Irene Forbes-Mosse
Berberitzchen und Andere
Irene Forbes-Mosse

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Berberitzchen

Zitternde Pappelwipfel vor den Fenstern, vor den drei hohen Bogenfenstern des hallenden Gartensaals. Und eine gefangne Wespe, die zornig gegen die Scheiben stößt und dann wie rasend auffliegt zur Saaldecke mit den kleinen italienischen Landschaften: Italien, wie sich's irgendein romantischer Zimmermaler der dreißiger Jahre vorstellte, Tempel und Ruinen mit Pinien und Aloestauden unter indigoblauem Himmel, und geschwungne Brücken, über welche Eselchen getrieben werden – das alles eingerahmt von seltsamen, orangegelben Ornamenten: Delphine, die aus Vasen wachsen und deren Schweife sich in Girlanden verwandeln, an denen, wie Ex-Votos – tragische Masken baumeln. Und, von den hellgelb getünchten Wänden herabblickend, Gipsbüsten, sechs auf jeder Seite, fast der gesamte olympische Bundesrat: dort ein lächelnder Merkur mit flachem geflügeltem Hütchen, hier eine ernste, mildgestirnte Ceres. An der einen Längswand eine Laube aus schwarzem Korbgeflecht, von Efeu umsponnen, der zu beiden Seiten aus grünlackierten Kästen emporsprießt. Und in der Laube – ja, wie heißt es doch im Verschen von der Muhme Reelen: »In der Laube ist ein Tisch, und das ist ein 12 Wundertisch«? Nein, ein Tisch ist nicht drin, aber ein kleines, knisterndes Korbsofa mit altmodischen Rückenkissen belegt, Blumenkränze, Wappen, eine kleine Burgruine, in winzigen Perlen und verblichner Seide gestickt.

Aber grad über dem Sofa, von der Wand, blickst du, Berberitzchen. Im ovalen Birnbaumrahmen, mit gepudertem Haar und großen Perlengirandolen in den kleinen Ohren; mit feinen, etwas ungleich erhobenen Brauen, als käme dir irgend was lächerlich vor, mit fernblickenden, durchsichtigen Augen, braun, grün, grau – wer kann's sagen, und dem Gespenst eines Grübchens in der Wange.

An dem großen Mahagonitisch, der Laube gegenüber, sitzt ein kleines Mädchen, das Kinn auf beide Fäuste gestützt, und lernt. Es liest eine Seite, mit gerunzelter Stirn, es sieht ganz böse aus vor Eifer, und dann »memoriert« es, und das ist ja das, worauf es ankommt. Die Wespe summt so zornig, sie macht jetzt von Zeit zu Zeit einen Bogen in die mittleren Regionen. Ob sie sich fangen ließe, mit dem Taschentuch? Aber wenn sie wieder frei käme, was dann? »Nur die gereizte Wespe gebraucht ihren Stachel«, steht in der »kleinen Naturgeschichte«. Aber sie würde gewiß schrecklich gereizt sein . . . 13

Auf dem Tisch stehen Rosen, die ganz dunkelroten, beinah schwarzen, die Mama liebt; sie sind schon etwas welk, ab und zu löst sich ein Blatt und fällt auf die Tischplatte. Sie riechen sehr süß, ein ganz klein wenig verdorben; es müßten frische gepflückt werden, aber nun ist es zu heiß draußen im Rosengarten.

Wie die Pappelblätter flimmern, wie unruhig sie sind, und ist doch alles so glühend still; jedesmal wenn sie sich bewegen, sieht man ihre weiße, pelzige Unterseite.

»Que j'aimasse, que tu aimasses, qu'il aimât«, memoriert das kleine Mädchen. Ob man so was wohl jemals sagt; es klingt gräßlich . . .

Ob die Aprikosen bald reif sein werden? Oben auf dem Hügel über dem See steht ein großer Baum, in Wind und Sonne, wie ein Wunder steht er da mitten im Stoppelfeld. Die Früchte haben rote und braune Pünktchen auf der Sonnenseite, die andre ist noch hart und grün.

»Le cheval rétif . . . la jument rétive« . . .

Grammatik ist so komisch; wie ein Bilderbuch; allerhand Tiere und Sachen marschieren da auf, an die man sonst nie denken würde. Und was die Leute 14 alles voneinander borgen wollen! Besonders Bleistifte und Taschenmesser. Sie bitten den Oheim und die Schwiegermutter und die Base der Bruderstochter darum. Wahrscheinlich verlieren sie immerzu ihre Bleistifte und Taschenmesser. Ob sie die geborgten nun auch wieder verlieren? Dann müssen sie wieder andre entfernte Verwandten darum angehn.

Das Urgroßmütterchen im Birnbaumrahmen sprach Französisch mit seinen Eltern, und wenn es Deutsch sprach, mußte es Sie sagen zu seiner Mutter; und es sagte wohl auch »itzt« wie die schrecklich artigen Kinder in Campes Robinson. Und es besaß ein »Kammermensch« . . . Ob ein »Kammermensch« wohl ebenso gewalttätig war wie ein Kindermädchen, das einen, wenn man sich heiß gelaufen hat und so recht voller Wonne in der schönen, kalten Zugluft steht, mit einer roten Flanelljacke überwältigt?

»Le corbeau croasse - la grenouille coasse, le lion rugit - la vache mugit. Reizend müßte es doch sein, wenn man eine Grenouille wäre; Sümpfe sind furchtbar interessant. So auf einem großen, ledernen Mummelblatt sitzen und sich stellen, als ob man schliefe . . . Hedwig möchte ein Vogel sein – so was . . . Mamsell steht auch immer vor ihrem 15 Kanarienbauer und sagt: »Kleiner Vogel, du bist glücklicher als ich!« – Was doch gar nicht wahr ist . . . So – nun hab' ich genug gelernt, vor der Stunde les' ich's noch rasch mal durch, dann bleibt es schon so lange hängen, bis ich abgefragt bin . . .

Das kleine Mädchen kniet auf dem knisternden Sofa, auf der gestickten Burgruine, und sieht sich das Bild an. Urgroßmütterchen ist jung gestorben, soll nicht recht froh gewesen sein. Es war mit dem Urgroßvater verheiratet, der die furchtbar vielen Röcke und Westen hatte. Es existiert noch ein Verzeichnis davon. Er muß alle Schränke voll Kleider gehabt haben; aber alle auf dem andern Gut, wo es nicht so gemütlich ist, wo die seidnen Tapeten sind und der Schloßhof mit der Statue. Das Urgroßmütterchen fror immer; es war gewiß nicht glücklich. Wenn man nicht glücklich ist, friert man viel leichter.

Der Urgroßvater ist ein »Verschwender« gewesen, sagt Papa; das ist ein prächtiges Wort; es hat so was Leuchtendes, wie alter, roter, zerschlissner Samt. Ob er wohl mit so langen, dünnen Goldbörsen um sich warf, wie der unglückliche Mensch in »Robert der Teufel«? . . . Auf weiten Reisen war er auch, zeitweis ganz verschollen. So wie der 16 »verlorene Sohn«. Ob er wohl Schweinetreber gegessen hat? Das kleine Mädchen war neulich in der alten Waschküche, wo sie die Kartoffeln für die Schweine dämpfen; und da hat sie eine herausgefischt – ja, das war sehr ungezogen – und hat sie gegessen, – nein, nur halb – aber es war gar nicht so schlecht . . . besonders mit Salz. Ob der verlorne Sohn nicht wieder Sehnsucht hatte nach den Schweinen, wie sie dann alle dasaßen beim Kalbsbraten? Es mußte doch schrecklich genant sein, so ähnlich wie das erste Mittagessen, wenn die Brüder in den Ferien ankommen mit schlechten Zensuren . . . Mama krampfhaft vermittelnd, und Papa so – ja . . . so unheilschwanger . . . aber Fräulein Ansorge sagt, das sei ein unpassendes Wort, und nur für Dichter . . .

Ja, also der Urgroßvater ließ das andre Schloß von Italienern ausmalen und die Statuen im Garten aufstellen. Und er hatte dort sein eignes Orchester, das auf der Galerie im großen Saal fiedelte und posaunte. Als er starb, ja, da war alles verschuldet, denn er war ein »Verschwender«. Großpapa kam dann an die Reihe, »da pfiff der Wind aus einer andern Ecke«, sagt Papa; er mußte das schöne Stadthaus verkaufen und die Kutschen und Pferde, und 17 sogar ein Bild, »man hielt es lange Zeit für einen Correggio«, sagt Papa. Aber Großpapa war ja nun entsetzlich knauserig geworden. Die vier Tanten saßen abends mit ihren Stickrahmen bei einer einzigen Kerze und die Söhne hielt er so knapp auf der Universität, daß Großmama heimlich ihren ganzen Schmuck verkaufte . . . dabei gingen auch Urgroßmütterchens Girandolen in die weite Welt! . . .

Das muß traurig gewesen sein, wie Großpapa uralt und halbgelähmt die letzte Zeit verbrachte, in dem frostigen Schloß mit seinen Götterplafonds und leeren Kaminen und glänzenden Parketts, über die einstmals so zierliche polnische Füßchen gebachstelzt waren. Großmama legte Patiencen . . .

Auf jenem Gut gibt's noch ein anderes Bild von Berberitzchen – Barbara Sapiéha war ihr Mädchenname, es kamen damals viel Polen ins sächsische Land – in dem runden Eßzimmer mit den Allegorien der Gärtnerei an der Wand, Strohhut und Harke und Gießkanne – dort hängt es mit denen ihrer besten Freundinnen, die sich ihr zum Geschenk malen ließen, als sie heiratete. Zwei ganz blond, mit langen Hälsen und sanften Augen, die schönen Schwestern Fresenius, sie tragen Berberitzchens 18 Miniatüre auf den Busenschleifen, und dann eine blasse, dunkelhaarige, mit seltsam hellen Vampiraugen: Helene Lubomirska; ein kleiner, schwarzer Schleier fällt bis zu ihren graden, düstern Brauen, und der schmale, verschwiegne Mund sieht aus, als ob er auch in der Beichte nicht alles sagen würde. Und dann ist da noch eine kleine, rundliche Meta von Hymmen, mit einer schwarzen Maske in der Hand, das Mündchen wie eine Kirsche, eine kirschrote Bandschleife um den Hals, von der ein Diamantkreuz hinabhängt zwischen die kleinen, ehrlichen, hochgeschnürten Brüste. Und schließlich Berberitzchen selbst: biegsam wie ein Weidenzweig, wie ein feiner, verkleideter Knabe, im apfelgrünen Überwurf, mit rotem Dogenmützchen und einem riesenhaften Muff, aus dem ein schwarzmäuliges Hündchen hervorbleckt. So fuhr sie wohl Schlitten in Dresden und in Warschau, ihre Augen glitzernd, als seien ihr Schneeflocken in die Wimpern geraten; ja, und da ist auch das zuckende Grübchen, der fragende Zug im Gesicht, als begriffe sie nicht, wie die Menschen vieles so schwer nehmen und vieles so leicht.

Tuck, des kleinen Mädchens liebster Kamerad – er besitzt auch eine Eule – hat ihm erzählt, daß 19 Berberitzchen auf seines Onkels Gut beigesetzt sei. Sie starb dort bei ihren Freundinnen, der kleinen, warmherzigen Meta, den blonden, gefühlvollen Schwestern Fresenius, und wurde einbalsamiert auf ihrer Eltern Wunsch. Der Sarg hat einen Glasdeckel, sagt Tuck, und wenn man sich platt an die Erde legt vor das Gitterfenster der Gruft und es recht helles Wetter ist, kann man sie liegen sehn, in vergilbter Seide und geschwärzten Silberlitzen, und ihr Gesichtchen ganz vertrocknet und braun, wie eine kleine Pfefferkuchendame. Ach, wie das traurig ist, warum legten ihr die Freundinnen nicht ihre Spitzentücher über das arme, junge Gesicht?

Die Eltern wollten sie nach Warschau haben, und der Urgroßvater auf sein Gut, und schließlich wurde aus beidem nichts. Er hat eine andre Frau genommen, und die kleine Tote ist im Grabgewölb der fremden Leute geblieben. Vielleicht liegt sie dort besser, bei ihren süßen Freundinnen, mit denen sie schön und jung und sorglos war, als neben dem Urgroßvater, der die vielen Westen hatte . . .

Vom Hof kommt der Schrei der Pfauen: Leoh! Leoh! . . . Die Knechte haben gevespert, jetzt ziehn sie die Leiterwagen aus dem Schuppen. Wie die 20 Luft schwer ist und süß; und unten drunter ein bißchen säuerlich: das sind die dunklen Rosen, sie stehn schon zu lang in den Vasen. Die Wespe ist müde geworden, sie macht nur noch ganz kurze Ausflüge nach den klassischen Landschaften an der Saaldecke. Und die Pappelblätter flimmern so; es tut den Augen weh. Auf dem Grasplatz die Perückenbäume sind wie zitternder Nebel. Alles zittert, die Pappeln und die Luft draußen; man wird schläfrig, wenn man hinblickt. Ach, und die Rosen sind alt, es müßten neue gepflückt werden. 21

 


 


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