Gustav Theodor Fechner
Erinnerungen an die letzten Tage der Odlehre und ihres Urhebers
Gustav Theodor Fechner

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I. Vorerinnerung.

Die sogenannte Odlehre scheint seit dem Tode ihres Erfinders, so muß man Herrn v. Reichenbach wohl nennen, ziemlich verschollen oder gegen den Spiritismus, womit sie eine entfernte Verwandtschaft hat, in den Hintergrund getreten. Inzwischen dürfte folgender Beitrag zur Geschichte derselben immer noch einiges Interesse behalten, indem dadurch so zu sagen der letzte Akt des Auftretens dieser Lehre bezeichnet wird, welche eine Zeit lang neben den exakten Lehren mit dem Anspruche, dazu zu gehören, ihre zweideutige Rolle gespielt hat. Auch dürfte es Schade sein, wenn ein negatives und ein positives Versuchsdatum, wovon ich im Verlaufe dieser Mitteilungen werde zu sprechen haben, ganz vergessen blieben.

In der Hauptsache beziehen sich die folgenden Erinnerungen auf das ziemlich unfreiwillige Verhältnis, in das ich in den letzten Jahren vor v. Reichenbach’s Tode auf sein Andringen zu seiner Lehre getreten bin. Kurz gesagt nämlich hat v. R. in meiner Beteiligung an seinen Versuchen den letzten Rettungsanker dieser Lehre gesucht, d. h geglaubt, nachdem er vergebens hier und da an die Türen exakter Forscher um Einlaß für dieselbe gepocht, mit meiner Hilfe noch eine Anerkenntnis derselben durchsetzen zu können. Dieser Erwartung habe ich nun freilich nicht zu entsprechen vermocht, und sie war von vorn herein eine Illusion; denn hätte ich auch Alles, worauf er sich Rechnung machte, bestätigen können, – indes es aus anzugebenden Gründen zu einer durchschlagenden Untersuchung gar nicht gekommen ist –, so würde ich bei der Voreingenommenheit, die in exakten Kreisen gegen v. Reichenbach’s Lehre besteht, damit wohl meiner Reputation geschadet, seiner Lehre aber nicht aufgeholfen haben.

Vor weiterem Eingehen mögen einige kurze Notizen dienen, die Erinnerung an das halb vergessene Od aufzufrischen.

Das Od ist nach Reichenbach ein, dem Magnetismus und der Elektrizität analoges, imponderables Agens, welches jedoch mehr oder weniger davon abweichende Erscheinungen darbietet und seinen besonderen Gesetzen folgt. Es ist in allen Körpern enthalten, und hat ebenso wie Magnetismus und Elektrizität zwei, als positiv und negativ zu unterscheidende, Modifikationen, welche sich durch einen gewissen Gegensatz der Erscheinungen oder Wirkungen charakterisieren. Seine Wirkungen können aber überhaupt nur von gewissen Personen, sogenannten Sensitiven, wahrgenommen werden, welche mit einer eigentümlichen Nervenreizbarkeit begabt sind, deren Symptome von Reichenbach angegeben sind. Doch kommen Sensitive häufig genug vor; ihre Zahl beträgt nach Reichenbach’s späteren Angaben ungefähr die Hälfte der Menschen; nur daß es unter denselben viele Abstufungen gibt, durch welche sie in die Nichtsensitiven übergehen; auch wechselt der Grad der Sensitivität selbst bei demselben Subjekt nach mancherlei Umständen. Reichenbach scheint anzunehmen, daß eine Solidarität der Zeichen der Sensitivität statt findet; ich glaube, daß eine solche nur bedingt zuzugestehen ist; will aber hier nicht näher darauf eingehen. Hat es für Jemand Interesse, sich oder Andere auf Sensitivität in Reichenbach’s Sinne zu prüfen, so findet er in folgender Einschaltung wenigstens die am leichtesten konstatierbaren Symptome derselben angegeben.

Sensitive sind im Allgemeinen nervenreizbarer als Nichtsensitive, werden mehr von Wechseln der Umgebung, Witterung und äußeren Verhältnissen überhaupt beeinflußt, erschrecken leicht, schlafen unruhig, sind zwar als Sensitive an sich nicht krank, aber doch vor Andern zu gewissen Zufällen, als Krämpfen, Migräne, Somnambulismus u.. dgl. geneigt. sind keine starken Esser, lieben vorzüglich kalte Speisen, Salat und verschmähen fette Speisen, können nicht gut in engen Zimmern, oder zwischen anderen Personen, namentlich im Gedränge, aushalten, werden vom Auflegen eines Magneten oder Streichen mit Magneten in besonderer Weise affiziert; auch leicht von Mondschein beunruhigt; fühlen das Stehen vor dem Spiegel als etwas Widriges; haben eine Abneigung gegen die gelbe hingegen Vorliebe für die blaue Farbe in Kleidung, Wohnung u. f. w. – Auf folgende zwei Proben legt v. Reichenbach besonders Gewicht: Man läßt sich von der zu prüfenden Person die linke Hand darreichen und streicht mit dem Zeigefinger seiner Rechten senkrecht und langsam darüber herab, von der Handwurzel bis zur Spitze des Mittelfingers, ohne sie zu berühren und in der Entfernung von etwa l Zoll fühlt der Geprüfte dabei eine Einwirkung in der Art, wie wenn ein feines kühles Lüftchen dem Finger folgend über die Hand liefe, etwa wie aus einem Strohhalm leise ausgeblasen, so ist er sensitiv, fühlt er nichts, so ist er keiner. Und: Bei etwas gedämpftem Lichte, in einem nur eben durch verschleierten Himmel in schwache Tageshelle versetzten Zimmer, aber auch Abends bei Kerzenlicht, halte der zu prüfende eine Hand den Augen gegenüber auf gewohnte Sehweite. Dann betrachte er die Fingerspitzen, indem er sie gegen einen dunklen Hintergrund hält, der einen bis zwei Schritte zurücksteht. Ein Nichtsensitiver wird hiebei nichts Ungewöhnliches wahrnehmen, ein Sensitiver aber über der Spitze eines jeden Fingers bei geschärftem Schauen eine überaus zarte Strömung entdecken, farblos, lichtlos, lustähnlich, beweglich, einige Linien hoch, aufwärts ziehend, gen Süd hinneigend, und wohin er die Finger auch wenden möge, überall hin ihnen folgend. Es ist nicht Rauch, nicht Luft, nicht Dunst, es sieht sich an wie seine Lohe, ähnlich aber merklich zärter von Ansehen als aufsteigende Luft.

Je entschiedener Jemand vorstehende Kennzeichen darbietet, desto entwickelter ist bei ihm die Sensitivität in Reichenbach’s Sinne.

Von den unzähligen Erscheinungen oder Wirkungen des Od, welche Reichenbach vorführt, erwähne ich nur der folgenden:

Die beiden Pole eines Magneten so wie die entgegengesetzten Spitzen eines Bergkritalls strahlen Od aus, welches Sensitiven im vollkommenen Dunkel als verschiedenfarbige Lichtausströmung sichtbar wird.

Der Südpol eines Magneten wird von der linken Hand eines Sensitiven lauwidrig, der Nordpol angenehm kühl (wohlkühl) empfunden, von der rechten umgekehrt. Entsprechend als Magnete verhalten sich in dieser Hinsicht Kristalle und viele andere Körper an ihren entgegengesetzten Enden.

Sicher aufgehängte Fadenpendel können durch Anlegen des Fingers eines Sensitiven an den oberen Befestigungspunkt in Schwingung versetzt werden.

Die ausführlichste, doch wohl jede Geduld erschöpfende, Darstellung von Reichenbach’s System findet man in dem zweibändigen Werke desselben: "Der sensitive Mensch" (Stuttgart. 1854 und 1855); kürzer kann man sich über die Hauptpunkte belehren aus seinen "Aphorismen über Sensitivität und Od" (Wien. Braumüller 1866), oder dem von mir gegebenen Resumé in einem sich kritisch zu seiner Lehre verhaltenden Aufsatze meiner Schrift: "Professor Schleiden und der Mond" (Leipzig, Gumprecht. 1856, S. 269 ff.)

Um mich nun vorweg im Allgemeinen über meine Stellung zu dieser Lehre zu erklären, so ist es von jeher folgende gewesen und geblieben:
Meines Erachtens verdienen die Empfindlichkeitsverhältnisse von Personen mit eigentümlich oder gar abnorm beschaffener Nervenreizbarkeit, sogenannte Sensitiven in Reichenbach’s Sinne, allerdings einer eingehenden, möglichst vielseitigen und auf möglichst viele Individuen sich erstreckenden, Untersuchung unterworfen zu werden; Niemand aber hat bisher eine solche in gleicher Ausdehnung unternommen und mit gleicher Beharrlichkeit durchgeführt als Reichenbach; jede Wiederaufnahme einer solchen Untersuchung dürfte daher Anlaß finden, auf Reichenbach zurückzugehen. Auch kann von vorn herein nicht als unwahrscheinlich gelten, daß sich dabei manche Resultate Reichenbach’s wiederfinden werden, die von denen sehr abweichen, welche mit Personen von mittlerer oder normaler Reizbarkeit zu erhalten sind, und liegt also in solcher Abweichung an sich noch kein Grund, Reichenbach’s Resultate zu verwerfen, sondern nur sie genau zu prüfen. Dies aber ist nötig, man kann sich bei den eigenen Angaben Reichenbach’s unmöglich beruhigen, sowohl gegen sein ganzes System als gegen seine theoretische und experimentale Begründungsweise desselben erheben sich von vorn herein die schwersten Bedenken. Eine solche Prüfung aber hat zugleich gründlich und in einiger Ausdehnung meines Wissens bisher noch nicht statt gefunden; exacte Forscher haben bisher immer noch Anderes zu tun gefunden; und so fasse ich bis auf Weiteres meine Ansicht dahin zusammen: es mag an Reichenbach’s Lehre dies und das Wahre sein, nur läßt sich ohne weitere Untersuchung nicht entscheiden wie viel, und die guten Körner vom großen Wuste nicht scheiden. In demselben Sinne, nur eingehender als hier, habe ich mich schon früher in dem oben erwähnten Aufsatze meines Mondbuchs ausgesprochen, und halte das da Gesagte auch jetzt noch für zutreffend.

Reichenbach macht mir im Laufe unserer Korrespondenz ein Kompliment, was ich zu verdienen glaube, indem er schreibt: "Die schönste Stelle Ihres Briefes ist die, worin Sie sagen, daß, so vorsichtig Sie im Glauben seien, so vorsichtig seien Sie im Unglauben." In der Tat motivierte ich gegen ihn selbst und motiviere auch hier durch diese Eigenschaft die Stellung zu seiner Lehre, wie ich sie so eben bezeichnet habe. Dieselbe Eigenschaft war es aber auch, welche Reichenbach vermochte, sich noch zu guter Letzt so hartnäckig so zu sagen an meine Fersen zu heften, der ich ihn sonst nichts anging, und mich aus verschiedenen Gründen fast nur abwehrend gegen ihn verhalten habe. Teils hatte ich, selbst mit andern Dingen beschäftigt, nicht Lust, mich auf ein wie mir schien sehr unreinliches fremdes Versuchsfeld mit zu begeben, wobei sich, hatte ich mich einmal darauf eingelassen, nicht voraussehen ließ, wohin es abführen konnte; teils wußte ich, wie gesagt, daß ich mit Reichenbach allein seiner Sache keinesfalls aushelfen konnte; endlich rechtfertigte noch ein anderer als wissenschaftlicher Grund meine Abneigung auf dies Konsortium einzugehen.

Ich gebe nun folgends: erstens ein historisches Resumé der, mit Reichenbach in den letzten Jahren vor seinem Tode geführten, Verhandlungen und seiner letzten Lebensverhältnisse in Leipzig,Auf seine früheren einzugehen dürfte nicht nötig sein, da jedes Konversationslexikon Auskunft darüber gibt. Nur beiläufig mag daran erinnert werden, daß Reichenbach der Entdecker des Kreosot und Paraffin ist. zweitens eine Darstellung der auf seinen Anlaß angestellten Pendelversuche, die ein gewisses allgemeines Interesse haben, und auf deren Vornahme Reichenbach selbst großes Gewicht legte, die jedoch einen negativen Erfolg gegeben haben; drittens die Darstellung einer anderweiten Reihe von Versuchen, die ich mit einer, mir von Reichenbach vorgeführten, Sensitive, Frau Ruf angestellt, und die, ohne etwas Entscheidendes im Ganzen darzubieten, doch zur Konstatierung eines interessanten und weiterer Prüfung werten Faktum geführt haben.


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