnstedt sie alljährlich mittels Stiefellack in Stand setzte.

Britta spielte ein paar Sätze von Beethoven und allerhand wehmütige Volkslieder aus der Silcherschen Sammlung auf dem alten Tafelklavier, oder 36 Onkel klappte das Kommersbuch vor ihr auf und zog sich dann wieder zurück in eine Ecke des grünen Ripssofas beim Ofen; aber Mucki saß, schmal und reglos, beim Fenster unter der Schmetterlingssammlung, mit helleuchtender Stirn im sanften Widerschein der Laterne draußen.

Diese Abende in dem großen, niedrigen Zimmer, wo die verflederten Bücher im Glasschrank, Shakespeare und Faust, David Copperfield, Onkel Toms Hütte und »Mine Stromtid«, Atta Troll, Hans Huckebein und »les Misérables« nachbarlich beieinander standen, diese Abende waren für den alten Herrn der erfrischende Nachttau, die tiefe, heimliche Erdschicht, in die seine Seele mit ihren feinsten, durstigsten Wurzelspitzen hinunterlangte.

Und von dem fliehenden Aktäon, der tobenden Jagd im Frühlingswald auf dem verblichenen Wandteppich, der über dem Klaviere hing, tönte es wie Hornruf der Jugend durch sein altes, gütiges Herz.

Der gute Onkel Grahnstedt! Einsame Wintertage würden es für ihn werden, dieses Jahr! Und später, wenn man sich wiedersähe . . . ach Gott, auch im besten Fall, es ist ja doch nie wieder dasselbe. 37

Mucki zog ein Buch aus der Tasche. »In diesem heimatlichen Rinnsal verankert,« begann er, »will ich dir etwas lesen, das von Flüssen und Gebirgen erzählt, die wir wohl nie mit leibhaftigen Augen sehen werden.« Er grinste still vor sich hin, denn er hielt sich selbst immer zum besten, wenn ihn etwas begeisterte. Es war eine beinah qualvolle geistige Schamhaftigkeit, gleichsam eine Eifersucht auf seine eigenen Gefühle, an der er litt. Mit schüchterner, klangloser Stimme, die ab und zu ein wenig bebte, las er, die schmalen Schultern zusammengeschoben, den Kopf gebückt, Maurice de Guérins Zentauren. Britta hörte zu, vorgebeugt, mit halboffnen Lippen. Wie groß waren die Bilder, die vor ihren Augen kamen und gingen. Die Sätze schritten wie mit hallenden Hufen oder glitten dahin wie volle Ströme, die das Ufergras überschwemmen, ragten wie Vorsprünge, wandten sich und traten zurück, den Hügelketten gleich, von denen sie zu sagen wußten.

»Höre Britta, ist das nicht herrlich? – ›Zuweilen kam meine Mutter heim, vom Wohlgeruch der Wiesen umströmt, oder triefend von den Gewässern, in denen sie geschwommen‹ – denke sie dir, die Zentaurin, wie sie heimtrabt, mit nasser 38 Mähne, Schlamm und Schilfblüten an den Schenkeln – zu ihrem Jungen, das da in der Finsternis, im tiefsten Schweigen geboren, seine Zeit verschläft oder mit noch weichen Hufen in den Höhlen umherirrt. Höre: ›Manchesmal kehrte sie, wie von tiefster Seligkeit bewegt, manchesmal aber traurig und schleppend, als trüge sie Wunden, in unsere Höhle zurück. Von weitem schon verriet es mir eine Eigentümlichkeit ihres Hufschlages – ich fühlte ihre Not in meinem ganzen Sein‹ – Und hier, Britta, spricht er von den Flüssen; er ist erwachsen, hat seine Höhle verlassen: – ›Bei sinkendem Tag erfrischte ich mich in ihrem Bett. Meine eine Hälfte, im Wasser untergetaucht, bewegte sich in den Fluten, die es zu beherrschen galt, während die andere sich lässig erhob und ich meine müßigen Arme über dem Wasserlauf reckte. So, der Stunden vergessend, von den Wellen umspült, gab ich dem Zug ihrer Strömung nach, die mich, den scheuen Gast, in die Ferne trug und zu allen verborgenen Reizen ihrer Ufer führte. Wie oft überraschte mich die Nacht, wenn ich so die Ströme hinabtrieb, die unter immer breiter lagernden Schatten die Gewalt der Götter dahintragen, bis in die fernsten Täler. Dann beruhigte sich mein 39 Ungestüm, bis nur noch ein leises, gleichmäßiges Lebensgefühl, mein ganzes Wesen durchrieselnd, übrigblieb – wie im Spiegel der Gewässer, die ich hinabtrieb, der Widerschein der Göttin, welche die Nacht durcheilt. Melampus! ich bin alt, und ich traure um die Flüsse! Wenn ich ihren Schoß verließ, begleitete mich ihre Kraft, und nur zögernd, Wohlgerüchen gleich, wich sie von mir. –‹

»Das Buch wollen wir mitnehmen, Brittchen, daraus sollst du mir vorlesen, wenn ich daliege mit dem Plaid über den Beinen und das ewige Blau und Weiß anstarren muß. Und dann im Sommer grüne Matten und rote Kühe und schwarze Tannenwälder, wie abgezirkelt! Es kratzt einem im Hals, gerade wie die Sprache dieser hartkantigen Nation. Ja, ich weiß, du bist andrer Ansicht. Du schwärmst für Jeremias Gotthelf und gescheuerte Milcheimer und grüne Wiesen mit gelben Ranunkeln. Und mich stören all die Grand-Hôtels avec lift et éclairage – ich werde das nun wohl für den Rest meines Lebens genießen – winters gibt's dann noch chauffage central, wo ich immer Stockschnupfen von kriege.«

Britta hatte den Arm um ihn gelegt. Sie lachte ihn an mit zärtlichen graublauen Augen. Nun lachte 40 auch er: »Nur ein Glück, daß Tante Gunda hier bleibt . . . Dieser Kelch. – Wird man immer so intolerant, wenn man nachts viel hustet? Wenn's ganz schlimm um einen stünde – da würde es einem wohl wieder egal sein . . . Aber ich kann's nun einmal nicht ertragen, wenn sie das gewisse Gesicht aufsetzt, du weißt schon . . . Edelfrau und Christin, besonders wenn sie mit der Pastorin spricht. Die Pastorin ist ihr ja in dem Fach noch über, aber Tante denkt, ›das gehört sich auch so für Sie, meine Beste, aber ich könnte von Rechts wegen auch anders‹ –.«

»Mucki, du bist greulich. Du weißt gar nicht, wie Tante an dir hängt . . .«

»Doch, das ist eben das Gräßliche, und ich weiß auch, daß sie ›viel Schweres‹ durchgemacht hat, und alles das vom seligen Mandelsloh. Ach, wenn die Menschen doch nicht immer ›Schweres‹ durchmachen wollten. Sie gehn dann den Rest ihres Lebens wie beschädigte Pakete von Hand zu Hand und kommen sich dabei heroisch vor . . .«

»Mucki, aus dir sprechen deine herzlosen Philosophen. Sind die nicht endlich unmodern geworden? Dein Buchhändler könnte dir wirklich bald eine andere Sorte schicken, ich meine beinah, Knigges 41 Umgang mit Menschen wäre nicht übel, zur Abwechslung.«

»Gott, Brittchen, du kannst ja ordentlich kratzen. – Aber du hast recht, ich sollte den Schnabel halten, bin ja selbst ein beschädigtes Paket.« Er sah seine Hände an: »Komisch, und mit den Händen les ich dir den Zentaur vor und denke mich da hinein, als ob ich selbst so ein alter Gewaltskerl wäre. Was würden die zu mir gesagt haben! Wie ist die Stelle doch, wo er dem ersten Menschen begegnet?« Er blätterte ein paar Seiten zurück: »›Einst beim Vordringen in ein Tal, das nur selten von Zentauren besucht wird, erblickte ich einen Menschen, der auf dem anderen Ufer dem Lauf des Flusses folgte. Er war der erste, den ich sah, und ich schätzte ihn gering. Dieser – so sagte ich mir – gilt kaum eine Hälfte deiner selbst. Wie kurz sind seine Schritte, wie unbeholfen sein Gang! Seine Augen scheinen mit Unlust den Raum zu messen. Das muß ein Zentaur sein, der, von den Göttern zu Fall gebracht, verdammt ist, sich in dieser Gestalt weiter zu schleppen!‹ – Aber siehst du, den Hohn der Zentauren läßt man sich gefallen; mit denen kann man ja doch nicht konkurrieren, aber . . .« 42

Britta rieb ihre warme, braune Wange an seiner Schulter; sie wußte ja, es würde bitter sein, wenn all die jungen Engländer und Norweger kämen, mit Ski und Rodelschlitten, in ihren weißen Sweaters, hochgebaut, schmalhüftig, stählern.

»Was haben wir schon für Reisen zusammen gemacht, Mucki,« fing sie an, »schon als kleine Kinder. Ich habe noch ein paar Bilder davon, aber nur so verschwommen: Das große Schiff und der Nachthimmel darüber, und chinesische Lampions hingen in der Luft. Mammina ging auf und ab mit den Marineoffizieren, sie hatte einen blauen Mantel an und etwas Glitzerndes über dem Haar. Wir sollten schon längst zu Bette sein, aber wir hatten uns versteckt, wo die aufgerollten Taue lagen. Ein Matrose wickelte uns in seine dicke Friesjacke, wir schlüpften zusammen, ich hielt den einen Ärmel fest und du den andern. Wie so zwei kleine Eulen saßen wir . . .«

»Ja,« sagte Mucki, »und die Schiffskapelle spielte aus dem Mikado und so süßes, italienisches Zeugs, wie Fondants und süßer Champagner, aber es paßte alles zusammen, es gehörte dazu, zu Mamminas Parfum, ihrem Lachen, ihren kleinen, zerstreuten Gutnachtküssen . . .« 43

»Ach, sie muß bezaubernd gewesen sein« – Britta sah vor sich hin, als suche sie in dem verschwimmenden Erinnerungsgewölk. – »Wie wir die strenge Gouvernante bekamen, kniff sie immer ein Auge zu, wenn sie uns irgendwo begegnete, so verständnisvoll – weißt du, ich habe von damals einen Eindruck behalten: Mama als Chef einer Schmugglerbande.« Mucki lachte leise. »Ja, ich glaube, das Gesetzwidrige reizte sie als solches. Im Garten des Paradieses würde sie den verbotenen Baum gleich ordentlich geschüttelt haben, aber die Äpfel hätte sie an die Affen verteilt und keinen einzigen für sich behalten. Ich glaube, sie wollte nichts vom Leben, und darum – wer weiß – gab es ihr viel. Sie hatte ›Löcher in den Händen‹, wie man in Italien sagt.«

Sie bleiben ein Weilchen stumm. Ihre Gedanken sind weit weg auf dem alten Kirchhof im Süden, wo Vasen und gebrochene Säulen zwischen Zypressen schimmern, an denen im Frühling Rosen und Glyzinen hinaufklettern, und lange Inschriften von kurzem Leben berichten.

»Weißt du noch,« sagt Britta, »wie froh wir waren, als wir aus dem großen Hotel wegzogen. Der 44 Garten hatte so was krinolinenmäßiges – und die langweiligen Palmengruppen – ach und was saß man so furchtbar lang bei Tisch! Es war so nett, als es dann zu teuer wurde und wir in die billige Pension übersiedelten, wo der englische Pastor war mit den vielen Kindern. Wir spielten Krocket und gingen in den Evening Service und du trugst Maud Tomlinson das Gesangbuch nach Haus . . .«

»Ich war ein greulicher Bengel,« sagte Mucki, »man sollte nicht glauben, wie sich ein so charmanter junger Mann daraus entwickeln konnte. Aber . . .« er fährt mit dem Finger leise über ihre schlanke, gebräunte Hand –, »es wäre doch besser, wenn du Stammhalter und heir presumptive auf Schloß Hypothekenlust geworden wärst . . . Du wärst da besser für geeignet, Jungfer Brittchen! . . .«

»Ach, so ein Unsinn, Mucki, dafür paß ich ganz und gar nicht, ich kann ja absolut nicht kommandieren; wenn Fenster geputzt werden, muß ich immer an mich halten, ums nicht selber zu tun; – nein, paß auf, du wirst noch ein rechter Landwirt von Gottes Gnaden und räsonnierst über die Kornpreise und sagst ›aber der alte Gott lebt noch‹, wenn dir was nicht in den Kram paßt.« 45

»Na – hoffentlich donnert Onkel Grahnstedt noch recht lange über dem Ganzen. Kurios – es ist mir geradezu ein ästhetischer Genuß, ihn fluchen zu hören – seine Flüche haben Stil – ich hänge an ihnen, wie an dem Rokokoschnörkel über der Haustür, oder dem Moos zwischen den Steinfließen . . .«

Britta plätschert ein wenig mit dem Ruder, dann sagt sie: »Als wir zuerst hierher kamen und uns alles fremd war, was haben wir uns damals unglücklich gefühlt, Mucki! Wie so zwei junge verkaufte Hunde. Und jetzt? ›Als wärs ein Stück von mir.‹ – Wer weiß, dort in den Bergen wird's uns auch so gehn. Ich glaube, du wirst da Stellen finden, wo dir ganz wohl wird. So ganz einsame, auf der Höhe, wo keine Bäume mehr sind, nur das kurze dichte Gras – wie ein Fell; und so schmale, schmale Rinnsälchen im Gras; Mucki, da reiten wir hinauf, und dann nehmen wir den Pferden die Sättel ab und legen uns an den Erdboden, in die Sonne, wo der Wind ganz einsam streicht, daß die kleinen, kurzgestielten Glockenblumen rascheln.«

Und dann macht Britta das Boot los und rudert nach Haus. 46

 

Zweites Kapitel

Britta hatte einige Tage in der kleinen Stadt verbracht, welche die Station für Arventhal bildete. Ostern war nicht mehr fern, und es sollte ein kindliches Eiersuchen im Sanatorium stattfinden, mit allerhand Geschenken und Späßchen. Sie war in den ziemlich primitiven Läden herumgerannt, todmüde zu Bett gegangen, und als sie in tiefster Finsternis geweckt wurde, dehnte sie sich erst ein paarmal verzweiflungsvoll, bei dem Gedanken heraus zu müssen.

Im Posthof, wo ihr Schlitten stand, huschten Laternen über den Schnee; die sie trugen, waren schwarz vermummt. Die Pferde kamen mit schauernder Haut und bleiernen Füßen und stellten sich ergebungsvoll an die Deichsel. Der Kutscher trat, sich den Bart wischend, aus der Gaststube; ein Mädchen hinter ihm leuchtete hinaus mit erhobenem Arm. Er nahm dem Knecht die Peitsche aus der Hand, stopfte die Pelzdecke unter Brittas Füßen fest, und fort ging es, holpernd erst und schurrend, dann immer rascher mit knirschendem Laut über den harten, gefrorenen Schnee.

Am Marktplatz vorbei ging der Weg. Der Ritter auf dem Brunnen, weißbepelzt, mit Lanze und 47 Fähnlein, warf seinen Schatten auf die Wand der Apotheke zur Linken. Der Brunnen selbst glänzte in der Pracht glitzernder Zapfen und Zacken, welche mit ihrer phantastischen Gotik die Kunst der Menschenhand übertrumpften. Hier und dort öffnete sich eine Haustür, ein rotes, verdrossenes Gesicht in gestrickter Mütze, oder in dicke Tücher vermummt, blickte dem Gefährt nach, und dann machte sich die Gestalt daran, die Schwelle und den Bürgersteig, so weit die Hausfront reichte, mit Asche und Sand zu bestreuen.

Langsam stieg der Schlitten bergan, Fluß und Brücke hinter sich lassend, wo sich die Eisschollen grünschwarz und bedrohlich türmten und am Ufer, über den verschneiten Treppchen, die Bäume standen mit starren blauschwarzen Ästen, in denen verklammte Vögelchen saßen, braun und rund und reglos, wie Samenkapseln.

Schnee überall: an den Wirtshausschildern, die an verschnörkeltem Eisenarm über die Straße ragten, der Schwan und der Stern und der goldne Baum – an dem Zierat der Tore und Fenstergitter alter Familienhäuser, auf ihren schön geschweiften Dächern, die so viel Achtung und Sicherheit zu versprechen schienen all denen, die sich ihrem Hausrecht fügten. 48 Und auch ein winziges Häuschen derselben zierlich-behäbigen Bauart stand auf halber Höhe, einem demütigen holzgedeckten Kirchlein gegenüber; Britta hatte es zum erstenmal im Spätsommer gesehen, als Rosengerank die Haustür umwirrte und im offnen Giebel ein Mädchen saß und Weißzeug nähte: nun lag es so geheimnisvoll wohlwollend unter dem bläulich schwellenden Schneedach, und das feine schmiedeeiserne Geländer, das die Stufen zur Haustür einfaßte, wiederholte wie ein zartes Echo die prächtige Phrase der großen Patrizierhäuser.

Am Kloster fuhren sie vorbei, wo früher der Bischof regierte; es war Licht in den lanzenförmigen Fenstern der Kellerei. Die war nun längst zu einer ganz prosaischen Wirtschaft geworden, aber so, im Halbdunkel, über der Terrasse, die sich mit breiten Mauerpfeilern wie mit tappigen Füßen an die Landstraße stemmte, schien es Britta, als müsse dort ein Spuk vor sich gehn, als brummten die Stimmen gespenstischer Mönche, wohlbeleibt wie die breitgegürteten Fässer.

Nun lag die Stadt ganz unter ihnen: ein Gewirr von Dächern und Dachluken, Giebeln und Schornsteinen, vom Schnee verbunden und 49 ausgeglichen, in dem sich wohl nur die Katzen zurechtfanden, die mit behutsamen Pfötchen und weichen, genauen Sätzen aus dem siebzehnten Jahrhundert ins Neunzehnte und wieder zurück ins Achtzehnte sprangen. Der Schlitten glitt rasch und lautlos an einzelnen Bauerhöfen vorbei. Am Weg standen kahle Bäume voller Krähen – Nußbäume wohl –, aber bald hörten sie auf. Rechts senkte sich der Abhang ins Tal und wurde mit jeder Minute tiefer und steiler. Britta träumte vor sich hin, mit halbgeschlossenen Lidern: Alles umher war noch blaß und flimmernd; noch hielt der neue Tag seine Hand vor das zitternde Licht.

Nun waren sie schon seit Ende August dort oben, und die drei Stübchen, die sie vor einem halben Jahre noch nicht gekannt, waren ein Stück ihres eignen Wesens geworden; etwas, dem auch sie gehörte, von dem sie in vielen Jahren träumen würde, ob sie wollte oder nicht. Fast ebenso ein Stück von ihr wie die Räume in Dörnberg mit ihren spärlichen Möbeln, fadenscheinigen Teppichen und verblichnen Tapeten es geworden.

Da war vor allen Dingen Muckis kleines Wohnzimmer, mit den Büchern und Bildern, die hin und 50 wieder, eigentlich zu ihrem Leidwesen – denn sie vermied gern alle Veränderungen – gewechselt und umgestellt wurden. Da lächelte Lionardos Hl. Anna wie eine gütige Brunnenfrau auf sie herab – oder eine Bellinische Madonna sah mit dem dunkelumschatteten Blick einer sanften Hirschkuh vor sich hin; und auf einer Staffelei waren Photographien aufgestapelt, die der junge Herr Brinkmann zu kunsthistorischen Studien brauchte und mit Mucki besprach und durchstudierte: Fragmente von Mosaikböden aus kühlen italienischen Kirchen, schwarzweiße Sterne und Räder und Blumenbänder: wieviel schmerzende Knie hatten auf ihnen gekniet, wieviel staubige Füße waren mutlos oder freudig über sie hinweggegangen, wie viel Augen über sie hingeglitten, achtlos oder leidgetrübt . . . Und andre Abbildungen noch, aus Orten, deren Namen Britta nicht kannte: Säulenschäfte und Kapitäle und verstümmelte Götterhäupter, deren weite feierliche Brauen sie an die offnen Schwingen großer, einsamer Seevögel gemahnten.

So viel fremde Schönheit herrschte in dem kleinen Krankenzimmer: lautlos und doch überzeugend in ihrem machtvollen Auf und Ab von Leidenschaft und Beruhigung. 51

Manchmal quoll es angstvoll in dem Mädchen auf, wenn es den Bruder, still und durchsichtig, die Bilder zurücklegen sah in ihre Mappen: o, sein junges Leben – und die Welt so weit und so reich . . . versäumt – ja, war das nicht das rechte Wort? Denn sie sah es wohl: aus diesen reinen, vollendeten Formen wehte ihn jene geheimnisvolle Kühle an, der höchsten Schönheit Atemzug, die mehr Heilkraft für ihn hatte als die warmen, klopfenden Pulse menschlichen Mitgefühls.

Vor Muckis Zimmer war ein bedeckter Balkon, auf dem er viele Stunden des Tages zubrachte. Die allgemeine Liegehalle hatte er verabscheut. Diese Kamelhaardecken und Fieberthermometer, diese ewigen Witze und überhaupt das tägliche Zusammensein mit denselben Menschen, ohne daß irgend ein gemeinsames, unpersönliches Interesse die geistige Luft ventiliert hätte . . . er war dabei zusammengeschrumpft, wie Gras auf einer glühenden Schaufel; und da hatte ihm Britta die Wohnung im Giebel erobert, wo der Föhn nachts in den Dachsparren sauste und es mit der Bedienung haperte, wo man aber frei war, wie die Turmschwalben. Und sie lief ja so gern für ihn treppauf, treppab. Ihr eigenes Zimmer lag daneben; mit seinem aufgestapelten 52 Gepäck, dem Photographierapparat und der Teemaschine hatte es etwas Feldlagermäßiges, ohne unordentlich zu sein. Ich bin die Sakristei und du die Kirche, sagte sie; aber wenn sie nur einen großen Tisch hatte und helle Wände, so war sie zufrieden – im übrigen dem Glauben lebend: »Wo man glücklich ist, ist's schön, und wo man unglücklich ist – ist ja doch auch alles drum und dran entsetzlich.«

Und hier hatte sie sich glücklich gefühlt, die ersten zwei, drei Monate: Mucki schien sich so wunderbar zu erholen, und es war, als ob neues Leben auch sie durchströmte. Ein Anspannen aller Muskeln in ihren jungen hilfsbereiten Armen, ihren raschen dienstfertigen Füßen, und zugleich in ihrem Innern wie ein Anpassen an die großen, klaren Linien dieser feierlichen und doch menschenfreundlichen Natur. Die alltäglichsten Dinge hatten etwas Festliches gehabt in dieser neuerwachten Zuversicht »daß nun alles wieder gut würde«, ob sie nun Mucki half Bilder ordnen und umstellen, ob sie ihm vorlas, die Teetassen wusch oder Enzian und Moos in flache irdne Schalen pflanzte, da war immer der Blick ins Weite, der Geruch der reinen winterlichen Erde, das Wehen der reinen kameradschaftlichen Luft. Sie magerte 53 ab in den Bergen, sie fühlte, wie sie leicht und stählern wurde, und Mucki lachte und sagte: »Wie lieblich ist der Botin Schritt«, wenn sie ihm die Briefe brachte, oder er meinte, es wüchsen ihr kleine Flügel an den Füßen, wie dem schlanken Gott Merkur!

Ja und dann – dann war Lassen gekommen. Und nun – was war's, daß sie sich so unaussprechlich bangte, bei dem Gedanken, ihn heut wiederzufinden? Daß sie bisweilen wünschte, der Schlitten möchte rascher gehn, und dann wieder um sich blickte, beinah angstvoll, weil dies Glück des Entgegenfahrens bald vorüber sein würde. Als sie wegfuhr – vor drei Tagen – hatte nicht die Freude der Rückkehr schon damals den Abschied durchzittert?

Vor ein paar Monaten noch kannte sie ihn kaum, nur daß er liebe Augen hatte, das hatte sie gleich gesehn, und seine Stimme tat ihr wohl und die ruhige Art, wie er einen Stuhl hinstellte oder ein Fenster öffnete. Sie hatte, ganz instinktiv, gleich von Anfang an die Empfindung von Festigkeit und Zartgefühl gehabt, von einer verfeinerten, ob auch ganz unausgeklügelten Lebensfreude, einer Art Lebensfreude, in der sich Epikuräer und Heilige, Kinder und Philosophen zusammenfinden könnten. Und wie 54 sie dann bei den verschiedensten Gelegenheiten entdeckt hatte, daß er diese Eigenschaften wirklich besaß, hatte sich ihr Herz jedesmal ein wenig weiter aufgetan, mit jener tiefen, zuckenden Seligkeit, die wir empfinden, wenn ein Mensch, den wir zu lieben beginnen, etwas noch Schöneres offenbart, mit noch reicherem Maße mißt, als wir erwartet hatten. Ja, und nun füllte er ihr Herz – füllte es ganz, er und Mucki; doch für Mucki war's ein schmerzhaft leidenschaftliches Klopfen, so viel ruheloser, als was sie für Lassen empfand, denn neuerdings war wieder die Angst um den Bruder erwacht, und wenn er nur von einem Zimmer ins andre ging, lag in dem Ton der zufallenden Tür etwas Doppelsinniges für sie.

Allmählich war Muckis Balkon der Sammelplatz geworden, wo sich ihre Bekannten, einzeln oder gruppenweis, zusammenfanden. Lauter junge Menschen. Man tauschte Bücher und Zeitungen, man musizierte und photographierte, verabredete Schlittenpartien, wenn der Sanitätliche es zuließ. Zeitweise konnte man ganz vergessen, daß man unter Kranken war, wenn man die fröhlichen Gesichter sah, denn wieviel Fieber und wieviel Jugendlust es war, das aus ihren Augen glänzte – wer konnte das bemessen! 55

Schwerkranke bekam man nicht zu sehen. Sie lagen in einem Seitenflügel. Nur die Pflegerinnen schlüpften mit Servierbrettern durch die Korridore und gaben auf teilnehmende Fragen immer dieselbe gleichmütige Antwort. In dem kleinen Freundeskreis war bisher alles gut gegangen. Mucki und eine junge Spanierin waren wohl die Kränksten unter ihnen. Aber die Luft war so sein und prickelnd, es atmete sich hier so leicht, die schweren Gedanken mußten unten bleiben, sie konnten nicht herumwirbeln in dieser Höhe.

Es waren Menschen in Arventhal, die sich schon viele Jahre so hinhielten, gute und schlechte Zeiten durchmachten; aber sehr schwer nahm man auch die schlechten nicht. Freilich, die es so leicht nahmen, waren jung, niemand zählte auf sie. Sie verloren die Zeitberechnung, sie waren freilich schon lange hier, aber es ging ihnen doch so viel besser: da durfte man um ein paar Monate mehr oder weniger nicht handeln. Die Verheirateten waren schon schlimmer dran – und gar erst die Väter und Mütter; ja, die wollten sich durchaus nicht in Schlaf singen lassen. Wenn das Fräulein beim Essen die Post verteilte, wechselten sie die Farbe und blickten hastig in den 56 Brief, dem sie die eingelegte Photographie schon angefühlt hatten: eine junge Frau, nicht schön, nicht häßlich, niemand würde einen zweiten Blick auf das Bild geworfen haben, wenn er es zufällig in einem Album gefunden hätte; oder zwei kleine Mädchen, steif und fremd mit ihren neuen Kleidern und feierlichen Photographiergesichtern. – Ach, aber was suchten, was fanden die Augen der Empfänger nicht alles, Wohlbekanntes und Überraschendes, in diesen Gesichtern; eine Entdeckungsreise, die immer wieder von vorn anfing. Für diese hatte das Leben einen scharfen Umriß: sie wußten, es hatte irgendwo angefangen und mußte – in nicht allzulanger Zeit – wieder aufhören; sie wußten, daß Glück und Hoffnung auf Glück nicht dasselbe sind, und sie klammerten sich ans Nächste, an das Heimatliche und Altgewohnte, das mit jedem Tage kostbarer wurde, kostbarer als alle flimmernden Fernen. Denn um die zu erreichen, braucht man Zeit, und Zeit haben nur die, die sie noch verschwenden. Sie aber waren sparsam geworden.

Seit Karen Sibelius, die junge finnische Künstlerin, gekommen war, ging's an dem Tisch beim Fenster munter her. Wie ein krankes Rennpferd, bei dem 57 sich immer noch eine dreifache Lebenslust in Sprüngen und plötzlichen Läufen äußert, ließ ihr bewegliches Künstlerblut sie unter all diesen jungen Menschen als die Lebendigste erscheinen. Britta war ihr unendlich gut, wie einem wilden, fremdartigen, zeitweise rührend zutraulichen Tierchen. Bisweilen konnte sie – abrupt und graziös in ihren Bewegungen – sich in der Sofaecke zu einem kleinen jammervollen Knäuel zusammenwickeln und bittre Tränen vergießen, weil der Gestrenge ihr die Zigaretten weggenommen oder gescholten hatte, wenn sie den ganzen Vormittag zu Bett lag. Dann war sie auch fortwährend in Geldnöten; ein mysteriöser Onkel in Lappland, den sich Britta nicht anders als im Renntierschlitten und mit einem Eiszapfen an der Nase vorstellen konnte, schickte zwar ziemlich ansehnliche Summen, aber Karen hatte, was sie »Anfechtungen« nannte, in Gestalt von »Schildpattmännern« und »Spitzenmadams«, und wenn sie denselben erlegen war, mußte sie sofort Geschenke für alle Bekannten erstehn – das nannte sie, sich den Ablaß erkaufen. Daher war die Ebbe chronisch, wie sehr auch Britta rechnete und wie oft sie auch »Tilgungsfonds« in irdnen Schweinchen für Karen anlegte . . . 58 Es dauerte aber nie lange, so erklärte Karen, der heilige Eber müßte dem Odin geschlachtet werden, und sie hätte Thor's Hammer gleich mitgebracht – das war dann meistens ein alter Schuh, konnte aber auch ihre beste Haarbürste sein, darauf kam's ihr nicht an.

»Ah – Sie werden sehn, Britta – wenn ich mein erstes großes Konzert gegeben habe . . . dann hört das ekelhafte Sparen auf . . . Ihr sollt alle paff sein über meine Herrlichkeit. Ich denke mir jetzt schon immer die entzückendsten teagowns aus – wenn ich in der widerlichen Liegehalle röste und mir den Teint verderbe.«

Dabei zog sie sich sehr nachlässig an, ihre Kleider waren zerknittert, die glanzlosen Haare wie verweht, und wenn sie sich langweilte, was oft der Fall war, schien alles an ihr welk und tot herumzuhängen. Und doch, wenn sie in ihrer planlos zusammengestoppelten Kleidung ins Zimmer trat und plötzlich mit leuchtenden Augen aufblickte, schienen alle andern Frauen nichtssagend zu werden, als sei ein eigner, kapriziöser Stil in ihrer Stillosigkeit verborgen, dem man nachspüren mußte, ob man wollte oder nicht.

Mucki kam nun öfters herunter in die große Wandelhalle oder schlenderte mit Karen im Garten herum, 59 zwischen den künstlichen Felsgruppen, auf denen der Höchstkommandierende grünliches Edelweiß züchtete. Sie schmuggelte ihm Zigaretten zu, die verboten waren, was den Reiz, ihn rauchen zu sehen, nur erhöhte. Zuweilen zankten sie sich; über Bücher meist; denn sie verschlang alle modernen Philosophen und modernsten realistischen Romane mit der harmlosen Zuversicht eines jungen Straußen, der sich auf seinen Magen verlassen kann. Es war etwas Unausgeglichnes, Rücksichtsloses in ihr, das er durch Spott zurückwies und das wohl zum Teil mit ihrem planlosen Lesen, zum Teil aber mit ihrem nordischen Volkstum zusammenhängen mochte, das mit beiden Füßen schon im Zukunftsstaat steht, den Kopf aber noch zurückwendet nach Islands Märchenklippen . . .

Plötzlich ließ er dann alle Streitlust fahren, sah sie ein bißchen traurig, ein bißchen belustigt an und bat sie, ihm vorzuspielen. Das tat sie denn auch, wenn sie in der Stimmung war, ohne sich lange zu besinnen; mit Vorliebe Mozart und Bach und altitalienische Violinkonzerte, zu denen sie mit klangloser, aber urmusikalischer Stimme die Oberstimme summte.

Bisweilen wiederholte sie eine Stelle, und das konnte sich Mucki zur Ehre rechnen. Denn nur, weil 60 sie durchfühlte, daß sein Geschmack, wenn auch nicht immer übereinstimmend, dem ihren ebenbürtig war, kam ihr der Gedanke, ihm das verborgene Gewebe zu erklären; zu zeigen, wie der Komponist, hier durch ein leises Ausweichen, dort durch ein zartes Mehr oder Minder im Ausdruck, die Zeichnung leben ließ, ohne doch die Ruhe der Form zu zerstören. Ganz aus eigener Hingebung spielte sie einen Abschnitt, oder auch nur ein paar Takte, zwei-, dreimal, und nickte ihm mit klaren, verstehenden Augen zu. Mucki verschwand ganz in dem tiefen Ledersessel. Die Töne kamen und gingen, schlangen sich zu Gewinden, breiteten sich aus mit schöner freigebiger Gebärde und sanken in sich zusammen wie Blumenkelche, ehe es Nacht wird. Er saß und blickte vor sich hin und wußte nichts mehr von dem langweiligen Saal mit seinem Fries optimistischer Weisheitssprüche, die den Widerspruchsgeist eines Lamms erwecken mußten. Die häßliche, chocoladenfarbige Tapete, die gipserne Klythia und goldgerahmten Aquarelle dankbarer Patienten – er sah nichts mehr, was ihn sonst doch so leicht quälte und abzog: die Töne waren stärker; ihr Herzschlag, ihre Lust und Schmerz wurden von neuem in ihm geboren, bis sie sich endlich in einem 61 letzten Akkorde lagerten und die Harmonie in lichten Strahlenbündeln nach allen Seiten hinausklang. Britta hatte anfangs auch zugehört, aber es überwältigte sie, sie mußte so bitterlich weinen; da fühlte sie sich nicht sicher vor dieser Gewalt in Karens Händen und war nicht wiedergekommen. Die beiden weinten nicht. Ein Ausdruck erschien auf ihren Gesichtern, als stünden sie auf rosigen Gipfeln, und, tief unter ihnen, der Rauch der Dächer und alles Leid der Welt . . .


Der Schlitten fuhr lautlos über den glatten Schnee. Zur Rechten, jenseits des tiefen schneegefüllten Tals, ragten die blendenden Höhen. Tannenwälder leckten mit schwarzen Zungen an ihnen herab, und hier und dort klebte ein Dorf, halb verschüttet, unter der glitzernden Last. Links waren sanftere Anhöhen, verschneite Böschungen, dann und wann ein altes hölzernes Haus, das warm und braun unter dem Schneedach dastand: Sprüche liefen in krausen Buchstaben um seinen Mittelbalken, gleich Runen in einen Zaubergürtel geritzt, der vor Unheil bewahrt. Krähen saßen schwarz und stumm auf dem Zaun über dem Abgrund, überall lastete der Schnee, schweigsam und schwer, aber 62 belebt durch sein eignes Glitzern und Funkeln. Es war das echte Winterwetter, zu dem sowohl ruhige Arbeit wie tolle Lustigkeit paßt, aber nichts Wehmütiges, nichts das hilflos ist und ergeben.

Ein bißchen weiter noch, und der Schlitten hielt. Hier wurden die Pferde gewechselt. Es war eine winzige Ortschaft, Kirche und Posthaus, das zugleich als Wirtschaft diente, und ein paar braune Bauernhäuser, die im Sommer lange blühende Nelkenzweige aus den Fenstern niederhängen ließen und die Namen ihrer Erbauer über der Haustür trugen.

Britta wurde ins obere Gastzimmer geführt. Der Kachelofen brummte, es roch nach Holz und frischem Kaffee. Bald stand alles vor ihr auf sauber gedecktem Tisch. Hier war sie schon einmal gewesen; damals, als sie ankamen. So voller Hoffnung: das kleine Gasthaus schien die erste Etappe zu sein zur Erfüllung ihres einen Wunsches. Heut blickten sie die ausgestopften Murmeltiere über dem Sofa und die Eichkätzchen über dem Klavier weniger zuversichtlich an. Damals hatte sie in den vergilbten, verflederten Noten gestöbert, allerhand »Edelweißwalzer« und Tyroliennen und die »Schule der Geläufigkeit«. Und mitten drin hatte sich eine kleine Melodie von Gluck 63 verirrt, von der sie bisher angenommen, niemand kenne sie. Aber wie sie sie spielte, die wehmütige Oberstimme mit der gleichmütig rieselnden Begleitung, war ihr auf einmal, als lächle sie jemand mitleidig an, als führe ihr etwas traurig Liebkosendes übers Herz, sie wagte nicht aufzuhören, weil sie fühlte, wie ihr die Augen voll Wasser standen. Mucki hatte hinter ihr auf dem glatten Roßhaarsofa gesessen und gesagt: »Komm Britta, probier mal, es ist genau wie Pastors Kanapee, man kommt sich vor, wie eine Lawine.«

Heut aß und trank sie rasch, ohne sich umzublicken. Die Murmeltiere und Eichkätzchen sahen mottenfräßig aus in der klaren Wintersonne, sie hatte Eile, aus dem Bannkreise ihrer starren Äuglein zu kommen.


Als Britta in der Dämmerung im Sanatorium eintraf, fand sie Mucki und einige andre ihres kleinen Kreises in Karens Zimmer. Sie hatten sie erst später erwartet, und es war große Überraschung und Geschrei, als sie eintrat. Karen machte gerade Kaffee auf ihrer Höllenmaschine, die sich diesen Namen durch häufige Explosionen verdient hatte, und irgend jemand mußte wohl Geburtstag haben; denn eine bekränzte Torte, mit Wachskerzchen geschmückt, spendete ein 64 geheimnisvolles Rembrandtlicht. Wenn man von einem Ort, an dem man lange ununterbrochen gewohnt hat, sei's auch nur kurze Zeit, fortgewesen ist, so sieht man ihn bei der Rückkehr wie etwas Altbekanntes und doch unbegreiflich Fremdgewordenes wieder. Die Augen haben sich an andern Dingen zerstreut und erfrischt, und es ist, als ob ein Maler ein Bild betrachtet, an dem er lange gepinselt und das er dann einige Tage gegen die Wand gelehnt, abseits gestellt hatte. Diese jungen, teilweise kindlichen Gesichter, mit glänzenden Augen und geröteten Backen, diese armen leichtblütigen Wesen, die sich an einem winzigen Täßchen schwarzen Kaffee und einer verbotenen Zigarette einen kleinen Freudenschwips holten – standen sie ihr nach so viel Monaten des Zusammenseins eigentlich nahe? Oder waren es Schatten, wie man sie von der Straße aus an erleuchteten Fenstern vorübergleiten sieht, die hinaus lächeln ins Dunkle und nichts wissen von den andern Schatten da draußen. Lassen war nicht im Zimmer, das sah sie gleich, und es war ihr unheimlich, daß er nicht gleich da sei sie zu begrüßen. Es fuhr ihr kalt übers Herz. War irgend etwas vor sich gegangen, während sie fort war, hatte sich etwas verändert? Und waren sie denn wirklich alle so lustig? 65 Unwillkürlich streckte sie ihre Hand aus; sie hätte gern einen Augenblick die Augen geschlossen und sich an jemanden angelehnt. Ach, wie dumm! Es war gewiß das warme Zimmer und die Blumen, nach der kalten Fahrt. Sie strich sich über die Stirn und beugte sich über den Bruder, der sich aufgerichtet hatte. Aus ihrer Pelzjacke hauchte ihn noch die frische Schneeluft an, in ihrem Haar hingen ein paar glitzernde Tröpfchen.

»So, da kommst du ja gerade noch recht« – sagte er grämlich, aber mit einem lieben Aufleuchten. »Noch ein bißchen Explosivstoff, Fräulein Karen, das Ding ist ja schon wieder in den letzten Zügen.«

Herr Brinkmann aus Livland, der das R rollte, als ob er sechs Tigerkatzen verschluckt hätte, kam mit der Spiritusflasche gelaufen. »Um Gotteswillen, erst auspusten!« rief Britta eben noch zur rechten Zeit.

»Na ja, man denke sich,« sagte der Assistenzarzt, »wenn der ganze Kasten in die Luft flöge. Chirurgische Tätigkeit, welche Abwechslung!«

»Ob unser Oberbonze dabei glänzen würde, erscheint mir zweifelhaft,« sagte Karen und goß eine morastige Brühe, welche sie »türkischen Mokka« benannte, in die Puppentäßchen ein. »Wenn man seit Jahren nichts tut, als trostbedürftigen Menschen 66 versichern, daß anhaltendes Fieber ein sicheres Zeichen der Genesung sei – ob man da die übrigen Handgriffe nicht verlernt?«

»Nu« – sagte Herr Brinkmann – »wänn die Härrn Ärrrzte alle die Krrankheiten zu behandeln wissen, jejen wälche – wie es in ihrem rreizenden jarrrgon heißt – keine Kontraindikation voorrliecht, so missen es sähr errfahrrne Leite sein . . . Ich habe heite im Wartezimmer eine Liste der landleifigsten Krankheiten durchstudiert, die man alle in Arrrventhal loswerden kann – ärrbarrmen Sie sich, mir schaudert noch davon.« –

»Ja, nicht wahr,« sagte Karen, »wenn man so was liest, meint man, man hätte alles gleichzeitig.« »Ja«, – sagt Herr Brinkmann mit noch stärkerem Geschnurr – »da waar ein Parragrraf ieber Schnüürrleberrn, ein den Siejeslauf des Korrsätts parrallel bejleitendes Jebel, und ein anderrer ieber die Kniebeitelentzündung, wälche sich die änglischen housemaids durch das iebertriebne Schrruppen där Tührrschwällen und Trräppen zuziehn, zu wälchem sie der starrre Konventionalismus des brrritischen Spießertums värrurrteilt . . . Nachdem ich zehn Minuten jelesen hatte, fiehlte ich berreits deitliche Symptome 67 dieser spezifisch weiblichen Jebrrästen an meinem eijnen Leibe . . .«

Britta fing an auszupacken. »Nein, nein, nichts anrühren, das sind Überraschungen, aber hier – und hier –« sie reichte verschiedene Pakete herum. »Ihre Schlittschuhe, Karen, sind jenseits von Gut und Böse. Der Onkel aus Lappland muß Ihnen schon ein Paar neue stiften.«

Eine kleine, unbehagliche Pause entstand. »Ach, Fräulein Karen braucht keine Schlittschuhe mehr, sie will morgen weg. Dies ist der Opferschmaus.« Mucki hatte es gesagt, leichthin, aber er machte sich mit der Kaffeemaschine zu schaffen, während er sprach.

»Ja, es sind Frrrämde jekommen aus den Tälern därr Wältlust,« sagte Herr Brinkmann, »sie warren anjetan mit weißen Jakken und jestrickten Kappen, und an ihrren Füßen warren Ski und an ihrren Händen warren Fausthandschuh – morrjen will Fräulein Karren mit ihnen ieber die Hehn.« –

»Wie die Ibsensche Dame mit dem Bärenjäger,« sagt der Assistenzarzt – »ich bin frei – ich bin frei!« –

»Ja, das bin ich auch, Gott sei Dank« – sagt Karen. Ihr Ton ist verärgert. 68

»Hat Ihnen der Höchstkommandierende seinen Segen oder seinen Fluch dazu erteilt?« fragt Fräulein von Leutwein und betrachtet ihre langen, durchsichtigen Hände.

»Ach, der soll reden« – sagt Karen heftig. »Was hilft's mir, ob ich ein paar Jahre länger lebe, wenn ich mich die ganze Zeit langweile. Das ist grad wie eine Freundin von mir, die sich niemals Stirnlöckchen brennen will, weil sie Angst hat, sie könnte mit vierzig Jahren kahl davon werden. Als ob es nicht ganz egal wäre, wie man mit vierzig Jahren aussieht . . .«

»Aus Ihnen redet die Arglosigkeit der ersten Jugend«, sagt der Assistenzarzt.

»Ach, ich kann, ich kann nicht mehr!« sagt Karen; »ich ersticke. Das ist alles ganz schön für einige Zeit, kahle Berge und kahle Zimmer und nichts als Luft – aber dann . . . Sehn Sie, wenn ich nur ein französisches Modejournal in die Hand nehme oder im Annoncenteil der Zeitung die Namen all der Winterkurorte lese – da wird mir elend vor Zorn. Ich möchte an der Riviera sein, oder in Ägypten, und im allerschönsten Hotel wohnen und immerzu klingeln, und dann käme ein italienischer Kellner und sagte »Commandi« und »non dubiti« und brächte mir 69 alles, was ich nur wollte. Und abends möchte ich auf einer Terrasse sitzen und Eis essen und geputzte Menschen wogten auf und ab, dazu müßte irgendwo Isoldes Liebestod gespielt werden oder es dürfte auch meinetwegen so was Zuckriges sein von Leoncavallo. Und wenn ich Fieber hätte, desto besser, man lebt ja doch eigentlich nur bei erhöhter Temperatur. Das Vegetieren hier – na ja – die Murmeltiere leben ja schließlich auch in ihrer Heukiste. Und dann – wenn ich genug davon hätte – dann wollte ich wieder arbeiten. Es hat keinen Zweck, die paar Freuden dieses Lebens in einen Schrank zu schließen, wie ein braves Kind seinen Kuchen wegschließt, damit er länger vorhält. Man ist doch nur präokkupiert. Nein, viel besser man frißt die ganze Herrlichkeit auf einmal auf, dann hat man Ruhe . . .«

»Also die Indijestion als Vorrrbedingung derr Sälenläuterung«, bemerkte Herr Brinkmann.

»Ja, erst einmal Kairo oder die Riviera und ordentlich austoben und dann irgendeine tüchtige Stadt, wo man an seine Arbeit geht, wie man in einen guten harten Apfel beißt.«

»Sind Sie nicht ein flatterhafter Schmetterling, tout bonnement, liebe Karen?« sagt Fräulein von 70 Leutwein spitz. »Noch vor ein paar Wochen waren die Klassiker und die Vereinfachung der Lebenslinie die Losung . . . Sind Sie damit schon zustande gekommen?«

»Man nennt die Schmetterlinge flatterhaft«, läßt sich Muckis träge Stimme vernehmen. »Aber die Bienen, die uns von klein auf als Muster eines moralischen Lebens vorgehalten werden, sind es ganz ebenso. Nur, daß sie dabei auch noch einträgliche Geschäfte machen. Ich finde die Schmetterlinge sympathischer.«

»Danke für Ihren Beistand«, sagte Karen trocken. »Dieser Kuchen verbreitet übrigens eine Allerseelenstimmung, die uns alle angesteckt hat. Ich bin dafür, ihm den Garaus zu machen.«

»Ja liebe Karen,« sagt Mucki, »pusten Sie uns mal der Reihe nach das Lebenslicht aus, Stück für Stück 'n Dreier . . .«

»Nein, das muß jeder selbst tun, aber ich will anfangen.«

»Also . . . das feuerrote, die Kerze der ewigen Anfechtung, das sind Sie, Fräulein Karen,« sagt der Assistenzarzt.

»Nun also – Courte et bonne«, sagt Karen, »laß fahren dahin!« Und sie beugt sich über den Kuchen. 71 Wie fein die zitternden Nasenflügel, der große, leichtzuckende Mund, die feinen, beweglichen Augenbrauen. Auch die andern jungen Gesichter beugten sich vor. »Ave, Karen, Morrriturri,« schnurrt Herr Brinkmann, und Karen sagt, »o, hören Sie auf mit Ihrem philisterhaften Latein.« Ganz im Stillen kommen sie sich doch wohl alle ein bißchen heroisch vor, daß sie so gar nicht abergläubisch sind.

Nun erkundigte sich Britta nach den Bekannten, zunächst ohne Lassens Namen zu erwähnen. Man ging leicht über das Ungünstige hinweg. Der März war nun einmal ein böser Monat, und es war Etikette, solche Zwischenfälle möglichst flüchtig zu streifen. Nur als die Rede auf Concita, die kleine Spanierin, kam, ging's wie eine Wolke über die Gesichter.

Concita war im Herbst mit Vater, Großmutter, vielen Geschwistern und einer alten, schnurrbärtigen Dienerin Trinidad angekommen. Vater und Geschwister, klein und schmächtig, von gelber Gesichtsfarbe und alle mit denselben kurzen Radmänteln angetan, die an Studenten von Salamanca gemahnten, waren nur kurze Zeit geblieben. Wie fremde halbverklammte Wanderratten sah man sie, schwarz und schweigsam, an den verschneiten Hängen 72 hintereinander hergehen, und bei Tisch saßen sie mit düsterbrennenden Augen und sprachen mit seltsam heisern Stimmen, wozu sie mit den Händen gestikulierten; auch klagten sie sämtlich über Frostbeulen. Dann eines Tages waren sie verschwunden, nur Concita mit der Großmutter und der alten Trinidad blieben zurück.

Es war viel Wesens mit dem jungen, fremdartigen Geschöpf gemacht worden. Herr Brinkmann nahm sich vor, den Don Quixote in der Ursprache zu lesen, und kam alle Augenblicke mit dem Wörterbuch gerannt; die jungen Damen lernten spanische Tänze und mexikanische Lieder von ihr. Aber die Besserung hatte nicht vorgehalten, und nun war sie schon seit vielen Wochen nicht mehr ins Eßzimmer oder in den Wintergarten gekommen. Die jungen Leute hatten sie alle gern, ihr niedliches, gebrochenes Deutsch, ihr Mutwillen und ihre gänzliche Unbesorgtheit – wie ein krankes Kätzchen freute sie sich über jeden Sonnenstrahl – das alles hatte einen gewinnenden Zauber. Nur mit Karen war es nicht zur Intimität gekommen. Diese empfand ihr eignes Kranksein wie eine Degradation, und der Anblick schwer Erkrankter störte sie in dem künstlichen Optimismus, 73 den sie sich wie ein Gitter errichtete, hinter dem ihre Kunst sich friedlich entwickeln konnte. Denn die mokante Gleichgültigkeit, mit der sie ihre Krankheit erwähnte, die oft verletzenden Vergleiche, die sie brauchte, wenn sie von sich selbst und ihren Leidensgenossen sprach, waren im Grunde doch nur eine abergläubische Methode, das Schicksal zu entwaffnen, den Teufel an die Wand zu malen, damit er nicht in Wirklichkeit erscheine.

Aber ab und zu – selten genug – schenkte auch sie dem kranken Kinde eine Aufmerksamkeit: ein leise-ironisches Lächeln, so von weit her, wie eine kleine Welle, oder, im Vorübergehn, eine leichte, kaum fühlbare Liebkosung; einmal auch ein Bündelchen dicker, kurzgestielter Schneeglöckchen, die nach Erde rochen; »kleine, weiße Hasen« hatte sie gesagt . . . Ihre seltsame, mühelose Gewalt versagte auch hier nicht. Concita saß erstarrt und blickte wie in einen tiefen Brunnen hinab, mit flehenden Augen: »O liebe, schöne, wunderschöne Brunnenfrau, komm doch nur noch ein einziges Mal herauf und sieh mich freundlich an . . .«

Nun brachte der Assistenzarzt einen Erfolg aufs Tapet: Lassen. Der Oberarzt hatte gestern auf 74 Lassens Bitte eine große Generaluntersuchung vorgenommen und ging seitdem schmunzelnd einher wie ein majestätischer Silen. Ein so eklatanter Fall von Besserung war lange noch nicht dagewesen. Aber nun wollte der verblendete Mensch gleich abreisen, zu seiner Arbeit zurück, ohne Übergang, ohne Nachkur. Es war zum Tollwerden. Noch drei Monate müßte er bleiben, dann konnte er wieder Stahlstaub schlucken, wenn er durchaus darauf bestand. Aber jetzt schon . . . der Alte schnob wie ein Delphin.

Britta fühlte, wie eine Hand ihr Herz nahm und zusammendrückte. Es war, als söge ein chemischer Prozeß plötzlich die Farbe aus allem um sie her, und doch war's ihr nicht einmal ganz klar, was die Nachricht alles in sich schloß. Denn es war eine solche Gewohnheit geworden, neben Lassen am Tisch zu sitzen, mit ihm zu wandern, zu photographieren und tausend kleine Lustigkeiten zu haben – und daß mit seinem Fortgehen auch alle diese kleinen unbedeutenden Dinge, die doch wie ein freundliches Gespinst den Tag durchzogen, aufhören müßten, das würde ihr erst allmählich durch eine fröstelnde Leere, durch ein gewohnheitsmäßiges Erwarten, das unbefriedigt bleiben würde, klar werden. 75

Wie gewöhnlich, wenn etwas Ungewohntes oder Feindliches in ihr Leben trat, erwachte in ihr das Bedürfnis, etwas Mechanisches zu tun. Wenn sie zu Hause gewesen wäre, würde sie in die Sattelkammer gegangen sein und dem alten Christian geholfen haben, die Trensen und Kandaren zu putzen. Solche Beschäftigung war wie eine Gnadenfrist. Erst mal äußerlich Ordnung und Sauberkeit stiften, nachher läßt sich das Innerliche auch leichter einräumen und verwinden. So empfand sie auch jetzt nur den einen Wunsch auszupacken, ihre Kleider zu wechseln und in Muckis Zimmern nach dem Rechten zu sehen: die Blumen hatten gewiß kein frisches Wasser bekommen, oder es lag Staub auf den Photographien.

Aber als sie den Korridor entlang schritt, wo am Ende das hohe Fenster den Blick auf verschneite Wiesen und Hügel und ein einsames Kirchlein freigab, da spürte sie, wie sie das alles jetzt schon mit andern Augen ansah. Als sei ein Lächeln erloschen. Die Berge zogen graue Schleier um sich, traurig, fröstelnd – und das, was vor einer kurzen Stunde Leben hieß, hieß nun schon Erinnerung. War das noch dieselbe Welt? 76

 

Drittes Kapitel

Britta und Lassen gingen den Weg entlang, der erst durch den Wald, dann über Wiesen, die im Sommer rot von Alpenrosen waren, zu einer kleinen Wirtschaft führte, welche jetzt ganz vereinsamt lag und mit ihrer leeren Veranda, ihren verschlossenen Automaten und aufeinandergetürmten Tischen und Stühlen einen raffiniert trostlosen Eindruck machte.

Es lag Schnee auf den Wiesen, aber die Sonne hatte Rinnen hineingeschmolzen, und hie und da waren große fahle Flächen frei geworden und der Geruch der Erde, die sich über all den jungen Keimen zu lockern begann, quoll in die klare Luft.

Wie gut er wieder steigen konnte, stundenlang, so gut wie sie – dachte Britta. Heilung, du gesegnetes Wort! Ja, wenn er wirklich geheilt war. Aber der Sanitätsrat hatte ihr im Vertrauen gesagt, es sei ein wahrer Mord, eine so wundervolle Genesung zu unterbrechen; drei Monate noch und etwas Nachkur, dann wollte er garantieren. Aber wenn der verrückte Mensch jetzt zurückginge in den Staub und in die Zugluft, so könnte er nächstes Jahr wieder übel dran sein. Ob sie nicht ein bißchen zum Guten reden wollte? 77 Denn der Alte sah viel hinter seinen blitzenden Brillengläsern und wußte genau, wo er die Hebel anzusetzen hatte.

Lassen hatte einen kleinen Tannenzweig abgebrochen und betrachtete die feinen Schneekristalle. Britta fühlte ihn mehr neben sich, als sie ihn sah. O wie schmerzlich sie ihn jetzt schon, im Vorgefühl, vermißte. Meistens still und in sich gekehrt, hatte er plötzliche Anwandlungen knabenhafter Lustigkeit, dann wurden seine Augen ganz jung, und es war, als reckte und streckte sich etwas in ihm. Sie kamen gut miteinander aus, freuten sich über dieselben Dinge, die Leute, die Tiere im Dorf, alte gebückte Menschen, die aus einer Zeit stammten, als Arventhal noch ein stilles Gebirgsdorf war, nur wenig Bergsteigern bekannt. Sie konnten zusammen am Schaufenster des Reisebazars stehen und so seelenvergnügt in sich hineinkichern über all die ausgestellten Horreurs, sie zogen mit einer ganzen Kinderschar zum Konditor oder veranstalteten Wettfahrten mit Preisen für die kleinen rotnasigen Schlittenfahrer. Lassen kannte jedes Kind und jeden Hund beim Namen, oder er hatte ihnen selbst Namen gegeben, was aufs selbe herauskam. Da war ein kleiner brummiger Köter, der Herr 78 Oberrechnungsrat, der mit Zucker gebändigt wurde, so daß er sich nun immer erhob und den beiden, gnädig wedelnd, bis zur nächsten Ecke das Geleit gab; dann gab es eine »Familie Wollmann«, des Sattlers brauner Fuhrmannsspitz und dessen quiekende Nachkommenschaft; man mußte sie gewöhnlich erst aus einem Berg von Roßhaaren, der im Hofe aufgetürmt lag, herausgraben; dann wurde jedes der Bärenkinder umarmt, es war als drückte man einen quietschenden, strampelnden Muff ans Herz, und es gehörte Seelenstärke dazu, sich loszureißen. Aber auch Fräulein Strübli, die kleine bucklige Näherin an ihrem Parterrefensterchen, war eine Protégée der beiden. »Fräulein Strübli, Sie müssen einen Kaffeeklatsch geben«, diktierte Lassen. Und dann wurde ihr alles Nötige ins Haus gebracht, Kaffee und Zucker und ein großer Kringel in Form eines E's, denn Fräulein Strübli hieß Emmeline. Aber zum Dank mußte sie dann den nächsten Tag erzählen, was alles geklatscht worden sei, besonders was die Schwester des Apothekers, die sich stets über die neuen Moden entsetzte, gesagt hätte. Und derweil reparierte Lassen ihre klapprige Nähmaschine, und Britta saß mit der Katze auf dem kleinen harten Sofa beim Ofen und lachte mit 79 ihrem tiefen gurrenden Lachen über Fräulein Strüblis arglose und oft tiefsinnige Bemerkungen. »Glauben Sie mir,« sagte Fräulein Strübli, »die Damen, die beim Maßnehmen immer sagen, ›nur recht bequem‹, das sind nachher die allerärgsten, wenn das Kleid nur eine kleine Falte schlägt.«

Sie hatten beide den Zug zu stillen, ärmlichen Existenzen; was dort blühte, erfreute sie wie schöne Blumen an den Fenstern armer Leute; sie hatten eine große Leichtigkeit, sich in die Freuden und Sorgen einfacher Menschen zu versetzen, während sie die Leiden verfeinerter Leute mehr nachsichtig als mitfühlend behandelten. Und auch physisch gingen sie im gleichen Schritt, die Hände in den Taschen, meist schweigsam, und das Schöne um sich her als ein Ganzes aufnehmend, eins und untrennbar mit der reinen Luft, die ihre Lungen dehnte, und dem Gefühl der Anstrengung, die ihren Gliedern wohltat, ohne groß zu detaillieren. Nachher, zu Hause, wenn sie den andern erzählten, ja, da merkten sie zu ihrem Erstaunen, daß es sehr oft dieselben Bilder waren, die sie in ihrem Innern aufbewahrt hatten, einen Baum im Nebel, am Abhang hingepflanzt, eine kühne Wendung des Pfads, das Gefühl brütender Verlassenheit über dem steinigen 80 Flußbett zur Mittagszeit, die ihnen jetzt erst beim Zurückrufen deutlich wurden. Britta war in ihren Beschreibungen farbiger als Lassen, aber sie merkte an seinem Ausdruck, daß er's sehr ähnlich gesehen hatte, ob er auch still in seinem Nachgenießen war. Ab und an – aber erst seitdem er sie besser kannte – erzählte er ihr von seiner Heimat, einem Städtchen nahe der dänischen Grenze, wo sein Vater Zimmermann war; und nach und nach machte sich Britta ein Bild von der kleinen Stadt, die ein Kanal durchschnitt, zu dessen beiden Seiten Giebelhäuser mit bemalten Balken standen, mit Bänken und beschnittenen Lindenbäumen vor der Tür, ein Bild, das sich aus Lassens zufälligen Bemerkungen und der Erinnerung an die Holzschnitte einer alten Ausgabe von Andersens Märchen in ihrer Seele aufbaute: alte Straßen, in welchen Lassen und sie, zu Kindern geworden, Hand in Hand gingen und herumstanden; am Kanal, wo gelbe Lindenblätter unter der Brücke vorbeitrieben, oder vor der offenen Werkstatt, wo der graubärtige, blauäugige Zimmermann in einem Gewölk duftender Hobelspäne stand und schaffte, von einem schrägen Sonnenstrahl in einen freundlich nordischen heiligen Joseph verwandelt. 81

Nun lebte Lassen in einer rauchigen Fabrikstadt Westfalens. Er hatte von der Pike auf gedient, und Britta, die nie glücklicher war, als wenn sie mit Hammer und Ahle etwas bohren und basteln konnte, wußte es zu schätzen, wie seine Hände alles in der ruhig selbstverständlichen Weise anfaßten, als ob sie selbst denkende Wesen seien. Mit den Arbeitern, in deren Mitte er groß geworden und über die er nun gesetzt war, hatte er sich – ein seltener Fall – gut zu stellen gewußt. Ohne alle Sentimentalität, aber von demselben verständigen Interesse für sie beseelt das er auch jedem Rädchen seiner Maschinen zu teil werden ließ, war seine Fürsorge, die auf einem großen Sachverständnis beruhte, für diese Leute wertvoll und angenehm. Denn sie verlangten gar kein besonderes Mitgefühl, sie wollten nur jemand haben, der begriffe, daß, wenn man diese Schraube zu fest anzieht, an jener anderen Stelle Reibung entstehen muß und daß das Öl, was eine Maschine braucht, weder eine Gnade noch eine Verschwendung bedeutet. Nun hatte er aber, von seiner Geschäftsführung abgesondert, eine angeborene Zuneigung für alles Schwache und Kleine, besonders wenn es Wachstum versprach. Dieser nachzugeben, war seine Art sich einen Luxus zu gestatten, 82 und wenn er beim Klang der Feierabendglocke das Reich der arithmetischen Gerechtigkeit hinter sich ließ, kam ein weicher spielender Zug in sein Wesen, dem er sich hingab wie mit wohlig erschlafften Muskeln. Die Leute, die nun alle müde und rußig an ihm vorbeigingen, er kannte ihre Stimmung, ihre Freuden und Sorgen; es war auch hier weiter nichts als Sachkenntnis, was ihn das rechte Wort treffen, beim Anblick der qualmenden Schlote all der kleinen, bescheidenen Rauchwölkchen gedenken ließ, die für diese Männer die Heimat bedeuten, die kurzen Stunden, daß sie nicht Rad unter Rädern sind.

Von seinem persönlichen Leben sprach er nur flüchtig. Aber Britta hatte bald herausgehört, daß die kleine nervöse Frau daheim, die auf einer höheren Töchterschule gewesen, ihm gewisse Lücken seiner Bildung, besonders aber die Offenherzigkeit, mit welcher er sie eingestand, nicht recht verzeihen konnte. Auch daß er bei Gehaltsaufbesserungen stets zurücktrat und andre vorschob, die es seiner Ansicht nach nötiger hatten, konnte sie nicht verstehen und empfand es als pflichtwidrig gegen sie und die Kinder. Lassen machte es sich nicht klar, daß er als barfüßiger Zimmermannsjunge in dem kleinen Hafenstädtchen, bei seiner 83 damals eisernen Gesundheit und dem ungebundenen Dasein, ein trotz aller Armut viel reicheres Leben gehabt hatte als seine zarteren Knaben, die nun bald anfangen müßten, viel graue Weisheit zu lernen und mit Kindern wohlhabender Leute umzugehen, und die kleine, von Ehrgeiz geplagte Frau, die mit den Fabrikantendamen wetteiferte und aus lauter Verlangen, ihr Heim zu schmücken und einen präsentablen Gatten und hübsch gekleidete Kinder zu haben – sich in einem fortwährenden Zustand der Atemlosigkeit befand. Ihm schien sein Einkommen reichlich, und wenn Fränzchen darüber klagte, so hörte er das an wie etwas Rätselhaftes aber Unabänderliches, etwas, das man tragen mußte wie schlechtes Wetter oder Preisschwankungen. Der Gedanke, daß seine Ansprüche vor den Ansprüchen anderer, die wirklich bedürftig waren, berücksichtigt werden könnten, lag ihm so fern, daß er die Anspielungen seiner kleinen unzufriedenen Frau gar nicht verstand.

Alles das war auf den Spaziergängen allmählich, nebenbei, ohne Fragen, beinah wie ein Monolog, zutage gekommen. Es ist das untrügliche Zeichen gegenseitiger Sympathie, wenn der Monolog möglich, ja selbstverständlich wird. Und Britta neigte 84 überhaupt mehr zum Zuhören als zum Reden; wodurch ihre Handlungen, weil nie von viel Worten eingeleitet, oft etwas Abruptes haben konnten. Still und im Schritt konnte sie so neben ihm hergehen; »als sei's ein Stück von mir« summte er vor sich hin, und es war in dem Marschrhythmus des alten Soldatenliedes etwas, das sein Gefühl für sie besser ausdrückte, als er's selber je vermocht hätte. Ein Aufleuchten der Augen, ein kurzes, verständiges Wort hin und wieder, das ihm bewies, daß sie sich in fremde Verhältnisse hineindenken konnte und keine Ratschläge ins Blaue hinein geben würde, gab ihm sehr bald das Zutrauen, das nach kurzer Zeit schon wie aus frühester Zeit zu stammen schien. Und das wurde durch ihre physische Eigentümlichkeit noch gefördert. Denn sie war ganz furchtlos, mit langem elastischem Schritt wie ein Junge, und zog immer vor über Hindernisse zu springen oder zu klettern als sie zu umgehn; und sie hatte schöne, geschickte, etwas knabenhafte Hände, die aber weich und behutsam sein konnten, wenn sie etwas Zartes oder Hilfloses handhabten, und in der Art wie sie den Kopf trug, erinnerte sie ihn an einen ganz jungen Arbeiter daheim, dem er manchmal im Hof der Reparaturwerkstatt, sorglos pfeifend, mit entblößtem Hals, 85 eine Last eiserner Stangen über der Schulter, begegnete.

Ja, wenn man Lassens Gefühl genau hätte bezeichnen sollen, so hätte man es mit einer leidenschaftlichen Liebe zu einem jungen Bruder – nicht zu einer Schwester – vergleichen müssen; von alledem, was man »ritterlich« nennt, war eigentlich nichts dabei, wohl aber Stolz auf sie und unendliches Vertrauen.

Also nun war es fest beschlossen. Er reiste nach Haus, hatte Briefe bekommen; der Chef bot ihm eine beßre Stellung an, aber er mußte sie gleich antreten. Fränzchen schrieb aufgeregt, er müßte natürlich den Arzt entscheiden lassen, aber zwischen den Zeilen las er die verhaltene Angst, daß er vielleicht doch nicht annehmen würde. Es handelte sich um Inspektionsreisen, was ja auch gesundheitlich günstiger war als seine bisherige Tätigkeit. Es war ein neues Feld, das für ihn, bei seinem Gerechtigkeitsfanatismus, immer etwas Lockendes gehabt hatte. Wie wollte er die Augen offen halten! Er sah ja so vieles auf den ersten Blick, bei Menschen und Maschinen, es war etwas Unwillkürliches, eine kleine, zitternde Welle, die ihn durchlief bis in die äußersten 86 Fingerspitzen, er fühlte, wie seine Augen hell und hart wurden, und dann streckte sich seine Hand aus und hatte den Fehler gefunden. Oft wußte er selbst nicht, wie's ihn überkam, dieser Instinkt für Gleichgewicht, sei's bei einer komplizierten Zeichnung, einer geschäftlichen Abmachung, einer menschlichen Handlung – vielleicht weil er von klein auf so viel gezimmert und geschlossert und die Fehler immer selbst ausgeprobt hatte.

Britta konnte die Worte des Gestrengen nicht loswerden. Dies war ihr letzter Spaziergang zusammen; und als sie den Rückweg antraten, wurde ihr jeder Schritt so schwer, als ginge sie in einem traurigen Traum. Seltsam, als sie ihn zuerst kannte, und er war so schwer krank damals, da hatte er ihr leid getan, ach, schrecklich leid; aber im Grunde, wenn er damals gestorben wäre, würde sie heute wohl noch an ihn denken? Und nun – nun war er fast gesund, niemand, der ihn heute sah, würde denken, daß er aus einem anderen Grunde hier sei, als um zu rodeln oder Ski zu laufen; und es war das Gesunde in ihm, das sie anrief, wie Blut von ihrem Blute. Denn es war ja ihre Wärme, ihre Frische, die in ihn übergegangen war, die die 87 Lebenslust wiedererweckt hatte, diese stärkste Verbündete bei der Überwindung der Krankheit. Ja, das war zum Teil ihr Werk, und jeder Schritt vorwärts war doch ein Schritt von ihr weg gewesen. Und nun war das Ende da, eine Tür fiel zu . . . man sagte wohl »Auf Wiedersehn« – aber es war eben doch fertig. Ach, wenn er immer einen guten Kameraden neben sich hätte, so wie sie einer sein konnte. Denn sie konnte arbeiten; Arbeit schlug den Takt zur Musik ihres Lebens. Wenn sie, als ganz junges Ding, sich den Mann vorgestellt hatte, dem sie einmal folgen würde, da hatte sie sich und ihn immer inmitten eines Lebens harter, fröhlicher Arbeit gesehn, so etwa wie in Brethartes Erzählungen, ein Leben, bei dem die Menschen hager werden und verwittert vor der Zeit, aber weiße Zähne und junge Augen behalten.

Wenn er nun so frei und bedürfnislos vom Leben sprach, ging's wie ein Dehnen durch ihre eignen Muskeln, und plötzlich fuhr's ihr, eine feine haarscharfe Klinge, durchs Herz. Was war's, der rasche Funken in seinen Augen, wie das Aufblitzen der Sonne in einem nassen Dachschiefer, oder jene Linie an Hals und Schulter entlang, was ihr das Herz 88 so heimlich selig zusammenzog, als bedeute es etwas andres, Unsichtbares: Freimut, Ausdauer; etwas, das ihr Ruhe und Gewißheit gab, dem sie gut sein könnte in der Nähe und in der Ferne. Aber dann wieder, mitten im Reden von Plänen und Arbeit und wie alles für die andern besser werden sollte, konnte er sie mit so treuen, weltfremden Augen ansehn, daß ihr auf einmal das Märchen vom eisernen Heinrich in den Sinn kam; Augen, wie er sie wohl damals schon hatte, als er nach seiner Mutter Begräbnis mit der Katze in den Hobelspänen saß. Und dann schluchzte etwas in ihr auf wie eine heiße Quelle.

Es gibt Frauen – sie sind mit Demeter näher verwandt als mit Aphrodite – die in dem Mann den fernen, kleinen Knaben spüren, den sie nie gekannt; Frauen die, als liebsten Besitz, in irgendeinem geheimen Schubfach ein komisches, verblichnes Bildchen verwahren. Das Jüngelchen mit dem hölzernen Pferdchen oder dem Bilderbuch, das kleine aufmerksame Gesicht, das sie daraus anblickt, o wie leuchten ihre Augen ihm so heiß entgegen: Schelmerei und innigstes Verständnis, tiefe Sehnsucht, ach und vielleicht ein klein bißchen Eifersucht – was liegt nicht alles in ihrem Blick . . .! 89

Wie war das nur über sie gekommen, so unmerklich anwachsend, daß ihr erst der Schmerz, nun sie's entbehren sollte, des Rätsels Lösung nannte. Kam Liebe so über Einen? Liebe . . . Sie hatte immer gedacht, das würde so stark sein, so ernst und strahlend und herrisch, wie tönende Posaunen: man würde aufstehn und folgen, wie dem Todesengel . . . Man würde folgen – man müßte . . . an den Pranger oder über Gottes höchsten Regenbogen, gleichviel! . . .

Und nun war's ganz anders geschehn. So mit leisen, suchenden Würzelchen, die sich im Dunkel verästeln . . . ach, nichts Herrisches, nichts Stürmendes, und doch so stark, so unabweisbar, wie ein kleines, trauriges Kind . . .

Und es war dies Gemisch der Empfindung in ihr, die Anerkennung seiner Kraft und fröhlichen Bedürfnislosigkeit und dann wieder diese heiße, verwirrende Welle, wenn sie in seinem Blick, in seinem Lächeln etwas Geduldiges ahnte, dem sein Erbteil vorenthalten geblieben war – was den Grund ihres Herzen aufgelockert hatte wie Frühlingserde. Den Kopf gegen eine moosige Tanne gelehnt, die Brauen etwas schmerzlich zusammengezogen, saß sie, während er 90 neben ihr stehend, das Knie auf die Bank gestützt, auf ihre Hände niedersah, die ihr schön und willenlos im Schoße lagen. In seinem Rock steckte ein Brief, den er auf seinem Zimmer gefunden und rasch durchflogen hatte, als er hinaufging seine Mütze zu holen. Von seiner Frau adressiert, aber innen ein linierter Bogen mit großen steilen Buchstaben bedeckt. Oh, wie hatte es in ihm aufgezuckt, daß er sich bisher noch gar nicht so recht rein und voll auf das Kerlchen gefreut hatte, und das machte ihm unterdes allerhand Überraschungen, klebte und schnitzte. Und wie er da mitten in seinem Zimmer stand, den knisternden Brief in den Händen, hatte er gefühlt, wie ihn das alte Leben schon wieder zu umspinnen begann, wie es ihn einsog, surrend und brausend, das Gefühl des Wachestehens, der Verantwortung für viele, und dazwischen ein Geräusch von kleinen Stiefelchen, die den Korridor hinuntertrappeln . . . Ja . . . alles was hier gewesen, das hörte nun auf – verschlungen von dem neuen Rhythmus . . . »in gleichem Schritt und Tritt« . . . aber dort, dort waren die andern Kameraden.

Und so – während er auf ihre schmucklosen Hände niedersah, fing er an zu reden, abgebrochene, 91 scheue Worte, deren Stimmung ihn wohl schon vor Jahren durchzuckt hatte, wenn er am Strande stehend, ein Gefühl ziehender Unrast in den Schulterblättern, große, stumme Schiffe hinübergleiten sah in den Dunst und sich heimwandte, der väterlichen Werkstatt zu, mit einem bei einem Kinde ungewöhnlichen Ausdruck geduldigen Entsagens; Worte, wie er sie in dem Sausen und Surren der großen Räder und Treibriemen gehört und in dem weniger komplizierten Räderwerk all der armen, arbeitsmüden Existenzen um ihn her erraten hatte, wo auch ein jedes Rädchen ein andres treibt und von andren getrieben wird und es recht einsam ist, wenn man nie in ein paar tiefe, lachende Augen schauen kann, die einem sagen: bald ist Feierabend, Kamerad, und wenn die Ablösung kommt, dann, ja dann haben wir etwas Leichtsinn verdient; ja, leichten Sinn; nicht nur Ruhe. Ruhe haben auch die Tiere, aber mit solchen tiefen, lachenden Augen findet sich viel Lustiges auf der Welt, Lustiges, das doch keinem andern einen Seufzer kostet oder einen Schweißtropfen.

Er wollte ihr danken, denn nun ging er, und alles, was hier gewesen, entglitt ihm schon, blieb zurück, und doch . . . »als wär's ein Stück von mir« . . . 92

»Britta – wie soll ich Ihnen danken; ohne Sie wär' ich ja nicht gesund geworden; denn weil mein Herz froh wurde, konnten auch die Lungen heil werden. Und das Beste gaben Sie, ohne es zu wissen, es ging von Ihnen aus wie ein Duft. Im harten Winter hab' ich Sie gekannt in der klaren harten Luft, aber wenn ich Sie vor mir sah, war doch alles warm und reif und süß, wie Bienen in der Heide und Korn und Obstbäume, die man stützen muß, wenn jedermann Genüge hat. Aber auch an Arbeit erinnern Sie mich, an die himmlische Ruhe der Arbeit. Ach Unruhe, hin und her, Vergeudung, wie furchtbar! Die rechte Arbeit ist immer ruhevoll, und wenn's auch noch so sehr dröhnt und braust.«

Sie sah ihn in Gedanken durch mächtige Hallen gehn, wo es sauste und pochte und schwirrte, hoch aufgerichtet, Befehle gebend; o lieber Gott, würde seine Stimme auch durchdringen, war's nicht Fieber, das in seinen Augen glänzte, mußte er wirklich schon den Trank der Genesung absetzen und hatte doch nicht genug getrunken? Eine kleine Falte erschien zwischen ihren Brauen, senkrecht drohend, und ihre Hände verschränkten sich schmerzhaft. 93

»Britta, sehen wir einander wohl jemals wieder? Andre Welten, in denen wir leben – andre – wer weiß, in unsrem Innersten doch vielleicht dieselbe.« Seine hellen Augen wurden dunkel, als hätte sich ein Helmschatten über die Brauen gesenkt, und seine Stimme war wie aus der Ferne schon: »Sehen Sie, Britta, Sie haben so gute Hände, fest und arbeitsam, aber . . . . . wenn ich an meinen Vater denke, was er für harte, breite Hände hat, wenn er arbeitet oder vor der Tür sitzt und mit seinem Klappmesser sein Brot schneidet – so was haben Sie höchstens im Vorübergehn gesehn. Britta, aber mein Herz ist dort zu Hause . . . Und – im Grunde glaub' ich, das macht alles weniger aus, als man oft denkt, und mein Vater und Sie . . .« Er hielt inne.

Es ging ihr durch und durch. Ohne sich zu rühren, fühlte sie, wie ihre Arme sich weiteten, weit auf – wie daheim der Abendhimmel über der Heide, und in dem süßen, wehen Lächeln ihres Mundes lag etwas, das ihn gemahnte an die überwältigende Süße weißer Kleefelder, in die er als Kind den kleinen Strohkopf eingewühlt und selig – vom Leben losgelöst – gelegen hatte. 94

Sie waren beide Kinder jener Breiten, wo die Menschen mehr andeuten als aussprechen und oft so seltsam klare und doch verträumte Augen haben können: kommt's von der Einsamkeit her oder von der Möglichkeit, weit vor sich hinzusehn bis an den Himmelsrand? Sehn sie nichts oder sehn sie sehr viel? Ach das Zucken in seinen hagern Wangen, das verstand sie, und in ihren Augen schimmerte die Antwort. Sie hätte ebensogut vermocht, den heißen Strahl zurückzuhalten, als ihm Wasser zu versagen, wenn er durstig darum gebeten hätte. Sie streckte die Hand aus und griff nach der seinen und drückte sie fest, schmerzhaft, noch fester. In den Ästen über ihr glitzerten große Tropfen geschmolznen Schnees; aber die Luft war still und klar, die Nadeln hielten sie fest. Und auch die Tropfen in ihren Augen fielen nicht nieder. Vom Sanatorium her tönte eine Glocke. Schweigend stand sie auf; dann gingen sie stumm und schnell den kurzen Weg zurück.


Wie im Traum stieg sie die Treppen hinauf zu ihrem Turm. Auf dem Flur schon hörte sie den harten, quälenden Husten. Mucki saß, vornübergebeugt, auf seiner Chaiselongue, vor ihm, auf einem 95 Stuhl, Brittas Schuhe, mehrere Paar. Zwei waren schon geputzt und glänzten spiegelblank auf ihren Blöcken, an einem andern mühte er sich eben ab: hin und her ging sein scharfer Ellenbogen. »Oh, Mucki, das sollst du nicht« – nun stürzten ihr auf einmal die Tränen aus den Augen. »Ja, was hast du denn,« sagte er erstaunt und ließ einen Augenblick die Bürste sinken, »ich kann es nun einmal nicht leiden, wenn du mit schlechtgeputzten Stiefeln herumläufst – das gehört sich nicht für dich. Und auf diesen frommen Triften haben sie keine Ahnung, und selber tust du's doch nicht. Zieh dich an, es ist spät, ich putze noch diesen zu Ende, und wenn du auch alle drei Medizinmänner zu Hilfe rufst.«

Sie schob ihm das Kissen hinter dem Rücken zurecht. Wie eingefallen er war am Genick, und immer ein wenig in Schweiß; die Haare lagen feucht an den Schläfen. Sie blickte im Vorübergehen auf seine Fiebertabelle, um sechs Uhr wurde gemessen; es war immer die gleiche Höhe mit ganz geringen Schwankungen. Und wie dünn er war. Wenn sie ihm half beim Aufrichten, das war, als hielte sie ein Vögelchen in den Händen. 96

Sie ging in ihr Zimmer. Dort sah es, wie immer bei ihr – etwas kahl, aber darum nicht unbehaglich aus. Langsam sich umkleidend, rückte sie dies und jenes zurecht. Ihre Mappe, ihre kleine Lampe auf dem großen, tannenen Tisch, am Fenster ein dicker Strauß gelber Dotterblumen im blauen Steinkrug, daneben, noch aufgeklappt an der Stelle, aus der sie Mucki vorgelesen hatte, Napoleons Memoiren aus St. Helena, und dort an der weißgetünchten Wand, mit vier Zwecken angeheftet, vom letzten rosigen Abendlicht bestrahlt, ein einziges Bild: Carrières »Maternité« . . . . . Seltsam, es sah sie alles an wie fremdgeworden, als sei sie von einer Reise zurückgekehrt. Ihr war zumute, wie des Nachts auf Reisen, wenn der Zug plötzlich anhält und die eigne Stimme ins Dunkel hineinspricht und nicht zu einem zu gehören scheint, und eine fremde Station in fremder Sprache ausgerufen wird.

Und nun war sie fertig und trat auf die Schwelle von Muckis Wohnzimmer. »Warum trägst du eigentlich immer dasselbe Prachtgewand?« sagte er krittelig. Sie wurde rot. Vor wenig Tagen war's gewesen, da hatte sie im durchsichtigen schwarzen Kleid, das ihren schönen Hals freiließ, vor dem Spiegel 97 gestanden, die Lippen leise geöffnet, ihr eigen Bild anstarrend. Aber als dann die zweite Glocke läutete, hatte sie's plötzlich, beinah angstvoll, wieder von sich getan. Und heute, wie eine Schlafwandelnde hatte sie sich angekleidet und war in ihr weißes Wollenkleid geschlüpft, das sie alle Abend trug.

Sie trat näher an ihn heran – ihre Stimme zitterte ein wenig. »Mucki,« sagte sie rasch, ohne ihn anzusehn, »laß mich bei dir bleiben, wir essen zusammen, hier an deinem Bett, weißt du noch wie früher: Hähnchen und Hühnchen auf dem Nußberg . . .« »Nein,« sagte er gereizt, »wenn du den ganzen Nachmittag wegbleibst – nun will ich lieber allein bleiben.« Er drehte sich nach der Wand: »Lassen fährt morgen?« »Ja«, sagte sie gedrückt. »Grüß ihn, aber er soll nicht mehr heraufkommen. Wir haben gestern schon . . . O ihr gesunden Leute mit all euren Rücksichten. Wenn mich doch einer puffte und knuffte. Aber nun trag ich die Aufschrift: ›Vorsicht – Zerbrechlich‹.«

Sie kauerte sich zu ihm auf den Boden. Sie fühlte auf einmal so deutlich, sie wollte nichts für sich – nichts – nur ihm hier noch ein wenig Freude, ein wenig Wärme geben. Ein Lächeln dieses armen, 98 heißgeliebten Jungen – was auf Erden konnte ihr das aufwiegen? Aber seine Hand zog sich zurück. Auf einem Tischchen neben ihm lagen Photographien altgriechischer Plastik; die sah er sich oft am Tage an. Auch jetzt nahm er die zu oberst liegende und betrachtete sie. Ein schönes verstümmeltes Griechenhaupt. Wie sie ins Schicksal hineinstarrten, diese großen Augenhöhlen, wartend, furchtlos, wie in eine Sternennacht hinein. Dessen Götter gaben sich mit all dem Kram, den Bittgesuchen und dem Lamentieren gewiß nicht ab; sie sahen nicht aus, als ließen sie sich etwas abhandeln mit Kerzen und Gebeten.

Mucki ließ das Blatt sinken. »Sei so gut, gib mir das Buch dort« – sagte er. »Kurios, all diese modernen Verse; Perlmutter und Nebel, Rinnen und Gleiten, nirgends kann man den Fuß fest aufsetzen. Wenn man selber schon ins Rutschen geraten ist, macht das nervös. Man möchte etwas, das nicht nachgibt. So wie diese griechischen Grabschriften: ›Dies ist das Netz eines armen Fischers, hier angebracht als Sinnbild eines harten, freudelosen Lebens.‹ Punktum. Das waren unerschrockene Leute. Sahen, was schön war und was schlecht war, und sagten sich »So ist's«. Gingen den Weg, den sie gehen mußten, 99 ohne sich vorzulügen, daß sie keinen andern lieber gegangen wären. Nicht wie diese Optimisten coûte que coûte, diese Heuschreckenplage, denen man jetzt überall begegnet. Und deren Theorien ja doch nicht Stich halten, wenn's Ernst wird; das ist immer so mit vorgefaßten Meinungen. – Na also – gute Nacht, Britta.«


Die verfrornen Musikanten, die alle Sonntag Abend in der Wandelbahn mit steifen Fingern auf verstimmten Instrumenten für die Erheiterung der Kurgäste zu sorgen hatten und ihnen mit längst verschollenen Walzern und Opernmelodien plötzliche Seelenstiche versetzten, spielten heute abend als Zugabe die wohlbekannte »Paloma«. Es fielen die üblichen Bemerkungen über spanischen Rhythmus und orientalische Vierteltöne; ein Herr erzählte, gewiß zum zehntenmal, bei den Klängen dieses Liedes sei Kaiser Maximilian erschossen worden. Und während der Zeit nahmen zwei Menschen Abschied voneinander, mit stockenden, nichtssagenden Worten, und die kleine abgeleierte Melodie wand sich fein und zitternd durch diese Worte und verlieh ihnen schmerzhafte Gewalt. Aber sie hörten nicht hin auf die Töne, 100 die ihre Reden begleiteten, ob sie sich auch – ganz unbewußt – ihrem Gedächtnis tiefer einprägten, vielleicht auf immer.

Denn diese Klänge würden ihnen später, wo immer sie sie hörten, diesen Abend, diese Stimmung, dies eigentümliche Ersticken in der Herzgrube, nahbringen. Töne und Düfte haben diese Macht vor Bildern und Worten voraus. Der süße Ruf der Amsel, der zum Fenster herein dringt, wo ein Mensch steht und den Brief entfaltet, der plötzlich, mit ganz wenig Worten, das eine große Glück seines Herzens auslöschen wird, das Glück, um das er sein ganzes Leben hütend und liebend aufgebaut – den Ruf wird er nie vergessen. . . . Und das würzige Kraut, das seine Finger zerrieben, gedankenlos, während sein Mund – achtlos oder mit Bedacht – das Wort sprach, das einem andern zum scharfen Messer wurde . . . o weh, du leiser Duft, wie mächtig wirst du noch Klage führen! . . .

Im Garten des Paradieses wachsen große, strahlende Blumen; die sie schauen, vergessen des eignen Leides, und die ihren Duft atmen, vergessen den Schmerz derer, die sie zurückließen in der Welt. Da wandeln die Heiligen mit ihren Attributen der 101 Schmerzen, der Reinheit und der Barmherzigkeit und die Götter mit ihren Attributen des Gesangs, des Sturms und der Fülle. Da wandeln auch die Seelen der Verklärten, zögernd, mit ausgestreckten Händen, wie Blindgewesene, denen das Licht in die geheilten Augen scheint.

Aber plötzlich geht ein Zittern durch jene selige Gestalt. Was ist's, das den Saum ihres Kleides berührte, wo atmete sie diesen Duft? War's gestern, war's vor tausend Jahren? Ist es dies zarte, silbrige Kraut oder jene kleine leuchtende Steinnelke? Sie bückt sich und reibt mit zitternden Fingern das feingefiederte Blatt. O und das Weh der Erde erwacht, und dort, im Garten der Erlösten, bricht sie aus in bitterstes Weinen.

 

Viertes Kapitel

Wenn der Schnee so still liegt und jeder Tag dem andern gleicht, meint man wohl, die Zeit müsse langsam vergehn. Aber sie vergeht wie ein Blitz. Wie sie den Nonnen der ewigen Anbetung vergeht, vor denen plötzlich der Todesengel steht mit großen, leeren Augen: sind sie nicht gestern noch jung 102 gewesen, war es nicht gestern, daß die alten Hände, in denen der Rosenkranz klappert, schauernd, mit rosigen Fingerspitzen in die weiten Ärmel hinauf fuhren um sich an den runden, festen Armen zu wärmen?

Die Zeit vergeht ja auch den Murmeltieren, die der Gestrenge über Winter in einer Kiste im Keller verwahrt. Doch allmählich wird ihr Schlaf dünner, Geruch von Gras und Walderde, Geräusch von rieselndem Wasser, von Hacken und Graben dringt in ihr Dämmern; eines schönen Tags werden sie unruhig in ihrem Lager; erst öffnet sich ein plieriges Äugelchen und dann das andre; man dehnt sich noch ein wenig und sucht die Gedanken zusammen, aber noch ein Tag, dann sitzt die ganze Familie schon wieder draußen im Sonnenschein und frißt Rüben und Kohlstrünke, als hätte sie nie etwas andres getan.

Schneeschmelze – eine häßliche Zeit. Im Winter hatte sich alles so reinlich geglättet. »Eine Mauer um uns baue!« – wie's in dem Gedicht heißt. Ja, so war's auch gewesen, als sei das Leben an ihrem Schneewall vorübergegangen. Aber nun war eine Ruhlosigkeit über sie gekommen, man spürte, es würde sich vieles ändern. Da waren einige, die sich besser fühlten, o, beinah ganz gesund, sagten sie, und 103 die nun keinen Tag länger bleiben wollten. Denn so auf den Frühling warten, wenn er schon längst in den Tälern ist – das macht das Herz schwer. Hier oben hatte ihnen die harte, strahlende Natur die Lungen ausgelüftet und die Brust geweitet; sie war eine strenge Mutter gewesen, die ihren Kindern auf die Muskeln klopft und verlangt, daß sie das Ihre tun bei dem großen Werk der Gesundung. Aber nun füllten sich ihre Augen mit Tränen, wenn kleine, zerdrückte Pappschachteln ankamen, mit italienischem Poststempel, aus denen sie behutsam Anemonen und Mimosen und Parmaveilchen auspackten. Dorthin wollten sie, wo das tiefklare Meer gegen die Steine schäumt, wo die großen grüngelben Wolfsmilchstauden aus den Felsen sprießen und gegen den tiefblauen Himmel leuchten wie ein Jubellaut. Auf den Grasterrassen wollten sie sitzen, unter den jungen, wilden Kirschbäumen, die ihre geisterhaften Blüten in der lauen Luft schaukeln, von kleinen, gelben, pelzigen Bienen umsummt. Gepflasterte Wege wollten sie gehn – bergan, oh langsam, behutsam, das kann nicht schaden, man hat ja Zeit; nur bis zum nächsten rosigen Haus, wo an der abgeschrägten Ecke die Nische ist mit der kleinen Madonna, 104 die mit abgebrochenen Händchen lächelt: es tut nichts – tut nichts, ich segne Euch doch! Den nächsten Tag dann ein wenig weiter, bis wo der Wald beginnt. Man sitzt am Boden zwischen bitter-würzigem Myrtengesträuch, die Hand wühlt wohlig in der heißen, krümeligen Erde und findet leere Schneckenhäuschen zwischen den braunen, vertrockneten Piniennadeln. Und dazu trägt man leichte, poröse Flanellanzüge, die warm sind, aber ganz leicht wiegen; gewiß, da braucht man den Rücken nicht mehr krumm zu machen, da geht die Luft wie eine Liebkosung durch die Lungen.

Schlitten standen vor der Haustür; Handgepäck wurde verladen; dann stiegen die Abreisenden ein, mit roten Wangen, mit strahlendem Blick. Der Höchstkommandierende brachte selbst noch allerhand Gaben; Blumensträußchen und niedliche Körbchen mit Konfitüren, die er mit freundlichen Bärentatzen darreichte. Er wünschte »nicht auf Wiedersehen« und lachte jovial. Seine Brillengläser blitzten in der Sonne, man konnte die durchdringenden Äuglein nicht erkennen. Seine breite Glatze hatte etwas väterlich Erhabnes. Und all die Zurückbleibenden drängten sich noch einmal um den Schlitten; es war 105 kaum Neid in ihren Blicken, sie hatten ja so große Hoffnung; es ging eben nach der Reihe: bald würden auch sie davonfahren. Die Erregung ging von einer schüttelnden Hand zur andern; gewiß, es stand ihnen allen bald eine Veränderung bevor.

Auch für die kleine Concita, die neben Mucki wohnte, hatte die Stunde des Aufbruchs geschlagen. Sie lag hochgebettet auf ihren Kissen, sie fühlte sich so leicht. Die Berge da drüben – von hier aus schienen sie gar nicht so hoch. Wenn man so leicht ist – ach – wie eine kleine Daune fliegt man wohl hinüber.

Enzian, ganz dunkelblauer, stand in einer Schüssel neben ihr; wie schön würde es sein, den in den Wiesen zu pflücken. Solch tiefes, dunkles Blau war doch die schönste Farbe. Gute Menschen sollten immer Blau tragen. Und Engel natürlich weiß. Aber Blau war eigentlich schöner. Die Gedanken schlüpften durch ihren Kopf und ließen alle Türen offen – kamen und gingen – sie konnte sie nicht wegschicken und nicht festhalten. Mit schmalem Näschen und blauen Schatten unter den Augen lag sie da, ein breiter Sonnenstrahl fiel durchs Fenster auf ihre Brust und wärmte ihre Hände. So glich sie einer sehr jungen, 106 inbrünstigen Heiligen, die die Stigmaten empfängt und ihre Sinne schwinden fühlt.

Die Großmama, in spitzenbesetzter, nicht allzu sauberer Frisierjacke, saß bei ihr und betrachtete sie mit düstern, brennenden Augen. Wie oft, wie oft schon hatte sie dem Aufbruch beigewohnt. Erst der Mann, dann die Kinder, zwei Söhne und Concitas Mama; und nun dies liebe Enkelkind. Heimwärts, übers Meer und dann noch weit ins Innere hinein gingen ihre Gedanken. Dort war es heiß, und die Orangenbäume im Hof dufteten. Aber auch dort hatten die Kinder still, mit scharfen Näschen, dagelegen: die Sonne und der Wohlgeruch hatten ihnen keine Kraft gegeben. Porfirito und Arturito, mit schlanken Hälschen wie Blumenstengel, wie sie im Hof lagen, wo der Springbrunnen sprühte und die Eidechsen auf geborstenen Fliesen hockten, in Schlaf versteint. Und dann Lolita, die Tochter, die so jung von ihr gegangen war, hinüber in die große, lärmende Stadt, in Rauch und Nebel, wo man kein Wort verstand und die Dienstmädchen so schnippisch waren und so unheimlich sauber mit ihren Häubchen und raschelnden Kattunkleidern.

Lolita war in San Remo gestorben – dort hatte 107 sie Juanito geboren, das war ja wohl ihr neuntes Wochenbett, aber daran war Lolita nicht gestorben, behüte, die chiquitos schickt der liebe Gott; sie selbst hatte auch elf Kinder gehabt und es hatte ihr nichts geschadet; wenn man mit vierzehn Jahren heiratet, wie soll es auch anders sein! Nein – Lolita bekam denselben Husten wie Porfirito, dieselben Hände wie Arturito, dünn, dünn, mit gewölbten Nägeln: wer kam dagegen an? So viel Kerzen hatten in ihrem Zimmer gebrannt, und das Bild der Schmerzensreichen, dem wirkliche Tränen aus Glas über die Wangen liefen, hatten sie über ihrem Bett aufgehängt – umsonst, umsonst.

Diesmal hatte es geheißen, Schnee und Sonne und hohe, windstille Luft, und nun waren sie hier, seit einem halben Jahr. Aber Schnee und Sonne hatten ihre Kraft nicht hergegeben, nur das Atmen, ja, das ging hier leichter. Ob der Vater und die Geschwister wohl noch zurecht kamen, sie hatte geschrieben, denn der Arzt war ja nun ganz deutlich gewesen. Müttern gaukelt man Hoffnung vor, wenn auch keine mehr ist, aber Großmüttern sagt man die Wahrheit; die haben schon so viel durchgemacht, o all ihr Heiligen! sie können auch das noch tragen. 108

Sie fächelte sich mit den kleinen, runden, ringbesetzten Händen. Concita hob die Lider ein wenig. »Was ist, chiquita« – fragte die alte Dame, »willst du deine Chocolade? Trinidad macht sie, ganz schwarze – mit Vanille.«

»Hat das Vögelchen Wasser?« sagte Concita. Herr Brinkmann hatte es ihr geschenkt, Herr Brinkmann, der mit Concita Spanisch studiert hatte, als sie noch auf war. Aber das Vögelchen wollte gar nicht singen; es machte nur »Piep« und tat das Köpfchen auf eine Seite, wenn man ihm Salatblätter brachte.

»Ja, das Vögelchen hat alles, Wasser und Futter; paß nur auf, morgen wird es singen, Concita,« sagte die Großmutter, »und jetzt hole ich dir die Chocolade.«

Als aber die Chocolade kam, wandte Concita den Kopf nach der Mauer und fing an, von der Kinderzeit zu reden.

»Wenn ich wieder reisen darf, Großmutter, reisen wir nach Haus, zu dir. Ich kann mich so gut besinnen auf alles. Der Hof so kühl, und die Tür zur Lingerie stand offen, da hingen Mamas Mullkleider, wie Schnee; so viele kleine Frisuren hatte sie. Und unsre Kleider auch, Anita machte sie so steif, sie hängte sie sich über 109 die Schulter und trug sie hinauf, über die Galerie – das raschelte so. Daheim war's schön, Großmutter, viel schöner als in Deutschland.«

Ach ja, das meinte die alte Dame auch. Warum mußte Lolita den deutschen Ingenieur heiraten, seine Mutter war zwar auch Spanierin – aber lieber Gott, er war doch sehr einfach, so in allem, und dabei war's ihm heut noch nicht klar, wie groß die Ehre sei, von la familha akzeptiert zu werden. Er war ja freilich gutmütig und zahlte ohne zu zucken, aber das gehörte sich doch auch. In la familha stand immer einer dem andern bei. Wie viele hatte sie nicht im Hause gehabt und durchgefüttert, monatelang. Man lebt ja freilich von wenig – aber Arbeit macht es doch, wenns Haus so voll ist. Morgens, wenn ihr Haar noch in Papilloten steckte, kam schon der Koch, und dann der Gärtner: es mußte Gemüse und Obst ausgesucht werden, und die Hühner wurden gemustert, die ihr Leben lassen sollten. Dann kamen die Karren mit Brot und Fleisch aus der Stadt, die Lämmer und Böcklein, es war ein Feilschen und Zanken und Geschrei. Ach nachher hatte man's verdient, im Hof zu sitzen, wo das Wasser plätscherte und der Papagei mit einwärts gesetzten Füßchen 110 rund um den Springbrunnen ging. Nach dem Essen schlummerte man hinter niedergelassenen Jalousien, die ein wenig im Lufthauch klappten, dann kamen die Freundinnen, man rauchte oder man aß Konfekt und hatte immer so viel zu fragen und zu hören; über die Kinderchen zumeist, ach du liebe Gottesmutter, sie waren ja alle reichlich gesegnet, aber man half einander mit Rat und Tat. Dann, wenn es kühler war, fuhr man spazieren und traf dieselben Bekannten, das war so gemütlich, man trug schöne Kleider und Hüte von Madame Flore, die alle Jahr nach Paris ging. Ach ja, und abends kamen dann die Herren aus der Stadt zurück, Mann und Brüder und Söhne . . . »Dein Großvater, Chiquita, und seine Brüder, so schlank und braun waren sie; sie badeten und zogen frische weiße Leinwand an und buntseidne Schärpen um den Leib. Das Abendessen war fröhlich, wir waren oft zwanzig bei Tisch – ach, wie gut schmeckte der Salat aus Bohnen und Zwiebeln und roten Pfefferschoten . . .!«

Concita hatte das schmale Händchen unter die Wange gelegt und hörte zu. Der Sonnenstrahl war verschwunden, nur auf dem Fenstersims lag noch ein rosiger Schein. 111

Das Mädchen richtete sich ein wenig auf dem Ellenbogen auf und sah nach ihrem kleinen, schweigsamen Freund. Sie leckte ihre trocknen Fieberlippen. »Hat das Vögelchen auch genug Wasser?« fragte sie wieder, denn sie hatte selber ewigen Durst.

Es klopfte an die Tür. Britta kam herein, sie hatte ein weiches Wollkleid an, das nicht raschelte, und feine, lautlose Schuhchen.

»So, Concita« – sagte sie, »nun lös ich die Großmama ab, sie soll ein Nickerchen machen.«

»Ach ja,« sagte Concita und wurde rot vor Freude; »kommen Sie her, setzen Sie sich ganz dicht heran. Haben Sie das Buch mitgebracht?«

Britta legte Andersens Märchen auf das Bett und las ihr die Geschichte von der kleinen Seejungfrau. Halb auf Deutsch, halb auf Englisch machte sie sich verständlich, und das kranke Kind hörte träumerisch zu, ließ sich von der klaren Märchenflut tragen und treiben. O wie schön es da sein mußte auf dem Meeresgrund, sie hätte gewiß nicht dem dummen Prinzen zuliebe das alles aufgegeben; so durch das feine Seegras zu schwimmen mit den Schwestern und ein eignes Gärtchen zu haben, wo Korallen sich leise bewegten und Seeanemonen atmeten und 112 flimmerten, wie ein Aquarium . . . o beneidenswert! Dann las Britta noch vom Ball im Elfenhügel, welches ihr Lieblingsmärchen war, und Concita lachte, wie die Wasserfrau bei Tische saß, aber nicht auf einem Stuhl, sondern in einem Wasserkübel. Nachher stickten sie zusammen; gelbe Seidenfäden auf weiße Leinwand, ein schönes fremdartiges Muster; es sollte eine Tischdecke werden für Fernandito, Concitas ältesten Bruder, der im Sommer Hochzeit hielt.

»Das war der allerschönste Abend,« sagte Concita und schlang die Arme um Brittas Hals und küßte sie beinah wild, »der aller–allerschönste.«

Dann kam noch der Sanitätsrat und brachte ein Pülverchen; aber er lachte und schien zufrieden.

Darum konnte es Britta auch zuerst nicht fassen, als am frühen Morgen die Pflegerin gestürzt kam, »rasch, rasch, mit dem kleinen Fräulein ginge es wohl zu Ende«.

Die Großmutter lag auf den Knien am Bett und gab Concita allerhand herzzerreißende Schmeichelnamen, und der Sanitätliche saß dabei, ein sehr betrübter, gütiger alter Herr, der so gern geholfen hätte. Er blickte auf das arme Kind, und sein Bart zitterte 113 ein wenig, so daß er mit der Hand darüberfahren mußte. Hier war seine Kunst zu Ende. Trinidad kniete in einer Ecke des Zimmers vor einem Heiligenbild. Concita bewegte den Kopf, als suche sie etwas. Es war hell geworden im Zimmer. Die Scheiben waren angelaufen, und die Sonne glitzerte in den Tropfen, die hinunter rannen auf den Fensterrahmen. Und plötzlich sprang das Vögelchen auf die höchste Stange im Käfig; seine Kehle füllte sich mit Luft, sein Schnäbelchen öffnete sich, und ein süßer, goldreiner Triller quoll, leise erst, dann immer stärker, voller, dem ersten milden Frühlingstag entgegen.

 

Fünftes Kapitel

Als es mit Mucki schon ziemlich schlecht stand, fuhr er eines schönen Tags, gegen des Gestrengen ausdrückliches Verbot, nach Z . . . hinunter. Karen Sibelius gab ein Konzert. Sie hatte ihm, mit dem naiven Vergessen aller persönlichen Verlegenheiten, das für sie eine zweite Gesundheit bedeutete, ein Billett zugeschickt, dem ein Programm beigefügt war. Und in ihm wurde die niedergehaltene Sehnsucht nach ihr durch die Mahnung an jene schon so lang entbehrten 114 Stunden am Klavier bis zur Unwiderstehlichkeit verstärkt. Die Titel der Musikstücke allein . . . Sie waren wie Namen von Alleen und Aussichtspunkten und stillen, ausgestorbnen Gehöften, wo man als Kind gegangen ist – es war, als müßte dort etwas Gutes, etwas Heilendes für ihn sein, nach dem sich sein Herz sehnte und dehnte. Das Konzert war vorüber. Nun hatte er sie gehört und sich gesagt: »Ja, sie ist groß.« Aber das war auch alles. Diese Töne hatten keinen besonderen Auftrag mehr an ihn; ach, hatten sie wohl je einen gehabt? Karen ging einsam, mit feinen, horchenden Brauen, in den Labyrinthen dieser Harmonien, die sich wie verzauberte Wände hin und her schoben, zu immer tieferem Eindringen lockend, herb und doch voll rätselhaft saugender Gewalt, wie süßre Klänge sie nicht hatten. Und als dann das Beethovensche Rondo erklang, ihr Rondo, und der durchsichtige Schmerz der Melodie über den wechselnden Harmonien schwebte, wie von tausend perlenden Strahlen getragen, da erkannte er wohl diese höchste Lebensfülle der Seele, die gar nichts mehr für sich will, nur quellen, schaffen, geben, ohne Kampf, ohne Nachdenken; der sich auch der Schmerz in Lust verwandelt, weil er neue, rauschende Quellen 115 zum Durchbruch bringt. Und er erkannte: wer solcher königlichen Lust fähig ist, dessen Straße wird einsam sein, blind und hellsehend zugleich wird er seinen Weg gehn; für alle hat er Überfluß, durch tausend Röhren muß sein Reichtum brausen, frei, unerschöpft, wie viel er auch immer vergeudet. Aber er wird einsam sein, wie alle, die viel schenken.

Karen war beim Souper sehr freundlich gewesen, ohne ausgelassen zu sein, so daß ihre andern Freunde fast neidisch wurden, und als sie aufbrachen, hatte sie ihn allein gebeten, nach oben zu kommen, um in ihrem winzigen Salon noch eine Zigarette zu rauchen. Dort, gleich beim Eintreten, bot sie ihm beinah hastig Hände, Stirn und Lippen und sah ihm, zaghaft lächelnd, ins Gesicht. Aus ihrem halboffnen Abendmantel, den sie auf der Treppe übergeworfen hatte, aus der Flut zerdrückter Spitzen, die ihre zarten Schultern umgaben, strömte ihm der laue Duft ihres Körpers, ihres jungmädchenhaften Veilchenparfums entgegen, und ihr Blick, der tastende Blick der Kurzsichtigen, der so hochmütig sein kann, gab ihr plötzlich etwas Hilfloses. Dabei wurde ihr Lächeln reifer; gedankenvoll, beinahe leidend.

Jammerte er sie in seinem schwarzen Abendanzug, 116 der die eingesunkene Brust so deutlich verriet? Lächelte sie über sich selbst, daß sie dort oben, in der Kameradschaft gemeinsamer Geschmacksrichtung – gemeinsamer Langeweile vielleicht auch – so viel Gedanken an ihn gewendet hatte? Oder spürte sie mit ihren feinfühligen Künstlerfingern – ob er ihr jetzt auch altbekannt und ziemlich gleichgültig geworden – eine Schattierung halbwiderstrebender, ironischer Anbetung in seinem Gefühl für sie, etwas Feines, Flüchtiges, Scharfgeschliffnes, unsinnlich und doch verzehrend wie weißglühender Draht, dem sie nie wieder in derselben Eigenart begegnen würde? Wußte sie schon jetzt, daß sie sich in einem Jahr, vielleicht auch erst in zwei oder drei, ganz unsinnig nach eben dieser Art sehnen würde? Ach, dachte sie mit einsichtsvoller Selbstironie, daß es ihr doch mit den Passionen für Menschen ebenso gehen mußte, wie mit ihren Passionen für alle Dinge. Himbeeren zum Beispiel. Jeden Sommer überaß sie sich dran, konnte sie dann zeitweis überhaupt nicht mehr ansehn, hatte aber doch das beruhigende Bewußtsein, bis zum nächsten Sommer würde sich der Appetit danach wieder einstellen. Und mit den schönsten, herrlichsten Musikstücken war's ebenso. War das nun ihre Schuld? Man konnte 117 ganz gewiß nicht immerzu Chopin spielen, aber auch nicht immer und ewig nichts als Händel und Bach. Was sollte sie machen! Es war ihr nun einmal so gräßlich unbequem, sich zu verstellen.

Mucki merkte ihr an, daß sie gern »im guten« von ihm scheiden wollte; er wußte, daß sie auf die Länge eine unaufgelöste Dissonanz nicht ertragen konnte, und daß sie ihn, um dem zu entgehn, sogar dabehalten würde. Aber er merkte auch, wie ihre Gedanken zwischendurch schon wieder rastlos wurden; und er wußte: was da in ihren feinen Nasenflügeln zitterte, war kein Verlangen nach ihm, nach irgend jemand; sie witterte einem andern Wilde nach: den unbeschreiblichen Schattierungen und kleinen, kaum merklichen Vertiefungen und Einschnitten, die ihre Nerven heut abend ihren starken, elastischen Händen übermittelt hatten. Wie würde es das nächste Mal sein? Würde sie's ebenso deuten oder anders, würde ihr Puls den Rhythmus vorwärtsdrängen oder verhalten an jener Stelle, die sie manchmal derb, beinah brutal empfand, wie eine Herausforderung, wie die Gebärde eines breitspurigen, degenrasselnden Bravos, und manch andres Mal in sich gefestigt, abgemessen, unerbittlich wie einen Schiedspruch? 118

Und würde auch das nächste Mal dies einzige, unbeschreibliche Gefühl sie überkommen, wie es sie heute überkommen hatte: als ob all die krausen schwarzen Noten erst in ihr den Lebensfunken empfingen, dann aber in beinah schmerzhaft atemloser Wonne unter ihren Händen zu leben und zu erobern anfingen, daß sie ganz blaß wurde vor Seligkeit? Fleisch von ihrem Fleisch, Blut von ihrem Blut – das sie mitriß, wie tollende Kinder ihre junge Mutter mitreißen im Spiel? Es war ja auch ein aufregendes Gefühl, wenn es schien, als ob das Publikum selbst zur Klaviatur wurde und unter ihrer Hand zu schwingen begann – wenn sich das Fell der großen, lauschenden Katze knisternd sträubte – aber das dauerte doch nur Minuten; bald starrten die Augen der Spielenden ins Weite; es erschienen träumerische Wölbungen über ihren Brauen, der ausdrucksvolle Mund öffnete sich ein wenig: sie war weit fort, in einer andern Welt und trank die Luft, die ewiges Heimweh zurückläßt.

Mucki spürte es wohl, daß ihre Gedanken nur halb bei ihm waren, ob sie auch ganz weich, beinah kleinmädchenhaft in Stimme und Gebärde wurde, so als wollte sie sich entschuldigen, daß sie sich doch ein 119 bißchen fremd geworden in der kurzen Zeit. Ein- oder zweimal, wie sie nach diesem und jenem in Arventhal fragte, erschien auch die eigentümliche zuckende Bewegung in ihren Wangen, die ihrem Gesicht den beklemmenden Ausdruck eines todunglücklichen Pierrot verlieh; wenn sie dies Gesicht machte, erfolgte meist irgend ein Gefühlsausbruch, Ströme von Tränen oder auch Gelächter, oder irgend eine ganz unglaubliche Grobheit. Heut aber überwand sie sich; sie sah sich ja nur einmal noch all ihr Spielzeug an, sie wollte nicht häßlich sein, es alles ganz nett und ordentlich einwickeln und wegtun.

Mucki spürte förmlich, was sie dachte, er hatte ja noch viel feinere Fingerspitzen als sie; dies Hineinlauschen in andre, das bei Kranken fast zu Hellsehn werden kann, war ihm geläufig. Es war gut so. Nun hatte Karen den ersten großen Erfolg gehabt, auch vor sich selbst, und sie selbst war ja ihr strengster Richter. Nun hatte sie den Rausch des Wagenlenkers gekostet. Arbeit und Gesundheit, und ein Ziel wie ein leuchtendes Tor, das sollte ihr nun werden, ach, Glückes genug. Und dies und jenes, was ihn an ihr verletzt und erschreckt hatte, war schon im Schwinden – Abfall, von dem man nicht mehr redet. 120

Aber tief in seinem Herzen blieb eine Stelle, von der seine Gedanken wegglitten, eine Tür, an die sie nicht rührten, denn dahinter, wie eine Kinderbescherung, schimmerte allerhand, das ihm nun auf einmal weh tat: die Photographierexpeditionen und ihre Ergebnisse, schiefe, verschwommene Bilderchen; die Schlittenfahrten zwischen tiefverschneiten Tannen die Straße hinab bis zum braunen, freundlichen Wirtshaus, wo der plumpe Kachelofen wie ein wohlwollender Riese Wärme ausstrahlte und unzählige Photographien der Wirtsfamilie über dem Sofa hingen; Bräute mit starren, verlegenen Gesichtern und Myrtenkronen und riesenhaften weißen Handschuhen, und Kinder in schottischen Kleidchen, die den Mund verzogen vor Todesangst. Karen hatte, auf dem Sofa kniend, ihnen allen klassische Namen aus Schillers Tell gegeben. Ach und der ausgestopfte Schneehase über dem Klavier, ein alter, spitzzulaufender Flügel mit fünf Pedalen und den schönsten Bronzebeschlägen, Gott allein wußte, wie der in diese Einöde geraten war. Karen spielte, süß und fein und vornehm, kleine Sachen von Mozart, die klangen so hübsch in den zittrigen Tönen; ein Andantino besonders, traurig, behutsam, wie auf 121 den Fußspitzen, Scheiden und Sichbescheiden, Lächeln und zarteste Güte. O, er war froh, daß sie's nicht im Konzert gespielt hatte – einen Augenblick hatte das Herz ihm qualvoll gepocht, weil er dachte, sie würde es als Zugabe spielen, als der Applaus gar kein Ende nahm. Aber nein – und es blieb nun in seinem Herzen aufbewahrt, ohne alle neuen Schattierungen.

Wie oft hatte er gedacht: »Ich hab' es nicht nötig, daß mich die Menschen lieben, ich will nur, daß sie mir gefallen.« Aber jetzt lief ein Frösteln durch seine Seele. Er mußte plötzlich an Frauen denken, liebe, junge, gedankenlose Frauen, wie er sie in Süddeutschland, besonders aber in Italien, in kleinen verträumten Badeorten, oder in bescheidenen Villen der Vorstadt im Vorübergehen gesehn: schmiegsam und träge, vollbusig, in hellen, losen Kleidern, etwas schlampig, aber so unendlich wohlwollend; mit kleinen liebkosenden Bewegungen ihrer feinen, bräunlichen Hände, an denen silberne Armringe klirrten. Wie sie ihre Kinder abküßten, oder mit der Katze spielten, oder ernsthaft die Frisur im Spiegel prüften; wie sie auf den Balkon rannten und sich über die Brüstung beugten, abends, wenn die Stunde nahte, daß der 122 Mann nach Hause kommen mußte, ein hübscher, sporenklirrender Offizier, oder ein kleiner Beamter auf seinem Fahrrad. Solche weichen, warmblütigen Frauen, mit kleinen, glatten Stirnen, hinter denen kein Platz war für viele Gedanken: ob das doch vielleicht die waren, welche am meisten Glück verbreiteten? Aber es durchzuckte ihn: nein, nein, nicht undankbar sein; was ihm an Karen weh tat, das war ja gerade, was ihn bezaubert hatte: das Zickzack, die eckige Grazie, das Unerwartete, wie blühender Heckendorn!

Und von einem Dornenzweig soll man nicht Rosen und Apfel ernten wollen. Er gibt uns, was nur er geben kann, seine kleinen, launischen Blüten, die zart und keck an den scharfen Ästen leuchten, über dem Staub der Landstraße, schneeweiß, sorglos – aber sie freuen die Augen, und der Weg scheint kürzer, der an ihnen vorbeizieht. Ja, so war's, was konnte er Besseres verlangen! So fein, so furchtlos, so ganz sie selbst war Karen heut abend; das Leben brachte nicht oft solche Geschöpfe hervor. Und er – ja nun, er war ein armer, kranker Junge. Das war nun wieder eine Sache für sich. Ohne eigentlich Abschied zu nehmen, mit ein paar scherzend nichtssagenden Worten ging er von ihr. 123

Als Mucki die Tür hinter sich geschlossen hatte, blieb Karen mit gerunzelten Brauen mitten im Zimmer stehen, und einen Augenblick war's, als wollte sie ihm nach; dann lachte sie ärgerlich. Dummer Junge, er hätte ja dableiben können. Aber so war er nun: mokant und frostig, und dann war sie die Herzlose, weil er Tugendanwandlungen hatte. Ja, und er war doch bisweilen auch scheußlich beleidigend. So kuriose Gleichnisse machte er, man mußte erst lange nachdenken und dann war's gewiß etwas Spitziges. Oder er warf einem plötzlich so einen Blick zu, mit etwas hochgezogenen Brauen – das sollte heißen »Kindchen, Sie flunkern« – oder »Kindchen, ist das nicht eigentlich etwas unfein« – ah, sie sagte dann nur »Rembrandt als Erzieher« – und dann kroch er gleich ins Schneckenhaus – das war auch langweilig. Ob es nicht vielleicht recht ausruhend wäre, eine Zeitlang ausschließlich mit Philistern zu verkehren, die nie etwas andres meinten, als was sie sagten, die nicht, wenn sie von Kartoffelsuppe sprachen, irgend einen Seelenzustand damit bezeichnen wollten? Freilich auf die Länge auch unerträglich. Ach, was war schließlich auf die Länge nicht unerträglich, außer der Arbeit? Denn eigentlich waren doch die 124 langen Morgenstunden am Klavier – dieser Kampf mit tausend Teufeln, dies Lauschen und Erjagen, das Einzigwahre. Besser als Ruhm und Applaus und die schönsten Kritiken. Ja mit der Kunst, das war ein Ringkampf, und sie wollte ringen, das war ja, als hätte man drei Leben; und wenn es auch schien, daß sie sich von den Pferden schleifen ließ, so war auch das ihr freier Wille; die Zügel glitten ihr nie ganz aus der Hand. Unmerklich zog sie sie kürzer und kürzer, und dann stand sie wieder da, blaß und beherrscht. Durch flammende Tore war sie gefahren, in die rote Sonne hinein, und nun kehrte sie heim, mit ruhigen Händen, ob auch ihre Pulse klopften und ihr Gesicht den Widerschein trug der flüssigen Glut: Sie war die Stärkere . . .

Aber wenn sie liebte – da wollte sie selbst die Zügel fühlen, getrieben oder gebändigt sein. Und es war einmal dies und einmal jenes, dem sie sich unterwarf, das über sie kam, wie eine große, heiße, überwältigende Welle. Es konnte Künstlerschaft sein oder ein scharfgeschliffner, erbarmungsloser Verstand; aber Mut und Geistesgegenwart konnten sie ebenso gut in die gewünschte Stimmung versetzen, oder auch die ruhevolle Sicherheit sehr praktischer, 125 etwas phlegmatischer Menschen. Rhythmus, das war's, was sie lockte und besiegte; dem gab sie sich – o wie gerne – gefangen.

Pah – man war nun einmal, wie man war. Es konnte keiner aus seiner Haut heraus, oder über seinen Kopf wegspringen. Alleinstehend von klein auf, hatte sie sich durchbeißen müssen, durch enge Verhältnisse und stumpfsinnige Tyrannei zuerst, und später dann durch Armut und Kränklichkeit. »Unfein, Kindchen« – ah, was wußte er, wie man wird, wenn man im Gewühl gehen muß – die harte Haut, die man an den Ellenbogen bekommt. Und mit der Kunst – da ist nicht zu spaßen. Da muß man eben der Stärkere sein, oder man ertrinkt. Aber wenn sie liebte, das war eine Luxussache, da wollte sie sich's gönnen, schwach zu sein, und sich weich fühlen in allen Gelenken. Der andre sollte die starke Flut sein, die sie davontrug.

Sie trat ans Fenster. Der langweilige Hotelgarten: so im Dunkeln, mit kleinen Lämpchen im Rasen, wie Glühwurmleuchten, das sah ganz verlockend aus. Es rauschte in den wohlerzogenen Bäumen: in der Nacht wurden sie sehnsuchtsvoll und redeten im Schlaf. Sie dehnte die Arme. Das dumme 126 Kranksein! Sie hatte sich heute doch stärker verausgabt, als es eigentlich begreiflich war. Sie klingelte und bestellte heiße Milch und Kirschwasser. Das war eine Erfindung von Herrn Brinkmann, für die sie ihm ewig dankbar sein wollte; es schlief sich so herrlich darauf. Ach das Leben war gut; sie freute sich schon auf das Getränk, und dann hatte sie sich heute eine Flasche Pariser Toilettenwasser gekauft, das roch göttlich, sie wollte jetzt gleich noch ein heißes Bad nehmen, um es zu probieren. Ja, gut war das Leben; sie fühlte ihre erregten Nerven – oder waren's die Adern? – bis in die äußersten Fuß- und Fingerspitzen; wie ein lebendiger Korallenbaum war wohl solch Nervengeflecht. Ach, wenn man doch fünfhundert Jahr leben könnte! . . . Das Leben war ja grausig kurz; schade um jede Minute, die man verschlief. . . .

Aber das hinderte nicht, daß sie dann, als sie in ihrem Bette lag, neun Stunden fest und traumlos schlief wie ein sattes, gesundes Kind.


Britta erwartete den Bruder an der Station, und die Wagenfahrt in dem ersten zitternden Frühlingsflor wäre trotz alledem schön gewesen; denn oft tut 127 sich das wunde Herz der Schönheit dieser Erde besonders weit auf. Aber Mucki fühlte sich auf einmal sehr krank. Sein Kummer selbst schien blaß und unwichtig geworden, und er hatte nur den einen Wunsch: endlich angelangt zu sein und nicht mehr fort zu müssen aus seinem Turmzimmer dort oben.

 

Sechstes Kapitel

Es war alles licht und luftig in Muckis Balkonzimmer. Keine Nippes, keine unnötigen Möbel, ja, fast keine Photographien mehr an den Wänden. Ihm war, als atmete es sich so besser. Und überhaupt meinte er, die Asketen seien eigentlich die wahren Lebenskünstler. Auf dem Tisch an der hellgetünchten Wand ein Krug mit feinen, sprossenden Zweigen: wie schön ihr Schatten auf der Mauer – ein kleines, japanisches Gedicht! Ja, hell und zart und gleichsam scharf umrandet war alles auf einmal, als säh er's plötzlich durch eine Brille, ganz deutlich, nahe gerückt. Und dazu summte ihm ein lächerliches Lied durch den Kopf, wie eine eigensinnige Abendmücke; junge Künstler, mit denen er in München befreundet war, hatten es damals oft gesungen: 128

»Da liegt er nun, der holde Knabe,
O Freunde, weint an seinem Grabe,
Und singt mit lautem Klaggetön:
Der gute Alfred war so schön, so schön,
Der gute Alfred war so schön! . . .«

Er mußte über sich selbst kichern. Eigentlich paßte das, was bevorstand, gar nicht recht zu ihm . . . denn es hatte, wie alles Endgültige, einen kleinen Stich ins Dramatische; und dem war er doch zeitlebens aus dem Wege gegangen.

Wie gut, daß er sich Britta beizeiten gut gezogen hatte. Ah – nur alles hübsch ruhig. Gotische Übertreibungen . . . er haßte das. Man nahm sich eben zusammen. Da gab es andre – die auch jung gewesen! Er dachte an Mozart. Wo war da je in seiner Musik dieses rüpelhafte, aufdringliche Westenaufreißen, diese Wundenparade, wie es heut Mode war, wo ihn die Musiker und Dichter an die Bettler im Orient erinnerten, die sich förmlich brüsten mit ihren scheußlichen Beulen und Verkrümmungen, ihrem Aussatz und Elefantiasis . . . Ah! Mozarts Schmerz . . . Wie ein schöner, einsamer Vogel über dem grollenden Meer, wie leuchtende Blüten im Dämmergarten: heute nacht noch, o solch Zittern und Schimmern, morgen frühe seid ihr dahin! . . . Aber das 129 ist nun so, und die sind wahrhaft königlich, die für sich keine Ausnahme begehren.

Flötentöne – wehmütig, ja; aber dennoch: rühr' mich nicht an. Nicht die schluchzenden Geigen Beethovens, ihr Mitleid, ihr unerbittliches, wenn sie den letzten Schleier wegziehen, in den sich die zuckende Seele einhüllt.

Nein – Fassung, das war das Köstlichste. Wie auf griechischen Totensteinen: Eurydike, die ganz weich, ganz einfach, von Orpheus scheidet und dem Todesboten sanft und verständig die andre Hand läßt . . . »ja ja, ich komme schon, nur ein Augenblickchen noch.« Ist's nicht, als gäbe sie dem Zurückbleibenden Rat, wie er's mit allem halten soll, nun sie nicht mehr für ihn sorgen kann, weil sie fort muß in die grünliche Dämmerung? . . . Ombre felici . . . Ist's nicht ein wenig wie Heines arme Kitty, die auch so besorgt ist, weil sie weg muß:

»Sie verlangt, daß ich die Strümpfe
Diesen Winter tragen solle,
Die sie selber mir gestrickt hat
Aus der weichsten Lämmerwolle . . «

Ah, und Lord Chesterfields letztes vernehmliches Wort: »Please, give Mr. Coningsby a chair . . .« 130 und Marie Antoinette, die dem Henker auf den Fuß tritt: »Pardon, Monsieur, j'espère que je ne vous ai pas fait mal« . . . Oh ihr Besiegten, die ihr Sieger bliebt, durch die zarte, unbezwingliche Waffe des Geschmacks! . . .


Ein paar Wochen später sagte Mucki: »Es ist sonderbar; früher fand ich so viel auszusetzen an allem. Im Sommer hatte ich immer Heimweh nach dem Winter. Und wählerisch war ich, du lieber Himmel! Ein häßliches Haus konnte mir den schönsten Platz verleiden, und wenn irgendein Baum abgehackt wurde, der mir lieb war, mocht' ich den Weg nicht mehr gehen. Und mit den Menschen war's ebenso. Wenn einer, den ich liebte, etwas tat, das mir nicht gefiel, gleich war ich abgekühlt, ja meist war's dann überhaupt zu Ende. Auf der Universität ging's mir schon so, und dann später . . .«

»Und doch« – sagt Britta leise – »hat man nicht eine ganz andre Geduld, wenn man jemanden liebt? Sucht man nicht immer noch zu verstehen, wo man sonst mit seinem Urteil längst fertig wäre?«

»Ja – das tut man wohl auch – man flickt und stützt und macht sich selbst was weis, weil man feige 131 ist und sich nicht eingestehen will, daß das Götterbild Fehler hat. Wenn man aber recht innig liebte, sollt' es solcher Kunststücke nicht bedürfen. Was hab' ich an den Menschen gekrittelt, ich armer Wurm. Und die mir die liebsten waren, – am wehesten taten sie mir. Siehst du, was du mir vorhin gelesen hast, das brachte Licht in die Sache. Da«, – er suchte in einem Buch – »lies es nochmal, hier oben, auf der linken Seite.«

Und Britta las: »Jamais ce ne sont des intérêts personnels qui me blessent, mais le tort que mes idoles se font à elles-mêmes. Je leur en veux de se déprécier; c'est là que ma bouderie commence et ma rancune ne va pas plus loin.«

»Das ist es eben«, sagte Mucki. »Wir machen uns Götter und verbieten ihnen Menschen zu sein. Und die armen Götter müssen die Ehre schwer erkaufen, auf einem goldnen Sockel zu stehen. Denn wir können so krittlich und empfindlich werden, daß wir nur noch die kleinen, dunklen Flecken sehen. Und da hat Jacobsen ein schönes Wort geschrieben: ›Du sollst nicht gerecht sein gegen deinen Freund, sondern denken sollst du an ihn, wie er in der Stunde war, da du ihn am tiefsten geliebt hast.‹ – 132

»Aber ich – ich sah mit meinen scharfen kurzsichtigen Augen Flecken über Flecken. Und konnt' es nicht verwinden. Es beleidigte meinen Geschmack – und ich glaube, der ist wohl immer die Tür zu meinem Herzen gewesen.« Und mit noch leiserer Stimme setzte er hinzu: »So ging mir's auch mit Karen. Aber nun glaub' ich, es kommt nicht so sehr drauf an, was einer tut – sondern darauf, was er bewundert; denn unsere Bewunderung ist unsere Sehnsucht – und die ist doch unser tiefstes Ich. Und bewundert hat sie immer nur das Auserlesene, auf Zweitbestes ließ sie sich nicht ein. In ihrer Kunst ging sie so haarscharf, da irrte sie sich nicht um einen Messerrücken, und die Kunst war ja doch ihr innerstes Sein. Siehst du, Britta, Musik ist ein großer Verräter. Ich glaube, es wäre möglich, daß ein eigennütziger, grausamer Mensch den herrlichsten Dom erbaute, Tausenden zum Trost und zur Andacht – aber eine niedrige Seele könnte nicht die Leonorenouvertüre geschrieben haben, diese Fanfaren – dieser vernichtende Jubel – nein. Und alles, was mich an Karen verletzte – ach wie durft' ich urteilen! Krankheit, Kämpfe aller Art – so ein einsames junges Geschöpf! Auch die Bäume wachsen nicht grade, an denen der Wind immerfort zaust.« 133

Britta saß ganz still. Sie wußte, manchmal mußte er die Dinge im Geist auseinanderzupfen und wieder zurechtlegen, das Für und Wider mit sich auskämpfen; dabei konnte ihm niemand helfen.

Seine Gedanken weilten bei Karen:

Wie ein verzaubertes Geschöpf war sie ihm oft erschienen, das bei Vollmond zur Schlange wird und hinunter muß in den Sumpf. Mit den unheimlichen Blumen auf dem Meeresgrund hatte er sie verglichen, die in der Tiefe wachsen und saugen und flimmern; lachend und doch nicht froh, zaubernd und selber im Bann – dann aber wieder herb und frisch wie ein Hirtenjunge, der die Quelle mit den Händen fängt oder auf dem Bergkamm steht und hinaufschreit zum Raubvogel hoch droben, in wildem, unschuldigen Glück.

Man sollte, dachte er, eine Menschenseele nicht wie ein einzelnes Bild beurteilen, an dem uns eine Verzeichnung, eine einzige falsche Linie verstimmen kann, sondern wie das ganze Lebenswerk eines Künstlers. Da ist Gutes und Mindergutes, Vollkommenes und Verfehltes, aber das Vollkommene verklärt das Unvollkommene, und die Erinnerung daran läßt uns überall sein leisestes Echo empfinden.

»Britta«, sagte er sich aufrichtend, »was Karen 134 betrifft, da drückt es mich wie eine Schnld . . . Du sollst nie und nimmer glauben, daß sie nicht rechtlich gegen mich gehandelt hat. ›Man nennt das Meer treulos, aber das ist nicht wahr, denn es hat niemandem etwas versprochen‹.A. Kielland. Sie hat mir viele glückliche Tage geschenkt und vielleicht ein paar unglückliche Stunden. Aber waren die nicht im voraus schon hundertfach aufgewogen?«

Wie das donnerte da unten, der kleine Wildbach, der den Schnee vor sich hertürmte. Leben war's, hartes Wollen, mit allen Kräften arbeitend. So rang die schmächtige Karen mit ihrer Kunst.

»Ach«, sagte er, »mach das Fenster weit auf, die kalte Luft ist gut. Hart und rein! Ich will nichts andres mehr!«

Seine Augen strahlten so groß und hell. »Britta, es heißt, die Liebe mache blind; nein, das hab' ich nie gefunden. Sie macht sehr hellsehend, sie sieht das Schlechte, aber o Gott, wie schmerzlich sucht sie nach dem Guten. Und wenn dann eines Menschen Zauber uns mehr gilt, als alle seine Fehler – ja, dann lieben wir ihn wohl tiefer als wenn er vollkommen wäre. Die verstümmelten Götterbilder, wie sie uns ansehen! 135 Wer weiß, als sie noch kühl und glatt auf goldnen Giebeln standen, ob sie unser Herz so tief ergriffen hätten . . .«

Und dann kamen die kleinen Spottfältchen um den Mund, wenn er sich selbst verlachte. Britta mußte an Mercutio denken, wie der Bruder schlank und fein und biegsam, biegsam wie die dünne Klinge, die ihn so früh durchbohrt; mit der Spottlust in den Augen noch in der Todesstunde.

»Ja, nun hält der edle Ritter Mucki Reden nach vollbrachtem Turnier und salutiert mit zerbrochenem Degen . . .! Ne forçons pas notre talent – mein Motto, dem ich zum Schluß nicht untreu werden will. Also, genug davon. Komm' setz dich her, lach' mich aus. Wir werden gewiß noch verschiedene Jährchen auf diesem Schneeberg sitzen, wie Mamsells Glanzstück »Marrons en surprise.« »Schlachsahnenmiljöh« nennt es ja wohl Dr. Rönne. O Muttersprache, Heimatlaut! So, nimm mal dies entsetzliche Monstrum von Genickrolle weg . . . Tante Gundas ›Wonnekloß‹; sie kann nicht viel Wonnen in ihrem Leben gekannt haben, die Ärmste. Lies mir was vor, was Ruhiges, wobei man tief atmen kann. Da den Zentauren. Weißt du noch, wie ich ihn dir zuerst las, 136 das war zu Haus, im Boot; das Wasser gluckste so gegen den Kiel – Herrgott, wie warm es war, die Sonne flimmerte durch die Haseln und Ellern, und es roch moorig von den Wiesen. Nun lies, lies . . . ah, das verdammte Husten . . .«

Er deutete auf das Buch, voller Wasserflecken, mit lose hängenden Blättern, man sah's ihm an, daß es ein Reisekamerad war. Und Britta las von dem jungen Zentauren, der am Abend, nach Tagen ungefesselter Wildheit, die Felsen ersteigt:

»Wenn aber die Nacht, voll Götterfriedens, mich auf dem Berghang überraschte, lockte sie mich zurück nach dem Eingang der Klüfte und brachte mir Ruhe, wie sie Ruhe bringt dem tobenden Meer; nur das leise Wogen in meinem Innern zurücklassend, das den Schlaf verdrängt ohne doch die Ruhe zu hindern.

Auf die Schwelle meiner Wohnung hingestreckt, die Schenkel im Dunkel der Höhle geborgen, das Haupt unter nächtigem Himmel, folgte ich dem Spiel der Schatten. In solchen Stunden schien sich das fremde Leben, das mich während des Tages durchdrungen, tropfenweise von mir loszulösen und in Kybeles friedlichen Schoß einzugehen, so wie nach überstandenem Regenguß die letzten Tropfen von den Blättern 137 rollen und verrinnen ins große, ewige All. Man sagt, daß in dunklen Nächten die Meergötter ihre Wohnungen verlassen, um, auf felsige Vorsprünge gelagert, ihre Augen über die Wasser schweifen zu lassen. So wachte auch ich, und zu meinen Füßen dehnte sich ein Stück Leben, wie ein schlummerndes Meer. Dem vollen, beschauenden Leben zurückgegeben, schien mir's, als sei ich eben geboren und es hätten mich tiefe Gewässer, in deren Schoß ich erzeugt, auf dem Gebirge angespült, einem Delphine vergleichbar, von Amphitritens Flut auf felsiger Küste vergessen . . .«

»Wundervoll,« sagte Mucki, – »lies weiter.«

»Meine Blicke irrten grenzenlos umher und hefteten sich auf die fernsten Punkte. Droben, im letzten blassen Licht, ragten noch immer die kahlen, reinlichen Gipfel. Dort sah ich bald den Gott Pan, den ewig einsamen, bald den Chor der heimlichen Götter am Gebirg herabsteigen, oder eine Bergnymphe, nachtberauscht, stürmte vorbei. Dann wieder durchauerten die Adler des Olymps die höchsten Lüfte, um in den fernen Sternbildern zu verschwimmen, oder sie versanken in den Wipfeln heiliger Wälder. Und der aufgestörte Geist der Götter brachte plötzlich Aufruhr in den Frieden der uralten Eichen.« 138

»Eine Bergnymphe, nachtberauscht –,« Mucki wiederholte es, gleichsam kostend. »Siehst du das, wie ich es sehe, Britta, ihr feuchtes Haar, ihr Gewand, naß von den Büschen, die sie gestreift; der Geruch der Wildnis strömt von ihr aus, der Qualm der Kohlenmeiler, den sie durchquert, Kräuter, die ihr Fuß zertreten, der schmale, eilige Fuß, das schlanke, sehnige Bein! Sie rennt – sie rennt – der Ruf hat sie erreicht . . . Und Pan, und die heimlichen Götter, wie sie den Abhang herunterstürmen, und hinter ihnen her ›vom Gebirg herab, Kieselwetter ins Tal‹ –« Er legte sich zurück und schloß die Augen. Wie reich schenkten doch die Dichter; nicht nur ihre eignen Gaben, sie weckten auch die Erinnerung an andere, die ihnen auf irgendeine Weise verwandt waren, und schenkten sie uns auf's neue. Ein Ton klingt an drei, vier andre an, und jeder dieser andern bildet wieder neue Ringe. Es ist die höchste Brüderlichkeit.

Und dann wandte er sich im Geist von diesen kargen, grauen Felslandschaften, diesen Tälern, wo über dem Wasser, wie jammernd, die jungen Steineichen sich neigen, efeubekränzt, und war mit einem einzigen kleinen Schritt daheim. Dort auch war Tauwetter und Frühlingsgeruch; die Landwege liefen 139 kohlschwarz aufgeweicht durch die Felder; in den Pfützen, in jeder tiefen Radspur spiegelte sich der feuchtblaue Himmel. Auf den Zäunen und in den kahlen Birken saßen Krähen; manchmal erhoben sie sich, dick und schwer, und flogen schreiend über die Äcker, dorthin wo gepflügt wurde. Die fette Erde legte sich in glänzenden, gleichmäßigen Schollen hinter der Pflugschar um, rotbraun, lehmig, die Pferde blieben beinah kleben mit den schweren Hufen. Der Knecht hatte seine alte blaue Dragonermütze auf dem Kopf, und auch der Himmel war blau mit weißen, fasrigen Wölkchen. Wie es roch nach Erde und Leben! Ach, das würde er nie wiedersehen, nie wieder riechen, und er wußte nun, er hatte es geliebt. Er hatte es zergliedert und hin und her gewandt, und sich oft fortgesehnt, als er dort war – nicht wie Britta, die das ganz unbewußt genoß und einsog und allerhand Tätigkeit damit verband, wie sich eine Biene vollpackt mit nützlichem Blütenstaub – nein er hatte es gekostet, wie man Wein kostet und seinen feinsten Aromen nachspürt – aber nun fühlte er's schmerzhaft, die Erde war überall schön auf die eine oder andre Art, aber es gab für jeden einen Winkel, wo man nicht mehr daran dachte – man liebte sie eben. 140

Britta neigte sich über ihn. Die sinkende Sonne, die hinter ihr zum Fenster hereinschien, wob ein Gespinst von Abendgold und flimmernden Härchen um ihren kleinen braunen Kopf, um den Umriß von Schläfen und Wangen und verlieh ihr auf einen Augenblick das warme, reife Weizenblond einer jungen Ceres.

»Du siehst aus wie Frau Holle« – sagte Mucki. Wenn man Märchen erwähnte, wurde vieles in ihr wach, süß und quälend. Sie sah den Bruder als ganz kleinen Jungen wieder, und es standen plötzlich allerhand Dinge vor ihren Augen, an die sie sonst nie dachte: ein Lampenschirm, der ein Giebelhaus darstellte, mit Dach und Schornstein und Fensterluken aus rotem Papier, ein Bilderbuch, »Les aventures de monsieur Crépin«, das sie abends beim Schein dieses Lampenschirms kolorierten, und dann das Märchenbuch, aus dem sie einander abwechselnd vorlasen; nur wenn es sehr herzzerreißend wurde, das las man allein, es war weniger genierlich, man wär ja seiner Stimme nicht mächtig gewesen, wenn es hieß: »O Fallada der du hangest, o Königstochter die du gangest –.«

Und auch jetzt, obgleich sie das Märchenbuch mitgenommen hatten, bestand das stillschweigende Abkommen, daß daraus nicht vorgelesen wurde. 141

»Du siehst mir nicht recht behaglich aus, willst du nicht höher sitzen?« sagte sie. Er ließ sich aufrichten und dem Fenster zuwenden, gab aber ihre Hand nicht frei, ob er auch von ihr wegsah, in den blasser werdenden Himmel.

»Lies mir noch den Schluß,« bat er, »die letzte Seite, wo der Zentaur ganz uralt geworden ist . . .«

Und Britta las stehend, das Buch zum Fenster gewandt, um das letzte Licht zu erhaschen: »Ich aber, o Melampus, gleite hinab in's Alter, friedlich, wie Gestirne vergehen. Noch immer bin ich stark genug, die Felsen zu erklimmen, wo ich verweile, sei's um den freien ruhlosen Wolken nachzublicken, sei's um am Himmelsrand die regnerischen Hyaden, die Pleiaden und den großen Orion aufsteigen zu sehen. Aber ich erkenne, daß ich zusammensinke und immer rascher mich auflöse, gleich halbgeschmolzenem Schnee, der die Flüsse hinabtreibt. Bald werd' ich mich mit den Strömen vermengen, mit ihnen dahingehen durch der Erde mächtigen Schoß.«

Muckis Hand öffnete sich:

»Gleich halbgeschmolzenem Schnee, der die Flüsse hinabtreibt« – sagte er leise . . . 142

 

Siebentes Kapitel

Dörnberg, den 28. April.

Meine lieben Kinder!

Es ist malwieder ein Schauderwetter, und ich habe mich nach dem Kaffee in die »Bücher« versenkt und ein bißchen gerechnet, denn man soll sich von Zeit zu Zeit kasteien. Und siehe da, ich entdeckte, daß es mit dem Mammon besser steht, als ich geglaubt. Auch sagt Baumann, das Dach vom Schafstall ließe sich wohl noch mal überflicken.

Also steckt der fröhliche Landmann – welches greuliche Klavierstück mir seinerzeit manchen Fluch entlockt hat, als Brittchen es stundenlang übte und immer an derselben Hürde niederbrach – also – der fröhliche Landmann kann die Grüngehäkelte wieder in die Hirschlederne stecken, oder vielmehr ihren Inhalt zu etwas Besserem brauchen als den Schafen Paläste zu bauen.

Nämlich – dieses ist der langen Rede kurzer Sinn – ich will Euch demnächst besuchen, Ihr Haimons-Kinder, und sehen, wie Ihr haust.

Ich bin ja nur einmal, vor ewigen Zeiten, als mein grauer Schopf noch braun war – im Alpenland 143 gewesen, sah mir den Löwen in Luzern an und kaufte mir daselbst einen geschnitzten Nußknacker, den ich noch habe. Aber er knackt nicht mehr. Auch ging ich auf verschiedene steile Aussichtspunkte, wo ein Mensch mit grünen Hosenträgern in ein Nebelhorn blies, um das Echo der Täler zu wecken. Und prächtiges Vieh sah ich dort, besonders ein junger Stier ist mir unvergeßlich, mit einem krausen Fell auf der Stirn, den hätt ich am liebsten mitgenommen – und immer noch, wenn ich vom Baron von Ochsenstjerna lese, muß ich an das Vieh denken. Im übrigen war ich damals in eine wunderschöne englische Lady vergafft und sah nicht viel außer ihr. Sie saß so schwipp auf ihrem Maultier und hatte die schönsten Hände. Dann erschien ihr Verlobter, das war ein langer Schlaks, aber doch ein piekfeiner Kerl, und da ließ ich die Schweiz Schweiz sein und bin seither nicht mehr dort gewesen. Also ist's an der Zeit, meine Bekanntschaft mit dem Lande aller Bürgertugend aufzufrischen, und ich bitte Brittchen, mir bei Euch oder in einem Gasthof dichtebei eine Stube zu mieten, wenn möglich mit einem vernünftigen Kachelofen, denn die Zentralheizung benimmt mir die Luft.

Aus unserer Stille ist wie gewöhnlich nicht viel zu 144 berichten. Die Kapitelsdame ist wieder mal an unserm Himmel aufgetaucht. Auch ihretwegen scheint mir die Flucht in die Berge geboten. Denn Johanna Lossow hat eine eigne Fähigkeit, den schlummernden Leuen in mir zu wecken. Ich weiß nicht, was in die Menschen gefahren ist. Meine gute Mutter war gewiß christlich gesonnen, und außer bei Mumps oder sonst was Ansteckendem mußten wir alle Sonntage in die Kirche, aber sie sagte immer: Von Religion und von Verdauung spricht man nicht. Aber Johanna mit den Plüschaugen muß uns immer was zu raten geben mit ihrem Seelenstoffwechsel, diesmal hat sie wieder was Neues, es heißt »mystische Bewegung« und soll aus Amerika herübergekommen sein, wie der Koloradokäfer.

Sie hatte ja immer so was von der heiligen Therese, das Asketisch-Glimmende möcht' ich's nennen; aber eins muß man ihr lassen; wenn sie in vollem Wichs ist, mit Schleier und Ordensband, alle Achtung, das hat Stil. Neulich bei der Silberfeier in Klein-Föhrde schoß sie doch eigentlich den Vogel ab.

Nun besitz' ich ja die alte verflederte Bibel, aus der sich der gute Onkel Klaus, den Ihr leider nicht mehr gekannt habt, von seinem Kutscher vorlesen ließ, wenn 145 er mit Hexenschuß zu Bett lag. Wenn dann das Kapitel zu Ende war, sagte Onkel Klaus: »Johann, gefällt dir das?« Dann sagte Johann manches Mal: »Nee, gnäd'ge Herr, dat gefällt mi nich so sehr.« »Mir auch nicht,« sagte Onkel Klaus, »reiß es raus, Johann.« So ist die Bibel allgemach recht dünnleibig geworden; besonders in den Propheten sind viele Lücken. Na, das hat mir nun Johanna greulich übelgenommen, daß ich das in ihrer Gegenwart dem Pastor erzählt habe, der es aber ganz gut aufnahm und furchtbar lachte; und nun wollt' es das Verhängnis, daß ich beim Diner in Klein-Föhrde neben sie zu sitzen kam. Sie warf mir einen Blick zu – ganz sanfte Mondecar, überirdisch und ohne Groll; mir wurde trocken im Halse. Auf meiner andern Seite hatte ich Sibylle aus Briefen, aber die ist ja nur Ehrenstiftsdame und kommt gegen Johanna im Ornate nicht auf. Sie war in grauer Seide und hatte ihren Häuptlingsschmuck aus Hirschhaken angetan. Ein famoses altes Mädchen; ziegelrot gebrannt, und macht nun alles selber; jeden Morgen um viere schon auf dem Felde; soll eine Musterwirtschaft sein. Ich unterhielt mich sehr gut mit ihr; wenn sie auch ihre Schrullen hat, aber ich hab' schon manchen guten Rat von ihr bekommen. 146

Zu der Feier waren übrigens Paulchens Braut und deren Vater gekommen. Paulchen strahlte, wozu er auch allen Grund hat. Sie sah reizend aus, schlank wie eine Weidenrute und prachtvolles Haar. Der alte Rennschmidt hat einen süperben Kopf; rassig, nicht ein Lot Fett am Leibe, alles Muskel und Stahl, und so ein Paar Augen wie Röntgenstrahlen; kein Wunder, daß er den Leuten ihre Krankheiten an der Nase abliest.

Aber Paulchens Verwandtschaft schritt einher wie die Götter Walhalls mit Kammerherrnschlüsseln. Besonders Leontine war zum Schreien, wie sie Rennschmidts begrüßte; so ein Flötenton, wie Serenissima bei der Denkmalsenthüllung.

Sonst hätt' ich heute nichts zu erzählen, man lebt so stillechen und wird nicht jünger. Die kleinen Begebenheiten sind's nicht wert, mit Feder und Tinte aufgespießt zu werden. Das ist, als ob man durch ein Hörrohr übers Wetter reden wollte. Da schweigt man lieber. Aber das alte Haus gefällt mir nicht ohne Mucki und Brittchen, und wenn oll Mieneken kommt, die Dielen zu scheuern, frägt sie immer nach Euch und sendet freundlichen Gruß. Übrigens hat es oll Mieneken mit Tante Gunda verschüttet, weil sie jung 147 Mieneken zur Konfirmation ein Korsett gekauft hat; – jung Mieneken hatte sie wohl bis aufs Blut darum gequält. Ich mußte lachen, aber Tante Gunda war sehr ärgerlich, sie sagt, das sei wieder so ein Symptom, und überall schwankte der Boden unter unsern Füßen. Das mußt' ich Euch doch berichten.

Ach Kinderchens, die Zeit ist mir recht lang geworden nach Euch. Mein altes Tafelklavier hat auch, seit Ihr wegfuhrt, das Maul nicht mehr aufgetan. Ich pfeif' mir manchmal des Abends Brittchens Allegretto vor – Tik – tititititik – tititik – aber sehr Allegretto ist mir dabei nicht zumute. Na, nun steht alles voll Leberblümchen im Park, und massenhaft Himmelsschlüssel – freilich noch zusammengekrullt – auf dem Rasenplatz. Jeder Frühling ist doch wie ein Geschenk – meist ein unverdientes. Und bis die große Linde summt, dann sitzt Ihr bei mir auf der Bank zwischen den Oleanderkübeln.

Feinen norwegischen Hafer haben wir gebaut, der wird so hoch wie Schilf, der Klein-Föhrder Inspektor preist ihn in allen Tönen. Die »Schwarze Kute« wollte Baumann durchaus dränieren, aber ich hab' um sie gekämpft wie um eine Königsbraut, Mucki soll seinen Sumpf und seine Libellen wiederfinden, 148 ob mir's auch gegen mein landwirtschaftliches Gewissen geht.

In Klein-Föhrde hat sich übrigens noch eine schöne Geschichte zugetragen. Nach der Einsegnung ging Henning – ganz Kammerherr und Johanniter – zum alten Puhlmann, der am selben Tag seine goldne Hochzeit beging, und wollt' ihm wohl recht was Leutseliges sagen über das eigenartige Zusammentreffen. Aber Puhlmann kam ihm zuvor, schüttelte ihm die Hand so recht verständnisvoll und sagte: »Ih Jott, gnäd'je Herr, ick weet et jo, wie ein tomut ist, wenn man so fünfundtwantig Johr tosammgehuckt hat – da wird man et so leid, so leid! . . .«

Nun lebet wohl, meine lieben Kinder, und Brittchen soll sich gleich nach dem Stübchen umtun, denn wenn ich reise, muß ich gleich reisen, in drei Wochen muß ich zurück sein, da ist Termin in Vormundschaftssachen für Heinzens kleine Bengels. Es ist alles drunter und drüber, und die Frau Mama unpraktisch und aufgeblasen – ich muß aufpassen wie ein Schäferhund.

Es sehnt sich recht nach Euch Euer alter Onkel

Grahnstedt.

Eingelegter Zettel: Mein geliebtes Kind, ich wollte mich nicht telegraphisch ansagen, das hätte 149 Mucki stutzig gemacht, darum reise ich auch nicht sofort. Aber ich denke, in drei Tagen. Der Sanitätsrat schreibt, es könnte sich wohl noch einmal geben, auf einige Zeit, wenn keine Komplikation käme, die er aber nicht erwartet. Darauf laß uns hoffen, ohne Hoffnung ist man schwach. Wenn er sich nicht quält, der liebe Jung, dann ist ja jeder Tag ein Geschenk. Was kann ich Dir sagen, mein Brittchen; beiß die Zähne zusammen, je ruhiger Du bist, desto besser für ihn. Na, mit Dir ist mir nicht bange, ich weiß, Du stehst Deinen Mann. So drücke ich Dich an mein altes kummervolles Herz. Ich hab' den dummen Brief geschrieben, damit Mucki nichts merkt und ein bißchen lachen soll – froh war mir nicht zumute. Aber was will man machen. – Stillhalten, wenn kämpfen nichts mehr hilft. Aber Dein Kummer ist der größte, darum will ich nichts weiter sagen. Also auf Wiedersehen, Donnerstag gegen Abend denk ich, aber ich telegraphiere noch von Zürich aus.

Die arme Gunda ist ganz aufgelöst; sie dauert mich von Herzen.

Dein getreuer Onkel

Grahnstedt. 150

 

Achtes Kapitel

Es war der erste Abend gewesen; nur wenig Stunden früher waren Britta und Onkel Grahnstedt angelangt. Der erste Abend; man war ziemlich spät auseinandergegangen. Die beiden Alten schienen sich wohl zu fühlen in Brittas Nähe. Wie sich verfrorne, verregnete Vögel die gesträubten Federn zu glätten beginnen beim ersten Sonnenstrahl.

Tante Gunda war recht alt geworden. Ihre Unterlippe zitterte nervös, und sie wiederholte den Schluß jedes Satzes, den Britta sprach, und hatte etwas Behutsames bekommen, wodurch sie sich sonst nicht ausgezeichnet hatte; denn sie verfiel wohl bisweilen in den alten Ton der Selbstüberzeugung, brach dann aber plötzlich ab, mit zuckendem Mund, als wollte sie sagen: »Ich kann mich ja auch irren«. »Aber gewiß, Tantchen,« sagte Britta weich, »morgen wollen wir das alles zusammen überlegen, natürlich regt es dich auf. Aber vielleicht läßt sich's doch in Ordnung bringen. Wenn ich dir helfen kann, ich tu's ja so gerne.« Ja, sie würde neue Lasten zu tragen bekommen, und es war gut so. Die liebe, schmerzende Last war von ihr genommen, und es tat weh, wie wenn man sich 151 aufrichtet nach langem Bücken. Aber nun würde sie sich dies oder das aufladen, o gerne, gerne.

Onkel Grahnstedt trommelte auf den Tisch, und nun pfiff er auch – ganz leise nur – den Hohenfriedberger zwischen den Zähnen. Das tat er immer, wenn er erregt war und sich zusammennehmen mußte. Tante warf ihm einen Blick zu und machte, was Mucki »das Gesicht der Herzogin von Olivarez« genannt haben würde.

»Ach Onkelchen, pfeif doch lauter, wenn es Tante nicht stört«, sagte Britta. »Aber schwedische und finnische Märsche kann ich dich jetzt lehren, die sind wundervoll, ich will sie gleich kommen lassen.« Und dann erzählte sie von Karen Sibelius' herrlichem Spiel. Darüber konnte sie ruhig reden, sie hatte es längst in sich verwunden, wie man Nesseln zerdrückt; das brannte sie nicht mehr . . . Da waren andre Dinge, vor denen ihr bangte; allerhand Unentrinnbares, das sie sich nicht auszudenken wagte: das Wiedersehen mit dem Boot am Fischkasten, der Blick auf die blitzenden Mummeln, der dunkle Weg zwischen den Haselbüschen, am Gartenzaun, wo es immer nach verfaulten Blättern roch, die alte Sitzbank oben auf dem Hügel, hinter der ein Haselbusch stand (Hähnchen und 152 Hühnchen gingen zusammen auf den Nußberg, o still davon!). Und dann die Sattelkammer und der Stalljunge, der sechzig Jahr alt war und immer noch Stalljunge hieß; er war von Kind auf ein bißchen seltsam gewesen; was würde er sagen, daß sie nun allein zurückkehrte? So Kindische finden oft Worte, die einem durch und durch gehn.

»Herr Pastoohr ssteht draußen in der Halle, er will aber durchaus nicht sstöhren«, sagte Ida mit der hannöverschen Klangfarbe. Britta war blaß geworden; sie fürchtete sich vor geistlichem Trost; sie hatte nun schon halbwege »Ordnung gemacht«, nun sollte man nicht mehr daran zerren, ach, stille nur, stille!

Sie stand auf. Draußen in der Halle, im Halbdunkel, ging die erste Begrüßung leichter vonstatten. Aber der freundliche Mann war heute gar nicht pastörlich. Die stillen traurigen Augen, die sie zu ihm aufschlug, erschütterten ihn. »Sei getreu bis in den Tod« – das war alles, was ihm in dem Augenblick einfiel, und daß solche Treue ihren eignen Schmerz, aber auch ihren eignen Trost in sich schließt. »Gott helfe Ihnen, Gott helfe Ihnen, wir sind ja alle zu Tode betrübt«, weiter sagte er nichts.

Dann war er hereingekommen. Britta hatte ihm 153 Tee eingeschenkt, Kuchen und Erdbeeren gereicht. Dazu war von diesem und jenem die Rede gewesen, von der neuen Orgel, der Verlobung des Doktors, dem Kinderwaldheim, das diesen Sommer eröffnet werden sollte. Sie sprachen ein wenig hastig, es sollte keine Pause entstehen, sie wollten sich weismachen, daß dieser Abend nicht anders sei als unzählige andre, die sie so oft bei der Teemaschine, mit dem Pastor schwatzend, verbracht. Aber durch die Worte regte sich das dumpfe Bewußtsein, daß unter dem allen ein großer Schmerz lag und wartete: einer von denen, die im ersten Morgendämmern aufwachen und sich einem auf die Brust setzen, schwer und trostlos.

Nun hatte Britta der Tante auf deren Zimmer Gutenacht gesagt, wo so viel Tischchen und Deckchen waren und kleine Porzellanhunde auf den Etageren, und über dem Sofa, unter dem Christus von Plockhorst, all die Bilderchen von ihr und Mucki. Sie, ein weiches, zutunliches Kind, mit großen zärtlichen Augen, runden Schulterchen, die sich aus dem weißen Kleidchen herausarbeiteten, und kleinen festen, treuherzigen Händen, die sich ein bißchen eifersüchtig um Mucki legten, der, klein und spitz, in Sammetkittel oder russischer Bluse neben ihr saß auf hohem Schemel, 154 wie ein junges, verfrornes Vögelchen; oder später, als Schüler und Konfirmand, spillerich und immer etwas müde, und schon mit dem Ausdruck im Gesicht, als begriffe er nicht recht, wozu die ganze Anstrengung des Lebens nötig sei.

Tante begann in ihrer atemlosen Art von allerhand Häuslichem zu reden; plötzlich übermannte es sie und sie mußte sich setzen, gerade auf das Sofa unter die vielen Bilderchen, und kleine, spärliche Altweibertränen rannen ihr in die Mundwinkel herab. Ach Gott, wie klein und hilflos sie aussah – es wurde Britta leicht, sie zu umarmen und ihr tröstend die bebenden Schultern zu streicheln.

Dann war Ida mit dem Apfeltee gekommen, und sie hatten sich getrennt. Rasch und ohne sich umzublicken ging sie durch die verödeten Fremdenzimmer, durch den großen hallenden Gartensaal; da blieb sie stehen.

Das Mondlicht lag auf der Diele, eine breite silberne Lache, wie hingeschüttet, und von den Wänden blickten die weißen Götterbüsten, träumerisch, teilnahmlos. Da machte sie rasch und leise die mittelste der großen Glastüren auf, und stand vorgebeugt und horchte auf das wohlbekannte Gesäusel in den Baumwipfeln. 155

Die Pfade durchschnitten silberweiß den fahlen Rasenplatz, die Büsche glänzten geisterhaft auf einer Seite und versanken mit der andern in Finsternis. Aber geradeaus, im Rondell, stand Fortuna über dem Gewirr scharfer dorniger Zweige, scharfer zackiger Schatten. Sie lächelte, sie wandte den schlanken Hals; es war, als ob sie Eile hätte; das rückwärts wehende Kleid spaltete sich über dem Knie. Und sie hielt das Füllhorn hoch empor über das Rosengestrüpp, das sich mit langen dornigen Trieben nach ihr reckte.

Britta schauerte: wann war sie fortgegangen? Wann war sie wiedergekehrt? Vor einem Jahr? Heute? Oder waren es hundert Jahre gewesen?

Lux aeterna luceat eis . . . die Worte hatten all die letzten Tage in ihr getönt und geschwungen wie Glocken; es war mehr ihr Klang als ihr Sinn, der sie getröstet; sie hatte sich daran geklammert wie an goldne Säulen. Lux aeterna . . . das klare Licht, das dort so früh kam und so spät schwand über den reinen Höhen! Dort war Mucki, dort hatten sie ihn gelassen, der immer ins Licht, nie ins Dunkel hatte blicken mögen. Dort knospten nun schon die Alpenrosen, die winzigen Rinnsale schäumten an den 156 Grashängen herab, die dunkelblauen Glockenblumen blühten in tiefster Einsamkeit und raschelten, wenn der Wind über sie hinfuhr. Aber sie sah es wie durch ein Flimmern. Und die Gesichter auch, die sie dort täglich gesehn – verschwommen; die Stimmen – verklungen. Fremd geworden, jetzt schon?

Lassen . . . sie hatte zwei-, nein, dreimal von ihm gehört, zwei Karten erst und jetzt der Brief. Bisher ging es ihm gut. Das war genug; mehr wollte sie nicht. Nur bißchen Atem holen, aber recht viel Arbeit doch, recht viel friedliche Sorgen wünschte sie sich, so wie Mütter gesunder Kinder sie haben mögen. Aber würde das nicht zu still sein, zu sehr wie ein Hintergrund, auf dem die Gedanken allzu deutlich werden? Gedanken, Sehnsucht . . . wer weiß. Einstweilen war sie ja ganz ruhig, sie wunderte sich selbst, wie ruhig alles verlaufen war. Ein weicher Hauch fuhr durch den Garten. Sie kannte ihn wohl, den streichelnden Wind in den Laubkronen, den Linden und Pappeln und der schwarzen Allee rotblühender Kastanien. Sie kannte all das leise Klirren und Knarren in Stall und Scheune und den Geruch von Garten und Teich zu dieser Stunde. Der Flieder war verblüht, aber die Jasminbüsche trieben ihren Duft weithin in die Nacht 157 – süß – durchdringend – es schnitt ihr ins Herz: hier überall war Mucki ein kleiner Junge gewesen!

Vom Hof her, kläglich, anschwellend, kam das Gebrüll einer Kuh – der hatte man wohl das Kalb genommen: sie kannte den dumpfen, verzweifelten Ton.

Da war's, als höbe sich der schwere Stein, mit dem sie alles versiegelt hatte; es flutete empor und quoll und quoll; ihre Hand umklammerte die Fensterklinke, und sie drückte die Stirn gegen den erhobenen Arm. So stand sie in der silbernen Nacht, durchrüttelt von Schmerz, in heißen, verzweifelten Tränen.


Sie hatte sich wohl verschlafen, denn als sie aufwachte, saß Onkel Grahnstedt an ihrem Bett. Sie reichte ihm die Hand, und er fuhr darüber hin mit seinen roten, verschrumpelten Gichthänden.

»Kindchen,« sagte er, ohne sie anzusehen, »das Leben hat seine Härten, daran ist nicht zu tippen; aber nun ist's einmal so. Man muß nur seinen Weg gehn und versuchen, möglichst wenig zu zertreten. Allmählich – ja es geht ein bissel langsam damit – renkt sich manches wieder ein, oder auch wir werden eingerenkt; es kommt schließlich aufs selbe heraus. Und dann – zuletzt – summa summarum – war's 158 doch wieder schön, wenn man auch nicht gerade von vorne anfangen möchte. Na – für solche Vogelperspektiven bist du noch zu jung, und wirst auch vermutlich eine ganz andre haben, wenn du mein liebliches Alter erreicht hast. Denn die Kirchtürme sind von sehr verschiedener Höhe, und jeder Mensch sitzt zuletzt auf einem andern und beguckt sich, woran nichts mehr zu ändern ist – und redet klug.

Willst du mir helfen, Kind? Hier ist alles ein bissel vor die Hunde gegangen in letzter Zeit; ich hatte keinen Spaß mehr an der Geschichte, seit ich ahnte, daß der liebe Jung nichts mehr von haben würde. Aber das war Schlappigkeit von mir, denn Heinzen seine kleinen Strohköppe werden's auch einmal brauchen können, besonders mit der Frau Mama, der aufgeblasnen Pute, die alles verlottern läßt. Hier soll es aber in Schick und Ordnung sein, wenn ich mal 's Buch zuklappe und die Schlüssel abgebe, und Tante Gunda mir Hortensien auf'n Kopp pflanzt und mich alle Abend begießen kommt mit der Grünlackierten. Na ja, ich geh nun runter zu ihr. Hast du gemerkt, wie fein wir jetzt miteinander auskommen? Ach Kindchen, wenn man sich so ums selbe grämt – das ist besser als Tischlerleim und die edelsten 159 Vorsätze. Na, nu werd' ich dir Ida mit dem Kaffee schicken. Das Frauenzimmer geht mir fürchterlich auf die Nerven; immer nagt sie an einem heimlichen Familienschmerz und flötet. Wenn man sie doch in'n Vogelbauer sperren könnte und in die große Pappel hängen – sie hat 'ne Stimme wie'n Pirol, und dann sagt sie immer Nachtmahl für Abendbrot – wo sie das nur her hat – es klingt so schauerlich, ich muß immer an Hinrichtung denken. Also Brittenkind, du trinkst heute deinen Kaffee hier oben und faulenze erst noch ein bißchen – nachher hol mich ab und wir gehn mal nach der Schonung auf'n Voßberg, die kleinen Tannen strecken sich gehörig, du wirst auch deinen Spaß dran haben, und der norwegische Hafer – das ist eine Pracht.« . . . Damit ging Onkel zur Tür hinaus.

Britta setzte sich im Bett auf und schlang die Hände um die Knie.

Die Sonne schien hell auf die verblichne großblumige Tapete, auf den abgenutzten Teppich, den alten, blankpolierten Hausrat; ach und wie süß rochen Reseda und Rosen auf dem Tisch.

Die Vase hatte gewiß Tante Gunda hingestellt, sie war aus rotem Glas und stand sonst, mit andern Heiligtümern, in ihrer Servante. 160

Im Hof wurden Leiterwagen hin- und hergeschoben, und die Kühe brüllten; die Stalltür stand offen, und sie rochen das frische Grünfutter. So ein blauer Frühsommertag, mit weichen, runden Wölkchen, und die Saaten standen alle gut und reichlich. Onkel Grahnstedt! Wie lieb er's doch meinte, ach von jeher, so lange sie denken konnte. Sie wollte tüchtig mit ihm arbeiten. Pflichttreue? Ach, ein dummes Wort; wenn man jemanden lieb hat, weiß man nichts von Pflichten.

Ja, nun wollte sie sich fertig machen und mit ihm nach der jungen Schonung gehn.

 


 


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