Gustav Theodor Fechner
Erinnerungen an die letzten Tage der Odlehre und ihres Urhebers
Gustav Theodor Fechner

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II. Historisches.

Schon im Jahre 1845 ging Reichenbach mich brieflich an, mich für seine Lehre zu interessieren; ich antwortete ihm mit Zweifeln, und da wir uns gegenseitig nicht bekehrten, hatte die Korrespondenz mit ein paar Briefen ihr Bewenden. Gegen die Ausstellungen, die ich im Jahre 1856 im Mondbuche an seinen Untersuchungen gemacht, erwiderte er in einer Schrift (wovon mir der Titel entfallen ist), die sich zugleich gegen andre seiner Gegner wandte, und kanzelte mich mit unter diesen ab. Da ich inzwischen unter seinen Gegnern so ziemlich der einzige war, der die Möglichkeit, es könne doch etwas an seiner Lehre sein, überhaupt zugab, wandte er sich später noch wiederholt an mich, um mich zu veranlassen, selbst Versuche über die Odfrage anzustellen; wozu ich mich unter der Bedingung bereit fand, daß ich eine Kommission meiner Kollegen zur gemeinsamen Prüfung zu Stande bringen könnte. Da aber diese sich abgeneigt zeigten darauf einzugehen, so erklärte ich Reichenbach, daß ich meinerseits nichts damit zu tun haben wolle, ließ mich indes bereden, einen, mir von ihm überschickten, Pendelapparat zu probieren, womit die Versuche zu seinen Ungunsten ausfielen. Nun erklärte Reichenbach, selbst nach Leipzig kommen zu wollen, um mich von der Richtigkeit seiner Versuche zu überzeugen, und obwohl ich meine Beteiligung daran zum voraus ablehnte und sein Herkommen selbst abzuwenden suchte, kam er doch im Juli 1867, und blieb hier bis zu seinem, am 19. Januar 1869 erfolgten, Tode, also über ein Jahr, ohne zu seinem Zwecke kommen zu können. Er brachte eine gewisse Frau Ruf mit, die früher seine Haushälterin gewesen war und nach seiner Angabe eine wundervolle Sensitive sein sollte, mit der sich alle Sätze seiner Lehre konstatieren ließen. Da er einmal hier war, mochte ich mich einigen, wenn möglich entscheidenden, Versuchen nicht ferner entziehen; aber die sehr nervöse Person war unterwegs so krank geworden,Reichbach glaubte dies von dem langen Hinfahren derselben längs des odisch ungünstig einwirkenden Telegraphendrahtes abhängig machen zu können. und geriet durch die Ernsthaftigkeit, mit der die Versuche angegriffen wurden, in solche Alteration, daß sie selbst erklärte, für jetzt zu den Versuchen nicht recht geschickt zu sein; und da der Zustand sich mehr und mehr verschlimmerte, mußte Reichenbach sie nach kurzer Zeit zurückschicken. Die Versuche, die ich noch während ihres Hierseins mit ihr anstellte, blieben daher im Ganzen unzulänglich. Einige mißlangen entschieden; der Erfolg von einigen überraschte mich, ohne etwas Sicheres zu beweisen, da sich die Sensitive der Möglichkeit einer Wiederholung unter abgeänderten Umständen entzog; ein Erfolg aber setzte mich in Erstaunen, d. i. eine Ablenkung der Magnetnadel, welche die Person mit den Fingern der einen wie anderen Hand, besonders stark mit dem Ellenbogen hervorbrachte, und den ich nach Wiederholung unter Umständen, die mir jede Täuschung auszuschließen schienen, für gesichert halten muß. Details darüber werde ich unter IV geben.

Reichenbach hat sich nun während seines Hierseins überhaupt damit beschäftigt, Sensitive (hauptsächlich aus niederen Ständen) aufzusuchen und die Symptome ihrer Sensitivität zu registrieren, auch Versuche auf seine Hand damit anzustellen. Wie er mir sagte, hat er an 100 Personen der Art hier zusammengebracht; aber mir doch keine davon zu den von mir anzustellenden Versuchen ferner darbieten wollen, indem er immer darauf wartete, daß die Frau Ruf, zu der er das meiste Zutrauen hatte, so weit wiederhergestellt wäre, um sie wiederkommen zu lassen, damit, wie er sagte, die Versuche "ganz entscheidend" ausfielen. Offenbar traute er nach der Weise, wie er die Sache hier angegriffen fand, dem Erfolge nicht recht, was freilich selbst als ein Beweis gelten kann, daß sie kein rechtes Zutrauen verdient, oder wenigstens, daß die charakteristischsten Wirkungen des Od sich nur bei einem selten vorkommenden Grade der Sensitivität konstatieren lassen, wie er ihn hier nicht wiederzufinden vermochte. Auch sprach er immer davon, eine Dunkelkammer für die Lichterscheinungen an Magneten einrichten zu wollen, aber es kam nicht dazu.

Inzwischen stellten sich während seines Hierseins mehr und mehr die Zeichen des marasmus senilis bei dem 81jährigen Manne ein. Sein Sehvermögen nahm ab, und er wurde so schwerhörig, fast taub, daß man sich nur schreiend mit ihm unterhalten konnte; seine Füße versagten ihm den Dienst; endlich traf ihn ein Schlagfluß, der ihn halbseitig lähmte, ihm das Bewußtsein raubte und nach einem paar Tagen seinem Leben ein Ziel setzte. Bis zu seinen letzten Tagen aber sprach er immer wiederholt das Bedauern aus, daß er wohl werde sterben müssen, ohne die Anerkennung seiner Lehre durchgesetzt zu haben; welches tragische Geschick ihm nun allerdings auch zu Teil geworden ist.

Mein persönlicher Verkehr mit Reichenbach hat sich außer der folgends zu besprechenden Beteiligung an seinen Versuchen darauf beschränkt, ihn, nachdem er nicht mehr ausgehen konnte, in längeren Zwischenräumen einmal zu besuchen, um zu fragen, wie es mit seinem Befinden und der Versuchsangelegenheit stehe, mir vorerzählen zu lassen, welche Masse von Beobachtungen er selbst seitdem wieder an Sensitiven gemacht und registriert, worüber sich unstreitig ungeheure Stöße von Manuskript in seinem Nachlasse finden müssen, da er es schon seit Jahren so getrieben, und seine Anregungen, mich lebhafter für seine Sache zu interessieren, geduldig hinzunehmen. Auch sonst hat er, soviel ich weiß, vereinsamt hier gelebt. In der letzten Zeit vor seinem Tode ließ er die Frau Ruf noch einmal kommen, aber nur um ihn zu pflegen; Versuche ließen sich nicht mehr mit ihr anstellen, denn die sensitiven wie magnetischen Eigenschaften waren und blieben verschwunden.

Soll ich hienach sagen, was aus den, auf Reichenbach’s Veranlassung von mir angestellten, folgends anzuführenden Versuchen schließlich überhaupt herausgekommen ist, so möchte es der Hauptsache nach Folgendes sein:

Durch die Pendelversuche von negativem Erfolge wird, wie ich glaube, ein mystisches Phänomen, was schon früher viel in der Welt gespukt hat und im Grunde bei Reichenbach nur als Revenant mit neuen Ansprüchen auf Sicherheit auftritt, vollends aus dem Felde geschlagen; dafür freilich durch die magnetischen ein neues ins Feld geführt, mit dem der Wissenschaft doch noch kein Erwerb gesichert ist, da die Bedingungen, unter denen es erscheint, sich nicht willkürlich herstellen lassen, und will es jemand hiernach verdächtigen, was kann ich dagegen: hat doch selbst Berzelius, nachdem ihm die Fatalität passiert ist, die Richtigkeit eines, ihm seitens Reichenbach in Karlsbad vorgeführten, odischen Versuches bewährt gefunden zu haben, sich gefallen lassen müssen, daß man nur ein Zeichen seiner beginnenden Altersschwäche darin gesehen.

Für mich selbst aber haben beide Versuche folgende allgemeinere Bedeutung betreffs der ganzen Odlehre gewonnen und könnten solche auch wohl für Andere, deren Unteil darüber nicht zum Voraus fest steht, haben. Betreffs des ersten sage ich mir: wenn ein Versuch, den Reichenbach selbst als einen Kardinalversuch seiner Lehre erklärt und mir vor anderen zur Bewährung derselben empfohlen hat, ja den er, wie man unten sehen wird, mit solchen Abänderungen wiederholt und beschrieben hat, daß gar kein Einwand dagegen übrig zu bleiben scheint, sich dennoch bei genauerem Zusehen faul erweist, so kann dasselbe eben so gut von anderen seiner Odversuche gelten, gegen die kein Einwand übrig zu bleiben scheint, und wird man gegen alle Angaben Reichenbachs von vorn herein das größte Mißtrauen hegen müssen; – hinsichtlich des zweiten aber: wenn ein Versuch, auf den, wie man sehen wird, Reichenbach selbst nicht einmal besonderes Gewicht gelegt hat, indes er ein allen bisherigen physikalischen und physiologischen Kenntnissen fremdes Ergebnis bietet, bei näherem Zusehen gegen alle Einwände sicher besteht, so kann dasselbe auch von anderen seiner Versuche gelten, deren Resultat befremdet, und darf man überhaupt über seinen zum Voraus absprechen.

Sollten nun aber auch manche an sich befremdliche Resultate, die Reichenbach gefunden haben will, sich bei genauer Prüfung ferner bestätigen, so würde damit zwar seine Priorität hinsichtlich derselben, aber noch nicht das System, wodurch er sie zu verknüpfen gesucht, gerettet sein, von dem ich in der Tat gestehe, daß ich es für eine Art subjektiver Phantasmagorie halte. Und in diesem Sinne dürfte es immer wahr bleiben, daß die letzten Tage der Odlehre mit denen ihres Urhebers zusammenfallen, mag auch Einzelnes daraus wiederaufleben können.


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