Otto Ernst
Vom geruhigen Leben
Otto Ernst

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Was war uns Friedrich Schiller?

Wir plauderten sehr angeregt und lustig, ein großer dänischer Poet, eine reizende junge Dänin und ich. Im Laufe des Gesprächs rief ich: »Dem Manne kann geholfen werden. sagt Schiller.«

Die kleine Dänin lachte. »Die Deutschen ßaggen immer: ›Szaggt Schiller‹«, meinte sie.

Und sie hatte recht. Wenn der Deutsche ein Glas zerbricht, so sieht er es nachdenklich an und rezitiert: »Mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten,« und wenn er zahlen soll, zieht er langsam den Beutel und spricht: »Dies ist die Stelle, wo ich sterblich bin.«

Meine frühesten Schiller Erinnerungen drehen sich auch darum, daß ich öfter von den Erwachsenen hörte: »Sagt Schiller« – »Sagt Schiller.«

Und dann gab es eine alte, liebe Frau, die ich zuweilen am Sonntag mit meiner Mutter besuchen durfte. Es ging eine schmale, alte Stiege hinauf wie zu einer weisen Frau im Märchen, und wenn sie uns hörte, schaute sie oben übers Geländer und rief:

»Aoo, Fru Smidt, dat is aober schöön, dat Se endlich kaomen! Worum kaomen Se so laot (spät)?« Und dann ging es in ein kleines Zimmer, dessen kleine Fenster ganz mit Topfgewächsen bestellt waren, und es gab Kaffee und einen Teller Kuchen sogar und – Bücher. Wir hatten zu Haus eine Menge Bücher; aber merkwürdigerweise waren Schillers Gedichte nicht dabei. Hier waren Schillers Gedichte, illustriert. Während die beiden Frauen plauderten, besah ich den großen Drachen, den der Ordensritter getötet, las ich Verse wie:

»Da ihr noch die schöne Welt regieret,
An der Freude leichtem Gängelband
Selige Geschlechter noch geführet,
Schöne Wesen aus dem Fabelland!
Ach, da euer Wonnedienst noch glänzte,
Wie ganz anders, anders war es da!
Da man deine Tempel noch bekränzte,
Venus Amathusia!«

Auch wenn man als zehnjähriger Bube solche Verse nicht versteht, haben sie doch eine innerliche Gewalt, die die Augenlider auseinanderreißt und den Blick hinauszieht über Dächer und Mauern hinweg bis an den Himmelsrand. Ich habe Stunden innigster Knabenandacht über diesem Buche verbracht; manche Bücher haben mich stärker gespannt und gebannt, wie das von einem Kindersinn begreiflich ist; aber keines glänzte mir in einer so hohen, freien Heiligkeit wie dieses.

Die alte gute Frau hatte drei prächtige Söhne, die alle drei ihre freien Stunden gern über den Büchern verbrachten. Einer von ihnen aber, ein siebzehnjähriger, war ein ausbündiger Höhenwanderer und hieß wegen seiner ewigen, himmelwärts blickenden Versunkenheit »der Wolkenschieber«. Er war so ganz erfüllt von Schiller, daß er eine Zeitlang den Kopf beständig auf die Seite neigte, wie man es auf den Bildern des großen Pathetikers sieht. Und als der junge Mann einmal seiner Mutter die Kaffeekanne aus der Küche holen sollte und er das Gefäß in der Hand hielt, da kam die edle Raserei des Karlsschülers über ihn; er rief die Worte: »Ist dein Name nicht Mensch? Hat dich das Weib nicht geboren?« – der Schwung der Seele fuhr in den Arm, und die Kanne zerschellte klirrend am Tellerbord. Das war für ihn und die Mutter ein rechtes Malheur; denn eine Kaffeekanne – wenn's auch nur eine braune ist – kostet Geld.

Ja, als der Vater der drei Jünglinge noch lebte, ein alter asthmatischer Mann, der in einer Zuckerfabrik arbeitete, da kam er eines Tages zu uns ins Zimmer gekeucht und fragte:

»Is . . . p–h!– is . . . p–h! min Heinerich hier?«

»Nee«, lautete der Bescheid.

»De verdreihte Jung' p–h! De is to nix mehr to bruken –p–h! De hett nix anners mehr in'n Kopp as bloß Goethe –p–h! un Schiller –p–h! De Jung' –p–h! de ward noch rein appeldwatsch –p–h! Herr Smidt! Doohn Se mi den eenzig'n Gefall'n –p–h! – wenn de Bengel sick noch een eenziges Mal uphöllt –p–h! – denn smiten Se em . . . (blooß 'n halbe Stun'n!) . . . smiten Se em de Trepp' dol!«

Mein Vater sagte »ja« und lachte in sich hinein. Er war gerade der Mann, einen schillerbegeisterten Jüngling die Treppe hinunterzuwerfen! Und noch dazu eine halbe Stunde! Dies halbstündige Treppenhinunterwerfen wurde noch oft belächelt, wenn der »Wolkenschieber« wieder einmal zur Thür hereintrat, um mit meinen Brüdern wieder einmal die Eindrücke einer vom erhabensten Standort der Gallerie geschauten »Carlos«- oder »Egmont«-Vorstellung in der Erinnerung zu durchkosten, oder alte Bücher hervorzuholen, vom Karren-Antiquar erworbene, mit ehrwürdigen Stockflecken geschmückte Bücher, in welchen vorn die Bilder der Dichter auf Wolken thronten, Bücher von Gleim, Uz, Neuffer, Klopstock, Bürger, Goethe, und einen Schiller in einer Ausgabe aus den ersten Jahrzehnten des Säkulums, ihn aufzuschlagen, dann aufzuspringen: »Ha, du, die Stelle . . . .!« und viertelstundenlang aus dem Kopfe zu rezitieren, solche Verse wie:

»Jahre lang mag, Jahrhunderte lang die Mumie dauern,
Mag das trügende Bild lebender Fülle bestehn,
Bis die Natur erwacht und mit schweren, ehernen Händen
An das hohle Gebäu rühret die Not und die Zeit,
Einer Tigerin gleich, die das eiserne Gitter durchbrochen
Und des numidischen Walds plötzlich und schrecklich gedenkt.«

Heilige Welt der Vergangenheit, geschaffen aus Dürftigkeit und Begeisterung: dich mußte ich heraufbeschwören, als ich mit glücklichem Sinnen überdachte, was uns Schiller gewesen! In dieser Welt wußte man oft nicht, wovon man am nächsten Tage leben solle; aber man wußte, daß die großen, heiligen und schönen Dinge über alle Tage und Sorgen dauern. In dieser Welt hatten die Fenster keine Gardinen; aber man sah durch diese Fenster mit weitaufgehendem Herzen die große, wandelreiche Schönheit des Himmels; die Betten hatten keine Federn; aber man legte sich nieder mit einem Kopf voll leuchtender Gedanken und singender Träume; man erwachte und erfaßte sogleich mit dankbarem Herzen die ewige Jugendschönheit des Morgens. In dieser Welt kannte man nicht die tausend raffinierten Genüsse des materiellen Lebens; aber die stolze Seele trug weit, hoch hinaus über dieses Leben in ein unendlich höheres, wo die Stille des Abends, die schweigende Glut des Mittags, der weiße Rauch über den Wiesen Genuß und Seligkeit war. In dieser Welt sorgte man sich um eine zerschlagene Kanne, weil man oft die Groschen zu ihrer Wiederbeschaffung nicht hatte; aber naiver Weise kam man nie auf den Gedanken unserer besseren Kreise, daß man ja an den Büchern sparen könne und keinen »Coriolan« für drei Groschen zu kaufen brauche. Es war eine ganz unordentliche, unmoralische Welt! Und doch weiß ich mir kaum etwas Heiligeres als einen Jüngling, der die Aufmerksamkeit des Pöbels durch einen geflickten Rock erregt und der dieser Aufmerksamkeit nicht gewahr wird, weil er die Anwartschaft auf einen antiquarischen »sämtlichen« Lessing in der Tasche fühlt und geraden Blicks in dies verheißungsvolle Land seiner neuen Hoffnung starrt. Solche Jugend hat auch einen Heiligen, er heißt Friedrich Schiller. Zu ihm richten sie den Blick empor, an ihm richten sie sich auf in den Jahren, da sie nach einem Weltgesetze hungern oder sich die Finger blutig schinden, um nur ihr ängstlich bewachtes und gehütetes Ideal nicht angreifen zu müssen. Friedrich Schiller ist der Heilige solcher Dichter, wie etwa Hebbel einer war, auch ein großer Friedrich und Dramatiker, der von München nach Hamburg zu Fuß durch Deutschland irrte wie ein verstoßener Hund und der dabei noch sorgte und bangte, daß sein armes Mithündchen, das er auf dem Arme trug, ihm unterwegs vor Frost oder Hunger sterben könne. Der vorbildliche Repräsentant eines aus Dürftigkeit und Begeisterung rührend und wundersam gemischten Lebens, hat Schiller in der That wie kein anderer durch sein Leben und Wirken den Deutschen das Evangelium gepredigt, daß der Mensch nicht vom Brot allein lebt, ja daß es besser ist, nicht zu leben, als allein vom Brote.

Die modernen Dichter schimpften bis vor kurzem in merkwürdiger Verblendung ohne Atemholen auf den deutschen Professor als ihren größten Feind. Der deutsche Professor ist wohl manchmal ein Pedant, der seinen Stand und seine Fähigkeiten höher schätzt als alle andern, und hat wohl manche Sünde gegen moderne Literaturen von heut und ehemals auf dem Gewissen. Aber er ist auch ein ehrlicher Mann und läßt sich überzeugen, und wenn er überzeugt ist, dann tritt er mit demselben ehrlichen Idealismus für euch ein, mit dem er vordem gegen euch geeifert hat. Wenigstens droht der modernen Dichtung von den Professoren längst keine Gefahr mehr. Aber sie droht ihr von den Litteratur-Negozianten, von den »lateinischen Geschäftsleuten« unter den Autoren, von den neusprachigen Handelsleuten unter den Verlegern und Theaterdirektoren, von den verschämten Geldleuten, die infolge von Dramenverhaltung Schmähkritik schwitzen, kurz von den Leuten, bei denen erst das Geschäft und dann das produktive oder rezeptive Vergnügen kommt.

»Herr X. hat sich nach Winkelswerda zurückgezogen, um daselbst an einem neuen, abendfüllenden Stück zu arbeiten.«

»Abendfüllend« – ist das nicht bezaubernd? Natürlich stammt das Wort nicht von einem Dichter, sondern von einem überglücklichen Geschäftsmann. Aber es ist wundervoll bezeichnend für einen mehr und mehr herrschend werdenden Kunstgeist.

»Was hat Ihr Herr Gemahl unter der Feder?«

»Ein abendfüllendes Trauerspiel.«

Es ist zum Schreien!

»Seht ihr's?« denken nun die Damen und Herren vom gemäßigten Idealismus, »seht ihr's, wie recht wir thaten, wenn wir unser Geld für seidene Jupons, Sarrotti-Schokolade und Rennräder ausgaben und uns vorsichtigerweise keinen Reclam kauften? Der Dichter muß arm sein; es ist so wonnig, wenn er arm und dennoch Idealist ist! Ein Dichter darf ja gar kein Geschäft machen! Darum wirkt ja das Schillerhaus so rührend, weil es so armselige Möbeln hat! Man sagt auch, den Dichtern gehe es wie den Kanarienvögeln, wenn sie zu gutes Futter bekämen, sängen sie nicht mehr.«

Das aber, meine Verehrten, ist ein Irrtum. Nichts hat der Dichter weniger nötig als Armut. Goethe hatte Zeit seines Lebens reichlich zu essen und sang doch für seine Verhältnisse ganz anständig. Und den größten Spaß hab ich an einem Künstler, der von seiner Nation energisch zu leben verlangt, und gut zu leben, und der solchen Leuten, die ihn nach seinem Steuerzettel und nach dem Marktwert seiner Werke beurteilen, keinen Heller erläßt. Aber wenn er nun einmal arm ist, dann verpflichtet ihn sein Adel, sich trotzdem nicht zu verkaufen, das ist die Meinung! Und ob er arm oder reich ist: wenn er mit seinem Genius allein ist und mit ihm um ein neues Werden ringt, dann gefälligst – procul negotiis! Und wenn ein armer Teufel in einer schwachen Stunde sagt: Jetzt muß ich Geld haben, jetzt will ich so etwas wie »Dolly« oder »Charley's Tante« schreiben, und er kommt auch zwei Tage lang ganz gut vorwärts, dann ist es wunderschön, wenn er plötzlich die Feder hinwirft, »Pfui Teufel!« ruft und nun eine »Minna von Barnhelm« oder dergleichen schafft. Das meinte ich.

Ihr Krokodilsseelen aber, die ihr so tief im ödesten Materialismus steckt, daß ihr eher tausend Mark für eine Abfütterung oder für ein paar Kleider und Hüte ausgebt als drei Mark für das Werk eines echten Poeten und dabei die Stirn habt, in Schule und Haus, Kirche und Parlament, Cercle und Versammlung vom Schillerschen Idealismus der Gesinnung zu schwögen und ihn anderen noch vorzuhalten, weicht um Gotteswillen weit und schnell von diesem großen Schatten, daß ihr ihn nicht beleidigt durch eure zudringliche Brüderlichkeit!

»Verdammen den Sadduzäer, der nicht fleißig genug in die Kirche kommt, und berechnen ihren Judenzins am Altare – fallen auf die Knie, damit sie ja ihren Schlamp ausbreiten können – wenden kein Aug' von dem Pfarrer, damit sie sehen, wie seine Perücke frisiert ist. – Fallen in Ohnmacht, wenn sie eine Gans bluten sehen, und klatschen in die Hände, wenn ihr Nebenbuhler bankerott von der Börse geht –«

Das geht auf euch, Verehrteste. Und eure verlogene Schillerei und das ewige hohle Epigonenpathos jener Dummen, die nie begreifen, daß man einen Großen nicht einholt, indem man ihm nachläuft: die sind schuld daran, daß selbst bessere Köpfe und Herzen unter den Jungen das Schillersche Pathos für unwahre Phrase halten konnten. Ihr habt ihnen den Schiller verekelt, so sehr, daß sie wahres und falsches Pathos nicht mehr unterscheiden konnten.

Wenn etwas wahr gewesen ist von dem, was mein Kinderherz ergriffen hat, so ist es die Schillersche Dichtung gewesen. Ich saß dabei, wenn sie die Bücher aufschlugen, in welchen vorn die Brustbilder der Dichter auf Wolken thronten, sah und hörte, wie sie die breitbeschwingten Worte sprachen, Flammen in den Augen, jene jungen Flammen, in denen schon so oft der Plunder einer verdorrten Welt verbrannte. Und ich behielt – wie es in der Bibel so wunderschön heißt – alle diese Worte und bewegte sie in meinem Herzen.

Und eines Sonnabends – es ist mir noch wie heute; ich mochte 13 Jahre zählen – als ich unversehens über den »Tell« geraten und zur Stauffacherschen Rütlirede gelangt war, einer fast unheimlich aufwühlenden Rede, wie sie nur noch Shakespeare seinem Marc Anton geschrieben hat –: da »riß der Mut mich blindlings fort«, ich mußte laut lesen und las das Stück zu Ende, und es mußte auch Wahrheit in meinem Leben und im Leben meines Herzens sein; denn meine neben mir sitzende Mutter hielt ganz still, und als ich aufhörte und wir beide schweigend vor uns hinsahen, da schlug es halb zwei Uhr in der Nacht.

Und dann fing's an mit dem Vorlesen bei den drei Schulkameraden am Sonntag, den ganzen dramatischen Schiller, den ganzen dramatischen Goethe, den ganzen Shakespeare, und wieder mußte die Kunst dieser Männer und mußte meine Begeisterung echt sein, herzlich echt; denn sie haben mich nie hinausgeworfen, obwohl sie die Stärkeren waren, nein, immer mehr wollten sie hören. Und als mir der Lehrer, der mir aus besonderer Güte und Liebe Privatstunden gab, eines Tages die »Räuber« vorlegte und ich aus meiner fünfzehnjährigen Seele die ganze abgründige Bosheit Franzens heraufholte und meinen heißen Ingrimm über das »schlappe Kastratenjahrhundert«, da sah er mich mit seinen großen, altpreußischen Augen an und bat mich ganz besorgt, ich möchte mich nur nicht zu sehr erregen. O ja, es muß so etwas drin sein, in diesem Schiller . . . .

Dann kam auch die Zeit, da ich meine Sparpfennige in Büchern anlegte. Von einem Karrenbuchhändler – ich lege Wert darauf, zu betonen: kein Jude! – erwarb ich eines festlichen Sonntags Schillers Gedichte für siebzig Pfennige. Ich war glücklich und gerührt. Nun besaß ich sie! Und für siebzig Pfennige! Ist es möglich, daß man solch ein Buch für siebzig Pfennige kaufen kann?! Es war eine Reclamsche Ausgabe; ich blätterte darin und entdeckte bald, daß man dieselbe Ausgabe neu für sechzig Pfennige kaufen könne. Das veritable Pech eines Schiller-Enthusiasten!

Wenn man auf den tausend Gebieten des Lebens tausendmal in tausendfach vergrößertem Maßstabe ebenso »hineingefallen« ist, dann kommt eine Zeit, da man die Entzückungen seiner Jugend an Laura und andere Gestalten und Ideale schmäht, verlacht, vielleicht gar haßt und den Schiller nicht mehr mag. Man glaubt dann, man sei schon ein Mann, ist aber nur ein umgekehrter Jüngling. Bei den Philosophischen dauert es aber nicht lange, bis sie wirkliche Männer werden. Dann können sie wieder den Schiller lesen und gerade seine ersten Gedichte, seine ersten Dramen! Bei den pathetischen Verstiegenheiten lächeln sie; aber nicht mit Geringschätzung, vielleicht mit Traurigkeit, gewiß mit Ehrfurcht. Ein juvenalisches Wort steigt ihnen auf in erweiterter Bedeutung: »Die größte Ehrfurcht gebührt der Jugend.« Soviel hat der »wirkliche Mann« wenigstens vom Sinn des Lebens begriffen: daß Ungestüm und Überschwang der Jugend genau so notwendig und heilig ist wie die Ruhe des Mannes und die Bedächtigkeit des Greises. Ohne Begeisterung geht man nicht freiwillig in den Krieg. Und die Jugend muß in den Krieg, in die erbitterte Guerilla gegen die harten, heimtückischen Realitäten des Lebens, in den Krieg, aus dem wir mit wenigen Ausnahmen zurückkehren, aber keiner ohne Wunden und schmerzende Narben. Wenn die Jugend nicht selbstvergessen hinausstürmt in den Krieg mit dem Leben – dann wehe der Welt.

Aber nicht nur Ehrfurcht vor der Jugend erfüllt den Schiller lesenden Mann, auch Ehrfurcht vor dem größten Pathetiker der Weltlitteratur erfüllt ihn. Man kann einen Pathetiker nicht täglich lesen wie Goethe und die Natur. Aber man kann Schiller von Zeit zu Zeit immer wieder lesen. Denn er ist nicht nur der größte Pathetiker, sondern ein großer. Dies aber ist er, weil in seinem Pathos nicht nur Gefühle, sondern auch Gedanken leben, Gedanken, die eine ganze Seele in Schwingung versetzen. Gefühl ohne Gedanken wird auf die Dauer fade; daß sie beides hatten, das machte die großen Dichter groß. Der Dom des Schillerschen Pathos steht noch heute, weil sein herrlich geschwungenes Gewölbe gestützt wird von mächtigen Gedankenpfeilern.

Du aber, Schiller verachtender Mann mit dem »Ernst des Lebens«, der das Pathos verachtet, weil es oft vor der Vernunft nicht besteht – was ist denn Pathos? Pathos heißt Leiden. Ich möchte das so verstehen, daß wir pathetisch werden, wenn etwas so groß oder so schön vor unsere Seele tritt, daß wir unter der Gewalt des Eindrucks leiden. Ja, auch das Schöne kann mit so gewaltiger Hand in unser Herz greifen, daß es weh thut. Hast du das je erfahren? Nein? Und dein Herz ist nie ertrunken in seinem eigenen Überfluß? Der quellende Jubel deines Blutes erstickte nie die Sprache deiner Vernunft wie Thränen die Stimme?

Armer Mann! Ich jauchze noch heute mit dem »Lied an die Freude« wie mit einem Sturm, der durch Flammen fährt.


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