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V.
Das Gesicht

Meine Ohnmacht dauerte mehrere Stunden. Als ich wieder zu mir kam, fühlte ich eine schüttelnde Bewegung. Ich lag in einem Wagen, hörte eine Stimme und sah in ein mir bekanntes Gesicht. Es war der Amtsvorsteher.

»Sind Sie wieder zu sich gekommen?« sagte er. »Bleiben Sie nur ruhig liegen, wir sind sogleich da.«

»Wieviel Uhr ist es?« fragte ich.

»Sieben,« antwortete er.

»Sieben Uhr früh?«

Er lachte.

»Jawohl,« erwiderte er.

Die Ereignisse der Nacht standen mir nur noch undeutlich vor Augen. Fragen mochte ich nicht, denn ich wußte nicht, ob ich geträumt hatte oder krank gewesen war.

»Wo ist Asbjörn Krag?«

Der Amtsvorsteher winkte mit dem Kopf.

»Dort – auf der Heide.«

Also muß ich es doch erlebt haben. Ich richtete mich im Wagen halb auf. Wir waren bereits in der Nähe des Hafens. Leute kamen und machten Boote zurecht, bald würde ich in meinem Häuschen sein. Eine fürchterliche Mattigkeit lastete auf mir, ich sehnte mich nach einem Bett und einem langen, langen Schlaf.

Es ging mir aber gegen den Strich, so schwach zu sein; deshalb kletterte ich selbst mühsam vom Wagen herunter. Als ich in die Hütte kam, sah ich die Lampe noch immer brennend auf dem Tisch stehen. Ich löschte sie aus und warf mich sofort ins Bett. Als ich um vier Uhr nachmittags erwachte, saß Asbjörn Krag in meinem Zimmer.

Ich fühlte mich völlig wohl und wollte aufstehen.

»Bleiben Sie noch ein wenig liegen,« sagte Asbjörn Krag. »Es kann Ihnen nur gut sein, sich auszuruhen.«

»Ich habe eine seltsame Nacht durchlebt,« erwiderte ich, »und weiß nicht, was Traum und was Wirklichkeit war.«

Der Detektiv lächelte.

»Jedenfalls haben wir den eisernen Wagen nicht bekommen,« sagte er, »nach dem wir ausgegangen waren.«

»Nein, ich erinnere mich dessen. Wir fanden auch keine Spur von ihm.«

»Er hinterläßt keine Spur.«

»Ist es Ihre Absicht, mich dahin zu bringen, daß ich an einen Gespensterwagen glaube, lieber Krag?«

»Keineswegs; aber dieser eiserne Wagen hinterläßt keine Spur.«

»Haben Sie etwa das Geheimnis entdeckt?«

»Ja.«

»Und den Wagen gefunden?«

»Nein, aber es wird nicht mehr sehr viel Zeit vergehen, bis ich ihn gefunden habe. Wenn Sie nun wieder ganz gesund sind, so gehen wir zusammen auf ein neues Unternehmen aus, und dann werden wir den eisernen Wagen finden.«

»Ein neues Unternehmen …?« brummte ich und sah den Detektiv unsicher forschend an.

Er lächelte abermals.

»Ich errate Ihre Gedanken,« sagte er; »Sie scheuen sich nur zu fragen.«

Das war richtig. Ich fürchtete mich zu fragen. Deutlich sah ich im Geiste vor mir den toten Mann draußen auf der Heide, den alten Gjaernaes, der angeblich schon vor vier Jahren ertrunken war. Ich mußte geträumt haben, allerdings furchtbar deutlich und lebenswahr. Der ganze Sonnenaufgang kam mir wieder zum Bewußtsein, ich konnte mir alle Einzelheiten ins Gedächtnis zurückrufen, die Grasplätze in der Heide, die Baumstämme, die wie Silber im ersten Morgenlicht leuchteten, den Anzug des Toten, der aus gestreiftem Tuch bestand – aber das alles mußte ja ein Traum sein!

»Ich muß abreisen,« sagte ich, »ich fange an, mich vor diesen Aufregungen zu fürchten.«

»Ja, Sie sind nicht so kräftig, wie ich anfangs glaubte,« erwiderte der Detektiv. »Dieses letzte Ereignis hat Sie ziemlich stark mitgenommen; wenn ich Sie nicht in meinen Armen aufgefangen hätte, wären Sie glatt hingestürzt.«

Ich erhob mich halb im Bett. Ah, nun merkte ich, daß es in meinem Hirn noch unklar brauste.

»Seien Sie aufrichtig zu mir,« bat ich inständig, »und erzählen Sie mir, was wir in dieser Nacht zusammen erlebt haben.«

»Dessen entsinnen Sie sich ebensogut wie ich selbst.«

Ich wollte nicht geradewegs auf die Sache losgehen, daher fragte ich:

»Haben Sie mit dem jungen Gjaernaes gesprochen?«

»Ja,« sagte der Detektiv, »er ist soeben nach Hause gefahren.«

»Allein?«

»Allein, wenigstens als einziger Lebender.«

Der Detektiv stand auf und ging nachdenklich im Zimmer auf und ab.

»Lieber Krag,« fuhr ich fort, »wollen Sie wirklich behaupten, daß wir in der Tat alles das erlebt haben, was ich nur erlebt zu haben glaube?«

Der Detektiv blieb vor mir stehen und sah mich lange schweigend an.

»Ja,« sagte er, »wir haben heute nacht seltsame Dinge erlebt.«

»Mir kommt es so vor, als ob wir einen Toten gefunden hätten.«

»Ja.«

»Einen alten Mann. Und zwar fanden wir ihn genau an derselben Stelle, wo wir vor drei Wochen den erschlagenen Forstmeister Blinde gefunden hatten.«

Asbjörn Krag nickte.

»Genau dort, wo wir glaubten, daß der eiserne Wagen zum Meere heruntergerollt sei.«

Er nickte wiederum.

»Aber jener alte Mann,« stammelte ich, »jener alte Mann … aber das ist doch unmöglich, lieber Krag … es kann einfach nicht möglich sein –«

»Jener alte Mann«, fuhr der Detektiv fort, »war der Vater des jungen Gjaernaes.«

»Aber der ist ja vor vier Jahren ertrunken!«

»Nein, das ist eben unmöglich.«

»Unmöglich –?«

»Das liegt doch auf der Hand,« erwiderte der Detektiv, »wenn er doch ganz bestimmt noch heute nacht um zwei Uhr am Leben gewesen ist!«

»Das Boot trieb draußen in den Schären kieloben an Land,« murmelte ich.

»Und seine Mütze schwamm auf dem Wasser,« fuhr der Detektiv fort, während er an das Fenster trat und die Vorhänge beiseite zog. »Alle Mätzchen waren in Ordnung.«

Ich dachte nach und begann zu ahnen, wohinaus der Detektiv wollte.

»Sie glauben also,« fragte ich, »daß der alte Gjaernaes den ganzen Unfall selber in Szene gesetzt hatte?«

»Ja.«

»Daß er flüchtete, von der Bildfläche verschwand – und die Leute absichtlich in dem Glauben ließ, er sei ertrunken?«

»Ja.«

»Aber warum, warum –?«

Asbjörn Krag setzte sich wieder auf den Bettrand.

»Das werde ich Ihnen erzählen,« sagte er. »Der alte Gjaernaes war ein Betrüger; der Tod hat ihn davor bewahrt, wegen Versicherungsbetrugs angeklagt zu werden.«

»Woher wissen Sie das?«

»Ich ahnte es seit langem, aber ich habe nun endlich vollgültige Beweise für meinen Argwohn erhalten, teils dadurch, daß ich den Alten mit eigenen Augen sah, teils aus der Erzählung des jungen Gjaernaes. Lieber Freund, Sie waren in dem Glauben, daß ich hier gelebt habe wie ein Mensch, der seine Ferien verbringt – daß ich mir die Zeit hauptsächlich mit Fußtouren, mit Lesen, Essen und Baden vertrieben habe. Und doch habe ich mich zu jeder Minute, Tag und Nacht, soweit ich nicht schlief, allein mit dieser schrecklichen Geschichte befaßt. Ja, es ist richtig, ich habe Fußtouren gemacht, aber damit verband ich in allen Fällen eine besondere Absicht, die in Beziehung zu dem Fall stand, sei es, daß ich nach etwas sehen, sei es, daß ich mit jemand sprechen wollte. Während der Mahlzeiten habe ich mich an dem allgemeinen Gespräch fleißig beteiligt und oft die Unterhaltung auf den Punkt hingelenkt, wo ich sie haben wollte. Und wenn ich anscheinend mit Lesen beschäftigt war, habe ich in Wirklichkeit Stunde auf Stunde vor mich hingegrübelt oder die Berichte verglichen und verwertet, die ich von meinen Agenten erhielt.«

»Von Ihren Agenten?« fragte ich. »Aber Sie sind ja die ganze Zeit hier ganz allein tätig gewesen.«

»Ja, hier,« erwiderte der Detektiv, »hier im Brennpunkt der Begebenheiten war ich ganz allein. Aber ich hatte meine Agenten in Christiania und anderwärts. Ein Detektiv braucht viele Auskünfte, und ich habe auch viele bekommen, sowohl über Gjaernaes wie auch über den getöteten Forstmeister.«

»Bessere Auskünfte konnten Sie aber doch hier am Platze einholen?« wandte ich ein.

»Keineswegs,« erwiderte der Detektiv. »Nicht nur über das Leben des Forstmeisters kurz vor seinem Tode wollte ich Auskunft haben, sondern ich wollte auch wissen, was er tagtäglich sonst im Leben trieb. Er kam ja von Christiania.«

»Ich selbst bin ihm in Christiania begegnet.«

»Ich weiß es,« erwiderte der Detektiv. »Ich habe auch Nachricht darüber erhalten, mit wem er zu verkehren pflegte. Sie gehörten nicht zu seinem näheren Verkehr, aber Sie trafen ihn doch ab und zu in Gesellschaften, zu denen auch Hilde Gjaernaes eingeladen war?«

»Dessen erinnere ich mich nicht so genau; es ist übrigens durchaus möglich. Hilde Gjaernaes und ich verkehrten in denselben Kreisen, als sie in Christiania wohnte, und der Forstmeister liebte ja Hilde. Natürlich traf er Vorsorge, dort zu sein, wo sie war.«

»Sie ziehen Ihre Schlüsse sehr logisch,« antwortete der Detektiv, und wieder einmal flog das ironische Lächeln über seine Züge. »Schön, aber nun wollen wir nicht so viel von dem Forstmeister reden, sondern vom alten Gjaernaes.«

»Ja, gewiß. Und was haben Sie über ihn in Erfahrung gebracht?«

»Eine der ersten Tatsachen war, daß er sein Leben für dreißigtausend Kronen versichert hatte. Sie wissen selbst, daß seine Verhältnisse, als er vor vier Jahren verschwand oder, wie man damals sagte, ertrank, außerordentlich schlechte waren. Später hat sein Sohn einigermaßen Ordnung in die Sache gebracht, hauptsächlich mit Hilfe jener dreißigtausend Kronen, die ihm die Versicherungsgesellschaft auszahlte. Der junge Gjaernaes hat mir erzählt, daß sein Vater leider auch zwei falsche Wechsel hinterlassen hat. Eben diese Wechsel hingen vor vier Jahren drohend über dem Haupte des Alten, und die Furcht vor einer Katastrophe war es, die ihn dazu trieb, jene dreiste und schreckliche Komödie zu spielen. Der alte Gjaernaes war ein leidenschaftlicher Fischer, so war es also nicht weiter verwunderlich, daß er am 24. August um drei Uhr morgens auf den Fischfang hinausfuhr. Im Laufe des Tages fand man das umgestülpte Boot und die an Land getriebene Mütze. Ich glaube annehmen zu können, daß er die Flucht mit großer Schlauheit vorbereitet hat. Er hatte alles bare Geld – etwa zweitausend Kronen – mitgenommen. Schon vor mehreren Tagen habe ich die Dampfschiffahrpläne aus jener Zeit studiert; es stellte sich heraus, daß gerade am 24. August um sieben Uhr morgens von hier ein Dampfer nach Christiania abging. Wahrscheinlich war Gjaernaes verkleidet und ist dann von Christiania ins Ausland geflüchtet. In den Zeitungen hat er dann die Nachricht von seinem eigenen Tode gelesen.«

»Ein sonderbares Abenteuer,« murmelte ich entsetzt. »Kann so etwas wirklich geschehen?«

»Ja,« sagte der Detektiv; »und Sie irren sich, wenn Sie glauben, daß der Fall vereinzelt dasteht. Im Gegenteil. Dieser Versicherungsschwindel ist recht bekannt, besonders in der internationalen Kriminalistik. Ich habe in meiner juristischen Bibliothek einen interessanten Fall dieser Art, wo es ein Mann in England fertigbrachte, vierzehnmal zu sterben, bis er endlich lebend erwischt wurde.«

»Es kommt mir so vor,« sagte ich, »als ob Sie schon während der ganzen Zeit einen Argwohn dieser Art gehabt hätten.«

»Ich hatte einen bestimmten Argwohn, daß so etwas mitspielte,« verbesserte mich der Detektiv, »aber daß ein so klarer, richtiger Betrug vorlag, glaubte ich doch nicht. Schon als ich hier ankam, verfügte ich über zahlreiche Auskünfte – mehr als Sie ahnen. Ich kannte die Geschichte von dem unglücklichen Tode des alten Gjaernaes, ich wußte von seinen falschen Wechseln und von der Versicherungssumme, die seinem Sohne alsbald ausbezahlt wurde. Sie müssen zugeben, daß ich damals schon über ein vortreffliches Material verfügte. Ich hatte wirklich Anhaltspunkte genug. Dazu stellte ich fest, daß der alte Gjaernaes in einem auffallend günstigen Augenblicke vom Schauplatze verschwand, und da mich gerade dieser Zufall aufs Haar an ein Vorkommnis aus neuester Zeit in Holland erinnerte, erwachte mein Argwohn, wenn ich auch keinen Zusammenhang zwischen dem Mord an dem Forstmeister und dem Tode des alten Gjaernaes finden konnte.«

Der Detektiv fuhr in seiner Auseinandersetzung fort, während ich ihm mit steigender Spannung zuhörte. Asbjörn Krag sprach langsam und genau so, als ob er jeden Satz erst überlegte, ehe er ihn von sich gab. Seine Darstellung erinnerte mich auffallend an eine sachkundige Rechtsbelehrung.

»So kam ich denn hierher,« fuhr er fort. »Als ich hier erfuhr, was Sie in der Nacht erlebt hatten, in der der Forstmeister erschlagen wurde, kam ich sogleich einen Schritt weiter. Ihnen wurde der Zutritt zum Hause verwehrt, noch dazu in sehr schroffer Weise. Ich begriff, daß sich da etwas innerhalb des Hauses befand, was Sie nicht sehen sollten.«

»Aber der Forstmeister –?« wandte ich ein.

»Ja, der Forstmeister,« antwortete Asbjörn Krag, »der nahm eine Ausnahmestellung ein. Der Forstmeister war im Begriffe, Mitglied der Familie zu werden, also war es notwendig, ihn mit dem furchtbaren Geheimnisse bekannt zu machen. Ich kam also zu dem Schlüsse, daß sich an jenem Abend etwas ereignet haben mußte – etwas sehr Ernstes. In derselben Nacht wurde der Forstmeister draußen auf der Heide erschlagen.«

»Wie wollen Sie das aber in Zusammenhang miteinander bringen?« fragte ich. »Aus welchem Grunde ist der bedauernswerte Mensch erschlagen worden?«

»Wie wollen Sie das Ereignis erklären?«

»Vielleicht bereute es der junge Gjaernaes. Vielleicht auch zog sich der Forstmeister zurück und drohte, das Geheimnis der Polizei zu verraten. Dann fuhr Gjaernaes ihm nach … und so –«

»Glauben Sie das?« fragte der Detektiv.

Dabei kam es mir vor, als ob Asbjörn Krag abermals lächelte, schadenfroh und hämisch. Aber plötzlich wurde er ernst und sagte:

»Ich war von der ersten Stunde an darüber im klaren, daß so nicht der Zusammenhang war. Ich glaube auch heute nicht, daß der junge Gjaernaes der Mörder ist.«

»Wer ist es dann sonst?«

Statt der Antwort fragte der Detektiv:

»Soll ich fortfahren?«

»Ja, bitte, fahren Sie fort,« sagte ich und legte mich im Bett zurück, während ich die Arme unter dem Kopf verschränkte. Ich hörte angespannt zu und der Detektiv fuhr fort:

»Durch meine Untersuchungen hier rings in der Gegend sah ich mich in dem Argwohne mehr und mehr bestärkt, daß sich an jenem Abend auf dem Edelhof irgend etwas Außerordentliches ereignet haben mußte, etwas Entscheidendes und Ernstes. Und sogleich, nachdem ich den Verwalter gesehen und mit dem jungen Besitzer gesprochen hatte, war ich davon überzeugt, daß dort ein Geheimnis verborgen sei, stand doch die Erzählung von dem Ertrinken des Vaters bei meinen Schlußfolgerungen noch nicht im Vordergründe. Aber meine Gedanken streiften ständig um die Sache herum; es wollte nicht stimmen, wie ich es auch wieder und wieder versuchte. In dem Spiel, das ich spielte, war der Tod des Vaters ein wichtiger Zug oder – richtiger gesagt – dieser Umstand war eine wichtige Figur, ich wußte nur noch nicht, wohin ich sie setzen sollte, um das ganze Spiel mit einem Schlage zu entscheiden. Sie werden sich entsinnen, daß ich mich für das alte Bild an der Wand in Gjaernaes' Arbeitszimmer interessierte. Wohl. Aber entsinnen Sie sich auch der Tür?«

»Der Tür?« fragte ich. »Was meinen Sie?«

»Mein Lieber,« fuhr Asbjörn Krag fort, »das unbedeutende Vorkommnis mit der verschlossenen Tür war eines der wichtigsten Dinge, die wir bei unserem Besuche auf Gjaernaes erlebten. Legen Sie denn nur Gewicht auf das, was geschieht, und nicht auch auf das, was nicht geschieht?! Wenn ich die Ereignisse um mich her mit Aufmerksamkeit betrachte, so weiß ich, daß jetzt das und das geschehen wird, wenn alles seinen richtigen Gang geht. Diese Art hat mir oft das tiefste Innere von Geheimnissen erschlossen. Schien es Ihnen denn gar nicht auffallend, daß Fräulein Hilde bei meinem Besuche nicht zugegen war?«

»Das hatte wohl seinen guten Grund,« antwortete ich. »Sie war krank und von den Ereignissen angegriffen. Ihr Bruder sagte uns ja ausdrücklich, daß sie zu Bett gegangen sei.«

»Sehr richtig. Darum bat ich ihn auch, das Innere des Edelhofes besichtigen zu dürfen.«

»Darum?«

»Ja, darum, denn ich folgerte, daß, wenn Fräulein Hilde zu Bett gegangen wäre, wir ihre Wohnung nicht zu sehen bekamen. Aber gerade das geschah. Wir durften ihr hellblaues Schlafzimmer besehen. Sie war nicht darin.«

»Sie hielt sich eben anderswo auf,« erwiderte ich, »sie war in dem Zimmer neben der Bibliothek.«

»Jawohl, sie war hinter der Tür. Doch nun bitte ich Sie, sich einer Sache zu entsinnen. Als wir in der Bibliothek standen, versuchte ich, durch die Tür zu gehen, doch Gjaernaes vertrat mir sofort den Weg. Schon der Gedanke allein, daß ich da hineingeraten könnte, schien ihn zu erschrecken. In diesem Augenblicke gewann ich die feste Ueberzeugung, daß er etwas verheimlichte. Sie haben es wahrscheinlich schon erraten, wer sich in dem Zimmer neben der Bibliothek aufhielt?«

»Fräulein Hilde,« erwiderte ich.

»Höchstwahrscheinlich; aber zugleich mit einem anderen. Und dieser andere war Gjaernaes' Vater, der alte Mann, den wir heute nacht in der Heide fanden.«

Ich lag mit bebenden Nerven im Bett und hörte des Detektivs Erzählung. Längst hatte ich begriffen, wo er hinauswollte. Langsam war mir die sichere Ueberzeugung gekommen, daß alles, woran ich mich erinnerte, wirkliche Erlebnisse dieser Nacht und nicht ein Traum waren. Ich wollte ihn dazu bringen, dies selbst zu sagen … und gleichwohl ging es wie ein heftiger Ruck durch mich, als ich ihn mit seiner trockenen Stimme bemerken hörte: »Der alte Mann, den wir heute nacht draußen auf der Heide tot fanden.«

Der Detektiv lächelte dabei und fügte hinzu:

»Also, lieber Freund, Sie haben nicht geträumt.«

»Sie haben meine Gedanken erraten,« murmelte ich.

Asbjörn Krag saß fast eine Minute schweigend da. Sein Schweigen bedrückte mich. Ich wurde mehr und mehr nervös und wünschte den Detektiv weit fort, damit ich aufstehen und in die freie, frische Luft gehen konnte, die ich um das Haus herum wehen hörte.

Ich beobachtete Asbjörn Krag. Er saß zwischen dem Fenster und dem Bett; sein scharfgeschnittenes Profil, seine blanke Glatze und sein breites Kinn stachen scharf gegen das Licht ab. Warum sprach er nicht, woran dachte er? Plötzlich drehte er mir das Gesicht zu. Seine Augen kamen mir hinter den Gläsern des Kneifers unnatürlich groß vor.

»Ja,« sagte er, »ich kann in Ihnen lesen wie in einem aufgeschlagenen Buche.«

»Wer hat ihn erschlagen?« flüsterte ich rasch.

»Welchen von den beiden?«

»Den alten – den Vater –, den wir heute nacht fanden.«

»Soll ich fortfahren?« fragte Krag.

»Ja,« erwiderte ich, während ich den Blick auf eine andere Stelle im Zimmer heftete, »fahren Sie fort.«

So begann der Detektiv von neuem:

»Als ich Gjaernaes verließ, sah ich wohl die Verhandlungen zwischen dem Besitzer und dem Verwalter, aber ich tat doch so, als ob ich es nicht bemerkt hätte, da ich wußte, daß der Verwalter mein Mann war. Früher oder später mußte dieser Mensch zu mir kommen und mir erzählen, was er wußte. Daß er etwas wußte, war mir sofort klar. Sein Wissen bedrückte ihn, man sah ihm das böse Gewissen an den Augen an. ›Ich wohne im Hotel,‹ sagte ich, das war genügend. Richtig kam er wenige Tage später auch dahin und erzählte alles. Inzwischen hatte ich aber neue Informationen eingeholt. Nachdem ich die Erzählung des Verwalters gehört hatte, war ich überzeugt, daß Gjaernaes seinen Vater auf dem Edelhofe verbarg. Dieser Umstand erklärt ja seine ganze Nervosität und sein wunderliches Benehmen. Was den Verwalter anbetrifft, so befindet er sich gewiß noch immer in dem Irrtum, daß Gjaernaes mit dem Morde an dem Forstmeister etwas zu tun gehabt hat. Es war auch ein sonderbares Zusammentreffen, daß er den Brief seines Vaters gerade an demselben Abende bekam, als das Verbrechen begangen wurde. Nachdem Blinde den Hof verlassen hatte, fuhr Gjaernaes über die Insel hin, um den Alten zu treffen, der mit dem Postboote ganz heimlich nach einer x-beliebigen Anlaufstelle gekommen war. Darum mußte er in aller Stille und allein fahren, aber er ging dabei recht unklug zu Werke. Wenn er sich auf den Verwalter nicht so vollständig verlassen hätte, so wären wir vielleicht niemals dazu gekommen, dieses schreckliche Drama zu lösen.«

Der Detektiv schwieg wieder, dann nahm er langsam, beinahe geziert langsam, eine Zigarrentasche aus der Jacke. Er suchte sich eine Zigarre aus, zündete sie an, stieß einige dicke weiße Rauchwolken in das Zimmer und blieb mit der Tasche in der Hand sitzen.

»Diese ist nur von gewöhnlichem Leder,« sagte er, »aber sie ist silberbeschlagen. Die Zigarrentasche, die bei Blinde fehlte, war von grünem Krokodilleder, nicht wahr?«

»Es war gar keine Zigarrentasche, es war ein Notizbuch.«

Asbjörn Krag blies seine großen Rauchringe in die Luft und begann zu lachen.

»Natürlich,« erwiderte er, »aber hatte es nicht goldene Beschläge?«

»Das weiß ich nicht … ich habe nichts davon gehört.«

Der Detektiv wandte mir sein Angesicht zu, er lachte noch immer.

»Ich will aufstehen,« sagte ich, »ich fühle mich noch etwas matt und will hinaus in die frische Luft.«

Aber da erhob Asbjörn Krag seine Hand beschwörend gegen mich.

»Ja nicht,« antwortete er ernst; »ich muß erst mit meiner Erzählung fertig werden, ich liebe nicht lange Unterbrechungen. Aber ich kann die Fenster öffnen.«

»Ja, bitte, öffnen Sie die Fenster, alle Fenster.«

»Lieber Freund,« sagte er, »die Fenster sind offen, sie sind die ganze Zeit über offen gewesen. Haha!«

Er lachte. Ich sagte nichts mehr und mochte ihn auch nicht ansehen, denn ich fürchtete, in einem fürchterlichen Wutanfall aufzufahren. Doch hörte ich, daß er die Zigarrentasche zuklappte und in die Tasche steckte.

»Wie gut«, brummte er kurz darauf halblaut, als ob er mit sich selbst spräche, »kann ich Gjaernaes' Auftreten in dieser Zeit verstehen. Wegen des Mordes hatte er keine Angst. Wenn er von dem Mord an dem Forstmeister sprach, so geschah dies wie geistesabwesend, fast gleichgültig. Er hatte an andere und ernstere Dinge zu denken. Es fiel ihm gar nicht ein, daß man ihn beargwöhnen könnte. Hingegen lag das Geheimnis mit seinem Vater wie eine fürchterliche Last auf ihm; die Katastrophe war zu plötzlich gekommen, sie nahm ihn völlig mit und ließ ihn sinnlos und töricht handeln. Er mußte ja um jeden Preis den geheimnisvollen dritten Bewohner des Edelhofes verbergen, und dabei war er so eifrig, so planlos in seinem Bestreben, das Geheimnis zu bewahren, daß er gar nicht bemerkte, wie er sich bloßstellte. Schließlich konnte all und jeder auf ihn zeigen und sagen: ›Er hat den Forstmeister erschlagen. Er hat sich förmlich als den Mörder ausgeliefert.‹ Aber zu solchen Schlußfolgerungen kommen nur gedankenlose Menschen, Dummköpfe, die keinen Funken von Kombinationstalent haben. Mit einem halben Blicke konnte ich sehen, daß unmöglich ein Mensch so auftreten konnte, der das Verbrechen draußen in der Heide begangen hatte; selbst das dümmste Wesen würde nicht hingehen und sich so Stück für Stück ausliefern. Nein, dieser hatte ein großes Geheimnis zu bewahren, der Mord kümmerte ihn nicht; er hatte keine Zeit, daran zu denken. Da trat gestern der Verwalter zu ihm und sagte: ›Nun gehe ich zum Detektiv und erzähle ihm alles, ich kann meines Gewissens wegen nicht länger schweigen.‹ Der Verwalter war dabei immer noch in dem Glauben, daß es sich um den Mord handelte, aber für den jungen Gjaernaes war es undenkbar, daß es sich um etwas anderes handeln könnte, als um sein Geheimnis mit dem vom Tode wieder auferstandenen alten Mann. Und was sollte Gjaernaes da zum Verwalter anders sagen, als er sagte: ›Was hat der Detektiv mit dieser Sache zu tun? Das ist eine private Angelegenheit.‹ Ich schickte den Verwalter zu seinem Herrn mit einem Gruße zurück, was Sie vielleicht auffallend fanden. Ich bat ihn, mir eine Zeit anzugeben, wo ich zu ihm gehen und ihn besuchen könnte, denn ich wollte nicht unversehens kommen, ich wollte nicht eine neue Katastrophe riskieren; denn ich konnte ja von seiten Gjaernaes' in dem erregten Gemütszustand, in dem er sich befand, auf alles gefaßt sein, und darum hatte ich eine besondere Absicht, so zu handeln, wie ich es tat. Denn auf diese Weise zwang ich Gjaernaes, seinen Vater vom Hofe fortzuschicken. Er konnte ihn nicht länger dabehalten, wenn er meinen Besuch erwartete. Ich erriet, daß er ihn bereits in derselben Nacht fortschicken würde, und das traf auch ein. Aber, lieber Freund, auf diese Weise wurde ich, ohne es zu wollen, schuld an dem Tode des alten Mannes!«

»Sie?« rief ich. »Sie haben ihn getötet?«

Der Detektiv schüttelte den Kopf.

»Ich habe Ihnen ja gesagt,« erwiderte er, »daß der eiserne Wagen ihn erschlagen hat – dieser seltsame Unglückswagen, der fährt und fährt und keine Spur hinterläßt. Ich wußte, daß der Alte über die Heide kommen würde, er mußte hier vorüberkommen, um das Dampfboot zu erreichen, und ich paßte am Wege auf. Ich hatte mir vorgenommen, zu ihm hinzugehen, meine Hand auf seine Schulter zu legen und zu sagen: ›Lieber Freund, wir wollen ein wenig zusammen plaudern.‹ Aber während ich herumlief und auf sein Kommen wartete, bekam ich den eisernen Wagen zu hören.«

Der Detektiv schloß.

»Das ist die ganze Geschichte. Alles, was ich Ihnen erzählen kann, den Rest kennen Sie selber.«

»Nun bin ich ebenso klug wie vorhin, als Sie anfingen,« erwiderte ich. »Ich sehe, daß der eiserne Wagen den alten Gjaernaes erschlagen hat, aber was ist denn dieser eiserne Wagen? Wo kommt er her und wo fährt er hin?«

»Die gleiche Frage habe ich mir selbst immer wieder und wieder gestellt,« erwiderte der Detektiv, »und habe erst heute nacht eine Lösung gefunden.«

»Also Sie kennen das Geheimnis des eisernen Wagens?«

»Ja.« Asbjörn Krag sah auf seine Uhr. »Es ist nun halb sechs,« sagte er, »in einer Stunde haben wir Ebbe, vielleicht können wir dann etwas von dem eisernen Wagen zu sehen bekommen.«

»Ebbe?« fragte ich erstaunt.

»Ja,« erwiderte Krag, »den eisernen Wagen gibt es nicht mehr, der ist ertrunken.« Der Detektiv sprach ernst, er trieb keineswegs etwa Scherz. »Wenn wir den eisernen Wagen finden,« fuhr er fort, »dann werden Sie viel von dem verstehen, was Ihnen jetzt noch rätselhaft und dunkel erscheint. Ich fange an zu glauben, daß diese Sache von Anfang an so einfach wie möglich gewesen ist, aber durch merkwürdige Schicksalstücken wurde der eigentliche Kern der Sache in eine Anzahl rätselhafter Umstände verwickelt, die zum selben Zeitpunkte zusammentrafen und mit der eigentlichen Sache trotzdem gar nichts zu tun haben. So etwas ist mir in meiner Praxis schon früher begegnet. Sie ahnen nicht, wie das eine Untersuchung erschweren kann, wenn zwei voneinander unabhängige Sachen miteinander verquickt werden.

In dieser Sache haben wir es nun zuerst mit dem belastenden Auftreten des jungen Gjaernaes zu tun, das geradezu auf eine Teilnahme an der Ermordung des Forstmeisters hindeutet, dann mit dem Morde, und dann mit dem eisernen Wagen, der auch mit der Sache im Zusammenhange zu stehen scheint. Solange ich bei meinen Schlußfolgerungen von der Voraussetzung ausging, daß diese drei Vorgänge zusammengehörten, stieß ich immer nur auf Wirrwarr und wieder auf Wirrwarr, aber sowie ich begann, die einzelnen Dinge auszuscheiden, die Verwicklungen des Rätsels zu entwirren, wurde das Ganze durchsichtiger. Lieber Freund, wir haben es nicht nur mit einer Sache zu tun – sondern mit drei verschiedenen Dingen. Die Sache von dem jungen und alten Gjaernaes ist eine Angelegenheit für sich, der eiserne Wagen ist auch eine Angelegenheit für sich.«

»Und dann die Morde,« warf ich ein.

»Der Mord,« berichtigte der Detektiv, »denn es handelt sich nur um einen. Der alte Gjaernaes wurde nicht ermordet, nur der Forstmeister.«

»Aber ahnen Sie denn nicht, wer den Forstmeister erschlagen hat?« fragte ich.

»Jawohl, doch,« erwiderte Asbjörn Krag, »ich könnte noch heute hingehen und mit Fingern auf ihn zeigen.«

Der Detektiv verließ rasch mein Zimmer und rief zu mir hinein:

»Ich sitze hier und warte auf Sie. Sie müssen sich nun beeilen, denn wir haben um sechs Uhr Ebbe.«

»Versprechen Sie mir also, daß ich den eisernen Wagen zu sehen bekomme?« fragte ich neugierig.

»Ich will tun, was ich kann,« erwiderte er.

»Ich glaube, Sie können so manches, was andere Menschen nicht vermögen,« rief ich zu ihm hinaus.

»Sie sind ja ein reiner Zauberkünstler.«

»Ich bin nur ein Mensch,« antwortete Asbjörn Krag, »aber ich irre mich selten. Beeilen Sie sich bitte.«

Rasch zog ich mich an. Ich fieberte förmlich. War dies die Spannung infolge der Erzählung des Detektivs oder war es die Reaktion nach der Ohnmacht? Sicher trug alles beides die Schuld daran. Jedenfalls war es mir klar, daß ich mich sehr freute, aus dem Zimmer herauszukommen. Asbjörn Krags ewiges, aufregendes Gerede von dem alten toten Manne, von dem Morde, vom eisernen Wagen hatte mich nach und nach stark niedergedrückt. So kam es, daß es in meinem Zimmer nach Kampfer duftete, während die See draußen durch mein Fenster hellblau hereinleuchtete.

Endlich war ich fertig. Asbjörn Krag saß auf einem Stein am Wege und wartete …

… Es kam schließlich darauf hinaus, daß ich den eisernen Wagen nicht zu sehen bekam, und auch das Geheimnis, das dieses Unglück bringende Fuhrwerk umgab, nicht gelöst wurde. Aber es war mir doch ein Trost, daß Asbjörn Krag anscheinend ebenso enttäuscht war wie ich selber.

Der Detektiv führte mich über die Heide hin zu der Stelle, wo wir in der vorhergehenden Nacht den eisernen Wagen zum Meere hinunterrollen gehört hatten. Es war ganz ruhig geworden. Vor dem Strande lagen einige kleine Boote, mittels deren man das Meer unter Zuhilfenahme von langen Stangen und Lotleinen untersuchte.

»Suchen sie den eisernen Wagen?« fragte ich.

Asbjörn Krag nickte. »Er ist hier heruntergefallen.«

Asbjörn Krag leitete die Untersuchung etwa eine Stunde. Allmählich wurde er mißmutig, denn er fand nichts. Dabei fing das Wasser wieder an zu steigen, und der Detektiv war gezwungen, die Arbeiten für diesen Tag einzustellen.

»Schlechte Geräte,« brummte er ärgerlich, »ich bin genötigt, nach Christiania zu telegraphieren.«

Er schrieb ein Telegramm und sandte einen Boten damit nach der Haltestelle.

Dann gingen wir nach dem Hotel zurück. Es begann bereits zu dämmern.

Asbjörn Krag, der während des ganzen Nachmittags so außerordentlich und auffallend redselig gewesen war, wurde nun wortkarg. Inzwischen bekam ich doch zu erfahren, daß die Leiche des alten Gjaernaes nach dem Edelhof gebracht war und daß der Sohn bereits morgen nach der Hauptstadt reisen wollte, um die Sache mit der Versicherungsanstalt in Ordnung zu bringen.

Als wir auf die Veranda des Hotels kamen, die von Gästen wimmelte, flüsterte ich Asbjörn Krag ins Ohr:

»Wollen Sie mir nicht den Verbrecher zeigen?«

Aber der Detektiv schüttelte nur den Kopf. »Noch nicht,« sagte er.

Es war wirklich ein sonderbarer Mensch. Zu manchen Zeiten wußte er sich vor Geschwätzigkeit nicht zu lassen, und dann wurde er plötzlich, anscheinend ohne besondere Veranlassung, schweigsam und verschlossen. Ich hatte den bestimmten Eindruck, daß dieser Zustand im Grunde genommen der natürlichere bei ihm war und daß er nur drauflos schwatzte, wenn er damit irgendeine mir unverständliche Absicht verband.

Aber gleichgültig, ob er sprach oder stumm war – stets trug er einen spöttischen Zug um den Mund, und seine Augen hatten immer einen forschenden, inquisitorischen Ausdruck.

Er konnte bisweilen die sonderbarsten, überrumpelnden, oder offenbar sinnlose Fragen stellen. So auch an diesem Abend. Es war bereits halb elf. Ich hatte mit einigen von meinen Freunden unter den Gästen geplaudert, da ich noch nicht das Bedürfnis fühlte, zur Ruhe zu gehen. Ein Kartenspiel wurde vorgeschlagen und ich wollte mitspielen. Zu diesem Zwecke wollte ich in eines der Zimmer gehen, um die Karten zu holen; während ich die Tür öffne, stehe ich plötzlich Angesicht zu Angesicht Asbjörn Krag gegenüber, den ich während der letzten Stunden nicht gesehen hatte. Ich fuhr zusammen, denn man stutzt ja unwillkürlich, wenn man einen Menschen in einem Zimmer findet, von dem man geglaubt hat, daß es leer sei.

»Ich glaubte. Sie wären nach Hause gegangen.«

»Wie Sie sehen,« erwiderte ich, »bin ich noch nicht gegangen. Ich blieb noch etwas sitzen.«

Asbjörn Krag verzog sein Gesicht zu einem Grinsen, seine großen weißen Zähne leuchteten förmlich durch die Dunkelheit.

»Sie scheinen doch Ihre einsame Hütte nicht sehr zu lieben,« sagte er.

Darauf wußte ich nichts zu erwidern. Ich war nur erstaunt, denn es war nicht das erstemal, daß der Detektiv – beinahe drohend – von der einsamen Lage meiner kleinen Hütte gesprochen hatte.

Asbjörn Krag faßte mich am Rock und fuhr fort:

»Hören Sie, ich möchte Sie etwas fragen. Sie haben ein einziges Fenster in der Stube, nicht wahr?«

»Jawohl, aber das ist ziemlich groß. Warum fragen Sie mich danach?«

»Gehört nicht ein Rouleau zu dem Fenster?«

»Jawohl.«

»Pflegen Sie dieses Rouleau herunterzulassen?«

Ich lachte. »Ich verstehe diesen Witz nicht,« sagte ich.

»Ich scherze nicht.«

»Gut. Also wenn Sie sich dafür so interessieren, will ich Ihnen gern erzählen, daß ich das Rouleau herunterlasse, wenn die Sonne auf meinem Fenster steht.«

»Aber am Abend?« fragte er, »wenn Sie die Lampe angesteckt haben, wie dann?«

»Wie dann? Nun, ich habe kein Gegenüber, sondern nur das Meer gerade vor meiner Hütte. Darum lasse ich nicht immer die Gardine herunter, wenn ich die Lampe anstecke.«

Asbjörn Krag grinste wieder mit seinen weißen Zähnen.

»Aber, wenn Sie das Fenster nicht verhüllen,« sagte er, »dann ist das Fenster gewissermaßen gegen die Finsternis offen und es kann jemand da draußen sein, der hineinblickt.«

Der Detektiv ließ meinen Rock los. Ich trat einen Schritt zurück.

»Sie versuchen mich in merkwürdiger Weise zu ängstigen,« sagte ich. »Glauben Sie, daß ich ein Kind bin? Ich habe keine Angst im Dunkeln.«

»Entschuldigen Sie,« erwiderte er freundlich, »es war nicht meine Absicht, Sie zu kränken, aber wenn ich herumgehe und über etwas nachdenke, kommt es vor, daß ich ganz gedankenlos die sonderbarsten Fragen stelle. Sie können mir übrigens einen Dienst erweisen.«

»Heute abend?« fragte ich mißbilligend, während ich die Kartenpresse emporhob, um ihn darauf aufmerksam zu machen, daß ich etwas anderes vorhatte.

»Ich bin gerade jetzt mit einem schriftlichen Berichte beschäftigt,« sagte er, »und bin bis zur Beschreibung der Leiche gekommen.«

Es gab mir durch und durch einen Ruck. Mir war es, als wenn ein unheimlicher Hauch durch das halbdunkle Zimmer ginge, in dem wir beide allein waren.

»Die Leiche?« stammelte ich, »schreiben Sie etwas von der Leiche?«

»Gewiß, ich muß ja meine Berichte erstatten. Wie sah nun die Leiche aus? Bitte, überlegen Sie es sich.«

»Dunkelbraune Haare,« begann ich unwillkürlich.

Asbjörn Krag klopfte mir leicht auf die Schulter.

»Lieber Freund,« sagte er, »warum fragten Sie nicht, welche Leiche ich meinte? Jawohl, Sie haben recht, es ist die Leiche des toten Forstmeisters, von der ich schreibe. – Wollen Sie so freundlich sein und hören, ob ich einen Irrtum begangen habe: Seine dunkelbraunen Haare waren auf der linken Seite gescheitelt, er hatte abstehende, etwas große Ohren, seine Stirn war hoch und sehr blaß im Gegensatz zu dem unteren Teile seines Gesichts, das von Sonne und Wind gebräunt war. Die auffallende Blässe der Stirn rührte davon her, daß er stets den Hut in die Augen zu drücken pflegte. Sein Bart war seidenweich und rötlich, sehr gut gepflegt und leicht gewellt. Seine Lippen waren vom Bart nicht bedeckt, es waren feingeformte, rote, bluthaltige Lippen. Seine Augen waren fast hellblau, aber da die Pupillen sehr klein und die Augäpfel groß waren, lag das Weiße um die Pupillen wie ein Ring, so daß seine Augen einen starren Ausdruck hiervon bekamen. Der Bart wuchs lang an dem kurzen und dicken Halse herab. Als man ihn fand, war sein Kragen an mehreren Stellen geknickt. Sein grüner Schlips saß schief auf dem rechten Ohre. So sah der Ermordete aus, nicht wahr?«

»Jawohl,« erwiderte ich, »soweit ich mich erinnere, ist Ihre Beschreibung außerordentlich treffend.«

»Danke, sehr, es war nur das, was ich wissen wollte,« sagte Asbjörn Krag, aber zugleich starrte er seltsam gerade vor sich hin. Es lag etwas Stechendes, Unheimliches in seinem Blicke. Ich öffnete die Tür, so daß das Licht auf ihn fiel. Der Detektiv war blaß, aber er lächelte – er nickte mir zu und lächelte. Oh, dieses ewige Lächeln! – Ich verließ rasch den Salon. Meine Freunde warteten. Als ich die Karten hinlegte, sagte ich:

»Sie müssen sich nach einem anderen vierten Mann umsehen, meine Herren. Ich spiele nicht mit.«

Auf einmal hatte ich die Lust am Spiele verloren. Ich saß und lauschte nach den Schritten des Detektivs, die in den Zimmern verklangen … Abstehende, etwas große Ohren, hohe blasse Stirn, hellrote Lippen, die vom Bart nicht bedeckt wurden … wohin ich meine Augen wandte, glaubte ich die Züge des Toten zu sehen  … der Kragen geknickt … der grüne Schlips auf das rechte Ohr verschoben … um meine Aufmerksamkeit von diesem furchtbaren Bilde abzulenken, kümmerte ich mich in auffallender Weise um das Spiel der anderen, wies ihnen Fehler nach, wo gar keine Fehler waren, und gab meinen Beifall über nichts laut zu erkennen. Man mißbilligte dies schließlich und warf mir wütende Blicke zu.

Am Ende ging ich.

Als ich an Asbjörn Krags Fenster vorbeikam, war es innen hell, die Gardine war heruntergezogen, aber ich sah keinen Schatten. Vermutlich saß er ruhig am Schreibtisch und schrieb den Bericht über das Aussehen des Toten. –

Der Abend war bewölkt und diesig, der Wind hatte sich ganz und gar gelegt, aber Regen und Sturm hatten in der vorhergehenden Nacht Kälte mit sich gebracht. Es geht im Sommer seltsam zu. Das Land prangt in voller Frucht, alles ist reif und droht abzufallen, die Stiele können die Frucht nicht länger tragen, es duftet warm von der Oberfläche der Erde her. Da kommt unerwartet ein kalter Tag, der die Kartoffeln erfrieren läßt, ein Hauch des Herbstes. Der Oktober wirft seine Schatten voraus und greift mit kalten Fingern zu. Nur wenige Stunden dauert es, und die Wärme hat wieder die Oberhand gewonnen.

Gerade so ein Abend war es, mit einer Ahnung des Herbstes in der Luft, einem kalten Hauche, der sich auf meine Hände legte. Die Finsternis versuchte sich unter dem bewölkten Himmel auszubreiten, aber es glückte ihr nicht ganz. Die goldenen Kornfelder, die roten Häuser und die grauen bestaubten Wege drangen mit ihren Farben noch immer schwach durch.

Aber des Abends herbstliche Stimmung verdarb mir die Laune; ein absonderlicher Widerwillen überkam mich und ein heftiges Verlangen, weit fortzukommen – hinein in die Städte mit engen Gassen und vielen Menschen. Ich dachte bei mir selbst: Das Grauen dieses Mordes packt dich noch, du mußt abreisen …

Ich war nun nach meiner einsamen Hütte unterwegs. Als ich an das Meer kam, sah ich auf meine Uhr. Es war bereits zwölf vorüber. Ich blieb in der Nähe der Brücke stehen. Von hier konnte ich die Hütte draußen auf der Spitze der Landzunge sehen. Sie erhob sich in der Dunkelheit wie ein weißer Leichenstein. Plötzlich bekam ich Lust, noch nicht nach Hause zu gehen. Ich hatte eigentlich vor nichts Angst, aber ich hatte das Gefühl, daß ich bei dem Anstecken der Lampe noch Unannehmlichkeiten haben würde. – So ging ich auf der Brücke spazieren. Hier war kein Mensch, überhaupt sah ich nicht eine lebende Seele in der Nähe; alles war nach Hause gegangen, und alle Häuser sahen tot und verlassen aus, wie eben Häuser in der Nacht stets wirken, wenn kein Licht in den Fenstern scheint oder Menschen sich vor ihnen bewegen.

Das Seegras stand senkrecht im Wasser und rührte sich nicht. Ich konnte ein schwaches Rieseln am Strande hören. Ab und zu brach sich die See an den dunklen Brückenpfählen mit einem Laut, als ob Porzellan spränge. Kleine Boote lagen an schlaffen Tauen befestigt, sie schwammen durcheinander wie Korken auf einer Lache, weiter draußen lag ein langes, schmales Fahrzeug, schwarz im Innern bis an den Rand. Aber die Finsternis war nicht dicht genug, ihr schwarzes Tuch über alle Dinge zu breiten. Zwar herrschte sie in Spalten und Ritzen, in allen Winkeln, unter den Brüllen, im Forst. Aber sie hatte keine Gewalt über die Felsen, die ihre Hellen Häupter zum Himmel emporhoben, oder über die glatten runden Schären ganz draußen in der Meerenge, von wo die See als blaugrauer Streifen herüberschimmerte.

Ich stand lange und starrte über die Brücke hinaus und zählte die Quallen, die wie eine Blutspur im Wasser dahinzogen. Und wartete darauf, eine menschliche Stimme zu hören. Aber es war gerade, als ob alle Menschen tot wären. Ich hörte keinen Ruderschlag, keinen Laut. Da verließ ich die Brücke und schlug rasch den Weg nach meiner Hütte ein.

Der Weg zog sich wie ein schmales Band zwischen dem Meere und einer steilen Felswand einher. Niemand konnte unbemerkt bei mir vorüberkommen; aber ich erwartete auch nicht, jemandem zu begegnen. Ich wohnte in der Hütte allein, und wer konnte es sich noch einfallen lasten, mich so spät zu besuchen? Wie ich so auf meine Hütte zuschritt, hatte ich die Türe gerade vor mir, das Fenster lag auf der anderen Seite, nach dem Meere hinaus.

Ein sonderbarer Gedanke packte mich. Es war sicherlich eine Vorahnung von dem, was geschehen sollte. Ich dachte: Wenn nun ein Mensch drinnen in der Hütte säße und auf dich wartete? Ich hatte einen altersschwachen Schaukelstuhl in meinem Zimmer und konnte den Gedanken nicht loswerden, daß vielleicht ein Mensch in dem Stuhle säße. Dabei hatte ich auch eine Vorstellung, wie dieser Mensch aussehen könnte … eine schneeweiße Stirn … bei meinem Eintreten würde der Mensch ganz ruhig im Schaukelstuhl liegen, die weiße Stirn würde durch die Dunkelheit leuchten, er aber würde nichts sagen … Ich ging rascher und rascher. Ich jagte förmlich, um vorwärtszukommen, damit mich die sonderbare Angst, die wuchs und wuchs, nicht übermannen sollte. Ehe ich es gewahr wurde, stand ich mitten im Zimmer, der Schaukelstuhl war leer, ich schloß die Tür hinter mir.

Aber während ich nach den Zündhölzern herumtastete, hörte ich ganz deutlich eine Uhr ticken, aber das war nicht meine Uhr. Ich fühlte, wie sich eine eisige Furcht um mein Herz legte und war nahe daran, wieder zur Tür hinauszulaufen. Da fiel mir die Totenuhr ein, jenes kleine Insekt, das in alten Häusern sein Lied singt. Es war nur die Totenuhr, die ich hörte. Ich fuhr fort, nach den Zündhölzern zu suchen, konnte es aber nicht lassen, nach dem intensiven Ticken zu horchen, das anscheinend den Platz wechselte und mich verfolgte; in meiner verwirrten Phantasie glaubte ich, daß ein Mensch lautlos hinter mir her wäre, ein Mensch, den ich nicht sehen konnte, dessen Taschenuhr ich aber hörte. Endlich fand ich die Zündhölzer. Ich nahm den Zylinder von der Lampe – er war warm. Der Lampenzylinder war warm.

Ich blieb wie gelähmt stehen; in der einen Hand hatte ich den Zylinder, in der anderen ein brennendes Streichholz. Das Streichholz brannte, bis mir die Flamme die Finger versengte, dann löschte ich es aus und alles lag im Dunkeln. Das einzige Gefühl, das mich danach beherrschte, war ein maßloses Verlangen, die Dunkelheit zu verjagen, Licht um mich her zu bekommen. Ich erinnere mich nicht, wie es zuging, aber plötzlich hatte ich die Lampe angesteckt, und meine Augen glitten unwillkürlich hinüber zum Fenster. Es war ein großes altmodisches Fenster mit acht Scheiben. Draußen vor diesen acht Scheiben lagerte die Dunkelheit und machte das Fenster schwarz wie Ebenholz … Das Rouleau! … Ich erhob mich, um es herunterzulassen. Ich zitterte vor Angst …

Da sah ich draußen im Dunkeln ein Gesicht, das mich anstierte, es war der Ermordete … die hohe Stirn … die hellroten Lippen … der geteilte Bart, der wie eine offene Wunde klaffte … Das Gesicht stand zum Greifen deutlich in der kohlschwarzen Dunkelheit. Nun kam es näher, und ich konnte auch den Hals sehen, den geknickten Kragen, den Schlips, der schief auf dem rechten Ohre saß. Der Tote war im Begriff, in mein Zimmer hineinzusteigen!


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