Gustav Theodor Fechner
Erinnerungen an die letzten Tage der Odlehre und ihres Urhebers
Gustav Theodor Fechner

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IV. Mit Frau Ruf angestellte Versuche.

Hierüber gebe ich wesentlich wörtlich, nur mit einigen Abkürzungen und Nebenbemerkungen, wieder, was ich tagebuchartig in meinen Notizen ausgezeichnet vorfinde, indem ich glaube, daß dem Interesse, was diese Mitteilung etwa haben kann, durch ein kürzeres Zusammenziehen derselben Abbruch geschehen würde, auch manches Detail zur Beurteilung der Versuche nötig ist.

Donnerstags, 4. Juli 1867.

Heute früh überraschte mich Herr v. Reichenbach mit seinem Besuche. Auf meine wiederholte briefliche Ablehnung, mich auf seine Versuche einzulassen, nachdem ich keine Kommission meiner Kollegen zur Prüfung derselben zu Stande zu bringen vermochte, und die Pendelversuche zu Nichts geführt, hatte er erwidert, daß er dessen ungeachtet kommen und selbst eine Sensitive mitbringen wolle, nur um mir die Versuche zu zeigen, ohne Anspruch zu machen, daß ich ein öffentliches Urteil darüber abgebe, natürlich voraussetzend, daß ich im Fall seiner Berufung auf mich doch nicht würde umhin können, es zu tun, wenn ich mich nur erst selbst überzeugt hätte.

Ich empfing ihn sehr kalt, erklärte ihm nochmals, ich hätte gewünscht, mich meinerseits von einer Beteiligung an seinen Versuchen zurückzuziehen. Wobei für ihn selbst nichts herauskommen würde, ging aber, da er einmal da war, mit ihm in sein Hotel zur Stadt Dresden, wo er mir seine Sensitive, eine große, doch mehr magere als starke, Frau zwischen 40 und 50 Jahr alt, die früher einmal hübsch gewesen sein mag, vorstellte, und ich einen Tisch sah, auf dem er alle mögliche Präparate, Magnete, Schwefel und Metalle, eingeschmolzen in Röhren, Kristalle, ein rohes und ein gesottenes Ei, u.s.w., was weiß ich, ausgebreitet hatte.

Die Sensitive erklärte, daß sie nicht ganz wohl und ihre Empfindlichkeit gerade heute nicht sehr gesteigert sei; doch wurden folgende, von Reichenbach selbst angegebene, von mir in die Hand genommene Versuche angestellt.

l) Unterscheidung eines Eisenstäbchens von einem Magnetstäbchen durch das Gefühl. Da ich fand, daß das eine Stäbchen ein wenig schwerer war als das andere, wickelte ich beide ganz in Papier und ließ sie nicht in, die Hand nehmen, sondern legte sie parallel auf den Tisch, so daß sie mit den eingewickelten Enden über die Tischkante hervorragten. Der Nordpol soll mit der Linken kühl, der Südpol lauwidrig, oder, wie sich die Sensitive ausdrückte, "gruselich" empfunden und hiernach die Unterscheidung von dem indifferenten Eisenstäbchen geschehen. Die Sensitive gab falsch an. Derselbe Versuch wurde nachher zwischen anderen Versuchen noch zweimal mit gleich mißlungenem Erfolge wiederholt. Indessen zeigte sich, daß das Magnetstäbchen, was nur etwa die Länge einer halben Stricknadel und den (jedoch rechteckigen) Querschnitt eines mittelmäßigen Bleistifts hatte, das wenig leichtere oder schwerere Eisenstäbchen nicht zu tragen vermochte, also freilich nicht sehr geeignet zu Versuchen bei schwacher Empfindlichkeit war. Als ich Reichenbach fragte, warum er nicht ein stärkeres Stäbchen genommen, sagte er, er sei des Gelingens der Versuche zu sicher gewesen; brachte nun ein etwas größeres und stärkeres Stäbchen, womit der Versuch mit Unterscheidung der Pole wirklich gelang, was natürlich zufällig sein konnte. Inzwischen frappierte es mich, daß die folgenden Versuche ausnahmslos hintereinander gelangen.

2) Ein Bergkristall, von mir selbst in Papier eingewickelt, so daß ein Unterschied seiner Enden nicht mehr erkennbar war, wurde eben so auf den Tisch gelegt. Sie unterschied mit dem Finger, ohne das Papier selbst zu berühren, richtig das Ende, was nach Reichenbach’s, mir zuvor gegebener, Erklärung kühler erscheinen sollte. Derselbe Versuch wurde noch einmal mit gleichem Erfolge an einem anderen Kristall wiederholt.

3) Ein Knaul von blauer und ein anderer von gelber Wolle gleicher Größe, von mir selbst in Papier gewickelt, wurden von ihr richtig unterschieden. Der eine Knaul, ich weiß nicht mehr welcher, soll sich nämlich mit der Linken sogar durch das Papier durch kühliger als der andere fühlen.

4) Ich nahm zwei farblose Knäule, den einen in die linke, den anderen in die rechte Hand, ohne daß die Sensitive wußte, in welche, und hielt sie etwa 5 Minuten darin, dann wurden sie der Sensitiven übergeben. Der eine soll durch die eine Hand odnegativ, der andre odpositiv geladen sein, und hienach der eine kühliger als der andere empfunden werden. Reichenbach hatte zuvor angegeben, wie der Erfolg ausfallen müsse, und er fiel richtig so aus.

5) Reichenbach hatte unter seinen Probeobjekten ein Säckchen mit gelben, ein anderes mit schwarz aussehenden, wie er sagte toten, Erbsen. Das Tote soll vom Lebendigen auch durch das Gefühl von Kühligkeit und Lauligkeit oder Gruselichkeit unterschieden werden. Ich ließ die Erbsen ausschütten, um sie nicht in den, der Sensitive bekannten, Säckchen zu lassen, deckte über jeden Haufen eine Papierhaube, und ließ die Sensitive nach dem Gefühle, indem sie die Finger in einer kleinen Entfernung über dem Papier hinbewegte, den Unterschied der Empfindung angeben. Er fiel richtig in dem von Reichenbach zuvor angegebenen Sinne aus.

6) Mein Stubenschlüssel wurde unter ein Taschentuch gelegt, so daß es lose, mit einer Menge Bauschungen hier und da, darüber lag, und die Lage des Schlüssels sich in keiner Weise durch das Tuch durch erkennen ließ; auch ich selbst, wenn ich die Hand über das Tuch hinführte, keine unterscheidende Empfindung von der Lage des Schlüssels hatte. Sie fuhr mit den Fingerspitzen in einer kleinen Entfernung über das Tuch hin, wobei ich sorgfältig Acht hatte, daß sie nicht bis zur Berührung des Tuches ging, und nachdem sie das einigemale hin- und her getan, fuhr sie mit einer raschen Bewegung auf die Stelle des Tuches los, worunter er lag, was sich in der Tat überraschend ausnahm.

Bei allen diesen Versuchen war der Sensitiven durch die, außer ihrer Gegenwart vorgenommenen, Maßregeln die Möglichkeit abgeschnitten, zuvor zu wissen, wie sie ihre Aussage zu stellen hatte; und mit Ausnahme von 5) und 6) waren auch die Vorbereitungen so getroffen, daß Reichenbach selbst nicht wußte, auf welcher Seite respectiv der odpositive und der odnegative Körper lag, also die Möglichkeit eines etwaigen Zeichens von seiner Seite ausgeschlossen, woran übrigens auch aus anderen Gründen nicht wohl zu denken.

Inzwischen war die Sensitive bei diesen Versuchen durch die Aufgabe, sie vor einem scharf zusehenden Auge und unter Anwendung ungewöhnlicher Kontrollmaßregeln anzustellen, ganz alteriert, erklärte wiederholt, sie habe heute kein recht scharfes Gefühl, gab auch alle ihre zutreffenden Aussagen so: "sie meine, das ein wenig kühliger zu empfinden," so daß man merkte, sie sei nicht recht sicher dabei, wonach ich mich um so mehr wunderte, und, um meine Stimmung bei den Versuchen selbst offen zu gestehen, ärgerte, daß sie doch so zutrafen, wie es mir eine bessere Sache zu verdienen schien; sie zitterte mit den prüfenden Händen, sagte endlich, sie könne nicht mehr, und verfiel in Krämpfe, die Reichenbach durch Streichen zu beseitigen suchte. Kurz, die Versuche hatten heute ihr Ende; und wir machten aus, Reichenbach solle es mich wissen lassen, wenn die Frau wieder zu Versuchen disponibel sei.
 
 

Sonntags, 6, Juli.

Billet von mir an Reichenbach: "Der Erfolg der bisherigen Versuche hat mich frappiert; aber die Möglichkeit zufälligen Zutreffens ist bei der geringen Zahl derselben noch nicht ausgeschlossen, und mit Darstellung zersplitterter Versuche ist objektiv überhaupt wenig auszurichten. Ich komme also auf einen, Ihnen schon früher gemachten, Vorschlag zurück, und würde mich für überzeugt erklären, wenn folgende drei Versuche gelängen.

1) Ich bringe einen ziemlich starken Magnetstab mit unbezeichneten Polen mit, und lege ihn Ihrer Sensitiven vor. Sie hat 20-mal hintereinander, oder auch, wenn es sie zu sehr anstrengt, in zwei Sessionen, im Ganzen aber eben so oft, zu entscheiden, welches der Nordpol ist. Zwischen jedem Versuche lege ich den Stab so um, daß sie nicht weiß, ob er noch dieselbe Lage als früher hat, und gebe vor Beendigung der ganzen Versuchsreihe kein Zeichen des gelungenen oder mißlungenen Erfolges.

2) Ich bringe eine platte von Schwefel und eine gleiche von einem Metalle mit. Sie werden an zwei verschiedene, gleich bezeichnete, Stellen unter ein Blatt Papier gelegt, aber so, daß weder die Sensitive noch Sie wissen, an welcher von beiden Stellen die eine, und an welcher die andere liegt. Denn bei der Darstellung der Versuche ist der Einwand auszuschließen, daß Sie der Sensitiven ein, wenn auch nur unwillkürliches, Zeichen geben. Sie hat nach dem Gefühl, indem Sie mit den Fingern in einer kleinen Entfernung über dem Papier hinstreicht, zu entscheiden, wo die eine und wo die andere Platte liegt. Auch dies oft (mit Wechsel der Lage) zu wiederholen.

3) Wir stellen den Pendelversuch bei fester Aufstellung an, jedoch erst nach den vorigen Versuchen, und wenn die Sensitive sich gewöhnt hat, damit die Hand möglichst ruhig sei.

Auch wenn der Pendelversuch nicht glücken sollte, und ich gestehe gar kein Zutrauen dazu zu haben, würde ich das Gelingen der beiden anderen Versuche hinreichend halten, Ihrer Lehre ein Fundament in der Erfahrung zu geben."
 
 

Hierzu einige Bemerkungen.

Den Finger beim zweiten Versuche in einer kleinen Entfernung über dem Papier hinzuführen, ist deshalb nötig, damit nicht durch das Papier durch ein Unterschied der Härte oder Wärmeleitung zwischen beiden Platten empfunden werde. Die Unterscheidung soll nach Reichenbach darin bestehen, daß die Sensitive von der Einwirkung des Zinks, wofür auch Zinn oder Kupfer stehen könnte, ein eigentümliches Ziehen in der Hand empfindet, was bei Schwefel, Graphit und anderen sehr elektronegativen Körpern fehlt.

Um eine relativ sichere Überzeugung von einem stattgehabten odischen Einflusse zu erlangen, würde ich nicht fordern, daß alle 20 Einzelversuche treffen, aber auch nicht auf ein geringes Übergewicht der zutreffenden Fälle etwas bauen; da das Gelingen durch Zufälligkeiten eben so wohl in einzelnen Fällen verhindert als ein geringes Übergewicht dadurch hervorgerufen werden könnte. Es würde genügen, wenn fast alle Fälle zutreffen. Um aber ein bestimmteres Urteil in dieser Hinsicht als nach einem bloßen Apercu zu fällen, ließe sich meines Erachtens die Wahrscheinlichkeitsrechnung nach folgendem Prinzip verwenden.

Bezeichne man einen zutreffenden Fall mit +, einen Fehlschlag mit -. Findet kein odischer Einfluß statt, so ist die Chance der + und - gleich groß; was nicht hindert, daß bei einer endlichen Zahl von Prüfungsfällen, wie wir deren 20 voraussetzen, nach Zufall die + oder - überwiegen; aber die Unwahrscheinlichkeit des Übergewichts nach einer Seite wächst mit der Größe desselben, und man kann genau und ohne Schwierigkeit berechnen, wie viel (der gegenteiligen Annahme gegenüber) zu wetten, daß bei gleicher Chance der Überschuß der + über die - unter einer gegebenen Zahl bleiben würde.z. B. bei 20 Fällen läßt sich 499 gegen l wetten, daß bei gleicher Chance der + und - der Überschuß der + über die - vermöge bloßer Zufälligkeiten kleiner als 16 ober gar negativ sein, also die Zahl der + nicht 18 (gegenüber 2 Minusfällen) erreichen würde. Ist dennoch ein Überschuß von dieser Größe erreicht, so wird man eben so viel wetten können, daß die Voraussetzung der gleichen Chance, wofür die Rechnung gefühlt wurde, nicht besteht, sondern daß ein bestimmter Einfluß den Überschuß so hoch getrieben hat.

Schon früher hatte ich dies Verfahren, welches statt auf eine Mehrheit von Versuchen mit l Person auch auf eine Mehrheit von Personen mit je l Versuch anwendbar ist,Da nach Reichenbach ungefähr die Hälfte der Menschen mehr oder weniger sensitiv sein soll, so müßte, wenn man ganz nach Zufall eine größere Zahl darunter herausgriffe, um so mehr, wenn man lauter nervenreizbare Personen zuzöge, letzteres Verfahren ein erhebliches Übergewicht von + Fällen geben, sollten Reichenbach’s Annahmen zu Recht bestehen. Herrn v. Reichenbach brieflich zum Ersatz seiner gewohnten Registrierung und Anführung von lauter zutreffenden Fällen, die doch gewiß nicht so rein statt gefunden, vorgeschlagen, und ihm die Berechnungsweise dazu mitgeteilt; doch ging er nicht darauf ein, sondern behauptete, er erhalte bei rechter Vorsicht lauter zutreffende Fälle. Natürlich wird das Verfahren um so sicherer, je mehr man Fälle zuzieht; ich mochte aber bei der krankhaften Empfindlichkeit der Sensitive nicht über 20 hinausgehen.

8. und 9. Juli.

Nachdem Reichenbach am 8. Juli die in meinem Billet enthaltenen Vorschläge "mit Vergnügen" und der Bemerkung akzeptiert hat, "er zweifle keinen Augenblick, daß die Sensitive praestanda prästiren würde, nur müsse ihrer Erholung noch einige Zeit gegönnt werden," schreibt er mir am 9. Juli: "Unsere Sensitive ist heute um ein klein wenig besser. Doch um so wenig, daß es nicht in Rechnung kommt. Indes, wenn auch schwach gegen ihren gesunden Zustand unterscheidet sie doch in der Hauptsache Positiv und Negativ, und gestern Abend machte ich eine Stoffreihe mit ihr durch, welche sie zu meiner Verwunderung ganz richtig aufstellte. Unter solchen Umständen möchte ich doch versuchen, sie Ihrer Aufgabe zu unterziehen, wenn Sie die Gewogenheit haben möchten, ihnen eine Stunde zu widmen" u. s. w. – Ich begab mich also Nachmittags um 4 Uhr in sein Hotel mit meinen eigenen Apparaten.

Zuvörderst suchte ich die Sensitive durch freundliche Ansprache ruhig zu stimmen, fragte sie, ob sie glaube, die Versuche unternehmen zu können, was sie zweifelnd beantwortete, und stellte Reichenbach selbst vor, ob er nicht besser täte, die Versuche noch zu verschieben, als sich einem zweifelhaften Erfolge auszusetzen. Denn, wenn sie einmal unternommen wären, müßte ich die negativen Erfolge so gut als die positiven aufzeichnen. Indes schien er die Anstellung nicht erwarten zu können. Ich gab also der Sensitiven den großen schweren starken Hufeisenmagneten, den ich statt des Stabes mitgebracht, in die Hand und fragte sie, ob sie einen Unterschied der Pole empfinde. Sie sagte, sie empfinde den einen Pol etwas kühliger als den anderen, aber nur sehr schwach. "Nun, – sagte Reichenbach, – es kommt nicht darauf an, daß Sie den Unterschied stark empfinden, sondern daß Sie ihn überhaupt empfinden." – Ich hierauf: "Wohlan also, wenn Sie so wollen, beginnen wir."

Die Pole selbst waren nicht bezeichnet; um aber auch das, für jeden Fremden unauffällige, an den Schenkeln seitlich sich befindende Zeichen unschädlich zu machen, wurde der, auf einen Tisch gelegte, nur mit beiden Polen über die Tischkante hervorragende Magnet bei jedem Versuche ganz mit Karton bedeckt, und der Sensitiven aufgegeben, nach der größern Kühligkeit des Nordpoles, unter Anwendung der Linken zu den Versuchen, zu bestimmen, welcher von beiden Polen es sei. Auch Reichenbach kannte die Lage der Pole nicht.

Nachdem die Sensitive ihre Aussage gegeben, die ich stillschweigend notierte, ließ ich sie sich entfernen, drehte den Magnet rasch mit der Hand mehrmals herum, so daß ich nach seinem Wiederauflegen auf den Tisch und sofortiger Bedeckung mit dem Karton während der Anstellung des neuen Versuches selbst nicht wußte, ob der Nordpol rechts oder links liege, und mich erst nach geschehener Aussage davon überzeugte. Dieser Versuch ward siebenmal hinter einander, nach jedesmaliger Entfernung der Sensitive und wie oben gewechselter Lage des Magneten, wiederholt, wonach aber die Sensitive erklärte, daß sie gar zu unsicher sei, und ich Reichenbach selbst erklärte, unter diesen Umständen den Versuch als nicht beweisend nicht weiter fortsetzen zu wollen. Der Erfolg der 7 Versuche war, wenn mit + Zutreffen, mit - Nichtzutreffen bezeichnet wird, nach einander dieser:

+ – – – + – +

d. h. also, das Resultat war gänzlich zu Ungunsten ausgefallen. Denn bei mangelndem odischen Einflusse war die Wahrscheinlichkeit der + mit der der – gleich; letztere aber überwogen sogar.

Ich hatte außerdem eine Schwefelplatte und eine Zinkplatte, von ganz gleichen Dimensionen (früher zu Versuchen über Kontaktelektrizität benutzt), zur Anstellung der zweiten Art von Versuchen mitgebracht; die Sensitive erklärte aber bei einem deshalb angestellten vorläufigen Versuche, wo sie mit der Lage der beiden Platten unter dem Papier zuvor bekannt war, daß ihre Empfindlichkeit für heute nicht hinreiche, einen Unterschied unter diesen Umständen zu finden.

Trotz dem wünschte Reichenbach, noch den dritten Versuch, den ich vorgeschlagen, vorzunehmen, den Pendelversuch. Er selbst hatte dazu eine Vorrichtung mitgebracht, ähnlich der mir überschickten und von mir angewandten, nur mit dem wesentlichen Unterschiede, daß die Flasche, in die das Pendel herabhing, anstatt auf eine feste Unterlage aufgekittet zu sein, nur auf eine solche aufgesetzt wurde. Sie hatte aber einen etwas ungleichen Boden, so daß sie auf dem Tische leicht etwas wackelte. Was half es dann, daß er eine Grundmauer seines Hauses hatte aufbrechen lassen, um den wackligen Apparat darauf zu setzen. Zwar spricht er von einer "Befestigung" darauf; aber unstreitig hat eine solche nicht statt gefunden; denn sonst hätte er, als ich ihn auf den Mangel aufmerksam machte, gesagt, daß er demselben zu Hause wirklich abgeholfen. Wie es dann gekommen sein soll, daß die Versuche eben nur mit Sensitiven glückten, mögen die Götter wissen, wenn es nicht ist, weil Sensitive im Allgemeinen unruhige Hände haben.

Natürlich ließ ich mich auf Versuche mit seiner Vorrichtung nicht ein; wir begaben uns vielmehr zu der oben beschriebenen, nach den früher mißlungenen Versuchen noch stehen gebliebenen, festen Aufstellung des Apparates im Augusteum. Der Versuch mißglückte gänzlich; das Pendel blieb stocksteif stehen.

Hiezu folgende Bemerkung von späterem Datum. Reichenbach selbst ist während seines Aufenthaltes in Leipzig gegen mich nie wieder auf den Pendelversuch zurückgekommen, unge-achtet ich einige Zeit nach obigem Versuche bei ihm eine Flasche mit dem Pendelapparate in ähnlicher Weise auf einer Fensterbrüstung befestigt sah, als er es bei mir gesehen; und unstreitig hat er von manchen unter den vielen Sensitiven, die er zusammengebracht, auch Versuche daran anstellen lassen. Wären sie geglückt, so hätte er es mir sicher nicht verschwiegen.

Inzwischen ein Versuch, den Reichenbach selbst vorbrachte, während ich noch bei ihm im Hotel war, setzte mich in Erstaunen, und ich weiß noch nicht, was ich daraus machen soll. Eine gewöhnliche Boussole mit einer Nadel von einigen Zoll Länge unter Glas wurde auf den Tisch gestellt; er ließ die Sensitive einen Finger vor dem einen Pole (nicht über dem Glase, sondern vor dem Gehäuse) hin- und herbewegen, und die Magnetnadel geriet dabei in ähnliche Schwingungen, als wenn man ein Eisen- oder Magnetstäbchen vor demselben Pole hin- und herbewegt. Diese Schwingungen waren nicht unerheblich, und der Versuch gelang bei jeder Wiederholung, auch wenn sich Reichenbach dabei in anderen Teilen des Zimmers befand. Auch dann, wenn der Finger von der Seite abwechselnd dem Pole genähert und davon entfernt wurde. Stellte ich selbst den Versuch in gleicher Weise an, so blieb die Nadel ganz unbeweglich. Reichenbach sagte, die Erscheinung sei heute schwach; zu Zeiten habe die Sensitive die Magnetnadel im Kreise herumgeführt. Ich besah die Finger der Sensitiven in ihrem Verlauf und unter den Nägeln möglichst genau, ließ die Person den Arm bis über den Ellenbogen aufstreifen, um irgendwo Eisen oder Stiche, durch welche Nadeln unter die Haut geschoben sein könnten, zu entdecken; umsonst. Ich behielt mir jedoch vor auf diese Versuche zurückzukommen.

Durch freundliches Zureden hatte ich das Zutrauen der Sensitiven gewonnen, und da Reichenbach halb taub ist, tat sie ungeniert mit halb lauter Stimme manche Äußerungen, die sie ihn wohl nicht hätte hören lassen mögen; namentlich auch auf unserem Wege nach dem Pendelapparate, wo ich sie etwas auszuholen suchte. Es ist nicht ohne Belang, die hierbei von ihr getanen Äußerungen anzufühlen, weil sie beitragen können, den Verdacht auszuschließen, daß von ihr selbst eine willkürliche Täuschung ausgegangen sei. Als Reichenbach nach den 7 Versuchen mit dem Magneten fragte, ob sie gelungen wären und ich die Antwort bis nach Vollendung sämtlicher 20 weigerte, sagte sie, sie glaube selbst nicht, daß sie getroffen hatten. Während der Versuche mit dem Pendel erklärte sie, sie halte nichts von diesem Versuche, aber der Baron dulde keinen Zweifel daran; und sie stimmte meiner Ansicht, der Versuch möge früher nur wegen schlechter Aufstellung des Apparates gelungen sein, ganz bei. Unterwegs sagte sie: "ach wenn sie nur erst wieder zu Hause wäre, sie sehne sich so nach ihrem Kinde, es wäre ihr schrecklich, länger hier bleiben zu müssen." Ich fragte sie, wie es gekommen, daß sie der Baron zu Versuchen mitgenommen. Sie erwiderte, sie sei 17(oder 14?) Jahr bei ihm im Hause in einem Dienstverhältnisse gewesen, Seit 8 Jahren aber an einen Mann verheiratet, der leider liederlich sei, und habe es dem Baron auf seinen Wunsch zu Gefallen getan, mit hierher zu gehen, nachdem sie (ich glaube vor ½ Jahr) eine Nervenkrankheit gehabt, von der eine große Reizbarkeit zurückgeblieben. Wenn sie aber noch längere Zeit hier bleiben solle, so würde sie immer untauglicher zu diesen Versuchen werden. Sie schien in der Tat selbst nicht viel von der ganzen Od-Geschichte zu halten, und sagte, der Baron habe Leute zu den Versuchen angestellt, die er dafür bezahlt, und die ihm dann zu Gefallen geredet hätten; wenigstens sage man so. Es schien mir freilich, daß die Person, da sie meine Abneigung, mich Reichenbach’s Ansichten zu fügen, leicht hatte bemerken können, mir ebenfalls etwas nach dem Munde zu reden suchte.

13. Juli.

Die Sensitive war seit den letzten Versuchen in einen solchen Zustand der Unempfindlichkeit geraten, daß Reichenbach, wie er mir schrieb, sie mit Nadeln bis aufs Blut in die Gliedmaßen stechen konnte, ohne daß sie etwas empfand. Heute früh indessen kam er zu mir, sagte, seine Sensitive sei zwar noch nicht so weit wiederhergestellt, um die Versuche mit Hufeisenmagnet und Pendel zu wiederholen; aber die Ablenkung der Magnetnadel, die während des Zustandes der Unempfindlichkeit auch gestockt, gelänge wieder, und er bat mich, es sofort zu konstatieren, da er der Dauer des jetzigen Zustandes nicht sicher sei. Ich ging also mit ihm. Die magnetischen Versuche, auf die ich mich beschränkte, gelangen so, daß mir, möchte ich sagen, der Verstand stehen blieb, ungeachtet ich alle möglichen Ursachen der Täuschung auszuschließen suchte.

Bei den vorigen Versuchen hatte die Sensitive vor der Magnetnadel gesessen, so daß der Südpol nach ihr gekehrt war; diesmal ließ ich sie zur Seite der Nadel setzen. Hätte die Sensitive einen Magnet unter dem Kleide gehabt, ein Verdacht, der sich hegen ließ, und dem um so mehr Rechnung zu tragen war, als er von sehr achtbarer Seite sehr ernsthaft erhoben wurde, so hätte dies ganz andere Bewegungs-Verhältnisse der Nadel bedingen müssen, als das vorigemal, überhaupt unmöglich die regelmäßigen Phänomene, die ich beobachtete, erzeugen können, und auch ohne Darbietung des Fingers von selbst unregelmäßige an der Nadel erzeugen müssen, was Alles nicht der Fall war. Ein solcher Verdacht ließ sich schon hienach nicht festhalten. Überall wurde untersucht, ob die Bewegung der Magnetnadel Sache einer Anziehung oder Abstoßung war, und es zeigte sich allgemein, daß, welcher Teil der linken oder rechten Hand oder des Arms angewandt wurde, der Südpol der Nadel abgestoßen, der Nordpol angezogen wurde; ungeachtet Reichenbach, der den Versuch mit der magnetischen Einwirkung nur ganz oberflächlich angestellt zu haben scheint, auf meine Frage, ob sich nicht Rechte und Linke polar verhielten und also die eine anzöge, was die andere abstieße, beide aber sich in der Wirkung kompensierten, erwidert hatte: das würde sich unstreitig so zeigen; aber in der Tat verhielten sich Rechte und Linke in dieser Beziehung ganz gleich; nur schien die Linke stärker als die Rechte zu wirken. Jedenfalls ein Beweis, daß hier kein von Reichenbach selbst veranstaltetes Kunststück vorlag; das Phänomen widersprach geradezu seiner Theorie, und er wußte keine bestimmte Rechenschaft davon zu geben.

Der Versuch wurde erst mit dem linken Zeigefinger vor dem Südpol angestellt, demselben, mit dem mir der Versuch zuerst von Reichenbach vorgeführt war, und welcher in der Regel von ihm in Anwendung gezogen zu sein scheint. Die Anstellung geschah so, daß der Finger dem Pole von der Seite genähert wurde, und die erst nur schwache Abstoßungsbewegung durch, der Schwingungsdauer entsprechendes, taktmäßiges Annähern und Entfernen des Fingers in beträchtliche Schwingungen verwandelt. Sollte sich eine Gelegenheit zur Wiederaufnahme von Versuchen wie hier finden, so ist dieser Kunstgriff nicht außer Acht zu lassen. Man muß sich aber hüten, ihn in verkehrtem Sinne anzuwenden, so daß die Schwingung vielmehr gestört als vergrößert wird. Äußert der Finger eine Abstoßungswirkung, so ist dem abgestoßenen Nadelende so lange damit nachzugehen, als die Schwingung nach dieser Seite fortgeht, dann der Finger schnell zurückzuziehen, um die Nadel eine volle Rückschwingung machen zu lassen; dann wieder mit dem abstoßenden Finger ihr zu folgen u. s. f., wogegen bei der Anziehungswirkung der Finger so lange in der Nähe des Nadelendes zu erhalten ist, als die Schwingung nach ihm hin fortgeht. Verwechselt man das Verfahren, so stört man die Bewegung. Derselbe Versuch wurde mit dem rechten Zeigefinger wiederholt; dann dieselben Versuche mit rechtem und linkem Zeigefinger am Nordpol angestellt, wo Anziehungsbewegung statt fand, dann die Zeigefinger beider Hände vereinigt; dann bloßer Mittelfinger, dann bloßer Daumen beider Hände geprüft. Immer gleicher Erfolg. Die Sensitive sagte, die Erscheinung falle um so stärker aus, wenn alle zusammengehaltenen Finger vereinigt dargeboten würden. Dieß geschah, und die Schwingungen nahmen dabei eine Weite von 40° bis 50° nach jeder Seite an. Ich ließ dann die Faust ballen und die Fingerknöchel darbieten. Derselbe Erfolg. Bei allen diesen Versuchen war der experimentierende Arm bis über den Ellenbogen hinauf bloß, und der andere Arm lag müßig auf dem Schoße. Der allerstärkste Erfolg aber, wo die Schwingungen fast bis 90° nach jeder Seite gediehen, trat ein, wenn sie sich der Nadel mit dem Ellenbogen bei zusammengeklapptem Arme näherte.

Reichenbach stand hiebei überall so fern und ruhig, daß von seiner Beteiligung bei den Versuchen nichts zu besorgen war; und an der Sensitiven bemerkte ich nie eine Bewegung des Körpers, die den Verdacht unterstützte, daß Sie einen Magnet unter dem Kleide habe, durch dessen Bewegung der Erfolg hervorgerufen würde. Auch ließ ich sie mehrmals den Versuch bloß mit einem Finger unter ausdrücklichem Gebot, den ganzen Körper dabei möglichst ruhig zu halten, anstellen, ohne bei genau darauf gerichteter Aufmerksamkeit zu finden, daß dieses Gebot verletzt wäre.

Nach Allem kann man doch nicht annehmen, daß die Person Nadeln unter der Haut an allen Fingern bis zu dem Ellenbogen herauf, und zwar lauter magnetische Nadeln und diese überall mit gleicher Richtung der Pole stecken gehabt. Was andererseits den Verdacht, daß sie durch Bewegung eines Magnetes unter dem Kleide die magnetischen Phänomene an der Nadel erkünstelt habe, so wird derselbe völlig dadurch ausgeschlossen, daß die Erweiterung wie Störung der Nadelschwingungen je nach der Weise, wie der Finger dabei genähert und entfernt wurde (vergl. bereits genannte Bemerkung ), deren Prinzip die Sensitive und deren rechten Gebrauch Reichenbach selbst nicht kannte, ganz so ausfielen, wie es gemäß einer magnetischen Eigenschaft des Fingers sein mußte, was sich nicht einmal hätte erkünsteln lassen, wenn die Sensitive mit dem Prinzip bekannt gewesen wäre.

14. Juli.

Heute früh um 11 Uhr zusammen mit Professor Erdmann, den ich inzwischen zur Mitbeteiligung an den Versuchen zu bestimmen vermocht, die Versuche mit der Magnetnadel wiederholt. Sie fielen in derselben Weise als neulich aus, und frappierten Professor Erdmann wie mich. Eine Ursache der Täuschung ließ sich heute eben so wenig wie früher entdecken. Ich hatte neulich die Sensitive gefragt, ob sie nicht Eisen an sich habe, sie hatte es verneint; aber eben so wenig an ihren Crinolin dabei gedacht, als ich; heute aber erwähnte sie selbst, daß der Versuch eben so gut ohne als mit Crinolin gelinge; und erbot sich, da sie ihn gerade auch anhatte, denselben auszuziehen, was in der Kammer von ihr geschah. In der Tat gelangen die Versuche noch ganz wie früher. Auch läßt sich leicht übersehen, daß die früher beschriebenen Erfolge, wenn auch möglicherweise durch das Dasein des Crinolin beeinflußt, doch vielmehr nur in ihrer Regelmäßigkeit dadurch hätten gestört als erzeugt werden können. Zum Überflusse erklärte sich Reichenbach noch bereit, die Versuche von der ganz entkleideten Sensitive in Gegenwart von Damen, die wir dazu bestimmen möchten, vornehmen zu lassen.

Es nahm aber die magnetische Leistungsfähigkeit der Sensitiven im Lauf der Versuche an diesem Vormittage selbst allmälig mehr und mehr ab, so daß weitere Abänderungen derselben, die wir noch vorhatten, teils um noch andere Sicherstellungen zu gewinnen, teils die Sensitive noch auf andere magnetische Phänomene zu prüfen, nicht mehr ausgeführt werden konnten. Natürlich hätte es ein ganz besondres Interesse gehabt, zu untersuchen, wo denn im Körper zu der Südpolarität, welche die beiden Arme der Sensitiven übereinstimmend zeigten, die Nordpolarität stecke, in Beinen, Kopf, Rückenmark? Aber die ganze Aufmerksamkeit hatte sich bisher darauf gerichtet, nur die allgemeine Tatsache des Vorhandenseins eines magnetischen Zustandes der Sensitiven zu konstatieren, und so kam es nicht zu den Besonderheiten.


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